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Level 26 – Dark Origins

Über die Autoren

Anthony E. Zuiker ist Schöpfer und Produzent der meistgesehenen Fernsehserie der Welt, »CSI – Crime Scene Investigation«, und ein visionärer Wirtschaftsexperte, der regelmäßig über die Zukunft der Unterhaltungsindustrie referiert. Zuiker lebt in Las Vegas und Los Angeles.

Duane Swierczynski ist Autor mehrerer Thriller, darunter »Severance Package« (deutsch: »Letzte Order«), den er derzeit für die Leinwand adaptiert. Außerdem schreibt er für Marvel Comics die monatliche X-Men-Serie »Cable«. Darüber hinaus ist er Verfasser weiterer Titel wie »Iron Fist«, »Punisher« und »Wolverine«. Swierczynski lebt in Philadelphia.

ANTHONY E. ZUIKER UND
DUANE SWIERCZYNSKI

LEVEL 26-
DARK ORIGINS

Übersetzung aus dem amerikanischen
Englisch von Axel Merz

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Susan Kennedy, meine neue Komplizin

Lieber Leser,

Lesen Sie dieses Buch nicht. Erleben Sie es. Willkommen bei Level 26.

Mein erstes Drehbuch markierte den Start der Fernsehserie CSI. Heute erreicht CSI in den USA Woche für Woche fünfundsiebzig Millionen und weltweit zwei Milliarden Menschen und übertrifft unsere kühnsten Erwartungen und Träume. Es ist zum erfolgreichsten Franchise in der Geschichte des Fernsehens geworden. Ich freue mich sehr, nachdem CSI zu einem Phänomen geworden ist, mein nächstes Projekt anzukündigen: Level 26. Es war mein erklärtes Ziel, den traditionellen Thriller in ein multimediales Erlebnis umzuwandeln.

Level 26 besteht aus einer Serie von Geschichten um den Ermittler Steve Dark, einen unglaublich talentierten Profiler. Wo die traditionelle Erzählung endet, beginnt das Erleben, da der Leser in die Lage versetzt wird, nicht nur zu lesen, sondern zuzuschauen – die erste Digi-Novel ™ der Welt ist erschaffen. Etwa alle zwanzig Seiten werde ich dem Leser die Möglichkeit geben, sich auf www.level26.com einzuloggen und zwei bis drei Minuten lange Filme anzusehen, die die Geschichte von einem Kapitel zum anderen führen. Die Charaktere erwachen vor dem Auge des Lesers zum Leben. Diese so genannten »Cyberbrücken« zeigen erstklassige Schauspieler in Szenen, die ich geschrieben und in denen ich Regie geführt habe. Es ist, als würde man zusammen mit dem Buch einen Film erhalten – und obendrein ein eigenes soziales Netzwerk. Ich bin überzeugt, dass Level 26 eine völlig neuartige Erzählform darstellt. Nennen Sie es Erzählform 2.0. Der schriftliche Teil des Thrillers wird Sie an das Buch fesseln, und Ihr Herzschlag wird stocken. Der filmische Teil wird Ihnen kalte Schauer über den Rücken jagen. Die Webseite fragt Sie möglicherweise nach Ihrer Telefonnummer, und vielleicht ruft der Killer bei Ihnen an.

Level 26 ist nicht nur ein Buch. Es ist eine Erfahrung. Die erste ihrer Art. Viel Spaß dabei !

Anthony E. Zuiker

Bei den Strafverfolgungsbehörden werden Mörder in verschiedene Kategorien der Bösartigkeit eingeordnet, angefangen bei Zufallstätern der Stufe 1 bis hin zu Folterern und Schlächtern der Stufe 25, die sich durch Abgründe an Grausamkeit und Perversität hervortun, welche sich dem normalen Begriffsvermögen entziehen.

Nur wenigen Menschen ist bekannt, dass eine neue Kategorie entstanden ist, eine unvorstellbare und bisher unbekannte Dimension des Schreckens. Und nur jene namenlose Elitetruppe von Männern und Frauen, die in keiner offiziellen Akte geführt wird und deren Aufgabe es ist, die gefährlichsten Killer und Psychopathen der Welt auszuschalten, weiß von dieser neuen Kategorie.

Eine Kategorie, in die bislang erst eine Person gehört.

Seine Opfer:

Jeder

Seine Methoden:

Alles, was ihm geeignet erscheint

Sein Alias:

Sqweegel

Seine Einstufung:

Level 26

Prolog

DAS
GESCHENK

Rom

Das Ungeheuer hatte sich in der Kirche versteckt.

Der Agent wusste, dass es in der Falle saß. Er zog seine Stiefel aus, so leise er konnte, und stellte sie unter den Holztisch im Vestibül, denn die Gummisohlen quietschten auf dem Marmorboden, egal wie vorsichtig er war, und jedes unbeabsichtigte Geräusch konnte seinen Tod bedeuten.

Der Agent jagte das Ungeheuer seit drei Jahren. Es war ein Phantom; es gab keine Fotos, keine Spuren, keine Indizien, nichts. Diese Bestie zu fangen war wie der Versuch, eine Rauchfahne in der Faust zu halten. Schon die leiseste Bewegung genügte, und das Monster verflüchtigte sich – um woanders neu zu entstehen.

Die Jagd hatte den Agenten nach Deutschland geführt, nach Israel, Japan und in die Vereinigten Staaten.

Und nun nach Italien, nach Rom, in eine barocke Kirche aus dem siebzehnten Jahrhundert.

Die Mater Dolorosa, die »Schmerzensreiche Mutter«.

Ein passender Name.

Das Innere der Kirche war düster. Die Pistole in beidhändigem Anschlag, bewegte der Agent sich an den prunkvoll verzierten Wänden entlang, so unauffällig wie möglich, vorbei an Schildern und Warntafeln.

Wegen Restaurierungsarbeiten an dem barocken Fresko unter der Kuppel war die Kirche geschlossen, was aber weder für den Jäger noch für den Gejagten einen Hinderungsgrund darstellte.

Zwielicht. Schatten. Stille. Es war ein natürlicher Lebensraum für das Monster, nur dass hier ein Ort der Gottesanbetung und Andacht war, eine Zuflucht für alle, die in ihren dunkelsten Stunden Gottes Trost suchten.

Und nun verpestete das Ungeheuer diesen Ort durch seine bloße Anwesenheit.

Vorsichtig bahnte der Agent sich seinen Weg zwischen den Metallstreben des Gerüsts hindurch. Er spürte, das Monster war da. Er spürte es wie einen eisigen Windhauch.

Der Agent glaubte nicht an übernatürliche Dinge. Und über parapsychische Fähigkeiten verfügte er auch nicht. Doch je länger er dieses Ungeheuer jagte, desto besser vermochte er sich in dessen abartige, wirre Gedankenwelt zu versetzen. Diese Gabe hatte ihn näher an die Bestie herangeführt als jeden anderen Ermittler vor ihm, doch er hatte einen hohen Preis dafür gezahlt: Je mehr er seinen Verstand auf das kranke Hirn des Monsters einstimmte, desto mehr verlor er das Gefühl für Normalität.

In letzter Zeit hatte er sich immer öfter gefragt, ob seine Verfolgungsjagd ihn das Leben kosten könnte – oder den Verstand. Der Agent wusste nicht, welcher Gedanke beunruhigender war. Jedenfalls war darüber seine Entschlossenheit ins Wanken geraten.

Bis vorhin. Denn der Anblick des jüngsten Opfers dieser Bestie, nur ein paar Querstraßen von der Kirche entfernt, hatte seinen Hass wieder auflodern lassen. Die Ströme von Blut, der zerfetzte Leichnam, die in der kühlen Nachtluft dampfenden Eingeweide, das weiße Fett zwischen den freigelegten Muskeln … kein Anblick für Leute mit schwachen Nerven oder schwachen Mägen. Der Agent jedoch hatte sich hingekniet, den Arm ausgestreckt und durch die dicken Latexhandschuhe hindurch gefühlt, dass der Tote noch warm war.

Ein Adrenalinstoß war durch seine Adern gejagt.

Der Psycho ist noch in der Nähe.

Der Agent wusste, dass dieses Ungeheuer sich gerne versteckte und aus der Deckung heraus beobachtete, wenn seine Tat entdeckt wurde. Das geilte es auf, das machte es an. Manchmal hatte es sich sogar innerhalb des abgesperrten Bereichs um einen Tatort verborgen, hatte die seelischen und körperlichen Qualen der Ermittlungsbeamten genossen, hatte gejauchzt, wenn sie Gott verfluchten.

Der Agent aber hatte sich in dieser Nacht den Blicken des Ungeheuers entzogen, hatte sich auf einen kleinen, von Häuserwänden umschlossenen Hof in der Nähe des Leichnams zurückgezogen und dort seinen Gedanken freien Lauf gelassen. Er hatte keine Schlussfolgerungen angestellt oder auf Eingebungen gewartet; er hatte nur einen Gedanken verfolgt:

Versetz dich in das Ungeheuer. Wohin würdest du an seiner Stelle gehen?

Der Agent hatte mit Blicken die Dächer abgesucht. In dem Moment, als er die glänzende Kuppel der Kirche sah, hatte er es gewusst.

Die Kirche.

Es gab keinen Zweifel. Die Jagd würde in dieser Nacht enden …

Nun bewegte er sich leise, die Waffe im Anschlag und die Sinne bis aufs Äußerste geschärft, zwischen den Kirchenbänken und den Metallstreben des Gerüsts hindurch. Das Monster mochte flüchtig sein wie Rauch, doch selbst Rauch roch und schmeckte und war stofflich.

Das Monster hing in verrückter Haltung unter einer mit Farbspritzern übersäten Laufplanke. Mit seinen dünnen, zähen Fingern und den starken Zehen klammerte es sich am Holz fest und starrte auf seinen Jäger hinunter.

Beinahe wünschte sich das Ungeheuer, dass der Jäger nach oben schaute.

Im Lauf der Jahre hatte das Monster viele Jäger auf der Fährte gehabt, doch einer wie dieser hier war ihm noch nie untergekommen.

Er war etwas Besonderes. Er war anders als die anderen.

Und zugleich irgendwie vertraut …

Deshalb wollte das Ungeheuer sein Gesicht sehen, in Fleisch und Blut.

Natürlich wusste es, wie seine Jäger aussahen. Es besaß Fotos und Videos, die seine Gegenspieler bei der Arbeit zeigten, oder zu Hause, oder beim Einkauf, oder wie sie ihre Kinder zur Schule brachten. Das Monster war ihnen nahe genug gewesen, um sich ihren Geruch einzuprägen, den Duft des Aftershaves und das Aroma des Tequilas, den sie tranken. Das alles war Teil seines Spiels.

Wieder starrte das Monster auf den Jäger hinunter.

Bis vor kurzem hatte es geglaubt, dieser Mann sei bloß Durchschnitt, nicht besser als die anderen. Dann aber war das Erstaunliche geschehen: Der Jäger hatte Schlussfolgerungen gezogen, wie es vor ihm noch keiner getan hatte. Und damit war er gefährlich geworden – so gefährlich, dass das Monster sämtliche anderen Jäger vernachlässigt und sich ausschließlich auf diesen einen konzentriert hatte, und auf das eine Foto, das es von diesem Mann besaß. Stundenlang hatte es auf das Bild gestarrt und sich gefragt, wo die Schwachstelle dieses Jägers sein mochte.

Doch ein Foto war nicht aus Fleisch und Blut. Genau so aber wollte das Monster das Gesicht des Mannes sehen, wollte es studieren, solange er noch atmen, sehen und riechen konnte. Solange er noch Gefühle und Empfindungen hatte. Solange er noch Furcht und Schrecken empfinden konnte.

Erst dann würde es ihn töten. Der Agent hob den Blick. Er hätte schwören können, dass er hoch oben, in den Schatten des Gerüsts, eine Bewegung gesehen hatte.

Das Deckengewölbe über ihm war eine Besonderheit der Barockarchitektur des siebzehnten Jahrhunderts. Es war durchsetzt von Dutzenden kleiner Bleiglasfenster, die das hereinfallende Licht bündelten und hinauf in die Kuppel leiteten, als wollten sie Gott mit ihrem Glanz lobpreisen. Wenn die Sonne schien, war der Anblick sicherlich atemberaubend; der Vollmond jedoch ließ die Fenster in einem unheimlichen Licht glühen, während unterhalb der Kuppel, vom Deckengewölbe abwärts, alles in schwarzem Schatten lag – eine eindringliche Ermahnung daran, welchen Platz der Mensch im Universum einnahm: tief unten in der Finsternis der Unwissenheit.

Das Gewölbe selbst war verziert mit einem Himmelspanorama voll schwebender Cherubim und Herolde, wie um die Menschen noch mehr zu demütigen …

Halt.

Aus dem Augenwinkel bemerkte der Agent ein weißes Glänzen und ein beinahe unhörbar leises Quietschen wie von Gummi.

Da drüben. Beim Altar.

Er versteht seinen Job, dachte das Monster in seinem neuen Versteck und beobachtete den Jäger anerkennend. Na komm schon, such mich. Zeig mir dein Gesicht, bevor ich es dir vom Schädel reiße.

Die Stille war so tief, dass sie ein Eigenleben zu führen schien – etwas Pulsierendes, Schwebendes, das die gesamte Kirche erfüllte. Der Agent bewegte sich schnell und sicher, als er das Gerüst hinaufkletterte, nahezu lautlos, Hand über Hand, die Pistole im ungesicherten Halfter, wo er sie jederzeit herausreißen konnte, um zu feuern. Das Holz war rau und hart unter seinen tastenden Fingern, das Gestänge staubig und von Rostflecken überzogen.

Langsam, vorsichtig schlich der Agent über einen weiteren Steg, bevor er noch höher kletterte auf der Suche nach einem Schatten, einer Spur des Monsters. Doch es gab nur schwaches Licht in der Kirche. Der Agent atmete tief durch, ehe er weiter kletterte, hinauf zur nächsten Ebene, um einen Blick über den Rand zu werfen, ohne seinen Kopf und den Hals länger als nötig dem Unbekannten auszusetzen.

Wenn es doch nur ein bisschen heller wäre!

Ich sehe dich, dachte das Monster grinsend. Siehst du mich auch?

Da war es!

Zum allerersten Mal sah der Agent die Fratze der Bestie. Zwei hervortretende Knopfaugen in einer leeren, maskenstarren Visage, ausdruckslos, wie tot.

Aber seine Augen leben.

Dann war es verschwunden, war so schnell und geschickt eine Seite des Gerüsts hinaufgehuscht, wie eine Spinne sich über ihr Netz bewegt.

Der Agent gab nun jede Heimlichkeit auf. Er jagte dem Monster hinterher, fast ohne Deckung, zog sich an Querstreben des Gerüsts hinauf und rannte über die staubigen Bretter, dass es durch die Kirche dröhnte.

Da war es wieder – ein flüchtiger Blick auf ein bleiches weißes Gliedmaß, das Augenblicke später hinter einer Kante verschwand, zwei Ebenen über ihm.

Der Agent kletterte noch schneller, entschlossen, von Wut und Hass getrieben. Das Monster näherte sich dem Deckengewölbe …

… und fand sich in einer Sackgasse wieder. Es gab keinen anderen Weg nach draußen als durch die Ausgänge tief unter ihm. Zum ersten Mal seit vielen Jahren spürte das Monster, wie Angst in ihm aufstieg. Wie hatte dieser Jäger so mühelos seine Fährte aufspüren können? Wie konnte er so furchtlos sein, ihm über das wacklige Gerüst bis in diese Höhe zu folgen?

Das Gesicht des Jägers hatte sich verändert. Dieser Mann war kein gewöhnlicher Agent, der einer Eingebung gefolgt war und pures Glück gehabt hatte. Nein, dieser Jäger war etwas Anderes, Außergewöhnliches. Das Monster hätte vor Aufregung kichernd innegehalten, hätte dies nicht seinen Aufstieg verlangsamt.

Einen herrlichen Moment lang hatte die Bestie keine Vorstellung, was als Nächstes geschehen würde. Sie fühlte sich in ihre Kindheit zurückversetzt. Ein leichtes Drücken auf den Abzug, der richtige Schusswinkel, und alles konnte zu Ende sein. Das Monster war verschlagen und unvorstellbar grausam, aber nicht kugelsicher.

Wird es hier enden? Wirst du derjenige sein, der mich zur Strecke bringt?

Der Agent hatte das Monster in der Falle.

Er spürte das leichte Beben der Holzplanke über sich, auf der obersten Ebene des Gerüsts gleich unterhalb der Kuppel. Der Agent wirbelte um die beiden letzten Querträger herum, riss die Waffe aus dem Halfter …

Und da lag es, flach an das oberste Brett gepresst.

Ein Augenblick verging, als der Agent durch die Finsternis in die Augen des Monsters starrte. Es starrte zurück. Es dauerte nicht länger als einen Herzschlag, einen unglaublich kurzen und doch unmissverständlichen Moment – das archaische, instinkthafte Erkennen zwischen Jäger und Opfer in jenem dramatischen Augenblick, bevor der Jäger zuschlägt und die Beute stirbt.

Der Agent feuerte. Einmal. Zweimal.

Das Monster blutete nicht.

Es explodierte.

Der Agent benötigte nur einen Sekundenbruchteil, um das Geräusch von splitterndem Glas zu erkennen und sich darüber klar zu werden, dass er auf einen Spiegel geschossen hatte, der den Restauratoren tagsüber bei der Arbeit half.

Ein Fehler, der tödlich hätte enden können.

Noch während der Agent herumwirbelte, um noch einmal zu feuern, wusste er, dass das Monster geflüchtet war: Es war durch ein Bleiglasfenster hinaus aufs Kirchendach gesprungen. Glassplitter regneten herab. Einer verletzte die Haut unter dem Auge des Jägers, als er nun die Waffe hob und blindlings durch die zersplitterte Scheibe nach draußen feuerte. Die Geschosse jagten hinaus in die Dunkelheit, ohne etwas zu treffen. Draußen entfernten sich trappelnde Schritte über das Dach, und dann kehrte Stille ein.

Keuchend, schwitzend kletterte der Agent das Gerüst hinunter, so schnell er konnte, doch im Innern wusste er, dass seine Eile sinnlos war. Das Monster war unterwegs auf den Dächern von Rom, eine unsichtbare winzige Rauchwolke, davongetragen vom Wind. Und nur der Hauch einer Spur blieb in der stillen, dunklen Kirche zurück, nur eine Ahnung, dass hier bis eben noch das abgrundtief Böse gewesen war.

Erster Teil

DER MANN
IN DER KILLERHAUT

Abbildung

1.

Zwei Jahre später

Irgendwo in Amerika / Nähzimmer

Freitag, 21.00 Uhr

Der ausgemergelte, erschreckend dünne Mann, den das FBI »Sqweegel« nannte, arbeitete wie besessen an der Nähmaschine seiner Großmutter. Das emsige Rattern hallte durch den kleinen Raum im Obergeschoss.

RattrattrattrattrattrattrattRATT.

RAT T.

RAT T.

RAT T.

Sqweegels kleiner nackter Fuß drückte das Pedal hinunter. Seine Fußnägel waren makellos gepflegt, ebenso die Fingernägel. Eine Schreibtischlampe warf Licht auf sein angespanntes Gesicht. Mit zierlichen Händen schob er das Material behutsam vorwärts, hinein in den Weg des auf und ab zuckenden Metallkopfs, der die Stiche applizierte. Alles musste richtig sein.

Nein, mehr als das.

Alles musste perfekt sein.

Die heißen Teile der Maschine bewirkten, dass es im Zimmer nach brennendem Staub stank. Das Blut hingegen roch wie Kupfermünzen.

Blut, ja. Das Werkstück war noch klebrig von dunklem, halb getrocknetem Blut.

Das Material war widerstandsfähig, aber nicht unzerstörbar. Sqweegel war mit dem Reißverschluss an einem Stück Metall hängen geblieben, als er das Wohngebäude verlassen hatte. Die scharfkantige Spitze hatte zwei Zentimeter des schwarzen Stoffs, der den Reißverschluss mit dem Latex verband, aufgeschlitzt. Sqweegel hatte kein Blut verloren; das Metall hatte allenfalls ein paar Schichten der Epidermis abgeschabt. Doch selbst das wäre zu viel gewesen. Deshalb hatte Sqweegel das Feuerzeug aus seinem Werkzeugkasten genommen und die Flamme an die Metallspitze gehalten, um jeden noch so mikroskopisch keinen Hautpartikel zu vernichten, der möglicherweise haften geblieben war. Er durfte nichts von sich zurücklassen, gar nichts.

Erst dann war er nach Hause gefahren.

Und nun saß er hier und flickte den Riss.

Der Riss hatte ihn auf dem ganzen Weg vom Apartment der kleinen Hure am Stadtrand bis hierher beschäftigt. Sein Versuch, das eingerissene, aufgerollte Stück zu richten, ehe er die Haut im Koffer verstaute, war fehlgeschlagen. Wütend hatte er den Kofferdeckel geschlossen und versucht, nicht mehr daran zu denken. Aber das war unmöglich. In seiner Einbildung sah er das winzige weiße Stück Latex vom Ärmel abstehen wie eine weiße Flagge, die erstarrt war wie auf einem Foto. Es lenkte ihn so sehr ab, dass er beinahe an den Straßenrand gefahren wäre, um den Kofferraum zu öffnen und den Fetzen abzureißen.

Doch Sqweegel hatte dem Verlangen widerstanden. Er wusste, wie albern es war. Und er wusste auch, dass er bald zu Hause sein würde.

Kaum hatte Sqweegel die Haustür hinter sich geschlossen, war er mit der Haut ins Nähzimmer geeilt. Diese Sache duldete keinen Aufschub.

Sqweegel benutzte die Nähmaschine seiner Großmutter, die noch immer so reibungslos funktionierte wie an jenem Tag des Jahres 1956, an dem sie die Maschine – eine Kenmore 58 – im Versandhauskatalog von Sears Roebuck entdeckt und sogleich bestellt hatte, zum Preis von 89 Dollar und 95 Cent. Das gute Stück nähte vorwärts und rückwärts und besaß eine eingebaute Lampe. Ein unverwüstliches Ding; nur die beweglichen Teile brauchten hin und wieder ein paar Tropfen Öl, und alle paar Wochen musste die Maschine von außen gereinigt werden. Wenn man eine Sache gut genug pflegt, hält sie ewig.

So wie die Haut.

Sqweegel nahm den kleinen Fuß vom Pedal. Der Nähkopf wurde langsamer und blieb stehen. Sqweegel beugte sich vor, bis seine Augen nur noch wenige Zentimeter von dem Material entfernt waren. Kritisch musterte er seine Arbeit. Er konnte zufrieden sein.

Kein Riss mehr.

Jetzt war es an der Zeit, das verpestete Blut der Hure abzuwaschen.

2.

Bad / Ankleidezimmer

Sqweegel wusch sich die Hände mit Seifenpulver und beobachtete, wie das rosafarbene Wasser am Grund des weißen Keramikwaschbeckens gluckernd verschwand. Ein weiteres trauriges Leben, das röchelnd im Ausguss endete. Doch dieses Opfer war der Vorbote von etwas Neuem. Etwas Wunderbarem. Allein der Gedanke erregte ihn.

Zuerst aber mussten die profaneren Dinge erledigt werden. Beispielsweise die Haarentfernung.

Die Klinge war sauber, das Wasser heiß. Die Haut hatte Sqweegel bereits mit Pflanzenöl vorbereitet – nicht Rasiercreme, niemals. Rasiercreme zu benutzen war so, als würde man versuchen, unter einer fünfzehn Zentimeter hohen Schneedecke den Rasen zu mähen. Sqweegel aber musste sehen, was er tat. Was er bearbeitete. Jeden Quadratzentimeter.

Von oben nach unten, die freiliegenden Bereiche zuerst: Skalp. Gesicht. Hals. Unterarme. Brust. Beine.

Nach jedem Klingenzug hielt er inne und spülte das Rasiermesser unter fließendem Wasser ab. Schwarze Stoppeln und mikroskopische Hautpartikel wirbelten im Wasser, ehe sie im Ausguss verschwanden.

Als Nächstes die Achselhöhlen. Die Rückseiten der Beine. Die Knöchel.

Ziehen. Klinge abspülen. Ausguss.

Dann kam der schwierigste und zugleich befriedigendste Teil der Prozedur: Das Entfernen der Haare von den Genitalien und vom Anus. Um das richtig hinzubekommen, musste er das Skrotum ganz straff ziehen, bis es für die Klinge bereit war. Das Positionieren erforderte Zeit – manchmal fünf, sechs Minuten oder länger. Der Zug der Klinge erfolgte im Gegensatz dazu jedes Mal so stetig wie behutsam.

Für die Rasur des Anus bedurfte es der allergrößten Perfektion. Die Füße an die gefliesten Wände des Badezimmers gepresst, den Rumpf vorgebeugt wegen des leichteren Zugangs, stützte Sqweegel sich mit einer Hand ab, während die andere die Klinge hielt. Es war eine beinahe groteske Körperhaltung, als wäre sein Becken ein großes Scharnier, ja, als könnte er seinen Körper zusammenklappen wie das Rasiermesser. Das Ritual war das Gleiche wie bei den anderen Körperteilen: Ziehen. Innehalten. Abspülen. Ausguss. Sqweegel ließ sich Zeit. Manchmal hielt er seine Position minutenlang, ehe er die Klinge ein weiteres Mal benutzte.

Je mehr Haar er auf diese Weise entfernte, desto ruhiger wurde er, desto leichter fiel es ihm, stillzuhalten.

Desto näher war er der Reinheit.

Im angrenzenden Zimmer öffnete Sqweegel das Kombinationsschloss am Kühlschrank, der auf der kleinsten Stufe lief, und nahm viereinhalb Stücke Butter heraus. Er hatte versucht, sparsam zu sein und mit vier Stück auszukommen, aber das zusätzliche halbe Stück war ein Muss. Doch eines Tages würde er eine Möglichkeit finden, es einzusparen.

Behutsam öffnete er die Papierumhüllung des ersten Stücks, brach es mit den Händen in zwei Hälften und machte sich daran, Brust und Schultern einzureiben – die größten Körperteile zuerst –, ehe er sich den Extremitäten zuwandte. Jedes Gliedmaß erforderte ein halbes Stück Butter, ebenso das Geschlechtsteil und der Anus. Die Butterschicht musste auf der gesamten Körperoberfläche gleichmäßig dick sein. Keine Berge, keine Täler.

Den letzten Rest Butter benutzte er, um jenen Teil der Latexhaut einzuschmieren, der seine Fußsohlen bedecken würde. Es brauchte viel Übung, um genau die richtige Menge zu treffen.

Dann die Haut.

Eine kleine Pause für eine letzte kurze Kontrolle. Die Haut lag ausgebreitet auf einer Plastikplane auf dem Boden des Raums, den er während der letzten Tage peinlich sauber gehalten hatte. Keine Löcher. Keine dünnen Stellen im Material. Alle drei Gleitverschlüsse – Bänder, Wendeln, Schieber, die unteren und oberen Enden – waren in perfektem Zustand.

Die Haut war bereit.

So wie er selbst.

Sqweegel machte sich daran, in die Latexhaut zu steigen – ein langsamer, sorgfältig einstudierter Vorgang, bei dem es auf Präzision ankam. Ein Beobachter hätte sich bei Sqweegels Anblick an eine einen Meter siebzig große, siebenundfünfzig Kilo schwere Stabheuschrecke erinnert gefühlt, die ihren Insektenleib in einen eigens für sie angefertigten weißen Kokon zwängte – falls ein Beobachter überhaupt die Geduld aufgebracht hätte, den gesamten Vorgang zu verfolgen, der fast zwei Stunden in Anspruch nahm. Sqweegel interessierte die Zeit nicht. Er konzentrierte sich ganz auf die vor ihm liegende Aufgabe. Das Säubern. Das Plastik. Das Rasieren. Die viereinhalb Stück Butter. Die Latexhaut.

Alles führte hin zu diesem Punkt.

Er wandte sich zum Spiegel, gaaanz langsam, um die Belohnung hinauszuzögern, solange er es aushielt – doch es fiel ihm schwer nach dieser langen Zeit. Er hob die dünnen Arme wie zum Gebet, drehte sich, drehte sich, drehte sich um, und nichts war zu hören bis auf den leisen Herzschlag in seinem Brustkorb.

Dann, endlich, fing der Spiegel sein Bild ein.

Da war er.

Ein Niemand.

3.

Sammlung / Vorführraum

Sqweegel stieg die Treppe hinunter in den dunklen, feuchten Keller. An manchen Stellen bröckelte der Putz von den Wänden und gab den Blick frei auf die dünnen Holzlatten darunter. Die Latten erinnerten ihn jedes Mal an einen Kadaver – an den zerfetzten Brustkorb eines großen Tieres, das von einer noch größeren, schrecklicheren Bestie gerissen worden war.

Er verspürte den Wunsch, mit den Fingern über die Latten zu streichen, wie er es als Kind getan hatte, doch wenn er sich jetzt einen Splitter einzog, hätte dies einen weiteren Abstecher ins Nähzimmer zur Folge, und er war viel zu begierig, sich den Film anzuschauen, der ihn nicht mehr losließ. Dieser Film war mehr als zehn Jahre alt, doch Sqweegel dachte schon den ganzen Tag daran, seit dem Morgengrauen. Der Film hatte Besitz von ihm ergriffen. Einfach so. Ungefragt.

Erst später war ihm der Grund dafür klar geworden. Und er hatte erkannt, dass es ein Zeichen gewesen war.

So funktionierte Sqweegels Verstand: Er stellte unterbewusst Zusammenhänge her, die ihm später bei seiner Mission halfen.

Der wichtigsten Mission seines vergänglichen Lebens.

Hier unten im Keller roch die Luft nicht bloß nach Tod, sondern nach vielen Toten, deren Gerüche gegeneinander kämpften. Es war der süße Duft des Leidens, versetzt mit aromatischen Noten, die Sqweegel im Lauf der letzten Jahrzehnte akribisch gesammelt hatte. Kein anderer Ort auf Erden duftete wie dieser. Kein anderer Ort konnte so duften. Es war betörend.

Sqweegel betrat einen kleinen Raum gleich hinter dem ersten Treppenabsatz. Die Wände waren gesäumt mit eigens angefertigten Holzregalen; fast jeder Quadratzentimeter Regalfläche war vollgestellt mit Acht-Millimeter-Filmkassetten.

Mit knochigem, latexbedecktem Daumen strich Sqweegel über die Etiketten:

Rothaarige Schlampe vor der Hochzeit

17.4.92

Schon der ausgedruckte Text auf dem Etikett brachte Bruchstücke der Erinnerung zurück: das knochenweiße Spitzenkleid, zerfetzt, besudelt, zu einem blutigen Bündel zusammengerollt in einer Ecke des Verlieses. Die zitternde, blasse Braut, die ihn anflehte, ihr zu sagen, was sie falsch gemacht hatte, um Gottes willen, während sie gegen ihre Fesseln kämpfte. Du Hure weißt ja gar nicht, was Reinheit ist, hatte Sqweegel sie angeschrien. Dieses Kleid ist schiere Gotteslästerung. Ich werde dir zeigen, wie es ist, nackt vor Gott hinzutreten …

Dann: ein weiteres Etikett. Eine weitere Erinnerung.

Die Nutte von den Nachrichten

11.9.95

Oh ja, an sie erinnerte Sqweegel sich in sehr lebendigen Einzelheiten. Sie hatte geglaubt, die Serie unaufgeklärter Morde wäre ihr großer Durchbruch beim Fernsehen. Gigantische Einschaltquoten. Ein Buchvertrag. Die Nutte hatte vor den Kollegen geprahlt, sie würde diejenige sein, die den Fall aufklärte, und dass sie berühmt würde – ein eigenes Markenzeichen. Das Miststück. Sie hatte eine Lektion in Demut gebraucht, und Sqweegel hatte sie ihr mit Freuden gegeben, indem er ihre eigene Videokamera beim Erkunden von Körperregionen benutzte, die sie nie zuvor mit eigenen Augen gesehen hatte. Die glitschigen, schmutzigen, versteckten Körperöffnungen, kunstvoll ausgeleuchtet und gefilmt und dann mit der Post an den Sender geschickt, damit ihre Zuschauer alles von ihr sehen konnten …

Egoistisches Miststück mit verwahrlostem Sohn

30.3.97

Du presst ein Leben in diese Welt, und dann wendest du ihm den Rücken zu? Warte nur, meine Tochter, ich zeige dir, was geschieht, wenn Gott dir den Rücken zuwendet …

Endlich verharrte sein Daumen auf der Kassette, nach der er gesucht hatte:

Die Hure des Senators

28.7.98

Sqweegel zog die Kassette aus dem Regal und nahm sie mit in den Vorführraum. Es war ein schalldichtes Heimkino im Keller, das bereits existiert hatte, lange bevor ein solcher Luxus in Mode gekommen war. Hier gab es keinen digitalen High-Tech-Festplattenspieler; hier gab es nicht einmal Video: Nichts, absolut nichts ging über den rauschhaften Ansturm eines Films, der mit vierundzwanzig Bildern in der Sekunde auf eine Leinwand projiziert wurde.

Nachdem Sqweegel die Rolle in den Projektor eingelegt und den Apparat eingeschaltet hatte, setzte er sich in einen alten, abgewetzten Ledersessel genau in der Mitte des Raums und ließ die Bilder auf sich einwirken.

Sein Atem war heiß vor Erwartung. Er zog sein Glied aus der Latexhaut und begann es zu streicheln. Zuerst ganz langsam, dann immer schneller, je länger der Film lief. Immer drängender, heftiger bewegte sich Sqweegels Faust auf und ab, ohne dass er den Blick auch nur für den Bruchteil einer Sekunde von der Leinwand nahm.

Er hatte den Film längere Zeit nicht mehr gesehen. Er hatte ganz vergessen, wie gut er war.

Er hatte ganz vergessen, wie sie von innen ausgesehen hatte.

Sqweegel spulte den Film zurück und startete ihn erneut. Vor Einbruch der Morgendämmerung würde er sich den Streifen noch ein Dutzend Mal anschauen. Er hatte in den vergangenen Monaten so viele Überwachungsvideos gesehen, dass er eine kleine Ablenkung nötig hatte – einen mentalen Rachenputzer sozusagen. Eine Erinnerung daran, wer er war und was er tun konnte im Namen des Herrn.

Der Vorspann flimmerte ratternd über die Leinwand:

10, 9, 8 …

UM DEN ACHT-MILLIMETER-FILM ZU SEHEN, GEHEN SIE AUF DIE WEBSEITE WWW.LEVEL26.COM UND GEBEN DORT DEN CODE EIN: SNUFF

Abbildung

4.

Quantico Marine Corps Base /

Special Circumstances Division / Einsatzraum

Montag, 7.30 Uhr Ostküstenzeit

Der Acht-Millimeter-Film flatterte ein paarmal um die Spule, bevor er stoppte.

Die Leinwand wurde weiß und leer.

Niemand sagte ein Wort.

Totenstille.

Kein Wunder, dachte Tom Riggins. Daran werden sie noch lange zu kauen haben.

Er betrachtete die kreidebleichen Gesichter der jungen CSI-Agenten. Noch vor wenigen Minuten waren sie voller Erwartung gewesen, gespannt und aufgeregt, weil man sie zur sagenumwobenen Special Circumstances Division in Quantico gerufen hatte, um an diesem streng geheimen Meeting teilzunehmen. Einige hatten so getan, als wären sie kein bisschen beeindruckt, doch Riggins hatte ihnen die Aufregung angesehen. Sie hatten gebrannt vor Neugier. Und genau darauf hatte er gezählt.

Noch vor wenigen Minuten waren sie wie Streber bei einer Klassenarbeit gewesen. Konzentriert und entschlossen, die beste Leistung abzuliefern.

Und jetzt …

Sie waren keine einfachen Cops oder forensische Experten, die man zur Fortbildung abgestellt hatte. Nein – sie waren Top-Leute, herbeigerufen von der elitärsten Gesetzesbehörde im ganzen Land. Doch für Riggins, einen Mann in den Fünfzigern mit den harten, trockenen Muskeln eines ehemaligen Mittelgewichtschampions, waren sie bloß eine Bande blauäugiger Kids, von denen manche noch die letzten Spuren von Akne im Gesicht trugen.

»Sie haben soeben das Werk von Sqweegel gesehen«, sagte Riggins. »Sqweegel ist ein Psychopath, der in den vergangenen zwanzig Jahren in wenigstens sechs Ländern mindestens fünfunddreißig Menschen vergewaltigt, verstümmelt, gefoltert, verbrannt, vergiftet oder erschossen hat.«

Zwei Jahrzehnte – mein Gott, dachte Riggins. Dieses Monster hat bereits gewütet, als einige dieser Grünschnäbel noch an den Weihnachtsmann glaubten.

»Sqweegel ist ein äußerst geduldiger Killer«, fuhr Riggins fort. »Er lässt sich sehr viel Zeit zwischen seinen Taten, und er bereitet sich jedes Mal akribisch darauf vor. Wir sehen sein Werk immer erst, wenn er bereits zugeschlagen hat. In manchen Fällen reichen seine Vorbereitungen Monate zurück.«

Riggins’ Blick schweifte über die Anwesenden. Sie schienen ihm zuzuhören – zumindest nickten sie an den richtigen Stellen. Doch er sah ihnen an, dass sie in Gedanken noch bei dem albtraumhaften Film von vorhin waren.

Einige blinzelten, als könnten ihre Augenlider die Bilder von der Netzhaut wischen.

Viel Glück bei dem Versuch, Leute.

Die Special Circumstances Division, kurz Special Circs, war aus dem VICAP des Justizministeriums hervorgegangen, dem Violent Criminal Apprehension Program, das Mitte der Achtzigerjahre ins Leben gerufen worden war. Das VICAP war eine computergestützte Denkfabrik, deren Ziel darin bestand, Serienmorde aufzudecken und zu vergleichen, sodass Cops und Ermittler landesweit sich auf die Ergebnisse stützen konnten. Doch es gab gewisse Fälle, die keine Polizeibehörde, nicht einmal das FBI, abhandeln konnte. Oder abhandeln wollte.

Und hier kam die Special Circs ins Spiel.

Riggins wusste besser als jeder andere, dass die Burnout-Rate bei den Special-Circs-Agenten erschreckend hoch war. Manche hielten gerade mal achtundvierzig Stunden durch, andere blieben bis zu sechs Monaten – höchstens. Ein oder zwei Jahre waren geradezu spektakulär, doch eine solch langfristige Zugehörigkeit endete in der Regel in Selbstmord, Vereinsamung oder in der Psychiatrie. Man verließ die Special Circs nicht, um eine andere Laufbahn einzuschlagen. Man verließ sie, um zu überleben – oder auch nicht.

Die Special Circs war eine kleine, nahezu unbekannte Spezialeinheit – so unauffällig, dass sie den Radarschirm der amerikanischen Öffentlichkeit glatt unterflog. Nur wenige Zeitungen berichteten über die Tätigkeit der Special Circs. Es gab keine Fernsehserien über ihre Arbeit. Ihre Fälle waren kein Gesprächsthema auf Cocktailparties in L. A., im Beltway von Washington oder in Manhattan. Die Special Circs bearbeitete Fälle, von denen die meisten Bürger noch nie etwas gehört hatten, von denen sie niemals etwas hören wollten, und die sie ganz allgemein für unmöglich hielten.

Wäre es anders, würden sie ihre Häuser nicht mehr verlassen.

Nicht, dass sie zu Hause sicher gewesen wären. Ein hoher Prozentsatz der schrillsten Fälle ereignete sich hinter verschlossenen Haustüren überall im Land. Wie der Fall des Ehemanns, der, als er herausfand, dass seine Frau ihn mit einem Freund aus College-Tagen betrog, einen Golfschläger nahm und seine Gattin damit pfählte, durch den Anus bis hinauf zur Kehle. Die Spezialisten im Labor hatten nicht schlecht gestaunt angesichts der Muskelkraft, die der Kerl aufgebracht hatte, um die Griffstange durch den gesamten Körper seiner Gemahlin zu rammen, durch zähes Muskelgewebe, Knochen und Knorpel.

Oder der Fall des fünfzehnjährigen Methadonsüchtigen, der das ganze Haus nach Vehicular Homicide abgesucht hatte, dem nicht jugendfreien Playstation-3-Spiel, in das er sich stundenlang versenkte, um seinen Rausch zu verlängern.

Der Junge hatte gesucht und gesucht.

Kein Spiel.

Dann stellte sich heraus, dass seine Großeltern der Meinung gewesen waren, eingreifen zu müssen. Aus Sorge um den Jungen und zu seinem eigenen Wohlergehen hatten sie das grauenhafte Spiel weggeworfen. Außerdem wollten sie den Jungen in eine spezielle Einrichtung an der Küste schicken, wo man ihm helfen würde.

Der Junge war aus dem Zimmer gestürmt und mit einer Bohrmaschine zurückgekehrt. Dann hatte er seinen Großeltern die Gehörgänge aufgebohrt – bei seinem Großvater, einem Korea-Veteran, mitten durchs Hörgerät hindurch. Nie hört ihr mir zu! Nie hört ihr mir zu!, hatte der Junge Berichten zufolge geschrien, immer wieder, während es um ihn herum Blut und Knochensplitter und Hirnmasse regnete.

Riggins hätte die ganze Nacht lang solche Fälle aufzählen können. Körperteile in Einmachgläsern. Schwangere Sklavinnen in einem Kellerverlies. Sperma in der Babywindel.

Das alles waren Dinge, über die niemand, der halbwegs bei Trost war, länger als ein paar Sekunden nachdenken konnte oder wollte.

Genau die Dinge also, an die Riggins unentwegt dachte, die ganze Zeit.

Riggins lebte für die dunkle Seite der menschlichen Psyche.

Der vorliegende Fall jedoch, dieser Snuff-Film, den er soeben vorgeführt hatte …

Ja. Beinahe konnte er die Stille im Saal verstehen.

5.

Tom Riggins hatte das Einsatzzentrum der Special Circs nie gemocht. Es erinnerte ihn viel zu sehr an einen Unterrichtsraum im College: Sitzreihen mit langen Resopaltischen auf vier nach hinten zu ansteigenden Podeststufen. Riggins stand unten vor der ersten Reihe, hinter sich drei HD-Flachbildschirme neuester Technologie, auf denen Dateien verschoben, Fotos vergrößert und andere elektronische Zaubereien vorgeführt werden konnten, alles mit einer einzigen Berührung.

Er kam sich vor wie ein Professor, der vor seinen Studenten dozierte. Mit seinen dreiundfünfzig Jahren, seiner Kleidung in dunklen, gedeckten Farben und seinem zurückhaltenden Auftreten wirkte Riggins tatsächlich wie ein Professor. Der einzige Farbklecks war das Weiß auf dem ID-Abzeichen, das ständig an seiner Jackentasche hing.

Riggins war länger bei der Special Circs als irgendjemand sonst. Und was hatte er davon? Drei Exfrauen, zwei Kinder, die ihn abgrundtief hassten, eine Wohnung, die er kaum sah, voll mit Büchern, die er nie las, und einer Handvoll CDs, die er nie hörte. Was war noch? Ach ja – ein sich verschlimmerndes Alkoholproblem.

Riggins räusperte sich.

»Sqweegel ist ein Level-Sechsundzwanzig-Killer«, sagte er. »Die höchste Kategorie, die es bei uns gibt. Mindestens vier Stufen höher als alles, was der Rest der Welt kennt.«

Damit hatte er wieder die Aufmerksamkeit der CSI-Agenten. Sie alle kannten die so genannte »Skala des Bösen«, nach der Killer eingeteilt wurden, angefangen bei den niedrigsten Stufen (Taten im Affekt, eifersüchtige Liebhaber, missbrauchte Teenager, die sich zur Wehr setzten) bis hin zu den schlimmsten Psychos (Sexualverbrecher, Terroristen, die aus Blutlust mordeten, perverse Folterer und Schlächter). Mark David Chapman, der Mann, der John Lennon erschossen hatte, rangierte lediglich auf Level sieben und war im Grunde nicht mehr als ein mörderischer Narzisst. Ed Gein, der seine Opfer getötet, zerlegt, gekocht, gegessen und ihre Haut gegerbt hatte, um Lampenschirme daraus anzufertigen, rangierte auf Level dreizehn. Ted Bundy war Level siebzehn, während Gary Heidnik und John Wayne Gacy mit Level zweiundzwanzig die Skala nach oben hin abschlossen. Soweit die Welt wusste, gab es keine schlimmeren Ungeheuer.

Von wegen.

Im Lauf der letzten zwanzig Jahre waren der Special Circs derart extreme Killer begegnet, dass man gezwungen gewesen war, die Skala nach oben hin um drei Levels zu erweitern. Die mörderischen Vorlieben dieser Bestien gingen weit über Folter und Vergewaltigung hinaus; manche hielten sich für Rachegötter, die die Erde heimsuchten und ihre Opfer – in ihren Augen niedere Kreaturen – mit unfassbarem Geschick ausspionierten und mit unvorstellbarer Grausamkeit töteten.

Viele der jungen CSI-Agenten kannten die Killer der höchsten Levels allenfalls vom Hörensagen. Sie waren eine so seltene und neuartige Erscheinung, dass ihre Existenz bisher nicht einmal Eingang in die Lehrbücher gefunden hatte.

Und nun stand Riggins vor den jungen CSI-Leuten und erzählte ihnen, dass es dort draußen jemanden gab, der noch übler war.

Jemanden, dessen Fähigkeiten auf perverse Weise als übermenschlich betrachtet werden konnten.

Riggins ließ den jungen Leuten ein paar Sekunden, um sich zu sammeln. Die Information über Level Sechsundzwanzig sollte sich setzen, ehe er fortfuhr.

»Sonderkommissionen und Einsatzkommandos aus Israel, Ägypten, Deutschland und Japan haben versucht, ihn zur Strecke zu bringen. Quantico allein hat zwanzig Agenten auf ihn angesetzt. Sie alle haben versagt. Sqweegel ist extrem intelligent und hat noch nie ein einziges greifbares Indiz hinterlassen.«

Damit provozierte Riggins endlich die Reaktion, die er erzielen wollte: Skepsis. Indizien, physische Beweise, waren schließlich das tägliche Brot der Spurensicherungsbeamten, die Grundlage ihres Berufs. Seinen Zuhörern zu sagen, es gäbe keine Indizien, war so, als würde man einem Buchhalter sagen: Sorry, es gibt keine Zahlen.

Eine junge Ermittlerin – CSI San Francisco, wie Riggins sich zu erinnern glaubte – meldete sich zu Wort.

»Es gibt kein greifbares Indiz in mehr als zwei Jahrzehnten? Wie ist so etwas möglich?«

»Wir vermuten, dass Sqweegel einen speziellen Anzug trägt, eine Art Ganzkörperkondom, das jeden Quadratzentimeter Haut bedeckt und es ihm ermöglicht, sich der forensischen Entdeckung zu entziehen.«

»Ein Ganzkörperkondom?«, wiederholte CSI San Francisco ungläubig. »Trotzdem … es muss doch irgendwelche Spuren geben.«

»Es gibt sie aber nicht«, entgegnete Riggins. »Jedes Mal, wenn wir mit einem mutmaßlichen neuen Sqweegel-Fall konfrontiert werden, schicken wir ein ganzes Bataillon los und packen alles, was nicht niet- und nagelfest ist, in Plastikbeutel. Bis heute konnten wir nichts von ihm finden. Kein Blut, keine Körperflüssigkeiten, keine Haare. Nicht eine einzige verdammte Hautschuppe.«

»Und wie bringen Sie ihn mit den Opfern in Verbindung, wenn er keine Spuren hinterlässt?«, wollte ein anderer Spurensicherungsbeamter – diesmal aus Chicago – wissen. »Das klingt nach einem Buhmann, den jemand nach Belieben aus dem Ärmel zieht, um ihm ungelöste Fälle in die Schuhe zu schieben.«

»Schön, wenn es so wäre«, erwiderte Riggins. »Nein, wir wissen von Sqweegels Aktivitäten, weil er versessen darauf ist, uns davon zu berichten. Von Zeit zu Zeit schickt er uns sogar Beweise.«

»Hört sich so an, als wäre er stolz auf sich. Als wollte er sich brüsten«, sagte CSI San Francisco.

»Oh ja. Wobei zu beachten ist, dass es Sqweegel nicht um die Aufmerksamkeit der Medien geht. Er gibt sich damit zufrieden, uns wissen zu lassen, was er treibt. Es ist sein Lebenswerk, und er betrachtet uns, die Special Circs, als seine persönlichen Chronisten.«

»Sqweegel …«, sinnierte ein CSI aus Philadelphia. In seiner Stimme lag ein Hauch von Belustigung. »Woher hat er diesen Namen? Soll das irgendein Scherz sein?«

»Nein«, antwortete Riggins. »Der Name rührt von einem seiner frühesten Morde her, um 1990 herum, als er noch in der Experimentierphase war. Es gibt nichts, was er mehr liebt als einen ungewöhnlichen Tatort. Zuschlagen, wo man am wenigsten damit rechnet. Beispielsweise in einer stark frequentierten Autowaschanlage in der Vorstadt an einem schönen Sommertag.«

Jetzt waren alle Blicke auf Riggins gerichtet. Als wären seine Zuhörer Kinder, die auf ihre Gutenachtgeschichte warteten.

Eine Autowaschanlage?

»Mom fährt hinein«, berichtete Riggins. »Ihr kleiner Junge, vier Jahre alt, sitzt neben ihr auf dem Beifahrersitz. Der Kleine ist ganz verrückt auf die Waschanlage und will die Bürsten, Wischer, Wassersprüher und das alles sehen. Jedenfalls, der Wagen ist halb durch, als das Personal plötzlich Schreie hört … grauenvolle Schreie, lauter als der Lärm der Maschinen und Motoren. Niemand weiß, woher die Schreie kommen. Das Personal lässt keine Wagen mehr in die Anlage und schaltet sie ab. Zu diesem Zeitpunkt sind Mutter und Kind fast durch die Waschanlage durch. Die Fahrertür steht offen, und im Wagen ist alles voll Seife und Blut. Der schockierte Besitzer lässt sein Personal die Ein- und Ausfahrt bewachen. Das Ungeheuer, das für die Schlächterei verantwortlich ist, muss noch in der Anlage stecken. Sie rufen die Cops.

Die Mutter ist total … zerfetzt. Er hat sie so gründlich zerstückelt, dass wir noch Wochen später Teile von ihr im Wagen finden.

Den Jungen hat er nicht angerührt. Er hat die ganze Zeit auf dem Beifahrersitz gesessen und alles mit angesehen.

Er war zu diesem Zeitpunkt das einzige menschliche Wesen, das Sqweegel je zu Gesicht bekommen und ein Zusammentreffen mit ihm überlebt hat. Also befragten wir ihn. Baten ihn, den Mann in der Waschanlage zu beschreiben.

Der Junge brachte kein Wort hervor, nichts außer sqweegel, sqweeeeegel. Er hat die Schreie nachgeahmt, die seine Mutter ausgestoßen hatte, als er sie sterben sah.«

Riggins blickte sich im Einsatzraum um, ehe er fortfuhr. »Irgendwie ist der Name hängen geblieben.«

Stille.

»Sie sagten, das Personal hätte die Ein- und Ausfahrt überwacht«, meldete CSI San Francisco sich schließlich mit belegter Stimme zu Wort. »Wie ist er ungesehen aus der Waschanlage entkommen?«

»Gar nicht.«

»Er war noch drin?«

»Wir fanden heraus, dass er sich in der Nacht zuvor dort versteckt hatte. Er muss sich hineingeschlichen haben, kurz bevor die Waschanlage für die Nacht geschlossen wurde. Dann hat er irgendwo oben zwischen den Rohren und Schläuchen abgewartet. Irgendwie ist es ihm gelungen, den Sicherheitskameras und der Elektronik zu entgehen, die die Waschanlage steuert. Er hatte sich oben in das Metallgerüst gezwängt, an dem die Schaumdüsen und Schrubber angebracht sind. Der Platz ist kaum groß genug für eine Hauskatze, geschweige denn für einen Menschen. Trotzdem hat er es geschafft. Und nicht nur das – er hat mindestens achtzehn Stunden lang völlig regungslos dort ausgeharrt, selbst dann noch, als die Anlage am Morgen wieder in Betrieb ging und Millionen Teile um ihn herum in Bewegung waren.«

Riggins wartete, bis seine Zuhörer das Gesagte verdaut hatten, bevor er fortfuhr.

»Der Überfall auf die Mutter fand am helllichten Vormittag statt. Wir können nur vermuten, dass Sqweegel geduldig gewartet hat, bis das richtige Opfer unter ihm vorbeikam.«

»Sie haben uns immer noch nicht gesagt, wie er entkommen ist.«

Riggins’ Stimmung hatte sich zwischenzeitlich ein wenig gebessert. Ein paar der jungen Leute – San Francisco und Philadelphia zumindest – schienen sich tatsächlich für den Fall zu interessieren.

»Sqweegel hatte sich im Kofferraum des Wagens versteckt. In der Reserveradmulde, unter der Abdeckung. Er rollte sich dort zusammen wie ein Fötus im Mutterleib, die Knie unter dem Kinn, die Schenkel an der Brust, die Füße in einer unnatürlichen Haltung nach hinten gebogen. Und dann hat er gewartet. Wir vermuten, dass er mindestens einen Tag lang in der Radmulde gelegen hat, ehe er aus dem Kofferraum stieg – mitten in unserer Werkstatt, wo der Wagen untersucht werden sollte. Und wir wissen das alles nur, weil er uns eine Nachricht hinterlassen hatte.«

Die ungläubigen Gesichter waren entmutigend.

Riggins erwähnte nicht, dass die Nachricht Sqweegels auf seinem Schreibtisch gelegen hatte. Ihm war damals fast das Herz stehen geblieben. Noch heute liefen ihm Schauer über den Rücken, wenn er daran dachte.

Genau wie bei dem Gedanken an die nächste Information, die er den jungen CSI-Leuten mitzuteilen hatte.

»Gestern Morgen haben wir eine neue Nachricht von Sqweegel erhalten.«

6.

Riggins hatte das Päckchen persönlich geöffnet. Eine Acht-Millimeter-Filmkassette, verpackt in einem FedEx-Versandkarton. Der Film trug die Aufschrift: Die Hure des Senators – 28.7.98. Diesen Film hatte er den jungen Leuten vor wenigen Minuten vorgeführt. Er zeigte die Folterung und Ermordung von Lisa Summers, einer jungen Frau, die in den späten Neunzigerjahren angeblich ein Verhältnis mit einem Senator der Vereinigten Staaten gehabt hatte.

Ein Oldie von Film, aber ein Goldie.

Auch das gehörte zu Sqweegels Vorgehensweise, seine Geschichten nicht in der strikten chronologischen Abfolge zu erzählen. Die handschriftlichen Notizen, Beweisstücke, Audiokassetten und – in diesem Fall – Filmbänder wurden in einer Reihenfolge nach Quantico geschickt, die irgendetwas zu bedeuten hatte, nur wusste in Quantico niemand, was es war.

»Die neueste Nachricht von Sqweegel enthielt den Film, den Sie soeben gesehen haben«, erklärte Riggins. »Besorgniserregend aus unserer Sicht ist der Zeitpunkt. Bereits vor einer Woche hatte er uns eine Nachricht geschickt, und vor zwei Wochen schon einmal. Normalerweise liegen Monate, manchmal Jahre zwischen seinen Botschaften. Aus irgendeinem uns unbekannten Grund hat er die Frequenz erhöht.«

»Er verschärft seine Aktionen«, sagte CSI San Francisco.

»Allerdings«, pflichtete Riggins ihr bei. »Wir nehmen an, dass er einige Jahre im Ausland verbracht hat und erst kürzlich in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt ist. Sämtliche Opfer lebten an der Ostküste – allein in Manhattan sind es drei. Kaum weiter als einen Spaziergang entfernt von dem Ort, an dem wir uns jetzt befinden. Dieser Kerl hämmert an unsere Hintertür. Er versucht mit aller Macht, unsere Aufmerksamkeit zu erlangen. Nun – wir widmen sie ihm gerne, bevor er sich das nächste Opfer holt. Wir widmen ihm sogar unsere allergrößte Aufmerksamkeit.«

Was Riggins den jungen Leuten verschwieg: Die Schockwellen waren bis in die obersten Ränge des Justizministeriums vorgedrungen – in Rekordzeit. Und von dort aus hatten sie sich offensichtlich auf weitere Bereiche der Regierung ausgebreitet.

Innerhalb von Stunden hatte der Verteidigungsminister persönlich Druck auf die Special Circs ausgeübt, den Fall zu übernehmen – auf der Stelle. Riggins war ziemlich verwundert angesichts dieser unerwarteten Einflussnahme. Sicher, es war eine ernste Drohung. Die Vorstellung von einem frei herumlaufenden Level-26-Killer war mehr als beängstigend. Und ja – Sqweegel schien seine bisher größte und verwegenste Tat zu planen. Doch er mordete bereits seit vielen Jahren. Die neuerliche Bedrohung erklärte nicht das Angebot, das Riggins der in diesem Raum versammelten Mannschaft zu unterbreiten ermächtigt worden war.

Er musste es dennoch tun.

Das war der eigentliche Zweck dieses morgendlichen Meetings.

»Sie sind die Elite«, sagte Riggins. »Die Besten im ganzen Land. Sie sind Experten. Hier ist das Angebot, und es kommt von ganz oben: Ziehen Sie dieses Ungeheuer aus dem Verkehr, schalten Sie es aus, und Sie erhalten lebenslang Ihre vollen Bezüge. Dazu einen Bonus von fünfundzwanzig Millionen Dollar. Vollständige Löschung Ihrer Identität. Eine saubere Biografie und ein Leben, von dem die meisten Menschen nur träumen können. Es ist ein goldener Handschlag.«

Riggins hielt inne, damit seine Zuhörer Zeit hatten, die Neuigkeit zu verdauen.

»Nun?