Logo weiterlesen.de
Letzer Weg

Über die Autorin

Hilary Norman, geboren und aufgewachsen in London, war nach einer Karriere als Schauspielerin zunächst in der Mode- und Fernsehbranche tätig. Ihr erster Roman erschien 1986; seitdem hat sie siebzehn weitere Bücher geschrieben, die in ebenso viele Sprachen übersetzt wurden. Sie reist, wie sie selbst sagt, »so oft wie möglich«, um für ihre Romane zu recherchieren. Hilary Norman lebt mit ihrem Mann – und einem Rauhaardackel – in einem Vorort von London.

Hilary Norman

Letzter Weg

THRILLER

Aus dem Englischen von
Rainer Schumacher

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine Mutter Herta Norman

Mein herzlicher Dank gilt:

Howard Barmad, Jennifer Bloch, Batya Brykman, Sheena Craig, Sergeant Paul Marcus vom Miami Beach Police Department, Helen Rose und Dr. Jonathan Tarlow. Besonders danke ich Sara Fisher. Mein größter Dank geht wie stets an meinen Mann Jonathan, dass er mich erträgt, wenn ich an einem Roman schreibe.

1.

10. August

Ein Strand bei Nacht ist ein cooler Ort zum Morden.

Das größte Bad der Welt. Sehr viel Wasser, um Blut wegzuwaschen.

Sand verweht mit jeder Brise, bewegt sich bei jedem Schritt. Spuren werden verwischt, Beweise ausgelöscht.

Es ist der Albtraum eines jeden Beamten der Spurensicherung.

Und eines Detectives.

In der einen Minute lief der Kerl noch mit leichten, federnden Schritten, sog die warme Luft in seine durchtrainierte Lunge und blies sie kräftig wieder aus. Er war frei wie ein Vogel, und das gefiel ihm sehr. Er liebte das Gefühl, das er jedes Mal um diese Nachtzeit hatte. Die Plackerei des Tages war vergessen, Körper und Geist in harmonischem Einklang und bereit zur Ruhe, zum Schlaf.

Kein Gefühl von Gefahr.

Erst, als sie bei ihm war.

Irgendetwas zischte auf sein Gesicht zu.

Als Letztes hörte er das Geräusch seiner eigenen berstenden Knochen.

Und das Schreien.

Seine letzten Empfindungen waren Schrecken und Schmerz.

Dann nichts mehr.

2.

Mindestens sechs Leute hörten es (und keiner von ihnen meldete es). Das war mehr als vier Stunden, ehe die Leiche gefunden wurde – um fünf Uhr morgens am Mittwoch –, nicht weit vom Jetski-Verleih entfernt, nahe dem North Shore Open Space Park, gleich südlich von Surfside.

Das Verbrechen war brutal und abscheulich gewesen. Bei dem Geräusch, sagten die Leute, habe es sich um »eine Art Schreien« gehandelt.

»Aber nicht so, wie das Opfer eines Verbrechens schreit«, erklärte jemand.

Das machte den Schrei entweder zu dem eines Zeugen oder, wie manche spekulierten, zu einem Geräusch, das vom Killer stammte.

»Für mich hat es sich wie ein Tier angehört«, sagte ein Mann mittleren Alters, der den Schrei durch das offene Schlafzimmerfenster im fünften Stock des zum Meer hin liegenden Apartmenthauses gehört hatte, in dem er seine Wohnung hatte.

»Er klang verrückt«, sagte seine weniger fantasiebegabte Frau.

Sam war schon vor sechs Uhr morgens in das hübsche weiße Gebäude in der 1100 Washington Avenue gekommen, in dem das Miami Beach Police Department untergebracht war, als Lieutenant Kovac ihn zum Chefermittler im North-Shore-Mord ernannte und ihm seinen Kollegen Martinez an die Seite stellte, der extra für diesen Fall von dem schweren Raub abgezogen wurde, in dem er gerade ermittelte.

Nicht dass Kovac einen der beiden besser hätte leiden können als den anderen, aber so lief es nun mal: Die Detectives des Dezernats für Gewaltverbrechen arbeiteten nach einem Rotationsprinzip: Jeder war einmal an der Reihe, die Verantwortung für neue Fälle zu übernehmen. Außerdem hatte selbst Kovac irgendwann zugeben müssen, dass Becket und Martinez besser zusammen arbeiteten als getrennt, obwohl sie offiziell keine Partner waren.

So war für beide Detectives ein Tag im Büro plötzlich zu einem Tag am Strand geworden.

Allerdings war es kein schöner Tag.

Besonders nicht für den ermordeten Rudolph Muller.

Die unbestätigte Identifizierung war einfach (offiziell war sie noch nicht möglich, denn das Gesicht des Toten war zu Brei zerschlagen), da Muller einen Joggergürtel trug, an dem eine Wasserflasche und eine Tasche für die Schlüssel und die Geldbörse hingen. Rudolph F. Muller, Hausmeister an der Trent University in North Miami, wohnte in der Abbott Avenue, nur ein paar Blocks vom Tatort entfernt.

Er war totgeschlagen worden.

Die Zwanzigdollarnote und die drei Vierteldollarmünzen in der Börse – sowie das Vorhandensein der Schlüssel – schienen auf den ersten Blick einen Raubmord oder einen fehlgeschlagenen Drogendeal auszuschließen.

Laut Elliot Sanders, dem Gerichtsmediziner, ließ der Mord sich in zwei Phasen unterteilen. Zuerst hatte jemand dem Opfer einen wuchtigen Schlag ins Gesicht versetzt – möglicherweise mit einem Baseballschläger oder einem anderen stumpfen Gegenstand –, wobei Muller wahrscheinlich das Bewusstsein verloren hatte.

Dann hatte der Mörder ihm die Kehle durchgeschnitten.

»Einmal quer durch«, sagte Sanders um kurz nach halb sechs zu Sam, kaum dass dieser am Tatort erschienen war. »Chirurgisch sauber. Vermutlich, weil das Opfer bewusstlos war und sich nicht gerührt hat.«

»Chirurgisch sauber?« Sam zwang sich, den Blick wieder über das Grauen schweifen zu lassen, das Teil seiner Arbeit war – zu seinem größten Bedauern. »Sie meinen, mit einem Skalpell?«

»Würde ich nicht sagen.« Sanders beugte sich noch einmal hinunter, um sich abermals zu vergewissern. »Mit einem Küchenmesser, nehme ich an. Später wissen wir mehr.« Er untersuchte die Verletzungen im Gesicht und hob die Augenbrauen. »In Sachen Anästhesie könnte der Täter noch ein bisschen dazulernen.«

»Sonst noch was, Doc?« Sam war sechsunddreißig, ein schlaksiger Afroamerikaner. Er sah zäh aus, war aber dennoch froh, dass er heute nicht gefrühstückt hatte.

»Später.« Der übergewichtige Mediziner rappelte sich auf, tupfte sich die an diesem schwülen Augustmorgen bereits glitzernde Stirn mit einem Taschentuch ab und ging von der Leiche weg.

Beide Männer achteten sorgfältig darauf, wohin sie traten, obwohl Sam und Al Martinez – der gerade ein Stück abseits mit einem Beamten der Spurensicherung redete – schon bei ihrer Ankunft erkannt hatten, dass der Tatort von zahllosen Passanten verunreinigt worden war. Sicherlich von den beiden Joggern, die das Pech gehabt hatten, die Leiche zu finden, und später dann – unter den Umständen ebenfalls unvermeidlich – von der Rettungsmannschaft, die das Opfer für tot erklärt hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Beamten der Miami Beach Police, die den Tatort abgeriegelt hatten, bereits wissen müssen, dass trotz ihrer Bemühungen alle möglichen Beweise bereits für immer verloren waren – insbesondere Fußabdrücke, die der Täter hinterlassen haben könnte (die man aber nur selten fand, da der Sand am Strand sich ständig bewegte).

Als sie den Pfad außerhalb des mit Bändern abgesperrten Areals erreichten, zündete Sanders sich eine Zigarette an und grinste, als er Beckets noch immer deutliches Unbehagen sah.

»Wenn du noch ein bisschen blasser wirst, Sam, werden sie dich bald Jackson nennen.«

»Wenn du noch ein bisschen fetter wirst, Doc, können wir dich als Schattenspender vermieten.« Der schlanke Martinez mit dem runden Gesicht, den scharfen dunklen Augen und dem leichten Akzent gesellte sich zu ihnen.

»Sehr witzig, Al. So lustig wie ein Einlauf«, entgegnete der Mediziner sarkastisch.

»Was ist mit dir, Sam?«, fragte Martinez, als sie vor dem ocker- und cremefarbenen zweistöckigen Apartmentgebäude an der Abbott Avenue hielten, in dem sich Rudolph Mullers Wohnung befand.

Sie waren nicht nur Kollegen, sie waren Freunde. Und sie arbeiteten nun schon seit Jahren in gegenseitigem Respekt zusammen. Sie beide waren gute, tüchtige, manchmal hervorragende Detectives, doch keiner von beiden hatte sich bis jetzt die Beförderungen verdient, die man aufgrund ihrer langen Dienstzeit hätte erwarten können. Alejandro Martinez war ein gleichmütiger Mann, sofern man ihn nicht ernsthaft aus der Ruhe brachte – höflich, doch mit dem schlummernden Gewaltpotenzial eines Straßenkämpfers. Er hatte nie wirklich nach einer Beförderung gestrebt, denn als Junggeselle mit einem Blick für hübsche Frauen wollte er keinerlei Verantwortung außer für sich selbst. Samuel Becket wiederum war nicht befördert worden, weil er – sehr zum Missfallen seiner Vorgesetzten – dazu neigte, Dienstvorschriften bisweilen ziemlich »frei« zu interpretieren, wenn sie seinem Instinkt zuwiderliefen.

»Muller hat an der Trent University gearbeitet«, antwortete Sam auf die Frage seines Kollegen.

»Cathy.« Martinez wusste, dass Sams Adoptivtochter an der Trent ihren Bachelor-Abschluss in Sozialarbeit machte, und er war sich ebenfalls bewusst, wie sein Partner empfand, wenn sich auch nur der Hauch einer Gefahr für Cathy abzeichnete. »Der Bursche war Hausmeister. Cathy hat ihn vermutlich nie gesehen, geschweige denn, ihn kennen gelernt.«

»Ich weiß«, sagte Sam.

»Und er ist in seinem Heimatrevier getötet worden, nicht an der Uni.«

»Ich weiß«, wiederholte Sam.

Martinez schaute ihn an. »Kommt Cathy gut zurecht?«

»Ja«, antwortete Sam, was der Wahrheit entsprach, soviel er wusste – zum Glück.

»Und Grace?«

Sam lächelte. »Grace geht es prächtig, Gott sei Dank, und auch Saul und meinem Vater.«

»Mir geht’s auch gut«, sagte Martinez. »Mir einzig und allein.«

Sam öffnete seine Wagentür. »Dann sind wir schon zwei glückliche Bastarde.« Er schaute an Mullers Haus hinauf. »Und jetzt lass uns gehen und jemandes Leben zerstören.«

»Ja, wir haben wirklich Glück«, sagte Martinez.

3.

Sechs Jahre waren vergangen, seit eine grauenhafte Mordserie in Miami Beach und Umgebung geendet hatte. Ein langer, schrecklicher Albtraum war damals zu Ende gegangen – ein Albtraum, der sowohl Sam Becket als auch Dr. Grace Lucca betroffen und fast das Leben ihrer zukünftigen Tochter, Cathy Robbins, zerstört hätte.

Sam und Grace, eine Kinder- und Jugendpsychologin, waren seit vier dieser sechs Jahre verheiratet. Sie wohnten mit Cathy in einem Haus auf Bay Harbor Island, das ursprünglich Grace allein gehört hatte. Es war ein kleines weißes Steinhaus mit rotem Ziegeldach, Bogenfenstern, zwei Palmen und einem Australischen Flaschenbaum vor der Tür und einer überdachten Veranda hinter dem Haus. Die Veranda war Grace’ Lieblingsplatz, da sie von dort über die Biscayne Bay blicken konnte.

Manchmal hätte ihr dieses Haus, das einst ihr allein gehört hatte, überfüllt vorkommen können, aber das war nie der Fall. Im Gegenteil, es erschien ihr genau richtig. Ihre Ehe – die erste für Grace, die zweite für Sam – und ihre Vormundschaft über Cathy waren wundervoll für sie. Der einzige Schatten auf ihrer Beziehung war ihre scheinbare Unfähigkeit, ein eigenes Baby in die Welt zu setzen.

Nach zwei Fehlgeburten dauerte Grace’ letzte Schwangerschaft jetzt schon bis zum sechsten Monat – für beide eine Freude, die sie nicht einmal annähernd beschreiben konnten. Sam war vor kurzem vierzig geworden, und Grace mit ihren siebenunddreißig wurde im Medizinerjargon bereits als Geriatikerin tituliert. Allerdings war Barbara Walden, ihre Ärztin, recht zuversichtlich, dass Grace’ Hauptproblemphase damit überstanden war. Und falls Sam geglaubt haben sollte, er würde damit durchkommen, seine Frau für die Dauer der Schwangerschaft zu Hause in Watte zu packen, hätte er das versuchen können; aber er wusste es besser.

Jeder, der einige Zeit mit Grace verbracht hatte, wusste es besser.

Eine glückliche Familie.

Allerdings nicht so glücklich, wie sie hätten sein können, denn sie hatten Judy Becket verloren: Sams und Sauls vielgeliebte Hühnersuppen-und-Stahl-Mama. Judy war vergangenes Jahr an Knochenkrebs gestorben, und so hatte sie nie erfahren, dass Grace wieder schwanger war. Stets hatte sie befürchtet, Sam würde nie wieder mit einem Kind gesegnet, nachdem er vor fast fünfzehn Jahren seinen Sohn noch als Baby verloren hatte.

»Ich habe herauszufinden versucht«, hatte Saul, Sams neunzehn Jahre alter Bruder, bei einem der Familienessen vor gut einem Monat gesagt, »wie mein zukünftiger Neffe wohl aussehen wird.«

»Von der Rasse her, meinst du?« David Becket, ihr Vater – Sams durch Adoption – und von Beruf Kinderarzt, hatte die grauen Augenbrauen gehoben. »Die Mischung ist viel zu fantastisch, um die Zeit mit Spekulationen zu verschwenden.«

Sie hatten es trotzdem versucht, waren ihre entsprechenden Erblinien durchgegangen. Cathy versuchte sich daran und scheiterte kläglich. Das war nicht überraschend. Sie alle lachten. Sam, ein afrikanisch-bahamaischer Episkopaler und beschnittener Jude, Nachfahre eines entflohenen Sklaven, war mit Grace verheiratet, Tochter einer schwedisch-amerikanisch-protestantischen Mutter in dritter Generation und eines italo-amerikanischen Katholiken zweiter Generation. Sowohl David als auch seine verstorbene Frau Judy waren Kinder von Juden, die vor den Nazis geflohen waren. Davids Wurzeln lagen in Russland, Judys in Polen, und Cathy hatte schottisches und französisches Blut in den Adern.

»Das zählt nicht fürs Baby.« Saul lächelte schelmisch. »Aber was soll’s?«

»Es gibt wichtigere Ingredienzien als Gene, die in diesen Topf kommen.« Grace legte den Hand auf ihren dicken Leib.

»Eine ganze Menge Liebe zum Beispiel«, sagte Sam und bedeckte ihre Hand mit der seinen.

Mokka mit Sahne.

Eine glückliche Familie.

4.

11. August

Am Donnerstagmorgen sprachen die meisten Sommerstudenten auf Trents kleinem, von der Sonne verwöhntem Campus über den Mord; die meisten mit einem gerüttelt Maß an morbider Neugier, soweit Cathy es beurteilen konnte.

Aber keiner – und das konnte Cathy beinahe garantieren – hatte auch nur die leiseste Ahnung, wovon sie sprachen. Keiner von ihnen kannte den Schrecken und die hässliche Brutalität, die mit einem Mord verbunden waren.

Sie schon.

Sie wusste so viel darüber, dass sie bisweilen das Gefühl hatte, ihr Verstand sei gänzlich vom Blut und den Qualen in ihren Erinnerungen erfüllt, als wären sie zu einem Teil von ihr geworden.

Als Grace noch nicht Cathys Adoptivmutter, sondern lediglich die Kinderpsychologin Dr. Grace Lucca gewesen war, hatte sie versucht, Cathy davon zu überzeugen, dass sie würde weitermachen können; dass sie die Hässlichkeit weiter von sich schieben und Kraft aus ihrem eigenen Überleben würde ziehen können.

Aber trotz Grace’ Freundlichkeit und Geduld war es Cathy nicht leichtgefallen. Inzwischen hatte Cathy ein tiefes Zugehörigkeitsgefühl zu Grace und Sam entwickelt. Schon seit langem verspürte sie nicht mehr das Bedürfnis, täglich Geheimnisse in ihr Computertagebuch abzuladen, auf das sie in schlechten Zeiten immer wieder zurückgegriffen hatte. Doch noch immer hegte sie insgeheim Verlustängste, und ihre ständige Unsicherheit hatte ihr den Kampf um gute Noten erheblich erschwert; dennoch hatte sie es geschafft, an der Trent University angenommen zu werden, und hoffte nun, in der Sozialarbeit ihre Erfahrungen zum Wohle anderer einsetzen zu können.

Das Laufen klappte noch immer bei Cathy. Es war besser als Trinken oder Dope oder Tony Roma’s Rippchen, besser als zu Born to be Wild zu tanzen, besser sogar als Sex … nicht, dass Sex auch nur annähernd an Steppenwolf herangekommen wäre. Laufen war schon immer wie eine Befreiung für Cathy gewesen. Dass sie im Gefängnis nicht hatte laufen können, war eine der größten Entbehrungen für sie gewesen. Wann immer sie etwas bedrückte oder ängstigte, zog sie die Laufschuhe an und rannte los.

Die Nachricht vom Mord an dem Hausmeister hatte sie zwar nicht ausrasten lassen, denn sie hatte den armen Mann nie kennen gelernt; aber die Tatsache blieb bestehen, dass ein Mann ermordet worden war – ein menschliches Wesen mit Familie und Freunden, deren Welt nun vermutlich zusammenbrach. Das kannte Cathy nur allzu gut. Und darüber nachdenken wollte sie nun wirklich nicht; also war sie heute Morgen zur Uni gefahren, hatte ihren Mazda geparkt (Grace’ ehemaliger Wagen, bis Sam ihr einen neuen Toyota gekauft hatte), hatte sich ein paar Stunden in der Bibliothek abgeplagt und war dann auf die Aschenbahn gewechselt.

Erst, nachdem sie ihre Runden gedreht, sich bei Dehnübungen abgekühlt und ihre Trainingshose wieder angezogen hatte, bemerkte Cathy, dass sie beobachtet wurde.

Fotografiert.

Es war das Funkeln der Linse, das Cathys Aufmerksamkeit erregte.

Dann wurde die Kamera gesenkt, und Cathy sah, wer das Foto aufgenommen hatte.

Kez Flanagan.

Wenn Cathy eine Heldin an der Trent University hatte, war es Kerry »Kez« Flanagan, der einundzwanzigjährige Mittelstreckenstar der Tornados, der Hochschul-Leichtathletikmannschaft.

Kez Flanagan stand unter einem Palisanderbaum.

»Hi«, sagte sie.

»Hi.« Cathy zog sich trotz der Hitze die Jacke an.

»Ich hoffe, das macht dir nichts aus?« Kez Flanagan deutete auf die Kamera, die um ihren Hals hing. Es war die Art von Kamera, die Cathy als »echt« betrachtete, nicht eines dieser kleinen digitalen Dinger, die heutzutage jeder mit sich herumtrug. »Ich habe gerade einen Film vollgeknipst und …«

»Und ich bin dir dabei zufällig vor die Linse gelaufen«, sagte Cathy verlegen.

»Mir gefällt dein Laufstil.« Flanagans Stimme klang heiser.

»Wirklich?« Cathy hörte die Überraschung in ihrer eigenen Stimme, was sie noch verlegener machte.

»Schöne, geschmeidige Schritte«, sagte Flanagan.

»Danke.« Cathy war froh, dass sie vom Laufen ohnehin schon einen roten Kopf hatte.

»Ich bin Kez Flanagan.« Die andere Frau streckte die Hand aus.

»Ich weiß.« Cathy spürte den kräftigen Druck der braun gebrannten Hand, schaute nach unten, als sie sich von ihr löste, und sah die langen Finger und die lackierten Fingernägel … fast wie die der verstorbenen Sprinterin Flo-Jo, nur deutlich kürzer, ähnlich den Nägeln eines Gitarristen. »Ich bin Cathy Becket.«

Aus der Nähe betrachtet war Flanagans kurzes, stacheliges Haar fast von der feuerroten Farbe des Eisenholzbaums im Hof ihres Hauses auf der Insel. Ihre Augen waren ein grün-geflecktes Haselnussbraun, ihr Kinn spitz, der Mund ebenmäßig und die Nase gerade, aber aggressiv – wie eine Pfeilspitze.

»Ich weiß«, sagte Kez Flanagan. »Ich habe dich schon ein paarmal laufen sehen.«

»Hast du?« Cathy fiel es schwer, Flanagan nicht anzustarren.

»Du bist nicht schlecht.«

»Na ja …« Cathy war verlegen. »Aber ich laufe keine Rennen oder so.«

»Vielleicht solltest du das aber«, sagte Flanagan. »Mit ein wenig Training und Disziplin könntest du ziemlich gut werden.«

Die Stimme klang nun fast so rau wie die eines Rauchers, obwohl Cathy sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass eine engagierte Leichtathletin wie Flanagan, deren Körper sowohl aus der Nähe wie aus der Ferne drahtig und hart wirkte, irgendwelchen Müll in ihre Lunge saugte.

»Du läufst«, fuhr Flanagan fort, »als würdest du vor jemandem fliehen.« Sie sah Misstrauen in den Augen der jüngeren Frau. »Das ist cool … solange du die Kontrolle darüber hast.«

»Ja, so ist es wohl«, sagte Cathy.

»Aber das geht mich nichts an.«

»Nein.« Cathy errötete erneut. »Ich meine … Es macht mir nichts aus, nicht, wenn es von dir kommt.«

»Ich bin keine Expertin.«

»Du bist die Beste.« Cathy hörte die Ehrfurcht in ihrer Stimme, konnte aber nicht anders.

Kez Flanagan zuckte mit den Schultern. »Ich bin vielleicht ein großer Fisch, aber in einem kleinen Teich.«

»Du hast in Sarasota Gold für unsere Uni geholt.«

»Nur weil Jackson sich den Knöchel verstaucht und Valdez Mist gebaut hat.«

»Was ist mit dem Silber in Tampa?«

Flanagan lächelte. »Tampa war etwas Besonderes.«

»Du bist etwas Besonderes«, sagte Cathy.

»Na ja, ich hab meine guten Augenblicke.« Flanagan hielt kurz inne. »Was ich vorhin gemeint habe, über deine Art zu laufen …«

Cathy wartete.

»Bist du sicher, dass es dir nichts ausmacht, wenn ich darüber rede?«, fragte Flanagan nach.

»Ganz und gar nicht«, antwortete Cathy. »Ich kann alle Hilfe brauchen, die ich bekommen kann.«

Sie verließen die Aschenbahn und gingen gemeinsam von der Leichtathletikanlage über einen von Palmen beschatteten Pfad zum Parkplatz, zwei Athletinnen im Trainingsanzug – die rothaarige, hochgewachsene Kez Flanagan und die ein wenig schlankere und fünf Zentimeter kleinere Cathy mit ihrem blonden Haar. Beide gingen unbewusst im gleichen, federnden Schritt.

»Ich bin keine Trainerin«, sagte Flanagan in sachlichem Tonfall. »Aber ich weiß, dass es wichtig ist, die Kontrolle über sich selbst zu haben. Wegzulaufen mag sich ja großartig anfühlen, aber wenn du läufst, zählt nur, wohin du läufst.«

»Das Ziel.«

»Und wie du dorthin gelangst«, fügte Flanagan hinzu. »Du musst auf deinen Körper achten und darfst dich nicht verletzen.«

»Klar«, sagte Cathy.

»Du könntest jemanden brauchen, der dir noch das ein oder andere beibringt«, erklärte Flanagan.

»Wir haben Delaney«, erwiderte Cathy.

Mike Delaney war der Lauftrainer an der Trent University, ein netter Kerl. Allerdings waren einige Studenten der Meinung, dass er nicht der Richtige sei, ihre Mannschaft zur Meisterschaft zu führen.

»Delaney ist in Ordnung«, sagte Flanagan. »Und er war gut zu mir.«

»Er nennt dich seinen Star«, sagte Cathy.

»Er hat mich auch schon anders genannt.« Wieder zuckte Flanagan mit den Schultern. »Und er hatte recht.«

Sie waren nun fast am Parkplatz, der nur zur Hälfte mit den Wagen der Sommerstudenten und Angestellten gefüllt war. »Falls du interessiert bist«, fuhr Flanagan in beiläufigem Ton fort, »könnten wir ja mal zusammen laufen.«

Cathy war mehr als nur interessiert.

»Das fände ich toll«, sagte sie.

5.

»Wir haben einen zwei Jahre alten ungelösten Mordfall in Pompano Beach«, sagte Martinez am Donnerstagnachmittag. »Das könnte was sein.«

»Tatsächlich am Strand?«, hakte Sam nach.

»Ja.« Martinez saß auf der Kante von Sams mit Akten überladenem Schreibtisch in einer Ecke des Großraumbüros der Abteilung und schaute sich seine Notizen an. »Das Opfer, Carmelita Sanchez, wurde mit einem stumpfen Gegenstand niedergeschlagen, vermutlich ein Baseballschläger, und dann im Gesicht entstellt.« Seine Wangen zuckten vor Ekel. »Der Bastard hat ihr die Lippen abgeschnitten.«

Sam brauchte ein, zwei Sekunden, bis er sich im Geiste diesem Bild stellen konnte; dann legte er es zur späteren Referenz im Hinterkopf ab. Kurz schaute er zu einem der Poster der Florida Grand Opera, die in diesem Teil des Büros an der Wand hingen, bevor er sich wieder dem Beruflichen zuwandte.

»Muller hat man die Kehle durchgeschnitten«, sagte Sam. »Das war hässlich, aber nicht so abgedreht wie das.«

»Aber auch dieser Angriff hat in zwei Phasen stattgefunden«, gab Martinez zu bedenken. »Und da ist noch etwas: In beiden Fällen haben Zeugen von der gleichen Art Schreien berichtet.« Er schaute auf das Blatt Papier in seiner Hand. »›Irre Schreie‹, hat damals ein Kerl gesagt.« Er schaute wieder zu Sam. »›Wie ein Tier.‹«

»Das reicht, um mit Broward zu reden.« Sam war schon aufgestanden.

6.

12. August

In seinem Traum sah Gregory Hoffman alles noch einmal.

Wenn auch verschwommen, da sein noch halb schlafendes Hirn sich weigerte, die Bilder zu genau, zu realistisch wiederzugeben.

Der Schrecken jedoch war ungemindert.

Das Ding, das bedrohlich aus der Nacht auftauchte … oder vielleicht nicht wirklich auftauchte; es war mehr wie ein Wirbelsturm, nur fest, stofflich … Dieses Ding war eine Gestalt, eine Person, nahm er an, nur dass sie zu dunkel und zu schnell war, um sie genauer sehen zu können. Aber dieses Ding flog auf den anderen Kerl zu, und im einen Augenblick rannte der Kerl noch, im nächsten lag er im Sand.

Doch während der Mann niedergeschlagen wurde, erklangen Geräusche … schreckliche, Übelkeit erregende Geräusche, und Greg wusste sogar in den Tiefen seines Traums, dass es die Geräusche der zerberstenden Gesichtsknochen des Mannes waren. Und dann war da sein Schrei, der ungeheuer schnell abgeschnitten wurde, denn er konnte kein Geräusch mehr von sich geben; außerdem war das Meer viel zu laut. Das Donnern der Brandung erstickte jedes andere Geräusch, und das war gut so.

Aber dann kam der verdammte Mond hinter den Wolken hervor, und das war der Augenblick, da Greg das Messer rot-schwarz glitzern sah. Doch das war gar nicht so schlimm; das konnte er besser ertragen als das Geräusch pulverisierter Knochen. Nur war das noch nicht alles, was er sah – er wünschte, es wäre anders, wünschte es mit jeder Faser seiner Seele, jedem Molekül seines Leibes.

Er sah das Gesicht.

Das Gesicht des Killers.

Aber es war nicht wirklich ein Gesicht – jedenfalls keines, das man erkennen oder beschreiben konnte –, denn es war rot-schwarz wie die Messerklinge und funkelte ebenso im Mondlicht. Greg hatte den Eindruck, es wäre aus Blut gemacht, so viel Blut, dass er die Augen zusammenkniff, um das Bild auszusperren.

Dann hörte er ein anderes, allerletztes Geräusch, lauter noch als das Meer.

Das Schreien.

Das schreckliche, bösartige, wahnsinnige Schreien, das Greg das Blut in den Adern gefrieren ließ – das Blut, das Gott sei Dank noch fest unter seiner Haut verschlossen war.

Und er wachte auf.

Um zwei Uhr Freitagnacht, in der Sicherheit seines Schlafzimmers, in seinem hübschen, sicheren Haus an der North Bay Road in Sunny Island Beach, erwachte Greg Hoffman schwitzend und schreiend aus seinem Traum. Er zitterte am ganzen Körper und war ängstlicher, panischer, als er es je in seinem vierzehn Jahre währenden Leben gewesen war.

Aber dieser Traum war nicht wie die meisten Albträume gewesen, wo die Welt stets besser aussah, sobald man aufwachte und darüber hinwegkam. Dieser Albtraum war schlimmer, viel, viel schlimmer, denn Greg wusste, warum er das geträumt hatte, wusste genau, warum er solche Angst hatte.

Weil er den Killer mit dem blutverschmierten Kopf gesehen hatte.

Weil er den Killer gesehen hatte – und der Killer ihn.

Und weil er es niemandem sagen konnte: nicht seiner Mom, nicht seinem Dad und auch nicht den Cops. Er durfte es nicht sagen wegen dem, was er getan hatte, bevor es geschehen war. Sonst schickten sie ihn wieder in die Entzugsklinik, und Greg wusste, das würde er nicht ertragen. Er erinnerte sich noch viel zu gut an das letzte Mal, und es war wirklich schlimm gewesen. Niemals würde er das wieder ertragen können.

Deshalb wusste er jetzt nicht, was er tun sollte.

Außer immer wieder davon zu träumen.

Und darauf zu warten, dass der Killer ihn holen kam.

7.

Drei Uhr morgens.

Das war eine ruhige Zeit in Surfside, einer netten, friedlichen Gemeinde, die vorwiegend von jungen, berufstätigen Familien und Rentnern bewohnt wurde. Die meisten von ihnen schliefen jetzt. Es gab auch Besucher hier, die sich angesichts des Ferienendes mit ihren Kindern auf die Heimreise vorbereiteten.

Es herrschte nicht allzu viel Verkehr bei Collins.

Ein ohnehin schon langsam fahrender Wagen bremste nahe der 88th Street auf Schritttempo ab.

Der Fahrer schaute in eine Seitenstraße hinein, die zum Strand führte.

Zum Tatort des Muller-Mordes.

Er dachte darüber nach, rechts abzubiegen.

Als er einen weiteren Wagen in der Seitenstraße sah, schaltete er die Scheinwerfer aus. Eine Frau saß auf dem Fahrersitz. Eine Straßenlampe erhellte ihr Gesicht. Ein junge, hübsche Frau vermutlich spanischer Abstammung.

Vielleicht beobachtete sie. Oder sie wartete auf jemanden.

Vielleicht auf einen Cop, dachte der Fahrer.

Und fuhr rasch nach Norden davon.

8.

Kurz nach Mittag war Kez Flanagan mit ein paar Mannschaftskameraden, die allesamt auch während der Ferien die Einrichtungen der Uni benutzten, in der Cafeteria der Trent University und schälte eine Orange.

Ihr Blick war auf Cathy Robbins Becket gerichtet, die am Tresen in der Schlange stand, um sich einen Salat zu kaufen.

Cathy drehte sich um, sah Kez und lächelte.

Kez hob die Hand mit den lackierten Nägeln und erwiderte das Lächeln.

»Kennst du die?«, fragte Jackie Lomax.

Kez nickte.

»Und kennst du auch ihre Vergangenheit?«, hakte Jackie nach.

»Sicher«, antwortete Kez.

»Das arme Kind«, sagte Jackie.

»Ein bisschen verrückt ist sie schon«, bemerkte Nita North.

»An Cathy ist gar nichts Verrücktes«, sagte Kez in scharfem Ton.

Sie schaute wieder zu der Warteschlange, sah, dass Cathy verschwunden war, und empfand etwas, das sie überraschte.

Leere.

9.

Als Judy noch bei ihnen gewesen war, waren sie alle freitagabends ins Haus der Beckets an der Golden Beach gekommen, wann immer es ihnen möglich gewesen war – zu dem alten Haus, das so gemütlich war wie alte Pantoffeln.

Heutzutage kamen sie in Grace’ und Sams Haus und setzten sich an den handgeschnitzten Küchentisch, während polierte Töpfe und Pfannen auf dem Herd dampften. Sie alle – Frauen und Männer – wechselten sich damit ab, die Sabbatkerzen zu entzünden und über Brot und Wein den Segen zu sprechen. Manchmal waren nicht mehr als zwei oder drei Leute am Tisch, wenn Sam an einem Fall arbeitete und Saul oder Cathy anderweitig beschäftigt waren. Doch an diesem Freitag, nachdem die ersten intensiven Ermittlungen im Muller-Fall nur in Sackgassen geführt hatten und Sam ein besonderes Bedürfnis nach seiner Familie und Grace’ italienischer Küche verspürte, waren sie tatsächlich zufälligerweise alle da.

Für Sauls Freundin Terri hatte man ein Extragedeck bereitgelegt.

Sauls Liebe. Teresa Suarez. Klein, sehr hübsch und zäh. Terri für ihre Freunde. Teté – ihr kubanischer Spitzname – für Saul. Sonst stand niemand ihr nahe genug, dass er sie so nennen durfte.

Sam kannte sie ebenfalls, allerdings als Officer Teresa Suarez, eine ehrgeizige Anfängerin, die im Miami Beach Police Department Eigentumsdelikte bearbeitete – sehr zu ihrem Verdruss, denn Terris Ziel war, im Morddezernat zu arbeiten, so wie Sam.

Für Sams Geschmack übertrieb sie es bisweilen mit ihrer Zielstrebigkeit.

»Warum sollte sie nicht wollen, was du hast?«, hatte Saul seinen Bruder vor ein paar Monaten gefragt, nachdem Sam sich ein wenig besorgt über Terris Ungeduld geäußert hatte.

»Sie hat jetzt schon einen Klassejob«, hatte Sam geantwortet. »Und sie hat großes Potenzial.«

»Meinst du das ernst?« Das hatte Saul beschwichtigt.

»Natürlich meine ich das ernst«, hatte Sam gesagt. »Aber Terri ist noch jung. Sie kann sich so viel Zeit nehmen, wie sie will, um ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Und es ist ja nicht so, dass das Morddezernat etwas Besseres wäre als die Abteilung für Eigentumsdelikte.«

»Sie will Menschen helfen«, hatte Saul erklärt.

»Dann könnte sie in keiner besseren Abteilung sein«, hatte Sam erwidert. »Du weißt, wie die Leute sich fühlen, wenn jemand ihre Häuser plündert.«

Was Sam bei diesem Gespräch empfunden, aber nicht ausgesprochen hatte, war das beunruhigende Gefühl, dass Terri eine dieser jungen Officers war, die absolut unrealistische Vorstellungen von der Arbeit im Morddezernat hatten.

Die Realität bestand aus der Konfrontation mit Schrecken, Hässlichkeit, Dreck, Blut, tiefem Leid, Schmerz und Frust … nicht zu vergessen all die Kleinigkeiten, all die elend zähen Arbeiten, die im Morddezernat anfielen, denn die gefährlichsten aller Verbrecher mussten gefasst werden. An Hunderte Türen zu klopfen, unzählige Formulare auszufüllen und endlose Berichte zu schreiben war Teil des Jobs, um einen Killer nicht nur zu fangen, sondern ihm auch den Prozess zu machen.

Das war der Sinn des Lebens für einen Cop im Morddezernat, der Preis, der die verdammte Arbeit wert war.

Diesen Preis wollte auch Terri.

Und Saul hatte natürlich recht. Sam war nicht in der Position, ihr das zum Vorwurf zu machen.

Sah man davon ab, dass diese Arbeit mehr Risiken barg als alle anderen; das wusste niemand besser als Sam. Saul, sein sanftmütiger, junger Adoptivbruder, war einer der wichtigsten Menschen in Sams Universum, und so fürchtete er, dass Saul mit seiner Liebe zu dem draufgängerischen, schokoladenäugigen Mädchen Schmerzen für die Zukunft heraufbeschwor.

Aber noch ist es nicht so weit, dachte er. Nicht heute Abend.

Hoffentlich nie.

»Du siehst glücklich aus, Süße«, sagte David zu Cathy, als sie ihre mit Chili gewürzte, teils toskanische Version des traditionellen Freitagsbrathühnchens nach Art ihrer verstorbenen Schwiegermutter zur Hälfte verspeist hatten.

»Sie ist glücklich«, warf Saul ein, bevor Cathy antworten konnte, »weil diese Trent-Läuferikone sie für eine heiße Sprinterin hält.«

»Das hat Kez nie gesagt«, korrigierte ihn Cathy. »Sie hat gesagt, ich sei nicht schlecht.«

»Du bist besser als ›nicht schlecht‹«, sagte Grace.

Cathy lächelte. »Kez hat gesagt, wir sollten mal zusammen laufen.«

»Sprichst du zufällig von Kez Flanagan?« David war interessiert.

»Du hast von ihr gehört?« Cathy war überrascht, denn ein Star in Trent zu sein bedeutete in der großen Welt des Collegesports nur wenig.

»Ich hab sie mal gekannt«, sagte David.

»War sie eine Patientin?«, fragte Sam.

»Bis ihr Vater verstorben ist.« David lächelte. »Joey Flanagan, ihr Dad, war ganz verrückt nach ihr.«

»Wie alt war sie, als er gestorben ist?«, fragte Cathy.

»Jung … vielleicht sieben oder acht.« David rümpfte die krumme Nase und dachte zurück. »Ich erinnere mich so gut an die beiden, weil immer ihr Vater sie zu den Vorsorgen gebracht hat, nie ihre Mutter.«

Grace reichte Reis und Salat am Tisch herum.

»Mich hat das Lauffieber nie gepackt«, sagte sie zu Terri in der Hoffnung, sie in das Gespräch mit einzubeziehen. »Treibst du Sport?«

»Ich gehe ins Fitnessstudio«, antwortete Terri. »Ich will für den Job in Form bleiben.«

»Ich auch.« Sam grinste und schaute auf seinen Bauch, der seit seinem vierzigsten Geburtstag ein wenig gewachsen zu sein schien. »Meine Wampe hab ich nur wegen Grace’ Kochkünsten.«

Cathy, die links von ihm an dem Tisch saß, der für alle Gelegenheiten genutzt wurde, klopfte ihm auf den Bauch. »Ich sag dir ja schon seit Ewigkeiten, du sollst mit mir zusammen laufen.«

»Ich mache so schon genug«, protestierte Sam.

»Mit Woody Gassi gehen«, sagte Grace, »kann man wohl kaum als genug bezeichnen.«

Ihr vielgeliebter, alter West Highland Terrier war vor drei Jahren gestorben. Danach hatten sie Woody in einem Tierheim in Fort Lauderdale gefunden, eine Mischung aus Rauhaardackel und Zwergschnauzer.

»Saul ist genauso«, äußerte sich Terri zum Thema »Fitness«. »Nur dass er ständig die Nase in irgendwelche Bücher steckt, was noch schlimmer ist.«

»Und was ist mit all dem Sägen und Hämmern?« Saul spannte den rechten Arm an.

»Bücherregale zu bauen macht dich noch lange nicht zu einem Holzfäller«, neckte Cathy ihn, obwohl sie die Früchte des Hobbys ihres Adoptivonkels liebte und bewunderte, die ihren Weg in ihr Schlafzimmer fanden.

»Hatte dein Vater was mit Sport am Hut, Terri?«

Sams Frage klang entspannt, obwohl Terri bisher kaum über ihre Eltern geredet hatte, die – Saul zufolge – bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Vermutlich hatte Terri einen guten Grund für ihre Zurückhaltung. Sam hoffte nur, dass er sich auf sicherem Boden bewegte.

»Der einzige Sport, den mein Vater je betrieben hat«, antwortete Terri mit fester Stimme, »war das Verprügeln von Frauen.«

»Tut mir leid«, sagte Sam erschrocken und sah, wie sein Bruder nach Terris Hand griff.

»Schon gut.« Terri zuckte mit den Schultern. »Jetzt zählt das ohnehin nicht mehr.«

»Ich könnte mir vorstellen«, warf David leise ein, »dass es durchaus noch zählt.«

»Teté sagt immer, sie habe Glück gehabt«, erklärte Saul, »weil sie nach dem Tod ihrer Eltern von ihrer Großmutter erzogen wurde.« Er hielt noch immer ihre Hand. »So wie das klingt, muss sie eine tolle Frau gewesen sein.«

»Ja«, sagte Grace in warmherzigem Tonfall. »Besonders, wenn man sich ihre Enkelin anschaut.«

»Danke«, sagte Terri.

Sie hatten den peinlichen Moment recht gut überstanden. Tatsächlich war das gar nicht so schlecht, überlegte Grace; es war die erste persönliche Information, die sie von der jungen Frau bekommen hatten, die Saul so offensichtlich liebte. Aber das geht uns nichts an.

Grace packte die Hühnerknochen weg, damit Woody sich nicht einen davon schnappte. Es gab keinen Grund, dass Teresa Suarez ihre zutiefst persönlichen Angelegenheiten mit ihnen teilte – außer mit Saul –, und sicherlich war es nicht an Saul, ihr Vertrauen zu missbrauchen.

»Irgendwelche Spuren im Muller-Fall?«, fragte Terri Sam.

Das war der nächste unangenehme Moment, während er Kaffee für alle kochte: Supreme Bean Espresso Luna für sich selbst und Terri (die seine Liebe zu dem starken Zeug teilte, auch wenn sie persönlich cafecito vorzog, den süßen kubanischen Kaffee, den zu genießen sie von ihrer Großmutter gelernt hatte); latte für Grace und Saul, und einen entkoffeinierten Espresso, den er Anfang der Woche entdeckt hatte, für Cathy und David.

»Gut«, hatte Grace gesagt, als sie die Packung gesehen hatte. »Das ist besser für dich.«

»Der ist nicht für mich«, hatte Sam erwidert. »Der hat doch nur halben Geschmack.«

»Und er ist nur halb so gefährlich für dein Herz«, hatte Grace entgegnet.

Sam hatte erklärt, dass mit seinem Herzen alles in Ordnung sei, und Grace hatte gesagt, dass es auch so bleiben solle – und dann hatten sie mit ihrer üblichen Routine weitergemacht: Grace hatte ihm gesagt, er sei süchtig nach Kaffee, worauf er behauptet hatte, jederzeit aufhören zu können. Grace hatte ihn aufgefordert, das zu beweisen, und er hatte erwidert, dass er keinen Grund dafür sehe und es deshalb auch nicht tun werde.

Terris Frage über den Muller-Mord ärgerte ihn.

Jetzt überreagiere bloß nicht, ermahnte er sich.

»Noch nichts«, antwortete er.

»Ich hab das von Pompano Beach gehört«, sagte sie.

»Hmm.« Sam versuchte, sich auf die superautomatische Espressomaschine zu konzentrieren, die er sich letzte Weihnachten gegönnt hatte und von der Grace gesagt hatte, es sei seine »Harley« … als wenn es irgendeine gefährliche Midlifecrisis-Maschine wäre.

»Dann gibt es also keine Verbindung?« Terri blieb hartnäckig. »Ich habe gehört, das Opfer ist Putzfrau gewesen.«

»Ach? Hast du?« Sam wandte sich von der Kaffeemaschine ab und hoffte, dass seine Erwiderung lediglich entmutigend, aber nicht eisig geklungen hatte; doch Terris Gesichtsausdruck verriet ihm, dass er damit gescheitert war.

Sie schaute beleidigt drein – nicht wirklich wütend, doch in ihren Augen funkelte ein Hauch Feindseligkeit. Aber dann war er auch schon wieder verschwunden.

»Tut mir leid«, sagte er. »Das ist eine unangemessene Konversation zum Dinner.«

»Das ist wegen mir, Terri«, sagte Cathy unerwartet. »Sam mag es nicht, in meiner Gegenwart über Mord zu sprechen.«

Grace und Sam schauten sie erschrocken an.

»Es stimmt doch«, sagte Cathy. »Er glaubt, er würde mich dadurch beschützen.«

»Machst du ihm das etwa zum Vorwurf, Süße?«, fragte David sanft.

»Natürlich nicht.« Cathy stand auf, ging zu Sam und lächelte zu ihm hinauf. »Ich liebe ihn sogar umso mehr dafür.«

»Wie nett.« Terri beobachtete, wie die beiden sich umarmten. Dann bemerkte sie, dass alle Blicke sich auf sie richteten und nach Zeichen von Sarkasmus suchten. »Ist schon okay, Jungs und Mädels«, sagte sie. »Das habe ich ernst gemeint.« Sie zuckte mit den Schultern. »Vielleicht bin ich ein wenig eifersüchtig, aber ich finde es großartig.«

»Wenn sie hinter Liebe her ist«, sagte Sam später am Abend im Schlafzimmer zu Grace, »ist sie ein wirklich glückliches Mädchen.« Er zog sich das T-Shirt über den Kopf. »Hast du Sauls Gesicht gesehen, als sie das gesagt hat? Er ist ganz verrückt nach ihr.«

»Warum auch nicht?«, erwiderte Grace.

Sie waren alle möglichen Gründe für Sauls Leidenschaft schon mehrere Male durchgegangen, und Grace ärgerte es allmählich, dass Sam Terri offenbar schlecht machen wollte, indem er alles auf ihren Sexappeal und die Tatsache reduzierte, dass sie mit ihren zweiundzwanzig Jahren erfahrener war als Saul. Dabei wussten sie beide, dass Sam sich hauptsächlich an ihrer Karriere störte, und dass Grace einmal zu bedenken gegeben hatte, dass Sauls Liebe zu einer Polizistin vielleicht etwas mit seiner Bewunderung für den großen Bruder zu tun haben könnte, hatte Sams Sorgen auch nicht gerade gemindert.

»Dein Problem ist«, hatte Grace ihm schon vor Monaten gesagt, »dass du Saul in die Schublade ›sanftmütiger Arzt‹ gesteckt hast.«

»Das ist er ja auch«, hatte Sam argumentiert.

»Das ist nur ein Teil dessen, was vielleicht mal aus ihm wird«, hatte Grace ihm erklärt. »Und was immer das sein wird, es hat nichts damit zu tun, in wen Saul sich verliebt … genauso wenig übrigens, wie du dich da einmischen solltest.«

»Siehst du mich wirklich so?«, hatte Sam sich aufgeregt. »Als Diktator?«

»Du bist ein typischer älterer Bruder mit einer einschüchternden Art.«

Seitdem hatte Sam sich nach besten Kräften bemüht, mit Terri warm zu werden. Er hatte gehofft, dass sie sich in ihrem Haus heimisch fühlen würde; dennoch blieb er in ihrer Gegenwart stets gereizt, und ihre Fragen heute Abend zum Muller-Fall hatten auch nichts daran geändert.

»Sie sollte es besser wissen, als mich nach Informationen auszuquetschen«, sagte er nun und setzte sich aufs Bett,

»Sie hat dich nicht ausgequetscht.« Grace setzte sich neben ihn und rieb ihm den Nacken, um ihn von seiner Spannung zu befreien. »Außerdem hatte Cathy recht, nicht wahr?«

»Ja, sicher«, gab Sam zu und schloss die Augen. Er genoss das Gefühl, das die Hände seiner Frau in ihm weckten. »Ich werde mich bestimmt nicht dafür entschuldigen, dass ich meine Tochter beschütze.«

»Das sollst du auch gar nicht.« Grace knetete sanft weiter. »Aber ich glaube, es ist nur natürlich für Terri, die Gelegenheit zu nutzen und dir Fragen zu stellen.« Grace war müde und spürte, wie das Baby sich bewegte. Sie hörte auf, ihren Mann zu massieren, erhob sich und ging zur Ankleidekommode. »Nicht, dass sie irgendwelche Antworten bekommen hätte.«

»Sie hätte gar nichts von Pompano Beach wissen dürfen.«

»Von der Putzfrau?« Grace setzte sich wieder. »Hast du irgendwas vor ihr verborgen?«

Sam schüttelte den Kopf. »Vermutlich haben die beiden Fälle ohnehin nichts miteinander zu tun.«

Grace zog ein Abschminktuch aus der Schachtel und schaute ihren Mann über den Spiegel an. »Du glaubst doch nicht, dass Terri – zumindest teilweise – mit Saul zusammen ist, um an dich ranzukommen, oder?«

»Niemals.« Sam wirkte entsetzt.

»Nur dass sie dir gesagt hat, sie wolle eine Versetzung ins Morddezernat, und …«

»Und ich habe ihr sofort gesagt, dass ich nichts für sie tun kann.« Sam grinste reumütig. »Sieh es ein: Wenn sie hinter einflussreichen Leuten her wäre, hätte sie sich die falsche Familie ausgesucht.«

»Das war sowieso dumm von mir.« Grace schämte sich. »Terri ist mit Saul zusammen, weil er ein wunderbarer Mensch ist, und sie kann von Glück reden, dass sie ihn hat.«

»War ich zu grob zu ihr?«, fragte Sam.

»Ein bisschen eisig vielleicht«, antwortete Grace, »aber nur kurz.«

»Armes Kind.« Sam erinnerte sich daran, was Terri ihnen beim Essen erzählt hatte. »Hat Saul dir je von ihrem Vater erzählt?«

Grace schüttelte den Kopf. »Er würde ihr Vertrauen niemals auf diese Art missbrauchen.«

Sam dachte an seinen jüngeren Bruder und lächelte.

»Dann kann sie noch mehr von Glück reden, Saul gefunden zu haben, findest du nicht?«

»O ja«, sagte Grace.

10.

13. August

Während der ersten drei Monate ihrer potenziell gefährlichen Schwangerschaft hatte Grace ihre Arbeit drastisch reduziert, und dieses eine Mal bedurfte es auch kaum Überzeugungsarbeit dazu, weder von Sam noch von David oder sonst jemandem aus ihrem Team von liebenden, aber oft auch nervigen Helfern.

Tatsächlich verkleinerte sich dieses »Team«. Teddy Lopez, Grace’ einstige Haushälterin und gute Freundin, war mit ihrem neuen Freund vor achtzehn Monaten nach Los Angeles gezogen. Sechs Monate zuvor war Dora Rabinovitch, Grace’ Teilzeit-Büromanagerin, in Frührente gegangen. Und Claudia Brownley, Grace’ Schwester, war nach Seattle gezogen, wo Daniel, ihr Mann, ein neues Architekturbüro eröffnen wollte.

Diese letzte Trennung hatte die bei weitem größte Lücke hinterlassen. Grace und Claudia sprachen noch immer mindestens einmal die Woche miteinander, fast so wie damals, als Claudia noch auf den Keys gelebt hatte; nur hatte Grace damals gewusst, dass sie bloß ins Auto zu springen brauchte, um Claudia, Daniel und ihre Jungs zu besuchen. Fünftausend Meilen und drei Stunden Zeitunterschied hatten Grace jedoch das Gefühl vermittelt, von ihrer Schwester nicht nur abgeschnitten, sondern ihr auch entfremdet zu sein.

Das war besonders beunruhigend, weil Grace wusste, dass Claudia in ihrem neuen Heim alles andere als glücklich war, auch wenn sie am Telefon stets das Gegenteil beteuerte. Irgendetwas an ihrem neuen Leben erinnerte sie an ihre lausige Kindheit und Jugend in Chicago. Claudia vermisste den Sonnenschein, die Palmen und das Meer, und vor allem vermisste sie ihre Schwester, die vor all den Jahren ihre Flucht nach Florida initiiert hatte.

»Solltest du je die Reise auf dich nehmen wollen«, hatte Daniel vor ihrer Abreise gesagt, »dann weißt du, dass du stets ein Zimmer bei uns hast, das auf dich wartet.«

Grace wusste, dass ihr Schwager es ernst gemeint hatte, aber die Realität war, dass sie es schon vor ihrer Schwangerschaft als Vollzeitjob empfunden hatte, Cathys Mutter zu sein – ganz zu schweigen davon, die Frau eines überarbeiteten Detectives und Psychologin mit nach wie vor florierender Praxis zu sein.

»Du berechnest einfach nicht genug«, hatte Dora sie getadelt. »Die Eltern deiner kleinen Patienten nutzen dich aus.«

»Das ist kein Geschäft«, hatte Grace sie erinnert, doch Dora hatte einen Aktenordner mit fälligen Rechnungen hervorgeholt und ihre Chefin tadelnd angefunkelt. Grace mochte ja einen Doktortitel haben, aber es war Dora, die das Schiff über Wasser hielt – bis man Grünen Star bei ihr diagnostizierte, worauf sie gekündigt hatte.

Nun, da Lucia Busseto das Büro führte, war alles anders. Noch eine reife, fürsorgliche Frau – allerdings mehr italienische Mama als jüdische Mutter –, doch nicht so deutlich in ihrer Wortwahl wie Dora und entschieden respektvoller in Bezug auf das Privatleben der Patienten, selbst in der Praxis.

Wie ihre Vorgängerin kannte sie jedoch keine Zurückhaltung, wenn es darum ging, ihre Arbeitgeberin zu ermahnen, sich um sich selbst zu kümmern. Das hieß, dass das »Team Grace« nun, im siebten Monat, noch immer funktionsfähig war, auch wenn die werdende Mutter ziemlich optimistisch war und darauf bestand, weiter für ihre Patienten erreichbar zu sein.

»Achten Sie wenigstens darauf, Ihre Wochenendregelung einzuhalten«, hatte Lucia ihr gegenüber vor einem Monat argumentiert. Sprechzeiten: montags bis freitags.

»Ausgenommen Notfälle«, hatte Grace gesagt.

»Wenn die Patienten die Wochenenden bis jetzt ohne Sie überstanden haben, Dr. Lucca«, hatte Lucia auf ihrer Meinung bestanden, »können sie auch warten, bis Sie Ihr Kind zur Welt gebracht haben.«

Grace musste zugeben, dass ihr gefiel, wie sich das anhörte.

Auch Sam gefiel es.

Er half seiner Frau, wo immer er konnte. Er rieb ihr den Nacken, trug die Einkäufe für sie, kochte, wann immer sie ihn ließ, und beruhigte sie. Er küsste und streichelte ihren Bauch, sprach jeden Tag mit dem Jungen in ihr und sang ihm des Nachts mit tiefer Stimme Wiegenlieder vor, was Grace liebte, denn Sams andere, außerdienstliche Leidenschaft war die Oper. Wann immer er Zeit fand, sang er sogar in einer Amateurtruppe, S-BOP, einer Gruppe in South Beach.

In ihrer nächsten Produktion hatten sie ihm die Rolle des Figaro angeboten, und normalerweise hätte er die Gelegenheit sofort beim Schopf gepackt, aber diesmal lehnte er ab. Er wollte so viel wie möglich zu Hause sein, sich um seine Frau kümmern und sich um die Sicherheit des Babys sorgen, stets von der geheimen Angst geplagt, Grace in irgendeiner Form im Stich zu lassen.

Oft dachte er an seinen süßen, kleinen Jungen, der schon lange tot war – und das war nicht seine Schuld gewesen, egal was seine Ex-Frau Althea glauben mochte. Doch der brennende Schmerz kehrte immer wieder zu Sam zurück, wie ein Bumerang, und zwang ihn, die Tragödie stets aufs Neue zu durchleben.

Das ist nicht das Gleiche.

Dessen ermahnte er sich oft. Das hier war sein neues Leben, und Grace war die vollkommene Antithese zu Althea. Er sagte sich, dass sein Sohn – wenn er denn erst einmal gesund geboren war, so Gott wollte – so sicher beschützt werden würde, wie es nur möglich war.

Nicht wie Sampson.

Nicht das Gleiche.

Bitte, Gott.

Grace hatte schon immer an die Maxime geglaubt, dass Regeln dazu da seien, um gebrochen zu werden.

Lucia Bussetos Idee, dass die Wochenenden für die Familie reserviert waren, war solch eine Regel, der Grace von ganzem Herzen zustimmte. Doch es gab immer Ausnahmen.

Es war nun drei Monate her, seit Grace den jungen Gregory Hoffman zum letzten Mal gesehen hatte, und in den gut zwei Jahren, die er nun schon ihr Patient war, war Grace seine Mutter Annie nie als überängstlich oder gar hysterisch erschienen. Doch am Telefon, eine Minute nach neun am Samstagmorgen, hörte Annie Hoffman sich an, als habe sie das Ende der Fahnenstange erreicht: Gregory, inzwischen vierzehn, war die vergangenen zwei Nächte schreiend aus Albträumen erwacht; außerdem, erklärte Annie, sei er schrecklich nervös und völlig fertig.

»Und ich glaube nicht, dass er etwas genommen hat«, hatte Annie Grace’ unausgesprochene Frage beantwortet. »Obwohl man das nicht mit Sicherheit sagen kann, nicht wahr?«

»Haben Sie beide versucht, mit ihm zu reden?«

»Jay hat sich gestern nach dem Abendessen mit ihm zusammengesetzt«, berichtete Annie. »Greg hat kaum ein Wort gesagt. Er ist nun schon seit Tagen so, Grace, fast, als könne er nicht mehr sprechen … es sei denn, er will uns damit sagen, wir sollen ihn in Ruhe lassen.«

»Das ist normal für einen Teenager«, sagte Grace in sanftem Ton.

»So nicht«, widersprach ihr Annie. »Er sieht krank aus, Grace.«

»Sind Sie sicher, dass er nichts hat, Annie?«

»Jedenfalls nichts, was in die Expertise Ihres Schwiegervaters fallen würde«, antwortete Annie.

Es war David gewesen, der den Hoffmans Grace empfohlen hatte.

»Hat Greg gesagt, dass er gerne mit mir sprechen würde?«, erkundigte sich Grace.

»Nicht wirklich«, gab Annie zu. »Aber er hat sich Ihnen in der Vergangenheit immer anvertraut.«

»Nicht immer«, erinnerte Grace sie. »Und selbst, falls er mir sagen sollte, was nicht mit ihm stimmt … Es gibt keine schnellen Lösungen. Vergessen Sie das nicht, Annie.«

»Wir wissen, wie das läuft«, sagte Annie. »Grace, würden Sie sich bitte mit ihm treffen?«

»Natürlich«, antwortete Grace.

»Heute noch?«, fragte Annie rasch nach. »Ich weiß, dass wir Wochenende haben, und ich hasse es, mich Ihnen aufzudrängen, aber irgendetwas ist schrecklich falsch bei dem Jungen. Ich weiß es einfach.«

Grace dachte eine Sekunde lang nach. Sam war bereits unterwegs, um weiter an seinem Mordfall zu arbeiten, und Cathy wollte Lauftraining machen und anschließend in die Aventura Mall gehen.

»Heute Mittag«, sagte sie.

»Wirklich?« Annies Stimme war voller Dankbarkeit.

»Ich hoffe nur, dass ich Ihnen helfen kann«, erwiderte Grace.

Grace war entsetzt, als sie den Teenager aus dem Auto seiner Mutter steigen, ihr zum Abschied zunicken und den kleinen weißen Steinweg hinaufkommen sah, der zwischen den Palmen hindurch zur Haustür führte.

Sein Gang beunruhigte sie als Erstes: nervöse Körpersprache, hängende Schultern, aber nicht wie bei einem trotzigen Teenager. Das war anders, seltsamer …

»Hi, Doc«, sagte Greg, als Grace die Tür öffnete.

Aus der Nähe betrachtet sah er tatsächlich krank aus. Er hatte eine gesunde Sonnenbräune, aber die Blässe darunter war deutlich zu sehen, und er war gegenüber ihrem letzten Treffen merklich abgemagert.

Annie hatte jedoch mit Nachdruck erklärt, dass ihr Sohn nicht körperlich krank sei.

»Hallo, Greg.« Grace überkam das plötzliche Verlangen, ihn zu umarmen; stattdessen gab sie ihm die Hand. Sein Griff war fest, doch seine Haut fühlte sich kalt an, und anders als sonst schaute er Grace nicht in die Augen. Grace bemerkte, dass der Junge den herbeieilenden Woody als Vorwand benutzte, um sich von ihr abzuwenden.

Vielleicht hatte er Angst vor dem, was sie in seinem Gesicht sehen könnte.

Grace winkte Annie zu, als diese davonfuhr, und schloss die Haustür.

»Sollen wir auf die Veranda?« Sie wusste, dass die Nähe zum Meer Gregory stets beruhigte.

»Klar«, antwortete er.

Seit ihrem letzten therapeutischen Gespräch war er in den Stimmbruch gekommen.

Er war jetzt ein junger Mann.

»Möchtest du etwas trinken?«, bot sie ihm an.

Er schüttelte den Kopf.

Sie ließen Woody im klimatisierten Haus und machten es sich auf der Veranda auf den bunt gepolsterten Korbsesseln bequem.

»Noch immer keine Sunfish«, bemerkte Gregory nach kurzem Schweigen.

»Nein.« Grace lächelte. »Ich bin auch nicht sicher, ob ich im Augenblick überhaupt in eine reinpassen würde.«

»Wann bekommen Sie Ihr Baby?«, fragte der Junge.

»In ein paar Monaten«, antwortete Grace.

In den ersten Tagen der Therapie hatte sie ihm gegenüber einmal erwähnt, dass sie schon immer Gefallen an diesen kleinen Segelbooten gefunden hatte. Damit hatte sie Gregory zeigen wollen, dass sie zumindest eine Vorliebe teilten. Natürlich hatte sie nicht hinzugefügt, dass sie einmal auf einen furchtbaren Segeltörn mitgenommen worden war, der ihr Verlangen nach der hohen See nachhaltig gestillt hatte; aber sie wusste, dass der geplagte Junge gern Zeit auf der Pegasus verbrachte, der Catalina-Jacht seiner Eltern, die in der Dumfoundling Bay lag, nahe bei ihrem Haus.

Gemeinsamkeiten zwischen Therapeut und Patient waren zwar keine zwingende Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie; aber Grace hatte im Laufe der Jahre herausgefunden, dass so etwas bei schweigsameren Jugendlichen die Kommunikation erheblich erleichtern konnte.

»Seid ihr diesen Sommer viel mit der Pegasus rausgefahren?«, fragte sie nun.

»Ein wenig«, antwortete Greg.

Er war ein gut aussehender Junge: braunes Haar, braune Augen mit langen Wimpern und ein sinnlicher Mund. Grace war Zeuge der Rückkehr dieser Attribute geworden – die durch die Drogen eine Zeitlang verloren gegangen waren –, und sie hatte die vorsichtige Erleichterung der Hoffmans geteilt, als sie diese Schlacht mit einer Kombination aus Reha, Beratung und Liebe gewonnen hatten. Nach und nach war das nette Kind mit dem freundlichen Gesicht wieder zu seinen verwirrten Eltern und seiner kleinen Schwester Janie zurückgekehrt.

Offenbar hatten sie aber tatsächlich nur eine Schlacht und nicht den Krieg gewonnen.

Grace sah nun, was Annie gemeint hatte. Da war der gehetzte Ausdruck in Gregorys Augen, den Grace als außerordentlich beunruhigend empfand. Sie fragte sich, ob Gregory auf etwas zurückgegriffen hatte, das das Bewusstsein noch dramatischer veränderte als Marihuana oder Kokain.

»Deine Mom macht sich Sorgen um dich«, sagte Grace.

Direkt heraus, so wie sie es vorzog. Alles noch mal von vorne.

»Ich weiß«, sagte Gregory.

Grace wartete und beobachtete, wie er das Gesicht abwandte. Er schien auf das Wasser hinauszublicken, doch ohne etwas zu sehen.

»Ich will nicht darüber reden«, sagte er.

»Lass dir Zeit. Du weißt, wie das läuft.«

»Ja«, erwiderte Gregory. »Aber das hier ist nicht das Gleiche.«

»Warum nicht?«

»Ich will nicht grob erscheinen, Doc.« Er schaute noch immer aufs Wasser hinaus.

»Ich bin schon nicht beleidigt, Greg, das weißt du.«

»Klar«, sagte er. »Aber wie ich gesagt habe … Das hier ist was anderes.«

Grace wartete wieder und fragte dann: »Warum ist es etwas anderes, Greg?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich bin müde.«

»Das sehe ich«, sagte Grace. »Kannst du nicht schlafen?«

Gregory schaute sie eine Sekunde lang an. »Sie hat Ihnen von meinen Träumen erzählt.«

»Deine Mutter hat mir erzählt, dass du ziemlich fertig warst, als du aufgewacht bist.«

Gregory atmete tief durch – ein Geräusch, das zynisch, ungeduldig oder verzweifelt sein konnte, schwer zu sagen.

»Es würde dir vielleicht helfen, wenn du es mir sagst«, bot Grace an.

»Das kann ich nicht«, erwiderte Gregory.

Grace sagte nichts dazu. Sie saß schweigend da, spürte, wie das Baby sich bewegte, und unterdrückte das Verlangen, eine Hand auf ihren Bauch zu legen. Sie wollte die Pause durch nichts stören.

»Wollen Sie mich nicht fragen, ob ich wieder Dope nehme?«, fragte er.

»Tust du es?«

Er zuckte mit den Schultern.

Im nun einsetzenden Schweigen bewegte das Baby sich erneut und drückte Grace auf die Blase.

Nicht jetzt, ermahnte Grace sich und ihren Sohn.

»Ich will nicht hier sein«, sagte Gregory.

»Okay«, erwiderte Grace.

Das Baby drehte sich; der Druck verschwand.

»Dann kann ich also gehen?«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Letzter Weg" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen