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Lieb mich, bis der Morgen kommt

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1. KAPITEL

Wie magnetisch wurde Rachels Blick zum Nachttisch gezogen. Zu dem Ring, der im Schein der Nachttischlampe schimmerte. Langsam hob sie die Hand und blickte auf den Finger, an dem er noch vor wenigen Stunden gesteckt hatte.

Komisch, wie nackt er wirkte, nachdem sie den Ring so lange getragen hatte!

Aber irgendwie war es ihr nicht richtig erschienen, ihn aufzubehalten.

Rachel tastete danach und hielt ihn hoch, sodass er im Lampenlicht funkelte. Dann drehte sie sich zu dem Mann um, der neben ihr schlief. Er hatte einen Arm halb übers Gesicht gelegt, die dunklen Locken fielen ihm in die Stirn. Wie ein Engel sah er aus.

Ein gefallener Engel, der sie himmlisch sündige Dinge gelehrt hatte.

Aber er war nicht der Mann, der ihr den Ring an den Finger gesteckt hatte. Nächsten Monat sollte sie ihren Verlobten heiraten …

Das war das Problem.

Doch ihr Bettgefährte sah so fantastisch aus, dass es ihr schwerfiel, ihn als Problem zu sehen: Alex mit den elektrisierenden blauen Augen und der gebräunten Haut, den sie am Nachmittag kennengelernt hatte. Im Hafen. Meine Güte, sie kannte diesen Traummann noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden!

Rachel blickte auf die Uhr. Genau genommen sogar erst acht! Acht Stunden, in denen sie alle Hemmungen bedenkenlos über Bord geworfen und den Verlobungsring abgelegt hatte, um ihrem … Herzen zu folgen. Na ja, mit Herz hatte es wohl weniger zu tun. Mit ihr waren schlichtweg die Hormone durchgegangen.

So etwas war ihr noch nie passiert! Jahrelang war sie so vernünftig und brav gewesen und nie in Versuchung geraten, sich von Gefühlen oder gar Leidenschaft zu etwas Unüberlegtem hinreißen zu lassen.

Aber von vernünftig oder brav konnte hier beim besten Willen nicht die Rede sein!

Bei diesem Mann hatte es sie aus heiterem Himmel erwischt … wie er sich bewegt hatte, das Spiel seiner Muskeln beim Deckschrubben …

Rachel schloss die Augen und hatte die wahnwitzigen Augenblicke wieder vor sich. Es fiel ihr nicht schwer, sich zu erinnern, wie sie um den letzten Funken Verstand und ihre Kleidung gekommen war …

Seit der Ankunft auf Korfu hätten die Freundinnen sich kein schöneres Wetter wünschen können. Es war noch nicht zu heiß, und vom Meer her wehte eine sanfte Brise.

Sie hatten zu Mittag gegessen, und Alana musste später zum Flughafen, um nach New York zurückzufliegen. Rachel würde noch länger auf der Insel bleiben, um die Familie Holt auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung zu vertreten.

Der Urlaub war so etwas wie ihr letzter Soloflug vor der Hochzeit, die im kommenden Monat stattfinden sollte. Die letzte Gelegenheit, sich noch einmal auszutoben – natürlich auf anständige Weise –, ehe sie sich für immer an ihren Verlobten band.

„Noch ein Paar High Heels?“ Alana deutete zu der kleinen Boutique auf der anderen Seite der kopfsteingepflasterten Straße.

„Ich werde Nein sagen.“ Geistesabwesend blickte Rachel auf die Schiffe und Jachten, die im Hafen ankerten.

„Bist du krank?“ Besorgt betrachtete Alana ihre Freundin.

Rachel trat an die Küstenmauer und stützte sich lachend darauf. „Vielleicht.“

„Dir macht die Hochzeit zu schaffen, stimmt’s?“

„Ja … aber das dürfte es eigentlich nicht. Schließlich hatte ich lange genug Zeit, mich darauf einzustellen. Seit sechs Jahren sind wir zusammen und seit einer Ewigkeit verlobt. Vor elf Monaten haben wir den Hochzeitstermin festgesetzt, da …“

„… kannst du es dir immer noch anders überlegen“, erinnerte Alana sie.

„Nein. Unvorstellbar! Die Hochzeit ist das gesellschaftliche Ereignis des Jahres. Jax kann endlich Holt übernehmen. Mein Vater will seinem Schwiegersohn die Firma übertragen – wie es sich beide wünschen.“

„Und was willst du?“

Das hatte Rachel sich lange nicht mehr gefragt.

„Ich … mag Jax.“

„Liebst du ihn?“

Ein Mann auf einer Jacht erregte ihre Aufmerksamkeit. Er schrubbte das Deck, sein Oberkörper war nackt, und er trug nur verwaschene Jeans. Im Schein der Abendsonne konnte Rachel das Muskelspiel seines durchtrainierten Körpers deutlich erkennen.

Der Anblick verschlug ihr den Atem.

Auf einmal verspürte sie Leidenschaft, ein Verlangen, das sie bisher vermisst hatte. Wie eine Brandungswelle riss der Anblick des Mannes sie aus ihrem Langweilerdasein.

„Nein.“ Sie konnte den Blick nicht von dem Muskelmann abwenden. „Nein, ich liebe Jax nicht. Jedenfalls nicht, wie du denkst. Ich mag ihn, aber mehr ist da nicht.“

Hatte sie das nicht längst gewusst? Doch nach der atemberaubenden Entdeckung beunruhigte Rachel die Erkenntnis mehr, als sie wahrhaben wollte.

Irgendwie hatte sie gedacht, es läge an ihr. Oder weil sie und Ajax zu verschieden waren. Er war nun mal kein leidenschaftlicher Mann und bestürmte sie nie. Im Gegenteil. Er rührte sie kaum an. Nach all den Jahren ging er nie weiter, als sie zu küssen. Lieb, gelegentlich auch innig. In seinem Penthaus dauerte ein Kuss auf der Couch manchmal sogar länger. Aber da wurde nichts ausgezogen. Es war keine erderschütternde Angelegenheit. Aufzuhören fiel Ajax nie schwer.

Und weil er ein fabelhaft aussehender Mann war, hatte Rachael angenommen, dass sie sich nach den Jahren der Zurückhaltung geändert und nach den wilden Ausrutschern gerade noch rechtzeitig den Absprung geschafft hätte.

Seitdem hatte sie sich eisern gezügelt und sich und Ajax für ein ideales Paar gehalten.

Doch das waren sie nicht. Die Erkenntnis traf sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

In ihr schlummerte Leidenschaft. Sie war immer noch da. Und sie sehnte sich danach …

„Und was willst du nun tun, Rachel?“, fragte Alana besorgt.

Ihr schoss das Blut ins Gesicht. „Tun?“

„Nachdem du erkannt hast, dass du Ajax nicht liebst.“

„Ach …“ Sie wedelte mit der Hand. „Das weiß ich schon lange.“

Alana konnte nicht ahnen, dass Rachels Welt soeben von einem nur vierzig Meter entfernten Herkules aus den Angeln gehoben worden war.

„Was blickst du so fasziniert zu dem Typ auf der Jacht da drüben?“

Rachel riss sich zusammen. „Tue ich das?“

„Ja.“

„Na ja, er ist …“

„Mm. Ja, das ist er. Geh und sprich ihn an.“

Entsetzt wirbelte Rachel herum. „Was? Einfach so?“

„Klar. Ich fliege erst in einigen Stunden. Falls du Rettung brauchst – ich bin da. Natürlich diskret im Hintergrund.“

„Aber was soll ich ihm sagen?“

Flirten, gefährlich leben, den Augenblick genießen – das alles lag so weit zurück und gehörte in eine andere Welt. Die Rachel, die fast Schande über sich und ihre Familie gebracht hätte, gab es nicht mehr. Eine neue Rachel war der Asche entstiegen. Mit neuen Regeln. Eine friedliche Rachel, die mit dem Strom schwamm und es allen recht zu machen versuchte. Und aufpasste, dass sie sich nicht zu weit über den Rand des Sicherheitsnetzes wagte, das ihr Vater gespannt hatte.

Doch aus einem ihr selbst nicht erklärlichen Grund fühlte Rachel sich hier im Sonnenschein beim Gedanken an die gesellschaftliche Vorgaben ihres Vaters und die Sicherheit, die Ajax ihr bot, als würde sich ihr eine Schlinge um ihren Hals legen …

Mach kein Theater! ermahnte sie sich. Es ist eine Hochzeit. Niemand will mich aufknüpfen.

Dennoch kam es Rachel so vor. Weil die Heirat so endgültig war. Die Entscheidung für eine Zukunft als Ajax’ Frau. Für die neue Rachel, die keine Wellen mehr machen durfte.

„Geh und rede mit ihm“, drängte Alana. „Du bist rot geworden. Es scheint dich erwischt zu haben.“

„Blödsinn“, wehrte Rachel ab.

„Na gut, ich habe mich zurückgehalten, als du dich mit Ajax verlobt hast. Aber wie du jetzt zugibst, liebst du ihn nicht. Das sieht eigentlich jeder, der Augen im Kopf hat.“

„Ich weiß“, gab Rachel kleinlaut zu.

„Was sind wir doch für Langweiler geworden! Im College haben wir die verrücktesten Dinger gedreht …“

„Milde ausgedrückt“, bemerkte Rachel.

„Aber ich finde, jetzt bist du ein bisschen zu langweilig“, hielt Alana ihr vor.

„Die Alternative steht nicht mehr zur Debatte.“

„Mag sein. Aber eine brave Zukunft erscheint mir auch nicht verlockend.“

„Was bleibt mir anderes übrig?“ Rachel seufzte. „Mein Dad hat mich oft genug aus der Patsche geholt. An einem Punkt wollte er sogar nichts mehr mit mir zu tun haben. Und jetzt? Ich liebe meinen Dad, endlich ist er stolz auf mich. Und wenn die Heirat mit Ajax der Preis ist, den ich zahlen muss … bin ich einverstanden.“

„Bekommst du bei ihm Herzklopfen?“

Rachel blickte wieder zu dem Muskelmann auf der Jacht. „Nein“, musste sie zugeben. „Das nicht.“

„Dann solltest du dir ein Erdbeben mit einem Mann gönnen, bei dem das der Fall ist.“

„Meinst du?“

„Ja.“

„Ich soll ihn einfach ansprechen? Und wenn er mich mit einer Flut griechischer Schimpfwörter überschüttet und wieder an die Arbeit geht?“

Erheitert lachte Alana. „Das tut er bestimmt nicht, Rachel.“

„Woher willst du das wissen? Vielleicht steht er nicht auf Blondinen.“

„Auf dich bestimmt. Du machst die Männer verrückt.“

„Jetzt nicht mehr.“ Vor elf Jahren war es für sie mit Flirts, Spielchen und Anmachen vorbei gewesen. Und Ajax hatte nie den Eindruck erweckt, als würde sie ihn verrückt machen.

„Mich kannst du nicht täuschen“, winkte Alana ab. „Lebe ein bisschen gefährlich, Schätzchen. Ehe du dich ins Eheleben verabschiedest.“

Rachel blickte immer noch gebannt zu dem Fremden hinüber und gönnte ihrer Freundin nicht mal einen bösen Blick. „Hast du das aus einem Glückskeks?“

„Hattest du noch nie einen Orgasmus bei einem richtigen Mann? Ich schon. Also …?“

Rachels Wangen brannten. Nein, da musste sie passen. Einigen Männern hatte sie einen beschert, aber selbst nie einen gehabt. „Na gut. Ich spreche ihn an. Sprechen“, betonte sie. „Kein Orgasmus. Also spar dir den bedeutsamen Blick, Alana.“

„Okay. Ich bleibe in der Nähe. Falls du … na, du weißt schon … Hilfe brauchst, schick eine SMS.“

„Ich habe Pfefferspray dabei. Ajax bestand darauf.“

Bei der Erwähnung ihres Verlobten wand Rachel sich innerlich. Aber sie würde ja nichts Unanständiges tun. Nicht wirklich. Sie wollte sich mit dem halbnackten Matrosen nur unterhalten.

Nur einen Moment. Um zu beweisen, dass sie Abenteuergeist besaß. Alana zeigen, dass sie ein falsches Bild von ihr hatte. Etwas tun, das andere ihr nicht zutrauten.

Nur einen Moment. Mit dem Herkules reden, den sie schlichtweg atemberaubend fand.

Rachel atmete tief durch und warf das Haar zurück. „Wünsch mir … hm … Glück wohl besser nicht.“

Alana zwinkerte ihr zu. „Es wird schon klappen.“

„Nein – nein! Ich werde Jax nicht betrügen.“

„Okay“, sagte Alana nur.

„Ich betrüge ihn nicht.“ Die bloße Vorstellung war lachhaft.

Manche mochten so sein. Draufgänger, leichtlebige Mädchen, die mitnahmen, was sich ihnen bot. Sie nicht! Nicht mehr. Die Rachel von damals gab es nicht mehr. Ihre rebellischen Jahre waren nur das gewesen: Rebellion. Kein Ausdruck von Freiheitsdurst, eher der Wunsch, ihre Grenzen zu testen. Irgendwann war ihr bewusst geworden, wie das auf andere wirkte. Und auf sie zurückfiel. Nicht nur momentan, sondern langfristig.

Aber was war schon dabei, einfach hallo zu sagen? Es konnte doch nicht schaden, sich einen Augenblick in der glutvollen Aura dieses Fremden zu sonnen.

„Neiin!“, tönte Alana.

„Sscht!“ Rachel drehte sich um und ging bebend auf die Anlegestelle zu. Ihre Handflächen waren feucht, ihr Herz jagte, und sie hatte das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Ja, alle Signale schrillten warnend und standen auf Flucht.

Rachel ignorierte sie.

Ein letztes Mal drehte sie sich zu Alana um, die reglos an der Mauer stand und ihr nachblickte, dann wandte Rachel sich ihrem Opfer zu.

Sie würde einfach hallo sagen. Und vielleicht ein bisschen flirten. Es war doch nur ein harmloser kleiner Flirt. So halbwegs wusste sie noch, wie das ging. In ihren besten Tagen hatte sie es zu wahrer Meisterschaft gebracht: ein bisschen mit den Wimpern klimpern, dem Typ wie unabsichtlich die Hand auf die Schulter legen. Den Marktwert testen. Sich bestätigt sehen. Ein einziger großer Spaß war das gewesen. Ein Spiel mit oder ohne Grenzen …

Warum es nicht noch mal probieren? Als letztes Aufbäumen vor dem großen Bravsein. Hatte sie das nicht sowieso vorgehabt? Einige Tage mit Alana herumziehen, shoppen, sich faul am Strand aalen, Filme reinziehen, Spaß auf der Wohltätigkeitsgala. Alles ohne die Familie oder Ajax …

Warum sollte dieser Flirt nicht dazugehören? Eine kleine Auszeit von Rachel Holt, dem Mediendarling. Der Rachel Holt, die sich Mühe gab, ihre Familie würdig zu vertreten, zu tun, was von ihr erwartet wurde.

Endlich einmal Rachel sein! Nicht die neue Rachel. Und nicht die alte. Einfach nur Rachel.

Vor der Jacht blieb sie stehen und atmete tief durch.

Als sie nach oben blickte, hatte sie die unglaublichsten blauen Augen vor sich, die ihr je begegnet waren. Der gebräunte Matrose lächelte ihr zu, sodass seine weißen Zähne aufblitzten. Atemberaubend, dieser Mann! Er schob sich die dunklen Locken aus der Stirn, dabei spielten seine Muskeln. Nur für sie. Rachels Hormone spielten verrückt und schrien nach mehr.

Zum Teufel mit den Hormonen …

„Haben Sie sich verlaufen?“, fragte der Fremde. Wie Ajax, sprach er Englisch mit einem leichten Akzent, aber er klang anders. Nicht so kultiviert. Er war etwas härter und weckte etwas in Rachel: in den vernachlässigten, ausgetrockneten Ecken – und schürte Funken, die einen Brand entfachten.

Und das alles mit vier Worten. Sie war verloren, wenn sie nicht schleunigst den Rückzug antrat.

Rachel tat es nicht. Wie angewurzelt blieb sie stehen.

„Hm … ich war zufällig dort drüben.“ Sie deutete zur Mauer, an der sie mit Alana gestanden hatte. Von ihrer Freundin war nichts mehr zu sehen. „Da sah ich Sie.“

„Sie sahen mich?“

„Ja.“

„War das ein Problem?“

„Ich …“ Rachels Stimme streikte. „Kein Problem, nein. Ich habe Sie einfach gesehen.“

„Ist das alles?“ Der Fremde stellte einen Fuß auf die Reling und schwang sich mit einer geschmeidigen Bewegung auf den Anlegesteg.

„Ja“, erwiderte Rachel. „Das ist alles.“

„Und wie heißen Sie?“

„Rachel Holt.“

Sie wartete. Auf das erkennende Aufblitzen in seinen Augen. Dass er überrascht war, eine halbwegs bekannte Medienpersönlichkeit vor sich zu haben. Oder sich abwandte. So oder so reagierten die Leute. Selten anders.

Aber er schien sie nicht zu kennen. Zeigte keine Regung. Nichts.

„Also, Rachel“, sagte er in einem Ton, der ihr Schauer über die Haut jagte. „Was ist Ihnen an mir aufgefallen?“

„Dass … mm … Sie ein heißer Typ sind.“ Noch nie hatte sie zu einem Mann so direkt gesprochen. Oder war das schlicht verrückt? Sonst konnte sie mit Leuten umgehen. Sie war die perfekte Gastgeberin. Alle mochten sie, selbst die abgebrühten Medienvertreter. Ihren Ruf hatte sie über Jahre hinweg aufgebaut und sorgfältig gepflegt.

Aber Leuten kalte Drinks zu reichen, war nun mal etwas anderes, als sich selbst anzubieten.

Der Fremde zog eine Braue hoch. „Sie finden mich heiß?“

„Ja. Hat Sie noch nie eine Frau angesprochen?“ Rachels Wangen brannten, aber das lag nicht an der Nachmittagssonne. Natürlich dürfte sie ihn nicht anmachen, aber sie konnte nicht anders.

Es war einfach über sie gekommen. Ihre Hormone spielten verrückt.

„Das schon. Aber nicht so charmant. Haben Sie sich auch ausgedacht, wie es mit uns weitergehen soll?“

„Ich dachte …“ In der Sekunde wusste Rachel es. Sie wollte alles von diesem Fremden. Alles auf einmal. Sie wollte ihn berühren, ihn küssen, seine Fingerspitzen auf der nackten Haut spüren, während er sie zu Gipfeln der Ekstase jagte, die sie nie für möglich gehalten, geschweige denn, ersehnt hätte. „Ich dachte, wir könnten etwas trinken gehen.“ Ein Drink. Ein kühles Getränk. Das war innerhalb ihres Erfahrungsbereichs und vielleicht etwas eleganter. Erst recht, da sie nicht einmal seinen Namen kannte. „Wie heißen Sie?“, fragte sie, weil ihr das höflich erschien, nachdem sie bei diesem Herkules bereits in Nacktfantasien schwelgte.

„Alex“, erwiderte er.

„Einfach nur Alex?“

Er zuckte mit den Schultern, dabei hob und senkte sich seine muskulöse Brust.

„Warum nicht?“

Ja, warum nicht? Warum sollte er nicht einfach Alex sein? Wozu brauchte sie einen Nachnamen? Diesen Mann würde sie auf keiner Party oder sonst wo vorstellen. Nach dem heutigen Abenteuer würde sie ihn nie wiedersehen.

„Gut“, entschied sie. „Gehen wir etwas trinken? Oder hätte Ihr Chef etwas dagegen?“

„Mein Chef?“

„Der Jachteigentümer.“

Alex drehte sich zum Schiff um und wandte sich ihr wieder zu. „Ach der ist für einige Tage in Athen. Ich soll hier nur ab und zu nach dem Rechten sehen und muss nicht ständig an Bord sein.“

„Schön. Sie werden sicher nicht abdriften.“ Rachel lachte und kam sich dumm vor – als wäre sie wieder achtzehn statt eine Frau von achtundzwanzig. Aber selbst damals hatte sie bei Begegnungen mit Männern nicht albern gekichert. Da hatte sie ihre Lektion bereits gelernt.

Doch bei diesem Mann war es um ihre Vernunft und die Lektionen geschehen.

Er krauste die Nase und blinzelte gegen die Sonne an. Seine jungenhafte Art bewirkte, dass Rachel noch heißer wurde. „Wohl nicht. Aber es ist mir schon passiert.“

„Ach?“

„Ja. So bin ich hier gelandet. Ich habe mich einen Großteil meines Lebens treiben lassen.“

Das war eindeutig doppeldeutig! Aber komischerweise hatte Rachel das Gefühl, dass dieser Fremde, den sie nur wenige Minuten kannte, ehrlicher mit ihr war als der Mann, den sie heiraten wollte.

„Also?“, fragte er. „Ein Drink?“

„Gut.“

„Ich ziehe mir nur schnell ein Hemd über.“ Er lächelte ihr zu und kletterte an Bord zurück. Es kostete Rachel alle Willenskraft, nicht zu sagen: „Bitte nicht! Kommen Sie oben ohne.“ Aber das wäre wohl doch zu direkt. Vor allem, da sie letztlich nicht zu mehr bereit war.

Ein Drink. Mehr durfte sie nicht riskieren.

Einträchtig gingen sie zur nächsten Bar und bestellten zwei Soda. Irgendwann schickte Rachel eine SMS an Alana, um sie wissen zu lassen, dass alles bestens lief – dass sie keinem Axtmörder in die Hände gefallen war. Doch sie meldete sich nicht mehr, während sie mit Alex stundenlang durch den Ort schlenderte. Auch nicht, als sie am Pier zu Abend aßen und sich plaudernd und lachend an Fisch und Pasta erfreuten. Und schon gar nicht, als Alex sie mit seiner Gabel seine Vorspeise kosten ließ … und sie sich in die Augen sahen – dass ihr heiß wurde.

Später führte Alex sie in einen Klub.

In einem Klub war Rachel nicht mehr gewesen, seit sie sich unter falschem Namen eingeschmuggelt hatte. Klubs wie dieser waren Brutstätten für Skandale, Sex und andere anstößige Dinge, die ihr Vater und Ajax nie gebilligt hätten. Und die Medien würden sie kreuzigen, wenn sie in so einem Sündenpfuhl erwischt wurde.

Alkohol, ohrenbetäubende Musik, Tanzflächen mit schweißüberströmten Körpern. Früher hatte Rachel nicht genug davon bekommen können. Bis sie gemerkt hatte, auf was sie sich einließ. Welchen Ärger sie sich damit einhandeln konnte. Und erkannt hatte, dass sie auf dem besten Weg war, ein böses Ende zu nehmen.

Doch heute wollte sie sich keinen Zwang antun. Hier fühlte sie sich sicher, getarnt durch den Zauber, den Alex vom ersten Moment an über sie gebreitet hatte. Niemand nahm Notiz von ihr oder erwartete, dass sie aus der Rolle fiel. Sie lief nicht einmal Gefahr, sich auszutoben wie früher.

Es war aufregend, mit Alex zusammen zu sein. Er gab ihr das Gefühl, gefährlich zu leben. Endlich verspürte sie wieder den irren Adrenalinkick, den sie sich so lange versagt hatte.

Es war wie ein einziger Rausch. Der ganze Tag. Sie machte Urlaub von sich selbst. Mit sich selbst.

„Das macht wahnsinnig Spaß!“, versuchte Rachel übermütig, den dröhnenden Bass zu übertönen.

„Es gefällt Ihnen also?“, fragte Alex.

„Sehr!“

Als er ihre linke Hand nahm, durchzuckte sie ein Stromstoß. „Ich wollte Sie schon vorhin danach fragen.“ Alex drehte ihre Finger so, dass der Verlobungsring in den Strahlen der Stroboskopkugel aufblitzte.

Rachel bemerkte es und seufzte ernüchtert. Die Wirklichkeit holte sie ein. Daran wollte sie nicht denken.

„Ich bin nicht verheiratet“, sagte sie.

Nun lächelte er, und seine elektrisierenden blauen Augen funkelten amüsiert. „Das wäre mir egal“, erwiderte er. „Ich hätte mich höchstens erkundigt, wie groß Ihr Mann ist. Und ob er Verbindungen zur Mafia hat.“

Die bloße Vorstellung, Ajax könnte mit etwas so Wüstem oder Aufregendem wie der Mafia zu tun haben, war irrsinnig komisch. Für so etwas Tollkühnes war er viel zu bieder. Er war der beruhigende, ausgleichende Faktor in ihrem Leben. Zumindest sah ihr Vater das so. Und sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Ajax es wagen würde, mit ihr diesen Klub zu besuchen.

Er war kein Partyfreund. Wenn sie ihm einen Klubbesuch vorschlagen würde, hätte er abgewinkt und ihr bestenfalls viel Spaß gewünscht, um sich wieder seinen Zahlenaufstellungen zu widmen, von denen er sich selbst abends kaum loseisen konnte.

„Hm … Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen“, versuchte Rachel, ihn zu beruhigen. „Außerdem haben wir nichts getan, dessen wir uns schämen müssten. Ich habe keine … Gelübde gebrochen.“

„Noch nicht.“ Alex lächelte bedeutsam. „Es ist noch früh am Tag.“

„Ja“, sagte sie nur, weil ihr Herz wild zu klopfen begann.

„Möchten Sie tanzen?“

Rachel blickte auf seine ausgestreckte Hand. Nichts wünschte sie sich mehr. Ajax hatte nie mit ihr getanzt. Sie nie dazu aufgefordert. Ihr war nicht einmal bewusst gewesen, wie sehr ihr das fehlte.

Doch hier ging es nicht nur um einen Tanz. In diesem Moment entschied sich alles. Wenn sie Ja sagte, würde sie für den Rest der Nacht nicht mehr Nein sagen können.

Aber hatte sie das nicht schon vor Stunden gewusst? Seit dem Augenblick, als sie Alex in die Augen geblickt hatte, war es ihr nicht mehr möglich gewesen, Nein zu sagen.

„Ja.“ Verrückt, aber sie fühlte sich wie befreit! Die Würfel waren gefallen. Heute Nacht würde sie sich ausleben, was immer das bedeutete. „Ja, Alex. Ich möchte tanzen.“

2. KAPITEL

Auf der Tanzfläche küsste Alex sie zum ersten Mal. Hier waren sie umgeben von Paaren, die völlig miteinander beschäftigt waren. Rachel genoss es, geschoben und an Alex gedrängt zu werden, sodass sie die Hitze seines harten Körpers spürte.

Als Rachel wieder gegen ihn gepresst wurde, sah sie ihn verlangend an. Sie wusste, was das bedeutete, doch sie brauchte das. Mehr als die Luft zum Atmen. Egal, was morgen war. Diese Nacht gehörte ihr.

Sie wurde verrückt, wenn sie Alex nicht berühren, ihn nicht schmecken und spüren konnte.

Und er ließ sie nicht warten.

Er beugte sich über sie, küsste sie, drang mit der Zunge in ihren Mund ein. Und sie öffnete sich ihm, nahm ihn tief in sich auf, küsste ihn, bis ihr schwindlig war. So einen Kuss hätte Rachel nie für möglich gehalten. Sie konnte nichts mehr denken, die letzten Bedenken lösten sich in nichts auf. Es gab nur noch dieses Verlangen, diese wahnwitzigen Empfindungen …

Selbstvergessen legte sie Alex die Arme um den Hals und klammerte sich an ihn, bewegte sich wie in Trance mit ihm und schob die Finger in sein dichtes Haar, legte alles, was sie seit Jahren vermisst hatte, in diesen Kuss, der nicht sein dürfte.

Die Erkenntnis ärgerte Rachel. Sie war entschlossen zu bekommen, was sie brauchte. Was sie nach dieser Nacht nicht mehr durfte.

Dies war ihre letzte Chance. Ihr ganz persönlicher Nervenkitzel. Ein verbotenes Abenteuer, von dem niemand je erfahren durfte.

„Komm mit in mein Hotel“, hauchte sie an seinen Lippen.

Statt zu antworten, küsste Alex sie erneut.

Offenbar hörte er sie wegen der dröhnenden Musik nicht. Sie zog seinen Kopf zu sich herab und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich habe ein Hotelzimmer. Komm mit.“

Mehr wollte Alex nicht hören. Schon zog er sie von der Tanzfläche in die warme Sommernacht hinaus. Vor dem Klub drückte er Rachel an die Mauer und küsste sie begehrend. Und sie drängte sich an ihn, rieb ihre Brüste an seinem harten Oberkörper. Es gab nur noch das Verlangen, das ungezähmt wie ein wildes Tier in ihr tobte.

„Hör mal ….“ Atemlos schloss sie einen Moment die Augen. „Mein Hotel ist … nicht weit entfernt.

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