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Lettie Peppercorn und der Schneehändler

  

ÜBER DEN AUTOR
 

Sam Gayton lebt im Süden Londons. Er hat an der Bath Spa Universität Schreiben studiert, Lettie Peppercorn und der Schneehändler ist sein erstes Buch. Sam Gayton liebt amerikanische Romane, italienisches Essen und die englische Natur. Wenn er gerade nicht schreibt, spielt er am liebsten Gitarre in einer von insgesamt sieben Rockbands, denen er aktuell angehört.

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BASTEI ENTERTAINMENT

Für Erin, die Chefin

Sternenvignette

TEIL I

IM LANDE ALBION

Es ist meine Absicht, von Verwandelungen in neue Körper zu singen.

Ovid, Metamorphosen

Sternenvignette

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Rezept für Schnee

Ein noch nie dagewesenes meteorologisches Phänomen

Hergestellt aus Liebe, Alchemie und folgenden Zutaten (in der Reihenfolge ihres Hinzufügens):

~ 1 Stück Stille, Dauer mindestens 100 Jahre

~ Staubkörnchen, statisch aufgeladen

~ 7 Tropfen Äther

~ 6 Würfel

~ 1 TL Salz

~ 1 Faden Frost, durch 1 Eiszapfen eingefädelt

~ 1 graue Wolke, auf silbernem Spinnrad gesponnen

~ Wasser

Zubereitung:

Die jahrhundertelange Stille in 7 winzige Augenblicke schneiden. Die Augenblicke mit Staub und statischer Ladung besprenkeln. Jedem Augenblick 1 Tropfen Äther hinzufügen. Würfel werfen (damit der Schnee nie vergisst, dass er 6 Seiten hat). 6 Mal wiederholen (bringt Glück). Salz einrühren (damit der Schnee schmilzt). Alles mithilfe der Eiszapfennadel samt Frostfaden in die Wolke einnähen. Ganz zuletzt Wasser hinzufügen.

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1. Kapitel

ANKUNFT EINES FREMDEN

Sternenvignette

In einer Winternacht, so kalt und dunkel, dass in den Kaminen die Feuer gefroren, kam der Schnee nach Albion, sicher verstaut im Koffer eines Fremden. Lettie war die Erste, die den Fremden sah.

Er kam zu Fuß vom Hafen her, schleifte sein Gepäck – wump, wump, wump – über das Kopfsteinpflaster von Tauschdorf und hielt Ausschau nach dem Schild des Gasthauses Zum Schimmel. In der Essiggasse wurde er schließlich fündig. Das Schild schwang über der Veranda eines auf Stelzen erbauten Hauses im Wind hin und her. Von weit oben, am kleinen Küchenfenster, sah Lettie, die Wirtin, den Fremden kommen.

Durch ihr Fernrohr konnte sie die lange Spur seiner in den frostüberzogenen Schlamm gestanzten Schritte erkennen. Sie sah, wie er eine Hand auf das Geländer der Leiter legte, die zum Eingang führte, und durch die schwarze, windwirbelnde Nacht zum Anstieg ansetzte. Der Wind war so stark, dass er einem schier die Finger von der Hand hätte abtrennen können, und der Fremde trug keine Handschuhe. Es war der kälteste Winter, den Lettie je erlebt hatte, und der Mann war mit Abstand der kälteste Gast.

Seine Zähne waren blau.

Sein Haar war weiß.

Seine Finger waren blau.

Das Weiße in seinen Augen war blau, die Pupillen weiß.

»Ein Mann mit einem Eiszapfenbart«, raunte Lettie Periwinkle zu, der gerade hereingeflogen kam. »Wo sollen wir ihn nur unterbringen? Alle Betten sind belegt.«

Periwinkle legte den Kopf schief, Lettie seufzte. Für eine Taube konnte Periwinkle erstaunlich gut zuhören, aber unterhalten konnte man sich mit ihm nicht besonders.

Lettie schob mit einem Schnappen das Fernrohr zusammen und ließ es in ihre Schürzentasche gleiten. Dann ging sie in ihr winziges Wohnzimmer, wo ihre zwei Gäste – eine Frau aus Laplönd und eine Juwelierin aus Bohemien – in zwei Lehnsesseln vor dem Kamin saßen. Ihre echten Namen standen im Gästebuch, aber Lettie nannte sie nur das Walross und die Glotzerin. Die Frau aus Laplönd war das Walross, weil sie sehr dick war und Barthaare hatte, und die Juwelierin hieß Glotzerin, weil sie den ganzen Tag nichts anderes tat, als vor sich hin zu starren. Und so passten Letties erfundene Namen besser zu ihnen als ihre echten.

»Da kommt jemand«, sagte die klein gewachsene, in sich verschrumpelte Juwelierin. Sie hakte sich die Bügel ihrer dicken Sucherbrille hinter den Ohren ein und klappte dann die Linsen nach unten, um mit tellergroßen Augen darüber hinwegzustarren.

»Mein Bett kriegt er jedenfalls nicht«, brummte das Walross. Ihr fleischiger Lippenstiftmund schmollte, ihre Schweinsäuglein waren fest zusammengekniffen, das Dreifachkinn schwabbelte empört.

Lettie kam nicht dazu zu antworten, denn schon flog die Tür auf und der Mann mit dem Eiszapfenbart erschien auf der Schwelle.

»Ich brauche ein Zimmer«, sagte er. »Und es muss unbedingt eiskalt sein!«

Sofort schrumpfte das Feuer im Kamin zu kleinen Flämmchen zusammen. Der Wind rauschte herein, und noch bevor sich die Walrossfrau die Ohren mit den Händen bedecken konnte, schnaufte er die winzigen Kerzen an ihren Kandelaber-Ohrringen aus.

»Ja«, sagte der Fremde sanft. »Das ist wunderbar.«

Sein Lächeln knirschte, ein Splitter seines Eiszapfenbarts klirrte zu Boden.

Lettie starrte ihn an. Dann löste sie sich aus der Erstarrung und ging mit wackeligen Knien auf ihn zu, um seinen Koffer zu nehmen.

Aber der Fremde scheuchte sie mit einer Handbewegung zurück.

»Weg da«, sagte er finster. »Viel zu anfällig.«

»Ich bin weder anfällig noch schwach«, erwiderte Lettie. »Ich bin schon zwölf.«

»Ich rede von meiner Ware!«, keifte der Fremde und deutete mit dem Kopf auf den Mahagoni-Koffer. »Sie ist sehr … empfindlich. Wenn sie kaputtgeht, wirst du sie nicht mehr kaufen wollen. Und dann wäre ich den ganzen Weg hierher umsonst gekommen.«

»Sir«, sagte Lettie. »Ich weiß ja nicht, was Sie da zu verkaufen haben, aber ich kann mir Ihre Ware so oder so nicht leisten.«

»Nicht so anmaßend sein!«, schimpfte der Fremde. »Ich erkenne meine Kunden zehn Meilen gegen den Wind.«

Das Walross und die Glotzerin betrachteten ihn neugierig.

Lettie verschlug es schier die Sprache. Seit einer Woche hatte sie nichts anderes gehört als:

»Ich will mehr Zucker in meinen Tee!«

»Mehr Decken auf die Sessel!«

»Mehr Holz ins Feuer!«

Und jetzt stand hier jemand – ein eisiger Mann mit einem Koffer voller Geheimnisse – und behauptete, sie sei seine Kundin.

Lettie Peppercorn, genug gestarrt! Jetzt sag endlich was!, redete sie sich selbst gut zu.

»Willkommen im Gasthaus Zum Schimmel, Sir.«

»Schon gut, schon gut«, sagte der Mann ungehalten. »Jetzt hol endlich den Wirt, bevor ich hier noch auftaue!«

Lettie verdrehte die Augen. Diesen Fehler machte jeder neue Gast. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Ich bin die Wirtin hier.«

»Du?!«, schnaubte er.

Lettie musterte ihn streng. »Ganz recht. Ich. Lettie Peppercorn.«

»Aber was ist denn mit Mr Peppercorn?«

»Mein Vater ist in der Kneipe, schätze ich mal. Unten am Hafen, Zur Muschel vor dem Sturm. Wird wohl mit den Seeleuten ein paar Wetten zocken.«

Der Fremde schürzte ärgerlich die blauen Lippen. »Und deine Mutter?«

»Nun«, ereiferte sich Lettie. »Da würde ich sagen, das geht Sie nichts an.«

»Mädchen, das hast du wohl kaum zu entscheiden, oder? Du bist nur eine Kundin für mich, mehr nicht.«

»Und ob ich mehr bin!«, entgegnete Lettie. »Ich wasche Bettlaken, ich staube Schränke ab, ich räume Zimmer auf und ich kann einen verflixt guten Tee aufbrühen!«

»Ihre Fähigkeiten als Wirtin sind durchaus zufriedenstellend«, mischte sich das Walross ein.

»Aber die Einrichtung ist grauenhaft«, sagte die Glotzerin. »Tut richtig in den Augen weh.«

Lettie folgte dem Blick des Fremden, als er sich im winzigen Raum umsah. Das Gasthaus Zum Schimmel war in der Tat ziemlich trostlos und nur spärlich eingerichtet. An den Wänden hingen längst keine Bilder mehr, nur dunkle Rechtecke verrieten noch ihren alten Platz. An der Tür zur Küche stand ein Esstisch, und außer den beiden Lehnsesseln am Kamin gab es nur noch das alte Pianola von Letties Mutter. Und einen letzten kleinen Teppich.

»Zumindest ist es hier kalt genug«, sagte der Mann.

»Aber alle Betten sind belegt«, wandte Lettie ein.

»Ich brauche auch kein Zimmer zum Schlafen, Kind. Sondern eins fürs Geschäft.«

Lettie hätte ihm nur allzu gern ein paar Takte über gute Manieren erzählt und ihn mit Sack und Pack nach draußen befördert. Aber das ging nicht. Das Gasthaus hatte das Geld bitter nötig. Wegen der Wetten, auf die Letties Vater sich immer einließ, klopfte Mr Egel, der Schuldeneintreiber, längst jede Woche an die Tür.

Also schluckte Lettie die Antwort, die ihr auf der Zunge lag, hinunter. Stattdessen schenkte sie dem Fremden ein Lächeln, bei dem ihre wunderschönen großen Augen aufblitzten. Die Augen, die sie von ihrer lange verschwundenen Mutter geerbt hatte.

»Selbstverständlich, Sir. Bett oder Geschäft, bei uns kostet alles gleich viel …« Sie streckte eine Hand aus. »Drei Schilling pro Nacht, bitte.«

»Drei Schilling ist annehmbar …«, begann die Glotzerin.

»… zumindest für ein Gasthaus, in dem es nur noch einen einzigen Teppich gibt«, fügte das Walross hinzu.

»Für geschäftliche Zwecke können Sie jedes beliebige Zimmer nutzen«, sagte Lettie, ohne auf die Kommentare ihrer Gäste einzugehen. Dann senkte sie die Stimme, sodass die zwei Frauen sie nicht hören konnten: »Auch die Zimmer der beiden hier.«

Sie dachte, nun würde der Fremde anfangen zu feilschen. Schließlich war er Geschäftsmann und man befand sich hier in Tauschdorf. Aber der Mann runzelte nur finster die Stirn und sagte: »Hauptsache, du stellst mir alles zur Verfügung, was ich brauche.«

»Das werde ich«, versprach Lettie. »Dazu einen Tee und ein Lächeln.«

»Also gut«, sagte er. »Abgemacht.«

Lettie gab sich alle Mühe, einen Jubelschrei zu unterdrücken. Sie war inzwischen so knapp bei Kasse, dass sie sich selbst mit zwei Schilling zufriedengegeben hätte. Drei würden die heutigen Schulden ihres Vaters decken. Wenn sie ihm das Geld jetzt zukommen ließ, würde er sich heute nichts von Mr Egel borgen müssen. Und das bedeutete, dass Mr Egel nicht um Mitternacht im Gasthaus aufkreuzen würde, um sich auch noch den letzten Teppich zu holen.

Ein dreifaches Hoch auf den Mann mit dem Eiszapfenbart und den schlechten Manieren!, rief Lettie stumm.

Da wurde ihr klar, dass sie noch nicht einmal seinen Namen kannte. Er hatte sich noch gar nicht vorgestellt, was Lettie ungewöhnlich fand. Schließlich war er doch Geschäftsmann und bezeichnete sie als seine Kundin. Ob er es unhöflich finden würde, wenn sie direkt danach fragte? Aber bevor sie den Mund aufmachen konnte, bückte er sich plötzlich und pflückte drei Kieselsteine aus den schwarzen Eistrauben, die seine Stiefel umwucherten.

»Da«, sagte er. »Streck deine Hand aus.«

Lettie verschränkte die Arme vor der Brust. »Sir, ich hab gesagt, drei Schilling, nicht drei Steine

»Und ich sage: Streck deine Hand aus. Und hör endlich auf zu meckern.«

Widerstrebend tat Lettie, wie ihr geheißen. Der Fremde ließ die Kieselsteine auf ihre Hand kullern: eins, zwei, drei. Dann griff er in seinen Mantel und holte ein Glasfläschchen heraus. Es war wie ein J geformt und mit einer dicken silbrigen Flüssigkeit gefüllt. Er zog den Korken heraus und ließ je einen Tropfen auf die Steinchen fallen.

Und dann geschah etwas.

Etwas Ungeheuerliches.

Die Kieselsteine begannen zu zischen und hüpften wie Grillen auf Letties Handfläche herum.

»Nicht fallen lassen!«, sagte der Fremde.

Lettie drückte beide Hände zu einer Kugel zusammen, in deren Inneren die Kieselsteine wie verrückt herumwuselten. Dann knallte es dreimal – Pop! Pop! Pop! – und dann wurde es still. Ein dünner Rauchfaden kringelte sich zwischen Lettis Fingern hindurch in die Luft.

»Fertig«, sagte der Mann zufrieden und stopfte den Korken zurück in den Flaschenhals.

Lettie klappte die Hände auf.

Und rang nach Luft.

Die alten Frauen starrten aus ihren Lehnsesseln stumm zu ihr herüber.

»So, und jetzt kommen wir endlich zum Geschäft«, sagte der Fremde.

Aber Lettie konnte sich einfach nicht bewegen, sie war wie vom Donner gerührt. Die Kieselsteine in ihrer Hand waren verschwunden. An ihrer Stelle glitzerten drei silberne Schillingmünzen um die Wette.

»Wie haben Sie das gemacht?«, raunte sie.

Der Fremde steckte das Fläschchen wieder in die Innentasche seines Mantels. »Ein Alchemist kennt keine Grenzen.«

Lettie schloss ihre Faust um die Münzen. Ein Alchemist … Seit Jahren hatte sie keinen Alchemisten mehr gesehen. Und jetzt stand hier einer in ihrem Gasthaus, verwandelte Steine in Geld und hatte einen Koffer voller Geheimnisse dabei …

Der letzte Alchemist, den das Gasthaus Zum Schimmel beherbergt hatte, war Letties Mutter gewesen. Aber die war schon lange weg und hatte genau drei Dinge hinterlassen: eine Nachricht, ihre Jacke und eine Lücke, die nie gefüllt werden konnte.

»Es ist lange her, dass wir einen Alchemisten hier hatten«, sagte Lettie zu dem Fremden, der an den Gurten nestelte, mit denen sein Koffer verzurrt war. »Der letzte ist durchs Fenster verschwunden.«

»Ich werde aufpassen, dass die Fenster immer geschlossen sind«, antwortete der Mann teilnahmslos.

»Wussten Sie eigentlich, dass dieses Gasthaus mithilfe von Alchemie erbaut wurde? Am Anfang war da nur Plunder und Gerümpel. Der wurde in einem Kessel mit bestimmten alchemistischen Zutaten vermischt, und am Ende wurde ein Haus daraus …«

»Ich hab keine Zeit für sinnloses Geschwätz!«, fuhr der Fremde sie an. »Entweder du tust, was ich dir sage, oder ich verwandle die Münzen ratzfatz wieder in kleine Kieselsteine.«

Lettie runzelte die Stirn. »Wer hier Gast ist, muss ein paar Regeln befolgen«, sagte sie. »Das Gästebuch liegt dort drüben. Da müssten Sie bitte Ihren Namen reinschreiben, wohin Sie unterwegs sind und was Sie dabeihaben.«

Der Mann stapfte zu dem Buch hinüber, wobei er frostige Fußabdrücke hinterließ, und nahm die Schreibfeder in die Hand.

»Habt ihr seine Zähne gesehen?«, raunte das Walross.

»Strahlend blau«, sagte die Glotzerin und stopfte eine Pfeife mit Pfefferminzblättern. »Und dann dieser Koffer …«

»Mahagoni«, sagte das Walross. Sie erbebte, ihre Kandelaber-Ohrringe klimperten. »Höchst ungewöhnlich.«

»Höchst interessant.«

Lettie eilte in die Küche, wo sie die Zimmerschlüssel vom Haken nahm. Periwinkle landete flatternd auf seiner Sitzstange. Eine Nachricht von Letties Vater baumelte von seinem Fuß herab:

Fast hätte ich das letzte Spiel gewonnen! Muss mir vielleicht noch ein paar Schilling borgen. Aber keine Sorge, ich hab heute ein richtig gutes Gefühl.
Kuss, Papa

Nach ein paar Bier hatte Letties Vater immer ein richtig gutes Gefühl.

Lettie schob den bösen Gedanken hastig beiseite, damit er nicht noch mehr von der Sorte nach sich zog.

»Ein paar Schilling borgen?«, murmelte sie. »Diesmal brauchst du das nicht zu tun.« Sie wandte sich an Periwinkle. »Ich gebe dir gleich eine Nachricht für Papa mit, Peri. Aber erst mal muss ich unseren neuen Gast empfangen. Der Mann hat ein schrecklich aufbrausendes Temperament. Und blaue Zähne. Ich muss endlich herausfinden, wie er heißt.«

Mit den Schlüsseln in der Hand ging Lettie wieder zurück ins vordere Zimmer. Der Alchemist schleuderte gerade die Schreibfeder hin und nahm ohne ein Wort seinen Koffer in die Hand. Lettie spitzelte ins Gästebuch – und erschauerte, als sie seinen Eintrag erblickte: Die rote Tinte hatte sich blau verfärbt.

Verwirrt schaute Lettie zwischen Feder und Gästebuch hin und her.

Der Fremde hatte sich nicht mit seinem Namen eingetragen.

Im Buch stand nur ein Wort: Schneehändler.

Lettie überlegte. Ein Händler war jemand, der etwas zu verkaufen hatte.

Aber was bitte war Schnee?

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2. Kapitel

EINE ERFINDUNG NAMENS SCHNEE

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»Was ist Schnee?«, fragte Lettie.

»Du bist meine Kundin«, erwiderte der Schneehändler. »Du wirst es bald erfahren.«

Wie Funken glühte die Aufregung in seiner Stimme. Lettie sah ihm an, wie nervös er war.

Aber warum nur?, fragte sie sich.

Der Schneehändler wuchtete seinen Koffer auf den Tisch, dessen Beine unter der Last ächzten.

»Ich hab noch nie einen Koffer aus Mahagoniholz gesehen«, sagte Lettie. »Und im Gastgewerbe bekommt man eine Menge Koffer zu sehen.«

»Er ist verschlossen und mit Blei ausgekleidet«, erklärte der Mann.

»Dann muss er furchtbar schwer zu tragen sein.«

»Der Inhalt muss unbedingt beschwert werden«, sagte der Schneehändler.

Lettie runzelte die Stirn. Dutzende und Dutzende unterschiedlichster Reisender hatte sie schon beherbergt, und alle hatten sie immer eines dabeigehabt: Gepäck. Aber einen Koffer wie diesen hatte sie wirklich noch nie gesehen. Preisboxer aus Bavolga auf der Suche nach neuen Gegnern waren mit ihren Lederhandschuhen hier gewesen; Schachspieler aus Issa, die auf ihren schwarz-weiß karierten Spielbrettern neue Züge ausarbeiteten; Parfümeure aus Parall, die leere Behälter zum Einfangen neuer Düfte bei sich trugen … Lettie wusste sogar, wohin die Walrossfrau mitsamt ihrem Gepäck als Nächstes wollte: zurück nach Laplönd. Zusammen mit der Glotzerin, um ihre neuen Kandelaber-Ohrringe herumzuzeigen, die von der Glotzerin entworfen worden waren.

Aber was hatte der Schneehändler dabei? Welche geheimnisvolle Ware wollte er an Lettie verkaufen?

Als die Uhr neben dem Tresen plötzlich zehn schlug, zuckte der Schneehändler erschrocken zusammen.

»Die kälteste Stunde der Nacht bricht bald an!«, schrie er voller Angst.

Lettie riss den Blick von seinem Koffer los. »Und ist das schlimm?«, fragte sie.

»Es bedeutet, dass wir nicht mehr viel Zeit haben!«

»Keine Zeit wofür?«, fragte das Walross.

»Für die Erschaffung! Für die Erschaffung von Schnee! Ich muss ihn doch erst machen, bevor ich ihn verkaufen kann. Und um ihn zu machen, brauche ich ein Zimmer!«

Lettie klimperte mit den Schlüsseln. »Welches Zimmer möchten Sie denn?«

»Nein, nein!«, brüllte der Schneehändler. »Ich habe keine Zeit zum Aussuchen!« Hastig sah er sich um. »Wir werden mit diesem hier Vorlieb nehmen müssen!«

Und bevor Lettie ihn aufhalten konnte, marschierte er auf den Kamin zu und begann einen Kampf gegen das Feuer. Als wären sie alte Feinde, fauchten und spuckten die Flammen ihm entgegen.

Der Schneehändler betrachtete sie verächtlich. Dann tauchte er mit einer Hand in seinen riesigen Mantel und nestelte suchend darin herum. Lettie hörte das Klimpern und Klirren der Fläschchen, als er der Reihe nach eine Tasche nach der anderen durchging.

»Da haben wir’s ja!«, rief er schließlich und holte ein kleines, gebogenes Glasbehältnis mit Pipettenverschluss hervor. Er schüttelte es vor seinem Gesicht und sah zu, wie der Inhalt von einer Seite zur anderen schwappte.

Sieht aus wie flüssiger Frost: bitterblau, grausam und eiskalt, dachte Lettie.

»Oh ja«, sagte der Mann mit bedrohlich sanfter Stimme. »Das kommt euch bekannt vor, nicht wahr? Äther … Es wird euch den Tod bringen.«

Die zwei Frauen in den Lehnsesseln wimmerten, Lettie wich bebend zurück. Aber dann wurde ihr klar, dass der Schneehändler nicht mit ihnen gesprochen hatte, sondern mit den Flammen. Peinlich berührt starrte sie ins Feuer, das sich ängstlich in die Ecken des Kamins verzogen hatte.

Der Schneehändler öffnete das Fläschchen. Lettie bekam sofort eine Gänsehaut. Der Äther schien die Wärme aus dem Zimmer zu saugen wie ein Blutegel das Blut aus der Haut.

»Ist ziemlich schwer erhältlich«, erklärte der Schneehändler. »Und eigentlich unmöglich in Flaschen abzufüllen – aber ich bin ja nicht umsonst ein Genie.«

Er drückte die Pipette zusammen, und ein Tropfen Äther wurde ins Röhrchen gesaugt.

Dann wandte er sich Lettie zu. »Wäre vielleicht besser, wenn du eine Lampe anmachst.«

»Warum?«, fragte sie zitternd. »Was bewirkt denn der Äther?«

Der Schneehändler lachte laut. »Nun ja, Äther ist Alchemie. Und was tun wir Alchemisten? Wir verändern Dinge. Jede alchemistische Substanz bewirkt eine andere Veränderung. Mammonia verwandelt Kieselsteine in Schillinge. Gastromajus, ein anderer Trank aus meiner Sammlung, verwandelt Leute in ihre zuletzt eingenommene Mahlzeit.«

»Und was bewirkt Äther?«, wiederholte Lettie.

»Er verändert die Temperatur!«, erwiderte der Schneehändler und träufelte den Äthertropfen ins Feuer. Augenblicklich erloschen die Flammen, der Raum wurde in tiefe Dunkelheit getaucht. Und in einen seltsamen Geruch, als liege ein Sturm in der Luft. Die zwei Frauen in den Lehnsesseln schrien auf, der Schneehändler fluchte: »Ich hab doch gesagt, du sollst Licht machen!«

Lettie tastete sich bis in die Küche, fand dort eine Lampe und brachte sie mit zurück. Nach einer Weile gewöhnten sich ihre Augen an das schwache Licht. Der Schneehändler zog die Vorhänge auf, um die wolkenlose Nacht hereinzulassen. Mondstrahlen sickerten ins Zimmer und fanden sich auf den Fenstersimsen zu wächsernen Pfützen zusammen. Der ganze Raum sah aus, als wäre er in teures Silber getaucht. Die Teller, die neben dem Pianola aufgereiht standen, glänzten wie überdimensionale Münzen.

»So gefällt mir das Zimmer fast noch besser«, sagte Lettie.

»Mir nicht!«, entgegnete das Walross und erhob sich aus dem Lehnsessel, ihren Mantel eng um sich gewickelt. Sie trug eine gepuderte Perücke, die ihr eine Größe zu groß war und ihr deswegen ständig in die Stirn rutschte. Ihre mit Diamanten verzierten Kandelaber-Ohrringe baumelten hell klirrend hin und her.

»Die Kälte dringt ja bis in die Knochen!«, jammerte sie. »Eine Tasse Tee wäre wohl das Mindeste. Mit Sahne und drei Stück Zucker … nein, lieber fünf.«

»Ich nehme Pfefferminz«, fügte die Glotzerin hinzu. »Mit einem Schuss Rum.«

Aber Lettie hatte keine Lust, jetzt den Teekessel aufzusetzen. Ihr Kopf war ein einziger Kessel voll brodelnder Fragen.

»Wissen Sie denn, was Schnee ist?«, fragte sie die beiden alten Frauen.

Das Walross lächelte süßlich. »Das ist nicht die Frage, die du jetzt stellen solltest.«

»Und warum nicht?«

»Weil es hier jetzt nicht um diese Frage geht«, erwiderte das Walross, die Stimme um mehrere Töne angehoben.

»Um welche Frage geht es denn dann?«

»Die Frage, die sich hier stellt«, kreischte das Walross, »lautet: Wie oft muss man hier als Gast um eine Tasse Tee bitten, bis man sie endlich bekommt?!«

»Ruhe!«, zischte der Schneehändler und tröpfelte etwas von dem Äther auf die Pianolatasten. »Sie können sich glücklich schätzen, dass ich Sie überhaupt an meinem alchemistischen Tun teilhaben lasse.«

»Uns glücklich schätzen?«, schrie das Walross. »Wir sitzen hier auf dieser kleinen, trostlosen Insel fest und warten auf ein Schiff nach Laplönd. Das ist kein Glück, sondern Folter!«

Lettie wusste all dies schon längst aus ihrem Gästebuch. Die Walrossfrau war weit weg in Bohemien gewesen, wo die Glotzerin ihr ein besonderes Paar Kandelaber-Ohrringe angefertigt hatte. Nun waren sie beide auf dem Rückweg nach Laplönd, um mit den Ohrringen anzugeben.

Die Glotzerin rieb über die Ringe an ihren Händen. Lettie konnte an einem ihrer Finger mindestens sieben zählen (die Glotzerin hatte für jemanden mit ihrer kleinen Statur erschreckend lange Finger).

»Ich weiß nicht, was schlimmer ist«, sagte die Frau, »die ewige Langeweile oder die Frostbeulen.«

»Der Wind, der ist am allerschlimmsten«, schnaubte das Walross. »Der lässt das Gasthaus so hin und her schwanken, dass einem ganz anders davon wird …«

»Ich versuche gerade, diesen Raum einzufrieren!«, donnerte der Schneehändler dazwischen und knallte den Pianoladeckel zu. »Und Sie füllen ihn ständig aufs Neue mit heißer Luft! Jetzt bleiben Sie endlich mal ruhig sitzen!«

Außer sich vor Wut starrte das Walross ihn an. Aber dann ließ sie sich doch wieder in ihren Lehnsessel plumpsen.

»Ich will eine Tasse Tee«, verkündete sie und wedelte mit ihrem fleischigen Zeigefinger durch die Luft. »Für eine Dame meines Formats wird es hier doch wohl eine Tasse Tee und ein Stück Kuchen geben!«

»Madam«, ging der Schneehändler dazwischen. »Wenn Sie sich noch mehr Kuchen reinzwängen, wird Ihr … Format bald Ihren Mantel sprengen.«

»Wie können Sie es wagen?! Sobald wir in Laplönd sind, werde ich in Sachen Mode die Königin sein!«

»Aber solange Sie hier sind, sind Sie nur die Königin des sinnlosen Gebrabbels«, gab der Schneehändler zurück. »Wenn Sie jetzt freundlicherweise die Klappe halten würden, damit ich meine Arbeit machen kann.«

Lettie schlug sich eine Hand vor den Mund, um ein Kichern zu unterdrücken.

Sprachlos vor Entsetzen starrte das Walross den Fremden an.

Die Glotzerin erhob sich zu ihrer vollen Größe von anderthalb Metern und klemmte sich die Sucherbrille vors Gesicht, um den Schneehändler eindringlicher betrachten zu können.