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Leuchtende Sonne, weites Land

Elizabeth Haran



LEUCHTENDE SONNE,
WEITES LAND

Roman


Übersetzung aus dem
australischen Englisch
von Sylvia Strasser

BASTEI ENTERTAINMENT

Ich widme dieses Buch
meiner lieben Freundin Eleanor Robinson, die wie eine
zweite Mutter für mich ist.

Eleanor, wir haben immer so viel Spaß zusammen,
und du bedeutest mir so viel.

PROLOG

Atlanta, Georgia
Januar 1946

»Polizei! Machen Sie auf, Mr. Gordon-Smith!«, befahl eine energische Männerstimme, die den Lärm auf der Straße übertönte.

Heftig wurde gegen die Tür gehämmert. Margaret, Lionel und ihre beiden Kinder konnten die aufgebrachte Menge hören, die sich in der Dunkelheit vor dem weißen Lattenzaun versammelt hatte, der den gepflegten Garten umgab. Die Nachbarn in diesem überwiegend von Weißen bewohnten, gutbürgerlichen und sonst so ruhigen Vorort von Atlanta waren vermutlich genauso erschrocken über den Aufruhr da draußen wie Lionel und seine Familie, denen die Anfeindungen des Pöbels galten.

Begonnen hatte alles zwei Tage zuvor nach dem tragischen Tod der siebenjährigen Valmae Brown. Inzwischen hatte sich die Lage derart zugespitzt, dass die Familie um ihr Leben fürchten musste und sich nicht mehr aus dem Haus wagte.

Lionel spähte vorsichtig durch die Spitzengardinen des Fensters neben der Haustür. Im schwachen Lichtschein konnte er zwei uniformierte Männer auf der Veranda erkennen. Hinter ihnen, auf der Straße, sah er zornige Gesichter im Schein einiger Fackeln.

»Es ist wirklich die Polizei«, sagte er mit einem Blick auf das verängstigte Gesicht seiner Frau. »Ich lasse sie besser herein.«

»Warte! Bist du auch ganz sicher?«, flüsterte Margaret angespannt. Sie sorgte sich vor allem um ihre beiden Kinder, die sie auf ihr Zimmer geschickt hatte, wo sie zwischen den geschlossenen Vorhängen hindurch auf die Straße hinauslugten.

Die dreizehnjährige Jacqueline war ungewöhnlich vernünftig und pragmatisch für ihr Alter, während Mitchell, ihr achtjähriger Bruder, ein rechter Wildfang war. Die Geschwister standen einander sehr nahe. Jacqueline, die sich nicht erklären konnte, warum sich die aufgebrachten Schwarzen da draußen versammelt hatten, war starr vor Angst, aber sie versuchte, sich ihrem Bruder zuliebe nichts anmerken zu lassen.

»Von denen droht uns bestimmt keine Gefahr«, sagte Lionel nach einem weiteren prüfenden Blick aus dem Fenster.

Jetzt erst sah er, dass die beiden Polizisten keine Unbekannten waren. Er wusste, sie waren wegen Margaret gekommen. Sosehr ihn der Gedanke auch beunruhigte, dass sie sie festnehmen könnten – im Augenblick wäre sie im Gefängnis vermutlich sicherer als zu Hause.

Lionel schob den Riegel zurück, ließ die Beamten herein, schloss die Tür schnell wieder und verriegelte sie erneut. Er hatte Sergeant Riley und den jungen Officer Jellicoe bereits zwei Tage zuvor kennen gelernt, als sie Margaret wegen Valmae vernommen hatten.

»Warum unternehmen Sie nichts gegen den Pöbel da draußen?«, fragte Lionel ungehalten. Er konnte seinen Zorn kaum unterdrücken.

»Meine Männer versuchen, die Leute zu zerstreuen, Sir«, erwiderte Sergeant Riley entschuldigend und mit einem Seitenblick auf Margaret. »Ich habe angeordnet, dass die Rädelsführer festgenommen werden. Ich schätze, dann werden die anderen nach Hause gehen.«

In Wirklichkeit hielt er die Lage für so ernst, dass er Verstärkung von einem anderen Revier angefordert hatte. In den amerikanischen Südstaaten waren die als »Jim Crow« bekannten Gesetze zur Einhaltung der Rassentrennung, mit denen eine Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung einherging, immer noch in Kraft, auch wenn sich allmählich ein Wandel bemerkbar machte. Da im Süden die Arbeitslosigkeit unter den Schwarzen sehr hoch war, hatten sich während des Zweiten Weltkriegs viele freiwillig zum Militär gemeldet. Sie waren mit Handkuss genommen worden, sodass sich die Regierung jetzt gezwungen sah, ihre scheinheilige Haltung aufzugeben: Man konnte die Schwarzen nicht länger als Bürger zweiter Klasse behandeln.

Aber unter den Weißen gab es Gruppierungen, die sich vehement gegen den Wandel sträubten und an der alten Ordnung festhalten wollten. Nachdem in der Gegend unlängst zwei Morde verübt worden waren, hatten sich die Spannungen zwischen Schwarz und Weiß verschärft. Die Schwarzen forderten Wiedergutmachung für das erlittene Unrecht. Und Valmaes Tod war in ihren Augen ein Unrecht von ungeheuren Ausmaßen. Ein weiterer Mord. Obwohl alle »Beweise« Margaret entlasteten, verlangten die Schwarzen, dass sie ins Gefängnis gesteckt wurde.

Lionel konnte es nicht fassen, dass die Polizei offenbar nicht imstande war, mehr für ihn und seine Familie zu tun. Er hätte seinem Unmut gern Luft gemacht, beherrschte sich aber, um seine Frau nicht noch mehr zu beunruhigen. In ohnmächtigem Zorn ballte er die Fäuste.

Jacqueline öffnete die Zimmertür vorsichtig einen Spalt breit und lauschte.

»Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass die Ermittlungen abgeschlossen sind, Mrs. Gordon-Smith. Der Fall wird zu den Akten gelegt. Es wird keine Anklage gegen Sie erhoben werden«, sagte Sergeant Riley.

Jacqueline wusste nicht genau, was der Polizeibeamte damit meinte, aber sie sah, dass ihre Mutter alles andere als erleichtert wirkte, und das verwirrte sie. Der Sergeant trat näher zu ihrer Mutter hin und raunte ihr etwas zu, das Jacqueline aber nicht verstehen konnte. Das blasse Gesicht ihrer Mutter verzerrte sich vor Kummer, und sie rang nervös die Hände, was sie nur tat, wenn sie sehr aufgewühlt war.

»Es ist mir egal, was Sie sagen«, brach es aus ihr hervor. »Ich bin schuldig! Ich weiß es, und die da wissen es auch.« Sie machte eine vage Handbewegung zu der Menge draußen auf der Straße hin und begann unvermittelt zu schluchzen.

Lionel legte seiner Frau tröstend seinen Arm um die zuckenden Schultern. »Hör auf, dir Vorwürfe zu machen, Maggie. Woher hättest du wissen sollen, dass das kleine Mädchen auf dem Parkplatz war? Es war dunkel, und sie hätte um diese Zeit zu Hause sein sollen. Wenn man jemandem die Schuld an diesem schrecklichen Unglück geben kann, dann ihren Eltern.«

»Aber ich wusste, dass sie immer wieder zur Ballettschule kam«, erwiderte Margaret unter Tränen. »Ich hätte besser aufpassen müssen. Ich hätte mich vergewissern müssen, dass sie nicht in der Nähe ist.«

»Das hätte auch nichts geändert. Du warst nicht für sie verantwortlich, Maggie. Wann wirst du das endlich begreifen?«, stieß Lionel frustriert aus.

Er wusste nicht mehr, wie oft er in den letzten beiden Tagen versucht hatte, ihr ihre Schuldgefühle auszureden, aber Margaret wollte einfach nicht auf ihn hören. Als ehemalige professionelle Balletttänzerin, die an der privaten Vivienne School of Ballet unterrichtete, konnte sie die Begeisterung des kleinen schwarzen Mädchens für das Tanzen sehr gut verstehen. Sie machte sich bittere Vorwürfe, dass sie sich nicht stärker für die Kleine eingesetzt hatte, deren sehnlichster Wunsch es gewesen war, Ballettunterricht zu nehmen.

Jacqueline versuchte, sich einen Reim auf das, was sie aufgeschnappt hatte, zu machen. Offenbar gab ihre Mutter sich die Schuld am Tod eines schwarzen Mädchens, und die Schwarzen in der Stadt schienen sie ebenfalls dafür verantwortlich zu machen. Aber was genau sollte ihre Mutter getan haben? Und wie war das kleine Mädchen ums Leben gekommen? War sie überfahren worden?

Jacqueline hatte Angst, die Polizei werde ihre Mutter mitnehmen, doch es sah nicht danach aus. Sie freute sich natürlich darüber, aber sie fragte sich auch, weshalb die Menschen draußen auf der Straße so wütend waren, wenn ihre Mutter unschuldig war.

»Sie sollten wissen, dass da draußen auch einige Reporter warten«, fügte der Sergeant warnend hinzu. »Wenn die Zeitungen Wind davon bekommen, dass wegen Valmae Browns Tod keine Anklage gegen Sie erhoben wird, könnte das die Stimmung anheizen.« Er sah Lionel ernst an. »Das heißt, es könnte noch wesentlich mehr Ärger geben. Vielleicht wäre es ganz gut, wenn Sie die Stadt für eine Weile verlassen würden.«

Was er in Wirklichkeit dachte, nämlich, dass es für die Familie lebensgefährlich sein könnte zu bleiben, behielt er für sich, da Margaret sich ohnehin schon am Rand eines Nervenzusammenbruchs befand. Er brauchte nicht deutlicher zu werden. Lionel arbeitete in der britischen Botschaft, er wusste um die Brisanz der Situation.

Im gleichen Augenblick ließ ein gewaltiges Krachen und Klirren, das vom Nachbarhaus kam, sie alle zusammenfahren.

»Margaret, schau bitte nach den Kindern«, bat Lionel. Als sie außer Hörweite war, fragte er mit gedämpfter Stimme, wobei er abermals einen besorgten Blick nach draußen warf: »Was meinen Sie, werden wir jemals in unser Zuhause zurückkehren können?«

»Ich wollte Ihre Frau nicht unnötig beunruhigen, Sir, aber ich an Ihrer Stelle würde die Stadt so schnell wie möglich verlassen. Ich habe nicht genug Leute, um Sie und Ihre Familie im Ernstfall schützen zu können, und der Pöbel da draußen will Blut sehen.« Der Sergeant senkte seine Stimme zu einem Flüstern. »Die Ballettschule, wo Valmae Brown ums Leben kam, wurde vor ein paar Stunden in Brand gesetzt, und am Everglade Drive sind zwei Geschäfte überfallen und verwüstet worden. Bei einigen Ihrer Nachbarn sind die Fenster eingeworfen worden. Die Lage wird von Stunde zu Stunde brenzliger. Berichten die Zeitungen erst einmal darüber, dass auf eine Anklage gegen Ihre Frau verzichtet wird, könnten Sie und Ihre Familie ernsthaft in Gefahr sein.«

Lionel nickte. Ihm war der Ernst der Situation völlig klar. »Sie haben Recht. Ich werde Ihren Rat befolgen.«

»Gibt es einen Hinterausgang?«

»Ja. Von der Garage gelangt man auf eine kleine Straße hinter dem Haus.«

»Gut. Dann sehen Sie zu, dass Sie so schnell wie möglich von hier wegkommen«, riet der Sergeant.

Margaret kam vom Kinderzimmer zurück. Im gleichen Moment war draußen ein dumpfes Scheppern zu hören. Der Sergeant lugte aus dem Fenster. Auf dem Fußweg vom Bürgersteig zur Haustür lag eine Statue, die von ihrem Sockel im Vorgarten gestoßen und zerbrochen war. Einige Polizisten versuchten, die aufgebrachte Menge zurückzudrängen.

»Ich muss zu meinen Leuten«, sagte der Sergeant. Er nickte Lionel mit einer knappen Kopfbewegung zu. »Viel Glück, Sir. Ma’am.«

Lionel ließ ihn hinaus und sperrte die Tür sofort wieder zu.

»Wir sind in großer Gefahr, nicht wahr?«, wisperte Margaret, der die düstere Miene des Polizeibeamten und sein unheilvoller Tonfall nicht entgangen waren.

»Pack schnell ein paar Sachen zusammen, Maggie«, sagte Lionel. »Der Sergeant hat Recht. Wir können nicht hierbleiben.«

»Was wird aus dem Haus?« Sollten sie alles, was sie besaßen, alles, woran sie hingen, einfach zurücklassen?

»Das Haus ist nicht so wichtig. Das Leben unserer Kinder steht auf dem Spiel.«

Lionel bemühte sich, einen kühlen Kopf zu bewahren, aber innerlich schäumte er. Es erboste ihn, dass die Polizei nicht imstande war, seine Familie und sein Zuhause zu schützen.

»Ich lass schon mal den Motor warmlaufen.« Er wollte es nicht riskieren, dass der Wagen nicht ansprang und sie einem wütenden Pöbel ausgesetzt waren.

Lionel warf sich seinen Mantel über und eilte durch die Hintertür zur Garage. Margaret kehrte ins Kinderzimmer zurück, wo sie Jacqueline und Mitchell, die beide schon bettfertig waren, befahl, sich wieder anzuziehen.

»Aber warum denn, Mom? Gehen wir fort? Wohin gehen wir?«, fragte das Mädchen.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Margaret kopfschüttelnd. »Frag nicht so viel, beeilt euch lieber!«

Ein lautes Poltern ließ sie zusammenzucken. Sie spähte ängstlich aus dem Fenster und sah, dass etwas auf die vordere Veranda geschleudert worden war. Sie dachte an ihren Garten, den sie so liebevoll gepflegt hatte, an die Steinfiguren und die Blumen in den bunten Übertöpfen, die ihn im Sommer schmückten. Sie glaubte nicht, dass irgendetwas davon übrig bleiben würde. Ihr war nach Weinen zumute, aber sie riss sich um ihrer Kinder willen zusammen.

»Bleibt von den Fenstern weg, hört ihr?« Margarets Stimme zitterte.

Hastig raffte sie ein paar Kleidungsstücke aus den Schubladen der Kommode zusammen und warf alles in eine Tasche. Dann lief sie in ihr Schlafzimmer, um ein paar Sachen von sich und Lionel einzupacken. Als sie ein Schubfach aufzog, fiel ihr Blick auf ihre Fotoalben. Sie nahm zwei heraus, die Fotos der Kinder enthielten, und legte sie in den Koffer. Kleidung konnte man ersetzen, die Fotos nicht. Nach kurzer Überlegung warf sie auch ihr Tagebuch hinein. Sie hoffte, Lionel würde sie verstehen.

Als er wenige Minuten später wieder hereinkam, hatte sie eine Tasche und einen Koffer gepackt. Die Kinder waren dick eingemummelt. Es war bitterkalt, so kalt wie lange nicht mehr, und es schneite seit einigen Stunden ununterbrochen. Lionel nahm die Tasche in die eine Hand, den Koffer in die andere.

»Seid ihr so weit?«

Margaret nickte und sah ihre beiden Kinder besorgt an. Mitchell hielt seine hölzerne Spielzeuglok an sich gepresst. Er hatte die Eisenbahn zu seinem achten Geburtstag wenige Wochen zuvor geschenkt bekommen.

»Möchtest du nicht eine von deinen Puppen mitnehmen, Jacqueline?« Ihre Tochter spielte schon seit langem nicht mehr mit ihren Puppen, aber Margaret dachte, dass sie vielleicht ein Andenken an ihre Kindheit mitnehmen wolle. Immerhin war es möglich, dass sie ihr Zuhause bei ihrer Rückkehr nicht mehr vorfinden würden.

»Nein«, erwiderte das Mädchen ernst. »Ich bin zu alt zum Puppenspielen, Mom.«

Diese Worte brachen Margaret schier das Herz. Ihre Tochter musste viel zu schnell erwachsen werden, dabei war sie mit ihren dreizehn Jahren doch noch ein Kind, das auf ihren Schutz und ihre Fürsorge angewiesen war.

»Wohin gehen wir, Daddy?«, fragte Mitchell. Er war noch zu klein, um den Ernst der Situation erfassen zu können. Für ihn war der unvorhergesehene Ausflug ein spannendes Abenteuer.

»Ich weiß es noch nicht, mein Sohn.«

Lionel klemmte sich die Reisetasche unter den Arm und ergriff Mitchells Hand. Der Junge blickte vertrauensvoll zu ihm auf. Lionel gab es einen Stich. Er würde lieber sterben, als zuzulassen, dass seiner Familie ein Leid geschah.

Das Splittern von Glas schreckte sie auf. Margaret stieß einen Entsetzensschrei aus, als sie den rötlichen Lichtschein bemerkte, der aus dem Wohnzimmer fiel. Die Fensterscheibe war mit einem Brandsatz eingeworfen worden, einer mit Benzin gefüllten Flasche, die mit einem Lumpen zugestopft war, den man angezündet hatte. Der Boden war mit Scherben übersät. Schon hatten die Flammen auf die schweren Vorhänge übergegriffen und züngelten über den Teppich.

Margaret drückte ihre beiden völlig verängstigten Kinder fest an sich, während sie mit weit aufgerissenen Augen auf die gespenstische Szenerie starrte. Durch das zerbrochene Fenster konnte sie dunkle Gestalten durch den Vorgarten schleichen sehen und hörte Drohungen und Beschimpfungen, die sich gegen sie und ihre Familie richteten.

»Machen wir, dass wir hier rauskommen«, stieß Lionel gepresst hervor. Er konnte nicht fassen, wie schnell ihr aller Leben sich in einen Albtraum verwandelt hatte.

»Aber wir müssen doch etwas tun!«, stammelte Margaret.

Sie liebte ihr Zuhause über alles, aber kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, als sie es auch schon bereute. Sie mussten sich und ihre Kinder in Sicherheit bringen. Alles andere war im Grunde unwichtig.

»Dafür haben wir keine Zeit. Los, beeilt euch!« Lionel drängte seine Frau und seine Kinder zur Hintertür.

Sie liefen zur Garage. Als Margaret und die Kinder eingestiegen waren, warf Lionel einen prüfenden Blick in die schmale Straße hinter dem Grundstück. Sie wirkte verlassen. Er eilte zum Auto und sprang hinein.

Sekunden später rollte der Wagen auf die schneebedeckte Nebenstraße. Lionel ließ die Scheinwerfer ausgeschaltet, als er nach links auf die Hauptstraße einbog, die früher an diesem Tag geräumt worden war. Er fuhr langsam, um nicht auf sich aufmerksam zu machen, er hoffte inständig, dass ihre Flucht unbemerkt blieb.

Einige Augenblicke lang glaubte er schon, sie hätten es geschafft und seien in Sicherheit, doch dann hörte er plötzlich jemanden brüllen: »Da sind sie! Los, hinterher! Die schnappen wir uns!«

Lionel schlug das Herz bis zum Hals. Er schaltete die Scheinwerfer ein, gab Gas und fuhr so schnell, wie die schlüpfrige Straße es zuließ. Im Rückspiegel sah er, wie sie von ein paar Männern zu Fuß verfolgt wurden. Aber es gelang ihm, sie abzuhängen. Er atmete auf, als sie endlich auf die Schnellstraße gelangten. Eine Weile schien es, als hätten sie ihre Verfolger abgehängt, doch auf einmal tauchten Scheinwerfer im Rückspiegel auf. Das Fahrzeug, zu dem sie gehörten, kam rasch näher.

»Gott, steh uns bei«, murmelte Lionel.

Margaret blickte ihn angstvoll an. »Was ist?«

Er antwortete nicht. Er umklammerte das Lenkrad mit beiden Händen und trat das Gaspedal durch, aber in seiner Panik verlor er auf der vereisten Straße die Kontrolle über den Wagen. Das Auto schlidderte seitwärts in den am Straßenrand aufgetürmten Schnee. Margaret und die Kinder schrien auf. Lionel nahm den Fuß vom Gaspedal, und die von einer Vakuumpumpe betriebenen Scheibenwischer schoben die Schneeflocken schneller von der Windschutzscheibe. Irgendwie gelang es Lionel, das Fahrzeug wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Er streifte seine Frau mit einem Seitenblick. Selbst in dem schummrigen Licht im Fahrzeuginneren konnte er erkennen, dass sie kalkweiß geworden war. Die beiden Kinder klammerten sich auf der Rückbank aneinander. Mitchell blickte ängstlich über die Schulter aus dem Heckfenster. Schließlich drehte er sich um, kniete sich hin und wischte mit der Hand über die angelaufene Scheibe.

»Da ist ein Wagen hinter uns, Daddy. Er ist ganz schön schnell.« Lionel antwortete nicht. Der Junge wandte sich seiner Schwester zu. »Verfolgt er uns?«

»Nein, nein«, beruhigte Jacqueline ihn. »Setz dich wieder richtig hin.«

»Hast du nicht gehört?«, fuhr Margaret ihn an. »Tu, was deine Schwester sagt.«

Lionel trat das Gaspedal von neuem durch.

»Nicht so schnell!«, kreischte Margaret. Sie spürte, wie der Wagen auf der glatten Straße ins Rutschen kam, und klammerte sich an ihren Sitz. Das Schneetreiben war so dicht, dass sie kaum ein paar Meter weit sehen konnten.

Lionel blickte nervös in den Rückspiegel. Die Scheinwerfer hinter ihnen kamen rasch näher, und sie waren praktisch völlig allein auf dieser Schnellstraße. Nackte Angst schnürte Lionel die Brust zusammen. Er malte sich aus, wie seine Frau und seine Kinder von Valmae Browns Angehörigen aus Rache ermordet wurden. Das durfte er nicht zulassen. Seine Familie bedeutete ihm mehr als alles auf der Welt, und sie verließen sich darauf, dass er sie beschützte. Er flehte im Stillen, dass ein Wunder geschah.

Die Straße beschrieb einen lang gezogenen Rechtsbogen. Lionel schlug das Lenkrad ein, aber der Wagen reagierte nicht, die Räder blockierten. Sie fuhren geradewegs auf die Gegenfahrbahn. In diesem Moment näherte sich ein Fahrzeug. Lionel kniff die Augen gegen das grelle Scheinwerferlicht zusammen. Er hörte noch, wie Margaret einen gellenden Schrei ausstieß, dann prallten sie mit dem Kühler in eine Schneeverwehung am Straßenrand, fast gleichzeitig wurden sie von dem entgegenkommenden Fahrzeug gerammt. Der Wagen schoss über die Leitplanke hinweg und eine Böschung hinunter, überschlug sich mehrfach und blieb neben einer Bahnlinie auf dem Dach liegen.

Plötzlich war es totenstill. Nur das Surren und Zischen der sich drehenden Räder war zu hören.

Als Jacqueline die Augen aufschlug, herrschte Dunkelheit rings um sie her. Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Sie wusste nur, dass ihr Genick und ihre Schulter furchtbar wehtaten und sie entsetzlich fror. Erst nach einer ganzen Weile wurde ihr klar, dass sie auf der Innenseite des Wagendachs lag und nicht auf der Rückbank.

»Mom?«, krächzte sie schwach. »Dad?« Niemand antwortete.

Sie tastete mit beiden Händen ihre Umgebung ab. Jacqueline fand Mitchell im selben Moment, als der Strahl einer Taschenlampe sein lebloses, blutüberströmtes Gesicht erfasste. Seine Spielzeuglok lag neben ihm.

»Wach auf, Mitchell«, wisperte Jacqueline, die eine düstere Vorahnung überkam. »Mitchell? Wach doch auf!«

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie hörte Stimmen, einige waren weiter weg, andere ganz nah. Sie lauschte. Ob ihre Eltern sich schon aus dem Wagen befreit und Hilfe geholt hatten?

»Alles in Ordnung?«, fragte eine freundliche männliche Stimme. Jacqueline drehte den Kopf ein klein wenig und erblickte einen Mann, der im Schnee kniete und durch das zersplitterte Fenster zu ihr hereinsah. »Hab keine Angst, wir holen dich gleich da raus.«

»Wo ist meine Mom?«, wimmerte das Mädchen. »Ich will zu meiner Mom.«

Obwohl sie benommen und völlig verwirrt war, hörte sie genau, wie jemand leise sagte: »Der Junge und die Frau haben es nicht geschafft.«

Diese Worte sollten ihr Leben für immer verändern.

1

Oktober 1964
Küste von South Australia

»Da bist du ja, Henry!«, rief Jacqueline, als sie ihren Mann an der Schiffsreling erblickte.

Henry, der sich angeregt mit einer blonden Frau unterhalten hatte, fuhr erschrocken herum. »Jacqueline!« Die Umstehenden blickten verblüfft auf, so entgeistert hatte er den Namen seiner Frau ausgesprochen. »Ich habe gar nicht damit gerechnet … ich meine, schön, dass du an Deck gekommen bist, Liebes.« Er lächelte gezwungen.

Jacqueline hatte seit Wochen kaum etwas zu sich genommen, deshalb war sie entkräftet und ganz außer Atem, nachdem sie von ihrer Kabine auf dem C-Deck die drei Treppen zum Promenadendeck hinaufgestiegen war. Sie war so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie die merkwürdige Reaktion ihres Mannes nicht bemerkte. Auf wackligen Beinen stakste sie auf dem schlingernden Schiff an die Reling und umklammerte sie mit beiden Händen.

»Als ich durch das Bullauge Land gesehen habe, hielt ich es unten nicht mehr aus.« Jacqueline zog die salzige Seeluft tief in die Lungen. »Herrlich! Endlich wieder frische Luft!« Sie schloss die Augen und streckte ihr blasses Gesicht der Morgensonne entgegen, die sie mit ihren warmen Strahlen liebkoste.

Zum ersten Mal seit Wochen war ihr nicht sterbenselend. Seit sie in Amerika an Bord der Liberty Star gegangen war, war sie seekrank gewesen. Der Schiffsarzt hatte ihr verschiedene Mittel gegen die heftige Übelkeit verabreicht, aber nichts hatte wirklich geholfen. Viele Menschen würden seekrank, sogar Seeleute seien nicht dagegen gefeit, hatte er ihr erklärt, den einen oder anderen habe man schon auf seinem Bett festbinden müssen, damit er nicht über Bord sprang, weil ihm so fürchterlich übel war. Jacqueline hatte fast zwei Wochen in ihrer Kabine verbracht, Henrys verblüffte Reaktion über ihr unverhofftes Auftauchen verwunderte sie daher nicht.

»Falls du jemals wieder die Absicht haben solltest, eine Schiffsreise mit mir zu machen, bringe ich dich um, Henry«, drohte sie ihm.

Abermals atmete sie tief durch. Da sie die Augen immer noch geschlossen hatte, sah sie nicht, wie ein Ausdruck nervösen Unbehagens über das Gesicht ihres Mannes huschte.

Nach einiger Zeit öffnete Jacqueline die Augen wieder, blinzelte und seufzte. »Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so froh sein könnte, Land zu sehen«, flüsterte sie ergriffen. Sie ließ ihren Blick über den langen weißen Strand und die Kiefern dahinter schweifen und rief ihrem Mann zu: »Sag mir bitte, dass wir uns dem Hafen von Melbourne nähern.«

»Nein, das da vorne ist Outer Harbour in South Australia. Wir legen hier einen Zwischenstopp ein, bevor es nach Melbourne weitergeht.«

Jacqueline machte ein enttäuschtes Gesicht. »Aber wir werden doch von Bord gehen und uns ein bisschen die Beine vertreten können, oder?«

Henry schüttelte den Kopf. »Meines Wissens nicht. Hier dürfen nur die Passagiere, die nach Adelaide wollen, das Schiff verlassen.«

Jacqueline stöhnte. Doch dann sagte sie sich, dass es nach knapp vier Wochen auf See auf einen Tag mehr oder weniger auch nicht ankam. »Wer war eigentlich die blonde Frau, mit der du dich unterhalten hast?«, fragte sie unvermittelt.

»Welche Frau?«, entgegnete Henry mit ausdrucksloser Miene.

Jacqueline schaute über seine Schulter auf die Frau, die ein Stück entfernt mit dem Rücken zu ihnen stand und sich jetzt mit einem anderen Passagier unterhielt, dessen Frau nicht besonders glücklich darüber schien.

»Na, die in dem kurzen lila Minirock, der weißen Bluse und den Schuhen mit den zerschrammten Absätzen.« Jacqueline hielt es für überflüssig, die schönen Beine zu erwähnen. Henry war kein Frauenheld, aber blind war er auch nicht.

Henry drehte sich nicht um. Es überraschte ihn nicht im Mindesten, dass seiner Frau ein unwichtiges Detail wie zerschrammte Absätze auffiel. Jacqueline hatte die Angewohnheit, die merkwürdigsten Dinge an anderen Menschen zur Kenntnis zu nehmen. Hatte ihn das anfangs noch fasziniert, fand er diese Marotte mittlerweile einfach nur nervtötend. »Ach so, die! Oh, das ist nur eine Mitreisende …«

»Das dachte ich mir beinahe, Henry«, versetzte Jacqueline trocken. »Ein Mitglied der Crew oder ein blinder Passagier würde wohl kaum mit Minirock und Pfennigabsätzen hier herumlaufen.«

Henry lief rot an. Er räusperte sich und wechselte das Thema. »Morgen um diese Zeit legen wir in Melbourne an, wenn alles gut geht, Jacqueline. Dann hast du wieder festen Boden unter den Füßen.«

»Ich kann’s kaum erwarten«, erwiderte sie.

Etwas am Gesichtsausdruck ihres Mannes irritierte sie. Aber sie führte die ängstliche Angespanntheit, die sich auf seiner Miene spiegelte, auf den bevorstehenden Neuanfang in einem fremden Land zurück und fand seine Gefühle verständlich. Henry würde in das Möbelgeschäft seines Bruders einsteigen, das sie zu vergrößern beabsichtigten. Nachdem er fünfzehn Jahre lang in New York City einen auf Küchengeräte spezialisierten Elektrohandel geführt hatte, war es ganz normal, dass ihm ein wenig mulmig bei dem Gedanken war, sich die Leitung einer Firma, die er nicht selbst aufgebaut hatte, mit seinem Bruder zu teilen, den er jahrelang nicht gesehen hatte. Dennoch waren sie beide der Meinung gewesen, dass ein neuer Anfang in einem fremden Land genau das Richtige für sie war. Henrys Bruder hatte Australien als Land der vielen Möglichkeiten beschrieben, ihnen von seiner endlosen Weite, dem warmen Klima und der leuchtenden Sonne vorgeschwärmt.

Henry warf einen flüchtigen Blick über seine Schulter. Die hübsche Blondine war fort. Er wandte sich wieder seiner Frau zu. Der Wind spielte mit ihren langen, seidigen braunen Haaren. Ihre blasse Haut ließ sie kränklich aussehen, ihr weißes Kleid unterstrich das noch. Da sie während der Überfahrt fast nichts bei sich behalten hatte, hatte sie ein paar Pfund abgenommen. Von den weiblichen Rundungen, die er einmal so geliebt hatte, war kaum noch etwas zu sehen.

Die angegriffene Gesundheit seiner Frau verstärkte Henrys Schuldgefühle. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr, er würde tun, was getan werden musste. Er holte tief Luft und sagte ernst: »Jacqueline.«

»Hm?«, machte sie abwesend, den Blick aufs Festland gerichtet, in Gedanken bei ihrem neuen Zuhause. Jetzt, wo Australien und ihr Ziel in diesem fremden Land in greifbare Nähe gerückt waren, war sie zum ersten Mal seit ihrer Abreise aus New York richtig aufgeregt.

»Ich muss etwas mit dir besprechen. Etwas sehr Wichtiges.«

Henrys Herz raste, der Schweiß brach ihm aus allen Poren, und es gelang ihm nicht, das Zittern in seiner Stimme zu unterdrücken. Er hatte eigentlich warten wollen, bis sich seine Frau vollständig erholt hatte, aber er merkte, wie ihm die Zeit davonlief.

»Jacqueline, hörst du mir überhaupt zu?«

»Was sagst du?« Sie wandte den Kopf und sah den Mann, mit dem sie seit zehn Jahren verheiratet war, prüfend an. Er sah besser aus denn je. »Hast du Sport getrieben, Henry?«

»Sport?« Er nestelte nervös an seinem Hemdkragen. »Unsinn! Wie kommst du denn auf so was?«

»Du siehst blendend aus, richtig gesund, irgendwie jünger.«

Er war vor einem knappen Jahr vierzig geworden, aber er wirkte nicht viel älter als sie selbst, und sie war einunddreißig. Obwohl er immer auf eine gepflegte Erscheinung geachtet hatte, war er noch sorgfältiger gekleidet als sonst. Außerdem konnte sie riechen, dass er sein bestes Rasierwasser benutzt hatte.

Jacqueline konnte sich sehr gut an den vierzigsten Geburtstag ihres Mannes erinnern, weil er Henry in eine Art Krise gestürzt hatte, die sich unter anderem in einem starken Wunsch nach Veränderung geäußert hatte. Das könne doch nicht alles gewesen sein, hatte er gesagt, es müsse doch noch mehr im Leben geben, es sei höchste Zeit, etwas Neues anzufangen. Nicht lange danach hatten sie den Entschluss gefasst, nach Australien auszuwandern.

»Im Gegensatz zu mir bist du auf See offenbar richtiggehend aufgeblüht«, bemerkte Jacqueline und versuchte, sich ihren Neid nicht anmerken zu lassen. Sie hatte das Gefühl, in den letzten Wochen um zehn Jahre gealtert zu sein. Befangen kramte sie ihre Sonnenbrille hervor und setzte sie auf, damit man ihre müden Augen nicht sah.

Henry, der von heftigen Schuldgefühlen geplagt wurde, machte den Mund auf, um zu protestieren, klappte ihn dann aber wieder zu und schwieg.

»Kein Wunder, dass sich Frauen, die halb so alt sind wie du, für dich interessieren«, neckte sie ihn. »Du bist der attraktivste Mann auf diesem Schiff, und du bist praktisch wochenlang allein gewesen.« Genau wie sie selbst. Sie hatte sich manches Mal sehr einsam gefühlt, aber sie machte Henry keinen Vorwurf deswegen. Sie konnte ja nicht erwarten, dass er die ganze Zeit bei ihr in der Kabine saß und ihr Gesellschaft leistete. Das wäre egoistisch. »Ein Glück, dass ich dir vertrauen kann und dich nicht ständig im Auge behalten muss.«

Sie scherzte nur, aber Henry fühlte sich höchst unbehaglich. »Lass uns nach unten gehen, Jacqueline, ich muss unbedingt mit dir reden.« Er hasste sich für das, was er ihr antun würde, aber er konnte nicht länger mit dieser Lüge leben.

»Nach unten? Ich denke gar nicht daran! Es wäre mir völlig egal, wenn ich diese Kabine nie wieder von innen zu sehen brauchte. Weißt du, was? Ich glaube, ich werde heute Nacht an Deck schlafen. Warm genug ist es.«

Obwohl es erst Morgen war, war es tatsächlich schon recht warm. Seit sie den Äquator überquert hatten, herrschte in den Kabinen bereits um die Mittagszeit eine unerträgliche Hitze, nachts war es nicht viel besser. Jacquelines Beschwerden wegen der unzureichenden Klimaanlage waren auf taube Ohren gestoßen, und das Lüftchen, das durch das Bullauge hereinwehte, reichte bei weitem nicht zur Kühlung aus. Sie konnte es Henry nicht übel nehmen, dass er die meiste Zeit oben an Deck verbracht und nachts manchmal sogar in einem Liegestuhl geschlafen hatte.

»Jacqueline, bitte!«, sagte Henry beschwörend. Er konnte diese Unterhaltung nicht noch länger hinausschieben, er hatte ohnehin bis zur letzten Minute damit gewartet.

Jacqueline musterte ihn irritiert. Er hörte sich so furchtbar ernst an. Andererseits neigte er dazu, die Dinge zu dramatisieren. »Wir können uns doch hier unterhalten, Henry. Die frische Luft und der Sonnenschein tun mir so unendlich gut!«

»Nein, Liebes, wir müssen unter vier Augen miteinander reden.« Henry fasste seine Frau bei der Hand und steuerte auf einen Niedergang zu. Er fürchtete, Jacqueline werde ihm eine Szene machen, und er wollte nicht, dass andere Passagiere etwas davon mitbekamen.

Jacqueline machte sich los. »Ich will aber nicht nach unten, Henry! Warum setzen wir uns nicht in einen Salon, damit ich wenigstens das Festland sehen kann?«

Normalerweise war er Wachs in ihren Händen, aber dieses Mal ließ er sich nicht erweichen. »Was ich dir zu sagen habe, ist nicht für fremde Ohren bestimmt. Ich muss darauf bestehen, dass wir unsere Kabine aufsuchen.«

»Na schön, wie du willst.« Jacqueline, die sich keinen Reim auf sein merkwürdiges Verhalten machen konnte, gingen die verrücktesten Gedanken durch den Kopf, als sie ihrem Mann durch einen Korridor zu einem der Niedergänge folgte, die zu den unteren Kabinendecks führten. Hätte er nicht so offensichtlich vor Gesundheit gestrotzt, hätte sie geglaubt, er werde ihr mitteilen, dass er schwer erkrankt sei. Wahrscheinlich, so vermutete sie, ging es um die Teilhaberschaft mit seinem Bruder. Sie hatte von Anfang an den Eindruck gehabt, dass er nicht wirklich begeistert war von der Vorstellung, Möbel zu verkaufen. Aber musste er deshalb gleich so theatralisch werden?

Henry schloss die Kabinentür und begann, nervös auf und ab zu gehen. Jacqueline setzte sich auf das Bett und strich mechanisch die Falten in der Tagesdecke glatt. Henry bemerkte es. Ihr Perfektionismus ging ihm auf die Nerven.

»Lass das doch, Jacqueline«, fauchte er.

Erschrocken blickte sie auf.

Er fuhr sich übers Haar. Jetzt, wo es so weit war, wusste er nicht, wie er vorgehen sollte. Einfach mit der Wahrheit herausplatzen oder es ihr schonend beibringen? Aber wie er es auch anfangen würde, das Ergebnis wäre das gleiche – Jacqueline wäre tief verletzt.

»Was ist denn los mit dir, Henry? Warum bist du so gereizt? Man könnte ja meinen, du hättest etwas zu verbergen«, stichelte sie und fügte scherzend hinzu: »Hast du eine heimliche Affäre mit einer Reisebekanntschaft?«

Henry blieb wie angewurzelt stehen. »Wie … wie kommst du denn darauf?«, stammelte er schuldbewusst.

Jacqueline musterte seinen entgeisterten Gesichtsausdruck. »Das war nur ein Witz, Henry. Du meine Güte, sei doch ein bisschen lockerer!« Sie hatte sich immer glücklich geschätzt, weil sie sich keinen treueren Mann wünschen konnte. Wenn er doch nur ein bisschen mehr Humor hätte!

Henry bekam plötzlich weiche Knie. Er ließ sich neben Jacqueline aufs Bett fallen und stützte seinen Kopf in beide Hände. Selten war ihm etwas so schwer gefallen, aber jetzt gab es kein Zurück mehr.

»Ist es wegen des Geschäfts?«, fragte Jacqueline und sah ihren Mann forschend an. »Hast du es dir anders überlegt? Willst du dich doch nicht mit deinem Bruder zusammentun? Ich könnte es verstehen, weißt du, und Philip sicher auch.«

Henry schüttelte den Kopf. »Nein, darum geht es nicht.« Er sah in die vertrauensvollen braunen Augen seiner Frau und versuchte, sich nicht wie ein erbärmlicher Schuft vorzukommen. »Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll, und deshalb sage ich es einfach geradeheraus. Ich habe … jemanden kennen gelernt …«

Er wandte sich ab und knetete nervös seine Hände. Henry kannte Jacquelines Wutausbrüche. In ihrer Ehe hatte er den einen oder anderen erlebt, ihr Jähzorn konnte ziemlich Furcht einflößend sein.

»Du hast … jemanden kennen gelernt«, wiederholte sie verwirrt. Sie glaubte, sich verhört zu haben. »Das ist nicht komisch, Henry.«

Er dachte an die Zukunft, die er sich so sehr wünschte, und nahm all seinen Mut zusammen. »Ich meine es ernst, Jacqueline. Ich habe eine andere Frau kennen gelernt, und ich möchte ein neues Leben mit ihr beginnen.«

Es war eine Wohltat gewesen, mit jemandem zusammen zu sein, der nicht nach Perfektion strebte, der keinen Gedanken an etwas so Unwichtiges wie zerschrammte Absätze verschwendete. Doch das behielt er für sich.

»Henry, ich verstehe kein Wort! Wovon redest du da?« Jacqueline starrte ihn bestürzt an. Falls das ein Witz sein sollte, konnte sie überhaupt nicht darüber lachen. Aber es schien ihm vollkommen ernst zu sein. »Du hast mich um die halbe Welt geschleppt, damit wir beide hier ein neues Leben beginnen können, du und ich!«

»Ich will dir nicht wehtun, Jacqueline, aber du weißt, dass ich mir immer eine Familie gewünscht habe.« Es war schäbig, ihr ein schlechtes Gewissen machen zu wollen, aber sie ließ ihm keine andere Wahl.

Jacqueline war wie vor den Kopf geschlagen. Kinder waren seit Jahren kein Thema mehr gewesen. Ihre Ehe war kinderlos geblieben, und irgendwann hatten sie sich damit abgefunden. Einmal hatten sie sogar eine Adoption in Erwägung gezogen, den Gedanken aber wieder verworfen.

Eine heftige Übelkeit erfasste sie, aber dieses Mal lag es nicht an den Schlingerbewegungen des Schiffs. »Ich weiß nicht, was du mir eigentlich sagen willst, Henry, aber was es auch sein mag, ich kann im Moment nicht damit umgehen.«

Panik stieg in ihr auf. Ihr Herz hämmerte. Das konnte nur ein schlechter Traum sein! In ihrer gegenwärtigen Verfassung war sie nicht in der Lage, eine seelische Krise zu meistern, und sie konnte nicht glauben, dass Henry sie ausgerechnet jetzt damit konfrontierte. Genauso wenig konnte sie glauben, dass er sie betrogen hatte. Sie hätte ihre Hand für ihn ins Feuer gelegt.

»Es tut mir leid, Jacqueline, aber wir können diese Unterhaltung nicht aufschieben. Ich habe mich auf dieser Reise in eine andere Frau verliebt – ich möchte sie heiraten und eine Familie mit ihr gründen.«

Plötzlich ertrug Henry die Nähe zu seiner Frau nicht mehr. Er stand auf und stellte sich mit dem Rücken zur Tür vor sie.

Jacqueline sah ihren Mann fassungslos an. Seine Worte schienen keinen Sinn zu ergeben. Es war, als hätte er in einer fremden Sprache zu ihr gesprochen. »Wie kannst du dich in dieser kurzen Zeit so sehr in eine andere verlieben, dass du sie heiraten und Kinder mit ihr haben willst? Das ist doch nicht möglich! Zumal du bereits eine Frau hast!«

»Ich weiß, dass das alles sehr schnell gegangen ist, aber unsere Gefühle füreinander sind nun einmal da, wir können sie nicht ignorieren.«

Jacqueline schüttelte nur den Kopf. Henry hatte offensichtlich den Verstand verloren, eine andere Erklärung konnte es nicht geben.

»Du kannst ja nichts dafür, dass du keine Kinder bekommen kannst«, fuhr er fort. »Du sollst wissen, dass ich dir deswegen nicht böse bin.«

Jacqueline starrte ihn offenen Mundes an. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass das Thema Kinder so wichtig für ihn war. Er hatte ihr nie diesen Eindruck vermittelt. »Wie großzügig von dir«, bemerkte sie bissig. »Ich dachte, wir seien uns einig gewesen, dass in unserem Leben kein Platz für Kinder ist.«

Henry senkte seinen Blick. »Du warst dir einig, Jacqueline.« Vielleicht hätte er darauf gedrängt, ein Kind zu adoptieren, wenn er nicht das Gefühl gehabt hätte, dass sie es im Grunde nicht wollte, weil es ihren Lebensstil zu sehr beeinträchtigen würde. »Ich habe mir immer Kinder gewünscht, und allmählich läuft mir die Zeit davon. Ich bin kein junger Mann mehr.«

Jacqueline musterte Henry wortlos. Das war nicht ihr Ehemann, der da vor ihr stand, sondern ein grausamer, herzloser Fremder. Jetzt kam es ihr auf groteske Weise absurd vor, dass sie ihm gerade eben noch gesagt hatte, wie jung und attraktiv er aussah. Zumindest war ihr jetzt der Grund dafür klar.

»Ist das nicht nur eine Ausrede, weil du scharf auf so ein junges Ding bist?« Es wollte ihr nicht in den Kopf, dass er sie nicht mehr liebte und sie betrogen hatte, während es ihr so schlecht gegangen war. »Seien wir doch mal ehrlich: Du bist viel zu egoistisch, um ein guter Vater zu sein.« Sie hatte ihn in all den Jahren verwöhnt, ihm jeden Wunsch von den Augen abgelesen und so dafür gesorgt, dass er bequem geworden war.

Henry zuckte zusammen. Er hatte natürlich damit gerechnet, dass sie ihn beschimpfen würde, aber für einen Egoisten hielt er sich nicht. Er wich unwillkürlich einen Schritt zurück und prallte gegen die Kabinentür.

»Wenn wir wirklich ehrlich sein wollen, Jacqueline, dann müssen wir zugeben, dass wir schon eine ganze Weile nicht mehr glücklich miteinander sind«, konterte er.

»Ich war glücklich, Henry, aber anscheinend hast du vergessen, mir zu sagen, dass du es nicht warst.«

»Jacqueline, ich … ich möchte die Scheidung«, sagte er ruhig.

Eine beklemmende Stille trat ein. Henry beobachtete seine Frau. Sie war sichtlich schockiert. Das kam schließlich völlig unerwartet, für ihn genauso wie für sie. Dennoch war er erleichtert, dass der gefürchtete Wutausbruch ausblieb.

»Die Scheidung«, murmelte sie nach einer Weile ganz benommen. Sie hätte nie gedacht, dass sich dieses Wort einmal auf sie und Henry beziehen könnte. »Du willst einfach so die Scheidung.« In diesem Moment war ihr die Tragweite dessen, was das Wort bedeutete, gar nicht bewusst. Sie wusste nur, dass das neue Leben, das sie gemeinsam geplant hatten, im Begriff war, sich in Luft aufzulösen.

Er nickte. »Ja. Es tut mir wirklich leid, Jacqueline. Ich weiß, dass der Zeitpunkt alles andere als günstig ist, aber solche Dinge passieren einfach, dagegen ist man machtlos.« Auch für ihn war das Ganze völlig überraschend gekommen.

Jacqueline blickte zu Boden. Dann stand sie langsam auf und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. »Soso, es tut dir leid«, sagte sie mühsam beherrscht. »Das ist wirklich reizend. Mal sehen, ob ich das richtig verstehe, Henry. Nur um weiteren Missverständnissen vorzubeugen. Während ich wochenlang krank hier unten liege, fängst du eine Affäre mit einer anderen Frau an, und jetzt willst du sie heiraten und eine Familie mit ihr gründen. Trifft das in etwa den Kern der Sache?« Sie hoffte immer noch, er werde gleich in Gelächter ausbrechen und sagen, er habe sie nur auf den Arm nehmen wollen.

Henry bekam einen roten Kopf. Der gefürchtete Wutausbruch schien unmittelbar bevorzustehen, das spürte er. »So, wie du es sagst, klingt es sehr billig, aber es stimmt, ich habe mich in eine andere verliebt«, sagte er leise. Er hoffte, sie besänftigen zu können, wenn er sich zerknirscht zeigte.

»Diese Frau, mit der du es hinter meinem Rücken getrieben hast, hat sie gewusst, dass du verheiratet bist, dass deine Frau schwer seekrank und ans Bett gefesselt ist und sich heftig übergeben muss, während ihr zwei … euch amüsiert habt?« Jacqueline wollte sich nicht im Einzelnen vorstellen, was die beiden miteinander machten, es war zu schmerzhaft.

»Ja«, antwortete Henry nur.

Jacqueline traute ihren Ohren nicht. »Sie hat es gewusst?«, kreischte sie. »Was für eine Sorte Mensch ist sie denn?«

Henry dachte daran, wie betroffen seine neue Liebe gewesen war, als er ihr gebeichtet hatte, dass er verheiratet und seine Frau mit an Bord war. Aber ihre Gefühle füreinander waren zu stark gewesen. »Ich weiß, was ich dir damit antue …«, stotterte er und wollte weiter zurückweichen, aber er stand schon mit dem Rücken an der Tür.

Jacqueline machte eine unwillige Handbewegung. »Woher willst du überhaupt wissen, dass deine neue Flamme Kinder bekommen kann?«, zischte sie wütend.

Henry trat verlegen von einem Fuß auf den anderen.

Jacqueline starrte ihn fassungslos an. Das Flittchen konnte in dieser kurzen Zeit ja nicht von ihm schwanger geworden sein, und das bedeutete … »Sie hat schon Kinder?« Der Gedanke, dass diese Frau ebenfalls verheiratet sein könnte, war ihr noch gar nicht gekommen.

»Eines. Einen kleinen Jungen.«

Jacqueline war, als hätte ihr jemand in den Magen geboxt. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Henry für das Kind einer anderen den Vater spielte. »Dann hat sie doch sicher auch einen Ehemann!«

Henry schüttelte den Kopf. »Nein. Hör zu, Jacqueline, ich möchte die Scheidung einreichen, sowie wir in Melbourne angekommen sind«, sagte er völlig emotionslos. »Wenn alles glattgeht, wirst du eine großzügige Abfindung bekommen, das verspreche ich dir.«

Sie funkelte ihn so hasserfüllt an, dass er sich vorkam, als wäre er mit einem blutrünstigen Raubtier in einem kleinen Käfig eingesperrt.

»Wenn alles glattgeht …«, äffte sie ihn nach. Es brachte sie zur Weißglut, dass er anscheinend glaubte, er könne sie mit Geld bewegen, den Weg für ihn und seine Geliebte freizumachen. »Wie heißt dieses Flittchen überhaupt, für das du mich so eiskalt abservierst?«

»Das tut nichts zur Sache.« Henry wollte nur noch weg. »Das ist völlig unwichtig.«

»Nicht für mich!«, schrie Jacqueline, außer sich vor Wut. Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. »Ist es diese Blondine, mit der du dich vorhin so angeregt unterhalten hast, die mit den schäbigen Absätzen?« Sie sah die Frau im Geist vor sich – man konnte sie sich nur schwer als Mutter eines kleinen Jungen vorstellen.

Henry erschrak. »Bitte lass Verity aus dem Spiel!«

Er wollte auf keinen Fall, dass sie seiner neuen Liebe nachstellte. Verity hatte schon genug durchgemacht. Sie war verwitwet und reiste mit ihren Eltern, den Darcys, und ihrem zweijährigen Sohn. Ihr Mann war anderthalb Jahre zuvor bei einem Unfall auf einer Baustelle ums Leben gekommen. Henry war begeistert, dass er sofort die Rolle des Stiefvaters übernehmen konnte, aber das behielt er ebenso für sich wie den Hinweis darauf, dass Verity nicht nur sehr attraktiv und süß war, sondern auch mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand und sie mindestens noch zwei Kinder miteinander haben wollten. Auch ihre Eltern mochten ihn. Anfangs waren sie zurückhaltend gewesen, aber als sie merkten, wie gut er und Verity zusammenpassten, und erfuhren, dass er ihrer Tochter und ihrem Enkel ein angenehmes Leben bieten konnte, schlossen sie ihn in ihr Herz und boten ihm jede nur denkbare Unterstützung bei der Beendigung seiner »unglücklichen« Ehe an.

»Verity?«, wiederholte Jacqueline ungläubig. Was für ein Name für eine langbeinige Blondine.

»Nicht so laut!«, zischte Henry verlegen.

Sie schlug ihm mit der flachen Hand auf die Brust. »Was fällt dir ein! Ich rede so laut, wie ich will! Hast du Angst, jemand könnte von deiner schmutzigen kleinen Affäre erfahren? Oder dass du mich einfach wegwirfst wie eine alte Zeitung, weil ich keine Kinder bekommen kann?«

»Lass uns nicht streiten, Jacqueline.« Henry wich zur Seite, weg von der Tür. »Das hat doch keinen Sinn. Ich liebe dich nicht mehr, das ist nun mal nicht zu ändern.«

»Oh, wie reizend von dir! Ich soll mich heimlich, still und leise davonschleichen, damit du mit deiner Verity glücklich werden kannst! Was erwartest du von mir? Dass ich irgendwo im australischen Busch verschwinde, nachdem ich in die Scheidung eingewilligt habe?«

Er zuckte mit den Schultern. Seine Gleichgültigkeit machte sie rasend. »Ist es dir so egal, was aus mir wird?«, kreischte sie. »Ich bin fremd hier, ich kenne niemanden, ich habe weder Freunde noch Familie hier!«

»Ich habe dir doch gesagt, du bekommst eine großzügige Abfindung«, erwiderte er ungerührt. »Damit kannst du erster Klasse nach New York zurückfahren, wenn du das willst.«

Sie starrte ihn an. Sie konnte nicht glauben, dass er so kaltschnäuzig sein konnte. Sollte sie nach Hause zurückkehren und ihrem Vater und all ihren Freunden erzählen, dass ihr Mann sie wegen einer anderen Frau verlassen hatte, noch bevor sie Melbourne erreicht hatten? Was für eine Demütigung!

»Ich habe dir zehn Jahre meines Lebens geschenkt, und als Dank dafür, dass du immer ein schönes Zuhause und ein gutes Essen hattest, wirfst du mich weg für diese … diese …«

»Es war ja nicht so, dass du hättest putzen und kochen müssen, Jacqueline. Dafür hatten wir eine Haushälterin.« Er wollte nicht so grausam sein, sie darauf hinzuweisen, dass man das Arrangieren von Blumensträußen wohl kaum als Hausarbeit betrachten konnte.

»Aber ich war diejenige, die alles organisiert hat, Henry.«

Wut und Enttäuschung trieben Jacqueline Tränen in die Augen. Sie würde ihm allerdings nicht den Gefallen tun, in seiner Gegenwart zu weinen. Hastig wandte sie sich ab, bückte sich, zog ihren Koffer unter dem Bett hervor und fing an, ihre Sachen aus Schubläden und Schrankfächern zu reißen. Erbost faltete sie die Kleidungsstücke zusammen und warf sie hinein.

Henry schaute ihr einen Augenblick zu. »Was tust du denn da?« Er dachte, sie wolle vielleicht in eine andere Kabine umziehen. »Du kannst ruhig hierbleiben, Jacqueline. Ich werde …«

»Ich will aber nicht hierbleiben«, stieß sie grimmig hervor. Jetzt konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten.

»Ich glaube nicht, dass du für eine Nacht noch eine andere Kabine bekommen wirst«, gab Henry zu bedenken.

»Ich will keine andere Kabine. Ich will nur fort von diesem Schiff und von dir und von diesem Flittchen mit den schäbigen Absätzen.«

»Wir sind doch erst morgen da«, stammelte Henry.

»Ich will aber heute noch von Bord«, fauchte sie.

Sie würde keinen Tag länger auf diesem Schiff verbringen, zusammen mit Henry und seiner Geliebten. Jacqueline knallte den Kofferdeckel zu, obwohl sie erst einen kleinen Teil ihrer Sachen eingepackt hatte.

»Das … das kannst du doch nicht machen!«, stotterte Henry.

»Das werden wir ja sehen!« Wütend ließ sie die Schlösser einrasten.

»Jacqueline, ich bitte dich! Wir haben doch bis nach Melbourne gebucht und … und wir müssen doch den ganzen Papierkram wegen der Scheidung erledigen!«

»Ich muss gar nichts!«, geiferte sie wutschäumend. »Du bist derjenige, der die Scheidung will, also kümmere du dich gefälligst auch um den Papierkram!« Sie schnappte ihre Handtasche, nahm ihren Koffer und stürmte an Henry vorbei aus der Kabine.

Er folgte ihr in den Korridor. »Jacqueline! Jacqueline, warte doch!« Panik erfasste ihn. »Wo willst du denn hin? Du kannst jetzt nicht von Bord gehen!«

Jacqueline antwortete nicht. Ohne sich noch einmal umzudrehen, eilte sie nach oben, wo bereits alle Vorbereitungen für das Ausbringen des Fallreeps und das Ausbooten der Passagiere getroffen wurden. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als Henry durch ihr vorzeitiges Von-Bord-Gehen größtmögliche Unannehmlichkeiten zu bereiten und sein verlogenes Gesicht nie wiederzusehen.

2

Jacqueline ging gemeinsam mit einundfünfzig anderen Passagieren von Bord. Die Zollformalitäten waren in einer guten Stunde erledigt. Während sie warten und mehrere Formulare ausfüllen musste, hatte sie reichlich Zeit zum Nachdenken. Sie konnte einfach nicht glauben, dass Henry sich in eine andere Frau verliebt hatte und sich allen Ernstes von ihr trennen wollte. Das ist sicher wieder nur eine seiner Krisen, sagte sie sich. Sobald er merkte, dass sie tatsächlich von Bord gegangen war, würde er Vernunft annehmen und ihr nachlaufen.

Erst als sie die Schiffssirene hörte und ihr klar wurde, dass die Liberty Star ohne sie nach Melbourne weiterfahren würde, konnte sie sich nichts mehr vormachen: Es war Henry bitterernst, er wollte tatsächlich die Scheidung, damit er mit seiner Verity ein neues Leben beginnen konnte. Die Wahrheit traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Da stand sie nun, mutterseelenallein in einem fremden Land, praktisch ohne Geld und mit wenig mehr als dem, was sie auf dem Leib trug, und hatte keine Ahnung, was sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen sollte.

Der grauhaarige Beamte am Einwanderungsschalter betrachtete prüfend den Pass, den sie ihm reichte, verglich das Foto mit der Frau, die vor ihm stand, und studierte ihre Reiseunterlagen.

»Hier steht, Ihr Reiseziel ist Melbourne, Mrs. Walters«, sagte er schließlich.

Er sah, dass sie geweint hatte, aber das war nicht ungewöhnlich. Einige Passagiere weinten, weil das Wiedersehen mit Angehörigen, die sie lange nicht gesehen hatten, bevorstand, und andere, weil sie ihren Entschluss auszuwandern schon wieder bereuten.

»Ja, das ist richtig«, erwiderte Jacqueline schniefend.

»Und weshalb sind Sie dann in Adelaide von Bord gegangen?«

Jacqueline blinzelte. Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, und sie sah alles wie durch einen Schleier hindurch. »Darf man denn seine Meinung nicht ändern? Spielt es eine Rolle, wo in diesem Land ich leben möchte?« Ihre Nerven lagen blank, ihre Stimme klang fast hysterisch. Andere Passagiere wurden auf sie aufmerksam. Ihre Reaktion weckte auch das Misstrauen des Schalterbeamten.

»Es muss doch einen Grund für Ihre Meinungsänderung geben«, sagte er und sah sie aus seinen blauen Augen durchdringend an. Er übte diesen Beruf lange genug aus, er wusste, wenn jemand etwas zu verheimlichen hatte.

»Ja, den gibt es, aber das ist meine Privatsache«, gab sie patzig zurück. Sie kramte ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich. »Das geht Sie überhaupt nichts an. Kümmern Sie sich lieber um Ihren Papierkram.«

Jetzt war es ganz still geworden rings um sie her. Sie spürte, wie die Leute sie anstarrten.

Der Schalterbeamte warf ihr einen argwöhnischen Blick zu und blätterte dann abermals in ihrem Reisepass. »Sind Sie allein gereist oder mit Ihrem Mann, Mrs. Walters?«

»Herrgott noch mal, was spielt das denn für eine Rolle? Ja, ich bin mit meinem Mann gereist, aber ich will nicht darüber reden«, fauchte sie.

»Ist er hier?« Der Beamte ließ seinen Blick über die Passagiere schweifen.

»Nein, er ist nicht hier. Sind Sie schwer von Begriff? Ich habe doch gerade gesagt, ich will nicht darüber reden.« Jacqueline hatte keine Lust, vor allen Leuten zu erklären, dass ihr Mann sie gerade verlassen hatte.

Der Beamte zählte zwei und zwei zusammen. Allem Anschein nach hatte sich die sichtlich aufgewühlte junge Frau mit ihrem Mann gestritten und das Schiff aus einer Anwandlung heraus verlassen. Wahrscheinlich bereute sie ihren spontanen Entschluss bereits.

»Wo ist Ihr Mann jetzt, Mrs. Walters?«

Jacqueline starrte ihn an. Ihre Unterlippe zitterte. Sie hätte diesen Menschen ohrfeigen können, weil er sie wie ein unmündiges Kind behandelte. Als müsste sie sich jede Entscheidung von ihrem Mann absegnen lassen.

»Würden Sie bitte meine Frage beantworten, Mrs. Walters?«

Auf einmal hatte sie genug von diesem Verwirrspiel und machte ihren Gefühlen Luft. »Mein Mann hat mir vor einer Stunde erklärt, dass er die Scheidung will, damit er die Frau, mit der er mich auf der Reise hierher betrogen hat, heiraten kann«, sagte sie laut und deutlich. Sollten die Leute doch von ihr denken, was sie wollten. »Können Sie mir sagen, warum ich an Bord bleiben und mit ihm und diesem Flittchen bis nach Melbourne weiterfahren sollte?«

Dem Beamten war sichtlich unbehaglich zumute. Er räusperte sich. In all den Jahren hatte er schon die verrücktesten Sachen in seinem Beruf erlebt, aber das war eine Premiere.

»Nun? Ich höre«, sagte Jacqueline bissig.

»Mrs. Walters, ich kann Ihnen die Einreise nur genehmigen, wenn ich sicher sein kann, dass Sie über die nötigen Mittel verfügen, um Ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, und nicht auf der Straße landen werden.«

Was es ihn kümmerte, hätte sie am liebsten erwidert, ihrem Mann war es schließlich auch egal, was aus ihr wurde. »Ich … ich kann mir einen Job suchen«, antwortete sie. »Ich bin sehr wohl in der Lage, für mich zu sorgen.«

Die Leute ringsumher belauschten die Unterhaltung mit morbider Faszination. Einige jedoch, hauptsächlich Frauen, hatten unwillkürlich Mitleid mit Jacqueline.

Der Beamte sah sie ernst an. »Haben Sie Freunde oder Angehörige hier in South Australia, bei denen Sie wohnen können, Mrs. Walters?«

»Ich werde schon eine Unterkunft finden.« Jacqueline reckte ihr Kinn. »Ich gehe doch davon aus, dass es in diesem Land Hotels gibt.«

»Sicher gibt es hier Hotels, aber auf lange Sicht ist das eine kostspielige Lösung«, gab der Beamte zu bedenken. Er wollte nicht herzlos erscheinen, er dachte nur praktisch.

»Ich kann mir ein Zimmer in einer Pension nehmen oder beim Christlichen Verein Junger Frauen unterkommen.«

»Dort werden leider nur Frauen unter dreißig aufgenommen«, wandte der Beamte ein. »Und Sie sind …«

»Ich weiß, wie alt ich bin, danke«, fauchte sie. Die Wut trieb ihr Tränen in die Augen. Sie drehte sich Hilfe suchend zu den Frauen in der Schlange hinter ihr um. »Typisch Mann, nicht? Als ob es ein Verbrechen wäre, über dreißig zu sein!«

Die blonde Frau unmittelbar hinter ihr nickte zustimmend. Dann wandte sie sich an den Beamten. »Mrs. Walters kann bei uns im Britannia Hotel in Port Adelaide wohnen.« Jacqueline tat ihr leid, und sie fühlte sich genötigt, ihr zu helfen.

Jacqueline drehte sich um und betrachtete die Frau genauer. Sie war Mitte bis Ende dreißig, hatte kurze, lockige Haare und lebhafte blaue Augen. Sie lächelte Jacqueline mitfühlend an. Das »uns« bezog sich offenbar auf sie und die Frau neben ihr.

»Ich heiße Vera Westward«, stellte sie sich vor. An den Beamten gewandt, fügte sie hinzu: »Ich werde mich persönlich um Mrs. Walters kümmern. Ich kenne jemanden von einer Arbeitsvermittlung, der ihr sicherlich eine Stelle besorgen kann.«

Jacqueline kam sich wie eine Fürsorgeempfängerin vor, aber die Hauptsache war, dass sie das Abfertigungsgebäude so schnell wie möglich verlassen konnte. »Sehen Sie? Das ist also überhaupt kein Problem«, sagte sie mit gespielter Selbstsicherheit zu dem Beamten. Ihr Blick fiel auf ihren Trau- und ihren Verlobungsring, als sie auf ihre Einreisepapiere schaute. Die beiden Ringe hatten ein Vermögen gekostet. Sie streckte dem Beamten ihre Hand hin, damit er den Schmuck begutachten konnte. »Im Notfall kann ich immer noch meine Ringe verkaufen. Ich habe sowieso keine Verwendung mehr dafür«, fügte sie frostig hinzu.

»Na schön.«

Der Beamte griff zum Stempel. Da ihm eine solche Situation noch nie untergekommen war, gab es keinen Fall, an dem er sich hätte orientieren können. Er stempelte Jacquelines Pass und reichte ihn ihr. Sie nahm ihn wortlos entgegen, nickte der Frau hinter ihr, die ihr zu Hilfe gekommen war, kurz zu und eilte aus dem Gebäude.

Als Jacqueline aus dem Abfertigungsgebäude trat, konnte sie noch das Heck der Liberty Star sehen, die Kurs auf Melbourne nahm. Die Passagiere an Deck waren kleine, nicht voneinander zu unterscheidende Figuren. Sie fragte sich, ob Henry sich unter ihnen befand, ob er nach ihr Ausschau hielt und seinen Entschluss vielleicht schon bereute. Oder hielt er seine neue Liebe im Arm und war erleichtert, weil er seine Frau schneller losgeworden war, als er befürchtet hatte?

Inzwischen war es Mittag, die Sonne schien, und es war furchtbar heiß. Einige Reisende wurden von aufgeregten Freunden und Verwandten in Empfang genommen. Es tat weh, ihre Wiedersehensfreude mit anzusehen, und so wandte sich Jacqueline ab und schloss sich einer Gruppe von Passagieren an, die um das Gebäude herum und zur Straße gingen. Während die anderen in verschiedene Richtungen davoneilten, blieb Jacqueline stehen und schaute sich ratlos um. Wie zum Hohn ertönte in diesem Moment die Schiffssirene ein zweites Mal. Jacqueline war wie betäubt. Sie konnte es nicht fassen, dass Henry sie einfach hatte gehen lassen. Sie schwankte zwischen blinder Wut, Selbstmitleid und Verzweiflung.

»Hau doch ab!«, zischte sie, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen. »Ich brauche dich nicht, du verlogener Gigolo.«

Nie zuvor hatte sie sich einsamer gefühlt als in diesem Augenblick. Und wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie überstürzt und kopflos gehandelt hatte. Wenn ihre Ehe schon nicht mehr zu retten war, hätte sie wenigstens warten sollen, bis finanziell alles zwischen ihnen geregelt war, bevor sie sich daranmachte, sich ein neues Leben ohne Henry aufzubauen.

Jacqueline blinzelte ihre Tränen fort und kramte in ihrer Handtasche. Fünf Pfund und ein bisschen Kleingeld, das war alles, was sie bei sich hatte. Damit würde sie nicht weit kommen. Und was jetzt?, dachte sie verzweifelt.

»Da sind Sie ja!«, rief eine Frauenstimme. »Wir haben Sie schon gesucht!«

Jacqueline drehte sich um. Vera Westward und die Frau, die in der Abfertigungshalle neben ihr gestanden hatte, kamen auf sie zu. Beide trugen schwer an ihren Koffern. Jacqueline wischte sich verstohlen die Tränen ab und setzte ihre Sonnenbrille auf.

»Vielen Dank, dass Sie mir da drin geholfen haben, aber ich komme schon zurecht. Wirklich«, versicherte sie, weil sie nicht wollte, dass Vera sich in irgendeiner Weise verpflichtet fühlte.

»Mir ist es ernst mit meinem Angebot. Sie können gern bei uns wohnen. Es sei denn, Sie haben andere Pläne.«

»Ich … äh … nein«, erwiderte Jacqueline kopfschüttelnd.

»Das ist übrigens meine Freundin, Tess Clarke.«

Jacqueline musterte die andere Frau flüchtig. Sie war jünger und wog mindestens zwanzig Pfund mehr als Vera. Sie hatte lange, rötlich braune Haare, grüne Augen und ein freundliches Lächeln.

»Guten Tag«, sagte sie herzlich.

»Hallo, ich bin Jacqueline Walters. Aber das haben Sie ja wahrscheinlich schon mitgekriegt. So wie alle anderen im Abfertigungsgebäude.« Sie wurde rot, als sie an ihren Ausbruch am Schalter dachte.

Vera machte eine wegwerfende Handbewegung. »Schwamm drüber. Der Bahnhof muss dort auf der anderen Straßenseite sein, und die Züge verkehren anscheinend pünktlich.« Sie schaute auf ihre Armbanduhr. »Das heißt, uns bleiben noch zwanzig Minuten.«

Die beiden Frauen machten sich unverzüglich auf den Weg. Jacqueline folgte ihnen nach kurzem Zögern. Vera und Tess mühten sich mit ihrem schweren Gepäck ab, ihr eigener Koffer wog so gut wie nichts.

Am Fahrkartenschalter kauften die drei Frauen Fahrkarten nach Port Adelaide. Zwei Bänke standen im Schatten des Bahnhofsgebäudes. Tess und Vera setzten sich, froh über die Verschnaufpause, Jacqueline wischte erst mit ihrem Taschentuch über den Sitz, bevor sie Platz nahm. Tess und Vera wechselten einen viel sagenden Blick.

Auf der anderen Seite der Gleise befand sich eine weitläufige, eingezäunte Grünfläche. Man konnte Golfspieler zwischen den vereinzelt auf dem Rasen stehenden Bäumen sehen. Abgesehen von einer Landstraße hinter dem Golfplatz war nicht viel von der Landschaft zu erkennen. Auf der Bank neben den drei Frauen saß ein junges Paar mit zwei kleinen Kindern. Die Familie war ganz mit sich selbst beschäftigt.

»Ich habe Sie gar nicht an Bord gesehen, Jackie«, sagte Tess, die rechts von Jacqueline saß.

»Ich möchte Jacqueline genannt werden, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

»Oh, entschuldigen Sie«, sagte Tess ein wenig verlegen. »Es ist nur so ein langer Name, finden Sie nicht?«

»Nein, eigentlich nicht«, erwiderte Jacqueline. »Sie haben mich auf dem Schiff wahrscheinlich deshalb nicht gesehen, weil ich fürchterlich seekrank war und meine Kabine so gut wie nie verlassen habe. Es ist ein wunderbares Gefühl, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren«, fügte sie seufzend hinzu. Verstohlen wischte sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel. »Sie müssen entschuldigen, dass ich mich so merkwürdig benehme. Das passt eigentlich gar nicht zu mir, aber im Moment bin ich vollkommen mit den Nerven fertig.«

»Sie haben allen Grund dazu, wie mir scheint«, meinte Vera mitfühlend.

»Eigentlich geht es ja niemanden etwas an, dass mein Mann mich auf dem Schiff betrogen hat, während ich so krank war. Aber dieser Mensch am Schalter hat mich derart bedrängt, dass ich keine andere Wahl hatte, als ihm die Wahrheit zu sagen. Mich vor allen Leuten so zu demütigen!«

Schluchzend hielt Jacqueline sich ihr Taschentuch vors Gesicht. Das junge Paar auf der Bank nebenan hatte mitgehört und bedachte sie jetzt mit einem befremdlichen Blick.

»Ihr Mann scheint ja ein schöner Mistkerl zu sein«, bemerkte Tess.

»Ob Sie’s glauben oder nicht, aber er war ein guter Ehemann«, räumte Jacqueline schniefend ein. »Ich hätte niemals gedacht, dass er mich betrügen würde.«

»Ich will ja nicht neugierig sein, aber haben Sie Kinder?«, fragte Vera.

»Nein.« Jacqueline schüttelte den Kopf. Wie war es möglich, dass sie nicht bemerkt hatte, wie sehr Henry sich eine Familie wünschte?

»Seien Sie froh«, tröstete Vera. »Wenn Kinder da sind, ist eine Scheidung immer schwierig.« Sie dachte an ihre eigene Kindheit zurück. »Ich war zehn, als meine Eltern sich scheiden ließen, und das hat mich geprägt.«

»Ich kann keine Kinder bekommen«, gestand Jacqueline leise. »Deshalb hat Henry mich wegen einer anderen verlassen. Das hat er zumindest gesagt.«

Normalerweise redete sie niemals mit wildfremden Menschen über persönliche Dinge, aber nach allem, was sie im Abfertigungsgebäude bereits über sich erzählt hatte, kam es jetzt auch nicht mehr darauf an.

Vera starrte Jacqueline fassungslos an. »Was?«

»Das darf doch wohl nicht wahr sein!«, empörte sich auch Tess.

»Seit Henry vierzig geworden ist, benimmt er sich irgendwie merkwürdig«, fuhr Jacqueline fort. Es tat ihr unendlich gut, sich ihre Sorgen von der Seele reden zu können. »Wir hatten ein gut gehendes Geschäft in New York, aber plötzlich wollte er alles aufgeben und in Australien noch einmal von vorn anfangen. Ich hatte keine Ahnung, dass er sich so sehr ein Kind wünscht. Wir haben zwar mit dem Gedanken an eine Adoption gespielt, aber die Sache nie ernsthaft in Angriff genommen.« Eigentlich hatten sie nur ein einziges Mal darüber gesprochen und danach nie wieder.

»Kennen Sie die Frau, mit der er Sie betrogen hat?«, fragte Tess. »Haben Sie sie zur Rede gestellt?«

»Tess! Sei nicht so neugierig. Das geht uns nichts an.« Vera warf Jacqueline einen schuldbewussten Blick zu.

»Lassen Sie nur, das ist schon in Ordnung.« Jacqueline sah Tess an. »Ich habe sie heute Morgen zufällig gesehen, als sie sich mit Henry unterhielt. Da wusste ich natürlich noch nichts von ihrer Affäre.«

»Und? Wie ist sie so?«, forschte Tess.

Vera sah ihre Freundin strafend an.

»Anfang bis Mitte zwanzig«, begann Jacqueline.

»Typisch!« Tess rollte viel sagend mit den Augen.

»Blond, sehr gute Figur, knapper Minirock, zerschrammte Absätze …«

Vera und Tess wechselten einen verdutzten Blick.

»Zerschrammte Absätze?«, wiederholte Tess.

»Ja, sie trug weiße Sandalen mit hohen, schäbigen Absätzen. Solche Dinge fallen mir immer sofort auf.«

Vera schaute auf Jacquelines Füße. »Aber dass Sie zwei verschiedene Schuhe anhaben, haben Sie nicht bemerkt?«

Jacqueline fiel aus allen Wolken, als sie sah, dass Vera Recht hatte. Sie trug eine weiße Sandalette, die hinten offen war und zwei Riemchen über dem Spann hatte, und eine, die einen Fersenriemen und einen breiten Riemen über dem Vorderfuß hatte. Da die Schuhe gleich hohe Absätze hatten, war ihr beim Gehen nichts aufgefallen.

»O mein Gott!«, entfuhr es ihr.

Sie erinnerte sich, dass beide Paar Schuhe neben dem Bett gestanden hatten. Das eine Paar hatte sie an Deck angehabt und es sich von den Füßen gekickt, als sie mit Henry heruntergekommen war. Bei ihrem überstürzten Aufbruch war sie dann offenbar in je einen Schuh von jedem Paar geschlüpft.

»Vielleicht haben Sie ja noch so ein Paar im Koffer?«, meinte Tess.

Jacqueline ließ den Kofferdeckel aufschnappen. Bestürzt sah sie, wie wenige Sachen sie eingepackt hatte. Und nicht ein einziges Paar Schuhe, nicht einmal ihre bequemen Hausschuhe. »Nein, ich hab gar keine Schuhe dabei«, jammerte sie. »Was mach ich denn jetzt? Ich kann doch nicht so herumlaufen!«

»Ach was!«, sagte Tess beruhigend. »Das merkt doch kein Mensch.«

»Natürlich merkt man das!« Jacqueline stellte rasch ihren Koffer vor ihre Füße. Die Schuhe waren gleichsam der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Sie fing wieder zu weinen an. »Wie konnte ich nur so dumm sein, praktisch ohne Geld, Kleider und mit unterschiedlichen Schuhen von Bord zu gehen?«, schniefte sie.

Vera legte ihr tröstend einen Arm um die Schultern. »Ich würde Ihnen ja ein Paar von mir borgen, aber meine sind Ihnen zu klein.«

»Und meine zu groß«, stellte Tess fest, als sie ihren Fuß neben den von Jacqueline stellte. »Außerdem sind meine Absätze auch alle zerschrammt.«

»Sie können sich doch in Port Adelaide ein billiges Paar kaufen«, schlug Vera vor.

Das erinnerte Jacqueline daran, dass sie sich so schnell wie möglich eine Arbeit suchen musste. »Dieser Mann von der Arbeitsvermittlung, von dem Sie gesprochen haben, hat der Ihnen schon eine feste Stelle beschafft?«

»Na ja, nicht direkt«, druckste Vera. »Er hat uns sozusagen angeworben.«

»Ich verstehe nicht ganz.«

»Wir haben uns auf ein Inserat gemeldet, in dem Frauen gesucht wurden, die in Australien die Bekanntschaft von einsamen, heiratswilligen Farmern machen wollen«, erklärte Tess.

Jacqueline starrte sie entgeistert an. »Was?«

Auch das junge Paar auf der Bank nebenan wechselte einen verdutzten Blick.

»Ja. Eine Agentur in Port Adelaide hat das Inserat in mehreren amerikanischen Zeitungen geschaltet«, ergänzte Vera. »Wir werden in die Flinders Ranges weiterfahren, wo wir unsere zukünftigen Ehemänner kennen lernen.«

»Das ist das Verrückteste, was ich je gehört habe«, sagte Jacqueline spontan. Als ihr bewusst wurde, dass die beiden Frauen, die so nett zu ihr waren, das vielleicht als Beleidigung auffassten, fügte sie hastig hinzu: »Entschuldigung, das war nicht besonders höflich von mir. Aber so etwas habe ich wirklich noch nie gehört.«

»Kein Problem«, meinte Vera. »Ich kann mir vorstellen, dass sich das komisch anhört.«

»Komisch ist nicht das richtige Wort«, entgegnete Jacqueline, die an Henry dachte. Sie war so tief verletzt, dass sie ihre Gefühle nicht verbergen konnte. »Man kann den Männern nicht trauen, das hat mir mein lieber Mann gerade bewiesen. Und dabei habe ich geglaubt, dass ich ihn kenne! Ich hielt ihn für einen der treuesten, integersten Menschen, die mir je begegnet sind. Deshalb verstehe ich nicht, wie man überhaupt auf die Idee kommen kann, einen völlig Unbekannten zu heiraten. Das ist doch Wahnsinn!«

»Wir machen uns keine Illusionen«, erwiderte Vera ruhig. »Wir hoffen nicht auf die große Liebe.«

»Wir hatten beide nicht viel Glück mit den Männern«, ergänzte Tess. »Ich war zweimal verlobt, und Vera war einmal verlobt und einmal verheiratet.«

Vera machte eine wegwerfende Handbewegung. »Das ist eine Ewigkeit her, und die Ehe hat nicht lange gehalten.« Sie wusste selbst, dass diese Heirat ein Fehler gewesen war.

»Und ihr habt trotz allem die Nase nicht voll von den Männern?« Jacqueline war es unbegreiflich, wie man nach solch negativen Erfahrungen noch ans Heiraten denken konnte.

»Nein, wieso denn?« Tess zuckte mit den Schultern. »Wir sind unzählige Male belogen und betrogen und verlassen worden. An den Märchenprinzen glauben wir nicht mehr, aber wer weiß, vielleicht gibt es hier ja ein paar anständige Männer. Wir betrachten das Ganze im Grunde als ein Abenteuer. Klappt es, wunderbar, und wenn nicht, fahren wir eben wieder nach Hause.«

Jacqueline wusste nicht so recht, was sie von dieser gleichgültigen Einstellung der Ehe gegenüber halten sollte, aber sie bewunderte die beiden Frauen unwillkürlich für ihre stoische Haltung, mit der sie so viel Liebeskummer überstanden hatten.

»Ich finde, ihr seid sehr tapfer. Aber was mich betrifft, so werde ich garantiert nie wieder heiraten«, fügte sie bitter hinzu.

»Man soll nie nie sagen!« Tess zwinkerte Jacqueline zu.

»In diesem Fall schon«, beharrte diese. Sie schwieg einen Augenblick nachdenklich. »Mir bleibt nichts anderes übrig, als nach vorn zu schauen und ein neues Leben zu beginnen. Ich werde nie wieder Henrys Namen erwähnen! Ich will nicht einmal mehr an ihn denken.«

Vera nickte. »Ja, das ist verständlich.«

Aber es war auch unrealistisch, das wusste sie aus eigener Erfahrung. Jacqueline würde ihren Kummer verarbeiten müssen, ob es ihr gefiel oder nicht.

Jacqueline sah erst Tess, dann Vera an. »Versprecht ihr mir, nie wieder seinen Namen zu erwähnen?«

»Wir versprechen es«, antwortete Vera, und Tess nickte bekräftigend.

»Ich möchte nicht, dass irgendjemand erfährt, dass ich verheiratet war. Behaltet das für euch, in Ordnung?«

Vera nickte. »Es ist das Beste, wenn man einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zieht. Werden Sie jetzt Ihren Mädchennamen wieder annehmen?«

Jacqueline dachte kurz nach. Die Idee war verlockend, aber nicht durchführbar. »Alle meine Papiere sind auf meinen Ehenamen ausgestellt. Ich werde vorläufig einfach Miss Jacqueline Walters sein. Und sobald es geht, werde ich meinen Mädchennamen wieder annehmen.«

In diesem Moment fuhr der Zug in den Bahnhof ein. Die drei Frauen erhoben sich und griffen nach ihrem Gepäck.

»Also dann, meine Damen, auf geht’s, unser neues Leben wartet!«, sagte Vera.

»Jawohl, auf geht’s!«, stimmte Tess fröhlich zu.

Jacqueline wünschte, sie könnte die heitere Zuversicht ihrer beiden Begleiterinnen teilen, aber sie konnte nicht vergessen, dass sie nur wenige Stunden zuvor noch eine ganz andere Vorstellung von ihrem neuen Leben gehabt hatte.

3

Da es keine Taxis am Bahnhof von Port Adelaide gab, machten sich die Frauen wohl oder übel zu Fuß auf zum Britannia Hotel in der Lipson Street, nachdem sie sich den Weg hatten beschreiben lassen. Er führte über die Commercial Road durch ein belebtes Geschäftsviertel mit etlichen Hotels und vielen Geschäften. Zum ersten Mal bekamen die drei einen Eindruck vom Stadtleben in Australien. Es gab so viel zu sehen, dass sie nicht viel miteinander sprachen. Sie staunten über die Namen der Läden, die andere Bezeichnungen hatten als bei ihnen in den USA, und über die Autos. Sie hatten noch nie zuvor einen Holden gesehen, aber dieses Fabrikat war in Australien offenbar sehr beliebt.

Vera fiel die saloppe Kleidung der Ureinwohner auf, die sich auch in Aussehen und Körperbau von den Schwarzen in Amerika unterschieden. Sie waren weder so groß noch so muskulös oder langbeinig, und die meisten gingen barfuß. Jacqueline fand, dass ihre Züge grobschlächtiger als die der amerikanischen Schwarzen waren, doch das sagte sie nicht laut.

Es war früher Nachmittag, als sie das Hotel erreichten. Die Sonne stach vom Himmel, und die Frauen, vor allem Vera und Tess mit ihrem schweren Gepäck, waren verschwitzt und erschöpft und durstig.

Jacqueline blieb vor dem Eingang stehen. »Hören Sie, ich finde das nicht richtig. Ich will Ihnen wirklich nicht zur Last fallen. Ich kann mir nicht einmal ein Zimmer in einer Absteige leisten, geschweige denn in einem guten Hotel wie diesem.« Es war ihr peinlich, das zuzugeben, aber es wäre ihr noch viel unangenehmer gewesen, wenn Vera und Tess für sie bezahlt hätten.

Das Britannia stand an einer Straßenecke – ein cremefarbenes, zweistöckiges Gebäude mit einem an zwei Seiten umlaufenden Balkon, braun abgesetzten Fenstern und dekorativen Ecksteinen. Auf einer Tafel am Eingang konnte man lesen, dass es am 3. Oktober 1850 eröffnet und nach einem Brand, der es völlig zerstört hatte, 1898 wieder aufgebaut worden war.

»Ihr seid beide wirklich nett zu mir gewesen, aber ich finde, ich sollte mir irgendwo eine billige Pension suchen«, fuhr Jacqueline fort.

»Machen Sie sich mal deswegen keine Gedanken«, versuchte Vera sie zu beruhigen. »Die Agentur, die uns die Überfahrt bezahlt hat, bezahlt auch für unsere Unterkunft. Sie fallen uns wirklich nicht zur Last.«

»Bestimmt nicht? Von den Kosten einmal abgesehen, möchte ich nicht, dass Sie meinetwegen enger zusammenrücken müssen.«

»Ursprünglich waren wir zu viert, aber zwei Frauen haben kalte Füße gekriegt und im letzten Moment einen Rückzieher gemacht. Die Agentur weiß das noch gar nicht, deshalb rechnet das Hotel mit vier Personen, und das heißt, es ist genug Platz für uns drei.«

Das beruhigte Jacqueline ein wenig. »Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar für alles«, sagte sie gerührt. Die Begegnung mit Vera und Tess war ein richtiger Glücksfall.

»Nichts zu danken«, entgegnete Vera. »Wir Frauen müssen doch zusammenhalten.«

Sie betraten das Hotel, meldeten sich an und gönnten sich dann im Salon erst einmal einen Drink, bevor sie zu ihrem Zimmer hinaufgingen. Es war groß, hatte vier Einzelbetten und war gemütlich eingerichtet. Auch das Bad auf der anderen Seite des Flurs war ziemlich geräumig und einigermaßen sauber, aber es sah aus, als wäre es seit dem Wiederaufbau des Hotels nicht mehr modernisiert worden. In der Wanne hätte ein halbes Dutzend Kinder Platz gehabt – was vermutlich auch schon vorgekommen war –, aber die Emaille am Wannenboden blätterte, und die Wasserhähne waren uralt. Vom Zimmer aus führte eine Tür auf den Balkon, auf dem einige Korbsessel standen. Weiße und pfirsichfarbene Geranien schmückten mit ihren Hängetrieben das Geländer. Von hier aus konnte man in der Ferne die Frachtschiffe im Hafen sehen.

Nachdem sie ihre Sachen ausgepackt und sich ein wenig frisch gemacht hatten, beschlossen Vera und Tess, die Agentur Cavendish aufzusuchen.

»Die Angestellte an der Rezeption meinte, es sei nicht weit bis zur Chandler Street«, sagte Vera.

»Möchten Sie uns begleiten? Oder wollen Sie sich lieber ein bisschen ausruhen?«, fragte Tess.

»Ich muss mir als Allererstes ein Paar Schuhe besorgen«, erwiderte Jacqueline. »Ich kann mich doch so nicht auf Arbeitssuche machen. Was soll denn mein zukünftiger Chef von mir denken?«

Vera nickte. »Gut, dann treffen wir uns später wieder hier.«

Die drei Frauen verließen das Hotel gemeinsam und trennten sich dann. Während Vera und Tess sich auf den Weg zur Agentur Cavendish machten, sah sich Jacqueline nach einem Schuhgeschäft um. Sie brauchte nicht lange zu suchen. Als sie vor dem Schaufenster stand und die Auslage betrachtete, hörte sie drinnen im Radio den Beatles-Song All My Lovin’. Wehmütig dachte sie an ihr altes Leben zurück. Doch dann schob sie diese Gedanken energisch beiseite und betrat den Laden.

Es war schwieriger, ein passendes und obendrein erschwingliches Paar Schuhe zu finden, als sie gedacht hatte. Zu guter Letzt entschied sie sich für weiße Sandalen, die ihr eine halbe Nummer zu groß waren. Etwas anderes konnte sie sich nicht leisten. Ihr wurde schmerzlich bewusst, dass ihre ohnehin geringe Barschaft durch den Schuhkauf noch weiter geschrumpft war. Aber sie bemerkte auch den Blick, mit dem die Verkäuferin das sonderbare Paar Schuhe musterte, das sie an den Füßen trug. Jacqueline, der das furchtbar peinlich war, behielt ihre neuen Schuhe gleich an und bat die junge Frau, ihre alten wegzuwerfen.

»Ich suche Arbeit«, sagte sie, als sie bezahlt hatte. »Sie wissen nicht zufällig etwas?«

»Im Café dort drüben wird eine Kellnerin gesucht«, antwortete die junge Frau Kaugummi kauend. »Und in den Hotels ist meistens ein Job als Putzhilfe oder Zimmermädchen zu bekommen.«

»Gibt’s noch irgendetwas anderes außer Essen servieren und putzen?«

»Was suchen Sie denn?«

Die Verkäuferin konnte höchstens sechzehn sein, bemühte sich aber krampfhaft, älter auszusehen. Sie trug einen knappen Minirock, hochhackige Schuhe, hatte stark geschminkte Augen und toupiertes Haar.

»Na ja, ein Job in einem Modegeschäft wäre nicht schlecht«, meinte Jacqueline nach kurzer Überlegung. Da sie sich immer gern Kleider gekauft hatte, konnte sie sich gut vorstellen, dass es Spaß machen würde, welche zu verkaufen.

»Ich wüsste im Moment keinen«, murmelte das Mädchen zerstreut. »Haben Sie denn schon mal in einer Boutique gearbeitet?«

Jacqueline lachte herablassend. »Nein, das nicht, aber Kleider verkaufen kann ja nicht so schwer sein, oder?«

Die Verkäuferin musterte sie empört. »Sie sind nicht von hier, stimmt’s? Die Kleidergrößen in Australien sind anders, und Sie müssen sich auch mit einer Registrierkasse auskennen.«

Jetzt war es Jacqueline, die ein entrüstetes Gesicht machte. Was glaubte dieses junge Ding denn? Dass sie zu dumm war, um zu lernen, wie man mit einer Ladenkasse umging?

»Außerdem suchen die meisten Geschäftsinhaber jemanden mit Berufserfahrung«, fügte das Mädchen eine Spur hochnäsig hinzu.

Jacqueline platzte der Kragen. »Jetzt hören Sie mir mal gut zu! Ich bin fast doppelt so alt wie Sie, das heißt, ich habe eine ganze Menge Lebenserfahrung. Und Sie haben bestimmt auch nicht gewusst, wie man eine Registrierkasse bedient, als Sie von der Schule abgegangen sind, oder?«

»Äh … nein, das nicht«, murmelte das Mädchen verdutzt.

»Und wie sind Sie dann zu diesem Job gekommen?«

»Meiner Tante gehört der Laden«, gestand das Mädchen kleinlaut.

»Jetzt ist mir alles klar. Sonst könnten Sie auch nicht hier stehen und Kaugummi kauen, während Sie Kunden bedienen.«

Jacqueline machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Laden. Sie glaubte noch, das Mädchen brummeln zu hören: »Wenigstens laufe ich nicht in zwei verschiedenen Schuhen herum«, aber sie ignorierte es, weil ihr keine passende Antwort darauf einfiel.

Draußen auf der Straße blieb sie einen Augenblick stehen und schaute sich unschlüssig um. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, zu kellnern oder zu putzen, aber sie wollte auch nicht mit knurrendem Magen auf einer Parkbank schlafend enden. Und genau das konnte passieren, wenn Tess und Vera erst einmal abgereist waren und sie bis dahin keine Stelle gefunden hatte. Sie dachte an Henry. Blinde Wut packte sie. Es war ganz allein seine Schuld, dass sie jetzt in dieser Situation war! Eigentlich hätten sie am folgenden Tag ihr gemeinsames neues Leben in Melbourne beginnen sollen, eigentlich hätte sie sich keine Sorgen machen sollen, wo sie schlafen und wovon sie ihre nächste Mahlzeit bezahlen sollte.

»Verdammt sollst du sein, Henry«, knurrte sie. Zorn und Verzweiflung schnürten ihr die Kehle zu.

Dann atmete sie tief durch, straffte sich und ging zum Black Diamond Café auf der anderen Straßenseite. Im Fenster hing ein Schild:

KELLNERIN GESUCHT, BERUFSERFAHRUNG VON VORTEIL.

Jacqueline verspürte ein nervöses Kribbeln im Bauch. Fast wäre sie weitergegangen, aber sie merkte, dass sie Hunger hatte, und das gab den Ausschlag. Sie sprach sich Mut zu, holte tief Luft und betrat das Lokal.

Als sie zum Tresen ging, ließ sie ihren Blick über die Gäste schweifen. An den Tischen saßen Familien und Paare, aber auch vierschrötige, kräftige Männer, Dockarbeiter, wie sie vermutete. Es war nicht die Art von Gastwirtschaft, in der sie selbst gegessen oder die sie in ihrem früheren Leben überhaupt betreten hätte, doch die Dinge hatten sich geändert. Und sie selbst musste sich ändern, wollte sie überleben.

Eine sichtlich überlastete Frau stand hinter der Theke. Sie hatte die Haare zu einem unordentlichen Knoten zusammengesteckt und trug eine verschmierte, dunkel eingefasste Brille. Ihre ergrauenden Haare deuteten darauf hin, dass sie Ende fünfzig oder Anfang sechzig war.

»Ein Tisch für eine Person?«, fragte sie mit matter Stimme, als Jacqueline vor ihr stand. Sie sprach mit einem leichten Akzent.

»Nein, ich komme wegen der Stelle als Kellnerin.«

Die Frau sah sie erstaunt an. »Haben Sie schon einmal als Kellnerin gearbeitet?«

Sie musterte Jacquelines weißes Kleid, ihre manikürten Nägel und die wertvollen Ringe. Und ihr fiel auf, dass sie sich in dieser Umgebung nicht besonders wohl zu fühlen schien.

»Ja, zu Hause in den Vereinigten Staaten«, log Jacqueline, einer plötzlichen Eingebung folgend. Weil sie ein schlechtes Gewissen hatte, fügte sie leise hinzu: »Das ist aber schon eine Weile her …«

»Ich könnte dringend Hilfe gebrauchen, weil ich meine Kellnerin gerade gefeuert habe. Also – wann können Sie anfangen?«

Die Frau wusste vor Arbeit ganz offensichtlich nicht, wo ihr der Kopf stand. Sie eilte hinter dem Tresen hervor und begann, einen der Tische abzuräumen.

»Ich … äh … wann Sie wollen«, stotterte Jacqueline, die sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollte, sich aber andererseits fragte, warum die Wirtin eine Kellnerin gefeuert hatte, wenn sie so dringend eine Arbeitskraft benötigte. Außerdem hätte sie gern gewusst, wie viel sie verdienen konnte.

»Schön, dann schnappen Sie sich eine Schürze, hinter der Theke hängt eine, und nehmen die Bestellung von Tisch sechs auf«, sagte die Frau. »Ich heiße übrigens Irma. Mein Mann Donald ist der Koch, Kochen ist praktisch das Einzige, wofür er taugt. Und der Faulpelz von einem Geschirrspüler ist mein Neffe, Freddie.«

»Jacqueline Walters.« Sie streckte Irma ihre Hand hin, ließ sie aber wieder sinken, als sie sah, dass Irma bereits sechs schmutzige Teller und Besteck auf einer Hand balancierte und mit der anderen nach mehreren Gläsern griff.

Sie knallte das Geschirr in die Küchendurchreiche, machte Freddie mit einem lauten Befehl darauf aufmerksam und drückte Jacqueline, die sich nicht vom Fleck gerührt hatte, eine Schürze, einen Notizblock und einen Stift in die Hand.

»Binden Sie sich die besser um, sonst bleibt Ihr weißes Kleid nicht lange so weiß.« Es war eine Feststellung, kein gut gemeinter Ratschlag, aber Jacqueline band sich die Schürze dennoch um.

»Bevor ich anfange, hätte ich gern noch gewusst, wie viel ich eigentlich verdiene«, sagte sie.

Irma guckte sie groß an. »Einen Shilling die Stunde«, knurrte sie fast ärgerlich. »Wenn Ihnen das zu wenig ist, es gibt genug andere, die den Job wollen.«

»Nein, nein, das ist schon in Ordnung«, versicherte Jacqueline hastig, obwohl ihr der Lohn ziemlich niedrig vorkam.

Irma entspannte sich. »Die Tagesgerichte stehen dort angeschrieben.« Sie zeigte auf eine Schiefertafel neben dem Tresen. Die Wand, an der sie hing, hätte einen frischen Anstrich vertragen können. Dann eilte Irma zu dem Tisch, den sie gerade abgeräumt hatte, und warf eine frische Tischdecke darüber.

Jacqueline sah mit zusammengekniffenen Augen zu der Schiefertafel. Die verschmierte Kreideschrift war kaum zu entziffern.

»Zu den Krakauern und dem Kartoffelpüree gibt’s Zwiebelsoße, zum Steak und der Nierenpastete Erbsen, Karotten und Kartoffelpüree«, klärte Irma sie auf. »Wir haben ungefähr noch sechs Steaks und sechs Portionen Nierenpastete. Wenn die alle sind, wischen Sie das Gericht von der Tafel. In dem Korb hinter dem Tresen sollte genug sauberes Besteck liegen. Es sei denn, Freddie ist beim Spülen mal wieder eingeschlafen.«

»Was sind denn Krakauer, Irma?« Jacqueline wollte nicht dumm dastehen, falls sie danach gefragt wurde.

»Na, Würste natürlich!« Irma starrte sie verblüfft an. »Was haben Sie denn gedacht?«

Sie verdrehte kopfschüttelnd die Augen. Das konnte ja heiter werden mit ihrer neuen Serviererin.

Die Tür ging auf, einige Gäste kamen herein und steuerten auf einen freien Tisch zu. Jacqueline sah unsicher zu ihnen hin und schaute dann Irma an.

»Worauf warten Sie?« Irma drückte ihr ein paar Speisekarten in die Hand und gab ihr einen aufmunternden Schubs.

Die neuen Gäste, zwei Männer und zwei Frauen, hatten sich an Tisch fünf gesetzt. Jacqueline reichte ihnen die Speisekarten und blieb dann nervös am Tisch stehen, um die Bestellung aufzunehmen. Wieder ging die Tür auf, eine Gruppe Männer kam herein. Da Irma einen weiteren Tisch abräumte, holte Jacqueline noch ein paar Speisekarten vom Tresen und brachte sie zu den Männern an Tisch sieben.

»Tisch sechs möchte bestellen«, sagte Irma zu Jacqueline, als sie an ihr vorbeieilte, ein schmutziges Tischtuch im Arm und einige Salz- und Pfefferstreuer in den Händen.

»Bringen Sie uns erst mal sechs Kaffee«, brummte einer der Männer. »Drei mit Milch, drei stark und schwarz.« Er trug kein Hemd unter seiner Weste, und seine tätowierten Arme hatten den Umfang ihrer Taille.

»In Ordnung.«

Jacqueline nickte, fühlte sich aber jetzt schon überfordert. Sie eilte zum Tresen zurück, wo eine Kaffeekanne, Tassen, ein Milchkännchen und eine Zuckerdose standen. Sie schenkte sechs Tassen ein und musste dann dreimal an den Tisch laufen, weil sie nur zwei Tassen auf einmal tragen konnte. Sie rutschte in ihren zu großen Schuhen, und das verunsicherte sie zusätzlich.

Als sie den Männern ihren Kaffee gebracht hatte, winkten die Gäste an Tisch fünf, weil sie bestellen wollten, und dabei hatte sie noch nicht einmal die Bestellung von Tisch sechs aufgenommen. Sie eilte zu Tisch fünf und notierte viermal Steak und Nierenpastete, drei Kaffee und einen Tee. Im Laufen riss sie den Zettel von ihrem Notizblock und legte ihn für Donald in die Küchendurchreiche. Nachdem sie den Kaffee und den Tee eingeschenkt und an Tisch fünf gebracht hatte, hastete sie zu Tisch sechs, wo die Gäste allmählich ungeduldig wurden.

»Wir müssen bald wieder zurück ins Büro«, ...

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