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Letterland – Die Diamantenquelle

Über die Autorinnen

Johanna Trommer, geboren 1981, wuchs in Stuttgart auf und absolvierte dort nach einem einjährigen USA-Aufenthalt ihr Abitur an einem humanistischen Gymnasium. Während des anschließenden Design-Studiums an der staatlichen Hochschule in Köln, das sie 2008 mit dem Diplom abschloss, begann sie die Arbeit an diesem ersten Teil der »Grammaton-Saga«. Heute lebt Johanna Trommer wieder in ihrer Heimatstadt Stuttgart, wo sie sich größtenteils dem Schreiben und gerne auch ihrer anderen großen Leidenschaft, der klassischen Musik, widmet.

Meryem Natalie Akdenizli, 1980 in Stuttgart geboren, ist Konzertpianistin. Sie wurde mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet und war im Rundfunk und Fernsehen zu hören. Im Alter von 15 Jahren debütierte sie in der Stuttgarter Liederhalle und gibt heute jährlich weltweit über 40 Konzerte. Außerdem engagiert sie sich dafür, Jung und Alt die klassische Musik näherzubringen. Mit eigens hierfür konzipierten Gesprächskonzerten gastiert sie nicht nur in großen und kleinen Konzertsälen, sondern auch an Schulen. Schon als Kind entdeckte sie ihre Liebe zum Lesen und Erfinden von Geschichten und hat nun mit ihrer Arbeit an diesem Jugendbuch ihr künstlerisches Tätigkeitsfeld über die Musik hinaus erweitert.

Johanna Trommer
und Meryem Natalie Akdenizli

LETTERLAND

Die Diamantenquelle

Ein Roman der
GRAMMATON-SAGA

INHALT

  1. 1. Ein Hilferuf
  2. 2. Enthüllungen
  3. 3. Unbekannte Zeiten
  4. 4. Der Wald der tanzenden Schatten
  5. 5. Pin
  6. 6. Schloss Adamantan
  7. 7. Ein unverhofftes Angebot
  8. 8. Gefährliche Routen
  9. 9. Der Aufbruch
  10. 10. Über eisige Gipfel
  11. 11. Rahotep
  12. 12. Die Wüste Nihil
  13. 13. Die steinerne Wächterin
  14. 14. Die Mondensängerin
  15. 15. Die Mutprobe
  16. 16. Die Macht der Liebe
  17. 17. Im Turm
  18. 18. Die Elf Weisen
  19. 19. Die Quelle der Weisen
  20. 20. Die roten Soldaten
  21. 21. Traurige Rückkehr
  22. 22. Die Stadt an der Yara
  23. 23. Der Fliegende Holländer
  24. 24. Getrennte Wege
  25. 25. Livnah
  26. 26. Gefangen im Baumhaus
  27. 27. Die Gruft der Könige
  28. 28. Die geheime Waffe
  29. 29. Zaidas wahre Pläne
  30. 30. Pins Versteck-Baum
  31. 31. Hart auf hart
  32. 32. Ein Wettlauf durch die Hölle
  33. 33. Im Bann der Opterons

schmetterling

1. EIN HILFERUF

In der Bibliothek war es ungewöhnlich still. Tinka saß fast ganz allein in dem Saal, sodass niemand sehen konnte, wie fassungslos sie auf den Brief starrte, der vor ihr lag. Die Seiten des aufgeschlagenen Buches darunter schienen ihr mit einem Mal völlig unbedeutend.

Unentschlossen hatte sie gerade eben noch zwischen den großformatigen Buchseiten der Odyssee geblättert, als sie das sonderbar bedruckte, lose Schriftstück darin entdeckte. Auf den ersten Blick sah es aus, als bestünde der Text auf dem Blatt aus Zeitungsschnipseln, so wie Tinka es von Drohbriefen oder Ähnlichem aus Filmen kannte. Aber das war nicht der Fall. Die Buchstaben waren einfach nur völlig unregelmäßig aneinandergereiht, und sie sahen auch verschieden aus. Das Papier schien irgendwo herausgerissen worden zu sein, jedenfalls besaß es keine sauber geschnittenen, sondern ganz unregelmäßige Kanten.

So harmlos sie klangen – die ersten Worte, die da geschrieben standen – sie jagten Tinka dennoch einen kalten Schauer über den Rücken.

»Sehr geehrte Tinka«, stand da.

Der Brief war wirklich an sie persönlich gerichtet! Aber wie konnte jemand wissen, dass ausgerechnet sie dieses Blatt Papier finden würde? Und woher wusste dieser jemand ihren Namen?

Tinka schüttelte sich unwillkürlich. Sie fand diese Angelegenheit reichlich unheimlich.

Wie von unsichtbarer Macht getrieben, vergewisserte sie sich, dass sie von niemandem beobachtet wurde, dann faltete sie den Zettel hastig zusammen und steckte ihn ungelesen in ihre Jackentasche. Nervös strich sie sich eine ihrer widerspenstigen, dunklen Haarlocken aus dem Gesicht, klappte den großen, in Leder eingebundenen Buchdeckel eilig wieder zu und stellte die kostbare Ausgabe zurück an ihren Platz im Regal. Jetzt wollte sie schnell nach Hause, um den geheimnisvollen Brief dort in Ruhe und ganz genau zu lesen.

Vielleicht hatte sie sich ja vor lauter Aufregung getäuscht, und in dem Brief stand gar nicht »Sehr geehrte Tinka«. Welch außergewöhnliche Anrede das war!

Denkbar, dass dort irgendetwas ganz anderes stand und sie sich nur verlesen hatte. Möglicherweise war diesmal wirklich ihre Fantasie mit ihr durchgegangen, wie es ihre Mutter nicht nur ein Mal behauptet hatte.

Ihre Eltern würden noch bei der Arbeit sein, Tinka könnte also völlig ungestört überprüfen, was sie da gefunden hatte.

Mit eiligen Schritten lief sie nach Hause. Was mochte nur in diesem mysteriösen Brief stehen? Und war er tatsächlich an sie gerichtet? Oder war es vielleicht nur eine völlig unbedeutende Notiz, die ihr durch blanken Zufall in die Hände gefallen war? Tinka war sich allerdings vollkommen sicher, dass dieses Blatt Papier erst kürzlich in das Buch gelangt sein musste. Denn sie hatte in letzter Zeit häufiger in diesem Werk mit den Geschichten des heldenhaften Odysseus gelesen oder sich einfach nur die wunderschön gezeichneten Illustrationen angeschaut – mit Sicherheit wäre ihr doch jede noch so kleine Veränderung aufgefallen.

Bald war Tinka vor ihrer Wohnungstür angelangt und kramte in ihrem völlig überfüllten Rucksack ungeduldig nach dem Schlüssel. Als sie ihn gefunden hatte, beeilte sie sich, in ihr Zimmer zu kommen. Kurz streichelte sie noch ihrem Kater Balthasar über den schwarzen Kopf, bevor sie ihre Jacke auszog und aufs Bett warf, sich an den Schreibtisch setzte und das Papier aus der Tasche zog, um es auf der Tischplatte auszubreiten und glatt zu streichen. Gespannt schaute sie auf die verschieden großen Buchstaben unterschiedlicher Gestalt und fing endlich an zu lesen:

Sehr geehrte Tinka,

die Bewohner der Buchstabenwelt befinden sich in großer Gefahr! Bitte mach dich so schnell wie möglich auf den Weg zu uns!

Du bist unsere letzte große Hoffnung.

Wende dich umgehend an den Antiquar Antonius, er wird dir helfen! Sein Antiquariat befindet sich ganz in deiner Nähe.

Ehrfurchtsvoll,

Arthur,

Senatsvorsitzender und Verantwortlicher für Sicherheiten und die Bekämpfung drohender Gefahren in Grammaton.

Post Scriptum: Wichtig – bitte bring diesen Brief unbedingt zu uns zurück, damit die Buchstaben darauf wieder befreit werden können!

Tinka lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. Ihre Gedanken überschlugen sich und wirbelten alles in ihrem Kopf durcheinander. Sollte sich jemand einen Scherz mit ihr erlaubt haben? Aber wer? Irgendjemand wusste auf jeden Fall, welches ihr liebstes Buch in der Großen Bibliothek war. Wie sonst hätte derjenige den Brief so zielsicher für sie platzieren können?

Aber es gab nur drei Menschen, die davon wussten. Das waren ihr Vater, ihr Zwillingsbruder Benjamin und ihre beste Freundin Isabell. Und ihnen würde es mit Sicherheit nicht einfallen, aus Spaß einen derartig absurden Brief an sie zu schreiben. Zudem lag ihr Bruder im Krankenhaus und war also gar nicht imstande, so etwas zu tun.

Bei dem Gedanken an Benjamin überfiel Tinka ein tiefer Kummer. Er war bei einem Autounfall schwer verletzt worden und lag schon seit einigen Monaten im Koma. Voll Traurigkeit dachte sie daran, dass er einst ebenso lebensfroh, gesund und glücklich gewesen war wie seine Zwillingsschwester. Tinka und ihr Bruder waren sich immer besonders nahe gewesen. Er fehlte ihr unglaublich, und sie litt sehr unter seinem noch immer kritischen Zustand.

Sie schüttelte die bitteren Gedanken ab und blickte immer wieder auf diese Buchstaben, auf diese geheimnisvollen Lettern.

Der Antiquar Antonius – wer sollte das denn sein?

Und eine Buchstabenwelt namens Grammaton?

Aus Büchern waren Tinka viele Welten vertraut, und sie hatte immer an eine besondere Macht der Buchstaben geglaubt – aber eine Buchstabenwelt? Und sie sollte dieselbe vor irgendetwas retten?

Unterdessen war Balthasar auf ihren Schreibtisch gesprungen und hatte sich auf das Stück Papier gesetzt. Gerade wollte sie ihren Kater sanft zur Seite schieben, als dieser pfeilschnell auf etwas reagierte, was auf dem Schriftstück unter seinen Samtpfoten passierte. Auch Tinka hatte es gesehen.

Das A im Namen Arthur hatte sich bewegt!

Es war von seinem Platz aus ein paar Zentimeter nach links gerückt und dann, Balthasars schwarzer Tatze ausweichend, mit einer ruckartigen, leicht gehetzten Bewegung wieder an seinen ursprünglichen Platz gesprungen. Balthasar sah augenscheinlich keinen Grund zur Verwunderung, denn er saß inzwischen wieder unbeweglich auf dem Tisch und blickte sie leise schnurrend mit seinen smaragdgrünen Augen an. Dennoch war Tinka froh, dass auch er anscheinend etwas bemerkt hatte – spätestens an diesem Punkt hätte sie sonst nämlich gedacht, ihre ausgeprägte Fantasie hätte sie nun endgültig in einen bisher noch unerforschten Wahnsinn getrieben.

Aber sie hatte es gesehen.

Und sie hatte einen Zeugen. Dieser war zwar nur ein rabenschwarzer Kater, welcher der ganzen Situation ziemlich gleichgültig gegenüberstand, aber genau das machte die Sache umso glaubwürdiger. Denn keine Katze würde mit ihrer Pfote in einer derartigen Geschwindigkeit ausholen, wenn sich nichts in ihrer Nähe bewegte.

Tinka hielt den Atem an und starrte abermals einige Minuten lang auf die Buchstaben, die nun allerdings wieder reglos auf ihren Plätzen ruhten.

Das machte alles irgendwie keinen Sinn. Sie musste sich mit jemandem beraten. Und die einzige Person, die dafür infrage kam, war ihre beste Freundin.

Sorgfältig, aber auch mit einem etwas mulmigen Gefühl, faltete Tinka den Brief wieder zusammen und steckte ihn in ihre Jacke, um sich damit auf den Weg zu Isabell zu machen. Mit dieser teilte Tinka zwar nicht gerade ihre Vorliebe für Bücher – Isabell beschäftigte sich lieber mit Zahlen und Rechenaufgaben, was sie aus irgendwelchen Gründen für wesentlich interessanter hielt –, dafür aber teilten die beiden Mädchen jedes Geheimnis.

Ein schriller Ton erscholl hinter der Tür. Tinka hatte den Klingelknopf gedrückt und wartete ungeduldig darauf, dass Isabell öffnete.

»Isa, komm mit!«, rief sie ganz außer Atem, als ihre Freundin verwundert im Wohnungseingang erschien. Sie war den ganzen Weg vor Aufregung gerannt und flitzte jetzt an Isabell vorbei in deren Zimmer.

»Was? Sag mal, spinnst du? Hast du vielleicht gerade den Geist von Canterville getroffen?«, fragte Isabell in einem belustigten Tonfall. Sie war es gewohnt, ständig von irgendwelchen berühmten Figuren zu hören, denen Tinka in ihren Büchern begegnet war.

»Quatsch! Sieh dir das an!« Tinka war gerade gar nicht zu Scherzen aufgelegt. Sie faltete den Brief sorgfältig auseinander und legte ihn, nachdem sie Isabells Schulsachen unsanft zur Seite geschafft hatte, auf den Schreibtisch. Mit kritischem Blick überzeugte sie sich davon, dass alle Buchstaben noch auf ihren Plätzen waren, wandte sich dann um und sagte nur: »Lies!«

Isabell schüttelte leicht den Kopf, nun doch erstaunt über Tinkas merkwürdiges Verhalten. Sie wollte schon etwas Spöttisches sagen, bemerkte dann aber den seltsamen Gesichtsausdruck ihrer besten Freundin und beugte sich widerwillig über den Tisch. Als sie kurz darauf wieder zu Tinka aufsah, war ihren Augen eine Mischung aus Belustigung und Sorge abzulesen.

»Wo hast du denn den Quatsch her?«

Nun erzählte Tinka mit einer derartigen Hast die ganze Geschichte, wo und wie sie diesen Brief gefunden hatte und davon, wie sich das große A bewegt hatte, dass sogar Isabell, die eine äußerst schnelle Auffassungsgabe hatte, nur mit größten Schwierigkeiten den heraussprudelnden Sätzen folgen konnte.

»Isa, es hat sich bewegt!« Tinka schrie jetzt fast.

»Jetzt beruhige dich bitte erst mal und setz dich hin. Also Arthur hat sich bewegt und Balthasar hat es gesehen …« Isabells kritischer Blick sprach Bände.

»Nein!! Nur das A hat sich bewegt!«

Tinka hatte sich keineswegs beruhigt, auch wenn sie sich mittlerweile auf Isabells Bett niedergelassen hatte und wenigstens nicht mehr so heftig zappelte.

»Also gut. Dann eben nur das A. Aber vielleicht hat Balthasar auch nur eine Fliege gesehen und deshalb mit seiner Pfote ausgeholt?« Offensichtlich war Isabell nicht so leicht von der Tatsache zu überzeugen, dass es sich hier um alles andere als ein Missverständnis handelte.

»Isa, da war keine Fliege! Ich bin mir sicher! Ich habe ganz genau beobachtet, dass Balthasar nach dem Buchstaben und nichts anderem gefasst hat! Und schließlich habe ich es selbst auch gesehen, wie das A hin- und wieder zurückrückte! Bitte, Isa, das musst du mir glauben. Du bist die Einzige, mit der ich darüber reden kann!«

Isabell atmete mit leicht zusammengepressten Lippen zweimal tief durch und sagte nachdenklich: »Gut. Also gehen wir mal davon aus, dass du dich nicht geirrt hast und dieses mysteriöse Schriftstück hier ernst gemeint ist. Dann gibt es also eine Buchstabenwelt, die aus irgendeinem Grund in Gefahr ist und deine Hilfe benötigt, weshalb du dich umgehend mit einem Antiquar namens Antonius in Verbindung setzen sollst.«

»Ja«, sagte Tinka. Dem gab es nichts mehr hinzuzufügen. Isabells sachliche Zusammenfassung ließ das Ganze beinahe noch absurder erscheinen. Dennoch konnte Tinka nicht anders – sie musste das Geheimnis des Briefes ergründen!

»Aha«, fuhr Isabell nun in demselben sachlichen Ton fort. »Und was willst du jetzt machen? Vielleicht bei der Auskunft anrufen und nach der Adresse von einem gewissen Antiquar mit dem Namen Antonius fragen?«

»Genau! Das ist eine super Idee!« Tinkas Blick hellte sich auf.

Isabell hatte zwar eigentlich versucht, ihrer Freundin die Unsinnigkeit des Ganzen vor Augen zu führen, erzielte aber das Gegenteil.

»Vielleicht gibt es diesen Antonius ja wirklich«, rief Tinka enthusiastisch. »Und dann kann ich ihn ja mal besuchen gehen und fragen, was er von dem Brief hält! Und wenn er keine Ahnung hat und mich für eine Verrückte hält, dann weiß ich ja Bescheid.«

»Worüber?«, fragte Isabell, leicht verärgert, Tinka versehentlich auch noch ermutigt zu haben. Andererseits hatte sie sich auch keine allzu großen Hoffnungen gemacht, ihre Freundin so schnell von ihrer Überzeugung und ihrem Eifer abbringen zu können.

»Darüber, dass sich wohl doch jemand einen Scherz mit mir erlaubt hat. Wenn es diesen Antonius aber tatsächlich gibt und er die Geschichte in diesem Brief bestätigen und mir vielleicht mehr darüber erzählen kann, und …«

»Halt!«, rief Isabell, die sich inzwischen damit abgefunden hatte, dass Tinka wohl erst einmal nicht lockerlassen würde. »Also gut. Dann schau doch als Erstes einfach mal im Branchenbuch nach, ob du dort sein Antiquariat finden kannst.«

»Gute Idee! Wo habt ihr denn eure Telefonbücher?« Tinka konnte es kaum erwarten. Irgendetwas gab ihr das sichere Gefühl, dass es diesen Antiquar gab. Also würde sie bestimmt auch herausfinden, wer dieser Antonius war und wo er lebte.

»Warte, ich hol es dir aus der Küche.«

Doch schon sprang Tinka auf und lief Isabell hinterher. In der Küche ließ sie sich auf einem der Hocker nieder, die den großen Holztisch im Zentrum des Raums umsäumten, und schlug eilig das Branchenbuch auf, das Isabell ihr hingelegt hatte.

»A, Af, An… hier … Antiquariate. Es ist natürlich blöd, dass ich den Nachnamen von diesem Antonius nicht weiß …«

Tinkas Augen huschten blitzschnell über die Namen der verzeichneten Antiquariate und deren Besitzer, bevor sie enttäuscht aufsah.

»Einen Antonius gibt es hier nicht.«

Isabell konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen, unterdrückte es jedoch schnell wieder, als Tinka zu ihr aufblickte. Sie wollte ihre Freundin nicht noch mehr in Aufregung versetzen.

»Ich ruf die Auskunft an. Schließlich können die auf alle Adressen und Nummern zugreifen, nicht nur auf die in unserer Gegend«, entschied Tinka, nach wie vor voller Entschlossenheit. Auch wenn es in dem Brief hieß, dass dieses Geschäft in der Nähe sei – es musste sich schließlich nicht um die gleiche Stadt handeln. Isabell seufzte, hielt allerdings jeglichen Einspruch für zwecklos und überreichte Tinka das Telefon.

Rasch wählte Tinka die Nummer der Auskunft.

»Guten Tag, Tinka Behrendt mein Name«, ließ sich einen Moment später eine aufgeregte Stimme vernehmen. »Ich wüsste gerne, ob Sie einen Antiquar namens Antonius für mich ausfindig machen könnten.« Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: »Nein, leider weiß ich den Nachnamen nicht. Aber Sie müssen mir bitte helfen, es ist wirklich sehr dringend!«

Anscheinend war Tinkas Anruf wenig erfolgreich, denn kurz darauf sagte sie: »Ja, danke, auf Wiederhören.« Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Schweigend blickte sie auf einige glänzende Kochtöpfe, die frisch gespült auf der Anrichte standen.

Isabell überlegte erneut, wie sie ihrer Freundin die irrsinnige Idee ausreden konnte, der Spur eines sicherlich nicht einmal existierenden Antiquars nachzugehen.

»Tinka, bitte, denk doch mal vernünftig nach«, bat sie schon fast flehentlich. »Mit Sicherheit nimmt dich jemand auf den Arm. Und derjenige wird einiges zu lachen haben, wenn er erfährt, dass du in seine Falle getappt bist!« Doch ihr Versuch blieb erfolglos.

»Genau. Nachdenken. Das werde ich jetzt tun. Ich werde erst mal wieder nach Hause gehen«, antwortete Tinka, immer noch mit angestrengter Miene. Gerade wollte Isabell etwas darauf erwidern, doch Tinka war bereits auf dem Weg, ihre Sachen zu holen. Sie verabschiedete sich noch mit einem kurzen, wohl auch ein wenig beleidigten »Tschüss, Isa« und war sogleich verschwunden.

Etwas mehr Begeisterung und Verständnis hätte sie von ihrer besten Freundin durchaus erwartet. Aber Isa verspürte einfach nicht dieses unbeschreibliche Gefühl, das ihrem eigenen Innern zuflüsterte, dass in diesem Brief die Wahrheit über etwas ganz Ungeheuerliches steckte.

Doch wie konnte sie diesen Antonius ausfindig machen? Es musste irgendeine Möglichkeit geben!

Erst als sie etwa zehn Minuten später das Portal der Großen Bibliothek erblickte, kam Tinka eine Idee. Vielleicht, dachte sie, kennt ja einer der Bibliothekare diesen Antonius!

Zielstrebig marschierte sie dem vertrauten Gebäude entgegen und lief direkt auf das Treppenhaus zu, um in die erste Etage zu gelangen. Natürlich kannte Tinka die meisten Bibliothekare hier. Mit ein wenig Glück würde sie zu dieser Zeit sogar Bendix antreffen. Er war ein liebenswerter junger Mann, der sich stets über Tinkas Besuche in der Bibliothek freute und ihr schon oft mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte, wenn sie mal wieder etwas ganz Bestimmtes suchte oder brauchte. Meistens hielt sich Bendix im ersten Stock bei den Kinderbüchern auf. Tatsächlich musste Tinka nicht lange suchen. Nachdem sie zwei der zahlreichen Gänge durchstreift hatte, die auf beiden Seiten bis unter die Decke von farbenprächtigen Buchrücken eingesäumt waren, erblickte sie ihn. Bendix stand gerade auf einer der Leitern und sortierte die Bücher in einem Regal, das mit den Worten Kinder – Erzählungen und Kurzgeschichten, B bezeichnet war. Als er Tinka sah, hellten sich seine Züge auf.

»Hallo, Tinka!«, rief er zu ihr hinunter. »Suchst du heute etwas aus der Kinderabteilung? Ich dachte, du liest nur noch die Geschichten für die ganz Großen!«

Er lachte. Tinka hingegen lächelte nur kurz und sagte: »Hallo, Bendix. Ich muss dich etwas fragen. Sag mal, hast du schon mal etwas von einem Antiquar namens Antonius gehört? Er soll ein eigenes Antiquariat haben.«

»Hmm …«

Bendix stellte das Buch, das er in seinen Händen gehalten hatte, wieder ordentlich ins Regal zurück und sah Tinka an.

»… ich glaube nicht. Wer soll das denn sein?«

Mit dieser Frage hatte Tinka nicht gerechnet. Aber natürlich würde sie niemandem etwas von dem Brief erzählen. Schnell legte sie sich eine Lüge zurecht, auch wenn sie das Bendix gegenüber nur sehr ungern tat: »Ach, ich habe nur gehört, dass er so ein besonders schönes Antiquariat mit sehr seltenen alten Exemplaren und Originalen besitzen soll«, antwortete sie. »Ich dachte, das könnte ich mir ja bei Gelegenheit mal anschauen!«

Zu Tinkas Erleichterung stellte Bendix keine weiteren Fragen und sagte nach einer kurzen Überlegung: »Tut mir leid, Tinka, ich kenne ihn leider nicht. Aber frag doch mal Herrn Abel, den Bibliothekar von oben. Der hat ziemlich viele Kontakte dieser Art, weil er selber ein großer Sammler alter Werke ist! Er könnte dir vermutlich weiterhelfen.«

Herrn Abel hatte Tinka nicht gerade in ihr Herz geschlossen, da dieser bekannt dafür war, die gesamte Bibliothek für Kinder am liebsten unzugänglich machen zu wollen. Er glaubte, dass Kinder mit Büchern nicht umgehen konnten, und war deswegen nicht sehr gut auf sie zu sprechen. Trotzdem verabschiedete sich Tinka von Bendix und machte sich direkt auf die Suche nach Herrn Abel. Sie fand den griesgrämigen alten Mann im dritten Stockwerk, wo er gerade den verletzten Rücken eines beachtlich alten Buches mit zusammengekniffenen Augen begutachtete.

Mit dem freundlichsten Gesichtsausdruck, den sie auf Anhieb zustande brachte, gesellte sich Tinka zu ihm und erklärte: »Herr Abel, entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie bei der Arbeit störe, aber ich habe nur eine Frage: Kennen Sie einen Antiquar mit dem Namen Antonius? Er soll nicht allzu weit von hier ein eigenes Antiquariat besitzen.«

Der Griesgram schaute sie erst eine Weile unwillig an, brummte dann jedoch: »Ja, kenn ich. Sitzt auf seinen Büchern wie die Henne auf den Eiern.«

Tinkas Herz machte einen Sprung. Da sich Herr Abel allerdings in dem Moment nicht weiter äußerte, sondern sich stattdessen wieder seine randlose Brille aufsetzte, um sich ganz dem vor ihm liegenden Buchrücken zu widmen, sprach Tinka ihn erneut an: »Ja, und würden Sie mir vielleicht noch freundlicherweise mitteilen, wo ich ihn finden kann und wie er mit Nachnamen heißt?«

Man sah dem alten Herrn deutlich an, dass seine Geduld stark strapaziert wurde. Schließlich antwortete er aber dennoch, auch wenn er währenddessen nicht von seiner Arbeit aufblickte: »Ich weiß zwar nicht, was dich das angeht, aber meinetwegen. Den Nachnamen weiß ich nicht. Den weiß keiner. Sein Geschäft ist in Wien in der Innenstadt. Goldschmiedgasse 20. Und nun lass mich gefälligst in Ruhe, Kind.«

Es lag eine gehässige Betonung auf dem Wort Kind, aber das war Tinka zu diesem Zeitpunkt völlig gleichgültig. Während sie innerlich über ihren Erfolg jubelte, bedankte sie sich freundlich und verabschiedete sich von dem Alten, der nur noch ein unverständliches Grummeln von sich gab.

Auf dem Weg nach Hause traf sie die Entscheidung, Antonius möglichst bald in seinem Antiquariat aufzusuchen, um mehr über die geheimnisvollen Zeilen des Dokuments zu erfahren. Noch war Tinka mit ihrem Kater alleine zu Hause, aber es würde sicher nicht mehr lange dauern, bis ihre Eltern zurückkamen.

Balthasar war sichtlich entzückt über ihre Anwesenheit. Er hatte Tinka schon an der Tür begrüßt und lief nun, lautstark sein immenses Hungergefühl bedeutend, in die Küche voraus. Tinka folgte ihm, um seinen Fressnapf mit dem stark riechenden Inhalt einer Katzenfutterdose zu füllen, in den der Kater sogleich äußerst zufrieden und gierig seine rosa Nase steckte.

Währenddessen griff Tinka eilig zum Telefon und wählte Isabells Nummer. Ungeduldig schob sie sich den Telefonhörer unter ihre kastanienfarbene Lockenmähne und wartete auf das Freizeichen.

»Hallo, Isa!«, sagte Tinka aufgeregt, als ihre Freundin sich meldete, und berichtete, was sie in der Bibliothek erfahren hatte.

»Isa, ich muss da unbedingt hin! Aber was soll ich meinen Eltern erzählen? Du musst mir helfen! Wir brauchen ja nur einen Tag –«

»Wieso W I R?«, ertönte es wie aus der Pistole geschossen aus Tinkas Hörer.

»Jetzt warte doch mal«, sagte Tinka fast beschwörend. »Könnten wir nicht zusammen nach Wien fahren?«

»Hm … keine Ahnung …«

Isabell wirkte immerhin nicht mehr ganz so ablehnend, was Tinka dazu veranlasste, so schnell weiterzureden, dass sie kaum dazu kam, Luft zu holen:

»… und wir sagen unseren Eltern einfach, dass wir gerne zu zweit einen Ausflug machen würden, ja? Isa, bitte, komm doch mit!«

»Also, ich weiß wirklich nicht, ob meine Eltern das erlauben würden …«, brummte Isabell unschlüssig.

»Ach Isa! Deine Eltern erlauben es doch bestimmt, wenn meine es auch tun. Und meine Eltern sind wahrscheinlich froh, wenn ich zur Abwechslung mal nicht den ganzen Tag meine Nase in Bücher stecke.«

Tinka war eine Meisterin, wenn es darum ging, Isabell zu irgendwelchen Dingen zu überreden. Und sie erreichte ihr Ziel:

»Also gut«, ließ sich Isabells Stimme vernehmen. »Ich frag mal meine Eltern, was sie davon halten. Aber ich kann nichts versprechen!«

»Sehr gut. Und ich such schon mal einen Zug raus und sage auch meinen Eltern Bescheid. Lass uns dann später noch mal telefonieren, ja?«, sagte Tinka vergnügt. Nachdem sie sich verabschiedet hatten, ging Tinka in ihr Zimmer und ließ sich auf ihr Bett fallen. Sie verspürte ein unbeschreibliches, nervöses Kribbeln im Bauch. Irgendetwas an diesem Brief war durch und durch seltsam –, und schon bald würde sie mehr darüber erfahren.

Heute war Mittwoch. Sie hatten also noch zwei Tage Zeit, alles vorzubereiten. Gleich morgen nach der Schule würde sie zum Bahnhof gehen und von ihrem Taschengeld zwei Fahrscheine nach Wien für Samstagmorgen kaufen.

Wenig später stürmte Tinka nach unten ins Wohnzimmer und erzählte ihren Eltern von dem Plan. Diese reagierten zum Glück wie erwartet und hatten nichts gegen den geplanten Ausflug nach Wien einzuwenden. Ihre Mutter hielt es sogar für eine richtig gute Idee und fing unverzüglich damit an, Tinka sämtliche Sehenswürdigkeiten der Stadt aufzuzählen, die sie sich auf keinen Fall entgehen lassen dürften. Obwohl Tinka kaum bei der Sache war, gab sie sich möglichst interessiert, was ihre Mutter umso fröhlicher stimmte.

Wenig später telefonierte sie noch einmal mit ihrer Freundin. Isabell hatte es offensichtlich mehr Überredungskünste abverlangt, ihre Eltern von ihrem Vorhaben zu überzeugen, aber sie hatte es immerhin geschafft. Sie durften zusammen nach Wien fahren.

Die nächsten drei Nächte und die zwei dazwischenliegenden Tage kamen Tinka quälend lang vor.

Am Donnerstagnachmittag besuchte sie noch einmal ihren Zwillingsbruder im Krankenhaus. Benjamins Zustand war besorgniserregend, und es bedrückte sie immer wieder sehr, ihn so zu sehen. Aber wenigstens hatte sich sein Zustand nicht weiter verschlechtert.

Danach fuhr sie zum Bahnhof, um die Fahrkarten zu kaufen. Ihr Zug würde morgens um halb neun abfahren und nur eine knappe Stunde später an ihrem Ziel sein. In der nächsten Buchhandlung kaufte sie rasch noch einen Stadtplan von Wien. Die Goldschmiedgasse, in der sich Antonius’ Antiquariat befinden sollte, war ganz in der Nähe des Stephansdoms und somit sicherlich leicht zu finden. Mit Isabell vereinbarte sie, dass sie sich am Samstag pünktlich um acht Uhr bei Tinka zu Hause treffen würden, um von dort aus ihre Reise zu beginnen.

Am Abend vorher packte Tinka noch ihren Rucksack, auch wenn sie nicht viel benötigte: den Brief und ihr Portemonnaie, kein Buch (zum Lesen würde sie wohl ausnahmsweise eher nicht kommen), den Stadtplan und die Fahrkarten. Einen zusätzlichen Pullover steckte Tinka zur Sicherheit auch noch ein.

Nach einer beinahe schlaflosen Nacht war es dann endlich so weit: Sie stand kurz nach sieben auf, holte Isabell ab, und wenig später saßen sie fröhlich, aber auch aufgeregt im Zug nach Wien – ungewiss, was sie dort erwarten würde.

Sie waren die Einzigen im Abteil und hatten die Möglichkeit, den gesamten Raum und vier weitere Plätze für ihre Bequemlichkeit in Anspruch zu nehmen. Tinka blickte zufrieden aus dem Abteilfenster, vor welchem schon bald in rasender Geschwindigkeit weite Felder und kleinere Ortschaften vorbeisausten, die in den morgendlichen Sonnenstrahlen leuchteten, als wären sie von einem goldenen Schleier bedeckt.

»Sag mal, Tinka, weißt du eigentlich, wo wir deinen Antonius gleich finden werden?«, fragte Isabell, obwohl sie die Antwort eigentlich schon hätte voraussagen können. Sie kannte Tinka so gut, dass sie ihre Freundin mitsamt ihren Gedankengängen oft mit präzisester Genauigkeit einzuschätzen vermochte. Wahrscheinlich hatte Tinka schon jeden einzelnen Straßennamen auswendig gelernt, der sie zum gesuchten Antiquariat führte.

»Natürlich. Was denkst du denn? Aber er ist nicht mein Antonius, klar?«, kam es wie erwartet von Tinka zurück.

»Klar«, erwiderte Isabell grinsend.

Als sie endlich auf dem überfüllten Bahnhof in Wien ankamen, reihten sich Tinka und Isabell in die Menschenmengen ein und folgten den Beschilderungen zur U-Bahn.

»Was willst du eigentlich diesem Antonius erzählen, sollten wir ihn tatsächlich ausfindig machen?«, wollte Isabell wissen, kurz nachdem sie in die Bahn eingestiegen waren.

»Na ja, wir sagen ihm eben, wer wir sind und woher wir kommen, und dann zeig ich ihm einfach den Brief. Dazu wird er dann schon irgendetwas sagen. Oder was meinst du?«, entgegnete Tinka, Isabell erwartungsvoll anschauend.

»Ja, warum nicht. Was Besseres fällt mir jetzt auch nicht ein«, meinte Isabell daraufhin, etwas ratlos mit den Schultern zuckend.

Es dauerte nicht lange, bis die elektronische Ansage die Haltestelle Stephansdom ankündigte. Die beiden verließen den Zug und bahnten sich abermals ihren Weg über etliche Rolltreppen und durch große Menschenmengen. Als sie oben ankamen und endlich im Freien standen, vergaß Tinka tatsächlich für einen Augenblick den Brief in ihrem Rucksack und blickte beeindruckt auf den Stephansdom, der sich vor ihnen in den kristallklaren Himmel emporstreckte. Doch im nächsten Moment wurde sie auch schon wieder unruhig und steuerte zielsicher auf die richtige Gasse zu.

»So«, murmelte sie vor sich hin, »jetzt müssen wir nur noch die Nummer zwanzig finden …«

Tinka konnte ihre Neugier jetzt nicht mehr zügeln, was ihrem Schritt ein gehöriges Tempo verlieh. Nachdem sie einige palastähnliche Gebäude passiert hatten, rief Isabell: »Tinka, dort! Da ist es!«

Nur einen Augenblick später sah sie es auch. Über einem kleinen, aber sehr gepflegten Schaufenster war ein ovales Schild angebracht, welches in geschwungenen goldenen Buchstaben auf schwarzem Grund verkündete: Antonius´ Antiquariat.

schmetterling

2. ENTHÜLLUNGEN

Der Eingang des Antiquariats befand sich innerhalb eines imposanten barocken Hausportals, auf dessen abgerundetem und reich verziertem Dach zwei pummelige, steinerne Putten die Morgensonne zu genießen schienen. Tinka und Isabell blickten in das kleine Schaufenster, das sich links neben der gläsernen Eingangstür präsentierte. Nur wenige, aber dafür sehr exklusive alte Exemplare verschiedener literarischer Werke, sorgfältig nebeneinander aufgereiht, boten sich hier dem Betrachter dar. Stolz zeigten die meist großformatigen Bücher ihre verschiedenen dunklen Ledergewänder sowie ihre oft goldenen Einband- und Rückenverzierungen. Einige waren sogar aufgeschlagen und stellten ihre eleganten Frakturschriften oder Illustrationen kostbarster Art aus.

Unter anderen Umständen hätten Tinka und vielleicht sogar auch Isabell diese besonderen Ausstellungsstücke mit Sicherheit genauer begutachtet und bestaunt, doch nun drängte es sie in den Laden hinein.

Im Inneren des Antiquariats hatten sie zunächst Schwierigkeiten, etwas zu erkennen, weil ihre Augen, noch vom Sonnenlicht geblendet, sich erst an die wesentlich dunklere Atmosphäre gewöhnen mussten. Ein herrlicher Geruch von Leder, altem, bedrucktem Papier und einem Hauch von Eukalyptus strömte ihnen entgegen.

Der Raum, in dem sie sich nun befanden, schien für seine relativ geringe Größe überraschend viele Bücher zu beherbergen. Elegant standen sie Rücken an Rücken in den Regalen, die sich meist auf die gesamte, beträchtliche Höhe der Decke erstreckten und eines neben dem anderen die Wandbreite komplett ausfüllten. Ungewöhnlich daran waren die verschiedenartigen Regalmodelle. Offensichtlich gab es keines, das sich hier in doppelter Ausführung hätte finden lassen. Jedes Regal war ein Einzelstück und hob sich von seinen Geschwistern ab.

Während Isabell sich noch beeindruckt umsah, trat Tinka nach kurzem Zögern ein paar Schritte nach vorne und erkannte einen alten Mann, der ihr gegenüber inmitten von hohen Stapeln unzähliger alter Buchexemplare an einem dunklen, massiven Holztisch saß und sie außergewöhnlich freundlich betrachtete. »Guten Tag, junge Damen, was kann ich für euch tun?«, fragte er mit einem milden Lächeln auf seinem faltigen Gesicht.

Tinka hatte das Gefühl, noch nie eine so sanfte, tiefe und melodische Stimme gehört zu haben. Das Einzige, was diese Wirkung etwas schmälerte, war das Bonbon, das, während der alte Mann sprach, leichte Zwischengeräusche verursachte. Wahrscheinlich, dachte sich Tinka, stammte daher auch dieser dezente Eukalyptusgeruch im Raum.

Mit etwas verunsicherter, leiser Stimme sagte sie: »Guten Tag. Sind Sie Antonius?«

»Ja natürlich, mein Kind! Und wer seid ihr beiden?«

Es schien Tinka, als würde dieser Mann jede Silbe, die aus seinem Mund kam, vorher auf seiner Zunge zergehen lassen und regelrecht vorkosten, um ihr im Nachhinein genau den richtigen Ton verleihen zu können. Für ihr Empfinden klangen Antonius’ ausgesprochene Wörter wie Musik. Trotz ihrer Verwirrung antwortete sie nun mit festerer Stimme: »Entschuldigen Sie bitte, Herr – äh – Antonius. Das hier …«, sie legte Isabell kurz ihre Hand auf die Schulter, »… ist meine Freundin Isabell, und ich heiße Tinka.«

Antonius nickte langsam und betrachtete sie mit unverhohlenem Interesse. Tinka ließ sich jedoch nicht beirren und fuhr entschlossen fort: »Ja. Und wir möchten Ihnen gerne etwas zeigen.«

Vorsichtig fischte sie den Brief aus ihrem Rucksack, während Antonius charmant entgegnete: »Ja das freut mich außerordentlich! Nun – kommt doch ein wenig näher, ihr beiden.«

»Ja. Klar«, stotterte Tinka. »Also – hier das ist … äh … also mir wurde ein Brief zugetragen. Und Sie kommen darin auch vor. Also ich meine, Sie werden darin erwähnt. Aber bitte – lesen Sie selbst.«

Der alte Mann schmunzelte und griff behutsam nach dem Blatt Papier, das Tinka ihm entgegenstreckte. Er setzte sich eine auffällig große Hornbrille auf seinen fleischigen Nasenrücken und begann zu lesen, wobei sich seine Miene immer mehr verdüsterte. Als er fertig war, sagte er, nun allerdings sehr leise, als würde er nur zu sich selbst sprechen: »Ach herrje, sieh mal einer an. So weit ist es also tatsächlich schon gekommen …«

»Wie bitte?«, platzte es aus Tinka heraus. »Was ist wie weit gekommen?«

Doch der Antiquar schien sie gar nicht zu hören. Er erhob sich von seinem knarrenden Stuhl und bewegte sich, nachdem er seine Brille recht unachtsam zurück auf den Tisch gelegt hatte, auf den Eingang seines Geschäftes zu. Es fiel Tinka und Isabell auf, dass er sich für sein Alter erstaunlich elegant und agil bewegte. Sein volles, welliges Haar umsäumte sein sympathisches Gesicht mit einem silbrig glänzenden Schein, als er für kurze Zeit in den Sonnenschein trat, der von draußen durch die leicht verstaubte Glastür hineindrang.

Tinka konnte es kaum noch aushalten, dem in einer scheinbar unendlichen Ruhe und Gelassenheit sich bewegenden Antonius zuzusehen, ohne mit all ihren Fragen auf ihn einzustürmen. Andererseits fühlte sie sich auf eine angenehme Art und Weise wie gefangen von der freundlichen und warmen Ausstrahlung des Mannes, der in diesem Moment das Messingschild, das mithilfe einer feinen Kette am Eingang des Antiquariats angebracht war, so herumdrehte, dass die Aufschrift Geschlossen nach außen zeigte. So standen die zwei Mädchen einigermaßen verwirrt im Dämmerlicht des einzigartigen Antiquariats und starrten dessen Besitzer erwartungsvoll an.

»Seid ihr hungrig? Ich hätte noch ein paar ganz vorzügliche Schokoladenkekse! Und vielleicht einen Tee?«, tönte jetzt die sanfte Bassstimme des Antiquars aus einem Hinterraum, in dem er soeben verschwunden war. Tinka und Isabell sahen sich kurz fragend an und verständigten sich mit einem kurzen Nicken, bevor Tinka mit etwas erhobener Stimme antwortete: »Ja, bitte, sehr gerne. Tee und Kekse wären sehr nett!«

Während man aus dem Durchgang, hinter dem sich Antonius offensichtlich befand, leise Geräusche von klapperndem Geschirr vernehmen konnte, wandte sich Tinka aufgeregt flüsternd an Isabell: »Siehst du, ich hab doch gewusst, dass es ihn gibt! Und er weiß auch was über den Brief!«

Bevor Isabell darauf etwas erwidern konnte, hörten sie Antonius erneut rufen: »Kommt doch mal eben nach hinten und holt euch zwei Stühle!«

Ohne Zögern marschierte Tinka auf den schmalen Durchgang zu, gefolgt von einer etwas unsicher und kritisch blickenden Isabell.

»Gleich links an der Wand lehnen zwei hölzerne Klappstühle – etwas Besseres kann ich euch derzeit leider nicht anbieten, dafür habe ich zu selten Besuch hier!«, hörten sie Antonius, dessen Stimme deutlich durch eine angelehnte Tür auf ihrer rechten Seite drang.

»Ja, danke, kein Problem!«, antwortete nun Isabell.

Schweigend nahmen sie sich jeweils einen der Stühle und gingen zurück in den behaglichen Raum, aus dem sie gekommen waren. Kaum hatten sie die Stühle gegenüber dem Sessel des Antiquars an der Längsseite des Tisches aufgestellt, da konnten sie auch schon hörten, dass Antonius sich auf den Rückweg zu ihnen machte. Mit einem Lächeln und einem etwas schäbig wirkenden, silbernen Tablett, bestückt mit einer Teekanne, drei Tassen und einer Porzellanschale mit Schokoladenkeksen, erschien er in der Tür und bewegte sich auf den Tisch zu, an dem Tinka und ihre beste Freundin bereits Platz genommen hatten. Als er sich auf seinem gemütlich aussehenden Sessel niederließ, lag in seinen kleinen Augen ein Ausdruck von Sorge und Anspannung, den er aber sogleich zu verbergen versuchte, indem er mit einem sanften Gesichtsausdruck sagte: »Bitte nehmt euch, was ihr möchtet, es ist genug da! Und wenn ihr Lust auf Bonbons habt, dann bedient euch hier an meinen hervorragenden Eukalyptusdrops!«

Nachdem Tinka sich und ihrer Freundin etwas Tee eingegossen hatte und gerade nach einem der Kekse griff, konnte sie nicht mehr an sich halten: »Danke, das ist sehr nett von Ihnen, Antonius. Aber wollen Sie uns jetzt nicht erklären, was es Ihrer Meinung nach mit diesem mysteriösen Brief auf sich hat? Sie wissen doch, worum es geht, sonst hätten Sie uns sicherlich gleich wieder fortgeschickt, oder?«

Antonius räusperte sich: »Ja, natürlich. Es wird wohl auch höchste Zeit –«

»Wie bitte? Was wird Zeit?«, wollte Tinka prompt wissen.

Doch nun wurde sie von Isabell gezügelt: »Ach Tinka, jetzt hör doch erst mal zu, was Antonius zu sagen hat!«

Diese Situation schien den Antiquar in gewisser Weise und zum völligen Unverständnis von Tinka zu belustigen, denn er ließ ein deutliches, wenn auch verhaltenes Glucksen vernehmen, bevor er wieder ansetzte: »Deine Freundin hat recht, Tinka. Bitte versuche wenigstens, mich des Weiteren möglichst selten zu unterbrechen.«

Nach einer kurzen Pause ergriff Antonius erneut das Wort: »Tinka, ich spreche nun hauptsächlich zu dir, denn du bist die Person, um die es geht und für die es von größter Bedeutung sein wird, mir jetzt zuzuhören und zu vertrauen. Wenn es stimmt, was in diesem Brief geschrieben steht – und daran gibt es keinen Zweifel –, dann lastet auf dir nun eine Verantwortung, von der du dir wohl in deinen kühnsten Träumen keine Vorstellung machen kannst. Ich sage das nicht, um dir Angst zu machen, die brauchst du auch nicht zu haben, sondern nur, um deine volle Aufmerksamkeit zu erhalten.«

In Tinka stieg plötzlich ein mulmiges Gefühl auf. Was, um Himmels willen, faselte dieser Mann, zu dem sie doch von Anfang an etwas wie Freundschaft und Vertrauen verspürt hatte? Sie schluckte zweimal kräftig, als ob sie dieses ungute Gefühl auf diese Weise unterdrücken könnte. »Als ich fünfzehn Jahre alt war …«, fuhr Antonius nun mit seiner angenehmen Stimme fort, »… und ihr könnt euch sicher lebhaft vorstellen, dass besagter Zustand schon ein ganzes Weilchen her ist –, wollte es der Zufall, dass ich eine Erfahrung machte, die ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen sollte. Ihr müsst wissen, ich stamme aus einer sehr alten, gelehrten Familie, die von Generation zu Generation die Wertschätzung von Büchern weitergegeben hat. So wuchs ich schon hier in diesem Antiquariat auf. Es gehörte damals meinem Vater. Sehr schnell entwickelte ich eine unaufhaltsame Begeisterung für die verborgenen Wissensschätze sowie die Geschichten, die zwischen den Buchdeckeln verborgen lagen.«

Antonius schien alles um sich herum vergessen zu haben. Fast in traumverlorenem Zustand saß er da, sein Blick verlor sich irgendwo zwischen seinen Büchern, und er erzählte mit einer so anziehenden Kraft, dass sowohl Tinka als auch Isabell wie gebannt zuhörten.

»Eines Tages entdeckte ich zwischen den Seiten einer selten prachtvollen und jahrhundertealten Ausgabe der Bibel ein augenscheinlich sehr altes, vergilbtes Stück Pergament mit einer Aufschrift, die aus verschiedenen Gründen sofort meine Aufmerksamkeit erregte. Wahrscheinlich könnt ihr euch schon denken, dass es sich um ein ähnlich beschaffenes Dokument handelte wie jenes, das du erhalten hast, Tinka, vom Inhalt ganz abgesehen. Heute besitze ich nur noch eine Kopie dieses Schriftstückes, das Original existiert schon lange nicht mehr. Einen Moment, ich hab es gleich …«

Antonius griff in eine der Schubladen, die auf seiner Seite des Tisches unter der dicken Holzplatte eingearbeitet waren. Vermutlich herrschte in ihr ein ziemliches Durcheinander an verschiedenen Manuskripten und sonstigen Papieren, denn es dauerte einige raschelnde Sekunden, bevor er ein Blatt Papier hervorzog und vor den Mädchen auf der Tischplatte platzierte.

»Bitte – seht es euch selbst an.«

Genau wie auf dem Brief, den Tinka in der Großen Bibliothek entdeckt hatte, waren auch die hier abgebildeten Buchstaben von unterschiedlichem Aussehen und verschiedener Größe, bildeten aber dennoch einen zusammenhängenden Text:

Fader unser, du yn himile bjst.

din name vuerde geheiliqet.

Din riche chome, din wille gesckche in erdo, also in himile.

Unser tagoliche prot kib uns hiuto.

Unde unsere Schulde belass uns, also auch wir belazend unsern schuldigen.

Und in chorunga mit leitest du unsich, nu belose unsich fom uble.

Amen.X

»Ich versteh kein Wort«, brummte Isabell schließlich.

Tinka hingegen konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen. »Fader in himile«, wiederholte sie aus dem soeben Gelesenen, sichtlich darum bemüht, ein weiteres Kichern zu unterdrücken, was ihr allerdings nicht ganz gelingen wollte.

»Ja. Und prot kib uns hiuto – was soll das denn?«, fragte Isabell, weniger amüsiert als skeptisch.

Selbst Antonius musste nun lächeln. »Hört zu«, sagte er. »Wie ihr vielleicht schon bemerkt habt, handelt es sich hier um das Vaterunser. Allerdings nicht um das heute gebräuchliche, sondern um eine Fassung aus dem frühen Mittelalter, etwa aus dem 9. Jahrhundert. Weniger der Inhalt als vielmehr das befremdliche Aussehen dieses Schriebs war es jedoch, was mich als Fünfzehnjährigen faszinierte und nicht mehr losließ.«

Gespannt sahen Isabell und Tinka ihn an, während der alte Mann bedächtig mit seiner Erzählung fortfuhr:

»Was mir das größte Kopfzerbrechen bereitete, war das große X, das ganz allein am Ende des Gebetes geschrieben stand. So etwas konnte kein Versehen sein. Wer auch immer diesen zerstückelt wirkenden Text zu Papier gebracht hatte, er musste sich dabei etwas gedacht und einen Zweck verfolgt haben. Die erste Idee, die mir kam, war, zu recherchieren, ob ich eine gleiche oder zumindest ähnliche Fassung des Vaterunser fände. An alten Bibeln mangelte es keineswegs, also machte ich mich auf die Suche. Tatsächlich fand ich zunächst mehrere ähnliche Fassungen, bis ich auf eine stieß, die nur in ihrer Schreibweise minimale Unterschiede aufwies. Doch genau diese Unterschiede waren es, die mich stutzig machten. Hier.« Antonius deutete mit dem Zeigefinger seiner kraftvollen linken Hand auf die erste Zeile des Geschriebenen. »Hier steht du yn himile bjst. In der anderen Fassung, die ich damals in der Hand hatte, standen exakt dieselben Worte, nur anders geschrieben. Es hieß du in himile bist, es gab also kein y und kein j, sondern stattdessen zwei i. Weiterhin das Wort geheiliqet. Hier mit q, in der anderen Fassung korrekterweise mit g. Außerdem natürlich das große X ganz am Ende und zusätzlich noch das Wort prot, das alleine in dieser Fassung –«, hier tippte Antonius drei Mal mit seinem Finger auf das Pergament vor ihnen »– ein p statt eines bs aufweist!«

Wenn Tinka ehrlich sein sollte, war sie bis jetzt nicht sonderlich beeindruckt von dem, was Antonius ihnen verkündete. Aber vielleicht beinhaltete diese Abschrift des Gebets ja eine Art Geheimcode …

»Ich hab’s!«, rief Isabell auf einmal ganz aufgeregt. »In diesem Text sind alle Buchstaben des Alphabets mindestens ein Mal vertreten!«

Antonius sah sie mit aufrichtiger Bewunderung an: »Isabell, du bist ein sehr kluges Mädchen, also wirklich, hervorragend!«

Tinka warf ihrer Freundin einen sehr zufriedenen Blick zu. Sie war äußerst dankbar dafür, dass Isabell die Geschichte des erzählfreudigen Antonius auf diese Weise etwas zu kürzen vermocht hatte.

»Gut.« Antonius hüstelte und wirkte beinahe verlegen. »Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass diese Erkenntnis bei mir damals etwas länger auf sich hatte warten lassen, aber das ist ja jetzt nicht der Punkt. Ich wusste also, dass die Schreibweise jener schriftlichen Fassung des Vaterunser insofern verfälscht oder verändert wurde, als alle Buchstaben unseres Alphabets darin vorkamen. Was mich im Übrigen einigermaßen verblüffte. Der Gedanke, dass irgendetwas an diesem Text eine tiefere Bedeutung hatte oder einen bestimmten Zweck erfüllen sollte, ließ mich immer und immer wieder das Stück Pergament regelrecht anstarren in der Hoffnung, mir würde eine weitere Besonderheit auffallen. Als ich wieder einmal, versteckt hinter dem Regal dort hinten in der Ecke –«, demonstrativ zeigte er in die hintere rechte Ecke des Antiquariats, vor der sich ein besonders mächtiges Modell von Bücherregal befand, »– höchst konzentriert die einzelnen Buchstaben der Abschrift studierte, passierte etwas Merkwürdiges. Etwas, was mich zunächst dazu veranlasste, an meinem gesundheitlichen Zustand zu zweifeln. Ausgerechnet jene Buchstaben, die ich gerade noch mit meinem Blick fixiert hatte, hatten sich bewegt. Nun standen die Buchstaben in einer anderen Reihenfolge auf dem Pergament! Es waren nicht viele, aber einige von ihnen hatten ihren vorherigen Standpunkt verändert und präsentierten sich jetzt an scheinbar völlig sinnlosen Stellen des Textes! Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass ich einigermaßen erschrocken war. Aber es gab keinen Zweifel. Und so stieg nach dem ersten Schrecken eine unbezwingbare Neugier in mir auf, was das erneute Experimentieren mit den Buchstaben zur Folge hatte. Zwar nicht beim ersten Versuch, jedoch nach nicht allzu langem Probieren gelang es mir tatsächlich, mithilfe meines eigenen Willens einzelne Buchstaben gezielt auf dem Pergament hin und her zu bewegen.«

Tinka und Isabell hielten vor Spannung beide den Atem an. Unter einigen losen und wirr herumliegenden Papieren auf seinem Schreibtisch fischte Antonius derweil eine Pfeife hervor und fing an, diese liebevoll und fein säuberlich mit einem wohlriechenden Tabak zu stopfen. Dieses Mal war es Isabell, welcher der Geduldsfaden riss. Mit drängender Stimme sagte sie: »Bitte, Antonius, erzählen Sie weiter! Was passierte als Nächstes?«

Tinka nickte lediglich zustimmend mit dem Kopf und schluckte geräuschvoll. Sie war viel zu aufgeregt, um irgendetwas zu sagen.

Inzwischen von stark duftenden Rauchschwaden eingehüllt, setzte Antonius wieder ein: »Nun, ihr könnt euch vorstellen, dass es mich zutiefst faszinierte, was ich da herausgefunden hatte. Ich erzählte keiner Menschenseele etwas von dieser Entdeckung, geschweige denn von meiner Fähigkeit, scheinbar feststehende Buchstaben auf einem Stück Pergament willkürlich bewegen zu können. Aber ich war regelrecht besessen davon.

Jedes Mal allerdings, wenn ich einige der Buchstaben wie durch Magie an einen anderen Ort bewegt hatte, befanden sie sich nur genau so lange dort, wie ich meinen Blick auf sie geheftet hielt. Wenn ich nur den Bruchteil einer Sekunde meine Augen abwandte, waren bei erneutem Hinsehen alle wieder an ihrer ursprünglichen Position. Natürlich konnte ich keineswegs ahnen, welch gefährliches Spiel ich trieb. Nur um erneut meine außergewöhnliche Fähigkeit zu testen, kam ich eines Tages auf die Idee, meinen eigenen Namen durch das Bewegen einzelner Buchstaben auf der leeren, unteren Hälfte des Pergaments zu buchstabieren. Höchst konzentriert fing ich an, allein mit meinen Augen nacheinander jene Buchstaben herauszupicken und hintereinanderzustellen, die zu diesem Vorhaben vonnöten waren. Das Rangieren der Lettern war anstrengender als sonst. Es schien, als ob sie sich in ungewohnter Art dagegen wehren wollten, als ob sie sich nur äußerst ungern in der Reihenfolge präsentieren wollten, in der ich sie zu haben wünschte. Es gelang mir dennoch.«

Antonius holte nun einmal tief Luft, bevor er sich erneut an seiner Pfeife zu schaffen machte. Nach wie vor eingehüllt in sich fein kräuselnde Rauchschwaden, sah der Bibliothekar nun fast unheimlich aus. Auch war es in der Zwischenzeit noch dunkler in dem Raum geworden.

»Möglicherweise werdet ihr mich für verrückt erklären, wenn ihr den weiteren Verlauf meiner Geschichte vernehmt«, erklärte Antonius und sah die beiden Mädchen aufmerksam an. »Noch nie habe ich einem Menschen davon erzählt, was mir nun widerfuhr. Zunächst formte ich also aus den vorhandenen Buchstaben meinen Namen. Ich hatte kaum begriffen, dass ich es tatsächlich unter großer Kraftanstrengung geschafft hatte, das kleine s an das Ende der Buchstabenreihe zu setzen, als ich mich bereits nicht mehr in diesem Raum befand. Geschweige denn in dessen Nähe.

Es war nicht das Geringste zu spüren gewesen. Nur einen Augenblick lang hörte ich etwas wie ein heftiges Rauschen, dann blickte ich auf etwas höchst Unwahrscheinliches. Ganz in meiner Nähe konnte ich mehrere Straßen und deren Kreuzungen ausmachen, auf denen sich ein erheblicher Verkehr tummelte. Nur dass es sich weder um gewöhnliche Straßen noch um jenen Verkehr handelte, den wir hierzulande kennen. Besagte Straßen waren blütenweiß und blitzten regelrecht vor Sauberkeit. Außerdem schien ihre Oberfläche außergewöhnlich glatt zu sein. Beidseitig grenzten sie an weite, von Hügeln durchzogene Wiesen und Blumenfelder an. Bitte versteht mich nicht falsch, wenn ich euch heute nicht alles erzählen kann, was ich dort, wo ich gewesen bin, zu Gesicht bekam. Denn in Anbetracht der Tatsachen sollten wir uns etwas beeilen.«

»Wieso denn beeilen?«, fragte Tinka ein wenig unwillig. »Wir haben es wirklich überhaupt nicht eilig, Antonius. Isa und ich können den ganzen Tag bleiben! Unser Zug geht erst um zwanzig Uhr fünf zurück. Also bitte, wo sind Sie denn nun gelandet? Und warum –«

»Moment, Moment, junge Dame. Es ist mir leider strikt verboten, zu viel preiszugeben. Bitte vertraue mir, Tinka.«

Tinka nickte einigermaßen besänftigt.

»Ungewöhnlich war jedoch vor allem die Bevölkerung«, fuhr Antonius fort. »Diese bestand nämlich aus menschengroßen Lebewesen in Form von Buchstaben, den sogenannten Letterlingen, wie ich später erfahren sollte, welche auf höchst

eigentümlichen Reittieren unterwegs waren. Völlig verwirrt

erhob ich mich – bei meiner Ankunft hatte ich mich in derselben Sitzposition befunden, in welcher ich diesen Raum hier verlassen hatte – und schritt auf eine der Straßen zu. Das Pergamentstück hielt ich immer noch in meinen Händen. Erst später erfuhr ich, dass die Buchstaben auf jenem Pergament

echte Letterlinge, also lebendige Buchstaben, gewesen waren.«

Beide Mädchen durchfuhr es eiskalt. Sollte das etwa heißen, dass sie seit Tagen mit einem Zettel herumhantiert hatten, auf dem sich lebendige Buchstaben befanden?

Sie kamen allerdings nicht dazu, ihrer Bestürzung freien Lauf zu lassen, denn sogleich fuhr Antonius fort: »Lange blieb ich natürlich nicht unbemerkt. Einer der Letterlinge, ein O namens Olf, wie mir ebenfalls später berichtet wurde, entdeckte mich und alarmierte sofort seine gesamte Umgebung. Trotz einer gewissen Unbehaglichkeit, die ich in diesem Moment empfand, muss ich zugeben, dass ich mich immerhin freute, deutlich verstehen zu können, was dieser Buchstabe sagte. Nun, mir wurde nichts Böses getan und meine Wenigkeit verbrachte tatsächlich eine gewisse Zeit in der fantastischen Welt der Letterlinge, einer Welt von unsagbarer Schönheit, einer Welt, die anstatt von Lärm von betäubend schönen Klängen umgarnt ist, aber auch tödliche Gefahren birgt, kurz – einer Welt außerhalb jeder menschlichen Vorstellungskraft. Ihr Name ist Grammaton.«

Tinka versuchte, irgendetwas zu sagen, doch Antonius hob seine Hand und sprach auch schon weiter.

»Es wäre falsch und unverantwortlich, euch hier und jetzt mehr von meinen Erlebnissen in Grammaton zu berichten. Wichtig ist vielmehr, vor allem dir, Tinka, mitzuteilen, worum es hier meines Erachtens geht. Grammaton ist eine eigene Welt mit ihren eigenen Lebewesen und ihrem eigenen Verlauf der Dinge. Jedoch ist das Leben ihrer Bevölkerung, die hauptsächlich aus den Letterlingen besteht, stark von dem abhängig, was sich in unserer Welt ereignet. Die Jungen und Mädchen unserer Welt sind nämlich, ohne es zu wissen, für deren Existenz verantwortlich.«

Antonius sah die beiden nun mit einem seltsamen Ausdruck an.

»Tinka, gehe ich richtig in der Annahme, dass du außergewöhnlich viel liest?«

»Ähm – ja. Ich glaube schon«, sagte Tinka langsam. Sie war völlig verstört.

»Das dachte ich mir schon«, setzte Antonius seine Rede fort. »Sonst hätten sie wohl nicht ausgerechnet dich um Hilfe gebeten. Tatsächlich tragen alle Menschenkinder bis zur Vollendung ihres sechzehnten Lebensjahres eine Mitverantwortung für das Leben und Gedeihen der Letterlinge. Einzig und allein dadurch, dass sie lesen. Die Begeisterung, die Spannung, die Furcht und die Freude, jegliche Energie, die ein Kind beim Lesen entwickelt, wird auf die wahren Buchstaben übertragen, wodurch diese am Leben gehalten werden. So wie unsereins feste Nahrung zu sich nehmen muss, brauchen sie der Kinder Energie und Fantasie, die diese beim Lesen und vor allem beim Erleben von Geschichten entwickeln.«

Tinka nickte nachdenklich. »Die Bewohner der Buchstabenwelt stecken in großer Gefahr!«, hieß es in dem an sie gerichteten Brief, der immer noch vor ihnen auf dem Tisch lag. »Bitte mach dich so schnell wie möglich auf den Weg zu uns! Du bist unsere letzte große Hoffnung.« Es gab keinen Zweifel mehr. Diese Worte, über die sie sich tagelang den Kopf zerbrochen hatte, ergaben nun endlich einen Sinn.

Immer noch sah Antonius Tinka mit diesem aufmerksamen, eigentümlichen Ausdruck an. »Ich kann nur mutmaßen, Tinka, dass sie dich auserwählt haben, ihnen zu helfen, weil du vermutlich dort als ihre größte und zuverlässigste Energielieferantin bekannt bist. Sicher ist, dass sie eine Vorstellung davon haben, wie du ihnen helfen kannst, und dass du dich dazu in ihre Welt begeben musst. Das sage ich, weil ich die Mentalität der Letterlinge zu kennen glaube, auch wenn es eine halbe Ewigkeit her ist, dass ich einige von ihnen getroffen habe. Es muss wirklich schlimm um sie stehen, wenn sie ein Menschenkind so dringlich in ihre Welt rufen.«

Mit melodischer Stimme, als wäre er in Trance, sprach Antonius weiter: »Grammaton ist viel älter und weiser als unsere Menschheit. Ohne die Existenz seiner Bewohner hätten die Menschen niemals die Schrift für sich entdecken können. Leider weiß ich viel zu wenig über diese faszinierende Welt, da ich als Mensch während meines Aufenthalts dort niemals in ihre Geheimnisse eingeweiht worden bin. Es gibt allerdings etwas, das ich nur aufgrund eines Zufalls erfahren habe: Nur solange es lebendige Buchstaben gibt, wird es deren Abbilder in unserer Welt geben können. Sollten die Letterlinge also jemals vom Aussterben bedroht sein – und genau dorthin führt mich meine Vermutung –, würde das bedeuten, dass unsere Welt sich in der Gefahr befände, ihre Schriftsprache zu verlieren.«

Tinkas Gesichtsfarbe hatte sich während dieser letzten zwei Sätze in ein gefährliches Weiß verwandelt, während Isabells Augen den Eindruck machten, als wollten sie plötzlich unbedingt ihre Höhlen verlassen. Einen Moment lang herrschte eine fast unerträgliche Stille.

Endlich fragte Isabell vorsichtig: »Wollen Sie damit etwa sagen, dass unser gesamtes Wissen um die Schriftsprache von lebendigen Buchstaben abhängt, die eine eigene Welt besitzen und von uns ihre Energie beziehen?«

»Das wäre eine kurze, aber treffende Zusammenfassung dessen, was ich euch versucht habe zu erklären«, sagte der Antiquar. »Allerdings geht es nicht allein um das Wissen, das wir haben, sondern ebenso um jegliche Abbilder von Buchstaben, die in unserer Welt existieren. Sie alle würde es nicht mehr geben. Die Menschheit würde um Tausende von Jahren zurückgeworfen werden.«

»Es gäbe also keine Bücher mehr«, murmelte Tinka leise. »Und keiner könnte mehr welche schreiben. Wie ist das überhaupt möglich?«

»Tinka, leider weiß ich es nicht. Wie ich schon sagte, ist mein Wissen über jegliche Geheimnisse und Mysterien Grammatons sehr begrenzt. Auf welche Weise sich diese Katastrophe ihren Weg bahnen würde, entzieht sich meiner Kenntnis. Der Brief, den sie dir haben zukommen lassen, Tinka, ist allerdings besorgniserregend. Aber ehrlich gesagt …«, hier zeigte sich endlich wieder einmal ein Lächeln auf Antonius’ Miene, »… bin ich auch sehr stolz darauf, dass sie dich zu mir geschickt haben. Vermutlich im Vertrauen darauf, dass ich dafür Sorge tragen würde, dich zu ihnen zu bringen. Es hängt von jetzt an ganz von dir ab, Tinka. Du weißt nun, worum es geht und was vermutlich auf dem Spiel steht. Die Entscheidung liegt in deinen Händen. Und wenn du mich fragst, sollte sie auf schnellstem Wege gefällt werden. Sie werden bestimmt schon hoffend und bangend auf dich warten. Ich bin überzeugt davon, dass du, auf ähnliche Weise wie ich, mithilfe deines Briefes nach Grammaton gelangen kannst.«

In den ausdrucksstarken Augen des Antiquars flackerte etwas, was Tinka erschaudern ließ. Etwas, was wie ein Flehen oder sogar wie eine Beschwörung auf sie wirkte.

Natürlich wollte sie unbedingt den Bewohnern von Grammaton, diesen sogenannten Letterlingen, helfen. Aber wie um alles in der Welt sollte sie das denn anstellen? Nun – es würde sich herausstellen. Sie konnte gar nicht anders, als sich auf diese allerdings sehr fragwürdige Sache einzulassen. Plötzlich kam ihr jedoch noch ein erschreckender Gedanke. »Müsste ich denn ganz alleine nach Grammaton?«, fragte sie mit zittriger Stimme. »Oder könnten Sie und Isabell mich vielleicht begleiten?«

»Es tut mir sehr leid, Tinka. Aber leider kannst du die Reise nur alleine antreten. Sobald du deinen Namen aus den Letterlingen auf deinem Brief buchstabiert hast, wirst du dort sein. Es ist mir nicht bekannt, auf welche Weise es möglich wäre, eine andere Person mit sich zu nehmen. Der Brief wird natürlich bei dir bleiben, damit die Letterlinge darauf wieder befreit werden können. Sobald ihr dort angekommen seid, wird Arthur dir mit allem Weiteren helfen. Ich kenne ihn. Er ist ein sehr sympathischer und zuverlässiger Letterling und wird dich auf Anhieb sehr mögen.«

Das Weiß in Tinkas Gesicht war inzwischen von einem leichten Grünton geprägt. Trotzdem verkündete sie mit wackliger Stimme: »Gut, ich mach es. Aber wie soll ich denn bloß die Letterlinge auf meinem Brief bewegen?«

Isabell seufzte angesichts dieses Entschlusses laut und rollte dabei mit ihren großen Augen. Antonius hingegen schien ein mächtiger Stein vom Herzen zu fallen. Erleichtert und aufgeregt zugleich antwortete er: »Oh, darüber mach dir mal keine Sorgen. Ich werde dir zeigen, wie es geht, und du wirst so lange üben, bis du deinen Namen bilden kannst.«

»Ähm, Tinka«, schaltete sich jetzt Isabell ein. »Wie stellst du dir das eigentlich vor? Was willst du denn deinen Eltern sagen? Schließlich müssen wir beide heute Abend um acht Uhr am Bahnhof sein und unseren Zug zurück nach Hause nehmen!«

Bevor Tinka dazu kam, sich diesem Problem zu widmen, löste es sich sozusagen von selbst.

»Oh! Ja natürlich, das hatte ich ja ganz vergessen, zu erwähnen!«, versetzte Antonius. »In Grammaton herrscht eine andere Zeit. Das heißt, ihr werdet hier in eurer Welt nicht mal eine einzige Sekunde verlieren! Auch mir wurde diese verblüffende Tatsache erst bewusst, als ich wieder zurückgekehrt war. In derselben Sekunde, in der ich dieses Antiquariat verlassen hatte, war ich schon wieder zurück! Nicht mal ein winziger Augenblick war in unserer Welt vergangen, obwohl ich mich einige Wochen lang in Grammaton aufgehalten hatte. Wir müssen also nur darauf achten, dass du uns verlässt, bevor es Zeit wird, zum Bahnhof zu fahren. Ich werde euch selbstverständlich hinbringen, das heißt, wir müssen um Viertel vor acht hier aufbrechen. Für Isabell und mich wirst du vermutlich nur einen Wimpernschlag lang verschwunden sein, so als wärest du nie weg gewesen. Du wirst in der Zwischenzeit jedoch vielleicht Tage oder sogar Monate durchlebt haben.«

Eine andere Zeit? Tinka schwirrte der Kopf, aber sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. »In Ordnung«, verkündete sie energisch. »Dann lasst uns bitte anfangen.«

»Es freut mich sehr, dass du so entschlossen zu dieser Entscheidung stehst, Tinka. Aber es gibt noch eine nicht unerhebliche Kleinigkeit, die du vorher wissen solltest. Solange du auf dem Papier die Buchstaben willkürlich und ohne Sinn verschiebst, besteht keinerlei Gefahr. Es wird nichts passieren. Wie ich vorhin schon erwähnt hatte, rutschen alle wieder zurück auf ihren ursprünglichen Platz, sobald man seine Verbindung und den Blickkontakt zu ihnen abbricht. Sobald du aber anfängst, mit den Buchstaben deinen eigenen Namen zu bilden, musst du unter allen Umständen ohne Unterbrechung und in einem Zug alle Buchstaben hintereinandersetzen. Es besteht der Verdacht, dass Menschen in der Vergangenheit, die ebenfalls das seltene Privileg und die Chance gehabt haben sollen, auf dieselbe Art und Weise nach Grammaton zu gelangen, zwischen Menschenwelt und Buchstabenwelt in einem unbekannten Nichts stecken geblieben sind. Zumindest dann, wenn sie es nicht in einem Zuge und beim ersten Versuch geschafft hatten, die Buchstaben ihres Namens aneinanderzureihen.«

»Wie bitte?« Tinka und Isabell starrten ihn entsetzt an.

»Das darf doch wohl alles nicht wahr sein! Gibt es vielleicht noch eine andere nicht unerhebliche Kleinigkeit, welche Sie uns mitteilen möchten, bevor meine beste Freundin in einem unbekannten Nichts verschwindet?«, fragte Isabell, nun doch ziemlich gereizt.

Doch Tinkas Entscheidung stand fest. Sie konnte den verzweifelten Hilferuf dieser Letterlinge nicht einfach ignorieren.

Isabell allerdings schnürte es vor Angst die Kehle zu bei der Vorstellung, Tinka könne wer weiß wo zwischen zwei Welten hängen bleiben und niemals wieder zurückkehren.

schmetterling

3. UNBEKANNTE ZEITEN

Tinka und Isabell hatten sich inzwischen mit ihren Stühlen auf die gegenüberliegende Seite des Tisches zu Antonius gesellt. Tinka saß in der Mitte, mit Antonius an ihrer rechten und ihrer Freundin an ihrer linken Seite. Alle Bücherstapel, Haufen von losen, beschriebenen oder bedruckten Blättern und sämtliche andere Gegenstände, die eben noch den Tisch belagert hatten, waren von ihrem Besitzer sorgfältig beiseitegeräumt worden, um Platz zu schaffen für ein einziges Stück Papier: den Brief. Diesen starrte Tinka momentan an, als wäre er eine tickende Bombe.

In nicht einmal fünf Stunden musste sie es geschafft haben, durch reine Konzentration sich selber in eine Art Trance zu versetzen, um die scheinbar feststehenden Lettern auf dem Papier zu bewegen und aus ihnen ihren eigenen Namen zu bilden. Und sie hatte nur einen einzigen Versuch!

Sie vermochte es nicht lange, ihre Nervosität und ihre Aufregung vor ihren beiden Sitznachbarn zu verbergen. Doch Isabell und Antonius taten ihr Bestes, um ihre Anspannung zu mildern. Und die Wirkung blieb nicht aus. Tinka hatte das Gefühl, sie drei seien eine Art Team geworden. Durch die Geschichte, die Antonius ihnen erzählt hatte, und das sagenhafte Geheimnis, das nur sie drei teilten, war ein unzertrennliches Band von gegenseitigem Vertrauen zwischen ihnen geknüpft worden. Antonius schaffte es, Tinka mit seinem Charme und insbesondere durch seine aufmunternden und ermutigenden Worte zu beruhigen. Und Isabell war ohnehin unschlagbar darin, Tinka gut zuzureden und ihr Mut zu machen.

Es war jedoch alles andere als einfach, sich einzig und allein auf die Buchstaben zu konzentrieren, die, gefangen auf einem Stück Papier, direkt vor Tinka auf dem Tisch lagen. Zu viele verrückte Gedanken kamen ihr plötzlich in den Sinn.

Was passierte, wenn sie es nicht schaffte, ohne Unterbrechung ihren Namen zu bilden? Würde sie dann sterben? Was hatte Antonius vorhin denn bloß mit diesem unbekannten Nichts gemeint? Und warum nur musste sie unbedingt alleine nach Grammaton? Gab es nicht doch vielleicht irgendeine Lösung, um Isabell an ihrer Seite haben zu können?

Es war einfach ein äußerst ungemütliches Gefühl, überhaupt nicht zu wissen, was sie erwartete.

»Liebe Tinka«, ließ sich da Antonius’ sanfte Stimme vernehmen. »Ich kann sehr gut verstehen, dass allerlei Überlegungen dich ablenken. Du musst sie zwingen, dich in Ruhe zu lassen, damit du dich voll und ganz auf die Worte vor dir konzentrieren kannst. Lies den Brief noch einmal durch. Ganz langsam. Jeden einzelnen Buchstaben, seine äußerliche Form, seine eigenen Merkmale, seine individuelle Gestalt musst du mit all deinen Sinnen aufnehmen. Führ dir vor Augen, dass sie lebendig sind, und stell dir vor, du wolltest mit ihnen Kontakt aufnehmen! Einer von ihnen wird deine Energie spüren und sich bewegen – du wirst es sehen!«

Tinka versuchte mit aller Kraft, Antonius’ Ratschlag zu beherzigen, doch es stellte sich kein Erfolg ein. Keiner der Lettern schien auch nur daran zu denken, seinen Standort zu wechseln. Verzweifelt und hilflos schaute sie Isabell an.

»Nicht verzweifeln! Ich weiß, du wirst es schaffen! Wer, bitte schön, sollte sich besser auf Buchstaben konzentrieren können als du?!« Isabell warf ihr einen so überzeugten Blick zu, dass Tinka, gestärkt durch die Worte ihrer Freundin, einen neuen Versuch wagte.

Abermals schaute sie sich die Buchstaben an und gab sich alle Mühe, ihre ungeteilte Aufmerksamkeit dem befremdlichen Textbild zu widmen. Einige Minuten lang starrte sie auf das Blatt Papier, ohne dass sich auch nur das Geringste veränderte. Und plötzlich knurrte auch noch ihr Magen. Das hatte gerade noch gefehlt.

»Antonius, so geht das nicht«, verkündete Isabell entschieden. »Tinka braucht eine Pause. Wir haben seit Stunden nichts gegessen.«

Antonius sah die beiden Mädchen schweigend an, griff dann jedoch zum Telefonhörer und bestellte eine große Pizza – und zwar bei einem, wie er lächelnd bemerkte, hervorragenden Italiener. Zwanzig Minuten später wurde die Bestellung auch schon angeliefert.

»Erzähl doch mal, was hast du als Letztes gelesen?«, fragte Antonius, nachdem er gerade ein beachtlich großes Stück der Pizza mit extra viel Käse geräuschvoll heruntergeschluckt hatte.

»Ähm, unter anderem In 80 Tagen um die Welt. Aber warum wollen Sie das denn ausgerechnet jetzt wissen?«, erwiderte Tinka etwas verwirrt.

»Oh, nur so. Sag, wie war der Name des galanten alten Mannes? Er war doch immerzu in einem dieser edlen Londoner Clubs, richtig?«

Antonius zeigte kein einziges Anzeichen von Beunruhigung. Im Gegenteil, er kaute gemächlich auf einem Pizzastück und schien nun tatsächlich mit seinen Gedanken in einem Londoner Club zu sein, um sich einen guten Drink zu gönnen.

»Ja, richtig«, sagte Tinka und warf ihrer Freundin einen strengen Blick zu. Isabell schien nämlich aus irgendeinem Grund nur mühsam das Lachen zu unterdrücken. »Sein Name ist Phileas Fogg. Und er schließt in seinem Herrenclub in London eine Wette ab, dass er es schafft, in 80 Tagen die Welt zu umrunden, was natürlich zu dieser Zeit eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit war …«

Wenig später hatte Tinka all ihre Nervosität vergessen und saß wild gestikulierend und mit hochrotem Kopf dem Antiquar gegenüber und diskutierte mit ihm über den englischen Gentleman Phileas Fogg und die Eigenheiten seines Dieners und Begleiters namens Passpartout.

Plötzlich, mitten im Satz, hielt sie inne und blickte abwechselnd zu der inzwischen breit grinsenden Isabell und dem Antiquar. Er hatte sie nur ablenken wollen! Und es hatte – natürlich! – geklappt. Antonius wusste anscheinend ganz genau, was er tat.

Also wagte sie sich wieder an den Brief und wenig später passierte es endlich: Ein Buchstabe fing plötzlich an zu wackeln! Es gelang Tinka tatsächlich, zumindest einen der Buchstaben auf dem Brief zu bewegen. Mithilfe von Antonius’ Ratschlägen hatte sie herausgefunden, worauf es ankam, und widmete sich nun mit hochgradig geschärften Sinnen ihrer Aufgabe.

Die Stimmung des Trios wechselte zwischen äußerster Anspannung auf der einen Seite, wenn Tinka abermals ihre Konzentrationsfähigkeit unter Beweis stellen musste, um einen weiteren Fortschritt zu erreichen, und Jubel- und Freudenausbrüchen andererseits, wenn sie es erneut geschafft hatte, einen oder bald sogar mehrere Buchstaben zu bewegen.

Zwar machte Tinka eindrucksvolle Fortschritte, dennoch rannte ihnen die Zeit davon. Sie hatten nur noch knapp zwei Stunden.

»Wenigstens ist mein Name nicht besonders lang«, scherzte Tinka zwischendurch. Inzwischen war sie schon so geübt, dass sie sich willkürlich Buchstaben aussuchen und diese in Bewegung versetzen konnte. Isabell und Antonius suchten sich abwechselnd eine der Lettern aus, bevor Tinkas Blick mit dem gewünschten Buchstaben zu verschmelzen schien und denselben im nächsten Moment mit den Augen wie durch eine magische Verbindung an eine andere Stelle zog.

Endlich fühlte sich Tinka ihrer Sache sicher genug, um ihren eigenen Namen zu bilden. Es blieben ihnen noch knapp dreißig Minuten.

Tinka atmete tief durch und ging langsam Buchstabe für Buchstabe die erste Zeile des Briefes noch einmal durch. Beim ersten t innerhalb des Wortes Buchstabenwelt verharrte sie. Natürlich hätte sie auch alle nötigen Buchstaben der Anrede Sehr geehrte Tinka entnehmen können, in welcher ihr eigener Name schließlich bereits geschrieben stand. Aber sie entschied sich dagegen. Sie wollte nun je Buchstabe immer eine Zeile weiterrücken, um sich möglichst tief in den Text einfühlen und eine Verbindung zu den Buchstaben aufbauen zu können. So schien es ihr am einfachsten.

Es fiel ihr auch erstaunlich leicht, die ersten Buchstaben hin und her zu schieben. Das a jedoch – der letzte Buchstabe, den sie brauchte! – war ein Kraftakt höchsten Grades. Es schien beinahe unmöglich, diesen Buchstaben an den richtigen Platz zu manövrieren, und ihr standen die Schweißperlen auf der Stirn.

Unwillkürlich griff Tinka auf ihrer linken Seite nach Isabells Hand, während sie mit ihrer Rechten den Brief schon fast krampfhaft festhielt. Gleichzeitig meinte sie, deutlich die Energie und die beruhigende Wärme von Antonius’ Hand auf ihrer Schulter zu spüren.

Es waren nur noch einige Zentimeter, bis das a endlich den erwünschten Platz erreicht hatte und somit deutlich lesbar tinka am unteren Blattrand geschrieben stand. Die Uhr zeigte dreizehn Minuten vor acht Uhr an.

Im nächsten Moment hörte Tinka ein deutliches Rauschen, das aber nur einen Augenblick lang anhielt. Ihre Augen hielt sie noch geschlossen. Sie spürte, dass sich ihre Sitzposition nicht geändert hatte. Nur der Untergrund, auf dem sie saß, fühlte sich wesentlich anders an. Während sie in Antonius’ Antiquariat auf einem der harten Holzstühle gesessen hatte, spürte sie hier etwas sehr angenehm Weiches unter sich. Sie öffnete die Augen und sah sich um. Erst jetzt registrierte sie, dass Isabells Hand noch immer fest von der ihrigen umschlossen wurde! Auf der anderen Seite saß Antonius, ebenfalls auf einer Art Moosbett. Seine Hand lag nach wie vor schützend auf ihrer Schulter.

Als hätten alle drei plötzlich ihre Sprache verloren, blickten sie sich stumm an.

»Ist bei euch alles in Ordnung?«, ließ sich irgendwann die Stimme Antonius’ vernehmen.

Tinka und Isabell antworteten nur mit einem Nicken.

»Das entspricht ja jetzt nicht so ganz unserem ursprünglichen Plan«, teilte ihnen der Antiquar in seiner etwas umständlichen Art mit und hüstelte verlegen. »Auch wenn ich im Moment keine Erklärung dafür habe, wie um Himmels willen du das zustande gebracht hast, Tinka – spätestens jetzt müssen wir drei uns wohl an unsere gegenseitige Gesellschaft gewöhnen. Wo ist der Brief?«

Ja, wo war der Brief?

Tinka war sich ganz sicher, dass sie ihn die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, um kein Risiko einzugehen. Aber nun war er verschwunden! Verunsichert stammelte sie: »Ich – ich weiß es nicht. Aber ich hatte ihn eben noch in der Hand! Ganz sicher!«

»Wo zum Teufel sind wir hier?«, fragte nun Isabell, sichtlich beunruhigt über ihre unverhoffte Lage.

»Das kann ich dir leider auch nicht genau sagen. So wie es aussieht, sind wir in einem der vielen Wälder von Grammaton gelandet. Tinka, bist du dir wirklich sicher, dass du den Brief die ganze Zeit festgehalten hast?«

»Natürlich!«, kam es etwas verängstigt, aber entschieden von Tinka.

Das schien Antonius zu beruhigen. »Dann wird er uns bestimmt gleich begrüßen!«, sagte er. »Ihr werdet es sehen! Gleich wird –« Weiter kam Antonius nicht, denn in diesem Moment entfuhr Isabell ein erstickter Schrei. Sie blickte mit weit aufgerissenen Augen in die Richtung eines riesigen Baumstumpfes: Sonderbar schwankend trat soeben ein Wesen hinter jenem hervor, das wirklich alles in den Schatten stellte, was sie bislang an ungewöhnlichen Dingen gesehen hatte.

»Oh mein Gott«, brachte nun auch Tinka hervor, die den entgeisterten Blicken ihrer Freundin gefolgt war.

Nur wenige Schritte von ihnen entfernt blieb die Gestalt stehen, sich ihrer Wirkung offensichtlich bewusst.

Das muss Arthur sein!, schoss es Tinka durch den Kopf. In seinen hellblauen Knopfaugen lag etwas Trauriges, fast Melancholisches, als er Tinka anschaute. Sie erwiderte seinen Blick. Das in sich verschlungene A, das den Hauptbestandteil des Letterlingkörpers ausmachte und von seinen Ausmaßen annähernd der Größe von Tinka und Isabell entsprach, leuchtete in einem wunderschönen, dunklen Tintenblau. Ähnlich einer Schildkröte streckte Arthur seinen Kopf aus einer Öffnung, die sich am oberen Ende seines Buchstabenkörpers befand. Sein Gesicht war verblüffend schön. Es glich in gewisser Hinsicht einem sehr alten, aber charismatischen Menschengesicht mit sehr heller, reiner Haut. Die unvergleichlich feinen, klugen Gesichtszüge ließen das Wesen außergewöhnlich empfindsam erscheinen. Seine Gliedmaßen, ebenfalls denen der Menschen sehr ähnlich, streckte er aus weiteren Öffnungen heraus, die sich an seiner rechten und linken Seite sowie an den unteren beiden Enden des Buchstabens A befanden.

»Guten Tag, Antonius. Es ist schön, dich nach so langer Zeit wiederzutreffen! Guten Tag, Tinka und Isabell!«, sagte Arthur und machte eine tiefe Verbeugung, wobei er sich in der Mitte bog, als ob er aus Gummi bestünde.

»Ich bin doch ehrlich gesagt geringfügig überrascht, dass ihr es tatsächlich geschafft habt, alle drei hierherzukommen«, begann er etwas umständlich. »Es liegt wohl daran, dass ihr Körperkontakt hieltet, als Tinka den letzten Buchstaben erfolgreich verschob. Aber angesichts unserer Situation können wir jede Hilfe gebrauchen.«

Arthur sprach sehr langsam und etwas stockend. Fast kam es Tinka so vor, als ob irgendetwas mit ihm nicht stimmte.

Antonius sah Arthur besorgt an und setzte zu einer Erwiderung an.

»Bitte hört mir jetzt zu und unterbrecht mich keinesfalls«, fuhr Arthur jedoch sogleich fort, ohne Antonius zu Wort kommen zu lassen. »Ich kann nicht leugnen, dass ich mich in einem äußerst unbefriedigenden gesundheitlichen Zustand befinde. Da ich nicht weiß, wie lange ich mein Bewusstsein noch aufrechterhalten kann, werde ich euch zuallererst einige wichtige Anweisungen geben.« Er atmete schwer. »Ihr müsst auf dem schnellsten Wege ins Schloss unserer Hauptstadt Adamantan gelangen. Dort werden die Senatsmitglieder euch in Empfang nehmen.«

Antonius, Tinka und Isabell waren inzwischen an Arthur herangetreten, dessen physischer Zustand sich rapide zu verschlechtern schien. Sehr vorsichtig fasste Antonius nach dem feingliedrigen Arm, um dem Letterling Halt zu geben.

Mit dankbarer Miene sprach Arthur weiter: »Wir befinden uns hier im Wald der tanzenden Schatten. Es sind nur etwa zwei Tagesmärsche nach Adaman-« Er keuchte inzwischen immer heftiger. Im nächsten Moment schwankte er so stark, dass er kurz darauf seinen Halt verlor und in Antonius’ Arme kippte. Dieser legte den geschwächten Letterling möglichst sanft auf den Waldboden nieder und schob ihm seinen Arm unter den Kopf.

Sie alle blickten Arthur nun zunehmend besorgt an, der offensichtlich mit aller Kraft gegen eine Ohnmacht ankämpfte. Seinen Kopf in Antonius’ Arm gebettet, blickte er mit glasigen Augen Tinka und Isabell an und sagte: »Nach Süden.« Gleichzeitig zog er langsam seinen rechten Arm zurück in sein blau leuchtendes A, um ein sonderbar aussehendes Gerät herauszuholen, welches er daraufhin seitlich auf seinem ungewöhnlichen Körper platzierte. Keiner hatte in diesem Moment Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, was dieses Gerät, das eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Fieberthermometer hatte, bedeuten mochte. Gespannt hörten Tinka und ihre Begleiter zu, was Arthur weiterhin zu sagen hatte:

»Nehmt diese Uhr, sie wird euch … helfen …«

»Arthur, halte durch! Wir werden dich mitnehmen und dir Hilfe beschaffen!«, sagte Antonius mit Angst und Verzweiflung in der Stimme.

Arthurs Worte waren jetzt nur noch ein undeutlich geflüstertes Gestammel: »Die Uhr … alle zehn … neunzig … neunzig …« Mit letzter Kraftanstrengung zog er seine Gliedmaßen und seinen Kopf zurück in seinen a-förmigen Körper, bevor er endgültig das Bewusstsein verlor. Gedämpft, aber deutlich hörte man seinen schweren Atem, der aus dem Innern seines Buchstabenkörpers kam.

Verzweifelt schauten Tinka und Isabell Antonius an, der sich gerade aufrichtete. »Was machen wir denn jetzt? Der arme Arthur! Wir müssen unbedingt Hilfe holen! Was meinte er denn mit alle zehn, neunzig, neunzig? Und wie soll uns denn dieses Dings da helfen, das aussieht wie ein Fieberthermometer? Antonius, sagen Sie doch etwas!« Isabells Stimme klang jetzt fast hysterisch. Aber auch Antonius schien unschlüssig, was zu tun sei.

»Schnell!«, drängte Tinka. »Wir müssen aus diesem Wald heraus nach Adamantan. Arthur werden wir natürlich mitnehmen. Vielleicht kann er noch gerettet werden, wenn wir rechtzeitig ankommen!«

Verwundert angesichts dieser Entschlossenheit sah Antonius sie an. »Ja, natürlich«, sagte er dann. »Du hast völlig recht.« Er schien sich wieder zu fangen, während Isabell immer noch wie betäubt den leblosen Körper des Letterlings anstarrte.

»Leider ist mir dieser Wald ebenso unbekannt wie euch.« Antonius untersuchte kritisch die Umgebung, wobei er sich blinzelnd nach allen Seiten umschaute. Die zahllosen, ebenmäßigen Stämme der Bäume, von denen sie umgeben waren, streckten sich wie übermächtige Säulen empor und entfalteten ihr blühendes Leben weit oben in ihren wahrhaft königlichen Kronen. Dichte Kletterpflanzen wanden sich an den gigantischen Stämmen entlang, von den Ästen hingen unendlich viele, verschiedene Blüten herab und ein Teppich von Farnen, Moosen und anderem Gewächs überwucherte den würzig duftenden Waldboden.

»Wisst ihr was?« Isabell hatte sich von dem ersten Schrecken erholt und sah die beiden auf einmal mit glitzernden Augen an. »Ich habe eine Idee, wie wir uns orientieren. Wir suchen uns eine Lichtung oder zumindest eine Stelle, an der man den Stand der Sonne ausmachen kann.« Sehr zufrieden mit sich selbst sprach sie weiter. »Die Sonne ist unsere einzige Orientierungshilfe, wenn wir wirklich nach Süden aufbrechen wollen.«

»Gut.« Der Antiquar nickte zustimmend. »Tinka und ich werden Arthur tragen.«

»Und ich nehme mir die Uhr vor und versuche herauszufinden, was Arthur mit dieser sonderbaren Zahlenreihe meinte«, verkündete Isabell.

»Ja, aber vorher muss ich euch noch Grammatons Zeitrechnung erklären, an die ich mich glücklicherweise noch gut erinnern kann. Hier.«

Antonius nahm das schmale, längliche Gerät vom Körper des Letterlings und reichte es Isabell, die sich sogleich höchst interessiert damit beschäftigte. Ihre eigene Uhr, deren Zeiger um genau dreizehn Minuten vor acht Uhr bewegungslos stehen geblieben waren, hatte sie in diesem Moment ganz vergessen.

»Gut«, brummte sie zufrieden. »Wir werden die Uhrzeit nämlich brauchen, um möglichst rasch mithilfe der Sonne die Himmelsrichtungen auszumachen.«

Antonius und Tinka hatten Arthur der Länge nach angehoben und waren bereits in einem bemerkenswerten Tempo losmarschiert. Während Isabell hinter ihnen herstolperte, erläuterte Antonius die Regeln der örtlichen Zeitrechnung:

»Du wirst feststellen, Isabell, dass deine eigene Uhr genau zu dem Zeitpunkt stehen geblieben ist, an dem wir unsere Welt verlassen haben. Erst wenn wir wieder zurück sind, werden die Zeiger ihren Lauf fortsetzen.«

Ungläubig sah Tinka ihn an. Isabell hingegen brummelte weiter vor sich hin und schien ihn gar nicht zu hören.

»Hier hat der Tag nicht vierundzwanzig Stunden«, erklärte Antonius, »sondern genau hundert Einheiten. Ist es bei uns Mitternacht, ist es auch hier null Uhr. Und wenn es nach unserer Zeitrechnung sechs Uhr ist, dann sind hier bereits fünfundzwanzig Einheiten verstrichen. Mittags ist es also fünfzig Uhr, abends, zu unserer Zeit um achtzehn Uhr, stehen hier die Zeiger auf fünfundsiebzig und um Mitternacht wiederum auf null.«

»Leuchtet ein. Eigentlich sogar logischer als bei uns«, meldete sich Isabell zu Wort. »Der Tag beginnt mit 0, ist auf der Tageshälfte bei 50 und endet bei 100.«

Tinka starrte ihre Freundin und Antonius mit gerunzelter Stirn einen Moment an, nickte dann jedoch ebenfalls zustimmend. Währenddessen trug sie mit Leichtigkeit das obere Ende des großen Buchstabenkörpers. Ein Letterling war bedeutend leichter als ein Mensch.

Isabell ließ plötzlich ein frustriertes Schnaufen hören. »Also, es tut mir ja leid, aber ich denke, diese Uhr ist kaputt oder so. Der Zeiger schwingt hin und her wie ein durchgedrehter Kompass!«

»Das kann doch nicht sein!« Antonius klang nun etwas bestürzt und blieb stehen, um sich das Gerät selbst anzusehen. Er musste allerdings feststellen, dass Isabell keinesfalls an einer Sinnestäuschung litt.

»Das darf ja wohl nicht wahr sein. Aber gut. Wir werden weitergehen, bis wir einen Ort erreicht haben, an dem wir anhand der Sonne unsere Richtung bestimmen können. Falls die Uhr bis dahin noch immer verrückt spielt, werden wir versuchen, sie gemeinsam in Gang zu bringen. Sie muss laufen. Arthur hat uns sicher nicht zum Spaß darauf aufmerksam gemacht.«

schmetterling

4. DER WALD DER TANZENDEN SCHATTEN

Sie waren bereits mehr als zwei Stunden lang gegangen, ohne dass sich ihnen die Chance bot, den genauen Stand der Sonne auszumachen und auf diese Weise die Himmelsrichtungen bestimmen zu können.

Die wenigen Lichtstrahlen, die durch das dichte Laubdach des Waldes durchzudringen vermochten, sprangen so wild umher, als würden sie von überallher kommen. Sie tauchten die gewaltigen Stämme, den mit Wurzeln, Moos und anderen verschlungenen Pflanzen bedeckten weichen Boden und das in allen nur erdenklichen Grüntönen gefärbte Laub der Bäume in ein tanzendes, flackerndes Licht.

Es wehte ein leichter, frühlingshafter Wind, der stark nach Erde und Baumwurzeln, frischen Blättern und Waldfrüchten roch. Die Baumriesen, die sie umgaben, besaßen geradezu überwältigende, pompöse Kronen, die sich scheinbar unendlich weit in den Himmel streckten, und sie beherbergten zahllose Vögel und andere Tierarten, deren Zwitschern, Gurren, Zirpen und Rufen den Wald erfüllten. Außer dem leisen Rauschen der Blätter im Wind war kein Laut zu hören.

In dieser fast sinnesbetäubenden Atmosphäre wanderten Antonius, Tinka und Isabell hintereinander her, teils verwickelt in lebhafte Unterhaltungen, teils schweigend in die eigenen Gedanken versunken. Sie waren gefangen in einem schillernden Dickicht, das keinerlei Anhaltspunkte zu ihrer Orientierung bot.

Wo mochten sie sein? Und wie sollten sie jemals aus diesem Wald herausfinden, wenn sie ihre Richtung nicht bestimmen konnten? Ihre größte Sorge war jedoch, dass Arthur nicht mehr lange durchhalten würde.

Immer wieder holte Isabell die Uhr des Letterlings aus ihrer Tasche. Unzufrieden vor sich hin grummelnd drehte und wendete sie das Gerät in alle Richtungen, schüttelte es sogar und untersuchte es immer wieder, ohne jedoch die Ursache für die sinnlosen Bewegungen der Zeiger ausmachen zu können.

»Was ist das denn nur für eine verrückte Uhr?«, schimpfte sie leise vor sich hin. »Antonius!« Sie wandte sich ungeduldig an den Antiquar. »Was weißt du denn noch darüber? Fällt dir nicht noch irgendetwas ein, was uns helfen könnte, dieses Ding in Gang zu bringen?«

»Leider weiß ich über die Letterlinguhren nicht viel. Ich zerbreche mir schon die ganze Zeit den Kopf darüber, aber leider habe ich mir damals nie eine von ihnen näher angesehen. Die Letterlinge haben sie niemals aus der Hand gegeben.«

»Es ist einfach zum Verrücktwerden«, beschwerte sich Isabell. »Es gibt einfach nichts außer der Skala mit den hundert Einheiten und dem Zeiger, der darauf herumspringt. Kein Knopf zum Drücken oder Drehen, kein Fach für eine Batterie. Das gesamte Gehäuse scheint aus einem einzigen Stück gegossen zu sein. Nur das Glas über dem Ziffernblatt ist extra eingearbeitet.«

Tinka seufzte. Wie sollten sie denn die Himmelsrichtung bestimmen können, wenn sie nicht einmal wussten, ob es früh am Morgen oder Nachmittag war!

Isabells Laune verschlechterte sich von Sekunde zu Sekunde mehr: Sie fand es empörend, dass sie sich an einem Ort befand, an dem man am hellichten Tage den exakten Sonnenstandpunkt nicht ausmachen konnte.

Tinka jedoch wurde immer unruhiger wegen Arthur, dessen blau leuchtenden vorderen Teil sie in den Händen hielt. Er fühlte sich auffällig warm, fast heiß an.

»Antonius, diese Uhr wird uns niemals weiterhelfen«, teilte Isabell jetzt mit, nach einem erneuten Blick auf den irr umherzuckenden Zeiger des länglichen Geräts. Sie wirkte inzwischen definitiv verärgert und reichte Tinka die Uhr.

Vorsichtig legte diese die Uhr auf Arthurs Buchstabenkörper.

Antonius zuckte mit den Schultern. »Gut, dann müssen wir eben den Lauf der Sonne beobachten, um beurteilen zu können, wo Süden ist.«

Kurz darauf blieb Tinka jedoch auf einmal so ruckartig stehen, dass Antonius beinahe das andere Ende des Letterlings hätte fallen lassen.

»Seht euch das an! Sie bewegt sich auf einmal! Da, der Zeiger ist jetzt bei der 37.«

»Aha!« Isabells Laune hellte sich schlagartig auf. »Das heißt, es ist hier noch früh am Morgen! Und ich glaube, jetzt ist auch klar, warum die Uhr vorher nicht ging.«

Sie nahm das Gerät von Arthurs Körper weg, woraufhin es sofort wieder anfing, verrückt zu spielen. Als sie die Uhr wieder ablegte, blieb der Zeiger erneut ruckartig stehen, abermals auf der Zahl 37. »Sie muss Körperkontakt mit ihrem Besitzer haben!«, erklärte Isabell und lächelte breit.

»Das ist ja interessant«, murmelte Antonius und warf Isabell einen anerkennenden Blick zu.

Doch auch wenn sie jetzt die Hoffnung hatten, endlich die Richtung bestimmen zu können, in die sie gehen mussten, wuchs bei den dreien die Sorge um Arthur. Vor allem Tinka stimmte der kritische Zustand dieses seltsamen Wesens mit den klugen, sanften Augen traurig. Obwohl sie Arthur kaum kannte, tat es ihr in der Seele weh, den Letterling so hilflos daliegen zu sehen. Wie gerne hätte sie sich mit ihm unterhalten und ihm allerlei Löcher in seinen Buchstabenbauch gefragt! Aber der arme Letterling lag völlig reglos in ihren Händen. Und er war ausgerechnet von drei Menschen abhängig, die nahezu völlig orientierungs- und hilflos durch diesen dschungelartigen Wald irrten!

»Warum ist Arthur eigentlich zusammengebrochen?«, fragte Tinka den Antiquar. Eine Spur von Verzweiflung lag in ihrer Stimme. »Können wir ihm denn gar nicht helfen?«

Antonius schüttelte traurig den Kopf. »Tatsächlich kann ich mir denken, was ihm fehlt. Es ist Energie. Ebenso wie wir braucht er sie, um leben zu können. Ihr werdet euch daran erinnern, was ich euch erzählt habe, als wir noch in meinem Antiquariat waren. Die Letterlinge bekommen ihre Energie indirekt durch das Lesen und die dabei entstehenden Fantasien der Menschenkinder. Hier in Grammaton gibt es ganz besondere Quellen, welche einzig durch die Vorstellungskraft der Kinder gespeist werden. Die Quellen wandeln diese Energie in eine bestimmte Substanz um, welche dann von den Letterlingen regelmäßig eingenommen wird und sie lebendig und gesund hält. Diese Substanz ist ihr Lebenselixier und heißt Zon.« Auch Antonius war tief bewegt. Voller Kummer sah er Arthur an, dessen Buchstabenende er festhielt.

»Wo gibt es denn diese Quellen mit dem Zon?«, fragte Tinka. »Vielleicht könnten wir so eine Quelle finden!«

»Es gibt sie nur an ganz speziellen und meist verborgenen Orten«, sagte Antonius niedergeschlagen. »Ohne das genaue Wissen oder zumindest das empfindliche Gespür eines Letterlings ist es fast unmöglich, eine solche zu finden.«

»Antonius, wie gut kennen Sie Arthur eigentlich? Haben Sie ihn damals schon persönlich kennengelernt?«, fragte Tinka. Es war Antonius deutlich anzusehen, wie sehr er unter Arthurs Zustand zu leiden hatte. Sie ahnte, dass der Antiquar eine besondere Bindung zu dem Letterling verspürte.

»Ja, das habe ich allerdings.

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