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Lieb mich jetzt – die ganze Nacht!!

PROLOG

Einmal jährlich seit ihrem Tod, immer am dreißigsten Dezember, an ihrem Geburtstag, ehrte Giuseppe Caroselli seine Frau Angelica, indem er ihren Lieblingskuchen backte: Himbeer-Walnuss-Torte mit einem Überzug aus dunkler Schokolade. Caroselli Schokolade, selbstverständlich.

Achtundsechzig Jahre lang waren Angelica und er verheiratet gewesen und hatten drei Söhnen das Leben geschenkt. In weniger als einer Stunde würden diese nun mit ihren Familien eintreffen, um gemeinsam mit ihm zu feiern. Dabei würden sie sich alte Fotos ansehen und in Erinnerungen schwelgen. Auf seinen besonderen Wunsch hin waren seine Enkel Tony und Rob jedoch schon etwas früher eingetroffen. Jetzt saßen sie auf den hohen Hockern an der Kücheninsel und beobachteten ihren Großvater interessiert dabei, wie er die Zutaten abmaß und vermengte. Das hatten sie schon getan, als sie noch Kinder gewesen waren.

Vom Tag ihrer Geburt an waren seine drei Enkel Robert, Antonio Junior und Nicolas darauf getrimmt worden, eines Tages das Familienunternehmen Caroselli Chocolate zu übernehmen. Giu­seppe selbst hatte das Geschäft vor vielen Jahrzehnten gegründet, nachdem er von Italien in die Vereinigten Staaten ausgewandert war.

Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass seine Enkel sich so hartnäckig weigern würden, für den Fortbestand des Namens Caroselli zu sorgen. Falls sie nicht endlich heirateten und eigene Söhne bekamen, würde es die Carosellis nicht mehr lange geben. Immerhin hatte Nicolas es inzwischen geschafft, sich zu verheiraten.

„Ihr wisst sicherlich schon, dass Nicolas auf seinen Anteil an den dreißig Millionen Dollar verzichtet hat.“

„Das hat er uns erzählt“, sagte Tony stirnrunzelnd. Er war immer so ernst und musste unbedingt lernen, lockerer zu werden.

„Es bedeutet, dass jeder von euch fünfzehn Millionen Dollar bekommt, wenn er heiratet und einen männlichen Erben in die Welt setzt“, erklärte Giuseppe.

„Das ist eine Menge Geld“, meinte Rob. Von den dreien war er der Ehrgeizigste. Er würde sicher eines Tages die Position seines Vaters Demitrio als Geschäftsführer der Firma erben – falls Demitrio endlich aufhörte, an ihm zu zweifeln und beginnen würde, seinem Sohn zu vertrauen.

„Ja, das ist viel Geld“, stimmte Giuseppe ihm zu. Geld, das er ihnen allerdings nicht zu geben beabsichtigte, denn was wäre er für ein schlechter Großvater, wenn er zwei seiner sieben Enkel derart bevorzugen würde? Bei Nick war sein Plan bereits aufgegangen. Wie er vorhergesehen hatte, war der so glücklich mit seiner Ehe und seinem Leben, dass er freiwillig auf seinen Anteil verzichtet hatte.

Einer war also versorgt, blieben noch zwei übrig.

Giuseppe bezweifelte nicht, dass Tony und Rob es letzten Endes ihrem Cousin gleichtun und die richtige Entscheidung treffen würden, sodass er auf alle seine Enkel stolz sein konnte.

Um ehrlich zu sein: Er zählte sogar darauf, dass sie es taten.

1. KAPITEL

Während er dabei zusah, wie die Frau, mit der er hergekommen war, die Bar eng umschlungen mit einem anderen Mann verließ, wollte sich Robert „Rob“ Caroselli gerne ärgern. Er wünschte sich, wütend zu sein oder zumindest ehrlich enttäuscht, aber selbst dazu konnte er sich nicht aufraffen. Eigentlich hatte er gar nicht zu dieser Silvesterparty kommen wollen, aber Olivia, mit der er sich gelegentlich traf, hatte ihn im letzten Moment doch noch dazu überredet.

„Mir ist nicht zum Feiern zumute“, hatte er ihr erklärt, als sie ihn gegen neun Uhr abends angerufen hatte. Er hatte bereits den Fernseher ausgeschaltet und sich fest vorgenommen, ins Bett zu gehen, um die nächsten drei Monate einfach durchzuschlafen. Entweder das, oder er musste sich der Tatsache stellen, dass seine Familie endgültig ihr Vertrauen in ihn als Direktor des Marketings von Caroselli Chocolate verloren hatte.

Ja, sicher, die Verkaufszahlen im vergangenen Quartal waren zurückgegangen, aber schließlich befanden sie sich auch in einer Rezession. Es war nicht nur eine Beleidigung, Caroline Taylor – eine sogenannte Marketingexpertin aus Los Angeles – zu engagieren. Nein, es war seiner Meinung nach auch völlig überflüssig. Doch er stand mit seiner Ansicht auf verlorenem Posten.

Darüber hinaus wurde er auch noch unter Druck gesetzt, endlich eine Frau zu finden, mit der zusammen er einen Sohn in die Welt setzen sollte. Er war jetzt einunddreißig – in diesem Alter waren die meisten seiner Cousins und der Großteil seiner ehemaligen Kommilitonen bereits unter der Haube. Es war ja auch nicht so, dass er sich darum riss, Single zu bleiben. Aber seine Verpflichtungen dem Familienunternehmen gegenüber hatten ihm stets zu wenig Zeit gelassen, um selbst eine Familie zu gründen.

Rob leugnete nicht, dass bereits zehn Millionen Dollar einen gewissen Anreiz dargestellt hatten. Aber fünfzehn Millionen? Die konnte man sich wirklich nur schwer durch die Lappen gehen lassen. Besonders dann, wenn man bedachte, dass sein Cousin Tony mit dreißig Millionen aus der Geschichte hervorgehen würde, wenn er selbst seinen Anteil nicht beanspruchte. Das würde er sich dann bis ans Ende seines Lebens unter die Nase reiben lassen müssen.

Doch seiner zukünftigen Ehefrau, der Mutter seiner Kinder, würde er bestimmt nicht in einer Bar begegnen. Und ganz bestimmt würde es nicht Olivia sein – was einer der Gründe dafür war, warum er ursprünglich zu Hause bleiben wollte.

„Das kannst du doch nicht machen. Du kannst einfach nicht am Silvesterabend zu Hause bleiben“, hatte Olivia entsetzt gesagt. „Wen willst du denn küssen? Ins neue Jahr zu rutschen, ohne um Mitternacht jemanden zu küssen, das ist einfach … unamerikanisch.“

Sie hatte allerdings eben beim Verlassen der Bar wohl keinen Gedanken daran verschwendet, wen er nun küssen sollte, wenn sie nicht mehr da war. Nicht dass er ihr deswegen einen Vorwurf machen konnte. Er hatte nicht unbedingt den Partylöwen herausgekehrt. Als sie gegen zehn Uhr angekommen waren, hatte er einen Hochtisch mit zwei freien Barhockern zunächst näher in Augenschein genommen, dann mit Beschlag belegt – und sich seitdem nicht vom Fleck gerührt. Mittlerweile war er bei seinem – er zählte die leeren Gläser vor sich auf dem Tisch – aha, beim dritten Scotch angelangt. Wenigstens fühlte er sich schon erheblich entspannter als beim Betreten der Bar.

Bei Zusammenkünften der Familie Caroselli pflegte stets reichlich Alkohol zu fließen. Seiner Familie war keine Ausrede zu dürftig, um sich zu treffen, gemeinsam zu trinken und den neuesten Klatsch auszutauschen, aber Rob hatte sich dabei meist sehr zurückgehalten. Heute Nacht war die große Ausnahme.

Von seinem Tisch aus hatte er einen guten Blick über die ganze Bar, in die sich bereits mehr Gäste hineingedrängt hatten, als eigentlich zulässig gewesen wäre. Von seinem erhöhten Sitz aus betrachtet, erinnerte ihn die Menschenmenge an das Wogen der Wellen des Lake Michigan … Vermutlich hatte der Alkohol bereits seine Sinne benebelt.

„Verzeihen Sie bitte!“, erklang eine Frauenstimme neben ihm.

Rob schreckte hoch und blinzelte verwirrt. Dann blinzelte er noch einmal, weil er meinte, einen Engel vor sich zu sehen. Blondes Haar umgab wie ein Heiligenschein das schöne Gesicht der jungen Frau, und ihre langen Locken fielen ihr lose über die Schultern bis zu ihrer schlanken Taille. Als er sie eingehender musterte, fiel ihm auf, dass diese engelsgleiche Erscheinung einen durchaus sündigen Körper besaß. Für eine derart zierliche Person war ihre Figur atemberaubend weiblich. Ihr Gesichtsausdruck spiegelte ungebändigte Lebensfreude wider. Sie trug eine eng anliegende Jeans und einen körperbetonten blauen Pulli, der ihre sinnlichen Rundungen perfekt zur Geltung brachte.

„Ist dieser Platz noch frei?“, rief sie und versuchte, die laute Musik zu übertönen. „Und um das klarzustellen: Das hier soll keine Anmache sein. Ich bin nur den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, und das ist der einzige freie Stuhl in der ganzen Bar.“

Er deutete auf den Barhocker gegenüber von seinem. „Bitteschön.“

„Vielen Dank.“ Als sie auf dem Stuhl saß, ließ sie mit einem erleichterten Seufzer die Beine baumeln. „Sie haben mir das Leben gerettet.“

„Keine Ursache.“

Sie reichte ihm die sorgsam manikürte Hand. „Carrie …“

Ihr Nachname ging im Tröten einer Partysirene unter, als sie ihm die Hand schüttelte. Ihr Griff war erstaunlich fest für jemanden, der so klein und zartgliedrig war.

„Hi, Carrie. Ich bin Rob.“

„Freut mich, Ron“, erwiderte sie.

Er öffnete den Mund, um sie zu verbessern, aber sie lächelte ihn so entwaffnend süß an, dass sie ihm ruhig jeden Namen auf der Welt geben konnte, ohne dass es ihn gestört hätte. „Darf ich Ihnen einen Drink spendieren?“

Sie neigte den Kopf zur Seite und lächelte. „Baggern Sie mich jetzt etwa an?“

Eigentlich war er ganz und gar nicht der Typ, der zum Flirten neigte, aber zu seiner Überraschung hörte er sich selbst sagen: „Wäre das ein Problem für Sie?“

Sie beugte sich zu ihm herüber, um ihn genauer zu betrachten, und unwillkürlich wurde sein Blick von dem tiefen Ausschnitt ihres Pullovers angezogen. „Das hängt ganz davon ab.“

„Wovon?“

„Warum ein Mann wie Sie um Viertel nach elf am Silvesterabend hier allein sitzt.“

„Ein Mann wie ich?“

Sie verdrehte die Augen. „Jetzt tun Sie mal nicht so, als wüssten Sie nicht, was für ein heißer Typ Sie sind. Sie können sich doch bestimmt nicht retten vor Verehrerinnen.“

„Ich sitze allein hier, weil meine Verabredung gerade mit jemand anderem gegangen ist.“

Überrascht blinzelte Carrie. „Ist sie blind oder einfach nur blöd?“

Er lachte. „Gelangweilt, fürchte ich. Ich bin nicht gerade in Feierlaune.“ Obwohl der Abend schon viel besser geworden war.

„Sie haben bestimmt eine Freundin“, sagte Carrie.

Er schüttelte den Kopf.

„Eine Frau?“

Er hielt seine unberingte Hand hoch.

Einen Moment überlegte sie. „Schwul?“, fragte sie schließlich.

Wieder musste er lachen. „Alles andere als das.“

„Hm“, entgegnete Carrie verwirrt. „Sind Sie etwa ein Idiot?“

Besonders zurückhaltend schien sie ja nicht zu sein. Er mochte Frauen, die sagten, was sie dachten. „Ich glaube eigentlich gerne, dass das nicht der Fall ist, aber wahrscheinlich hat jeder mal einen schlechten Tag.“

Nachdenklich nickte sie. „Um ehrlich zu sein … Das gefällt mir. Meine Antwort lautet Ja. Sie dürfen mir einen Drink spendieren.“

„Was hätten Sie denn gerne?“

Sie deutete auf sein Glas. „Was immer Sie da trinken.“

Suchend sah er sich um, aber die Kellnerinnen hatten alle Hände voll zu tun, weswegen er beschloss, sich zur Quelle aufzumachen. „Ich bin gleich wieder zurück“, versprach er und ging Richtung Bar.

Es nahm einige Minuten in Anspruch, bis er sich durch die Menschenmenge gekämpft hatte, und weitere fünf bis zehn, bis der Bartender ihn endlich bediente. Als er zum Tisch zurückkehrte, erwartete er beinahe, dass Carrie zwischenzeitlich gegangen war. Angenehm überrascht stellte er fest, dass sie immer noch auf ihn wartete.

Plötzlich war er dankbar dafür, den Jahreswechsel nicht allein verleben zu müssen. Vielleicht war ja sogar noch ein Neujahrskuss drin – ein ganz flüchtiger möglicherweise. Zur Not würde es auch ein Kuss auf die Wange tun, falls Carrie kein Interesse daran hatte, einen völlig Fremden auf den Mund zu küssen.

„Hier, bitte schön.“ Er reichte ihr den Drink, bevor er sich wieder setzte.

„Ich habe mich schon gefragt, ob Sie vielleicht gegangen sind“, gestand sie.

„Und ich mich, ob Sie noch hier sind, wenn ich wiederkomme.“

„Ich bin ja schließlich nicht blind oder blöd“, erwiderte sie lächelnd, und mit einem Mal fühlte er sich so stark zu ihr hingezogen, dass er beinahe nach ihrer Hand gegriffen hätte.

„Wohnen Sie hier in der Gegend?“, fragte sie und trank einen Schluck.

„In Lincoln Park.“

„Ist das weit von hier?“

„Nicht sehr weit. Sie sind wohl nicht aus Chicago?“

„An der Westküste geboren und aufgewachsen. Ich bin aus beruflichen Gründen hier und wohne im Hotel. Deswegen bin ich in dieser Bar gelandet.“

„Da gibt es doch sicher jemanden, der zu Hause auf Sie wartet.“

„Im Augenblick nicht.“

„Sind die Männer an der Westküste blind oder einfach nur blöd?“

Als sie daraufhin lächelte, fühlte er wieder diese Anziehungskraft, doch dieses Mal wünschte er sich nicht nur, ihre Hand zu berühren. Die Möglichkeit eines Neujahrskusses kam ihm immer verführerischer vor. Morgen würde er Olivia anrufen und sich bei ihr dafür bedanken, dass sie ihn aus seiner Wohnung gelockt hatte.

„Eine Menge Männer fürchten sich vor einer starken und erfolgreichen Frau“, sagte Carrie.

In seiner Familie gab es gleich mehrere starke, erfolgreiche Frauen, und verglichen mit ihnen wirkte Carrie keineswegs Furcht einflößend. Als er sie vorhin das erste Mal gesehen hatte, hatte er eigentlich das Bedürfnis verspürt, sie hochzuheben und zu knuddeln.

„Außerdem habe ich die Neigung, Männer anzuziehen, die schlecht für mich sind“, erklärte sie.

„Inwiefern?“

„Ich habe eine Schwäche für Idioten. Das ist meine Art, eine Beziehung zu sabotieren, bevor sie überhaupt beginnt.“ Sie trank einen weiteren Schluck. „Ich habe Bindungsängste.“

„Wenn Sie das wissen, warum treffen Sie sich nicht einfach mit anderen Männern?“

„Manchmal ist es auch keine Hilfe, seine Probleme zu kennen. Das heißt nämlich noch lange nicht, dass man sie auch lösen kann.“

Auf jeden Fall war sie ziemlich ehrlich. Die Frauen, denen er normalerweise begegnete, legten meist Wert darauf, ihre guten Eigenschaften in den Vordergrund zu stellen, nicht ihre schlechten. Er fand Carries entwaffnende Ehrlichkeit sehr erfrischend.

„Wann hatten Sie denn Ihre letzte richtige Beziehung?“, fragte er.

„Ich hatte nie eine.“

„Im Ernst? Wie alt sind Sie? Vierundzwanzig? Fünfundzwanzig?“

Carrie lachte. „Das ist Balsam für meine Seele. Ich bin achtundzwanzig.“

„Ich bin noch nie einer Frau über achtzehn begegnet, die nicht wenigstens eine ernste Beziehung hatte.“

„Was Sie offensichtlich ziemlich faszinierend finden“, bemerkte sie amüsiert.

„Ja.“ Er fand sie in mehr als einer Hinsicht faszinierend, und sie schien die perfekte Frau zu sein. Sexy, begehrenswert, mit einem guten Sinn für Humor und völlig desinteressiert an einer Beziehung. Das musste sein Glückstag sein.

„Und wie steht es mit Ihnen?“, fragte Carrie. „Hatten Sie jemals eine ernste Beziehung?“

„Ich war mal verlobt, aber das ist lange her. Es war noch im College.“

„Und was ist passiert?“

„Man kann sagen, dass wir unterschiedliche Ziele im Leben hatten.“

„Was wollten Sie?“

Er zuckte mit den Achseln. „Ehe, Kinder, das Übliche eben.“

„Und was hat sie gewollt?“

„Meinen Mitbewohner, Evan.“

„Autsch.“

„Eigentlich kann ich dankbar dafür sein, es vor der Hochzeit herausgefunden zu haben. Damals habe ich beschlossen, mich künftig auf meine Karriere zu konzentrieren.“

„Sie sind also mit Ihrem Job verheiratet?“

„Mehr oder weniger.“

„Für mich ist ein Vierzehnstundentag auch nichts Außergewöhnliches. Ich verstehe also, was Sie meinen.“

Dann wäre sie die erste Frau, auf die das zutraf. Er ertappte sich dabei, sich zu wünschen, dass sie länger als nur ein paar Tage in Chicago blieb, damit er sie besser kennenlernen konnte.

Nachdem sie noch ein paar Minuten miteinander gesprochen und geflirtet hatten, waren ihre Gläser leer. Rob bestellte bei einer Kellnerin zwei weitere Drinks, und wieder eine Weile und einige aufschlussreiche Gespräche später stand vor Carrie schon ihr dritter Drink. Mit einem Mal verstummte die Musik. Es war eine Minute vor Mitternacht, und alle sahen erwartungsvoll zu dem großen Flachbildfernseher über der Bar hin, um die letzten Sekunden des alten Jahres mitzuverfolgen.

„Tja“, sagte Carrie. „Scheinbar hat keiner von uns jemanden, den er küssen könnte …“

„Mir ist erzählt worden, es wäre unamerikanisch, das neue Jahr kusslos zu beginnen“, erwiderte er und streckte ihr seine Hand entgegen. Carrie umfasste sie, bevor sie aufstand und sich von ihm einfach so in die Arme ziehen ließ. Eigentlich hätte er auf den Bildschirm schauen sollen, um die Jahreswende nicht zu verpassen, doch er konnte den Blick nicht von Carries Gesicht wenden. Selbst aus der Nähe betrachtet war sie makellos schön: Ihre Haut war ebenmäßig und ihre grauen Augen wirkten so klar, dass man sich leicht in ihren bodenlosen Abgründen verlieren konnte. Sein Blick fiel auf ihre Lippen, die nicht nur weich und sinnlich, sondern auch absolut küssenswert aussahen.

Vor etwas über einer Stunde hatte er keinen besonderen Wert auf das neue Jahr gelegt, jetzt konnte er es kaum erwarten, dass die letzten dreißig Sekunden des alten Jahres endlich um waren. Dann waren es nur noch zwanzig Sekunden, dann zehn, und alle Gäste in der Bar begannen zu zählen – alle, außer Carrie und ihm. Sie sahen sich in die Augen und standen so dicht beieinander, dass er ihren warmen Atem an seinen Lippen spüren konnte. Erwartungsvoll verfolgten sie den Countdown. Fünf … vier … drei … zwei …

Unfähig, auch nur noch eine einzige Sekunde länger zu warten, presste er seine Lippen auf ihre – und all die Rufe, das Gejohle, die Tröten und die Stimmen, die einträchtig Auld Lang Syne sangen, verblassten mit einem Mal zur Bedeutungslosigkeit. Carrie öffnete den Mund unter seinem Kuss, und er hörte, wie sie seufzte, als er ihr seidenweiches Haar streichelte. Begehrlich schmiegte sie sich an ihn, und Rob war wie berauscht von ihren weichen Lippen und ihrem süßen Geschmack. Plötzlich wusste er, dass er sie einfach haben musste, und sei es nur für eine Nacht.

Er konnte nicht sagen, wie lange sie sich geküsst und eng umschlungen dagestanden hatten, aber als er den Kuss schließlich unterbrach, waren sie beide außer Atem und Carries Wangen gerötet.

„Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich zu weit aus dem Fenster lehne“, sagte sie. „Aber willst du mit mir auf mein Zimmer gehen?“

Natürlich wollte er das. „Bist du sicher, dass du das willst?“

Das musste die richtige Antwort gewesen sein, denn sie lächelte und nahm seine Hand. „Jetzt bin ich es. Warum sollten wir das neue Jahr nicht mit einem großen Knall begrüßen?“

Lachend drückte er ihre Hand. „Ja, warum eigentlich nicht?“

2. KAPITEL

Das neue Jahr hat wirklich mit einem großen Knall begonnen, dachte Carrie, als sie im Taxi saß, das sich Stoßstange an Stoßstange mit den anderen Autos durch die matschigen Straßen Chicagos quälte. Selbst nach zwei Tagen tat ihr Nacken noch weh, und sie hatte einen blauen Fleck am Schienbein an der Stelle, mit der sie gegen das Kopfende des Bettes gestoßen war. Außerdem waren ihre Knie wund gescheuert, aber das war es auf jeden Fall wert gewesen.

Seit Jahren hatte sie nicht mehr so guten Sex gehabt – und vor allem nicht so viele Male in einer einzigen Nacht. Dieser Mann schien unersättlich zu sein und gab ebenso viel, wie er nahm. Eigentlich sogar noch mehr. Außerdem sah er nackt genauso gut aus, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie würde sogar so weit gehen, diesen One-Night-Stand als die erfüllendste, lustigste und aufregendste sexuelle Erfahrung zu bezeichnen, die sie je gemacht hatte. Doch dann hatte er alles ruiniert, indem er sich mitten in der Nacht klammheimlich davongeschlichen hatte.

Er hatte keine Telefonnummer hinterlassen, und sie konnte auch keine nachschlagen, weil sie seinen Nachnamen nicht wusste. Doch es deutete ohnehin alles darauf hin, dass er keinen Wert darauf legte, gefunden zu werden. Vermutlich war Ron auch nicht sein richtiger Name, und er hatte an jenem Abend nur dagesessen und auf jemanden wie sie gewartet, um das neue Jahr mit einem besonderen „Feuerwerk“ beginnen zu lassen. Vielleicht war er wirklich nur auf kostenlosen Sex aus gewesen.

Zumindest war es verteufelt guter kostenloser Sex gewesen. Außerdem musste sie sich eingestehen, dass sie die Minibar in ihrem Zimmer geplündert hatte, bevor sie nach unten in die Bar gegangen war. Sie war ein wenig angeheitert gewesen, weswegen es durchaus möglich war, dass er in Wirklichkeit nicht annähernd so gut aussah, wie sie dachte. Oder so ein großartiger Liebhaber war.

Sie wusste nicht, ob sie sich durch diese Erkenntnis besser oder schlechter fühlen sollte.

Nach kaum achtundvierzig Stunden in Chicago hatte sie bereits einen wildfremden Mann mit zu sich aufs Zimmer genommen, Sex mit ihm gehabt und schließlich einen Korb bekommen. Das war schon weltrekordverdächtig.

Aber man konnte Ron – falls das sein richtiger Name war – nicht allein die Schuld daran geben. Sie neigte dazu, sich äußerst tough zu geben, und manchmal verstanden die Männer das falsch. Unter normalen Umständen war sie unverblümt, unter Alkoholeinfluss neigte sie dazu, Dinge zu sagen, die sie besser nicht sagen sollte. Ihr Stiefvater hatte schon immer behauptet, dass ihr loses Mundwerk sie noch in echte Schwierigkeiten bringen würde.

Zwar erinnerte sie sich nicht mehr daran, worüber sie und Ron an jenem Abend gesprochen hatten, aber es war auf jeden Fall sehr persönlich gewesen.

„Hier ist es“, sagte der Taxifahrer und hielt vor dem Hauptverwaltungsgebäude von Caroselli Chocolate. Sobald sie den Vertrag unterzeichnet hatte, würde sie sich auf die Suche nach einem Apartment oder einem kleinen Haus machen, das sie für die Zeit ihrer Arbeit in Chicago mieten könnte. Nichts hasste sie mehr, als lange Zeit aus dem Koffer zu leben.

Nachdem sie den Fahrer bezahlt hatte, griff sie nach ihrer Tasche, stieg aus dem Wagen und ging auf die Drehtür zu. Die Luft war feuchtkalt, der Gehsteig voller Schneematsch, und es drängte sie, rasch die prunkvolle Lobby aus Glas, Stahl und Marmor zu betreten. Als sie zum Pförtner ging, nahm sie den verführerischen Duft von Schokolade wahr, der seinen Ursprung in dem Süßwarengeschäft am anderen Ende der Lobby hatte.

„Caroline Taylor. Ich habe einen Termin für ein Meeting“, erklärte sie dem Mann am Empfangstresen.

„Guten Morgen, Ms Taylor. Sie werden bereits erwartet.“ Er reichte ihr ein Namensschild mit der Aufschrift Gast, das sie am Aufschlag ihrer Anzugjacke befestigte. „Fahren Sie mit dem Fahrstuhl in die dritte Etage und melden Sie sich dort bei der Empfangssekretärin.“

„Vielen Dank.“ Während sie zum Fahrstuhl ging, fielen ihr die zahlreichen Überwachungskameras auf, und automatisch straffte Carrie die Schultern. Sie wusste, wie wichtig der erste Eindruck war, und trotz ihres tadellosen Rufes als PR-Beraterin bezweifelten einige Männer immer noch ihre Kompetenz. Da es sich hier um ein Familienunternehmen handelte, rechnete sie damit, es mit mehreren Generationen von – vermutlich männlichen – Carosellis zu tun zu bekommen.

Im Fahrstuhl schlüpfte sie aus ihrem Mantel und hängte ihn sich über den Arm. Als sie in der dritten Etage ankam, sah sie sich einem weiteren Empfangsbereich gegenüber. Etwas nervös ging sie auf die junge Frau zu, deren Namensschild sie als Sheila Price auswies, und die sie hinter dem Tresen erwartete. Neben Sheila stand ein etwas älterer Mann in einem maßgeschneiderten Anzug. Anhand seines Alters und der Aura von Autorität, die ihn umgab, schloss Carrie, dass es sich um einen der drei Brüder Caroselli handeln musste – die Söhne von Giuseppe, die mittlerweile das Unternehmen leiteten.

Eigentlich hatte Carrie noch zwei Jahre damit warten wollen, außerhalb der Westküste Aufträge anzunehmen, aber Caroselli Chocolate war bisher das größte und prestigeträchtigste Unternehmen, das sie angefordert hatte. Es war für sie eine gute Möglichkeit, um sich zu profilieren. Natürlich bestand auch die Gefahr, ihren Ruf und ihre Karriere zu ruinieren, falls sie die Sache in den Sand setzte.

Doch das würde nicht geschehen.

„Willkommen, Ms Taylor“, sagte der Mann und trat auf sie zu. „Ich bin Demitrio Caroselli.“

„Freut mich sehr“, erwiderte sie und schüttelte seine Hand. Ein wenig überraschte es sie schon, vom Chef persönlich begrüßt zu werden.

„Kann ich Ihnen den Mantel abnehmen?“, fragte Sheila.

„Ja, vielen Dank“, entgegnete Carrie und reichte ihn der anderen Frau.

„Wir werden schon im Konferenzzimmer erwartet“, sagte Demitrio und deutete auf einen langen ...

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