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Letzte Ausfahrt Ostfriesland

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Über den Autor
  6. Prolog
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Epilog

Über den Autor

Theodor J. Reisdorf, geboren 1935 in Neuss, reiste quer durch Europa und Nordafrika, arbeitete in vielen Berufen, machte in Wilhelmshaven das Abitur und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg, Köln und Mannheim. Nach dem Abschluss zum Diplom-Handelslehrer folgte die zweite Staatsprüfung in Bielefeld mit anschließender Lehrtätigkeit in Aachen, Norden und Emden. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er wohnt in Ostfriesland und schreibt als Meister des Friesenkrimis spannende Romane über Land, Leute und Leichen. Seine Geschichten sind ein mörderisches Muss für alle Nordsee-Fans.

Prolog

Enttäuscht legte ich den Hörer auf die Gabel zurück. Auf meiner Stirn hatte sich Schweiß gebildet. Für Sekunden war ich ratlos.

Die Auskunft, die ich soeben von Landwirt Jannssen erhalten hatte, steigerte meine Ängste, die dem Verbleib meiner Tochter galten. Sie studierte in Berlin Zeitungswissenschaften und hatte mit ihrer Schulfreundin Elisabeth Jannssen gemeinsam eine kleine Wohnung bezogen.

Seit Wochen waren die Briefe ausgeblieben, und auch der wöchentliche Telefonkontakt war von ihr unterbrochen worden - für mich unerklärlich. Meine Tochter Inga hatte mich völlig ohne Nachrichten gelassen. Und nun hatte ich erfahren, dass sie ausgezogen war, ohne Elisabeth ihre Adresse zu hinterlassen.

Meine Sorgen plagten mich schon seit Wochen und auch heute blieb das Telefon stumm. Inga war es, die mir nach dem Tod meiner Frau den Lebenssinn erhalten hatte, ihr galt meine ganze Liebe und Fürsorge.

Ich blickte in das gepflegte Wohnzimmer. Die geschmackvolle und teure Einrichtung trug die Handschrift meiner geliebten verstorbenen Frau. Bitter fühlte ich den Schmerz der Einsamkeit.

Für Sekunden ließ ich mich in ihren Lieblingssessel fallen, schloss die Augen und raffte mich auf zu einem Gebet, das ich aus Kindertagen noch vor mir hersprechen konnte. Aber selbst meine inbrünstige Hingabe half nicht, die anwachsende Unruhe loszuwerden.

Immer kreisten meine Gedanken um meine verstorbene Frau, die ich mehr denn je vermisste.

Plötzlich hielt ich es in meinem Haus nicht mehr aus. Ich verließ die Wohnung, verschloss die Haustür und holte mein Fahrrad aus der Garage.

Ohne zu überlegen radelte ich zum Friedhof.

Für nichts hatte ich einen Blick. Der graue Himmel über mir und die Vögel, die davonflogen und hinter mir zu lachen schienen, als ich schwer atmend in die Pedale trat, notierte nur mein Unterbewusstsein.

Magisch zog mich der Friedhof an, der unsichtbar von krüppeligen Ahornbäumen, breitkronigen Buchen und selten gewordenen Ulmen umrandet wurde. Ich fuhr durch die Pforte an den brüchigen Pfeilern vorbei und stieg erst vor dem Grab meiner Frau ab.

Das Rad legte ich auf den schmalen Weg, zupfte das Unkraut aus, während ich vom Grabstein Geburtstag und Sterbetag ablas.

Meine Tochter Inga war zweiundzwanzig Jahre alt.

Als ich mich aufrichtete und schweigend vor der kleinen Parzelle stand, blickte ich auf die zwerghaften Lebensbäume, deren Grün mir Hoffnung schenkte. Die Welt um mich herum verschwand, ich weinte und erlebte noch einmal in einer Bilderfolge Ankes mutigen Kampf gegen den todbringenden Krebs.

Alle hatten sie stets um ihre Schönheit beneidet, die unbarmherzig von der Krankheit zerfressen worden war. Unsere Gebete hatten ihr keine Linderung gebracht, doch ihre Zuversicht gestärkt, dass auch der Tod einen Sinn haben musste. Auf dem Sterbebett hatte sie mir ihre knochige Hand hingehalten und mir ihr bleiches Gesicht zugewandt.

»Pass auf Inga auf«, hatte sie geflüstert, während ich ihren leichten Händedruck gefühlt und durch die Tränen zugesehen hatte, wie in ihre Augen ein mir unverständliches Glück gestiegen war, bevor sie sie für immer schloss.

Es war seltsam, wie nahe ich ihr jetzt war, hier an ihrem Grab. Wohltuend durchzog mich eine Wärme. Vor meinen geschlossenen Augen stieg plötzlich ein weiches gelbes Licht auf, gewann an Intensität, färbte sich golden ein, als blickte ich in einen Sonnenaufgang. Im Vordergrund erschien Anke, meine Frau. Schön wie zu ihren Lebzeiten, schwebte sie mir mit einem friedlichen und überglücklichen Lächeln entgegen. Starr, die Umwelt nicht mehr wahrnehmend, schien auch ich mich ihr ohne Erdberührung zu nähern. Anke trug das weiße, lange Kleid, in dem ich sie in der Ludgerikirche in Norden zum Traualtar geführt hatte.

Ich wollte Fragen stellen, doch es gelang mir nicht. Tränen rannen mir übers Gesicht, und ich sah, dass sie ein Bild in den Händen hielt, das Inga zeigte, als sich ihre Gestalt im Licht aufzulösen begann und auch der Hintergrund sich eindunkelte.

Ich war nie ein Glaubensfanatiker gewesen, auch kein Kirchgänger. Meine Kinderjahre hatte ich ohne Überfütterung mit Bibeltexten verlebt. Als mich die wohlige Wärme verließ, stand ich erschüttert und zitternd vor dem kalten Grabstein. Für mich gab es keinen Zweifel, meine verstorbene Frau lebte in einer anderen Welt, zu der ich keinen Zutritt hatte.

Fast wäre ich das Opfer eines Herzschlags geworden, als ich eine knochige Hand auf meiner Schulter fühlte. Ich fuhr herum und fand zurück in die Wirklichkeit. Eine alte, gebeugte Frau schleppte einen gefüllten Wassereimer und bat mich mit frecher Altweiberstimme, ihr das Fahrrad aus dem Wege zu räumen.

Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht, beseitigte das Hindernis und schaute der Alten nach, die im abgetragenen langen Rock an den Gräbern vorbeischlich, als gäbe es irgendwo am Ende des Friedhofes etwas, was irdisches Leid erklärbar machte.

Mein Mund war trocken, mein Inneres aufgewühlt und meine Gedankenwelt verwirrt.

Zwischen Traum und Wirklichkeit bestieg ich mein Fahrrad.

Den Pfarrer aufzusuchen wäre das Letzte für mich gewesen. Niemand würde mir glauben, dass ich Anke gesehen hatte! Ich selbst sträubte mich gegen die Wahrheit und konnte mein Erlebnis nur als eine Aufforderung verstehen, mich um Inga, meine Tochter zu kümmern.

Die Dämmerung nahm mich auf und schützte mich vor Neugierigen. Aufgeregt radelte ich meinem Bungalow entgegen. Ich stellte das Fahrrad ab, hastete in die Wohnung und packte eilig einige Wäschestücke in eine Reisetasche. Ich holte den Rasierapparat aus dem Bad, entschied mich im Schlafzimmer für Lederjacke und Cordhose und entschloss mich, nicht die Bahn zu nehmen, sondern mit dem Wagen zu fahren, weil ich in einer Großstadt wie Berlin beweglich sein musste.

Ich lud das Gepäck in meinen Golf, durchschritt noch einmal wachsam das Haus und zog die Stecker aus den Steckdosen, falls sich in meiner Abwesenheit Gewitter über meinem Anwesen entladen sollten.

Ich dachte an meine Schule und meine Pflichten als Beamter, verschloss die Haustür und fuhr los. Mein Direktor wohnte in einem ererbten Stadthaus in der Nähe des Marktes. Neben der herrschaftlichen Treppe vertrockneten die letzten lila Blüten übermannshoher Rhododendronsträucher.

Sein Blick und damit seine todsichere Kritik an meinem Vorhaben blieben mir erspart. Seine Frau war es, die mich wie einen Fremden betrachtete, mich die hierarchische Trennung der Gehaltsstufen spüren ließ und mir hannoverisch lispelnd kundtat, dass ihr Mann an einer Sitzung des Heimatvereines teilnehmen musste. Mit ernstem, verknöchertem Gesicht wiederholte sie den Inhalt meines Anliegens.

»O ja, Sie müssen dringend nach Berlin, ich werde es meinem Mann ausrichten.«

Die herrschaftliche Tür klappte zu, und ich wusste, dass ich jetzt einen Richter für mein Tun gefunden hatte.

Ich versuchte erst gar nicht, meine Gedanken zu ordnen, um abzuwägen zwischen innerlicher Pflicht und beamtenrechtlichen Ansprüchen.

Ich kannte nur das eine Ziel: Berlin!

Dort musste ich meine Tochter Inga suchen und finden, koste es, was es wolle!

Kapitel 1

Über Berlin spannte sich ein blauer Frühsommerhimmel. Ich musste meine gesamte Konzentration dem Verkehr widmen, denn als Landmensch fühlte ich mich unwohl auf den breiten Zubringerstraßen.

Das kolossale Kongresszentrum drückte auf meine Stimmung, und der immer wieder auftauchende Gedanke, dass meine Schüler in Kürze vergeblich vor ihrem Klassenzimmer auf mich warten mussten, während ich vielleicht einer riesigen Einbildung zum Opfer fiel, bedrückte mich.

Ich lenkte den Golf den Hinweisschildern nach in die City. Mein Ziel war der Kurfürstendamm, das Herzstück Berlins.

Als ich schließlich erschöpft unter einem schattigen Kastanienbaum meinen Wagen in eine Parknische rollen ließ, blieb ich lange mit geschlossenen Augen, den Kopf auf das Steuer gelehnt, sitzen und wartete auf irgendein Zeichen.

Ich fiel in einen langen Schlaf, aus dem ich ohne Traumerinnerungen oder Hinweise meiner verstorbenen Frau wieder aufwachte.

Durch die Scheiben meines Golfes beobachtete ich, dass Menschen Koffer aus dem Haus trugen, vor dem ich zufällig geparkt hatte.

Ich blickte auf die schlanke Fassade und las Hotel Michels.

Zufall, dachte ich. Entschlossen verließ ich meinen Wagen, fand eine dicke, watschelnde Frau, die aus einem Büro kam. Es war die Chefin, Frau Michels, bei der ich ein Zimmer für zwei Nächte buchte.

Nachdem mein Geld auf dem schwarzen Mahagonitisch vor der Madam lag, weil ich unüblicherweise auf Vorauszahlung bestanden hatte, zählte ich erschrocken den Rest. Mir blieb nur noch Wechselgeld.

Das Zimmer wurde gerade hergerichtet und das Bett frisch überzogen.

Ich holte das Gepäck, brachte es auf mein Zimmer. Mein Golf stand gut und fürs Erste wollte ich mich der öffentlichen Verkehrsmittel bedienen.

Meine unüberlegte Geldknappheit trieb mich zurück zu Frau Michels. Sie sah mich seltsam an, als ich ihren Bürofrieden störte und sie nach der Adresse der Berliner Industrie- und Handelsbank fragte, von der ich nur die Kontonummer meiner Tochter wusste.

Frau Michels hatte ihr dichtes Haar blond gefärbt und ihre breiten, geschwungenen Lippen dick mit rotem Lippenstift belegt.

»Vertreter?«, fragte sie.

»Nein, Lehrer«, antwortete ich.

»Ach so«, sagte sie und schaute mich musternd an. Sie nahm einen Stadtplan, um den Werbefelder rund um ein Gewirr von Linien und Zahlen gedruckt waren, und legte ihn aus. Dann langte sie zum Telefon und wählte die Nummer, auf der ihr fetter Daumen saß.

»Hotel Michels, können Sie mir aufgrund einer Kontonummer die entsprechende Filiale nennen?«, fragte sie mit rauchiger Stimme. Es dauerte nicht lange, bis sie den Hörer auf die Gabel legte.

»Hier im Philosophenviertel, Ecke Leibniz- und Kantstraße, Herr Udendorf«, sagte sie und malte ein X in den Stadtplan. Sie reichte ihn mir und schaute nachdenklich hinter mir her.

Ich entschied mich für die U-Bahn, gewöhnte mich an die Menschenfülle und vergaß meine Müdigkeit.

In der Bankfiliale hörte sich ein hübsches Mädchen meine Geschichte an, hielt mich für einen dummen Bauer aus der ostfriesischen Provinz und führte mich höflich zum Filialleiter.

Der Mann war nicht viel älter als ich. Er trug einen eleganten Anzug, Krawatte und Hemd farblich abgestimmt, und selbst sein faltenloses Gesicht hatte er seinem Beruf angepasst.

»Nehmen Sie Platz. Ich bin Doktor Knieper und möchte Ihnen weiterhelfen, soweit meine Befugnisse das erlauben«, sagte er.

Ich kam mir klein vor, als ich in den Ledersessel sank. Würde ich ihm erzählen, was mich nach Berlin geführt hatte, dieser Bankmensch würde einen Knopf drücken, und innerhalb von zehn Minuten stünden Uniformierte im Büro, um mich in eine Irrenanstalt zu überführen.

»Mein Name ist Doktor Udendorf, Klaus Udendorf. Ich bin Oberstudienrat am Gymnasium in Norden, wohne in Norddeich in Ostfriesland und besuche eine Tagung in Berlin.«

»Schön«, sagte Doktor Knieper überflüssigerweise und musterte mich.

O Gott, ich hätte mich rasieren müssen, fiel mir ein, deshalb antwortete ich: »Ich bin die Nacht über durchgefahren und stellte im Hotel fest, dass ich die Euroschecks und auch die Scheckkarte zu Hause liegen gelassen habe.«

»Und nun benötigen Sie Bares?«, fragte er.

»Meine Tochter studiert hier in Berlin. Sie unterhält bei Ihnen ein Konto, auf das ich von zu Hause per Dauerauftrag Geld überweise«, brachte ich vor.

»Wollen Sie etwa an ihr Konto?«, fragte Doktor Knieper misstrauisch.

»Nein, ich dachte, da sie kurzfristig umgezogen ist, ich könnte von Ihnen ihre Anschrift erfahren«, antwortete ich wahrheitsgemäß.

Er ließ sich meine Kontonummer nennen und telefonierte durch. Kurz danach erschien eine junge Frau und legte ihm eine Kontokarte vor.

»Wir dürfen das Bankgeheimnis leider nicht verletzen, Herr Doktor Udendorf. Ansonsten werden die Einzahlungen regelmäßig abgehoben«, sagte er.

»Und ihre Anschrift?«, fragte ich.

»Die fällt in unsere Schweigepflicht«, antwortete er.

Ich legte ihm meinen Reisepass auf den Schreibtisch.

»Dreitausend Euro würden mir Spielraum geben«, sagte ich. »Hier ist meine Bankverbindung. Wenden Sie sich an Herrn Feermoor. Er wird das Geld überweisen.«

Er verließ das Zimmer. Verrückt, dachte ich. Vielleicht wohnt Inga hier irgendwo um die Ecke, studiert brav, während ich alter Esel mich hier lächerlich mache. Was ist nur in mich gefahren? Nirgendwo erblickte ich ein Zeichen von Anke im Zimmer.

Doktor Knieper betrat das Büro. Ich sah ihn gespannt an.

»Sie können sich sogleich am Schalter das Geld auszahlen lassen«, sagte er und reichte mir ein Formular. Ich unterschrieb, bekam die Durchschrift.

Vor dem Kassenschalter verteilte ich das Geld auf Jacken- und Hosentaschen und verließ die Bank.

Als ich in die grelle Sonne schritt, kam ich mir selbst fremd vor. Menschen strömten in beide Richtungen der Bürgersteige, und über die Straße rollte der Verkehr.

»O mein Gott, meine Schule«, stöhnte ich, als mir ein Schwarm Schüler ausgelassen entgegenkam.

Ich war Beamter auf Lebenszeit. Aber wie ich meinen Direktor kannte, hielt er jetzt bereits den Telefonhörer in der Hand, um die Bezirksregierung über mein seltsames Verschwinden zu informieren. Der leitende Oberschulrat wird sofort reagieren, meine Daten irgendwo einem Computer anvertrauen, um Schlimmes zu verhüten und um mich, dem all seine Sorgen galten, zu schützen.

Ich lachte und blickte wie ein Irrer in die fragenden Gesichter der Passanten.

Gerade das war nicht sein Anliegen, denn Dezernenten suchten zuerst einmal nach Schuld und Anklage. Sie sannen nach Strafen mithilfe der Juristen, denn von der höheren Warte ihrer Karrierestufen blickten sie mit erhobenem Zeigefinger auf ihre Lehrerschaft herab.

Entschlossen löste ich mich vom Baum und schritt dem Maul der U-Bahn-Station entgegen.

»Fahren Sie bis Augsburger Straße, dort muss es sein«, sagte mir die Auskunft.

Und dort war es.

Das Haus war sauber, nicht besonders abgewohnt und voller Leben. Kinder fuhren zickzack mit ihren BMX-Rädern auf einem breiten Bürgersteig. Alte schleppten in eleganten Garderoben Einkaufstüten.

Ich stieg die Treppen hoch. Auf der dritten Etage las ich Elisabeth Jannssen und einen weiteren Namen. Die Holztür enthielt einen kleinen Spion, der mich wie ein schielendes Auge zu betrachten schien, als ich die Klingel bedient hatte. Der Name meiner Tochter fehlte, und ich machte noch den alten Klebstoff aus.

Die Tür öffnete sich, und Elisabeth starrte mich an.

»Onkel Klaus? Du?«, rief sie überrascht. Sie drückte mich an sich, wie es bei uns zu Hause üblich ist.

»Wer ist da?«, fragte eine Männerstimme.

Elisabeth hatte sich kaum verändert. Selbst hier in Berlin wirkte sie frisch und ländlich.

Ein junger Mann stellte sich vor. Er studierte, wie er angab, Ingenieurwissenschaften. Er wirkte auf mich sympathisch und passte zu ihr. Rücksichtsvoll zog er sich in die kleine Küche zurück und ließ mir damit die Gelegenheit, mit Elisabeth ein Gespräch zu führen.

Das Zimmer war einfach eingerichtet und entsprach den Schilderungen meiner Tochter. Mein Blick erfasste aber nichts, was mich an sie erinnerte. Elisabeth trug Jeans und ein flottes T-Shirt. Sie setzte sich auf die Couch und wies mir den Sessel an. Ihre Augen verrieten mir, dass sie mit sich rang und meine Fragen zu befürchten schien.

»Wo ist Inga?«, fragte ich sie, ohne ihr Zeit zu lassen, das Gespräch auf ablenkende Nebensächlichkeiten zu bringen.

»Onkel Klaus, Inga und ich - wir haben uns gut verstanden, und ich habe versucht sie zurückzuhalten«, antwortete sie.

»Wovor?«, fragte ich.

»Nun, sie hatte einen Freund, dessen Clique sie sich anschloss. Von da an ist Inga öfter nicht nach Hause gekommen und schließlich ausgezogen. Seitdem wohnt Harald bei mir«, antwortete Elisabeth verlegen.

»Hast du ihre Adresse?«, fragte ich sie.

»Nein, Inga wollte nicht, dass ich sie besuche, da ich zu hausbacken für ihre neue Umgebung sei«, sagte sie. »Sie versprach mir, mich gelegentlich aufzusuchen.«

Eigentlich hätten ihre Aussagen erreichen müssen, meinen Verdacht zu bestätigen, dass meine Tochter, wenn nicht in Gefahr, sich jedoch irgendwie ins Abseits manövriert hatte. Aber mein Wunschdenken, Inga so schnell wie möglich ausfindig zu machen, bestimmte mein Denken.

»Dann erfahre ich sicher an der Universität ihre Anschrift«, sagte ich hoffnungsvoll.

»Mache dir da nur keine falschen Hoffnungen, Onkel Klaus«, antwortete Elisabeth. »Ich selbst habe dort nachgefragt, weil ich eine Büchersendung per Nachnahme für Inga entgegengenommen hatte.« Sie bot mir eine Zigarette an.

Ich sah, dass ihre Hände zitterten, als ich ihr Feuer reichte.

»An der Uni habe ich sie seitdem nicht mehr gesehen. Aber das sagt nicht viel, Onkel Klaus, bei dem Trubel, der dort herrscht.«

Ich vernahm Geräusche, die aus der Küche kamen. Harald klapperte dort mit dem Geschirr.

Elisabeth sprang auf.

»Kann ich dir helfen?«, rief sie in die Richtung und wie mir schien, froh über diese Ablenkung.

Sie deckte den Tisch, und Harald, ihr Freund, bediente mich höflich mit frischem Kaffee. Das Aroma stieg mir in die Nase. Dankbar trank ich einige Schlucke. Mir fiel ein, dass ich noch völlig nüchtern war, verspürte aber dennoch keinen Hunger.

Irgendwie hatte Elisabeth es verstanden, meine aufgewühlten Nerven zu beruhigen, und mir kam der Gedanke, dass Inga hier irgendwo in Berlin in einer der modernen Wohngemeinschaften leben konnte.

»Du hast also Inga seitdem nicht mehr gesehen?«, fragte ich Elisabeth.

»Gesehen schon, Onkel Klaus. Hier in Berlin studieren auch Söhne wohlhabender Eltern, und Inga sieht fabelhaft aus«, sagte sie neidlos, nahm die Tasse und blickte verlegen auf den Tisch.

Ihr Freund Harald hob den Kopf. Bisher hatte er nur da gesessen, als ginge ihn unser Gespräch und auch mein Besuch überhaupt nichts an.

»Ihre Tochter fuhr mit einem Porsche über den Kurfürstendamm, da gibt es keine Zweifel«, sagte er. »Elisabeth hat ihr zugewinkt, aber Inga hat überhaupt nicht reagiert.«

»Wann war das?«, fragte ich, bemüht, gelassen zu wirken.

»Anfang voriger Woche«, antwortete Elisabeth und beschäftigte sich mit ihrer Tasse.

Noch ist alles offen, dachte ich. Inga war hübsch. Dann hat sie sich einen reichen Kommilitonen geangelt.

»Habt ihr für mich einen Tipp, wo ich sie finden kann?«, fragte ich, hob die Kaffeetasse an und ließ sie mir von Elisabeth wieder füllen. Ich spürte die Nachwirkungen der Strapazen. Meine Kräfte waren verbraucht.

»Ich besuche für wenige Tage einen Lehrerfortbildungskurs«, log ich, um ihnen meine Anwesenheit zu erklären.

»An Ihrer Stelle würde ich mich abends im Dallas Pa …«, sagte Harald trocken und sah mich seltsam an, während Elisabeth blitzschnell aufgesprungen war, um ihm die Hand auf den Mund zu legen.

»Lass das! Du hast keine Beweise!«, fauchte sie ihn an.

Elisabeths Worte trafen mich wie ein Messer. Ein Schmerz ging mir durch die Brust und endete im Magen. Entsetzt starrte ich beide an. Ich kannte keine Stätte in Berlin, kein Lokal, das den Namen Dallas Pa … trug, doch meine Gedanken gingen in die gemeinte Richtung.

»Soll das heißen, Inga ginge …«, mir gelang es nicht, den Satz zu beenden.

Elisabeth fing sich.

»Onkel Klaus, Inga liebt die große Welt, und hier in Berlin ist viel los.«

Ich erhob mich, kämpfte mit den Tränen, die meine Enttäuschung mir in die Augen trieben. Es entsprach nicht meiner Mentalität, das sympathische Pärchen schamlos weiter auszuhorchen. Meine Beine zitterten leicht.

»Eine Frage bewegt mich noch, Elisabeth. Habe ich Inga zu wenig Geld gegeben, um ein normales Studentendasein zu führen?«

Sie winkte ab.

»Sie bekommt dreihundert Euro mehr im Monat als ich, Onkel Klaus. Aber so musst du nicht denken. Harald hat nur …«

Ich verließ grußlos das Zimmer. Auch die beiden hatten begriffen, und sie verzichteten auf das übliche Theater, mich mit dramatischem Getue zum Bleiben zu bewegen, um mit nichtssagenden Reden zu vertuschen, was sie für die Wahrheit hielten.

Die Sonne stand hoch und warf erbarmungslos die Hitze auf die Stadt. Mich interessierte keine Richtung. Ich ging, ohne zu wissen, wohin die Straßen führten.

Ich konnte mein Hotelzimmer aufsuchen, mich aufs Bett legen, um Schlaf nachzuholen, den ich allerdings nicht vermisste.

Die ungewohnten klotzigen Wohnbauten, der ameisenhafte Rhythmus der Menschen, zwischen denen ich mich befand, und die Straßen, die wie Fließbänder gefüllt mit Autos an meinen überreizten Augen vorbeiliefen, machten aus mir den einsamsten Menschen in Berlin. Zwei Millionen lebten hier, arbeiteten in dieser Stadt und rangen mit ihren Problemen. Eine Person von ihnen musste ich finden und sprechen, koste es, was es wolle.

Die Hitze machte mir zu schaffen. Mein Blick begann sich auf Mädchen zu konzentrieren, die jung und schön waren und Inga glichen. Ich betete mit trockenen Lippen zum heiligen Antonius, den mir meine Mutter zu Lebzeiten immer als Schutzpatron empfohlen hatte, wenn ich als Kind den Schlüssel oder sonst etwas Wichtiges verloren hatte.

Ich hoffte auf den Zufall, Inga zu begegnen.

Menschen schoben mich durch Kaufhäuser und Supermärkte. In Cafés suchte ich vergeblich die Tische nach Inga ab.

Müde und erschlagen landete ich gegen Abend in einer Bierpinte in der Nähe des Kurfürstendamms vor dem Rundtresen und trank gierig das Bier aus großen Krügen, kein Blick vom Fenster nehmend, an dem die Menschen vorbeiflanierten.

Der geschäftstüchtige große Wirt mit dem ledernen Brauerschurz reichte mir die fünf Frikadellen, die ich zu seiner Verwunderung nacheinander verschlang, während seine Witze an mir vorbeiflogen.

In nur wenigen Metern Entfernung saßen zwei junge Männer in Maßanzügen vor gefüllten Sektgläsern an einem kleinen Tisch. Mit affigen Bewegungen und beringten Händen schoben sie Karten, hoben sie auf und warfen sie ab, ein Spiel, hinter dessen Regeln ich nicht kommen konnte, weil mein Blick an ihnen vorbei auf das Fenster gerichtet war. Sie trugen ihre Haare künstlich gelockt und ein süßliches Parfüm stieg zu mir hoch.

Zu meiner Verwunderung betraten hübsche, hervorragend gewachsene junge Frauen das Lokal, setzten sich kurz zu ihnen, öffneten ihre Handtaschen und schoben ihnen bündelweise Geldscheine zu. Sie nippten nur an den Sektkelchen, dann stolzierten sie davon.

»O Gott«, dachte ich, »Inga wird doch wohl nicht …« Sorgen und Ängste überfielen mich trotz meines großen Bierkonsums. Schweiß machte meine Wäsche klebrig. Ich zahlte und bekam auf einen Hunderter nur noch wenig Silbergeld heraus.

»Wo befindet sich der Dallas Pa …?«, fragte ich den Mann am Tresen.

»Der Dallas Palace liegt hier nur einige Hundert Meter um die Ecke«, sagte er.

Das Theater und die Kinos spukten Besuchermassen aus. Taxis starteten und brausten davon.

Traurig schritt ich zwischen Menschen einher, die nur ein Ziel kannten, nämlich sich zu vergnügen.

Kapitel 2

Im Dallas Palace ging es hoch her. Mit nackten, hüpfenden Busen servierten die Mädchen und nahmen Trinkgelder fürs Anfassen. Stofffetzen bedeckten ihre magischen Dreiecke.

Ich fand einen Platz an einem kleinen runden Tisch, dem man die Sessel bis auf einen genommen hatte.

In der Nähe machte ich eine Gruppe aus, die sich hier wie zu Hause fühlte. Einige ihrer Gesichter kamen mir bekannt vor. Entweder gehörten sie zu denen, die mich daheim mit billigem Klamauk für meine Fernsehgebühren zu entschädigen suchten, oder zu denen, die aufopferungsvoll im Bundestag für meine Grundrechte streiten mussten.

Die Getränkekarte, abgesehen von den Sektmarken, ähnelte Reisekatalogen.

Zulangen konnte ich! Meine Taschen steckten voller Geld.

Ein Oben-ohne-Engel erschien. Ihre Augen verrieten mir, dass sie nur deshalb auf der Erde erschienen war, um mich, den Doktor Udendorf aus Norddeich, bedienen zu dürfen.

Ich betrachtete die wohlgeformten Brüste, die leicht wackelten, als sie den Bleistift zückte, und ließ meine Blicke über ihren Nabel abwärts gleiten bis zum bläulich-silbernen, glitzernden Warndreieck.

Ihr verständnisvoller, glücklicher Blick zwang meine Konzentration auf die Getränkekarte. Hastig überflog ich die gedruckten Namen der witzig anmutenden Weine.

Meiner sündigen Stimmung entsprechend entschied ich mich für Pfaffenberger Höllentor und erkannte am Preis, dass ich als Gast Spitze war.

»Ein Glas?«, fragte der halb nackte Engel und ließ die Brüste hopsen.

»Warum soll ich aus zwei Gläsern trinken?«, fragte ich und bemühte mich um das Lächeln eines Playboys.

»Vielleicht finde ich zwischendurch Zeit, mir Ihre Sorgen anzuhören«, sagte sie mit einem sündigen Lächeln, das mir anzeigte, dass ich ihr sympathisch war.

»Wieso Sorgen?«, fragte ich naiv.

»Alle Gäste, die diesen Wein bestellen, haben Sorgen«, hauchte sie, drehte sich um, bot mir ihr Hinterteil zur Ansicht und fragte über die nackte Schulter: »Nun mein Herr?«

»Zwei Gläser«, antwortete ich und sah ihr nach, wie sie ihre gut geformten Beine auf hochhackigen Schuhen bewegte.

Ich bemühte mich derweil, meine Sorgen zu ordnen und mich einzufinden in das Lokal, das nur flott zahlenden Gästen den Zutritt ermöglichte.

Auf einem Laufsteg erschien eine Truppe, tanzte nach altem Pariser Vorbild in der Dienstkleidung des Hauses. Die Musik entsprach der geilen Stimmung und dem Milieu.

Die Mädchen unterschieden sich nur im Körperbau. Große, kräftige Oberweiten vorweg, gestaffelt bis hin zum kindhaften nur Brustvorhof, warfen sie ihre Beine, verrenkten sie ihre Körper.

Mein Engel erschien, setzte zwei Gläser ab, ließ mich den Wein vorkosten und goss ein.

»Ein guter Jahrgang«, sagte ich, ohne Kenntnisse von Weinen zu haben.

»Das trifft auch auf Sie zu«, sagte sie verführerisch, neigte sich leicht vor, wobei ihre Brüste wie Paradiesäpfel vor meinen Blicken baumelten.

Verdammt, dachte ich, alter Esel, du suchst deine Tochter, hast Angst, sie könne wie dieses Mädchen fremde Männer animieren, während du hier nach Liebe schmachtest.

Ich blickte ihr in die Augen. »Du könntest mir helfen«, sagte ich. Ich zeigte ihr Ingas Foto. »Hier sind hundert Euro, sie gehören dir. Kennst du die Abgebildete?«

Sie blickte überrascht auf das Foto meiner Tochter, hob ihren Oberkörper an und wurde sehr ernst.

»Nie gesehen«, antwortete sie, und ich fühlte, dass sie mich anlog.

Ich steckte das Geld wieder ein. So konnte es nicht weitergehen. Dieser Oben-ohne-Engel kannte Inga! Da gab es für mich keinen Zweifel!

Auf eine weitere Flasche Pfaffenberger Höllentor kam es mir nicht an. Sie sollte ihr Trinkgeld haben.

Ein paar Gäste verließen den Dallas Palace. Ich besorgte einen zweiten Sessel. Dabei bemühte ich mich um Fassung, dachte an Anke, meine verstorbene Frau, während die Revuemädchen den Appetit der Männer langsam anheizten.

Irritiert stellte ich fest, dass hier auch viele Frauen in Männerbegleitung ihr Vergnügen suchten.

Während ich fernab am Tresen mit meinen Blicken nach meinem Engel Ausschau hielt, dachte ich plötzlich an meine Schule. Ich hatte mein Bankkonto geplündert und saß hier wie einer, der zu den Stars gehörte, in einem teuren Amüsierschuppen unter Prominenz und wusste, dass mein Direktor alles in die Wege leiten würde, mir ein Disziplinarverfahren anzuhängen.

Auch mein ostfriesischer Oberschulrat würde sich auf die Anklageseite schlagen, da die sogenannte Fürsorgepflicht von ihm so ausgelegt werden würde, dass der Strafe verdient hat, der die Spielregeln missachtet. In Zweifelsfällen gegen den Angeklagten!

Ich musste lachen über die Kleingärtnermentalität meines Chefs und seiner nach Gebetbuch und Partei ausgesuchten Berater, die heute oder morgen, ich fand mich in den Daten nicht mehr zurecht, ihren großen Betriebsausflug unternahmen.

Ich sah ihn vor mir im Bus stehend, für alle ein joviales Lächeln auf den Lippen, den Corvit in kleinen Gläschen spendierend, als vergösse er geweihtes Wasser.

Ziel der Fahrt waren die Windmühlen, die Bauern vor lauter Angst vor der Technik in die Nachwelt gerettet hatten.

An seinem Geburtshaus würde der Bus anhalten, und mein Direktor würde dem Kollegium zeigen, wo sein Schaukelpferd gestanden hat, und sie zum Backhaus führen, aus der seine Mutter mit angesengtem Schieber die Brote gezogen hat. Meine Kolleginnen und Kollegen würden mit »Oh« und »Ah« auf die gusseiserne Platte starren.

Die Teetafel mit Butterkuchen, der auch bei Beerdigungen herhalten muss, würde dann unter Eichenbalken in Uppersum im Alten Deichgrafen zum Höhepunkt schulischer Geselligkeit gereicht werden.

Ich bin selbst Ostfriese, ohne je im Muff erstickt zu sein. Aber nun stand ich in einer Welt, die ich jenseits der Vorstellungen meines Direktors einordnen musste.

Ich schlürfte meinen Pfaffenberger Höllentor und begriff, dass ich mich selbst im konventionellen Denken verstrickte.

Inga blieb meine Tochter, egal was sie nun trieb oder getrieben hatte.

Das Lokal barst fast unter der erotischen Spannung, und ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn Gäste sich ebenfalls entkleidet hätten. Aber das lag an der Gewohnheit und dem Grad der Abstumpfung, in dem sich der Jetset stets befand.

Lächelnd kam mir die Schöne entgegen, setzte sich zu mir in den Sessel und trank mit funkelnden Augen ihr Glas leer.

Ich füllte ihr das Glas und sagte: »Trink nur, mir kommt es auf eine Flasche nicht an.«

Der Engel war aufreizend, dennoch für mich tabu, da ich kein Abenteuer suchte, sondern meine Tochter.

»Bulle?«, fragte sie, als sie erneut das Glas hob.

Ich musste alle Kraft zusammennehmen, ihr nicht an den hübschen Hals zu fahren.

Konnte Inga so weit gesunken sein, dass man den recherchierenden Vater für einen Bullen hielt?

»Nein, Vertreter«, flüsterte ich ihr zu, griff zum Pfaffenberger Höllentor und begann zu ahnen, dass ich irgendwann in der Tat durch eine sich düster vor mir auftuende Hölle musste.

Dem schönen Körper meines Oben-ohne-Engels gönnte ich keinen Blick mehr, ihr Flittertuch bedeckte das, was mich jetzt am wenigsten interessierte.

Ich zog das Bild meiner Tochter erneut hervor, darauf achtend, dass niemand Zeuge wurde. Der Hundert-Euro-Schein lag unter dem Foto.

»Was ist mit dem Mädchen?«, fragte ich.

Die Schönheit prostete mir zu, als hätten wir uns gerade verlobt, und flüsterte: »Eine Studentin wie ich. Man beobachtet uns!«

Mir wurde bewusst, dass ich mein Gesicht heben musste und bemühte mich um ein strahlendes Lächeln, und als hätte ich es geahnt, blitzte es auf und ein Fotograf verneigte sich vor den Gästen des Nachbartisches, während ich den Eindruck hatte, er hätte nicht sie, sondern uns geschossen.

»Wo ist sie, ich muss sie dringend sprechen!«, sagte ich wie ein Schauspieler mit breitem Lächeln.

Der Oben-ohne-Engel griff zur Flasche, teilte ihren Inhalt gerecht auf beide Gläser auf, legte mir den nackten Arm um die Schultern, neigte ihren Kopf an mein Gesicht und hauchte: »Wir sind Animiermädchen, verdienen gutes Geld. Gelegentlich gehen wir auch mit einem ins Bett, aber nur wenn er uns gefällt! Mein Süßer, mit dir würde ich es auch versuchen.«

Ich rückte meinen Stuhl näher zu ihr, spielte den verliebten Bock, obwohl mir zum Kotzen übel war.

»Wo ist sie?«, fragte ich.

»Sie ist weg. Vielleicht nach Amsterdam, Athen oder Istanbul«, hauchte sie mir zu.

Erst jetzt sah ich, dass sich ein Mann für uns zu interessieren begann. Er schielte zu uns herüber, als suche er einen Platz.

Auch mein Engel hatte die Szene beobachtet, erhob sich und küsste mich.

Ich sah dem Mädchen nach, das mich verließ, mir vorher noch über das Haar strich, als verließe sie einen Geliebten.

Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

Wie viele Tage war ich nun schon unterwegs? Was musste ich in der kurzen Zeit alles verkraften?

Das hübsche Mädchen kam zurück. Es trug eine kleine Geldtasche in der Hand. Ich gab ihm zwei Hundert-Euro-Scheine.

»Reicht das?«, fragte ich.

Sie verbeugte sich, und ich starrte auf ihre Brüste, die wie ein Glockengeläut herabhingen, und langte nach dem Zettel, den sie mir zuschob. Ungelesen ließ ich ihn unbemerkt in meine Handfläche gleiten.

Ich verließ das Lokal und betrat die Straße des frühmorgendlichen Berlins. Als ich über den leeren Kurfürstendamm meinem Hotel entgegenschritt, hatte ich das Gefühl, verfolgt zu werden. Kein Wunder, denn ich musste mich zusammenreißen, um nicht einfach vor Erschöpfung umzufallen.

Ich nahm ein Taxi.

»Hotel Michels«, sagte ich heiser vor Angst, denn ich bemerkte in der Tat Männer, die sich berieten, als sei ich ihnen entwischt.

Ich war erschöpft, als ich das Taxi verließ. Dem Fahrer überließ ich das Wechselgeld. Er nickte mir freudig zu. Mir war alles egal geworden. Was ich benötigte, waren ein paar Stunden Schlaf. Meine Beine waren schwer wie Blei.

Mit leeren Augen erkannte ich Frau Michels' fettes Gesicht, das sie mir hinter dem Fensterchen ihres Büros entgegenhielt. Sie schien mich neugierig zu mustern.

Wortlos schlich ich vorbei, fand mein Zimmer, verschloss die Tür, zog den Zettel meines barbusigen Engels hervor und las:

Fedor Mai, Benthausstraße 11a.

Mehrmals wiederholte ich Namen und Adresse, zerriss den Zettel, steckte die Schnipsel in die Tasche meiner Lederjacke und warf mich auf das Bett, ohne das Licht gelöscht zu haben.

Wilde Träume überfielen mich, quälten mich, ohne meinen Schlaf zu unterbrechen.

Mein Direktor trieb mich mit einem Schwert durch die Klassenräume der Schule in die Arme des Oberschulrats, der mit Handschellen auf mich wartete.

Dann war es Anke, meine verstorbene Frau, die auf einem Felsvorsprung saß, meine Beine umklammerte, während ich heulend auf dem Steinboden lag und meine Tochter an meinen Händen über einer abgrundtiefen Schlucht baumelte, in der uns ein Feuer mit hochschlagenden Flammen die Hitze entgegenspie.

Als ich endlich erwachte, die Träume zu vergessen begann, freute ich mich über die Sonnenstrahlen, die in mein Zimmer fielen. Ich trat ans Fenster, blickte auf die Baumkronen, sah für Sekunden dem Autoverkehr zu und beobachtete die Menschen, die sommerlich gekleidet über den gegenüberliegenden Bürgersteig spazierten, als trieben sie keine Verpflichtungen an.

Ich verließ das Fenster, studierte kurz das Hotelzimmer, erfreute mich an einem Druck des Picasso-Gemäldes Mädchen mit Taube, das die Situation der Stadt symbolisierte und mich schlagartig mit den Gründen meiner Anwesenheit konfrontierte. Ich stellte mich an das Waschbecken, stierte in den Spiegel und glaubte einen Fremden zu sehen, dem graue Bartstoppeln und Sorgenfalten einen tiefen Ernst in das Gesicht geschrieben hatten. Doch als ich den Blick meiner Augen suchte, stieg in mir eine Kraft auf, die als Wärme durch meinen Körper fuhr.

»Inga, ich finde dich! Was du auch tust, getan hast und tun wirst, ich bleibe dein Vater! Ich werde dich finden!«, sprach ich zu mir selbst und wunderte mich über die tiefe Entschlossenheit, die von mir Besitz ergriff.

Ich rasierte mich, hielt meinen Kopf unter den kalten Wasserstrahl, tauchte meine Arme in das gefüllte Becken und weckte meine Geister.

Im Frühstücksraum waren die meisten Tische bereits abgeräumt. In einer Ecke war für mich gedeckt. Eine ältere Frau fragte mich: »Tee oder Kaffee?«

Ich entschied mich für Kaffee, denn ich ahnte, dass sie hier in Berlin vom Tee nicht viel verstanden.

Während mir die Brötchen schmeckten, die ich mit reichlich Butter und Marmelade aus Minidöschen versehen hatte, studierte ich das Berliner Telefonbuch.

Den Namen Mai gab es mehrmals, aber keinen mit Vornamen Fedor. Mir war klar, dass dieser Mann meine erste Anlaufstation sein musste. Ich entschloss mich, vorsichtig zu Werke zu gehen, denn der Abschied vom barbusigen Engel gab mir jetzt zu denken, wo ich ausgeruht beim Frühstück saß und meine Kraft zurückfand.

Hatte ich die Aufmerksamkeit irgendeines Fotografen auf mich gelenkt, oder hatte er sich wirklich nur für die Stars des Nachbartisches interessiert?

Sicher war ich in diesem Prominentenlokal manchem Anwesenden aufgefallen, nicht so sehr durch mein Äußeres, mehr noch durch meine Befangenheit im Umgang mit Menschen dieser Kategorie. Ich hatte mich zwar bemüht, weltmännisch zu wirken, doch das konnte mir auf Anhieb danebengegangen sein.

Amsterdam, Athen oder Istanbul hatte die Schönheit mir ins Ohr geflüstert.

Ich traute es Inga durchaus zu, ohne mich zu benachrichtigen, eine Reise nach Griechenland oder in die Türkei anzutreten, wenn ihr Freund über das nötige Geld verfügte.

Sie studierte schließlich Journalismus, um später was von der Welt zu sehen. Diese Version passte auch zu den Aussagen Elisabeths, die meine Tochter im Porsche sitzend übersehen haben musste.

Aber, durchfuhr mich ein quälender Gedanke, warum hatte das Animiermädchen sich so geheimnisvoll benommen? Selbst wenn sich Inga im Dallas Palace verdingt hatte, um schnelles Geld zu verdienen, wäre das kein Grund, mich, ihren Vater, für einen Bullen zu halten.

Mich packte erneut die Angst um meine Tochter. Ich verließ den Frühstücksraum und betrat die sonnenüberflutete Straße.

Mein Auto stand unbeschädigt auf dem schattigen Platz. Hier sollte es auch bleiben, entschied ich mich, mischte mich unter die Menschen und suchte einen Taxistand.

»Benthausstraße 11a«, sagte ich und setzte mich in den Mercedes.

Durch die Scheiben des Wagens beobachtete ich, wie wir das feine vornehme Berlin verließen und das Taxi sich regelrecht in die Viertel wühlte, von denen keine Prospekte berichten, die aber den Beamten der Polizei und des Sozialamtes die Arbeitsplätze sicherten.

Meine Großstadterinnerungen lagen weit zurück. In Ostfriesland geboren, von Luft, Meer und Grün verwöhnt, Eigenheimbesitzer, hatte ich die Bilder der Universitätsstädte Hamburg und Köln verdrängt, sie wegen des erfolgreichen Studiums nur als schöne Orte im Gedächtnis gespeichert.

Urlaubsfahrten durch Brüssel, Paris, Madrid, Rom, Stockholm, Oslo, Helsinki, Prag, Budapest, Kopenhagen, Amsterdam, Athen und Belgrad waren den Straßenplänen für Touristen entnommen und hatten mich nur zu den Sehenswürdigkeiten und Fotoobjekten geführt.

Die verwohnten Hochhäuser stießen mich ab. Die hässlichen Fassaden mit grauem, abbröckelndem Putz wirkten auf mich wie verdorbene Brotscheiben mit Schimmel. Hübsche dunkelhaarige Gastarbeiterkinder spielten im Schatten krüppeliger Bäume vor hässlichen Steinwänden.

Als das Taxi hielt, zahlte ich, überließ dem Fahrer wieder das Wechselgeld und schaute mich um.

Mir gegenüber stand das Haus 11a. Wie aufgeklebte Flecken saßen die Fenster im Mauerwerk, während mir auf der anderen Seite eine Straße den Blick in die Hinterhöfe öffnete und bunte Wäsche wie Fahnenschmuck von Balkonen grüßte.

Misstrauisch überquerte ich den Bürgersteig, stieg die wenigen Stufen hoch und entdeckte im zerflatterten Klingelknopfquadrat den Namen Fedor Mai. Ich drückte den Knopf und wartete.

Die Eisentür mit Milchglasfüllung sprang auf. Ein dunkler, hässlicher Steinflur mit beschmutzten Wänden lag vor mir.

Ein junger Mann in Jeans und Unterhemd hielt eine Tür geöffnet und blickte mich an, als wisse er nichts mit seinem Besucher anzufangen. Seine Augen waren eingefallen, sein Gesicht bleich und sein Körper knochig und dürr.

»Wer sind Sie?«, fragte er, und ich sah, dass er barfuß war.

»Mich schickt ein Engel«, sagte ich und versuchte ihn mit einem freundlichen Lächeln für mich zu gewinnen.

»Engel betreten solche Häuser nicht, Mann. Los, was wollen Sie?« Sein Gesicht und seine Haltung verrieten mir, dass er wenig Geduld besaß.

Wie sollte ich seine Frage beantworten? Schlagartig begriff ich, dass es nicht angebracht war, ihm Lügen aufzutischen. Deshalb antwortete ich: »Ich bin ein Vater, der seine Tochter sucht, weil er sich Sorgen macht.«

Der junge Mann verzog keine Miene.

»Gehen Sie hinein!«, forderte er mich auf und wies auf die Tür, die er mir überließ, weil er eiligen Schrittes zur Haustür lief, um sich dort zu versichern, dass ich allein gekommen war.

Ich hatte gewartet, ohne eine Bedrohung zu fühlen, und betrat mit ihm einen Korridor, in dem am Haken Kleidungsstücke hingen. In einer Ecke bemerkte ich aufgerollte Schlafsäcke.

Das Wohnzimmer, eine karge Studentenbude, unaufgeräumt, mit Tisch und Liege, Stühlen, kleinem Fernseher, Radio und die Wände voller Poster.

Er räumte einen Stuhl frei.

»Setzen Sie sich!«, forderte er mich auf. Auf dem Tisch lagen aufgeschlagene Bücher, die einen Schreibblock umrahmten, als brütete er zurzeit an der Anfertigung eines Referats. Er ließ sich auf der Couch nieder. Seine dunklen Augen schienen mich zu durchbohren.

»Wer gibt mir die Garantie, dass Sie kein Bulle sind?«, fragte er, grinste und fuhr fort: »Ich meine, keiner von der Polizei.«

»Dieses Foto«, antwortete ich und zog Ingas Bild aus meiner Jacke.

Fedor Mai warf nur einen kurzen Blick auf das Foto.

»Haben Sie einen Pass?«, fragte er.

Ich reichte ihm meinen Reisepass. Er studierte ihn wie ein Polizist, prüfte jede Seite, leckte selbst am Papier, holte eine Lupe und betrachtete lange das Dienstsiegel der Stadt Norden.

»Gut, Herr Udendorf - Verzeihung, Herr Doktor Udendorf. Germanist?«, fragte er unvermittelt.

»Nein, Mathe und Physik«, antwortete ich.

»Das Ding ist echt, Herr Doktor. Doch bevor ich Ihnen mit Informationen dienen kann, brauche ich eine Art Rückversicherung. Sie suchen das Mädchen, gut! Es könnte sein, dass ich Ihre Tochter kenne. Hören Sie genau hin, ich sagte, es könnte sein!«

In meinem Magen wühlte seit Sekunden eine Wut, die immer weiter fraß. Verzweifelt begriff ich, dass ich ohne diesen arroganten Bengel nicht weiterkam. Körperlich war ich ihm überlegen, wie ich, auf alles vorbereitet, taxierte. Aber selbst wenn ich ihn mir vornehmen würde, konnte es immer noch sein, dass er mir seine Kumpel auf den Leib hetzte.

Als hätte er mich durchschaut, grinste er verächtlich, erhob sich und ging in den Korridor. Er kam mit einem Schlafsack zurück, entrollte ihn und sagte: »Bei mir sind Sie sicher. Sie können hierbleiben.«

Was sollte das?, fragte ich mich und entrüstet sagte ich: »Herr Mai, ich verstehe nicht, warum Sie mir Ihre Gastfreundschaft anbieten. Außerdem ist mir nicht bekannt, dass ich in Berlin nicht sicher bin. Hören Sie, ich muss Inga, meine Tochter, finden, koste es, was es wolle!«

Meine Stimme war belegt und mein Inneres vibrierte.

»Dazu werde ich Ihnen verhelfen, wenn Sie die Regeln akzeptieren, die ich vorgebe«, antwortete er.

»Und die sind?«, fragte ich.

»Sehr einleuchtend und dazu sehr einfach. Ich nenne Ihnen den Aufenthalt Ihrer Tochter, und Sie transportieren für mich ein kleines Geschenk, das Sie ungeöffnet nur Ihrer Tochter aushändigen dürfen. Das wird eine doppelte Freude für sie sein. Zum einen ein unangemeldetes Wiedersehen mit ihrem geliebten Daddy und zum anderen wird mein Geschenk dazu beitragen, sie in Verzücken zu versetzen. Rundherum ein Weihnachtsmannauftrag.«

Er hatte ganz ruhig gesprochen, während seine knochigen Hände ein Fingersuch- und Berührspiel vorgeführt hatten. Ich suchte vergeblich nach Ironie in seinem eingefallenen Gesicht.

Naiv glaubte ich immer noch an eine redliche Rolle, die meine Tochter in diesem verwirrten Zusammenhang zu spielen schien.

»Und worin besteht die Rückversicherung?«, fragte ich deshalb.

»Nun, einerseits darin, dass Sie den Transport übernehmen, und andererseits in einer Unterschrift auf einem Blankopapier«, antwortete Fedor Mai.

»Und was hat das mit dem Schlafsack auf sich?«, fragte ich und deutete auf den Boden.

»Vielleicht haben Sie sich, Herr Doktor Udendorf, im Dallas Palace etwas zu auffällig benommen, oder Ihr Engel hat sich nicht genügend um Sie gekümmert. Vielleicht könnte Ihr Hotelzimmer zu Ihrer Sterbekammer werden. Ein Herzinfarkt vielleicht. Sie haben den entsprechenden Beruf und auch die Jahre. Jeder Arzt wird Ihre Aufregung richtig einordnen.«

Mir verschlug es die Stimme. Schweiß lief mir wie in der Sauna vom Körper, klebte meine Wäsche an die Haut. Ich saß mitten in der Scheiße, wie ich blitzschnell erfasste. Nur ihr Volumen konnte ich nicht abschätzen, während mir der Geruch in die Nase stieg.

»Und wenn ich zur Polizei gehe?«, sagte ich forsch.

»Dann wird Ihre Blanko-Unterschrift unter einem entsprechenden Dokument Ihre Aussagen entkräften«, sagte Fedor Mai und lachte.

Ich stand auf und wollte ihm zeigen, dass ich noch mein eigener Herr war. Ernsthaft dachte ich daran, mich der Berliner Kripo anzuvertrauen, da mir meine Erlebnisse plötzlich mysteriös vorkamen.

»Junger Mann«, sagte ich entschlossen, »ich bin Oberstudienrat, fünfzig Jahre alt und habe mein Leben bisher noch immer selbst bestimmt. Krumme Touren liegen mir nicht.«

Ich spürte, wie sich mein Inneres einer Explosion näherte und ich dabei war, im blinden Hass dem jungen Mann an die Gurgel zu fahren, um ihm die Adresse meiner Tochter zu entlocken. Mit ausgebreiteten Armen näherte ich mich ihm drohend.

»Lassen Sie das!«, forderte mich ein Mann auf. Seine Stimme drang zu mir mit dem Klappern einer Tür.

Ich wusste nicht, ob es die Küche war oder das Bad, aus der er gekommen war.

»Ihr Foto ist bereits entwickelt, Ihr Auto präpariert, und man würde Sie noch vor Helmstedt in einen Unfall verwickeln. Sie sollten dankbar sein, wenn wir Ihnen eine Chance zum Überleben bieten«, sagte er.

Das also war die neue Situation! In Sekundenschnelle begriff ich, dass ich als Lehrer vom Land hier in Berlin zwischen zwei Gangstern stand. Und wenn ich richtig zugehört hatte, versuchten Mai und sein Kumpan mich vor einem schlimmen Schicksal zu bewahren.

Irgendwie lief die Angst ins Leere. Mein Leben war mir nicht wichtig. Inga steckte tief in einer Sache, die ich nicht ergründen konnte. Meiner Tochter galt mein Kampf und auch meine Existenz.

Ich schaute auf den Lauf einer Pistole, sah den kräftigen Mann, der, als hätte er sich tarnen wollen, grün gekleidet war.

Wie ein Jäger in Lederkniebundhose näherte er sich mir langsam. Sein Bart machte sein Gesicht alltäglich.

»Wenn ich nicht wüsste, dass es auch zum Wohle Ihrer Tochter geschehen würde und nicht darum, Ihr geschätztes Pädagogendasein zu verlängern, dann ließe ich Sie laufen. Dabei wäre es mir gleichgültig, ob man Sie tot aus einem Fluss fischen oder verbrannt in einem Autowrack finden würde«, sagte er, und seine Augen lächelten mich an, als handelte es sich um einen billigen Scherz.

»Hören Sie«, stotterte ich, »Sie müssen mich verwechseln. Ich heiße Udendorf, bin ein simpler Lehrer aus Norden und suche meine Tochter.«

»Beruhige dich, Pauker, das ist gebongt. Wir wollen nur dein Bestes. Kennst du außer Elisabeth und Harald noch irgendwen in Berlin?«, fragte der Mann, ohne die Pistole abzulegen.

Ich zuckte zusammen. Der Bärtige wusste viel.

»Ja«, antwortete ich. Mir fiel mein Freund Werner Selter ein. Wir hatten gemeinsam die Schulbank gedrückt, einige Semester an derselben Universität studiert und uns aus den Augen verloren. Doch nach vielen Jahren war er nach Hause gekommen, besaß eine Professur für Mathematik an der Berliner Universität und lebte während der Semesterferien in seinem heimatlichen Ostfriesland.

»Ein Freund ist Professor an der Uni«, sagte ich.

»Gut, das geht in Ordnung, wir rufen ihn an«, sagte Fedor Mai.

»Versuchen Sie bei ihm unterzutauchen«, fügte der Bärtige hinzu, ohne bedrohlich oder gehässig zu wirken. »Aber bringen Sie Ihren Freund nicht in Lebensgefahr, indem Sie sich bei ihm zu gesprächig erweisen. Sie erhalten unsere Instruktionen telefonisch. Ihr Horoskop sagt Ihnen eine weite Reise voraus, Doktor Udendorf. Fahrkarte und Reisetasche stellen wir Ihnen zu.«

Ich war fix und fertig. Was sollte ich den beiden entgegnen? Die Machtlosigkeit und die Angst um Inga machten mich gefügig.

In mir meldete sich der Instinkt. Alles deutete darauf hin, dass ich meine Freiheit wiedergewinnen würde und Inga treffen konnte, wenn ich das tat, was sie von mir verlangten.

Ich unterschrieb ein Blankopapier und ließ es zu, dass sie meine Reisepassnummer auf den Schrieb setzten.

Der falsche Jäger steckte die Pistole ein, klopfte mir auf die Schulter und sagte: »Bravo, Herr Oberstudienrat. Sie stehen ab nun auf unserer Seite und helfen Ihrer Tochter. Kommen Sie mit.«

Ich folgte ihnen, muss allerdings zugeben, dass ich jedem gefolgt wäre, denn ich war demoralisiert und verstand die Welt nicht mehr.

Fedor Mai verließ uns an der Haustür. Auf der Straße stand ein Taxi. Es war ein Audi A6 ohne Fahrer.

Der Lederhosenmann öffnete die Autotür, ließ mich einsteigen, setzte sich ans Steuer und fuhr los.

Erst am Hauptbahnhof hielt er an. Er begleitete mich zu einer Telefonzelle und forderte mich auf, mich bei Werner Selter persönlich anzumelden, da er wisse, dass der Professor zu Hause sei.

Mein Schulfreund war fast außer sich vor Freude, nannte mir seine Adresse und sagte, dass er mich erwartete.

Kapitel 3

Werner Selter besaß in der Norfer Straße ein kleines Apartment.

Er stand auf dem Balkon in der Sonne und winkte mir zu, als ich das Taxi verließ.

»Er soll möglichst unauffällig Ihre Sachen aus dem Hotel holen«, flüsterte mir der Fahrer zu. Er grinste breit, stieg in den Audi und fuhr los.

Ich überquerte die Straße und näherte mich dem Häuserblock. Mein Freund kam mir entgegen.

»Solch eine Überraschung!«, rief er erfreut, umarmte mich und sagte: »Was machst du in Berlin?«

»Ich besuche eine Lehrerfortbildung«, antwortete ich. »Das Übliche. Politische Vorträge, Schnellgänge durch Historisches und Statistisches.«

Das Haus enthielt nur Apartments und lag in einem besseren Viertel. Die Straße war ohne Lärm, und Bäume warfen Schatten auf gepflegte Bürgersteige.

Wir gelangten in das Haus durch einen kleinen Vorgarten, in dem Rosen blühten.

»Hier haben viele Westdeutsche ihre Zweitwohnung«, sagte Werner.

Sein Apartment war gemütlich. Möbel und Ausstattung hatte er solide ausgewählt für eine ...

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