Logo weiterlesen.de
Leuchten in der Stille

Über das Buch

Glühwürmchen in einer lauen Sommernacht – nichts fasziniert uns Menschen mehr, als diese kleinen Lebewesen, die wahre Lichtermeere hervorrufen können. Sara Lewis ist Ökologin und Professorin für Biologie und hat die Leuchtkäfer, die uns seit Jahrhunderten verzaubern, intensiv erforscht. Sie lässt uns in die geheime Welt der Leuchtkäfer eintauchen und erklärt voller Hingabe, wie es ihnen gelingt, mit einem Minimum an Energie so herrlich zu funkeln. Mithilfe ihres stillen Leuchtens können Glühwürmchen den passenden Partner finden und Fressfeinde austricksen. Durch die hohe Lichtverschmutzung gehören sie jedoch mittlerweile zu den bedrohten Tierarten. Sara Lewis weiß, wie es dennoch gelingen kann, Glühwürmchen in unsere Gärten zu locken.

SARA LEWIS

LEUCHTEN
IN DER STILLE

Über Glühwürmchen und
das Glück des Moments

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch
von Regina Schneider

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine Eltern,
die miteinander lebten und einander liebten,
fast neunzig Jahre lang,
die in uns Wunder und Staunen nährten,
von klein auf.

Vorwort

Bekenntnisse einer verzauberten Wissenschaftlerin

Glühwürmchen zaubern ein Leuchten in unsere Welt. Unter all den Tierarten in unserer charismatischen Mikrofauna sind Glühwürmchen die wohl meist geliebten Insekten auf Erden. Auf geradezu magische Weise erwecken sie in uns den Sinn für das Wunderbare, immer wieder. Sie rufen Erinnerungen an Kindertage wach, als wir an lauen Sommerabenden Jagd auf diese lautlos glitzernden Funken machten. Oder vielleicht betrachten Sie jetzt gerade, in diesem Moment, wie gebannt die Lichter, die durch Ihren Garten blinken. Ja, ich gebe es gerne zu, ich bin ein Glühwürmchen-Junkie. Sie auch? Dann habe ich dieses Buch für Sie geschrieben.

Als Kind war ich gerne draußen, war begeistert und fasziniert von der Vielfalt der Natur. Bereits mit acht war ich fest entschlossen, einmal Biologin zu werden. Schillernde Wasserfälle, geheimnisvolle Tannenwälder und klare Nachthimmel haben mir nicht nur Augen und Herz für die Natur geöffnet, ich habe mir auch geschworen, mir stets mein kindliches Staunen für diese Wunder zu bewahren. Wie schwierig sich dies auf meinem beruflichen Pfad später gestalten würde, konnte ich damals natürlich nicht ahnen.

Meine wissenschaftlichen Kenntnisse reiften im Laufe meiner Studienzeit, zunächst am Radcliffe College, dann an der Duke University. Für die Recherchen zu meiner Doktorarbeit verbrachte ich Jahre damit, in Korallenriffen zu tauchen, um deren Geheimnisse zu erkunden. Ich arbeitete und schlief bisweilen in einer Unterwasser-Basis knapp 20 Meter unter der Meeresoberfläche. Viele Jahrzehnte meiner wissenschaftlichen Laufbahn forschte ich über das Sexualleben verschiedenster Lebewesen, einschließlich über das der Glühwürmchen. Als Evolutionsökologin und Professorin für Biologie an der Tufts University habe ich einen wahrlich beneidenswerten Job: Ich werde dafür bezahlt, neugierig zu sein, neue wissenschaftliche Entdeckungen zu machen. Ich habe hunderte wissenschaftliche Aufsätze geschrieben, unzählige Studenten betreut und viele renommierte Wettbewerbe gewonnen.

Und ich habe mir die größte Mühe gegeben, mir mein kindliches Staunen für die Wunder der Natur zu bewahren. Doch Wunder, so zeigte sich, finden in der Welt der akademischen Wissenschaft keine große Beachtung. Wir Akademiker werden für unsere wissenschaftliche Produktivität prämiert – wir bekommen Forschungsstipendien und schreiben Fachartikel über unsere Entdeckungen. Kaum ein Wissenschaftler gibt offen zu, dass Wundern und Staunen seine Arbeit motiviert. Aus irgendeinem unausgesprochenen Grund hat das Gefühl der Ehrfurcht bei einem Wissenschaftler nichts verloren; wundersames Staunen gilt als irrational und unvernünftig, und demzufolge als Hochverrat. Gewiss, es gibt ein paar glorreiche Ausnahmen, und einige von ihnen werden wir in diesem Buch kennenlernen.

Zusätzlich bildet der systematische Reduktionismus eine eigene Barriere zur Welt der Wunder. Wissenschaftler ergründen, wie Dinge funktionieren, indem sie diese sorgfältig auseinandernehmen und in ihrem Innern herumstochern. Betrachten wir einmal das vier Milliarden alte Puzzle namens »Leben«. Als Wissenschaftler sind wir geschult, hinter das wundersame Bild zu schauen, das sich an der Oberfläche darstellt. Also reißen wir die Schachtel auf und schütten alle Teile heraus. Dann setzen wir uns hin, fokussieren uns, fest entschlossen, jedes einzelne Teil detailgenau zu erforschen. Jedes einzelne Puzzle-Teil drehen wir um, immer und immer wieder, tasten mit den Fingern an den Rändern entlang, streichen um die Konturen, um seine Form zu erfassen und es an der richtigen Stelle einzuordnen. Durch endloses Herumprobieren nach dem Trial-and-Error-Prinzip, durch Experimente und Beobachtungen fangen wir langsam an zu begreifen, wie diese ineinandergreifenden Teile zusammenpassen. Doch es bedarf gewaltiger Anstrengungen, um alle Teile vielleicht irgendwann zu einem vollständigen Panoramabild zusammenzufügen. Aber selbst dann, nachdem wir uns so lange in jedes noch so kleine Detail vertieft haben, fällt es als Wissenschaftler nicht leicht, das Gefühl der Ehrfurcht zurückzugewinnen und sich voll neuem Staunen darin zu verlieren. Der Zen-Meister Shunryu Suzuki sagte einmal: »Im Geist des Anfängers gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten nur noch wenige.«

Für mich, als eine Wissenschaftlerin, die sich redlich müht, empfänglich zu bleiben für all die Wunder, ist dieses Buch mein Debüt. Seit Jahrzehnten befasse ich mich eingehend mit den wissenschaftlichen Details in Sachen Glühwürmchen, und immer noch erfüllen mich diese wunderbaren, strahlend schönen Wesen mit Staunen. Trotz aller Anstrengungen, dieses Buch zu gestalten, können Worte kaum sagen, wie viel Liebe ich für diese Tierchen empfinde. Für mich, und wahrscheinlich auch für Sie, sind Glühwürmchen mehr als nur entzückend. Mehr als faszinierend. Ja, sogar mehr als bezaubernd. Am treffendsten kann ich es vielleicht so formulieren: Ich bin hingerissen. Und ich freue mich, nun all die vielen Dinge, die ich an Glühwürmchen so sehr liebe, teilen zu können.

Gleichwohl ist es mir eine Ehre, das kollektive Wissen, das Wissenschaftler über diese Tierchen angesammelt haben, hier weiterzugeben. Die Welt der Glühwürmchen birgt so viele spannende Geschichten, die nur darauf warten, erzählt zu werden! In den letzten dreißig Jahren sind Forscher aus aller Welt etlichen überraschenden Geheimnissen auf die Spur gekommen. Wir haben den »Lichtschalter« des Glühwürmchens gefunden, intime Details über Liebeswerben und Sexleben in Erfahrung gebracht, unverhoffte Gifte, Heimtücke, Verrat und Täuschungsmanöver entdeckt. Doch die wissenschaftlichen Artikel, die diese Entdeckungen beschreiben, sind meist in schwer verständlichem Fachchinesisch verfasst und oft nur kostenpflichtig zu haben. Mit diesem Buch habe ich versucht, der trockenen Wissenschaft etwas Leben einzuhauchen sowie eine leicht zugängliche und aktuelle Zusammenfassung der neuesten Glühwürmchen-Enthüllungen zu schaffen.

Es gibt aber noch ein weiteres Ziel, das ich mit diesem Buch verfolgen will. Indem ich die wundersame Welt der Glühwürmchen zum Vorschein bringe, hoffe ich, die Menschen – jung und alt, in der Stadt und auf dem Land, überall auf der Welt – dazu zu bewegen, mir zu folgen und hinauszutreten in die Nacht. Wir sind heute von so vielen digitalen Ablenkungen umgeben, dass es schwierig ist, Wege zu finden, um mit der natürlichen Welt verbunden zu bleiben. Doch wir müssen nicht in die entlegenste Wildnis reisen, um die Wunder der Natur zu erleben – diese lautlosen Funken sind hier bei uns, im Garten hinter dem Haus und in den Parks der Stadt, und sie warten nur darauf, entdeckt zu werden.

Und denken Sie daran – es gibt keine Lernzielkontrolle am Ende dieses Buches, also lesen Sie entspannt weiter und genießen Sie die Reise!

Kapitel 1

Lautlose Lichtfunken

Und über allem, betrachte die Welt um dich herum mit glitzernden Augen, weil die großartigsten Geheimnisse immer an den ungewöhnlichsten Orten versteckt sind. Diejenigen, die nicht an Magie glauben, werden sie auch niemals finden.

ROALD DAHL

Eine Welt der Wunder

Leuchtkäfer, auch Glühwürmchen genannt, gehören sicherlich zu den wundersamsten Kreaturen, mit denen wir unsere Erde teilen. Wie winzige, lebende Feuerwerkskörper zaubern diese Symbole des Sommers eine spektakuläre, aber lautlose Lichtershow in die Nacht. Seit Jahrhunderten inspiriert ihr anmutiger Lichtertanz Dichter, Künstler und Kinder, kleine wie große. Was macht diese lautlos glitzernden Lichtfunken so überaus anziehend?

Viele von uns fühlen eine tiefe nostalgische Verbundenheit mit Glühwürmchen. Sie rufen Kindheitserinnerungen wach – an laue Sommerabende, als wir durch Wiesen und Felder tollten, sie mit bloßen Händen, Fangnetzen oder Bechern zu haschen suchten. Neugierig, mit prüfenden Blicken bestaunten wir diese winzigen Lichtwesen. Manchmal quetschten wir sogar einige, um unsere Körper und Gesichter mit ihrem nachglimmenden Schein zu schmücken.

Glühwürmchen erschaffen eine Magie, die Zeit und Raum übersteigt. Ihr strahlendes Erscheinen verleiht gewöhnlichen Landschaften einen geradezu himmlischen, jenseitigen Glanz. Mit ihrem tausendfachen Funkeln verwandeln sie Berghänge in schillernd fließende Kaskaden, Vorstadtwiesen in glitzernd helle Pforten zu anderen Welten, stille, Mangroven gesäumte Flüsse in hypnotisch pulsierende Leuchtkonzerte.

Überall auf der Welt rufen Glühwürmchen eine geradezu mystische Ehrfurcht hervor. Und sicherlich hat der Anblick dieser lautlosen, kleinen Funken im Dunkeln einst auch früheste Hominiden in ehrfürchtiges Staunen versetzt! Vielleicht ist es genau das, dieser Moment der Ehrfurcht, dieses einzigartige Erlebnis, das Touristen in wachsenden Scharen anzieht, sie hinauslockt in die Nacht, um diese funkelnden Wesen hautnah zu erleben. In der Hochsaison zieht das überwältigende Schauspiel 80 000 Glühwürmchen-Touristen nach Malaysia. In Taiwan buchen rund 90 000 eine organisierte Glühwürmchen-Tour. Und in den USA sind es 30 000, die alljährlich im Juni in die Great-Smoky-Mountains pilgern, um die atemberaubende Lichtershow zu bestaunen, die synchron blinkende Glühwürmchen inszenieren. Dort in den Bergen traf ich einmal eine Frau, die eigens deshalb mitsamt ihrer Familie viele hunderte Kilometer gefahren war – so wie jedes Jahr seit mehr als zehn Jahren. Als ich sie fragte, was sie bewegt, immer wieder an diesen Ort zurückzukehren, überlegte sie kurz und sagte dann: »Nun, ich denke mal, es ist dieser ehrfurchtgebietende Moment. Wir alle stehen staunend davor, vor diesem stillen Geheimnis der Glühwürmchen – sie rühren uns zu Freude und Dankbarkeit.«

Glühwürmchen rufen Kindheitserinnerungen wach, verzaubern Landschaften, lassen uns staunen und erwecken in uns den Sinn für das Wunderbare, immer wieder (Foto: Tsuneaki Hiramatsu).

Glühwürmchen spielen in vielen Kulturen eine Rolle. Doch wohl nirgendwo sonst auf der Welt dringt ihr glanzvoller Schein heller durch den kulturellen Stoff als in Japan. Wie später in diesem Buch noch näher ausgeführt, hegen Japaner seit mehr als tausend Jahren eine tief empfundene Liebe zu diesen kleinen, funkelnden Wesen. Das Beobachten von Glühwürmchen ist bis heute ein beliebter Zeitvertreib, tief verwurzelt in der uralten Religion des Shinto, wonach heilige Geister, oder kami, überall in der Natur erkennbar sind. Glühwürmchen wurden zu einer Metapher für eine stille, leidenschaftliche Liebe, von der »Die Geschichte vom Prinzen Genji« (Genji Monogatari) erzählt, ein berühmter Roman aus dem 11. Jahrhundert, geschrieben von einer japanischen Hofdame. Und ohne dass es ein Widerspruch wäre, gelten Glühwürmchen auch als die Geister der Toten, wie im Film »Die letzten Glühwürmchen«, dem Anime-Klassiker von 1998, eindrucksvoll dargestellt wird. In der japanischen Kunst und Poesie werden Glühwürmchen seit Jahrtausenden gefeiert. Sie spielen eine zentrale Rolle im Haiku, der traditionellen japanischen Gedichtform, wo sie ihren festen Platz als Vorboten des Sommers haben. Trotz alledem waren diese geliebten Insekten im 20. Jahrhundert aus den Naturlandschaften Japans nahezu verschwunden. Mittlerweile sind sie zurück und mehr denn je ein Symbol für Nationalstolz und Umweltbewusstsein. In der japanischen Kultur sind sie wie schimmernde Perlen, die mit jeder neu wachsenden, symbolträchtigen Schicht an Wert hinzugewinnen.

Kleiner Grundkurs: Was? Wo? Wie viele?

Im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte sorgten die Glühwürmchen immer wieder für echte »Lichtblicke« in der Wissenschaft, die neue Einsichten in ihre Biochemie, Verhaltensweise und Evolution erbrachten. Vor allem in den letzten Jahrzehnten schritt die Forschung rasant voran und lieferte viele spannende Erkenntnisse. Hinter ihrer anmutigen Fassade verbirgt sich ein einziger, dramatischer Kampf ums Überleben – geführt mit verschmähten Avancen, teuren Hochzeitsgeschenken, chemischen Waffen, ausgeklügelten Taktiken und Tricks und einem oft tragischen tödlichen Ende! In den folgenden Kapiteln werde ich die verborgene Welt der Glühwürmchen bis ins kleinste Detail »erhellen«.

Doch zunächst die Frage: Was genau sind Glühwürmchen?

Diese winzigen Insekten haben viele Namen – Leuchtkäfer, Feuerfliegen, Johanniskäfer, Johanniswürmchen, Johannisfünkchen oder auch Sonnenwendkäfer. Aber sie sind weder Fliegen noch Würmchen – stattdessen gehören sie zur Ordnung der Käfer (Coleoptera), einer bekanntlich sehr artenreichen und höchst erfolgreichen Familie der Insekten. Als die ersten Käfer vor 300 Millionen Jahren erstmals auftraten, waren zahllose andere Insekten bereits vorhanden. Im Laufe ihrer Evolution kam es dann zu einer wahren Explosion der Arten- und Formenvielfalt. Heute gibt es gut 400 000 beschriebene Arten, die irgendwo auf der Welt verbreitet sind, das heißt, 25 Prozent aller bekannten biologischen Arten sind Käfer. Doch was berechtigt das Glühwürmchen zum zoologischen »Käfer«-Ausweis? Alle Leuchtkäfer-Arten gehören zu den »Deckflügel«-Insekten, deren Zugehörigkeit zu den Käfern daran zu erkennen ist, dass die Vorderflügel abgewandelt sind und als verhärtete Deckflügel die zarten Hinterflügel panzerartig schützen.

Glühwürmchen sind genau genommen Käfer; ihre Vorderflügel sind abgewandelt und schützen als verhärtete Deckflügel die zarten Hinterflügel, die sie zum Fliegen benutzen (Photinus pyralis, Foto: Terry Priest).

Innerhalb der Käfer (Coleoptera) gehört das Glühwürmchen zur Familie der Leuchtkäfer (Lampyridae). Diese Käferfamilie unterscheidet sich durch eine Reihe gemeinsamer spezifischer Merkmale von anderen Käferarten. Dabei ist die Biolumineszenz (griechisch biós für »Leben« und lateinisch lumen für »Licht«), die natürliche Fähigkeit zu leuchten, sicherlich das Schlüsselmerkmal schlechthin, obgleich viele Leuchtkäfer diese Eigenschaft nur während ihrer Jugendphase aufweisen. Ein weiteres spezifisches Merkmal ist der relativ weiche Körper. Wer schon mal ein Leuchtkäferchen in der Hand gehalten hat, der wird vielleicht bemerkt haben, dass es sich im Unterschied zu den steifen, schalenförmigen Körpern, wie sie für viele andere Käfer typisch sind, leicht schwammartig anfühlt. Und nicht zuletzt zeichnet sich jedes Glühwürmchen dadurch aus, dass es ein auffällig plattgedrücktes Schild mit sich trägt, das seinen Hinterkopf bedeckt.

Alle heute lebenden Leuchtkäfer-Arten sehen nicht nur ähnlich aus, auch ihre genetischen Wurzeln reichen auf einen einzigen gemeinsamen Vorfahren zurück. Dieser Ur-Leuchtkäfer lebte vor ungefähr 150 Millionen Jahren, in der von Dinosauriern dominierten Jura-Periode. Zu jener Zeit begann die Verbreitung und Diversifizierung der Insekten, um in neue ökologische Nischen vorzustoßen und fortzubestehen (darunter eine Kakerlaken-Art, die sich auf den Verzehr von Dinosaurier-Dung spezialisierte!). Was Ur-Glühwürmchen zur damaligen Zeit gefressen haben könnten, wissen wir nicht, was wir aber wissen, ist, dass sie bereits vor 26 Millionen Jahren ähnlich aussahen wie ihre Artgenossen heute. Das wissen wir deshalb, weil sich einige Glühwürmchen im klebrigen Baumharz verfingen, das später zu Bernstein erhärtete, womit die Tierchen endgültig eingeschlossen waren und bis ins kleinste Detail erhalten blieben. Ein 19 Millionen Jahre altes Bernsteinstück enthält zwei Glühwürmchen beim Paarungsakt, die so für immer in Liebe miteinander vereint sein werden.

Vor langer Zeit wurden diese beiden Glühwürmchen in flagranti erwischt und sind seither im Baumharz auf ewig in Liebe vereint (Foto: Marc Branham, mit freundlicher Genehmigung).

Man mag sich wundern, aber es gibt viele verschiedene Leuchtkäfer-Arten, nicht nur eine. Rund um den Globus gibt es sage und schreibe fast 2000 Arten. Sie treten von Feuerland am 55. südlichen Breitengrad bis Schweden am 55. nördlichen Breitengrad auf und sind über alle Kontinente außer der Antarktis verbreitet. Wie bei den meisten Lebewesen der Fall, findet sich die größte Diversität in den Tropen, die allergrößte in den tropischen Regionen Asiens und Südamerikas: Allein Brasilien beheimatet 350 verschiedene Leuchtkäfer-Arten. Über 120 bekannte Arten gibt es in Nordamerika, wo die größte Diversität in den südöstlichen Regionen vorkommt, insbesondere in Georgia und Florida. Diese beiden Staaten beheimaten jeweils rund 50 verschiedene Arten, wohingegen es in Alaska nur eine einzige gibt. Viele Jahre lang war die wissenschaftliche Untersuchung der Glühwürmchen weitgehend auf die Katalogisierung neuer Spezies beschränkt, darauf, ihre anatomischen Unterschiede festzustellen, zu benennen und formal zu beschreiben. Noch heute werden immer wieder neue Leuchtkäfer-Arten entdeckt.

Feurige Blitze, glühende Funken, betörende Düfte – alles für die Liebe!

Das Leuchten der Glühwürmchen hat sich im Laufe der Evolution entwickelt und mithin viele verschiedene Methoden, einen Partner der passenden Art zu locken und zu finden. Heute lassen sich Glühwürmchen nach dem System ihrer Brautwerbung recht übersichtlich gruppieren: Manche Arten blitzen in schnellen Folgen hintereinander, andere senden ein glühendes Leuchten in langsamen Intervallen aus, und wieder andere verströmen unsichtbare Düfte in alle Winde, um sich anzupreisen.

Bei den sogenannten »Blitzer«-Glühwürmchen handelt es sich um die meistverbreitete Leuchtkäferart in Nordamerika. Östlich der Rocky Mountains sind sie überall zu finden, während sie in den westlichen US-Bundesstaaten und Provinzen aus unbekannten Gründen nur in vereinzelt verstreuten Grüppchen vorkommen. Ihren Namen verdanken sie ihrer Fähigkeit, feurig hell zu »blitzen«. Männchen wie Weibchen sprechen die gleiche »Licht«-Sprache der Liebe, an der sie sich erkennen. »Blitzer«-Glühwürmchen sind berühmt für ihr Funken sprühendes, nächtliches Schauspiel, und das völlig zu Recht. Mit ihrer Fähigkeit, ihr Licht in einem präzisen Rhythmus ein- und auszuschalten, so dass ein charakteristisches Blinkmuster entsteht, sind sie in der Lage, einen intensiven Flirt mit einer potenziellen Partnerin zu beginnen: Für gewöhnlich ist es das Männchen, das seine charakteristischen Blinkmuster durch die Nacht morst, auf die das am Boden sitzende Weibchen mit passenden Antwortsignalen ihr Interesse an einem »Käferstündchen« bekundet. Es gibt jedoch unterschiedliche Systeme der Brautwerbung, die sich in mehreren evolutionären Linien entwickelt haben.

Ein typischer, nordamerikanischer »Blitzer«. Die Männchen der Big-Dipper-Leucht­käfer umwerben ihre Weibchen mit schnellen, hellen j-förmigen Blitzen (Photinus pyralis, Foto: Terry Priest).

Der amerikanische Leuchtkäfer Photinus pyralis etwa, auch »Big Dipper« genannt (was übersetzt so viel heißt wie »Großer Löffelstiel«), ist der am stärksten leuchtende »Blitzer« und könnte gut als Aushängeschild für alle anderen Glühwürmchen dieser Linie dienen. Sein Name deutet auf seine beachtliche Größe (er wird bis zu 15 Millimeter lang) ebenso wie auf seine artspezifische Lichtsprache hin: Während das werbende Männchen eine Serie von Blitzen aussendet, lässt es sich nach unten abfallen, um dann wieder steil nach oben aufzusteigen – was ein leuchtendes »J« in den nächtlichen Himmel zeichnet. Der Big Dipper ist im Osten der USA zu Hause, von Iowa bis Texas und von Kansas bis New Jersey. Kaum bricht die Dämmerung herein, werden diese Käferchen aktiv, flirren nahe am Boden, so dass sie auch für kleine Kinder leicht zu fangen sind. »Blitzer«-Glühwürmchen sind zudem nicht besonders wählerisch, was ihren Lebensraum anbelangt, und so sieht man ihr funkelndes Licht hier und da über Vorstadtwiesen, Golfplätze, Böschungen, Parks und Gärten tanzen.

In Nordeuropa sind hauptsächlich sogenannte »Glüher«-Glühwürmchen beheimatet, deren dicke und flügellose Weibchen keine »Blitze«, sondern ein lang glimmendes »Glühen« aussenden. Flugunfähig und daher an den Boden gebunden erklimmt das »Glüher«-Weibchen Nacht für Nacht einen niedrigen Halm und leuchtet mit den anderen stundenlang um die Wette, um ein Männchen anzulocken, das, typisch für seine Art, zwar fliegen, aber nicht leuchten kann. Einige »Glüher«-Weibchen mischen ihrem Liebesheischen chemische Duftstoffe bei. In die Luft abgegeben, strömen diese Düfte ungehindert um Bäume und andere Pflanzen und ziehen Männchen von weit her an.

Weltweit zählt ungefähr ein Viertel aller Leuchtkäfer zu den »Glühern«. Der bekannteste Vertreter seiner Art ist Lampyris noctiluca, der Große Leuchtkäfer oder das Große Glühwürmchen. In Europa ist er von Portugal bis Skandinavien verbreitet, kommt aber auch in weiten Teilen Russlands und in China vor. Das für »Glüher« typische Liebeswerben ist auch bei vielen asiatischen Leuchtkäfer-Arten verbreitet. Kurios ist, dass »Glüher« unter den nordamerikanischen Arten eher selten vertreten sind, obgleich ein paar wenige auch im Westen der Rocky Mountains heimisch sind.

Ebenfalls weit verbreitet sind Dunkel-Glühwürmchen, die so heißen, weil die adulten Käferchen dieser Art nicht nachts, sondern tagsüber fliegen und nicht leuchten. Stattdessen findet so ein dunkler Freier seine Braut, indem er ihren in den Wind verströmten Duftstoff erschnüffelt. Heutige Erkenntnisse lassen vermuten, dass bereits die Ur-Glühwürmchen ähnliche Balzmuster hatten. Tagaktive Dunkel-Glühwürmchen sind überall in Nordamerika verbreitet, auch in westlichen Regionen.

Ein europäisches »Glüher«-Weibchen: Sich fest an die Halmspitze klammernd schwenkt es seine Laterne, um vorbeifliegende Männchen zu locken (Lampyris noctiluca, Foto: Kip Loades).

Ob durch Zufall oder Absicht, wir Menschen haben Glühwürmchen immer wieder an Orte gebracht, wo sie nicht hingehören. So etwa wurde 1947 die weniger bekannte Art Phosphaenus hemipterus in Halifax, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Nova Scotia, entdeckt. Der in Europa heimische »Glüher« reiste wahrscheinlich als blinder Passagier in der Erde importierter Baumsetzlinge mit. Der flugunfähige Kurzflügler schaffte es, in der neuen Heimat zu überleben und sich rund um Halifax zu verbreiten, wo bis heute mehrere lokale Populationen existieren. Andere umgesiedelte Arten überlebten nicht. So etwa hat man um 1950 einige »Blitzer«-Arten (Photuris) aus den östlichen USA nach Portland (Oregon) und Seattle (Washington) in der Hoffnung eingeführt, den innerstädtischen Parkanlagen dadurch etwas funkelnden Glanz zu verleihen. Dort flimmerten sie einige Wochen und waren dann verschwunden. In einem anderen Umsiedlungsversuch, ebenfalls in den 1950er Jahren, hat man Leuchtkäferchen von Japan nach Hawaii geschafft, um der dortigen Schneckenplage Herr zu werden, doch auch sie haben in der neuen Heimat nicht überlebt. Möglicherweise herrschten die falschen Temperaturen, die falsche Luftfeuchtigkeit oder die falschen Bodenbedingungen, vielleicht fehlte auch ein favorisiertes Beutetier oder ein anderer, neuer Räuber lauerte ihnen auf.

Heute sind wir uns darüber bewusst, dass man Lebewesen generell nicht vorsätzlich umsiedeln sollte – auch nicht so wunderschöne, harmlos scheinende Wesen wie Glühwürmchen. Viele prachtvolle Pflanzen – wie der Blutweiderich, die Wasserhyazinthe oder der Japanische Knöterich – wurden einst als Zierpflanzen in die USA importiert. Doch schnell erwiesen sich diese Exoten als überaus invasiv, verdrängten heimische Arten und richteten verheerende ökologische Schäden an. Jede Spezies ist in ein hochkomplexes (und oft immer noch ungeklärtes) Netzwerk biologischer Wechselwirkungen eingebettet. Wenn wir dieses Netzwerk stören und durcheinanderbringen, indem wir irgendwelche Lebewesen munter von hier nach da verpflanzen, ist kaum abzusehen, was passieren wird.

Was erwartet Sie in diesem Buch?

Dieses Buch bietet eine Führung durch das lichtvolle Leben der Glühwürmchen. Wir werden einen Blick hinter die funkelnde Kulisse ihrer Balzrituale werfen und so einiges über ihre tödlichen Gifte, verführerischen Verstellungskünste und ihre gegenwärtige missliche Lage erfahren. All diese erstaunlichen Geschichten wären unerzählt und damit buchstäblich »im Dunkeln« geblieben, hätten nicht einige neugierige Wissenschaftler Tage und Nächte investiert, um den Geheimnissen dieser leuchtenden Käfer auf die Spur zu kommen. Meine eigene glühende Leidenschaft für diese Tierchen brennt seit den 1980er Jahren und verschaffte mir die große Ehre, vielen führenden Forschern begegnen und mit ihnen arbeiten zu dürfen. Im Zuge der vielen Geschichten rund um die Glühwürmchen werden wir einige Menschen treffen, deren Leben zutiefst verflochten ist mit diesen kleinen Kreaturen. Aber nicht alle von ihnen sind Wissenschaftler. Unter ihnen sind auch Menschen wie Lynn Faust – Reiterin, Mutter und autodidaktische Naturforscherin –, deren von Glühwürmchen beschienene Kindheit sie inspirierte, das zu werden, was sie heute ist: die Expertin schlechthin für das berühmte Lichtspektakel in den Great Smoky Mountains. Oder Raphaël De Cock, ein reisender Musiker und ebenfalls ein ausgewiesener Glühwürmchen-Experte. Mit James Lloyd, dem einsamen Feldforscher, der viele Sommernächte seines Lebens damit verbracht hat, die Verhaltensweisen der Glühwürmchen in freier Natur zu beobachten, wandern wir hinaus in die Nacht. Und wir lernen den verstorbenen John Buck kennen, einen passionierten Seemann und Physiologen, dessen sorgfältige experimentelle Studien die Mechanismen enthüllten, die Glühwürmchen nutzen, um ihre Blitzsignale zu schalten. Wissenschaftlern aus der ganzen Welt ist es in gemeinsamen Anstrengungen gelungen, einige der tief verborgenen Geheimnisse der Glühwürmchen zu enthüllen.

Bevor wir nun diese geheimnisvolle Welt betreten, möchte ich eine kurze Vorschau auf die nächsten Kapitel geben: In Kapitel 2 (»Lebenswelten der Glühwürmchen«) erfahren wir, dass das Leben aller Glühwürmchen einen recht unspektakulären Anfang nimmt. Sie genießen eine bemerkenswerte Kindheit, die sie bis zu zwei Jahre lang in einer Art larvenähnlichem Jugendstadium unter der Erde verbringen. Baby-Glühwürmchen entpuppen sich als gefräßige Räuber, die der Völlerei frönen, um reichlich Energievorrat zum Wachsen zu haben. Wir werden ein Glühwürmchen durch die verschiedenen Stadien seines Lebens begleiten, vom schwach glimmenden Ei über den magischen Zauber der Metamorphose bis zu seiner vollständigen Verwandlung. Sobald sie erwachsen geworden sind, dreht sich das Leben der Glühwürmchen einzig und allein um Sex. Wir reisen nach Tennessee und betreten dort einen Wald, um die Lichterwogen Abertausender synchron blinkender Glühwürmchen zu bestaunen, die in hellen Scharen über uns hinwegschwirren. Die spektakulären Schauspiele, die uns so faszinieren, sind nichts anderes als lautlose Liebeslieder männlicher Freier.

In Kapitel 3 (»Glanz im Gras«) besuchen wir im Dämmerschein eine Wiese in Neuengland, um das Liebeswerben der »Blitzer«-Glühwürmchen mitzuerleben. Seit fast dreißig Jahren betreibe ich zusammen mit meinen Studenten Feldstudien in freier Natur, um Einblick in das Prinzip der sexuellen Selektion dieser Tierchen zu gewinnen, einen subtilen und doch kraftvollen evolutionären Prozess. Wir werden einigen Leuchtkäfer-Männchen folgen, wenn sie ihre nächtlichen »Freiersflüge« starten, um paarungswillige Weibchen zu bezirzen. Während die umherfliegenden Männchen ihr Liebesleuchten durch die Nacht blinken, zieren sich die Weibchen und blinken nur zurück, wenn sie ein besonders attraktives Männchen erspähen. Aber was genau findet ein Leuchtkäfer-Weibchen sexy? Wir werden es herausfinden. Und wir werden sehen, dass eigentlich so ziemlich alles dagegen spricht, dass die Männchen zur Paarung kommen. Nur ein paar wenigen Auserwählten ist es am Ende vergönnt, sich mit einem betörten Weibchen zu vereinen, während viele andere ihr Werben mit dem Tod bezahlen.

Aber was passiert, wenn das Licht ausgeht? In Sachen Glühwürmchen-Sex tappen wir noch immer im Dunkeln, und das nicht nur, weil er im »Dunkel« der Nacht stattfindet. Wie wir in Kapitel 4 (»Kostbare Geschenke zur Hochzeit«) erfahren werden, setzt sich das Drama in den tiefsten Tiefen des weiblichen Fortpflanzungssystems fort. Meine eigenen mikroskopischen Untersuchungen dieser inneren Glühwürmchen-Landschaften erbrachten eine besonders spannende Erkenntnis, die unsere Sicht auf das Sexleben dieser funkelnden Tierchen grundlegend verändert hat. Wir werden von Hochzeitsgeschenken erfahren und herausfinden, was es mit diesen üppigen Liebespaketen auf sich hat, sowohl für den Schenkenden als auch für die Beschenkte.

Da »Glüher«-Weibchen flugunfähig sind, unterscheidet sich ihre Lebensweise stark von der Lebensweise anderer Leuchtkäferinnen. In Kapitel 5 (»Der Traum vom Fliegen«) lernen wir eine seltene amerikanische »Glüher«-Art kennen, das Blaue-Geister-Glühwürmchen (Phausis reticulata, Blue Ghost). Wir kommen mit auf eine Feldexpedition in die südlichen Appalachen, um die Balzrituale dieser geheimnisvollen blauen Geister zu studieren. Nahe über dem Waldboden fliegend senden die Männchen auf der Suche nach einer Partnerin gespenstische, lang glimmende Leuchtsignale aus, während die winzigen, flügellosen Weibchen langsam im Blätterlaub am Boden krabbeln. Wir werden versuchen, die Welt durch ihre Augen zu sehen, tauchen dafür tief in die Umwelt dieser flugunfähigen Weibchen ein und schrumpfen ganz klein zusammen, um ihren Blickwinkel einzunehmen.

Doch wie macht das Glühwürmchen das nur? Wie erzeugt es Licht? Das Leuchten der Glühwürmchen erscheint geradezu magisch. In Kapitel 6 (»Wie entsteht das Blinken«) erfahren wir, wie Biolumineszenz aus sorgfältig abgestimmten chemischen Reaktionen entsteht. Im Innern der Laterne des Glühwürmchens entdecken wir den Lichtschalter dafür, die sogenannte Luciferase, ein Enzym, das auch zum Schutz der menschlichen Gesundheit eingesetzt wird. Einige Leuchtkäfer-Arten sind in der Lage, ihre Lampe in schnellen Rhythmen ein- und auszuknipsen, eine Fähigkeit, die ihnen erlaubt, präzise gesteuerte Blitzsignale in einer Art »Morsecode« auszusenden. Doch wie stellt es der kleine Käfer an, eine so beeindruckende Hightech-Blitzsteuerung zu beherrschen? Wir begleiten außerdem einige Glühwürmchen-Biologen auf ihrer Suchwanderung durch Südostasien, um herauszufinden, wie einige Leuchtkäfer-Arten es schaffen, ihr Leuchten so zu synchronisieren, dass sie die ganze Nacht hindurch im gleichen Takt zauberhaft funkeln.

Doch in der Welt der Leuchtkäfer ist nicht alles schöner Schein. Kapitel 7 (»Giftige Verlockungen«) enthüllt die dunkle Seite der Glühwürmchen. Einige Arten stellen tödliche Gifte her, scheußlich schmeckende chemische Cocktails, die Vögel, Eidechsen, Mäuse und andere Insektenfresser wirksam fernhalten. Diese Chemiewaffen bergen auch den Schlüssel, um zu verstehen, zu welchen Zwecken sich das Leuchten der Glühwürmchen überhaupt entwickelt hat. Dennoch sind die leuchtenden Käferchen für bestimmte Tiere ein echter Leckerbissen, sogar für die Weibchen einiger Glühwürmchen-Arten! Als schillernde, verführerisch lockende Femmes fatales ziehen sie ahnungslose Freier an, um sie zu verspeisen.

Die Welt der Leuchtkäfer hält viele faszinierende Geschichten bereit, und es gibt noch einiges zu lernen. Unterdessen funkeln Glühwürmchen-Populationen überall auf der Welt durch die Nacht. In Kapitel 8 (»Licht aus – für immer?«) erkunden wir die komplizierte, oft destruktive Beziehung zwischen Mensch und Leuchtkäfer. Wir werden uns ansehen, welche Gründe es für den jüngsten Rückgang der Populationen geben mag, wie beispielsweise Lebensraumzerstörung und Lichtverschmutzung. Dabei werden wir auch erfahren, inwiefern wir selbst am Raubbau des kleinen Käfers beteiligt sind, mal, weil wir als Wissenschaftler die ihm eigenen, Licht produzierenden Naturstoffe extrahieren, mal, weil wir uns als Touristen an seiner göttlichen Schönheit begeistern. Doch noch besteht Hoffnung, dass auch künftige Generationen sich an diesen lebendigen Lichtfunken erfreuen können. Dieses Kapitel gibt ein paar praktische Tipps, wie Sie Ihren Garten leuchtkäfer-freundlicher machen können.

Ich habe für dieses Buch beschlossen, auf die üblichen wissenschaftlichen Schaubilder wie Grafiken oder Tabellen zu verzichten. Doch wer möchte, findet für jedes Kapitel eine konnotierte Bibliographie, die auf einschlägige Informationen verweist. Sofern wissenschaftliche Artikel unentgeltlich im Netz verfügbar sind, habe ich die entsprechenden Links zu diesen Quellen angegeben. In einem Glossar am Ende des Buches sind außerdem spezielle Begriffe erklärt. Und für alle, die noch tiefer in die Welt der Glühwürmchen eintauchen wollen, gibt es eine sorgfältig zusammengestellte Liste weiterer Web- und Print-Quellen.

Also, beginnen wir unsere Reise in die verborgene Welt der Glühwürmchen. Sie wird uns hinter die Kulissen führen, um das nächtliche Drama zu erkunden, das sich gleich nebenan entfaltet – im eigenen Garten, im Park, auf Feldern und in Wäldern. Los geht’s, öffnen wir die Tür und treten sacht hinaus …

Leuchtkäfer-Semantik

Obwohl die Leuchtkäfer die größte aller Käferfamilien sind, die im Dunkeln leuchten, teilen sie diese Fähigkeit zur Biolumineszenz mit Käfern aus anderen Familien. Dazu gehören beispielsweise die Federleuchtkäfer (Phengodidae) sowie einzelne Arten aus der Familie der Schnellkäfer (Elateridae; in Puerto Rico cucubanos genannt, in Jamaica peenie-wallies).

Was genau meinen wir also, wenn wir von »Leuchtkäfern« sprechen? Dieser Begriff bezieht sich auf jegliche Mitglieder der Käferfamilie Lampyridae, egal, ob ihre adulten Vertreter leuchten oder nicht. Leuchtkäfer können in drei Gruppen unterteilt werden, je nach Balzverhalten, das sie anwenden, um einen passenden Paarungspartner zu finden:

»Blitzer«: Die adulten Leuchtkäfer dieser Art senden schnelle, aufeinanderfolgende Lichtblitze aus, um Paarungspartner zu locken.

»Glüher«: Die flügellosen Weibchen dieser Art erzeugen ein lang anhaltendes Glühen, um Männchen anzulocken; die Männchen dieser Art leuchten für gewöhnlich nicht.

Dunkel-Glühwürmchen: Die adulten Leuchtkäfer dieser Art sind leuchtunfähig; sie balzen tagsüber und sind auf chemische Duftstoffe angewiesen, um Paarungspartner zu finden.

Kapitel 2

Lebenswelten der Glühwürmchen

Man kann in Veränderung nur dann Sinn finden, wenn man in diese eintaucht, mit ihr mitgeht und sich dem Tanz anschließt.

ALAN WATTS

Tief im Herzen der Great Smoky Mountains

Vor ein paar Jahren hatte ich in den Great Smoky Mountains ein wahrlich einmaliges Leuchtkäfer-Erlebnis. Ich traf mich dort mit Lynn Faust, einer herausragenden Naturforscherin aus Tennessee. Sie ist zudem ein bekennender Glühwürmchen-Fan. Es war im Juni 2008, und wir hatten uns Tausenden von Touristen angeschlossen, die ihren Urlaub extra auf jene zwei Wochen im Jahr gelegt hatten, um diesem außergewöhnlichen Naturschauspiel beizuwohnen. Das leuchtende Spektakel, das bis Mitte der 1990er Jahre nur den paar wenigen Familien bekannt war, die im kleinen Ort Elkmont eine Sommerblockhütte hatten, ist mittlerweile äußerst populär.

Faust verbrachte die Sommer ihrer Kindheit hier, in der »Magie von Elkmont«, wie sie es nennt, streifte durch neblige Wälder und watete durch forellenreiche Bergbäche. Sie sprühte förmlich vor Begeisterung, als sie mir von jenem abendlichen Ritual damals in Kindertagen erzählte. Jedes Jahr zur Glühwürmchen-Zeit im Juni scharten sich sämtliche Nachbarskinder nach dem Abendessen im Schlafanzug auf der verglasten Veranda und warteten gespannt, bis sie begann, die »Lichtershow«, wie Fausts künftige Schwiegermutter sie getauft hatte. Von dort schauten sie zu, wie sich die anbrechende Dunkelheit über die umliegenden Wälder legte und es schließlich soweit war: Zuerst sahen sie nur eine Handvoll, dann Hunderte und schließlich Abertausende von Glühwürmchen, die allesamt gleichzeitig eine lautlos blinkende Lichter-Symphonie anstimmten.

Und so ist Elkmont, der Ort ihrer Kindheit, bis heute mit diesen Erlebnissen verbunden. Auch später kehrte sie mit ihrem Mann Edgar und den Kindern jedes Jahr hierher zurück. Als 1940 der Great-Smoky-Mountains-Nationalpark eingerichtet wurde, ging auch der kleine Ort Elkmont in staatlichen Besitz über, wobei die alteingesessenen Familien bis zum 31. Dezember 1992 ein garantiertes Wohnrecht zuerkannt bekamen. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang schwebte dieses Datum fortan wie eine dunkle Wolke am Horizont, drohte, dem Zauber des Ortes ein Ende zu bereiten. Faust erinnerte sich unter Tränen an jenen Abend Punkt zwölf an Silvester, als bewaffnete Ranger vorfuhren und ihre Familie samt Freunden höflich, aber bestimmt aus ihrem Blockhaus hinauseskortierten. Einige Monate später nahm Faust – inzwischen eine begeisterte und scharfsinnige Beobachterin von Leuchtkäfern – Kontakt mit Dr. Jon Copeland auf, einem Biologen an der Georgia Southern University. Copeland war soeben von einer Expedition in entlegene Gebiete Südostasiens zurückgekehrt, um dort die berühmten, synchron blinkenden »Feuerfliegen« (Pteroptyx) zu studieren. Er war anfangs skeptisch, was Fausts Beschreibung ihrer Tennessee-Glühwürmchen anbelangte, denn synchron blinkende Arten kamen in den USA vermeintlich gar nicht vor. Doch im Sommer 1993 gelang es Faust, Jon und dessen Kollegen Andy Moiseff zu einer Fahrt nach Elkmont zu überreden, damit sie sich selbst ein Bild machen konnten. Später bringt Copeland diesen wunderbaren, ersten »lichten« Moment, der einen Wissenschaftler dann und wann durchzuckt, folgendermaßen auf den Punkt: »Es war neblig, kalt und regnerisch. Es wurde dunkel, und nichts passierte. Ich saß in meinem Auto, war ein wenig müde. Als ich meine Augen wieder öffnete, waren sie da – massenhaft Glühwürmchen, die allesamt synchron blitzten und blinkten!«

Nach diesem Besuch begann Faust, ihre Sommer als Feldassistentin bei Copeland und Moiseff zu verbringen. Die beiden Männer, beide Insekten-Neurophysiologen, waren fest entschlossen, herauszufinden, wie und warum die Glühwürmchen dieser speziellen Art ihr Blinken derart präzise synchronisieren. Und auch Faust begann sich jetzt eingehend damit zu beschäftigen, wie die Elkmont-Glühwürmchen das genau machen. Viele Sommer lang führte sie Beobachtungsprotokolle und machte detaillierte Feldnotizen, die sie im Winter dann abtippte, mit Fotos versah und nach Jahren geordnet fein säuberlich in einem Ringordner abheftete. Mittlerweile umfassen Fausts Feldnotizen mehr als zwanzig Jahre und füllen mehrere Regalmeter. Darüber hinaus gelang es ihr, mehr als ein Dutzend weitere Leuchtkäfer-Spezies aus dem östlichen Tennessee genauestens unter die Lupe zu nehmen.

Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Besucher in die Great Smoky Mountains, um das Naturspektakel zu bestaunen, das die Balzrituale des Photinus carolinus entfachen, eben jene Leuchtkäferart, die als Hauptakteur der abendlichen Lichtershow auftritt. Anfangs konnten die Touristen noch bis nach Elkmont hineinfahren, doch die zunehmende Popularität führte zum verkehrsbedingten Alptraum, da das Licht der Autoscheinwerfer das natürliche Treiben der Glühwürmchen störte. 2006 begann der National Park Service Shuttle-Busse einzusetzen, die zwischen den besten Beobachtungsplätzen und dem Besucherzentrum Sugarlands in Gatlinburg verkehren. Heute sind es an die 30 000 Besucher, die jedes Jahr zur zweiwöchigen Hochsaison im Juni anreisen, um die »Lightshow« zu bewundern, wie das Naturschauspiel offiziell bezeichnet wird. Und jedes Jahr sind die erforderlichen Reservierungen für den Shuttle-Bus, die ausschließlich online erhältlich sind, innerhalb von Minuten ausverkauft. Nun traf ich mich dort mit Faust, um dieses Spektakel mit eigenen Augen zu erleben und das Paarungsverhalten dieser Glühwürmchen zu studieren.

Wir stiegen aus dem Shuttlebus, und schon umfing uns der würzige Duft von Wald und Farnen, das laute Tosen des Wassers, das die Berge hinabrauschte. Unter unseren Mitreisenden waren Kirchengemeindegruppen, Händchen haltende Liebespärchen und Mehrgenerationenfamilien mit Kindern, die vorwegrannten, und Älteren, die hinterhergingen. Vielleicht waren sie gekommen, um die Gemeinschaft mit ihrem persönlichen Gott zu suchen, mit irgendeinem höheren Wesen oder mit sonst irgendetwas, das größer war als sie selbst. Was auch immer sie suchten, sie mussten es hier gefunden haben. Viele Besucher, mit denen ich sprach, hatten diese Pilgerreise viele Male zuvor gemacht und kamen Jahr für Jahr wieder, um die »Lightshow« hier in den Smoky Mountains erneut zu erleben.

In Elkmont werden Besucher von einer lautlos blinkenden Lichter-Symphonie begrüßt (Photinus carolinus, Foto: Radim Schreiber).

Wir gingen langsam den Pfad hinauf, der sich entlang des Little River schlängelte, vorbei an den Gebäudehüllen der alten Elkmonter Wohnblockhütten, einst per Zwangsverordnung geräumt, heute vom Park Service ignoriert. Wir bogen auf einen kleinen Nebenweg, hinunter zu Fausts elterlicher Hütte und spähten durch die verglaste Veranda hinein; der alte Esstisch stand noch immer da, erwartete die Rückkehr der Familie. Elkmont wirkte unheimlich im fahlen Dämmerlicht, die gespenstischen Hütten, Wege und Gärten heruntergekommen und verwahrlost, dem langsamen Verfall preisgegeben.

Oben auf der Anhöhe begann sich die Menge zu zerstreuen, kleine Grüppchen ließen sich hier und da in kleinen Waldlichtungen nieder. Sie klappten ihre mitgebrachten Campingstühle auf, setzten sich und warteten geduldig, während der Abend langsam zu dämmern begann. Anders als die meisten Besucherscharen schienen diese Zuschauer fast andächtig – wie Besucher einer Kathedrale. Jeder saß still und stumm, unterhielt sich allenfalls flüsternd. Doch erst als der Wald in völliger Dunkelheit versunken war, sahen wir den ersten blitzenden Lichtpunkt. Nur wenige Augenblicke später flirrten dutzende männliche Glühwürmchen um uns herum, sandten ihre typischen Liebesbotschaften durch die Nacht: sechs schnelle Lichtblitze, gefolgt von sechs Sekunden absoluter Dunkelheit. Plötzlich erwachte der Wald, überall waren fliegende Funken, Abertausende Männchen synchronisierten ihre Blinksignale, zündeten ein wahres Feuerwerk! Im Gleichtakt sandten sie sechs präzise getaktete, rasch aufeinander folgende Blitze aus, die dann alle gleichzeitig wieder erstarben. Und schon war es wieder stockfinster vor meinen Augen, als hätte jemand ein Rollo heruntergezogen.

Trotz all der wissenschaftlichen Beschreibungen, die ich gelesen hatte, traf mich der geradezu übersinnliche Nervenkitzel dieses rhythmisch pulsierenden Schauspiels völlig unvorbereitet. Gebannt, wie in Trance, sank ich nieder und gab mich diesem gewaltigen, hypnotisierenden Rhythmus der Natur hin. Der Wissenschaftler Steven Strogatz, der vor allem für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Synchronisation dynamischer Systeme bekannt ist, formuliert es in seinem wunderbaren Buch Synchron. Vom rätselhaften Rhythmus der Natur so: »Im Innersten wird das Universum von einem stetigen, eindringlichen Rhythmus bestimmt – dem Takt gleichzeitiger, synchroner Schwingungen.« Und auch unser menschlicher Körper und Geist sind in allen Sinneskanälen von Synchronität durchdrungen. Allein in der Stille, um mich herum nur eine synchrone Symphonie, gespielt von Abertausenden von Glühwürmchen, fühlte ich mich, als wäre ich aus der Zeit gefallen.

In jener Nacht in Elkmont erlebte ich das sagenhafte Liebesmühen dieser Glühwürmchen, das, wie wir gleich noch sehen werden, nur einem einzigen Zweck dient: der Fortpflanzung. Die winzigen, pulsierenden Lichtwesen, die dieses Feuerwerk inszenierten, versuchten verzweifelt, ihr genetisches Material in die nächste Glühwürmchen-Generation hinüberzuretten. Und was uns Zuschauer anbelangte, so konnten wir uns nur glücklich schätzen, ihr exhibitionistisches Schauspiel als Zaungäste miterleben zu dürfen.

Als ich mich wieder gefangen hatte, brachten Faust und ich die nächsten paar Stunden damit zu, nach Glühwürmchen-Weibchen zu suchen und uns Beobachtungsstrategien für die folgenden Nächte zu überlegen. Es war weit nach Mitternacht, als wir uns schließlich auf den Rückweg machten, den schmalen, gewundenen Pfad bergab stolperten. Und als wir hinaustraten aus diesem verzauberten Wald, war ich noch immer wie trunken von diesem Wunder der Natur, das so lange im Verborgenen geblieben war, hier, tief im Herzen der Great Smoky Mountains.

Bescheidene Anfänge

Wie alle Leuchtkäfer, so beginnen auch die Regisseure der Lightshow von Elkmont ihr Leben in bescheidenen Anfängen im Dunkeln, um als künftige, fliegende Sternchen daraus emporzusteigen. Im Laufe ihres Lebens machen Leuchtkäfer eine beeindruckende Selbstverwandlung durch, eine vollständige Metamorphose. Hervorgegangen aus der Wiege der Insekten vor 290 Millionen Jahren erwies sich diese komplexe Lebensweise im Laufe der Evolution als äußerst erfolgreich. Heute durchlaufen alle Arten von Käfern, Schmetterlingen, Bienen, Fliegen und Ameisen eine vollständige Metamorphose; zusammengenommen machen diese Lebewesen grob die Hälfte aller bekannten Tierspezies auf unserer Erde aus.

Insekten sind wahre Verwandlungskünstler. Die Entwicklung des Menschen reicht hier nicht annähernd heran. Unsere Babys sind, wie andere Säugetiere auch, im Prinzip Erwachsene in Miniaturausgabe – wir werden zwar größer, unsere Bauteileliste aber bleibt so ziemlich die gleiche. Hingegen ist die Verwandlungskraft der Insekten verblüffend: Während ihres Wachstums erschaffen sie ihren Körper völlig neu. Tatsächlich hatte man bis zum 17. Jahrhundert geglaubt, dass Raupen und Schmetterlinge zwei völlig verschiedene Lebewesen seien.

Die Fähigkeit zur Metamorphose versetzt die Insekten nicht nur in die Lage, ihre eigene äußere Gestalt zu verändern, sie sind überdies imstande, auch ihre Lebensweise zu verändern. Juvenile und adulte Formen können so in verschiedenen Habitaten leben und somit verschiedene Ressourcen für sich nutzen. Außerdem können sie sich auf die Verrichtung eigener Aufgaben spezialisieren.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Leuchten in der Stille" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen