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Level 6 – Unsterbliche Liebe

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LEVEL 1

1. KAPITEL

Man nennt es Nyktophobie. Ich habe das Wort schon mal nachgeschlagen. So lautet die offizielle Bezeichnung für die anormale und permanente Angst vor der Dunkelheit. Ich litt darunter, seit meine Eltern und meine Schwester bei einem Einbruch in unserem Haus ermordet worden waren. Ich hatte mich unter meinem Bett versteckt, während es passierte.

Im Dunkeln hatte ich nichts sehen können; alles, was ich gehört hatte, war die Schreie.

Und dann die Stille.

Also, ja. Ich hatte seitdem fürchterliche Angst in der Dunkelheit. Warum wohl?

Unglücklicherweise fand ich mich in totaler Finsternis wieder, sowie ich meine Augen öffnete. Offen gesagt, konnte ich mich nicht einmal daran erinnern, sie geschlossen zu haben. Ich wusste nur noch, dass ich im Einkaufszentrum gewesen war. Gerade hatte ich mir ein Paar neue Schuhe „besorgt“ – meine alten waren ganz ausgelatscht, weil ich die ganze Zeit tagaus, tagein in der Stadt herumlief. Die neuen Sneakers waren echt schön. Rot. Mit dicken Schnürsenkeln, die – falls nötig – auch als Waffe dienen könnten.

Das Leben auf der Straße war manchmal hart. Vor allem nachts. Und ganz besonders im Dunkeln.

Wie im Moment.

Allerdings war das hier nicht die Straße. So viel war mir klar. Ich war im Inneren eines Gebäudes.

Irgendwo.

Panik begann, sich in meinem Körper auszubreiten. Mir war bewusst, dass es mir nicht weiterhelfen würde, die Nerven zu verlieren. Doch manchmal ist es einfach nicht zu verhindern und es ist unmöglich, vernünftig zu bleiben, wenn man dabei ist, die Nerven zu verlieren.

Ich spürte einen Druck an meinem rechten Handgelenk und griff in der Finsternis mit der anderen Hand hinüber, um zu ertasten, was los war. Es war eine Handschelle. An einer Kette. Die an der glatten, kalten Metallwand hinter mir befestigt war.

Was zur Hölle ist hier los?

War ich beim Klauen im Geschäft erwischt worden? War das hier ein Gefängnis? Ich zermarterte mir das Gehirn und versuchte, mich daran zu erinnern, ob ich verhaftet worden war. Aber ich wusste es nicht mehr. Nein, ich hatte mir die Schuhe geschnappt, sie unter meine Jacke gesteckt und war aus dem Laden spaziert. Anschließend war ich in das halb verlassene Einkaufszentrum gegangen, hatte die neuen Sneakers angezogen und meine alten in einen Mülleimer geworfen. Und dann … Was war dann passiert?

Ich erinnerte mich noch, dass ich etwas zu essen hatte organisieren wollen. Ich hatte noch zwei Dollar besessen, also hatte ich mir überlegt, in einem der wenigen Restaurants, die noch auf hatten, eine kleine Portion Pommes zu kaufen. Das hätte gereicht, damit ich meinen Hunger hätte stillen und meinen Magen für wenigstens einen Tag hätte ruhigstellen können, ehe er wieder angefangen hätte, sich lautstark zu beschweren.

Hatte ich es überhaupt bis zum Food-Court geschafft?

Offenbar nicht. Ich hatte noch immer Hunger. Schrecklichen Hunger. Mein Körper fühlte sich an, als würde er sich selbst verdauen – vielleicht war das aber auch ein bisschen übertrieben. Immerhin hatte ich gestern eine vollständige Mahlzeit gekriegt. Ich hatte sogar von der Speisekarte bestellt und dann probiert, mich aus dem Staub zu machen, ehe die Rechnung kam. Der Besitzer des Diners hatte mich allerdings erwischt und zurechtgewiesen. Ich hatte geglaubt, dass es das gewesen wäre und dass er die Cops rufen würde.

Stattdessen hatte er jedoch Mitleid mit mir gehabt und mich zum Abwaschen verdonnert. Es war eine demütigende Erfahrung gewesen. Aber seit meine Familie getötet worden war, hatte ich einige dieser Lektionen lernen müssen.

Am Ende war ich ihm dankbar für seine Freundlichkeit. Geschirr zu spülen war um einiges besser, als verhaftet zu werden.

Gut. Atme, Kira, sagte ich zu mir selbst. Und das tat ich. Durch die Nase atmete ich tief ein und stieß die Luft dann durch den Mund wieder aus. Ich konnte meinen Herzschlag laut in meinen Ohren pochen hören.

Warum hatte ich keine Erinnerung daran, was geschehen war, nachdem ich die Schuhe gestohlen hatte? Verdammt. Und wo war ich?

Ich musste mich ernsthaft beruhigen. Es brachte überhaupt nichts, hier durchzudrehen.

Ich holte tief Luft und zwang mich, in die Stille hineinzuhorchen. Irgendein Geräusch wahrzunehmen. Es musste noch etwas außer dieser totalen Stille geben, die mir nicht weiterhalf.

Und dann hörte ich … etwas. Ich drängte meine Furcht, so gut es ging, beiseite und lauschte angestrengt.

Atmen. Ich nahm ein leises Atmen wahr.

Hier ist noch jemand anders im Raum.

Diese Erkenntnis beruhigte mich nicht gerade. Im Gegenteil. Der Gedanke, dass noch eine andere Person mit mir zusammen in der Dunkelheit war, ängstigte mich so sehr, dass ich beinahe angefangen hätte, zu weinen.

Doch ich war jetzt tough. Zumindest sagte ich mir das jeden Morgen, wenn ich aufstand, damit ich einen weiteren Tag durchhielt. Das hier sollte nicht viel anders sein.

„H… H… Hallo?“ Stottern hilft mir jetzt auch nicht weiter, dachte ich. „Wer ist da?“

Das Atmen stockte. In ungefähr fünf Metern Entfernung schien sich jemand auf dem Boden zu bewegen.

Dann vernahm ich eine Stimme. „W… Was zum Teufel …“

Es war eine männliche Stimme. Die Worte klangen rau und heiser, als wäre der Typ nach einem tiefen Schlaf gerade erst aufgewacht.

„Wer ist da?“, wiederholte ich.

Warum hörte ich mich so schwach und leise an? Ich hasste das.

Er räusperte sich und stöhnte. „Scheiße.“

Tja, er schien über einen wirklich ausgewählten Wortschatz zu verfügen.

Ich probierte, etwas zu erkennen, aber um mich herum war nur Schwarz. „Verrat mir, wer du bist.“

Es entstand eine Pause, und dann erklang wieder ein Stöhnen. Genau genommen hörte es sich an, als hätte er Schmerzen, sobald er sich bewegte.

Ich runzelte die Stirn. „Hey, ist alles in Ordnung?“

Er schnaubte. „Fantastisch. Es geht mir blendend, danke der Nachfrage. Und dir so?“

Sarkasmus. Ja, das kannte ich.

„Es ging mir tatsächlich schon mal besser.“

Ketten rasselten. Nicht meine, also hieß das, dass der Typ ebenfalls gefesselt war. Aber wieso?

„Ich heiße Rogan“, meinte er nach einer Weile. „Freut mich sehr, deine Bekanntschaft zu machen.“

„Wo sind wir?“

„Ich sage dir meinen Namen und du erwiderst diese Höflichkeit nicht? Hat dir deine Mutter keine Manieren beigebracht?“

„Meine Mom ist tot.“

Er schwieg. Für den Moment jedenfalls. „Tut mir leid.“

„Es ist schon lange her.“

„Dadurch wird es auch nicht leichter.“

Wie wahr. Zwei Jahre. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an – und zugleich so, als wäre es erst gestern passiert. „Mein Name ist Kira.“

„Also, Kira, ich habe auch keine Ahnung, wo wir genau sind.“

Ich drückte meinen Rücken gegen die harte Wand.

Wir konnten überall sein, und es gab keinen verdammten Hinweis darauf, wo das sein mochte. Bis auf die Hauptstraßen war die Stadt so menschenleer und öde, dass wir in jedem x-beliebigen von unzähligen verlassenen Lagerhäusern oder in irgendeiner stillgelegten Fabrik sein konnten. Niemand würde uns jemals finden.

Ich hatte von Teenagern gehört, die von den Straßen verschwunden und nie wieder gesehen worden waren. Und ich war mir sicher, dass diese Geschichten kein Happy End hatten.

„Was ist das Letzte, an was du dich erinnerst?“, ließ ich nicht locker. „Wer hat dich hierhergebracht? Bist du auch mit einer Kette am Handgelenk gefesselt?“

„Ich habe keinen Schimmer, wer mich hierhergebracht hat. Und, ja, ich bin auf jeden Fall an die Kette gelegt.“

„Wer würde so etwas tun?“ Mir stockte die Stimme.

„Probier, dich zu entspannen.“

„Ich bin entspannt.“

„Klingt für mich irgendwie nicht danach.“

Ich schlug mit meinem Hinterkopf leicht gegen die Wand hinter mir und zog die Knie an meine Brust. „Für mich klingst du entspannt genug für uns beide.“

„Was soll ich sagen? Bisher ist das hier um einiges besser als der Ort, an den ich in ein paar Tagen hätte verfrachtet werden sollen.“

„Ach. Und was ist das für ein Ort?“

Es dauert einen Augenblick, bevor er antwortete. „Willst du das wirklich wissen?“

Eigentlich nicht. Es war mir egal. „Sicher.“

Wieder entstand eine lange Pause. „Saradone.

Mir gefror das Blut in den Adern. Saradone war ein Hochsicherheitsgefängnis vor den Toren der Stadt. Nur die schlimmsten Kriminellen wurden dort inhaftiert – einige, um dort den Rest ihres Lebens zu verbringen, die meisten, um dort zu sterben. Schreckliche Menschen, die schreckliche Dinge gemacht hatten. Zum Glück steckten sie dort keine Mädchen rein, die Schuhe gestohlen hatten … Zumindest bis jetzt noch nicht.

Er musste über mein Schweigen lachen. „Schätze, du hast schon davon gehört.“

Ich war in demselben Raum wie jemand, der nach Saradone transportiert werden sollte – das hieß, dass er gefährlich war. Ein Schwerverbrecher. Wieder erfasste mich Panik, schnürte mir die Kehle zu, raubte mir den Atem.

Wir waren beide mit Ketten an die Wand gefesselt. Was war das hier? Was lief hier ab?

Kalter Schweiß rann mir den Rücken hinab.

„Warum solltest du dort hingebracht werden?“ Ich versuchte, die Frage so beiläufig wie möglich klingen zu lassen – als würde ich über das Wetter reden oder so.

„Meine Zeit in St. Augustine’s endet in wenigen Tagen, da ich achtzehn werde.“

St. Augustine’s. Der Name war mir ebenfalls bekannt. Es war eine Jugendstrafanstalt im Westen der Stadt. Falls ich jemals verhaftet werden sollte, würde ich vermutlich dort enden.

Mir war zu Ohren gekommen, dass es die Hölle sein sollte.

Ich zögerte, zu fragen, allerdings konnte ich nicht anders. „Warum warst du in St. Augustine’s?

„Mord“, antwortete er schlicht.

„Oh.“ Mein Magen war in Aufruhr, während ich unauffällig wieder an meiner Kette zerrte. Sie war zu stark. Hier kam ich erst einmal nicht raus. „War es Notwehr?“

„Nein.“ In seiner Stimme schwang nun eine deutliche Schärfe mit. „Aber was kümmert es dich?“

„Es ist mir egal.“

Natürlich war es mir nicht egal. Es kümmerte mich, da ich hier mit jemandem eingesperrt war, der gestand, ein Mörder zu sein – eingesperrt in der Dunkelheit, wie in jener Nacht, in der meine Familie ermordet worden war.

Vielleicht war das alles bloß ein ziemlich schlechter Traum. Vielleicht war ich im Einkaufszentrum gestürzt, mit dem Kopf aufgeschlagen und vor dem halb leeren Burgerladen in Ohnmacht gefallen. Vielleicht würde mich gleich ein umwerfender reicher Junge finden. Dann würde er sich Hals über Kopf in mich verlieben und mich küssen, wie es der Märchenprinz bei Schneewittchen getan hatte. Er würde mich aus meinem tiefen Schlaf erwecken, und wir würden in den Sonnenuntergang reiten, fort von der Vergangenheit und hinein in eine strahlende, aufregende Zukunft – nur wir beide.

Ich blinzelte in die Finsternis.

Nein, ich war wach. Ich war ganz sicher wach.

So ein Mist.

„Du bist plötzlich so still“, stellte Rogan fest. „Willst du dich nicht mehr mit mir unterhalten?“

„Nein, eigentlich nicht.“

„Warum nicht? Weil du jetzt Angst vor mir hast?“

Das traf es ziemlich genau. Doch das würde ich ihm selbstverständlich nicht verraten, wenn es sich vermeiden ließ.

„Nein. Vor allem, da ich mir jetzt sicher bin, dass du nichts weißt, das mir weiterhelfen könnte.“

„Das bedeutet nicht, dass du unhöflich sein musst.“

„Unhöflich?“ Ich spürte, wie Wut in mir hochkochte, riss mich allerdings zusammen und bemühte mich, ruhig zu bleiben. Mein Hintern tat vom langen Hocken auf dem harten Metallfußboden weh, also schlug ich die Beine übereinander und wechselte in den Schneidersitz. „Ja, ich bin verdammt unhöflich. Tut mir leid. Ich schätze, du bist in St. Augustine’s so nett behandelt worden, dass mein Verhalten ein echter Schock für dich sein muss. Übrigens bin ich davon überzeugt, dass du diese Unhöflichkeit verdient hast. Oder noch Schlimmeres.“

Er schwieg so lange, dass ich mich noch unbehaglicher fühlte als am Anfang.

„Und bist du so ein Unschuldslamm? Immerhin bist du hier mit mir zusammen eingesperrt.“ Seine Worte klangen abgehackt, kühl – so, als hätte ich einen wunden Punkt bei ihm berührt. „Wie, sagtest du, ist dein Name? Kerry?“

Kira“, korrigierte ich ihn. Was für ein Arsch dieser Kerl doch war. „Ich bin weiß Gott kein Unschuldslamm, aber ich würde nicht in Saradone enden.“

„Sei dir da mal nicht so sicher.“

Vermutlich konnte ich dem Idioten dankbar sein, weil er mich von meiner Angst vor der Dunkelheit ablenkte. Er machte mich so wütend, dass ich für einen Moment meine Furcht vergessen hatte.

Ich knabberte an meiner Unterlippe. „Ich habe jedenfalls niemanden getötet.“

„Noch nicht.“

„Niemals.“

„Ja, das werden wir noch sehen.“

„Was soll das bedeuten?“

„Die haben dich in ihrer Gewalt. Sie werden dich dazu bringen, alles zu machen, was sie wollen. Bild dir nichts ein – du wirst es tun.“

„Die? Wer sind die?

Rogan verstummte.

Mein Herzschlag dröhnte in meinen Ohren. „Du kannst nicht einfach so etwas sagen und dann nicht mehr weiterreden. Wer sind die?

„Diejenigen, die dich hierherverschleppt haben. Die mich hierherverschleppt haben.“

„Ich dachte, du wüsstest nicht, wer dich hierhergebracht hat.“

„Ich habe so eine Ahnung.“

„Willst du sie mir eventuell mitteilen?“

„Lieber nicht. Du bist nicht gerade nett.“ Es klang, als würde er lächeln. Machte er sich über mich lustig?

„Ich bin nicht gerade nett?“, wiederholte ich.

„Ist das eine Überraschung für dich? Wickelst du normalerweise die Jungs, die du kennenlernst, mit deinem Charme um den Finger? Bei mir hast du jedenfalls auf ganzer Linie versagt.“

„Wer hat uns hier eingesperrt?“, fragte ich schlicht. Ich wollte, dass er kapierte, dass ich nicht scherzte. Wenn er es mir nicht endlich verriet, würde ich schreien und ich würde nicht eher wieder aufhören, bis die – wer auch immer die waren – mich hier rausließen.

„Sie haben mich vor die Wahl gestellt“, meinte er nach einer kurzen Pause. „Für den Rest meines Lebens im Gefängnis zu versauern oder mit ihnen zu kommen und ihr krankes kleines Spielchen mitzuspielen. Wenigstens habe ich hier möglicherweise eine Chance. Zwar eine geringe Chance, aber immerhin eine Chance. In dem Moment, in dem ich zustimmte, haben sie mich bewusstlos geschlagen. Und dann bin ich vor ein paar Minuten aufgewacht, um mit dir diese faszinierende Unterhaltung zu führen. Und … Und ich glaube, sie haben irgendetwas mit mir getan, während ich bewusstlos war. Mit meiner Schulter. Es tut ziemlich weh, allerdings habe ich keinen Schimmer, was sie gemacht haben. Oder wie. Oder warum. Wahrscheinlich wollen sie mich ausbremsen.“ Er schnaubte verächtlich. „Fair Play ist nicht gerade ihr Ding.“

„Ich habe dieser Sache hier nicht zugestimmt.“ Ich zog und zerrte an der Kette, bis mein Handgelenk schmerzte. „Ich will hier weg.“

„Ich bin mir sicher, dass sie dich gehen lassen werden. Einfach so. Ganz bestimmt.“

„Du hast gemeint, du hättest die Wahl gehabt. Warum haben sie mir nicht auch die Möglichkeit gegeben, selbst zu entscheiden?“

„Ich weiß es nicht.“ Er machte eine Pause. „Du hast erzählt, deine Mutter wäre gestorben?“

„Ja.“

„Und der Rest deiner Familie?“

„Alle tot.“ Meine Stimme brach, als ich es aussprach.

Wieder herrschte Schweigen. „Also bist du allein.“

„Wenn es sein muss.“ Mehr als diese knappe Antwort verdiente er nicht.

Seit zwei Jahren, seit meinem vierzehnten Lebensjahr war ich allein. Vorher war ich sicher und relativ glücklich gewesen, und es hatte mir freigestanden, zu tun, was auch immer ich hatte machen wollen. Meine Familie hatte mich geliebt und mich bei allem unterstützt. Doch nachdem sie nun tot waren, hatte ich nichts mehr.

Das Gericht hatte mich in eine Pflegefamilie stecken wollen, allerdings war ich lieber weggelaufen. Eine Freundin von mir war ein paar Jahre zuvor in eine Pflegefamilie gekommen, und ich hatte nie wieder etwas von ihr gehört. Nicht einmal per E-Mail.

„Warum sollten sie dich aussuchen“, meinte Rogan und klang so, als würde er eher mit sich selbst reden als mit mir, „abgesehen davon, dass du keine Familie mehr hast? Was hast du angestellt?“

Ich stieß ein ungeduldiges Knurren aus. „Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Wer sind die?

„Du hast bisher noch niemanden umgebracht … Also fällt das als Grund schon einmal weg. Bist du …“ Er hielt inne und lachte dann leise. „Natürlich. Du bist eine Diebin, stimmt’s?“

Ich ließ die Dunkelheit für mich antworten.

„Eine Diebin ohne Familie. Perfekt.“ Er atmete tief und zittrig durch. „Also, kleine Diebin, ich muss zugeben, dass es mir gerade nicht so toll geht. Was auch immer sie mit mir gemacht haben … Ich glaube nicht, dass sie sich darum sorgen müssen, dass ich meine Strafe bis zum Ende absitzen werde. Auge um Auge und so.“

Ich fuhr mir mit der Zunge über die trockenen Lippen. „Du denkst, dass du stirbst.“

„Fühlt sich so an.“

„Wie kannst du dann so ruhig bleiben?“

„Weil ich kein Dummkopf bin. Es gibt kein Entkommen. Wir werden beide sterben.“

„Halt die Klappe. Es gibt einen Weg hier raus. Ich weiß es.“

Kaum hatte ich es ausgesprochen, flammte grelles Licht auf und blendete mich.

Wie ironisch. Die Leute hier hielten offenbar nichts von einem goldenen Mittelweg.

Ich rieb mir die Augen, die angesichts der unerwarteten Helligkeit zu tränen begonnen hatten. Blinzelnd schaute ich mich um, während mein Blick allmählich wieder klar wurde.

Ich saß an eine Wand gelehnt in einem silberfarbenen Raum. Der Boden, die Decke, die Wände – alles war aus glattem, kaltem Metall gefertigt. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen. Das silberne Metallband um mein Handgelenk war mit einer silbernen Kette verbunden, die an der Wand befestigt war. Es war alles sehr nüchtern, sehr kalt, sauber und makellos.

Fast alles.

Mein Blick wanderte zur anderen Seite des Zimmers und traf den eines Jungen, der gefährlicher aussah als jeder andere Junge, dem ich begegnet war.

Schief lächelnd starrte er zurück. Sein Haar, das an seiner Stirn klebte, war dunkel und ungekämmt. Er trug ein T-Shirt, das vermutlich einmal weiß gewesen, nun allerdings zerrissen und dreckig war.

Ein dunkler, fürchterlich aussehender roter Fleck an seiner linken Schulter schien die einzige Farbe in dem ganzen Raum zu sein. Nein, das stimmte nicht. Da waren noch seine Augen. Sie waren blaugrün – sie hatten die Farbe eines tropischen Meeres und waren in ihrer Intensität überraschend hell.

Von seinem linken Auge bis hinunter zu seiner Wange zog sich eine Narbe. Sie wirkte wie ein wütendes Ausrufezeichen. Sie war noch immer rot, als wäre sie erst vor Kurzem abgeheilt. Dennoch schmälerte sie seine Attraktivität nicht im Geringsten – und das war unglaublich. Nach einer Dusche würde er wahrscheinlich unfassbar gut aussehen.

Er hatte eine zerschlissene Jeans an, die ebenfalls schmutzig war, und abgewetzte schwarze Stiefel mit offenen Schnürsenkeln. Eine silberne Kette führte von seinem rechten Handgelenk zu der Wand hinter ihm.

Trotz seiner Attraktivität, die sich unter der Schmutzschicht zu verbergen schien, sah er wie ein Mörder aus. Er sah aus, als würde er Ärger bedeuten. Und er sah nicht wie jemand aus, mit dem ich gern jetzt oder überhaupt irgendwann in einem Raum eingesperrt sein wollte. Beinahe bedauerte ich, dass das Licht angegangen war.

„Du bist hübscher, als ich erwartet hätte“, meinte er und hielt meinen Blick mit seinem seltsam hypnotischen Blick gefangen.

Ich schluckte. Genau dasselbe hatte ich auch gerade über ihn gedacht. „Tja, du hast ja auch einige Zeit im Jugendgefängnis verbracht.“

Er lächelte. Seine Zähne waren weiß und gerade. Das kam mir für einen geständigen Mörder doch seltsam vor. Obwohl es vermutlich ein Klischee war, bei ihm kaputte, verrottete Zähne zu erwarten – vor allem in Betracht seines Alters.

„Stimmt. Entschuldige bitte mein furchtbares Erscheinungsbild.“ Sein Lächeln wurde breiter. „Sie haben mich nicht einmal duschen lassen, ehe sie mich bewusstlos geschlagen und meinen Arsch hierhergeschleift haben.“

„Vergiss es.“

Er schaute mich eindringlich ein – mein schwarzes Tanktop, meine khakifarbene Cargohose und meine neuen roten Schuhe. Hitze schoss mir in die Wangen, während er mich so offensichtlich musterte. Mit einem Mal bemerkte ich, dass er seinen Blick von mir abwandte und auf etwas neben mir richtete. Rogan runzelte die Stirn. Ich sah rechts neben mich auf den Boden und keuchte auf.

Dort lag, nur eine Armeslänge entfernt, ein Schlüssel.

2. KAPITEL

„Probier ihn aus“, forderte Rogan mich auf.

Ich war ihm längst einen Schritt voraus. Ich hatte mir den Schlüssel schon geschnappt und gerade das Schlüsselloch an meiner Handschelle gefunden. Schon wieder hämmerte mein Herzschlag laut in meinen Ohren.

Mein Blick verfinsterte sich, denn der Schlüssel passte nicht. Ich versuchte es noch einmal. Wieso passte er nicht?

Ich schaute zu Rogan, der mich düster anstarrte.

Neben ihm glitzerte etwas, und ich zeigte in die Richtung. Noch ein Schlüssel. Er nahm ihn sich und probierte, damit seine Handschelle aufzuschließen.

Nichts.

Plötzlich hörte ich ein Surren und blickte hoch, um herauszufinden, woher das Geräusch stammte. Oben an der linken Wand, knapp unter der Decke, hatte sich eine kleine Klappe geöffnet. Etwas, das aussah wie eine Überwachungskamera – nur moderner, schmal und silbern –, kam heraus.

„Was ist das?“, fragte ich.

Missmutig funkelte er die Kamera an. „Es ist anscheinend Showtime.“

Ich hielt den Schlüssel so fest umklammert, dass er mit Sicherheit einen Abdruck in meiner Hand hinterlassen würde. „Warum sollten sie uns filmen?“

„Weil sie gern zuschauen.“

„Wobei schauen sie zu?“, entgegnete ich gereizt. „Kannst du mal aufhören, dich so verdammt schwammig auszudrücken, und mir einfach verraten, was hier los ist?“

Doch er beachteet mich nicht. Er sah meinen Schlüssel an. „Ich vermute mal, dass dein Schlüssel in mein Schloss passt und meiner in deines.“

Ich runzelte die Stirn. „Woher weißt du das?“

„Ich habe nicht behauptet, dass ich es weiß. Ich sagte, ich vermute es.“ Der fast achtzehn Jahre alte Mörder grinste mich wieder an. „Versuch, dich ein bisschen zu konzentrieren, okay?“

Ich biss die Zähne zusammen. „Ich mag dich nicht.“

„Mir bricht das Herz. Also, kannst du jetzt ein liebes Mädchen sein und mir den Schlüssel zuwerfen, damit ich meine Theorie überprüfen kann?“

„Leck mich.“

Er zuckte die Achseln und verzog das Gesicht, als würde die Wunde an seiner Schulter ihm schlimme Schmerzen bereiten. „Das können wir auch machen, wenn du Lust dazu hast, allerdings müsste ich zuerst die Handschellen loswerden. Selbstverständlich können wir die Ketten anschließend mitnehmen, wenn du auf so etwas stehst.“

Ich warf ihm den Blick zu, den ich Jungs, die mich anmachen wollten, immer zuwarf. Den Losern und Freaks, die Sex für einen Wettbewerb hielten und mich ins Bett kriegen wollten. In den Kreisen, in denen ich mich seit Neuestem bewegte, waren solche Typen eher die Norm als die Ausnahme. Die guten Jungs schienen die Stadt schon vor langer Zeit verlassen zu haben. Und was soll ich sagen? Mit einigen von ihnen hatte ich, so gut ich konnte, gespielt. Mir war bewusst, dass ich nicht hässlich war. Und obwohl ich schon länger auf der Straße lebte, als mir lieb war, hatte ich eine gute Figur und anscheinend ein Gesicht, das Jungs – und Männer – attraktiv fanden. Ich flirtete mit ihnen und dann nahm ich ihnen in einem unbeobachteten Moment die Brieftasche ab. Na und? Sollte man mich doch verklagen. Keiner von ihnen war mir jedoch näher gekommen.

Dieser Junge hatte, soweit ich es einschätzen konnte, kein Portemonnaie. Er hatte nichts, das ich wollte. Nichts bis auf diesen Schlüssel.

Ich verlagerte mein Gewicht und setzte mich etwas verführerischer hin. Brust raus. Bauch rein. Ich zog eine Augenbraue hoch und zwang mich zu einem Lächeln. „Warum wirfst du mir nicht zuerst deinen Schlüssel zu?“

Nicht zu viel. Sei nicht zu offensichtlich, okay?

Er musterte mich. Ich gab ihm noch immer nicht das, was er wollte, aber meine Haltung wirkte viel … freundlicher. Ich meine, der Typ war in einer Jugendstrafanstalt gewesen, von der ich gehört hatte, dass sie schlimmer war als alles, was ich mir vorstellen konnte. Und bei seiner Akte war er sicherlich nicht in einem gemischten Block gewesen. Bestimmt war er inzwischen sexuell total ausgehungert, oder? Das konnte ich mir zunutze machen. Er sollte Wachs in meinen Händen sein.

Schmutziges, mörderisches Wachs. Mit schönen Augen und – ich hasste es, das eingestehen zu müssen – einem sexy Lächeln. Gelinde gesagt, eine ungewöhnliche Kombination.

Er leckte sich über die Lippen. „Oh, du bist gut. Wenn ich nicht das Gefühl hätte, dass mir jeden Moment der Arm abfallen könnte, hättest du mich gehabt. Doch der Schmerz hilft mir, mich zu konzentrieren. Dein Schlüssel. Wirf ihn mir her. Dann schmeiße ich dir meinen rüber.“

Mein falsches Lächeln erstarb. „Und wenn ich dir meinen Schlüssel zuwerfe, wie kann ich mir sicher sein, dass du mir deinen geben wirst?“

„Du wirst mir schon vertrauen müssen.“

„Nenn mir einen guten Grund, warum ich das tun sollte.“

Er starrte mich an und stieß dann ein knappes, freudloses Lachen aus. „Mir fällt nichts ein.“

„Dann haben wir beide Pech, fürchte ich.“

„Glaube ich auch.“ Gequält lächelte er. Dann schloss er die Augen, und Schmerz überschattete seine Züge.

Verdammt. Ich wollte kein Mitgefühl für diesen Kerl empfinden. Er war ein Mörder – genau wie der Mistkerl, der meine Familie auf dem Gewissen hatte. Allerdings, wenn das Blut ein Hinweis war, war er ernsthaft verletzt.

Wie konnte ich mir anderseits so sicher sein? Vielleicht war es nur ein Trick. Möglicherweise tat er nur so, als wäre er verwundet. Immerhin war die Kamera eben wie aus dem Nichts erschienen. Was hatte er gerade noch gesagt? Showtime?

Die Kamera surrte wieder, da sie die Richtung änderte, um Rogan zu filmen.

Mühsam öffnete er die Augen und schaute hinauf zur Kamera.

Und dann zeigte er ihr den Mittelfinger.

Plötzlich fingen die Lichter an, wild zu blitzen und zu zucken, und ein Alarmsignal heulte so laut auf, dass ich mir instinktiv die Ohren zuhielt.

„Was ist los?“, schrie ich.

Rogans Blick huschte durch den Raum.

Und dann hörte ich noch etwas anderes. Eine metallische computergenerierte Stimme, die von überall herzukommen schien.

Sechzig“, verkündete sie. „Neunundfünfzig … achtundfünfzig … siebenundfünfzig …

Rogan fing an, an seiner Kette zu zerren. „Kira, wirf mir den Schlüssel zu. Sofort! Los!“

„Wieso? Was ist denn?“

„Das ist der Countdown!“

Gut, dass hatte ich auch schon herausgefunden. Wenn ich nicht gerade damit beschäftigt gewesen wäre, eine Höllenangst zu haben, hätte ich mir die Zeit genommen, die Augen zu verdrehen.

„Und was bedeutet das?“

Er reckte den Hals und schaute sich hektisch um. Die Lichter blitzten und zuckten noch immer grell, und wir wurden wie von einem Stroboskop in einem Club mal in Dunkelheit und mal in Licht getaucht. „Wir haben zu viel Zeit vergeudet.“

Zweiundfünfzig … einundfünfzig … fünfzig …

„Was geschieht, wenn der Countdown bei null angelangt ist?“

Durch den Raum hindurch starrte er mich an. Panik stand in seinem Blick. „Sobald bis zur Null heruntergezählt worden ist, werden wir sterben. Verstehst du? Wenn du mir jetzt nicht sofort den Schlüssel rüberschmeißt, sind wir in weniger als fünfzig Sekunden beide tot!“

Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. „Was meinst du damit? Sterben? Woher willst du das wissen?“

„Wir haben keine Zeit mehr für Erklärungen. Mir ist klar, dass du mir nicht traust, dennoch … Bitte, mach einfach das, was ich dir sage, damit wir weiterleben können.“

Ich riss die Augen weit auf. Nein. Das konnte ich nicht. Ich konnte ihm nicht vertrauen. Wenn ich ihm den Schlüssel gab, würde er sich selbst befreien und mich hier zurücklassen. Er war ein Mörder. Er hatte es zugegeben. Er hatte mir erzählt, dass er mir keinen Grund nennen konnte, warum ich ihm trauen sollte. Und ich tat es auch nicht. Ich vertraute niemandem außer mir selbst.

„Komm schon!“, brüllte er.

Fünfunddreißig … vierunddreißig … dreiunddreißig …

Ich schaute mich in dem silberfarbenen Zimmer um, ohne wirklich etwas zu erkennen. Wer wollte uns töten? Das ergab überhaupt keinen Sinn. Nichts von alledem hier ergab einen Sinn.

Rogan fluchte so laut, dass mir über den Alarm und den Countdown hinweg die Ohren schmerzen.

„Gut!“, schrie er. „Nimm ihn! Du zuerst.“

Er warf mir seinen Schlüssel zu, und er landete neben meinen Füßen. Ohne noch weiter darüber nachzudenken, schnappte ich ihn mir und steckte ihn in mein Schloss. Die Handschelle ging auf, und ich stand unsicher auf.

In dem Moment, als ich frei war, öffnete sich links neben mir eine Tür, die in die Dunkelheit führte. Misstrauisch betrachtete ich sie, ehe ich einen Schritt darauf zu machte.

„Warte …“ Rogan streckte mir die Hand entgegen. „Was ist mit unserer Vereinbarung?“

Ich zögerte. Er war ein Mörder, der in ein Hochsicherheitsgefängnis gesteckt werden sollte, sobald er achtzehn wurde. Ich sollte ihn hierlassen – wo auch immer hier war.

Neunzehn … achtzehn … siebzehn …

„Vergiss es. Lass mich hier. Mir egal.“ Er sank gegen die Metallwand und wandte den Blick ab. Mit jedem angestrengten Atemzug hob und senkte sich seine Brust. Er wirkte nicht so, als würde er darum betteln, dass ich ihm half.

Hatte er einfach so aufgegeben?

Er dachte, dass er sterben würde – wirklich und wahrhaftig sterben –, sobald der Countdown bei null ankam. Ich hatte es in seinen Augen gelesen. Das konnte niemand vortäuschen. Ob es nun die Wahrheit war oder nicht, spielte keine Rolle. Er glaubte es.

Leise fluchte ich und rannte zurück, um meinen Schlüssel vom Boden aufzuheben. Dann kniete ich mich neben Rogan und schob den Schlüssel in das Schloss an seiner Handschelle. Es sprang auf. Schnell richtete ich mich wieder auf und wandte mich zum Gehen. Aus einem Impuls heraus warf ich noch einen Blick über die Schulter zu Rogan. Er versuchte gerade, auf die Beine zu kommen. Es war die Wunde an seiner Schulter – sie machte ihm zu schaffen, behinderte ihn. Er konnte kaum laufen.

Zehn … neun … acht …

Kurz entschlossen wirbelte ich herum, packte ihn an der Taille und zog ihn praktisch hinter mir her durch den Raum. Schwer stützte er sich auf mich.

Vier … drei … zwei … eins …

In letzter Sekunde waren wir durch die Tür geschlüpft, und sie schlug mit einem ohrenbetäubenden, metallisch knirschenden Krachen, das den Boden vibrieren ließ, hinter uns zu.

Rogan stöhnte und sackte auf die Knie. Ich runzelte die Stirn und berührte ihn an der Schulter. Er war total angespannt.

„Du bist ernsthaft verletzt.“

Er blinzelte mich an. „Dachtest du, ich verarsche dich und täusche das alles vor?“

„Ich war mir nicht sicher.“

„Danke für die Hilfe.“

Ich wollte gerade „jederzeit gern“ antworten, was meine typische Antwort gewesen wäre, doch ich verkniff es mir. Mit Rogan gab es kein „jederzeit“. Das war es. Wir waren aus unserem Gefängnis geflohen und ich würde jetzt auf jeden Fall die Kurve kratzen.

Allerdings war ich mir nicht sicher, wo genau wir waren.

Wir hatten ein anderes Zimmer betreten. Dieses sah nicht viel interessanter aus als das erste, aber ich konnte die Umrisse einer Tür ohne Griff erkennen. Ich trat hinein und kickte, so fest ich konnte, gegen die Tür.

„Lasst mich hier raus!“, brüllte ich. Meine Stimme hallte von den Metallwänden wider.

„Das bringt nichts“, stellte Rogan fest.

„Abwarten.“ Wieder trat ich gegen die Tür. Und noch einmal. Irgendwann, als mein Bein anfing, zu schmerzen, und die Tür vollkommen unbeeindruckt schien, hörte ich auf. Ich hatte es nicht einmal geschafft, die Verkleidung etwas zu zerbeulen.

Keuchend und schwitzend drehte ich mich zu Rogan um und wies mit dem Finger auf ihn. „Fang an, zu reden. Ich will alles hören, was du weißt.“

Er blinzelte mich an und hielt eine Hand gegen seine Wunde gepresst. „Du bist meinetwegen zurückgekommen.“

„Ja. Das bin ich. Jetzt pass bloß auf, dass ich meine Entscheidung nicht doch noch bereue.“

„Ich dachte, du würdest mich dem sicheren Tod überlassen.“

„Du glaubst noch immer, dass wir gestorben wären, falls wir in dem anderen Raum geblieben wären.“

Er nickte. „Das knirschende Geräusch war die Decke, die auf den Boden gekracht ist. Ich schätze, dass uns das auf der Stelle getötet hätte.“

Ausdruckslos starrte ich ihn an.

„Woher weißt du …“

Ehe ich meine Frage zu Ende stellen konnte, wurde ich unterbrochen.

Herzlichen Glückwunsch, Rogan und Kira, zur erfolgreichen Beendigung des ersten Levels von Countdown.“

Die körperlose Stimme drang wie auch schon der Countdown durch Lautsprecher, die man nicht sehen konnte. Es erschien mir beinahe so, als wäre die Stimme in meinem Kopf. Ich konnte die genaue Richtung, aus der sie kam, nicht benennen, und der Klang bereitete mir körperliche Schmerzen – fast so, als würde etwas in mein Gehirn gedrückt werden.

Anders als bei dem Countdown, der so metallisch geklungen hatte, ob eine computergenerierte Stimme herunterzählte, wirkte diese Stimme allerdings sehr menschlich. Sehr männlich. Und sehr selbstgefällig.

„Du Scheißkerl“, stieß Rogan knurrend hervor. „Lass uns hier raus!“

Level eins“, fuhr der Sprecher fort, als hätte er Rogans Bemerkung entweder nicht gehört oder sich entschlossen, sie zu ignorieren, „sollte eure Fähigkeiten in Sachen Vernunft und Kompatibilität testen. Ihr habt euch die Möglichkeit erspielt, mit Level zwei weiterzumachen. Und angesichts eurer bisherigen Leistung haben wir euch zu einem Team zusammengeschlossen.

Mein Herz hämmerte. „Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden. Ich habe für nichts dergleichen unterschrieben …“

Plötzlich durchzuckte etwas wie ein Blitz mein Gehirn. Weiß glühender Schmerz erfasste mich. Ich schrie und presste beide Hände an meinen Kopf, während ich zu Boden stürzte.

Aus dem Augenwinkel sah ich, dass es Rogan nicht anders erging.

Der Schmerz verschwand so schnell, wie er gekommen war, und ich schaute mich benommen und geschockt in dem Raum um.

„W… Was …“, brachte ich hervor.

Die Stimme redete weiter, als wäre nichts Außergewöhnliches vorgefallen. „Eure Implantate sind aktiviert und auf die Frequenz des jeweils anderen eingestellt worden. Vergesst nicht, dass ihr als Team spielt. Falls ihr euch mehr als dreißig Meter voneinander entfernt, führt das zur sofortigen Disqualifikation.

Ich rappelte mich auf und taumelte zur kalten Metallwand, um mich daran festzuhalten.

„Ich will wissen, was hier los ist“, erklärte ich mit heiserer Stimme. „Ich möchte sofort hier raus oder ich rufe die Polizei!“

Es war eine leere Drohung. Die Cops würde es überhaupt nicht scheren, was mit jemandem wie mir passierte. Ich besaß nicht einmal einen Ausweis. Wahrscheinlich würden sie mich nach St. Augustine’s bringen, da ich Unruhe gestiftet hatte.

Ich war auf mich gestellt.

Rogan versuchte mühsam, aufzustehen, während ich wieder zur Tür lief und dagegentrat, auch wenn mir klar war, dass es nichts nützen würde. Aber ich verspürte den verzweifelten Wunsch, etwas zu tun – irgendetwas! „Kommt schon! Kommt schon, ihr Mistkerle. Lasst mich hier raus!“

Ich bemerkte Lichtblitze hinter mir und drehte mich langsam um. Die Lichter im Raum wurden dunkler, und aus dem Nichts erschien ein Holoscreen, auf dem eine Übersicht der Stadt zu sehen war.

So etwas hatte ich nur ein Mal zu Gesicht gekriegt – damals hatte ich mich in das einzige Kino der Stadt geschlichen, das noch geöffnet hatte, um mir einen alten Science-Fiction-Film anzuschauen. Ich hätte nicht gedacht, dass eine solche Technologie im realen Leben existierte. Ob es echt war?

Offensichtlich war es das, denn ich sah es ja gerade mit meinen eigenen Augen.

Ich ging um die Bildfläche herum, weil ich sehen wollte, woher die Projektion kam, allerdings konnte ich es nicht ausmachen. Ich berührte das Bild, und es zuckte und verformte sich, als würde ich meinen Finger in eine flache Schale mit Wasser tauchen. Es war zum Teil durchsichtig, und ich konnte Rogan auf der anderen Seite erkennen.

Er blickte mich an und schüttelte den Kopf. „Es fängt an.“

„Was fängt an? Was ist das?“

Auf der Karte der Stadt wurde eine Kreuzung, die nicht näher beschrieben war, mit einem runden, weißen Lichtpunkt markiert.

Level eins ist erfolgreich beendet worden.“ Die körperlose Stimme klang begeistert. In den Worten schwang etwas Unheimliches, Melodiöses mit. „Countdown besteht aus sechs Leveln. Beendet sie alle, ohne disqualifiziert zu werden oder auszuscheiden, und ihr seid die Gewinner. Eure nächste Herausforderung ist es, vor Ablauf der Zeit den markierten Punkt zu erreichen, den ihr auf der Karte seht. Falls ihr es nicht schafft, seid ihr raus. Zögert nicht und vergeudet keine Zeit. Euch bleiben dreißig Minuten, um dieses Level zu schaffen. Eure Zeit startet jetzt.

Die Karte verblasste, und der Bildschirm zeigte stattdessen eine tickende Uhr. Dann verschwand auch die Uhr, und ich starrte direkt in Rogans Augen. Es wurde wieder hell, und ein kühler Luftzug strich über meine nackten Arme.

Ich wandte mich um und stellte fest, dass die Tür, gegen die ich getreten hatte, ein Stück weit offen stand. Sie führte nach draußen. In die Stadt. Auf gewohntes Terrain.

„Kira!“, rief Rogan mir hinterher.

Aber ich hörte ihn kaum. Ich war zu beschäftigt damit, wegzulaufen.

LEVEL 2

3. KAPITEL

Das Piepen setzte ein, nachdem ich beinahe einen Block weit gerannt war. Zuerst war es leise, aber es wurde mit jedem weiteren Schritt lauter und drängender.

Ich beschloss, es fürs Erste nicht weiter zu beachten.

Ich war entkommen. Und je mehr Abstand ich zwischen mich und das bringen konnte – was auch immer das gewesen war –, desto besser war es.

Ich schaute mich um und betrachtete die graue Straße und die grauen Gebäude, die sich in den Himmel reckten. Außer mir war keine Menschenseele zu sehen.

Ja. Willkommen in meiner City.

Vor fünfundzwanzig Jahren war es eine aufstrebende und erfolgreiche Handelsmetropole gewesen – eine der wohlhabendsten Städte im ganzen Land. Genau genommen hatte die gesamte Welt sich in einem Aufschwung befunden. Die Technologisierung hatte zugenommen. Die Wirtschaft war gewachsen. Alles war gut gewesen. Und als gerade jeder zuversichtlich in die Zukunft geblickt hatte, war die „Große Plage“ über die Welt hereingebrochen. Innerhalb weniger Wochen waren sechzig Prozent der Weltbevölkerung ausgelöscht worden. Tot und beerdigt, einfach so.

Diejenigen, die überlebten, machten weiter. Welche Wahl hatten wir denn? Die Welt drehte sich weiter. Die Überlebenden bauten die Städte, so gut wie möglich, wieder auf und gründeten Familien. Aber seit der Plage war alles anders. Die Metropole war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Viele Menschen beschlossen, aus der gefährlichen Umgebung fortzugehen, in der Banden, Plünderer und Krankheiten herrschten. Sie zogen aufs Land und lebten dort wie die Menschen vor Hunderten von Jahren. Die Plage war vorüber, doch andere Krankheiten griffen um sich und töteten jedes Jahr unzählige Menschen. Ob man sich für die Stadt oder das Land entschied – es gab keine Garantie, dass das Leben leichter wurde. In der City zu leben war alles, was ich kannte. Mein Vater war ein Wissenschaftler gewesen, der an der Universität unterrichtet hatte. Wir hatten nie woanders gewohnt.

Dennoch konnte ich mir nicht vorstellen, hier zu leben, wenn die Gegend mit Menschen überfüllt war. In der Siedlung war es noch immer sehr belebt. Die Siedlung war eine zehn mal zehn Häuserblocks große Gegend, in der ein Großteil der Überlebenden sich wie in einer Art Mini-Stadt zusammengeschart hatte. Aber der Rest der Straßen und die restliche Umgebung waren beinahe menschenleer. Genau wie offenbar dieses Viertel.

Es war jedoch eine andere Stadt erbaut worden – eine mit Geld, Arbeit, Möglichkeiten … und geschlossenen Grenzen. Diese Metropole wurde die Kolonie genannt. Es war ein leuchtendes, wunderschönes, ökologisch kontrolliertes kuppelförmiges Paradies, zu dem jeder Zutritt haben wollte.

In der Kolonie gab es die Chance, ein gesundes und glückliches Leben zu führen. Ein Leben mit Zukunft. Ein Leben mit der Option auf Zufriedenheit.

Es existiert ein geheimes Shuttle, das einen auf die erste Etappe der Reise bringt. Allerdings um an Bord dieses Shuttles zu gelangen, muss man zuerst einmal die richtigen Leute kennen. Außerdem ist es nötig, Geld und die richtigen Zugangsdaten zu besitzen, wozu auch ein spezieller Identifizierungschip gehört, der von einem besonderen Scanner gelesen wird. Und zu guter Letzt braucht man jede Menge Glück. Auch wenn sechzig Prozent der Menschheit mit einem Schlag ausgelöscht worden waren, waren da immer noch mindestens zweieinhalb Milliarden Menschen, die ein Ticket in ein besseres Leben ergattern wollten. Das würde einen verdammt großen Shuttle bedeuten. Und eine echt große Stadt.

Die Kolonie war der einzige Ort dieser Art – zumindest auf diesem Kontinent.

Und es war mein größter Traum, diesen Platz zu erreichen. Irgendwie. Irgendwann.

„Kira! Halt an!“ Es klang, als würde Rogan mich einholen, doch ich warf keinen Blick über meine Schulter. Ich konnte auf weitere Probleme in meinem Leben gut verzichten, und dieser Junge war ein einziges riesiges Problem.

„Kira!“, brüllte Rogan noch einmal. Ich schaute nach hinten. Er rannte hinter mir her. Also eigentlich war es mehr ein schnelles Schlurfen. Er war verletzt, starb wahrscheinlich, und trotzdem versuchte er noch immer, zu mir aufzuschließen.

Ich ignorierte die Welle des Mitgefühls, die mich bei dem Gedanken durchströmte.

Warum lief er mir hinterher?

Es war der Schmerz, der mir die Antwort gab. Der stechende Schmerz, der meinen Kopf durchzuckte und mich wie angewurzelt stehen bleiben ließ. Das Piepen war mittlerweile so laut, dass ich keinen klaren Gedanken fassen und mich nicht mehr konzentrieren konnte. Ich fiel auf die Knie und presste die Hände mit aller Kraft an meine Ohren, damit ich das irrsinnig laute Geräusch nicht mehr hören müsste – wie das Pfeifen eines endlosen Zuges, der über die Gleise rollte –, aber es half nicht.

Das Piepen schien in meinem Kopf zu sein. Nichts, was ich machte, konnte es dämpfen. Und die Töne kamen in immer kürzer werdenden Abständen. Schneller und schneller. Ich blickte nach links. Rogan lief ebenfalls nicht mehr, sondern hielt sich den Kopf.

Und dann erinnerte ich mich daran, was die Stimme uns gesagt hatte.

Eure Implantate sind aktiviert und auf die Frequenz des jeweils anderen eingestellt worden.

Und was noch? Ich zermarterte mir das Gehirn und strengte mich an, nachzudenken.

Falls ihr euch mehr als dreißig Meter voneinander entfernt, führt das zur sofortigen Disqualifikation.

Ich kroch über den Gehweg zu Rogan. Das Piepen wurde leiser, je näher ich ihm kam. Auch der Schmerz ließ nach. Rogan lag auf der Seite. Nur seine Brust, die sich hob und senkte, zeigte, dass er noch immer lebte und atmete.

„Rogan …“ Ich packte ihn an der Schulter.

Blinzelnd öffnete er die Augen und schaute mich an. „Das hat wehgetan.“

„Als ob ich das nicht wüsste.“

Er runzelte die Stirn. „Du bist echt schnell für ein Mädchen.“

„Schneller als du.“

„Ich habe eine Entschuldigung. Ich bin tödlich verwundet.“

„Das versprichst du schon die ganze Zeit.“ Ich stieß ein gedehntes Seufzen aus. Allerdings war es kein erleichtertes, sondern ein frustriertes Seufzen. „Diese Disqualifikation und das Ausscheiden, von denen die Stimme redet – damit ist der Tod gemeint, oder?“

Sein Adamsapfel zuckte, sowie er schluckte. Er stützte sich auf den Ellbogen. „Kluges Mädchen.“

„Wenn ich so klug wäre, dann wäre ich wohl kaum hier, oder?“

„Stimmt auch wieder.“

Nachdem wir nun draußen im Tageslicht waren, musterte ich ihn genauer. Es war nicht besonders hell. Der Himmel war bedeckt. Heutzutage schien es immer irgendwie bewölkt zu sein. Das hatte etwas mit der Erderwärmung und dem Verschmutzungsgrad zu tun. Ich verfolgte nicht gerade aufmerksam die Nachrichten. Ich wusste nur, dass ich seit einer Ewigkeit keine schöne Sonnenbräune mehr bekommen hatte.

Im Moment wirkte Rogan kaum stark genug, um einer Fliege etwas zuleide zu tun, dennoch umgab ihn immer noch eine nicht zu leugnende Aura von Gefahr. Irgendetwas in seinen meergrünen Augen sagte mir, dass ich mich möglichst von ihm abwenden sollte, sobald ich dazu die Möglichkeit hätte. Ich konnte ihm nicht trauen. Jetzt nicht. Und auch in Zukunft nicht.

Einem Mörder würde ich niemals vertrauen.

Doch anscheinend waren wir Partner. Ein Team. Zumindest wenn ich nicht wollte, dass mir der Kopf explodierte.

„Ich werde nicht betteln“, erklärte ich ruhig. „Aber du wirst mir jetzt alle Informationen mitteilen, die du über … Countdown hast.“

Er nickte und versuchte, aufzustehen. Er schaffte es nicht. Ich ging zu ihm und reichte ihm die Hand. Er ergriff sie, und ich half ihm hoch. Er ließ sie nicht sofort wieder los. Seine Hand war so schmutzig wie der Rest von ihm, allerdings hatte er auch einen festen Händedruck und lange, schlanke Finger, die sich warm um meine schlossen.

Ich nahm zuerst meine Hand weg, ehe es zu spät war.

Bevor es geschah.

Ich hatte schon genug Schmerzen für einen Tag erlitten.

Seit ich dreizehn war, spürte ich es. Es war etwas Seltsames, Sonderbares in mir. Wenn ich jemand anders Haut an Haut berührte und mich zu lange auf ihn konzentrierte, dann … tat es manchmal weh. Um genau zu sein, schmerzte mein Gehirn. Und als Nächstes schien so etwas wie elektrische Ladung durch mein Kopf zu zucken. Keine Blitze, sondern eher … Gefühle.

Allerdings nicht meine Empfindungen. Die Empfindungen des anderen.

Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, was es bedeutet, und ich hatte nie mit jemanden darüber gesprochen. Ich wusste nur, dass es wehtat. Und wer hätte das gedacht: Ich bemühte mich, Schmerzen zu vermeiden, wann immer es ging.

Wenn es passierte, kriegte ich eine grauenvolle Migräne, die über Stunden hinweg anhielt. Je gemeiner der Mensch war, den ich anfasste, desto länger dauerten die Schmerzen.

Der letzte Mensch, den ich berühren wollte, war jemand wie Rogan.

Seine Miene verfinsterte sich, als hätte meine Reaktion irgendwie seine Gefühle verletzt, und er schob die Hände in die Taschen seiner zerrissenen, dreckigen Jeans.

„Ich werde dir verraten, was ich weiß“, versprach er. „Doch wir müssen weiter.“

Für dieses Level von Countdown verbleiben noch zwanzig Minuten“, verkündete die Stimme aus dem Nichts.

Da ich mich nicht sofort in Bewegung setzte, schaute Rogan mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Lass uns weitergehen“, sagte er. „Ich bin nicht in der Verfassung, um zu rennen. Man kann es bestenfalls als schnelles Taumeln bezeichnen. Also sollten wir jetzt los.“

„Okay, gut. Dann lass uns aufbrechen.“ Ich kniff die Brauen zusammen und versuchte, mich an die Karte der Stadt zu erinnern. Verdammt. Ich hätte besser aufpassen sollen. Panik schien ihre eiskalten Finger um meinen Hals zu legen und langsam zuzudrücken.

Rogan brachte ein Lächeln zustande, als hätte er meine Gedanken erraten. „Keine Sorge, Kleine. Ich kenne den Weg.“

Finster funkelte ich ihn an. „Ich bin keine ‚Kleine‘. Ich bin sechzehn Jahre alt. Und mein Name ist Kira.

Sein Grinsen wurde noch ein bisschen breiter. „Keine Spitznamen. Verstanden.“

Einen Moment lang musterte ich ihn. Diese Narbe über seinem linken Auge. Ich fragte mich, woher er sie hatte. Wahrscheinlich hatte er sie aus St. Augustine’s, wo er sich mit einem anderen Loser geprügelt hatte. Oder vielleicht hatte sein Opfer sich zur Wehr gesetzt, bevor er ihm oder ihr erbarmungslos das Leben genommen hatte.

Mistkerl.

Er ertappte mich dabei, wie ich sein Gesicht betrachtete, und drehte den Kopf, sodass ich nur die unversehrte Seite sehen konnte. „Lass uns gehen, Kira.

Eitel, nicht wahr?

Wir brachen auf. Langsamer als mir lieb war, doch schnell genug, um meine Angst zumindest zum Teil im Zaum zu halten. Mit jedem Schritt spürte ich die Sekunden, die uns noch blieben, verstreichen. Was passierte, wenn wir es nicht innerhalb der vorgegebenen Zeit schafften? Würden sie uns tatsächlich töten? Einfach so?

Es kam mir längst nicht mehr so unwahrscheinlich vor.

Countdown“, begann Rogan, während wir weiterstapften, „ist genau das, wonach es sich anhört. Eine Reihe von Herausforderungen und Aufgaben, die in einer bestimmten Zeit erfüllt werden müssen und bei denen man entweder gewinnen oder verlieren kann. Es ist ein Spiel.“

Ich schaute ihn an, ohne dabei stehen zu bleiben. Ich hörte das Blut in meinen Ohren rauschen. „Ich habe nicht zugestimmt, an irgendeiner Spielshow teilzunehmen.“

„Das musst du auch nicht. Countdown spielt sich im Verborgenen ab und wird über einen streng geheimen Fernsehsender übertragen. Das macht es für die Abonnenten so reizvoll.“

„Die Abonnenten?“

„Gelangweilte reiche Menschen, die noch nicht in die Kolonie übergesiedelt sind und sich wie in einem modernen römischen Kolosseum unterhalten lassen wollen. Spiele auf Leben und Tod. Es laufen noch ein paar andere kranke Gameshows auf dem Kanal, um sie bei Laune zu halten. Das hier ist nur eines auf der Liste.“

Mein Magen brannte vor Ekel und Empörung. „Wieso ist das überhaupt erlaubt? Das ist doch illegal.“

„Mir ist das bewusst. Und du weißt das. Aber wie gesagt: Es ist ein Geheimnis. Selbst wenn es das nicht wäre – meinst du, die Cops würden sich darum scheren, was mit Kriminellen geschieht? Auch wenn diese noch so jung sind? Es erleichtert ihnen langfristig betrachtet doch nur die Arbeit, oder? Die Kunden haben Schädelimplantate, damit sie die Sendung in ihren Köpfen verfolgen können. Es ist wie eine virtuelle Realität, nur dass sie lediglich zuschauen und nicht aktiv daran teilnehmen. So ist es sicherer.“ Seine Miene verfinsterte sich. „Eine Horde reicher Feiglinge, für die Gewalt ein Kick ist.“

„Woher weißt du das alles?“

Er schaute mich nicht direkt an. „Ich weiß es einfach. Die Spieler waren früher ältere Gefangene, die in Saradone angeworben wurden. Allerdings scheinen die Abonnenten seit Kurzem junges Blut zu bevorzugen. Ich kannte ein paar Leute, die vor einem Monat mitten in der Nacht verschwunden sind. Gerüchte besagen, dass man ihnen die Chance angeboten hat, bei der Show mitzumachen.“

„Warum sollte jemand freiwillig daran teilnehmen?“ Mir hatte man nicht die Wahl gelassen.

Er zuckte die Achseln. „Zumindest hat man bei dem Spiel die Möglichkeit, zu gewinnen. Wenn ein jugendlich frischer Achtzehnjähriger in ein solches Gefängnis wie Saradone überführt wird – ganz egal, was er angestellt hat …“ Sein Gesicht wirkte angespannt, und endlich warf er mir einen Seitenblick zu. „Dann sind seine Tage gezählt.“

„So haben sie dich überzeugt. Du wolltest nicht nach Saradone, falls es sich irgendwie vermeiden ließ.“

„So ungefähr.“

Ich schüttelte den Kopf. „Das ergibt keinen Sinn.“

„Das muss es auch nicht. Unterm Strich zählt nur, dass die Gameshow existiert. Und wir stecken gerade mittendrin.“ Er schaute mich an. „Das mit dir verstehe ich allerdings nicht.“

„Gleichfalls.“

„Nein, ich begreife nicht, wieso du dabei bist. Du warst nicht im Jugendgefängnis und bist auch nicht verhaftet worden. Zwar bist du eine Kleinkriminelle und hast keine Familie, aber trotzdem. Erst sechzehn …“ Er zog die Augenbrauen zusammen. „Du bist zu jung. Zu empfindlich, zu weich.“

„An mir ist überhaupt nichts Empfindliches oder Weiches.“

Seine Lippen zuckten. „Dazu kann ich nichts sagen.“

„Geh einfach weiter.“ Ich setzte einen Fuß vor den anderen. „Weißt du sicher, in welche Richtung wir müssen?“

Er nickte. „Ja. Es ist nicht weit von hier.“

Das war verrückt. Das alles war vollkommen verrückt. „Also, falls wir es schaffen – wie viele Level gibt es noch?“

„Sechs.“

„Wenn wir, wie die Stimme erklärt hat, alle sechs Level beenden, haben wir gewonnen. Was bedeutet das?“

„Freiheit. Geld. Keine Ahnung, was sonst noch. Es hängt vom Kandidaten ab, schätze ich.“

„Und wenn wir es vermasseln …“

„Keine Freiheit, kein Geld und stattdessen eine Kugel in den Kopf. Falls wir Glück haben.“

Mein Magen verkrampfte sich. „Wer guckt sich so etwas an?“

„Du wärst überrascht. Ein Abo für den Fernsehkanal ist nicht billig. Es richtet sich zudem nach der Einschaltdauer. Der Chip, der ihnen den Zugang ermöglicht, muss chirurgisch eingepflanzt werden. Es ist keine leichte Operation. Die Kunden erwarten etwas für ihr Geld. Vielleicht ist das der Grund, warum du mitmachen musst. Ich glaube nicht, dass es bei Countdown schon einmal eine weibliche Teilnehmerin gab.“

Das war nicht gerade sehr aufbauend. „Ich Glückliche. Eventuell meinen sie, wir wären ein gutes Team.“

Er starrte mich an. „Möglicherweise sind wir das auch.“

„Darauf würde ich nicht wetten.“ Ich wandte den Blick ab. „Sind wir gleich da?“

„Ich glaube, ja.“

„Du glaubst es? Ich dachte, du wüsstest, wohin wir müssen?“

„Ich war eine Weile sozusagen außer Gefecht gesetzt. Dinge ändern sich. Kennst du dich in der Gegend hier aus?“

„Nein.“

Ich schaute mich ganz genau um. Alles wirkte grau in grau. Keine Bäume, keine parkenden Autos. Selbst die Straßenschilder an der Ecke vor uns waren abgebrochen. Mir kam hier nichts bekannt vor.

Hinter einer Häuserecke, die sich direkt vor uns befand, flog plötzlich etwas hervor. Eine silberne Kugel. Sie schwebte mitten in der Luft und raste dann mit unglaublicher Geschwindigkeit auf uns zu. Ich duckte mich, damit sie mich nicht traf, aber sie hielt einen knappen Meter vor meinem Gesicht an und schwirrte in Augenhöhe auf der Stelle.

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