Logo weiterlesen.de
Lieb mich … bis zum Morgengrauen

1. KAPITEL

Da war irgendetwas im Haus.

Das Geräusch der zufallenden Haustür noch im Ohr setzte sich Nicki auf. Vor Schreck pochte ihr Herz wie verrückt, und sie krallte sich so sehr an dem Buch fest, das sie gerade las, dass ihre Fingerknöchel ganz weiß wurden.

Vor ein paar Sekunden hatte sie sich noch gemütlich in die Kissen gekuschelt und versunken in die Welt Don Quijotes dagelegen. Und das angenehme Gefühl gehabt, sich zum ersten Mal seit Wochen ein wenig entspannen zu können.

Doch das Geräusch der zuschlagenden Tür hatte sie in die Realität zurückgeholt. Und jetzt war sie in allerhöchster Alarmbereitschaft – jemand hatte das Haus betreten.

Als ihr klar wurde, dass es sich um einen Fremden handeln musste, gefror ihr das Blut in den Adern.

Denn so sehr sie es sich auch wünschte – die schweren Schritte, die von den Fliesen im Flur widerhallten, waren auf keinen Fall diejenigen von Ana, der zierlichen Haushälterin. Oder die von Maria, der Köchin. Oder die irgendeines der anderen Angestellten des Anwesens. Manche von ihnen mochten vielleicht einen so schweren Schritt haben wie derjenige, der nun die Treppe hinaufkam. Aber keiner würde zu so später Stunde diesen Teil des Hauses betreten.

Und wer auch immer es war, der den ersten Stock erreicht und etwas mit einem lauten Rumsen auf den Boden gestellt hatte – jetzt kam er natürlich ausgerechnet auf ihr Zimmer zu.

Nickys Herzschlag beschleunigte sich noch einmal, als die Schritte näher kamen. Jeden Moment wäre er an der Tür, würde die Klinke herunterdrücken und …

Grässliche Bilder von all dem, was passieren konnte, schossen ihr durch den Kopf, und ihr anfänglicher Schreck wurde zu einer regelrechten Panikattacke, die sie am ganzen Leib zittern ließ. Ihre Sicht trübte sich, ihr stockte der Atem, ihr wurde schwindelig und ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Wie durch einen Nebel merkte sie, dass sie kurz davor war, ohnmächtig zu werden. Doch Nicki wusste, wenn sie das Bewusstsein verlieren würde, wäre sie erledigt.

Und das wollte sie nicht. Sie wollte ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Sie hatte so sehr gelitten. Und so lange durchgehalten.

Also kämpfte sie gegen die Panik und den Nebel in ihrem Kopf an. Auf keinen Fall würde sie jetzt aufgeben und ohnmächtig werden.

Irgendwie gelang es Nicky, ihren Puls und die mit ihr durchgehende Fantasie zu beruhigen.

Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um den Kopf zu verlieren. Vielmehr musste sie ihre Lage nüchtern einschätzen und überlegen, was sie tun konnte. Denn was auch immer passieren würde – auf keinen Fall würde sie zulassen, dass der Eindringling ihre wertvolle Kamera in die Finger bekam. Auch wenn sie diese seit Wochen nicht benutzt hatte.

Außerdem hatte sie schon wesentlich gefährlichere Situationen als diese hier durchgestanden; warum also sollte sie ausgerechnet jetzt die Nerven verlieren?

Darum war momentan die wichtigste Frage: Was sollte sie tun?

Einfach erstarrt hier liegen zu bleiben und vor Angst zu zittern, war jedenfalls keine Lösung. Lange nachdenken auch nicht. Nein, sie musste handeln.

Rasch ging Nicky in Gedanken durch, wie sie sich verteidigen konnte. Viele Möglichkeiten blieben ihr nicht, aber das war nicht zu ändern. Hauptsache, sie fand überhaupt eine Lösung – und das tat sie. Gerade rechtzeitig scheinbar, denn die Schritte waren schon gefährlich nah.

Sie hielt das Buch noch fester und dankte Gott dafür, dass sie eine ungekürzte illustrierte Ausgabe von Don Quijote als Bettlektüre ausgewählt hatte, die mehr als tausend Seiten dick und zentnerschwer war, und schlüpfte geräuschlos aus dem Bett.

Was für eine Woche. Rafael ging auf die Tür am Ende des Flures zu, aus der ein schmaler Lichtstreifen drang, und unterdrückte ein Gähnen.

So eine anstrengende Zeit hatte er wohl noch nie erlebt. Er konnte sich nicht erinnern, je zuvor körperlich und nervlich so am Ende gewesen zu sein.

Verantwortlich für seine Erschöpfung war die Firmenfusion, mit der er in der letzten Zeit befasst gewesen war und die er heute Morgen unter Dach und Fach gebracht hatte. Der Einigung waren heikle Verhandlungen, viel Diskretion, unendliche Geduld und furchtbar viele Überstunden vorausgegangen. Für ihn war das natürlich nichts Besonderes, er war daran gewöhnt, und es war seine Stärke, die Firmenprobleme anderer Leute zu lösen.

Doch die zahllosen Forderungen, mit denen er während der letzten Tage von den Frauen in seinem Leben überschüttet worden war, hatten an seinen Nerven gezerrt.

Zuerst war Elisa, von der er sich vor zwei Wochen getrennt hatte, vorgestern in seinem Büro aufgetaucht. Offenbar war sie nicht in der Lage zu akzeptieren, dass es vorbei war. Da er viel zu beschäftigt mit der Fusion gewesen war, hatte er nur geseufzt, gesagt, dass sie das ein anderes Mal besprechen müssten, und sie weggeschickt.

Kaum, dass er sich von jener Konfrontation erholt hatte, rief seine Mutter an, um sich darüber zu beschweren, dass sein Vater sich mal wieder in seinem Studierzimmer verkrochen habe. Sie hatte Rafael gebeten, etwas zu unternehmen, ohne eine Vorstellung davon zu haben, was. Aber erstens konnte man nichts dagegen ausrichten, wenn sein Vater sich zurückzog, und zweitens hatte der sich ohnehin nie darum gekümmert, was sein Sohn tat oder sagte – warum also sollte er ausgerechnet jetzt auf ihn hören?

Schließlich hatte Rafael den Grund für den Rückzug seines Vaters herausgefunden – das Brimborium, das seine Mutter um einen Monate später stattfindenden Wohltätigkeitsball machte – und ihr gesagt, er könne ganz gut verstehen, dass sein Vater sich in seinem Studierzimmer verschanzt habe, und dass er an seiner Stelle auch nicht herauskommen würde, bis der Ball vorbei wäre. Woraufhin seine Mutter gekränkt aufgelegt hatte.

Kurz darauf hatte seine älteste Schwester Lola ihn für den folgenden Tag zu einem Abendessen mit Freunden eingeladen, das sie, wie Rafael vermutete, nur zu dem Zweck organisiert hatte, ihn mit einer ihrer Single-Freundinnen zu verkuppeln.

Wie Lola durchaus bewusst war, brauchte Rafael keinerlei Hilfe, was sein Liebesleben anbetraf, doch sie hatte sich in den Kopf gesetzt, ihn wieder unter die Haube zu bringen. Was ein aussichtsloses Unterfangen war, da er nicht vorhatte, jemals wieder zu heiraten – und erst recht nicht eine ihrer Freundinnen. Denn das hatte schon beim letzten Mal mit einem furchtbaren Debakel geendet.

Währenddessen hatte seine jüngste Schwester Gabriela angefangen, ihn mit Anrufen und E-Mails zu bombardieren, und aus reinem Selbstschutz hatte Rafael kurzerhand beschlossen, sie und alle anderen zu ignorieren und dem ganzen Irrsinn, dem er gerade ausgesetzt war, zu entfliehen.

Was immer Gaby von ihm wollte, es konnte warten. Also hatte er seinem Fahrer gesagt, dass er ihn zum Flughafen bringen solle, war in seinen Flieger gestiegen und hatte sich gen Süden aufgemacht.

Und es war richtig gewesen, abzuhauen. Das war ihm klar geworden, als er vor ein paar Minuten aus dem Auto gestiegen war und einen Moment lang in der samtenen Dunkelheit der Nacht auf die Stille gelauscht und den Duft von Erde und Jasmin eingeatmet hatte. Umgeben von der trockenen Wärme hatte seine Anspannung sofort nachgelassen. Er weigerte sich, ein schlechtes Gewissen zu haben, weil er ohne ein Wort abgereist war. Eine oder zwei Wochen lang würden seine Mutter und seine Schwestern auch ohne ihn gut klarkommen.

Also, sagte Rafael sich noch einmal, als er vor der Tür stehen blieb, brauchte er kein schlechtes Gewissen zu haben, er hatte eine Pause verdient. Hier auf dem Weingut würde er ein oder zwei Wochen lang die Ruhe genießen, auf die er in den letzten Monaten hatte verzichten müssen. Er würde frühmorgens durch die Weinfelder spazieren und nachmittags bei einem Glas Rotwein am Pool faulenzen. Einfach nur ausruhen. Die frische Luft und die Sonne und vor allem das Alleinsein genießen. War das denn zu viel verlangt?

Als Rafael die Tür öffnete, um das Licht zu löschen, von dem er annahm, dass es versehentlich nicht ausgeschaltet worden war, traf ihn etwas hart an der Schläfe, und ihm wurde schwarz vor Augen.

Getroffen!

Triumphierend und erleichtert sah Nicky zu, wie der Eindringling stöhnend in den dunklen Flur zurücktaumelte.

Mit wem auch immer sie es zu tun hatte, sie hatte ihm eine kräftige Lektion erteilt. Gegen ihren Überraschungsangriff hatte er nichts ausrichten können.

Und noch immer konnte er ihr nichts anhaben, stellte sie befriedigt fest, als er seitwärts schwankte, gegen den Türrahmen prallte und auf Spanisch vor sich hinschimpfte.

Doch Nicky weigerte sich, bei dem Gedanken, dass sie ihn womöglich ernsthaft verletzt haben könnte, ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Warum auch – schließlich war sie das potenzielle Opfer.

Nicht, dass sie sich wie ein Opfer fühlte. Genaugenommen fühlte sie sich so siegesgewiss wie nie zuvor, was in Anbetracht der Tatsache, dass sie wochenlang apathisch, verzweifelt und hoffnungslos gewesen war, umso erstaunlicher war.

Doch darüber würde sie später nachdenken. Nun musste sie handeln. Denn im Nachhinein erwies sich ihre Strategie doch nicht als so brillant, wie sie gedacht hatte.

Er füllte den Türrahmen aus und blockierte so den einzigen Fluchtweg, und daraus, wie er sich reckte, konnte Nicky schließen, dass er sich gerade beunruhigend schnell erholte.

Wieder machte sich Panik in ihr breit. Wenn sie ihm entkommen und sich in Sicherheit bringen wollte, musste sie ein zweites Mal zuschlagen. Und zwar so heftig, dass er zu Boden gehen und ein paar Minuten außer Gefecht sein würde, damit sie genug Zeit hätte zu verschwinden. Aus reinem Überlebenstrieb und ohne lange an die Konsequenzen zu denken, hob Nicky das Buch noch einmal.

Doch bevor sie zuschlagen konnte, schaltete der Eindringling das Licht an, machte einen Satz nach vorn und packte sie. Benommen von der plötzlichen Helligkeit und dem Kraftpaket, das da auf sie eingestürzt war, verlor sie das Gleichgewicht.

Wie in Zeitlupe fühlte sie, wie sie gemeinsam mit dem Angreifer zu Boden ging. Spürte eine große Hand, die ihren Hinterkopf umfasste, und einen starken Arm, der ihren Rücken umfing. Sie hörte, wie das Buch hinter ihr auf dem Teppich aufprallte, und fragte sich vage, was sie nun als Waffe benutzen sollte.

Schließlich landete sie auf dem Boden. Sie sah verschwommen, konnte nicht klar denken und ihr Körper fühlte sich taub an. Einen endlosen Moment lang hörte sie nichts als ihr heftig klopfendes Herz und ein sonderbares Rauschen in ihren Ohren.

Und als das Gefühl in ihren Körper zurückkehrte, bemerkte sie den warmen, flatternden Atem an ihrer Wange. Ein heftig pochendes Herz an ihrer Brust. Und das beträchtliche Gewicht des Mannes, der auf ihr lag, sie auf den Teppich drückte und sich offenbar nicht so schnell wegbewegen würde.

Oder sonst irgendetwas unternehmen – und das bedeutete, dass sie einen Vorteil hatte, den sie nutzen musste. Jetzt.

Sie bereitete sich darauf vor, ihm das Knie dorthin zu rammen, wo es am meisten wehtat, und sah zu dem Gesicht des Mannes auf, um es bei der Polizei beschreiben zu können.

Und erstarrte.

Denn das von tiefschwarzem Haar umrahmte sonnengebräunte Gesicht mit den dichtbewimperten, knallgrünen Augen und dem wunderschönen Mund hatte sie unzählige Male auf Fotos bei Gaby auf dem Kaminsims gesehen.

Der Triumph war dahin. Die Genugtuung verschwunden. Die rasende Angst verpufft. An ihre Stelle trat glühende Scham.

Denn sie hatte gerade ihren Gastgeber bewusstlos geschlagen, von dem man ihr gesagt hatte, dass er in Madrid sei und auf keinen Fall auf seinem Anwesen auftauchen würde.

2. KAPITEL

Was zum …?

Als er langsam wieder zu sich kam, starrte Rafael ungläubig die unter ihm liegende Person an.

Diese Frau war also für den Schmerz verantwortlich, der ihm fast den Kopf platzen ließ?

In Anbetracht der Wucht des Schlages, den man ihm versetzt hatte, war er davon ausgegangen, dass sein Angreifer ein mindestens eins achtzig großer, mit einem Brecheisen bewaffneter Mann sei, weshalb er sich auch bei seinem Gegenangriff so heftig auf die Person gestürzt hatte.

Nie im Leben wäre er auf die Idee gekommen, dass es sich um eine Frau handeln könnte, die wesentlich kleiner war als er. Mit dunklem, welligem Haar, das sich über seine Hand und den Boden ergoss, und großen, graublauen Augen, die vor Schreck weit aufgerissen waren. Und die obendrein halb nackt war.

Doch wenn er nach dem Schlag auf den Kopf nicht halluzinierte und sich die Gliedmaßen, die mit seinen verschränkt waren, die weiche Haut und die seidigen Haare auf seinen Händen nicht nur einbildete, war offenbar genau das der Fall.

Er ärgerte sich darüber, dass er auch nur bemerkte, wie sie aussah und wie wenig sie anhatte, was gerade überhaupt keine Rolle spielte, und gab ein heftiges Kraftwort von sich. Er fühlte sich, als würde ihm jemand ein Loch in die Schädeldecke bohren und ihm gleichzeitig immer wieder in den Magen schlagen.

Alles tat ihm weh.

Auch ihr müsste alles wehtun – immerhin war er auf sie gefallen und erdrückte sie sicherlich fast, dachte er, als er sie erstickt stöhnen hörte.

Während sie seine Schultern losließ, ihr Knie sinken ließ und sich eine Hand vor die Augen schlug, zog er seine Arme unter ihr hervor, glitt von ihr hinunter und legte sich auf den Rücken. Er schloss die Augen und atmete tief ein, um den Schmerz in Schach zu halten und zu verstehen, was in den letzten paar Minuten passiert war, doch er begriff nichts.

„Es tut mir so leid“, sagte die Angreiferin mit heiserer Stimme und einem definitiv englischen Akzent. „Ich hatte ja keine Ahnung … Alles in Ordnung?“

In Ordnung? Rafael war sich nicht sicher, ob er sich jemals von diesem Schlag erholen würde. Mit was um alles in der Welt hatte sie zugeschlagen? Das war sicher nicht einfach nur ihre Faust gewesen, denn wenn das gereicht hätte, wäre sein Zustand schlimmer, als er angenommen hatte.

„Rafael?“, fragte sie nun mit besorgter Stimme. Einer aufregenden Stimme, dachte er und stellte sich vor, dass sie nicht auf dem Fußboden, sondern in einem weichen Bett lägen, wesentlich weniger anhätten und sie ihm Anzüglichkeiten ins Ohr flüsterte.

Doch dann gab sie ihm eine Ohrfeige.

Rafael zuckte zusammen, die erotischen Vorstellungen waren schlagartig verschwunden, und er kam ins Hier und Jetzt zurück. Sie hatte ihn halb bewusstlos geschlagen und nun träumte er von ihr? Was war nur los mit ihm?

Und was war mit ihr los? Reichte es nicht schon, dass er am Boden lag? Musste sie ihm jetzt wirklich noch eine kleben? Und was würde als Nächstes kommen?

Er fragte sich wirklich, was er der Frauenwelt angetan hatte, dass er zu all dem Ärger in der letzten Zeit, nun auch noch diese körperlichen Qualen ertragen musste, dann öffnete er zögernd die Augen.

Schon wieder wurde ihm schwummerig, denn nun hatte sie sich hingekniet und beugte sich über ihn, wodurch er in ihren Ausschnitt sehen und die zarten Sommersprossen auf ihrem blassen Dekolleté erkennen konnte. Ihren blumigen Duft riechen konnte. Und sie war so nah, dass er die Hand nur wenige Zentimeter hätte ausstrecken müssen, um ihren Hals zu berühren.

Bei dem Gedanken spürte er ein heißes Verlangen in sich aufsteigen, und zum ersten Mal, seitdem sie ihm auf den Kopf geschlagen hatte, vergaß er seine vor Schmerz pochenden Schläfen. Das Bild von ihnen beiden im Bett kam ihm wieder in den Sinn, diesmal deutlicher, da er mehr Einzelheiten kannte, und er blinzelte.

„Gott sei Dank“, murmelte sie. „Alles in Ordnung mit dir?“

Wie, wusste er nicht, doch es gelang Rafael, seinen Kopf zu heben und ihr in die Augen zu sehen. In Augen, die ihn besorgt ansahen, und ein Gesicht, das blass und ein bisschen schmal war.

Ihre Lippen hingegen waren alles andere als schmal; sie waren voll und sehr, sehr anziehend, was dadurch verstärkt wurde, dass sie an ihrer Unterlippe knabberte. Während er sie betrachtete, wurde Rafael sofort wieder schwindelig und es überlief ihn heiß.

„Au“, sagte er und zwang sich, an die Ohrfeige zu denken, die sie ihm gegeben hatte, um nicht der Versuchung zu erliegen, sie zu sich hinunterzuziehen und selbst an ihrer Lippe zu knabbern. In Anbetracht der Umstände war dieser Gedanke so abwegig, dass er sich fragte, ob er bei dem Schlag auf den Kopf ernsthafte Schäden davongetragen hatte.

„Tut mir leid, ich hatte Angst, dass du ohnmächtig wirst.“

„Es geht mir gut“, sagte er, auch wenn das nicht der Wahrheit entsprach, denn nun stellte er sich vor, wie sie ihre Lippen heiß, feucht und prickelnd über seine Haut wandern ließ, und das Pulsieren in seinem Kopf breitete sich mit einer unwahrscheinlichen Geschwindigkeit in seinem Körper aus. Und sobald dieses Gefühl ihm zwischen die Beine fuhr, fürchtete er, tatsächlich ohnmächtig zu werden.

Er hob eine Hand und tastete nach seiner Schläfe, um herauszufinden, ob er blutete, aber auch, um zu sehen, ob der so verstärkte Schmerz sein irrsinniges Verlangen abschwächen würde.

„Meinst du, dass du eine Gehirnerschütterung hast? Soll ich Hilfe holen?“

„Nein“, antwortete er gereizt, zwar blutete er nicht, aber sein Verlangen hatte nicht nachgelassen.

„Lass mich mal sehen.“

Bevor er etwas dagegen ausrichten konnte, beugte sie sich hinunter und fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar. Dabei streiften ihre Brüste seinen Oberkörper und kamen seinem Mund gefährlich nahe, und Lust durchfuhr ihn wie ein elektrisierender Blitz.

Verwirrt fragte er sich, was mit ihm los war. Seit wann reagierte er so heftig auf Frauen, die er nicht kannte? Und seit wann hatte er so wenig Kontrolle über sich?

„Lass das“, versetzte er und umfasste ihr Handgelenk.

Zu seiner Erleichterung hielt sie inne, runzelte die Stirn und richtete sich wieder auf, nachdem er ihr Handgelenk losgelassen hatte. „Wenn du meinst.“

Rafael atmete tief ein, schloss kurz die Augen und zwang sich, zu sich zu kommen, bevor er sich blamierte. „Ja, das meine ich.“

Mit einer Anstrengung, die ihm übermenschlich erschien, richtete er den Oberkörper auf und versuchte, die Kontrolle über sich wiederzuerlangen. Dann zog er die Beine an, um zu verbergen, welche Wirkung diese Frau auf ihn hatte, stützte seine Ellenbogen auf die Knie, rieb sich mit beiden Händen den Nacken und seufzte tief. So viel also zum Thema Ruhe, Entspannung und Alleinsein.

„Es tut mir wirklich leid“, wiederholte sie kleinlaut.

„Das sagtest du bereits.“

„Ich habe dich für einen Einbrecher gehalten.“

„Wenn ich einer wäre, dann wohl ein ziemlich ungeschickter“, bemerkte er trocken, als er daran dachte, wie er die Eingangstür zugeworfen hatte und mit schweren Schritten die Treppe hinaufgestapft war. „Ich war nicht gerade leise.“

„Stimmt“, gab sie zu. „Aber in dem Moment ist es mir nicht in den Sinn gekommen, jedes Geräusch einer sorgfältigen Analyse zu unterziehen. Ich habe instinktiv gehandelt.“

Und er musste es ausbaden. Ihre Instinkte waren so gefährlich, dass man sie mit einer Warnung hätte versehen müssen.

Und das Gleiche galt für ihren Körper. Zwar war sie ein wenig von ihm abgerückt, kam ihm aber für seinen Geschmack immer noch viel zu nah. Bei dem Gedanken, ihre geschmeidigen nackten Schenkel zu streicheln, kribbelte es ihn in den Fingern.

„Bevor ich das nächste Mal eine geschlossene Tür öffne, werde ich klopfen“, sagte er.

Sie nickte. „Das ist wahrscheinlich eine gute Idee.“

„Ich wollte einfach nur das Licht ausschalten, weil ich dachte, dass es versehentlich angelassen worden ist. Wer hätte gedacht, dass Stromsparen so gefährlich sein kann?“ Er warf einen Blick auf das auf dem Boden liegende Buch. „Womit hast du zugeschlagen?“

„Mit Don Quijote“, antwortete sie errötend.

„Ich fand das Buch schon immer einschläfernd“, sagte er mit finsterer Stimme, „aber ich hätte nie gedacht, dass man mich damit einmal bewusstlos schlagen würde.“

„Eigentlich solltest du in Madrid sein.“

„Willst du damit andeuten, dass das hier meine Schuld ist?“

„Nein“, antwortete sie etwas zerknirscht und biss sich wieder auf die Unterlippe. „Aber ich war davon ausgegangen, dass Ana mich vorwarnen würde, falls du herkommst. Hat man dich denn erwartet?“

Nein, er hatte entgegen seiner Gewohnheit ganz spontan beschlossen, herzukommen, was im Rückblick möglicherweise falsch gewesen war, aber darum ging es gar nicht. Rafael warf ihr jenen Blick zu, mit dem er schon manch einen dickköpfigen Firmenchef in die Knie gezwungen hatte. „Ich hatte keine Ahnung, dass die Notwendigkeit dafür besteht.“

„Nein, natürlich nicht“, murmelte sie und wurde noch röter. „Es ist ja dein Haus. Tut mir leid.“

Das war nun das dritte Mal heute Abend, dass sie ihm einen Schritt voraus war.

Nicht nur, dass sie ihn vorhin überrumpelt hatte; offenbar wusste sie obendrein seinen Namen und dass dies sein Haus war. Er hingegen wusste nichts über sie, außer dass sie offenbar Britin war, sie in ihrem Höschen und dem knappen Shirt unglaublich sexy aussah, und dass sich ihre Haut und ihre Haare seidenweich anfühlten. Wobei die letzten beiden Punkte, wie er sich jetzt zum x-ten Mal sagte, völlig irrelevant waren.

Indem er sich innerlich selbst ohrfeigte, zwang sich Rafael, sich zusammenzureißen. Er hatte genug davon, in der Defensive zu sein. Genug davon, dass man ihm sein geordnetes Leben durcheinanderbrachte. Es wurde höchste Zeit, dass er sich auf das Wesentliche konzentrierte und zumindest diese Situation hier in den Griff bekam.

„Stimmt“, sagte er und sah sie durchdringend an. „Und daher wüsste ich gern, wer du bist und was du hier machst.“

Sie lächelte ihn zaghaft an. „Ich bin Nicky.“

Das sagte sie so, als müsste er wissen, was es mit ihr auf sich hatte. Er runzelte die Stirn. „Nicky?“

„Sinclair.“

Er durchforstete sein Gehirn nach einer Nicky oder einer Person namens Sinclair, kam aber zu keinem Ergebnis. „Soll mir das irgendetwas sagen?“

„Das hatte ich zumindest gehofft.“

„Tut es aber nicht.“

„Oh.“

Ihr Lächeln verschwand, und irgendetwas versetzte Rafael einen Stich, doch er kümmerte sich nicht darum und fuhr mit seiner Befragung fort. „Und was machst du in meinem Haus?“

„Urlaub.“

„Urlaub?“ Seit wann stand sein Weingut Besuchern offen, die nicht zur Familie gehörten?

„Genau.“

„Seit wann bist du denn hier?“

„Seit zwei Tagen.“

„Und wie lange willst du bleiben?“

Verunsichert sah sie ihn an. „Ich weiß nicht. Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.“

Offenbar hätte er sich die Mühe machen sollen, öfter herzukommen, knifflige Fusion hin oder her. Seitdem er das Anwesen vor fünf Jahren gekauft hatte, war er normalerweise einmal im Monat gekommen, aber in letzter Zeit hatte er so viel zu tun gehabt, dass ihm nichts anderes übrig geblieben war, als in Madrid zu bleiben. Natürlich hatte er wöchentlich Bericht über die Weinfelder erhalten, aber was hier in seiner Abwesenheit tatsächlich vorgegangen war, wusste er nicht.

„Sind hier noch mehr von deiner Sorte?“

„Nein, nur ich.“

Es sollte nicht allzu schwer sein, diese Frau loszuwerden. Sein Flieger stand keine halbe Stunde von hier auf einem Flugplatz und konnte sie auf der Stelle bringen, wohin auch immer sie wollte. Noch vor Ablauf einer Stunde könnte er dann die Einsamkeit genießen, nach der er sich so gesehnt hatte.

Auf keinen Fall konnte sie ihren Urlaub hier fortsetzen, denn abgesehen davon, dass sein Haus Besuchern nicht offenstand, ganz egal, ob sie zahlten oder nicht, hatte er nicht vor, das Haus mit einer gewalttätigen Person zu teilen.

Außerdem war er am Ende seiner Kräfte, und er hatte genug von allem. Also würde er diese Nicky wegschicken, versuchen, die traumatischen Ereignisse dieses Abends zu vergessen und sich endlich entspannen.

Aber das würde er nicht hier auf dem Fußboden tun. Er erhob sich unter Schmerzen und reichte ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen.

„Du weißt nichts davon, oder?“, fragte sie, als sie seine Hand nahm und aufstand.

„Nein“, sagte er, und das Kribbeln, das ihm bei ihrer Berührung durch den Körper schoss, verwirrte ihn so sehr, dass er einen Moment lang überhaupt nichts mehr wusste.

„Ich habe geahnt, dass es zu schön ist, um wahr zu sein.“

Seufzend ließ sie ihre Hand aus seiner gleiten, und Rafael ignorierte das Bedauern, das er darüber empfand.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Lieb mich ... bis zum Morgengrauen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen