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Letal

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Kapitel 23
  30. Kapitel 24
  31. Kapitel 25
  32. Kapitel 26
  33. Kapitel 27
  34. Kapitel 28
  35. Kapitel 29
  36. Kapitel 30
  37. Kapitel 31
  38. Kapitel 32
  39. Kapitel 33
  40. Kapitel 34
  41. Danksagung

Über die Autorin

Paola Rondini wurde in Città di Castello (Umbrien) geboren. »Letal« ist ihr erster Roman.

1

New York, 15. Juli 2002

Gemma verließ ihn eines Tages.

Sie war einfach fort, ohne Ankündigung und ohne ihre Sachen aus der gemeinsamen Wohnung mitzunehmen.

In wenigen, auf einen Zettel gekritzelten Sätzen bat sie ihn, sie gehen zu lassen.

Am Anfang suchte Daniel sie bei Freunden und Bekannten, dann wandte er sich an ihre Kollegen in der Zeitungsredaktion, für die sie arbeitete, und schließlich fuhr er in seiner großen Verzweiflung sogar zur ihren entfernten Verwandten unten im Süden.

Als klar war, dass ihm niemand helfen konnte, schloss er sich ein und wartete auf sie.

Verbarrikadiert in ihrer Wohnung in Rom, wo sie sieben Monate lang miteinander gelebt hatten, sah Daniel die Hoffnung mit jeder Woche dahinschwinden.

Es war ein schlimmer und erbarmungsloser Monat, dieser Mai.

Eines Tages besuchte ihn Gemmas beste Freundin Chiara.

»Sie hat angerufen, sie sagt, dass wir uns keine Sorgen machen sollen, dass sie einfach für eine Weile Abstand braucht. Sie meldet sich wieder. Na ja, du weißt ja, wie sie ist …«

Er wusste, wie sie war, natürlich. Dennoch hatte er die Illusion gehegt, ihre gemeinsame Liebe hätte Gemma ein wenig inneren Frieden verschafft und das wilde Ungestüm ihrer inneren Kämpfe und ihrer Fluchten besänftigen können.

Doch das war ein Irrtum gewesen.

Daniel verzehrte sich zwei Monate lang nach ihr, die Zeit, die er brauchte, damit diese Wunde zur Demarkationslinie zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Jugend und Erwachsensein werden konnte, eine Grenze, die er nie wieder überschreiten würde.

Im August packte er seine Koffer und reiste nach Hause zurück, nach Amerika.

Sechzehn Jahre waren seitdem vergangen.

Daniel Biasi saß in seinem Büro und starrte noch immer auf den Brief.

Eine seiner Sekretärinnen hatte ihm vor dem Nachhausegehen eine Mail geschickt »… und vergessen Sie nicht, dass Sie für morgen Nachmittag eine Sitzung anberaumt haben.«

Er würde sie nicht vergessen, doch jetzt wollte er nach Hause.

Er ließ sich zu seiner Wohnung fahren, wo es ihm gleich ein wenig besser ging.

Nachdem er sich ausgezogen hatte, ließ er sich ins heiße Badewasser gleiten und konnte endlich ohne Beklemmung atmen.

Er war bereit für eine schlaflose Nacht.

Ich verlasse dich. Niemand trägt die Schuld, doch mein Weg ist einfach nicht der deine. Es ist besser, das alles hier zu beenden und einander in guter Erinnerung zu behalten.

Ich habe diese Entscheidung schon vor einiger Zeit getroffen, aber ich wusste nicht, wie ich es dir beibringen sollte. Die Zeitung hat mir Kontakte zu anderen Zeitungen an anderen Orten der Welt verschafft, für die ich arbeiten kann. Ich gehe weg, noch heute.

Verzeih mir.

Suche nicht nach mir. Ich werde mich nicht umstimmen lassen.

Diese Nachricht quälte ihn immer noch.

Für sie, für Gemma, hatte er alles aufgegeben.

Damals war Daniel fünfundzwanzig Jahre alt gewesen. Während die Augen der Aktionäre auf ihn gerichtet waren – kurz vor seinem Eintritt in die von seinem Vater gegründete Finanzgruppe –, hatte er seiner Familie und allem, was damit verbunden war, den Rücken gekehrt und war nach Italien gegangen, um dort mit Gemma zu leben.

Als er schließlich angeschlagen und durch diesen Verlust völlig aus der Bahn geworfen wieder nach Hause zurückgekehrt war, hatte sein Vater ihn mit einer langen Umarmung empfangen.

Der Brief, den Daniel nun mit nach Hause genommen hatte – in dieser schlaflosen Nacht, die ihm zum Trost nur das warme Wasser und die Dunkelheit bot –, dieser Brief kam aus Paris.

Es war das Schreiben eines Rechtsanwalts, der Daniel in sein Büro einlud, um ihm zu verkünden, welches Vermächtnis Gemma Voss ihm im Augenblick ihres Todes zugedacht hatte.

Seine Gemma, die ohne einen Grund gegangen war, ihm den Dolch in den Rücken gestoßen und ihn mit den schlimmsten Zweifeln allein zurückgelassen hatte, diese Gemma hatte ihm also noch etwas zu sagen und zu geben gehabt.

Das Testament würde in drei Tagen eröffnet werden.

2

Trouville-sur-Mer, 16. Juli

Iago Milar war einige Stunden am Stand entlanggegangen. Als es Abend wurde, nahm er schließlich wieder den Pfad, der zum Haus führte.

Er konnte nicht mehr denken, er war müde.

Unzählige Male hatte er die Gedanken gewälzt und war all die Ereignisse durchgegangen, die ihn dazu gebracht hatten, vor zwei Tagen seinem Büro in Nanterre zu entfliehen und sich in das alte Haus seiner Eltern in Trouville-sur-Mer zurückzuziehen.

Eine seltsame Vorahnung überkam ihn.

Noch auf dem Weg durch den Garten hörte er das Telefon klingeln. Er sprang die drei Treppen zur Veranda hinauf und lief ins Haus.

»Natürlich geht es Papa gut!«, antwortete er dann. »Ich bin nur schon hier, um ein bisschen aufzuräumen, so dass wir sofort ins Meer zum Baden gehen können, wenn du kommst. Ist Mama in der Nähe?«

Iagos Stimme war sanft. Er lehnte an dem Tischchen im Flur mit den in Silber gerahmten Fotos seiner Eltern und seiner drei Geschwister. Dort stand auch ein Foto von seiner Studienfreundin Lara, die seit mehr als acht Jahren seine Ehefrau war.

»Hallo, mein Schatz, natürlich habe ich etwas zu essen, was denkst du denn? Meinst du etwa, dass ich ohne dich nicht überleben kann? … Ist gut, ich rufe dich morgen früh wieder an, schlaf gut.«

Die Nacht war voller Sterne.

Iago saß im Korbsessel auf der Veranda und schaute zum Himmel hinauf. Er hatte keinen Appetit auf eine warme Mahlzeit, und so hatte er sich nur einen Apfel genommen und ein Glas Wein dazu eingeschenkt. Jetzt hatte er Lust auf eine Zigarre.

Er hatte vorgegeben, das Haus lüften und den Garten in Ordnung bringen zu wollen, doch eigentlich war er nach Trouville gefahren, weil er ein paar Tage allein sein musste.

Während er in seinen alten Chemiebüchern blätterte, wiederholte er für sich jedes Wort des Berichts für die Generaldirektion der Guriot Chemicals, des großen Pharmakonzerns, in dessen Diensten er jetzt seit über zehn Jahren stand: »… bei der Ermittlung des Molekulargewichts lassen sich Inkongruenzen feststellen. Gewiss handelt es sich nur um eine technische Abweichung, dennoch würden wir eine Überprüfung anregen …«

Der Fachbereich ›Sekundärkontrollen‹ war sein Arbeitsplatz.

Außer ihm, dem Leiter, arbeiteten dort nur noch zwei weitere Personen: Corinne Scuri, seine Assistentin und rechte Hand, und Manuel Bourrita, ein Chemiker um die dreißig, den er als kleines Genie betrachtete.

Es war Manuel gewesen, der Iago auf die Unstimmigkeiten hingewiesen hatte.

»Gebt mir alle Zigaretten, die ihr habt, und geht nach Hause, heute Nacht bleibe ich hier. Ich möchte herausfinden, wie sie es gemacht haben«, hatte er vor einem knappen Monat zu ihnen gesagt.

Iago zündete seine Zigarre wieder an.

Die große sommerliche Stille wurde nur vom Singen der Zikaden und vom Rauschen des Meeres durchbrochen.

Das Klingeln des Telefons drang laut und störend an sein Ohr.

Iago wollte schon aufspringen, blieb dann aber sitzen.

Das Telefon klingelte beharrlich weiter.

Aus irgendeinem seltsamen Grund kannte Iago die Worte bereits, die er am Telefon hören würde.

»Iago, mein Gott … Manuel ist tot! Er ist tot! Sie sagen, dass er eine Überdosis genommen hat … Aber er war nie, nie so … nein, das ist doch unmöglich!«

Die Stille war aus den vertrauten und so geliebten Räumen verschwunden. Stattdessen jagten sich schrille, disharmonische Geräusche, als spiele hier ein teuflisches Orchester einen Marsch.

Schreie und Klagen dröhnten in seinem Kopf.

Iago widerstand der Versuchung, sich gehen zu lassen und zu weinen. Er musste sich bewegen und etwas tun.

Er warf zwei Hemden aus dem Schrank in die alte Sporttasche, mit der er hier in Trouville angekommen war. Sein Rasierzeug war oben im Bad; er lief die Treppen hinauf, um es zu holen.

Er hatte die Absicht, das Haus zu verlassen, und eine Bank zu suchen, um so viel Bargeld wie möglich abzuheben. Dann würde er Lara von einem öffentlichen Telefon aus anrufen.

Er wusste nicht genau, was er da tat, vielleicht war es ja eine Flucht.

Er sagte sich wieder und wieder, dass Manuel getötet worden war, denn das war die Wahrheit, die einzige, die er jemals akzeptieren würde.

In einer Art geschäftiger Trance rief er sich noch einmal die letzten Wochen ins Gedächtnis.

Die Pflichtkontrolle hatte erst vor einem Monat, gegen Mitte Juni, begonnen, und nach etwa zehn Tagen hatten sie den Bericht an die Direktion geschickt.

Seit diesem Moment hatte sich langsam, aber unaufhaltsam etwas verändert: Ihre ›wunderbare Isolation‹, wie Manuel ihren Zustand nannte, wurde zugleich gestört und verzehnfacht. Einerseits hatte sie ihr Vorgesetzter immer wieder zu unvermittelten Zusammenkünften einberufen, kurze, konfuse Überraschungssitzungen, in denen er auf den allerneusten Stand gebracht werden wollte. Andererseits schien ihre Abteilung immer unsichtbarer geworden zu sein, missachtet von der Direktion.

Das bis dahin tolerierte, wenig orthodoxe Verhalten Manuels und seine schlampige Kleidung waren auf einmal eine Schande für das Unternehmen. Jeden Morgen hatte er ein Ermahnungsschreiben auf dem Tisch liegen.

Manuel lachte darüber.

»Ist ja gut, ist ja gut … keine Joints mehr«, sagte er zu Iago und hob ergeben die Hände.

Doch er, Iago, war unruhig. Er spürte, wie in ihm eine eigenartige Angst keimte, die sich jeglicher Logik entzog.

Er sprach mit niemandem darüber.

Immer wieder musste er an den Bericht und an die seltsamen Dinge denken, die er in dieser Formel erkannt hatte.

Manchmal blieben sie bis spätabends im Büro, und immer wieder fragten sie sich, an welchem Punkt ihre Analyse falsch gewesen war, wo das kleine Chemikergenie die Daten fehlinterpretiert hatte.

»Iago, sag mir, dass ich ein Lügner und ein Idiot bin«, provozierte ihn Manuel, doch Iago, so sehr er sich auch bemühte, fand keinen Grund für einen solchen Vorwurf …

Als er ins Auto stieg, war es zwei Uhr morgens.

Kein Mensch war auf den Straßen unterwegs. Er konnte nicht anders, als immer wieder den Ablauf der Ereignisse zu rekapitulieren, bis in der Ferne die wohlbekannte Silhouette Nanterres mit den dunklen Dächern auftauchte.

Ohne sich wirklich bewusst darüber zu sein und vom Bedürfnis getrieben, irgendetwas zu tun, beschloss er, zunächst nicht nach Hause und auch nicht zu Corinne ins Leichenschauhaus zu fahren.

Er musste ins Büro, und wenn auch nur kurz.

Manuel war ermordet worden.

Da es erst sieben Uhr war, standen nur wenige Fahrzeuge auf dem Parkplatz der Guriot Chemicals.

Seit er angekommen war, hatte er mehrere Male nervös auf die Uhr geschaut.

Gern wäre er direkt durch den Haupteingang in sein Büro gegangen, doch das schien ihm nicht angeraten.

Er hatte das Gefühl, dass das nicht gut sein würde, dass er äußerst vorsichtig vorgehen sollte. Er musste irgendwie ins Gebäude gelangen, ohne gesehen zu werden.

Daher blieb er zunächst im Auto sitzen und wartete auf eine Eingebung.

Als er in den Rückspiegel schaute, hatte er plötzlich die Lösung vor Augen. Er sah den Lieferwagen der für die Büromaschinenwartung zuständigen Firma kommen; dieser würde durch die hintere Einfahrt in die Tiefgarage fahren. Iago ließ sich von dem Wagen überholen und fuhr ihm nach.

Der Lieferwagen hielt vor der Einfahrt, und Iago, der sein Auto auf einem etwas abgelegenen Teil des Parkplatzes abgestellt hatte, lief ihm hinterher.

Er zeigte dem Fahrer seinen Ausweis.

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mit Ihnen fahre, dann kann ich Ihnen gleich den defekten Fotokopierer in unserem Büro zeigen? Wirklich gut, dass Sie gekommen sind …«

Der Mann hatte keine Zeit zum Nachdenken, denn Iago öffnete schon die Beifahrertür und kletterte ins Wageninnere. Er hatte die Baumwollkappe, die er immer mitnahm, und seine Sonnenbrille aufgesetzt. Der Lieferwagen fuhr langsam weiter zur Tiefgarage.

Niemand hielt sie auf, niemand kontrollierte sie.

Im Aufzug drückte Iago auf den Knopf für das zweite Stockwerk. Als die Türen sich öffneten, erklärte er dem Mann, dass sich die Apparate, die überprüft werden sollten, alle im siebten Stock befänden, und dass er selbst in ein paar Minuten nachkäme. Der Mann nickte verwirrt.

Iago ging rasch und zielstrebig durch den Flur.

Nach ein paar Metern erreichte er die Tür seines Büros. Er war sich sicher, dass ihn niemand gesehen hatte. Als er den Raum betrat, überfiel ihn sofort das Gefühl einer eisigen, unwirklichen und unbekannten Stille. Corinnes Drucker ratterte nicht, das Telefon auf Iagos Schreibtisch war stumm, und vor allem fehlten die Musik aus Manuels kleinem Radio und seine vier leuchtenden Bildschirme.

Doch sein Geruch hing noch in der Luft, und Iago wurde von einer ganzen Flut von Erinnerungen überschwemmt.

Er wusste nicht genau, wonach er suchen sollte. Also setzte er sich und zwang sich, tief durchzuatmen und nachzudenken.

Das Beste würde sein, wenn er sich in Manuels Computer einloggte und dessen ganze Aufzeichnungen und persönlichen Dokumente kopierte.

Für den Augenblick würde das genügen.

Er musste nur noch warten, bis der Computer hochgefahren war.

Iago trat an seinen eigenen Schreibtisch und sah, um die Angst zu dämpfen, mit routinierten Gesten den Stapel Post durch, der sich inzwischen angesammelt hatte. Da waren Briefe und unwichtige interne Nachrichten, eine Einladung zu einem Fußballspiel der Firma, einige Werbeprospekte, und, ganz unten im Stoß, ein brauner Umschlag mit handgeschriebener Anschrift und ohne Absender.

Sehr geehrter Herr Dr. Milar, wenn Sie Miniaturen lieben, dann gibt es einen Ort, den Sie besuchen sollten: die Königliche Bibliothek in Kopenhagen, Søren Kierkgaards Plads 1. Ich halte mich jeden Donnerstagnachmittag in der Bibliothek auf. Ich warte im zweiten Saal, meinem Lieblingssaal, auf Sie.

D.V.

»Miniaturen? … Was soll ich denn mit Miniaturen?« Iago sah sich den Umschlag noch einmal an und stellte fest, dass es wirklich sein Name war, der dort mit schwarzer Tinte geschrieben stand; auch die Nummer der Abteilung stimmte. Er knüllte Umschlag und Brief zusammen und warf sie in den Papierkorb unter seinem Schreibtisch.

Mit einem Piepsen, das Iago aus seinem dumpfen Schmerz riss, schalteten sich die Geräte in der Abteilung und im ganzen Gebäude der Guriot Chemicals ein.

Iago stand rasch auf und ging zu Manuels Schreibtisch. Er tippte das Passwort ein und wartete ein paar Sekunden, bis die Benutzeroberfläche erschien.

Nachdem er zehn Minuten lang gesucht hatte, schaltete er den Computer wieder aus. Er war erschüttert: Manuels Dateien waren verschwunden. Alle Dokumente waren woandershin verschoben oder gelöscht worden.

Iago begriff, dass hier nichts mehr zu finden war. Jetzt musste er nur noch zusehen, dass er das Haus verließ, ohne gesehen zu werden und ohne Spuren zu hinterlassen.

Mit angehaltenem Atem verfolgte er noch einmal seine Aktionen zurück.

Erst im letzten Augenblick erinnerte er sich an den einzigen Brief, den er geöffnet und dann weggeworfen hatte, diese seltsame Einladung aus Dänemark.

Er fischte Brief und Umschlag wieder aus dem Papierkorb und steckte sie in die Hosentasche. Dann ließ er den Blick ein letztes Mal durch den Raum schweifen, im Wissen, dass er ihn nie wieder betreten würde.

Als Iago in seinem Auto saß, meldete sich sein Handy. Es war nicht die Tonfolge, die Laras Stimme ankündigte, und auch kein Anruf von Corinne. Es war ein unbekannter Anrufer. Beim dritten Klingeln drückte er eine Taste und meldete sich.

»Dr. Milar?«, fragte eine leise Stimme.

»Ja, am Apparat. Wer spricht denn da?«, antwortete Iago.

»Guten Tag, Dr. Milar, ich bin Marguerite Geizer, die persönliche Sekretärin von Serge Valori. Herr Valori möchte Sie gern zum Mittagessen einladen.«

»Wann?« Iagos Stimme ließ weder Überraschung noch Freude hören.

»Heute, wenn es Ihnen recht ist.«

»In Ordnung«, sagte Iago und unterbrach das Gespräch abrupt.

Das war keine Einladung, er wurde dorthin zitiert.

Die Bombe war explodiert und hatte die Erde in Brand gesetzt, auf der er seine ersten Schritte als verzweifelter Mensch machte.

3

Paris, 17. Juli

Das Zimmermädchen sah ihn freundlich an. Sie war zwar hübsch, hatte jedoch keine Klasse. Auf ihre englische Frage antwortete Daniel in Französisch, denn er liebte den Klang dieser so vertrauten Sprache, vor allem bei Frauen.

Er musste wieder an das Telefonat mit seinem Vater vor zwei Tagen denken.

»Übermorgen fliege ich nach Paris.«

»Nach Paris?«, hatte Albert Biasi gefragt.

»Etwas Geschäftliches, eine Sache von wenigen Stunden.«

»Ist es denn so dringend? Kannst du nicht jemand anderen schicken?«, hatte sein Vater mit sorgenvoller Stimme wissen wollen.

»Was ist denn in dich gefahren? Es ist doch nicht das erste Mal, dass ich plötzlich verreisen muss, oder?«, war Daniels Antwort gewesen, und er hatte versucht, die Sache ins Ironische zu ziehen.

»Du hast recht, mein Junge, verzeih mir, ich werde wohl langsam alt.«

»Mach dir keine Gedanken. Ich komme bald zurück, ich muss dort nur eine Kleinigkeit erledigen«, hatte Daniel gesagt und das Gespräch beendet.

Daniel Biasi wusste nicht, warum er diese Einladung post mortem nicht einfach ignoriert hatte, diesen mephistophelischen Überfall der Vergangenheit, der nichts Gutes verhieß. Doch manchmal ergreifen spontane Entscheidungen – Entscheidungen, die eine Eigendynamik besitzen und die wir treffen, indem wir uns etwas vormachen – einfach von unserem Leben Besitz und verändern es für immer.

In dem einen Moment verfluchte er sich, im nächsten versuchte er sich zu rechtfertigen oder spielte die ganze Sache herunter. Er hatte sich einfach breitschlagen lassen.

Daniel verzichtete auf den Fahrer, den ihm das Hotel zur Verfügung gestellt hatte, und beschloss, ein Stück zu Fuß zu gehen, denn es war ein schöner Abend.

In Gedanken versunken, kickte er eine leere Dose über das Pflaster.

Gemma, ich habe dich schon vor so vielen Jahren sterben lassen, und jetzt weiß ich nicht, was ich empfinden soll. Warum hast du mich gerufen? Was habe ich mit den Dingen zu schaffen, die du der Welt hinterlassen willst? … Warum tust du mir das an? Hat es dein Bedürfnis, kurzen Prozess zu machen, nicht befriedigt, dass du mich schon einmal getötet hast?

Jetzt brauchte er etwas zu trinken.

Daniel drückte die Doppeltür eines kleinen Bistros auf und stieg die paar Stufen hinab.

Das Lokal war völlig verraucht, die Einrichtung nichts Besonderes, die Tische nicht abgewischt, doch es herrschte eine angenehme Atmosphäre.

Daniel setzte sich an einen Tisch in einer Ecke und gab seine Bestellung auf. Nachdem er einige Male an seinem Glas genippt hatte, überfluteten ihn unwillentlich die Erinnerungen, allzu lebendig und in wirrer Reihenfolge.

Erinnerungen, die keinen Eindringling vorsahen, doch die Frauenstimme, die jetzt zu ihm drang, kam aus der Wirklichkeit.

»Entschuldigen Sie die Störung, Sie sind doch Amerikaner, nicht wahr?«, fragte die Stimme leise.

Daniel nickte, immer noch in die einsame Pilgerschaft seiner leidvollen Gedanken versunken.

»Entschuldigen Sie, ich heiße Ger Becker«, beharrte die Stimme.

»Ger steht für …«

»Wie bitte?«

»Ger steht für Gertrude?«

»Für Gertrude, ja.«

»Ich verstehe.«

Die Frau sah ihn lächelnd an, sie war verwirrt, ließ sich jedoch nicht einschüchtern, sondern stellte mit ihrer sanften Stimme die Frage noch einmal.

»Entschuldigen Sie, wenn ich Sie störe, aber ich habe mich gefragt, ob Sie zufällig die neue Adresse der Vereinigung amerikanischer Künstler kennen. Ich weiß, dass sie irgendwo in diesem Arrondissement ist, doch keiner kann mir eine genaue Auskunft geben …«

»Haben Sie es schon bei der Botschaft versucht?«

»Nun, die wird zu dieser Zeit schon geschlossen haben.«

Daniel antwortete nicht und warf der Frau nur einen kurzen Blick zu, als sie sich mit einem »Danke, entschuldigen Sie die Störung« zum Gehen wandte.

Es war, als hätte er sie gar nicht wirklich gesehen und gehört.

Er konnte nur sagen, dass ihn aus dem weißen Oval des Gesichts braune Augen angesehen hatten, deren Lider sich einige Male irritiert über seine abweisende Haltung gesenkt hatten.

Plötzlich sprang er auf, legte viel zu viel Geld auf den Tisch und lief ihr hinterher. »Junge Frau, hallo, entschuldigen Sie, warten Sie einen Augenblick …«, rief er.

Die Frau drehte sich nicht um, vielmehr schien sie ihre Schritte zu beschleunigen.

»Bitte, hören Sie …«, drängte Daniel.

Endlich drehte sie sich um, und er sagte hastig: »Ich möchte mich für eben entschuldigen, ich bin normalerweise nicht so unhöflich. Doch ich war völlig in Gedanken versunken, und außerdem habe ich wohl noch Probleme mit dem Jetlag.«

»Ich verstehe, machen Sie sich keine Gedanken.«

»Wollen Sie schon gehen? Aber Sie wissen doch gar nicht, wo Sie dieses … Zentrum suchen sollen.«

»Vereinigung. Die Vereinigung amerikanischer Künstler.«

»Sind Sie Künstlerin?«

»Nein, ich bin Galeristin.«

Ein Kellner stöhnte, weil Daniel und die junge Frau den Durchgang zwischen den Tischen und der Theke versperrten.

»Oh, verzeihen Sie, vielleicht sollten wir uns lieber setzen, ich bitte Sie …«

Daniel war sich seiner Handlungen nicht wirklich bewusst, sie wurden ihm von seiner großen Unruhe und einem seltsamen Freiheitsgefühl diktiert.

Vielleicht hatte es mit Paris zu tun, vielleicht auch mit der Tatsache, dass er ohne Fahrer, ohne Krawatte und ohne Aktenkoffer hier war.

Oder vielleicht auch mit Gemma, die zurückgekehrt war und damit seine ganzen Gewohnheiten über den Haufen warf.

»Verzeihen Sie mir. Mein Name ist Daniel Biasi.«

Sie setztes sich an einen kleinen Tisch in der Nähe der Tür.

»Ger Becker, freut mich.«

»Möchten Sie etwas trinken?«

»Ja, gerne, danke.«

Sie sahen einander nicht in die Augen, die Frau schien jedenfalls gelassener zu sein als er.

»Schon seit zwei Stunden laufe ich durch diese Gegend und wollte eigentlich eine Malerin treffen, doch jetzt ist ihre Performance bestimmt schon zu Ende. Na ja, morgen ist auch noch ein Tag.«

Sie begannen eine recht oberflächliche Unterhaltung, deren offensichtlicher Zweck es war, sich von der jeweiligen Erschöpfung zu erholen.

Ihre Drinks kamen nach wenigen Minuten, und so lange brauchte Daniel auch, um mit dem schönen Gesicht Gertrudes vertraut zu werden. Dessen klares Oval und die helle Haut waren ihm sofort aufgefallen und ließen ihn nicht mehr los. Ihre braunen Augen musterten ihn mit einem intensiven Blick, und ihr Mund war klein und weich.

»Ich bin sehr müde, es war ein anstrengender Tag. Wie ich Ihnen sagte, versuche ich, eine Art Wanderausstellung mit amerikanischen Künstlern aus aller Welt zu organisieren. Ich weiß aber noch nicht so recht, wie. Und was machen Sie in Paris?«

Daniel faselte etwas von einem geschäftlichen Termin, wechselte jedoch sofort wieder das Thema. Er wollte nicht über den kommenden Tag sprechen, der nur eine böse Überraschung sein konnte und an seinen geheimen Schmerz rührte.

Die Frau hingegen plapperte, angespornt durch Daniels freundliche und konfuse Fragen, einfach drauflos.

»… die richtigen Pariser sind unnahbar und faszinierend, finden Sie nicht? Ja, in Seattle geht es mir gut, so selten, wie ich in meinem Büro bin … Kürzlich habe ich zwei Ausstellungen ausgerichtet …«

Sie verabschiedeten sich vor der schmalen Tür des Bistros.

Ihr Taxi war gekommen. Keiner von beiden machte Anstalten, eine Visitenkarte hervorzuholen.

Gertrude beugte sich ein wenig aus dem Autofenster.

Sie lächelte und winkte.

Im Taxi stank es nach Schweiß und Auto-Deo.

»Place du Tertre.«

»Gerne, Madame.«

Der Schein des Handydisplays erhellte das Dunkel des Wageninnern. Die lange weiße Hand der Frau drückte eine Taste.

Ihre Stimme war ruhig.

»Ja, alles in Ordnung. Ich rufe morgen zurück.«

Dann schaltete sie das Telefon aus und steckte es in ihre große schwarze Tasche.

Der maghrebinische Fahrer starrte im Rückspiegel das weiße Gesicht der Frau an, doch er konnte dem Blick dieser kalten Augen, die ihn ausdruckslos und herausfordernd ansahen, nicht standhalten.

Der hellste Raum des großen Apartments war zum Fitnessraum bestimmt worden.

Sie zog sich sofort aus. Die Tasche mit den Zeitungsartikeln über Ausstellungen und andere Kunst-Events, den Kunstzeitschriften und einem neuen Stadtplan hatte sie auf dem Sofa im Flur liegen lassen.

Milla hatte fünf Tage Zeit gehabt, um sich auf den neuen Auftrag vorzubereiten.

Nun begann sie mit dem abendlichen Training und hörte Haydn dazu.

Niemand, der sie auf der Straße traf und diesen mageren Körper mit seinen sanften Bewegungen sah, konnte ahnen, wie zäh und biegsam er war.

Milla wusste es mittlerweile.

Es war nicht einfach zu erklären, wie sie in diesen Raum und in dieses Leben gekommen war.

Niemand hatte sie dazu gezwungen, es war vielmehr, als habe das Schicksal einige ihrer Wesenszüge herausgearbeitet, als habe es gewisse kleine Brüche ihres Charakters vergrößert, bis sie zu breiten Spalten geworden waren.

Ihr Leben beschränkte sich auf ganz wenige Aspekte: Training, Selbstdisziplin, Regeln, Gewohnheiten, Schulung.

Sie handelte aus einer Sicherheit heraus, die wohl konstruiert und auf sie zugeschnitten war wie ein maßgeschneidertes Kleid und mit der sie bei ihren Missionen die absolute Perfektion anstrebte.

Und jede ihrer Missionen wurde mit einem siebenstelligen Betrag honoriert.

Milla hielt sich nicht mit Gedanken über ihr eigenes Leben auf.

Sie hatte im Lauf der Jahre eine Reihe von Bildern rekonstruieren können, die sich grell wie störende Spotlights in ihrem Kopf festgesetzt hatten: Sie läuft auf einem Gebirgskamm am Rand einer Felsspalte entlang. Auf der anderen Seite, weit weg, ist die Welt, ein überfüllter und lauter Planet, der sich ungesteuert in dieselbe Richtung wie sie bewegt, immer parallel zu ihr. Und sie läuft schneller, immer schneller.

Sie läuft allein.

»Ich arbeite allein.«

Millas Stimme war ernst und freundlich.

»Ich weiß ja, ich weiß …«

»Doch ich respektiere Ihre Meinung und bin bereit, auf den Auftrag zu verzichten, wenn Sie Zweifel haben.«

Die Antwort ihres düsteren Gesprächspartners kam prompt.

»Lassen Sie das Gerede, machen Sie weiter wie geplant, gute Nacht.«

»Gute Nacht«, antwortete Milla.

Sie streckte sich einen Augenblick lang auf dem großen Perserteppich aus, der einen Großteil des Bodens ihres persönlichen Fitnessstudios bedeckte, und entspannte sich mit geschlossenen Augen. Sie atmete tief ein. Wie so oft im Sommer lag ein Wohlgeruch in der Luft, ein Duft, der Erinnerungen an das Haus, in dem sie aufgewachsen war, wach werden ließ.

Nach ihrer Kindheit gefragt, antwortete sie stets, dass sie glücklich gewesen sei, dass sie stets alle nur erdenkliche Liebe bekommen habe.

Das stimmte.

Sie war in einem abgelegenen Dorf etwa fünfhundert Kilometer südlich von Kiew geboren. Ihre Familie, wie auch alle übrigen Bewohner dieser Handvoll Häuser am Fuße eines kahlen Berges, waren Bauern, die von dem Wenigen lebten, was die Erde hergab. Sie waren glücklich und lebten dieses Leben mit einer Zufriedenheit, die einen Namen, eine Jahreszeit und eine Tageszeit hat.

Milla war mit dem Geruch nach offenem Feuer und Gasheizung aufgewachsen.

Sie erinnerte sich noch an einige Tiere, die in die Küche aus Stein kamen, erst lebendig, dann tot, und an die Tage, an denen es so schneidend kalt war, dass die Pferde im Stall bleiben mussten. Sie wusste, dass in dem großen Garten hinter dem Haus ein Teich war, in dem man im Sommer baden und sich dabei vorstellen konnte, dies sei das Meer.

Als sie zum ersten Mal den Ozean sah, begriff sie, dass sich ihre braunen Augen noch an ganz andere Dinge im Leben gewöhnen würden.

Milla war ein schüchternes, aber wissbegieriges Mädchen. Als sie zwölf Jahre alt war, überredete ihr Onkel die Eltern, sie zu ihm in die Vereinigten Staaten zu schicken.

An jenem Tag, an dem sie den Zug nach Kiew nahm, waren ihre Augen vom vielen Weinen geschwollen und hatten dunkle Ringe. Keiner der Cousins und Cousinen, die sie am Bahnhof empfingen, glaubte an die seltene Allergie. Sie alle waren davon überzeugt, dass die vielen Abschiedstränen schuld waren.

Seit diesem Tag wusste Milla, dass die Augen ihre Schwachstelle waren, und sie beschloss, nie wieder zu weinen.

Und sie hatte nie wieder geweint.

Sie hätte eigentlich nur für eine Weile zur Schule gehen sollen. Zu Gast bei den reichen Verwandten, bei jenem Onkel, der als Arzt und Wissenschaftler an der Universität von Berkeley arbeitete und der einen Beamten bestochen hatte, um die Ausreise der Tochter seiner Schwester im Jahr 1978 zu erleichtern.

Die kleine Milla Houbchev war in der Überzeugung nach Amerika gekommen, dass sie bereits nach einigen Monaten nach Hause zurückkehren würde. Stattdessen sah sie Kiew und die neue, unabhängige Ukraine erst zwanzig Jahre später wieder, als sie ihr Leben schon einsam und im Geheimen lebte.

Amerika hatte Milla gut aufgenommen, denn sie hatte diesem großen Land gegenüber, das ihre zweite Heimat werden sollte, die richtige Haltung gehabt.

Sie war vorsichtig, aber stark gewesen, optimistisch, aber gerissen, und in einem Maße arglos, dass sie es sich hatte erlauben können, immer ein bisschen jung und leichtsinnig zu sein.

Für sie, die aus einer dramatischen und äußerst emotionalen Kultur stammte, war die Leichtigkeit am schwersten zu erlernen gewesen. Am Ende hatte sie sich aber doch den Ortswechseln, den Lieben und den Freundschaften ergeben.

Abends war das Training immer viel entspannender als am Morgen.

Ihr Körper war im Grunde eine Konstruktion.

Als Kind war sie so dünn gewesen, dass die Mutter die jedes Jahr von der Schule gestellte Schürze immer enger machen musste, und an dieser mageren und knochigen Statur hatte sich auch nichts geändert, als sie größer geworden war.

In Amerika hatte sie angefangen, ein bisschen Sport zu treiben, aber eher passiv und vielleicht mehr der Eitelkeit wegen, um bei ihren ersten Verabredungen während der Collegezeit etwas kräftiger zu erscheinen.

Erst als sie mit dem rigorosen Training begann, begriff Milla, was sie alles mit ihrem Körper anstellen konnte.

Sie erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem sie zum ersten Mal das Zentrum für fernöstliche Kultur in Paris besucht hatte: Sie war nichts als eine sechsundzwanzigjährige amerikanische Studentin gewesen, die sich auf Kommunikationswissenschaften spezialisiert hatte, als die Begegnung mit einer eleganten Professorin der neuzeitlichen Geschichte ihr den Weg in ein neues Leben geebnet hatte.

Madame Lazaar hatte sie am Ende eines langen Seminars zu einer Tasse Tee eingeladen.

Sie war sehr nett gewesen …

Julie Tang Lazaar, halb Chinesin, halb Französin, stellte ihr auf eine gelassene, respektvolle Art viele Fragen.

Sie waren sich sympathisch und fanden in dem gemeinsamen Schicksal, Verbannte in einem fremden Land zu sein, einen fruchtbaren Boden für ihre Gespräche.

In jenem kalten Pariser Winter wurden ihnen diese Treffen für einige Monate zur angenehmen Gewohnheit, bis Madame Lazaar eines Tages zum ersten Mal mit Milla über das Zentrum sprach.

Das tat sie in ihrer gewohnt zurückhaltenden und gelassenen Art. Sie sprach über Kultur, über den Sinn von Zugehörigkeit, von Reichtum und Eleganz, sie gebrauchte wunderbar zweideutige Worte und erteilte Milla auf diese Weise ihre erste richtige Lektion.

»Wir bieten unsere Arbeitskraft Privatleuten und Institutionen an, wir sind gebildet und beherrschen mehrere Sprachen, wir sind elegant und können uns vieler Mittel bedienen. Unsere Auswahlkriterien sind nur zwei: Sicherheit und Geld. Das Zentrum wird immer Ihr Arbeitgeber sein. Wir akquirieren die Aufträge, und Sie haben das Recht, einen von dreien abzulehnen, doch Sie bekommen weiter keine Informationen als das Wo, das Wann und das Wie.«

Auf Millas unvermeidliche Frage, um welche Art von Aufträgen es sich handele, antwortete Madame Lazaar: »Alles zu seiner Zeit, Mademoiselle Houbchev. Betrachten Sie diesen Vorschlag als Herausforderung, als eine ganz besondere Gelegenheit und eine ungewöhnliche Art, die Welt und sich selbst kennenzulernen. Nur keine Eile, wir beginnen mit der Schulung, und dann sehen wir weiter.«

Milla hatte mit ihrem Onkel telefoniert und ihn darüber informiert, dass sie noch für ein Jahr in Paris bleiben wolle und dass alles hervorragend laufe.

So hatte es angefangen, genau so, wie man mit einem großen Puzzle beginnt, bei dem man das ganze Bild noch gar nicht kennt. Zehn Jahre waren seit der Begegnung mit Madame Lazaar vergangen, und manchmal hatte sich Milla gefragt, ob eine normale Existenz, eine alltägliche Arbeit, ein Ehemann und Kinder ihrem Leben hätten mehr Sinn verleihen können.

Sie wusste keine Antwort darauf und war mittlerweile auch gar nicht mehr an dieser Frage interessiert.

Sie war jetzt eine reiche Frau, und manch einer hätte sie als moderne Frau bezeichnet.

Wenige wussten, dass sie in erster Linie ein amoralisches, gewalttätiges und gefährliches Wesen war.

Sie war eine Auftragsagentin.

Es war nach Mitternacht, als sie das Training beendete.

Sie zog sich die verschwitzten Kleidungsstücke aus und trat in die Saunakabine, wo sie den mit ein paar Tropfen Eukalyptusöl versetzten Dampf einatmete.

Sie schloss die Augen und dachte an Daniel Biasi.

Die Fotos, die das Zentrum ihr via Internet hatte zukommen lassen, wurden ihm nicht gerecht. Auf diesen Bildern waren seine Gesichtszüge hart und die Augen erloschen und ohne Glanz. Den wirklichen Menschen Daniel Biasi hatte sie ganz anders erlebt, nämlich als gefühlvollen, lebendigen und ausdrucksstarken Mann. Sie sah ihn immer noch vor sich, wie er sich an den Schläfen beginnend zum Nacken hin durch die Haare fuhr und wie er die Hände bewegte.

Milla wusste aufgrund ihrer privilegierten Position als Agentin mit dem Auftrag, ihn zu überwachen, ganz genau, warum er so durcheinander und aufgeregt war.

Seine einzige große Liebe, Gemma Voss, war gestorben und hatte ihm testamentarisch etwas hinterlassen.

Im Dossier, das sie vom Zentrum erhalten hatte, befanden sich auch Fotografien von Gemma.

Auf einem dieser Fotos war sie im Profil zu sehen, die dunklen, lockigen Haare vom Wind zerzaust. Sie war nicht allein auf dem Bild, ihre jüngere Schwester Syria stand neben ihr.

Gemma und Syria waren Waisen, und soweit Milla wusste, war die jüngere Schwester für Gemma stets wie eine Tochter gewesen.

Der Fotografie war noch ein Zeitungsartikel beigefügt. Milla hatte ihn gelesen, um sich in den neuen Auftrag einzuarbeiten. Er war ein Jahr zuvor in Respect erschienen, einer Zeitschrift, ...

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