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Let's get lost

Über den Autor

Adi Alsaid wuchs in Mexico City auf, zog fürs Studium aber in die USA. Nach seinem Abschluss entschloss er sich, sein Glück als Schriftsteller zu versuchen. Als Weltenbummler lebt er heute in Mexico City, Tel Aviv, Las Vegas und Monterey, Kalifornien. Let’s get lost ist sein erster Roman. Ganz seinem Lebensmotto folgend steht auch hier eine Reise im Mittelpunkt.

BASTEI ENTERTAINMENT

1.

Hudson hörte den Motor schon, als der Wagen noch mehrere Blocks entfernt war. Er trat aus der Werkstatt und lauschte mit geschlossenen Augen, dröselte im Kopf die Geräusche auseinander, sodass er nachher bereits vor dem Öffnen der Motorhaube genau wissen würde, was zu reparieren war.

Wenn er so vor der Werkstatt stand, die Musik eines noch weit entfernten Autos im Ohr, konnte Hudson alles andere um sich herum vergessen. Schule, Mädchen, seine Zukunft, die Frage, ob seine Kumpels wirklich Vollpfosten waren oder sich nur so aufführten – alles weg. Wenn er die Augen zumachte, reduzierte sich Hudsons Welt auf einen einzigen Motor und sonst nichts; es war eine Welt, in der er nicht nur jedes noch so kleine Bauteil beim Namen nennen konnte, sondern auch genau wusste, wozu es diente, wie es funktionierte und wie es zu reparieren war.

Als die Bremsen des Wagens zwitscherten, weil der Fahrer die Geschwindigkeit drosselte, um auf die Zufahrt zur Werkstatt einzubiegen, öffnete Hudson die Augen. Es war ein alter Plymouth Acclaim, die Sorte Auto, die einige nur zu gern zum Schrott abschoben und andere so von Herzen liebten, dass sie sich weigerten, es je sterben zu lassen. Der Wagen hatte schon bessere Tage gesehen, der rote Lack platzte überall ab und der Auspuffdämpfer war längst nicht mehr in der Lage, irgendetwas zu dämpfen. Hudson winkte den Fahrer – es war eine Fahrerin, wie er jetzt erkannte – zu sich heran. Er war immer noch damit beschäftigt, die Probleme des Autos im Ohr zu analysieren, als das Mädchen den Motor ausmachte und ausstieg.

Hudson erlaubte sich nur einen flüchtigen Blick auf sie und wusste trotzdem sofort, dass sie eines von diesen Mädchen war, die einen glauben machen, das Leben sei nur dann vollkommen, wenn sie ein Teil davon sind. Sie war das reinste Sammelsurium aus Widersprüchen: klein gewachsen, aber langbeinig; wild funkelnde grüne Augen, aber ein sanfter Gesichtsausdruck; Babyface, aber von einer geradezu weisen Aura umgeben. Sie trug ein eng anliegendes, schlicht rotes T-Shirt, das zum Wagen passte. Die schwarzen Locken hingen ihr offen bis knapp unters Kinn.

»Tag«, sagte sie mit einem höflichen Lächeln.

Hudson erwiderte den Gruß, wobei er den neutralen Ton anzuschlagen versuchte, den er für die meisten Kunden benutzte. Er bat sie, die Motorhaube zu öffnen, und ging um den Wagen herum, um den Riegel zu lösen. Eigentlich hatte er sich sofort in die Arbeit stürzen wollen, aber entgegen seinem Instinkt riskierte er einen zweiten Blick auf das Mädchen. Wie lange würde die Erinnerung an ihr Gesicht ihn verfolgen? Tagelang? Wochenlang?

»Irgendwelche besonderen Probleme?«

»Ich weiß nicht genau …« Sie steckte die Hände in die hinteren Taschen ihrer Shorts, sodass sich ihre Haltung komplett veränderte, was Hudson beim besten Willen nicht ignorieren konnte. Auch die stille Welt außerhalb der Werkstatt bemerkte die Veränderung in ihrer Haltung, die schwüle Mississippi-Luft tat es, selbst die unzähligen Ölflecken auf dem Werkstattboden taten es. »Ich bin nur gerade zu einer ziemlich langen Fahrt gestartet, und der Wagen kommt mir irgendwie laut vor, deswegen wollte ich sicherheitshalber mal nachschauen lassen, ob alles okay ist.«

Hudson griff sich ein sauberes Tuch vom Regal neben ihm und machte sich daran, den Ölstand und die Getriebeflüssigkeit zu checken. Er arbeitete am liebsten schweigend vor sich hin, nichts als das leise Flüstern des abkühlenden Motors im Ohr, Hände und Werkzeug im ständigen Kontakt mit der Maschine. Aber dieses Mädchen hatte irgendetwas an sich, das ihn gesprächig machte. »Wo willst du denn hin?«

»Nach Norden«, sagte sie. »Ganz hoch nach Norden.«

»Kommst du hier aus der Gegend?« Auf einmal war ihm sein gedehnter Dialekt peinlich, die Hebung auf den Vokalen, überhaupt die ganze Glanzlosigkeit seiner Erscheinung.

»Nö. Du?«

Er lachte leise, während er mit beiden Händen über den Motor fuhr und nach eventuellen Rissen im Keilriemen suchte. »Jep. Hier geboren, hier aufgewachsen.« Er nickte abwesend, während er im Kopf eine Liste erstellte, was er alles würde reparieren müssen. »Darf ich fragen, wo du dann herkommst?«

»Darfst du.« Hudson meinte, ein Lächeln mitgehört zu haben, aber als er hochschaute, schlenderte sie durch die Werkstatt, nahm neugierig die Regale und den ganzen darauf versammelten Kram in Augenschein. »Ich bin in Texas geboren. In einer Kleinstadt so ähnlich wie diese hier.«

»Wenn du aus Texas stammst und nach Norden unterwegs bist, was führt dich dann nach Vicksburg? Liegt ja nicht gerade auf dem Weg.«

»Ich wollte, dass mein Auto fit gemacht wird, und ich hab gehört, du wärst der Beste dafür in der Gegend.« Als er ein zweites Mal hochsah, grinste sie.

Wochen, dachte Hudson, ich werde noch wochenlang an dieses Gesicht zurückdenken. Sie ging um das Auto herum und stellte sich neben ihn vor die offene Motorhaube. »Und, was meinst du? Packt meine Süße die lange Fahrt?«

»Wenn ich mit ihr fertig bin, ja. Ich wechsel alle Flüssigkeiten einmal aus, mach neue Zündkerzen rein … Kann sein, dass der Keilriemen ausgetauscht werden muss, aber ich glaube, wir haben das passende Ersatzteil da. Die Bremsen checke ich auch durch, die haben sich nicht so gut angehört, als du hier reingefahren bist. Aber das ist alles nichts Besorgniserregendes.«

Einen Augenblick lang vergaß Hudson das Mädchen und freute sich darauf, sich die Hände schmutzig zu machen, freute sich auf die Ölflecken, die er sich in die Arbeitshose schmieren würde – neue Kampfnarben, die er mit Stolz zur Schau tragen würde.

»Du machst das richtig gern, was?«

Als Hudson aufsah, stand sie so nahe bei ihm, dass er ihren Duft riechen konnte, der sich durch die Öldämpfe in der Werkstatt zu ihm durchschlängelte. »Ich mache was gern?«

»Mich ansehen«, sagte sie, dann klatschte sie ihm spielerisch auf den Arm. »Das hier, du Dummie. Autos reparieren. Das sieht man.«

Er zuckte mit den Schultern, so wie man es tut, wenn man gar nicht anders kann, als etwas richtig gern zu machen. »Wenn du willst, kannst du mit reinkommen und da warten, bis ich den Kostenvoranschlag fertig hab.«

»Brauchst du nicht«, sagte sie. »Mach einfach, was gemacht werden muss. Ich vertrau dir.«

»Hm, das könnte aber ein paar Stunden dauern«, sagte Hudson. »Da drin gibt’s Kaffee und einen Fernseher. Und Zeitschriften auch. Ein Stück die Straße runter ist auch ein guter Burger-Laden …« Seine Stimme verebbte, als ihm klar wurde, dass er sie gar nicht wirklich gehen lassen wollte. Normalerweise war es egal, welche Ablenkungen um ihn herum lockten – er konnte alles ausblenden und sich in seine Arbeit vertiefen. In der Bibliothek war es genauso: Ob nun Freunde ankamen und ihn aufziehen wollten, ob sich irgendwelche süßen Mädchen aus seiner Klasse neben ihn setzten und ihn in eine Unterhaltung zu verstricken versuchten – Hudson ließ sich nie von dem abbringen, was er sich vorgenommen hatte.

Aber dieses Mädchen … Aus irgendeinem Grund war es ihm wichtig, was sie hiervon oder davon hielt, er wollte alles über ihren Tag erfahren und ihr alles über seinen erzählen.

»Du kannst aber auch hierbleiben und mir Gesellschaft leisten«, sagte Hudson.

Sie wich ein paar Schritte zurück, doch anstatt die Werkstatt zu verlassen, griff sie sich einen Klappstuhl, der an der Wand lehnte, machte ihn auf und setzte sich. »Wenn’s dir nichts ausmacht …«

Hudson atmete erleichtert auf. Wie schnell sich sein Glück gewendet hatte! Nach der Schule hatte er sich auf einen langen, leeren Nachmittag gefasst gemacht, voller Sorgen darüber, wie sein morgiges Gespräch mit dem Studiendekan verlaufen würde, und mehr als ein gelegentlicher Ölwechsel war als Ablenkung nicht zu erwarten gewesen. Jetzt aber lag eine Wagenladung Arbeit vor ihm, und zwar in Gesellschaft eines wunderschönen Mädchens. Er wischte sich die Hände an dem Tuch ab, das er zuvor schon benutzt hatte, und machte sich an die Arbeit, während er verzweifelt überlegte, was er sagen sollte.

Er konnte das Mädchen aus den Augenwinkeln sehen. Stumm und wortlos saß sie da und bewegte den Kopf gerade so viel, dass sie sich in der Werkstatt umsehen konnte. Manchmal landete ihr Blick auf Hudson, und jedes Mal begann dann sein Herz zu irrlichtern.

»Wusstest du, dass es an manchen Berufsschulen für Automechaniker eine Art OP-Saal gibt, mit Zuschauerraum, so ähnlich wie bei Medizinstudenten? Ist ja auch gar nicht so anders, als würde man Chirurg werden wollen, man kann einfach nicht alles im Klassenzimmer lernen. Der einzige Unterschied ist, dass du dir als Mechaniker nicht die Hände sterilisieren musst.« Hudson linste um die Ecke der Motorhaube, um die Reaktion des Mädchens aufzufangen.

Sie wandte sich ihm zu, eine Augenbraue nach oben gezogen, und biss sich auf die Unterlippe, um das Lächeln abzuknipsen.

»Es heißt, der eine oder andere Lehrling kippt sogar um, wenn er das erste Mal eine Operation am offenen Motor miterlebt. Manche können einfach kein Öl sehen«, witzelte Hudson.

»Na ja, man kann’s ihnen schlecht verdenken, ist ja wirklich eine Sauerei …« Das Mädchen schüttelte lächelnd den Kopf. »Blödmann.«

Er grinste zurück, dann bockte er ihr Auto auf der Hebebühne auf, um das Öl von Motor und Getriebe auszuwechseln. Er hatte keine Ahnung, was ihn dazu gebracht hatte, so alberne Sachen zu sagen, und er hätte auch nicht erklären können, warum es sich gut anfühlte, dass sie ihn Blödmann genannt hatte.

»Warst du schon mal in Mississippi?«, fragte er, sobald der Wagen oben war.

»Leider nicht.«

»Und wie lange willst du hierbleiben?«

»Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Ich hab keine feste Route geplant, vielleicht fahr ich auch einfach nur schnell durch.«

Hudson positionierte den Trichter unter den Verschluss der Ölwanne und lauschte dem vertrauten Gluckern der schweren Flüssigkeit, die sich in den Altölbehälter neben der Hebebühne ergoss. Von einem seltsamen Drang beseelt, sich ihr anzuvertrauen, kramte er im Kopf nach weiteren Worten. »Also wenn du meine Meinung hören willst … Ich würde an deiner Stelle erst weiterfahren, wenn ich mir den Staat richtig angeschaut habe. Gibt hier echt viele Schätze zu entdecken.«

»Schätze? Du meinst, von der vergrabenen Sorte?«

»Klar«, sagte Hudson. »Na ja, zumindest im übertragenen Sinn.« Er schielte zu ihr hin, in der Erwartung, sie würde die Augen verdrehen oder sonst irgendwie abfällig auf seinen Kommentar reagieren. Über das Thema hatte er noch nie offen mit jemandem geredet, vor allem aus Angst, die Leute würden ihn für verrückt erklären, weil er Vicksburg für etwas Besonderes hielt. Aber das Mädchen sah ihn nur neugierig an, als wollte sie ihn stumm ermuntern, weiterzusprechen.

»Vergraben ist vielleicht das falsche Wort. Es sind eher so Schätze, die sich hinter dem Alltagsleben verstecken. Hinter den ganzen Fastfood-Läden und der Langeweile. Die Leute, die Vicksburg mögen, mögen es meist nur wegen dem, was es nicht ist, nicht wegen der vielen Sachen, die es ist.« Hudson verschloss die Ölwanne wieder und begann, die Getriebeflüssigkeit abzulassen. Bestimmt hörte sich sein Gerede für das Mädchen total gaga an.

»Was meinst du damit?«

»Ich meine, Vicksburg ist keine Großstadt. Es ist nicht abgasverseucht, nicht gefährlich, nicht fremd.« Lieber Himmel, er spürte regelrecht, wie er vor lauter Verlegenheit seine Worte beschleunigte. »Alles schön und gut, okay. Aber das ist nicht das, was Vicksburg ausmacht, verstehst du? Das wäre genauso, als würde man zu jemandem sagen: ›Ich find dich gut, weil du kein Mörder bist.‹ Ist ja wunderbar, wenn man kein Mörder ist, aber das sagt doch noch lange nichts über einen aus.«

Na klasse, dachte Hudson. Quassel ruhig weiter dummes Zeug über Mörder und so, damit machst du bestimmt einen super Eindruck auf sie. Während das Getriebeöl herausfloss, schaute er sich das Profil der Reifen an – die schienen allerdings ganz okay zu sein – und wrang sich das Hirn aus, wie er von diesem bescheuerten Verbrecherthema wegkommen könnte.

»Tut mir leid, normalerweise quatsch ich nicht so einen Schwachsinn. Aber irgendwie hast du so was an dir, dass man ganz leicht ins Reden kommt.«

Es kam Hudson vor wie ein Wunder, dass das Mädchen ihn nun anlächelte. »Du musst dich nicht entschuldigen. Deine Ansage war doch ganz nachvollziehbar.«

Hudson holte ein Tuch aus der Tasche und wischte sich die Hände damit ab. »Danke. Die meisten Leute interessiert so was nicht.«

»Tja, dann hast du wohl Glück gehabt, ich mag klare Ansagen.«

Sie schenkte ihm noch ein Lächeln, dann wandte sie den Kopf und schaute aus der Werkstatt hinaus, die Augen wegen der Sonne zu Schlitzen verengt. Hudson konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor einen Menschen, der einfach nur ins Leere starrte, so faszinierend gefunden zu haben. Nicht einmal Kate, Suzanne oder Ella, die Mädchen, hinter denen er halbherzig her gewesen war, hatten ihn je so in ihren Bann gezogen, dass er einfach nicht wegschauen konnte.

»Also, was gibt’s hier so für verborgene Schätze?«, fragte das Mädchen.

Er ging um das Auto herum und tat so, als würde er es von allen Seiten inspizieren. Es beeindruckte ihn, dass sie die Unterhaltung so zielsicher weiterverfolgte. »Hm, kann ich jetzt gar nicht so konkret sagen. Aber du weißt, was ich meine, oder? Kennst du dieses Gefühl, dass man der einzige Mensch ist, der etwas ganz Bestimmtes sehen kann?«

Das Mädchen ließ ein volles, warmes Lachen hervorperlen. »Eins kann ich dir jedenfalls sagen: Es ist echt ruhig hier.« Sie wischte sich den Schweißfilm weg, der sich auf ihrer Stirn gebildet hatte, und benutzte die Feuchtigkeit gleich dazu, sich ein paar lose Haarsträhnen nach hinten zu glätten.

Hudson hörte seinen Vater im hinteren Teil der Werkstatt, wie er den Motor eines Sattelschleppers checkte, der ein paar Stunden zuvor hereingekommen war. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Wagen zu und schob jeden Gedanken an das morgige Gespräch in den hintersten Winkel seines Kopfes.

»Das erinnert mich an den Ort, an dem ich aufgewachsen bin«, sagte das Mädchen. Hudson hörte ihren Stuhl über den Boden schrappen, als sie aufstand und auf ihn zukam. Er rechnete damit, dass sie sich neben ihn stellen würde, aber sie blieb irgendwo hinter ihm stehen, außer Sichtweite. »In meiner Grundschule gab es so ein Fußballfeld. Im Vorbeifahren sah es einfach nur aus wie ein zerzauster Grasfleck.« Es fiel Hudson schwer, sich nicht umzudrehen, um zuzuschauen, wie sich ihre Lippen beim Sprechen bewegten. »Aber jedes Kind in Fredericksburg kannte die Ameisenhügel. Zwei Stück gab es, an jedem Ende des Feldes einen. In dem einen hausten schwarze Ameisen, in dem anderen rote. Und jeden Sommer wurde das Fußballfeld zum Kriegsschauplatz: Ameise gegen Ameise. Keine Ahnung, ob die sich um das Territorium gestritten haben oder sich einfach nur gegenseitig auffressen wollten oder was, jedenfalls war das immer ein unglaublicher Anblick. Diese Millionen von kleinen schwarzen und roten Viechern, die aufeinander losstürzten … Es war, als würde man von ganz weit weg zugucken, wie Tausende von Schachfiguren gleichzeitig gespielt werden. Das war der kleine Schatz von Fredericksburg, für uns zumindest, für uns ganz allein.«

Hudson ertappte sich dabei, wie er in den Motorraum hineingrinste, statt die Zündkerzen auszutauschen. »Wahnsinn«, sagte er und spürte gleichzeitig, dass das Wort viel zu lahm war. Das Mädchen hatte nicht einfach nur seine Rede über sich ergehen lassen, sie hatte auch genau verstanden, was er meinte. Noch nie hatte ihn jemand so vollkommen verstanden, nicht mal sein Vater.

Es entstand eine Pause, die Hudson nicht auszufüllen wusste. Er überlegte, ob er das Mädchen fragen sollte, warum das Auto auf eine Adresse in Louisiana statt auf eine texanische angemeldet war, aber irgendwie schien es ihm nicht der richtige Zeitpunkt zu sein. Dankbar registrierte er, wie der Motor des Sattelschleppers, an dem sein Dad gearbeitet hatte, zum Leben erwachte und der riesige Truck in einer ohrenbetäubenden Wolke aus Rückwärtsgang-Gepiepe und Gangwechsel-Geächze aus der Werkstatt rollte.

Als der Sattelschlepper die Straße hinunter verschwunden war, wandte Hudson sich dem Mädchen zu, doch ihr Blick machte ihn verlegen, daher tat er so, als würde er auf dem Regal neben ihr irgendetwas suchen. »Wenn dein Auto fertig ist, hättest du vielleicht Lust auf eine Schatzsuche?«

Hudson hätte nicht sagen können, wo die Frage entsprungen war, aber er war froh, dass er sich erst gar keinen Kopf darum gemacht, sich keine Zeit gelassen hatte, vor ihrer eventuellen Antwort zurückzuschrecken.

Die Frage schien das Mädchen unvorbereitet zu treffen. »Du meinst, so eine kleine Führung oder so?« Sie starrte auf ihre Füße runter, nackt bis auf den roten Umriss ihrer Flip-Flops.

»Sofern du nichts anderes vorhast, natürlich.«

Sie wirkte leicht argwöhnisch, was für ein Mädchen in ihrer Lage eigentlich ganz vernünftig war. Hudson konnte es selbst kaum fassen, dass er eine völlig Fremde dazu eingeladen hatte, mit ihm auf Schatzsuche zu gehen.

»Okay, warum nicht«, sagte sie, gerade noch rechtzeitig, bevor Hudson hörte, wie sein Vater die Werkstatt betrat und nach ihm rief.

»Sorry, nur eine Sekunde«, sagte Hudson mit einer entschuldigenden Geste zu dem Mädchen und schlüpfte seitlich an ihr vorbei. Er war ihr so nah, doch er widerstand der Versuchung, sie zu berühren – nur ganz leicht, unten am Rücken, oder an der Schulter –, und ging zu seinem Vater, der an der Werkstatttür wartete.

»Hey, Pop«, sagte Hudson, stemmte die Hände in die Hüften und spiegelte die Haltung seines Vaters wider.

»Wie war’s in der Schule? Gut?«

»Ja, nichts Besonderes. In der Mittagspause hab ich wieder so ein Probegespräch mit dem Studienberater gehabt. Lief ganz gut, glaube ich. Mehr war nicht.«

Sein Dad nickte ein paarmal, dann deutete er mit dem Kopf auf den Wagen des Mädchens. »Woran arbeitest du da?«

»Rundum-Check«, sagte Hudson. »Filter, Ölwechsel, Zündkerzen, neuer Keilriemen.«

»Wenn du willst, mach ich das für dich zu Ende. Du musst dich ausruhen, wegen morgen.«

»Nicht nötig, ich bin fast fertig.« Schon spürte Hudson das Unbehagen, das ihn immer ergriff, wenn er seinen Vater um etwas bitten musste, was der nicht billigte. »Es ist nur …« Er linste zu dem Mädchen hinüber, ob es auch nicht in Hörweite war. »Also, dieses Mädchen, sie hat mich gefragt, ob ich ihr mal die Gegend zeigen könnte, die Stadt und so.« Er lauerte, ob sein Vater sich durch das ergrauende Haar fahren würde – sein typisches Signal, dass er mit etwas nicht einverstanden war. »Bin auch pünktlich zum Abendessen zurück, versprochen.«

Sein Vater schielte auf seine alte Timex-Armbanduhr. »Eine Stunde«, sagte er und erinnerte Hudson noch einmal daran, dass er am nächsten Morgen früh aufstehen musste, um die fünfzig Meilen nach Jackson, zur University of Mississippi, rechtzeitig zu schaffen. »Wir wollen doch nicht, dass du da übermüdet ankommst.«

»Werd ich nicht, versprochen«, sagte Hudson, und eine Flut winziger Fantasien über die bevorstehende Stunde mit dem Mädchen umspülte seinen Kopf. Wie ihre Handrücken sich beim Spazierengehen – nicht ganz zufällig – streifen würden; wie ihr Bein das seine berühren würde, wenn sie sich irgendwo hinsetzten und einander näher kennenlernten. Schon kreisten seine Gedanken um die besten Orte, an die er sie führen könnte.

Hudson bedankte sich mit einer flüchtigen Umarmung bei seinem Vater und ging wieder zum Wagen zurück. Das Mädchen hatte eine Hand auf die Motorhaube gelegt und schaute abwesend auf das Innenleben ihres Autos.

»Nur noch ein paar Kleinigkeiten, dann können wir los«, sagte Hudson.

»Schön.« Sie schenkte ihm ihr warmes, echtes Lächeln und streckte ihm dann die Hand hin. »Übrigens, ich heiße Leila.«

Er wischte sich die Rechte an der Arbeitshose ab, griff nach ihrer Hand und nannte seinen Namen. Monate, dachte er, während seine Fingerspitzen von ihrer Berührung vibrierten, ich werde noch monatelang an sie zurückdenken.

2.

Nachdem er mit Leilas Wagen fertig war, ging Hudson nach hinten, um sich aus der Arbeitsmontur zu schälen, während Leila bei seinem Dad die Rechnung bezahlte. Als Hudson wieder rauskam, saß Leila schon auf dem Beifahrersitz ihres im Leerlauf schnurrenden Autos.

»Ich soll fahren?« Er machte die Fahrertür auf.

»Du bist der Reiseleiter.« Leila machte eine ausladende Handbewegung, als wollte sie auf die weite, unerforschte Welt jenseits der Windschutzscheibe hinweisen. »Also, zeig mir alles.«

Sie lächelte ihn an, und Hudson dachte, dass sie das besonders gut draufhatte, lächeln. Er legte den Gang ein, rollte auf die Straße hinaus und überlegte dabei, welches Ziel er wohl als Erstes ansteuern sollte, damit sie noch mehr lächelte. Der große Flussbogen war der offensichtlichste Schatz der Stadt, doch der lag viel zu weit entfernt. Alles andere, was mehr in der Nähe war, beherbergte in erster Linie lieb gewonnene Erinnerungen: das Coca-Cola-Museum, in dem er bis zu seinem zwölften Lebensjahr jeden Geburtstag gefeiert hatte; der Eisladen, der seine Kunden aufforderte, neue, ausgefallene Eissorten vorzuschlagen, und der einmal Hudsons Idee – Schinken-Schoko-Eis – umgesetzt hatte … Aber um seine Erinnerungen mit den Orten zu verknüpfen, sodass sie auch für Leila zu Schätzen wurden, würde er viel reden müssen. Normalerweise war es für ihn kein Problem, mit Mädchen zu sprechen, auch nicht mit sehr hübschen, aber obwohl er sich in Leilas Gegenwart besonders gesprächsfreudig fühlte, hatte er nun keine Ahnung, wie er anfangen sollte. »Ziemlich … rot hier drin«, bemerkte er.

»Ich weiß. Das war der Hauptgrund, warum ich meine Süße gekauft habe. War Liebe auf den ersten Blick.«

»Dann liegt die Vermutung nahe, dass Rot deine Lieblingsfarbe ist.«

»Ja, ich mag Rot, aber versteh mich nicht falsch … Ich bewundere grundsätzlich jeden, der den Mut hat, einfach nur er selbst zu sein. Wenn du rot sein willst, dann bitte schön, sei rot, tiefrot und mit allen Konsequenzen. Vom Lenkrad bis zu den Radkappen.«

Hudson konnte nur stumm vor sich hin nicken. Noch nie hatte er jemanden kennengelernt, der so entwaffnend offen sagte, was er dachte. Die Bremsen tschilpten laut, als er vor einem Stoppschild langsamer wurde, und er versicherte Leila, dass alles in Ordnung war, die Bremsen sangen wohl nur ganz gern. Dann bog er links auf die Maryland ab, damit die Sonne ihn nicht blendete, während er sich überlegte, was er Leila zeigen sollte. »Und was ist mit dir?«, fragte er, nachdem er die weite Kurve hinter sich gelassen hatte. »Was bist du?«

»Ich?«, erwiderte sie in gespielter Unschuld. Dann schüttelte sie ihre Flip-Flops ab und stemmte die Füße gegen das Handschuhfach. Hudson stellte sich vor, wie es wäre, ihr Freund zu sein, und es war das erste Mal, dass er sich diese Frage bei einem Mädchen stellte und den Gedanken nicht sofort wieder verwarf. Wie das wohl wäre – wenn sie auf langen Autofahrten neben ihm säße und leise zur Musik singen würde, wenn sie nebeneinander irgendwo im Gras liegen und sich Geheimnisse anvertrauen würden, wenn sie Mittel und Wege finden würden, sich im Kino um die Getränkehalter an den Sitzen herumzuwinden und sich aneinanderzukuscheln … »Ich bin Schatz-Touristin. Und mein Reiseleiter ist mir immer noch den allerersten Schatz schuldig. Wohin fahren wir?«

Hudson steuerte den Wagen Richtung Innenstadt. Sie fuhren auf dem Highway an ein paar Motel-Ketten vorbei, an hingesprenkelten Restaurants und Fastfood-Läden, allesamt flach und in jenem schalen Beige-Ton gehalten, der noch langweiliger aussieht als Grau. Nichts davon fühlte sich an wie ein Schatz, der es wert gewesen wäre, Leila gezeigt zu werden.

Bestimmt langweilte sie sich schon … Als die Bowlingbahn in Sicht kam, steuerte Hudson den Wagen kurz entschlossen auf den Parkplatz davor. Durch die breite Fensterfront konnte man sehen, dass es da drin richtig voll war – auf allen achtzehn Bahnen kullerten die fluoreszierenden Kugeln unterschiedlich schnell dahin und lösten stumme Explosionen weißer Kegel aus.

»Als Kind war ich mal auf einer Pyjamaparty hier«, sagte Hudson mit Blick auf das gedrungene, himmelblau gestrichene Gebäude. Warme Erinnerungen an jene Nacht fluteten seinen Kopf, und er wünschte sich, er könnte eine Möglichkeit finden, sie mit Leila zu teilen, ihr zu zeigen, wie besonders dieser Ort für ihn gewesen war. »Wir haben bis zwei Uhr morgens gespielt, dann haben wir unsere Schlafsäcke auf den Bahnen ausgelegt. Jedes Mal, wenn ich hier vorbeifahre, frage ich mich, wie viele andere Kinder wohl je die Chance gehabt haben, auf einer Bowlingbahn zu schlafen.«

Hudson starrte durch die Windschutzscheibe, bewunderte das perfekte Zusammenspiel von Fassadenfarbe und Himmel, das schmuddelige, ausgeblichene Window-Colour-Bild, das schon seit seiner Kindheit dort klebte. Erst als er sah, wie Leila sich umschaute, wurde ihm klar, dass er wohl seit einer Weile nichts mehr gesagt hatte. »Komm, ich zeig dir alles.«

Der Lärm in dem Laden setzte sich aus den üblichen Geräuschkomponenten zusammen: Kugeln, die die Bahnen entlangrollten, auseinanderkrachende Kegel. Ein kleiner Junge schrie seine Kugel an, nicht in die Rinne abzudriften, eine Gruppe bejubelte einen Strike. Die Innenwände waren genauso himmelblau gestrichen wie die Hausfassade. Neben dem Schuhtresen prangte eine »Wall of Fame«, die winzige Snackbar troff regelrecht vor Pizzafett.

»Jeden Dienstagabend verwandelt sich das Haus in einen Salsaklub«, erklärte Hudson. »Die Bahnen geben die perfekte Tanzfläche ab.«

Leila stupste ihn lächelnd an, um ihm zu zeigen, dass sie darauf nicht reinfallen würde. Aber sie sah sich trotzdem im Raum um, als würde sie nach Beweisen suchen, dass er doch die Wahrheit gesagt hatte. Als sie den Kopf drehte, blitzte das Ende einer Narbe unter dem Haaransatz hinter ihrem Ohr auf, nur ein winziger Streifen versehrter Haut. Dann wandte sie sich wieder Hudson zu, kämmte sich mit den Fingern das Haar übers Ohr und ließ die Narbe damit verschwinden. »Ich glaub dir kein Wort.«

»Hey, keine Widerrede, der Reiseleiter hat immer recht«, sagte Hudson und begleitete sie zum Schuhtresen. Im Gegensatz zu anderen Bowlingbahnen, wo die Schuhe in einem kleinen Kabuff auf Regalen aufgereiht wurden, setzte die Riverside-Lanes-Bahn auf ein ganz anderes System zur Schuhaufbewahrung.

»Das ist doch lächerlich.« Leila starrte den riesigen Haufen Schuhe an, von denen nicht wenige einfach vom Tresen gepurzelt waren. Mehrere Mädchen aus der Junior-High-School kamen herein, plauderten aufgeregt über ihre Pläne für das bevorstehende Wochenende und warfen der Reihe nach ihre Schuhe kreuz und quer auf den Haufen. Als der sich leicht bewegte, bemerkte Hudson, wie Leila sich innerlich schon auf die zu erwartende Schuh-Lawine vorbereitete.

»Nein, keine Angst, das ist echt cool«, sagte Hudson. »Immer wenn der Haufen zusammenkracht, brüllt ein Angestellter: ›Lawine kooooommt!‹, und dann dürfen alle, die gerade im Haus sind, eine Runde kostenlos spielen.«

»Aber gehen dann nicht Leute hin und schmeißen den Haufen mit Absicht um?«

Hudson schüttelte entschieden den Kopf, als wäre noch nie jemand auf die Idee gekommen. »Dann würde es doch keinen Spaß mehr machen.« Er verschränkte die Arme vor der Brust und bewunderte die unzähligen versammelten Schuhe, die Schnürsenkel, die sich nach allen Seiten ausbreiteten, wie dünne Arme, die sich Hilfe suchend aus einem Geröllhaufen reckten.

Dann warf er einen Seitenblick auf Leila, um herauszufinden, wie sie das alles fand. Ein Pärchen Mitte zwanzig begann in dem Haufen nach seinen Schuhen zu suchen. »Unsere Tour geht hier entlang weiter«, verkündete Hudson, tippte Leila flüchtig auf die Schulter und führte sie quer durch die Bowlinganlage, wobei er wie ein echter Reiseleiter rückwärtsging. »Zu Ihrer Linken sehen Sie die Snackbar, an der immer noch das Werbeschild für frische Brezeln hängt, obwohl diese seit zwölf Jahren ausverkauft sind. Zu Ihrer Rechten, auf Bahn sechs, spielt gerade Der Biber, die absolute Bowling-Legende unserer Stadt, der einmal drei fehlerfreie Spiele hintereinander abgeliefert hat – und noch nie jemanden angelächelt hat, nur die umgefallenen Kegel natürlich. Bitte nur ohne Blitz fotografieren!« Hudson deutete grinsend auf einen klobigen Mann um die sechzig, dessen Bauch über seinen Gürtel quoll.

»Unser nächster Halt: die Herrentoilette«, fuhr Hudson fort, in Erinnerung an die Kreidetafel über den Pissoirs, geziert von einer Mischung aus hirnlosen Vulgär-Sprüchen, Kritzeleien und hier und da eingestreuten Herzschmerz-Nachrichten, die in so schluderiger Handschrift hingeschmiert waren, dass man daraus entweder auf den Alkoholpegel des Schreibers schließen konnte oder darauf, dass er mit der schwächeren Hand schreiben musste, weil die andere mit einer anderen Aufgabe beschäftigt war. »Da kriegst du dann was ganz besonders Hübsches zu sehen.«

Eine unangenehm stille Sekunde später wurde Hudson bewusst, was er da gerade gesagt hatte. Leila starrte ihn an, eine Augenbraue nach oben gezogen. »Äh … da hab ich mich wohl ziemlich blöd ausgedrückt. Ich hab nur gemeint, dass manche Leute auf dieser Toilette Seiten von sich zeigen, die ansonsten verborgen sind.« Er ballte die Hände zu Fäusten und hielt inne. »Okay, das hat die Sache auch nicht gerade besser gemacht. Was ich meinte, war …« Aber da brach Leila in lautes Gelächter aus.

Hudson lächelte nervös. »Wir haben da eine Kreidetafel an der Wand«, setzte er zu einer Erklärung an, aber das Perlen ihres Lachens umnebelte ihn dermaßen, dass er nicht weiterreden konnte. Es spülte jeden Gedanken aus seinem Kopf.

»Keine Sorge, ich bin sicher, das da drin ist nicht so, wie es sich nach deiner Beschreibung angehört hat«, sagte Leila schließlich atemlos.

Kopfschüttelnd über seine eigene Dummheit drehte Hudson sich zur Toilettentür um und drückte sie auf. »Reisegruppe im Anmarsch!«, verkündete er.

Als keine Antwort kam, hielt er Leila die Tür auf und machte eine einladende Handbewegung. »Nach Ihnen, Madam.«

»Das ist die seltsamste Tour, die ich je erlebt habe«, sagte Leila und schob sich durch die Tür, wobei sie Hudson einen neugierigen Blick zuwarf und ein Lächeln andeutete.

»Arme und Beine während der Fahrt nicht herausstrecken!«, sagte er, als sie an ihm vorbeiging.

Zwei Pissoirs, eine Kabine und ein Waschbecken – mehr gab es in dieser Männertoilette nicht. Ein automatischer Händetrockner hing leise surrend an einer Wand. Leila hob den Blick zur Kreidetafel über den Pissoirs. Hudson sah ebenfalls hin, um mitzuverfolgen, welches Geschreibsel sie gerade zu entziffern versuchte.

Da hatte jemand zum Beispiel einen mächtigen Drachen hingekritzelt. JOAN HAT MIT DEM BIBER GEPENNT, stand in Großbuchstaben ganz oben an der Tafel. Und darunter, in winzigen Lettern, als hätte der Schreiber flüstern wollen: Du gehst mir nicht mehr aus dem Kopf. Ein paar Textzeilen aus einem Johnny-Cash-Song, ein Bibelvers, eine hingeschmierte Penis-Karikatur … Einträchtig waren sie an der Wand vereint. Hudson musste lächeln angesichts der seltsamen Sammlung entschlüpfter Gedanken, die da in Kreide festgehalten worden waren. Er sah Leila an – auch sie lächelte, die Hände auf dem Rücken verschränkt, als wandelte sie durch eine Kunstausstellung.

»Kannst du den Schatz sehen?«, fragte er.

Sie nickte, und ihr Lächeln wurde breiter, während ihre Augen über das weiße und blaue Kreidegeschmier flatterten. »Das ist mein Lieblingszitat von Kurt Vonnegut«, sagte sie und zeigte auf den Satz Ich fordere euch dringend auf, es zu merken, wenn ihr glücklich seid.

Hudson spürte, wie er rot anlief, und er überlegte, ob er ihr gestehen sollte, dass er selbst das Zitat vor gerade mal einer Woche dahingekritzelt hatte.

»Ist ja irre.« Leila griff nach einem der Kreidestummel, die auf einer Metallleiste unterhalb der Tafel lagen, ließ sich einen Moment Zeit, um ihre Gedanken zu sammeln, und stellte sich dann auf die Zehenspitzen, weil sie ein freies Eckchen der Tafel erreichen wollte. Als sie fertig war, hob sich ihre geradlinige Handschrift deutlich von den restlichen Nachrichten ab. Einwohner von Vicksburg, ihr lebt an einem ganz besonderen Ort.

Es kam Hudson bescheuert vor, wie sehr er diesen einen Kommentar von ihr als Belohnung empfand, wie sehr er seinen Drang entfachte, immer weiter zu reden, sie zu jedem einzelnen Ort aus seinem Leben zu führen, an dem er auch nur eine Sekunde Spaß gehabt hatte.

Er brannte darauf, ihr alles zu zeigen. Nachdem er Leila zum Wagen zurückbegleitet hatte, fuhren sie zu der Kirche, die niedergebrannt und von der Stadt wieder aufgebaut worden war, zum Spielplatz im Park ganz in der Nähe seines Zuhauses und zu dem geschlossenen Süßigkeitenladen, in dem einmal eine Leiche gefunden worden war, was die allerletzte Tüte Bonbons mit Rootbeer-Geschmack, die Hudson in seinem Zimmer hütete, zu einem kostbaren Schatz machte …

»Weißt du was? Ich könnte es dir zeigen«, sagte Hudson.

»Dein Zimmer, meinst du?«

»Ja«, erwiderte er und war gleichermaßen überrascht wie erfreut, als er sich seines Wagemuts bewusst wurde. »Wegen der Rootbeer-Bonbons und so.«

Leila betrachtete ihn stumm. Hudson hielt eine Hand hoch. »Hey, ich agiere hier nur in meiner Funktion als Schatzführer. Für jeden anderen mag das Haus vollkommen uninteressant sein, aber für mich ist es der Ort, den ich in- und auswendig kenne. Ich weiß, wo sich die verborgenen Schätze befinden. Willst du dir etwa das Zimmer entgehen lassen, in dem Hudson, der weltberühmte Automechaniker, die letzten siebzehn Jahre seines Lebens genächtigt hat?«

Leila legte den Kopf in den Nacken und kniff die Augen zu, als würde sie Hudson mit Blicken durchleuchten. Er fürchtete schon, er könnte alles kaputt gemacht haben, bis ihm plötzlich der zuckende Mundwinkel auffiel und ihm klar wurde, dass sie ihn mit dem durchdringenden Blick nur auf den Arm nehmen wollte. »Hast du auch so ein Bett in Form eines Rennwagens?«, fragte sie.

»Natürlich nicht«, antwortete er und tat beleidigt. Dann stemmte er den Fuß aufs Gaspedal. »Aus dem bin ich schon letztes Jahr rausgewachsen.«

Leila prustete vor Lachen. Aus Angst, er könnte vor Stolz in albernes Gekicher ausbrechen, sobald er den Mund aufmachte, blieb Hudson auf der kurzen Fahrt nach Hause vollkommen stumm.

Er stellte Leilas Wagen vor dem Haus ab und gab ihr die Schlüssel, während sie durch den Vorgarten auf die schmale Veranda zugingen. Das Auto seines Vaters stand noch nicht in der Einfahrt – wahrscheinlich kaufte er noch irgendwo fürs Abendessen ein.

»Das ist die Veranda.« Hudson zeigte fahrig darauf, während er mit der anderen Hand den Haustürschlüssel aus der Tasche fingerte. »Wir nutzen sie nicht besonders oft.«

»Wie kommt das?«, hakte Leila nach.

»Unsere Nachbarin … Die quatscht einem immer die Ohren voll.« Hudson sah um die Ecke zu den Autos und Pick-ups, die in offenen Carports standen, zu den Amerika-Flaggen, die in der unbewegten Luft wie offene Gardinen herunterhingen, zu den Fahrrädern, die auf der Zufahrt in ihrem täglichen Nach-der-Schule-achtlos-hingeworfen-Zustand verharrten. »Dad und ich haben sogar mal einen Kinofilm verpasst, weil sie uns nicht weglassen wollte, bevor sie uns nicht den neuesten Nachbarschaftsklatsch vor die Füße gekippt hatte. Die Cousine von irgendjemandem hatte ein Baby aus Asien adoptiert, und das ging natürlich nicht ohne einen halbstündigen, leicht rassistisch angehauchten Kommentar ab.« Endlich hatte Hudson den Schlüssel aus der Tasche gefischt und wandte sich nun zur Tür. »Der wahre Schatz von Vicksburg sind die Menschen, die hier wohnen.«

Er lächelte Leila über die Schulter zu und führte sie dann ins Haus. Zügig hakten sie einen Raum nach dem anderen ab, Wohnzimmer, Badezimmer, Küche. Hudson zeigte Leila den Garten hinter dem Haus, die bescheidenen Terrassenmöbel aus Kunststoff, die um den Grill herum gruppiert waren. Der Rasen, der sich seitlich bis zu den Nachbarszäunen und nach hinten bis zu einer Baumreihe erstreckte, war hoch gewachsen und üppig grün. Nach ein paar Augenblicken draußen, als die Sonne gerade hinter den Baumkronen abgetaucht war, führte Hudson seine Besucherin wieder hinein, um ihr den Rest des Hauses zu zeigen.

Die Treppe war gerade breit genug, dass sie nebeneinander hochgehen konnten. »Was hast du eigentlich vor, da oben im Norden?«, fragte Hudson, obwohl er gar nicht so scharf auf die Antwort war, weil sie ja nur bestätigen würde, dass Leila bald weg wäre, und zwar vermutlich schon sehr bald.

»Hatte ich das noch nicht erwähnt? Ich will die Polarlichter sehen.«

»Oh, schön«, sagte Hudson und spürte, wie ein Gewicht in ihm nach unten sackte. »Wie weit nach Norden muss man denn, um die sehen zu können?«

»Das ist unterschiedlich. Ich will einfach so weit nach Norden kommen wie möglich, um meine Chancen zu erhöhen.«

»Wow. Ich beneide dich.«

»Ja, ich bin auch ziemlich aufgeregt«, sagte Leila, doch ihre Stimme spiegelte ihre Worte nicht wider. »Ich hoffe bloß, dass …« Sie brach ab.

»Dass was?«

»Ach, nichts.« Sie hatten gerade den oberen Treppenabsatz erreicht, und Leila streckte einen Arm vor Hudsons Brustkorb aus. »Warte mal.« Sie sah der Reihe nach zu den vier Türen hin, die vom oberen Flur abgingen. »Lass mich raten«, sagte sie und zeigte auf die nächstliegende Tür. »Elternschlafzimmer. Dann Badezimmer, dein Zimmer …« Sie ging jede Tür mit dem Finger durch. »Und zuletzt … Ich glaube nicht, dass das noch ein Kinderzimmer ist, du hast nämlich so was Einzelkindmäßiges an dir, also wird das wohl die Tür zu einer Wäschekammer oder so was sein.«

»Unglaublich.«

»Ja, ich hab da eine besondere Gabe.«

»Eine ganz besondere, allerdings.« Hudson fragte sich immer noch, was sie ihm wohl hatte sagen wollen und dann doch verschwiegen hatte. »Wie kommst du darauf, dass ich Einzelkind bin?«

»Man erkennt sich«, sagte Leila mit einem Augenzwinkern.

In Hudsons Zimmer ging sie sofort auf sein Bücherregal zu, wo seine Autozeitschriften lagen – und daneben, fein säuberlich gestapelt, die Romane, die er für die Schule hatte lesen müssen und die ihm so gut gefallen hatten, dass er sich ein eigenes Exemplar gekauft hatte. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, ihr Umriss zeichnete sich gegen den Hintergrund des schwindenden Tageslichts ab, sodass sie ihm plötzlich etwas weniger real vorkam, etwas weniger wie ein schönes Mädchen, das ihn so gut verstand und irgendwie in seinem Zimmer gelandet war, und mehr wie eine Erscheinung, die jederzeit wieder verschwinden konnte. Hudson knipste das Deckenlicht an, sagte aber nichts, sondern bot Leila die Möglichkeit, alles selbst zu erforschen. Er wollte nicht, dass sie zur Erscheinung wurde, wollte sie als echten Menschen aus Fleisch und Blut dabehalten, solange es nur ging.

»Was ist das?«, fragte sie und griff nach einer Muschel, die auf dem Fenstersims lag.

Hudson stellte sich neben sie. »Eine Erinnerung an meinen ersten Ausflug ans Meer. Ich hab Bodysurfing gemacht, weißt du, hab mich in die Wellen geworfen und es toll gefunden, mich von ihnen hin und her schleudern zu lassen. Aber dann hat eine mich richtig gepackt und durchgerüttelt und mich ans Ufer gespuckt. Ich bin mit der Stirn gegen etwas geschrappt, das härter war als der Sand. Also hab ich danach gegriffen, und das war eben diese Muschel. Ich glaube, die Narbe kann man immer noch sehen.« Er strich seinen Haaransatz hoch und beugte den Kopf, damit sie einen Blick darauf werfen konnte.

Leila hob eine Hand und fuhr mit dem Finger über die Narbe an seiner Stirn. Er konnte ihren Atem hören, roch den süßen Duft, der von ihm ausging.

»Wieso hast du sie behalten?«

»Keine Ahnung«, antwortete Hudson. »Irgendwie fand ich es schön, ein Erinnerungsstück an einen so denkwürdigen Tag zu haben. Ich wollte nicht, dass die Narbe das Einzige ist, was mir davon bleibt.«

Leila lächelte und ließ den Finger tiefer gleiten, zu seiner Wange, fuhr die Kante seines Kiefers entlang. Ihre Lippen waren gerade so weit geöffnet, dass er eine schmale weiße Zahnreihe gegen das Rosa ihrer Zunge aufblitzen sah.

Dann klapperte die Garagentür unter ihren Füßen, und Hudson hörte den Camaro seines Vaters auf die Auffahrt rumpeln. Leila zog ihre Hand zurück, und Hudson machte instinktiv einen Schritt nach hinten, was ihm augenblicklich leidtat. Am liebsten hätte er Leilas Hand genommen und sie wieder an seine Wange gelegt. Doch er stand nur da und lauschte, wie sein Vater aus der Garage in die Küche hinüberging, und spürte, wie der Augenblick zerrann.

3.

Hudsons Vater kniete unten in der Küche vor dem offenen Kühlschrank und schob Sachen von einer Seite zur anderen, um Platz zu schaffen für einen Pack Mineralwasser.

»Hey, Dad«, sagte Hudson.

»Hallo, mein Sohn.« Er stand auf und drehte sich um. Sein Blick fiel auf Leila. »Tut mir leid, ich wusste nicht, dass du Besuch hast.« Mit einem Lächeln ging er um die beiden herum zur Küchentür. »Könntest du vielleicht den Grill anschmeißen? Ich spring nur schnell unter die Dusche.« Er ging Richtung Treppe, dann blieb er noch mal stehen und warf Leila einen Blick zu. »Du kannst gern zum Abendessen bleiben, wenn du willst.«

»Sehr gern«, sagte Leila.

»Wären Burger okay?«

»Aber immer doch«, antwortete sie. »Danke, Mr …?«

»Kannst mich ruhig Walter nennen.« Hudsons Dad streckte ihr lächelnd die Hand hin. Dann wandte er sich seinem Sohn zu. »Nach dem Essen gönnst du dir aber noch ein bisschen Ruhe, ja?«

»Natürlich. Ich dachte, ich könnte vielleicht bis nach Jackson schlafwandeln, dann komme ich bestens ausgeruht zum Vorstellungsgespräch.«

»Du hältst dich wohl für besonders schlau, was? Nur weil du mal Arzt wirst …«

»DU hältst mich doch auch für besonders schlau, Dad. Seit ich dir gezeigt hab, wie du über WLAN ins Internet gehst, bin ich in deinen Augen ein Genie.«

»Eins sag ich dir: Mach dem Kerl nie Komplimente«, sagte Walter zu Leila, eine Hand auf die Schulter seines Sohnes gelegt. »Der verwendet jedes Wort gegen dich.« Er war groß gewachsen, noch größer als Hudson, aber schmaler und drahtiger. Ansonsten hatten sie einiges gemeinsam – die markanten Kieferknochen, die großen braunen Augen. Aus Hudsons Sicht war sein Vater jung, oder zumindest noch lange nicht alt, und so war es jedes Mal ein Schock, wenn ihm klar wurde, wie grau dessen Haare inzwischen geworden waren. »Okay, wir sehen uns dann nachher draußen.«

Als Walter halb die Treppe hoch war, rief Leila ihm nach: »Wirklich schön haben Sie es hier!«

»Danke«, rief er über die Schulter zurück, und seine Stimme verebbte, als er oben ankam und die Tür zu seinem Schlafzimmer hinter sich schloss.

»Er ist echt süß«, sagte Leila.

»Ja«, sagte Hudson und knibbelte an einem abstehenden Holzsplitter im Küchenschrank.

»Was ist das für ein Vorstellungsgespräch, für das du morgen fit sein musst?«

»Mit dem Dekan der University of Mississippi. Die überlegen, ob sie mir ein volles Stipendium für die Ole Miss geben.«

»Wow. Ich bin beeindruckt.«

Hudson zuckte mit den Schultern. »Na ja. Mein Vater kennt den Dekan und hat sein Bestes getan, damit das Vorstellungsgespräch zustande kommt, deswegen ist er jetzt so paranoid deswegen.« Aber Hudson hatte keine Lust, an morgen zu denken, wenn Leila vielleicht nicht mehr da sein würde. Er ging auf die hintere Tür zu. »Wollen wir den Grill anschmeißen?«

Leila nickte und half ihm, ein paar Sachen aus der Küche in den Garten rauszutragen, wo sie die Kohle anzünden wollten. Mit der anbrechenden Dämmerung hatte es draußen merklich abgekühlt, und nur noch wenige, schwach orangefarbene Lichtstreifen brachen zwischen den Bäumen durch, in denen die Zikaden zirpten. Es war ein großer Garten mit üppig grünem, saftigem Rasen. Ein Werkzeugschuppen stand dort, nicht weit von der Feuerstelle entfernt, die Walter selbst ausgehoben und mit Ziegelsteinen umsäumt hatte. Ein paar Baumstümpfe und Campingstühle standen im Kreis um die Feuerstelle herum, eine zerbeulte Bierdose lag als einziger Zeuge des letzten Besuchs von Walters Freunden achtlos am Boden. Hudson wünschte sich, er könnte irgendwie die Zeit anhalten, die Erde daran hindern, sich zu drehen, sodass er weiter neben Leila stehen konnte, einfach nur so, nur noch ein bisschen.

»Du willst also Arzt werden?«

»Ach, das ist keine große Sache«, sagte Hudson. »Ist ja nicht so, als hätte ich den Durch-geschlossene-Türen-gucken-können-Trick drauf.«

»Das ist kein Trick, sondern eine Superkraft«, verbesserte ihn Leila, während sie ein Streichholz aufflackern ließ und es auf die aufgehäuften Kohlen warf. »Und ich bin sicher, du verfügst über ganz eigene Superkräfte.«

»Eigentlich nicht.« Im Augenblick war die einzige Kraft, die er spürte, der Wunsch, möglichst viel Zeit mit diesem sonderbaren Menschen namens Leila zu verbringen, auch über das Abendessen hinaus.

»Unsinn.« Sie rammte ihn spielerisch an der Hüfte. »Du kannst zum Beispiel supergut wirres Zeug daherreden. Deinen Ausführungen über verborgene Schätze könnte ich den ganzen Tag lang lauschen.«

Hudson versuchte das Ausmaß seines Grinsens in Grenzen zu halten, aber mit geringem Erfolg – der sich noch weiter verringerte, als er sah, wie Leila ihn anlächelte. »Ich bin auch supergut im Tischdecken«, sagte er, um sie von seinen geröteten Wangen abzulenken. »Ich schaff das sogar mit einer Hand. Und ich muss nicht erst im Internet nachschauen, auf welche Seite des Tellers das Messer hinkommt.«

»Na dann lass mich mal nicht dumm sterben.«

»Ich zeig’s dir.« Hudson machte sich daran, den Tisch zu decken,
und zwar so übertrieben bedächtig, dass es sie hoffentlich wieder zum Lachen bringen würde. Leila setzte sich, sah ihm zu und tat ihm den Gefallen, breit zu lächeln. Als er fertig war, setzte er sich zu ihr, damit sie gemeinsam darauf warten konnten, dass die Kohlen anfingen zu glühen.

Dies war Hudsons Lieblingszeit im Jahr, seine Lieblingszeit am Tag, sein Lieblingsfleck im Haus. Es war das erste Mal seit Langem, dass er ohne ein Buch vor der Nase einfach so dasaß. Halb hatte er schon vergessen, wie schön es sein konnte, einfach nur so im Garten zu sitzen und sich umzugucken, ohne lernen zu müssen. Leila lehnte sich in ihrem Flechtsessel zurück und legte die Füße hoch, sodass ihre Fersen in Hudsons Schoß lagen. Sie tat es so beiläufig, dass er nicht hätte sagen können, was sie damit bezweckte: ob sie überhaupt etwas damit bezweckte oder einfach nur eine Ablagefläche für ihre müden Füße brauchte und dabei nicht zwischen seinem Schoß und einem anderen Untergrund unterschied. Oder vielleicht, nur vielleicht, freute sie sich ja auch, mit ihm zusammen sein zu können, genauso, wie es ihm umgekehrt mit ihr erging.

Hudson wagte sich nicht zu bewegen. Er konzentrierte sich so auf das Gewicht von Leilas Füßen auf seinem Schoß, dass ihm längst die Beine eingeschlafen waren, als sein Vater nach draußen kam. »Wir warten noch drauf, dass die Kohle heiß wird«, sagte Hudson.

»Ja, sieht aus, als wäre sie langsam so weit«, sagte Walter, obwohl er ebenso wie sein Sohn wusste, dass die Kohlen schon lange glühten. Walter griff nach dem Tablett mit den Frikadellen, legte drei auf den Rost und lächelte zufrieden vor sich hin, als das Fleisch zu brutzeln begann.

»Soll ich dir helfen, Dad?«

»Danke, ich schaff das schon.«

Andere Väter hätten sich vielleicht zu ihrem Sohn umgedreht und gelächelt oder ihm zugezwinkert. Doch Hudson liebte seinen Vater dafür, dass er seine Zuneigung auf so zurückhaltende Art zeigte und die Pflichten als Grillmeister stillschweigend allein übernahm.

»Und, Leila …«, begann Walter, als er mit den fertigen Frikadellen zum Tisch kam, »Hudson sagte, du wärst nicht aus Vicksburg? Was führt dich denn hierher?«

»Ich fahre kreuz und quer durchs ganze Land. Ich will nach Norden, das Polarlicht sehen«, erklärte sie.

Walter knibbelte am Etikett seiner Bierflasche, bis er eine Ecke zu fassen bekam, die sich langsam vom Glas abkringelte. »Oh, ein ganz schöner Höllentrip. Bist du allein unterwegs?«

»Jep.« Leila nickte.

»Na ja, jeder Mensch sollte mindestens einmal im Leben eine richtig lange Reise unternehmen«, sagte Walter. »Ich war in etwa so alt wie du, als ich zu meiner Fahrt aufgebrochen bin.«

»Wo sind Sie hingefahren?«

»Von Kalifornien nach New York. Von einem glitzernden Ozean zum anderen.« Gedankenverloren pulte er das Flaschenetikett ab. Hudson kannte diesen Gesichtsausdruck an seinem Vater – er bekam ihn immer dann, wenn er von seinem Roadtrip erzählte. Hudson hatte ihn unzählige Male danach gefragt, doch egal wie oft Walter davon erzählte, es gelang ihm einfach nicht, ein Gefühl dafür zu kriegen, wie das Leben seines Vaters damals wohl gewesen war. Seltsamer Gedanke, dass er zu einem Teil von dessen Leben nie Zugang haben würde – zwei Jahrzehnte voller Erinnerungen, die nichts mit Hudson zu tun hatten.

»Dieser junge Mann hier war noch nie groß unterwegs«, sagte Walter, schüttelte seine Gedanken ab und deutete mit dem Kopf auf seinen Sohn.

»Unsinn! Wir beide sind doch schon ganz oft zusammen weggefahren.«

»Das zählt nicht.« Walter nippte an seinem Bier. »Ich meinte so eine Fahrt von der Ganz-allein-Sorte. Aber auf dem College kannst du dir ja einen Nebenjob suchen, irgendwas, was dich nicht zu sehr vom Lernen abhält, und dann kannst du dir vielleicht genug zusammensparen, um in den Sommerferien herumzureisen. Und wenn du mich so richtig mit guten Noten beeindruckst …«, er hielt theatralisch inne, »dann spendier ich dir vielleicht den Ölwechsel für den allerersten Trip.«

»Jetzt weiß ich, woher Hudson seinen Humor hat«, sagte Leila und trat Hudson unter dem Tisch spielerisch gegen das Schienbein.

Er kickte leicht zurück und wünschte sich, er wäre barfuß, wofür er sich aber gleich wieder schämte. »Warum eigentlich ausgerechnet die Polarlichter?«

Leila zuckte mit den Schultern. »Irgendwie hab ich das Gefühl, ich muss das einfach machen.«

»Als würde es auf deiner To-do-Liste stehen?«

»So ungefähr.«

»Bist du zum ersten Mal allein auf Reisen?«, fragte Walter.

Leila biss wieder von ihrem Burger ab. Himmel, sie war ja selbst beim Essen zum Anbeißen! Hudson bekam sofort Lust, für sie zu kochen. Sie nickte unmerklich.

Als sie zu Ende gekaut hatte, nahm sie einen Schluck Wasser und tupfte sich mit einer Papierserviette die Mundwinkel ab. »Ich hab eine kleine Schulpause eingelegt und dachte, das wäre eine gute Gelegenheit, mal ein bisschen rumzukommen.«

Hudson nickte, doch dann wurde ihm bewusst, dass er eigentlich keine Ahnung hatte, was genau sie damit meinte. »Und was ist mit … dem College? Bist du mit der Highschool schon durch?« Echt schwer zu sagen, wie alt sie war. Irgendwas zwischen sechzehn und … zwanzig vielleicht? Oder so?

»Nein.« Sie schob sich den letzten Bissen ihres Burgers in den Mund, und einen Augenblick lang schien es so, als esse sie nur, um nichts sagen zu müssen. Dann schluckte sie und antwortete: »Ich stecke seit Jahren im Kindergarten fest. Diese Reise durchs ganze Land soll mir helfen, endlich das Alphabet zu lernen.«

Als Walter kicherte, grinste Leila Hudson zu, und er spürte, wie ihr Gesicht sich in sein Gedächtnis stanzte.

»Das sollte ein Witz sein, Hudson. Keine Sorge, du hast nicht den ganzen Tag mit einem Kindergartenkind verbracht.«

»Nicht? Hätte ich aber schwören können. Nur Kindergartenkinder lachen über meine Witze.«

»Schon klar«, sagte Leila. »Und danke, dass du die Gelegenheit, dich über meine Körpergröße lustig zu machen, ungenutzt hast verstreichen lassen. Dabei hab ich dir die perfekte Steilvorlage geliefert.«

Hudson zuckte mit den Schultern. »Ich finde es schön, dass du so klein bist.« Sofort schnappte er sich einen Kartoffelchip aus der Tüte, die offen auf dem Tisch lag, und mümmelte darauf herum, als wolle er sich selbst daran hindern, sich für seinen Kommentar zu entschuldigen.

Der Himmel hatte sich zur Nacht verfinstert, nur die Nadelstichsterne und die Küchenlampe des Nachbarn erhellten die Dunkelheit. Aber Hudson sah dennoch, wie Leila sich lächelnd auf die Unterlippe biss. Dann lehnte sie sich auf dem Stuhl zurück und legte die Füße wieder auf seinen Schoß.

»Und was willst du dir unterwegs alles anschauen?«, fragte Walter, griff sich einen zweiten Burger und verzierte ihn wie üblich mit einem halben Dutzend Spritzer scharfer Soße.

»So genau hab ich das noch nicht geplant«, sagte Leila. »Ich fahre einfach der Nase nach und gucke, wohin der Weg mich führt.«

»Vicksburg hast du ja schon gesehen«, sagte Hudson. »Von jetzt an kann’s also nur noch bergab gehen.«

Leila kicherte auf eine Art, die er noch nicht erlebt hatte, so weich und kehlig, dass er davon eine Gänsehaut bekam. »Ja, ich bin sicher, der Rest des Landes wird es schwer haben, das noch zu toppen.«

Wenige Minuten später stand Walter auf, um abzudecken, und als er im Haus verschwunden war, nahm Leila die Füße wieder von Hudsons Schoß herunter.

»Dann will ich dich jetzt mal in Ruhe lassen, damit du genug Schlaf bekommst«, sagte sie. »Wegen des Gesprächs morgen.« Sie schob ihre Füße in die Flip-Flops und stand auf.

Die Freude, die ihn seit ihrem Erscheinen innerlich wärmte, kühlte sich merklich ab, aber Hudson hatte keine Ahnung, was er sagen konnte, damit Leila noch nicht ging. Er folgte ihr zu der Schiebetür, die ins Haus führte. Aber sie machte die Tür nicht auf, sondern stand nur da und starrte auf ihre Füße hinunter, als denke sie über etwas nach.

In der Küche ging das Licht an, als Hudsons Dad sich ans Aufräumen machte. Jetzt konnte Hudson Leila wieder klar erkennen, mit den Händen in den Gesäßtaschen und dem zentimeterschmalen Hautstreifen zwischen T-Shirt und Hosenbund. Dann trat sie einen Schritt vor, zog Hudson an sich und schlang die Arme um ihn. Es war eine überraschend kräftige Umarmung – nicht nur angesichts ihrer geringen Körpergröße, sondern auch angesichts dessen, dass sie sich erst seit ein paar Stunden kannten. Es fühlte sich auf eine fast schmerzhafte Art gut an, ihren Körper an seinem zu spüren.

»War wirklich schön, dich kennenzulernen«, sagte sie. »Viel Glück. Bei allem.«

Dann drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange, löste sich von ihm und ging ins Haus. Hudson blieb stehen, wie gelähmt von ihrem Kuss, dem Abdruck ihrer Lippen auf seiner Haut, dem immer größer werdenden Abstand zwischen ihnen.

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