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Leyla und das Tal des Drachen

EIN MÄDCHEN BEKOMMT EIN GESCHENK

Leyla lebt in einer Welt, in der alles genau nach Plan verläuft. Sie ist gerade drei Jahre alt und ihre Eltern sind anders als sie selbst. Oft fragt sie sich, ob sie hier überhaupt richtig ist, in dieser Welt. Hier muss sie alles lernen und kann sich nicht mehr darauf verlassen, was sie sieht und fühlt. Ihre Eltern wissen immer alles ganz genau und wissen, worauf es ankommt.

Es ist morgens, die Sonne geht gerade auf. Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln Leyla an der Nase und sie muss niesen. Sie schlägt die Augen auf und schaut aus dem Fenster. Die Sonne ist golden-violett am Horizont zu sehen, und der zweite Mond geht gerade unter. Der Himmel erstrahlt in einem tiefen Blau und keine Wolke ist am Himmel zu sehen. Es verspricht ein schöner Tag zu werden.

Tamina, Leylas Mutter, kommt herein. „Hallo, du bist ja schon wach. Komm, ich helfe dir beim Anziehen. Heute ist ein aufregender Tag und du lernst viele neue Menschen kennen. Freust du dich schon?“

Leyla ist noch ganz versunken und genießt halb träumend die aufgehende Sonne. „Hallo Mama, was ist denn heute los?“

„Wir gehen auf ein großes Fest. Heute begrüßen wir die Ankunft und das Leben hier.“ Auch Tamina nimmt einen tiefen Atemzug am offenen Fenster. Die Sonne hat sich inzwischen vom Horizont erhoben und lässt den Morgen in wunderbarem warmem Goldgelb erstrahlen. Ein Vogel sitzt auf einem Ast vor dem Fenster und singt ein Lied. Tamina legt Leyla die Kleidung zurecht und richtet dann das Frühstück.

Hier gibt es immer das gleiche am Morgen. Leyla rutscht auf dem Stuhl herum und ist unruhig. Sie spürt, dass heute etwas anders ist und das ist selten so. Alles scheint wie immer zu sein, die Mutter macht alles wie sonst auch.

Jetzt kommt der Vater auch zum Frühstück. „Guten Morgen, ihr zwei.“ Rolfo nimmt seine Frau zärtlich und fest in den Arm und küsst sie, denn er liebt sie sehr. Auch Leyla bekommt einen Kuss. Sie krabbelt sofort auf den Schoß ihres Vaters und gemeinsam genießen sie das Frühstück.

Tamina und Rolfo lieben ihr Leben und ihre Tochter sehr, doch auch sie wissen, dass Leyla anders ist. Sie können es nur noch nicht beschreiben. Sie spüren, dass da etwas in Leyla lauert, was sich irgendwann in ihrem Leben entfalten wird, und davor haben sie Angst. Deshalb versuchen sie, mit Leyla so normal wie möglich umzugehen. Es ist ihr ja auch nichts anzusehen. Sie ist ein fröhliches, lebhaftes, normales Kind, denken sie. So leben sie in ihren festen Bahnen, halten alles im Normalen und finden es gut so.

Auch Rolfo freut sich auf das bevorstehende Fest. Es findet in einem besonderen Gebäude statt. Es ist der Mittelpunkt dieser Stadt. Leyla war noch nie in diesem Gebäude und auch nicht in der Mitte der Stadt. Die Pilgrims leben in einer ruhigen Vorstadtidylle und mähen regelmäßig ihren Rasen. Es ist also alles gut in ihrem Leben und sie haben keine Ahnung, wie es sich noch entwickeln wird. Sie leben ihren Plan.

Leyla hat überhaupt keine Lust auf so einen Plan. Für jeden Tag gibt es einen Plan, für alles, was passiert und wie es zu geschehen hat, gibt es einen Ablauf. Leyla hat so eine Ahnung, dass es auch ohne Pläne gehen könnte. Und manchmal ärgert sie ihre Mutter, indem sie versucht, manche Dinge einfach mal anders zu machen. Leyla merkt immer ganz genau, wenn ihre Mutter ärgerlich ist, denn dann sagt sie immer „Leyla Flora“, und den zweiten Vornamen benutzt sie sonst nie.

Selbst der Ärger mit den Eltern verläuft gleich und Leyla weiß immer ganz genau, was als nächstes passiert. Sie ist erst drei Jahre alt und findet das schon langweilig. Also freut sie sich auf das heutige Fest, denn im letzten Jahr war sie zu klein, deshalb kann sich nicht mehr so genau daran erinnern, wie es war.

Tamina räumt den Tisch ab und packt kleine Päckchen mit Broten ein. „Leyla, heute wird es ein langer Tag für dich. Ich hoffe, du hast gut geschlafen. Zieh dich bitte um, und dann fahren wir gleich los.“

Die Pilgrims haben ein kleines angemessenes Auto, so wie es sich gehört. Leyla nimmt auf dem Rücksitz Platz und freut sich auf die Fahrt. Rolfo startet das Auto und lenkt den Wagen in Richtung Stadtmitte.

Die Stadt ist rund mit geraden Straßen von der Mitte nach außen, wie ein Stern angelegt. Von oben sieht so eine Stadt aus wie eine geschnittene Torte. So braucht Rolfo nur eine Hauptstraße zur Stadtmitte zu suchen und kann leicht dorthin fahren. Diese Straßen sind breit und mit mehreren Spuren angelegt und je nach Stadtgröße kommen weitere Spuren hinzu. Hier hat die Hauptstraße je vier Spuren, für eine mittelgroße Stadt.

Leyla betrachtet die Häuser am Straßenrand. Es sind große, elegante Häuser. Ihre Fassaden sind meist glatt geputzt und farbig angemalt, mit weißen Verzierungen aus Stuck an Fenstern und Türen. Sie sind gerade und hoch gebaut, mit bis zu zehn Stockwerken. So wirkt die Straße wie eine Schlucht auf Leyla, und die hohen Häuser nehmen ihr den Atem.

Alle Neuankömmlinge und Menschen, die in die Stadt wollen, fahren diese großen Straßen entlang. Auf diesem Weg sind natürlich nur die Fassaden der hohen Häuser zu erkennen. Was sich in den einzelnen Stadtteilen dahinter verbirgt, kann natürlich keiner erkennen. Und die Straßen in die einzelnen Bezirke hinein sind klein und nur mit größter Aufmerksamkeit zu finden. Jeder Ortsteil ist eine eigene kleine Welt mit eigenen Gesetzen, das muss man wissen.

Die Pilgrims wohnen in einem sehr gediegenen Stadtteil, dort zählt der gepflegte Garten und ein geordnetes Leben. Das alles weiß Leyla zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht, sie spürt nur die Schlucht der Straße.

Rolfo gibt Gas, er möchte auch möglichst schnell sein Ziel erreichen. Die Straße ist zwar breit und übersichtlich, doch trotzdem ist sie bei solchen Anlässen oft verstopft und der Weg zur Stadtmitte zieht sich lange hin. Rolfo ist aufgeregt und wechselt nervös immer wieder die Spur. Tamina ist genervt.

„Bitte Rolfo, kannst du nicht auf einer Spur bleiben? So kommen wir auch nicht schneller voran. Wir haben genug Zeit, auch noch einen Parkplatz zu suchen.“

„Ok, ich versuche ruhiger zu fahren. Haben wir was zu essen dabei?“

„Ja, ich habe daran gedacht. Es liegt im Kofferraum.“

Auch in der Stadtmitte ist alles rund angelegt. Sogar manche Häuser passen sich der runden Struktur an und haben gebogene Fassaden. Alles ist glatt und hat eine klare Struktur. Um den Kern der Stadt, das Haus der Mitte, ist ein Bereich zum Einkaufen und Flanieren angelegt. Angrenzend sind die Parkplätze, sodass - von oben gesehen - ein ordentliches Rondell entstanden ist, von dem die einzelnen Stadtteile wie Tortenstücke abgehen.

Rolfo hat sich durch den Verkehr gekämpft und einen Parkplatz gefunden. Der Parkplatz ist wie eine großer Ring, welcher sich rund um die Innenstadt zieht. Sie steigen aus dem Wagen und genießen den weiten Blick über die Autos. Sie atmen durch. Der Parkplatz ist schon ziemlich voll. Der Lärm erreicht ihre Ohren und sie kämpfen sich nun ihren Weg durch die Menschen und Blechlawinen.

Tamina nimmt Leyla auf den Arm und drückt sie fest an sich. Leyla ist diese Menschenmengen nicht gewöhnt. Sie hat Angst, verloren zu gehen. Tamina und Rolfo suchen weiter ihren Weg zum Haus der Mitte. Hier hat alles begonnen und sie waren seitdem nicht wieder hier gewesen. Es wird ein komisches Gefühl sein, wieder in diesen Hallen zu wandeln.

Die Erinnerungen durchfluten Tamina. Sie versucht, ihrer Gefühle Herr zu werden, doch Rolfo hat schon bemerkt, was los ist.

„Tamina, es ist alles gut. Diesmal wird alles gut gehen. Du wirst es sehen.“

„Es war das letzte Mal so schwer. Ich konnte kaum glauben, was da geschah. Diesmal will ich es durchhalten.“

Leyla ist besorgt. „Mama, was ist denn los? Ist alles gut mit dir?“

„Es ist alles in Ordnung Leyla, Mama passt auf dich auf.“

Inzwischen haben sie sich durch das Getümmel gewühlt und stehen nun vor dem Portal zum Haus der Mitte. Es ist ein großes Portal mit hohen Türen aus schwerem Holz. Die Stuckverzierungen über dem Portal sind golden und es führt in die große Eingangshalle mit Böden aus weißem Marmor.

Das Deckengewölbe ist sternenförmig mit goldenem Stuck aufgeteilt und mit kunstvollen Deckenbildern verziert. Sie zeigen wunderschöne und auch niedliche Engel, Tiere, Pflanzen und Menschen, wie sie kommunizieren und miteinander spielen.

Das Haus der Mitte ist, wie gesagt, ein besonderes Haus. Es repräsentiert die Größe, den Reichtum und die Macht der Stadt. In jeder Stadt gibt es so ein Haus. Hier werden bedeutsame Feste gefeiert und von hier aus wird alles gelenkt, was wichtig ist. Es ist ein großer, hoher, runder Turm mit einem goldenen kuppelförmigen Dach. Auch die Räume in dem Turm sind seiner Form angepasst. Die mittleren Räume des Turms sind rund und der Raum ganz in der Mitte nimmt die volle Höhe des Turmes ein. Er reicht bis in die Spitze der Kuppel.

Die Kuppelspitze hat noch eine Besonderheit; sie kann geöffnet werden, und in dieser Öffnung befindet sich ein Diamant, ein großer Diamant, der bei einem bestimmten Sonnenstand den Turmraum in eine wunderbare Lichterwelt verwandelt.

Das geschieht einmal im Jahr, und es ist der Tag des Lebens. Dieser Tag wird besonders geehrt und gefeiert. Für diesen Tag ist dieser Raum für 7 Stunden in alle Farben des Universums getaucht und alle Menschen der Stadt machen sich auf, um dies zu erleben. Es hat eine besondere Magie für die Menschen. Sie wollen in den Farben baden.

Tamina hält Leyla fest im Arm, und inzwischen haben sie den hohen Turmraum erreicht. Der Himmel ist immer noch wolkenlos und die Sonne scheint durch den Diamanten. Der Raum ist hell und von allen Farben erfüllt. Die Menschen drängen in die Mitte.

Rolfo und Tamina stehen an der Tür und schauen sprachlos in den Raum. Tamina ist unsicher. „Wollen wir reingehen?“

Leyla ist unruhig. Sie will auch in den Farben baden.

Rolfo macht Tamina Mut. „Es ist alles gut, schau, die Leute sind in Frieden in dem Raum.“

Diesmal läuft alles geordnet ab. Es wird jeweils nur eine bestimmte Menge in den Raum gelassen, um ein zu großes Gedränge zu verhindern.

Im letzten Jahr war das Gedränge so groß, dass Tamina stürzte und zu Boden fiel. Doch trotz des Friedens im Raum wurde darauf keine Rücksicht genommen und Tamina wurde überrannt und getreten. Durch die Farben verlor Tamina die Orientierung und hatte es schwer, sich aufzurichten und wieder aus dem Raum heraus zu finden.

„Ich bin dicht bei dir und Leyla“, versucht Rolfo sie zu beruhigen.

Tamina fasst all ihren Mut zusammen und gemeinsam betreten sie den Raum. Der Raum ist sehr voll und es herrscht trotz der Kontrolle ein Gedränge. Tamina und Rolfo sind dicht beieinander und halten sich gegenseitig. Sie spüren die Dichte der Körper, die Rücken und Schultern der anderen Menschen. Gleichzeitig sind sie überwältigt von den Farben und der Atmosphäre.

Sie können nur nach oben schauen und den Saal mit den Augen erkunden, versuchen alle Farben und Eindrücke mit den Augen zu erfassen. Die Farben bewegen sich, sie tanzen im Raum. Der Diamant bewegt sich im Wind, und Tamina wird schwindelig. Schnell versucht sie auf den Boden zu schauen und Sicherheit zu gewinnen. Leyla spürt, wie ihre Mutter schwankt, doch Rolfo steht hinter ihr und reicht ihr den Arm. Schnell hält sich Tamina fest. Die Farben schweben weiter durch den Raum, auch Leyla ist davon gefangen.

Da ertönt eine Stimme. „Willkommen im Reich der Farben. Willkommen im Turm der Mitte und beim Fest des Lebens.“

Die Menschen hören gespannt auf die Stimme. In diesem freien und geöffneten Zustand erreicht die Stimme ihr Innerstes. Sie nehmen alles in sich auf, auch wenn sie sich vielleicht später nicht mehr daran erinnern können.

Die tiefe männliche Stimme fährt fort: „Nehmt alles Leben und alle Farben in euch auf. Genießt das Fest und feiert das Leben. Durch den Diamanten strömt die Kraft der Farben in euch ein. Das ist eure Lebendigkeit.“

Vollkommen gebannt stehen Tamina, Rolfo und Leyla in der hohen, hell erleuchteten Halle und lauschen, eingetaucht im Meer der Farben, der tiefen Stimme. Als es wieder ruhig ist, finden sie wieder zu sich und begeben sich in den Vorraum. Diesmal ist alles gut gegangen. Die Menschen waren ruhiger und Tamina konnte sicher mit den Farben tanzen. Sie ist froh, jetzt unbeschwert feiern zu können. In den umliegenden Räumen ist alles festlich hergerichtet.

Der Turm und die Innenstadt stehen im Zeichen des Festes. Es gibt Stände mit Kuchen und Wein, und sie sind klein, aus Holz, mit bunten Tüchern geschmückt. Alles ist farbenfroh hergerichtet und vor den Ständen sind Tische und Stühle oder Bänke zum Verweilen, Essen und Trinken aufgebaut.

Tamina erspäht eine Bude mit Schmuck und hübschen Dingen für die Wohnung. Sie schnappt Rolfo am Arm und zieht ihn zu ihm hin. Hier sind wundersame Figuren von mystischen Wesen aufgebaut. Hinter dem Tisch steht eine Frau.

Sie ist in einen langen braunroten Rüschenrock und weite Tücher gehüllt. Ihre lockigen, langen Haare sind wild aufgesteckt und einige Strähnen fallen ihr ins Gesicht. Sie lächelt Tamina und Leyla an.

„Diese Gestalten sind magisch. Glaubt ihr an Magie?“

Leyla betrachtet fasziniert die Figuren und streckt die Hand aus.

„Ja, nimm ruhig eine in die Hand“, die Frau gibt Leyla eine Figur.

Sie ist schwer und Leyla muss sie mit beiden Händen festhalten. Die mattierte Oberfläche fühlt sich fest und samtig an. Leyla schaut in ein feines, freundliches Gesicht.

Plötzlich erkennt sie ein Blitzen in den Augen, und erschreckt lässt sie die Figur fallen. Sie fällt auf den harten Steinboden – und bleibt unversehrt.

Tamina hebt erstaunt und erleichtert die Statue wieder auf.

„Was war das denn? War die Figur zu schwer für dich Leyla?“

Sie fühlt die Figur und wird neugierig. Es ist ein Wesen mit dünnen hautartigen Flügeln. Es ist klein und hat einen Körper dem Menschen ähnlich. Es ist sehr schlank und hat einen kleinen haarigen Schwanz mit einem Puschel am Ende. Die Hände sind fein mit langen Fingern, doch die Füße sind zwar schlank, haben aber nur drei etwas dickere Zehen mit Krallen und kurzem Fell. Es steht auf einem Sockel, und scheinbar will es losfliegen.

Tamina betrachtet das Gesicht, es blitzt in den Augen und erschreckt stellt Tamina die Figur wieder an ihren Platz.

„Haben Sie etwas gesehen?“, fragt die Frau. „Es ist ein Zwelf.“

Die Frau streicht lächelnd eine rote, lockige Strähne aus ihrem jungen, sinnlichen Gesicht.

„Zwelfen vereinen Gegensätze miteinander, und sie verbinden verschiedene Welten. Sie sind gutmütig und freundlich. Sie meinen alles gut. Sehen sie nicht magisch aus?“

Tamina ist von solchen Dingen irritiert. Sie mag sie nicht. Sie braucht logische Erklärungen. Leyla hingegen ist fasziniert von der Figur mit den blitzenden Augen. Sie ahnt eine Lebendigkeit, welche sie noch nicht kennt. Ein Geheimnis.

Tamina hat genug und zerrt Leyla von dem Stand weg.

„Komm, wir gehen jetzt in ein Café und treffen Tante Monica und ihre Tochter Tamara. Tamara ist in deinem Alter, und ihr könnt später schön miteinander spielen.“

Rolfo nimmt Leyla auf den Arm und gemeinsam machen sie sich auf den Weg zum Café. Die Innenstadt ist voller Menschen und als sie am Café ankommen, sind schon alle Plätze belegt. Doch plötzlich winkt ihnen Monica mitten aus der Menge zu. Sie hat einen Tisch für alle ergattert. Tamina und Rolfo sind froh, sich nun endlich setzen zu können.

„Hallo Monica, schön dich nach dieser langen Zeit wieder zu sehen. Wie geht es euch?“

Die beiden Frauen umarmen sich herzlich.

„Hallo Rolfo, schön dich zu sehen. Nun sind wir alle endlich mal wieder beisammen.“

Bei einer Tasse Kaffee genießen die drei Erwachsenen ihr ruhiges Plätzchen in dem Trubel. Die beiden Schwestern haben sich schon lange nicht mehr gesehen. Ihre Wege trennten sich, als Monica ihren Mann kennen lernte und Tamara bekam.

Sie lebten vollkommen anders, als Tamina es sich vorstellen kann. Monicas Mann Ludger kommt aus einem anderen Land und sieht das Leben anders als Tamina. Genau das gefiel Monica so gut, dass sie heirateten und gemeinsam in Ludgers Heimat lebten. Jetzt ist Monica zu Besuch hier. Sie hat einfach Heimweh und will Tamina nach vier Jahren endlich wieder sehen. Um aber trotzdem unabhängig zu bleiben, hat sie sich ein Hotelzimmer genommen, denn sie weiß, wie genau Tamina und Rolfo einige Dinge nehmen. So können sie sich sehen und das Zusammensein in Frieden genießen.

„Schau mal Leyla, das hier ist Tamara, deine Cousine“, stellt Tamina die Kinder einander vor. Leyla sieht Tamara zum ersten Mal und hält sich erst einmal zurück. Mal abwarten, wie die andere so ist. Leyla beäugt auch Monica vorsichtig. Sie bleibt lieber sicher auf Rolfos Schoß und beobachtet alles, während Tamara sich neugierig umschaut und von der Menschenmenge ganz und gar nicht beeindruckt ist. Im Gegenteil, Monica hat alle Hände voll zu tun, um Tamara am Tisch zu halten.

„Wie ist es dir in den letzten Jahren ergangen?“, will Tamina wissen.

„Oh, wir hatten ein turbulentes Leben bis jetzt. Auf den zweiten Blick jedenfalls. Tamara hält mich ganz schön auf Trab, und dann passieren mir immer so komische Dinge und das schon seit einer ganzen Weile. Ludger bekommt davon gar nichts mit, aber ich finde es unheimlich. Anfangs habe ich immer eine Erklärung gefunden, aber inzwischen glaube ich nicht mehr immer daran. Es fühlt sich einfach komisch an und beunruhigt mich.“

„Was passiert denn da so?“, fragt Tamina nach.

„Es sind Dinge, die offensichtlich ganz normal aussehen, doch immer wenn so etwas vorkommt, verändert sich eine Kleinigkeit. Einmal ist aus heiterem Himmel ein Krug mit Saft umgekippt, doch es war niemand in der Nähe. Der Krug stand dort, weil wir Besuch erwarteten. Kurz danach sagte der Besuch ab.“

„Das halte ich für einen Zufall“, entgegnet Tamina.

„Das kann schon sein“, stimmt Monica zu, „doch weil dieser Besuch nicht kam, konnte die Entscheidung über unser Haus nicht getroffen werden. Wir überlegten, einige Umbauten daran vorzunehmen. Durch diesen Vorfall haben unsere Überlegungen eine neue Richtung bekommen. Verstehst du? Es sind kleine Vorfälle mit Auswirkungen, die erst danach abzusehen sind. Doch ich will euch jetzt damit nicht langweilen. Erzählt mal von euch, wie geht es euch?“

„Wir führen ein ganz normales Leben. Alles ist geregelt und wir freuen uns, unsere Leyla zu haben. Rolfo hat eine sichere Arbeit als Journalist, und ich bin zu Hause. Das ist eigentlich schon alles.“

Leyla lauscht dem Gespräch und beobachtet die vielen Leute. Es gibt noch viel zu erzählen und nach einiger Zeit wird es Leyla langweilig. Sie möchte nach Hause.

„Leyla ist langweilig und wir sitzen auch schon eine ganze Weile hier. Wollen wir noch einmal über den Markt schauen und dann bei uns zu Abend essen?“ fragt Rolfo.

Tamara ist hoch erfreut, endlich erlöst zu sein. Jetzt ist es nicht mehr ganz so voll auf dem Markt und die Frauen können in Ruhe die Stände betrachten. Es gibt alles, was das Herz begehrt. Und alle Stände sind gemütlich und laden zum Verweilen ein.

Während Rolfo sich um die Kinder kümmert, genießen die Frauen das Beisammensein. Sie bestaunen schöne Stoffe und Tücher, Monica liebt ätherische Öle und Düfte, sie schauen sich Bücher an und diskutieren über die verschiedensten Themen. Die Kinder freuen sich über eine Fahrt in einem alten Karussell. Es ist nicht schnell, aber dafür schön verziert. Die Kinder reiten auf weißen Pferden mit langen welligen Mähnen. Es gibt weiße Kutschen mit goldenen Verzierungen, Einhörner und sogar einen Pegasus. Leyla liebt diese mystischen Tiere.

Nach der Karussellfahrt entdeckt Leyla wieder den Stand mit dem Zwelf. Sie reißt sich los und rennt zu dem Stand, sie winkt Tamara ihr zu folgen. Neugierig erkunden die beiden die vielen Figuren, bis Leyla den Zwelf entdeckt und ihn Tamara in die Hand drückt.

Atemlos kommen nun auch Tamina und Monica an.

„So geht das aber nicht, bleibt schön bei Mama“, herrscht Tamina die Beiden an, „und lasst die Figuren stehen.“

Sie nimmt Tamara die Figur aus der Hand und stellt sie wieder hin.

„Na, die Figur ist ja heil. Es ist nichts geschehen und sie haben ihre Kinder wohlbehalten vorgefunden“, versucht die freundliche Frau zu schlichten.

„Ok, aber wir gehen jetzt besser nach Hause.“

Tamina und Monica nehmen ihre Kinder an die Hand und wollen zum Auto gehen. Leyla dreht sich noch einmal um und da lässt die Frau ihr den Zwelfen in die Tasche gleiten. Leyla freut sich, jetzt hat sie einen Schatz. Sie wird ihn verstecken und hüten.

Ein Stückchen weiter will Leyla noch einmal winken, doch der Stand ist verschwunden. An der Stelle des Standes ist alles leer, da zieht Tamina an Leylas Hand, deshalb sagt sie nichts.

Monica hatte die Situation verwundert verfolgt, sie war ebenfalls fasziniert und fand es ein wenig schade, die Figuren nicht genauer betrachten zu können. Sie weiß aber, dass mit Tamina bei solchen Dingen nicht zu spaßen ist. Auch sie drehte sich um, weil sie noch einen Blick auf die Figuren erhaschen will, doch der Platz ist leer. Wieder so ein seltsamer Vorfall. Tamina gegenüber erwähnt sie das lieber nicht.

Rolfo wartet inzwischen am Auto auf die anderen. Er ist froh, dass jetzt alle da sind und die Fahrt nach Hause losgehen kann.

Leyla hat vorsichtig ihren Schatz mit nach Hause gebracht. Sofort läuft sie in ihr Zimmer und packt ihn aus. Tamara kommt herein und sie betrachten neugierig die Figur. Wieder blitzt es in deren Augen. Die Mädchen schauen sich an, sie wissen: Jetzt ist es da. Nur was, wissen sie noch nicht.

Leyla versteckt den Zwelf lieber, wer weiß, was noch geschehen kann. Der Boden ihres Zimmers ist mit hellen Dielen aus Holz ausgekleidet. Es gibt eine lockere Diele hinten links im Zimmer. Es ist ein kleines Randstück, das Leyla leicht hochheben und darunter etwas verstecken kann. Sie verstaut den Zwelf vorsichtig, sodass sie ihn immer wieder greifen kann und legt die Holzdiele wieder an ihren Platz. Jetzt sind die beiden Mädchen durch ein Geheimnis miteinander verbunden.

EIN UNGEWÖHNLICHER TAG

Leyla ist gerade zwölf Jahre alt geworden. Es ist ein warmer Sonnentag und Leyla freut sich auf einen schönen Nachmittag mit ihrer Freundin. Da klingelt das Telefon.

„Pilgrim“, meldet sich Tamina. „Nein, Leyla ist nicht zu sprechen. Wir wollen so etwas nicht.“

Als Tamina auflegt, fragt Leyla: „War das für mich? Wer war das denn?“

„Das ist egal. Wir entscheiden, und das ist nicht gut für dich.“

„Willst du mir nicht wenigstens sagen, wer es war und was derjenige wollte?“

„Nein, Schluss der Debatte.“

Damit muss sie sich jetzt wohl zufrieden geben. Tamina und Rolfo sind sehr streng bei bestimmten Dingen. Sie würde schon rausfinden, wer es war.

Leyla geht in ihr Zimmer. Ihren Schatz hat sie schon lange vergessen. Betrübt legt sie sich auf das Bett und denkt über den Anruf nach. Was der Anrufer wohl wollte, und warum wollten die Eltern das absolut nicht, denkt sie.

Nach einer Weile steht Leyla auf und packt ihre Sachen für das Treffen zusammen. Plötzlich hört sie ein Knacken. Es ist hinten links im Zimmer.

„Komisch“, denkt Leyla laut: „was ist das denn?“ Sie versucht das Knacken zu finden, doch sie kann es noch nicht orten, außerdem hat sie jetzt auch keine Zeit, so wichtig ist das Knacken auch nicht. Auf der losen Diele hinten links steht jetzt ein schwerer heller Kleiderschrank. So nimmt Leyla ihre Sachen und verlässt das Haus. Sie trifft sich mit Tamara. Monica ist auch in diese Stadt gezogen. Sie hatte einfach Heimweh und ist deshalb mit ihrer Familie wieder zurückgekommen. Jetzt besuchen die beiden Mädchen sogar dieselbe Klasse und sind gute Freundinnen, während die Mütter immer wieder Streitigkeiten wegen ihrer unterschiedlichen Lebenseinstellungen haben.

Tamara freut sich Leyla zu sehen: „Hallo Leyla, heute ist ein schöner Tag. Was wollen wir machen?“

„Ach, ich weiß auch nicht. Heute kam ein Anruf für mich, und Mama hat gesagt ich sei nicht da und irgendetwas abgelehnt. Ich habe keine Ahnung, was der Anrufer wollte. Lass uns erst einmal ein Eis essen gehen.“

„Das ist eine gute Idee. Komm, wir gehen in das Café in der Nähe.“

Die beiden Mädchen bestellen sich zwei große Eisbecher und genießen die Sonne.

„Tamara, ich habe das Gefühl, dass da irgendetwas los ist. Meine Eltern sprechen mit mir nicht darüber. Hast du eine Ahnung, vielleicht von deiner Mutter?“

„Unsere Mütter sprechen oft über uns, das weiß ich, aber davon erzählt sie mir auch nichts.“

Leyla schaut sich die schöne Stadt an. In diesem Stadtteil sind die Häuser noch alt, sie haben wunderschöne Verzierungen und strahlen so eine Gemütlichkeit aus.

„Und dann war da so ein Knacken in meinem Zimmer. Das habe ich noch nie gehört. Es war recht regelmäßig, als wenn jemand klopfen würde. Komisch war das“, erklärt Leyla.

Auch Tamara hat den Schatz längst vergessen und auch die lose Diele. Der Zwelf ist in Vergessenheit geraten.

Sie verleben einen wunderschönen Tag und Leyla kommt abends fröhlich nach Hause.

„Hallo, ich bin wieder zu Hause“, keine Antwort, „seid ihr da?“ Komisch, denkt Leyla, sonst sind sie doch immer da, ob etwas passiert ist?

Sie geht in ihr Zimmer, legt ihre Sachen ab und setzt sich erst einmal auf das Bett. Es ist ein komischer Tag, alles ist irgendwie anders als sonst. Plötzlich hört Leyla wieder das Klopfen. Es ist leise und gleichmäßig, immer fünfmal. Unruhe breitet sich aus.

Tamina und Rolfo biegen gerade in ihre Straße ein und sind froh, endlich zu Hause zu sein. Sie haben gehofft, noch vor Leyla da sein zu können. Sie diskutieren aufgeregt, als sie hereinkommen.

„Rolfo, das können wir nicht machen. Du weißt, dass wir das nicht erlauben können. Es entspricht überhaupt nicht unserer Lebenseinstellung. Dort lernt sie das, was wir verhindern wollten.“

„Ja, schon, aber sollte sie nicht selbst über ihr Leben entscheiden?“

„Mit zwölf Jahren? So etwas noch nicht. Nein.“

„Wir sollten es Ihr aber wenigstens erklären, damit sie weiß, worum es geht.“

„Nein, das macht ihr nur den Mund wässrig, und dann drängelt sie so lange, bis sie machen kann, was sie will.“

„Unsere Leyla ist eben eigensinnig. Gerade das mag ich so. Lass es uns versuchen. Ich glaube, wir können ihr vertrauen und sie ist alt genug, selbst zu entscheiden.“

„Ich bin entschieden dagegen. Es wird ihr nicht gesagt.“

Für den Moment ist Rolfo ruhig, aber er nimmt sich vor, trotzdem mit Leyla zu reden, später, wenn sich die Wogen geglättet haben.

Leylas Zimmertür ist nur angelehnt gewesen und sie hat das Gespräch mit angehört. So bestimmt hat sie ihre Mutter noch nie erlebt. Rolfo war sonst immer der Tonangebende.

Es muss Mama wirklich wichtig sein, denkt Leyla, sonst würde sie nicht so wütend sein. Was es wohl war?

Wieder klopft es in Leylas Zimmer. Sie ist genervt und sucht im ganzen Raum. Horcht in jede Ecke und auf dem Boden. Es kommt vom Kleiderschrank. Sie öffnet die Türen, doch das Klopfen bleibt gleich. Es muss wohl hinter dem Schrank sein, doch dahinter ist alles leer. Leyla legt ein Ohr auf die Bodendielen. Sie vibrieren, das Klopfen kommt aus dem Boden. Ihr fällt die lockere Diele wieder ein und sie sieht, dass jetzt der Schrank darauf steht.

Es kann unmöglich daher kommen, denkt sie. Sie schafft es, den Arm in den Spalt zwischen der Wand und dem Schrank zu stecken und einen Finger auf die Diele zu legen. Da, die Diele klopft – und schon wieder. Leyla zieht schnell den Arm wieder zurück und überlegt, was das wohl bedeuten könnte.

„Das Klopfen kommt aus dem Boden, aber was könnte da sein?“

„Leyla, kommst du zum Abendessen?“, ruft Tamina.

Das gemeinsame Abendessen ist sehr wichtig in der Familie und alle freuen sich auf die Gemeinsamkeit. Leyla stürmt die Treppe herunter, ist aber immer noch völlig durcheinander.

„Hallo, mein Schatz“, begrüßt Rolfo seine Tochter, „schön dich zu sehen. Wie war dein Tag?“

Jetzt kann Leyla nicht mehr an sich halten: „Das fragst du? Ihr kommt nach Hause und seid lautstark am diskutieren. Ihr entscheidet einfach über mich und mit wem ich telefonieren darf. Da fragst du, wie mein Tag war?“

„Bitte beruhige dich“, Tamina ist entsetzt, dass Leyla alles gehört hat. „Es gibt halt Dinge, die du in Deinem Alter noch nicht entscheiden kannst. Ich versuche lediglich, dich zu beschützen.“

„Das sieht Papa aber anders.“

„Trotzdem sind wir uns im Handeln aber einig, und manche Dinge müssen erst einmal in Ruhe überlegt werden“, versucht Rolfo zu beschwichtigen, „Lass uns doch in Ruhe essen. Wenn wir es für richtig halten, werden wir mit dir reden, ok?“

Ihm ist ein bisschen mulmig, weil er sich doch eigentlich entschieden hat, mit Leyla zu reden. So muss er mit Tamina einig sein und das Gespräch noch weiter verschieben. Er seufzt. Leyla entdeckt den unschlüssigen Funken in Rolfos Augen und weiß, dass dies noch nicht das letzte Wort gewesen ist. Deshalb lenkt sie ein und setzt sich wortlos an den Tisch.

Nach dem Abendessen in gedrückter Stimmung wagt sie ihrem Vater von dem Klopfen zu erzählen: „Papa, kannst du mal mit rauf in mein Zimmer kommen? Jetzt? Ich will dir was zeigen, allein.“

Verwundert folgt Rolfo Leyla in ihr Zimmer: „Was ist denn?“

„Es gibt hier ein Geräusch und es macht mir Angst. Wenn wir ganz leise sind, kannst du es hören.“

Es ist vollkommen still im Zimmer.

Ungeduldig wehrt Rolfo ab: „Hier ist doch nichts. Ich kann nichts hören.“

„Es ist ein Klopfen, immer fünfmal ganz leise. Es kommt von der lockeren Diele unter dem Schrank, ich habe es sogar gefühlt. Bitte horch noch mal.“

Ungeduldig wartet Rolfo auf das Geräusch. Er glaubt nicht an komische Geräusche, es ist doch alles still.

Plötzlich hört er es auch, „Toc, toc, toc, toc, toc“. Dumpf und leise tönt es durch den Raum.

Pause.

„Toc, toc, toc, toc, toc.“

Pause.

In einer Regelmäßigkeit, die einem Uhrwerk gleicht.

Jetzt ist auch Rolfo beunruhigt: „Komm, lass uns nachschauen, dabei kannst du unmöglich schlafen.“

Vorsichtig schiebt er den Schrank beiseite und hebt die lockere Diele an.

„Ach, was ist das denn?“

Schnell ergreift Leyla den Zwelf und versteckt ihn in ihrer Kleidung. „Das ist gar nichts. Jedenfalls nichts, was klopfen kann.“

„Ich sehe doch, dass du etwas versteckst.“

Unsicher zeigt Leyla Rolfo den Zwelf. Langsam zieht sie ihn aus einer Falte hervor und streckt ihn Rolfo entgegen.

„Wo hast du das denn her?“

Leylas Erinnerung ist blitzartig wieder da. Sofort erinnert sie sich wieder an die Frau auf dem Markt.

„Erinnerst du dich an den Markt damals, als ich noch ganz klein war, da hat mir eine Frau diese Figur geschenkt? Die Augen haben immer geblitzt, und da habe ich die Figur versteckt und dann vergessen.“

„So eine Figur kann doch nicht klopfen“, Rolfo nimmt den Zwelf in die Hand und betrachtet ihn genauer. Ein Blitz trifft seine Augen. Rolfo erschrickt.

„Leyla, was ist das? Hat die Frau irgendetwas gesagt?“

„Sie nannte es, glaube ich, Zwelf. Mehr weiß ich auch nicht. Ach so, und er soll Gutes und Schlechtes ausgleichen und verbinden. Was immer das auch heißt.“

Rolfo schließt die Lücke im Boden und stellt den Schrank zurück.

„Papa, was machen wir denn jetzt? Was ist, wenn der Zwelf geklopft hat? Ich habe Angst.“

„Pass auf, wir stellen die Figur jetzt in den Schrank und schließen die Tür, dann kann nichts passieren. Komm wir probieren es aus und warten, ob es wieder klopft.“

Beide horchen angestrengt, doch es bleibt alles ruhig. Das Klopfen ist weg. Erleichtert gehen die beiden nach unten. Tamina erzählen sie nichts von dem Vorfall, denn sie wissen, dass solche Dinge bei ihr nicht zu existieren haben.

Es ist später Abend, und Leyla versucht zu schlafen. Sie weiß, dass der Zwelf im Schrank steht und schläft mit einem mulmigen Gefühl ein.

Plötzlich schreckt Leyla hoch. Es blitzt im Zimmer, der Raum ist für einen Moment von grell weißem Licht erhellt. Dann ist es wieder dunkel. Leyla atmet schnell und versucht mit den Augen alles zu erkunden, doch nach dem Blitz kann sie nichts mehr sehen.

Es blitzt wieder aus den Schranktüren heraus. Eine Schranktür öffnet sich leise einen Spalt breit und schließt sich auch ebenso leise wieder.

Jetzt – ein dritter Blitz. Hell und grell. Es muss bis auf die Straße leuchten, denn ein Hund bellt. Doch die Menschen schlafen und alles bleibt ruhig. Leyla horcht, angespannt sitzt sie im Bett und versucht zu verstehen, was geschehen ist.

Es raschelt auf ihrem Nachttisch, sie macht schnell die Nachttischlampe an. Der Zwelf schlägt die Arme vors Gesicht und duckt sich: „Bitte mach das Licht noch aus.“

Leyla kann kaum glauben, was sie sieht.

Sie starrt den Zwelfen an: „Du lebst?“

„Na klar“, langsam hat sich der Zwelf an das Licht gewöhnt, „es war ganz schön muffig da unter dem Boden.“

Der Zwelf grinst. „Das haste nicht gedacht, was? Ich habe die ganzen Jahre da unten gewartet und gehofft, dass du dich wieder an mich erinnerst. Nach deinem zwölften Geburtstag habe ich geklopft. Gut, nicht?“

Leyla versucht, die Fassung wieder zu finden.

„Warum bist du zu mir gekommen? Und was machst du hier?“

„Och, du warst so niedlich.“ Der Zwelf grinst immer noch: „Quatsch, wir haben uns natürlich verabredet, aber davon kannst du nichts wissen. Außerdem bist du jetzt zwölf, das ist das gewisse Alter.“

Im Lampenlicht streckt er sich, sein Schwanz tanzt lustig hin und her. „Schön, wieder lebendig zu sein. Gute Luft hier.“

„Was?“, Leyla kann es nicht fassen. Sie schaut auf ein kleines halb behaartes, grinsendes Wesen, das sich offensichtlich einen Spaß aus all dem macht.

Der Zwelf tanzt jetzt auf dem Nachttisch herum: „Du wirst noch alles verstehen. Ich existiere. Komm“, er streckt Leyla seine Hand entgegen, „fass mich an. Traust du dich?“

Er schaut friedlich und ehrlich mit großen, offenen Augen. Jetzt ist auch kein Blitzen mehr zu erkennen.

Vorsichtig streckt Leyla dem Zwelfen den Finger entgegen und tippt die kleine Hand an. Geduldig streckt der Zwelf weiter die Hand aus. Leyla tippt noch mal.

„Na, siehst du?“

„Eigentlich dürfte es dich gar nicht geben. Das kann gar nicht gehen.“

„Doch, siehst du doch. Außerdem, wer hat das gesagt? Wir brauchen es ja nicht gleich allen zu sagen, oder?“

„Ha, du willst doch wohl nicht da bleiben?“

„Doch, jetzt bin ich bei dir“, er grinst wieder und setzt sich auf den Lampenfuß, „da bleibt dir nichts anderes übrig als das hinzunehmen. Da kannste nix machen.“

„Wieso das denn nicht?“

„Weil das so ist. Du brauchst mich. Das wirste noch merken.“

„Und wofür? Muss ich denn alles einzeln fragen?“

„Wirste eben merken“, er zwinkert ihr zu „mehr kann ich nicht sagen.“

„Das kann ich ja alles gar nicht glauben“, Leyla schmeißt sich in die Kissen, „unglaublich.“

Inzwischen ist es tief in der Nacht und Leyla fällt entkräftet in einen festen Schlaf.

All dies haben ihre Eltern wohlig verschlafen, sie glauben immer noch, dass alles so ist, wie es war und auch so bleiben wird.

EINE ANDERE WELT

Am nächsten Morgen erwacht Leyla erschöpft. Das kann alles nur ein Traum gewesen sein, denkt sie. Dann fällt ihr Blick auf den Nachttisch. Er ist leer, erleichtert atmet Leyla tief aus. Es war nur ein Traum.

Doch dann raschelt es am Fußende des Bettes. „Du glaubst wohl, dass nur du gemütlich schlafen darfst, was? Hallo Leyla, da bin ich wieder.“ Der Zwelf kriecht unter der Bettdecke hervor und krabbelt auf Leyla zu.

„Wenn jemand reinkommt. Versteck dich!“

„Ach, nein, da kommt jetzt keiner. Außerdem muss ich mir mal die Flügel ausschwingen. Guck mal, die gehen noch.“ Der Zwelf versucht sich auf den Rücken zu schauen und bewegt die Flügel. „Die sind ein bisschen steif geworden. Na, das war auch eng.“

„Sag mal, bist du für alle sichtbar?“

„Klar, aber ich kann wieder zur Statue werden.“

„Ja, das vereinfacht natürlich alles“, Leyla rollt mit den Augen. „Und wie soll das jetzt weitergehen?“

„Das werden wir merken, oder? Aah, sie gehen wieder“, der Zwelf dreht eine Runde im Zimmer.

Heute ist eigentlich ein ganz normaler Tag und Leyla muss sich für die Schule fertig machen. Sie geht frühstücken und lässt den Zwelf einfach in ihrem Zimmer, glaubt sie zumindest. Natürlich ist er mit aus der Tür geschlüpft, um sie zu begleiten.

In der Schule trifft Leyla Tamara. Sie haben auf dem Schulhof einen Platz gefunden, an dem sie ungestört sein können, dort besprechen sie alle wichtigen Dinge. Leyla ist sich unsicher, ob sie Tamara von den Geschehnissen erzählen soll. Doch während sie noch überlegt blinzelt der Zwelf schon aus einem Busch hervor, denn er war ja auch Tamaras Geheimnis.

Leyla hält erschreckt die Luft an, da entdeckt Tamara den Zwelf.

„Leyla“, sie tippt Leyla an, „siehst du das auch?“

„Erinnerst du dich?“

„Das kann ja reden.“

Leyla erholt sich vom Schreck und erklärt Tamara, was letzte Nacht passiert ist. Sie ist selber noch ganz aufgelöst. Das Klingeln der Schulglocke haben die beiden schon lange überhört. Tamara starrt den Zwelfen an. Er kommt näher und setzt sich auf Leylas Bein.

„Ich bin bei ihr. Haste das vergessen? Das hat Leyla auch, das macht nichts. Ach, und ich komme immer mit Leyla, du brauchst mich auch nicht verstecken, das mache ich schon selbst. Super nicht?“, grinst er.

Tamara kann nicht glauben, was sie da sieht.

„Was bist du?“

„Ein Zwelf.“

„Wieso bist du da?“

„Um Leyla zu helfen.“

„Gibt es noch mehr von deiner Sorte?“

„Klar, aber nicht hier.“

„Aha.“

„Mir hat er auch nicht verraten, weshalb er wirklich hier ist“, versucht Leyla zu erklären. „Er ist eben einfach da.“

Belustigt betrachtet der Zwelf die Mädchen. Wieder läutet die Schulglocke, die nächste Pause beginnt. Als Leyla und Tamara klar wird, dass sie eine Schulstunde verpasst haben, machen sie sich schnell auf den Weg zum Schulgebäude.

Es ist ein altes Gebäude und reich verziert. Nicht so gerade wie die Häuser der Stadt. Beim Bau dieser Schule waren die Zeiten noch anders. Die Menschen haben anders gelebt und waren viel offener für alles nicht Alltägliche. Sie haben noch Freude am Bau von Verschönerungen gehabt und sich nach natürlichen Gesetzen gerichtet. Das ist jetzt in Vergessenheit geraten.

So hat diese Schule einen besonderen Reiz. Die Gänge sind nicht gerade gebaut, sie führen geschwungen zwischen den Räumen hindurch. Selbst die Treppen beschreiben Bögen und haben schwere, geschwungene Geländer aus Stein. An den Wänden der Gänge hängen alte Bilder von Direktoren und Absolventen, oder es stehen dort Vitrinen aus dunklem Holz mit Pokalen oder alten Schriftrollen.

Leyla hat lange gebraucht, sich in diesem Gebäude zurecht zu finden. Es ist groß und hat viele Gänge und Etagen. Der Schulhof ist inzwischen angepasst worden, alles ist gerade und übersichtlich und es gibt einen großen Platz in der Mitte, zu dem alles führt.

Auf dem Weg zum Gebäude sieht Leyla, wie der Zwelf zu einem Baum fliegt und ihr zuwinkt. Schnell läuft sie hinein.

Im Klassenraum werden sie von Frau Hollin erwartet. Sie ist die Lehrerin für Lebensdinge. Sie lehrt die Kinder, wie sie ihr Leben zu bewältigen haben und magische Dinge wie der Zwelf kommen dabei bestimmt nicht vor. Bei Frau Hollin ist das Leben klar und einfach. Alles bezieht sich auf Ursache und Wirkung und einen bestimmten Weg, die Dinge zu lösen. Alles kann logisch erklärt werden.

Sie ist eine große, schlanke Frau mit blonden, streng hochgesteckten, eigentlich lockigen Haaren. Frau Hollin versucht die Locken zu bändigen, doch ein oder zwei lösen sich ständig aus ihrer Strenge heraus. Wenn sie wütend ist, kneift sie den Mund zusammen und ihre Stimme wird leise und eindringlich. Sie scheint immer noch freundlich zu sein, doch die Kinder wissen, dass sie alles andere als das ist. Sie merkt sich alles und korrigiert es so, wie sie es für richtig hält. Klar und kalt, deshalb wissen Leyla und Tamara schon, was sie erwartet.

„Guten Morgen die Damen. Habt ihr schon bemerkt, dass eine Stunde bereits vergangen ist?“, Frau Hollin schaut über ihre Brille die Mädchen an, „Schön, dass ihr dem Unterricht beiwohnen wollt. Zu Morgen schreibt ihr einen Aufsatz über die Zuverlässigkeit, zwei volle Seiten. Bitte setzt euch.“

Die Mädchen setzen sich und lassen den Unterricht über sich ergehen. Sie sind mit den Gedanken immer noch bei dem Zwelf und den ungewöhnlichen Ereignissen.

Der Zwelf hat inzwischen die Schule erkundet und es sich jetzt auf dem Fenstersims des Klassenzimmers gemütlich gemacht. Neugierig schaut er in die Klasse und sieht, wie Leyla und Tamara dort sitzen.

Leyla schaut zum Fenster und entdeckt den Zwelfen, sie stupst Tamara an. Sie schauen sich an und hoffen, dass er nicht entdeckt wird.

Als Leyla nach Hause kommt, ist sie immer noch durcheinander. Der Zwelf wartet schon in ihrem Zimmer.

„Hallo Leyla, das ist ja eine komische Sache, eure Schule.“

„Wieso, kennst du das denn nicht?“

„Dort wo ich herkomme, lernen die Wesen anders“ bemerkt der Zwelf.

Unten klingelt das Telefon. „Pilgrim“, meldet sich Tamina. „Ich habe das doch schon abgelehnt. Wie kannst du es wagen, da noch mal zu fragen? Nein, habe ich gesagt und dabei bleibt es.“

Wütend knallt Tamina den Hörer auf die Gabel.

„Das gibt es doch gar nicht“, regt sie sich auf, „da meldet Solara sich jahrelang nicht und dann so etwas. Die gibt einfach nicht auf.“

„Ich habe doch gesagt, wir sollten mit Leyla reden“, entgegnet Rolfo.

Leyla hat das alles mit angehört.

„Solara? Wer ist das denn?“, fragt sie sich.

„Solara ist Deine Tante“, erklärt der Zwelf.

Er saß die ganze Zeit auf Leylas Schulter und hat aufmerksam dem Gespräch gelauscht. „Du kennst sie nicht, ich habe doch gesagt, dass du jetzt in dem gewissen Alter bist. Da können auch deine Eltern nichts mehr machen. Die können das nicht aufhalten, dafür wird schon gesorgt, und ich helfe mit.“

Jetzt versteht Leyla gar nichts mehr. „Wofür habe ich das gewisse Alter und was hat diese Solara damit zu tun?“

„Solara ist deine Tante, also auch eine Schwester deiner Mutter. Sie fällt ein bisschen aus der Art der Familie. Deshalb lebt sie allein und der Kontakt ist abgebrochen, und das mit dem gewissen Alter findest du schon selbst heraus“, grinst der Zwelf und schlägt verspielt mit dem Schwanz.

„Wieso hat Mama nichts von Solara erzählt, ich wusste gar nicht, dass sie eine dritte Schwester hat.“

„Och, die macht halt Sachen, die die anderen nicht wollen, so einfach ist das.“

„Und was will sie von mir?“

„Dir die anderen Sachen beibringen vielleicht? Ab diesem gewissen Alter kannst du das verstehen, dann geht das.“

„Hm, vielleicht will ich das ja gar nicht“, bemerkt Leyla, „aber ich möchte schon wissen, um was es geht und selbst entscheiden.“

„Komm“, ruft der Zwelf und fliegt los, „wir machen einen Ausflug.“

Der Zwelf führt Leyla aus der Stadt heraus in einen Wald. Er steuert einen bestimmten Baum an und setzt sich auf einen Ast. Leyla ist mit dem Fahrrad gefahren und völlig außer Atem.

„Das war jetzt aber ziemlich weit, wenn Mama das erfährt, bekomme ich bestimmt Ärger“, murrt sie immer noch nach Atem ringend.

Der Zwelf blinzelt sie von seinem Ast an. „Ist doch schön hier, oder?“

„Was soll das? Was soll ich hier?“

„Schau dich doch mal um, schau dir den Platz hier an.“

Verständnislos schaut Leyla sich um. Sie sind auf einer großen runden Lichtung, es ist eine wunderschöne Sommerwiese mit vielen bunten Blumen und einem betörenden Duft. Leyla atmet tief durch, lehnt sich an den Baum und sammelt sich.

„Ja, schön ist es hier. Und jetzt?“, fragt sie.

Der Zwelf tänzelt auf dem Ast und ist ganz aufgeregt, „Sie ist d-d-da. Wir haben uns verabredet und sie will dich holen.“

„Was? Wer will mich holen? Und wohin?“, jetzt bekommt Leyla es mit der Angst zu tun. Sie greift ihr Fahrrad und fährt los. Schnell fliegt ihr der Zwelf hinterher: „Halt, warte doch. Das war nicht so gemeint. Halte an, bitte!“

Der Baum steht in der Mitte der Lichtung und als Leyla den Rand erreicht, erscheint vor ihr eine Frau mit rotbraunen lockigen Haaren und lächelt sie an.

„Hallo Leyla, wir kennen uns doch schon. Erinnerst du dich?“

Leyla erkennt das Gesicht sofort, sie hatte ihr den Zwelfen in die Tasche gleiten lassen.

„Wer sind Sie? Und wieso haben Sie mir den Zwelfen gegeben? Er bringt alles durcheinander, es dürfte ihn gar nicht geben“, herrscht sie die Frau an.

„Er ist ein Geschenk von mir“, lächelt die Frau, „nur Wenige haben das Glück, ihn kennen lernen zu dürfen und du hast ihn als Begleiter. Freu dich darüber.“

„Aber er stellt alles auf den Kopf, wie soll ich mich da zurechtfinden?“

„Keine Sorge, es beginnt ein neuer Lebensabschnitt für dich und er hilft dir dabei.“

Leyla überlegt eine Weile. Unterdessen sind sie gemeinsam zum Baum zurückspaziert.

„Weißt du, dieser Ort ist etwas Besonderes. Das darf nur keiner mehr wissen“, erklärt die Frau.

„Wer bist du eigentlich?“, will Leyla jetzt wissen.

„Oh, entschuldige, ich bin Solara, die verschwiegene Schwester deiner Mutter und ich bin hier, um dir eine Art Ausbildung anzubieten. Allerdings beinhaltet sie all das, was Tamina vehement anlehnt.“

„Wie soll das gehen? Das wird Mama nie erlauben.“

„Das stimmt, aber jetzt ist der richtige Zeitpunkt und du hattest schon mit drei Jahren eine Ahnung, dass es noch mehr gibt als das, was du kennst. Stimmt‘s?“

„Ja, es macht mich traurig, dass es mir verboten ist, und manchmal auch richtig wütend. Dann könnte ich alles zusammenschreien, doch ich habe gelernt, dass das nicht geht. Also mache ich es so, wie es sein soll.“

„Weißt du“, erklärt Solara, „ich möchte dir die Dinge zeigen, welche du erahnst und noch mehr. Der Zwelf ist ein Teil davon. Er ist dein Freund und ein treuer und guter dazu. Bitte verstehe, dass ich gekommen bin, weil wir uns verabredet haben und dies eine wundervolle Möglichkeit für dich ist. Natürlich kannst du entscheiden, wie du willst und jederzeit nach Hause oder sonst wohin gehen. Niemand zwingt dich zu irgendwas, finde heraus, was du willst.“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Wie soll ich da entscheiden?“

„Nun, dies ist eben ein besonderer Ort, und ich möchte dir nun erklären, warum. Dieser Baum, hier mitten auf der Lichtung, kann für manche Menschen etwas Besonderes.“

Solara steht auf und geht um den Baum herum. Hinter dem Baum bleibt sie stehen und streckt ihre Hand aus. „Komm, bitte streck mit mir die Hand aus und berühre diesen Baum.“

Der Baum fühlt sich für Leyla wie jeder andere Baum auch an.

„Nun löse deine Vorstellung von diesem Baum auf, vertraue mir und geh einen Schritt vor.“

Solara nimmt Leyla an die andere Hand und sie treten einen Schritt vor, in den Baum hinein. Plötzlich ist der Baum nur noch ein Bild, ein Hologramm, durch das man gehen kann.

„Liebe Leyla“, sie fasst sie an beiden Händen und schaut ihr lächelnd in die Augen, „dies ist das Tor in unsere Welt. Du kannst jederzeit hindurchgehen, in jede Richtung. Hier bin ich zu Hause.“

„Es sieht alles so aus wie vorher, ich habe das Gefühl, ich könnte hier jetzt so nach Hause gehen. Wo ist der Unterschied?“

„Der Unterschied liegt in den Möglichkeiten. Wir Raanis können in beiden Welten leben und existieren. Doch die anderen können kaum in unsere Welt vordringen, da sie vieles von dieser Welt für unmöglich halten. Durch dein Vertrauen und den Glauben an neue Möglichkeiten konntest du mit mir unsere Welt erreichen. Wir wünschen uns, in beiden Welten gleichzeitig zu sein und sie miteinander zu verbinden, und dafür braucht es Menschen wie dich, die das zulassen können. Verstehst du? Komm, ich zeige dir, wo ich lebe.“

Leyla hatte ihr Fahrrad natürlich nicht mit durch den Baum genommen und fragt sich nun, wie sie da wohl hinkommen würden, denn die Lichtung sieht so aus wie vorher auch.

„Schau mir in die Augen und halt dich an mir fest. Wir nehmen jetzt den schnellsten Weg, ok?“

Plötzlich merkt Leyla wie sich ihre Umgebung verändert. Die Lichtung verliert an Farbe und Form und ein neues Umfeld zeichnet sich ab und wird klar.

„So, wir sind da“, sagt Solara.

Leyla schaut auf ein Haus der für sie alten Bauart. Es ist ein großes Haus. Es ist zwei Stockwerke hoch mit einem roten Dach aus Schindeln. Die Fassaden sind reich verziert und die Ecken sind abgerundet. Auch die Türen und Fenster haben Bögen. Es ist in hellem, sonnigem beige gestrichen und die Bögen über Fenstern und Türen sind mit weißem Stuck verziert. Die Eingangstür gleicht einem Portal mit doppelten Flügeltüren. Pro Stockwerk zählt Leyla sieben Fenster in der Front, so ein großes Haus hatte sie nicht erwartet.

Sie schaut sich um, das Haus steht auf einem wundervollen Grundstück im Grünen. Es ist ein schöner Park in fließenden weichen Formen angelegt worden, der auch gut gepflegt aussieht.

„Schön ist es hier“, bemerkt sie. „Wenn es dir so gut geht, warum hat Mama dich nie erwähnt?“

„Das interessiert die nicht. Sie glaubt, dass dies nicht mit rechten Dingen zugeht. Dabei hatten wir beide die gleichen Möglichkeiten, doch sie hat sich anders entschieden. Deshalb lebt sie so wie jetzt und hält auch entschieden daran fest. Deine Ausbildung hier würde ihr ganzes Weltbild zum Schwanken bringen. Doch glaub mir, das ist es wert.“

Sie gehen in das Haus und Leyla erblickt das große Portal mit der geschwungenen Treppe in die Stockwerke. Sofort fühlt sie, dass es hier anders ist. Allein wie sie hier angekommen ist, kann sie noch gar nicht fassen.

Solara weiß, dass Leyla vollkommen durcheinander sein muss und nimmt sie erst einmal mit in die Küche.

„Komm, wir setzen uns fürs erste hierher. Möchtest du etwas trinken?“

„Ja, Wasser, wenn es geht.“ Nach ein paar Schlucken traut sie sich, die Küche genauer zu betrachten. Es sieht ein bisschen aus wie zu Großmutters Zeiten. Kupfertöpfe hängen an der Wand und die Wände sind nicht so fein wie von außen. Sie sind rot geklinkert, und es sind viele Bögen gemauert worden. Es ist eine große Küche und jeder Bereich hat seinen eigenen Bogen, wie in der Wand eingelassen, und die Töpfe, Kellen oder Küchenkräuter hängen an den Säulen zwischen den Bögen. Ein süßlicher, würziger und von den Kräutern aromatischer Duft erfüllt die Küche. Alles ist gepflegt und sauber.

„Wie komme ich wieder nach Hause? Und wie spät ist es?“, fragt Leyla plötzlich erschrocken.

„Es ist früh genug und nach Hause bringe ich dich. Ich weiß, dass deine Mutter sehr wütend auf mich sein wird, weil ich dich einfach geholt habe. Doch es ist die einzige Möglichkeit, dir das hier zu zeigen. Was denkst du?“

„Nichts“, erwidert Leyla, „ich kann gar nicht mehr denken.“

Der Zwelf hat die ganze Zeit auf ihrer Schulter gesessen. „Vielleicht ist es besser, wenn wir doch zurückgehen, damit du nachdenken kannst“, schlägt er vor.

Wortlos steht Solara auf und nickt Leyla wohlwollend zu. Gemeinsam gehen sie nach draußen. Die Sonne scheint, und es ist warm. Der zweite Mond ist auch schon aufgegangen. Leyla kommt es vor, als ob sie viele Stunden unterwegs sei, sie ist müde.

„Schau mich an“, bittet Solara und bald stehen sie schon wieder auf der Lichtung vor dem Baum.

Zu Hause angekommen fällt Leyla bald vollkommen erschöpft in tiefen Schlaf.

Als Leyla am nächsten Morgen erwacht, ist sie noch immer erschöpft und verwirrt. Es sind Dinge geschehen, die sie sich schon immer gewünscht hat, und es ist ihr immer gesagt worden, so etwas gäbe es nicht. Was gibt es also noch, von dem sie glaubt, es geht nicht?

Alle Gedanken drehen sich im Kopf, und Leyla richtet den Blick auf den Zwelf. Er schläft an ihrer Seite. Er lächelt im Schlaf.

Ein Wesen, das nicht existieren darf - eine andere Welt, die mir verschwiegen wurde und jetzt darf ich das alles erleben, denkt Leyla.

Der Zwelf spürt ihren Blick und erwacht, er schlägt die Augen auf und grinst. „Es ist alles passiert. Toll was?“

„Guten Morgen.“ Leyla dreht sich um und will von all dem nichts mehr wissen.

Der Zwelf reckt sich, steht auf und fliegt auf die andere Seite des Bettes vor Leylas Augen.„Du kannst die Augen nicht verschließen. Es ist jetzt in deinem Kopf und du weißt darum. Löschen geht nicht.“

„Es ist morgens, da kann ich noch nicht denken, lass mich in Ruhe“, Leyla dreht sich wieder um.

„Steh auf, die Schule ruft, das kennst du doch, oder?“

Genervt rappelt sie sich auf und macht sich für die Schule fertig. Tamina ist verwundert über Leylas Müdigkeit. Sie hat nicht mitbekommen, dass Leyla viel erlebt hat. Sie hat sich zum Abendessen zusammengerissen und ist schnell in ihr Zimmer verschwunden.

Auch Rolfo wunderte sich heute morgen über seine Tochter. Sie ist verändert, ein bisschen zerstreut. Er denkt an die Ereignisse der letzten Tage und ihm wird mulmig. Sollte er Leyla gegen den Willen von Tamina davon erzählen? Andererseits wollte er Leyla diese Chance nicht vorenthalten.

„Leyla, ich bringe dich heute zur Schule. Du siehst so müde aus, was hältst du davon?“

Erstaunt sieht sie Rolfo an, sehr ungewöhnlich. „Ja, das ist schön. Danke.“

Auf der Fahrt wagt Rolfo, das Thema anzusprechen. „Du Leyla? Wusstest du, dass Tamina noch eine Schwester hat?“

„Ach, Solara hat ständig bei uns angerufen? Sie hat von mir gewusst, aber ich nicht von ihr? Warum nicht?“

Rolfo ist überrascht. „Du weißt von Solara? Woher?“

„Ich kann es kaum glauben, dass ihr mir das vorenthalten wolltet. Aber wieso fragst du jetzt nach ihr, obwohl Mama dagegen ist?“

„Na ja, ich bin nicht ganz so streng wie Tamina und dachte, du solltest selbst deine Entscheidungen treffen. Aber erkläre mir bitte, woher du von Solara weißt?“

„Erinnerst du dich noch an die Frau auf dem Markt, die mir den Zwelf geschenkt hat?“

„Eher nicht, nur ganz wage.“

„Das damals war Solara und wieso hat Mama sie nicht erkannt?“

„Die beiden haben sich lange nicht gesehen, vielleicht hat sie sich sehr verändert, und den Rest wollte sie vielleicht nicht sehen.“

„Hm, könnte so gewesen sein. Bitte versprich mir, dass du Mama noch nichts erzählst und, dass du versuchst mir zu glauben. Geht das?“

„Ja. Ok.“

Und Leyla erzählt ihm die ganze Geschichte, dass der Zwelf lebt, wie er sie auf die Lichtung geführt hat und sie Solara besucht hat. Einige kleine Details verschweigt sie erst einmal.

Das kann Papa sich sowieso nicht vorstellen, denkt sie, aber vielleicht hat sie sich da ein wenig getäuscht.

„Wenn der Zwelf lebt, wo ist er dann eigentlich?“ fragt Rolfo.

Da raschelt es in Leylas Tasche. „Das hättste nicht gedacht was? Ich bin wirklich da, Leyla hat keinen Knall.“

Rolfo starrt den Zwelf fassungslos an.

„Hey, guck auf die Straße, ich bin gleich auch noch da.“

Gerade erreichen sie die Schule und Rolfo hält erleichtert auf einem Parkplatz.

„Also“, Rolfo schaut den Zwelf an „das ...“.

Es verschlägt ihm doch die Sprache.

„Du wolltest bloß wissen, ob Leyla sich alles ausgedacht hat, was? Hat sie aber nicht, es ist alles wahr, und du solltest das wissen.“

„Wir müssen los, die Schulglocke klingelt gleich“, ermahnt Leyla, „wir können später noch mal darüber reden. Ok?“

„Ja, bis dann“, verabschiedet sich Rolfo.

Als Leyla nach der Schule nach Hause kommt, ist alles ruhig. Nach der Schule braucht sie immer ihre Ruhe, so geht sie in ihr Zimmer und schmeißt sich aufs Bett. Der Zwelf kann sich gerade noch von ihrer Schulter retten und setzt sich auf den Nachttisch. Noch erschöpft schläft Leyla ein.

Als sie erwacht, ist es bereits abends, Tamina und Rolfo hatten sie entdeckt und schlafen lassen. Jetzt sitzt Tamina an ihrem Bett und streichelt ihre Wange.

„Leyla, möchtest du mit uns zu Abend essen?“, fragt sie zärtlich.

Leyla reibt sich die Augen. „So spät ist es schon?“

Schnell wandert ihr Blick durch das Zimmer, aber der Zwelf hat sich versteckt. Erleichtert schaut sie ihre Mutter an und plötzlich nagt das Gefühl an ihr, nicht vollkommen geborgen zu sein. Was hat ihr Tamina noch verheimlicht? Von dem veränderten Blick irritiert steht Tamina auf.

„Du kannst ja runterkommen. Wir warten noch einen Moment auf dich.“

Beim Abendessen tauschen Rolfo und Leyla verschworene und auch fragende Blicke aus. Sonst ist das Abendessen ausgelassen und alle Erlebnisse vom Tag werden ausgetauscht und besprochen, doch heute ist alles irgendwie anders.

Nach dem Essen schüttelt Tamina den Kopf. Komisch, kann doch nicht sein, denkt sie und räumt den Tisch ab wie immer.

Es ist nachmittags und Leyla versucht zu verstehen, was ihr da passiert ist. Das war schon ein tolles Erlebnis bei Solara, und sie war so freundlich.

„Komm, wir gehen zu der Lichtung“, bittet sie den Zwelf.

Inzwischen hat sie sich so an ihren freundlichen Begleiter gewöhnt, dass sie ihn gern dabei hat.

„Du kannst nicht einfach zu Solara“, entgegnete er.

„Wieso nicht?“

„Wenn du einfach so durch den Baum gehst, findest du den Weg zu ihrem Haus doch gar nicht. Haste daran gedacht?“

„Hm, überhaupt nicht. Und was mache ich jetzt? Wie kann ich Solara erreichen?“

Leyla denkt nach. „Aber sie hat doch hier angerufen, kann ich das nicht auch machen?“

„Ha, das geht nur von ihr hierher, aber nicht umgekehrt.“

„Wieso das denn nicht? Da muss es doch auch eine Telefonleitung geben. Oder?“

„Na, eben nicht so ganz. Sie hat keinen Telefonanschluss, der hier im Telefonbuch steht, zum Beispiel. Der ist eben nicht hier und du kannst noch nicht die Verbindung da rüber finden. So ist das eben“, erklärt der Zwelf.

„Ja, und jetzt? Sie hat mir nicht gesagt, wie das geht.“

„Na, aber sie hat mich zu dir geschickt. Toll was?“

„Super. Bist du dafür da, mich zu Solara zu führen? Muss ich dir denn alles aus der Nase ziehen?“

„Klar!“, grinst der Zwelf. Es macht ihm offensichtlich Spaß, Leyla zu necken.

„Na also, dann mach mal“, sagt Leyla ungeduldig.

„Halt, zu der Lichtung können wir schon vorher gehen – und dann hole ich Solara.“

„Oh, du Zwelf du!“, jetzt ist Leyla aufgebracht, und dann grinst sie der Zwelf auch noch so unverschämt an. Sie greift ihre Sachen, und die beiden machen sich mit dem Fahrrad auf zu der Lichtung.

„Habe ich dir schon gesagt, dass ich erst dann rausfinde, ob Solara wirklich Zeit hat?“, neckt der Zwelf weiter.

„Du willst mich doch bestimmt nur ärgern, hör auf damit, außerdem fahren wir dann eben wieder nach Hause.“

„Ich könnte auch schon mal vorfliegen und nach Solara schauen, wie findest du das?“

„Und wenn ich am Baum ankomme, bist du dann da?“

„Ich komme gleich dahin, falls ich es nicht so schnell schaffe“, versichert der Zwelf.

„Na, dann flieg schon mal los, hoffentlich passt es Solara. Bis gleich, Zwelf.“

Am Baum angekommen wartet der Zwelf bereits auf Leyla.

„Na? Hast du eine schöne Fahrradtour gehabt? Ist schöne Luft, nicht?“

„Mach keine Witze, hat Solara Zeit?“

„Ja, meinst du, du kannst es mit mir zusammen schaffen, durch den Baum zu gehen?“

„Nicht wirklich, aber wir können es ja mal versuchen.“

Leyla geht um den Baum, an die gleiche Stelle wie beim letzten Besuch und berührt den Baum. Er fühlt sich an, wie eben ein Baum.

„Wie hat sie das gemacht?“

„Erinnere dich, was Sie gesagt hat - Vertrauen“, rät der Zwelf.

„Das versuche ich ja.“

„Stell dir vor, wie es das letzte Mal war und glaube daran.“

„Ok“, Leyla streckt noch mal die Hand aus und geht einen Schritt vor – gegen den Baum.

„Aua, das war‘s noch nicht.“

„Glaub an dich, versuch es noch mal.“

Leyla schließt die Augen und fühlt noch mal, wie es war, streckt wieder die Hand aus – kein Widerstand – und geht einen Schritt vor. Sie öffnet die Augen.

„Ich bin nicht gegen den Baum gelaufen, bin ich jetzt auf der anderen Seite?“

„Es ist nicht – die andere Seite – sondern eine Ebene, die zu dir gehört“, erklingt eine wohltönende, warme, faszinierende Stimme.

Solara lächelt Leyla an. „Schön, dass du dich entschieden hast wiederzukommen. Das freut mich sehr. Bist du mit den Ereignissen gut zurechtgekommen?“

„Es geht so, ich bin immer noch durcheinander, aber Papa weiß jetzt, dass ich da war.“

„Das wundert mich sehr. Hast du ihm alles erzählt?“, will Solara wissen.

„Na, nicht ganz. Wie wir hier die Wege zurücklegen natürlich nicht. Das kann ich selbst auch nicht fassen.“

„Komm, ich habe Zeit für dich, soviel du willst.“

Schnell kommen sie in Solaras Haus an und trinken in der Küche einen Tee.

„Schön, dass du da bist, Leyla. Du hast Mut wieder hierher zu kommen, das gefällt mir.“

„Danke, Solara. Das Haus hier ist sehr groß, was machst du hier?“

„Ich freue mich über diese Frage. Komm, ich zeige es dir.“

Sie gehen in das große Portal mit der geschwungenen Treppe. Das Haus fühlt sich für Leyla an, als ob es wirbeln würde, auf jeder Seite ein Wirbel.

Solara geht voran die Treppe hinauf und Leyla folgt ihr andächtig. Ihre Blicke wandern unruhig überall hin. Sie kann gar nicht fassen, was dies für ein Gebäude ist. Ihre Schule ist schon anders als die normalen Häuser, aber dies fühlt sich noch unfassbarer für sie an.

„Du wirst auch in diesem Haus eine Klarheit finden, falls du dich dafür entscheidest“, erklärt Solara.

„Woher weißt du, wie es mir geht?“

„Ich bin nicht blind, du trägst deine Gefühle im Gesicht, Liebes.“

„Ach, so.“

Zuerst führt Solara Leyla auf den Dachboden. Erstaunt schaut Leyla sich um. Manche Dinge sind mit einer dicken Staubschicht bedeckt, aber andere sind blitzsauber.

Es gibt viele Regale mit Büchern, Schränke mit Figuren, Edelsteinen, duftenden Ölen, alte Kleidertruhen und vielen unbeschreiblichen Dingen.

Solara zieht ein altes Buch aus dem Regal. Sie bläst den Staub ab und eine dicke Wolke schwebt im Raum. „Hiermit hat alles angefangen.“

„Ja, deswegen ist es auch so eingestaubt“, wirft der Zwelf ein. Er hatte sich klammheimlich mit durch die Tür gezwängt.

„Meinst du“, lacht Solara „ich halte es trotzdem in Ehren. Leyla, dies ist das Buch, welches die Grundsätze meiner Wahrheit enthält. So habe ich begonnen. Es ist verstaubt, weil ich diese Wahrheiten jetzt in mir trage und sie lebe.“

Sie hält Leyla das Buch hin. Sie blicken sich in die Augen, und Leyla erkennt eine liebevolle Ehrlichkeit. Vorsichtig nimmt sie das Buch in beide Hände. Das Buch ist schwer. Es ist ein altes Buch mit fester Ledereinbindung. Der Buchdeckel ist geprägt.

„Es tut gut, dieses Buch vollkommen neu weiterzugeben. Du hast von diesen Dingen noch nie gehört. Komm, setz dich und schaue es dir an.“

Plötzlich entdeckt Leyla den Tisch mit den Stühlen auf dem Dachboden. Die Sitzgruppe gehört zu den blitzsauberen Dingen hier. Vorsichtig legt sie das Buch auf den Tisch und klappt es auf. Der Zwelf setzt sich auf die Tischplatte und schaut gespannt Leyla an.

„Was glaubst du, was geschieht“, fragt Leyla den Zwelfen.

„Weiß nicht“, grinst der Zwelf.

Vorsichtig beginnt Leyla in dem Buch zu blättern. Ein leichter Luftzug fließt durch den Raum. Leyla atmet tief ein. Es fühlt sich warm und wohlig an, duftet nach Zufriedenheit. Entspannt schaut Leyla auf das Buch. Die Lettern sind auf einem alten Papier in einer Schrift, die Leyla nicht kennt, gedruckt. Solara steht hinter Leyla und legt ihr die Hände auf die Schultern. „Bitte schließ die Augen“, für einen Moment beginnt Solara zu leuchten, dann fließt das Licht zu Leyla.

„Es kribbelt“, kichert Leyla.

„Nun schau auf das Buch“, bittet Solara.

„Oh“, die Buchstaben tanzen vor Leylas Augen, sie fließen ineinander, formieren sich neu und stehen unerwartet in einer neuen Schrift da. Jetzt kann Leyla das Buch lesen.

„Sie kann es, sie kann es, sie kann es“, der Zwelf tanzt singend auf dem Tisch.

Blitzschnell fliegt er zu Leyla auf die Schulter und gibt ihr einen Kuss auf die Wange. „Super, das ist wunderbar.“ Vor Freude fliegt der Zwelf einmal durch den großen Dachboden und schlägt in der Luft Purzelbäume.

„Es ist ja gut, lieber Zwelf, ich habe gehofft und auch ein bisschen gewusst, dass sie es kann, bitte beruhige dich.“

Immer noch aufgeregt landet der Zwelf auf dem Tisch und trippelt um Leyla herum.

„Ist das so etwas Besonderes?“, fragt Leyla.

„Oh ja, du hast mehr Fähigkeiten, als du dir vorstellen kannst, und ich möchte sie dir zeigen. Bitte schau noch mal auf das Buch.“

Diesmal stehen die Buchstaben klar und deutlich vor ihr. Es ist ein dickes Buch mit vielen Kapiteln, wenn sie es anfasst, kribbelt es in ihren Händen. – Das Buch der ursprünglichen Wahrheit – liest Leyla. Komischer Name, denkt sie. Ein Kapitel heißt: Lichte Magie. Sie schaut Solara an und klappt das Buch zu.

„Komisches Buch, gibt es denn mehrere Wahrheiten?“

„Das kommt auf die Sichtweise an, aber ja, jeder hat seine eigene Wahrheit. Dennoch gibt es einige Wahrheiten, die für jeden gelten und die jeder wissen sollte, doch leider ist dieses Wissen untergegangen. Du gehörst zu den Menschen, die dies wieder lernen und leben können. Möchtest du jetzt noch mehr vom Haus sehen?“

„Ja, gern.“ Leyla folgt Solara nun in das erste Obergeschoss. Hier gibt es lange geschwungene Flure und auf jeder Seite ist in der Mitte ein großer runder Flur. In der Mitte sind Sessel, Tische und Blumen aufgestellt. An die Wände des runden Raumes sind niedrige Schränke angepasst worden. Sie sind hell und mit Schnörkeln reich verziert. Von diesem runden Flur gehen viele Türen ab. Sie sind weiß, mit Rundbögen, aber sonst eher schlicht gehalten.

„Dies sind die Zimmer der Schüler“, erklärt Solara.

Sie geht zu einer Tür und öffnet sie. Leyla erblickt einen hellen harmonischen Raum. Natürlich ist er nicht rechteckig, aber die Aufteilung dieses Hauses ist für Leyla nur schwer zu verstehen.

„Wieso Schüler?“, fragt Leyla, „Was unterrichtest du hier? Und wieso ist es dann hier so leer?“

„Im Moment sind Ferien, deshalb habe ich auch so viel Zeit für dich. Ich unterrichte Kinder und Jugendliche in den Lehren der ursprünglichen Wahrheit. Nur ist es so, dass die Kinder alle aus dieser Ebene kommen, also allein durch ihr Leben hier und ihre Eltern eine gewisse Vorbildung und Offenheit für die Lehren haben. Du bist eine Ausnahme, du könntest hier lernen und das Wissen dann auf deine Ebene bringen und sie so wieder verbinden. Wie findest du das?“

„Hm, müsste ich dann hier leben? Was ist mit der Schulbildung, die auf meiner Ebene notwendig ist? Und könnte ich jederzeit zurück nach Hause?“

„Du könntest hier leben, aber auch jeden Tag nach Hause gehen. Für die Schulbildung deiner anderen Ebene würde ich sorgen, so dass du auch dort alles erreichen kannst.“

„Aber dann hätte ich doch bestimmt kein anerkanntes Zeugnis, oder?“

„Glaube mir, auch dafür werde ich sorgen.“

Der Zwelf tanzt aufgeregt auf Leylas Schulter herum. „Ja, wir kommen nach Hause, ja, wir kommen nach Hause. Das machst du doch Leyla, oder?“

„Bitte beeinflusse Sie nicht, lieber Zwelf.“

„Och, das ist doch so aufregend“, sagt er und fliegt erst einmal los.

„Komm, ich zeige dir die anderen Räume.“

Im zweiten Obergeschoss ist der Flur ein großes Oval, dass von der Mitte aus zu gleichen Teilen in die Seiten führt. Auch von dem ovalen Flur gehen viele Türen ab. An den Wänden hängen Pläne, und es stehen Vitrinen mit Lehrbüchern und komischen Dingen dort. Solara zeigt Leyla einen Lehrraum.

„Die Räume sind unterschiedlich gestaltet. Dieser hier ist für die Kommunikation rund aufgebaut. Aber es gibt auch welche, die nach vorn ausgerichtet sind.“

„Und was für Fächer gibt es hier?“

„Magie, Gedankenkraft, Materie, Transformation und so weiter.“

„Hm, hört sich nicht so spannend an. Allerdings sind viele spannende Sachen passiert.“

Der Zwelf landet wieder auf Leylas Schulter.

„Glaub mir, das hört sich vielleicht langweilig an, aber es macht alles so spannend. Du kannst Sachen machen, von denen du vorher nur geträumt hast. Glaub mir, ich kenne jetzt deine Welt“, flüstert er ihr ins Ohr.

„Möchtest du was essen oder trinken? Wir lassen das jetzt sacken und gehen wieder in die Küche.“

Es ist zwar warm draußen, aber Leyla genießt mit Wonne einen heißen Kakao. Er schmeckt wie jeder andere Kakao auch. Aber Solara hatte ihn auf ihre Weise gemacht. Sie setzte sich mit Leyla an den Tisch, schloss die Augen formte ihre Hände zu einem Becher und kurz darauf dampfte der heiße Kakao in ihren Händen, mit Becher natürlich.

„Ja, Leyla, das ist eine Fähigkeit, die du lernen kannst. Ich nehme nicht jeden in diese Schule auf, auch aus Platzgründen natürlich. Aber du hast das Potential, du gehörst zu meiner Familie und du hast dich gut entwickelt. Was denkst du?“

„Ich bin vollkommen verwirrt, mal wieder oder immer noch. Ich weiß es nicht. Ich finde das schon toll hier. Die Schule bei uns ist schrecklich für mich, aber was würde Mama dazu sagen? Wie soll ich es ihr beibringen?“

„Du hast doch schon mit Rolfo geredet, kann er dir nicht helfen? Er versteht mehr als du denkst. Wir kennen uns schon sehr lange. Länger als er Tamina kennt und lange, bevor die beiden sich kennen gelernt haben, waren wir kurz ein Paar. Rolfo weiß um die Möglichkeiten, aber er hat sich für den Weg entschieden, der ihm entsprach und so ist er bei Tamina gelandet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er alles so vehement ablehnt wie meine Schwester. Ich glaube, da flackert noch was in ihm. Er wurde zwar auf der anderen Ebene geboren, hat aber neugierig aufgesogen, dass es noch mehr gibt.“

„Weiß Mama davon?“

„Nein, ich glaube Rolfo hat es ihr nicht gesagt.“

„Wo bist du und Mama geboren worden? Ich meine auf welcher Ebene?“

„Tja, das ist es, glaube ich, unsere Mutter hat in ihrem Leben die Ebenen gewechselt. Und da die Ebenen nicht verbunden sind, war sie aus der einen dann eben verschwunden. Tamina gehört aber auf die Ebene der Niraaner und ich auf die der Raanis.“

„Und was ist mit Monica?“

„Monica gehört irgendwie auf beide Ebenen. Sie steht dazwischen, lässt aber ihre Raanis-Ebene nicht zu, nicht so ganz jedenfalls.“

„Also kann jeder zu beiden Ebenen gehören?“

„Fast, es ist eine Sache der mitgebrachten Fähigkeiten und der Entwicklung. Die meisten können das, ja. Deshalb wünschen wir uns ja, die Ebenen zu verbinden, dann könnten sie gemeinsam existieren und Raanis und Niraanis könnten gleichzeitig auf ihren Ebenen leben, jeder auf seiner Ebene und auch zusammen. Verstehst du? Du könntest uns helfen, das zu erreichen.“

„Wäre ich da alleine?“

„Als Niraani ja, aber du lernst schnell, sonst wärst du nicht allein durch den Baum gekommen. Das war der Test, und bald wärst du eine Niraani, die auf der Ebene der Raanis lebt und hier geehrt und willkommen ist.“

Leyla hat ihren Kakao ausgetrunken. Die Gedanken wirbeln durch ihren Kopf. Sie hat Angst, große Angst, dass Tamina sie dann nicht mehr liebt. Aber durch Bäume zu gehen und einfach so woanders zu sein oder Kakaobecher auf den Tisch zu zaubern findet sie natürlich toll. Sie kann gar nicht glauben, dass sie so etwas auch lernen kann.

„Wie lange dauert die Schule hier?“

„So lange wie du brauchst. Es gibt hier keine Klassenziele oder Zeiteinteilungen.“

„Und ich kann aufhören, wenn ich es will?“

„Absolut ja.“

„Gut, ich werde es mir überlegen“ erklärt Leyla und will aufstehen. Aber irgendetwas hält sie noch fest. Sie sitzt da und starrt auf die Tischplatte.

Solara sitzt geduldig lächelnd neben ihr. Es klingelt. „Ich gehe nur kurz die Tür öffnen, bin gleich wieder da“, sagt sie und geht zur Tür. „Komm herein, ich freue mich dich zu sehen.“ Herzlich nimmt sie den Jungen in den Arm.

„Hallo, ich bin Brian“, sagt er und streckt Leyla die Hand entgegen. Verdutzt schüttelt Leyla seine Hand.

„Du bist neu hier, nicht?“

„Das ist noch nicht sicher.“

„Solara sagte, dass sie Besuch von einer Niraani bekommen würde, das wollte ich mir ansehen. Aber du siehst aus wie wir.“

„Sehr freundlich, um uns beurteilen zu können, müsstest du unsere Welt erst einmal kennen lernen.“

„Ja, das würde ich gerne. Bloß hier ist es selten, dass einer mitkommen will. Die bleiben auch lieber auf dieser Ebene. Aber weißt du, Solara war ja auch kurz bei euch, also müsste es jetzt doch gehen.“

„Weißt du, Leyla, früher war der Unterschied so groß, das die Niraanis uns nicht sehen konnten, wenn wir euch besuchen wollten. Deshalb auch die zwei Namen, doch wenn du genau hinhörst, wirst du bemerken, dass das Wort Raanis in dem Wort Niraanis enthalten ist. Eure Ebene hat gelernt und ist uns näher gekommen, deshalb könnt ihr uns jetzt sehen und hören, wenn wir euch besuchen. Aber es ist so, dass manche uns zwar wahrnehmen, doch unsere Nähe nicht fühlen können, aus diesem Grund bemerken sie uns oft nicht. Wir sind dann wie Luft für sie. Doch diese Annährung erlaubt es uns jetzt, euch leichter besuchen zu können und dir, hier zu lernen und in beiden Welten zu leben. Das ist eine große Bereicherung für alle.“

„Aha. Also, vom Ansehen erkennt man keinen Unterschied?“

„Nein.“

„Gut, dann sehe ich ja aus wie vorher, das ist gut. Meinst du, es ist leicht oder schwer, oft die Ebenen zu wechseln?“

„Wie ist es jetzt für dich, wenn du mich besuchst?“

„Leicht.“

„Gut, das beschreibt den Weg, aber wenn du hier lernst, ist es vielleicht gut für dich, hier andere Kinder zum Reden zu haben. Welche die dich verstehen. Zu Hause bist du mit den neuen Dingen, die dich beschäftigen, ganz alleine. Oder?“

„Ja, das stimmt.“

„Ich finde, das könntest du ruhig probieren“, wirft Brian ein, „Ich bin neugierig, wie es hier für dich ist.“

„Das kann ich mir vorstellen. Aber finde ich hier auch Freunde?“

„Hast du zu Hause Freunde?“

„Oh, ja, ich habe eine tolle Freundin, Tamara heißt sie, und sie ist die Tochter von Monica. Aber...“, plötzlich fällt Leyla ein, dass Tamara ja auch zur Familie gehört, „könnte Tamara nicht auch hierher kommen?“

„Daran habe ich noch nicht gedacht, aber das ist schon möglich. Ich werde Monica anrufen und das klären“, verspricht Solara.

„Bist du auch mit Monica zerstritten?“, will Leyla wissen.

„Nein, wir haben uns nur aus den Augen verloren und auf dem Markt damals habe ich nur deine Kräfte fühlen können. Vielleicht geht das auch für Tamara, ja.“

„Wollen wir rausgehen?“, fragt Brian. Draußen im schönen Park zeigt Brian Leyla seine Lieblingsplätze.

Es ist ein schöner warmer Sommertag, es ist der gleiche Planet und es ist inzwischen auch das gleiche Wetter auf beiden Ebenen.

Der Zwelf hatte das ganze Geschehen beobachtet und sich gefreut. Mit Leyla zu leben ist für ihn etwas ganz besonderes. Aufregend, und er hat auch ein bisschen Angst, wie es wohl ist, so hin und her zu gehen, so oft. Aber er freut sich auch darauf, denn schließlich ist er ja dazu da, ihr zu helfen.

Jetzt sitzen Brian und Leyla an einem von Brians Lieblingsplätzen, und er hat mehrere davon.

„Nicht jeder hat einen Zwelfen“, bemerkt er, „die sind echt toll.“

„Danke, ich werde dich auch mal ärgern“, freut sich der Zwelf und kitzelt Brian am Ohr.

„Hey, so war das aber nicht gemeint“, lacht Brian.

„Ich habe gedacht, jeder hätte hier so einen Freund, inzwischen habe ich mich total an ihn gewöhnt. Jetzt habe ich immer jemanden zum Reden, auch wenn er manchmal nervt mit seinen Ideen. Und bei uns muss er sich immer verstecken, für meine Mutter darf es ihn gar nicht geben, aber mein Vater hat ihn schon gesehen. Das war witzig, der war total geschockt.“

„Das glaube ich, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das so ist ohne all das zu leben. Wie macht ihr das?“

„Den Unterschied kann ich dir erst später erklären. Gehst du auch hier zur Schule? Und schläfst du hier auch?“

„Ja, was glaubst denn du. Die meisten schlafen hier auch, manche kommen von so weit weg und wieder andere wollen einfach nur hier sein. Und das, obwohl das, was wir lernen, hier normal ist.

„Wollt Ihr hier versauern?“, stichelt der Zwelf, „Es ist spät und wir müssen wieder zurück, Leyla.“

In Gedanken versunken macht Leyla sich auf den Weg und merkt gar nicht, dass sie einfach so vor dem Baum steht. Verdutzt sieht sie auf den Baum. „Wieso bin ich denn jetzt einfach so hier angekommen? Und Solara, ich wollte mich doch noch verabschieden.“

„Ich bin hier Liebes, ich habe mir gedacht, dass das geschieht. Deine Kräfte wachsen mit jedem Besuch hier.“

„Wie kann ich dich erreichen? Soll ich den Zwelf schicken, wenn ich wiederkommen will?“

„In den nächsten zwei Wochen kannst du einfach so kommen, da sind noch Ferien. Allerdings solltest du dich bis dahin auch entschieden haben, ob du zu mir kommen willst. Es wäre schön, wenn du mit den anderen das Jahr beginnen könntest. Und nun komm gut nach Hause. Für die Klärung mit Tamina kannst du deinen Zwelfen um Hilfe bitten, er kann mehr als du glaubst. Er ist magisch, frag ihn einfach.“

„Ja, toll, mir ist echt mulmig bei der Sache, aber ich glaube, ich weiß schon, was ich will.“

„Noch hast du Zeit, überschlafe alles und höre auf dein Herz, ja?“ „OK, ich werde es versuchen, bis bald, Solara.“

DIE ENTSCHEIDUNG FÄLLT

Vollkommen leicht und natürlich geht Leyla jetzt durch den Baum. Als sie Zuhause ankommt, ist sie dennoch erschöpft. Wie würde es wohl sein, bei den Raanis zu leben und zu lernen? Bestimmt würde sie ihre Eltern vermissen und Tamina ist sowieso dagegen. Sollte sie im Zorn gehen? Nein, das will Leyla auch nicht.

„Versuch Tamina zu zeigen, dass es sicher ist. Sie hat einfach nur Angst vor der anderen Ebene. Ihre Mutter ist einfach dorthin verschwunden, glaubt sie, und der Verlust tut ihr immer noch weh“, bemerkt der Zwelf.

„Meinst du ihre Mutter lebt dort noch?“, fragt Leyla.

„Was glaubst denn du? So alt ist die auch nun wieder nicht. Klar ist sie dort. Du wirst sie sogar kennen lernen, schließlich ist sie deine Oma.“

„Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Wie lange hat Mama ihre Mutter nicht mehr gesehen? Weißt du das?“

„Nee, hellsehen kann ich auch nicht.“

„Aber Solara hat doch gesagt, du kannst mehr als ich glaube, und dass du magisch bist. Was kannst du denn eigentlich?“

„Ja, das willste wissen, was? Ich kann alle Fähigkeiten der Raanis hier mit herbringen.“

„Aha, und was können die?“

„Ziemlich viel, würde zu lange dauern, das alles zu erklären“, grinst er „aber ja, ich kann hinfühlen, was war. Warte mal.“

„Also, doch“, entrüstet sich Leyla.

„Na, deine Mama hat nicht so genau wissen wollen, was ihre Mutter gerade macht. So hat sie die Entwicklung zur Raanis nicht mitbekommen, obwohl ihre Mutter versucht hat, es ihr zu erklären. Sie hätte Tamina gerne mitgenommen.“

„Ja, und wie lange ist das her?“, fragt Leyla.

„Oh, da war Tamina jugendlich, sie ist die jüngste der drei Schwestern.“

„Und seitdem hat sie ihre Mutter nicht mehr gesehen?“

„Nein, Ihre Mutter hat sich so entwickelt, dass sie nicht mehr hierher kommen konnte. Weißt du, die Leute können die Raanis hier nicht sehen, aber was Solara nicht gesagt hat, ist, dass es unheimlich viel Kraft kostet, trotzdem zu kommen, deshalb machen die das auch nicht.“

„Ok, glaubst du es würde helfen, wenn Mama ihre Mutter treffen würde?“

„Ja, fände ich gut“, der Zwelf sitzt auf der Nachttischlampe und spielt mit dem Schwanz.

„Könntest du zu ihr fliegen und sie bitten zu kommen? Geht das?“, bittet Leyla.

„Tja, da wäre ich wohl eine Weile weg, denn sie lebt zwar bei der Schule, ist aber im Moment nicht da. Soll ich sie suchen?“

„Oh ja, bitte, bitte. Vielleicht könnte ich sie erst einmal bei Solara kennen lernen und dann könnten wir besprechen, wie wir es machen.“

„Ich mach mich gleich auf den Weg, bin morgen früh wieder da, hoffe ich. Bis dann, Leyla.“ Schnell ist der Zwelf aus dem Fenster geschlüpft und fliegt in die Dunkelheit.

Am nächsten Tag kann Leyla kaum an sich halten alles zu erzählen.

„Papa, bringst du mich zur Schule?“, fragt Leyla mit einem verschwörerischen Blick.

Im Auto bricht es aus Leyla heraus und sie erzählt Rolfo alles, was passiert ist.

„Ich wusste nicht, dass es so weit geht“, entgegnet Rolfo nachdenklich. „Willst du denn dort zur Schule gehen?“, er schaut Leyla an. „Blöde Frage, was? Ich denke, ja.“

„Natürlich will ich das. Oder meinst du, ich lasse mir das entgehen?“

„Nein, aber wie hast du dir das mit Tamina gedacht? Und ich muss auch erst einmal darüber nachdenken.“

„Der Zwelf sagt, dass Oma da lebt, und dass Mama sie schon lange nicht mehr gesehen hat. Jetzt geht das aber wieder, und ich habe gedacht, dass wir die beiden zusammen führen. Dann weiß Mama, dass alles sicher ist. Oder?“

„So einfach wird das aber nicht gehen. Ich glaube, dass es Tamina ganz schön aufregen wird. Abgesehen davon bist du dann auch noch weg. Wie soll sie denn damit klar kommen?“, gibt Rolfo zu bedenken.

„Ich bin doch nicht aus der Welt“, kichert Leyla, „Scherz beiseite, ich kann immer zu euch kommen. Es ist ein kurzer Weg hin und her. Und außerdem könnt ihr auch lernen, mich dort zu besuchen, wie findest du das?“

„Ha, das ist allerdings eine Herausforderung, da wird Tamina entschieden dagegen sein.“

„Auch, wenn Sie Oma wiedergesehen hat und weiß, dass sie nicht weg ist und ich auch immer wieder komme? Ich glaube, da haben wir Chancen. Na, ja, jetzt muss ich aber dringend los, sonst komme ich zu spät. Tschüss Papa.“

„Bis nachher, mein Schatz.“

Vollkommen verdattert fährt Rolfo wieder nach Hause. Er kann gar nicht glauben, was alles passiert ist. Leyla wird nun bald ihre eigenen Wege gehen und es fällt ihm schwer, das so hinzunehmen.

Nach der Schule suchen Tamara und Leyla sich erst einmal ein ruhiges Plätzchen. „Wo ist denn dein Zwelf?“, fragt Tamara neugierig.

„Der ist unterwegs, ich wundere mich auch, dass er noch nicht da ist“, erwidert Leyla.

Da raschelt es in den Zweigen.

„Ich habe sie gefunden“, ruft der Zwelf aufgeregt, „Sie ist heute Nachmittag bei Solara und du sollst hinkommen. Also beeil dich.“

„Wen hat er gefunden, und was ist eigentlich los?“, will Tamara wissen.

„Das ist eine lange Geschichte. Aber, lieber Zwelf, glaubst du, wir könnten Tamara mitnehmen? Auch durch den Baum?“

„Wenn ich Solara dahin hole, geht das bestimmt.“

„Tamara, hat Monica schon einen Anruf von Solara bekommen?“

„Bis jetzt noch nicht.“

„Kannst du sie anrufen und danach fragen? Und auch gleich sagen, dass du erst heute Abend nach Hause kommst. Ach, willst du überhaupt mitkommen?“

„Ich weiß ja noch nicht einmal, wohin und dann auch noch durch einen Baum?“, Tamara ist unsicher.

„Ich erkläre dir alles auf dem Weg, es ist alles gut, ich war schon ein paar Mal da. Komm schon, bitte.“

„Na gut. Dann lerne ich Solara auch mal kennen. Aber lass uns langsam fahren, damit du mir alles erklären kannst. Ja?“

Nachdem Tamara Monica angerufen und alles geklärt hat, radeln die beiden Mädchen los. Monica war ganz verwundert über die Nachricht von dem Besuch bei Solara. Doch gleich darauf klingelte noch mal das Telefon und diesmal ist es Solara, die bei Monica anruft.

„Hallo Monica, hier ist Solara.“

„Hallo Solara, wir haben ja lange nichts mehr voneinander gehört. Und gerade rief mich Tamara an, dass Sie dich besuchen will.“

„Ja, das ist auch gut so. Ich hole die beiden gleich am Portal ab. Wie du weißt, konnten wir lange nicht so kommunizieren, weil die Ebenen zu weit voneinander entfernt waren. Doch jetzt ist endlich die Zeit gekommen, um die Familie wieder zusammen zu führen. So fangen wir mit unseren Kindern an, sie können es noch am leichtesten. Ich wünsche mir jedoch, dass auch wir uns bald wiedersehen.“

„Wie geht es Mutter? Ist sie bei dir?“, fragt Monica aufgeregt, „Ich war und bin sehr traurig über diese Trennung. Aber ich habe verstanden, dass sie nicht uns verlassen wollte. Meinst du, wir könnten uns bald wiedersehen und alles besprechen?“

„Natürlich, jetzt endlich. Aber weswegen ich anrufe hat noch einen anderen Grund. Ich habe hier eine Schule und lehre hier die ursprünglichen Wahrheiten unserer Ebene. Sie gelten natürlich auch für euch, sind jedoch in Vergessenheit geraten und auch teilweise verdrängt worden. Nun kommt Tamara heute Nachmittag ja auch zu mir, und ich werde ihr alles zeigen und sie fragen, ob sie mit Leyla zusammen die Schule bei mir besuchen will. Sie könnte jederzeit zu euch. Was hältst du davon?“

„Das ist ja ein Überfall.“, Monica ist schockiert, „ich muss mich erst mal setzen. Ich habe nicht gedacht, dass dies schon möglich ist. – Würde sie dann auch bei dir übernachten?“

„Das liegt in ihrer Entscheidung, aber Leyla wird sich dafür entscheiden, vermute ich. Wie wäre es, wenn ich dich morgen zu mir einlade und du siehst dir alles in Ruhe an. Mutter wird auch da sein, und dann können wir alles besprechen. Tamara wird dir den Weg erklären und ich werde am Portal sein und dich auf unsere Ebene holen, ja?“

Vollkommen leer im Kopf willigt Monica ein. Ihr ist noch nicht klar, was da gerade passiert ist.

Als Leyla und Tamara am Baum ankommen, wartet Solara bereits auf sie. „Schön euch zu sehen. Hallo Tamara, ich freue mich, dass du den Mut hast und auch gekommen bist. Ich habe bereits mit deiner Mutter gesprochen und werde mich morgen mit ihr treffen. Es ist in Ordnung für sie, dass du hier bist.“

„Oh ja, danke“, stammelt Tamara erstaunt. Sie konnte sich nicht an die Frau auf dem Markt erinnern und eine so schöne Frau hat sie nicht erwartet.

„Jetzt wirst du erstaunt sein, wie wir zum Haus kommen, mach einfach mit“, flüstert Leyla ihr zu.

Tamara kann kaum glauben wie ihr geschieht, ein Zwinkern und schon sind sie an Solaras Haus. Der Anblick des wunderschönen Anwesens zieht sie in seinen Bann, und als sie das große Portal erblickt, findet ihr Staunen keine Grenzen mehr. Zum Glück ist Leyla an ihrer Seite und hält sie.

„Ist das nicht schön hier?“, fragt Leyla.

Tamara kann noch gar nicht antworten, so beeindruckt ist sie von allem.

„Nun kommt erst einmal in die Küche, dort steht schon etwas für uns alle bereit“, bittet Solara und führt die Mädchen hinein.

Am Tisch sitzt Violetta, Leylas Oma. Als sie den Raum betreten, fällt Leylas Blick auf eine mittelgroße, schlanke Frau mit langem, wallendem, blondem Haar. Sie wirkt nicht älter als ca. 50 Jahre. Sie rührt versunken in ihrem heißen Tee und gibt sich ihren Gedanken hin. Sie atmet den Duft des Tees tief ein, als die Tür sich öffnet. So leise, dass sie es erst nicht bemerkt. Dann hebt sie den Blick und sieht Leyla in die Augen.

„Du bist also meine Enkelin, ist das richtig?“

„Ja, das bin ich“, erwidert Leyla erstaunt.

„Ich sehe es in deinen Augen“, ihr Blick wandert zu Tamara, „du bist also auch meine Enkelin, ja?“

Tamara kann vor Ehrfurcht nicht antworten.

„Auch in deinen Augen kann ich lesen. Doch entspannt euch erst einmal“, lächelt sie Leyla und Tamara an. Mit offenen Armen geht Violetta auf die beiden zu.

„Lasst euch in den Arm nehmen. Ich freue mich unendlich, euch zu sehen. Dass das jetzt möglich ist, ist eine große Freude für mich und es eröffnet uns viele neue Möglichkeiten für beide Ebenen.“

„Vermisst du Mama nicht?“, fragt Leyla, als sie sich gemeinsam an den Tisch setzen.

„Oh, ich vermisse sie sehr. Es tut mir im Herzen weh, dass ich Tamina zurücklassen musste. Doch wisst ihr, es ging nicht anders, wenn man diesen Weg einmal beschritten hat, kann man nicht mehr zurück. Man lernt immer mehr, und dieses Wissen kann nicht wieder gelöscht werden. - So ist ein Leben auf die Art, wie man vorher gelebt hat, nicht mehr möglich. Dann kam der Moment, an dem ich die Ebene der Niraanis verlassen musste, um klar und kräftig zu bleiben. Diese Ebene hatte ich schon kennen gelernt, so wie ihr jetzt, doch eigentlich hatte ich mich für Tamina entschieden, auf der anderen Ebene zu bleiben. Jedoch hatte ich nicht damit gerechnet, dass mein Bewusstsein sich so entwickelt und konnte nicht mehr zurück. Tamina wollte das alles nicht und fand meine neuen Einstellungen wie sie damals sagte ‚total doof‘, und so nahm alles seinen Gang.“

„Was ist mit Monica?“, traut sich Tamara zu fragen.

„Ach, die liebe Monica. Ja, auch sie vermisse ich sehr. Sie hat mich noch eher verstanden, deshalb kann sie auch verstehen, warum alles so war. Sie hat sich bewusst entschieden, dort zu bleiben, auch wegen Tamina.“

„Was hältst du davon, wenn ihr euch hier wieder treffen könnt?“, platzt es aus Leyla heraus.

„Ja, das wäre in der Tat eine große Freude. Wobei ich glaube, dass Tamina eine große Wut auf mich hat. Das wird nicht einfach sein.“

„Wir können es ja einfacher gestalten und morgen mit Monica anfangen, oder?“, schaltet Solara sich ein, „Komm Tamara, ich möchte dir etwas zeigen. Komm bitte auch mit, Leyla.“

Knarrend öffnet sich die Bodentür. Wieder steht Leyla auf dem Boden und auf dem Tisch liegt immer noch das Buch der ursprünglichen Wahrheiten.

Solara führt Tamara an den Tisch. „Bitte setz dich und schaue dir das Buch an.“

Tamara setzt sich an den Tisch und schaut auf das Buch. Ihr ist schwindelig im Kopf. Sie legt die Hände auf das Buch und spürt ein Kribbeln.

„Bitte, schlag das Buch auf und schaue hinein“, bittet Solara.

Als Tamara das Buch öffnet, zieht ein Windhauch durch den Bodenraum. Irgendwo klingelt leise ein kleines Windspiel. Violetta schaut von der Tür aus, was geschieht und der Zwelf sitzt aufgeregt auf Leylas Schulter.

Die Buchstaben tanzen vor Tamaras Augen wild auf den Seiten hin und her. Solara steht hinter ihr und legt die Hände auf ihre Schultern. Tamaras Aufregung legt sich etwas, doch das Herz schlägt immer noch schnell. Die Buchstaben finden einen Rhythmus und finden sich langsam zu einem System zusammen. Es glitzert und findet schließlich zur Ruhe.

„Was ist das für eine Sprache? Ist es überhaupt eine?“ fragt Tamara verwundert.

„Es ist die Sprache der Elohim. Dieses Buch, das Wissen, wurde uns von ihnen gegeben.“ Solara konzentriert sich.

„Akbar sharkana nu akim“, liest Tamara. „Was heißt das?“

„Frei übersetzt – Das Buch der ursprünglichen Wahrheit – genau übersetzt heißt es, ursprüngliche Wahrheit im Buch. Lies weiter.“

Tamara klappt das Buch zu: „Das kann ich nicht.“

„Sie ist leicht auszusprechen und deine Seele kennt diese Sprache, alle kennen sie. Was ist los?“, fragt Solara.

„Das ist mir alles zu unheimlich. Alles, was passiert ist. Eigentlich kann man nicht durch einen Baum gehen und auch nicht einfach so von einem Ort zum anderen kommen in Sekunden einfach so. Das geht doch alles nicht.“ Weinend rennt Tamara nach draußen.

„Es ist alles gut, liebe Tamara“, der Zwelf erreicht sie als erster und versucht sie zu beruhigen.

„Geh weg, dich darf es auch nicht geben“, mit der Hand versucht sie den Zwelfen von der Schulter zu schubsen.

„Mich gibt es aber, schau mich an. Und alles was du heute erlebt hast, ist wahr. Vielleicht war es etwas viel für dich, aber du hast eine neue Welt und eine Oma dazu gewonnen. Ist das etwa nichts?“

Endlich kommt auch Leyla, sie nimmt Tamara in den Arm und hält sie erst mal fest.

„Ich war auch total verwirrt, als ich das alles erlebt habe und bin es auch immer noch. Aber weißt du, das ist eine super Chance für uns, alles anders zu machen. Ich vertraue Solara und Oma – und meinem Zwelfen auch. Ich will es versuchen, denk mal darüber nach. Außerdem kennst du doch ein bisschen schon von deiner Mutter, oder?“

„Ja, aber das ist genau das, was mir immer Schwierigkeiten gebracht hat. Ich habe immer gedacht, mit mir stimmt was nicht, und hier ist alles noch schlimmer“, weint Tamara.

Leyla streicht ihr über den Kopf. „Komm, wir gehen erst einmal wieder rein.“

„Da seid ihr beiden ja wieder. Geht es ein bisschen besser, Tamara?“, sorgt sich Violetta.

„Es geht schon“, reißt sich Tamara zusammen.

„Lasst mich euch eine kleine Geschichte erzählen.“, beginnt Violetta, „Es gab einmal ein kleines Mädchen, lasst es uns Viola nennen. Schon als kleines Mädchen von drei Jahren konnte sie Dinge sehen, die es für andere Menschen gar nicht gab. Sie hörte Stimmen und redete mit ihnen. Das alles erzählte sie ihrer Mutter, doch die Mutter glaubte ihr nicht, wie denn auch, und dachte, ihre Tochter hätte zu viel Phantasie. Das Mädchen wurde größer und hörte damit einfach nicht auf. Doch als sie merkte, dass die Mutter es für Phantasie hielt und sie nicht mehr ernst nahm, wurde das Mädchen sehr ruhig. Sie fing an sich anzupassen. Sie spielte die Spiele, die alle spielten. Hatte in der Schule gute Noten und auch genug Freundinnen. Nur, was sie im Inneren bewegte, konnte sie nicht mehr ehrlich sagen. Das machte sie traurig, doch sie versuchte, es niemandem zu zeigen. Sie wollte so sein wie die anderen, denn mit ihr stimmte ja scheinbar etwas nicht. So baute sie sich ihr Bild von einem glücklichen Leben auf, so wie es zu sein hatte. So wie es auch sein sollte und in die Welt passte, und sie erreichte das auch. Und als sie erwachsen war und selbst Kinder hatte, merkte sie, dass sie leer war. Ihr Leben war ausgefüllt, so war das nicht“, lächelte Violetta, „aber irgendetwas fehlte. Aber was? Sie wusste es nicht. Und so verging noch eine ganze Zeit. Eine Zeit, in der sie suchte und suchte, aber nicht wusste was. Sie liebte ihre Kinder und ihren Mann. Sie hatte ein Leben genauso, wie sie es sich immer gewünscht hatte, aber irgendetwas fehlte. Als sie schon völlig verzweifelt war, begegnete ihr ein alter Mann. Dieser Mann schaute ihr in die Augen und sagte: „Du weißt, dass du jemand anders bist. Wer bist du wirklich? Schau nach, liebes Kind, schau nach.“ Dann ließ er Viola einfach allein damit auf der Straße stehen. Lange schaute sie ihm nach, obwohl er gar nicht mehr zu sehen war. Dann machte sie sich langsam und in Gedanken auf den Heimweg. Am Abend bereitete sie alles so, wie sie es gewohnt war und merkte es nicht einmal. Ihre Kinder fragten, was mit ihr los sei, weil sie nicht wirklich da war. Doch Viola war einfach erschüttert. Da hatte sie ihr Leben lang versucht, einfach nur alles gut zu machen, es jedem recht zu machen, und dann ...

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