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Level 26 – Dunkle Prophezeiung

ÜBER DIE AUTOREN

ANTHONY E. ZUIKER ist Erfinder und Produzent der meistgesehenen Fernsehserie der Welt, »C. S. I. – Crime Scene Investigation«, und ein visionärer Wirtschaftsführer, der regelmäßig Vorträge über die Zukunft der Unterhaltungsindustrie hält. Zuiker lebt in Los Angeles, Kalifornien.

DUANE SWIERCZYNSKI ist Autor mehrerer Thriller, darunter »Expiration Date«, und schreibt für Marvel Comics. Er lebt in Philadelphia, Pennsylvania.

ANTHONY E. ZUIKER UND
DUANE SWIERCZYNSKI

titelseite

Übersetzung aus dem amerikanischen
Englisch von Axel Merz

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BASTEI ENTERTAINMENT

  

Strafverfolgungsbehörden stufen Mörder in Kategorien der Gefährlichkeit und Bösartigkeit ein, angefangen bei Gelegenheitstätern der Stufe 1 bis hin zu psychopathischen Folterern und Schlächtern der Stufe 25.

Doch nun ist eine neue Kategorie von Killern aufgetaucht – abartiger, brutaler und unberechenbarer als alles bisher Dagewesene.

Nur ein Mann ist imstande, diese Bestien zu stoppen.

Seine Ziele:

Killer der Stufe 26

Seine Methoden:

Alles, was ihm geeignet erscheint.

Sein Name:

Steve Dark

 

 

Rom

Als Steve Dark die Latex-Maske aus dem Wasser zog, schien sie ihn anzugrinsen. Die leeren Augenlöcher starrten wie in gespieltem, spöttischem Erstaunen.

Wer, ich? Das hier?

Der Reißverschlussmund war zu einem grässlichen Feixen verzogen. Der Rest des Anzugs hing nass und schlaff in Darks Händen wie die kalte, tote Haut einer Eidechse. Die Details der Maske waren Dark vertraut: die gleichen Reißverschlüsse, die gleichen Nähte. Der Anzug schien identisch zu sein mit dem, den der diabolische Sqweegel getragen hatte – mit dem einen Unterschied, dass dieser Anzug schwarz wie die Nacht war.

Tom Riggins trat von hinten an Dark heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Er ist es nicht«, sagte er.

»Ich weiß«, antwortete Dark leise.

»Sie und ich haben gesehen, wie dieses Ungeheuer gestorben ist. Das hier ist nur irgendein armseliges Arschloch. Ein Trittbrettfahrer. Das wissen Sie doch, oder?«

Dark nickte. »Sehen wir zu, dass wir dieses Ding eingepackt kriegen.«

Das Team der Special Circs war nach Rom abkommandiert worden, um sich einer internationalen Spezialeinheit anzuschließen. Irgendein Verrückter hatte den Trevi-Brunnen vergiftet, Dutzende von Menschen umgebracht und dabei ein merkwürdiges Objekt in dem mit Zyankali versetzten Brunnenwasser zurückgelassen.

Die Szenerie erinnerte an ein Gemälde von Hieronymus Bosch. Hunderte blau angelaufener Leichen, ein unerträglicher Gestank. Eine Armada von Rettungswagen, Feuerwehrfahrzeugen und Streifenwagen hatte sich durch die Hauptzufahrtsstraße gezwängt. Gaffer verstopften die Gassen und Seitenstraßen.

Ein Mannschaftswagen der römischen Polizia hatte Dark und sein Team zu einem frei gehaltenen Abschnitt wenige Meter vor dem Brunnen gebracht. Uniformierte Beamte hoben das orangefarbene Absperrband für Dark, der sich darunter hindurch duckte und sich einen Weg bis zu dem berühmten Brunnen bahnte. Das riesige Becken war nahezu leer, bis auf eine Schicht Euromünzen unter einem zwei bis drei Zentimeter hohen Rest vergifteten Wassers.

Um den Abfluss herum standen dicht an dicht fünf breitschultrige römische Polizisten und versperrten Neugierigen die Sicht auf das, was sich hinter ihnen befand. Einer von Darks Begleitern stieß einen Pfiff aus, und die fünf Carabinieri wichen zur Seite, um die Neuankömmlinge durchzulassen.

Als Dark das schwarze Gummigebilde im Wasser liegen sah, gefror ihm das Blut in den Adern. Für einen Moment stand er wie erstarrt da und zwang sich, tief durchzuatmen, bevor er sich dem Gebilde näherte, während sein Verstand fieberhaft arbeitete.

Einen grässlichen Moment lang glaubte Dark allen Ernstes, der Level-26-Killer habe irgendwie überlebt. Doch der rationale Teil seines Verstandes sagte ihm, dass das völlig unmöglich war. Dark hatte Sqweegel mit einer Axt in Stücke gehauen und sich später mit eigenen Augen davon überzeugt, dass die Körperteile dieser alptraumhaften Kreatur in einem Krematorium verbrannt worden waren.

Trotzdem – der Anblick des Gummianzugs und die spöttische Fratze des Kopfteils hatten ausgereicht, um in Darks Innerem vergessen geglaubte Dämonen wieder zum Leben zu erwecken.

Das Team versammelte sich in einem kriminaltechnischen Labor in Rom. Es war längst nicht so modern ausgestattet wie die High-Tech-Einrichtung der Special Circs in Virginia, doch die grundlegenden Untersuchungen konnten vorgenommen werden. Dark nahm Proben vom Gummianzug, die er in einem Analyzer auf Spuren von DNA untersuchte. Während er auf das Ergebnis wartete, trank er von seinem lauwarmen, bitteren Kaffee und versuchte sich zu konzentrieren. Doch sein Hirn war wie ein gefangenes Tier in seinem Schädel: Es wollte sich einfach nicht beruhigen. Immer wieder gingen ihm die alptraumhaften Ereignisse der vergangenen Wochen durch den Kopf; immer wieder zuckten Bilder seiner kleinen Tochter Sibby, die sich zu Hause in den Vereinigten Staaten aufhielt, vor seinem geistigen Auge auf. Die Bilder seiner Tochter wechselten sich ab mit Bildern seiner Frau, die ihn lächelnd anschaute – ein Lächeln, das Dark bis an sein Lebensende nur noch in seinen Träumen sehen würde, denn seine Frau war tot.

Endlich kamen die Ergebnisse der DNA-Analyse. Sie wurden umgehend an CODIS weitergeleitet, eine Datenbank für die DNA-Profile verurteilter Straftäter, die es Kriminallaboren erlaubte, DNA-Profile auf elektronischem Weg auszutauschen und zu vergleichen. Dabei ergab sich interessanterweise eine Verbindung nach Las Vegas – zu einem alten, ungelösten Fall.

Dark wappnete sich innerlich gegen sämtliche Möglichkeiten. Hatten sie es mit einem Trittbrettfahrer zu tun? Vielleicht war der Täter irgendein Psycho, der den Fall Sqweegel verfolgt, sich daran berauscht hatte und zu dem Entschluss gelangt war, in die Fußstapfen dieses Irren zu treten. Doch ein Gedanke ängstigte Dark am meisten: dass sie es doch mit einer Reinkarnation Sqweegels zu tun haben könnten.

Sqweegel war nicht mit gewöhnlichen Maßstäben zu messen. Er war ein Sonderfall gewesen, in jeder Hinsicht. Einen Serienkiller wie ihn hatte es in der Geschichte des Verbrechens noch nie gegeben. Er hatte das Grauen buchstäblich auf eine neue Ebene gehoben: Level 26. Sqweegel war ein geisteskranker Schlangenmensch gewesen, der stets in einem hermetisch verschlossenen Latexanzug zu Werke gegangen war. Deshalb hatte er niemals Spuren hinterlassen, es sei denn, er hatte es so gewollt. Er hatte sich in den kleinsten Winkeln und Ecken versteckt und dort mit übermenschlicher Geduld im Finsteren gelauert, bis sein Opfer abgelenkt war oder schlief. Dann war er wie eine riesige weiße Spinne aus seinem Loch gekrochen und hatte unvorstellbare Dinge getan – mit einer Kraft und Brutalität, die man ihm angesichts seiner Größe und Statur niemals zugetraut hätte. Er war besessen gewesen von der Vorstellung, die Menschen für ihre vermeintlichen Sünden zu bestrafen, und sah sich selbst als Werkzeug, das auserkoren war, die Seele der Welt zu reinigen.

Und er war auf Steve Dark fixiert – den einzigen Gegner, der ihm gefährlich werden konnte und der Jahre damit verbracht hatte, ihn aufzuspüren. In Sqweegels verdrehtem Verstand hatte Dark die schlimmste nur denkbare Bestrafung verdient.

War dieser Täter hier ein Akolyth gewesen, der versucht hatte, in die grausigen Fußstapfen seines Meisters zu treten?

Doch nachdem Dark und sein Team aus Rom in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt waren, hatte es keine weiteren Zwischenfälle mehr gegeben. Keine weiteren Leichen, keine zurückgelassenen Latex-Anzüge, keine Rätsel, keine Drohungen.

Keine ungelösten Mordfälle, die Sqweegels Vorgehensweise entsprochen hätten.

Nichts, das auch nur annähernd an das Entsetzen herangereicht hätte, das Sqweegel ausgelöst hatte.

Bis zu jenem Tag …

 

 

DER GEHÄNGTE

 

UM STEVE DARKS PERSÖNLICHE TAROT-SITZUNG ZU VERFOLGEN, LOGGEN SIE SICH BITTE EIN IN LEVEL26.COM UND GEBEN DORT DEN CODE GEHÄNGT EIN.

 

Chapel Hill, North Carolina

Die Folter dauerte vielleicht fünf Minuten an, als Martin Green klar wurde, dass er sterben würde.

Green hing mit dem Kopf nach unten an einem Seil. Ein Ende war um sein rechtes Fußgelenk gebunden, das andere war an einem Lampenhaken in der Decke seines Kellers befestigt. Zumindest nahm Green an, dass es ein Lampenhaken war, denn es gab sonst nichts an der Decke, woran man ein Seil hätte festbinden können.

Wenn er wenigstens sehen könnte! Doch sein Angreifer hatte ihm mit einem schmutzigen, ölverschmierten, stinkenden Lappen die Augen verbunden.

Aber ein Lampenhaken bedeutete Hoffnung. Vielleicht bist du zu schwer, sprach Green sich Mut zu. Vielleicht reißt dein Gewicht den Haken raus. Und vielleicht findest du dann eine Möglichkeit, dich aus dieser irrsinnigen Zwickmühle zu befreien.

Zuerst hatte er geglaubt, es wäre ein Einbruch. Schließlich war er ein ideales Zielobjekt. Alleinstehend, mit einem großen Haus. Die Täter mussten lediglich seine Verhaltensmuster studieren und dann zuschlagen. Freunde hatten ihm immer wieder geraten, über zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen nachzudenken, doch Green hatte es mit einem Schulterzucken abgetan. Er war ein Mann, der hinter den Kulissen arbeitete. 99,9 Prozent der Bevölkerung wussten nicht einmal, dass er existierte, und selbst diejenigen, die es wussten, hatten keine genaue Vorstellung von dem, was er tat. Warum sollte er über eine gewöhnliche Alarmanlage hinaus spezielle Sicherheitseinrichtungen benötigen?

Jetzt wusste er es.

Green hatte genügend darüber gelesen, um zu wissen, was man in einer Situation wie dieser tun musste.

Gib dem Einbrecher, was er will.

»Der Safe ist in meinem Schlafzimmer«, sagte Green. »Hinter dem Chagall. Ich sage Ihnen die Kombination, und …«

Eine derbe Hand zwängte seine Kiefer auseinander und schob ihm einen Lappen in den Mund. Ein Ledergürtel schnitt ihm in die Wangen. Kleine Härchen wurden ihm ausgerissen, als die Schnalle im Nacken geschlossen und mit brutaler Kraft festgezogen wurde.

Gottverdammt!, versuchte Green zu brüllen. Ich kann Ihnen nicht geben, was Sie wollen, wenn ich nicht reden kann!

Doch er brachte nur ein dumpfes, ersticktes Geräusch hervor.

Er zog die Nase hoch, schmeckte Schleim und kalten Schweiß. Allmählich dämmerte ihm, dass die Person, mit der er hier unten im Keller war, kein Interesse an der Kombination seines Safes hatte oder an dem falschen Chagall, der davor an der Wand hing.

Was zum Teufel wollte dieser Irre?

Unvermittelt hörte Green das Schnipp-Schnapp einer Schere, als ihm die Hosenbeine heruntergeschnitten wurden.

Und dann spürte er den ersten Schnitt mit dem Rasiermesser, entlang der Innenseite seines nackten Oberschenkels, und ein Schwall heißen Blutes ergoss sich in seinen Schritt.

Keine dreißig Minuten zuvor hatte Green seinen letzten Schluck Whiskey getrunken, hatte seine Kreditkarte auf den Tresen geklatscht und in seiner Tasche nach dem Kontrollzettel des Parkservices gekramt. Es wurde Zeit, sich auf den Weg zu machen, denn er hatte am nächsten Morgen eine Expertensitzung in D. C. und musste in aller Herrgottsfrühe aufstehen, um seine Maschine zu erwischen. Es war besser, die Segel zu streichen und ein paar Stunden zu schlafen.

Der Parkdiener fuhr Greens Bentley vor den Eingang. Green setzte sich hinter das Lenkrad und jagte die Straße hinunter, während er die entspannende Wirkung des Alkohols genoss. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Genau richtig.

Als er in die Auffahrt seines dreieinhalb Millionen Dollar teuren Acht-Zimmer-Anwesens einbog, fühlte er sich angenehm schläfrig. Er mochte es, wenn seine Tage sich so entwickelten. Die perfekte Mischung aus Training, Arbeit, Spiel, Essen und Trinken. Jetzt freute er sich darauf, zwischen die kühlen, duftigen Laken aus ägyptischer Baumwolle zu schlüpfen und auf den tiefen, erholsamen Schlaf, wenn sein unermüdlicher Verstand sich abschaltete.

Green öffnete die Haustür und legte den Lichtschalter um.

Nichts.

Er fluchte, betätigte den Schalter erneut. Und noch einmal.

Immer noch nichts.

War der Strom ausgefallen?

Green machte ein paar Schritte ins Vestibül.

Und erstarrte.

Selbst im schwachen Lichtschein, der von draußen hereinfiel, konnte er erkennen, dass jemand Schubladen durchwühlt, Bilder von den Wänden gerissen und Möbel verrückt hatte.

Ein mulmiges Gefühl überkam ihn. Jemand war in seinem Haus gewesen.

Green kämpfte das instinktive Verlangen nieder, auf der Stelle kehrtzumachen und zu flüchten.

Reiß dich zusammen, ermahnte er sich. Er musste herausfinden, was passiert war und was der Hurensohn aus seinem Haus gestohlen hatte.

Aber wie hatte das überhaupt geschehen können? Im Grunde war es ein Ding der Unmöglichkeit. Erst im vergangenen Jahr hatte Green ein teures Hightech-Sicherheitssystem einbauen lassen, das Beste vom Besten, um genau das zu verhindern, was nun geschehen war.

Er ging zum Kontrollpaneel in der Wand. Es schien tot zu sein, obwohl es eine eigene Stromversorgung besaß. Hatte jemand die Backup-Batterie kurzgeschlossen?

Green drückte auf EINSCHALTEN. Nichts.

Scheiße. Hier war irgendetwas oberfaul.

Mach, dass du wegkommst.

Auf der Stelle!

Plötzlich vernahm Green ein Geräusch aus der Küche, als würde leise eine Schranktür geschlossen. Green brach der Schweiß aus. War der Mistkerl noch im Haus?

Hastig zerrte er sein Handy aus der Jackentasche und drückte mit dem Daumen die Notruftaste, während er sich rückwärtsgehend der Haustür näherte …

Und abrupt stehen blieb.

Seine Muskeln fühlten sich an, als hätten sie sich in Pudding verwandelt. Seine Gelenke waren plötzlich völlig steif. Green öffnete den Mund, um zu schreien, brachte aber keinen Laut hervor. Und selbst wenn er imstande gewesen wäre, um Hilfe zu rufen – sein nächster Nachbar wohnte zu weit weg, um ihn zu hören.

Greens Sicht verschwamm. Das Haus schien zur Seite zu kippen. Ein Teil seines Verstands schrie Aufhören! Bitte, hör auf!, doch der Gedanke blieb in seinem Kopf, kaum mehr als ein Flüstern.

Green spürte, wie er zu Boden gerissen und zur Kellertür geschleift wurde.

Die Welt um ihn her wurde schwarz.

Als er aufwachte, baumelte er an einem Seil von der Kellerdecke.

Er schien erneut das Bewusstsein verloren zu haben. Das Letzte, woran er sich erinnerte, war …

Das Rasiermesser.

Sein Bein.

O Gott, seine Beine!

Er konnte sie nicht mehr spüren. Genauso wenig wie das Seil, das in seinen rechten Knöchel schnitt.

Irgendetwas zupfte am Gürtel vor seinem Mund. Der nasse Lappen fiel heraus. Green würgte einen Moment, füllte gierig die Lunge mit Sauerstoff und schrie. Das Geräusch, das aus ihm hervorbrach, war tierhaft, geboren aus unsäglicher Angst vor seinem Folterer.

O Gott, was soll ich tun? Was macht er mit mir?

Green schrie erneut, bis etwas Flaches, Hartes gegen seinen Adamsapfel schlug. Sein Schrei endete in einem qualvollen Gurgeln.

»Still«, befahl eine leise Stimme.

Obwohl Green zitterte und seine Beine nicht spüren konnte, empfand er es als winzigen Hoffnungsschimmer, dass der Unbekannte ihm den Knebel aus dem Mund gezogen hatte. Vielleicht war er ja doch nur ein gewöhnlicher Einbrecher.

He, weißt du was, Kumpel? Es funktioniert. Ich bin fast besinnungslos vor Angst. Und obwohl du mir das Bein aufgeschlitzt hast, bin ich bereit, die Sache auf sich beruhen zu lassen, okay? Nimm mein Geld, nimm, was immer du willst, Hauptsache, du verschwindest. Okay? OKAY?

Nachdem er ein paar Mal gehustet hatte, fand er seine Stimme wieder.

»Sie haben gewonnen. Bitte … lassen Sie mich gehen. Ich schwöre, ich werde niemandem etwas sagen. Sie können haben, was Sie wollen.«

Keine Antwort.

Green versuchte herauszufinden, wo sein Angreifer sich befand. Er glaubte, das leise Rascheln von Stoff hinter sich zu vernehmen. Doch seine Sinne sagten ihm, dass jemand direkt vor ihm stand, von Angesicht zu Angesicht. Er konnte den heißen Atem des anderen beinahe im Gesicht spüren.

»Hören Sie … ich kenne wichtige Leute. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, das soll keine Drohung sein, im Gegenteil. Ich will damit sagen … ich kann Ihnen beschaffen, was immer Sie wollen. Egal was. Sie müssen es nur sagen.«

Da! Eine Bewegung. Hinter ihm.

Green versuchte sich am Seil zu drehen, doch es war unmöglich. Wieder verlegte er sich aufs Bitten und Betteln.

»Bitte … sagen Sie mir, was ich tun kann, damit Sie … zufrieden sind. Bitte!«

Statt einer Antwort sprühte ihm der Unbekannte irgendetwas ins Gesicht. Es fühlte sich an, als stünde seine Haut in Flammen, als fräße irgendeine Säure eine Hautschicht nach der anderen weg, bis sein Gesicht nur noch aus rohem Fleisch bestand. Noch nie hatte Green einen ähnlichen Schmerz verspürt. Er hatte nicht einmal mehr den Atem zum Schreien.

Dann wurde ihm eine zerknitterte Tüte über den Kopf gestreift.

Jemand redete zu ihm. Durch die Tüte hindurch war es kaum mehr als ein Flüstern, doch Green hätte schwören können, das Wort

… dies …

zu verstehen, bevor er einatmete und das brennende Glühen sich bis in seine Lunge ausbreitete.

In diesem Augenblick wusste Martin Green, dass er sterben würde.

1.

West Hollywood, Kalifornien

Steve Dark schrak aus dem Schlaf, rollte aus dem Bett und landete auf dem Boden.

Auf Fingerspitzen und Zehen gestützt, hielt er reglos inne und lauschte angestrengt. Auf dem nahen Sunset rauschte der Verkehr. Jemand lachte trunken. Das leise Klackern von hohen Absätzen auf Beton. Eine Hupe, fern und gedämpft. Normale Geräusche einer Nacht in L. A. Nichts Außergewöhnliches.

Trotzdem …

Dark kroch lautlos durch das Haus, indem er sich auf Zehen und Fingerspitzen hielt, tief in den Schatten verborgen. Immer wieder hielt er inne und lauschte. Die einzigen Geräusche, die er deutlich zuordnen konnte, waren seine bei jeder Bewegung leise knackenden Gelenke. Er nahm seine fünfzehnschüssige Glock 22 aus dem Versteck unter den Bodendielen. Dann erhob er sich auf die Fußballen. Legte den Sicherungshebel um und spannte den Hahn. Er hatte immer eine Patrone in der Kammer.

Die erste Suche dauerte ungefähr zehn Minuten, förderte aber nichts zutage. Dark überprüfte Fenster und Türen, eine nach der anderen.

Die Eingangstür – gesichert. Die Fenster – verriegelt. Sicherheitssystem – eingeschaltet. Das unsichtbare Klebeband über Fenstern und Türen – unberührt.

Dark ging diese Routine so oft durch, dass er sie im Schlaf beherrschte. Was ein Problem war, denn er durfte nicht leichtsinnig werden. Es war an der Zeit, einen neuen Ablauf zu entwickeln. Sich vielleicht eine weitere Sicherheitsmaßnahme auszudenken.

Nachdem er die Glock wieder gesichert hatte, legte er die Waffe neben sich auf die Couch und öffnete den Laptop, um auf die externe Seite zuzugreifen, auf der seine Sicherheitsvideos gespeichert wurden. Jeder Quadratzentimeter seines Hauses wurde von winzigen, bewegungsgesteuerten Kameras überwacht. Die Bildqualität war nicht berauschend, aber es ging ihm ja auch nicht um Familienbilder. Es ging ihm lediglich darum, Bewegungen zu entdecken.

Er drückte auf die ENTER-Taste und lud sämtliches Material der vergangenen sechs Stunden herunter, auf dem Bewegungen festgehalten worden waren, welcher Art auch immer. Doch außer ihm selbst war auf den Videos niemand zu sehen. Absolut niemand.

Was hatte er dann gehört? Was hatte ihn aus dem Schlaf hochschrecken lassen? Ein eingebildetes Geräusch aus einem Alptraum?

Er warf einen Blick auf die Uhr. 03:21. Das war früh, selbst für seine Maßstäbe. Er schlief nicht viel, und der Verlust von zwei weiteren Stunden war frustrierend.

Wenigstens war das Haus sicher.

Oder doch nicht?

Den gleichen Gedanken hatte Dark schon fünf Jahre zuvor gehegt, und trotzdem hatte ein Monstrum eine Möglichkeit gefunden, sich in sein Privatleben zu schleichen – in sein Haus und sein Hirn. Es war ein anderes Haus gewesen, mit einem primitiveren Sicherheitssystem, doch es hätte trotzdem nicht so einfach sein dürfen. Dark hatte seine Lektion auf die schmerzvolle Art und Weise gelernt: Man konnte nie vorsichtig genug sein.

Er hatte das Monster eigenhändig zur Strecke gebracht, hatte die Bestie wie im Blutrausch zerschlagen und zerstochen, hatte sie zerschmettert, bis sie nur noch eine blutige Masse gewesen war. Später hatte er dabei zugeschaut, wie der Kadaver zu Asche verbrannt worden war. Und dann hatte er die Asche mit einem Rechen verteilt.

Die Lektion blieb dennoch: Mann konnte nie vorsichtig genug sein.

Dark tappte in die Küche und schaltete den elektrischen Wasserkocher ein. Ein Kaffee war jetzt genau das Richtige. Danach … er wusste noch nicht, was danach kam. Seit er die Special Circs verlassen hatte, waren seine Tage endlos gewesen, monoton und gestaltlos.

Vier Monate Schwebezustand.

Bei seinem Abschied hatte er Riggins gesagt, dass eine Menge unerledigter Dinge auf ihn warteten. Vor allem müsse er seiner Tochter wieder näherkommen, die beim letzten Anruf nicht einmal mehr die Stimme ihres Vaters erkannt hatte.

Stattdessen hatte Dark den größten Teil des Sommers damit verbracht, Sicherheitsanlagen in seinem neuen Heim zu installieren. Immer wieder hatte er sich gesagt, er könne seine Tochter nicht in sein Haus holen, ehe es nicht hundert Prozent sicher war. Doch es war wie der Kampf gegen eine Hydra: Schlag dem Ungeheuer einen Kopf ab, und an seiner Stelle wachsen sechs neue nach. Dark steigerte sich in einen Wahn; er machte nichts anderes mehr, als sein Haus zur Festung auszubauen, das Internet nach Informationen über neue Mordserien zu überprüfen und zu versuchen, Schlaf zu finden.

Und das alles, weil er fünf Jahre zuvor Sqweegel getötet hatte, der seither in seinem Kopf saß. Und was er auch tat, er konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass ein neues Monster seine Fährte aufgenommen hatte …

Und nun war es halb vier morgens, und sein Kaffee wurde kalt, während im Hintergrund die niemals endenden Geräusche von L. A. zu hören waren.

Und Dark hatte nichts mehr zu tun, womit er sich ablenken konnte.

2.

Dark ging ins zweite Schlafzimmer. Die Grundierung war bereits vor ein paar Wochen auf die Wände aufgetragen worden, doch er hatte Sibby noch nicht gefragt, welche Farbe sie wollte. Sie war inzwischen fünf und alt genug, um solche Entscheidungen selbst zu treffen. Das Bett stand in einer Ecke und wartete darauf, zusammengebaut zu werden. In einer anderen Ecke stapelten sich Kisten mit Puppen und Puppenkleidern. Sibby liebte es, die Puppen anzuziehen und hübsch zu machen und mit ihnen zu spielen. Doch sie saßen unberührt dort, seit Dark sie vor einem Monat gekauft hatte. Kein Platz für die Puppen, bevor nicht die Wände gestrichen und die Regale montiert waren.

Konnte er das wirklich schaffen? Vater zu sein? Er hatte verdammt wenig Übung.

Im Lauf der Jahre hatte Dark sich bemüht, wenigstens den Anschein eines normalen Lebens zu schaffen, wenn er nicht bei der Special Circs arbeitete. Doch es war schwierig, sich wie ein Vater zu verhalten, wenn man kaum mit der eigenen Tochter zusammen war. Nicht lange nach dem Sqweegel-Alptraum hatte Dark das Mädchen zu den Großeltern nach Santa Barbara geschickt. Es sollte nur eine vorläufige Lösung sein. Dark wollte die Special Circs verlassen, sobald es ihm möglich war, um Sibby wieder zu sich nach Hause zu holen und ein neues Leben anzufangen.

Leichter gesagt als getan. Ein Fall folgte dem nächsten, und aus einem Jahr wurden zwei, drei und schließlich fünf.

Die Arbeit hielt Dark im Spiel. Er war beinahe süchtig danach. Er fühlte sich niemals lebendiger, als wenn er im Hirn irgendeines Psychos herumkroch und versuchte, dessen Gedanken zu lesen. Und trotz seiner festen Absicht, langsamer zu machen und schließlich ein für alle Mal vom Karussell der Special Circs abzuspringen, musste er erkennen, dass es ihm fast unmöglich war.

Bis zu diesem Juni. Er hatte endlich getan, was er so lange versprochen hatte, und das Spiel beendet. Zum Teil war die Bürokratie daran schuld, denn die Special Circs waren zunehmend in den Einfluss politischer Kräfte geraten, sehr zu Darks Unwillen. Vor allem aber wollte er seine Tochter zurück. In Sicherheit. Bei ihm zu Hause.

Kurze Zeit später jagte Dark durch die nahezu verlassenen Straßen von L. A., die Waffe in der Jackentasche, eine Zigarette im Mundwinkel.

Er musste nicht durch die Welt reisen, um das Böse zu finden. Es lauerte überall, rings um ihn her. Allein im Großraum Los Angeles, wo Dark ein Zuhause für sein kleines Mädchen zu schaffen hoffte, wurde im Schnitt alle neununddreißig Stunden ein Mensch ermordet. Der größte Teil dieser Morde ereignete sich während der Nacht, zwischen acht Uhr abends und acht Uhr morgens, und wiederum die Hälfte davon an Wochenenden. Mit anderen Worten: In Nächten wie dieser, um vier Uhr morgens an einem Freitag. Menschen starben in South Central, oben im Valley und draußen in El Monte genauso wie in den vermeintlich »sicheren« Enklaven von Beverly Hills oder Westside oder an den Stränden von Malibu Beach.

Dark fuhr am liebsten nachts durch die Gegend, weil er den Drang verspürte, der Gefahr ins Gesicht zu sehen, nicht nur davon zu lesen. Dark brauchte die Gefahr. Er musste sie sehen. Riechen. Spüren. Manchmal sogar berühren, auch wenn er wusste, dass er dafür im Knast landen konnte. Doch was sollte er tun, wenn er auf eine Bande von Schlägern traf, die Taschen ausgebeult von Waffen, auf dem Weg in einen Minimarkt in Pomona? Warten, bis er am nächsten Tag in der Zeitung von dem Überfall las?

Damals, bei der Special Circs, hatte er wenigstens in der vordersten Reihe gestanden. Zusammen mit seinem Chef Tom Riggins und seiner Partnerin Constance Brielle hatte er Ungeheuer wie Sqweegel bekämpft. Tag für Tag. Diese Monster konnten überall lauern; deshalb war es ein beruhigendes Gefühl und eine Genugtuung, wenigstens die eine oder andere dieser Bestien vor den Lauf der Waffe zu bekommen.

Und heute?

Dark fühlte sich wie in einem Schwebezustand. Er war kein Cop mehr, erst recht kein Menschenjäger. Kein Vater. Kein Fisch, kein Fleisch. Irgendeine ungeborene Version von beidem. Tief im Innern wusste er, dass die einzige Antwort auf sein Dilemma darin bestand, das eine zu verwerfen und sich für das andere zu entscheiden.

Es war Zeit zurückzukehren. Sich mit kaltem Wasser abzuduschen, klaren Kopf zu bekommen und sich nicht mehr den ewigen alten Qualen auszusetzen.

Wenn er den Kopf voller Müll hatte, konnte er keine College-Studenten unterrichten.

3.

Special Circs Headquarters, Quantico, Virginia

Es war nicht zu übersehen, dass sich auf Tom Riggins’ Schreibtisch zu viele Dinge stapelten.

Kleine Zettel mit darauf gekritzelten Namen und Telefonnummern. Ein paar abgefeuerte Kugeln. Eine leere Plastikflasche mit Antacidum. Ein gerahmtes Foto seiner Töchter. Schnellhefter über Schnellhefter, aufeinandergestapelt wie ein papierener Turmbau zu Babel, alle voller grässlicher Fotos und detaillierter Berichte über die grauenhaftesten Dinge, die Menschen einander antun konnten.

Dann waren da ein Schraubenzieher. Dutzende Bleistifte. Alte Zeitungen. Halb ausgetrunkene Becher Kaffee …

Kaffee. Wie gerne hätte er sich einmal die Zeit genommen, einen Becher in Ruhe auszutrinken. Nicht, dass es ihm etwas genutzt hätte – das Zeug war viel zu stark, mit einem eigenartigen metallischen Nachgeschmack, den er nie so recht zuzuordnen wusste. Doch sollte es ihm irgendwann gelingen, einen Becher auszutrinken, würde er vielleicht das Gefühl haben, zur Abwechslung einmal etwas erreicht zu haben.

Riggins überlegte, ob er zur Miniküche gehen, sich einen frischen Kaffee eingießen und ihn gleich vor der Maschine kochend heiß hinunterkippen sollte, bis er den Boden des Bechers sehen konnte.

Gerade als er sich erhob, um seinen Plan in die Tat umzusetzen, summte das Mobiltelefon irgendwo auf seinem Schreibtisch. Er beugte sich vor, um nach dem kleinen Gerät zu suchen, und schob Aktenhefter und überquellende Aschenbecher beiseite. Endlich fand er das Handy. Ein Name blinkte auf dem Display.

WYCOFF

Vor einiger Zeit hatte Riggins sein Telefon umprogrammiert, sodass es jedes Mal OBERSTES ARSCHLOCH anzeigte, wenn der Verteidigungsminister anrief. Nach ein paar Wochen hatte er die Änderung jedoch rückgängig gemacht. Nicht weil er besorgt gewesen wäre, dass Wycoff es sehen könnte, sondern weil er zu dem Schluss gelangt war, dass der Ausdruck nicht ganz zutraf. Sobald ihm etwas Besseres als »Oberstes Arschloch« einfiel, würde er das Telefon erneut umprogrammieren.

Er nahm das Gerät vom Schreibtisch und drückte die ANNEHMEN-Taste.

»Riggins.«

»Ich bin es, Norman. Ich habe etwas für Sie.«

Ich habe etwas für Sie. Als wären sie Botenjungen mit Pistolen und Doktortiteln. Auf der anderen Seite, dachte Riggins bitter, waren sie in den vergangenen fünf Jahren genau das gewesen.

»Und was?«, fragte er.

»Sagt Ihnen der Name Martin Green etwas?«

»Sollte er?«

Wycoff schnaufte. Es konnte eine Unmutsbekundung sein oder ein grimmiges Lachen, genau ließ es sich nicht sagen. »Green gehörte zu einem einflussreichen wirtschaftlichen Expertengremium.«

»Interessant.«

»Bis er heute am frühen Morgen umgebracht wurde.«

»Oh. Das ist bitter«, entgegnete Riggins.

»Ich schicke Ihnen ein paar Fotos über die gesicherte Verbindung. Werfen Sie einen Blick darauf und machen Sie sich dann sofort auf den Weg zum Tatort in Chapel Hill.«

»Wer – ich? Sie wollen, dass ich nach North Carolina fliege?«

»Unverzüglich. Wenn nicht schneller. Ich schicke Ihnen jetzt die Dateien.«

»Was ist das wieder für ein Mantel-und-Degen-Scheiß, Norman? Erzählen Sie mir, um was es geht, okay? Und wieso dieser Fall von uns bearbeitet werden soll.«

Mit »uns« meinte Riggins die Special Circumstances Division, deren Chef er war. Die Special Circs war eine Spezialeinheit, hervorgegangen aus dem ViCAP, dem Violent Criminal Apprehension Program des US-Justizministeriums – ein computergestütztes Expertensystem, mit dessen Hilfe Serienmorde verfolgt, katalogisiert und verglichen wurden.

Die Special Circs hatte als etwas Einzigartiges angefangen – als die mit Abstand elitärste Verbrechensbekämpfungseinheit der Welt. Doch Jahre der Bürokratie und wirrer Direktiven von »oben« hatten die Einheit zu einem Schatten ihres einstigen Selbst werden lassen. »Elite« war die Special Circs nur noch in Pressemitteilungen. In Wahrheit bestand die Gefahr, dass die Einheit zu einer weiteren Pfründe im byzantinischen Imperium des Heimatschutzministeriums verkam.

Dennoch: Gelegentlich gab es derart extreme, grauenhafte Verbrechen, dass die örtliche Polizei und selbst das FBI nicht die Mittel hatten, die Täter zu verfolgen. In solchen Fällen trat die Special Circs auf den Plan. Doch Norman Wycoff schien diesen kleinen Unterschied nicht zu begreifen. Nicht einmal nach fünf Jahren.

»Es ist ein Fall für Sie, weil ich es sage«, erwiderte er. »Sind Sie immer noch zu schwerfällig, um das zu begreifen? Green war ein wichtiger Mann, der gewissen Leuten in hohen Ämtern sehr viel bedeutet hat. Deshalb wollen wir, dass Sie sich der Sache annehmen. Das kommt von ganz oben, verstehen Sie?«

Von ganz oben. Wycoff liebte diese Phrase. Entweder benutzte er sie, um sich vor möglichen Schuldzuweisungen zu schützen oder um seine eigene vermeintliche Wichtigkeit hervorzuheben.

»Ich verstehe«, sagte Riggins zähneknirschend. »Ich schicke jemanden vorbei, der sich die Sache ansieht.«

»Nein. Ich möchte, dass Sie sich persönlich darum kümmern, Tom. Ich will den besten Mann, den wir haben.«

Das war neu. Normalerweise begnügte Wycoff sich damit, einen Befehl zu erteilen und Riggins die Zusammenstellung des Teams zu überlassen.

»In Ordnung«, sagte Riggins.

»Also fliegen Sie?«

»Schicken Sie mir alles, was Sie haben«, erwiderte Riggins und legte auf.

Er wartete, während er den Blick über das Chaos auf seinem Schreibtisch schweifen ließ und überlegte, wie einfach es doch wäre, das alles mit einem einzigen Wischer des ausgestreckten Arms beiseitezufegen, mitsamt dem Computer, um sich anschließend nach draußen in die kühle Morgenluft Virginias zu begeben und einfach nicht mehr daran zu denken, womit man sich seinen Lebensunterhalt verdiente. Nicht mehr nach Ungeheuern zu jagen. Aus der Mühle auszusteigen.

So wie Steve Dark es getan hatte.

4.

Wenn es einen besonderen Auftrag gab – meist irgendwelche Drecksarbeiten, die Wycoff erledigt haben wollte –, rief Riggins normalerweise bei Steve Dark an. Es war ein Teil ihrer Abmachung, die sie nach der Jagd auf Sqweegel getroffen hatten. Damals hatte Wycoff sich einverstanden erklärt, Dark vor einer möglichen Strafverfolgung abzuschirmen, nachdem er Sqweegel eigenmächtig getötet hatte. Als Gegenleistung hatte Wycoff die gelegentlichen und exklusiven Dienste Darks verlangt, zum Beispiel das Aufspüren und Eliminieren der Bosse von Drogenkartellen, die Jagd auf flüchtige Finanzbetrüger, die Enttarnung von Doppelagenten oder die Beseitigung von Top-Terroristen. Manchmal endete ein solcher Einsatz in einem Blutbad. Eigenartigerweise hatte Wycoff in diesen Fällen kein Problem mit Mord.

Der Verteidigungsminister glaubte wahrscheinlich, er hätte Steve Dark in der Hand. Wenn Dark seinen Job bei der Special Circs behalten und nicht ins Gefängnis wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als Wycoffs Botengänge zu übernehmen. Inoffiziell, versteht sich. Und Dark würde niemals freiwillig den Dienst quittieren. Es war alles, was er hatte.

Und doch hatte Dark genau das getan. Im letzten Juni. Riggins erinnerte sich noch lebhaft an diesen Tag. Wycoff hatte ausgesehen, als würde ihn der Schlag treffen. Er war es nicht gewöhnt, ein Nein zu hören.

»Sie sitzen noch vor Einbruch der Dämmerung in einer Einzelzelle, Sie arroganter Bastard!«, hatte Wycoff gebrüllt.

»Und Ihre Karriere ist im Eimer«, hatte Dark gelassen erwidert. »Oder haben Sie allen Ernstes geglaubt, ich hätte mich auf Ihr Spiel eingelassen, ohne Sicherheitsvorkehrungen zu treffen?«

Wycoff war zusammengezuckt, als hätte er sich eine Ohrfeige eingefangen. »Sie haben keine Beweise. Null.«

»Sind Sie wirklich so naiv? Ich habe fünf Jahre lang bis zum Kragen in Ihrer Scheiße gestanden, Norman. Ich kenne jede Leiche in Ihrem Keller. Wenn ich will, sitzen Sie in null Komma nichts im Knast.«

Wycoff hatte Riggins, der die Situation offensichtlich mehr genossen hatte, als gut für ihn war, fassungslos angestarrt. Wycoffs Blick war eine Mischung aus Wut und Flehen gewesen: Riggins, du Mistkerl, wie konntest du es dazu kommen lassen? Und zur gleichen Zeit: Hilf mir hier raus!

Doch Riggins hatte den Blick ungerührt erwidert. Steve Dark war sein eigener Herr.

»Niemand bedroht die Regierung und kommt ungeschoren davon«, hatte Wycoff einen letzten Versuch unternommen.

»Ich bedrohe die Regierung nicht, Norman. Ich bedrohe Sie. Wenn Sie mir oder meiner Tochter zu nahe kommen, sind Sie erledigt.«

Mit diesen Worten war Dark raus gewesen. Einfach so.

Wycoff hatte alle möglichen Verträge und Zusicherungen aus der Tasche gezogen – Dark durfte keinen Kontakt mehr zur Special Circs haben, unter gar keinen Umständen, doch es schien Dark nicht viel auszumachen.

Riggins war verwirrt. Was führte Dark im Schilde?

Dieser Mann, den er fast als einen Sohn betrachtete, hatte kein Wort über seine Pläne verloren. Riggins verspürte das typische Durcheinander elterlicher Empfindungen: Schmerz, Sorge, Zorn und das Gefühl der Hilflosigkeit.

Vor allem Besorgnis.

Nicht, dass Dark Rache von Wycoff zu fürchten gehabt hätte. Riggins sorgte sich vielmehr um Darks Geisteszustand. Der Job bei der Special Circs hatte dafür gesorgt, das Dark seine Sinne beisammenhalten musste. Außerdem war es die einzige Möglichkeit für Riggins, ihn im Auge zu behalten. Fünf Jahre waren vergangen seit jener entsetzlichen Nacht, in der Dark die Grenze überschritten hatte. Fünf Jahre, seit Riggins etwas Schreckliches herausgefunden hatte über den Mann, den er wie einen Sohn liebte.

Fünf Jahre lang hatte Riggins geschwiegen … und nun? Wie würde es weitergehen? Riggins hatte nicht die leiseste Ahnung, was Dark mit seiner Zeit anfangen würde.

Damals, in den 1990er-Jahren, als Dark auf Teufel komm raus eine Stelle bei der Special Circs haben wollte, war es Riggins’ Job gewesen, die Bewerber zu sichten. Er hatte herausgefunden, dass Dark aus einer Pflegefamilie kam, und hatte Nachforschungen angestellt. Es dauerte nicht lange, bis Riggins sich wünschte, er hätte es bleiben lassen.

Zum Glück schien Dark sich kaum noch an seine Kindheit zu erinnern, nicht einmal unter Hypnose und angeschlossen an einen Polygraphen. Es gab nur die blasse Erinnerung an ein Feuer, als er ein kleiner Junge gewesen war, und an Schreie, furchtbare Schreie. Allein in seinem Zimmer.

Später war Dark zu einer liebevollen Pflegefamilie in Kalifornien geschickt worden. Seine neuen Eltern, Victor und Laura, hatten geglaubt, keine eigenen Kinder bekommen zu können, und hatten Steve adoptiert. Doch nicht lange danach war Laura schwanger geworden und hatte Zwillinge zur Welt gebracht, zwei Jungen. Doch seine Pflegeltern hatten Steve danach nicht anders behandelt als die beiden jüngeren Geschwister.

Jahre später hatte das Ungeheuer, das unter dem Namen Sqweegel Furcht und Schrecken verbreitete, Darks Familie auf grauenhafte Weise niedergemetzelt. Dark hatte die Special Circs verlassen und sich in völlige Abgeschiedenheit zurückgezogen. Er war erst wieder zum Vorschein gekommen, als Riggins ihn dazu gezwungen hatte – und gemeinsam hatten sie den psychopathischen Killer geschnappt.

Seit damals arbeitete Dark wieder bei der Special Circs. Doch es war nicht das Gleiche wie früher. Wie konnte es auch? Er hatte seine Frau, seine Eltern und seine Geschwister an das Monstrum verloren und war an den Rand des geistigen Zusammenbruchs getrieben worden. Das Einzige, was Dark vom Sturz in den Abgrund zurückgehalten hatte, war seine Tochter Sibby. Die er nie sah. Für die er nie Zeit hatte.

Jetzt hatte Riggins die Wahl, Wycoff zu beschwichtigen oder ihn noch wütender zu machen.

Er brauchte nicht lange, um sich zu entscheiden, und wählte die interne Nummer von Paulson. »Riggins hier. Haben Sie einen Moment Zeit?«

Riggins war länger als irgendjemand sonst bei der Special Circs. Er hatte gesehen, wie eifrige Rekruten – Ermittler, die bei ihren jeweiligen Behörden zu den Besten gehörten – bei der Special Circs innerhalb weniger Monate zu Asche verbrannten. Manche sogar innerhalb von Wochen. Er hoffte, dass Paulson keiner von ihnen war.

Riggins war nicht gerade das, was man einen Optimisten nennen konnte. Das Leben hatte sein Gesicht zu oft in zu viele Haufen Scheiße gedrückt, und das über zu viele Jahre hinweg. Trotzdem hegte er eine gewisse Hoffnung für Paulson. Er war der beste Mann seit … nun ja, wenn er ehrlich zu sich selbst war: seit Steve Dark. Die beiden hatten eine Menge gemeinsam. Den scharfen Verstand. Die Intuition. Die professionelle Einstellung zu ihrer Arbeit.

Sekunden später erschien Paulson in Riggins’ Büro. »Was gibt’s?«

»Agent Paulson, packen Sie Ihre Tasche.«

5.

University of California, Los Angeles

Die junge Frau ließ sich Zeit, als sie versuchte, sich Dark anzunähern. Sie achtete sorgfältig darauf, nicht plump oder gar ordinär zu erscheinen.

Zehn Minuten nach Beginn der Einführungsveranstaltung begann sie, ihm Blicke zuzuwerfen. Nicht zu offen und nur so viele, dass er sie bemerkte. Dann schlenderte sie beiläufig durch die Aula, wobei sie mit diesem Dozenten und jenem Assistenten Smalltalk vortäuschte. Sie trödelte eine Zeit lang vor dem Buffet herum, wo zwei gelangweilt wirkende studentische Hilfskräfte unter einer Wärmelampe mit roboterhaften Bewegungen Roastbeef in dünne Scheiben schnitten.

Die direkte Annäherung an Dark erfolgte schließlich, indem die Frau seine Schulter mit der ihren berührte, wobei der billige Chardonnay in dem Plastikbecher schwappte, den sie in der Hand hielt. »Hoppla«, sagte sie. »Sorry.«

»Kein Problem«, erwiderte Dark.

Ein Ausdruck gespielten Wiedererkennens erschien in ihren Augen. »Sie sind Steve Dark, nicht wahr?«

Er nickte.

»Ich bin erstaunt, Sie hier zu sehen. Die Veranstaltung muss Sie doch zu Tode langweilen.«

»Ganz und gar nicht«, log Dark.

In Wahrheit war er nur aus Höflichkeit und Rücksicht gegenüber dem Dekan erschienen. Wenn er weiter lehren wollte, musste er zumindest versuchen, sich anzupassen. Die stickige Aula, die erfüllt war von bedeutungslosem Geschwätz, war so ziemlich der letzte Ort auf Erden, an den er sich wünschte. Er fühlte sich wie ein Kriegsheimkehrer, gewöhnt an gefährliche Patrouillen durch den Dschungel und das Hämmern schwerer Artillerie – ein Veteran, der plötzlich und unerwartet in die Zivilisation zurückgekehrt war. Das aber war es, was die Universität von ihren Lehrern erwartete. Selbst von den Teilzeitkräften wie Dark.

Also hatte Dark sich in einer Ecke in der Nähe der Tür postiert, wo er im Stillen die Minuten zählte, bis er verschwinden konnte, als er die Frau entdeckte und ihre umständlichen Annäherungsversuche bemerkte. Die meisten Kollegen an der Uni ignorierten ihn oder schienen sogar ein wenig verärgert über seine Anwesenheit. Sollte tatsächlich ein Mitglied der Abteilung den Schritt wagen und ihn ansprechen?

Dark hatte die Frau schon früher gesehen. Ihr Name war Blake oder so ähnlich. Doktorandin und Hilfskraft, mit einem Stipendium ausgestattet. Groß gewachsen, mit flammend rotem Haar und Sommersprossen auf Nase und Wangen. Sie trug meist kniehohe Stiefel – von der Sorte, die entfernt professionell aussahen, aber auch zu jeder beliebigen SM-Domina gepasst hätten.

»Kommen Sie«, sagte sie nun. »Das hier muss Ihnen im Vergleich zu Ihrem alten Job doch so vorkommen, als würden Sie Farbe beim Trocknen beobachten.«

»Nein. Es ist eine willkommene Abwechslung, glauben Sie mir.«

»Ich glaube Ihnen aber nicht, Mr. Dark. Ich habe eine Menge über Sie gelesen. Ich habe Sie studiert, Sie und die Bestien, die Sie gejagt haben. Ich bin sicher, Sie könnten einige der Studenten hier gewaltig erschrecken, aber trotzdem … kein Vergleich, meinen Sie nicht?«

Die Frau lächelte, als sie sprach. Ihre Augen leuchteten – sie hungerte nach Einzelheiten. Los doch, sagten diese Augen. Mach mir eine Gänsehaut.

Das Lehren war eine merkwürdige Sache. Als Dark das letzte Mal vor einer Klasse gestanden hatte, hatten Cops aus Florida auf den Schulbänken gesessen. Eine Gruppe Grundschullehrer hatte Dutzende von fünf- und sechsjährigen Kindern sexuell missbraucht. Hinterher hatten diese Lehrer vor den Augen der Kinder Tieren die Kehlen durchgeschnitten und sie ausbluten lassen: Eine Lektion über den Tod. Habt ihr das gesehen, Kinder? Wenn ihr jemandem auch nur ein Wort von dem erzählt, was hier passiert ist, tun wir mit euren Eltern das Gleiche.

Waren es solche Geschichten, für die Miss Blake sich interessierte? Galt das in diesen Kreisen als amüsante Plauderei?

»Mir gefällt es hier«, erwiderte Dark.

Er musste einräumen, dass seine Tätigkeit als Lehrer eine überraschende Nebenwirkung hatte: Sie zwang ihn, über das nachzudenken, womit er früher seinen Lebensunterhalt verdient hatte. Jahrelang hatte er nur nach seinem Instinkt gehandelt. Sicher, da war seine Ausbildung – zuerst die Police Academy, dann die Special Circs. Dark hatte so lange Forensik studiert, bis er von Blutspritzern und Leichenteilen geträumt hatte. Doch der Stoff aus den Lehrbüchern hatte keinen Einfluss darauf gehabt, wie er die Monster zu fassen bekam. Als er die Aushilfsstelle an der Uni angenommen und seinen ersten Unterrichtsplan entworfen hatte, war er gezwungen gewesen, sich selbst die Frage zu stellen: Wie gehe ich zu Werke, wenn ich ein Monster jage?

»Es geht nicht um den einen entscheidenden Hinweis, der den Fall offenlegt«, hatte er seinen Studenten in der Vorlesung vor ein paar Stunden erklärt. »Es geht darum, der Geschichte zu lauschen, die die Gesamtheit der Hinweise erzählt. Wenn Sie einen Fall nicht lösen können, bedeutet das, dass Sie noch nicht genug von dieser Geschichte gehört haben.«

Dark hatte Blakes Geschichte sofort durchschaut. Zu Beginn der Veranstaltung hatte sie einen Verlobungsring getragen. Jetzt war der Ring verschwunden, und nur ein heller Schatten auf der Haut verriet, wo er gesessen hatte. Als Nächstes würde sie nach einem Vorwand suchen, ihn unter vier Augen zu treffen, mit der Bitte, ihr bei einem Artikel zu helfen oder etwas in der Art.

»Was hat Sie hierhergeführt, wenn ich fragen darf?«, erkundigte sie sich interessiert.

Dark warf einen Blick zum Buffet und zitierte die auswendig gelernte Antwort, die er sich schon vor Monaten zurechtgelegt hatte. »Eines Tages wurde mir klar, dass ich seit fast zwanzig Jahren Monster gejagt hatte und dass es vielleicht an der Zeit war, sich um all die Dinge zu kümmern, die ich versäumt hatte.«

Die meisten Menschen verlangten eine eingängige Antwort, etwas leicht Verdauliches. Sie wollten nicht über das nachdenken, was Dark getan hatte. Was sein Job mit seiner Seele angestellt hatte. Dass er beispielsweise, wenn er zum Buffet schaute, wo die Studenten mit blitzenden Messern das Fleisch aufschnitten, an die zahllosen zerstückelten Leichen denken musste, die auf ähnliche Weise zerlegt worden waren. Männer, Frauen, Kinder. Zu viele Kinder. Für die Schlächter, die er gejagt hatte, machte so etwas keinen Unterschied …

Stopp, ermahnte er sich. Hör auf damit. Du denkst nicht wie ein normales menschliches Wesen. Und du bist an einer Uni, verdammt.

Dark hatte eine Stelle als Assistenzprofessor inne und unterrichtete die höheren Semester in Strafrecht. Vom Elite-Jäger zum braven Dozenten, und das in einer Zeitspanne von wenigen Monaten. Die Universität gab vor, sich sehr darüber zu freuen, Dark verpflichtet zu haben, doch für die meisten Mitarbeiter der Abteilung für Strafrecht war seine Anwesenheit ein verzweifelter Stunt auf der Jagd nach Publicity. Dark war immer noch berühmt wegen des Sqweegel-Falls vor fünf Jahren, und die Öffentlichkeit würde ihn und den psychopathischen Killer so schnell nicht vergessen. Selbst die Studentenzeitung hatte ihn aufs Korn genommen und ihren Lesern empfohlen, mit einem Ganzkörperkondom zu Darks Vorlesungen zu gehen. Anderenfalls würde er ihre DNA analysieren, hatte der Autor gewitzelt.

»Haben Sie heute Abend ein bisschen Zeit?«, riss Blake ihn aus seinen Gedanken. »Ich hätte ein paar Fragen an Sie. Wenn es Ihnen nicht zu viele Umstände macht, heißt das.«

»Was für Fragen?«

»Es geht um meine Dissertation. Nur ein paar Minuten, versprochen. Das Abendessen geht auf mich.«

Jetzt war sie schon beim Abendessen. Sie hatte es plötzlich ziemlich eilig. Dark fragte sich, ob sie sich bereits eine Ausrede für ihren Verlobten ausgedacht hatte, oder ob sie erst fremdgehen und sich hinterher etwas einfallen lassen würde. Während sie auf seine Antwort wartete, drehte sie das Haar auf einen Finger, plusterte die Lippen ein ganz klein wenig auf und sah ihn aus großen Augen an. Dark wünschte sich, er würde die Menschen nicht so leicht durchschauen.

»Das Abendessen ist schon vergeben«, antwortete er. »Aber ich habe meine Sprechstunde, montags um halb eins, nach der Vorlesung.«

Blake tat so, als hätte sie ihn nicht gehört. »Ich möchte noch einen Becher Wein. Sie auch?«

Als wären sie beide auf einer Fassbierparty. Als wollte sie versuchen, ihn betrunken zu machen.

Dark reichte ihr seinen Becher. »Sicher.« Was sie nicht wissen konnte – es brauchte viel mehr als einen billigen Chardonnay in einem Pappbecher. Dark wusste genau, wie der Nachmittag enden würde. Miss Blake würde zu ihrem Verlobten fahren und er, Dark, würde allein nach Hause gehen. Manchmal wünschte er sich, er wäre imstande, den Jäger in seinem Kopf abzuschalten, den Wein zu trinken, Miss Blake die Freakshow zu liefern, auf die sie scharf war, und alles andere in einem Nebel aus Alkohol und Sex auszublenden.

Aber das war unmöglich. Wenigstens so lange, wie das halbfertige Kinderzimmer seiner Tochter auf ihn wartete.

6.

West Hollywood, Kalifornien

Auf dem Weg nach Hause nahm Dark sich vor, Sibby in Santa Barbara anzurufen und mit ihr über die Farbe für ihr neues Kinderzimmer zu reden. Doch als er vor seinem Haus vorfuhr, wurde ihm bewusst, dass er nicht einfach fragen konnte, welche Farbe sie wollte. Es gab Tausende verschiedener Nuancen, und Sibby wollte wahrscheinlich Proben sehen. Was bedeutete, dass er aus einem Laden eine Handvoll Probenkartons mitnehmen und damit nach Santa Barbara fahren musste. Ein Besuch bei seiner Tochter war ohnehin überfällig.

Dark schloss die Haustür auf, als ihm dämmerte, dass es längst zu spät war für einen Besuch. Die Veranstaltung der Fakultät hatte zu lange gedauert, und es herrschte ein schreckliches Verkehrsgewühl. Bis er in Santa Barbara war, lag Sibby wahrscheinlich schon im Bett.

Also beschloss Dark stattdessen, seinen Keller in Augenschein zu nehmen.

Es gibt nicht viele Häuser in Kalifornien, die über einen Keller verfügen. Doch Darks Zuhause, das er im Juli gekauft hatte, war das ehemalige Heim von William Burnett, einem berüchtigten Arzt aus den 1940ern. Berüchtigt allerdings nur noch bei einer Handvoll Menschen in Altersheimen. Ansonsten hatte L. A. ihn völlig vergessen.

Burnett hatte ein paar Clubs am Sunset Strip besessen, hatte die Polizei von Los Angeles geschmiert und mit verschreibungspflichtigen Narkotika gedealt. Was ihn auf dem Strip äußerst populär gemacht hatte. Allerdings dauern derartige Unternehmungen nie ewig. Dr. Burnetts Leben nahm eine dramatische Wendung, als er anfing, zu viele von seinen eigenen Pillen zu schlucken. Er tötete einen Patienten auf dem Operationstisch, weil er die falsche Arterie abklemmte. Die Ermittlungen brachten ein Dutzend widerrechtliche Tötungen ans Licht und führten schließlich zu einer Anklage vor Gericht.

Dark hatte Burnetts geheimen Keller entdeckt, als er das erste Mal allein im Haus gewesen war. Der Immobilienmakler war draußen und telefonierte, und Dark war auf Erkundungsreise gegangen. Er hatte ein Haus gesucht, das man schnell verbarrikadieren und dichtmachen konnte, denn er hatte zu viele Monster erlebt, die sich in winzigen Nischen versteckten.

Im Elternschlafzimmer entdeckte er dann etwas Merkwürdiges. Alte Schleifspuren, übersät mit neuen Spuren und Flecken, sodass sie kaum noch zu erkennen waren. Dark hatte sich auf alle viere sinken lassen und die Dielen abgetastet. Es war definitiv etwas darunter.

Plötzlich war der Makler ins Zimmer gekommen. »Was machen Sie denn da?«, rief er erschrocken aus. »Stimmt etwas nicht?«

»Nein, nein, alles in Ordnung. Ich wollte mich nur überzeugen, dass der Boden eben ist«, antwortete Dark. »Ein so altes Haus in einer Erdbeben-Gegend … manchmal verziehen sich die Böden.«

Der Makler erwiderte pikiert, dass das Haus garantiert nicht verzogen sei und absolut den Vorschriften der City von West Hollywood entspräche. Dark hatte die Sache auf sich beruhen lassen – für den Augenblick.

Später in der Nacht war er zurückgekehrt und in das leerstehende Gebäude eingedrungen. Es war nicht weiter schwierig gewesen, denn sämtliche Makler benutzten die gleichen sperrigen Schließkästen, die sich mit einem Dietrich leicht öffnen ließen. Fast eine Stunde lang suchte er das Schlafzimmer ab, bis er sie gefunden hatte – die getarnte Vorrichtung neben dem Lichtschalter des Schranks. Er legte den Hebel um, und die Blende klappte auf. Dahinter war ein weißer Plastikknopf. Er drückte darauf und hörte ein metallisches Geräusch, als sich eine Verriegelung unter dem Dielenboden löste. Eine Luke schwang auf und führte hinunter in einen geheimen Raum.

Burnett, du alter Bastard.

Niemand wusste etwas davon. Nicht der Makler, und wahrscheinlich auch nicht die vorherigen Bewohner. Niemand außer Dr. Burnett, der in den frühen 1960ern ausgezogen war. Oder besser gesagt, den man verhaftet und angeklagt hatte.

Dark stieg in den Keller hinunter. Er sah aus wie das Labor eines Gerichtsmediziners aus den 1950ern. Untersuchungstische aus Stahl. Weiß lackierte Metallschränke. Gefliester Boden mit Abfluss. Man konnte den Raum mühelos mit einem Schlauch ausspritzen.

Die Untersuchungstische …

Dark stellte Nachforschungen an.

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