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Lieb mich so heiß wie damals

1. KAPITEL

Sie war angezogen wie eine Hure!

Nein, nicht wie eine Hure … Er kannte keine einzige Hure, die so viel Klasse und natürliche Eleganz ausstrahlte wie seine Ehefrau. Eher wie ein Luxus-Escort-Girl.

Kairos Constantinou brauchte einen Moment, um sich zu fassen.

Verdammt …

Es hatte ihn nicht sonderlich überrascht, als sein Mitarbeiter ihm mitgeteilt hatte, dass Valentina zu der Party auf seiner Jacht kommen würde. Er war auf einiges gefasst gewesen von seiner feurigen und impulsiven Frau, aber ganz sicher nicht auf so etwas.

Valentina war schon damals in Mailand der Mittelpunkt der Partyszene gewesen. Mit ihrer Lebendigkeit und Sinnlichkeit hatte sie alle fasziniert und war wie ein Schmetterling mal hier, mal dort umhergeflattert.

Als ihr Bruder Leandro ihn damals auf sie aufmerksam gemacht hatte, hatte sie gerade inmitten einer Gruppe Bewunderer gestanden, die sich um sie scharten wie Motten um das Licht. Und Kairos hatte gewusst, dass er sie besitzen wollte. Und schon ein paar Minuten, nachdem sie einander vorgestellt worden waren, wusste er, dass er sie heiraten würde.

Leandro hatte folglich nicht lange gebraucht, um Kairos den Deal schmackhaft zu machen. Für Kairos öffneten sich durch die Heirat mit Valentina, einer Erbin der einflussreichen Conti-Dynastie, viele Türen und Handelsbeziehungen, die für ihn sonst für immer verschlossen geblieben wären, und Valentina würde gut versorgt sein mit einem reichen Ehemann.

Kairos hatte sich nie gefragt, warum Leandro zu solchen Mitteln griff, um seine wunderschöne Schwester zu verkuppeln. Er hatte sie einfach haben wollen.

Doch schon kurz nach der Hochzeit war ihm klar geworden, dass sie nicht einfach nur ein hübsches Mädchen war, mit dem er sich schmücken konnte. Sie war ein Hitzkopf, sehr verletzlich und unheimlich impulsiv. So hatte sie ihn auch vor neun Monaten einfach verlassen, ohne ein einziges Wort.

Und jetzt war sie wieder da.

Blitzschnell analysierte er die Gruppe um Valentina – seine Jugend auf den Straßen von Athen, inmitten rivalisierender Gangs, hatte ihm eine gute Menschenkenntnis beschert. Da waren die drei russischen Investoren, deren Geschäfte sich am Rand der Legalität bewegten, und die sein Freund Max heute hierher eingeladen hatte, um mit ihnen ins Geschäft zu kommen. Außerdem erkannte er einen Freund von Valentina, der als Fotograf arbeitete. Und dann waren da noch fünf andere Frauen, die zweifellos dem ältesten Gewerbe der Welt nachgingen. Keine billigen Flittchen, wie manche seiner Bekannten von früher, aber ganz sicher von einem Escort-Service.

Das gewagteste Kleid trug jedoch mit Abstand seine Frau Valentina. Ein glitzerndes, paillettenbesetztes Nichts aus Gold mit tiefem Ausschnitt und Spaghettiträgern, die den Blick auf ihre wohlgeformten Schultern und Arme lenkten. Außerdem zeichneten sich unter dem engen Stoff ihre perfekten Brüste ab. Brüste, die er gestreichelt und geküsst hatte, während sie sich unter ihm wand vor Lust, damals, als sie noch Liebende waren.

So viel goldene, seidige Haut … Beim Anblick der drei Männer, die sie gierig begafften, biss er wütend die Zähne zusammen.

Am schlimmsten traf ihn jedoch das strahlende Lächeln, mit dem sie die Männer bedachte, während sie lebhaft mit ihrem charmanten italienischen Akzent eine Anekdote erzählte. Und wie sie Max die Hand auf den Arm legte, als sie sich dafür bedankte, dass er ihr Glas nachfüllte. Es lief ihm kalt den Rücken hinunter. Emotionale Distanz war für ihn die einzige Möglichkeit, sich zu schützen. Er hatte sich mit der Zeit einen eisigen Schutzpanzer zugelegt und ließ die Dinge einfach nicht mehr an sich heran. Und genau das tat er auch jetzt.

Das war nur Verlangen, was er verspürte, nicht mehr.

Eine rein körperliche Sache.

Natürlich wollte er sie noch, einfach weil sie Valentina war. Trotz ihres unberechenbaren Temperaments und ihrer unberechenbaren Wutanfälle war sie ihm unter die Haut gegangen. Was er brauchte, war mehr Zeit mit ihr. Zeit, um über sie hinwegzukommen. Ein paar Monate vielleicht. Und dann könnte er sie gehen lassen.

Für immer.

Falls Valentina Conti Constantinou in irgendeiner romantischen Fantasie gehofft hatte, dass ihr Ehemann Kairos auf der Party aufgetaucht war, um sich mit ihr zu versöhnen, dann hatte sie sich gründlich getäuscht. Nicht genug, dass Nikolai, ein befreundeter Fotograf, sie dazu überredet hatte, überhaupt hierherzukommen und sie auch noch irgendwie dazu gebracht hatte, dieses geschmacklose Kleid zu tragen. Nein, nun befand sie sich auch noch inmitten von Escort-Girls und diesen Männern, die sich von diesen Frauen unterhalten lassen wollten.

Seufzend hatte Tina die Schultern gestrafft und Nikolai gebeten, den Russen zu erzählen, dass sie zu ihm gehörte und nicht zu haben sei. Dann hatte sie sich unter die Gäste gemischt, um sie zu unterhalten. Das Einzige, das sie gut konnte. Sie mochte zwar die letzten Monate von fast nichts gelebt haben, aber sie hatte Stil. Außerdem hatte sie jahrelange Erfahrung darin, das perfekte Society-Girl zu sein und kannte sich aus in Themen wie Politik und Mode.

Doch dann stand da plötzlich Kairos.

Sie hatte so getan, als sei alles in Ordnung und ein künstliches Lächeln aufgesetzt. Geistesabwesend nickte sie, als Nikolai ihr irgendetwas ins Ohr flüsterte, und nippte wie ferngesteuert an ihrem Gin Tonic. Doch eigentlich war nichts in Ordnung. Innerlich herrschte Chaos. Ihr falsches Lachen klang schrill in ihren Ohren, und alles in ihr rebellierte dagegen, die Kühle und Unnahbare zu spielen. Am liebsten hätte sie die fremde Frau, die sich gerade mit Kairos unterhielt, weggeschubst und laut vor allen verkündet, dass er ihr gehörte. Ihr ganz allein.

Aber er hatte ihr nie wirklich gehört.

Tinas Hand zitterte so sehr, dass die Eiswürfel in ihrem Glas klirrten. Schnell stellte sie ihr Getränk ab und rang um Fassung.

Selbst nach so langer Zeit hatte seine starke männliche Präsenz eine beeindruckende Wirkung auf sie. Und allen anderen erging es ähnlich, Kairos zog sie alle in seinen Bann. Die Frauen umschwärmten ihn mit hochgepushten Brüsten und koketten Augenaufschlägen, und die Männer drängten sich um den Gastgeber, um Kairos vorgestellt zu werden.

Sein blütenweißes Hemd umspannte straff seine breiten Schultern und unterstrich seine raue, markante Schönheit. Seine schmalen Hüften und die langen, muskulösen Beine steckten in einer gut sitzenden schwarzen Maßanzughose. Er trug die Haare kurz, so wie er es bevorzugte, und bei der Erinnerung daran, wie sich sein Haar unter ihren Fingern angefühlt hatte, zitterten ihre Hände, so dass sie sie schnell zu Fäusten ballte.

Sein Blick schnellte zu ihren geballten Fäusten, wanderte dann langsam und besitzergreifend ihren Körper entlang nach oben – über ihre langen Beine, ihre straffen Oberschenkel, den kurzen Saum ihres Kleides, über die sanfte Rundung ihrer Hüfte weiter über ihren flachen Bauch bis zu ihren Brüsten, wo er einen Augenblick verweilte, und dann endlich zu ihrem Gesicht zurückkehrte.

Allein mit diesem einen Blick aus seinen silbergrauen Augen schaffte er es, Valentinas Lust zu entflammen. Sie erinnerte sich, wie er ihr er mit seinen starken Händen über ihren Körper gestrichen war, mit diesem drängenden, fast verzweifelten Verlangen, welches ihn immer kurz vor dem Höhepunkt erfasst hatte, und erschauerte.

Vergessen war all die Trauer und Verzweiflung der letzten Monate, als sie jetzt seinen Blick erwiderte und herausfordernd das Kinn hob.

Kairos hatte es immer gehasst, wie sie sich angezogen hatte. Auch ihre ungezwungene, flirtende Art, sich mit Männern zu unterhalten, hatte er nicht gemocht. Sie hatten sich unzählige Male gestritten – wegen ihrer Kleidung, ihrer Frisur, ihrer Schuhe, ihres Verhaltens und sogar wegen ihrer Figur. Endlos lange Diskussionen, die zu nichts führten.

Eine der Blondinen, Stella mit der üppigen Oberweite und dem runden Po, berührte Kairos am Arm. Wie erstarrt beobachtete Tina das Ganze. Mit einem wissenden Lächeln wandte er sich von ihr ab und schenkte der anderen Frau seine ganze Aufmerksamkeit.

Tränen brannten Tina in den Augen, und sie schaute schnell zur Seite, damit niemand bemerkte, wie verletzt sie war. Vor neun Monaten hätte sie der Frau eine Ohrfeige verpasst. Sie schauderte bei der Erinnerung daran, wie sie in ihrer blinden, eifersüchtigen Wut genau das ihrer Schwägerin Sofia angetan hatte. Damals hätte sie Kairos vor allen Leuten eine Szene gemacht, und jeder – auch Kairos – hätte gesehen, wie verrückt sie in Wahrheit nach ihm war. Vor neun Monaten hätte sie sich noch von ihren Gefühlen beherrschen lassen und ohne zu überlegen gesagt und getan, was ihr in den Sinn kam. Doch damals hatte sie auch noch geglaubt, dass Kairos sie aus Liebe geheiratet hatte. Dass es ihm um sie, Valentina, ging und er etwas für sie empfand, auch wenn er nie darüber sprach.

Doch er hatte sie nur wegen einer Abmachung mit ihrem Bruder Leandro zur Frau genommen. Sie war lediglich Teil eines Deals.

Selbst nachdem sie die bittere Wahrheit erfahren hatte, war sie bereit gewesen, ihrer Ehe noch eine Chance zu geben. Doch Kairos besaß kein Herz. Er wusste nicht, wie man sich um jemanden kümmerte und sich sorgte. Sie hatte sich vollkommen lächerlich gemacht, ihm ihr ganzes Ich zu Füßen gelegt, doch das hatte ihm nicht gereicht. Sie hatte ihm nicht genügt.

Als die Party langsam zu Ende ging, entschuldigte Tina sich damit, sich frisch machen zu wollen. Müde verkroch sie sich in eine elegant in Grau und Blau gehaltene Kajüte, um ihre angespannten Nerven ein wenig zu beruhigen. Sie war am Ende ihrer Kräfte. Es war anstrengend, die Fassade der kühlen, gelassenen Society-Lady aufrechtzuerhalten, während ihr Kairos’ Gegenwart die ganze Zeit überdeutlich bewusst gewesen war. Sie hatte ihre Emotionen die ganze Zeit so gut sie konnte zur Seite geschoben, die Sehnsucht, den Schmerz und die Wut.

Doch auch hier unten hatte sie keine Ruhe. Nikolai war ihr gefolgt.

Auch wenn er generell recht harmlos war, wie sie in den letzten Monaten festgestellt hatte, so war er jetzt stark angetrunken.

„Ich rufe dir ein Taxi“, sagte sie zu ihm und zog ihr Handy aus ihrer Handtasche.

„Oder wir beide verbringen die Nacht hier zusammen, Tina, mi amore. Jetzt wo die Dinge zwischen dir und dem griechischen Schlägertypen endgültig vorbei sind …“, säuselte er. Er hatte es sich auf dem großen Bett bequem gemacht, streckte sein langes Bein und rieb mit seinem Lederstiefel an Tinas nacktem Bein. Doch sie wusste sich zu helfen und bohrte ihm den Absatz ihres Stiletto-Pumps in die Wade, bis er mit einem Schmerzenslaut das Bein zurückzog.

Sie hatte Kopfschmerzen. Sie hatte den ganzen Abend kaum Wasser getrunken, weil Kairos’ Anwesenheit sie viel zu sehr abgelenkt hatte. Das Letzte, was sie jetzt brauchte, war Nikolai, der sie bedrängte.

„Kairos und ich sind nicht geschieden. Außerdem habe ich kein Interesse an einer Beziehung“, fügte sie noch hinzu.

„Ich habe ihn heute Abend beobachtet, cara mia. Er hat dich nicht einmal angeschaut. Als wärt ihr euch komplett fremd. Dafür schien er umso mehr an dieser Nutte Stella interessiert gewesen zu sein.“

Jedes seiner Worte schmerzte, zerriss ihr das Herz, kratzte an ihrem Selbstvertrauen und zerstörte ihre letzten Hoffnungen. Warum war sie heute Abend nur hierhergekommen?

„Nik, bitte nenn sie nicht so.“

„Du hast Claudia Vanderbilt als etwas viel Schlimmeres bezeichnet, weil sie einen Sechzigjährigen geheiratet hat.“

Das hatte sie. Sie krümmte sich innerlich, als eine eiskalte Welle aus Scham und Bedauern über sie hinwegspülte.

Sie war ein verwöhntes und verzogenes Ding gewesen und hatte sich furchtbar benommen. Sie sollte die Freundschaft mit Nikolai auf jeden Fall aufrechthalten – und sei es nur, um sie immer wieder daran zu erinnern, was für eine schreckliche Zicke sie mal gewesen war.

Wenn es nach ihr ging, würde sie die ganze Nacht unter Deck verbringen, nur um nicht mit ansehen zu müssen, wie Kairos mit einer der anderen Frauen nach Hause ging – nicht dass er es jemals nötig gehabt hätte, für sein Vergnügen zu zahlen. Während sie in der Kabine umherlief und mit hochgehaltenem Handy auf Empfang hoffte, hatte Nikolai sich ihr unbemerkt genähert, und als er jetzt seine Hände auf ihre Hüften legte, erstarrte sie.

„Bitte, Nikolai, ich möchte den einzigen Freund, den ich habe, nicht verlieren.“

„Du hast dich echt verändert, Tina. Du hast dich von einer Giftviper in eine …“, nachdenklich legt er den Kopf schief, und sie bekam einen Schwall seines alkoholgeschwängerten Atems ab, „… in ein Unschuldslamm verwandelt. In eine bezaubernde Gazelle.“

Herrjeh, er musste echt zu viel getrunken haben, wenn er sie unschuldig nannte.

Bevor Tina seine Hände wegschieben konnte – sie wollte ihm nur ungerne zwischen die Beine treten, wie ihr Bruder Leandro ihr das gezeigt hatte – waren sie schon verschwunden. Sie war sich nicht sicher, ob er gefallen war, weil er so betrunken war, oder ob er weggeschoben wurde. Mit einem dumpfen Knall stieß er gegen das Bett, rutschte daran herunter und gab ein Stöhnen von sich.

Mit angehaltenem Atem wirbelte Tina herum.

2. KAPITEL

Kairos stand in der Kabinentür und sah atemberaubend aus.

Er wirkte ganz ruhig, doch unter der Oberfläche brodelten Leidenschaft und Wut. Eine Welle von Emotionen brach über Tina herein, und sie erinnerte sich, dass sie damals an ihren Gefühlen für ihn fast zerbrochen war.

Sie achtete nicht darauf, dass ihr Kleid hochrutschte, als sie sich jetzt neben den bewusstlosen Nikolai kniete und ihm mit den Fingern durch die gestylten Haare fuhr. Sein warmer, nach Alkohol riechender Atem strich über ihr Dekolleté, aber ihre plötzliche Gänsehaut rührte nicht davon, sondern von Kairos’ Blicken, die sie in ihrem Rücken spürte.

Kairos stieß einen unterdrückten Fluch aus, doch sie ignorierte ihn – genauso wie ihr wild klopfendes Herz.

„Was tust du da?“

Sie hatte ihn seit neun Monaten nicht mehr gesehen. Die Hoffnung, dass er kommen und sie nach Hause holen würde, hatte sie bereits nach wenigen Wochen aufgegeben.

Sie schluckte und versuchte, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen. „Ich schaue, ob er verletzt ist.“

„Warum?“

Sie schnaubte entrüstet. „Weil wir Freunde sind, und ich sicher gehen will, dass es ihm gut geht.“

Tina betrachtete Nikolais makelloses Gesicht und seufzte. Er war wirklich ein Freund. Er hatte ihr, als sie niedergeschlagen und verzweifelt von Paris nach Mailand zurückgekehrt war, einen Job bei einem Modemagazin besorgt und eine Bleibe für sie gefunden – zusammen mit vier anderen Mädchen in einer kleinen Einzimmerwohnung.

Gut, vielleicht hatte er sich bei ihr Chancen ausgerechnet, doch welche Motive er auch immer gehabt haben mochte, er war der Einzige gewesen, der ihr geholfen und sie nicht ausgelacht hatte.

Nicht so wie der Mann, der direkt hinter ihr stand, und dessen spöttisches Lachen selbst jetzt an ihren Nerven zerrte.

„Du hast keine Freunde. Zumindest keine echten. Die Frauen sind alle total oberflächlich und wollen nur deine Anerkennung für ihre Kleidung, und die Männer suchen deine Nähe, weil sie …“ Er hielt inne.

Jedes Wort war wahr, die bittere, beschämende Wahrheit. Doch trotzdem tat es weh, sie zu hören. Tina hatte das Gefühl, als würde ihr jemand die Luft nehmen.

„Sag es ruhig, Kairos. Jetzt brauchst du dich auch nicht mehr zurückzuhalten“, presste sie hervor, während ihr die Tränen in den Augen brannten.

„Weil sie denken, dass du gut im Bett bist und dort genauso leidenschaftlich und wild bist wie sonst auch. Wenn dein Freund hier erst mal bekommen hat, was er wollte, verliert er bestimmt schnell das Interesse an dir.“

Jede Hoffnung, dass Kairos vielleicht doch kein so schlechtes Bild von ihr hatte, löste sich in Luft auf.

Der Mann, den sie liebte, dachte, sie sei nur ein Betthäschen.

Das Bedürfnis, sich zu wehren, wurde übermächtig in Valentina. „Si, ich bin vielleicht oberflächlich, aber man weiß, worauf man sich einlässt. Ich gebe keine falschen Versprechen, Kairos.“

Es folgte eine lange Pause.

„Ich habe nie etwas versprochen, das ich nicht auch gehalten habe. Ich habe deinem Bruder versprochen, mich um deine finanzielle Sicherheit zu kümmern und dir deinen luxuriösen Lebensstil weiterhin zu ermöglichen. Das habe ich auch getan. Und am Abend unserer Verlobung habe ich dir versprochen, dir Vergnügen zu schenken, wie du es noch nie erlebt hast. Ich bin mir sicher, dass ich auch das gehalten habe.“

Ich habe dir nie gesagt, dass ich dich liebe.

Die unausgesprochenen Worte hingen zwischen ihnen.

Nein … er hatte es nie gesagt. Nicht ein einziges Mal.

Sie hatte es sich nur so sehnlich gewünscht.

Sie hatte Luftschlösser von Liebe und Zweisamkeit gebaut, dumm und naiv wie sie gewesen war.

Sie fand keine Verletzung an Nikolais Kopf und seufzte erleichtert. „Lass ihn“, hörte sie Kairos hinter sich sagen, doch sie ignorierte seine Aufforderung, stand auf und fasste Nikolai an den Armen.

„Geh zur Seite, Valentina.“

Bevor sie etwas erwidern konnte, hatte Kairos sich den Betrunkenen schon über die Schulter gelegt und sah sie mit hochgezogener Augenbraue an.

Es hatte einen Zwischenfall gegeben, bei dem er sie auch schon einmal so getragen hatte. Damals war sie bei einer Veranstaltung vor all seinen Geschäftspartnern und deren Ehefrauen komplett bekleidet in den Pool gesprungen, weil er sie das ganze Wochenende lang nicht beachtet hatte.

Er hatte sie nach drinnen getragen, ausgezogen und sie mit wütend funkelnden Augen unter die kalte Dusche gestellt. Als er sie danach abgetrocknet hatte, hatte sich die Wut in Leidenschaft gewandelt.

Tina wich seinem Blick aus. Sie hatte sich damals nur so selbstzerstörerisch verhalten, damit er endlich eine Reaktion zeigte.

„Soll ich den armen Kerl über Bord werfen, jetzt wo er seinen Zweck erfüllt hat?“, fragte er mit einem arroganten Blick.

„Seinen Zweck?“, fragte sie irritiert.

„Du hast ihn benutzt, um mich eifersüchtig zu machen. Du hast über seine Witze gelacht, mit ihm getanzt und ihn berührt, um mich zu ärgern. Da du dein Ziel erreicht hast, brauchst du ihn ja jetzt nicht mehr.“

„Ich habe dir doch schon gesagt, dass wir befreundet sind.“ Sie sah Kairos in die Augen und spürte, wie sie errötete. „Was ich heute Abend auch gemacht habe, ich habe dabei nicht einmal an dich gedacht. Meine Welt dreht sich nicht mehr nur um dich, Kairos.“ Sie würde ihn mit Sicherheit nicht fragen, ob er wirklich eifersüchtig geworden war.

Mit einem Schulterzucken ließ er Nikolai wie einen Sack Kartoffeln auf das Bett fallen. Nur Niks leises Schnarchen war zu hören.

Valentina war so in ihren Gefühlen gefangen, dass sie sich nur auf den Mann vor ihr konzentrieren konnte, der mit seinen einsfünfundneunzig voll Muskeln und Männlichkeit die Kabine beherrschte. Sie presste sich die Finger an die Schläfe. „Bitte geh jetzt.“

„Es reicht, Valentina. Du hast jetzt meine volle Aufmerksamkeit. Sag, arbeitest du wirklich für einen Escort-Service, oder wolltest du mich damit nur provozieren?“

„Du fragst mich ernsthaft, ob ich mich in den vergangenen Monaten prostituiert habe?“ Sie war stolz darauf, dass ihre Stimme so ruhig klang, obwohl ihr Herz raste.

„Anfangs habe ich das bezweifelt, aber ich kenne dich und deine Eskapaden. Wer weiß, wie weit du gehen würdest, nur um mir eins auszuwischen.“

Sie ging zur Tür und öffnete sie. „Raus.“

Er lehnte am Fußende des Bettes und füllte mit seiner Präsenz den ganzen Raum. „Du bleibst hier nicht alleine mit ihm“, stellte er ruhig fest.

Sie senkte den Kopf.

„Seit neun Monaten, seitdem ich begriffen habe, was für eine Farce unsere Ehe ist, tue ich, was ich will, wann ich will und mit wem ich will. Es ist ein bisschen spät, um den eifersüchtigen Ehemann zu spielen.“

Eigentlich hatte sie sich fest vorgenommen, ihn nicht mehr zu provozieren – sich nicht noch mehr dazu hinreißen zu lassen. Sie schloss die Augen und wand sich innerlich vor Scham über die schmutzige Anspielung in ihren Worten. Sie bemerkte die kaum wahrnehmbare Veränderung an ihm, das Lodern in seinem Blick und das leichte Zucken seiner Oberlippe. Es gab eine Zeit, als solch ein minimaler Verlust seiner Selbstkontrolle schon ein kleiner Sieg für sie gewesen war.

Doch das gehörte der Vergangenheit an.

„Dann ist es ja gut, dass ich dir deine ganzen feurigen Liebesbekundungen nicht geglaubt habe, nicht wahr, Valentina?“

Obwohl er leise und ruhig gesprochen hatte, hatte seine Stimme einen beißenden Klang und war wie eine Ohrfeige für sie. Dennoch ließ die Art, wie er ihren Namen aussprach, einen Schauer über ihren Rücken laufen. Sie schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an, als er weitersprach.

„Keine theatralischen Eifersuchtsszenen mehr. Keine großen Liebeserklärungen. Und auch kein Gezicke oder sogar Ohrfeigen mehr gegenüber den Frauen, mit denen ich befreundet bin! Wenn wir uns darin einig sind, dann haben wir jetzt eine Basis, um miteinander umzugehen.“

Herrjeh … Sie war schon immer melodramatisch veranlagt gewesen. Aber durch die Ehe mit Kairos, durch seine emotionale Kälte und seiner Weigerung, seine Gedanken und Gefühle mit ihr zu teilen, hatte sie sich in ein echtes Biest verwandelt.

„Okay, Kairos, nichts mehr von alledem“, stimmte sie erschöpft zu.

Sie hatte nicht einmal Geld für ein Taxi dabei, doch wenn sie in den vergangenen Monaten eins gelernt hatte, dann dass sie es überleben würde. Sie konnte ohne Designerkleidung und Schuhe überleben. Sie konnte ohne die Bewunderung, die ihr als angesagte Fashionista von Mailand entgegengebracht wurde, überleben. Sie konnte auch ohne die Conti-Villa, die teuren Autos und den exklusiven Lebensstil überleben.

Sie nahm ihre Handtasche vom Bett und hob ihr Handy vom Boden auf.

„Wenn du nicht gehst, dann gehe ich.“

Doch er versperrte ihr den Weg. „Nicht wenn du angezogen bist wie ein billiges Flittchen, das bei Morgengrauen auf dem Weg zur Arbeit ist …“

„Ich habe nicht vor …“

„Tina, ich lege dich sonst über die Schulter und bringe dich eigenhändig nach Hause.“ Das hätte theatralisch klingen können, tat es aber nicht. Nicht bei Kairos. Sie wusste nur zu gut, dass er jedes Wort genau so meinte, wie er es sagte.

Dann würde er sie berühren …

„Gut, dann lass uns reden.“

Sie warf ihre Handtasche zurück auf das Bett. „Warum rufst du nicht am besten deinen Anwalt an und lässt ihn die Scheidungsunterlagen vorbeibringen. Ich unterschreibe sie direkt hier, und wir sehen uns nie wieder.“

Valentina hatte den Eindruck, dass er hellhörig wurde, auch wenn er sich kaum etwas anmerken ließ. Sie hatte ihn überrascht oder sogar geschockt. Was denkt er denn, warum ich ihn verlassen habe?

Er streckte die Arme aus, löste den rechten Manschettenknopf – einer von jenen aus Platin, die sie ihm zu ihrem dreimonatigen Jubiläum mit der Kreditkarte ihres Bruders gekauft hatte – und krempelte den Ärmel hoch.

Danach streckte er ihr den linken Arm hin.

Sie verspürte ein Kribbeln bei dieser Geste. Als Linkshänder hatte er immer zuerst die rechte Manschette geöffnet, doch in der rechten Hand fehlte ihm die Feinmotorik. Das war ihr bereits in der Hochzeitsnacht aufgefallen.

Als sie ihn gefragt hatte, ob er sich mal an der Hand verletzt hatte, bekam sie statt einer Antwort einen Kuss.

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