Logo weiterlesen.de
Lesebuch

Image

Image

© 2016 Steffen Unger

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-7345-7956-1
e-Book: 978-3-7345-7958-5

Titelbild: Dianne Hope, unter Morguefile-Lizenz

https://morguefile.com/license

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Vorwort

Wahre Größe

Wortloser Frei – Tag

Die Rache

Der Letzte

Bei Nachbars

Dilemma

Fühlen für später

Heimkehr

dies irae

Salvadore

Der Termin

Mimikry

Stabile Verbindung

Fühlen für später

Die zarteste Versuchung …

Das Wort

… Du hast …

Weihnacht

Der Klient

Wie Bruno das Glück fand

Der grüne Held

Der Höllenritt

Das Wunder von Gnomeria

Der Neue

Die Legende von Yang Yin

Meister Martin

Anka

Dubbelpönt

Vorwort

Ich erinnere mich sehr gut, wie interessant es uns Kindern immer erschien, wenn unsere Eltern am Nachmittag oder Abend dasaßen und lasen. Meist dauerte es nicht sehr lange, bis eins von uns vier Geschwistern näher schlich und fragte, worum es denn in dem Buch ginge, das, wie uns meist erklärt wurde, „nur für große Leute“ sei.

Irgendwann kam mir die Idee, das zu ändern. Warum sollte es nicht ein Buch für Erwachsene geben, in dem es ebenso auch Geschichten für Kinder gab? Das fand ich recht begeisternd, denn es böte die Möglichkeit, den fragenden Kindern einfach einen Text vorzulesen, der ihrem Alter und Verständnis entspräche.

Und hier ist es nun, lange nach meiner Kindheit, das „Lesebuch für Groß und Klein“.

November 2016,

Steffen Unger.

Teil 1

Für Erwachsene

 

Wahre Größe

Mit unglaublichem Getöse kam ein tiefergelegter BMW daher geprescht, schob krachend ein Radpaar auf den Bürgersteig und verstummte. Zwei Autotüren wummerten. Einige Sekunden später schwang der Glasflügel am Eingang auf, als sei ein Dreißigtonner dagegen geprallt. Die Scheiben klirrten leise.

Annekatrin, die Auszubildende des Centers, schaute kurz auf und erblickte Sven, den „Helden der Vierzentner-Hantel“, wie sie ihn bei sich nannte. Sie lächelte ihn freundlich an und stellte die IsoMix-Flasche beiseite, um dem Neuankömmling seinen Schlüssel zu holen.

Das Telefon klingelte. Sie nahm ab und klemmte sich das Mobilteil zwischen Kinn und Schulter, während sie Svens Mitgliedskarte entgegennahm. Dann ging sie zum PC, setzte sich davor und suchte nach den Daten, die Carsten, der Anrufer - und ihr Chef, benötigte.

Am Tresen murmelte Sven irgendetwas vor sich hin und blieb, spreizbeinig, mit verschränkten

Armen stehen. Das war, speziell von ihm vorgeführt, nicht unbedingt eine besonders vorteilhafte Haltung, denn mit 1.65m Körpergröße und Oberarmen, die man bei flüchtigem Hinsehen für Oberschenkel halten konnte, wirkte der junge Mann nun eher quadratisch.

Als Annekatrins Aufmerksamkeit ihm versagt blieb, begann er, verschiedene Muskelgruppen spielen zu lassen. Brustmuskeln hüpften, Bizeps tanzten, Trizeps beulten sich aus, winde sich eine Schlange durch das Bein seiner Marken-Fitnessklamotten (mit der Profi - Schweißabführungsfaser „Prenorbital“). Aus Richtung der Laufbänder erklang ein Kichern.

Er fuhr herum und sein Blick fiel auf Elke, wo er sich verhakte – nein – festsaugte.

Sofort war der Ärger über die Warterei vergessen. Sie war eine Göttin, ein himmlisches Geschöpf! Mehr gab es dazu nicht zu sagen – und mehr dachte er auch im Moment nicht. Er setzte sein „Mister Universum“-Lächeln auf und schlenderte hinüber. Annekatrin am Rechner rief ihm zu: „Bin gleich da, Sekunde noch.“

„Schon lange hier?“, fragte er zu der schlanken Frau hinauf, als er ihr die Pranke reichte und ihren energischen Händedruck genoss.

„Halbe Stunde.“ Die an den Laufrhythmus angepasste Atmung machte die Antworten knapp.

„Ich leg dann auch mal los.“

Er ging zum Umkleideraum, aber nicht, ohne am Tresen noch kurz zu stoppen und zu schnarren:

„Wenn ich rauskomme ist das 'LCplus' fertig, klar?“

Annekatrin nickte und platzierte den Hörer in der Ladestation.

In Windeseile verwandelte sich Sven, der Ritter der Haupt- und Nebenstraßen, in Sven, den Stolz des Fitnesscenters. Als er die Umkleide verließ, war sofort klar, dass sein Fatburner-Musclebuilder-Mix auch jetzt nicht bereitstehen würde, denn mittlerweile hatte die Anreise der Tae-Bo Truppe begonnen, so dass Annekatrin mit der Ausgabe der Schlüssel und der Annahme der Karten vollauf beschäftigt war. Sie sah ihn kommen und zuckte hilflos die Schultern.

Sven platzte.

„Sag mal, Kleine“, krächzte er, „du willst wohl rausfliegen?“ „Ich komme gleich“, versuchte das Mädchen, ihn zu beruhigen.

„Ich habe meinen Drink vor fünf Minuten bestellt. Da kann man ja erwarten, dass der jetzt fertig ist – oder? Ich werde mich bei Carsten beschweren, schließlich bin ich hier Stammkunde und habe jede Menge Leute her gelotst.“

Sein Zorn stachelte ihn immer mehr an.

„Wenn du schon nach nichts aussiehst und Dich nur mit Schließmuskel-Unterstützung fortbewegst, dann vergraule mit Deiner Lahmarschigkeit nicht noch die Leute, von denen die Bude hier lebt!“ Nur einen Moment lang flackerte das Lächeln im Gesicht der Beschimpften, dann war es wieder so freundlich wie vorher. Sie hängte die letzte Karte an ihren Haken und bereitete ihm – zügig, doch ohne Hast – sein Getränk. Er pflanzte sich auf den Barhocker in der Ecke des Laufbänderbereiches und leerte den Becher in tiefen Zügen. Jetzt war er bereit, alles zu geben.

Elke stieg eben vom Band und trocknete sich den Nacken, während sie zu ihm herantrat.

Sie legte ihm sanft die Hand auf den Bein-Arm und sagte, mit dem typischen und unwiderstehlichen Schmeicheln in der Stimme:

„Hast du Dich wieder beruhigt? Hat doch keinen Sinn, sich so aufzuregen. Sie lernt es schon noch. Ich nehme erst einmal einen Proteinshake.“

Nun begann Svens Programm. Situps, Pushups, Rolls, Bends, Curls, Hanteln links, die Kettenmaschine, dann tauchte er in den Kraftkeller ab, den Carsten extra für die Hardcore-Stemmer eingerichtet hatte. Vier Sätze „lückenlos 50-150“ absolvierte er, der Meister aller Klassen. Für den Schlaffi, der sich auf der Bank neben ihm mit 80 Kilogramm abmühte, hatte er nur ein abschätziges Grinsen übrig und ein: „Fang lieber mit den Gymnastik-Knöllchen an, ehe du ans Eisen greifst.“

Als er sein Pensum geschafft hatte und schweißtriefend wieder nach oben stieg, stand Elke an der Treppe.

„Könntest du mich heute mal nach Hause fahren?“, kam sie gleich auf den Punkt.

Er dachte, er müsse einen Luftsprung wagen.

„Klar, kein Problem. Aber ich gehe immer erst noch was essen, nach dem Training. Weißt ja, Masse auffüllen.“

„Ich würde Dich einladen“, ertönte der zweite Glockenton aus Elkes Kehle. Das Elysium wartete...

Wenig später trat ein aufgestylter, frisch duftender Sven aus der Umkleide, legte seinen Schlüssel auf dem Tresen ab, ohne Annekatrin eines Blickes zu würdigen. Galant hielt er Elke beim Einsteigen die Beifahrertür auf und ließ den Motor kurz heulen, ehe er beim Anfahren eine Gummispur auf den Asphalt legte.

Sie speisten im „Montreux“, einem kleinen, feinen Restaurant am Rande der Stadt, ehe Elke ihn zu ihrem Haus navigierte. Es war ein einfaches Mietshaus, aber ihm erschien es wie Dornröschens Schloss. Ganz selbstverständlich begleitete er seine Angebetete hinein. Sie stiegen unter das Dach hinauf. Beim Aufschließen sagte sie beiläufig: „Ach ja, ich habe noch eine Mitbewohnerin. Die ist aber noch auf Arbeit. Kommt meistens erst später.“

Das Wohnzimmer war nicht groß, aber gemütlich. Nur der PC, der gegenüber der Sitzgruppe brummte und seinen Bildschirm heftig schonte, passte nicht ganz.

„Der gehört der Kleinen“, kommentierte Elke.

Die Couch- und Quatschphase gestaltete nicht sehr ausgedehnt. Elke stellte das Prosecco-Glas beiseite und erhob sich. Jeder Millimeter eine kleine Verlockung. „Ich mach mich mal frisch“, säuselte sie, „mach dir‘s bequem, derweil.“

Und das tat er. Als er ins Adamskostüm entschlüpft war, entdeckte er die Spiegelrückwand des Schrankes in der Ecke und begann, leicht zu posen. Ja, sein Body konnte sich schon sehen lassen. Spielerisch ließ er den Bizeps hüpfen, schwang die Hüften, um die Bauchmuskulatur zu betonen, wölbte den großen Pectoralis. Schließlich wurde ihm das Warten lästig, er drapierte sich auf die Couch.

Elkes Rückkehr wirkte wie eine kalte Dusche. Sie hatte ganz offensichtlich wirklich nur ein wenig das Make-up aufgefrischt, das Haar gebürstet und trat nun in Jeans und einem Sweatshirt wieder ins Zimmer.

Als sie ihn ansah, lächelte sie leicht, zwinkerte ihm zu und meinte: „DAS ist vielleicht ein wenig zu bequem.“

Der beschämte Sven bekleidete sich eilends, verabschiedete sich und röhrte kurz darauf davon.

Zwei Tage lang tauchte er nicht im Center auf. Dann hatte die Gewohnheit die Scham besiegt und er kam – wie immer – daher rowdiert.

Annekatrin lächelte ihn freundlich an, tauschte seine Karte gegen den Stammkunden-Spindschlüssel und stellte wenige Sekunden später den obligatorischen Powerdrink bereit.

Aber nicht nur das. Sie legte auch eine CD neben den Becher und sagte: „Hier, das dürfte Dich interessieren. Hab‘ ich letztens mal zusammengeschnitten. Schenk ich dir.“ „Was ist denn da drauf“, erkundigte sich der perplexe Sven.

„Ist ein Video. Soll ich es mal einlegen? Ich kann es hier über den Überwachungsmonitor abspielen.“

„Ja, mach mal. Muss ja was ganz Supercooles sein, wenn du mir das verehrst.“

Annekatrin legte die CD ins Laufwerk des Computers und startete die Wiedergabe. Zuerst geschah gar nichts, dann ging ein Zucken durch Svens Körper, das ihn mit lautem Krachen vom Barhocker beförderte. Wie bei einem Flashback sah er den PC vor sich, auf dessen Monitor eine Webcam prangte.

„He, schaut mal“, rief Rüdiger, der Tae-Bo Instruktor, der eben mit einem ganzen Pulk von Leuten hereintrat, „da strippt einer“.

Alle beugten sich über den Tresen und beobachteten den nackten Mann, der vor einem Schrank die Muskeln spielen ließ...

Annekatrin trat leise an den gestürzten Helden heran und sagte lächelnd: „Ich wohne bei meiner Cousine, weißt du?

Dein Auftritt hat übrigens meinen Freundinnen gefallen, unter 'www.ea-live.de'.

Auch, wenn nicht alles so groß ist, wie Dein Ego.“

Wortloser Frei – Tag

Der Zug eilte von Station zu Station. Eine junge Frühlingssonne tupfte Schattenbilder in alle Winkel des Abteils. Gleisstöße trommelten dumpf unter den Rädern, weitergereicht von Wagon zu Wagon.

Er fühlte sich seltsam, intensiv gemustert. Immer eindringlicher wurde der Blick, der sich in seine Haut bohrte. Schließlich erhob er sich und packte sein Buch in die Reisetasche, die über ihm in der Gepäckablage ruhte. - Der Blick drang in seinen Rücken, mit spürbarer Intensität.

Langsam wandte er sich um und sah sich einer jungen Frau gegenüber, die ihm direkt ins Gesicht schaute und ihn anlächelte.

Sie war nicht besonders hübsch, ein rundes Gesicht, mit schmalen Lippen. Aber die Augen hatten etwas. Grau? Blau? Grün? Es ließ sich nicht genau sagen, denn ein schelmisches Blitzen tanzte darin, suchte den Betrachter zu verwirren. Um die Nase hatten sich einige Sommersprossen gelagert, schienen im Lichtwechsel der vorbeieilenden Landschaft ausgelassen zu hüpfen.

Das ältere Ehepaar, das noch vor einer Weile mit im Abteil gesessen hatte, musste, unbemerkt von ihm, ausgestiegen sein, ebenso, wie der Mann mit dem Lederhut. Es blieben nur sie und er.

Sein Blick glitt vom Gesicht hinweg, ihren Körper hinab. Viel war da nicht zu erkennen, unter einem weiten Pulli und der leicht klaffenden Jacke. Ein Kleid oder Rock verbarg den Rest, bis zu den dicken lackblauen Lederschuhen hinunter, die - schon beinahe grotesk - mit zitronengelben Bändern verschnürt waren.

Sie wandte sich dem Fenster zu und studierte eine Zeit lang die vorbeirauschende Landschaft. Nun war es an ihm, sie mit Blicken zu entdecken. Nach einer Weile setzte sie sich auf und dehnte sich wohlig, was seinen Erkundungen entgegenkam.

Erneut strahlte ihm ihr Blick entgegen, ruhte auf ihm, wie eine weiche Hülle.

Wieder kehrten seine Augen zu ihrem Gesicht zurück, das nun einen freundlich-ernsten Ausdruck angenommen hatte. Fast schien es ihm ein wenig bittend. Er öffnete den Mund, um sie anzusprechen, sah aber im letzten Moment ein zuckendes Kopfschütteln - und blieb stumm.

Äußerlich noch immer in die Betrachtung seines Gegenübers versunken, fanden seine Gedanken nach einer Weile wieder andere Wege.

Heute war sein Frei-Tag. Seit Beate ihn verlassen hatte, war es zu einer Art Ritual geworden, einfach loszufahren, an schönen Orten auszusteigen und das lange Wochenende dort zu verbringen.

Meist verlockten ihn alte Gemäuer oder nette Landschaften, die er vom Abteilfenster aus entdeckte.

Heute war sein Tag. Nichts und niemand hatte die Macht, ihn zu drängen oder zu zwingen. Also entschied er kurzerhand, den Zug an der gleichen Station zu verlassen, wie die schweigsame Lächlerin.

Es war ein kleiner Haltepunkt bei einem Ort, der sich zwischen zwei Berge duckte. Ein weißer Kirchturm spießte keck aus dem Schwarz-Rot-Gemisch der Hausdächer hervor. Gemeinsam mit einer Schulklasse und einigen eiligen Passanten schlenderte er hinter dem Mädchen drein - vom Bahnsteig.

Sie hatte einen Riemen ihres Rucksacks geschultert und spazierte am Buswartehaus vorbei, wohl, um den Weg ins Dorf zu Fuß zurückzulegen. Plötzlich blieb sie stehen und schaute sich nach ihm um. Wieder blitzte die Sonne in ihren Augen und das Lächeln strahlte unter den tanzenden Sommersprossen hervor. Als er herangekommen war, nahm sie einfach seine freie Hand. Ihr Griff war sanft aber fest und er fühlte sich ein bisschen wie ein kleiner Junge, der mit Mutti von der Einkaufstour in der Stadt zurückkehrt. Nicht dass es ihm unangenehm war, nur das Schweigen erschien ihm ein wenig unwirklich.

Wieder holte er Atem, aber ihr Kopf, mit dem kurzen, kupferrot durchsträhnten Haar, zuckte ein erneutes "Nein".

Wie ein Pärchen durchquerten sie den Ort, wandten sich am Kirchplatz nach links und erreichten endlich ein kleines Gehöft. Sie öffnete die Tür und führte ihn in die erste Etage hinauf. Dort befand sich eine kleine Wohnung, die sie gemeinsam betraten.

Das Ambiente passte zu ihrer Erscheinung. Bücher türmten sich in der Ecke, eine riesige Pinwand versteckte sich unter Fotos, ein- und abgerissenen Eintrittstickets, handgeschriebenen Notizen. Er ließ seine Tasche neben ihrem Rucksack landen und sah sich um.

Das Wohnzimmer, in das sie ihn brachte, hatte den typischen WG Charme. Sie zog einen von drei unterschiedlichen Stühlen heran und ließ ihn darauf Platz nehmen. Dann verschwand sie in die Küche. Er hörte, wie sie ein Behältnis mit Wasser füllte, offenbar einen Wasserkocher, denn nach einem Augenblick vernahm man das vertraut gurgelnde Geräusch.

Als sie den Raum wieder betrat, brachte sie Tassen, Zuckerdose und ein Glas Instant-Kaffee, sowie eine duftende Teedose mit. Die Jacke hatte sie abgelegt und wand sich nun aus ihrem Pulli. Darunter kam eine Art Hängekleid - Hippie Stil - zum Vorschein, das ihren kräftigen Leib umspielte. Als sie seinen "Entdeckerblick" gewahrte, warf sie den Kopf zurück und ließ ein glucksendes Lachen hören.

Dann schob sie ihm eine Tasse hin und er gab einen Löffel Kaffee hinein. Der Duft des Getränkes vermischte sich mit dem feinen Tee-Aroma aus ihrem großen, dampfenden Pott.

Die Szene erschien ihm zu gleichen Teilen fremd und vertraut. Alles fühlte sich so ungezwungen, so normal an, dass es schon fast wieder gespenstisch war. Ein drittes Mal öffnete er den Mund - und sie legte den Finger auf ihre Lippen.

Nachdem die Tassen geleert und der Tisch abgeräumt waren, machte das Mädchen Anstalten, sich wieder zum Ausgehen anzukleiden. Er nahm also seine Jacke von der alten Truhe im Vorsaal, wo er sie abgelegt hatte, und sie verließen den Hof. Die Tasche blieb zurück.

Erneut nahm sie sanft seine Hand und geleitete ihn aus dem Ort hinaus, dem linken der beiden Berge entgegen. Saftiges Grün, mit frühblühenden Blumen besprenkelt lockte sie dem Walde zu, aus dessen Schoss sich ein steiler Weg nach oben wand.

Plötzlich ließ sie seine Hand los und begann, über die Wiese zu springen, die Arme ausgebreitet, wie ein startender Albatros. Mit schwingendem Kleid wirbelte sie umher.

Er blieb stehen und beobachtete ihr Tun, bewunderte ihre grenzenlose Unbefangenheit. Mitten in einer Pirouette winkte sie ihm zu und ließ wieder dieses Lachen hören.

Dann kam sie, ganz außer Atem, zurück, schnappte sich seine Hand und legte sie auf ihre kleine, feste Brust. Selbst durch den Wollpanzer des Pullis konnte er ihr Herz spüren.

Er ergriff mit der freien Hand ihre Schulter und wollte sie an sich ziehen, doch sie entwand sich ihm und tanzte im nächsten Moment schon wieder lachend ihren wilden Reigen.

Anschließend kehrte sie zu ihm zurück, um - Hand in Hand - den Wald zu betreten. Nach dem schweißtreibenden Tanz schien die schattige Kühle sie frösteln zu machen. Sie legte übergangslos ihre Hand in seine Hüfte und kuschelte sich im Weitergehen an ihn.

Seine Verwirrung nahm zu. Was sollte er von dieser Frau halten? Was wollte sie? Was wollte er? Würde nicht die ungezwungene Stimmung zerbrechen, wenn er sie bedrängte?

Erst als sie auf dem steinigen Weg dem Walde entstiegen, löste sie sich wieder von ihm und sprang erneut vor ihm her. Die strahlende Sonne, die mit zunehmender Höhe auch schon leicht herab zu brennen begann, erwärmte auch sein Gemüt. Und ehe er es sich versah, sprang auch er - wie ein Gamsbock - dem Gipfel entgegen.

Atemlos standen sie umschlungen dort, als die Sonne sich dem Horizont zu neigte. Über die ferneren Gipfel flutete ein orangeroter Schein. Hier gab es nur sie beide - und das Schweigen. Irgendwann wandte sie sich zum Gehen - und es war höchste Zeit, wollten sie nicht in der schnell wachsenden Finsternis zwischen den Felsen umherkraxeln. Ihr fester Griff gab ihm Sicherheit, suchte aber gleichzeitig auch Halt bei ihm.

Durch den Wald gingen sie, den Lichtern der Ortschaft entgegen. Wie schon am Vormittag verpasste er es, am Eingangsschild den Namen des Dorfes zu ergründen. Der war ohnehin nicht wichtig. Wichtig waren sie und er - und das Schweigen stummen Einverständnisses.

Im Erdgeschoss des Gehöfts brannte Licht. Als sie den Hausflur betraten, kam eine alte Frau heraus und begrüßte die beiden:

"Guten Abend. Ihr wart wohl schon auf dem Hinrichskopf? Das ist nämlich Katjas Lieblingsplatz und wo doch das Wetter so herrlich war... Wollt ihr mit zu Abend essen?" Katja schüttelte den Kopf und lächelte.

"Na schön, dann wünsche ich euch noch einen schönen Abend.", meinte die Frau und kehrte in ihre Küche zurück.

Sie stiegen ins Obergeschoss hinauf und begannen gemeinsam, das Abendessen zu bereiten - schweigend.

Es war, als seien sie ein seit Jahren eingespieltes Team. Mit traumwandlerischer Sicherheit fand er Geschirr, Besteck und Eier.

Sie kochte Tee und schälte Kartoffeln.

Während die brutzelten, verzog er sich ins Wohnzimmer und stöberte zwischen ihren Büchern, CDs und Schallplatten umher.

In der Ecke lehnte eine abgenutzte Gitarre. Die schnappte er sich und improvisierte eine kleine

Melodie, bis sie strahlend hereintrat und den Tisch deckte. Er ging und holte den Tiegel mit den Bratkartoffeln, sie brachte den Tee. Wie ein glückspendender Schutzmantel breitete sich das Schweigen über ihrem Abendmahl aus, erstreckte sich über den gemeinsamen Abwasch.

Als sie aus der Küche zurückkehrten, führte Katja ihn ins Schlafzimmer, zu einem gigantischen alten Doppelbett, das den Raum beherrschte. Die nahm die Patchwork-Tagesdecke herunter und schlug auffordernd das Deckbett auf einer Seite zurück. Er nickte und ging in den Vorsaal, um seine Tasche zu holen. Er entnahm ihr den Schlafanzug, ein Handtuch und seine Hygieneutensilien. Dann stellte er sie beiseite.

Katja hatte das Fenster im Wohnzimmer geöffnet und die Stereoanlage eingeschaltet. Leise aber hörbar erklang die Stimme Eric Claptons: "Alberta, Alberta. Where've you been last night?" Der Wind trug einen frischen Duft herein.

Er ging Duschen.

Nach einer Weile hörte er, wie sie die Fenster schloss. Im Schlafzimmer leuchteten Nachttischlampen zu beiden Seiten des Betts, als er das Bad verließ und seine Waschtasche verstaute. Inzwischen war sie im Bad verschwunden. Spannung ergriff von ihm Besitz. Was würde jetzt kommen? Irgendwie wollte ihm die Erinnerung an den vergangenen Tag zuflüstern, es sei alles nur ein Traum.

Und dann trat Katja herein, in ein langes flauschiges Baumwoll-Nachthemd gehüllt und es erschien ihm, als sei er nie zuvor einer begehrenswerteren Frau begegnet. Sie bedachte ihn mit einem ihrer Augenblitze und einem fast kindlich wirkenden Lächeln, als sie die zweite Bettdecke zurückschlug.

Anschließend umrundete sie die monumentale Liegestatt und schubste ihn leicht zur Seite, während sie sich zu ihm kuschelte.

Beinahe unbewusst begann er, sie zu streicheln, ihren Kopf, ihren Nacken, ließ seine Finger zwischen ihren Schulterblättern wandern. Sie hatte ihren Kopf auf seiner Brust platziert und blickte mit ihren offenen, bunten Augen zu ihm empor.

Er küsste sie...

Mit der allergrößten Selbstverständlichkeit rollte Katja zur Seite, nahm seine Hand und fuehrte sie an ihrem Körper entlang, dahin, wo sie berührt werden wollte. Er tat es ihr gleich...

Ein später Morgen lugte durch den Spalt zwischen den Gardinen. Katja regte sich in seinem Arm, begann, ihre Finger über seine Brust den Lenden zu wandern zu lassen. Er hob ein Lid und begegnete ihrem Lächeln. Ein gemeinsamer Höhepunkt lockte.

Das Frühstück war eher ein zeitiges Mittagessen. Sie buken sich Brötchen auf, der Cappuccino duftete und aus dem Hof drangen das Gackern der Hühner und ein gelegentliches Blöken von Schafen durch das geöffnete Fenster.

An diesem Tag eroberten sie den zweiten Gipfel, den Friedershübel. - Schweigend.

Als sie am Nachmittag zum Hof zurückkehrten, roch es nach frischem Kuchen. Katja öffnete die Küchentür im Erdgeschoss und bugsierte ihn hinein.

Auf dem Tisch fanden sich zwei Bleche duftenden Backwerks und die Mutter beförderte gerade ein drittes in die Röhre.

"Ihr kommt gerade rechtzeitig", begrüßte sie die Beiden. "Der Kaffee ist auch gleich soweit."

Als der Tisch gedeckt war, kam der Hausherr herein. Er zog sich um, wusch sich und nahm Platz. Auch hier herrschte diese wunderbare Normalität, als gehöre er schon immer dazu.

Erst nach dem Kaffeetrinken lehnte sich der Vater zurück und fragte ganz beiläufig:

"Wo kommst du her?"

Er erzählte, woher er kam und was er trieb. Das hatte nichts von den üblichen Verhören, sondern ließ ein wohlwollendes Interesse erkennen. Dennoch, eine Frage lauerte drohend, bereit zum Sprung. Mit plötzlicher Wucht brach sie hervor: "Wann musst du wieder weg?"

Sein verschreckter Blick wanderte zu Katja. Sie lächelte, als sei es das Normalste auf der Welt, dass er sie wieder verließ.

Sein Herz schien bersten zu wollen.

'Die Vertreibung aus dem Paradies', schoss es ihm durch den Kopf.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Lesebuch" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen