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Lichtbringer

Über den Autor

Alexander Lohmann, geboren 1968 in München, studierte nach seiner Ausbildung zum Informatiker Germanistik und Geschichte und war als Redakteur bei Zeitschriften tätig. Die Lektüre des »Herrn der Ringe« weckte schon früh seine Liebe zur Fantasy. Während der 90er-Jahre war er im Fandom aktiv, z. B. als Mitherausgeber eines Fanzines. Seine Vorliebe für spannungsreiche Gegensätze setzt er am liebsten in eigenen Büchern um, wovon die »Gefährten des Zwielichts« und »Der Tag der Messer«, beredtes Zeugnis ablegen.

Wenn Alexander Lohmann gerade kein Buch schreibt, arbeitet er als freier Lektor und Literaturübersetzer in Leichlingen. Weitere Titel des Autors: 28 527 Gefährten des Zwielichts 28 532 Der Tag der Messer

Weitere Titel in Vorbereitung

BASTEI ENTERTAINMENT

Danksagungen und Widmung

Mein Dank gilt wie immer meinen Testlesern, allen voran Linda Budinger, die den Roman von den ersten Arbeitsschritten an begleitet hat. Ferner bedanke ich mich bei Andrea Broichhausen, Marcel König und Jörg Spinger, denen ich dieses Mal besonders viel Hektik zugemutet habe. Und bei Stephan Dierlamm von dierlamm-art.com, vor allem für seine grafische Unterstützung.

Ein ganz besonderer Dank geht außerdem an Torsten Low, der mit seiner Anthologie »Lichtbringer« vorher da war und ohne dessen Zustimmung ich mir für mein Buch einen anderen Titel hätte überlegen müssen … möge dieser erste »Lichtbringer« auch noch viele zufriedene Leser finden.

Widmen will ich diesen Roman meinem Großvater Karl Gerhardts, dessen selbsterfundene Geschichten meine Kindheit begleitet haben, bevor ich noch meine eigenen ausdachte. Ihm verdanke ich meine früheste Prägung als »Geschichtenerzähler«. Und wenn in irgendeinem Winkel dieses Romans etwas zu finden sein sollte, das an Schiffbrüchige auf einer Insel und Piraten erinnert, dann weiß ich zumindest, wo ich das erste Mal von solchen Dingen gehört habe.

Prolog

Leuchmadan erhielt seinen Namen von den Finstervölkern, da er ihnen das Licht von den Sternen auf

die Erde brachte. Doch das war eine Lüge. Zwischen den Sternen ist es dunkel, lichtlos und kalt und

ohne Leben. Wir müssen es wissen.

Denn auf der Flucht vor Leuchmadan haben wir uns aufgemacht, um in den Schatten hinter der Welt

Zuflucht

zu finden - und den Ort seines Ursprungs. Dort wollen wir Leuchmadans Wesen ergründen und

unsere Heimat von

der Finsternis befreien.

Denn das Licht von den Sternen ist eine Lüge.

Mit Leuchmadan kam die Dunkelheit zu uns, und jetzt, da wir mit der letzten Insel unverfälschten

Lebens zwischen den Sternen treiben, sehen wir auch, woher sie kommt.

Die Finsternis lebt im Abgrund jenseits der Welt, und Leuchmadan ist ein Teil davon.

Wir haben das Licht gesucht,

aber hier werden wir es nicht finden.

TEIL 1

DAS VERLORENE PARADIES

1

Der Tag der Scherben - Im 8. Jahr vor Gründung der Union eröffnete die Allianz der Freien Völker die Offensive gegen das Reich von Falinga mit einem folgenschweren Angriff Gulbert, der Führer der Allianz, befahl den Einsatz der neu entwickelten Nukleonenwaffe gegen den stark befestigten Scherbenpass.

Zunächst sprach alles für einen Erfolg. Die Bomben vernichteten nicht nur die Festungen der »Finstervölker«, sie zerschmetterten sogar die Berge rings um den Pass. Doch die Strahlung war so stark, so schwer die Verwüstung, dass die bereits in Opponua aufmarschierten Truppen die entstandene Bresche nicht wie geplant für ihren Vormarsch nutzen konnten.

Der Feldzug wurde erst im nächsten Jahr wieder aufgenommen und entwickelte sich zu einem zermürbenden Stellungskrieg, wie er entlang von Leuchmadans Zinnen von jeher üblich gewesen war. Der Einsatz der Bombe schien keinen Unterschied zu machen. Erste Anzeichen rings um den Pass, Veränderungen in der Vegetation, schrieb man der Strahlung zu.

Es sollte Jahre dauern, bis man erkannte, dass die Schäden sich immer weiter ausbreiteten. Als man bemerkte, dass mehr dahintersteckte als die Auswirkungen der Nukleonenbombe, hatte das verseuchte Land sich schon bis weit nach Bitan hinein ausgebreitet.

Aus: »GESCHICHTE DER UNION«, VON TENDOR ISTARIOS,

PROF. EM. DER POLITISCHEN AKADEMIE ZU OPPONUA

1. Tag des Lichtmonds, im 282. Jahr

nach Gründung der Union

Der Zug rollte den Scherbenpass hinab, und vor den Fenstern des Abteils erstreckte sich, so weit das Auge reichte, eine wüste Landschaft aus gebrochenem Fels und grobem Geröll. Die hohen Berge in der Ferne gerieten immer wieder außer Sicht, verborgen hinter Hügeln von zertrümmertem Gestein, das an diesem Ort bis tief ins Mark der Erde geborsten war.

Frafa die Nachtalbe blickte hinaus, betäubt vom gleichförmigen Auf und Ab der grauen Steinhalden und dem Schlagen der eisernen Räder auf den Gleisen. Es schlug ihr bei jeder Reise aufs Gemüt, wie leblos diese Landschaft war. Der Scherbenpass trug seinen Namen zu Recht, befand sie, obwohl sie sich noch an die scharfzackigen Grate erinnerte, die einst als »die Scherben« bekannt gewesen waren.

Bei der Abfahrt in Opponua hatte sie ein Buch gekauft, zeitgenössische bitanische Lyrik, aber sie hatte keinen Zugang gefunden, und der Band lag nun schon seit Stunden aufgeschlagen auf ihrem Schoß. So ging es ihr seit Jahren mit jedem Buch, das sie in die Hand nahm: Irgendwann legte sie es ermüdet fort und nahm es nicht wieder auf.

In Vordermark, dem ersten Ort hinter dem Pass, betrat ein weiterer Fahrgast das Abteil: ein Bitaner mit vorgewölbtem Bauch, in einer dunklen Weste über dem weißen Hemd und in spitzen Stiefeln. Seine ganze Kleidung war silbern verziert, auch die Stiefel und der breitkrempige Hut. Nach einem flüchtigen Blick wandte Frafa sich wieder zum Fenster hin. In der Scheibe konnte sie das Spiegelbild des Mannes betrachten, ohne den Blick auf ihn zu richten.

Der Mensch blieb in der Türe stehen, zog umständlich sein Billett aus der Tasche, schaute zu Frafa, runzelte die Stirn, schaute auf seine Fahrkarte und dann wieder zu Frafa. Schließlich stieß er einen grunzenden Laut aus, der wohl eine Begrüßung gewesen sein mochte, und wuchtete seinen kleinen Koffer auf das Gepäcknetz ihr gegenüber. Er ließ sich auf den mittleren Platz fallen und streckte ächzend die Beine aus.

»Eine Unverschämtheit«, knurrte er, an niemand Bestimmten gewandt, »dass sie die Strecke durch den Scherbenpass gelegt haben. Die Eisenbahn hat dabei ordentlich Geld gespart, aber ich muss zweihundert Kilometer Umweg im Kolbenbus fahren, wenn ich mich nicht vergiften lassen will.«

»Es ist fast dreihundert Jahre her, seit die Bomben fielen«, antwortete Frafa. »Die Strahlung war bereits harmlos, als die Schienen verlegt wurden.«

Der Bitaner musterte sie, bis Frafa seinen Blick erwiderte. Dann sagte er: »Harmlos für finsteres Gelichter vielleicht. Darum habt ihr den Pass wohl gesprengt: damit die anständigen Menschen vergiftet werden, wenn sie über die Berge kommen.«

Frafa schenkte dem Bitaner ein feines Lächeln. »Wenn ich mich recht erinnere«, sagte sie, »haben die Bitaner diese Nukleonenwaffen gebaut und eingesetzt. Weil sie eine Bresche schlagen und in unser Land einfallen wollten.«

Der Mensch machte eine wegwerfende Handbewegung. »Augenwischerei. Ihr Finstervölker habt uns dazu gebracht. Wenn man wissen will, wer die Verantwortung trägt, sollte man schauen, wer den Gewinn einstreicht, so heißt es bei uns. Und wer hatte den Gewinn? Erst sickerte euer Gift in unseren Boden, und gleich hinterher kamen die Finstervölker und raubten unser Land. Eine Verschwörung vom Anfang bis zum Ende.«

Es summte, und der Bitaner zog einen flachen bernsteingelben Gegenstand aus seiner Westentasche. Ein Phonofor, eine tragbare Gesprächsverbindung. Der Mensch hielt sich mit der Linken das Gerät ans Ohr, während er mit der Rechten an dem Zierstein herumspielte, der die Lederschnur um seinen Hemdkragen schloss.

»Ah, Medan … Ja, bin wieder da. Vier Stunden in diesen verfluchten Finsterzinnen ohne Empfang. Muss mir einen besseren Portalanbieter suchen …«

Frafa seufzte und schaute wieder aus dem Fenster. Die Welt war lauter geworden, seit jeder Gossenkehrer über öffentliche Portale Zugang zum Nexus hatte. Frafa erinnerte sich an eine Zeit, als jene eigentümliche Struktur im Äther nur wenigen Magiebegabten zugänglich gewesen war - und die hatten Besseres zu tun gehabt, als Worte hindurchzuschicken und miteinander über Belanglosigkeiten zu schwatzen …

Nun. Frafa lächelte bei der Erinnerung. Nicht immer.

»… zehn pro Hufe? Was glauben die, worauf sie da sitzen? Bitanische Fettweiden? Vier, und das ist schon zu viel. Eine halbe Wüste, das Land hier. Die sollen froh sein, wenn sie überhaupt einen Käufer finden!«

Draußen ging es auf die Mittagsstunde zu. Schon das wenige Licht, das seitlich an ihrer Sonnenbrille vorbeidrang, stach Frafa in die Augen. Sie schlug das Buch zu und warf es auf das Gepäcknetz. Dann schloss sie die Vorhänge.

Nur eine Minute später beendete der Bitaner sein Gespräch. Er ließ das Phon auf das Tischchen neben sich fallen, beugte sich zum Fenster und riss den Vorhang wieder auf. »So ein Pack«, knurrte er in Frafas Richtung. »Die Menschen in diesem Land sind selbst halbe Finsterlinge geworden. Muss man aufpassen wie ein bitanischer Herdenhund. Berge von Schulden haben sie. Aber sind sie dankbar, wenn ihnen jemand noch ein paar Goldlöwen für ihren wertlosen Boden gibt? Nein! Die würden ihre Wohltäter am liebsten über den Tisch ziehen, sobald man ihnen eine Hand reicht!«

Frafa biss die Zähne zusammen. Die Worte trafen sie tief, auch wenn sie seit sechshundert Jahren nicht mehr die Verantwortung für das Land trug. Dumm. Sie rang die Empfindung nieder und versuchte, ruhig zu bleiben.

»Verzeihung«, sagte sie zu dem bitanischen Landaufkäufer. »Könnten Sie die Vorhänge vielleicht geschlossen halten? Das Licht verursacht mir Kopfschmerzen.«

»Und?«, rief der Bitaner. »Was kann ich dafür? Gutes, ehrliches Sonnenlicht. Weiß auch nicht, warum sie heutzutage Finsterlinge zu ehrbaren Menschen in die Erste Klasse setzen. Soll die Bahngesellschaft doch einen Viehwagen hinter die Lok hängen, ohne Fenster, dann bleibt jeder für sich und alle sind zufrieden.«

Der Bitaner grinste Frafa herausfordernd an. Seine Goldzähne funkelten. Lässig hatte er die Hände am Westenschlag.

Frafa stieß die Luft zwischen den Zähnen hervor. »Sie sollten«, erwiderte sie gepresst, »Ihre Worte bedächtiger wählen. Immerhin sitzen Sie in einem Zug nach Daugazburg, in die Hauptstadt aller Finstervölker. Da werden Ihnen womöglich Leute begegnen, die solche Grobheiten übel nehmen.«

»Na und?« Der Bitaner schob das Kinn vor. »Verklagen Sie mich doch!«

Frafa legte die Fingerspitzen aneinander und musterte ihr Gegenüber. »Sie sollten sich mehr Sorgen um diejenigen machen, die nicht die Geduld für eine Klage aufbringen.«

»Ah!«, sagte der Bitaner. »Sie wollen mir mit Ihrer Magie drohen? Da gibt es Gesetze gegen. Und anderes.«

Mit einer lockeren Bewegung öffnete er die Weste. Zwei kleine Revolver mit silberbeschlagenem Griff steckten in Halftern unter den Achseln. Der Bitaner klopfte auf die Waffe an seiner linken Seite.

»Natürlich reise ich nicht ungeschützt in die Provinz. Eine Kugel fliegt schneller als ein Zauber. Finden Sie sich damit ab, Gnädigste. Die dunklen Tage sind vorbei. Niemand fürchtet mehr die tückische Hexerei von Nachtalben. Das Zaubervolk hat sich überlebt und ist nur noch ein lästiges Ärgernis für ehrbare Leute. Wie Ungeziefer. Man wird es nicht los, aber außer dem Ekel hat man keinen großen Schaden davon.«

Frafa starrte ihn immer noch an. Hinter den dunklen Gläsern konnte er ihre Augen nicht sehen, und Frafa stellte sich vor, wie ihr Blick ihm sein selbstgefälliges Grinsen aus dem Gesicht wischen würde. Was bildete dieser Narr sich ein? Sie war Frafa, Meisterin des Lebens, und sie konnte ihm Krankheiten und zehrende Geschwulste in den Leib setzen, ohne dass man je die Spur zu ihr zurückverfolgen konnte. Was halfen ihm seine Gesetze, wenn niemand das Verbrechen sah? Und was halfen ihm seine Waffen, wenn er nicht einmal bemerkte, wie sie zauberte?

Frafa ließ ihren Geist ausgreifen, ertastete den Körper des Bitaners mit ihrer magischen Aura. Sie fühlte sein Leben, das Innere seines Leibes. Sie spürte Gold, transmetabolische Membranen … Erschrocken zuckte sie zurück.

Ihr war übel.

Fahrig griff sie nach ihrer Handtasche, murmelte etwas Unverständliches und floh auf den Gang. Sie schlug die Tür hinter sich zu und lief einige Meter weiter, bis der Mensch sie nicht mehr sehen konnte. Dann lehnte sie die Stirn gegen die kühle Außenwand und schloss die Augen.

Alchemistische Applikationen.

Frafa klemmte die Ledertasche gegen den schmalen Sims vor sich und wischte sich die Hände an ihrem schillernden grünen Kleid ab. Sie hatte das Innere des Bitaners nur allzu deutlich wahrgenommen, den Zerfall, die Krankheit. Der Landaufkäufer mochte fünfzig Jahre alt sein, und er hatte schon sein Herz und seine Leber eingebüßt. Ärzte hatten sie durch künstliche Organe ersetzt. Frafa hatte auch gespürt, wie der Unrat in den Blutgefäßen sich in seinen Arterien festsetzte, die Venen sackartig erweiterte. Verklebte Lungenflügel, poröse Adern im Gehirn, Magengeschwüre … Frafa fühlte sich so schmutzig, als wäre sie in einen Aussätzigen getaucht.

Oder in einen Toten.

Sie konnte nicht glauben, dass sie ernsthaft darüber nachgedacht hatte, diesen Menschen zu töten. Es waren so zerbrechliche, kurzlebige Geschöpfe, diese Menschen. Voller Krankheit, ohne dass es eines Zaubers bedurfte. Und dieser Bitaner hatte seinen Leib bereits ebenso vergiftet, wie er seine Umgebung mit Worten verschmutzte. Er war die Mühe nicht wert.

Frafa empfand Mitleid mit dem Mann, und sie schämte sich für ihre Wut und dafür, dass sie beinahe die Beherrschung verloren hatte. Vielleicht lag sogar ein Körnchen Wahrheit in seinen Worten.

Frafa erinnerte sich an die frühen Tage der Union, als es undenkbar gewesen war, dass Nachtalben und Bitaner im selben Abteil reisten. Damals hatten die menschlichen Bahngesellschaften kein Finstervolk in der Ersten Klasse geduldet. Frafa wäre unter ihresgleichen geblieben, unter Goblins und Gnomen und Vampiren in der Dritten Klasse, wo man ihr zumindest Respekt erwiesen hätte, nicht unter reichen und mächtigen Menschen, mit denen sie in den letzten Jahrhunderten viel zu oft verkehren musste.

War ihr Platz bei den Völkern, die sie jahrhundertelang regiert hatte, oder bei jenen, die an der Spitze eines Volkes standen?

Frafa blieb auf dem Gang, während der Zug durch die weite Ebene auf Daugazburg zuraste. Sie fühlte das Land dort draußen - ihr Land. Das schwache Leben im kargen Boden, vereinzelt etwas Vieh und ärmliche Weiler. Dörfer mit viel zu wenig Einwohnern … Vor achthundert Jahren waren es Städte gewesen!

Vor achthundert Jahren, als sie Kanzlerin von Falinga gewesen war. So lange war das her, und so oft hatte sich seither alles verändert, dass selbst die Veränderung eintönig wirkte.

Die Bremsen kreischten. Wie von einer Riesenfaust gestoßen, wurde Frafa durch den Gang geschleudert. Sie streckte die Hände nach den Griffen aus, bekam jedoch keinen zu fassen, prallte gegen eine Abteiltür und fiel auf die Knie. Sie stieß sich den Kopf an der Heizungsleiste.

Die Bremsen schrillten noch immer. Frafa raffte sich wieder auf. Der Schmerz in den angeschlagenen Gliedmaßen verging, ihre Prellungen heilten binnen eines Herzschlags. Schorf löste sich von einer Platzwunde, die sie sich bei dem Sturz zugezogen hatte und die schon wieder zugewachsen war. Rufe mischten sich unter das Wimmern gequälten Metalls, und vorn aus dem Zug hörte Frafa einen lauteren, gemeinschaftlichen Aufschrei aus den besser besetzten Wagen der zweiten und dritten Klasse.

Magie zupfte am Rande ihrer Wahrnehmung, eine Aura, die nicht in diese Landschaft passen wollte. Es war Leben, ja, Leben! Leben in einer Fülle, wie sie zwischen Daugazburg und dem Scherbenpass nirgendwo zu finden sein sollte.

Frafa tastete sich verwirrt den Korridor entlang, vorbei an einem weiteren dreisitzigen Erste-Klasse-Abteil, in dem eine Menschenfrau von ihrem Sitz gerutscht war und zwischen Mann und Kind gegenüber auf dem Boden saß. Bevor der Zug hielt, stand Frafa schon am nächsten Ausgang und rüttelte an dem Griff. Das Geschrei aus den anderen Wagen schwoll an, und in der Ferne hörte sie ein Donnern, ein Dröhnen wie von einem Erdbeben.

Menschen drängten in den Gang. Frafa sah einen gut gekleideten Vampir im Hintergrund stehen, der sich mit der Hand den Hut tief ins Gesicht zog und versuchte, sich unauffällig zu verhalten. Es klickte unter ihrer Hand, und die Zugtür sprang auf. Die Menschen flohen in Panik. Frafa gab eilig den Weg frei und stieg aus.

Reisende strömten überall über die Bahngleise. Frafa erkannte weitere Alben unter ihnen, dazu Nachtmahre, Gnome und Goblins, vereinzelte Zwerge und Elfen. Der Wagen Erster Klasse hing hinten am Zug, hier liefen nur einige wenige Fahrgäste über die benachbarten Gleise. Aber rings um die Wagen davor drängten Trauben von Passagieren hinaus in die Ebene. Viele eilten an den Gleisen entlang nach hinten, so weit fort von der Lok wie möglich - die großen Schwungräder der Zugmaschine waren mit Thaumagel gefüllt, und jedes Leck, jeder Tropfen, der herausspritzte und ein lebendes Wesen traf, konnte tödlich sein.

Frafa presste sich gegen den Zug und bahnte sich einen Weg nach vorn, um zu sehen, was dort vor sich ging. Jenseits der Menschenmenge zucken Blitze, es donnerte. Rauchwolken stiegen vor dem Zug auf, ein gutes Stück entfernt, Erdbrocken spritzten in Fontänen himmelwärts. Explosionen oder Einschläge - ein Angriff!

Frafa blieb entsetzt stehen. Als sie mit dem Blick ganz unwillkürlich dem Feuer und der hochgeschleuderten Krume folgte, sah sie den fliegenden Wald - eine riesige Insel von Grün mit einem dicken Klumpen von Mutterboden und Wurzelwerk darunter, die scheinbar schwerelos weit voraus neben den Gleisen schwebte.

Auf ihren Reisen hatte Frafa die fliegenden Waldstädte der Elfen schon oft gesehen, vor allem in Bitan. Aber niemals waren sie so tief geflogen, dass ihr Schatten die Mittagssonne verdunkelte, und noch nie hatte Frafa erlebt, dass die Elfen von dort aus Ziele in der Union angriffen!

Langsam trieb der Wald an den Schienen entlang auf den Zug zu. Frafa spürte keine Magie zwischen der fliegenden Insel und dem Erdboden, und im dichten Qualm und dem aufgeschleuderten Geröll konnte sie auch keine Geschosse ausmachen. Aber es war ein Angriff, ganz unzweifelhaft. Im Schatten unter der Insel stiegen Feuersäulen auf, und das Donnern der Explosionen wurde ohrenbetäubend.

Frafa zögerte kurz, dann lief sie weiter. Je näher sie zur Spitze des Zuges kam, umso verlassener wurde es um sie. Die Fahrgäste fürchteten die Lok noch mehr als die fliegende Insel und den Feuersturm, der darunter tobte. Nur ganz wenige Neugierige, Wagemutige oder Wahnsinnige blieben zurück. Sie suchten Deckung bei den Wagen, kauerten neben dem Bahndamm oder liefen ein Stück die Schienen entlang, um das Schauspiel besser betrachten zu können. Viele von ihnen machten Bilder, während die Erde sich vor ihnen aufbäumte und Feuergarben auf sie zupflügten und Erdschollen Hunderte von Schritten emporspritzten, bis sie fast die Krume des Waldes zu berühren schienen.

Zwei Lokführer in blau-grau gestreifter Uniform kamen aus dem Führerhaus, gerade als Frafa die letzte Koppelung erreichte. Sie warfen der Albe einen kurzen Blick zu, zögerten, dann liefen sie weiter. Sie riefen den Menschen, die zu dicht bei den Gleisen verharrten, eine Warnung zu.

Am schimmernden, wuchtigen Leib der Lokomotive blieb Frafa stehen. Der gepanzerte Koloss maß fünfzehn Doppelschritt von der Führerkabine bis zur Spitze und ragte auf beiden Seiten weit über das Gleisbett hinaus. In der Mitte hatte die Lok eine Höhe von vier Doppelschritt, und die zwei halbkreisförmigen Aufbauten, unter denen sich die thaumakinetischen Schwungräder verbargen, ragten fast noch einmal so hoch darüber hinaus. Frafa berührte das Zugfahrzeug, das neben ihr stand wie eine Festung und das doch leicht zur tödlichen Bedrohung werden konnte.

Der Wald war ein gutes Stück entfernt, zwei, drei Braza, schätzte Frafa. Aber genau konnte sie es nicht sagen. Er war so gewaltig, dass sein Flug allen Gesetzen der Natur Hohn zu sprechen schien. Aus der Ferne sah sie einzelne Bäume, Urwaldriesen, die eigentlich fest im Boden verwurzelt sein sollten und ganz gewiss nicht nach Falinga gehörten!

Ein Feuerball erglühte über dem Bahndamm, erfasste alle sechs Gleisspuren zugleich. In diesem Feuerball bogen sich die Schienen, bäumten sich rotglühend auf wie Riesenschlangen und verbrannten. Der Gestank nach Rauch und nach glühendem Stahl lag in der Luft, Schutt und kleine Steine regneten vom Himmel, prasselten wie feiner Hagelschlag auf Lok und auf Wagendächer. Die Waldinsel trieb scheinbar schwerelos über dem Inferno, kam näher wie vom Wind getragen.

Frafa musste sie aufhalten!

Sie streckte die Sinne aus, spürte das Leben der Bäume, tastete, wie die Wurzeln sich im fliegenden Erdreich verbanden, wie sie Kraft und Macht leiteten …

Ein neues Geräusch riss sie aus ihrer Versenkung. Ein Brausen in der Luft.

Erst jetzt wurde Frafa bewusst, dass die hämmernden Einschläge verstummt waren. Das Land vor dem Zug brannte, in tausend kleinen Feuern, die in dem spärlichen Bewuchs kaum Nahrung fanden und zuckend und knisternd einen Ausweg aus dem aufgewühlten Schlachtfeld suchten. Und hinter dem Qualm kam das Brausen heran, zog über den fliegenden Wald hinweg…

Odontopter.

Die Fluggeräte schossen aus der Rauchwolke hervor und wendeten über der unversehrten Landschaft neben den Gleisen. Ihr Rumpf erinnerte vage an eine Libelle, er war grau und lang gezogen und wies vorne eine Verdickung auf, wo der Pilot und der Antrieb untergebracht waren. Im Augenblick waren die vier Flügel festgestellt, und die Maschinen flogen mit den Turbinen und in höchster Geschwindigkeit. Es dröhnte, ein Windstoß blies über die Eisenbahnwagen und durch Frafas Haar, als die Odontopter abschwenkten. Unwillkürlich zog sie den Kopf ein.

Die Odontopter sackten ein wenig ab, und die durchscheinenden Flügel begannen zu zittern. Die Piloten drosselten die Turbinen, und die Flieger wurden langsamer und schwirrten bald in reinem Flügelbetrieb. Aus dem Brausen wurde ein dumpfes Summen, und in weitem Bogen nahmen die Odontopter die riesige Waldinsel in die Zange. Frafa zählte vier von den Fluggeräten, aber womöglich waren noch mehr davon hinter dem Wald und in den dichten Qualmwolken verborgen.

Gleißende Punkte sausten von den Flugmaschinen fort und in langen Ketten phosphorstrahlend auf Bäume und Laubwerk zu. Sie zerbarsten, hundert Schritte von ihrem Ziel entfernt. Feuerfunken zeichneten die Umrisse einer unsichtbaren Blase nach, die den ganzen Wald zu umgeben schien. Die Elfen schützten ihre fliegende Insel mit einem Kraftfeld.

Ein Feuerschweif löste sich von einem der Odontopter, verharrte einen Moment vor dem Fluggerät, dann schoss er unvermittelt los und zerbarst nach kurzem Flug ebenfalls an dem Schutzkreis. Feuer leckte über das Kraftfeld, von der Magie der Elfen auf Abstand gehalten.

Die Odontopter feuerten weitere Raketen ab, die gegen das Schutzfeld hämmerten. Die Blase bekam allmählich Risse. Wer auch immer im fliegenden Wald unter dem dichten Blätterdach seine Magie wirkte, er konnte nicht alle Angriffe abwehren. Wo die Explosionen eine Lücke fanden, stachen Feuerlanzen hindurch. Aber sie verblassten und verloren an Kraft, ehe sie die Bäume erreichten. Phosphorgeschosse verschwanden zischend in den Blättern. Winzige Rauchfahnen kräuselten sich zwischen Bäumen hervor, kaum zu sehen durch den Staub und durch den Qualm rings um das Gleisbett.

Die Elfen erwiderten den Beschuss. Feuerkugeln stiegen von den Bäumen auf, drangen durch das Laub, ohne Spuren zu hinterlassen. In der Luft strahlten sie mit einem Mal heller. Sie beschleunigten, rasten knisternd auf die Odontopter zu.

Ohne ihre Turbinen, nur im Flügelbetrieb, waren die Odontopter langsamer, aber dennoch beweglich. Sie blieben in der Luft stehen, änderten abrupt die Richtung oder flogen rückwärts, um den Lichtgeschossen auszuweichen. Die aber wirbelten herum und verfolgten ihr Ziel, bis sie langsam verblassten. Weitere Feuerbälle stiegen aus dem Wald, und bald schwirrten rings um die fliegende Insel Kugelblitze, Phosphorgeschosse, Raketen und summende Flugmaschinen in einem bizarren Tanz durcheinander.

Frafa schaute in das blitzende Feuergefecht und presste die Lider zusammen. Rote Funken flimmerten ihr vor den Augen. Die Kriegsodontopter aus Daugazburg fanden inzwischen kaum noch Zeit, den massiven Beschuss zu erwidern, und ihre Vorräte an Raketen gingen zur Neige. Frafa musste wieder eingreifen.

Sie duckte sich hinter die Lokomotive, doch sie zuckte zurück vor der Berührung. Fester Stahl, und die Schwungräder waren mit einer zusätzlichen Panzerung von Skermakial überzogen, doch darunter lauerte der Tod. Konnte sie dieser Deckung trauen? Sie war sich nicht sicher, ob die Lok einer verirrten Phosphorgranate oder gar dem Aufprall einer abstürzenden Flugmaschine standhielte.

Keine Zeit für solche Sorgen.

Wieder griff Frafa mit ihrer Aura aus, warf sie mit einem kühnen Schwung durch den Äther hinan. Sie ertastete Baumriesen und weit verzweigte Wurzelgeflechte, die pulsierten vor Magie. Dazwischen verwoben eine Unzahl von kleinerem Leben: Farne und Sträucher und Gräser; Ranken und Blumen; Waldtiere - und Elfen, Hunderte, die Bewohner des fliegenden Waldes. Frafa erspürte sie alle.

Nur einen Moment lang schmeckte sie die Eindrücke, dann schob sie alles von sich fort und konzentrierte sich auf das Wesentliche: auf die Bäume! Die großen Bäume der Waldinsel bildeten einen vielfach verflochtenen Organismus, der das ganze Gebilde zusammenhielt. Ihr Wurzelwerk trug den Boden, auf dem alles wuchs. Ihre lebendige Aura leitete die Magie, speicherte sie, ließ den Wald fliegen, hielt den Schutzschild aufrecht, gab den Bewohnern Kraft für die magischen Angriffe …

Frafa teilte ihre eigene Aura tausendfach und ließ sie in das Wurzelwerk sickern. Ihr Geist schlich durch die feinen Bahnen in den Stämmen empor, lenkte Magie um, hielt hier einen Strom an Kraft auf, löste dort eine Verbindung. Ganz allmählich schwächte sie den Zusammenhalt des Waldes. Erde rieselte unten zwischen den Wurzeln hervor und fiel herab wie ein Sturzregen von geronnenem Blut. Geschosse von den Odontoptern, die nicht auf die Bäume zielten, sondern auf den Grund darunter, fanden ihr Ziel und rissen große Stücke Mutterboden und Wurzelteile heraus. Denn während die Elfen oben zauberten, unterhöhlte Frafa das Netz von Magie unter deren Füßen und grub dort Lücken in den Schutzschirm.

Dann stieß sie auf Widerstand. Eine andere denkende, zielgerichtete Essenz stellte sich ihr in den Weg. Frafa wich geschickt aus, wie ein Schädling, der an den Wurzeln nagte und sich nicht fassen ließ. Der Widerstand wuchs. Immer weitere Präsenzen machten Jagd auf sie im magischen Flechtwerk des Elfenwaldes, beseitigten hinter ihr die Schäden, peinigten ihren Geist und schnitten Glieder von dem vielarmigen Selbst, in das Frafa ihre Aura verwandelt hatte. Die Elfen hatten sie entdeckt.

Sie zog sich zurück, bündelte Kräfte, wich hierhin und dorthin aus, zog ihre Geistarme wieder an sich. Zaghaft tastete sie nach der Essenz ihrer Verfolger. Sie spürte erst sechs, dann achtzehn und schließlich vierzig Gegner auf ihrer Fährte, Elfenmagier von unterschiedlicher Kraft und Erfahrung. Frafa studierte sie, während sie kämpfte, und bald war sie überzeugt, dass die bedeutsamsten Zauberer des fliegenden Waldes an diesem magischen Duell beteiligt waren.

Der Wald war deren Heimat und deren Schöpfung. Sie kannten ihn, und sie hatten das magische Geflecht, das ihn zusammenhielt, für ihre Zwecke vorbereitet. In einem erbitterten Gefecht drängten die Elfen die Nachtalbe zurück, die so dreist in das Herz ihrer Zuflucht eingedrungen war. Die Wunden, die Frafa geschlagen hatte, schlossen sich wieder, kaum dass ihr nagender Geist davonwich -der Wald und seine Magie war ein zauberisches, lebendes Geschöpf und heilte sich selbst.

Frafa floh, nicht zurück durch den Äther in ihren Körper, sondern immer weiter ins Elfenheim. Höher und höher floh ihre Aura die Wurzeln empor, in die Stämme, während die Elfen Frafas Geistarme kappten und sie vor sich hertrieben.

Dann saß der Kern von Frafas Sein in einem gewaltigen Stamm des fliegenden Waldes gefangen. Doch da riss sie alle noch ausgreifenden Stränge ihrer Essenz wieder an sich. Sie bündelte ihre Aura zu einem einzigen Zauber. Krankheit und Fäulnis schossen wie ein Blitz durch das Holz, die Säfte des Urwaldriesen verkochten in einem Ansturm wilder Magie. Und draußen, in der grobstofflichen Welt, riss der Stamm auf, barst vier Schritte über dem Boden und spie faulige Splitter in das Unterholz.

Frafa hatte den Ort sorgsam gewählt, an dem sie all ihre ausgesandten Kräfte wieder vereinigte: Im Umkreis dieses Stammes saßen die mächtigsten ihrer Gegner. Während der Geist dieser Elfen in den Tiefen des arkanen Spektrums tastete, ging über ihren Leibern eine gewaltige Eiche nieder. Frafas Macht bohrte sich tiefer in den todgeweihten Baum, spaltete ihn bis hinauf in die Krone. Der Stamm schüttelte seine Äste ab, zerbrach in Stücke und krachte hinterher. Frafas Geist raste da schon wieder in den Stumpf hinab und weiter in die Wurzeln.

Ihre stärksten Gegner waren abgelenkt, und die anderen konnten ihrer Macht nichts entgegensetzen. Während die Elfen schwankten, setzte Frafa ihnen nach. Wieder faserte ihre Aura aus, in vierzig starke Arme diesmal. Sie fiel den zurückweichenden Feinden in den Rücken und folgte den Verbindungen, die die Zauberer selbst geschaffen hatten, von der arkanen Welt bis in ihren Körper. Es verging kaum ein Wimpernschlag von dem Augenblick, da der Baum fiel, bis zu Frafas Gegenangriff -nur ein Wimpernschlag, in dem die Elfen schwankten und sich neu ausrichteten. In diesem Wimpernschlag war Frafa über ihnen, in ihnen, mit einer Aura, die noch immer aufgeladen war mit der Magie von Tod und Vernichtung.

Frafa spürte den Aufschrei, den Schmerz ihrer Gegner. Nach einer kurzen Berührung zuckte sie zurück und war wieder im Wald. Allein. Die Zauberer, die ihr eben noch widerstanden hatten, waren nicht mehr da. Sie starben oder waren tot oder kümmerten sich um das, was Frafa in diesem einen Augenblick in ihren Körpern angerichtet hatte.

Solange die Elfen damit abgelenkt waren, vollzog Frafa in rasender Geschwindigkeit all jene Wege nach, die sie vorher im Kampf erkundet hatte. Sie faserte auseinander, raste die Wurzeln zurück, vom Stamm bis zum feinsten Wurzelhaar. Sie löste und hemmte, sie entzwirbelte und verknotete, während sie sich zurückzog, und spulte all die Strukturen der Magie ab, die in diesem Moment niemand mehr schützte und pflegte.

Und dann war sie wieder zurück, in ihrem Leib bei der Lokomotive. Sie blickte auf.

Der fliegende Wald schwebte immer noch dort, wo sie ihn zuletzt gesehen hatte, zwei Braza schräg vor dem Zug und einen halben Braza über dem Boden. Die Wurzeln hingen jetzt herunter wie tote Würmer, ihr feines Geflecht auseinandergerissen. Erde löste sich in großen Brocken. Keine Lichtkugeln schwebten mehr durch die Luft. Die Odontopter summten wie wütende Hornissen über den belaubten Kronen, und ihre Geschosse schlugen ungehindert zwischen die Bäume.

Stichflammen verzehrten das Blattwerk und schossen hoch über die Wipfel. Der fliegende Elfenwald brannte. Weitere Raketen schlugen an der Seite ein, und Feuerzungen leckten von einem Ende des Waldes bis zum anderen.

Während Frafa sich erschöpft an die Leiter lehnte, die zum Führerhaus der Lok emporführte, stürzten vor ihr die brennenden Bäume vom Himmel, ein Feuerregen, der eine große Stadt unter sich hätte begraben können. Hundert Schritt hohe Stämme fielen lodernd wie feurige Säulen durch eine Wolke von Qualm und Dreck, bis nichts zurückblieb als ein gewaltiger Brand, der die Schienen unter sich begrub.

Frafa atmete durch. Selbst auf die Entfernung spürte sie die Hitze des Feuers auf der Haut. Jetzt wäre es an der Zeit gewesen, die Reisenden zusammenzusuchen, die Lokführer zurückzuholen und den Zug einige Braza zurückzusetzen, damit sie alle in Sicherheit wären. Aber Frafa fühlte sich zu schwach. Seit Jahrzehnten hatte sie kaum mehr einen Zauber wirken müssen, und in dem Jahrtausend, das sie lebte, hatte sie noch nie an einer Schlacht teilgenommen, die eine solche Zaubermacht erfordert hätte.

Ein leises Lächeln schlich sich auf ihre Züge, ein Hauch von Euphorie, der gewiss ihrer Schwäche geschuldet war.

Ein einmaliges Ereignis!

Der Gedanke ernüchterte sie. Das hier war mehr gewesen als eine einmalige Gelegenheit, ihre Magie zu erproben. Es war ganz unerhört und beunruhigend!

Frafa wusste, dass die Elfen mit der Politik der Union unzufrieden waren. In ihren fliegenden Wäldern flohen sie vor dem Blut der Erde, das sich immer weiter ausbreitete auf dem Kontinent, und oft genug hatten sie den Menschen vorgeworfen, dass diese den Kampf gegen die Verseuchung des Bodens, der doch in ihrem Bündnis mit den Finstervölkern fest vereinbart worden war, nicht mit der notwendigen Tatkraft führten. Frafa hatte von Anschlägen gehört, die in den bitanischen Provinzen von Elfen verübt worden waren. Von Übergriffen zwischen Elfen und Menschen; von Auseinandersetzungen über die Flugwege der magischen Wälder.

Doch dies war das erste Mal, dass die Elfen eine ihrer fliegenden Inseln in die Lande der Finstervölker gelenkt hatten, um dort einen Terroranschlag auszuführen.

War das nun ein einmaliges Ereignis - oder ein erstmaliges? Nach diesem Wahnsinn, der hier geschehen war, wer wusste, was darauf folgen würde?

2

Formbein - Ein Sammelbegriff für feste Substanzen aus organischer Materie, die sich unter Druck und Hitze in beliebige Formen pressen lassen. Formbein wird meist aus pflanzlichen Rohstoffen gewonnen, die durch alchemistische Verfahren verflüssigt und destilliert werden.

Die Herstellung von Formbein ist mit einem gewissen Aufwand verbunden, doch da als Ausgangsmaterial Abfallprodukte verwendet werden können und wegen der vielfältigen Bearbeitungsmöglichkeiten, erfreut sich der Stoff in der Fertigung dennoch einer steten Beliebtheit. Inzwischen sind zahlreiche Varianten mit unterschiedlichen Materialeigenschaften entwickelt worden. Manche Hersteller werben damit, dass ihre Formbeinvarianten es mit der Festigkeit von Stahl aufnehmen können.

Die Bezeichnung »Formbein« oder auch »künstlicher Knochen« geht vor allem auf die weiße bis schmutzig graue Färbung zurück, die zu Anfang im Herstellungsprozess als angestrebtes Ziel für die Grundsubstanz galt - nicht zuletzt, um einen neutralen Ausgangszustand für die künstliche Färbung des Endprodukts zu schaffen. Alternative Bezeichnungen wie »künstliches Holz« beschrieben zunächst nur einzelne Endprodukte, wurden im Handel allerdings rasch als Begriff für die gesamte Stoffklasse übernommen, da die Assoziation mit »Knochen« vielfach als unvorteilhaft empfunden wird.

Aus: »TECHNIKLEXIKON«, VON ISKWELZA VON DAUGAZBURG

Drei Tage zuvor, im äußersten Westen von Bitan

Der schäbige Stehimbiss lag in einem Altbau in Marikantos. Die Decke war hoch, das dunkle Mauerwerk zeigte sich überall unter dem abbröckelnden Putz, und die wenigen Gäste hielten den Kopf gesenkt und kümmerten sich nicht umeinander. Regen schlug gegen die große Scheibe, die innen von einem dicken Film überzogen war, sodass man fast nicht hindurchsehen konnte.

Bloma der Gnom stand seinem Lieferanten gegenüber, einem Elfen mit strähnigem blonden Haar, eingefallenen Wangen und einer spitzen Nase. Der Kerl hatte sich einen Tisch im hintersten Winkel der Imbissstube ausgesucht, möglichst weit weg von der einzelnen nackten Glühbirne, die über dem Tresen von der Decke hing.

»Hier.« Der Elf holte ein Päckchen aus seinem Mantel und schob es über den Tisch. Dabei schaute er sich so auffällig verstohlen um, dass Bloma unwillkürlich seufzte.

Bloma Sockels, genannt die »Knochenklinge«, konnte Stümper nur schwer ertragen. Aber was machte das schon - seine Laune war bereits im Keller, und aufgeflogen war er ohnehin.

Drei weitere Päckchen folgten. »Ich weiß immer noch nicht, warum ihr meine Hilfe braucht«, fuhr der Elf fort. »Ihr hättet die Ware viel besser selbst durchs Land schmuggeln können. Mit euren spe-zi-ellen Gnomenkünsten!« Er zwinkerte Bloma verschwörerisch zu.

Wenn Bloma mit den Zehenspitzen auf der Fußstütze balancierte, konnte er gerade eben über die Platte des kleinen Stehtisches schauen. »Du glaubst nicht, wie oft wir unterwegs von den Frettchen gefilzt worden sind«, sagte er und zwinkerte ebenfalls. »Man könnt fast meinen, die Polizei traut uns Gnomen alle Verbrechen zu. Keine Ahnung, wo der Ruf herkommt.«

»Menschen eben«, fuhr der Elf mit gesenkter Stimme fort. »Mich schaut hier jeder für einen Terroristen an, nur weil ich ein Elf bin. Und wenn man mich mit dem Zeug erwischt hätte … Ich hab mich nur drauf eingelassen, um Geld für die Reise zu kriegen. Fort von dem verseuchten Boden.«

»Ja, ja, klar«, sagte Bloma, ohne genau hinzuhören. Er schob die Päckchen in eine Stofftasche und ließ sich von der Trittstange gleiten. Erst da fiel ihm auf, dass der Elf die Hand erwartungsvoll über den Tisch streckte. Bloma griff in die Innentasche seiner Jacke und warf achtlos einen Packen Geldscheine hin. Einige der menschlichen Gäste unterbrachen ihre Unterhaltung und starrten den Elf an. Bloma trat rasch durch die Tür und hinaus in die Nacht.

Marikantos war eine Hafenstadt im Westen Bitans. Die jahrhundertealten Bauten der Altstadt zeugten von vergangener Größe, doch inzwischen war der Ort zu einer verschlafenen Kleinstadt herabgesunken. Seit Menschen und Finstervölker in einer Union verbunden waren, hatte das Leben sich in den Osten verlagert. Der Handel mit den Südlanden erreichte Marikantos kaum.

Es war eine graue Nacht. Der Wind drückte den Regen vom Meer in die Straßen, und die wenigen Passanten trugen die Mantelkragen hochgeschlagen oder fochten mit widerspenstigen Schirmen gegen die steife Brise. Die meisten Straßenlaternen waren zerschlagen. Das Licht, das hinter einigen Fenstern brannte, war so trübe wie Leuchmadans Zeitalter.

Von seinem Verfolger war nichts zu sehen, aber Bloma wusste, dass er da war - ein Frettchen in Zivil, ein Geheimpolizist, der ihm schon vom Hotel aus gefolgt war.

Bloma ging langsam, bog dann unvermittelt in eine dunkle Seitengasse ein und fing an zu rennen. Bald hallten rasche Schritte hinter ihm wie ein Echo. Der Gnom lief um zwei Ecken und drückte den Stoffbeutel fest an die Brust. Er würde die Päckchen später sorgfältig prüfen. Wenn bei dieser Verfolgungsjagd etwas losgerüttelt worden war, konnte das ihr Leben in Gefahr bringen.

Oder schlimmer: den Erfolg ihrer Mission!

Im Laufen schon nestelte er die Uhr vom Handgelenk. Die Tasche hatte er sich unter den Ellenbogen geklemmt, und das Herz schlug ihm bis zum Hals bei dem Gedanken, dass sie hinunterfallen könnte!

Bloma war ein Stück in die Gasse hineingelaufen, dann sah er sich um. Keine Zeugen in der Nähe! Hastig stellte er die Tasche ab. Er legte die Uhr vor sich auf den Boden - und machte sich klein.

In Käfergröße stand er auf dem nassen Pflaster. Das Wasser umspülte seine Beine, schoss durch die Ritzen zwischen den Steinen wie ein wilder Bergbach. Die Uhr ragte vor ihm auf, ein Metallgehäuse, so groß wie ein Wagen. Gleich neben dem Stellrad für die Zeiger zeichneten sich die Umrisse einer Klappe ab. Sie war durch einen Riegel verschlossen, so fein, dass er für einen großen Betrachter bloß aussah wie ein Relief.

Hinter der Klappe lag ein Hohlraum, ein begehbarer Schrank für den geschrumpften Gnom, voll mit Kleidung und Ausrüstung. Bloma sprang hinein, riss die Blaspistole aus Formbein aus einer Halterung und holte eine kleine Schachtel aus der Schublade darunter. Im Nu war er wieder auf der Straße. Aber nun war er nicht mehr allein!

Er spürte die Anwesenheit des anderen, kaum dass er die metallene Hülle verlassen hatte. Neben dem Regen, der in Tropfen, so groß wie eine Eimerladung Wasser, auf das Kopfsteinpflaster hämmerte, neben den schmalen Wildwassern, die in den Ritzen schäumten und gurgelten, war noch etwas anderes da, eine Masse und eine Ansammlung von Lauten, die der winzige Gnom mehr fühlte, als dass er sie mit seinen natürlichen Sinnen wahrnahm.

Bloma schaute entsetzt nach oben, ob schon ein Fuß auf seine Uhr niederging und ihn achtlos zertreten würde … Doch er zögerte nicht lange und machte sich groß. Während er sich konzentrierte, brachte er schon die Pistole in Anschlag.

Seine größer werdende Gestalt stieß in den Regen. Tropfen trafen ihn mit der Wucht von Pflastersteinen, und benommen stand er in seiner natürlichen Gestalt wieder auf der Straße. Der Mensch vor ihm war ein dunkler Umriss, vor Schreck erstarrt, als der Gnom unvermittelt vor ihm auftauchte.

Bloma zielte in Richtung der verschwommenen Silhouette und drückte ab. Zischend fuhren die Giftpfeile aus dem Lauf, zweimal, dreimal. Bloma blinzelte sich das Wasser aus den Augen.

Als sein Blick wieder klar wurde, lag der Mensch schon auf dem Boden. Er war tot - die Mischung in den Bolzen wirkte schnell. Bloma schlug den Mantel des Toten zurück und fand rasch die Dienstpistole, den Ausweis, ein Sprechgerät. Er hatte den Richtigen erwischt.

Der Gnom zog die Schachtel hervor, die er aus der Uhr mitgenommen hatte. Er schob sie auf, und knapp zwei Dutzend Holzstäbe mit verdicktem Kopf kamen zum Vorschein. Sie sahen aus wie besonders große Zündhölzer.

Bloma starrte darauf und fluchte.

Rot und Grün.

Bei diesem Licht und im Regen wirkten die Streichholzköpfe selbst für die scharfen Augen eines Gnoms alle gleichermaßen grau. Wie sollte er da ein passendes Paar finden?

Er kniff die Augen zusammen und drehte die Packung hin und her. Aber die Gasse, in die er seinen Verfolger gelockt hatte, war vollkommen dunkel. Schließlich glaubte er, winzige Unterschiede in der Schattierung erkennen zu können. Er holte zwei Hölzer hervor, hielt die Köpfe gegeneinander. Ja. Das mussten zwei verschiedene Farben sein!

Bloma beugte sich zu dem toten Menschen. Die Hölzer liefen zum einen Ende hin spitz zu, und er drückte das eine Hölzchen an einer weichen Stelle in den Kopf des Menschen, bis es fast ganz verschwunden war. Ein dünner Blutfaden lief dem Toten über die Wange und wurde vom Regen davongespült. Dann ging Bloma zu den Beinen, zog an dem toten Körper, bis der ausgestreckt dalag, und steckte das zweite Holz in die Wade.

Dann sprang er hastig zurück.

Es knisterte. Ein feines Glühen durchzuckte die Leiche von einem Hölzchen bis zum anderen. Dünne Rauchfäden stiegen aus der Kleidung des toten Polizisten. Flämmchen züngelten über den Stoff, und ein modriger Geruch zog durch die Gasse. Nach und nach verbrannte der Leib zu Asche, unter einem Zauberfeuer, das nur ab und zu heller aufflackerte, aber niemals ganz erlosch. Am Ende blieben nur graue Flocken, die der Regen fortwusch.

In der Pension fand Bloma nur seinen Freund Wisbur vor. Wisbur saß an dem viel zu hohen Tisch, hatte seine Ausrüstung aus der Uhr geholt, hatte sie vergrößert und ordnete sie gerade. Als er die Tür hörte, blickte er auf und legte die Hand auf die Blaspistole. Er atmete auf, als er Bloma erkannte.

»Alles in Ordnung, Bloma?«, fragte er.

»Nenn mich ›Knochenklinge‹, Wisper«, erwiderte Bloma. »Keine Namen im Einsatz. Man weiß nie, wer zuhört. Aber ja, alles gut gelaufen.«

Er holte die Tasche unter seiner Jacke hervor. Dann sah er sich um. »Wo sind Greif und Reißer?, fragte er.

Wisbur »Wisperwind« Unterbusch zuckte die Achseln. »Unterwegs«, meinte er.

Bloma runzelte die Stirn.

Einen Augenblick lang herrschte unbehagliches Schweigen, dann redete Wisbur weiter: »Der Pensionswirt hat Kaution verlangt. Weil wir Gnome sind, verdammter Rassist. Segga und … ich meine, Greif und Reißer waren sauer. Sie wollten dem Burschen zeigen, was Gnome sind.«

Bloma schüttelte den Kopf. »Davon kriegen wir die Kaution erst recht nicht wieder.«

»Nur wenn der Wirt ihre Streiche bemerkt, bevor wir abreisen. Sie wollten im Keller eine Flasche Wasser hinter die Schränke kippen, damit der Kerl einen hässlichen Schimmelfleck kriegt. Oder ein Heizungsrohr anbohren. Irgendwas, was erst später auffällt.«

»Ich wäre beruhigter, wenn sie bei so was geschickter wären«, erwiderte Bloma. »Wenn sie auffallen, können wir ernsthafte Schwierigkeiten kriegen. Und damit meine ich nicht die Kaution.« Er wies beiläufig auf die Päckchen, die er mitgebracht hatte.

»Da fällt mir noch eine Menge mehr ein, wie wir auffliegen können«, sagte Wisbur. »Sobald sie die Elfen haben, kommen sie auch uns auf die Spur.«

»Nein.« Bloma widersprach entschieden. »Die Frettchen schnappen sich die elfische Widerstandsgruppe, von der wir die Bomben haben, klar. Aber damit haben sie genau die Schuldigen, die sie haben wollen. Was kümmern sie ein paar Gnome, wenn sie elfische Terroristen haben?«

Wisbur musterte seinen alten Freund skeptisch. Der aber legte ihm die Hand auf die Schulter, lächelte und meinte: »Ich sag's dir, Wisper, genau so wird es laufen: In zwei Tagen brennen wir den Herren ihre Insel der Seligen nieder, den Elfen wird man die Schuld daran geben, und die Großen werden sich untereinander zerfleischen.

Und am Ende wird der Bund der Knochenmesser triumphieren, wie in alten Tagen.«

Die Insel der Seligen - so stand es in verschnörkelten Buchstaben auf dem großen Schild an der offiziellen Zufahrt zum Anwesen. Die Gnome mieden die Vorderseite und näherten sich dem Grundstück von der Seite.

In ihrer großen Gestalt liefen sie den Hügel empor, bis zu einer Sperre aus Stacheldrahtrollen. Sie legten die Päckchen ab, zogen ein Tarnnetz darüber und gingen dahinter in Deckung. Hinter dem gerollten Stacheldraht ragte ein höherer Zaun aus Maschendraht auf. Der Geruch nach Ozon hing in der Luft. Dann und wann sahen die Gnome Funken tanzen, wenn Insekten die stromführenden Drähte kurzschlossen. Ein noch höherer Zaun aus dünnem Stahlrohr verlief als dritte Linie dahinter und ließ einen schmalen Korridor frei bis zum vorherigen Zaun.

Es dauerte nicht lange, bis dort eine Patrouille entlangkam. Zwei dunkel gekleidete Menschen, die Hunde mit breiter Schnauze an der Leine führten. Die schwarze Uniform gab in der finsteren Nacht eine gute Tarnung ab, aber die Gnome sahen trotzdem genug. Die Menschen allerdings würden trotz ihrer Nachtsichtbrillen Schwierigkeiten haben, die flachen Päckchen im Gras zu erkennen. Die Gnome hofften darauf, dass den Hunden ihre Anwesenheit ebenfalls entging. Sie hatten sich dick genug eingesprüht mit einem Mittel, das die empfindlichen Hundenasen täuschen sollte.

Die Wachen gingen weiter, und die Gnome machten sich bereit. »Greifenklaue« und »Reißzahn«, daheim im Tal auch einfach als Segga und Waldron bekannt, liefen in ihrer kleinen Gestalt auf den Zaun zu. Es war ein langer Weg für sie, und sie würden eine Weile brauchen, bis sie auf der anderen Seite ankamen.

Bloma und Wisbur warteten eine Weile, bis die Streife außer Sicht war. »Wir haben zwanzig Minuten«, flüsterte Bloma dann. Sie nahmen ihre große Gestalt an.

Hastig zogen sie das Tarnnetz von den Päckchen. Da erschienen Greif und Reißer auf der anderen Seite des Stacheldrahts. Bloma und Wisbur klemmten sich jeder zwei Päckchen unter den Arm und liefen los. Vor dem Stacheldraht blieben sie stehen, warfen die Päckchen hinüber, und ihre Gefährten fingen sie auf.

»Alles sauber«, rief Greifenklaue halblaut.

»Aber der zweite Zaun sieht übel aus.« Reißzahn schaute misstrauisch über die Schulter.

Bloma und Wisbur wechselten in ihre kleine Gestalt und huschten unter den Drahtschleifen hindurch. Der dicke Draht war mit feinen Klingen besetzt, scharf wie ein Skalpell und voller Widerhaken. Doch für die käfergroßen Gnome blieben Lücken, breit wie Prachtstraßen und hoch wie Triumphbögen.

Der schmale Streifen bis zum nächsten Zaun war mit feinem Sand bestreut. Als sie ihn überquerten, spürten sie die Anwesenheit ihrer Gefährten, die in ihrer großen Gestalt warteten. Bloma hielt inne und stieß zischend die Luft aus.

Auf den ersten Blick bestand der mittlere Zaun aus einfachem Maschendraht, der mit einer dünnen Schicht Formbein überzogen war. Aber dazwischen waren drei stromführende Leitungen eingeflochten, und hauchdünne Drähte spannten sich zwischen den Maschen, Signaldrähte, die vermutlich auf bloße Berührung reagierten.

Doch viel unmittelbarer war eine ganz andere Gefahr: Unterhalb des Zauns verlief ein kleiner Graben. Er mochte fünf Zentimeter tief und dreißig Zentimeter breit sein, so genau ließ sich das nicht sagen, denn ein weißes Gespinst verwob sich dort zu einem wallenden Vorhang, der vom unteren Rand des Maschendrahts bis in den kleinen Graben reichte.

Ortstreue Spinnen, die man gezielt hier angesiedelt hatte, damit keine Gnome unter dem Zaun hindurchlaufen konnten. Wisbur sah ihre schwarzen Leiber in den Netzen, wo sie sich träge bewegten. Er legte die Hand an die Blaspistole, aber es waren zu viele, als dass sie sich den Weg hätten freischießen können.

»Lass den Unsinn«, sagte Bloma. »Die Anker!«

Er nahm seine Armbrust vom Rücken, spannte sie und legte einen Wurfanker auf, den er an der Seilrolle befestigte. Dann visierte er sein Ziel an. Es dauerte eine Weile, bis er eine saubere Stelle fand, weit genug entfernt von allen Signaldrähten und von den Starkstromleitungen.

Er schoss, und der Anker flog durch die angepeilte Masche des Zauns. Bloma blockierte die Seilrolle. Das Geschoss wurde unvermittelt aufgehalten und riss Bloma ein Stück weit nach vorn. Wisbur hielt den Atem an.

Auf der anderen Seite des Zauns schwang der Wurfanker auf die Maschen zu … und Bloma zog mit beiden Händen das Seil zu sich, bevor es einen Signaldraht berührte. Bald schwang der Anker frei in der Masche darunter. Bloma zog weiter, bis die Haken am Zaun Halt fanden.

Bloma rammte die Armbrust, die als Gegenanker dienen konnte, in den Boden und spannte das Seil zum Zaun. Dann ließ er sich von Wisbur die zweite Armbrust geben, nahm sie auf den Rücken, zog sich an dem Seil hinauf und kletterte über das Spinnennest hinweg …

Wisbur schaute ihm einen Augenblick zu, dann zog er zwei Leuchtstäbe aus dem Rucksack. Er steckte sie dort in den Boden, wo die Leine und die Armbrust verankert waren. Ein kalter grüner Schimmer markierte nun die Stelle, an der ihre beiden Kameraden hinüberklettern konnten, sobald sie ihre kleine Gestalt angenommen hatten.

Als Wisbur oben ankam, hatte Bloma bereits einen weiteren Anker auf der anderen Seite in den Boden geschossen und Wisburs Armbrust im Maschendraht verhakt. Wisbur kletterte durch die Masche und warf einen misstrauischen Blick zur nächsten stromführenden Leitung. Wenn nur ein Funke übersprang, konnte ein kleiner Gnom geröstet werden. Die Signaldrähte würden für Erdung sorgen, oder auch der grobe Zaundraht selbst. Wisbur traute der Isolierung nicht.

Eilig rutschte er hinter Bloma her das Seil hinunter und stand im Wandelgang zwischen den beiden großen Zäunen. Hier bestand der Boden aus festgetretener Erde; nur ein paar karge Büschel hielten sich auf dem ansonsten kahlen Grund.

Die beiden Gnome machten sich groß, und ihre Gefährten warfen die Päckchen über den Zaun. Bloma und Wisbur fingen sie auf und warteten. Misstrauisch blickten sie den Weg entlang, aber von den Wächtern mit ihren Hunden war nichts zu sehen.

Jetzt trennte sie nur noch der dritte Zaun von dem Anwesen: ein einfaches Gitter ohne weitere Schutzmaßnahmen. Dahinter lag ein gepflegter Rasen, der sich über eine weite Hügelkuppe zog. Die Gnome sahen dort mehrere Gebäude und ein wenig abseits den Hang hinab einige Sportanlagen.

Greifenklaue und Reißzahn erschienen auf dem Gelände hinter dem Zaun. Bloma und Wisbur warfen ihnen die Päckchen zu. Wisbur atmete auf, als Reißer das letzte Bündel sicher aufgefangen hatte. In kleiner Gestalt krochen er und Bloma unter dem Zaun hindurch, und auf der anderen Seite teilten sie die Pakete untereinander auf. Bloma legte lauschend den Kopf schräg. Dann wies er auf das Wohngebäude, und sie liefen auseinander, jeder auf eine andere Ecke zu.

Wisbur sah, wie Bloma sich wenige Meter vor dem Haus auf den Boden warf. Er tat es ihm gleich und hielt den Kopf unten. Ein Geruch nach frisch gemähtem Gras stieg ihm in die Nase. Von Ferne hörte er die Hunde schnüffeln. Die Wachen sprachen über ihr freies Wochenende und über eine Fahrt nach Marikantos. Wisbur drehte den Kopf ein wenig und spähte zum Himmel, doch er konnte nur die düsteren Umrisse von Wolkenmassen erkennen, die durch die schwarze Neumondnacht zogen.

Er lief weiter, bis zu der Ecke des Hauses, die ihm zugewiesen war. Dort schlug er das graue Wachspapier auseinander, und darunter kam ein längliches Rohr zum Vorschein, mit Klammern an der einen Seite und mit einer kantigen Verdickung am Ende. Wisbur bog die Klammern auseinander und setzte das Rohr an die Hausecke. Als es Halt hatte, stellte Wisbur die Bombe scharf. Dann lief er davon, suchte sich zwanzig Meter entfernt eine Mulde im Gras und warf sich flach auf den Boden.

Ein dumpfes Dröhnen ließ die Luft erzittern. Wisbur blickte auf. Aus den Augenwinkeln sah er eine Feuersäule aufsteigen, die bis hinauf zum Dachfirst leckte - Blomas Brandsatz. Dann ging sein eigener hoch, und Wisbur presste die Lider zusammen. Rote Nachbilder tanzten auf seiner Netzhaut.

Es prasselte und knackte. Bald hörte man Rufe und Schreie aus dem Gebäude. Wisbur öffnete die Augen wieder und versuchte, etwas zu erkennen, aber sein Blick war wie verschleiert. Er zog die Pistole aus dem Gürtel.

Das ganze Haus stand in Flammen. Wisburs Brandsatz hatte die Wand gesprengt, und ein Schwall von Feuer hatte sich ins Innere ergossen. Die großen Scheiben im Erdgeschoss barsten. Wisbur sah kurz Tische und Schränke aufblitzen, ehe sie von dem tosenden Brand verschlungen wurden.

Es brannte auch an den beiden anderen Ecken, die Wisbur von seiner Position aus sehen konnte. Zwischen den Brandsätzen schloss sich die Feuerwand wie ein Vorhang, der zugezogen wurde. Aber Wisbur sah auch Bloma, ein kleiner Umriss vor dem Feuer, wie er aus dem Gras aufsprang und um das Haus herumlief - zur Vorderseite, nicht dorthin, wo ihre Flucht geplant war.

Wisbur zögerte kurz, fluchte, doch dann folgte er seinem Gefährten.

An der Vorderseite brannte nur ein Teil des Gebäudes. Wisbur sah einen weiteren Gnom ihres Trupps, Segga »Greifenklaue«, der an seiner Ecke immer noch mit dem Brandsatz hantierte. Er hatte es nicht geschafft, ihn festzumachen.

Bloma lief weiter zum Haupteingang. Hinter den Türen aus gehärtetem Glas bewegte sich etwas. Die Bewohner, die es durch Rauch und Flammen ins Erdgeschoss geschafft hatten, stolperten auf den Ausgang zu. Bloma hockte sich hin und hob die Blaspistole.

Wisbur lief zu ihm. »Bloma!«, rief er. »Wir haben keine Zeit.«

»Dieser verdammte Stümper«, erwiderte Bloma und warf einen kurzen Blick in Greifenklaues Richtung. »Der macht mir nicht meinen Einsatz kaputt!«

»Es reicht doch«, rief Wisbur. »Das Gebäude brennt. Wen kümmert es, wenn ein paar mehr überleben?«

»Mich kümmert es«, stieß Bloma hervor. »Es sind Feinde. Wenn wir sie nicht töten, stehen sie in ein paar Jahren bei uns im Tal!«

Mehrere Gestalten drängten sich im dichten Qualm hinter der Eingangstür. Dann schien jemand die Notentriegelung gefunden zu haben, denn mit einem Mal sprangen die Türflügel auf, und hustend drängten die Bewohner heraus: Menschen, Kinder in blauen Schlafanzügen.

Bloma eröffnete das Feuer, und die Vordersten strauchelten; andere drängten nach und stolperten über die, die hingefallen waren.

»Lass doch«, sagte Wisbur. Er fasste Bloma an der Schulter, aber der schüttelte den Griff unwillig ab, schob ein neues Magazin nach und schoss weiter. Ein Mädchen mit rußigen Haaren sah den Gnom kurz an, riss ungläubig die Augen auf und brach zusammen. Die meisten Kinder bemerkten inmitten des Infernos nicht die tödliche Gefahr, die draußen auf sie lauerte. Immer mehr drängten aus dem Gebäude, taumelten über das Gras.

Wisbur sah sich hastig um. Wachen liefen vom Tor auf sie zu. Die Schüsse gingen im brausenden Brand unter, aber Wisbur sah das Mündungsfeuer, und er spürte eine Kugel, die allzu dicht an seinem Kopf vorbeizischte.

Er warf sich so heftig gegen Bloma, dass sie beide zu Boden gingen. Dann schoss er selbst auf die Posten und deren Hunde.

»Wir müssen weg!«, rief er.

Endlich drang er zu seinem Gefährten durch.

Gebückt liefen sie los. Aus den kleineren Häusern kamen Erwachsene - Lehrkräfte vermutlich. Wisbur lieferte sich einen kleinen Schusswechsel mit den Wachen, doch die zögerten inzwischen, in das Gewimmel hineinzuschießen.

»Greif! Komm mit!«, rief Bloma, als sie an ihrem Gefährten vorbeirannten, der immer noch hektisch mit der Bombe hantierte.

»Ich hab's gleich«, erwiderte der.

»Wenn er nicht kommt, erschieß ihn«, keuchte Bloma Wisbur zu. »Wir lassen niemanden zurück.«

Wisbur schnappte nach Luft. »Das kannst du gern selbst tun!«

»Kann ich nicht«, sagte Bloma. »Keine Munition mehr.«

Wisbur machte kehrt und entriss Greifenklaue den Sprengsatz. »Lauf zum Treffpunkt«, fuhr er ihn an.

»Aber ich bin gleich so weit«, erwiderte Greifenklaue störrisch.

Wisbur schloss die Klammern, machte die Bombe scharf und warf sie in Richtung ihrer Verfolger. »Lauf!«, brüllte er und versetzte Greifenklaue einen Stoß. Gemeinsam rannten sie los, rannten, so schnell ihre Beine sie trugen.

Hinter ihnen explodierte der letzte Brandsatz. Auf der freien Wiese richtete er keinen großen Schaden an, aber die Feuersäule hielt die Wachen auf und verschaffte den Gnomen einen Vorsprung.

Wisbur warf einen Blick über die Schulter zurück, wo die Kinder verwirrt durch das Inferno irrten, manche brannten, andere lagen reglos am Boden. Er wandte sich rasch wieder ab. Der Wind wehte ihm Rauch in die Augen. Tränen trübten seinen Blick.

Am anderen Ende des Grundstücks wartete Reißer bei einer Leine, die scheinbar aus dem Nichts vom schwarzen Himmel hing. Das dumpfe Knattern eines Odontopters mischte sich unter den Lärm von den Gebäuden.

Der Odontopter flog bereits los, als die Gnome noch hinaufkletterten. Bald drängten die vier sich in den viel zu kleinen Laderaum, und Bloma kletterte über die Lehne in den zweiten Pilotensessel.

»Wohin jetzt?«, fragte der Pilot, ein Elf.

»Ich hab die Steuerung«, sagte Bloma.

Der Pilot schaute ihn verwirrt an, da schoss ihm Greifenklaue auch schon von hinten einen Giftpfeil in den Hals. Der Elf erstarrte, gab einen gurgelnden Laut von sich und starb. Bloma rutschte auf der Sitzkante hin und her und hielt den Steuerknüppel.

Während Wisbur die Leine einholte, flog Bloma einen Bogen über das brennende Anwesen. Die beiden anderen Gnome kletterten vorn in der Pilotenkanzel herum und wuchteten den Elf durch den vorderen Einstieg.

Die Leiche landete unten auf dem Rasen.

»Das wird ihnen eine Weile zu denken geben«, sagte Bloma.

»Ein Elf, der von Gnomenwaffen getötet wurde? Ich weiß nicht, ob das die Spur ist, die wir legen wollen.« Wisbur blieb skeptisch.

»Sie finden einen toten Elf am Ort des Anschlags«, sagte Bloma. »Alles, was Elfen damit in Verbindung bringt, dient unserer Sache. Sie werden es ohnehin so auslegen, wie es ihnen am besten passt.«

»Vielleicht«, sagte Wisbur. Er setzte sich hinten im Laderaum, der kaum mehr war als ein kleines Gepäckabteil, auf den Boden. Reißer nahm ihm gegenüber Platz, während Greifsich auf dem verwaisten Pilotensitz niederließ. »Aber es gefällt mir trotzdem nicht. Es gab einfach zu viele Tote dort. Es waren Kinder.«

»Sie sind besser dran, wenn wir sie töten«, erwiderte Bloma. »So kann Gulbert sie wenigstens nicht für seine Zwecke missbrauchen. Es gibt Schlimmeres als den Tod.«

»Ich weiß«, sagte Wisbur. »Aber da draußen auf der Wiese habe ich gesehen, wie sie gestorben sind. Das macht einen Unterschied. Es war etwas anderes, einfach nur die Bombe an einer Hausecke anzubringen.«

Bloma zuckte die Achseln. »Ich glaube nicht, dass es für sie einen Unterschied macht.«

»Aber für mich«, sagte Wisbur. »Es lässt zweifeln … lässt mich zweifeln, ob das wirklich die einzige Möglichkeit ist.«

»Was würdest du stattdessen vorschlagen?«

»Wir könnten an die Öffentlichkeit gehen. Wenn wir es in die Nachrichten bringen würden, was auf der Insel der Seligen geschieht…«

»Was geschieht denn dort?«, fragte Bloma. »Wir kennen keine Einzelheiten. Wir haben keine Beweise. Wer würde uns glauben?«

Er hielt kurz inne. Das Brummen der Flügel erfüllte die Kabine. Schließlich fügte er hinzu: »Überhaupt, an die Öffentlichkeit zu gehen liegt nicht in unserer Art. Wir Gnome bleiben im Verborgenen. Und die Nachrichten gehören denen.«

Greifenklaue und Reißzahn nickten. Wisbur schwieg.

»Und jetzt?«, fragte er nach einer Weile. »Dieser Sportodontopter wird uns nicht bis nach Hause bringen.«

»Ich setze euch ab«, sagte Bloma. »Nicht in Marikantos. In Kamparika. Von da aus könnt ihr unauffällig heimreisen.«

»Und du?«

»Ich drehe um und setze den Odontopter ins Meer.«

»Wir sollten zusammenbleiben«, wandte Wisbur ein.

»Das geht nicht. Ich hab noch was anderes vor.« Bloma grinste. Er schaute Wisbur an. »Weißt du, du hast recht. Es sollte einen besseren Weg geben. Und ich werde ihn gehen.«

Er nestelte ein Papier aus der Jackentasche und reichte es nach hinten durch. Wisbur strich es glatt. Es war ein Artikel, den Bloma aus einer Zeitung ausgeschnitten hatte.

»Lichtbringer in Daugazburg«, las er. »Feierlicher Stapellauf… Was hat das mit unserer Sache zu tun? Du wirst wohl kaum ein Kriegsschiff klauen können.«

»Das habe ich nicht vor«, erwiderte Bloma. »Aber ich will unser Problem bei der Wurzel packen. Die Lichtbringer ist eines von Gulberts Lieblingsprojekten. Er wird bei diesen Feierlichkeiten in Daugazburg sein. Und ich glaube, ich kann ihn da in einer verwundbaren Lage erwischen.«

3

Nexus - Eine Struktur im Äther, die sich im weitesten Sinne als Matrix beschreiben lässt, in der sich verschiedenartige Informationen speichern lassen (* aufprägen) und in der sogar arkane Prozesse in algorithmischer Form ablaufen können. Der Nexus lässt sich leichter über seine Eigenschaften beschreiben als über seine Beschaffenheit. So ist umstritten, ob er eine grobstoffliche Grundlage hat oder ob er eine eigenständige Seinsebene darstellt. Selbst esoterische Konzepte wie »Unterwelt«, »Jenseits« oder »höhere Sphären« wurden mit dem Nexus in Verbindung gebracht.

Seine Ausdehnung gilt als unermesslich. Darin hinterlegte Informationen lassen sich nur wieder auffinden, wenn ihre Position bekannt ist. Ein Informationsaustausch über den Nexus erfordert also entweder die persönliche Abstimmung der beteiligten Magier oder den Zugriff über *Portale, in denen die notwendigen Informationen hinterlegt sind.

Da der Nexus eine rein magische Erscheinung ist, kann er prinzipiell nur von Zauberkundigen manipuliert werden. Doch durch die weite Verbreitung von *Portalsteinen sowie durch öffentlich zugängliche *Portale ist der Nexus inzwischen das meistgenutzte Informationsmedium. Er ist Grundlage des individualisierten *Äthernetzes, für Gesprächsverbindungen, aber auch für Gruppenübertragung von Bild- und Ton- und anderen sensorischen Informationen.

Aus: »TECHNIKLEXIKON«, VON ISKWELZA VON DAUGAZBURG

3. Lichtmond 282 nGdU

Vampire waren unsterblich, und sie alterten nicht - so hieß es.

Rudrogeit stand in seinem kleinen Badezimmer vor dem Waschbecken und schaute in den Spiegel. Das rötliche Licht im Raum war angenehm für die Augen von Vampiren und Nachtalben, und es ließ seinen Teint lebendiger wirken und weniger bleich. Es verfälschte aber auch andere Farben, und in diesem Augenblick hätte Rudrogeit gerne mehr gesehen.

Er fuhr sich mit seinen langgliedrigen Fingern durch die kurz geschnittenen Haare wie mit einem Kamm und kniff die Augen zusammen. Im dumpfen Lampenschein blitzte etwas auf, und er hielt den Atem an.

Graue Haare!

Rudrogeit stellte das Wasser an, dann stöhnte er leise und ließ sich nach vorne sinken. Das hagere Gesicht im Spiegel kam ihm entgegen, die roten Augen, die ihn mit derselben Eindringlichkeit musterten, mit der er das Spiegelbild studierte, verschmolzen zu einem Fleck, als seine Stirn das kühle Glas berührte.

Über die grauen Haare konnte er hinwegsehen. Aber was, wenn es mehr war als nur eine Veränderung der Farbe? Ein Zeichen, womöglich. Ein Symptom!

Kamen ihm die täglichen Kampfübungen nicht seit Jahren immer mühsamer vor? Ihm war, als hätte er einst sogar seine Mutter übertroffen. Doch das war lange her, auf dem Höhepunkt seiner Kraft und seiner Schnelligkeit, der schon Jahrhunderte zurücklag und womöglich ohnehin nichts weiter war als eine verklärte Erinnerung.

Vampire waren unsterblich, so hieß es.

Doch wer sollte das wissen? Es war kaum tausend Jahre her, seit der erste Vampir hinaus ins Mondlicht getreten war, und Rudrogeit zählte zu den ältesten. Wenn die Lebensspanne der Vampire eine Grenze kannte, würde niemand ihn warnen können.

Ein paar harte Schläge gegen die Badezimmertür ließen ihn hochfahren.

»Was ist, Rudi?«, rief seine Mutter. »Bist du im Waschbecken ersoffen? Stimmen die Ammenmärchen der Menschen über Vampire und fließendes Wasser etwa?«

»Einen Augenblick, Mutter«, rief Rudrogeit zurück. »Ich bin gleich so weit.«

»Das hoffe ich«, erwiderte Swankar. »Ich hab doch keinen Gecken großgezogen, der seine Zeit mit Toilette vertändelt.«

Rudrogeit konnte Swankars spöttisch verzogene Lippen förmlich hören. Hastig wusch er sich das Gesicht mit klarem Wasser. Dann trocknete er sich ab und knöpfte das Hemd seiner Uniform zu.

»Flott jetzt! Sonst kommen wir zu spät zu unserem Ehrentag, Capitan Rudrogeit«, sprach seine Mutter draußen auf dem Flur weiter.

»Sehr wohl, Coronel Swankar«, antwortete er, setzte die Mütze auf und öffnete die Tür.

Rudrogeit betrachtete seine Mutter von der Seite. Swankar hatte einen Körper aus Stahl, der mit den Jahren noch härter geworden war. Sie war inzwischen einen Kopf kleiner als er, aber breiter, als eine Nachtalbe sein sollte. Ihr Leib wirkte jugendlich, weiblich und wohlgeformt, aber Rudrogeit wusste, dass vieles, was sich da in wohlgeschwungenen Linien unter der eng geschnittenen blauen Uniform bewegte, Muskeln waren.

Das kindliche Gesicht über dem Uniformkragen verriet davon wenig. Swankar trug die Schirmmütze etwas schräg auf dem Kopf. Ihre Haare waren so kurz geschnitten, wie es der militärischen Mode der letzten Jahrhunderte entsprach.

Sie sah zu Rudrogeit auf und lächelte.

»Ein Sohn sollte seine Mutter nicht so ansehen«, sagte sie.

Ihre Stimme klang neckend, aber Rudrogeit wandte sich hastig ab. Er fühlte, wie es in seinem Gesicht prickelte.

»Ich habe nachgedacht, Mutter«, sagte er nach einer Weile.

»Oh ja«, erwiderte Swankar. »Das tust du oft, und meist zur falschen Zeit. Halte wenigstens bei unseren Fechtstunden deine Gedanken beisammen. Dann kannst du dir eine Menge Schmisse sparen.«

»Hrm.« Rudrogeit räusperte sich verlegen. »Jedenfalls, ich bin bald tausend Jahre alt. Ich habe mir überlegt - ist es nicht peinlich, wenn ein Junge in meinem Alter noch bei seiner Mutter wohnt?«

Er versuchte zu grinsen, als wäre es ein Scherz, aber es misslang ihm gründlich. Swankar lachte laut auf. Sie stieß ihm den Ellbogen in die Seite, und Rudrogeit zuckte zusammen.

»Junge«, sagte Swankar. »Du bist peinlich! Seit tausend Jahren schon. Weich und versponnen, aber ich behalte dich trotzdem. Weil ich deine Mutter bin und es sich nun mal gehört.«

»Selbst bei den Nachtalben bleiben die Kinder nicht tausend Jahre lang bei den Eltern.«

Swankar wurde ernst. Sie schaute Rudrogeit an. »Du bist kein Nachtalb«, sagte sie. »Du bist ein Vampir. Du brauchst mein Blut, um zu überleben, und das kriegst du nur, weil du mir dienst. Vampire bleiben bei ihren Nachtalbeneltern. Dafür wurden sie geschaffen!«

»Die Zeiten ändern sich«, erklärte Rudrogeit leise. »Es gibt Gesetze. Ein Recht auf Unterhalt. Viele Vampire führen ein eigenständiges Leben, und die Eltern müssen ihnen das Blut zur Verfügung stellen.«

Swankar schnaubte. »Warum sie das mit sich machen lassen, ist mir ein Rätsel. Wir sollten es mal probieren, nur zum Spaß. Du ziehst aus und siehst zu, wie du dein Blut bei mir einklagst. Ich bin ja nicht diejenige, die sich in Krämpfen auf dem Boden windet und bei lebendigem Leib austrocknet, wenn es etwas länger dauert.«

Rudrogeit spannte sich an. Swankar bemerkte es, denn mit einem Mal lachte sie wieder. Sie trat Rudrogeit unvermittelt die Beine weg und nahm ihn in den Schwitzkasten. Er wehrte sich halbherzig, und einen kurzen Augenblick rangen sie miteinander.

»Mutter«, keuchte Rudrogeit. »Die Leute!«

Sie hatten inzwischen das Apartmenthaus für Militärangehörige verlassen und die Straße erreicht, eine Brücke, die sich hoch oben zwischen den Wohntürmen von Daugazburg spannte. Rings um sie brauste der Verkehr, Selbstfahrer auf den beiden Fahrspuren in der Mitte, Flieger aller Art über ihnen. Und Passanten, die einen verstohlenen Seitenblick auf die rangelnden Offiziere warfen.

Rudrogeits Sonnenbrille war verrutscht, und er kniff die Augen vor der Abendsonne zusammen.

»Huch! Sie gucken alle!«, rief Swankar in gespieltem Entsetzen. Dann lachte sie wieder, ließ Rudrogeit los und schob ihm die Mütze zurecht.

»Tausend Jahre, und du machst dir immer noch Sorgen, was Menschen von dir denken könnten!« Sie machte eine ausholende Bewegung mit dem Arm. Angehörige aller Völker waren dort unterwegs, Alben und Gnome und Nachtmahre, sogar vereinzelte Zwerge. Aber mindestens die Hälfte der Fußgänger waren Menschen, die schon seit Jahrhunderten die Mehrheit der Bürger von Daugazburg stellten, schon vor der Zeit der Union.

»Wie willst du da alleine leben?«, fragte Swankar. »Wo willst du leben? Du weißt, was die Menschen von Vampiren halten. Und du brauchst ihr Blut ebenso wie meins. Willst du dich allein um alles kümmern, allein unter Nachbarn leben, die dich verabscheuen und fürchten? Wie kommst du auf so eine Idee?«

Sie maß ihren Sohn mit einem abschätzigen Blick.

»Hm.« Rudrogeit zögerte. »Ich bin bald tausend Jahre …«

»Ja«, sagte Swankar. »Und ich bin noch älter. Kein Grund, darauf herumzureiten.« Sie knuffte ihn.

»Nun«, sagte er. »Ich meine … Die ganze Zeit haben wir … Ich habe mich nur gefragt, wenn man tausend Jahre lang dasselbe tut, sollte da nicht irgendwie noch etwas anderes sein? Vielleicht bin ich zu alt geworden, um an deiner Seite zu kämpfen. Ich fürchte, ich werde langsamer, und gerade dachte ich … werden meine Haare grau?«

Swankar sah ihn an. »Ah«, sagte sie. »Das ist es also.« Sie musterte seinen Schopf. Dann griff sie blitzschnell zu und riss ihm ein paar Haare aus.

»Ich hab davon gehört«, fuhr sie fort. »Vampire sind nicht wie wir Nachtalben. Die menschliche Seite kommt durch - du warst wirklich schon mal flotter auf den Beinen. Aber keine Sorge …«

Sie legte ihm den Arm um die Schultern und drückte ihn freundschaftlich. Swankars Freundschaft tat weh.

»… Ich verstoße dich schon nicht, nur weil du älter wirst. Ich habe dich jahrhundertelang ausgebildet. Wenn ich mir jetzt einen neuen Vampir heranziehe, dauert es Jahrzehnte, bis er so viel taugt wie du.«

Swankar löste sich von Rudrogeit und gab ihm einen wohlwollenden Klaps auf den Hintern.

»Ich gönn dir dein Gnadenbrot an meiner Seite. Bis du irgendwann so altersschwach wirst, dass sich das Problem in irgendeinem Kampf von selbst erledigt.«

»Danke, Mutter«, erwiderte Rudrogeit. »Sehr tröstlich.«

»Es ist, wie es ist«, sagte Swankar. »Wir sind Krieger. Wir leben so lange, wie wir stark genug sind. Daran wirst du nichts ändern.«

Sie folgten der Brücke durch das ausgeschnittene Stück eines Hochhauses. Es war wie ein Tunnel. Am anderen Ende lagen Terrassen mit Parkplätzen.

Noch vor dem Ausgang löste sich ein Goblin aus dem Schatten der Wand. Er trug eine graue Uniform mit den Winkeln eines Sargente und legte lässig einen Finger an die Kappe.

»Käpt'n. Leun't«, schnarrte er. »Steht'r Wagen bereit.«

»Coronel. Capitan«, verbesserte Rudrogeit ihn. »So lange bei der Truppe, und Sie können immer noch nicht die Dienstgrade auseinanderhalten, Sargente Sneithan.«

Der Goblin grinste, sodass man zwei Reihen scharfer Reißzähne sah. Er trug spitze Goldkronen auf den beiden größten Hauern. »Änd'rt sich so schnell«, erwiderte er. »So'n Jüngelchen sollt Leutnant sein … höchst'ns.«

»He, Sargente«, rief Swankar. Sneithan drehte sich um. Sie stieß ihm den Fuß ins Gesicht. Er riss die Arme hoch und schlug klatschend das Bein zur Seite. Swankars Körper fing die Bewegung ab, tänzelte elegant und stand sicher.

»Eine respektlose Affenfresse, der alte Sneithan«, stellte sie fest. »Aber schnell.« Sie grinste Rudrogeit an. »Er denkt auch nicht so viel nach. Im Kampf zählt das mehr als die richtigen Titel. Ich glaub also, den Zottelkopf mustern wir auch noch nicht aus.«

»Schweinescheiße. Pass auf, du schwanzloser Gashebelwichser! He! Aus'm Weg, Nutte. Steig aus'm Wagen, wennste'm Straßenrand stehn willst!«

In halsbrecherischem Tempo lenkte Sneithan den Selbstfahrer über die Hochstraßen von Daugazburg, und sein Gasturbinenfahrzeug ließ die trägeren thaumatechnischen, thermischen und mechanischen Stadtwagen hinter sich. Ruckartig wechselte er die Spur, zwängte sich in winzige Lücken und schrammte mitunter sogar über die Mittelschwelle auf die Gegenspur, bevor er sich schleudernd wieder in den fließenden Verkehr Richtung Stadtrand einfädelte.

Rudrogeit blickte zwischen den beiden Vordersitzen hindurch und tastete mit der Linken verstohlen nach dem Gurt auf der Rückbank. Es schien schwer vorstellbar, dass Sneithan nicht im nächsten Augenblick einen anderen Wagen touchierte oder durch die Randbegrenzung brach und Hunderte von Metern tief in die Häuserschluchten stürzte. Und doch war die Fahrweise, entgegen allem Anschein, kein Zeichen für den üblichen Leichtsinn der Goblins.

Sneithan fuhr nur so schnell, wie er den Wagen beherrschte. Und was er alles beherrschte, hatte er in den achtzig Jahren bewiesen, die er an der Seite von Swankar und Rudrogeit als Kampfpilot diente.

Swankar lächelte Rudrogeit im Rückspiegel an. »Du siehst blass aus, Rudi«, sagte sie.

»Sehr witzig«, gab Rudrogeit zurück. »Ich bin ein Vampir, keine schwarze Albe.«

Der Verkehr wurde spärlicher, als sie in die Außenbezirke kamen. Mit einem Mal betätigte Sneithan alle Bremsen zugleich. Der Selbstfahrer wirbelte um die eigene Achse, legte sich schräg … Es krachte am Bodenblech, als der Goblin das Fahrzeug über die Seitenmauer lenkte.

Rudrogeit sah Funken am Seitenfenster aufblitzen, Stahl schrammte über Stein, dann stürzten sie drei Meter tiefer auf eine kleinere Seitenstraße. Der Goblin fuhr ein paar Schlangenlinien, bis der Wagen wieder in der Spur lag.

»Da vorn wäre eine Ausfahrt gewesen«, stellte Rudrogeit fest.

Er lauschte. Die Karosserie ächzte ein wenig, und in das Motorengeräusch mischte sich ein Schaben, das vorher nicht da gewesen war.

»Irgendwann wirst du deine Karre zu Schrott fahren«, merkte Swankar an.

Sneithan zuckte die Schultern. »Nai. Is'n Dienstwagen. Scheißegal. Fahr auf'n Rübenacker, Pissbauer!«, brüllte er einem Fahrer zu, während er halb über den Gehweg rechts an ihm vorbeiraste.

Die Straße fiel allmählich auf Bodenniveau ab, die Gebäude zu beiden Seiten wurden kleiner. Das verwirrende Geflecht von übereinander- und ineinandergebauten Brücken blieb hinter ihnen zurück und bildete zusammen mit den hohen Türmen der Innenstadt eine bizarre Silhouette am Horizont. Bald kam in der Ferne der Militärflughafen in Sicht.

Sneithan bog vor dem Haupteingang ab und hielt auf das Werftareal zu. Außerhalb des Geländes, vor dem Zaun, hatte man hohe Tribünen aufgebaut. Sie waren festlich geschmückt, Leuchtgirlanden säumten die Balustrade und alle Zufahrten, und auf einem großen Freigelände daneben war ein Parkplatz eingerichtet worden.

Eine Wache stand gelangweilt vor der Schranke am Nebentor; der Wachhabende in der Stube hielt den Blick gesenkt, so als würde er lesen. Beide Posten waren Menschen. Sneithan bremste nicht; er gab Gas und drückte mit seiner Klauenhand auf die Hupe.

Mit aufheulendem Motor und dröhnendem Signalhorn raste er auf die Schranke zu. »Mach'n Baum auf! Schleimbeutel in Uniform, kriegst'n nicht hoch, oder was?« Er brüllte wild und fuchtelte mit der Hand, die er nicht für die Hupe brauchte.

Der Soldat an der Schranke nestelte an seinem Gewehr, der Wachhabende sprang auf. Kreidebleich blickten sie dem gepanzerten Selbstfahrer entgegen, der auf sie zuraste.

»Wir sind nicht am Haupttor«, bemerkte Swankar ruhig. »Die beiden kennen dich nicht.«

»Scheiße.« Sneithan trat auf die Bremsen. Der Wagen wurde so unvermittelt langsamer, dass sie nach vorn geworfen wurden, und Rudrogeit glaubte, er würde sich überschlagen. Das Heck brach aus, und zwei Handbreit vor dem Posten kam das Fahrzeug zum Stehen. Der Soldat stand zitternd da, das Gewehr vorgereckt. Der Wachhabende eilte aus der Stube und hielt eine Pistole in der Hand.

Swankar streckte den Kopf aus dem Fenster. »Na los!«, rief sie. »Macht hin mit der Kontrolle. Ich will zu meinem Schiff.«

»Coronel Swankar…?« Der Sargente vom Tordienst ließ unschlüssig die Waffe sinken. Der Wachsoldat ging um das Fahrzeug herum und stützte sich an der Motorhaube ab.

»Den Ausweis …«, stotterte er.

Rudrogeit zog den Dienstausweis aus der Jackentasche, Swankar hielt den ihren schon in der Hand. Aber Sneithan streckte seinen langen Arm aus dem Seitenfenster, packte den Soldaten am Hals und riss ihn zu sich heran, bis das Gesicht des Mannes nur Zentimeter von den goldüberkronten Reißzähnen entfernt war.

»Dienstanweisung, blöde Ratte!«, schrie er ihn an. »Personenkontrolle am Tor, keine leuchmadanverschissene Ausweisbeschau. Bin Sergeant Sneithan, sieht man ja wohl, was?«

Swankar blickte den Wachhabenden freundlich an, sodass der ihre spitzen Zähne sah. »Ich muss zugeben - das ist Sneithans Art, sich auszuweisen!«, erklärte sie liebenswürdig. »Am Haupttor würden sie ihn gar nicht reinlassen, sondern ihn für einen Doppelgänger halten, wenn er anders ankommt.«

Die Lichtbringer war kein großes Schiff. Vom Bug bis zum Heck maß sie weniger als zweihundert Meter. Sie war schlank und schnittig, und der Rumpf war aus Holz gefertigt statt aus Stahl. Rudrogeit wusste, dass man dieses Holz in keinem Wald der Welt fand -jedenfalls nicht in einem Wald der Elfen, die Wert auf unverfälschte Natur legten. Die Bäume, von denen dieses Holz stammte, waren mit Magie und Bio-Alchemie vom Samen an neu gebildet und auf Festigkeit hin gezüchtet. Sie standen Stahl kaum nach, aber sie sahen weiterhin aus wie Holz. Auch das trug dazu bei, dass die Lichtbringer so schwerelos wirkte.

Das Flugschiff ruhte auf einem Gerüst, gleich neben einem Turm, den Tribünen auf der anderen Seite des Zauns gegenüber. Sneithan verließ die geebnete Straße und fuhr quer über das Gelände auf ihr Ziel zu. Rudrogeit lehnte sich aus dem Fenster und schaute nach vorn.

»Da ist wohl demnächst Sonderdienst angesagt, Sargente Sneithan. Grundausbildung. Sie müssen sich wirklich einmal die militärischen Ränge der Union einprägen.«

Sneithan spuckte aus dem Fenster. »Scheiß auf Union«, knurrte er. »Bin seit vier'ndert Jahren bei der Truppe. Sergeanten war'n gut genug für Goblins. Sargentes sind nackte Bitanerscheiße.«

»Vierhundert Jahre?«, erwiderte Rudrogeit spöttisch. »Ganz schön viel für jemanden, der nicht mal bis vier zählen kann.«

Sneithan griff mit dem linken Arm nach hinten und zeigte vier scharf geschliffene Klauenfinger, dann ballte er sie zur Faust und hielt sie Rudrogeit unter die Nase.

»Vier'ndert Jahre, Vampirjunge«, brummte er. »Hab ich ohne mein' Mama überlebt.«

Rudrogeit hörte ein unterdrücktes Prusten vom Beifahrersitz und beschloss, das Thema nicht zu vertiefen. Er stieß Sneithans Hand zur Seite und blickte zur Lichtbringer empor.

Der Rumpf des Schiffes ragte hoch über ihnen auf, vorn scharf geschnitten, an den Seiten und am Heck wohlgerundet und mit Aufbauten und Erkern bedeckt, die fast aussahen wie Augen. Das flache Deck konnte man von hier unten nicht sehen, nur einen Wald von Antennen, mit denen es gespickt war. Die meisten davon würden die Strahlungsmembran tragen, wenn die Lichtbringer erst einmal flog. Dazwischen verbargen sich sicherlich eine Menge sensorische Antennen, und vermutlich auch ein paar Geräte, deren Zweck Rudrogeit nicht einmal verstand.

Es gab größere Schiffe als die Lichtbringer, aber dieses Schlachtschiff war das Modernste, was die Union zu bieten hatte, der erste Kreuzer der Nodus-Klasse und der Stolz der Luftflotte. Der schlanke Rumpf barg die neuesten Errungenschaften der Militärtechnologie, Anlagen, in denen Gerüchten zufolge die Grenze zwischen Magie und Technik endlich überwunden war, und nach der feierlichen Indienstnahme am heutigen Abend würde Swankar diesen Kreuzer kommandieren.

Ein Leutnant begrüßte sie an Deck, um sie durch das Schiff zu führen. Rudrogeit schaute sehnsüchtig zum Heck, wo hinter dem Brückenaufbau zwei Odontopter von Klampen gehalten in ihrer Startposition hingen. Er wäre gern eingestiegen und davongebrummt, allein in seinem Cockpit, losgelöst und frei.

Sneithan ließ die Mannschaft antreten - trieb sie zusammen, war wohl der bessere Ausdruck. Der Leutnant öffnete eine Luke zu Füßen des Brückenturms, und von unten kam ihnen ein Zivilist entgegen, ein Mensch in einem gedeckten braunen Anzug. Gleich hinter ihm ging ein Nachtalb in der blauen Robe eines Flottenmagiers. Die Rangabzeichen, die ihn als Oberleutnant auswiesen, hatte er nur nachlässig auf die Schultern genäht.

Swankars schmale Augenbrauen zogen sich so dicht zusammen, dass sie eine geschlossene Linie bildeten. Ihr rundes Nachtalbengesicht bekam einen harten Zug. Rudrogeit wusste die Geste zu deuten: Nachtalben waren magische Geschöpfe, aber nicht jeder Nachtalb war ein Magier. Die meisten von ihnen vermochten vielleicht ein, zwei schwache Zauber zu weben; manchen blieb kaum mehr als ein vages Gespür für Magie.

Swankar würde Magie allenfalls spüren, wenn man ihr einen magischen Dolch mitten ins Herz stieß. Und sie hasste die Alben, die ihrem Empfinden nach »Zauberkunst zur Schau stellten« und sich »für was Besseres hielten«.

Der Mensch fing ihren Blick auf, blieb abrupt stehen und wich einen Schritt zurück. Dann nickte er kurz und rang sich ein Lächeln ab. »Guten Abend, gnädige Frau.«

»Was treibt dieser Zivilist an Bord?«, fragte Swankar. Sie schaffte es, über den Menschen hinweg direkt den Magier anzusprechen, obwohl der Zivilist zwischen ihnen stand und einen Kopf größer war als die Alben.

»Ähm, das ist Doktor Descidar«, erwiderte der Alb. »Wir haben gerade …«

»Der Schiffsarzt?«, unterbrach Swankar ihn.

»Nein, nein …«, sagte der Magier. »Obwohl, in gewisser Hinsicht…«

»Stammeln Sie nicht rum, Mann! Wer sind Sie überhaupt?«

Der Magier nahm Haltung an. Er richtete sich auf und legte die Arme an den Körper. Er sah aus wie eine Dame, die sich anschickte, ihr Kleid zu raffen. Rudrogeit lächelte. Swankar wirkte nicht amüsiert.

»Oberzauberer Feitlaz«, sagte der Alb. »Verzeihung. Doktor Descidar ist öfter hier an Bord. Er muss diese neue Anlage nachjustieren. Den Nodus.«

Der Mensch nickte. Er nestelte mit zwei Fingern an dem rotbraunen Samttuch, das er anstelle einer Krawatte trug. Eine Nadel mit einem einzigen hellen Brillanten blitzte auf. »Vor der Vorführung wollte ich mich vergewissern, dass alles seine Richtigkeit hat.«

»Hm.« Swankar schwankte sichtlich zwischen Neugier und dem Bestreben, diesem Zauberer das Leben schwer zu machen. Dann aber siegte die Neugier. »Was ist dieser Nodus? Ich habe ein wenig darüber gehört, aber für mich klingt es nach einem ganz normalen Nexusportal.«

»Oh, es ist viel mehr als das …«, sagte der Magier.

»Sehr viel mehr…«, ergänzte der Doktor.

»Gut«, fiel Swankar ihnen ins Wort. »Dann zeigen Sie es mir, Feitlaz. Aber verabschieden Sie sich vorher von Ihrem Echo. Der Doktor kann sich zu den anderen Zivilisten auf die Tribüne setzen. Wir übernehmen das hier.«

Descidar nickte wieder und verabschiedete sich. Aber Feitlaz, der Schiffszauberer, ging ihnen voran die steile Treppe in den Rumpf hinab und redete dabei über das, was anscheinend sein liebstes Spielzeug hier an Bord war.

»Der Nodus kann tatsächlich eine Verbindung zum Nexus herstellen, ganz wie ein gewöhnliches Portal. Aber er ist selbst so etwas wie ein kleiner Nexus, ein eigenständiges, denkendes Konstrukt, das diesem Schiff ungeahnte Möglichkeiten verschafft.«

»Eine Integrationsmaschine?«, fragte Swankar zweifelnd.

»Mehr als das.« Feitlaz wandte sich zu ihnen um und strahlte über das ganze Gesicht. »Fast ein künstlicher Zauberer, könnte man sagen. Ich bin eigentlich nur an Bord, um den Nodus zu lenken. Meine eigenen bescheidenen Fähigkeiten sind nichts verglichen mit dem, was er bewirken kann.«

Feitlaz führte die übrigen Offiziere durch einen schmalen Gang an seitlichen Schotts vorbei bis zu einer Tür aus Skermakial. Dahinter lag der Steuerraum, ganz mit Metallkeramik verkleidet. Portalsteine, Bildwerfer und Kommunikationsanlagen waren in die Wände eingelassen, Sitze mit Sicherheitsgurten standen an den Seiten aufgereiht. In der Mitte blieb viel freier Platz, und gegenüber dem Eingang gab es ein weiteres Panzerschott mit einem Bullauge darin.

Der Zauberer erklärte stolz die magischen und die mundanen Einrichtungen. Swankar trat an das gegenüberliegende Schott und spähte durch die Scheibe. Dahinter befand sich eine Art Schleuse.

Swankar legte die Hand auf das Metall. »Eine Panzerung«, sagte sie. »Gibt es thaumatechnische Anlagen auf dem Schiff?«

»Bitte?« Der Zauberer blickte auf. »Die Lichtbringer besitzt ein kleines Inversmodul als zusätzlichen Auftriebskörper und als Antrieb. Aber der Nodus funktioniert mit Thaumagel, darum ist er in dieser Kapsel untergebracht.«

»Sie ist nicht versiegelt«, wandte Swankar ein und wies auf das gesicherte Schott. »Man kann sie öffnen. Ist das Thaumagel frei zugänglich?«

»Da müssen Sie Doktor Descidar fragen«, sagte der Zauberer. Er klang nervös. »Ich bediene den Nodus nur. Das Schott dient nur Wartungszwecken - laut Protokoll hat die Mannschaft keinen Zugriff.«

Swankar rümpfte die Nase. Sie legte die Hand auf den Öffnungshebel, schaute dann auf das Sicherheitsschloss. Es war ein Auraschloss, eine halbmagische Technologie. Die Aura eines Lebewesens galt als unverwechselbar, aber Swankar traute dieser Technik nicht. Magie konnte durch Magie getäuscht werden; vermutlich konnte selbst dieser armselige Schiffsmagier sich Zutritt verschaffen, wenn er wollte.

Swankar schätzte es gar nicht, wenn sich Bereiche auf ihrem Schiff ihrer Kontrolle entzogen. »Und was kann dieser Nodus, was ein normaler Portalstein nicht zuwege bringt?« »Nun«, sagte der Schiffszauberer. »Sie können die Lichtbringer von hier aus genauso führen wie auf der Brücke. Was nicht unmittelbar zugänglich ist, kann vom Nodus überbrückt werden. Der Nodus hat selbst dann noch Zugriff auf alle Waffen und Systeme, wenn die tatsächlichen Verbindungen in einem Gefecht zerstört wurden.«

4

Maße und Größen - Wie es heißt, übernahmen die Finstervölker schon einmal, ganz unkompliziert und ohne Zwang, die bitanischen Gewichte, Maße und sogar den Sonnenkalender. Dies geschah während der »Knochenmesser-Revolte« vor 900 Jahren, und es blieb ein kurzes Zwischenspiel in einer stürmischen Zeit. Dennoch zeigt es, dass Unsicherheit und Ängste mehr Probleme schaffen als der grimmigste Streit.

Denn das, was 635 Jahre zuvor mitten im Krieg kein Problem gewesen war, wurde eines, als Falinga und Bitan sich friedlich zur Union zusammenschlossen und ihre Größen und Begriffe vereinheitlichen mussten. Über Jahrzehnte wurde in Gremien und Ausschüssen erbittert um jedes Wort gerungen, und noch länger dauerte es, bis die vereinbarten Begriffe sich allgemein durchgesetzt hatten. So groß war die Furcht der beteiligten Völker, bei der Einigung über den Tisch gezogen zu werden und ihre Identität zu verlieren!

Am Ende kam ein Kompromiss heraus. Er bescherte den Bitanern 13 Monate im Jahr, die nach der Tradition der Finstervölker benannt sind, sich aber nach bitanischem Brauch am Sonnenlauf orientieren, und viele weitere Regelungen dieser Art. Dennoch findet man heute noch Traditionalisten, welche hartnäckig die Bezeichnungen ihrer Vorfahren neben der offiziellen Regelung verwenden, alte militärische Ränge, alte Begriffe für Münzen, alte Längenmaße…

Und doch, aller Sturheit zum Trotz, haben sich die unterschiedlichen Bezeichnungen im Alltag einander angenähert. So werden inzwischen beispielsweise zwei Schritte der Finstervölker auf einen bitanischen Meter gerechnet - was allenfalls für eine recht kleine Nachtalbe als Schritt durchgehen kann, was aber das Verständnis und die Umrechnung ungemein erleichtert.

Aus: »GESCHICHTE DER UNION«, VON TENDOR ISTARIOS,

PROF. EM. DER POLITISCHEN AKADEMIE ZU OPPONUA

Aldungan bewohnte einen Turm am Rande der Stadt, der ihm vor Jahrhunderten, als der Nachtalb noch Herrscher aller Finstervölker gewesen war, als Palast gedient hatte. Der Sockel des Bauwerks war so oft umgebaut und wieder überbaut worden, dass er inzwischen einem natürlichen Hügel glich und ein eigenes Viertel in der Vorstadt bildete. Buntscheckige Häuser übersäten seine schrundigen Flanken, wucherten dort wie Muscheln an einem Pfahl: kleine Hütten und größere Villen, Mietwohnungen und Geschäfte. Manche dieser kleinen Häuser standen mit dem größeren Bauwerk in Verbindung, waren womöglich Erker oder ehemalige Gesindehäuser. Andere hatte man später hinzugebaut.

Die beiden oberen Drittel des Turms stachen aus dem verschachtelten Durcheinander empor mit den klaren Linien und den scharfen Kanten einer Waffe, eine Kathedrale aus Glas und Stein, blau schimmernd im Abenddämmer, mit klingenartigen Vorsprüngen und sich überlappenden Balustraden, die an die Schuppen einer antiken Rüstung erinnerten.

Eigene Hochstraßen führten aus verschiedenen Richtungen auf die Tore zu, ruhten erhaben auf schlanken Brückenbögen hoch über dem wilden Durcheinander des Stadtviertels, das im Schatten des Gebäudes gewachsen war.

Das Bauwerk hatte wenig gemein mit jenem schlichten Turm, in dem Frafa vor tausend Jahren gemeinsam mit ihrem Meister gelebt hatte. Es überragte die luftigen Zufahrtswege noch um zweihundert Meter und bildete fast schon eine Stadt für sich, mit Dutzenden von Stockwerken und mit Tausenden von Räumen und Zimmerfluchten im Inneren. Ein Turm nur der Form nach, in Wahrheit ein Palast, der dem von Leuchmadan und der Fei in nichts nachstand, nur dass Aldungan seine Zitadelle in die Höhe gebaut hatte und nicht in die Breite.

Frafa erinnerte sich an alles, als ihr Wagen auf das Gebäude zurollte. Es war im zweiten Jahrhundert seiner Herrschaft gewesen, als Aldungan seinen Wohnsitz an diesen Ort verlegt hatte. Frafa stand auf dem Höhepunkt ihrer Kanzlerschaft und war nach außen hin selbst zur Herrin von Falinga geworden -der Grauen Lande, die längst nicht mehr grau waren. Ein kleiner Sommerpalast war es damals gewesen, abseits von Daugazburg und dem Treiben der Stadt entrückt, umgeben von weitläufigen Gärten. Im Laufe der Zeit war er gewachsen, und in dem Maße, wie Aldungan selbst wieder in Erscheinung getreten war, zeigten sich nach und nach immer weitere Insignien von Macht und Herrschaft in der Architektur.

Seit Gründung der Union war das Gebäude wieder modernisiert worden. Die unteren Gewölbe hatte man abgetrennt, vermietet, versiegelt oder einfach vergessen; in anderen Bereichen hatte man ein Museum eingerichtet, oder man hatte sie stillgelegt. Aldungan selbst benutzte nur noch wenige Stockwerke dicht unter der Spitze.

Für den heutigen Tag waren viele der Hallen, die sonst für öffentliche Führungen zur Verfügung standen, wieder abgesperrt und geschmückt worden. Lange Reihen eleganter Fahrzeuge fuhren von allen Seiten auf den Turm zu, und Fluggeräte landeten in den dafür vorgesehenen Erkern.

Ein livrierter Einweiser winkte Frafas Fahrzeug heran, sie nahm ihre Tasche und stieg aus, und ihr Chauffeur wurde zu den Parkdecks weitergeleitet. Frafa raffte mit der freien Hand ihre schimmernd grüne Robe und schritt über den roten Teppich auf den Haupteingang zu. Die uniformierten Posten ließen sie ein, ohne nach einer Einladung zu fragen.

Sie ging gleich in Richtung der Garderobe, wo sie einen von Aldungans Protokollführern erblickte. Aber auf dem Weg dorthin traf sie auf den Bürgermeister von Daugazburg, auf einige alte Parteifreunde und auf einen früheren Kollegen von der Akademie. Frafa stellte ihre Tasche ab und wechselte ein paar Worte mit der Gruppe, doch als sie wieder zur Garderobe hinblickte, war der Protokollführer verschwunden. Dafür schritt Aldungan selbst über die breite Freitreppe in die Eingangshalle hinab. Der alte Nachtalb trug einen altmodischen dunkelblauen Anzug mit einem Besatz von Goldbrokat. Er und Frafa legten zur Begrüßung die Fingerspitzen aneinander.

»Frafa, meine Liebe. Ich hatte dich früher zurückerwartet…«

»Ja, Meister … Aldungan.« Frafa deutete einen Knicks an. Auch nach so vielen Jahren wurde sie in Aldungans Gegenwart immer wieder zur Schülerin. »Der Zug …«

Aldungan winkte ab. »Ein bedauernswerter Zwischenfall, es kam in allen Nachrichten. Zum Glück haben unsere stolzen Luftstreitkräfte diese Intrusion nicht geduldet und die unverfrorenen Elfen in die Schranken gewiesen.«

»Genau genommen habe ich …«

Aldungan fiel ihr wieder ins Wort. »Ja, die Einzelheiten - lass uns ein andermal darüber plaudern, wenn ein wenig Muße bleibt.«

Frafa nahm ihre Tasche hoch. Sie war unförmig, mehr eine Aktenmappe, und passte nicht zu dem feinen Kleid, das sie trug.

»Womit hast du dich da nur beladen?« Aldungan runzelte die Stirn. »Es ist einer eleganten Albe nicht würdig, bepackt herumzulaufen wie ein Menschensklave. Und nötig hast du es auch nicht, mein Kind.

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