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Letzter Törn nach Spiekeroog

BASTEI ENTERTAINMENT

Frühsommer 2001

Im alten Gesindehaus war erst vor kurzem der »Alte Fritz«, der ehemalige Großknecht, von den Upackers liebevoll gepflegt, ohne Angehörige achtundachtzigjährig verstorben.

Landwirt Mamme Upackers und seine Frau Jeskeline bewirtschafteten den großen Domänenhof, der ihnen ohne nennenswerte Fremdhilfe einen erklecklichen Gewinn einbrachte. Der Indiekshof lag auf einem Groden zwischen dem Neudeich und dem das Watt abgrenzenden Altdeich.

Bei der Sichtung der dürftigen Hinterlassenschaft des Verstorbenen stießen sie auf vergilbte Fotos. Namen von Knechten und Mägden fielen ihnen ein. Sie erkannten deren Kinder wieder, mit denen sie gespielt hatten.

Sie hatten damals im Gesindehaus gewohnt. Nach dem Krieg waren Flüchtlinge aus Danzig nach ihrer strapaziösen Flucht vor der Roten Armee in das Gesindehaus gezogen.

Zum Gedenken an den »Alten Fritz« stellten die Upackers die Fotos der Ostfriesen-Post für einen viel beachteten Bericht in der Beilage »Haus und Hof« zur Verfügung.

Auch Eike Claasen, der Samtgemeindekämmerer, hatte Gefallen an dem geschichtsträchtigen Bericht in »Haus und Hof« gefunden.

Der Alte Fritz war ihm kein Unbekannter. Zu seinem fünfundachtzigsten Geburtstag hatte er für ein passendes Präsent eine Summe zur Verfügung gestellt.

Claasen nahm den Artikel zum Anlass, mit dem Bürgermeister ein Gespräch zu führen. Auf der nächsten Sitzung des Samtgemeinderates, in dem die SPD und die Grünen die Majorität besaßen, unterbreitete er seinen Vorschlag, der auch prompt die Zustimmung der Ratsmitglieder fand.

Mamme Upackers saß auf dem Traktor, bediente die Gänge und Griffe, drehte mit dem Heuwender über die weite Weide seine Runden. Über den Versorgungsweg radelten in Scharen die Urlauber am Deich entlang, in Richtung Theener und nach Dornumersiel. Er trug seine Drillichhose, ein buntes Flanellhemd, Gummistiefel und auf dem Kopf die abgegriffene Prinz-Heinrich-Mütze.

Das Schutzdach des Traktors schützte ihn vor den Strahlen der Nachmittagssonne. Der Nordwestwind blies mit Stärke vier und kühlte seine Stirn. Kurz nach siebzehn Uhr fuhr er die letzte Kehre, klappte die Wendemaschine hoch und fuhr zum Hof. Er lenkte den Traktor in den Schuppen und zog den Schlüssel aus der Zündung. Vor der Haustür stand Jeskeline und winkte ihm zu. An ihrer Seite stand der dürre, hoch aufgeschossene Eike Claasen, der Kämmerer der Samtgemeinde Hage. Sein Fahrrad lehnte an der Klinkerwand neben der Tür. Mamme Upackers hob die Mütze vom grauen Haar und reichte Claasen die Hand.

»Moin«, sagte Claasen.

»Privat oder dienstlich?«, fragte Upackers und lächelte freundlich.

»Der Tee ist gleich fertig«, sagte Jeskeline.

»Da sage ich nicht nein«, antwortete Claasen und folgte der Bäuerin ins Haus.

Mamme betrat die Milchküche, zog die Stiefel aus, schlüpfte in die Latschen und ging zum Wohnzimmer.

Claasen hatte bereits am Tisch vor dem Kamin Platz genommen.

Seine Frau deckte den Tisch mit der Teegeschirr. Es trug das Dekor der ostfriesischen Rose.

Claasen trug Jeans, ein luftiges blaues Sommerhemd und eine marineblaue Leinenweste. Sein leicht angegrautes Haar war gescheitelt.

»Das gute Wetter. Die Heuernte«, sagte Jeskeline und brachte den Tee. »Bitte«, fügte sie hinzu.

Claasen nahm vom Kluntjebecher.

Mamme legte ein Zuckerstück in seine und Jeskelines Tasse. Seine Frau schenkte den Tee aus.

»Es sah anfangs gar nicht so gut aus. Doch jetzt mit dem herrlichen Wetter kommen die Feriengäste«, sagte Claasen.

Sie nahmen von der Sahne und tranken Tee. »Unsere Heuernte ist gelaufen, nicht wahr, Mutter«, antwortete der Bauer. Mamme erhob sich, schritt an den Schreibtisch und nahm das Raucheretui.

»Wenn Sie rauchen möchten, Herr Claasen«, sagte Jeskeline und nahm vom Kaminsims einen weiteren Aschenbecher. Sie trug ihre Jeans und ein T-Shirt. Alte Schränke bedeckten die Wände. Mitten im Zimmer stand der schwere Esstisch mit hochlehnigen Stühlen, an dem gut acht Personen Platz fanden. In der Ecke gegenüber stand der Fernseher auf einer alten Bauerntruhe.

»Geht es um die Erweiterung der Fahrradwege durch unsere Weiden?«, fragte Mamme und paffte seine Pfeife.

Claasen rauchte eine Zigarette. »Darüber muss der Rat noch beschließen«, antwortete er und nahm einen Schluck Tee zu sich. Er zeigte auf den Esstisch. »Da hat früher der Alte Fritz mit Ihnen die Mahlzeiten eingenommen«, sagte er.

Jeskeline nickte. »Ihn zu pflegen, das war nicht einfach«, sagte sie und führte die Tasse zum Mund.

Mamme blickte den Kämmerer fragend an.

»Ich bin zu Ihnen gekommen, um unser Interesse an Ihrem alten Gesindehaus zu bekunden«, trug Claasen vor und drückte die Kippe in den Aschenbecher. »Wir müssen Wohnraum für Asylanten und Rücksiedler schaffen und appellieren in diesem Zusammenhang an Ihr christliches Mitgefühl.«

Jeskeline hob fragend die Schultern.

»Sie helfen armen Menschen. Sie werden es Ihnen danken«, sagte Claasen.

»Nun bitte Klartext. Was hat es auf sich mit unserem Gesindehaus?«, fragte der Bauer.

»Wir machen Ihnen ein Angebot. Wir renovieren die Räume auf unsere Kosten, versehen sie mit zeitgemäßen Sanitäranlagen. Dabei verfahren wir großzügig. Wir zahlen Ihnen fünf Euro pro Quadratmeter Wohnraum«, sagte Claasen.

Der Alte sah seine Frau an.

»Unserer Tochter geht es gut«, sagte die Bäuerin abwertend und desinteressiert. »Sie arbeitet als Lehrerin, und unser Schwiegersohn leitet in Varel eine Bank. Für unseren Enkel bleibt genug, wenn wir den Löffel abgeben müssen.«

Der Bauer schabte die Asche aus dem Pfeifenkopf.

»Das für Sie nutzlose Gebäude hilft uns und bringt Ihnen eine respektable Verzinsung ein«, sagte Claasen.

»Ich weiß nicht«, antwortete Jeskeline Upackers und schüttelte bedächtig den Kopf.

»Mutter, dann kommt Leben auf den Hof«, meinte der Alte listig.

Sie tranken Tee.

Claasen erläuterte die Vorstellungen der Gemeindeverwaltung, räumte juristische Argumente vom Tisch und überzeugte schließlich die Bauersleute, die sich mit ihm auf einen Termin mit dem Leiter des Bauamtes einigten.

Mamme Upackers verließ daraufhin das Wohnzimmer, kam zurück mit einem Tablett, auf dem drei kleine Gläschen und eine gekühlte Corvitflasche standen. »Stoßen wir an und besiegeln das Geschäft«, sagte er und stellte das Tablett auf den Tisch. Er nahm die Flasche, schenkte den Corvit aus. Sie nahmen die Gläschen in die Hand.

»Prost!«, sagte Mamme. Sie schluckten den kalten Klaren.

***

Herbst 2001

Inga von Butendorf, geborene Helmstroem, sechsundfünfzig, Gattin des Werbekaufmanns Harald von Butendorf, trug ihr leicht blondiertes Haar schulterlang. Ihr ernstes, schlankes Gesicht hatte eine tiefe Inselbräune.

Sie saß auf der Terrasse der Ferienwohnung auf Spiekeroog, genoss die Strahlen der Herbstsonne und schaute den Möwen zu, die im aufgebristen Südwestwind hingen.

Das Handy riss sie aus ihrer Verträumtheit. Ihr Bruder Nils rief an. Ihr Vater hatte sich nach dem Tode der Mutter zur Ruhe gesetzt und ihm die Leitung des Fisch verarbeitenden Betriebes in Visby auf Gotland übertragen. Nils hatte die Firma zu einem gesunden mittelständischen Betrieb ausgebaut.

»Schwesterchen, wie sieht es aus? Kommt ihr zu Opas Geburtstag?«, fragte er.

»Nils, ich komme auf alle Fälle«, antwortete sie.

»Ich hoffe, Harald und Björn haben Zeit, dich zu begleiten«, antwortete ihr Bruder.

»Harald ist nicht bei mir. Er ist mit dem Schiff unterwegs.« Inga seufzte auf. »Und Björn turtelt mit einer hübschen Diplom-Kauffrau herum, statt endlich selbst mit einem Examen in der Tasche Harald beizustehen.«

»Opa lässt grüßen, er würde sich freuen, wenn ihr kommen würdet«, sagte Nils.

»Ich rufe zurück. Grüße Sarah, die Kinder und Opa! Bis dann!«, sagte Inga, drückte die Taste, legte das Handy auf den Tisch und erhob sich.

Die Sonne stand bereits tief. Es wurde frisch im aufgebristen Wind. Inga ging zum Schlafzimmer, zog den Badeanzug aus, schlüpfte in Jeans, streifte den schweren Troyer über und brühte sich in der Küche einen Tee auf. Dann trug sie das Teegeschirr samt Stövchen, Kluntjebecher und Sahnetopf zum Terrassentisch, setze sich in den Sessel, trank Tee und rauchte eine Zigarette. Sie sah den jungen, kräftigen Mann, der sich langsam durch Disteln und Sanddornsträucher über den Kamm der Düne dem gegenüberliegenden weißen Ferienhaus näherte. Er griff zum Fernglas und betrachtete aufmerksam das weite, sandige Gelände. Er trug Jeans und eine olivfarbene Weste und darunter, wie Inga von Butendorf wusste, das Schulterholster mit einer Pistole. Er gehörte zur Mannschaft, die das Anwesen des Bundespräsidenten auf der mit Gras und Krüppelkiefern bewachsenen Düne vor dem Zutritt ungebetener Gäste schützte. Er winkte ihr zu. Er war im Alter ihres Sohnes.

»Und Björn?«, fragte sie sich. Inga nahm das Handy vom Tisch, gab die Telefonnummer ihres Sohnes ein und hielt es an ihr Ohr.

»Ich bin nicht zu Hause und bitte um Geduld. Ich reagiere später auf die hinterlassene Nachricht! Danke!«

Inga schwitzte nervös. »Hier ist Mama! Wo treibst du dich herum? Opa hat Geburtstag! Er wird achtzig! Ich hoffe, du begleitest mich nach Gotland!«, sprach sie fordernd auf das Band und schaltete das Handy ab.

Sie drückte die Kippe in den Aschenbecher und nahm einen Schluck Tee zu sich. Sie dachte an Harald.

Er wird meine Bitte, mit mir zum Geburtstag nach Visby zu reisen, wie eine alltägliche Wetternachricht hinnehmen, dachte sie ironisch. Zwischen ihr und Harald war es in der letzten Zeit wegen Björn öfter zu unangenehmen Auseinandersetzungen gekommen. Björn hatte sich mit ihrer Unterstützung in Altona ein teures Apartment gekauft. Opa hatte mit einem erklecklichen Zuschuss für die glatte Finanzierung beigetragen. Björn hatte Harald enttäuscht. Er war sechsundzwanzig Jahre alt, hatte sie viel Geld gekostet, und ein Ende seines Studiums war nicht abzusehen. Er hatte die Fakultäten an der Uni mehrmals gewechselt, ohne Erfolge vorweisen zu können. Das ständige Gezanke um den Sohn trug nicht zum Ehefrieden bei.

Sie und Harald hatten die Agentur aus dem Nichts, abgesehen von einem Darlehen ihres Vaters, aufgebaut. In jungen Jahren war Inga viel mit Harald gesegelt. Doch davon hatte sie Abstand genommen. Nur hin und wieder war sie an Bord des neuen Schiffes geklettert. Es war ein Motorsegler mit geräumigen Kojen, mit modernster Technik, den Harald ohne Beistand alleine auch bei Windstärken um die sechs bis sieben segeln konnte. Sie hatten an Bord den Tee zu sich genommen, doch zu einem Törn hatte sie sich nicht überreden lassen. Sie hatte sich bemüht, Harald den Kauf des sündhaft teuren Schiffes auszureden, doch vergeblich, Harald war ein Dickkopf.

Zwischen ihr und ihm war es nicht mehr wie früher. Harald war gealtert und schlief nicht mehr mit ihr. Auch ihr stand nicht mehr der Sinn nach seiner intimen Nähe. Seiner abgemagerten Figur, seinen erschlafften Muskeln fehlte es an Erotik. Ihr war im Schlafzimmer bei seinem Anblick, wenn er sie bedrängte, zum Lichtausmachen zu Mute. Aber auch ihr Körper zeigte die Spuren des Herbstes. Ihre Brüste hingen schlaff herab. Ihr Hintern war angewachsen, wirkte wie zementiert und erstarrt. Ihre einstige Schönheit war dahin. Dennoch fühlte sie eine tiefe Verbundenheit mit ihm. Sie liebte ihn immer noch, weil sie an seiner Seite glückliche und erfolgreiche Jahre verlebt hatte.

Inga griff zum Handy, drückte die Tasten und hielt es ans Ohr: »Von Butendorf an Bord der Opal II«, meldete sich Harald.

»Inga auf der Terrasse unserer Wohnung auf Spiekeroog«, antwortete sie.

»Was liegt an?«, fragte ihr Mann. Seine Stimme klang gleichgültig.

»Opa erwartet uns zu seinem achtzigsten Geburtstag«, sagte sie ernst.

»Mein Gott, der alte Knabe«, antwortete er. Aus dem Handy erklang ein leichtes Rauschen. »Satan, das habe ich vergessen. Wir liegen voll unter Segel und befinden uns zehn Seemeilen vor Helgoland.«

»Ich verlasse morgen die Insel und fahre nach Hause. Björn habe ich noch nicht erreicht. Wir fliegen am Samstagmorgen ab Hamburg.«

»Inga, ich bin als Skipper unabkömmlich. An Bord befinden sich Sigi und mehrere Abteilungsleiter. Es geht um neue Absatzstrategien per Internet. Die Route und das Programm sind abgesteckt«, antwortete ihr Mann.

»Aber Opa wird achtzig«, sprach sie erregt.

»Nimm Björn mit, der Bengel soll sich endlich mal nützlich machen«, antwortete ihr Mann.

Inga schaltete enttäuscht das Handy ab.

***

Iwan Obermann betrat das Büro des Übergangslagers »Geesteburg«. Er blickte sich um. Die gegenüberliegende Wand bedeckten bis zur Decke reichende Schrankregale. Seitlich fiel das Morgenlicht durch ein breites, hohes Fenster. An einer Hand voll Schreibtischen arbeiteten Angestellte an Rechnern.

Eine junge Verwaltungsangestellte trat an den Tresen. Sie lächelte freundlich. Sie hatte ein hübsches, volles Gesicht.

Obermann stellte den Koffer und seine prall gefüllte Reisetasche ab. Er war hoch gewachsen und athletisch gebaut. Seine schlanke, längliche Nase, die flachen Backenknochen und seine schmalen Lippen verliehen seinem Gesicht einen Hauch von Kühnheit.

»Wir haben Sie bereits dem Arbeitsamt Norden avisiert, Herr Obermann«, sagte die Angestellte, trat an den Schrank, entnahm ihm einen Ordner, öffnete ihn. »Sie sind Fernfahrer. Die Aussichten stehen nicht schlecht. Im Küstenbereich gibt es eine Menge großer Speditionen«, sagte sie und strahlte Optimismus aus.

Obermann nickte.

»Sie bekommen von der Samtgemeinde Hage eine Wohnung zugewiesen, nur wenige Kilometer von der Kleinstadt Norden entfernt«, fügte sie hinzu.

Iwan Obermann nickte. »Liegt an Nordseeküste?«, fragte er.

»In Ostfriesland, in der Nähe von Emden und Norderney. Eine schöne Gegend«, sagte die Angestellte. »In den Reiseunterlagen befinden sich die Fahrkarten und Verbindungen. Der Zug endet in Norddeich. Sie steigen in Norden aus.« Sie entnahm dem Fach die Unterlagen und reichte sie dem Russlanddeutschen.

»Freude auf Neuanfang. War nie in Deutschland, Großvater war nie Russe. Sprache nicht perfekt«, sagte Iwan Obermann und lächelte verlegen.

»Sie sprechen gut Deutsch«, antwortete die Angestellte.

Er steckte die Unterlagen in die Seitentasche des Anoraks. »Mit Akzent, nicht beliebt bei Landsleuten«, meinte er.

»Das wird in den Medien übertrieben dargestellt. Quittieren Sie mir bitte die Entgegennahme der Unterlagen«, sagte die junge Frau und reichte Obermann das Formular und den Kugelschreiber.

Obermann unterschrieb.

»Danke«, sagte die Angestellte.

»Ich sagen danke«, meinte er.

»Alles gute für Ihre Zukunft«, sagte sie freundlich.

»Ebenso auch Ihnen«, antwortete Obermann, nahm sein Gepäck auf und verließ das Büro. Es war frisch an diesem Herbstmorgen. Der Himmel war grau in grau. Er ging zur Bushaltestelle, um in eine ungewisse Zukunft zu reisen.

Der Student Björn von Butendorf galt als ein geselliger, intelligenter junger Mann mit guten Manieren. Er war äußerst belesen und in jeder Weise höflich und zuvorkommend. Er hatte feste Vorstellungen von der Welt, wie sie war, und zog daraus seine Konsequenzen. Seine Kommilitonen schätzten an ihm seine Geradlinigkeit und Offenheit, wenn er in den Seminaren bei den Aussprachen seine Argumente offen legte, die häufig nicht in das übliche Denkschema passten.

Er ging den Fragen nach, hinter denen die Professoren bereits die Seiten umgeschlagen hatten, nervte sie mit seinem Wissensdurst ohne Rücksicht auf Testate und Klausurergebnisse. Das hatte zur Folge, dass Björn von Butendorf im Gegensatz zu den angepassten, zielstrebigen Studenten ins Abseits geriet. In den Augen der Professoren galt er als ein Spinner, über den sie sich bei ihren Konferenzen mächtig amüsierten, obwohl einige Mitglieder des Lehrkörpers, ohne es sich einzugestehen, der hartnäckig vertretenen Kritik des Studenten einige hervorragende Argumente für ihre Theorieerweiterungen verdankten. Zugegebenermaßen konnte sich Björn von Butendorf Verschnaufpausen beim Studium gönnen, die Fakultäten wechseln, denn er strebte kein Examen an. Ihm lag es mehr an Bildung als an Ausbildung. Er besaß in Altona in der Straße »Am Schulterblatt« eine Eigentumswohnung und fuhr ein Golf-Cabrio. Nach einem nicht gerade erfreulichen Seminar in Biologie hatte sich Björn von Butendorf für ein Germanistikstudium entschlossen, das, wie er glaubte, seinen Anlagen mehr entsprach.

Am Freitagnachmittag suchte Björn von Butendorf nach dem Besuch des Seminars »Brecht und die neue Aktualität« das Café »Alte Rösterei« in der Mönckebergstraße auf, das bevorzugt von Studenten und jungen Angestellten besucht wurde. Er setzte sich an einen freien Tisch und genoss die ihm lieb gewordene Atmosphäre. Ihn störten nicht die schwulen Kellner, die mit gefärbten Haaren und gezierten Bewegungen die Gäste bedienten.

Er blickte überrascht auf, als eine hübsche junge Frau an den Tisch trat und ihn anlächelte. Sie hatte schwarzes Haar, das sie zu einem Zopf geflochten trug. Ihr Gesicht wirkte hinreißend schön mit den vollen Lippen, den dunklen Augen und breiten Wangenknochen. Sie trug ein navyblaues T-Shirt, Jeans und die obligatorische grüne Firmenschürze.

»Bitte?«, sagte sie und blickte ihn freundlich an.

»Ein Kännchen Kaffee und ein Marzipan-Croissant«, bestellte Björn und begegnete ihrem Blick.

»Danke«, sagte sie und ging davon.

Björn schaute fasziniert hinter ihr her. Er spürte eine ihm unerklärliche innere Unruhe und beobachtete die junge Serviererin, als sie ihm den Kaffee und das Gebäck an den Tisch brachte.

»Sie sind neu im Schuppen?«, fragte er lässig.

»Erst drei Wochen«, antwortete sie. »Bin Rücksiedlerin, gefunden Arbeit und froh«, antwortete sie.

»Russland ist groß«, warf Björn flapsig ein, griff zum Kännchen und schenkte sich den Kaffee ein. Er blickte in die dunklen Augen der Kellnerin. Über ihr hübsches Gesicht huschte ein Lächeln.

»Groß und viele Arme und viele Reiche. Musste nicht hungern in Minsk. Mutter und Vater, alte Leute, sorgen für Großmutter. Keine Zukunft. Bin weg!«, antwortete sie und schaute auf die Gäste, die sich an dem Nebentisch niederließen. Es waren junge, lärmende Studenten der Schauspielschule.

»Und macht Ihnen die Arbeit Spaß?«, fragte Björn, nahm den Bon in die Hand, holte aus seinem Jackett das Portmonee, öffnete es und reichte ihr einen Zehn-Euro-Schein.

Die Kellnerin nahm ihn entgegen, steckte ihn in die Kassiertasche und suchte nach Wechselgeld.

»Es ist Job! Verdiene Lebensunterhalt, warte auf Zeiten werden besser«, sagte sie.

»Danke«, sagte Björn und verzichtete auf das Wechselgeld. Das hübsche Bedienungsfräulein warf ihm einen dankbaren, freundlichen Blick zu und verließ den Tisch.

Von Butendorf verzehrte das Croissant, trank Kaffee und rauchte eine Zigarette. Seine Blicke folgten der jungen Frau, die unter den Schwulen wie eine herzhafte Erfrischung wirkte.

Zwei Süße am Nachbartisch turtelten beim Milchkaffee.

Besucher füllten das Café. Die Plätze wurden knapp.

Björn bemerkte den kleinen, dicken Schwaben, der Waegele hieß, in seinem Alter war und zurzeit promovierte. Er näherte sich lächelnd dem Tisch. »Herr Kollege, ist hier noch a Plätzle frei?«, fragte er.

Björn nickte.

»Ich warte auf mei Bräutle«, fügte der Assistent hinzu und nahm am Tisch Platz.

Björn trank einen Schluck Kaffee. »Zum Fachsimpeln fehlt mir die Zeit. Es wird gleich dunkel. Ein Tennisspiel zum Ausgleich meiner nicht ernst genommenen geistigen Beiträge«, sagte von Butendorf, grinste und drückte die Kippe in den Aschenbecher.

Waegele winkte ab. Er trug eine beige Cordhose, ein weißes Hemd und einen filzigen grauen Trachtenjumper. »Mehr Konzentration! Bündeln Sie! Beschränken Sie sich auf ein Fach! Ihre Ansätze sind oft viel versprechend«, sagte Waegele höflich in der Rolle eines gutmütigen Lehrers.

Björn lächelte geringschätzig.

»Ich strebe kein Examen an. Mein Ziel besteht darin, bei der Übernahme meines elterlichen Betriebes nicht als Fachidiot mit der Kundschaft zu verkehren. Spektakuläre Gedanken bereiten mir einfach Spaß«, antwortete er.

»Fressen und gefressen werden als Prinzip der liberalisierten Gesellschaft unter Ausrottung der Löwen«, sagte Waegele und lachte gutmütig.

»Ach, Herr Waegele, wo liegt Minsk?«, fragte Björn und blickte den Doktoranden ironisch an.

»In Russland, an der Wolga, glaube ich«, antwortete der Assistent verwirrt, drehte sich um und winkte die Bedienung an den Tisch.

»Irrtum, in Weißrussland«, sagte Björn ironisch.

»Was hat es auf sich mit Minsk?«, fragte Waegele.

»Nur so.«

Björn begegnete dem Blick der Kellnerin, die an den Tisch trat. Ihm schoss das Blut in den Kopf. Er spürte ein leichtes Sodbrennen.

»Grüßen Sie Ihre Braut«, sagte er zu Waegele und erhob sich. Er wandte sich an die Kellnerin. »Auf bessere Zeiten«, sagte er und schritt dem Ausgang entgegen.

Iwan Obermann stieg in Norden am Bahnhof in den Linienbus. Er war müde von der langen Reise, setzte sich in der Nähe des Fahrers auf einen Sitz und stierte gelangweilt auf die verkehrsreiche Straße. Er fuhr erschrocken zusammen, als der Busfahrer »Hage« rief, den Bus zur Haltestelle lenkte und sich an ihn wandte. »Links neben der Arztpraxis, das ist das Rathaus«, sagte er und wies mit der Hand die Richtung.

»Danke«, antwortete Obermann, nahm sein Gepäck und stieg aus. Er atmete kräftig durch und schaute sich um. Sein Blick glitt über einen Fahrradständer zum eckigen Backsteinturm einer Kirche, auf der ein Wetterhahn die Windrichtung angab. Gegenüber stand eine mächtige Buche vor einer Apotheke.

Passanten schritten an ihm vorbei. Er stand vor einem Farbengeschäft, warf ohne Interesse einen Blick auf Tapeten und Farbtöpfe. Autos passierten die Kreuzung. Entschlossen griff er nach seinem Reisegepäck, überquerte die Straße, stieg über die Steinstufen zum Portal, dessen mit Hartglas gefüllte Flügeltüren offen standen. Iwan Obermann überfiel ein leichtes Glücksgefühl. Er war dem Ziel seiner langen Odyssee einige Schritte näher gekommen. Er betrat den Korridor, blickte sich um. Die Korbsessel waren verwaist. Er studierte die Türschilder.

»Bauamt.« Die nächste Tür trug die Aufschrift »Einwohnermeldeamt.«

Er atmete auf, klopfte an, öffnete die Tür und betrat mit dem Gepäck das Dienstzimmer. Ein junger blonder Mann verließ seinen Schreibtisch, kam zum Tresen und blickte den hoch gewachsenen, athletischen Besucher freundlich an.

»Obermann, Iwan, bin Rücksiedler, habe Papiere von Lager, bin zugewiesen und glücklich zurück in Heimat von Väter«, sagte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Hatten Sie eine gute Reise?«, fragte der Gemeindeangestellte, nahm die Papiere entgegen und studierte sie routinemäßig. Obermann nickte und sah zu, wie der Angestellte den Computer bediente, nach einer Akte griff, ihm ein Formular entnahm und es ihm überreichte.

»Ich habe Ihre Ankunft bestätigt. Unterschreiben Sie bitte das Anmeldeformular. Ihren Pass stelle ich später aus, dazu benötige ich ein aktuelles Foto«, sagte er.

Obermann nahm den Kugelschreiber entgegen und setzte seine Unterschrift in die Zeile.

»Hier, die Durchschrift, Ihre vorläufige Aufenthaltsgenehmigung«, sagte der Verwaltungsangestellte und blickte in das herbe, kantige Gesicht des Gastes. »Wir haben für Sie ein recht komfortables Apartment im Gesindehaus des Indiekshofs vorgesehen, mit Duschbad und Küchenzeile.«

Obermann lächelte. »Bin Fernfahrer, gelernt Automechanik, glaube an Erfolg«, sagte er.

»Wir werden Ihnen in jeder Weise behilflich sein, Herr Obermann«, sagte der Gemeindeangestellte. »Die weiteren bürokratischen Prozeduren werden wir später erledigen. Das Sozialamt hat bereits geschlossen. Sie sind mit den nötigen Finanzmitteln ausgestattet worden. Alles Weitere erfahren Sie von unserem Kämmerer. Er fährt mit Ihnen zu Ihrer Wohnung.« Er griff zum Telefon.

»Hier Behrend! Eike, der Rücksiedler befindet sich bei mir im Büro«, sagte er.

»Ich komme gleich«, vernahm Behrend und legte auf. »Herr Claasen nimmt sich Ihrer an. Er kommt gleich«, sagte er.

***

Am Sonntagmorgen trieb der aufgebriste Nordwest graue Schauerwolken über Hamburg. Björn von Butendorf stand auf dem Balkon, atmete die frische, kühle Luft ein. Der Wind blies durch die Allee und fegte das bunte Herbstlaub vor sich her. Auf der Bank der Bushaltestelle saßen Penner. Vor ihnen lag geduckt ein Schäferhund. Nur wenige Autos waren unterwegs. Björn verließ den Balkon, ging zur Küche, bediente die Kaffeemaschine und deckte im Wohnzimmer den Tisch. Er liebte es, in Ruhe zu frühstücken. Er aß eine Schinkenschnitte mit Tomatenscheiben, trank dazu den Kaffee mit Milch und Zucker. Nach dem Frühstück steckte er sich eine Zigarette an und rauchte. Er hatte sich von Gisela getrennt und erinnerte sich an die unerfreulichen Szenen in Giselas hübscher Wohnung. Ihr Karriere-Geschwätz war ihm mächtig auf den Keks gegangen. Er hob die Schulter an. »Scheiß Emanzen«, sprach er vor sich hin, drückte die Kippe in den Aschenbecher, räumte den Tisch ab, spülte das Geschirr und entschloss sich zu einem Spaziergang.

Anschließend wollte er sich mit einem Werk von Wedekind vertraut machen. Er verließ das Zimmer, zog im Korridor seinen Trenchcoat über, stieg die Treppe nach unten, betrat die Straße und spazierte über die Schanzenstraße und Feldstraße in Richtung Heiligengeistfeld. Der steife Wind traf ihn von vorn. Graue Wolken trieben am Himmel. Auf dem seitlichen Parkgelände rauschte der Sturm durch Bäume und Sträucher. Björn genoss den Sonntagvormittag nach der Trennung von Gisela mit dem Gefühl einer wiedergewonnenen Freiheit. Er fuhr erschrocken zusammen, als ein Dackel auf ihn zuschoss und ihn ankläffte. Er scheuchte das kleine Ungeheuer davon. »Ah«, entfuhr es ihm.

Die Rücksiedlerin aus Minsk stand an eine Telefonzelle gelehnt, hielt die Hundeleine in der Hand und lächelte verlegen. Die hübsche junge Frau trug eine kurze, sportliche Wetterjacke und eng sitzende Jeans. Ihr Zopf baumelte über ihre Schulter.

»Waldi!«, rief sie, verließ die Telefonzelle und nahm den knurrenden Köter an die Leine. »Verzeihen, Hund laufen ohne Leine. Ist harmlos.«

Sie standen im zugigen Wind. Passanten warfen ihnen neugierige Blicke zu.

Björn liftete seine Elbseglermütze für Sekunden vom Kopf.

»Ich habe mich nur erschrocken«, sagte er einlenkend. »Nichts für ungut. Ich bin überrascht darüber, dass Sie sich bei Ihren knappen Mitteln für einen Hund entschieden haben, der nicht nur Geld, sondern auch Zeit zur Betreuung beansprucht.« Er verspürte eine aufkeimende Nervosität.

Der Charme der jungen Frau war hinreißend. Sie lächelte. »Wohnung preiswert. Ist Dachwohnung von alte Dame, halten Hund«, antwortete sie und streichelte Waldi mit der Hand über den Kopf.

»Sie wohnen hier in der Nähe?«, fragte Björn von Butendorf neugierig.

»Um Ecke, Ulmenstraße«, antwortete sie. »Vermieterin alt, mache Einkäufe. Ich zufrieden.«

»Dann sind wir fast Nachbarn. Ich besitze eine Eigentumswohnung am Schulterblatt«, antwortete Björn erfreut.

Die junge Frau blickte ihn ernst an. »Ist bei St. Pauli, große Kriminalität, Rauschgift und Prostitution«, sagte sie.

Björn lachte. »Eine sehr seriöse Wohngegend. Ich benötige allerdings nur wenige hundert Meter bis zum Kiez. Da gibt es eine Menge Kneipen, Restaurants und Cafés für das bürgerliche Publikum«, antwortete Björn.

»Ich Frau, nicht kann spazieren und gucken auf St. Pauli. Hamburg schöne Stadt«, meinte sie und zupfte ihre Wetterjacke zurecht.

»Unternehmen Sie mit mir einen Bummel über die Reeperbahn. Ich werde Sie dabei eines Besseren belehren«, antwortete er.

»Vielleicht Zufall, wenn treffen und ich bereit«, sagte sie.

»Einverstanden, mein Name ist Björn von Butendorf, Student, ich empfehle mich als Stadtführer, bin Hanseat und habe eine schwedische Mutter«, sagte er, hob seine Elbseglermütze vom stoppeligen Haar und lächelte gewinnend.

»Vielleicht wieder mit Hund«, sagte sie und lächelte ebenfalls.

»Eher im Café ›Alte Rösterei‹«, antwortete Björn. Ihm stieg das Blut in den Kopf.

»Bin Irina Bötticher, russische Mama und deutscher Papa«, sagte sie mit einem charmanten Lächeln, neigte ihren Oberkörper und sprach zu ihrem Hund.

»Waldi, Frauchen warten.« Sie griff zum Halsband und gab dem Dackel einen Klaps.

»Begleiten Sie mich noch ein Stück«, sagte Björn.

»Würde gerne. Kann nicht, Frau Jahnke kochen Mittag. Bin Gast zum Essen«, antwortete sie und reichte Björn die Hand. In ihrem Gesicht mit den dunklen Augen und den breiten Wangenknochen las Björn eine aufkeimende Sympathie.

»Einen schönen Tag noch«, sagte er.

Irina Bötticher ging mit graziösen Schritten davon, den Hund an der langen Leine führend.

Björn setzte seinen Spaziergang fort. Er war seltsam berührt.

***

Xaver Ulmer, zweiunddreißig, und Olga Benjamin, dreißig, verkauften nach einer Menge von Auflagen und Sanktionen durch die Behörden ihre in Smolensk beheimatete Spedition »Trans-Euro« an die »Dansk Logistik AB« in Kopenhagen. Sie beriefen sich auf ihre deutsche Abstammung und entschieden sich für die Übersiedlung nach Deutschland. Ihnen stellten sich keine Schwierigkeiten in den Weg. Auch der Transfer der Verkaufssumme lief reibungslos über die Deutsche Bank.

Nach vielen Überlegungen hatten sie sich für den nordwestdeutschen Raum entschieden, dabei von Hamburg Abstand genommen, weil dort, wie sie von einem Gewährsmann und Kenner der Szene erfahren hatten, zurzeit ein gnadenloser Verdrängungskampf zwischen Jugoslawen, Türken und Russen im Vergnügungsviertel rund um St. Pauli tobte.

Olga Benjamin und Xaver Ulmer wählten die Hansestadt Bremen zu ihrem Wohnort.

Sie mieteten sich fürs Erste im Hotel »Bremer Schlüssel« ein, trafen sich dort zu Besprechungen mit ihrem Gewährsmann, der sie auch geschäftlich beriet, suchten einen Makler auf und fanden Gefallen an einer hübschen Eigentumswohnung in der Konradstraße in der Nähe eines Parks. Sie nahmen sich Zeit für eine gründliche Planung ihrer unternehmerischen Vorhaben und genossen das Flair der Groß- und Hafenstadt im Grünen, die mit Bundesliga, Sechstage-Rennen und Universität in jeder Weise ihren Vorstellungen entsprach.

Harm van Geiken stand hinter dem Tresen und blickte missmutig in das Lokal. Er dachte wehmütig an die Zeiten zurück, als seine Gäste aus Leer, Weener und Bunde bei ihm Tage im Voraus Tische bestellten, im Frühjahr seinen Spargel mit Schinken verzehrten, sich im Herbst und Winter bei ihm zum Kohlessen mit Pinkel, Grieben, Speck und Kasseler eingefunden hatten. Von April bis zum September waren seine Zimmer ausgebucht gewesen. Die Urlauber hatten die gemütliche bürgerliche Atmosphäre des Moorhofes, seine ostfriesische deftige Küche, die saubere Luft und die Wanderungen durch die Wiesen an den Moorkanälen entlang zu schätzen gewusst. Doch nun blieben sie aus.

Im Saal sammelte sich Gerümpel an. Vergessen waren die Feste der Bossler, Klootschießer und Schützen, die Hochzeiten und Beerdigungen.

Der einzige Hotelgast des Abends blickte auf. Ihn störten nicht die vielen unbesetzten hochlehnigen Stühle und weiß geschrubbten Holztische. Harm hatte ihm das beste Zimmer auf der zweiten Etage zugewiesen, das gleich neben der Toilette lag.

»Einen Kaffee, bitte«, sagte der Gast.

Harm nickte, verließ den Tresen und trat an den Tisch. »Hat es Ihnen geschmeckt?«, fragte er höflich.

»Freilich, ausgezeichnet«, antwortete der Gast, der aus Bayern kam.

Harm trug das Geschirr in die Küche, bediente die Kaffeemaschine, brühte den Kaffee auf, füllte ein Kännchen, gab Zucker und Sahne auf das Tablett und bediente den Gast.

»Danke«, sagte der nur und vertiefte sich in das Heft der Lesemappe.

Harm nahm seinen Platz hinter dem Tresen wieder ein. Für die Herbstferien waren nur vier von den sechzehn Zimmern vorgebucht. Gesine, seine Frau, litt unter Rückenschmerzen und verzichtete schon lange auf die Zugehfrau. Harm war einundsechzig und Gesine neunundfünfzig. Sie hatten es versäumt, notwendige Renovierungen in Angriff zu nehmen.

Die Zimmer und das Mobiliar waren veraltet, schlichtweg abgewohnt. Die Gäste waren im Laufe der Zeit anspruchsvoller geworden. Weder Geiz noch Knauserigkeit waren die Gründe für ihre Unterlassungen gewesen. Sie hatten das Studium ihrer beiden Söhne bezahlt, die jetzt nach erfolgreichen Examen in Amt und Würden waren und ihnen rieten, das »alte Gemäuer« zu verkaufen und sich auf Norderney niederzulassen.

Hinzu kam, dass sich in Weener rund um den alten Hafen moderne Hotels und Pensionen auf den Fremdenverkehr eingestellt hatten. So nahmen sie mit Bitterkeit zur Kenntnis, dass die Feriengäste ihre Fahrzeuge auf ihrem Parkplatz abstellten, den von der Kurverwaltung ausgeschilderten Wanderwegen in das Hochmoor folgten und sich nur selten bei einem Kaffee oder einer Cola einfanden, um die Toiletten aufzusuchen.

»Harm, vier Pils!«, rief der Apotheker vom runden Stammtisch. Er spielte Skat mit dem Zahnarzt, dem Leiter der Grundschule und dem Zollinspektor. Das gehörte am Freitagabend seit vielen Jahren zur Tradition.

Es ging oft lebhaft zu am Skattisch, wenn sich die Herren, sie waren alle über die fünfzig, wegen Fehlabwürfen und in die Hose gegangenen Spekulationen in die Haare gerieten.

Harm bediente den Zapfhahn, lustlos füllte er die Gläser, ließ die Schaumränder sinken, zapfte nach, stellte die Gläser auf das Tablett, trug sie an den unbesetzten Tischen entlang, servierte den Herren die Biere, griff zum Kugelschreiber, setzte Striche auf die Bierdeckel, stellte die leeren Gläser auf das Tablett und blickte überrascht auf, als ein Gast das Lokal betrat.

Harm trug den Troyer und Jeans. Er war vollschlank und hatte ein rundliches freundliches Gesicht, trug sein graues Haar kurz geschoren und besaß eine Hinterkopfglatze. Über seinen Lippen saß ein buschiger Schnurrbart. Er schaute auf die Standuhr. Es war zwanzig Minuten vor neun.

Der Gast blickte sich fragend um. Er trug einen dunkelblauen Trenchcoat, der ihm bis zu den Waden reichte, und eine Reisetasche. Er war untersetzt. In seinem Gesicht saß ein aufmüpfiger Zug.

»Die Rezeption?«, fragte er geringschätzig.

»Die ist geschlossen. Ich bin der Wirt. Heute ist ein ruhiger Tag. Ich habe noch ein freies Zimmer, wenn Sie übernachten möchten. Zum Essen kann ich Ihnen nur noch Gerichte der kalten Küche anbieten«, sagte Harm freundlich.

»Zeigen Sie mir das Zimmer, gegessen habe ich bereits. Auf ein kühles Pils freue ich mich allerdings«, antwortete der Gast.

»Bitte, begleiten Sie mich«, sagte Harm und nahm am Tresen einen Schlüssel vom Haken.

»Zimmer dreiundzwanzig«, sagte er, verließ mit dem Gast durch die Seitentür das Lokal und griff nach der Reisetasche. Sie stiegen über die breite Treppe nach oben, betraten den Flur. Harm drückte den Lichtknopf. Der Teppichboden war abgetreten, die Tapete verblasst. Harm öffnete die Zimmertür, drückte den Lichtschalter. Seitlich befand sich ein einfacher Kleiderschrank, gegenüber ein kleines Waschbecken mit Spiegel. Das Zimmer enthielt ein Bett mit Konsole. Es war sauber. Das Fenster bedeckte ein Vorhang.

»Einverstanden«, sagte der Gast und nahm seine Reisetasche entgegen. »Der Preis?«

»Zwanzig Euro, inklusive Frühstück«, antwortete Harm.

Der Gast nickte und stellte die Tasche ab.

»Die Toilette befindet sich hier gleich nebenan«, sagte Harm.

Der Gast zog seinen Trenchcoat aus, hängte ihn in den Sperrholzschrank und nahm den Schlüssel entgegen.

»Warten Sie, ich komme mit nach unten«, sagte er und folgte Harm in die Gaststube. Er setzte sich an einen Tisch in der Nähe des Tresens.

»Bringen Sie mir ein großes Pils«, sagte er. Harm trat hinter den Tresen und zapfte das Bier. Der Gast war Mitte vierzig. Er trug einen dunkelblauen Anzug. Sein Haar war grau meliert. Er hatte ein energisches Gesicht mit einer schlanken Nase und schmalen Lippen. Er schaute sich prüfend im Lokal um, blickte auf die Bilder, die die Wand bedeckten, und rümpfte die Nase, wie Harm bemerkte.

»Sie übernachten nicht im ›Ritz‹ in Paris und nicht im ›Dorchester‹ in London, sondern im Moorhof in Bunde«, bemerkte Harm und lächelte.

»Ach, Sie waren da?«, fragte der Gast.

»Als der Laden gut lief«, meinte Harm.

»Zapfen Sie sich ein Pils auf meine Rechnung. Ich habe noch nie so preiswert übernachtet. Setzen Sie sich zu einem Klönschnack an meinen Tisch«, sagte der Gast belustigt.

»Dem stimme ich zu«, sagte der Bayer und verließ seinen Tisch. »Schönen Abend«, fügte er hinzu und suchte sein Zimmer auf.

Am Skattisch ging es hoch her. Die Herren bestellten noch eine Runde.

»Wenn Sie sich in Geduld üben«, sagte Harm, brachte dem Gast das Pils, trat an den Tresen und zapfte die Biere für die Skatspieler.

»Ein nullfünf Pils kostet zwei Euro fünfundzwanzig. Im Sheraton müssten Sie fünf Euro blechen«, sagte Harm und trug das Tablett mit den Bieren zum Stammtisch.

Danach nahm er sein Bierglas und setzte sich zu dem eleganten Gast an den Tisch. Sie hoben die Gläser, prosteten sich zu und leerten sie.

»Zwei weitere Pils auf meine Rechnung«, sagte der Gast. Er grinste.

»Soll das ein Wettbewerb werden?«, fragte Harm ironisch, erhob sich, trat hinter den Tresen und zapfte zwei weitere Pils.

»Mein Gott, gegen einen bodenständigen Wirt aus Ostfriesland würde ich es nicht wagen anzutreten«, scherzte der Gast.

»Meine Frau achtet auf meinen Bierkonsum. Sie ist zu Besuch bei unserem Sohn. Ich bin Großvater geworden«, antwortete Harm, verließ den Tisch und zapfte die Biere.

»Meinen Glückwunsch«, sagte der Gast. »Und Ihr Sohn lehnt es ab, die Tradition des Hauses weiter zu pflegen«, fügte er hinzu.

Harm lachte. »Er ist Studienrat am Gymnasium in Lüneburg. Auch unser zweiter Sohn will vom Moorhof nichts wissen. Er arbeitet als Assistenzarzt im Aachener Klinikum«, sagte van Geiken stolz, trug die Pils an den Tisch und nahm Platz. Sie hoben die Gläser und tranken sich zu.

»Rauchen Sie?«, fragte der Gast und schob Harm die Zigarettenschachtel zu.

»Leider immer noch«, antwortete der Wirt und entnahm der Schachtel eine Zigarette. Auch der Fremde bediente sich. Er ließ sein Feuerzeug klicken. Sie rauchten und nippten an den Gläsern.

»Sie sehen nicht so aus, als wollten Sie mir einen Computer mit Software für Hotelbetriebe verkaufen«, scherzte Harm.

»Keineswegs, Herr van Geiken«, antwortete der Gast.

Harm blickte überrascht auf.

»Ich kenne Sie nicht«, antwortete er.

»Das stimmt. Mein Name ist Spannhoff. Ich besitze in Bremen ein Maklerbüro mit etlichen Angestellten. Sie haben im Verbandsblatt des Hotel- und Gaststättengewerbes annonciert. Sie suchen einen Käufer für Ihren veralteten Betrieb. Ich habe einen Interessenten für Sie.«

Harm horchte auf. »Zum Moorhof gehören der Saal, die Kegelbahn und der Biergarten«, sagte Harm. »Und natürlich der große Parkplatz.«

»Und Ihre Preisvorstellung?«, fragte Spannhoff.

»Zweihundertfünfzigtausend müssen schon rüberkommen«, antwortete der Wirt nervös.

»Das können Sie vergessen«, sagte Spannhoff. »Für die Abrisskosten fallen schon fünfzigtausend Euro an. Ich denke, wir einigen uns auf hundertfünfzigtausend Euro. Ich werde Sie mit meinem Mandanten bekannt machen. Verhandeln Sie mit ihm. Für meine Bemühungen stehen mir fünf Prozent Provision zu, die mein Kunde bezahlt.«

Harm winkte entsetzt ab, hob das Bierglas an den Mund, leerte es und drückte die Kippe in den Aschenbecher.

»Sie sind im Rentenalter. Für Ihren Moorhof finden Sie unter dem weiten Himmel Ostfrieslands keinen Pächter. Hundertffünfzigtausend Euro in Aktien angelegt, bringen Ihnen gut neuntausend Euro Dividende im Jahr«, sagte Spannhoff, entledigte sich der Kippe, lächelte, nahm den Rest Bier zu sich und stellte das Glas ab. »Wenn Sie mithalten, noch zwei große Pils, Herr van Geiken«, fügte er hinzu.

Die Herren vom Stammtisch stritten mal wieder. Es ging um einen Karo-Buben, wie Spannhoff dem hitzigen Gespräch entnahm.

»Die Skatbrüder decken am heutigen Abend nicht einmal Ihre Stromkosten«, sagte er belustigt.

Van Geiken zog die Stirn kraus und blickte wie abwesend auf die Standuhr. Es war zehn nach zehn Uhr. Der Makler hatte Recht. Er erhob sich.

»Hundertfünfundsiebzigtausend Euro, Herr Spannhoff. Damit kämen Gesine und ich klar«, sagte er, ging zum Tresen und zapfte zwei Pils.

»Davon muss ich meinen Mandanten überzeugen«, sagte Spannhoff und grinste geschäftstüchtig.

Harm trug die Gläser an den Tisch und nahm Platz.

»Zuerst einmal Prost«, sagte der Makler.

Sie nahmen einen tüchtigen Schluck.

»Ich habe mich bereits beim Bauamt erkundigt. Den Plänen meines Mandanten, Ihren Moorhof seinen Vorstellungen gemäß umzubauen, steht nichts im Wege«, trug Spannhoff vor, entnahm seiner Anzugjacke ein Notizbuch und einen Kugelschreiber.

»Ist es Ihnen recht, wenn wir am nächsten Freitag gegen vierzehn Uhr zur Objektbesichtigung anreisen?«, fragte er.

Harm nickte. Ihm war bisher keine Offerte auf seine Anzeige zugegangen. Das Geld war knapp. Das wusste er, und nach einem verregneten Sommer standen die Aussichten schlecht, einen höheren Verkaufspreis zu erzielen.

»Und was beabsichtigt der Interessent mit meinem Moorhof anzufangen?«, fragte er und griff zum Bierglas.

»Er plant die Errichtung eines modernen Unterhaltungsbetriebes mit Disco, Bar und Ähnlichem«, antwortete Spannhoff.

»Ach!«, entfuhr es van Geiken, und er blickte den Makler belustigt an.

»Er setzt auf die Jugend«, antwortete der Makler. »Er sucht nach einer Marktlücke im tristen Rheiderland. Und wie ich glaube, mit Erfolg.« Er griff zum Bierglas. Sie tranken sich zu und leerten die Gläser. Spannhoff nahm den Zimmerschlüssel vom Tisch und erhob sich.

»Setzen Sie die Zeche auf meine Rechnung«, sagte er, grüßte in Richtung Skattisch und suchte sein Zimmer auf. Am Nachmittag suchte Björn von Butendorf das Café

»Alte Rösterei« auf. Er setzte sich an einen Tisch, für den Irina Bötticher zuständig war. Sie trat an den Tisch.

Sie blickten sich tief in die Augen. »Bringen Sie mir bitte ein Kännchen Kaffee.«

»Und ein Marzipan-Croissant«, fuhr sie im osteuropäischen Akzent fort.

Sie lachten gelöst.

Irina brachte die Bestellung an den Tisch. Björn bezahlte sofort großzügig und neigte sich vor. »Mögen Sie geschmorte Sardinen in Olivenöl auf Zwiebelringen mit Broccoli?«, fragte er amüsiert.

»Nicht kennen«, antwortete sie überrascht.

»Ein portugiesisches Essen«, antwortete er und reichte Irina Bötticher einen vorbereiteten Zettel, aß das Croissant, trank den Kaffee und rauchte danach eine Zigarette. Er winkte ihr zu, als er das Café verließ.

Björn fieberte dem Termin entgegen. Er hatte Irina gebeten, am Samstagabend um zwanzig Uhr zur Telefonzelle zu kommen, an der Waldi auf ihn losgegangen war und sie zum Essen bei »Paolo« auf dem Kiez eingeladen. Unter P. S. hatte er hinzugefügt: »Ich habe einen Tisch bestellt.«

Er saß im Wohnzimmer am Schreibtisch, las das in Reinschrift abgefasste Referat über »Wedekind« Korrektur, das er morgen im germanistischen Seminar im Kreise seiner zum Teil jüngeren Kommilitonen in Anwesenheit der Assistenten und dem gestrengen Professor vortragen musste. Was er nie für möglich gehalten hätte, das war eingetreten. Seine Beiträge fanden das hohe Lob des Professors. Er befand sich im Aufwind. Es war nicht der Altersunterschied zu den jüngeren Seminarteilnehmern, auch nicht die bereits ohne Examen absolvierten Studiengänge oder seine Lebenserfahrung, sondern seine kreative, künstlerische Begabung, der er die Erfolge verdankte.

Björn von Butendorf verließ seine Wohnung, drückte missmutig den Lichtknopf, verschloss die Wohnungstür und stieg die Treppe nach unten.

Er war mit sich unzufrieden, schimpfte sich einen Dummkopf. Er trug den langen Trenchcoat und die Seglermütze. In der Hand hielt er den Schirm.

Er betrat den Bürgersteig. Über Hamburg spannte sich der frühe, dunkle Abendhimmel. Der kalte, aufgebriste Nordwest fegte den Regen über den Asphalt. Das Licht der Ampeln spiegelte sich auf den nassen Straßen.

Björn spannte den Schirm auf, überquerte die Schanzenstraße und schritt drauflos. »So ein Schwachsinn«, sprach er böse vor sich hin. Er hatte sich mit Irina vor der Telefonzelle in den Grünanlagen des Heiligengeistfeldes verabredet, dabei weder die Dunkelheit noch das Schmuddelwetter in sein Kalkül einbezogen.

Er ging aufgeregt mit weiten Schritten über die Feldstraße. Um die Laternen zogen Regenschwaden. Pfützen nässten seine Schuhe. Vom Schirmrand troff der Regen. Ein Hundewetter. Er gab die Hoffnung auf, die junge Frau wartend am Telefonhäuschen anzutreffen, und stelzte dennoch gegen den eisigen Wind und die Regenschwaden.

Es bereitete ihm Mühe, den Schirm zu halten. Der Sturm fegte Astwerk auf den Weg.

Vor ihm tauchte das matte Licht der Telefonzelle aus der Dunkelheit auf. Er klappte den Schirm zusammen, hastete dem Telefonhäuschen entgegen. Björn, dem der Regen von der Mütze in das Gesicht troff, blieb überrascht stehen, als ihn der Lichtstrahl einer Taschenlampe blendete.

»Hallo, bin Irina«, vernahm er zutiefst berührt. Der Strahl der Lampe tanzte für Sekunden, dann stand Irina Bötticher vor ihm.

Das kleine Abenteuer, die aufgewühlten Gefühle, die Angst, sich zu verpassen, brachte sie näher, beseitigte konventionelle Schranken.

»War gruselig, Regen, Sturm, Dunkelheit und Angst in Kabine von Telefon«, sagte Irina Bötticher. Björn legte seine Arme um ihre Schultern, drückte sie an sich und küsste sie. Irina erwiderte seinen Kuss. Regenwasser rann über ihre Gesichter.

Sie standen eng aneinander geschmiegt, trotzten dem Sturm, wiederholten ihre Küsse, lachten glücklich in durchnässter Kleidung.

»Habe Hunger auf Olivenfisch«, sagte Irina und strich Björn liebevoll den Regen aus der Stirn.

Björn griff nach ihrem Zopf. »Dein Haar ist nass«, sagte er besorgt.

Irina lachte beglückend auf. »Herz voll Liebe! Hole Schirm aus Zelle, dennoch nass.«

Dann spannten sie ihre Schirme auf, nahmen sich an die Hände und schritten der Reeperbahn entgegen. Sie hatten den Wind im Rücken.

Iwan Obermann war mehr als nur zufrieden mit seiner Unterkunft im ehemaligen Gesindehaus. Er verstand sich auf Anhieb mit der iranischen Familie, die mit zwei reizenden heranwachsenden Töchtern im Parterre wohnte. Die Busverbindungen sowohl nach Esens als auch nach Hage und Norden ließen nichts zu wünschen übrig.

Frau und Herr Upackers entpuppten sich als hilfreiche, liebe und nette Hofeigner, die ihn öfter zum Tee einluden und ihm auch mit Naturalien unter die Arme griffen.

Obermann fand mit Hilfe des Arbeitsamtes eine für seine Verhältnisse gut bezahlte Stelle in Neuharlingersiel bei der Spedition »Nordsee-Logistik«, die für die benachbarte Kunststoff-Fabrik Erlau Gütertransporte in die Benelux-Staaten, in die Schweiz und nach Österreich ausführten. Er stieg als Ersatz für einen an der Bandscheibe operierten Fahrer hinter das Steuer eines MAN-Sattelschleppers.

Obermann, der die Touren ohne Beifahrer durchführte, sah nicht auf die Uhr, wenn es mal hoch herging, und dann verzichtete er auf Pausen, um Termine einzuhalten. Er erwies sich als zuverlässiger Mitarbeiter, fehlte so gut wie nie und liebte seinen Job. Er machte sich wenig Gedanken darüber, wie es nach Beendigung des befristeten Vertrages weitergehen würde. Er lebte bescheiden, kaufte einen gebrauchten Mercedes, der ihn unabhängig von dem Busverkehr machte.

Während seiner Freizeit fuhr er zu den Einwohnermeldeämtern der benachbarten Städte und Gemeinden und erkundigte sich dort nach Landsleuten, die, wie er, die alte Heimat verlassen hatten. Er litt nicht unter Heimweh, sparte sein Geld und bereitete langfristig die Übersiedlung seiner Braut vor.

***

Nach Erledigung des Posteinganges verließ Spannhoff sein Büro am Contrescarpe, stieg in seinen Mercedes und fädelte sich in den dichten Stadtverkehr ein. Die Sonne schien an diesem kalten Herbsttag. Die Bäume im Stadtpark trugen buntes Laub. Egon Spannhoff legte Wert auf adrette Kleidung. Er hatte sich für den dunkelblauen Blazer, ein weißes Oberhemd mit dazu passender Krawatte und eine graue Tuchhose entschieden. Ihm eilte der Ruf seiner Offenheit und absoluten Zuverlässigkeit voraus. Seine Finanzgeschäfte waren solide.

Nach etwa zwanzig Minuten parkte er auf der Konradstraße vor dem Haus, in dem Xaver Ulmer den Kauf der Eigentumswohnung nicht bereute. Er stieg aus, trat an die Haustür, drückte auf die Klingel und wartete.

Er stellte zufrieden fest, dass seine Mandanten etwas hermachten. Xaver Ulmer trug seine schwarze Nappalederjacke, dazu ein weißes Oberhemd, eine dezente Krawatte und eine cremefarbene Cordhose.

Seine Lebensgefährtin wirkte schick in einer dunkelblauen Hose und einem kamelfarbenen, eng geschnitten Wolljäckchen.

Sie hatte ihr Haar leicht onduliert und wirkte städtisch elegant. Über ihrer Schulter hing der Riemen ihrer Umhängetasche.

»Es kann losgehen«, sagte Spannhoff, führte die Kunden zu seinem Mercedes, öffnete ihnen die Tür und bat sie einzusteigen.

Er lenkte den Wagen in Richtung Autobahn. Xaver Ulmer und seine Lebensgefährtin unterhielten sich, besprachen sich und spielten mit Zahlen, während die flache grüne Landschaft hinter Delmenhorst an den Fenstern vorbeiglitt.

»Wir sind mehr als gut in der Zeit«, sagte Spannhoff, nachdem sie die Umgehung von Oldenburg hinter sich gelassen hatten. »Ich lade Sie zum Essen ein.«

»Eine nette Geste«, flötete Olga Benjamin. Sie musste mal und war froh darüber, dass Spannhoff die Autobahn verließ.

»Wir fahren nach Bad Zwischenahn«, sagte er.

Er parkte vor dem »Spieker«, einem Lokal, das direkt am See gelegen und für seine Küche weit über die Region hinaus bekannt war.

Xaver und Olga genossen die urige Atmosphäre des Lokals und ließen sich von Spannhoff beraten. Sie bestellten eine Krabbensuppe, die ihnen herrlich mundete. Anschließend aßen sie Räucheraal auf Schwarzbrotschnitten mit grünem Salat und Zwiebeln.

Nach der erholsamen Mittagspause lenkte Spannhoff den Wagen Ostfriesland entgegen. Die grünen Weiden, die schmucken, rot geklinkerten Bauernhöfe und Kirchen fanden die Bewunderung seiner Kunden.

»Wir haben noch Zeit. Der Wirt erwartet uns um vierzehn Uhr. Ich zeige Ihnen die Gegend«, sagte Spannhoff lenkte den Wagen durch die Straßen von Leer, Bunde und Weener, berichtete fachkundig über Land und Leute.

Das Wetter spielte mit. Bei einem grauen, verhangenen Himmel mit Schmuddelwetter und öder Triste hätte er keinen Deut für die Kaufbereitschaft seiner potenten Kunden gewettet. Selbst der heruntergekommene Moorhof wirkte mit dem alten Baumbestand im Licht der Sonne idyllisch. Der Wanderweg zu den Moorkanälen mit trockenem Reet und grünen Kanten strahlten einen verlockenden Reiz aus.

Spannhoff stellte nach einer Runde über den breiten, großzügigen Parkplatz den Motor ab und blickte sich um. Nur ein BMW befand sich in der Nähe, vermutlich das Auto des Wirtsehepaares. Es trug wie zur Bestätigung das Kennzeichen der Stadt Leer.

»Das ist der Moorhof. Schauen Sie sich um«, sagte Spannhoff und blieb hinter dem Steuer sitzen.

Die Kunden stiegen aus.

»Entzückend!«, rief Olga Benjamin. Xaver gab ihr einen Kuss. Sie betrachteten das Gebäude, nahmen sich an die Hände und verschwanden aus seinem Blickfeld.

Spannhoff grinste, wartete geduldig und atmete auf, als sich Xaver Ulmer und seine Olga begeistert dem Mercedes näherten. Er stieg aus.

»Nicht schlecht, wenn innen auch so nach unsere Vorstellung, dann kaufen«, sagte Ulmer.

»Große Anbau, gut für Disco«, meinte seine Lebensgefährtin.

»Schauen wir uns im Hause um«, antwortete Spannhoff einladend.

Der Wirt trat vor die Tür. Er trug wie bei seinem Besuch Jeans und den Troyer. Sie gingen ihm entgegen.

»Herr van Geiken, gestatten, Frau Benjamin, Herr Ulmer«, machte er die Kunden mit dem Wirt bekannt.

»Die Herrschaften sind an Ihrem Anwesen interessiert. Als neutraler Makler ziehe ich es vor, mich Ihrer Betriebsführung und den Gesprächen fern zu halten und suche Ihre Gaststube auf, um einen Kaffee zu mir zu nehmen«, sagte Spannhoff.

Der Wirt nickte. »Meine Frau wird Sie bedienen«, antwortete er, reichte den Besuchern die Hand und führte sie zur Treppe.

Spannhoff betrat das Lokal und setzte sich an den Tisch, an dem er mit van Geiken das Gespräch geführt hatte. Er vernahm die harten Schläge der Standuhr.

Eine grauhaarige Frau trat an den Tresen und blickte ihn freundlich an.

»Gesine van Geiken. Was darf ich Ihnen anbieten, Herr Spannhoff?«, fragte sie.

»Ein Kännchen Kaffee«, antwortete Spannhoff.

»Gerne«, sagte sie und verließ den Tresen. Spannhof entnahm seiner Blazertasche die Zigarettenpackung, hielt sie zwischen den Händen und fragte sich, wie Ulmer und seine Lebensgefährtin auf die abgewohnten Zimmer reagieren würden und sich die Umgestaltungen vorstellten.

Gesine van Geiken servierte ihm den Kaffee. Sie trug eine weiße Bluse, eine grüne Strickjacke und einen karierten Rock. Sie war vollschlank, hatte ein frisches, rötliches Gesicht mit einer Stupsnase und breiten Lippen.

»Ich würde es begrüßen, wenn Ihre Kunden mit uns einig würden«, sagte sie gequält. »Mein Rücken! Verschleiß! Auch mein Mann leidet unter seinen Jahren.«

»Ich rate Ihnen, sich nicht auf eine überhöhte Preisforderung zu versteifen. Nehmen Sie die sich bietende Chance wahr«, antwortete Spannhoff, goss den Kaffee in die Tasse, gab Sahne und Zucker hinzu, steckte sich eine Zigarette an und nippte an der Tasse.

»Es fällt mir schwer, hier ausziehen. Meine Großeltern, Mama und Papa, meine Kindheit«, gab Gesine van Geiken von sich.

»Das interessiert meine Kunden nicht«, sagte er.

»Sie nehmen es mir nicht krumm, wenn ich Sie sich selbst überlasse?«, fragte sie nervös.

»Keineswegs. Ich habe Zeit«, sagte Spannhoff und entdeckte eine Illustrierte, erhob sich und nahm sie mit an seinen Tisch. »Irgendwann finden Sie, Ihr Mann und meine Kunden hierher zu mir zurück.« Er lächelte freundlich.

***

Nach dem Abitur in Oldenburg hatte Beate Bätes an der Bremer Universität Design studiert. Nach dem Examen schloss sich gegen den Wunsch des bereits siebzigjährigen Papas und der fünfzigjährigen Mama der Besuch einer Berliner Schauspielschule an. Nach der Ausbildung debütierte sie mit Erfolg am Wilhelmshavener Stadttheater und verkörperte in vielen Rollen die kalte, intellektuelle, böse Verführerin und Intrigantin.

Beate Bätes hatte ein strenges, schmales, schönes Gesicht mit blauen Augen und schmalen Lippen. Sie trug ihr blondes Haar halblang. Sie war schlank und hoch gewachsen. Sie hatte bisher wenig Glück im Umgang mit Männern gehabt. Ihre kalte, nüchterne Ausstrahlung ließ sie humorlos und ungesellig erscheinen.

Ihre erste große Liebe endete in einem leidvollen Desaster. Hannes Hasmöller, ihren Kollegen am Stadttheater in Wilhelmshaven, bekannt geworden als Darsteller des Kapitäns Ubbo Focken in der Seriensendung »SOS – Seenotkreuzer Tomko Ufen«, hatte sie überrascht, als er es mit einem Offizier der Marine in seinem Apartment im Columbus-Center getrieben hatte.

Für Beate Bätes war das mit ein Grund gewesen, der Bühne ade zu sagen und sich nach neuen Aufgaben umzuschauen.

Sie besaß ein eigenes Büro im fünften Stockwerk des Hanse-Hochhauses. Es war mehr ein Atelier.

Sie fuhr aus ihren Gedanken, als das Telefon läutete. Sie griff zum Hörer. »Bätes«, meldete sie sich.

»Studt. Herr von Butendorf bittet Sie zu einem Gespräch in Sachen ›Helios-Nerja‹«, sagte die Chefsekretärin.

Beate Bätes fühlte ein aufsteigendes Lampenfieber. Den Chef der Agentur kannte sie nur vom Sehen. Direktor Junkermann hatte sie eingestellt und ihr den Auftrag erteilt. Sie packte die Unterlagen zusammen, legte sie in einen Aktenkorb, ging zum kleinen Handwaschbecken, blickte in den Spiegel, strich über ihr glattes halblanges Haar, verließ das Büro und schritt durch den langen Flur an den Türen der Abteilungen vorbei zum Aufzug.

Sie trug graue Cordjeans und ein anthrazitfarbenes Polohemd.

Die Geschäftsleitung residierte im sechsten Stockwerk. Beate Bätes betrat den Aufzug, fuhr nach oben und suchte das Vorzimmer auf.

»Bitte«, sagte Frau Studt, wies auf die Tür, lächelte freundlich und setzte ihre Arbeit vor dem Bildschirm fort.

Beate Bätes klopfte an und betrat das Chefzimmer. Harald von Butendorf erhob sich, verließ seinen wuchtigen Schreibtisch, kam ihr entgegen und reichte ihr die Hand.

»Moin«, sagte Beate verlegen.

Der Chef erwiderte den Gruß.

Er erinnerte sie an ihren Vater. Das volle graue Haar, das markante Gesicht. Er trug einen dunkelblauen Anzug, ein gestreiftes Oberhemd und eine dunkelblaue Krawatte mit dezent eingewebten kleinen Seezeichen. Er war hoch gewachsen und schlank.

»Nett Sie kennen zu lernen, Frau Bätes. Sie gehören zu den hoffnungsvollen Nachwuchstalenten, wie mir Herr Junkermann berichtet hat«, sagte er und nahm ihr den Aktenkorb ab. »Bitte, wir nehmen drüben Platz.«

Er begleitete Beate zu einer Sesselgruppe und stellte den Korb auf den Glastisch.

Die Sonne schien durch die breiten Fenster. Seitlich bedeckten Mahagonischränke die Wand. Im hinteren Teil des großen lichtdurchfluteten Zimmers befand sich ein Konferenztisch. An den Wänden hingen alte Seegemälde.

Beate setzte sich in den Sessel.

»Frau Studt bereitet uns einen Kaffee«, sagte von Butendorf.

Sie nickte.

»Herr Junkermann befindet sich in Wolfsburg bei VW, deshalb müssen Sie mit mir vorlieb nehmen«, sagte er und blickte Beate freundlich an.

Die Sekretärin brachte den Kaffee, teilte das Geschirr aus, schenkte den Kaffee ein und verließ das Zimmer.

»Rauchen Sie?«, fragte er, entnahm seinem Jackett die Zigarettenschachtel und hielt sie ihr entgegen.

Beate entnahm ihr eine Zigarette. Der Chef ließ das teure Feuerzeug klicken. Sie rauchten und nippten an den Tassen.

»Ich habe den Auftrag ›Helios-Nerja‹ so gut wie konzipiert«, sagte Beate, entnahm dem Aktenkorb die Liste der Produkte der spanischen Firma und reichte sie ihrem Chef. »Die Zielgruppe steht fest. Frühstücksmarmelade findet Käufer in allen Schichten und Altersgruppen. Die Chance, dem spanischen Kunden zu einem erfolgreichen Einstieg zu verhelfen, sehe ich in dem Fruchtanteil seiner Erzeugnisse. Er liegt mit sechzig Prozent weit über dem üblichen Standard. Ich habe mein Konzept auf die typischen exotischen südländischen Früchte ausgerichtet«, trug Beate Bätes vor.

»Nicht schlecht«, sagte von Butendorf. Auf seinem Gesicht lag ein wohlwollendes Lächeln.

»Dabei habe ich Abstand genommen von diesem herkömmlichen Heile-Welt-Familienklischee und mich für lustige Mirabell-Pfirsich-Avocado-Kaki-Papaya-Strichmännchen entschieden, die am Mittelmeerstrand weiße Stangenbrote mit der Marmelade bestreichen und sie an begeisterte Urlauber verteilen«, trug Beate vor.

»Und die Werbebotschaft?«, fragte von Butendorf, rauchte und trank einen Schluck Kaffee.

»In Helios-Nerja steckt die Sonne drin. Ich habe eine kleine Melodie unterlegt«, antwortete sie.

Von Butendorf blickte Beate Bätes zustimmend an.

»Junkermann ist begeistert von der bereits abgedrehten Version. Ich hatte heute ein Telefongespräch mit Herrn Pepe Menderez von der Helios-Nerja S.A. Am Montag fliege ich nach Nerja. Es wäre von Nutzen, wenn Sie mich begleiten würden, um eventuelle Änderungswünsche oder Konzeptvorschläge des Kunden am Ort entgegenzunehmen. Die Spanier avisieren uns Anschlussaufträge in Millionenhöhe«, sagte der Chef gelassen.

Beate Bätes blickte überrascht auf. Von Butendorf lächelte wohlwollend.

»Vorausgesetzt, dem stehen keine privaten Verpflichtungen im Wege«, sagte er und bot ihr eine Zigarette an, gab ihr Feuer, steckte sich selbst eine an und schenkte ihr Kaffee ein. Beate war hin und her gerissen. Sie dachte für Sekunden an ihre Karriere.

Von Butendorf schaute auf seine Armbanduhr.

»Ich lasse Ihnen eine Stunde Zeit für Ihre Entscheidung. Herr Onken wird mich sonst begleiten«, sagte er.

»Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen. Private Termine stehen nicht im Wege. Die Aufgabe reizt mich schon«, sagte Beate, trank Kaffee und rauchte.

»Na also«, sagte der Chef gelassen. »Der Termindruck! Kennen Sie sich in Spanien aus?«, fragte er.

»Mallorca mit Ballermann«, scherzte Beate.

»Nerja liegt östlich von Malaga an der Costa del Sol. Das kleine Städtchen hat im Gegensatz zu Mallorca sein historisches Flair in die Zeit des Massentourismus gerettet. Schöne enge historische Gassen und sonnige Strände selbst zu dieser Jahreszeit«, trug der Chef vor.

»Einverstanden«, antwortete Beate.

»Frau Studt bucht für uns zwei hübsche Einzelzimmer mit Meeresblick im Hotel Parador. Wir fliegen am Montag um sechs Uhr ab Hamburg mit Condor nach Malaga. Ihnen bleibt Zeit, sich in Nerja ein wenig umzuschauen. Am Dienstagmorgen findet um elf Uhr die Besprechung mit Direktor Menderez in der Firma statt. Am Mittwoch fliegen wir um zwölf Uhr vierzig mit Condor zurück nach Hamburg, wie ich hoffe, mit einem Bombenauftrag.«

Beate nickte. »Da sage ich nicht nein. Ich stehe zur Verfügung.« Sie drückte die Kippe im Aschenbecher aus.

»Danke! Lassen Sie die Unterlagen hier«, sagte von Butendorf, reichte ihr die Hand und begleitete sie zur Tür.

»Taschengeld inklusive«, sagte er.

»Danke«, sagte Beate Bätes mit geröteten Wangen. »Schönes Wochenende.«

»Ihnen auch, vergessen Sie nicht: Ein Taxi holt Sie am Montagmorgen gegen vier Uhr dreißig zu Hause ab«, fügte von Butendorf hinzu und zog die Tür hinter Beate ins Schloss. Für Björn von Butendorf begann sich das Blatt zu wenden. Er fasste Fuß an der germanistischen Fakultät. Seine Beiträge sprengten den Rahmen üblicher Studentenleistungen und fanden das volle Lob des Professors, der ihm riet, das Prüfungsamt aufzusuchen, um Ordnung in seinen Studiengang bringen zu lassen, und Björn die Teilnahme am Examen in Aussicht stellte.

Auch im privaten Bereich traten Änderungen ein, die seinem Schlendrian ein Ende setzten. Irina hatte die kleine Wohnung in der Ulmenstraße aufgegeben und war zu ihm gezogen. Sie organisierte den Haushalt und gestaltete die Wohnung zu einem gemütlichen Zuhause um. Irina versah weiterhin den Dienst als Serviererin in der »Alten Rösterei«. Sie machte ihren Führerschein, besorgte die Einkäufe, entlastete Björn, der sich ganz dem Studium verschrieb. Dabei fanden sie hin und wieder Zeit, am reichlichen Kulturangebot der Hansestadt teilzunehmen.

Irina vergaß auch ihre Eltern und die Oma im fernen Weißrussland nicht. Sie unterstützte sie mit finanziellen Zuwendungen, während Björn nur ganz selten seine Eltern in Winterhude besuchte. Weder die Mama noch der Papa mischten sich ein.

Die Mama verließ für einige Tage Hamburg, um ihren alten Papa in Visby zu besuchen, sich nach seinem Wohlergehen zu erkundigen, mit ihrem Bruder und der Schwägerin den familiären Kontakt aufzufrischen. Sie selbst hatte nicht viele Neuigkeiten zu berichten, denn noch wusste sie nicht, dass sich Björn entschlossen hatte, das Examen nicht nur abzulegen, sondern zusätzlich noch dazu mit einer guten Prüfungsnote. Erst recht blieb Inga von Butendorf in Unkenntnis, als sie am Dienstag bei einem kalten Nordwestwind ihren alten Vater über die Breite Straße in Visby an der Kirche und dem vereisten Felsen entlang zum Café Svenske-Port begleitete, mit ihm Kaffee trank, mit Hafenblick plauderte, dass Harald, ihr Mann, an der Costa del Sol die reizende Mitarbeiterin Beate Bätes im sonnigen Nerja zu einem Bad am Burriana-Strand einlud. Ein verhängnisvoller Beginn einer bösen Geschichte.

Während die Fähre von Oskarsham im kabbeligen Wasser anlegte, Autos den Anleger passierten, Passagiere zu den Bussen schritten, sprachen sie von früher.

»Es wird einsam, die Menschen kommen, die Menschen gehen«, meinte der Alte und legte seine Hand auf die seiner Tochter. »Kind, hier ist mein Lieblingsplatz all die Jahre. Wie lange bleibst du bei uns?«

»Am Mittwoch muss ich nach Hamburg zurück«, antwortete sie.

»Dann bleibt uns noch Zeit genug, mit Nils über die Zeit zu reden, wenn ich nicht mehr unter euch bin«, sagte der Greis.

»Nicht doch, das hat noch Zeit«, meinte Inga von Butendorf ernst.

»Kind, ich habe allen Grund, Gott dankbar zu sein. Er schenkte mir ein langes Leben, zwei gesunde Kinder und gelungene Enkelkinder, auf die ich stolz sein kann. Mama hat er früher erlöst.« Der Alte lachte verkniffen. Seine Augen blinzelten listig.

Papa, ich verdanke dir und Mama viel. Nicht nur die schönen Jahre der Kindheit. Ihr habt mir und Harald geholfen, uns das Geld geliehen, um die Firma zu gründen«, sagte Inga von Butendorf.

Sie tranken Kaffee, blickten in den grauen kalten Himmel, der sich zu verdunkeln begann.

Der Alte nickte. Sein faltiges Gesicht zeigte ein Lächeln.

»Ihr habt Erfolg gehabt. Harald sollte kürzer treten. Ich habe ihn lange nicht mehr zu Gesicht bekommen.« Er blickte seine Tochter fragend an.

»Papa, der Betrieb. Er kommt am Mittwoch von Spanien zurück«, antwortete sie und lächelte.

»Björn wird ihn bald entlasten«, sagte der Greis und trank Kaffee.

»Ja, Papa, ich hole dich kurz vor Weihnachten ab. Wir feiern das Fest und auch Sylvester gemeinsam auf Spiekeroog«, sagte sie.

»Darauf freue ich mich. Einverstanden, wenn ich dann noch lebe«, scherzte er.

Auch Junkermann war angetan von Frau Bätes. Ihr Ideenreichtum und ihre Art, mit der sie die Aufträge selbstständig ausführte, fanden seine Bewunderung.

Da gab es nichts zu deuteln. Beate Bätes galt als die größte Entdeckung während seiner mehr als dreißigjährigen Tätigkeit in der Werbebranche.

Das war Wasser auf der Mühle des Chefs. Weder sein Direktor noch die Mitarbeiter schöpften Verdacht. Harald von Butendorf stellte, immer wenn ihn plausible Argumente für seine Abwesenheit von zu Hause glaubhaft erschienen, seinen Mercedes unauffällig in Hamburg Rahlstedt auf dem Alten Postweg ab, um mit Beate Bätes zusammen zu sein.

Bei Inga stöhnte er unter der Last der immer noch expandierenden Agentur, die ihm kaum Zeit für ein geruhsames Privatleben ließ. Er bat Inga, sich in der Ferienwohnung auf Spiekeroog zu erholen, schimpfte über Björn, der studierte und studierte, ohne einen Abschluss zu erreichen, und immer noch keine Bereitschaft signalisierte, ihn in der Agentur zu entlasten.

Trotz des immer häufiger von Harald inszenierten ehelichen Kleinkrieges hegte Inga keinen Verdacht. Sie machte sich lustig über ihn, wenn er Sex andeutete, an dem ihr nichts mehr lag, ohne ihn in die Tat umzusetzen.

Das Kapitel war geschrieben. Naiv nahm sie das als eine feststehende Tatsache hin, während sich Harald, vom »Johannistrieb« seiner Jahre jugendlich belebt, hinter ihrem Rücken an der Schönheit seiner jungen Angestellten ergötzte.

Seine Geliebte kannte keine Skrupel. Der Start ihrer beruflichen Karriere, das war die eine Sache. Das Verhältnis mit ihrem Chef, das war eine ganz andere Sache. Sie liebte den alten Mann, bewunderte ihn, gab sich ihm voll hin.

Harald war wie ihr Papa eine Persönlichkeit. Er war gebildet, lebenserfahren, zärtlich, charmant und schenkte ihr Halt und gab ihr Selbstvertrauen. Sie liebte es, mit ihm zu schmusen, sich eng an ihn zu schmiegen, wenn sie nachts unter dem warmen Bettzeug bei offenem Fenster schliefen, erst recht wenn die Stürme um das Haus brausten oder der Regen in dunklen Nächten vom Himmel rauschte.

Dabei störte es Beate Bätes in keiner Weise, dass Harald verheiratet war, auch nicht, dass er einen Sohn hatte, der in ihrem Alter war. Sie stellte keine Bedingungen, sah ab von festen Terminabsprachen, gab Harald einen zweiten Wohnungsschlüssel und freute sich über jede Minute, die er mit ihr verbrachte. Tagsüber in der Firma sahen sie sich so gut wie nie.

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