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Lese-Paket 1 für den Strand: Romane und Erzählungen zur Unterhaltung: 1000 Seiten Liebe, Schicksal, Humor, Spannung

Lese-Paket 1 für den Strand: Romane und Erzählungen zur Unterhaltung: 1000 Seiten Liebe, Schicksal, Humor, Spannung

Alfred Bekker et al.

Published by BEKKERpublishing, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Lese-Paket 1 für den Strand: Romane und Erzählungen zur Unterhaltung: 1000 Seiten Liebe, Schicksal, Humor, Spannung

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Liebeswirren am Nordseestrand

Alfred Bekker | DER FISCH

Die Verführerin

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Jetzt hab ich nur noch dich

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Ich will leben für mein Kind

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Der Kuhhandel | Alfred Bekker

Liebesgeflüster im Lampionschein

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Alfred Bekker | Falsche Töne

Das Medaillon der Kaiserin

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ALFRED BEKKER | Wer steuert?

Rendezvous in Niagara Falls

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Alfred Bekker | Der erste Fernseher

Tage der Angst

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ALFRED BEKKER | Der Notarzt

HEISSE KÜSSE IN DUNKLER NACHT

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Heiße Nächte in Vancouver

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ALFRED BEKKER | ZWEI PFERDELEBEN

ALFRED BEKKER | Ein unvermeidlicher Besuch

»Urlaub« auf Hohensteinburg

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Alfred Bekker | Karl ist kahl

Kunterbunt verliebt

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Further Reading: 10 hammerharte Strand-Krimis

Also By Alfred Bekker

Also By Sandy Palmer

Also By A. F. Morland

Also By Anna Martach

Also By G. S. Friebel

Also By Glenn Stirling

Also By Horst Weymar Hübner

About the Author

About the Publisher

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Lese-Paket 1 für den Strand: Romane und Erzählungen zur Unterhaltung: 1000 Seiten Liebe, Schicksal, Humor, Spannung

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Von Alfred Bekker, Anna Martach, Sandy Palmer, A.F.Morland, Horst Weymar Hübner, G.S.Friebel, Glenn Stirling

Dieses Buch enthält folgende Romane und Erzählungen:

Sandy Palmer: Liebeswirren am Nordseestrand

Alfred Bekker: Der Fisch

A.F.Morland: Die Verführerin

Glenn Stirling: Jetzt hab ich nur noch dich

Glenn Stirling: Ich will leben für mein Kind

Alfred Bekker: Der Kuhhandel

G.S.Friebel: Liebesgeflüster im Lampionschirm

Alfred Bekker: Falsche Töne

Sandy Palmer: Das Medaillon der Kaiserin

Alfred Bekker: Wer steuert?

Sandy Palmer: Rendezvous in Niagara Falls

Alfred Bekker: Der erste Fernseher

Horst Weymar Hübner: Tage der Angst

Alfred Bekker: Der Notarzt

A.F.Morland: Heiße Küsse in dunkler Nacht

Alfred Bekker: Das Dokument

Sandy Palmer: Heiße Nächte in Vancouver

Alfred Bekker: Zwei Pferdeleben

Anna Martach: Freundschaft bewahrt nicht vor Eifersucht

Alfred Bekker: Ein unvermeidlicher Besuch

Anna Martach: Urlaub auf Hohensteinburg

Alfred Bekker: Karl ist kahl

Anna Martach: Kunterbunt verliebt

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SIE KENNEN SICH SCHON ihr ganzes Leben lang und jeder weiß, dass sie irgendwann heiraten werden. Doch Anne kommen Zweifel, ob es wirklich so sein sollte, und sie bittet Rainer um eine Trennung, um sich ihrer Gefühle zu ihm sicher zu werden. Diese sind durch einen jungen Burschen aus der Stadt gehörig durcheinandergebracht worden. Rainer respektiert Annes Wunsch und wendet sich einem anderen Mädchen zu.

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Liebeswirren am Nordseestrand

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Amüsanter Roman um eine Reise mit Hindernissen

von Sandy Palmer

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EIN CASSIOPEIAPRESS E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

www.postmaster@alfredbekker.de

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FERIEN AN DER NORDSEE, in einer gemütlichen kleinen Pension, in der er ungestört lesen und faulenzen kann - darauf hat sich Dr. Julian Breuer seit Wochen gefreut. Doch dann erlebt er eine herbe Enttäuschung: Sein Zimmer ist bereits vergeben. Doch die schöne Angestellte Andrea an der Rezeption weiß Rat...

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GUTEN TAG UND HERZLICH willkommen. Sie haben reserviert?“ Das Lächeln der jungen Frau hinter dem kleinen Empfangstresen wirkte ein wenig gequält, und die Hand, mit der sei den Computer eingeschaltet hatte, zitterte leicht.

„Stimmt. Ich habe vorige Woche angerufen und ein Zimmer bestellt. Mein Name ist Julian Breuer.“

„Um Himmels willen!“ Große dunkle Augen, in denen ein paar Goldsprenkel aufblitzten, was Andreas höchst aufregend fand, sahen ihn voller Panik an. „Julian Breuer, sagten Sie?“, hakte die junge Frau nach.

„Ja.“ Mein Gott, war das Mädchen begriffsstutzig! Dabei war es bildhübsch. Allein diese Augen... Julian musste sich zwingen, nicht allzu intensiv hinein zu schauen und sich so ablenken zu lassen. Wichtig war jetzt nur, ein Zimmer zu bekommen.

Jetzt, zwischen Pfingsten und Fronleichnam, war kaum noch etwas frei hier oben an der Nordseeküste. Dabei hatte er die Erholung dringend nötig. Zwei Jahre hatte er an der Uni-Klinik geschuftet, er kannte den OP beinahe besser als sein Appartement. Und dann die Doktorarbeit...

„Ich weiß wirklich nicht... Es ist mir ja so peinlich, aber mir ist da, glaube ich, ein schrecklicher Irrtum passiert“, sagte das Mädchen.

Er bemerkte, dass die großen Sternenaugen sich verdunkelt hatten und war voller Sorge, dass die hübsche Kleine gleich weinen würde.

„Es tut mir furchtbar leid, aber ich habe Ihr Zimmer gestern schon einer Frau Breuer gegeben. Sie kam mit dem Frühzug und brauchte unbedingt eine Unterkunft.“

„Und sie hatte natürlich nicht reserviert, sondern belegt jetzt mein wunderbares Zimmer.“ Julian seufzte verhalten auf. „Dann geben sie mir eben irgendein anderes.“

„Tja... würde ich nur zu gern, aber wir sind total ausgebucht. Nur in der Strandmöwe gibt’s noch ein Appartement. Das könnten Sie haben - zum selben Preis wie das Zimmer hier natürlich.“

„Erstens will ich nicht in diesen Luxusschuppen“, erklärte Julian, „sonst hätte ich ihn mir gebucht, und zweitens... das können Sie doch gar nicht entscheiden, oder?“

„Doch, doch, das übersteigt meine Kompetenzen nicht. Sie schenkte ihm jetzt ein Lächeln, das einen Stein hätte erweichen können. „Bitte, nehmen Sie das Appartement, sonst bekomme ich wirklich Ärger. Einen kleinen Fehler entschuldigt mein... mein Chef. Aber wenn ein Gast verärgert wegfährt - das ist in seinen Augen unverzeihlich.“

Julian kämpfte mit sich. Urlaub brauchte er dringend. Ruhe auch. Und, vor allem, ein bequemes Bett. Also, warum nahm er nicht das Luxus-Appartement, das er sich normalerweise nicht hätte leisten können?

„Meinetwegen, dann geh ich halt in die Strandmöwe“, sagte er und freute sich, dass die dunklen Sternenaugen aufleuchteten.

Er sollte seinen Entschluss nicht bereuen, denn das Zimmer war wunderschön, hatte einen herrlichen Ausblick auf die See, und wenn er auf den Balkon hinaus trat, konnte er rechts sogar die Elbmündung erkennen.

Nur - Julian hatte kein Interesse an irgendwelchen Schiffen, die die Elbe rauf oder runter in Richtung Nordsee schipperten. Und den Ausblick wollte er ebenso wenig genießen wie den Whirlpool und die Sauna. Er wollte bequemen, altmodischen Entspannungsurlaub. Wenn er nur daran dachte, dass er außer dem blauen Blazer nur Freizeitkleidung mitgenommen hatte, und das in diesem Luxusschuppen...

Ach, er hätte sich selbst ohrfeigen können, dass er den dunklen Augen mit den Goldsprenkeln nicht hatte widerstehen können!

Wütend auf sich selbst und mit der Welt total im Unreinen ging er schließlich los zur ersten Wattwanderung. Dicke hohe Stiefel, Jeans, kariertes Hemd...

Der erste Gast, dem er auf dem Flur begegnete, war ein Herr mit grauen Schläfen, der eine viel zu junge Blondine im Arm hielt, an deren Ohrläppchen er albern herumknabberte.

„Auch das noch“, murmelte Julian vor sich hin und verzog das Gesicht. Solche Gäste waren in seinen Augen unmöglich! Aber das sah man ja gerade in solchen Luxusschuppen immer wieder: Reiche alte Männer stiegen hier mit ihren Freundinnen ab, um ungestörten Urlaub zu machen. Daheim wartete dann die Ehefrau, die ihren schwer arbeitenden Mann auf Geschäftsreise vermutete - wenn sie nicht durch jahrelange bittere Erfahrung eines Besseren belehrt worden war!

Julian kannte drei solche Fälle. Er hatte die Ehefrauen behandelt, zwei von ihnen hatten Selbstmordversuche unternommen, die dritte hatte sich abgesetzt, da hatten sie in der Klinik den völlig verstörten Gatten behandeln müssen, der vor Aufregung einen Herzinfarkt erlitten hatte, als er feststellen musste, dass seine altgediente Ehefrau samt großem Konto verschwunden war.

Julians Laune wurde erst besser, als er einen halben Kilometer Wattwanderung hinter sich hatte. In den Prielen pickten die Möwen nach Krebsen, und die Sonne, die den Zenit schon überschritten hatte, verwandelte die großen Pfützen im Meer in silberne Flächen.

Julian blieb an einem größeren Priel stehen, schloss die Augen und hielt das Gesicht der Sonne entgegen. So, genau so musste Urlaub sein! Er allein mit der Natur...

Plötzlich durchbrach eine wohl bekannte Stimme die Stille: „Schnucki! Na endlich! Ich wusste doch, dass dich dein erster Weg hierher führen würde!“

Es gibt keine Seeungeheuer, und ich hab auch keine Halluzinationen! Julian bemühte sich um Gelassenheit, doch seine Augen blitzten vor Zorn, als er sie langsam öffnete  und die junge blonde Frau ansah, die dicht vor ihm stand.

„Küsschen!“ Sabine Nöthen spitzte die Lippen.

„Bin ich ein dressierter Affe?“, kam es unfreundlich zurück. Und dann: „Sag mal, warum tust du das?“

„Was?“ Ihr Unschuldsblick, den sie sicher stundenlang vor dem Spiegel geübt hatte, ging ihm auf die Nerven. Nie wieder würde er darauf hereinfallen! Und auch nicht auf ihre naive Tour, die eine wohl einkalkulierte Masche war. Sabine wusste ganz genau, was sie wollte - und wie sie es bekam!

Sie war ein gerissenes Biest, das nur auf den eigenen Vorteil bedacht war. Er hatte es spät - aber zum Glück nicht zu spät erkannt. Und war hierher geflüchtet, in den kleinen Ort bei Cuxhaven, wo er als Kind häufig Urlaub mit den Eltern gemacht hatte. Aber Sabine hatte ihn aufgestöbert. Und das auch noch am ersten Tag!

„Ich bin so froh, dass dein Freund Thorsten mir geholfen hat, dich zu finden“, säuselte sie und hängte sich bei ihm ein. „Komm, Schnucki, sei wieder lieb. Es waren doch alles nur dumme Missverständnisse. Dieser Jo aus der Disko bedeutet mir doch im Grunde gar nichts. Aber er hatte ziemlich guten Stoff dabei, deshalb bin ich schwach geworden.“ Sie sah ihn mit dem nicht glaubhaften Unschuldsblick an, den er unerträglich fand. „Du weißt doch, im Grunde will ich das Zeug gar nicht nehmen.“

„Dann lass es sein. Oder kokse weiter, mir ist es egal. Ich werde jedenfalls nicht zusehen, wie du dich ruinierst.“

„Ich will ja aufhören!“ Sie zuckte mit den Schultern. „Du kannst mir ja dabei helfen. Ehrlich, Schnucki, ich werde mich beherrschen, ganz bestimmt. Und ich will auch...“

„Ich will, dass du wieder abreist“, erklärte Julian unfreundlich. „Am besten ziehst du dann gleich zu Thorsten. Ihr habt euch verdient!“

Mit langen Schritten stampfte er durch den weichen Schlick zurück zum Strand. Sabine, die nur dünne Wattschuhe trug und eine dreiviertellange weiße Hose - unpassender ging’s ja wohl nicht, war es ihm bei diesem Anblick durch den Sinn geschossen - konnte ihm kaum folgen.

Im ersten Impuls wollte er sich, als er auf der Höhe des Deichs angekommen war,  nach links wenden, wo das Hotel Zum kleinen Strandkorb lag. Aber dann fiel ihm ein, dass er ja in einer Nobelherberge logieren musste!

„Nun warte doch endlich mal!“ Sabine kam wieder bedrohlich näher. „Wir müssen reden!“

„Müssen wir nicht. Es ist alles gesagt, Sabine. Ich habe mich von dir getrennt, akzeptier das endlich! Es ist Schluss!“

„Nein! Nein! Ich will das nicht! Ich liebe dich doch, Schnucki! Der Jo ist mir egal, und der langweilige Thorsten erst recht!“

Wieder versuchte sie sich bei ihm einzuhängen, doch er wischte ihre Hand fort und ging schneller, so dass Sabine ihm nicht folgen konnte.

Und dann sah er sie: Sie schien ihm der rettende Engel in höchster Not zu sein!

Andrea Jannsen hatte einen Einkaufskorb in der Linken und zwei große Blumensträuße in der rechten Hand. Sie wollte zur Strandmöwe und dort die Rezeption für den Abend übernehmen. Da erkannte sie den sympathischen Typen aus Köln, dem sie das Zimmer vermietet hatte. Mit langen Schritten eilte er auf sie zu und...

Sekundenlang  blieb Andrea stocksteif stehen. Er hielt sie fest umarmt, schmiegte sein Gesicht in ihr Haar... Wenn sie doch nur eine Hand frei gehabt hätte!

„Helfen Sie mir“, flüsterte er ihr da zu. „Meine Ex-Freundin hat mich schon wieder aufgestöbert. Bitte!“

Er ließ sie ein wenig los, aber nur so viel, das sie ihm in die Augen sehen konnte.

„O.k., ich bin Ihnen ja noch was schuldig.“ Andrea begann die Sache höchst komisch zu finden. Was blieb ihr auch sonst übrig? Außerdem... es gab sicher Schlimmeres, als von so einem netten Mann im Arm gehalten zu werden. Jetzt nahm er ihr auch noch galant den schweren Einkaufskorb ab, legten den freien Arm um ihre Schultern und zog sie fest an sich.

Sabine schaute der Szene empört zu. Sie blieb wie angenagelt stehen und klopfte sich den Sand von den Füßen, während sie mit brennendem Blick auf das verliebt wirkende Paar sah.

„So ein Schuft!“, zischte sie. „Miststück, gemeines!“ Das kam schon lauter und unüberhörbar über ihre Lippen. Doch Julian interessierte das nicht. Er fand es auf einmal höchst angenehm, das hübsche Mädchen mit den Goldaugen im Arm zu halten.

Die Strandmöwe war viel zu schnell erreicht!

„Sie können mich jetzt wirklich wieder loslassen. Sie sind ja in Sicherheit.“ Andrea machte sich lachend von ihm los.

Julian grinste. „Schade. Es hat Spaß gemacht. Und außerdem... Sie haben mir wirklich sehr geholfen. Sabine ist eine Klette. Sie will einfach nicht begreifen, dass es aus ist.“

„Aha.“

„Ja, Sie können mir glauben“, versicherte er schnell.

„Tu ich ja - wenn’s Ihnen etwas bedeutet.“

„Ja.“ Toller Dialog, dachte er dabei und kam sich ziemlich dämlich vor - trotz des so mühsam erworbenen frischen Doktortitels.

Andrea kam ihm zu Hilfe. „Was halten Sie von einem Entspannungsdrink an der Bar?“

„Viel!“

Schnell, viel zu schnell geantwortet! Er hatte sich doch vorgenommen, die moderne Bar ganz unmöglich zu finden! Er war auf Seeräuber-Romantik eingestellt, nicht auf Chrom und blank polierte Sektkelche...

Aber es wurde natürlich dennoch ein sehr schöner Abend.

Und ihm folgten noch drei andere.

Niemand störte sich daran, dass er mit Vorliebe offene Hemden und Jeans trug. Und Julian... er bemühte sich, großzügig darüber hinwegzusehen, dass der Whirlpool von Champagnergläsern umrahmt war und die meisten Gäste es vorzogen, bis früh morgens um zehn zu schlafen, statt bei Sonnenaufgang am Watt entlang zu laufen.

Nichtsdestotrotz: Er grüßte höflich, wurde lächelnd wieder gegrüßt - und er freute sich auf die Abende, die er jetzt schon regelmäßig mit Andrea verbrachte.

Sie war bezaubernd. Ein Traummädchen. Das wurde ihm von Tag zu Tag deutlicher klar.

Als sie ihm am fünften Morgen vorschlug, mit dem Pferdefuhrwerk hinüber zur Hallig Neuwerk zu fahren, sagte er nur zu gern zu.

„Romantisch, so was.“ Er lächelte sie an und genoss ihre Nähe.

„Ja, für Touristen.“ Sie erwiderte sein Lächeln. „Aber für die Menschen, die hier leben und arbeiten müssen, ist es oft recht hart. Denk nur dran, dass das Wetter nicht immer so schön ist wie im Moment. Bei Sturm und Regen hat die Insel nicht allzu viel Reizvolles zu bieten.“

Einen Einblick auf das Leben gewann er beim Rundgang über Neuwerk. Er erfuhr, dass die Hallig zu der Stadt Hamburg und nicht zu Cuxhaven gehörte, etwas höchst Außergewöhnliches, das in der wechselvollen Geschichte der Insel begründet lag.

„Komm, jetzt klettern wir auf den Leuchtturm“, meinte Andrea, nachdem sie sich mit einem Kaffee im kleinen Inselcafé gestärkt hatten.

Vom Leuchtturm aus, der einen weiten Rundblick erlaubte, spazierten sie über den hohen Deich und setzten sich, als sie ausruhen wollten, in die Dünen und schauten aufs Meer, das heute ruhig und friedlich dalag. Es war nicht leicht, sich vorzustellen, dass es in Sturmnächten toben und die hohe Brandung die Deichanlagen gefährden konnten.

„Und jetzt musst du noch den Friedhof der Namenlosen sehen.“ Andrea zog ihn mit zu einem kleinen, versteckt liegenden Friedhof. Kaum ein Dutzend Kreuze stand hier, im Halbkreis angeordnet. Drei Teakholzbänke boten dem andächtigen Besucher Platz, und wie selbstverständlich ließen sich Andrea und Julian nieder.

„Wer mag hier beerdigt sein?“, fragte der junge Arzt nachdenklich.

„Seeleute. Bis auf einen sind sie unbekannt. Die Flut hat sie angespült, teilweise schon vor mehr als hundert Jahren. Es gibt viele Geschichten über die Hallig und ihre Seefahrer.“

Julian legte seine Hand auf die des Mädchens. „Du liebst die Landschaft hier, nicht wahr?“

„Über alles. Ich glaube nicht, dass ich irgendwo anderes existieren könnte.“ Kurz sah sie ihn an. „Und du? Wo fühlst du dich daheim?“

Er zuckte mit den Schultern. „Im Grunde genommen nirgendwo so richtig. Ich bin in Köln zur Uni gegangen. Geboren bin ich in Fulda. Dann zogen meine Eltern nach Hannover, weil mein Vater dort einen guten Job bekam. Später ging es ins Ruhrgebiet, genau gesagt nach Duisburg. Von dort aus bin ich zum Studieren nach Köln gegangen und für eine Jahre dann da hängen geblieben.“

„Und was machst du da?“ Zum ersten Mal sprachen sie über ihre Berufe, das war bisher kein Thema zwischen ihnen gewesen.

„Ich bin Arzt.“

„Nein!“ Fassungslos sah sie ihn an. Dann glitt ein Strahlen über ihr Gesicht. „Das wird Großvater gefallen“, meinte sie.

„Inwiefern? Mag er Ärzte?“

„Er ist Mediziner. Genau gesagt war er lange Kurarzt hier. Aber er praktiziert schon seit Jahren nicht mehr.“

„Und dein Vater? Was macht der?“ Forschend sah er ihr ins Gesicht. „Du erzählst nie von deinen Eltern.“ Er drehte sie so zu sich, dass sie ihm in die Augen sehen musste. „Andrea, du hast’s doch bestimmt gemerkt... Ich hab dich sehr gern. Und ich will alles von dir wissen, will dich unbedingt näher kennenlernen.“

„Du hast mich gern? Mich?“

Er lachte. „Was ist daran so sonderbar? Du bist bildhübsch, liebenswert, und du hast die schönsten Augen, in die ich je geschaut habe.“

„Sprich nur weiter. Das hört sich wie eingeübt an.“

„Ist es aber nicht.“ Er lachte glücklich, und dann sagte er einfach gar nichts mehr, sondern küsste sie lang und anhaltend.

Dieses Argument war wesentlich besser als tausend Worte.

Sie blieben noch eine halbe Stunde auf dem kleinen Friedhof, der wie eine Insel wirkte. Niemand verirrte sich von den anderen Touristen, die mit dem Pferdefuhrwerk hergekommen waren, an diesen Platz. Andrea und Julian konnten ihr junges Glück ungestört genießen. Immer wieder sahen sie sich in die Augen, bevor sie sich erneut küssten.

„Wir müssen zurück, ehe die Flut kommt!“ Andrea sah erschrocken auf die Uhr. „Los, beeil dich, sonst müssen wir hier noch übernachten.“

„Der Gedanke hat was...“ Er lachte und wollte sie wieder küssen, doch sie riss sich energisch los.

„Komm endlich! Die anderen warten bestimmt schon auf uns!“

Julian folgte ihr schnell. Er wusste auch, dass die aufkommende Flut gefährlich war. Das Wasser, das sich über weite Strecken zurückgezogen hatte, kam rasch zurück zum Ufer, und es war schon oft passiert, dass Wattwanderer von den Wassermassen überrascht worden waren und in Not gerieten.

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SIE WAREN TATSÄCHLICH die beiden letzten Passagiere, die auf die wartenden Pferdefuhrwerke aufsprangen. Kaum hatten sie in den offenen Kutschen Platz genommen, ging es auch schon los.

Als sie die Hälfte der Strecke hinter sich gelassen hatten, wurde Julian klar, warum Andrea so gedrängt hatte: Das Wasser stieg so rasch, dass man fast zusehen konnte, wie sich die Priele füllten, wie der Meeresboden mit Wasser bedeckt wurde - mit Wasser, das immer weiter, immer schneller anstieg und das unter den Pferdehufen aufspritzte.

Die drei Kutscher kannten den Weg zurück an Land genau, er wurde jedes Jahr wieder mit Pricken, fünf bis sieben Meter  hohen Birkenstämmchen und Zweigen, markiert, denn das Watt veränderte sich, und somit auch der Fahrweg für die Pferdfuhrwerke.

Es war ein herrlicher Ausflug gewesen, und Andrea, die ihren freien Tag hatte, fragte: „Was unternehmen wir am Abend?“

„Disko oder Strandbar? Ich füge mich ganz deinen Wünschen.“ Er hauchte ihr verliebt einen Luftkuss zu.

„Strandbar, wenn du mich fragst. Oder hast du vielleicht Lust, meinen Großvater kennenzulernen?“

Noch bevor Julian antworten konnte, kam ein junger Page vom Hotel Strandmöwe aufgeregt auf ihr Fuhrwerk zugelaufen, das gerade die Asphaltstraße erreicht hatte.

„Schnell, Andrea! Der Chef!“ Der Junge war außer Atem, und Panik stand in seinen Augen zu lesen.

„Um Himmels willen, was ist passiert?“ Mit einem Satz war Andrea vom Wagen gesprungen.

„Das Herz wieder... Du sollst dich beeilen, sagt der alte Doktor.“

Andrea nickte nur und lief los. Julian folgte ihr mit langen Schritten.

Aber Andrea ging nicht ins Hotel, sondern betrat den Seiteneingang, der zu einem kleinen, nur durch eine Glasveranda vom Hotel getrennten Bungalow führte.

Der Kranke lag auf einem hellen Leinensofa, blass, aber ansprechbar. Er versuchte Andrea beruhigend zuzulächelnd, doch das misslang kläglich. Die Angst, der Schmerz, sie waren stärker als alles andere.

„Es ist wieder ein Infarkt, er muss sofort in die Klinik. Ich kann hier überhaupt nichts mehr für ihn tun“, erklärte der alte Mann mit fast weißem Bart, der neben dem Sofa stand und ein Handy hoch hielt. „Der Notarztwagen ist schon unterwegs. Aber es gab einen Massenunfall auf der Strecke, er wird nicht so schnell hier sein können wie nötig.“ Fest presste er die Lippen zusammen, bis sie nur noch ein Strich waren. „Es ist wie damals“, flüsterte er.

Andreas Augen waren voller Tränen. „Nein. Nein, Großvater, es ist nicht so. Bei Mutter kam alle Hilfe zu spät, als sie von einem Auto erfasst und durch die Luft geschleudert wurde. Paps aber hat eine Chance.“ Ihre Stimme war kaum zu verstehen.

Julian trat vor. „Wenn Sie erlauben...“ Er untersuchte Andreas Vater kurz und bat dann: „In meinem Zimmer steht ein Notfallkoffer. Hol ihn, ja?“

Andrea nickte nur und lief sofort los.

Während Julian versuchte, dem Kranken gut zuzureden und ihm die Angst zu nehmen, sah ihn der alte Arzt nachdenklich an. „Sie wohnen bei uns?“, fragte er schließlich.

„Ja. In der Strandmöwe.“

„Gut. Ich hab kaum noch die richtigen Medikamente. Bin schon seit fast fünf Jahren im Ruhestand.“

Andrea kehrte atemlos zurück, reichte Julian den Koffer, den er mit ruhigen Bewegungen öffnete. Er überlegte nicht lange und injizierte ein Medikament, mit dem sie in der Klinik die besten Erfolge erzielt hatten.

Dann wartete er angespannt, ob sich die Züge des Patienten ein wenig entkrampfen würden. Und wirklich, das Mittel schlug schnell an!

Als der Notarzt endlich zusammen mit zwei Sanitätern eintraf, war Andreas Vater über den Berg. Und auf der Intensivstation des Cuxhavener Krankenhauses würde er optimal weiter betreut werden.

„Wir fahren auch hin, ja?“ Bittend sah Andrea den jungen Arzt an.

„Sicher.“ Julian nickte und sah dem Kollegen nach, der sich gerade von Andreas Großvater verabschiedete und dann hastig der Trage mit dem Kranken folgte. „Und dann erzählst du mir, wer du wirklich bist, ja?“

Die Sorge um ihren seit Jahren schwer herzkranken Vater war aus Andreas Gesicht gewichen. Ihre Augen waren wieder so klar wie zuvor, als sie antwortete: „Ich bin Andrea. Das Mädchen, das dich liebt, Julian.“

Er zog sie fest in die Arme. „Und ich liebe dich, kleine Meerhexe. Nur... was tust du hier? Was ist mit den Hotels?“

Ein kleines Lächeln glitt über Andreas Gesicht. „Die Hotels gehören bald mir - wenn ich einen Mann heirate, der  hier einmal Kurarzt werden will. Wir sind schließlich ein Kurort, die Patienten brauchen optimale Betreuung. Und meiner Familie gehören die beiden größten Hotels am Ort - und zwei kleine dazu. Schlimm?“

„Furchtbar schlimm!“ Julian lachte. „Vor allem, weil ich noch nicht weiß, ob ich nicht doch lieber Chirurg bleiben möchte.“

„Kannst du doch, Junge“, mischte sich der alte Arzt ein. „Heirate die Deern nur erst mal, damit sie nicht mehr fürchten muss, nur um des Geldes geliebt zu werden. Alles andere findet sich dann schon.“

„Kluger Großvater!“ Andrea umarmte den alten Herrn.

„Da nich für“, schmunzelte der. „Küss lieber deinen Doktor. Und dann fahrt los zur Klinik. Dein Vater wartet sicher auf euch. Für das andere habt ihr noch Zeit - ein ganzes Leben lang...“

ENDE

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Alfred Bekker

DER FISCH

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DIE BEIDEN KLEINEN Angler waren Brüder und saßen schon eine geraume Weile am Seeufer und hielten ihre selbstgebauten Angeln erwartungsvoll in den Händen.

Es waren einfache Holzruten mit Nylon-Schnüren, die eigentlich auf die Rolle mit dem Drachenband gehörten.

Aber der Drachen war ihnen abgestürzt, als ihn das letzte mal hatten steigen lassen und Papa war noch nicht dazu gekommen ihn zu repariern. Außerdem wäre im Augenblick ohnehin kein Wind gewesen und so hatten sie die Drachenschnur auf diese Weise einer sinnvollen Verwendung zugeführt.

Die beiden Kleinen saßen da, schauten auf das Wasser hinaus, beobachteten die Segler und die Windsurfer, die aus der Entfernung mit ihren bunten Segeln fast wie Schmettterlinge wirkten - und warteten.

Die Windsurfer waren an anderen Tagen rasend schnell, aber heute krochen sie nur über den See.

Und auch sie Segelboote bewegten sich kaum. Alles schien an diesem Tag mewhr oder weniger stillzustehen. Die beiden Kleinen warteten, doch nichts geschah.

Sie warteten auf einen Fisch, aber dummerweise wollte einfach kein Fisch an den kleinen Metallha-ken anbeißen, sie aus Papas Schrabenkasten heraus-gesucht und an das Ende der Nylonschnüre gebunden hatte.

"Ich glaube, das wird heute nichts mehr!" meinte Thomas, der Jüngere von beiden. "Würdest du denn an so einem Haken anbeißen, wenn du ein Fisch wärst?"

wandte er sich dann an Michael, der schon acht Jahre war und deshalb glaubte, sehr viel schlauer zu sein als Thomas.

Manchmal war er es allerdings auch.

"Vielleicht sind keine Fische da!" murmelte Michael. "Kann doch sein!"

"Das glaube ich nicht", erwiderte Thomas und deutete mit einer Hand in die Ferne. "Siehst du den Mann mit der grünen Hose dort hinten?"

"Sehe ich."

"Der angelt auch. Seit wir hier sitzen, hat er schon drei Fische aus dem Wasser geholt! Ich habe darauf geachtet!"

Nach einer kurzen Pause meinte Michael dann: "Vielleicht liegt es daran, daß wir keinen Köder haben! Ich habe einfach nicht daran gedacht!"

"Was nehmen wir als Köder!"

"Einen Wurm, eine Made - irgend soetwas!"

Sie legten die Angeln zur Seite und suchten nach kleinen Tieren, die man als Köder benutzen konnte.

Sie fanden einen Regenwurm, den sie brüderlich untereinander teilten. Jeder befestigte eine Hälfte an seinem Angelhaken.

Und dann hieß es erneut ersteinmal warten.

Aber nicht lange. Das Wunder, mit dem schon keiner der beiden mehr gerechnet hatte geschah.

Thomas hatte einen Fisch an der Angel, der versucht hatte, sich den Wurm zu holen.

"Was soll ich machen?" rief Thomas.

"Zieh ihn an Land! ihm! Heute abend kann Mama ihn in braten!" Als der Fisch an Land war, zappelte er.

Michael hielt ihn mit einem beherzten Griff fest und entferte den Haken.

"Sollen wir ihn gleich totmachen?" fragte Thomas mit einem Unterton, der verriet, daß er sich nicht ganz wohl bei der Sache fühlte.

Entweder Michael war wieder einmal besonders schlau und wußte bescheid, oder er fühlte dasselbe Unbehagen, daß auch seinem jüngeren Gefährten zu schaffen machte.

Jedenfalls sagte er: "Nein! Mach den Eimer voll Wasser. Wenn wir ihn leben lassen, hält er sich besser. Schließlich wissen wir ja nicht, ob die Mama ihn heute oder vielleicht erst übermorgen braten will!"

Als der Fisch dann im Eimer lag, sahen die beiden Jungen auf ihn herab und der Fisch blickte mit seinen glasigen Augen zurück.

Thomas mußte schlucken und Michael wich dem Fischblick zur Seite aus.

"Irgendwie sehen seine Augen traurig aus", meinte Thomas. "Findest du nicht auch?"

Michael schwieg.

Aber genau dasselbe hatte er auch gedacht.

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SIE FINGEN KEINEN WEITEREN Fisch und sie waren auch nicht mehr so ganz bei der Sache. Immer wieder schauten sie zu dem Fisch im Eimer hin, der unruhig hin und her schwamm und mit seinem Maul schnappte, so als wollte er stumm gegen sein Schicksal protestieren.

"Was meinst du?" fragte Thomas. "Geht es ihm gut?"

"Er hat genug Wasser."

"Gut, daß er nicht weiß, daß er gegessen werden soll!"

Sie gingen schließlich nach Hause und Mama meinte, daß der Fisch eßbar sei. "Ich habe noch nichts für das Abendbrot vorbereitet. Wenn Ihr Hunger auf Fisch habt, dann mache ihn nachher fertig..."

Die beiden Angler brummten nur etwas Unbestimmtes vor sich hin und und warfen dann einen mitleidigen Blick in den Eimer. Sie schienen von der Idee eines Fischessens auf einmal nicht mehr sonderlich begei-stert, obwohl sie doch genau deswegen an den See gegangen waren.

Der Fisch bewegte sich kaum noch.

"Es sieht so aus, als würde er sich nicht wohlfühlen", meinte Thomas. "Mir scheint, er schnappt nach Luft..."

Michael machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Er ist doch im Wasser, wie soll er da Luft holen?" Michael seufzte. "Außerdem..."

"Was, außerdem?"

"Na, er stirbt doch sowieso, wenn er in die Bratpfanne kommt!"

"Ich glaube nicht, daß ich heute abend Hunger auf Fisch habe", murmelte Thomas.

Und Michael schien es ähnlich zu ergehen.

"Ich auch nicht."

*

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DIE STUNDEN VERGINGEN, aber die beiden erfolgreichen Angler saßen nur lustlos herum und wirkten irgendwie recht niedergeschlagen, wo sie sich doch eigentlich hätten freuen können.

Schließlich hatten sie ja einen Fisch gefangen!

Endlich stand Thomas auf und sagte: "Wir bringen ihn zurück!"

Michael hob die Augenbrauen.

"Den Fisch?"

"Ja, wir lassen ihn wieder frei."

Sie sahen sich kurz an und nickten dann beide.

Sie waren sich einig.

Es war das Beste.

Sie nahmen den Eimer und Mama runzelte die Stirn, als sie damit loszogen.

"Aber ihr habt euch doch soviel Mühe gegegeben, den Fisch erst einmal zu fangen!" gab sie zu bedenken.

"Wir würden ihn ohnehin nicht essen." meinte Michael. "Da können wir ihn auch wieder freilassen, meinst du nicht?"

Mama lächelte.

"Wenn ihr meint..."

*

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ES DAUERTE NICHT LANGE und sie waren wieder am Seeufer, fast genau an derselben Stelle, an der sie zuvor gesessen und auf einen Fisch gewartet hatten.

Bevor sie ihn dann wieder ins Wasser warfen, sahen sie sich ersteinmal eingehend um.

Wenn man angelte und keinen Fisch fing, dann war das ärgerlich. Wenn man aber einen Fisch gefangen hatte und diesen dann wieder ins Wasser warf, weil man es nicht übers Herz bringen konnte, ihn zu essen, dann war das etwas, was niemand zu sehen brauchte.

Als die Luft rein war, packte Michael den Fisch und warf ihn ins Wasser.

Einen Augenblick lang sahen sie ihn noch, dann war er fortgeschwommen.

Die Brüder atmeten fast hörbar auf.

"Der ist jetzt sicher froh, daß wir ihn nicht gebraten haben!" meinte Thomas.

Michael nickte.

"Und ich bin auch froh", flüsterte er. "Wollen wir hoffen, daß er keinem anderen Angler an den Haken geht!"

Thomas lächelte.

"Er hat aus dieser Sache bestimmt etwas gelernt, meinst du nicht auch?"

*

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ZUM ABENDBROT MACHTE die Mutter Fischstäbchen, die sie aus der Tiefkühltruhe geholt hatte.

Thomas und Michael schmeckte es ganz hervor-ragend.

Das, was sie jetzt vor sich auf dem Teller hatten, war zwar ebenfalls unzweifelhaft Fisch aber keiner, dem sie in die Augen geschaut hatten, bevor er in die Pfanne gelegt wurde.

––––––––

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.DER FISCH

erschien zuvor in:

(in: Bella 19/92)

(in: Reutlinger Anzeiger ? April 92)

(in: Paulinus-Kalender 1993 - Okt.92)

(als DER FISCH GLOTZTE SO TRAURIG IN:Kasseler Sonntagsblatt 40/92)

(in: Meyers Modeblatt 44/92)

(in: Heinrichsblatt 47/92)

(in: Fischer & Teichwirt 12/92)

(als TRAURIGER BLICK EINES FISCHES in: Nordsee-Ztg.16.Jan.1993)

(als SORGE UM DEN KLEINEN FISCH AN DER ANGEL in:Dt.Tagespost Sa20.März93)

(in: Erdkreis 6/93)

(in: Unsere Kirche 34/93)

(in: Landkalender 1994)

(in Sonntagsgruß/Beilage zu Nr.10/12.Sep.1993)

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Die Verführerin

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von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 106 Taschenbuchseiten.

Die hübsche Sekretärin Tilla Deltgen kann sich nicht entscheiden. Sie trifft sich abwechselnd mit zwei Männern und geht mit ihnen aus. Welcher der beiden wird Tilla zum Altar führen dürfen? Die Frau weiß nicht, dass das Schicksal ihr die Wahl auf grausame Weise abnehmen wird ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover by pixabay, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Tilla Deltgen - Sie ist mit zwei Männern befreundet und weiß nicht, für welchen sie sich entscheiden soll. Da kommt ihr das Schicksal zu Hilfe.

Elmar Spira - Der junge Aushilfslehrer ist bis über beide Ohren verliebt. Er tut alles für die Frau.

Volker Ahlert - Auch er liebt Tilla, doch er wird bei einem Überfall schwer verletzt. Sein Leben hängt an einem seidenen Faden.

Alfons Eppler - Wird er die Wiesen-Klinik als glücklicher Mann verlassen?

Sowie Chefarzt Dr. Richard Berends, seine Frau Charlotte und das Team der Wiesen-Klinik.

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Der Film hieß „Lippenbekenntnisse“, und das hätte Tilla Deltgen eigentlich zu denken geben müssen. Es war ein moderner, sehr freizügiger Streifen, und Tilla ärgerte sich darüber, dass die Regisseurin die Wirklichkeit so sehr verzerrt hatte.

Nach Aussage des Films war es nicht nur nicht unmoralisch, wenn jeder mit jedem schlief, sondern es musste sogar so sein, sonst galt man als verklemmt.

Natürlich war jede Frau in diesem Streifen willig und zierte sich nicht lange. Wenn eine vage Bedenken anmeldete und fragte, ob ihr Tun richtig wäre, machte sich der Hauptdarsteller, ein attraktiver Schönling, mit seichten Witzen darüber lustig.

Tilla hätte ihn am liebsten geohrfeigt. Soeben nahm er wieder ein Mädchen in die Arme und legte sie mit einem triumphierenden Erobererlächeln aufs Bett.

„Hans“, flüsterte das Mädchen leidenschaftlich und glücklich. Natürlich hatte sie, laut Drehbuch, auch glücklich zu sein, obwohl sie wusste, dass er mit ihren beiden besten Freundinnen ein festes Verhältnis hatte. „Oh, Hans...“

Und er streichelte sie mit seinen erfahrenen Händen, liebkoste sie mit den männlichen Lippen und fing an sie zu entkleiden. Langsam öffnete er die Knöpfe ihrer weißen Bluse, und dann glitten seine gepflegten Hände hinein, berührten die nackte Haut, und die Frau verging vor Verzücken.

„Oh, Hans ...“

Das verleitete Elmar Spira dazu, bei Tilla einen ähnlichen Annäherungsversuch zu unternehmen. Auf der Leinwand wurde ihm vorgezeigt, wie einfach das war.

Wenn Elmar dem Film glauben durfte, wartete Tilla sogar darauf und wäre ihm böse gewesen, wenn er es nicht versucht hätte.

Tilla spürte seine warme Hand auf ihrem Knie. Sie zuckte wie elektrisiert zusammen. Elmar hatte sich noch nie vergessen, deshalb ging sie gern mit ihm aus.

Sie hatte ihm von allem Anfang an klar gemacht, dass er warten müsse, und er hatte sich mit ihren Bedingungen einverstanden erklärt und sich bis heute Abend auch daran gehalten.

Die junge Frau war ärgerlich, dass er sich nun vom Film inspirieren ließ. Es empörte sie, dass Elmar meinte, sie wäre so leicht zu haben wie die Mädchen in den „Lippenbekenntnissen“.

Elmar konnte anscheinend Film und Realität nicht mehr auseinanderhalten. Sein Atem ging schnell. Der Streifen stimulierte, erregte ihn.

Tilla war über seinen Annäherungsversuch zunächst so verblüfft, dass sie nicht sofort reagierte. Elmar legte das als Einverständnis aus.

Er rückte näher, und der Druck seiner Hand wurde fester, fordernder.

Auf der Leinwand keuchte das Mädchen heftig, und ihr Liebhaber flüsterte: „Ich liebe dich.“

„Ich liebe dich“, sagte auch Elmar.

Wie einfallslos, dachte Tilla. Er braucht sogar einen Souffleur. Und jemand muss ihm vorzeigen, was er tun soll.

„Gefällt dir das?“, fragte der Filmliebhaber.

„Jaaa“, hauchte die Frau voller Wonne. Das Ja kam mit vielen „aaa“ aus ihrem halb offenen Mund, und sie ließ ihre Zungenspitze über die kirschroten Lippen gleiten.

Elmar stellte nicht die gleiche Frage.

Und Tilla forderte ihn leise, aber bestimmt auf, die Hand wegzunehmen. Elmar dachte, sie würde das nicht wirklich wollen. In Filmen und Büchern sagen die Frauen immer zuerst nein, und dabei meinen sie ja.

„Oh, Hans, mein lieber, lieber Hans, deine Hände sind so wunderbar“, sagte die Schauspielerin im Film gerade.

Elmars Hand blieb nicht auf Tillas Knie liegen, sondern wanderte, zitternd vor Aufregung, hoch. Sie nahm den Saum von Tillas Kleid mit, schob ihn hoch.

„Lass das!“, befahl Tilla wütend.

„Tilla ...“

„Nimm sofort deine Hand weg, Elmar“, verlangte sie.

Auf der Leinwand war die Frau bereits nackt. Ihr Liebhaber verlor keine Zeit, und Elmar fühlte sich bemüßigt, ebenfalls weiterzumachen. Er glaubte, nur einen dünnen Alibiwiderstand brechen zu müssen, danach würde für Tilla und ihn alles himmlisch sein. Anständige Frauen haben sich ein wenig zu zieren, um den Schein zu wahren.

Wie sie wirklich dachten und fühlten, zeigte dieser aus dem Leben gegriffene Film. Man brauchte nur ein bisschen hartnäckig zu sein, und schon hing der Himmel voller Geigen.

Ach ja, im Film spielten sie schon  die Geigen.

„Zum letzten mal, Elmar! Nimm dich zusammen!“, sagte Tilla drohend.

Er begriff nicht, wie ernst es ihr damit war. Der Film verwirrte ihn. Immer noch versuchte er seine Finger zwischen Tillas weiche, warme Schenkel zu schieben.

Sie presste die Knie wütend zusammen. Habe ich das nötig?, fragte sie sich. Muss ich mir diese stumpfsinnigen „Lippenbekenntnisse“ bis zum Schluss ansehen und riskieren, dass mir Elmar in seiner Verrücktheit Gewalt antut?

Sie gab ihm eine Ohrfeige, die stärker ausfiel, als sie es eigentlich beabsichtigt hatte. Im ganzen Kinosaal war sie zu hören, und die Zuschauer drehten sich um.

Tilla war das egal. Sie sprang auf, tänzelte seitwärts gehend durch die Reihe und eilte zum Ausgang.

Zornig stieß sie die gepolsterte Tür auf, lief einen schwach beleuchteten Gang entlang und ein paar Stufen hoch. Wieder musste sie eine Tür öffnen.

Diesmal war sie aus Glas, und dann wehte ihr eine kühle Abendbrise ins erhitzte Gesicht. Sie sah die ausgestellten Kinobilder und las, was auf dem Filmplakat stand.

Wo andere Filme aufhören, fängt ,Lippenbekenntnisse' an!

Erotisch! Frech! Beeindruckend! Dieser Film geht unter die Haut! Er regt zum Nachahmen an! Deshalb sollten Sie ihn sich auf keinen Fall allein ansehen!

Gott, warum hatte sie das alles nicht vorher gelesen? Dann wäre ihr einiges an Ärger erspart geblieben.

Wahrscheinlich tat es Elmar jetzt schon leid, dass er sich nicht hatte beherrschen können. Er würde das Kino ebenfalls verlassen und ihr nachlaufen wollen.

Welche Richtung sie einschlagen musste, um nach Hause zu kommen, wusste er. Da Tilla sich von ihm aber nicht einholen lassen wollte, ging sie in die andere Richtung.

Kurz bevor sie um die Ecke bog, sah sie sich um und erblickte Elmar. Er wirkte schuldbewusst und eilte die Straße hinunter. Tilla versuchte vorherzusehen, was Elmar weiter tun würde. .

Er würde versuchen, mit ihr zu reden, ihr alles zu erklären, doch sie wollte nichts hören. Wenn er sie zu Hause nicht antraf, würde er vor dem Haus, in dem sie wohnte, warten.

Die junge Frau suchte ein Lokal auf, das man auch allein betreten konnte, ohne dass gleich angenommen wurde, man wäre darauf aus, eine Bekanntschaft zu machen.

Sie trank Tee mit Zitrone, blätterte mehrere Illustrierte durch, und als zwei Stunden um waren, machte sie sich auf den Heimweg. Wenn sie Glück hatte, stand Elmar nun nicht mehr vor ihrem Haus.

Vorsichtig lugte sie um die Ecke und atmete erleichtert auf, als sie feststellte, dass die Luft rein war. Rasch überquerte sie die Straße, schloss das Haustor auf und trat ein.

In ihrer kleinen Wohnung legte sie die Handtasche auf die Garderobenablage und schlüpfte aus den hochhackigen Schuhen, die sie erst vor zwei Wochen gekauft hatte.

Ihre Füße schmerzten. Sie hatten sich an die neuen Schuhe noch nicht gewöhnt und empfanden es als Wohltat, in die bequemen Hausschuhe schlüpfen zu dürfen.

Tilla Deltgen betrachtete sich im Garderobenspiegel. Sie hatte ein sehr apartes Gesicht, das von lockigem Goldhaar umrahmt war, und wunderschöne blaue Augen, und jemand hatte einmal zu ihr gesagt, sie sehe aus wie ein Engel.

Nun, dieser Engel war ein recht lebenslustiges Persönchen, knapp zwanzig und fast immer guter Laune. Tilla hatte viele Freunde und gute Bekannte in Bergesfelden, und alle hatten sie gern.

Zu gern, in Elmar Spiras Fall.

Das Telefon läutete. Tilla zuckte zusammen. Sie begab sich ins Wohnzimmer und blickte unschlüssig auf den sandfarbenen Tastenapparat. Sollte sie abheben?

Das war bestimmt Elmar, und sie hatte kein Verlangen danach, sich von ihm das Ohr volljammern zu lassen, aber Elmar Spira war sehr hartnäckig.

Er würde die ganze Nacht anrufen. Wenn sie Wert auf einen ungestörten Schlaf legte, musste sie sich jetzt melden, oder ein großes Daunenkissen auf das Telefon legen.

Tilla entschloss sich, dem Mann die Möglichkeit zu bieten, sich zu entschuldigen, damit auch er ruhig schlafen konnte. Rasch ergriff sie den Hörer und meldete sich mit einem kühlen, unpersönlichen „Hallo!“

„Tilla, ich bin es“, kam Elmars zerknirschte Stimme durch die Leitung. „Bitte leg’ nicht auf.“

„Hast du inzwischen eine kalte Dusche genommen?“

„Die kalte Dusche war deine Ohrfeige“, gestand Elmar. „Was vorgefallen ist, tut mir schrecklich leid, Tilla. Du hattest vollkommen recht, mich zu ohrfeigen. Ich hab’s verdient. Der Schlag ins Gesicht hat mir den Kopf wieder zurechtgerückt. Ich weiß nicht, was in mich fuhr... Dieser Film ... Was ich sah, ging mir irgendwie unter die Haut... Es erregte mich ... Kannst du das verstehen? Ich dachte, du würdest genauso empfinden. Ich dachte ... Ach, ich dachte eigentlich überhaupt nichts. Mein Blut geriet in Wallung. Ich verlor den Kopf. Ich war wirklich nicht bei Sinnen, Tilla. Die zeigen einem auf der Leinwand soviel vor ... Und da sitzt eine Frau neben einem, die man gern hat, die man schon seit langem begehrt. Ich hielt das plötzlich nicht mehr aus, still neben dir zu sitzen. Ich wollte... Ich nahm an, du wolltest es auch ... Bitte verzeih mir meinen Irrtum.“

Tilla war kein nachtragender Mensch. Ihr Zorn war inzwischen verraucht, deshalb sagte sie: „Also gut, ich nehme deine Entschuldigung an, Elmar.“

„Wirklich?“ Es klang wie ein Freudenschrei. „Du... du bist mir nicht mehr böse?“

„Wir wollen die Angelegenheit vergessen“, sagte die junge Frau versöhnlich.

Elmar lachte. „Ich ... ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Aber einen solchen Film sehe ich mir mit dir nicht mehr an“, bemerkte Tilla. „Das belastet zu sehr unsere Freundschaft.“

„Du bist mir nicht mehr böse!“, rief Elmar. „Du weißt nicht, wie glücklich du mich damit machst.“

„Gute Nacht, Elmar“, sagte Tilla. „Warte!“, rief er hastig. „Nur noch einen Augenblick. Ich muss dir noch etwas sehr Wichtiges sagen. Ich habe im Kino gesagt, dass ich dich liebe, und das stimmt. Ich möchte dich nicht erschrecken, Tilla, aber... ich bin verrückt nach dir. Ich kann es nicht anders ausdrücken. Ich brauche dich. Ich kann ohne dich nicht leben. Ich werde warten, wie ich es versprochen habe. Ich werde dich nicht drängen. Mir genügt deine Freundschaft. Es ist für mich ein unbeschreibliches Glücksgefühl, wenn ich mit dir zusammen sein darf. Du bekommst von mir die Zeit, die du brauchst, um für die Liebe bereit zu sein. Es macht mir nichts aus, zu warten. So etwas wie heute Abend wird ganz bestimmt nicht noch mal passieren. Das war es, was ich dir sagen wollte. Und nun ... Schlafe gut. Ich werde von dir träumen. Ich träume fast jede Nacht von dir, und wenn ich erwache, bin ich immer sehr glücklich. Ich bin nur ein kleiner Aushilfslehrer. Mit meinem Gehalt kann man keine großen Sprünge machen, aber glaube nicht, dass ich dir nichts bieten kann. Ich habe eine Erbschaft in Aussicht.“

„Ich bin an Geld nicht interessiert, Elmar“, sagte Tilla Deltgen. „Ich finde, darauf lässt sich keine dauerhafte Beziehung aufbauen.“

„Ich würde dich gern mit Geschenken überhäufen“, sagte der junge Mann. „Eines Tages werde ich dazu in der Lage sein. Gute Nacht, Tilla.“

„Gute Nacht“, erwiderte die blonde Frau und legte auf.

Warum hatte er die Erbschaft erwähnt? Damit sie sich mehr zu ihm hingezogen fühlte? Auf manche Frau mochte Geld anziehend wirken. Tilla gehörte nicht dazu.

Für sie gab es andere Werte im Leben.

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Tilla Deltgen schob den halb vollen Einkaufswagen durch den Supermarkt. Sie erreichte die „Grüne Ecke“, den „Bio Corner“, der hier erst kürzlich eingerichtet worden war.

Über den grünen Regalen drehte sich ein grünes Blinklicht, damit jedermann auf das reich sortierte Reformkost Warenangebot aufmerksam wurde.

„Die haben schon wieder umgestellt“, meckerte eine grauhaarige Frau. „Hier waren doch früher die Spirituosen.“

„Die befinden sich jetzt im nächsten Gang“, erklärte Tilla, die an den Schnäpsen und Likören soeben vorbeigekommen war.

„Das machen die absichtlich. Von Zeit zu Zeit räumen sie die Regale um, damit man suchen muss, was man haben will. Man kann kein Regal unbeachtet lassen und entdeckt dabei Waren, die man eigentlich nicht braucht, aber mal probieren möchte, und ehe man sich’s versieht, ist der Einkaufswagen voll, obwohl man nur das Nötigste kaufen wollte. Die ziehen einem das Geld sehr raffiniert aus der Tasche, aber bei mir werden sie damit heute kein Glück haben. Ich kaufe nur, was auf meinem Einkaufszettel steht, und sonst nichts. Übrigens ... Wussten Sie, dass man nie mit leerem Magen einkaufen gehen soll? Da legt man automatisch mehr in den Wagen, als man vorhatte. Seit ich das weiß, esse ich vor dem Weggehen immer ein Brötchen. Sie sollten das auch tun. Damit können Sie viel Geld sparen.“

„Vielen Dank für den Tipp“, sagte Tilla. „Das werde ich mir merken.“

„Und ... Finger weg von diesem Bio-Zeug. Sie ahnen nicht, was diesbezüglich für Schindluder getrieben wird. Ich könnte Ihnen haarsträubende Dinge erzählen. Mein Mann war Chemiker und musste laufend diese Bio-Waren untersuchen. Gift! Das reinste Gift war das manchmal. Das kommt davon, weil die einen so leichtgläubig und die andern so habgierig sind.“ Die grauhaarige Frau seufzte. „Was soll’s? Wir werden die Welt nicht ändern.“

Sie ging zu den Spirituosen, und Tilla holte eine Flasche vom Regal, in der sich Rote-Bete-Saft befand.

„Na, Frau Deltgen“, sagte plötzlich jemand hinter ihr. „Sind Sie mit unserem Warenangebot zufrieden?“

Sie wusste, wer das war, drehte sich lächelnd um und sagte: „Guten Tag, Volker.“

Volker Ahlert war Leiter des Supermarkts, ein junger, blonder, dynamischer Mann, zuverlässig und seriös. Er sah großartig aus, und Tilla mochte ihn sehr.

Fast noch mehr als Elmar Spira. Genau genommen fühlte sie sich zwischen Volker und Elmar hin und her gerissen. Deshalb ging sie mal mit dem einen, mal mit dem andern aus. Sie konnte sich für keinen entscheiden. Jeder hatte seine Vorzüge. Wenn es möglich gewesen wäre, die beiden zu einem Mann zusammenzuschmelzen, hätte das für Tilla den Ideal-Verehrer gegeben.

Volker und Elmar wussten nichts voneinander. Tilla hatte es bisher geschickt verstanden, die beiden voneinander fernzuhalten, sonst hätte es wahrscheinlich Schwierigkeiten gegeben.

„Guten Tag, Tilla“, sagte Volker mit seiner weichen Samtstimme. Er trug einen weißen Arbeitskittel, sah aus wie ein Arzt. „Du siehst großartig aus.“

„Vielen Dank“, gab Tilla lächelnd zurück. „Du auch.“

„Du kaufst neuerdings doch nicht etwa bei der Konkurrenz ein?“

„Wie kommst du darauf?“, fragte Tilla.

„Ich habe dich vor einer Woche zum letzten mal hier gesehen.“

„Ich war jeden zweiten Tag hier“, entgegnete Tilla. „Einmal hattest du mit einem Vertreter zu tun, da wollte ich nicht stören, und vorgestern war hier alles wegen eines Ladendiebs in heller Aufregung.“

Volkers Augenbrauen zogen sich zusammen. „Es stellte sich heraus, dass der Mann uns schon seit drei Jahren regelmäßig bestohlen hat. Aber er hätte das nicht tun müssen. Das Stehlen machte ihm einfach Spaß. Er liebte den Nervenkitzel. Verrückte Leute gibt es auf dieser Welt, sage ich dir.“

„Du musst das schließlich wissen“, sagte Tilla schmunzelnd. „Ein Mann, der so alt ist, dass er Methusalems Vater sein könnte.“

„Hast du für heute Abend schon etwas vor?“, erkundigte sich Volker.

„Nein“, antwortete Tilla.

„Großartig. Wie wär’s, wenn wir beide zusammen essen gingen?“, fragte der junge Mann.

„Keine schlechte Idee“, sagte Tilla Deltgen.

„Der Koch unseres Self-Service-Restaurants hat vor einem Monat gekündigt und sich selbständig gemacht. Er hat vergangenen Freitag eine kleine Pizzeria eröffnet, in der man ganz toll essen kann. Wenn du möchtest, rufe ich Hermann Sigel an und bitte ihn, einen Tisch für uns zu reservieren.“

„Einverstanden“, sagte sie. „Wie heißt die Pizzeria?“

„ ,Da Ermano' “, antwortete Volker Ahlert grinsend. „Hermann Sigel spielt seinen Gästen den Italiener vor. In Wirklichkeit ist er ein waschechter Deutscher.“

„Ich bin schon sehr neugierig auf Ermano Sigel“, sagte Tilla und lachte.

„Ich hole dich um neunzehn Uhr ab“, erklärte der Leiter des Supermarktes.

„Ist gut“, sagte Tilla.

„Ich freue mich auf den Abend“, bemerkte Volker, dann wurde er ins Büro der Betriebsleitung gerufen und eilte davon.

Tilla schloss ihren Einkauf ab und steuerte eine der Kassen an. Auch sie freute sich auf den Abend mit Volker.

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HERMANN „ERMANO“ SIGEL hatte schwarzes Kraushaar und einen dicken schwarzen Schnurrbart. In seiner Ahnenreihe musste sich ein Italiener befinden. Er verfügte nicht nur über das südländische Aussehen, sondern auch über das überschäumende Temperament der Italiener.

Er begrüßte Volker Ahlert und seine hübsche Begleitung persönlich und mit überschwänglicher Herzlichkeit. Er freute sich ehrlich, Tilla und Volker als seine Gäste begrüßen zu dürfen, und er stellte ihnen eine Flasche Valpollicella auf den Tisch. „Auf Kosten des Hauses“, wie er sagte.

Volker Ahlert wollte protestieren, doch Ermano ließ das nicht gelten. Sigel war wie ein venezianischer Gondoliere gekleidet. Sogar der Strohhut fehlte nicht.

Aus verborgenen Lautsprechern perlten Mandolinenklänge auf die Gäste herab. Das Lokal war seit der Eröffnung jeden Tag voll. Obwohl Ermano alle Hände voll zu tun hatte, war er nicht hektisch. Souverän und routiniert erfüllte er seinen Gästen die Wünsche und war die Ruhe selbst.

Auf der riesigen Speisenkarte standen so viele Gerichte, dass sich Tilla nicht entscheiden konnte.

„Haben Sie schon gewählt?“, erkundigte sich Ermano.

„Die Auswahl ist so groß ... Da fällt einem die Wahl sehr schwer“, erwiderte Tilla.

„Mögen Sie es gern scharf?“, fragte Ermano.

„Sehr scharf?“, fragte Tilla zurück.

„Man kann es aushalten“, antwortete der nachgemachte Italiener und wiegte den Kopf. „Sie werden keinen Löschtrupp der Feuerwehr benötigen. Das Feuer lässt sich leicht mit ein, zwei Gläsern Valpollicella eindämmen.“

„Was empfehlen Sie uns?“, wollte Volker wissen.

„Pizza Diavola“, sagte Ermano. „Und davor einen kleinen sizilianischen Bauernsalat.“

„Für mich nicht“, wehrte Tilla ab. „Sonst schaffe ich die Pizza nicht.“

„Na schön“, sagte Ermano. „Nur einen Salat. Ich werde ihn mit zwei Tellern servieren. Sie müssen ihn wenigstens probieren. Er ist ein Gedicht.“ Er küsste seine Fingerspitzen und rollte die Augen.

Der Salat übertraf dann alle Erwartungen. Er war nicht nur eine Augenweide, sondern mehr noch, eine Gaumenfreude. Nach der Pizza bekämpften Tilla und Volker den Brand mit dem Rotwein, der wie Öl in ihre Kehle rann.

Der Abend verlief in netten Bahnen, und als Volker Tilla im Auto nach Hause fuhr, fühlte sie sich großartig. Der Wein hatte sie anlehnungsbedürftig gemacht. Ihr Kopf ruhte auf Volkers Schulter. Die Frau konnte sich darauf verlassen, dass er die Situation nicht ausnützen würde.

Er war anders als Elmar. Und für ihn galten dieselben Gesetze wie für Elmar Spira. Er aber würde sie nie übertreten. Volker hatte seine Gefühle besser im Griff.

Er dankte ihr für den wunderbaren Abend, und sie hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen, ehe sie ausstieg. Volker hatte ihr noch nie gesagt, dass er sie liebte.

Es war nicht nötig. Tilla wusste es auch so, und sie hatte ihn ebenfalls sehr, sehr gern. Das war ja der Jammer. Sie hatte auch Elmar sehr, sehr gern.

Ehe sie im Haus verschwand, winkte sie Volker, und er fuhr weiter. In ihrer Wohnung tanzte sie, sich selbst umarmend, ins Wohnzimmer, ließ sich in einen tiefen, bequemen Sessel fallen und streckte die Beine weit von sich.

„Himmel, bin ich glücklich“, sagte sie.

Vermutlich wäre sie noch glücklicher gewesen, wenn sie gewusst hätte, wem sie den Vorzug geben sollte. Auf die Dauer war dieser Zustand nicht haltbar.

Sie war gegenüber Volker und Elmar nicht fair. Tilla wusste, dass sie das ändern musste, aber sie wollte keinem der beiden weh tun. Deshalb schob sie die Entscheidung vor sich her.

Aber irgendwann würde das nicht mehr möglich sein. Elmar Spira hatte im Kino ein Signal gesetzt, das sie nicht übersehen durfte. Bald würde ein Punkt erreicht sein, wo sich nur noch eine Beziehung weiterentwickeln durfte.

Natürlich gab es genug Frauen, die zweigleisig fuhren, aber das fand Tilla unmoralisch. Dafür wäre sie nie zu haben gewesen.

Ich muss klare Verhältnisse schaffen!, sagte sie sich. Und zwar in den nächsten Tagen. So darf das nicht mehr weitergehen.

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Niemand beachtete den Motorradfahrer, der auf die Laderampe des Supermarkts zufuhr. Er war schlank, trug schwarze Lederkleidung, schwarze Schaftstiefel und einen schwarzen Visierhelm, dessen Glas so stark getönt war, dass man das Gesicht nicht erkennen konnte.

Der Mann stieg ab und zog die schwere Maschine auf den Ständer. Den Motor stellte er jedoch nicht ab.

UNBEFUGTE HABEN HIER KEINEN ZUTRITT  stand an einer Tür. Der Mann in Schwarz kümmerte sich nicht darum. Er trat ein und begab sich zum Büro des Betriebsleiters.

Kurz bevor er es erreichte, öffnete er den Reißverschluss seiner Lederweste und zog eine Pistole aus dem Gürtel.

Der Supermarkt hatte bereits geschlossen, und Volker Ahlert wartete in seinem Büro mit den gezählten Einnahmen auf die Mannschaft des Panzerwagens, in dem das Geld zur Bank gebracht werden sollte.

Viele Male war das problemlos abgegangen. Diesmal jedoch sollte es Ärger geben.

Eine junge Frau klopfte an die abgeschlossene Tür.

„Ja?“, fragte drinnen Volker Ahlert.

„Ich bin es, Herr Ahlert: Susanne Egner.“

Der Schlüssel wurde im Schloss gedreht. „Was haben Sie auf dem Herzen?“, fragte Volker Ahlert.

„Sie haben mir versprochen, ich kann zu meiner Schwester fahren, wenn ihr Baby da ist, Herr Ahlert. Sie wollten Ersatz für mich auftreiben.“

„Ach ja, richtig.“

„Und Sie wollten mir Bescheid geben ...“

„Tut mir leid, Fräulein Egner“, sagte der junge Leiter des Supermarkts. „Heute war mal wieder so viel los, dass ich es total verschwitzt habe. Das mit Ihrem Kurzurlaub geht in Ordnung. Ich konnte Ersatz für Sie finden.“

Susanne Egner strahlte. „Oh, das ist prima. Ich danke Ihnen, Herr Ahlert.“

„Keine Ursache. Sie wissen doch, ich helfe gern, wenn ich kann.“

„Dann ... dann bin ich nur noch am Montag hier.“

„So ist es“, entgegnete der Mann. „Meine Schwester wird sich wahnsinnig freuen. Sie hat niemanden, ist ganz auf sich allein gestellt. Als der Vater des Kindes erfuhr, dass sie schwanger war, ließ er sie sitzen. Manche Männer nehmen so etwas schon sehr leicht. Sie wollen nur ihren Spaß haben. Von irgendwelchen Pflichten möchten sie nichts wissen. Zum Glück sind nicht alle so.“ Susanne Egner wollte den Betriebsleiter nicht länger stören. Als sie sich verabschiedete, trat der Motorradfahrer hinter dem Plastik Kasten Stapel hervor, hinter dem er sich verborgen hatte.

Mit drei schnellen Schritten erreichte er die junge Frau, die ihn erst bemerkte, als es schon zu spät war. Er packte sie derb und gab ihr einen harten Stoß.

Sie schrie auf und fiel gegen die Tür. Diese schlug gegen Volker Ahlerts Gesicht und ließ ihn zurücktaumeln. In ihrer Angst wehrte sich Susanne Egner.

Sie hätte das nicht tun sollen, denn damit erreichte sie nur, dass der Räuber sie mit der Pistole niederschlug. Als Volker Ahlert sah, wie der Mann in Schwarz die junge Frau behandelte, geriet er dermaßen in Wut, dass er jegliche Vorsicht außer acht ließ und sich auf den Unbekannten stürzte.

Der Räuber ließ sich auf nichts ein. Die Pistole in seiner Hand krachte, und Volker Ahlert spürte einen harten Schlag, der ihn zu Boden warf. „Idiot!“, schrie der Verbrecher.

„Das hast du nun davon!“

Dann wurde es Volker Ahlert schwarz vor den Augen.

Der Gangster raffte die gesamten Einnahmen zusammen. Etwa dreihunderttausend Euro fielen ihm in die Hände. In einem schwarzen Müllsack, den er mitgebracht hatte, trug er das Geld hinaus.

Der Mann stieg auf sein Motorrad und fuhr davon. Nach einem halben Kilometer begegnete er dem Panzerwagen, und er lachte schadenfroh. „Diesmal gibt es für euch nichts abzuholen, Freunde! Das Geld habe ich. Ich habe eine bessere Verwendung dafür als ihr.“

Der Motorradfahrer bog rechts ab und verschwand. Es war ganz leicht, zu Geld zu kommen. Man musste nur wissen, wie man es anstellte, und man brauchte ein bisschen Courage dazu.

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Die Mannschaft des Panzerwagens verständigte sogleich Polizei und Rettung. Susanne Egner kam zu sich und wurde von Weinkrämpfen geschüttelt.

„Der arme Herr Ahlert“, sagte sie schluchzend. „Er wird sterben ... Wir mögen ihn alle so sehr... Ich hatte noch nie einen besseren Vorgesetzten. Man konnte mit allen Problemen zu ihm kommen. Er war stets bemüht, uns zu helfen ... Können Sie denn gar nichts für ihn tun?“

„Wir müssen auf das Eintreffen des Arztes warten“, erwiderte einer der beiden Geldboten.

„Lieber Himmel, bis dahin verblutet Herr Ahlert doch. Sehen Sie nur, wie viel Blut er schon verloren hat.“

„Wir sind keine Ärzte. Wir können ihm nicht helfen.“

Susanne Egner schlug die Hände vors blasse Gesicht. „Ich kann es immer noch nicht fassen. Ein Überfall ... Wer denkt denn an so etwas?“

„Damit muss man leider immer rechnen“, sagte der Geldwagenfahrer.

„Was sind das für Menschen, die so etwas tun können?“, fragte Susanne Egner und ließ die Hände sinken. „Geld ist für sie alles. Ein Mensch zählt für sie gar nichts. Sie schießen ihn eiskalt nieder. Was ist schuld an dieser Verrohung?“

„So etwas hat es immer gegeben und wird es leider immer geben. Glauben Sie, dass Sie der Polizei helfen können?“

Susanne Egner schüttelte den Kopf. „Es ging alles so schnell. Der Mann war plötzlich da. Mir kam es vor, als wäre er aus dem Boden gewachsen. Er trug schwarze Lederkleidung und einen dieser riesigen Visierhelme, die Motorradfahrer aussehen lassen wie Astronauten. Der Mann hatte kein Gesicht... Ich meine, natürlich hatte er eines, aber ich konnte es nicht sehen.“

„Fiel Ihnen an ihm irgendetwas Besonderes auf?“, fragte der Mann.

Susanne Egner schüttelte den Kopf, ohne nachzudenken. „Es war nichts Besonderes an ihm,  außer dass er von Kopf bis Fuß schwarz war.“

„Hat er irgendetwas gesagt?“, wollte der Fahrer wissen.

„Das weiß ich nicht“, antwortete die junge Frau. „Als ich mich wehrte, schlug er mich mit seiner Pistole sofort nieder. Ich erlangte das Bewusstsein erst wieder, als Sie hier waren ... Mein Gott, wo bleibt denn nur der Arzt so lange?“

Polizei und Krankenwagen trafen gleichzeitig ein. Der Rettungsarzt sah sich Volker Ahlert kurz an. „Sieht sehr schlimm aus“, bemerkte er.

Man legte den Supermarktleiter sehr vorsichtig auf eine Trage. Der Rettungsarzt wandte sich Susanne Egner zu.

„Ich bin in Ordnung“, sagte die junge Frau rasch. „Ich habe lediglich eine Beule abgekriegt. Sehen Sie zu, dass Herr Ahlert schnellstens ins Krankenhaus kommt.“

„Wir bringen ihn in die Wiesen-Klinik.“

„Hoffentlich ist es nicht schon zu spät“, flüsterte Susanne Egner, während der Arzt hinter seinen Leuten das Büro verließ.

Erschüttert blickte die junge Frau auf die große Blutlache. Konnte jemand, der soviel Blut verloren hatte, noch gerettet werden?

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6

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Es kam alle Jubeljahre mal vor, dass Dr. Richard Berends zum Kaffee zu Hause war. Heute war so ein Glückstag, und Therese Mansfeld, die gute Seele des Doktorhauses, hatte köstliche Bananenschnitten auf den Tisch gezaubert.

„Noch ein Stück, Herr Doktor?“, fragte die Haushälterin.

Der Chefarzt der Wiesen-Klinik lachte. „Nein, danke, Theresia. Ich bringe beim besten Willen nichts mehr hinunter. Ich habe bereits drei Schnitten gegessen.“

„Vier“, korrigierte ihn die Haushälterin.

„Um so schlimmer“, sagte der Chefarzt. „Hier, sehen Sie, wie meine Hose spannt. Sie mästen mich.“

„Wer schafft, braucht Kraft.“

„Ich bin Chirurg und kein Holzfäller“, sagte Dr. Richard Berends schmunzelnd.

Er wusste, dass es Therese Mansfeld mit ihm gut meinte. Sie bemutterte ihn manchmal so sehr, dass es ihm schon fast zu viel war.

„Sie wollen meinen Mann doch nicht vorzeitig unter die Erde bringen, Theresia“, sagte nun Dr. Charlotte Berends.

„Um Himmels willen“, entgegnete die Haushälterin.

„Die meisten Selbstmorde werden mit Messer und Gabel verübt“, erklärte die junge, blonde Internistin.

„Ich trage die restlichen Bananenschnitten sofort in die Küche“, sagte Frau Mansfeld.

„Ich möchte keinesfalls versäumen, Ihnen zu sagen, dass sie ganz hervorragend schmecken“, sagte der Hausherr.

Solches Lob hörte die Haushälterin immer gern.

„Wie kamen Sie an das Rezept“, wollte Charlotte wissen.

Therese Mansfeld zwinkerte schelmisch. „Das möchte ich nicht verraten. Nur soviel: Es war nicht ganz einfach, es mir zu verschaffen. Ich musste die Sache sehr trickreich angehen.“

„Das fiel Ihnen doch bestimmt nicht schwer“, bemerkte Richard schmunzelnd. „Als Gott Schlauheit und List verteilte, haben Sie zweimal ,Hier!‘ geschrien.“

Das wertete Therese Mansfeld als großes Kompliment. Mit stolzgeschwellter Brust rauschte sie ab. Charlotte und Richard blieben auf der Terrasse sitzen.

„Oh, sie ist eine wunderbare Frau“, schwärmte Richard. „Eine Perle. Ein Juwel.“

„Wenn sie nicht schon Anfang sechzig wäre, würde ich glatt eifersüchtig auf sie sein“, bemerkte Charlotte.

Sie genossen die warmen Sonnenstrahlen. Im Garten blühten die Ziersträucher, Bienen umsummten die gelben Forsythien.

Der kleine Michael, Charlottes und Richards Sohn und ganzer Stolz, hatte am Vormittag so viel herumgetollt, dass er nach dem Mittagessen in einen tiefen Schlaf gefallen war, der ihn noch nicht freigegeben hatte.

Charlotte erhob sich und ließ sich auf den Knien ihres Mannes nieder. Ihm kam es vor, als wären ihre schönen, braunen Augen heute dunkler als sonst.

„Es ist schön, dich wieder einmal für mich allein zu haben“, sagte sie und kraulte seine Nackenhärchen. „Für gewöhnlich muss ich dich immer mit einer Menge Patienten teilen.“

„Ich dachte, du hättest dich inzwischen daran gewöhnt“, sagte Richard lächelnd.

„Das habe ich“, entgegnete Charlotte. „Da ich selbst Ärztin bin, weiß ich, was wir den Menschen schuldig sind, und ich würde mich niemals beklagen. Aber wenn ich dich einmal für mich habe, dann genieße ich das, so gut ich nur kann.“ Sie küsste Richard liebevoll. „Bin ich auch eine wunderbare Frau?“

„Aber natürlich.“

„Eine Perle? Ein Juwel?“, wollte seine Frau wissen.

„Du bist für mich fast so unentbehrlich wie Theresia“, sagte Richard schelmisch.

„Oh!“ Es blitzte gefährlich auf in Charlottes Augen. „Du bist ein ... ein ..“

„Na, was denn?“, fragte Dr. Berends amüsiert. „Fällt dir nichts ein? Soll ich dir helfen?“

„Ein Scheusal bist du!“, erklärte sie fest.

„Das meinst du nicht ernst“, sagte Richard.

„Doch, du bist ein Scheusal, das meine Gefühle mit Füßen tritt!“, bekräftigte sie.

„Na schön, ich bin ein Scheusal, aber ein liebenswertes, das dich zum Fressen gern hat.“ Richard öffnete seinen Mund, so weit er konnte, knurrte und biss seine Frau leicht in den Hals.

Charlotte kicherte. „Wirst du das wohl sein lassen? Hör auf, das kitzelt! Hör auf zu saugen. Meine Güte, das gibt doch einen Knutschfleck. Wie sieht das denn aus, wenn ich in der Klinik erscheine. Die Frau des Chefarztes mit einem solchen Fleck. Das geht doch nicht.“

„Wie kannst du nur immer so schrecklich vernünftig sein und daran denken, was die Leute zu diesem und jenem sagen?“, fragte er.

„Ich bin eben um deinen guten Ruf besorgt“, entgegnete Charlotte.

Im Haus läutete das Telefon. Therese Mansfeld nahm den Anruf entgegen, legte den Hörer dann neben den Apparat und ging auf die Terrasse.

„Ein Anruf für Sie, Herr Doktor. Es ist Dr. Büttner.“

Charlotte stand auf und Dr. Richard Berends eilte ins Wohnzimmer, das Charlotte mit sehr viel Geschmack eingerichtet hatte.

Richard griff nach dem Hörer. „Ja, Herr Kollege?“

Dr. Jürgen Büttner war Chirurg und arbeitete mit Dr. Berends in der Wiesen-Klinik eng zusammen. „Tut mir aufrichtig leid, Sie stören zu müssen, Herr Chefarzt, aber ich brauche dringend Ihre Hilfe.“

„Was ist passiert?“, wollte der Mediziner wissen.

„Überfall auf einen Supermarkt“, informierte der junge Chirurg den Chefarzt knapp. „Der Räuber hat den Supermarktleiter niedergeschossen und ist mit dreihunderttausend Euro verschwunden. Die Rettung hat das Opfer soeben eingeliefert. Sieht nicht sehr gut aus. Der Mann muss sofort operiert werden.“

Dr. Berends wollte hören, was Dr. Büttner inzwischen unternommen hatte. Mehr war im Moment nicht zu tun.

„Ich komme sofort“, sagte der Chefarzt und legte auf.

Charlotte hatte das Wohnzimmer betreten.

„Ich muss in die Wiesen-Klinik“, sagte Richard und informierte seine Frau.

Sie nickte. Sie war das ja gewöhnt. „Aber ein paar Minuten hatte ich dich doch für mich allein“, sagte sie.

––––––––

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7

DER KLINIKCHEF BETRAT den Operationssaal. Eine sterile Operationsschwester hielt ihm die Operationshandschuhe hin, und während er hineinschlüpfte, band ihm eine zweite Schwester den Mundschutz um.

„Volker Ahlert“, sagte Dr. Jürgen Büttner. „Achtundzwanzig Jahre alt. Es ist fraglich, ob er älter werden wird.“ Seine grimmigen Worte wurden vom Mundschutz geringfügig gedämpft.

Dr. Berends nahm die Position des Operateurs ein. „So schnell geben wir nicht auf“, sagte er, und sein Blick richtete sich auf die Anästhesistin Dr. Doris von Ringsdorff, die aufmerksam die Skalen und Geräte beobachtete.

„Wie ist die Atmung, Frau Kollegin?“, erkundigte sich der Chefarzt.

„Könnte besser sein“, sagte Dr. von Ringsdorff. Ihre Stimme klang besorgt.

„Puls?“

„Flattert“, sagte die Narkoseärztin.

„Wo sind die Röntgenbilder?“, fragte Dr. Berends.

„Hier“, sagte Jürgen Büttner und zeigte sie dem Chefarzt. „Die Kugel ist gut zu sehen. Sitzt verdammt nah am Herzen.“

„Aber sie hat das Herz nicht getroffen“, stellte Dr. Berends fest.

„Sie wurde von dieser Rippe geringfügig abgelenkt“, sagte Dr. Büttner. „Andernfalls würde der Mann nicht mehr leben. Er hat sehr viel Blut verloren.“

„Sind genügend Blutkonserven da?“, wollte der Chefarzt wissen.

„Ich habe sicherheitshalber vier Konserven angefordert“, antwortete Dr. Büttner.

„Gut“, sagte der Chefarzt und blickte auf den Körper des Patienten, der mit sterilen Tüchern abgedeckt war. Nur das Operationsfeld war frei und desinfiziert.

Der Chirurg streckte der instrumentierenden Schwester die Hand entgegen. „Skalpell, Schwester Thea.“

Sie stand am Instrumententisch und hielt das Messer schon bereit. Die schmale Hand des Chefarztes schloss sich darum, und einen Augenblick später setzte er es an und führte den ersten Schnitt.

Ihm war bewusst, dass er schnell und exakt arbeiten musste, wenn er das Leben des Patienten retten wollte. Und er musste trotz des Zeitdrucks so gewissenhaft wie nur irgend möglich sein. Das verlangte ihm vollste Konzentration ab.

„Sonde!“, sagte er gedämpft.

Die Operationsschwester reichte sie ihm, und er überprüfte damit den Verlauf des Schusskanals.

Wieder nahm Dr. Berends das Skalpell zur Hand und durchtrennte die feinen Muskelschichten über den Rippenbögen. Schwester Thea wischte ihm die kleinen Schweißperlen von der Stirn.

„Der Puls wird schwächer!“, meldete Dr. Doris von Ringsdorff.

Das war alarmierend, und Dr. Jürgen Büttner warf dem Chefarzt einen beunruhigten Blick zu, aber Dr. Berends behielt die Nerven. Er konnte jetzt nicht mehr tun, als arbeiten.

Jeder Handgriff saß. Die Anästhesistin nannte die ständig sinkenden Werte. Es gehörte schon sehr viel innere Kraft und eine gesunde Portion Selbstvertrauen dazu, um äußerlich völlig ruhig zu bleiben und weiterhin überlegt zu handeln.

„Saugen Sie das Blut ab, Herr Kollege!“, verlangte Dr. Berends.

Dr. Büttner begann sogleich damit. Sobald der Brustraum leer war, nähte Dr. Berends die verletzten Adern. Danach erkundigte er sich nach dem Blutdruck.

Dr. Doris von Ringsdorff nickte. „Wird langsam besser.“

Das war erfreulich zu hören. Der Chefarzt warf einen Blick auf die große Wanduhr, die über der Tür des Operationssaals hing. Volker Ahlert lag bereits eine halbe Stunde auf dem Tisch, doch der Kampf war noch lange nicht gewonnen.

Die Ruhe, die Dr. Berends verbreitete, steckte sein Team an. Der Chefarzt ordnete an, man möge dem Patienten eine Bluttransfusion geben. Ahlert bekam sie in die linke Armbeuge, und in die rechte eine mit Medikamenten angereicherte Kochsalzlösung.

„Das Schwierigste kommt noch“, sagte Dr. Berends.

Er meinte das Entfernen der Kugel. Mit größter Vorsicht ertastete er das Projektil. Es hatte den Anschein, als würden in diesem Augenblick alle im Operationssaal Anwesenden den Atem anhalten. Sehr behutsam löste Dr. Berends das Geschoss heraus.

Operationsschwester Thea griff nach einer emaillierten Schale und hielt sie ihm hin. Er ließ die Kugel hineinfallen.

„Für die Polizei“, sagte er. „Wäre schön, wenn man mit ihrer Hilfe den Täter überführen könnte. Aber dazu müsste man den Mann erst haben.“

Wieder musste Dr. Büttner Blut absaugen. Dr. Berends klemmte zwei Adern ab, nähte, schweißte mit dem Lasergerät und schaute wieder auf die OP-Uhr.

Die Zeit raste. Eine Stunde war nun schon um.

„Wie ist der Puls jetzt?“, wollte der Chefarzt wissen.

„Hat sich normalisiert“, antwortete die Anästhesistin.

„Herzschlag?“

„Regelmäßig“, sagte Dr. Doris von Ringsdorff.

Dr. Jürgen Büttner atmete auf. „Mit einem kleinen Quäntchen Glück hat er es überstanden.“

Dr. Berends war zwar kein Pessimist, aber so rosig sah er die Sache noch nicht. „Ihre Freude erscheint mir im Moment noch etwas verfrüht, Herr Kollege.“

„Sie denken an den Schock, den der Patient erlitten hat“, sagte Dr. Büttner.

„Genau. Wir wissen nicht, wie sehr er dem Mann zu schaffen machen wird.“

„Er ist jung und kräftig“, sagte der junge Chirurg. „Er müsste rasch darüber hinweg kommen.“

„Wir müssen versuchen, seine physiologischen Funktionen so rasch wie möglich wieder ins Gleichgewicht zu bringen“, sagte Dr. Richard Berends.

„Ist klar.“

„Wenn uns das nicht gelingt, kann es noch zu erheblichen Komplikationen kommen“, erklärte der Chefarzt.

„Ich bin zuversichtlich“, sagte Dr. Büttner. „Wir bringen ihn durch.“

Nachdem der schwierigste Teil der Operation getan war, trat Dr. Berends vom Operationstisch zurück.

Jetzt spürte er, wie sehr ihn die Arbeit, der Kampf um das Leben dieses Patienten, angestrengt hatte.

„Machen Sie weiter, Herr Kollege“, sagte er zu Dr. Büttner.

„In Ordnung“, sagte der junge Chirurg und begann damit, die Operationswunde zu verschließen.

Er behandelte die Nahtstelle dann so fachgerecht, dass es Dr. Berends nicht besser gekonnt hätte. Mit sterilen Kompressen deckte er schließlich das Operationsfeld ab und sagte: „Das wär’s. Und nun auf die Wachstation mit ihm. Mehr können wir im Moment nicht für ihn tun.“

Von der Wachstation würde Volker Ahlert später auf die Intensivstation verlegt werden.

„Sollte in seinem Befinden eine Verschlechterung eintreten, möchte ich umgehend informiert werden!“, sagte Dr. Berends. Er konnte sich darauf verlassen, dass man seinen Wunsch respektierte.

Aufatmend begab er sich in den angrenzenden Waschraum, zog die Handschuhe aus und nahm die Gesichtsmaske ab. Dr. Büttner folgte ihm.

„Ich bin froh, dass Sie so schnell kommen konnten, Herr Chefarzt.“

„Sie hätten das doch auch ohne mich hingekriegt“, sagte Dr. Berends. Er hielt sehr viel von Dr. Büttner.

Der junge Chirurg wiegte den Kopf. „Ich bin nicht ganz so sicher wie Sie. Mir fehlt Ihre Routine.“

„Die kommt von selbst“, erklärte der Leiter der Wiesen-Klinik.

„Und Ihre Ruhe.“

„Die kommt mit der Routine“, sagte Dr. Berends.

„Ich hatte nach einer Operation selten so ein gutes Gefühl“, gestand Dr. Büttner. „Vielleicht deshalb, weil ich nicht will, dass irgendetwas schiefgeht.“

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8

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Das Wochenende hatte Tilla Deltgen bei einer Freundin auf dem Land verbracht, ohne Zeitung, Radio und Fernsehen. Sie hatte Abstand gewinnen wollen.

Abstand von Elmar Spira und Abstand von Volker Ahlert. Sie hatte mit ihrer Freundin über ihr Problem gesprochen, und diese hatte gemeint: „Du bist zu beneiden, Tilla. Während andere Mädchen gar keinen Verehrer haben, hast du gleich zwei und könntest sogar noch mehr haben.“

„Ich will aber nicht an jedem Finger einen haben“, hatte Tilla erwidert. „Ich will einen, verstehst du? Nur einen, und mit dem möchte ich so glücklich sein, wie es nur irgend geht.“

„Nichts leichter als das. Trenne dich von einem.“

„Darin liegt ja die Schwierigkeit“, hatte Tilla seufzend erklärt. „Von welchem? Jeder hat seine Vorzüge.“

„Dann wirf eine Münze hoch ...“

„Du bist verrückt“, hatte Tilla geantwortet.

„Wieso? Du stehst vor einer Weggabelung und weißt nicht, welchen Weg du einschlagen sollst. Dir ist der eine so recht wie der andere. Also lässt du das Los entscheiden.“

„Hier geht es nicht um zwei Wege, sondern um zwei Menschen“, hatte Tilla entgegnet.

„Im Grunde genommen ist das das Gleiche.“

Die junge Frau hatte geseufzt. „Und ich dachte, du könntest mir einen brauchbaren Rat geben.“

„Das habe ich ja getan, aber du willst nur deine eigene Meinung hören.“

So ratlos wie sie Bergesfelden verlassen hatte, kehrte sie wieder heim, und am Montag begab sie sich in den Supermarkt, um einzukaufen und Volker zu sehen. Als sie ihn nirgendwo entdeckte, fragte sie nach ihm.

Susanne Egner sah sie an, als käme sie vom Mond. „Sie wissen es nicht? Aber das ist doch unmöglich.“

Diese wenigen Worte und der Tonfall beunruhigten Tilla Deltgen sofort. Ihr Blick durchforschte das Gesicht der Supermarkt-Angestellten.

„Was weiß ich nicht?“, fragte Tilla nervös.

„Was geschehen ist. Es stand in allen Zeitungen. Sie brachten es in Radio und Fernsehen. Ich weiß schon nicht mehr, von wie vielen Reportern ich interviewt wurde.“

„Was für eine Sensation hat es hier denn gegeben?“, wollte Tilla mit wachsender Unruhe wissen.

„Überfallen wurden wir“, erklärte Susanne Egner. „Aber das müssen Sie doch wissen.“

„Ich war auf dem Land ... Überfallen? Meinen Sie, es hat hier so einen richtigen Gangsterüberfall gegeben? Liebe Güte, wir leben doch nicht in Chicago.“

Susanne Egner erzählte die ganze Geschichte. Die Worte flossen ihr nur so über die Lippen. Sie kam kein einziges Mal ins Stocken. Zu oft hatte sie’s schon erzählt.

Es war, als würde sie etwas, das sie gut auswendig gelernt hatte, herunter beten. Ihre Worte veränderten Tillas gesunde Gesichtsfarbe. Die blonde Frau wurde blass.

Volker Ahlert  überfallen! Niedergeschossen! Heilige Madonna, das alles war geschehen, ohne dass sie auch nur die kleinste Ahnung gehabt hatte.

Volker hätte tot sein können, und sie hätte es nicht einmal gewusst. Sie war auf dem Land gewesen und hatte sich überlegt, von wem sie sich trennen sollte.

Von Elmar Spira oder... von Volker Ahlert.

Verzeih mir, Volker! dachte Tilla jetzt schuldbewusst.

Sie erfuhr, dass man Volker in die Wiesen-Klinik gebracht hatte. „Sein Leben hängt an einem sehr dünnen Faden“, berichtete Susanne Egner. „Er ist immer noch nicht über dem Berg.“

Tilla biss sich auf die Lippe. „Das ist ja schrecklich.“

„Sie lassen niemanden zu ihm“, erklärte die Angestellte ernst.

„Ich muss ihn sehen“, sagte Tilla krächzend.

„Sie können sich den Weg sparen.“

Tilla Deltgen hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen. Während sie erwogen hatte, ob sie sich von Volker trennen sollte, hatte er mit dem Tod gerungen, tat es immer noch.

Beinahe hätte der Tod das Problem für sie gelöst. Irgendwie hatte sie das Gefühl, mit schuld an Volkers Schicksal zu sein. Es war verrückt, sich das einzureden, aber so empfand sie in diesen Minuten, und es wollte ihr fast das Herz abdrücken.

Sie dankte Susanne Egner für die Auskunft.

„Ich kann Ihnen zwei Zeitungen leihen“, sagte die junge Frau. „Wenn Sie einen Augenblick warten wollen.“

„Es steht bestimmt nicht mehr drin, als Sie mir erzählt haben“, meinte Tilla.

„Das nicht, aber man hat Fotos gemacht.“

„Die will ich nicht sehen“, erklärte Tilla Deltgen und verließ den Supermarkt. Sie hatte Milch, Butter, Eier und Brot in ihrem Einkaufswagen gehabt, doch sie fuhr damit nicht zur Kasse, sondern ließ den Wagen stehen und hastete an der Kassiererin vorbei. Man musste das verstehen. Sie hatte jetzt nicht die Nerven, sich anzustellen und zu bezahlen.

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In der Wiesen-Klinik schnürte es Tilla dann fast die Kehle zu. Ihre Schuhe schienen mit Bleiplatten besohlt zu sein. Jeder Schritt war mühsam für sie.

Die junge Frau mochte keine Krankenhäuser. Zum Glück hatte sie noch nie in einer Klinik liegen brauchen, und Besuche hatte sie stets auf ein Mindestmaß reduziert.

Man konnte Krankenhäuser von zwei Warten aus betrachten. Hier wurde geholfen. Menschen, die erkrankt waren, wurden wieder gesund gemacht. Jede Genesung war eine Freude für Patienten und Angehörige.

Man konnte es aber auch anders sehen. Ausweglosigkeit, Tränen, Leid, Verzweiflung und schließlich - der Tod. Leider wurde man in Krankenhäusern auch damit immer wieder konfrontiert. Nicht alle, die sich voller Vertrauen in die Hände der Ärzte begaben, genasen.

Einigen von ihnen mussten die Ärzte eine schreckliche Eröffnung machen. Das Schicksal konnte manchmal sehr grausam sein. Die Mediziner konnten keine Wunder vollbringen. Sie konnten lediglich ihr Bestes geben, und das reichte manchmal leider nicht.

Auf dem leeren Flur kam Tilla ein junger Mann in weißem Kittel entgegen. Er sah gut aus. Bestimmt war er hier der Schwarm aller Schwestern und Patientinnen.

Er blieb stehen und fragte Tilla, wen sie suche. Sie sagte es ihm, und seine freundlichen Augen überschatteten sich. Tillas Herz krampfte sich unwillkürlich zusammen.

„Um Himmels willen, er ist doch nicht etwa ..“; entfuhr es ihr, dann verstummte sie.

„Er ist leider noch nicht über dem Berg“, sagte der junge Mediziner. „Ich heiße Dr. Jürgen Büttner. Ich habe Herrn Ahlert zusammen mit unserem Chefarzt Dr. Berends operiert. Sind Sie eine Verwandte von ihm?“

Tilla schüttelte den Kopf. „Nein“, antwortete sie verstört. „Nein, ich ... bin ... Ich stehe ihm sehr nahe.“

Ich wusste nicht, wie nahe ich ihm stehe, dachte Tilla erschüttert. Er ist noch nicht über den Berg! O Gott!

„Ich muss unbedingt zu ihm, Dr. Büttner“, sagte sie mit belegter Stimme.

Der junge Chirurg schüttelte den Kopf. „Das ist leider unmöglich, Frau...“

„Deltgen. Tilla Deltgen. Sie dürfen mich nicht fortschicken!“, sagte die blonde Frau eindringlich. „Ich muss Volker sehen.“

Dr. Büttner blieb unerbittlich. „Ausgeschlossen!“

„Aber ich liebe Volker!“, stieß Tilla aufgewühlt hervor, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Mit welchem Recht verweigern Sie es mir, ihn zu sehen?“

„Mit dem Recht des Arztes, der sich für seinen Patienten verantwortlich fühlt“, antwortete Dr. Jürgen Büttner streng. „Wenn Sie Herrn Ahlert wirklich lieben, lassen Sie ihm die Ruhe, die er derzeit dringend nötig hat.“

„Volker braucht mich“, sagte die Besucherin leidenschaftlich. „Er kann ohne mich nicht gesund werden.“

„Was er braucht, bekommt er von uns“, erwiderte der junge Chirurg nüchtern. „Sie können sicher sein, dass Herr Ahlert in der Wiesen-Klinik bestens aufgehoben ist.“

„Und ich werde ihn doch sehen ...!“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie ihm schaden wollen“, sagte Dr. Büttner.

„Schaden? Ich soll Volker schaden? Ich habe Ihnen doch gesagt, wie ich zu ihm stehe, und er liebt mich ebenfalls.“

„Das bedeutet, dass er sich aufregt, wenn er Sie sieht“, sagte der Mediziner. „Und Aufregung ist das Letzte, was er jetzt braucht, Frau Deltgen. Ich muss Sie bitten, vernünftig zu sein. Ich habe Verständnis für Ihre Gefühle, aber Sie sollten uns und unserer Arbeit gleichfalls Verständnis entgegen bringen. Es ist bestimmt keine Schikane, dass wir niemanden zu ihm lassen.“

„Sie wissen nicht, was Volker wirklich braucht!“, sagte Tilla zornig.

Allmählich wurde Dr. Büttner laut. „Frau Deltgen“, sagte er scharf. „Sie ahnen nicht, welch schwieriger Kampf es war, Herrn Ahlert zu retten. Wir lassen es nicht zu, dass Sie mit Ihrer Unvernunft alles zunichte machen.“

„Was gibt’s, Herr Kollege?“, fragte plötzlich Dr. Berends hinter dem jungen Mediziner.

„Diese junge Dame will sich partout nicht abweisen lassen, Herr Chefarzt. Sie möchte unbedingt Herrn Ahlert sehen. Ich habe ihr gesagt, dass das nicht möglich ist, aber sie will nicht gehen. Sie besteht darauf, den Patienten sehen zu dürfen.“

„Nun, vielleicht kann ich die junge Dame davon überzeugen, dass es für Herrn Ahlert besser ist, wenn man ihn in Ruhe lässt“, sagte Dr. Berends, und Dr. Büttner entfernte sich.

„Stand es wirklich so schlimm um Volker?“, fragte die Frau leise.

„Sein Zustand ist leider immer noch kritisch“, antwortete der Chefarzt. „Herr Ahlert hatte großes Glück. Das Geschoss wurde von einer Rippe abgelenkt, sonst hätte sie das Herz getroffen.“

„Wie schrecklich ... Und in seinem Befinden ist seit der Operation noch keine Besserung eingetreten?“

„Eine leichte Besserung schon. Sie gibt uns auch Anlass zu geringem Optimismus, aber ...“

„Es besteht also Hoffnung?“, fragte Tilla Deltgen gepresst.

„Ich will mal so sagen: Diese Hoffnung ist so verletzbar wie eine Seifenblase“, erwiderte Dr. Berends. „Wollen Sie schuld daran sein, dass sie platzt?“

Tilla schüttelte rasch den Kopf. „Nein, Dr. Berends. Natürlich nicht.“

„Sehen Sie, Frau ... Wie ist Ihr Name?“

„Tilla Deltgen.“

„Sehen Sie, Frau Deltgen, wenn wir Sie zu Herrn Ahlert ließen, würde diese Blase mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kaputt gehen, und Sie hätten die vage Hoffnung zunichte gemacht. Könnten Sie das vor Ihrem Gewissen verantworten?“

Die Besucherin kam langsam zur Einsicht. Es lag nicht in ihrer Absicht, Volker zu schaden.

„Wann ... kann ... ich ... Volker ...“, sagte sie schleppend und ohne den Leiter der Wiesen-Klinik anzusehen.

„Ich muss Sie noch um zwei Tage Geduld bitten, Frau Deltgen“, sagte Dr. Berends. „Ich glaube, bis dahin können wir es verantworten, Sie zu ihm zu lassen.“

„Zwei Tage“, sagte Tilla unglücklich. „Das ist eine Ewigkeit.“

„Es ist besser, zwei Tage zu warten, als Herrn Ahlert nie mehr wiederzusehen.“

Tilla nickte ernst. „Sie haben recht. Ich habe mich vorhin sehr dumm benommen. Bitte sagen Sie Dr. Büttner, dass es mir leid tut.“

„Ich werde es ihm bestellen.“

Die junge Frau seufzte. „Zwei Tage. Ich weiß nicht, wie ich das aus halten werde. Es werden die längsten achtundvierzig Stunden meines Lebens sein.“

„Ihre Geduld wird reich belohnt werden“, sagte Dr. Berends. „Herr Ahlert wird Ihnen persönlich dafür danken.“

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Tilla war Sekretärin in einer kleinen Anwaltskanzlei. Da sie in ihrem Zustand nicht arbeiten konnte, sie hätte mehr Schaden als Nutzen angerichtet , rief sie an und bat um eine Woche unbezahlten Urlaub.

Dr. Lenz, ihr Arbeitgeber, wusste von dem Raubüberfall. Dass Tilla mit dem Supermarktleiter befreundet war, war ihm allerdings neu.

„Das tut mir leid für Sie, Frau Deltgen“, sagte er mit seiner nasalen Stimme. „Ich kann mir vorstellen, wie Ihnen zumute ist.“

Als kleines Trostpflaster wandelte er den unbezahlten Urlaub in einen bezahlten um.

„Vielen Dank“, sagte die junge Frau.

„Wenn ich irgendetwas für Sie tun kann, lassen Sie es mich wissen“, verlangte ihr Chef.

Tilla bedankte sich wieder und legte auf. Niemand konnte ihr helfen. Sie musste diese Last, die schmerzhaft drückte, allein tragen. Am liebsten hätte sie sich ins Bett gelegt und achtundvierzig Stunden geschlafen.

Aber ihr Geist kam nicht einmal für fünf Minuten zur Ruhe. Eine Vielzahl von Gedanken wirbelte durch ihren Kopf, und immer wieder plagten sie schreckliche Gewissensbisse, weil sie in Erwägung gezogen hatte, sich von Volker zu trennen.

Er rang in der Wiesen-Klinik immer noch mit dem Tod, und sie hatte ihn verlassen wollen. Ihn! Da sie ihn doch so sehr liebte. Es hatte erst zu dieser Katastrophe kommen müssen, damit ihr bewusst wurde, wie sehr sie Volker Ahlert liebte.

Es gab keine Zweifel mehr. Tilla wusste nun ganz genau, dass sie Volker mehr in ihr Herz geschlossen hatte als Elmar Spira. Es war nicht Mitleid, dass sie sich zu Volker mehr hingezogen fühlte.

Es war unverkennbar Liebe!

Ich muss reinen Tisch machen, sagte sich die blonde Frau. Ich muss Elmar die Wahrheit sagen. Er muss erfahren, dass ich Volker liebe. Diese Aufrichtigkeit bin ich ihm schuldig.

Mit schneller klopfendem Herzen sah sie das Telefon an. Ihr war klar, dass sie ihn nicht mit einer kurzen Erklärung am Telefon abspeisen durfte.

Er hatte ein Anrecht auf eine persönliche Aussprache. Das würde Tilla bestimmt nicht leichtfallen, aber sie war pflichtbewusst genug, um sich davor nicht zu drücken.

Er freute sich über ihren Anruf.

„Können wir uns heute sehen?“, fragte Tilla.

„Sehr gern“, antwortete Elmar. „Wann?“

„Jetzt gleich?“, fragte die Sekretärin. Sie wollte die Sache nicht auf die lange Bank schieben.

„Das geht leider nicht“, sagte der Mann bedauernd. „Ich muss noch mal in die Schule, kurze Besprechung mit dem Direktor. Vielleicht hat der Aushilfslehrer Elmar Spira die Chance, fest angestellt zu werden. Wäre nicht schlecht, was?“

„Oja, das wäre schön für dich“, sagte Tilla gedämpft. Sie spielte mit dem Telefonkabel.

„Wie wär’s, wenn du mich von der Schule abholen würdest?“

„In Ordnung. Wann soll ich da sein?“, fragte Tilla.

Elmar nannte die Uhrzeit. „Ich habe eine Überraschung für dich.“

Ich auch, dachte Tilla traurig. Aber meine Überraschung ist wenig erfreulich.

„Dann bis später“, sagte die blonde Frau.

„Sag mal, bedrückt dich irgendetwas?“, wollte Elmar wissen. „Deine Stimme hört sich so fremd an. Hast du was?“

„Ja“, gab Tilla zu. „Aber ich möchte nicht am Telefon darüber reden.“ Damit Elmar nicht in sie dringen konnte, legte sie schnell auf.

Zur vereinbarten Zeit wartete sie dann vor dem Schulgebäude auf den Lehrer. Er kam strahlend aus dem Haus. Der Wind zerzauste sein schwarzes Haar.

„Heute ist ein Glückstag für mich!“, rief er schon von weitem. „Ich könnte vor Freude die ganze Welt umarmen.“

Deine Freude wird nicht lange vorhalten, dachte Tilla niedergeschlagen. Denn ich bin hier, um sie beträchtlich zu trüben.

„Der Aushilfslehrer ist gestorben“, sagte Elmar. Er war so übermütig, dass ihm nicht auffiel, wie traurig Tilla war, und das Wort „gestorben“ hörte sie überhaupt nicht gern, denn sie brachte es, ohne es zu wollen, sogleich mit Volker Ahlert in Zusammenhang, und ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen.

„Ab kommendem Monat gehöre ich dem Lehrerkader dieser Schule an“, sagte Elmar glücklich.

„Ich gratuliere“, sagte Tilla.

„He, ein bisschen mehr darfst du dich schon freuen“, meinte der Mann lachend. „Und du darfst deine Gratulation auch mit einem Kuss besiegeln.“

Tilla küsste ihn ohne jedes Gefühl, doch auch das fiel Elmar Spira nicht auf. Er hielt sich nach wie vor für einen beneidenswerten Glückspilz.

„Und nun zu meiner Überraschung“, sagte er und schob seine Hand unter Tillas Arm. Er führte die Frau zum Parkplatz und blieb vor einem silbergrauen Audi Quattro stehen. „Wie gefällt er dir?“, wollte er wissen.

„Ein schönes Auto“, sagte Tilla. „Aber nicht billig.“

„Seit ich ihn zum ersten mal sah, träumte ich davon, ihn zu besitzen“, gestand Elmar. „Aber für die schmale Brieftasche eines Aushilfslehrers war er unerschwinglich.“

„Daran wird sich wohl auch weiter nichts ändern“, sagte Tilla. „Du wirst als angestellter Lehrer nicht das Gehalt eines Bankdirektors beziehen.“ Sie sah sich nach Elmars altem VW Käfer um, konnte ihn aber nicht entdecken. „Wo ist dein Wagen?“

„Du stehst davor“, sagte Elmar.

„Du machst Witze“, entschlüpfte es der Frau.

„Ganz und gar nicht. Seit heute Vormittag gehört dieser tolle Wagen mir“, gestand der Lehrer strahlend.

Tilla sah ihn entgeistert an. „Du musst den Verstand verloren haben.“

Elmar lachte herzlich. „Aber wieso denn?“

„Heute Vormittag warst du noch Aushilfslehrer. Vielleicht hast du geahnt, dass man dich anstellen wird. Vielleicht hast du es sogar gewusst. Aber das war kein Grund, sich Hals über Kopf in so hohe Schulden zu stürzen.“

„Ich habe meine Ersparnisse zusammengekratzt und eine ansehnliche Anzahlung geleistet.“

„Und nun wirst du für den Rest deines Lebens Raten zahlen?“

Elmar lachte. „Du übertreibst. Ich werde überhaupt keine Raten zahlen.“

„Dann wird man dir deinen silbernen Traum wieder wegnehmen. Vielleicht ist das nicht einmal so schlecht. Damit bringt man dich wenigstens zur Vernunft. Wie kann man nur so schrecklich unverantwortlich sein, Elmar? Du bist Lehrer. Du solltest für deine Schüler ein untadeliges Vorbild sein.“

„Das bin ich“, behauptete Elmar Spira. „Deshalb werde ich dieses Auto auch demnächst bezahlen.“

„Und womit, wenn ich fragen darf?“

„Du darfst. Natürlich darfst du. Ich habe keine Geheimnisse vor dir“, sagte der attraktive Mann.

„Hast du im Lotto gewonnen?“

„Nein“, entgegnete Elmar schmunzelnd. „Aber beinahe. Ich habe dir doch von der in Aussicht stehenden Erbschaft erzählt. Der Glücksfall ist eingetreten. Ein sehr entfernter Verwandter hat mir ein stattliches Sümmchen vermacht. Ich war inzwischen beim Notar. Es wird ein paar Tage dauern, bis ich über das Geld verfügen kann. Du siehst, ich habe dieses Auto nicht unüberlegt gekauft. Darf ich dich nun zu einer kleinen Probefahrt einladen? Ich möchte, dass du die erste Frau bist, die in diesem Wagen neben mir sitzt.“

Himmel, ich bin nicht hier, um mit ihm spazierenzufahren, dachte Tilla unruhig. Ich habe ihm etwas sehr Wichtiges zu sagen.

Aber sie konnte damit nicht einfach herausplatzen. Der Abschied hätte einer gewissen Vorbereitung bedurft. Doch die Ereignisse überrollten sie und ließen sie nicht auf den eigentlichen Grund ihres Hierseins kommen.

Na schön, ich mache die Probefahrt mit ihm, überlegte die Sekretärin. Aber danach muss ich unbedingt mit ihm reden.

Mit wichtiger Miene holte Elmar die Fahrzeugschlüssel aus der Hosentasche und ließ sie um den Zeigefinger kreisen.

„Du wirst begeistert sein“, versprach er und öffnete die Tür der Beifahrerseite. „Wenn Gräfin die Güte hätten, einsteigen zu wollen“, sagte Elmar und verneigte sich tief.

„Du bist ein Clown“, bemerkte Tilla.

„Ich hab’s gern, wenn du lachst“, sagte der Lehrer. „Wenn du lächelst, geht in meinem Herzen die Sonne auf.“

Der Druck auf Tillas Herz verstärkte sich unwillkürlich. Meine Güte, wie soll ich es ihm nur beibringen?, fragte sie sich. Ich möchte es so schonend wie möglich tun. Ich will ihm nicht weh tun.

Sie stieg ein, und Elmar schloss die Tür. Während sie den Gurt anlegte, eilte der Mann um das Fahrzeug herum. Augenblicke später saß er neben ihr und schloss genießend und besitzergreifend die Hände um das Lenkrad.

„Nach und nach werden all meine Träume in Erfüllung gehen“, sagte er.

Einer nicht, schränkte Tilla in Gedanken ein.

Elmar Spira startete den Motor. „Hör dir das an. Ist das nicht ein faszinierendes Geräusch? Man kann förmlich die Kraft hören, die dahintersteckt.“

Schnelle, starke Autos beeindruckten Tilla nicht. Für sie war ein Wagen lediglich ein Transportmittel, das jemanden rasch und bequem zum Ziel brachte.

Elmar fuhr los. Während der Fahrt erklärte er ihr die Funktionen der Knöpfe und Hebel am Armaturenbrett.

„Kaum ein anderes Fahrzeug hat mit einem solchen Finish aufzuwarten“, behauptete er. „Tja, das ist eben deutsche Qualitätsarbeit. Da kommen die Franzosen, Italiener oder Japaner nicht mit.“

Es gab Augenblicke, da hörte ihm Tilla überhaupt nicht zu. Der neue Wagen war zwar bestechend schön, aber sie hatte etwas auf dem Herzen, das sie endlich loswerden musste.

Doch Elmar bot ihr nicht die Gelegenheit, das Gespräch in die entsprechende Bahn zu lenken. Er redete ununterbrochen  von sich, von seiner beruflichen Karriere, von der Erbschaft und natürlich von seinem Wagen.

Er war so heiter und überschwänglich, dass Tilla nirgendwo einhaken konnte, ohne dass es für ihn schmerzlich gewesen wäre.

Es wird noch soweit kommen, dass er mich zu Hause absetzt, und ich hatte keine Möglichkeit, ihm zu sagen, weshalb ich ihn treffen wollte, dachte sie.

Sie merkte kaum, wo Elmar lang fuhr, so sehr war sie mit ihren Gedanken beschäftigt.

Elmar fuhr kreuz und quer durch Bergesfelden, und irgendwann hielt er den Audi an. Als Tilla die Handbremse einrasten hörte, kam sie zu sich und stellte fest, dass es angefangen hatte zu dämmern.

Vor ihnen glänzte die silberne Fläche des Mondsees, und die Lichter der Uferpromenade blinkten zu ihnen herüber. Es gab wohl rings um den See kein einsameres, stilleres und idyllischeres Plätzchen als dieses.

Unwillkürlich fielen Tilla die „Lippenbekenntnisse“ ein.

Er wird das doch hoffentlich nicht noch mal versuchen!, dachte sie nervös.

Elmar Spira wandte sich ihr zu. Seine dunklen Augen glänzten. Er schien ihre Gedanken zu erraten, denn er sagte lächelnd: „Du brauchst keine Angst zu haben, Tilla. Ich habe dir mein Wort gegeben, und das pflege ich zu halten.“

Leise Musik kam aus den Stereolautsprechern. Sie passte zu Elmars Stimmung, aber nicht zu der von Tilla.

Das Signal einer Verkehrsdurchsage war aber dann so störend laut, dass Elmar das Radio abdrehte. Die Stille war angenehm. Tilla hoffte, nun endlich, endlich loswerden zu können, was sie so sehr bedrückte.

„Tilla, ich ..begann der Mann, während er verlegen mit den Knöpfen am Armaturenbrett spielte. „Wir kennen einander nun schon eine Weile, und ich bin immer wieder gern mit dir zusammen. Was ich sagen möchte, ist...“ Er lachte. „Ich benehme mich wie ein verliebter Primaner ... Krampfhaft suche ich nach Worten, und das Herz schlägt hoch oben in meinem Hals. Ich glaube, ich war noch nie so aufgeregt wie jetzt, weil nämlich sehr viel von deiner Antwort abhängt. Was ich neulich im Kino getan habe, tut mir leid, und ich bin sehr froh, dass du es mir nicht nachträgst. Ich sagte dir, dass ich dich liebe, und ich wiederholte es am Telefon, und ich möchte es dir heute wieder gestehen. Ja, ich liebe dich, Tilla Deltgen, liebe dich so sehr, wie ich es mir früher nicht vorstellen konnte. Es gibt nichts, absolut nichts, was ich nicht für dich tun würde, du hast mir den Kopf so sehr verdreht, dass er sich nie mehr geraderichten lässt, aber das macht mir nichts aus. Du kannst mit mir anstellen, was du willst. Nie werde ich dir böse sein.“

Auch das noch, dachte Tilla verzweifelt. Nun macht er es mir mit diesem Liebesgeständnis noch schwerer. Mein Gott, Elmar, kannst du nicht den Mund halten?

„Ich habe jetzt eine gute Stellung, ein schönes Auto, keine Schulden und bald ein beruhigendes Bankkonto“, fuhr Elmar Spira fort. „Kurzum, ich wäre . . . Also ich meine, ich wäre keine so schlechte Partie.“ Lächelnd fuhr er sich mit der Hand über die glänzende Stirn. „Puh ... Ist gar nicht mal so einfach, einen Heiratsantrag zu machen.“

Einen Heiratsantrag!, dachte Tilla bestürzt. Um Himmels willen, es ist nicht bloß ein Liebesgeständnis! Es ist mehr! Elmar will mich heiraten!

Er sah sie feierlich an, um dem Augenblick den würdigen Rahmen zu verleihen.

„Tilla, ich bitte dich höflich und in aller Form um deine Hand“, sagte er leise.

Die junge Frau wäre am liebsten aus dem Wagen gesprungen und fortgelaufen. Aber sie durfte nicht fliehen, durfte sich nicht vor der Verantwortung drücken.

Ich bin schuld daran, dass es soweit kommen konnte, dachte sie aufgewühlt. Ich habe Elmar erkennen lassen, dass ich ihn mag. Bis vor kurzem wäre ich sogar bereit gewesen, mich für ihn zu entscheiden, doch nun ist das nicht mehr möglich. Heute weiß ich, zu wem ich gehöre. Wenn die Ärzte ihn mir am Leben erhalten, möchte ich Volkers Frau werden.

Elmar lachte gekünstelt. „Jetzt bist du platt, was? Damit hast du nicht gerechnet. Ehrlich gesagt, ich bin selbst ein wenig über meine Courage überrascht. Vermutlich wagte ich deshalb auszusprechen, was ich dir schon lange sagen wollte, weil heute mein Glückstag ist.“

„Elmar ...“, begann Tilla schleppend. „Dein Antrag macht mir wirklich große Freude, weil er mir beweist, wie sehr du mich liebst. Es ist schön, geliebt zu werden, und dein Entschluss, mich zur Frau nehmen zu wollen, ehrt dich, aber...“

„Du fühlst dich von mir überrumpelt?“

„Ja, das auch“, antwortete Tilla hilflos.

„Wir müssen nichts überstürzen“, entgegnete Elmar Spira. „Es war mir nur wichtig, dir zu sagen, wie ich zu dir stehe. Ich möchte mein Leben mit dir verbringen, Tilla, möchte Kinder mit dir haben und mit dir alt werden. Ich stelle mir das alles so wundervoll vor. Mit dir eine Familie zu gründen ... Du bist so sauber, so ehrlich, so schön ...“

Bin ich das wirklich?, fragte sich Tilla verzweifelt. Sie fühlte sich in die Enge getrieben. Bin ich sauber und ehrlich?, überlegte sie. Du weißt nichts von Volker Ahlert, und er hat keine Ahnung von dir. War ich jemals sauber und ehrlich zu euch? Habe ich euch nicht eher hintergangen?“

Mittlerweile war es dunkel geworden, und die junge Frau empfand die Finsternis als gnädig, denn nun konnte Elmar nicht mehr die Verzweiflung und Ratlosigkeit in ihrem Gesicht sehen.

„Sauber und ehrlich“, flüsterte sie.

„Rein wie ein Engel“, sagte Elmar. „So sollen auch unsere Kinder sein. Wir werden die schönsten Kinder weit und breit haben.“

„Bitte, Elmar, sei still“, bat Tilla, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Ich weiß, dass wir zusammen gehören, Tilla.“

„Bitte, Elmar ...“

„Vom ersten Tag an wusste ich es“, sagte der Lehrer leidenschaftlich. „Oh, Tilla, wenn du meine Frau wirst, werden wir das glücklichste Ehepaar von der Welt sein.“

„So höre doch endlich auf damit, Elmar“, rief Tilla gequält. Sie konnte ihre Tränen nicht länger zurückhalten, weinte.

Er erschrak. „Tilla! Was hast du? Habe ich etwas Falsches gesagt? Warum weinst du?“

„Ich kann nicht deine Frau werden, Elmar.“

Ihre Worte machten ihn konfus. „Aber ... wieso denn nicht?“, fragte er spröde.

„Weil... weil... Ich liebe dich nicht.“

„Das ist nicht wahr. Ich weiß, dass du mich liebst. So etwas fühlt man doch.“

„Aber ich liebe dich nicht genug“, sagte Tilla.

„Deine Liebe wird wachsen.“

„Nein!“, erklärte die Sekretärin heftig. „Verstehst du denn nicht? Ist es denn so schwer zu begreifen?“

„Was?“, fragte Elmar Spira heiser. „Was denn?“

„Ich bin nicht so sauber und ehrlich, wie du denkst“, sagte Tilla mit tränenerstickter Stimme.

„Ich kenne dich gut genug, um zu wissen ...“

„Ich war nicht immer aufrichtig zu dir, Elmar!“, fiel ihm Tilla ins Wort. „Oh, Elmar, ich wollte, ich könnte uns beiden diese schreckliche Situation ersparen, aber es geht nicht. Ich muss endlich klare Verhältnisse schaffen.“

„Ich verstehe dich immer weniger“, sagte der junge Lehrer nun schon völlig verwirrt.

„Jeder Mensch hat Freunde“, holte Tilla weit aus. „Sehr gute, gute, weniger gute. Ich schätzte mich glücklich, dass ich sogar zwei sehr, sehr gute Freunde hatte, doch nun stellt sich heraus, dass das kein Glück war.“

„Zwei Freunde?“

„Ja“, sagte Tilla mit belegter Stimme. „Dich und ... Volker Ahlert. Du kennst ihn nicht. Ich ... ich mochte ihn genauso gern wie dich. Mir war von Anfang an klar, dass ich mich irgendwann für einen von euch beiden entscheiden müsse, aber ich hatte es damit nicht eilig. Vielleicht hoffte ich, dass ihr die Entscheidung herbeiführen würdet. Du hättest einer anderen Frau begegnen können. Oder Volker...“

„Du... bist mit ihm ... ausgegangen und mit mir?“, fragte Elmar Spira heiser.

„Ja. Ich lernte ihn eine Woche vor dir kennen. Zuerst dachte ich mir nichts dabei, mich mal mit ihm und mal mit dir zu treffen, aber später sagte ich mir dann, dass dies kein Dauerzustand sein könne.“

„Durfte er sich mehr herausnehmen als ich?“, fragte Elmar schwer angeschlagen.

„Wofür hältst du mich?“, fragte Tilla empört zurück. „Natürlich nicht. Für ihn galten die gleichen Gesetze wie für dich.“

„Es muss sehr abwechslungsreich für dich gewesen sein“, sagte Elmar bitter. „Und sehr amüsant.“

„Bitte sei jetzt nicht sarkastisch“, entgegnete Tilla. „Lass uns vernünftig und sachlich miteinander reden.“

„Tilla, ich bin nicht in der Lage, mit dir hier ein völlig nüchternes, emotionsloses Gespräch zu führen. Ich habe mit der schwersten Enttäuschung meines Lebens zu kämpfen. Ich laufe Gefahr, meine Liebe zu verlieren. Um mich herum dreht sich alles. Ich bin ratlos. Ich weiß nur eines : dass ich dich nicht verlieren will! Du hast dich also heimlich mit diesem Volker Ahlert getroffen.“

„Nicht heimlich.“

„Hinter meinem Rücken“, sagte Elmar.

„Ohne dein Wissen, das trifft es besser“, korrigierte ihn Tilla.

„Er durfte dir nicht nähertreten als ich. Somit kann ich davon ausgehen, dass zwischen euch nichts gewesen ist.“

„Ich habe nie mit ihm geschlafen“, sagte Tilla, um das völlig klarzustellen.

„Folglich habe ich keinen Grund, mich betrogen zu fühlen“, sagte Elmar.

„Darum geht es auch gar nicht.“

„Mir schon“, widersprach Elmar. „Wenn du Volker Ahlert den Laufpass gibst, steht unserer Ehe nichts weiter im Wege.“

„Das kann ich nicht“, entgegnete die Sekretärin.

„Ich wäre damit einverstanden, dass du ihn als guten Freund behältst“, meinte Elmar konzessionsbereit. „Ich hoffe, ihn bald kennenzulernen. Vielleicht freunde ich mich auch mit ihm an.“

„Elmar, der Grund, weshalb ich mich heute mit dir treffen wollte, ist...“

Sie brach ab und blickte auf das glitzernde Wasser des Mondsees hinaus. Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Kehle. Ach, es war so schwierig, Klarheit zu schaffen.

„Ich fürchte, ich verstehe“, sagte Elmar. „Volker Ahlert und ich haben einen Wettlauf ausgetragen, ohne dass wir es wussten, und mein Rivale kam als erster ins Ziel.“

Tilla senkte traurig den Blick. „Ja, wenn du es so ausdrücken willst.“

„Der Verlierer heißt demnach Elmar Spira“, sagte der junge Lehrer düster. „Warum durften wir nichts voneinander wissen?“

„Es hat sich so ergeben“, antwortete sie.

„Wir hätten uns völlig anders verhalten, wenn wir gewusst hätten, was für uns auf dem Spiel steht.“

„Vielleicht wollte ich gerade das vermeiden“, sagte Tilla ernst. „Würdest du ... mich jetzt bitte nach Hause bringen?“

„Liebst du ihn?“, fragte Elmar.

„Ja“, sagte Tilla ehrlich.

„Seit wann weißt du es?“, wollte er wissen.

„Seit heute“, antwortete die blonde Frau.

„Womit hat er mich ausgestochen?“, wollte Elmar Spira wissen.

„Er ringt mit dem Tod ... Vielleicht wird er sterben ...“

„Ach, dieser Volker Ahlert ist das“, sagte Elmar begreifend. „Der Leiter des Supermarkts ... Ein Gangster hat ihn niedergeschossen... Mir kam der Name gleich irgendwie bekannt vor, aber ich wäre nicht darauf gekommen, dass du mit ihm befreundet bist.“

„Als ich erfuhr, dass man auf ihn geschossen hat und dass er in Lebensgefahr schwebt, wurde mir bewusst, dass ich ihn mehr liebe als irgend jemand anderen“, erklärte Tilla Deltgen.

„Kann es nicht sein, dass du Mitleid mit Liebe verwechselst?“

„Diese Frage habe ich mir auch gestellt“, antwortete Tilla und schüttelte den Kopf. „Nein, ich irre mich nicht. Es ist Liebe.“

Elmar zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch gegen die Frontscheibe.

„Ich habe mir unsere gemeinsame Zukunft so wunderbar vorgestellt“, sagte er.

„Es ... es tut mir leid, Elmar.“

Er sah sie an. „Habe ich dich wirklich verloren, Tilla?“

„Nicht als Freund, wenn dir das genügt.“

Er lachte gallig. „Und ich dachte, heute wäre mein absoluter Glückstag.“

„Bringst du mich jetzt nach Hause?“, fragte sie leise.

„Es wird mir nicht leichtfallen, Volker Ahlert zu mögen“, gestand Elmar Spira. „Für mich ist noch nichts entschieden. Ich werde weiter hoffen.“

„Das hat keinen Zweck, Elmar“, sagte Tilla. „Ich habe mich entschieden, und meine Entscheidung ist unumstößlich.“

„Nichts kann mich daran hindern, zu hoffen, dass sich für mich doch noch alles zum Guten wendet, Tilla“, sagte Elmar Spira so grimmig, dass es der Frau unwillkürlich kalt über den Rücken lief.

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Dr. Berends betrat sein Büro. Veronika Baier, seine Sekretärin, legte ihm eine Liste von Anrufern auf den Schreibtisch. Jene, die um Rückruf gebeten hatten, hatte die MTA mit einem roten Punkt versehen.

Der Leiter der Wiesen-Klinik erledigte die Telefonate nacheinander. Nach dem letzten Gespräch betrat Dr. Charlotte Berends sein Büro. Der Chefarzt drückte auf den Knopf der Gegensprechanlage.

„Veronika, können wir Kaffee haben?“

„Läuft schon durch die Maschine“, erwiderte die Sekretärin.

„Können Sie hellsehen?“, fragte Dr. Berends schmunzelnd.

„Ab und zu“, antwortete sie.

Charlotte setzte sich. Sie hatte Befunde mitgebracht und legte diese vor ihren Mann hin. Sie sah ihn dabei mit ihren hübschen, braunen Augen ernst an.

„Frau Mahn macht mir Sorgen“, sagte die Internistin.

Richard wusste, von wem seine Frau sprach. Erika Mahn, eine betagte Journalistin.

„Ihre Eierstockoperation ist für morgen angesetzt“, sagte Dr. Charlotte Berends, „aber wenn du dir die Befunde ansiehst... Ich weiß nicht, ob es ratsam ist, den Eingriff zu wagen.“

„Wir können nicht warten“, erwiderte der Chefarzt und schlug die Mappe auf, in der sich die Unterlagen befanden.

Veronika Baier brachte den Kaffee und zog sich wieder zurück. Dr. Richard Berends ging die Unterlagen gewissenhaft durch.

„Die Patientin ist stark magersüchtig“, bemerkte seine Frau.

„Wenn wir etwas mehr Zeit hätten, würden wir sie zuerst aufpäppeln, doch die Sache duldet keinen Aufschub, wie du weißt“, sagte Dr. Berends.

„Dann sind Komplikationen nicht auszuschließen.“

„Wir müssen den Eingriff riskieren“, sagte der Chefarzt. „Ich bin mir der Tatsache bewusst, was für die Patientin auf dem Spiel steht. Mir ist klar, dass das morgen eine sehr schwierige Operation werden wird, und ich würde sie nicht in Angriff nehmen, wenn ich wüsste, dass die Patientin absolut keine Chance hat. Es besteht Hoffnung, dass sie’s übersteht.“

Er griff nach der Tasse und nahm einen Schluck.

Dann sprach er mit seiner Frau ab, wie die Patientin auf die Operation vorzubereiten war.

Eine halbe Stunde später sah er nach dem Grundstücksmakler Alfons Eppler, der in die Wiesen-Klinik gekommen war, um sich den Blinddarm entfernen zu lassen.

Der Patient hatte seidiges, flachsblondes Haar, wasserhelle Augen und ein eher nichtssagendes Gesicht. Er war in seinem Beruf sehr erfolgreich, besaß eine Menge Geld, und sein liebstes Thema war alles, was mit der Steuer zusammen hing.

Er stöhnte unter dem gewaltigen Steuerdruck, dem er ausgesetzt war, und nannte das Finanzamt ein „Institut für moderne Christenverfolgung“. Mit gesunder Gesichtsfarbe saß der Patient im Bett und unterhielt sich mit einem jungen brünetten Mann, auf dessen schmaler Nase eine große Schildpattbrille saß.

„Ah, Dr. Berends!“, rief Alfons Eppler, als er den Leiter der Wiesen-Klinik bemerkte. „Darf ich Ihnen meinen Stiefsohn Waldemar vorstellen. Waldemar, das ist Dr. Richard Berends, der Oberboss in dieser schönen Klinik.“ Der Chefarzt reichte dem jungen Mann die Hand. Ihm kam Waldemar Eppler ein wenig gehemmt vor. „Guten Tag“, sagte der Mediziner. „Tag, Dr. Berends“, gab Waldemar Eppler zurück.

„Waldemar ist der Sohn meiner zweiten Frau. Sie brachte ihn mit in die Ehe“, erklärte Alfons Eppler. „Ich liebe ihn wie mein eigen Fleisch und Blut.“

Der junge Mann lächelte verlegen. Er blickte auf seine Uhr und sagte: „Ich muss gehen. Alles Gute, Vater.“

„Wird schon schiefgehen“, erwiderte der Makler. „Mache dir keine Sorgen. In ein paar Tagen bin ich wieder zu Hause.“

„Ich komme morgen wieder.“

„Darum möchte ich gebeten haben“, sagte der Patient.

„Tja, also dann. Auf Wiedersehen, Vater. Auf Wiedersehen, Herr Dr. Berends.“

„Auf Wiedersehen“, sagte der Chefarzt, und Waldemar Eppler ging.

„Ein sympathischer junger Mann“, sagte Dr. Berends.

„Ja, aber leider ein bisschen verklemmt“, bemerkte der Grundstücksmakler. „Macht sich in allen möglichen gemeinnützigen Gesellschaften nützlich. Manchmal kommt es mir vor, er wäre der Ansicht, er müsse an seinen Mitmenschen irgendeine Schuld abtragen. Na, jedenfalls ist er ein herzensguter Junge, der mir sehr viel Freude macht. Seine Mutter, Gott hab sie selig, war da ganz anders. Sehr viel Freude machte sie mir nicht. Sie hat mich nur geheiratet, um versorgt zu sein. Das Geld, das ich ihr gab, warf sie mit beiden Händen zum Fenster hinaus. Schmuck, Pelzmäntel, die neuesten Pariser Kreationen ... Sie musste einfach alles haben. Genau genommen wurde ihr die eigene Gier zum Verhängnis. Sie lag mir so lange in den Ohren, bis ich ihr den Sportwagen kaufte, mit dem sie dann, zusammen mit ihrem Liebhaber, in den Tod raste. Waldemar ist in jeder Beziehung anders als seine Mutter. Der freut sich schon schrecklich darauf, mich pflegen zu können, wenn ich nach Hause komme. Immer muss er andern Menschen helfen. Er kann nicht anders. Er wäre unglücklich, wenn man es ihm verbieten würde.“ Eppler schob die Hände hinter seinen Kopf. „Heute gehen wir’s also an.“

„Haben Sie Angst davor?“

Alfons Eppler lächelte. „Nee. Ich weiß doch, wer mich operiert. Sie haben mein vollstes Vertrauen, Dr. Berends.“

„Ich werde mich Ihres Vertrauens würdig erweisen“, gab der Chefarzt schmunzelnd zurück.

„Eine Blinddarmoperation ist heutzutage eine Kleinigkeit. Viel weniger schmerzhaft als die Steuer, die man mir jährlich aufbrummt. Ich sage Ihnen, da gehen Sie ganz schön in die Knie, wenn Sie den Steuerbescheid kriegen. Mit dem Riechsalz muss man mir jedes mal wieder auf die Beine helfen. Irgendwann wird aber auch das nicht mehr helfen. Dann bleibe ich liegen, und den Steuerbehörden muss ein weiteres Opfer angelastet werden.“

„Ich bin sicher, Sie nützen alle Absetzmöglichkeiten“, sagte Dr. Berends.

„Das ist doch wohl klar, aber es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Was etwas mehr bringen würde, wäre eine Beteiligung an einem Unternehmen, das Verluste abwirft. Damit ließe sich die Steuerbelastung auf ein erträgliches Maß reduzieren, aber so einfach ist das auch wieder nicht. Natürlich gäbe es genug Firmen, in denen ich mein Geld arbeiten lassen könnte, aber zumeist sind es Unternehmen, die sich auf einer Talfahrt befinden, die man nur noch verlangsamen, jedoch nicht mehr aufhalten kann. Ich bin zwar nicht wasserscheu, aber ich halte vom Baden gehen trotzdem nichts.“ Der Patient hob die Brauen. „Wäre die Wiesen-Klinik eventuell an einer kräftigen Finanzspritze interessiert?“

„Ich bin zwar nur indirekt für die Finanzen dieses Hauses verantwortlich, aber dass wir keine Verluste abwerfen, weiß ich genau“, sagte Dr. Berends lächelnd. „Wenn hier jemand eine Spritze nötig hat, sind Sie das. Ich werde Ihnen Schwester Marga schicken.“

„Sie machen wohl ernst, wie?“

„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“, gab Dr. Berends zurück.

„Ich habe auch noch nie etwas auf die lange Bank geschoben“, sagte Alfons Eppler. „Einverstanden. Bringen wir’s hinter uns ...“ Er setzte sich auf. „Man wird mich rasieren, wie?“

„Ja, das muss sein.“

Eppler kräuselte die Nase. „Ist ein bisschen peinlich.“

Dr. Berends lächelte. „Ach, wissen Sie, unsere Schwestern haben das schon so oft getan, die gucken da gar nicht mehr richtig hin.“

„Das sollten sie aber. Mit so ’nem Rasiermesser kann man nämlich verdammt großen Schaden anrichten.“

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Dr. Berends betrat den OP. Die Narkoseärztin nahm sich soeben des Patienten an. Reglos lag Alfons Eppler auf dem Operationstisch.

Unter streng sterilen Bedingungen wurde das Operationsfeld gewaschen, mit Alkohol eingerieben und mit sterilen Tüchern abgedeckt. Eine Appendektomie war tatsächlich nichts Großartiges. Dennoch nahm das Operationsteam seine Aufgabe ernst.

Naturgemäß hatte Dr. Berends nicht zu allen Patienten die gleiche Beziehung, aber er ließ ihnen allen die gleiche Behandlung angedeihen, ob sie ihm nun mehr oder weniger sympathisch waren.

Alfons Eppler hatte einen besonders guten Eindruck auf ihn gemacht, und er konnte sich vorstellen, mit dem Patienten auch nach seiner Entlassung in Kontakt zu bleiben.

Der Chefarzt warf der Anästhesistin einen fragenden Blick zu. „Sind Sie soweit, Frau Kollegin?“

Die „Gräfin“, wie Dr. Doris von Ringsdorff manchmal scherzhaft genannt wurde, weil sie tatsächlich eine echte Comtesse gewesen war, bevor sie Dr. jur. Karsten von Ringsdorff geheiratet hatte, nickte.

„Ja, Herr Chefarzt.“

Dr. Berends betrachtete den Patienten. „Er fürchtet sich vor keiner Operation so sehr wie vorm Finanzamt.“

„So hat eben jeder seine Achillesferse“, meinte Dr. Büttner.

Es war warm im Operationssaal, aber daran waren Dr. Berends und Dr. Büttner gewöhnt. Für den Patienten war es sehr wichtig, dass im OP eine gleichbleibende Temperatur und eine konstante Luftfeuchtigkeit von sechzig Prozent herrschten.

Die Klimaanlage hielt eine Temperatur von zweiundzwanzig Grad Celsius, und ihr Keimfilter sorgte für eine absolut saubere Luft.

Dr. Berends kontrollierte die Werte des Blutdrucks, Puls und der Atemfrequenz. Zufrieden nickend sagte er: „Wir können beginnen.“

Schwester Thea gab ihm das Skalpell. Er setzte es entschlossen an und führte den bei der Appendektomie üblichen Zickzackschnitt durch. Sobald das Bauchfell geöffnet war, wurde der entzündete Blinddarm sichtbar.

„War höchste Zeit, dass wir uns darum kümmerten“, bemerkte Dr. Jürgen Büttner.

„Sieht schlimmer aus, als ich dachte“, meinte Dr. Berends. „Manchmal legt man mit dem Skalpell auch unangenehme Überraschungen frei.“

Allmählich begann Dr. Berends zu schwitzen. Die Hitze, die die Lampen abstrahlten, durfte nicht unterschätzt werden. Sie belastete den Chirurgen manchmal mehr als die nervliche Anspannung.

Der Mediziner wandte sich kurz der Operationsschwester zu und ließ sich von ihr den Schweiß abwischen. Dann arbeitete er weiter.

„Wie sind die Werte?“, fragte er zwischendurch.

„Alles in Ordnung“, antwortete die Narkoseärztin.

Die Operation verlief mit einer Präzision, die keine Komplikationen erwarten ließ. Bald würde Alfons Eppler wieder Geld scheffeln und über die Daumenschrauben klagen, die ihm das Finanzamt angelegt hatte.

Das Zökum, der Blinddarm, war deutlich an den bandartigen, muskulären Längsstreifen zu erkennen. Dr. Berends löste die kleine Verwachsung am unteren Ende vorsichtig.

Aufmerksam überwachte Dr. Doris von Ringsdorff den Zustand des Patienten. Dr. Berends, quetschte die Appendix an ihrem Ende ab. Nachdem er die Querfurche mit einem Seidenband abgebunden hatte, verlangte er: „Klemme!“

Schwester Thea reichte sie ihm, und er klemmte das fortfallende Teil nochmals ab.

„Das hätten wir“, sagte er zufrieden. „Nun kommt die Feinarbeit.“

Die Operationsschwester wischte ihm wieder den Schweiß ab. Nach wie vor atmete Alfons Eppler ruhig und gleichmäßig. Der Chefarzt wandte sich an Dr. Büttner.

„Möchten Sie die Etagennaht machen?“

Der junge Chirurg nickte. Dr. Berends trat zur Seite, und Dr. Büttner setzte die Stiche exakt und konzentriert.

Nachdem der junge Chirurg mit dieser Arbeit fertig war, begab sich Dr. Berends mit ihm in den Waschraum.

„Wäre herrlich, wenn alle Operationen so problemlos verliefen“, sagte Dr. Büttner. „Ehrlich gesagt, wenn ich an morgen denke, habe ich gleich ein flaues Gefühl im Magen.“

„Wegen der Eierstockoperation?“

„Das wird alles andere als ein Kinderspiel sein“, sagte Dr. Büttner.

„Dennoch bin ich zuversichtlich, dass wir der Patientin helfen können“, sagte Dr. Berends.

„Sie meinen also, wir bringen Frau Mahn durch?“

„Sie nicht?“, wollte der Chefarzt wissen.

Dr. Büttner lächelte dünn. „Welche Antwort möchten Sie hören, Herr Chefarzt.“

„Eine ehrliche.“

„Naja, also ... Also ich glaube auch, dass wir der Frau helfen können. Aber leicht wird es nicht sein.“

„Das habe ich nicht behauptet“, sagte Dr. Berends. Er trocknete sich die Hände ab. „Darf ich Ihnen etwas verraten, Herr Kollege? Ihr Optimismus ist angenehm ansteckend.“

Dr. Büttner schaute ihn überrascht an. „Mein Optimismus? Der geht doch von Ihnen aus.“

Dr. Berends erwiderte nichts darauf. Er verließ den Waschraum, um sich seinen anderen Aufgaben zu widmen.

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Tilla Deltgen hatte geahnt, dass es nicht einfach sein würde, sich von Elmar Spira zu trennen. Ein Mann wie er gab nicht so schnell auf. Sie hatte ihm zwar einen Tiefschlag versetzt, aber er erholte sich davon und war entschlossen, um Tilla, um sein Glück zu kämpfen.

Wenn er doch nur einsehen würde, dass es keinen Sinn hat, dachte die Frau. Wir können nur noch gute Freunde sein, aber diese Freundschaft hat keine Aussicht mehr, sich weiterzuentwickeln. Sie hat ein totes Geleis erreicht.

Elmar wollte davon jedoch nichts wissen. Er fing an, lästig zu werden, schickte einen großen Strauß roter Rosen, und auf dem beigefügten Kärtchen stand: ,JCH LIEBE DICH TROTZDEM!'

Er war trotzig geworden, konnte sich nicht damit abfinden, dass er verloren hatte. Er wollte Tilla und sich selbst beweisen, dass er kein Verlierer war.

Und er machte damit der Sekretärin und sich selbst das Leben unnötig schwer. Es wäre vernünftiger gewesen, die Tatsachen zu akzeptieren.

Elmar rief an. „Hast du meine Rosen bekommen?“, fragte er.

„Ja“, antwortete Tilla knapp. „Gefallen sie dir? Es sind rote Rosen. Rot ist die Farbe der Liebe.“

„Elmar, warum tust du das?“, fragte die Frau vorwurfsvoll.

„Der Grund steht auf dem Kärtchen“, gab der junge Lehrer zurück. „Ich sehe nicht ein, warum ich kampflos das Feld für Volker Ahlert räumen soll.“

„Begreifst du nicht, dass du damit genau das Gegenteil von dem erreichst, was du erreichen willst?“

„Im Moment befindet sich Ahlert mir gegenüber im Vorteil, das muss ich leider zugeben“, sagte Elmar. „Aber so muss es nicht bleiben. Du hast zwar gesagt, es wäre kein Mitleid im Spiel, aber ich bin davon nicht überzeugt. Ahlert wird genesen, und wenn sie ihn wieder auf die Beine gestellt haben, wird das Mitleid wegfallen. Dann haben wir die gleichen Chancen.“

„Du irrst dich, Elmar.“

„Fest steht doch, dass du erst zu wissen glaubst, dass du ihn liebst, seit du erfahren hast, dass er in der Wiesen-Klinik liegt“, sagte der Lehrer.

„Bis dahin warst du nicht sicher. Sein Schicksal gab den Ausschlag.“

„Es hat mir die Augen geöffnet und mir den Mann gezeigt, dem ich meine Liebe schenken soll“, erwiderte Tilla.

„Ich biete dir nach wie vor ein glückliches Leben an meiner Seite“, sagte Elmar. „Ich würde dich auf Händen tragen und dir jeden Wunsch von den Augen ablesen. Glaubst du, dass Ahlert das auch tun wird?“

„Ich bin davon überzeugt“, antwortete Tilla steif.

„Es wird eine Weile dauern, bis er kräftig genug ist, dich wirklich zu tragen.“

„Das war jetzt hässlich, Elmar.“

„Entschuldige, aber du musst mich verstehen“, sagte der Lehrer. „Ich bin unglücklich, enttäuscht, verzweifelt.“

„Bitte rufe mich nicht mehr an, Elmar.“

„Das ... das darfst du nicht von mir verlangen!“, schrie der Mann erregt.

„Unser Gespräch würde immer in den gleichen Bahnen verlaufen. Du würdest mir sagen, dass du mich trotzdem, oder jetzt erst recht liebst, und ich würde dir vergeblich klarzumachen versuchen, dass es keinen Sinn hat. Ersparen wir uns das doch, Elmar.“

„Ich muss dich unbedingt sehen, Tilla“, sagte der verzweifelte Mann.

„Wozu?“, fragte sie kühl.

„Wir müssen miteinander reden ..“

„Das tun wir doch“, entgegnete die Sekretärin.

„Ich möchte dich dabei ansehen“, sagte Elmar.

„Ich wüsste nicht, wozu das gut sein sollte“, erwiderte Tilla Deltgen und legte auf.

Er rief sofort wieder an, doch sie hob nicht ab. Daraufhin schickte er ihr ein Telegramm, in dem er sie um eine Aussprache anflehte. Sie solle ihn anrufen, stand in dem Telegramm, aber sie tat es nicht.

Er schickte wieder Blumen, noch einmal Rosen, aber diesmal waren sie nicht rot, sondern gelb. Es lag kein Kärtchen dabei. Elmar dachte wohl, die wunderschönen Teerosen würden für sich sprechen, und Tilla verstand: Gelb ist die Farbe der Eifersucht!

Als Elmar erneut anrief, hob sie doch wieder ab, und sie schrie zornig: „Jetzt hast du es geschafft!“

„Was habe ich geschafft?“, wollte der Lehrer wissen.

„Dass ich endgültig genug von dir habe! Ich dachte, wir könnten Freunde bleiben, aber das ist unmöglich! Du gehörst zu den Menschen, denen es nicht genügt, wenn man ihnen den kleinen Finger reicht. Du willst unbedingt die ganze Hand!“

„Ich will dich, Tilla“, sagte Elmar.

„Aber mich kannst du nicht haben! Ich habe nur ein Herz, und das gehört Volker Ahlert“, erklärte Tilla leidenschaftlich.

„Was so eine Kugel doch für einen großen Schaden anrichten kann“, sagte Elmar Spira grimmig.

„Du solltest dich schämen, so zu reden.“

„Ich sage, was ich mir denke. Ich bin ehrlich zu dir, Tilla. Ich war immer ehrlich, aber an Aufrichtigkeit scheint dir nicht allzu viel zu liegen. Man muss ein Märtyrer sein, um bei dir Chancen zu haben.“

„Du weißt ja nicht mehr, was du redest!“, sagte Tilla barsch und beendete das Gespräch.

Als sie eine Stunde später das Haus verließ, trat Elmar auf sie zu. Sie wollte auf die andere Straßenseite hinübergehen, doch er griff blitzschnell nach ihrem Arm und hielt sie fest.

„Lass mich los!“, befahl die Frau wütend.

„Auf ein Wort, Tilla. Bitte“, flehte er.

„Du tust mir weh!“

„Das tut mir leid“, sagte er, und sein Griff lockerte sich. Nun konnte sich Tilla losreißen, aber sie blieb stehen. „Du hast mir ebenfalls sehr weh getan“, beklagte sich Elmar.

„Es ließ sich nicht vermeiden.“

„Bitte komm mit mir. Wir setzen uns in ein Lokal, trinken etwas und reden über alles, ja?“

„Nein“, lehnte Tilla schroff ab. „Das führt doch zu nichts.“

„Du hattest vorhin am Telefon recht. Ich wusste nicht, was ich rede“, gab Elmar Spira zu. „Ich geriet aus der Fassung. Es wird nicht wieder vorkommen, das verspreche ich. Ich werde mich zusammennehmen, Tilla. Du brauchst dich bestimmt nie mehr über mich zu ärgern. Kommst du mit, ja? Nur auf eine halbe Stunde. Was ist schon eine halbe Stunde, Tilla? Bin ich dir keine dreißig Minuten mehr wert? Volker Ahlert darf für den Rest seines Lebens mit dir zusammen sein, und mir willst du nicht einmal eine halbe Stunde gönnen?“

Sie seufzte geplagt. „Na schön.“

Seine Augen glänzten. „Wohin wollen wir gehen?“, fragte er schnell.

„Das ist mir egal“, antwortete sie.

Er wies auf seinen neuen Wagen, der nicht weit von ihnen entfernt stand. „Vertraust du mir? Steigst du ein?“

Steig lieber nicht ein, riet ihr eine innere Stimme. Wer weiß, was er vorhat. In seinem Wagen bist du ihm ausgeliefert. Sei vorsichtig. Der Schmerz, den du ihm zugefügt hast, könnte ihn unberechenbar gemacht haben.

Aber sie riskierte es doch, und es geschah nichts. Elmar fuhr mit ihr nur ins Zentrum von Bergesfelden, und wenig später saß sie ihm in einer Konditorei an einem kleinen Tisch für zwei Personen bei Kuchen und Kaffee gegenüber.

Elmar breitete die Arme aus. „Ich gebe mich geschlagen, Tilla, und möchte dir ein Friedensangebot unterbreiten. Ich war kurze Zeit verrückt, nicht zurechnungsfähig. Das ist vorbei. Ich bin zur Einsicht gekommen. Ehe ich dich ganz verliere, bin ich bereit, dankbar anzunehmen, was du mir zu geben hast. Wir wollen Freunde sein, ja? Die besten, die es gibt. Solche Freundschaften halten oft länger als eine Ehe. Oh, damit wollte ich natürlich nicht sagen, dass deine Ehe mit Volker Ahlert, falls es dazu kommen sollte ... Ich rede schon wieder dummes Zeug. Natürlich wird es dazu kommen. Du hast dich für Ahlert entschieden. Er wird dich mit Handkuss nehmen, und ich wünsche euch alles Glück dieser Welt. Wenn du mal Kummer haben solltest, wenn du mal den Wunsch haben solltest, dich bei jemandem auszusprechen, komm zu Elmar. Meine Tür wird immer für dich offen sein, solange ich lebe.“

Tilla nickte. „Danke, Elmar. Dieses Angebot kann ich akzeptieren.“

Er legte seine Hand auf ihre und sah ihr in die Augen. „Darf ich dich trotzdem lieben? Ganz im geheimen. Ganz für mich allein.“

Sie lächelte. „Ich wüsste nicht, wer dir das verwehren könnte.“

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Volker Ahlert hatte keine Ahnung, wie schlimm es um ihn gestanden hatte. Er war medikamentös ruhiggestellt worden und hatte viel geschlafen.

Zwischendurch war er immer wieder kurz bei Bewusstsein gewesen, ehe er in den nächsten bleiernen Schlaf versank. Bei jedem Erwachen nahm er mehr von seiner Umgebung wahr.

Er sah Schläuche, Drähte und Sonden und hörte die medizinisch technischen Geräte arbeiten. Manchmal sah er eine Krankenschwester oder einen Arzt, aber er konnte sich nicht mitteilen, war zu müde dazu. Er wusste, dass man ihn betreute und ließ sich vertrauensvoll treiben. Man würde tun, was möglich war, um ihn wieder auf die Beine zu stellen.

Später würde er mithelfen. Später, wenn er ein bisschen kräftiger geworden war.

In hellen Augenblicken erlebte er den Überfall noch einmal, aber er regte sich nicht auf. Alles lief vor seinem geistigen Auge wie ein Film ab, den er sich als unbeteiligter Zuschauer ansah.

Der Räuber hatte Susanne Egner niedergeschlagen und dann auf ihn geschossen. Volker Ahlert hatte den Eindruck, dass der Mann auf jeden Fall auf ihn gefeuert hätte.

Auch dann, wenn er sich nicht auf ihn zu stürzen versucht hätte, um Susanne Egner beizustehen. Geld ist ein Fluch, dachte Volker Ahlert. Manche Menschen tun alles dafür. Sie sind sogar bereit, ihre Seele zu verkaufen.

Als er wieder einmal erwachte, war eine hübsche, freundliche Krankenschwester da und fragte ihn, wie er sich fühle. Es ging ihm schon ein bisschen besser, und er sagte ihr das.

Er fühlte sich zwar immer noch schrecklich matt, aber er hatte Appetit, und das war ein gutes Zeichen. Er bekam Schonkost, die seinen Organismus nicht belastete, und nachdem er die Mahlzeit eingenommen hatte, übermannte ihn wieder ein tiefer Schlaf.

Irgendwann berührte ihn jemand. Er wurde davon wach und öffnete die Augen. Diesmal sah er einen freundlichen jungen Mann. „Ich bin Dr. Jürgen Büttner“, sagte er. „Sie tun genau das Richtige, Herr Ahlert. Sie schlafen sich gesund.“

„Ist das hier die Intensivstation?“, fragte der Patient schleppend.

„Ja. Hier lässt man Sie keinen Augenblick lang aus den Augen. Wenn keiner vom Personal in Ihrer Nähe ist, überwachen diese Apparate Ihre Lebensfunktionen. Bei einer Verschlechterung Ihres Zustands würden sie sofort Alarm schlagen. Erfreulicherweise gab es bisher keine Verschlechterung. Es geht mit Ihnen langsam, aber stetig aufwärts.“

„Als mich die Kugel traf, dachte ich, es wäre aus.“

„Sie hatten großes Glück“, gab Dr. Büttner zu. „Das Geschoss saß ziemlich dicht am Herzen.“

„Haben Sie mich operiert?“

„Zusammen mit unserem Chefarzt Dr. Berends. Einem besseren Chirurgen hätten Sie nicht unters Messer kommen können. Er wird nachher selbst nach Ihnen sehen.“

„Wie schlimm stand es um mich, als ich eingeliefert wurde?“, fragte der Patient.

Dr. Jürgen Büttner wiegte die Hand. „Sehr schlimm. Um so erfreulicher ist es, zu sehen, dass Sie sich auf dem Wege der Besserung befinden. Für mich stand außer Zweifel, dass Sie es schaffen würden. Sie sind jung und kräftig.“

„Kräftig.“ Volker Ahlert lächelte dünn. „Noch nie fühlte ich mich so schlapp.“

„Sie werden bald wieder Bäume ausreißen können“, erklärte der junge Chirurg.

„Ja, aber frisch gepflanzte.“

Dr. Büttner schmunzelte. „Na bitte, Ihren Humor haben Sie bereits wieder.“

Er ging, und zehn Minuten später betrat Dr. Berends das Krankenzimmer. Der Chefarzt nannte seinen Namen, und Volker Ahlert sagte: „Sie sind also der Mann, dem ich mein Leben verdanke.“

„Wieso?“, entgegnete der Mediziner.

„Sie haben mich operiert.“

„Ein Chirurg kann nur so gut sein, wie es das Team, mit dem er zusammenarbeitet, zulässt“, erwiderte der Leiter der Wiesen-Klinik bescheiden. „Ihr Dank gebührt mir nicht allein. Ich werde ihn an meine Mitarbeiter weiterleiten. Fühlen Sie sich stark genug, um eine erfreuliche Mitteilung zu verkraften?“

„Ich glaube schon.“

„Frau Tilla Deltgen war hier“, sagte Dr. Berends. „Wir konnten sie leider nicht zu Ihnen lassen. Sie wollte das zuerst nicht einsehen ..“

„Meine liebe, gute Tilla.“

„Auch eine freudige Erregung hätte Ihnen schaden können“, sagte Dr. Berends. „Frau Deltgen war zunächst sehr wütend, weil sie nicht zu Ihnen durfte. Ich konnte sie aber dann davon überzeugen, dass für Sie nichts wichtiger ist als Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe. Sie scheint Sie sehr gern zu haben.“

„Ja“, sagte der Patient leise und sehr glücklich. „Wenn ich ehrlich sein soll... Ich wusste das gar nicht. Ich dachte, ich würde sie viel mehr mögen als sie mich. Wann wird sie wiederkommen, Dr. Berends? Sie wird doch wiederkommen?“

Der Chefarzt schmunzelte. „Davon wird sie niemand abhalten können. Ich habe sie gebeten, Ihnen zwei Tage Zeit zu lassen, und sie wird so vernünftig sein, sich an die gegebene Zusage zu halten.“

„Ich liebe diese Frau, Dr. Berends.“

„Ich bin sicher, dass Frau Deltgen Ihre Liebe nicht nur wert ist, sondern auch von ganzem Herzen erwidert“, erwiderte der Leiter der Wiesen-Klinik. „An Ihrer Stelle würde ich nun zusehen, so rasch wie möglich gesund zu werden, für Tilla.“

„Für Tilla, ja“, sagte Volker Ahlert begeistert. „Ich werde wieder gesund  für meine innigst geliebte Tilla!“

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Die Operation an der betagten Journalistin Erika Mahn wurde für das Team zu einem harten Prüfstein. Zweimal war die magersüchtige Patientin klinisch tot.

Zweimal holte Dr. Berends sie ins Leben zurück. Trotzig kämpfte er gegen alle Widernisse an. Fünf Stunden operierte er. Es waren die schlimmsten fünf Stunden seines Lebens, aber er gab nicht auf. Er ließ sich nicht unterkriegen. Er wusste, dass die Frau eine geringe Überlebenschance hatte, und darum kämpfte er mit zäher Verbissenheit.

Und er gewann!

Das Team feierte ihn wie einen Helden, der eine aussichtslos scheinende Schlacht siegreich beendet hatte, doch Dr. Berends sagte seinen Mitarbeitern das Gleiche, was er Volker Ahlert gesagt hatte: „Ein Chirurg kann nur so gut sein, wie es das Team, mit dem er zusammenarbeitet, zulässt.“

Er begab sich erschöpft, aber glücklich in sein Büro. Wenn solch schwierige Operationen erfolgreich verliefen, fühlte er sich hinterher immer großartig.

Er hatte das Bedürfnis, seine Freude jemandem mitzuteilen. Wer war dafür besser geeignet, ihm sein Ohr zu leihen, als seine Frau. Dr. Charlotte Berends arbeitete nur halbtags in der Wiesen-Klinik.

Ein Blick auf die Uhr sagte dem Chefarzt, dass seine Frau inzwischen zu Hause eingetroffen sein musste. Er rief daheim an.

„Bei Dr. Berends“, meldete sich Therese Mansfeld.

„Hallo, mein Augenstern, wie geht es Ihnen?“, fragte der Chefarzt.

„Herr Doktor“, erwiderte die Haushälterin überrascht. „Ist etwas passiert?“

„Wieso?“, wollte er wissen.

„Weil Sie so fröhlich klingen“, antwortete Therese Mansfeld.

„Bin ich für gewöhnlich denn ein so unleidlicher Griesgram?“

„Das habe ich nicht gesagt, Herr Doktor!“, wehrte Frau Mansfeld sogleich ab.

„Also. Wie geht es Ihnen?“, fragte er nochmals.

„Gut. Und ... wie geht es Ihnen?“

„Prächtig“, antwortete der Chefarzt.

„Das freut mich für Sie“, sagte die Haushälterin ein wenig verwirrt.

„Ist meine Frau da?“, erkundigte sich Dr. Berends.

„Soeben eingetroffen. Soll ich sie rufen?“

„Ich bitte darum“, sagte Dr. Berends.

„Einen Augenblick“, sagte die Haushälterin. Dann hörte er ihre gedämpfte Stimme: „Frau Doktor... Es ist Ihr Mann ... Ich weiß nicht, er klingt so... so sonderbar... Er trinkt doch niemals in der Klinik.“

„Hallo, Richard“, meldete sich Charlotte. „Die Operation ist erfolgreich verlaufen, nicht wahr? Frau Mansfeld denkt, du hättest was getrunken.“

„Sage ihr, ich werde ihr tüchtig den Kopf waschen, wenn ich nach Hause komme!“, rief Dr. Berends mit gespieltem Unmut. „Ja, wir haben es geschafft. Der Patientin geht es den Umständen entsprechend gut. Weißt du, wonach mir heute ist?“

„In solchen Fällen gehst du gern mit mir aus“, erwiderte Charlotte.

„Sehr richtig. Ich möchte uns beiden eine kleine Freude machen. Was hältst du davon?“

„Sehr viel“, antwortete Charlotte. „Ich rufe gleich meinen Friseur an, und anschließend kaufe ich mir das neue Kleid, das wir neulich gesehen haben, und das dir so gut gefiel.“

Richard seufzte. „Wie sagte schon der weise Geheimrat Goethe: Es ist im Leben hässlich eingerichtet, dass neben den Rosen gleich die Dornen stehen.“

„Aber Richard, du weißt doch, dass ich nichts anzuziehen habe.“

„Wie alle Frauen hast auch du einen Schrank voll nichts anzuziehen, du Ärmste“, sagte der Chefarzt schmunzelnd. „Wenn ich Zeit habe, werde ich dich mal so richtig bedauern.“

Als er später nach Hause kam, empfing ihn Charlotte mit einer tollen Frisur und einem atemberaubenden Kleid.

Er stieß einen überwältigten Pfiff aus. „Donnerwetter. Ich ahnte ja nicht, dass das Kleid so schön ist.“

„Tja, es kommt eben immer auch ein bisschen auf den Inhalt an“, sagte die junge Frau schmunzelnd.

„Der Inhalt. Oja, der hat es mir schon vor langer Zeit angetan.“

„Tu nicht so, als befänden wir beide uns schon im Greisenalter“, sagte Charlotte.

„Also ich bin noch nicht einmal in den besten Jahren“, sagte Richard.

„Ach  nicht?“, bemerkte die Internistin verwundert.

„Weißt du, die Sache ist nämlich die“, klärte der Chefarzt seine Frau auf. „Wenn ein Mann behauptet, er wäre in den besten Jahren, hat er die guten bereits hinter sich.“

Sie speisten in ihrem Stammrestaurant zu Abend, und Dr. Berends leistete sich zur Feier des Tages einen erlesenen Wein aus der Kellerei des Barons Rothschild.

Und sie leerten die Flasche auf Erika Mahns Wohl. Später, wieder zu Hause, sagte Charlotte: „Das war der schönste Abend seit langem.“

„Pst“, machte Richard und legte ihr den Finger auf den Mund. „Nicht so laut, sonst weckst du den kleinen Michael. Und Frau Mansfeld schläft bestimmt auch schon.“

„Zumindest tut sie so“, meinte Dr. Charlotte Berends. „In Wirklichkeit aber schließt sie kein Auge, bevor du nicht zu Hause bist.“

„Sie ist wie meine Mutter. Wenn ich mal die ganze Nacht fortblieb, sah ich ihr am nächsten Morgen an, dass sie nicht geschlafen hatte.“

Charlotte bohrte ihren Zeigefinger zwischen Richards Rippen. „Mich würde brennend interessieren, wo du dich damals so herumgetrieben hast.“

Richard lächelte. „Der Kavalier genießt und schweigt.“

„Auch noch nach so langer Zeit?“

„So etwas verjährt nicht“, sagte der Mediziner und begab sich mit seiner Frau nach oben.

Als sie dann im gemeinsamen Ehebett lagen, kuschelte sich Charlotte eng an ihn. „Ach, Richard, könnten nicht alle Tage so sein?“

„Ich hätte nichts dagegen, aber es bestünde die Gefahr, dass wir uns schnell daran gewöhnen. Und dann könnten wir uns über solche Tage gar nicht mehr richtig freuen. Es muss ab und zu ein Tief geben. Damit wir das Hoch dann um so mehr zu schätzen wissen.“

Charlotte küsste ihn auf den Mund. „Du bist ein sehr kluger, sehr weiser Mann, und ich liebe dich. Sag, wie war das damals, als du noch jung warst und deiner Mutter schlaflose Nächte bereitet hast. Willst du mir nicht doch verraten, was du damals angestellt hast?“

„Nein.“

„Warum nicht?“, fragte Charlotte enttäuscht.

„Weil du nicht alles zu wissen brauchst“, erklärte er.

„Ich bin deine Frau.“

„Eben“, sagte Dr. Berends amüsiert. „Was soll nun das schon wieder heißen?“, fragte die Medizinerin und wollte sich aufrichten, doch er legte seine Hand auf ihren Nacken und drückte sie an sich.

„Auch wir Männer sollten das eine oder andere kleine Geheimnis haben“, sagte er.

„Wozu?“, fragte Charlotte.

„Damit wir für euch interessant bleiben“, antwortete Richard.

„Stört es dich nicht, dass mich die Neugier langsam auffrisst?“, wollte sie wissen.

„Nicht im Geringsten“, gab er belustigt zurück.

Sie schwieg eine Weile. Er streichelte sie zärtlich und war glücklich mit ihr.

„Richard“, sagte Charlotte in die Stille hinein.

„Hm?“, gab er zurück.

„Ich liebe dich sehr“, gestand sie leise.

„Ich dich auch, mein Liebling“, antwortete der Mann und küsste Charlotte zärtlich.

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Volker Ahlert wurde von der Intensivstation in Alfons Epplers Zimmer verlegt. Der Grundstücksmakler hatte den Eingriff großartig überstanden, er ging schon, ein wenig schief und krumm, allein zur Toilette.

Volker war noch nicht soweit. Dennoch war der Grundstücksmakler froh, dass jemand da war, mit dem er sich unterhalten konnte.

„Der Überfall erregte einiges Aufsehen“, sagte Alfons Eppler. „Nicht nur in Bergesfelden.“

„Jetzt wird für ein paar Tage der Umsatz nach oben schnellen“, sagte Volker gallig. „Von weither werden die Leute kommen, um sich den Tatort anzusehen. Mit keinem noch so groß angelegten Werbefeldzug hätten wir das erreicht.“

Eppler winkte ab. „Frisst ja doch alles die Steuer ... Hatten Sie Angst, als Ihnen dieser Kerl entgegentrat?“

„Nein.“

„Sie sind wohl einer von denen, die fürs Heldentum geboren wurden.“

„Das nicht, aber es ging alles so schnell, dass ich keine Zeit hatte, Angst zu haben“, entgegnete Volker Ahlert.

„Wären Sie in der Lage, den Täter zu entlarven?“

„Wie denn?“, fragte Volker Ahlert. „Er trug eine Lederkleidung, wie sie Hunderte von Motorradfahrern besitzen.“

„Und was ist mit seinem Gesicht?“

„Er hatte einen Sturzhelm auf, das getönte Visier war geschlossen. Ich habe kein Gesicht gesehen“, sagte Volker.

„Stimmt es, dass ihm dreihunderttausend Euro in die Hände fielen?“, erkundigte sich der Grundstücksmakler. „Die Medien machen gern ein bisschen mehr draus.“

„Diesmal nicht“, antwortete Volker Ahlert.

„Dreihunderttausend Euro“, sagte Alfons Eppler und wiegte den Kopf. „Und die braucht er noch nicht einmal zu versteuern.“

„Das Geld wird ihm kein Glück bringen“, sagte Volker grimmig. „Er hat es unrechtmäßig erworben.“

„Denken Sie, der hat deswegen Gewissensbisse? Nicht alle Menschen sind so ehrlich wie wir beide, Herr Ahlert. Wir tun nie etwas Unrechtes, zahlen immer brav unsere Steuern ... Leider gibt es auch andere. Denen ist es egal, woher das Geld kommt, das sie ausgeben. Hauptsache sie brauchten dafür nicht zu arbeiten. Die stört es nicht, wenn Blut an den Scheinen klebt. Wenn sie kein Geld mehr haben, weil sie’s verjubelt und verprasst haben, holen sie die Kanone aus dem Schrank und verschaffen sich Nachschub. Und das Finanzamt lässt sie ungeschoren. Man hält sich an uns, verstehen Sie? Denn das ist einfacher. Unsere Namen sind bekannt, befinden sich im Computer.

Wir haben über unsere Einkünfte genaueste Angaben zu machen. Wehe, Sie vergessen mal irgendetwas anzugeben. Glauben Sie, man kauft Ihnen das ab? Niemals! Man denkt sofort, Sie hätten das Finanzamt betrügen wollen. Ich war kürzlich in Österreich. Da ruft man die Leute gerade zur Zeckenimpfung auf. Sie wissen, was eine Zecke ist? Man nennt sie auch den gemeinen Holzbock. Das sind lästige Blutsauger. Gegen die kann man sich impfen lassen. Aber haben Sie schon mal gehört, dass es Impfungen gegen Finanzbeamte gibt? Das wissen die wohlweislich zu unterbinden. Ich sehe ja ein, dass Steuern sein müssen. Aber stellen die mit meinem Geld auch etwas Vernünftiges an? Mitnichten. Jeder Möchte-Gern-Dichter wird subventioniert, und teure Waffen werden gekauft, damit man den Frieden erhalten kann. Mit Waffen! So ein Blödsinn. Wie könnte man Kriege führen, wenn niemand eine Waffe besäße? Was glauben Sie, wie viele Leute mit meinem Geld ein schlaues Leben führen ... Ach, ich rede lieber nicht weiter. Es hat ja doch keinen Zweck. Ich rege mich nur unnötig auf, und das verlangsamt meine Heilung.“

Eine Krankenschwester betrat das Zimmer und verteilte die Thermometer.

„Eine Schwester hübscher als die andere“, sagte Alfons Eppler grinsend. „Es ist die reinste Freude, in der Wiesen-Klinik zu liegen.“

„Sie können gern noch ein paar Tage anhängen, wenn es Ihnen bei uns so gut gefällt“, entgegnete die Schwester schlagfertig.

„Also wenn ich mir’s aussuchen darf, würde ich Sie doch lieber außerhalb der Klinik treffen“, sagte der Grundstücksmakler.

„Einverstanden. Darf ich meinen Verlobten mitbringen?“

„Ihren Verlobten? Was soll ich denn mit dem anfangen?“, fragte der Mann.

„Er lässt mich in meiner Freizeit keinen Moment aus den Augen“, sagte die Krankenschwester.

„Und das lassen Sie sich gefallen?“, fragte Alfons Eppler.

„Was soll ich machen? Ich bin eine schwache Frau.“ Sie verließ lächelnd das Zimmer.

Alfons Eppler grinste. „Die versteht es, einen auf den Arm zu nehmen, was? Oh, ich mag solche Frauen.“

Volker Ahlert lächelte.

Es tat ihm gut, mit diesem Mann zusammen zu sein. Einen amüsanteren Bettnachbarn hätte sich Volker nicht wünschen können.

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Am Nachmittag bekam Dr. Richard Berends Besuch von einem Mann namens Sigfrit Stassen. Ihm gehörte eine Papierfabrik außerhalb Bergesfeldens.

Ein altes Unternehmen, das Stassen von seinem Vater geerbt hatte, und dieser hatte es von seinem Vater übernommen. Drei Generationen lang leiteten die Stassens nun schon das große Unternehmen.

Man hatte es mehrfach renoviert und modernisiert und dem neuesten Stand der Technik angepasst, damit es konkurrenzfähig blieb, und die Auftragslage war nach wie vor erfreulich.

Sigfrit Stassen hatte sich gegen die Auflagen des Umweltschutzes nicht gesträubt, sondern mehr als das Geforderte getan, damit das Abwasser seiner Fabrik keinen Schaden anrichtete.

Er war ein einsichtiger und umsichtiger Mann, tüchtig und erfahren mit seinen fünfzig Jahren. Ein seriöser Geschäftsmann mit Weitblick und vernünftigen Ansichten.

Natürlich fehlte es ihm, in gewissen Grenzen, nicht am nötigen Mut zum Risiko, aber er übertrieb es damit nie, denn er wusste, was er seiner Firma und den Menschen, die er beschäftigte, schuldig war.

Stassens dunkles Haar war mit Silberfäden durchzogen. Er schielte leicht. Damit man das nicht so merkte, trug er eine getönte Brille.

Dr. Berends hatte ihm vor drei Jahren eine erschütternde Eröffnung machen müssen.

Sigfrit Stassen war mit seiner Tochter, sie war damals zweiundzwanzig gewesen, zu ihm gekommen und hatte ihn gebeten, sie zu untersuchen.

Zuvor war Stassen schon bei zwei anderen Ärzten gewesen, und er hatte ihre Diagnose nicht akzeptieren wollen, aber es stimmte. Dr. Berends konnte nur bestätigen, was seine beiden Kollegen vor ihm diagnostiziert hatten: Gabriele Stassen war an multipler Sklerose erkrankt. Zu erfahren, dass seine geliebte Tochter an dieser heimtückischen Krankheit litt, war für Sigfrit Stassen niederschmetternd.

Dr. Berends erinnerte sich noch genau an diesen schicksalsschweren Tag vor drei Jahren. Er hatte mit Sigfrit Stassen ein Gespräch unter vier Augen geführt.

„Multiple Sklerose ... Meine Tochter ..hatte der Papierfabrikant erschüttert gesagt. Totenblass war er gewesen. „Wenn Sie das auch sagen, Herr Dr. Berends, dann ist wohl jeder Irrtum ausgeschlossen.“

Der Chefarzt hatte bedauernd genickt. „Tut mir aufrichtig leid, Herr Stassen.“

„Warum Gabriele?“, hatte Sigfrit Stassen mit brüchiger Stimme gefragt. „Sie hat in ihrem Leben noch nichts Böses getan. Sie ist mein ein und alles. Warum bestraft Gott sie auf diese grausame Weise?“

Mit dieser Frage wurde Dr. Berends immer wieder konfrontiert. Warum? Warum ich? Warum meine Frau? Warum mein Bruder, meine Schwester, mein Kind?

Warum?

Es war eine Frage, die sich nicht hatte beantworten lassen. Das Schicksal hatte so entschieden, und niemand kannte den Grund.

Sigfrit Stassen hatte mehr über die verfluchte Krankheit erfahren wollen, die seine Tochter befallen hatte.

„Durch in die nervliche Substanz eingestreute Verhärtungsherde wird der Ablauf des komplizierten nervlichen Geschehens mehr oder minder nachhaltig beeinträchtigt“, hatte der Chefarzt erklärt.

Stassen hatte niedergeschmettert den Kopf geschüttelt. „Bei meiner Gabriele...“

„Dadurch“, war Dr. Berends fortgefahren, „entstehen als Anzeichen die mannigfaltigsten Nervenstörungen, wie übergroße Ermüdbarkeit der Beine, Unsicherheit der Hände, Sehstörungen, Sprachbehinderung, Lähmung der Gliedmaßen und dadurch bewirkte Gangstörung, Schwindel, Störungen des Gefühlssinns, Zittern, Veränderungen der Handschrift...“

„O mein Gott.“ Stassen hatte die Hände vors Gesicht geschlagen.

„Ebenso vielgestaltig wie das Krankheitsbild ist auch die Verlaufsweise der multiplen Sklerose“, hatte Dr. Berends gesagt. „Gewöhnlich erstreckt sich die Dauer auf viele Jahre, ja Jahrzehnte.“

„Das arme Mädchen“, hatte der gebrochene Vater geschluchzt.

„Auf erneute Schübe, während der Arzt Bettruhe zu verordnen pflegt, folgen ruhigere Zeiten, in denen sich die Symptome weitgehend zurückbilden können, aber meistens ist die Besserung nur vorübergehend. Zur Behandlung werden Chemotherapeutika, Hormon oder Vitaminbehandlung, Reiztherapie, Diätkuren und dergleichen mehr angewendet.“ Siegfrit Stassen hatte die Hände sinken lassen. Seine Augen hatten in Tränen geschwommen. „Und das Ende, Dr. Berends? Wie sieht das Ende aus? Ist es... der Rollstuhl?“

„Es ist eine weitverbreitete Laienmeinung, dass jeder M.S.Kranke im Rollstuhl endet, Herr Stassen“, hatte der Chefarzt erklärt, „doch sie trifft zum Glück keineswegs zu. Man kann die Multiple Sklerose zwar nicht heilen, aber ihrem Fortschreiten in vielen Fällen Einhalt gebieten, beziehungsweise dieses erheblich verlangsamen. Wichtig ist allerdings eine körperliche und seelische Schonung. Auch nach Abklingen des akuten Stadiums sollte der M.S.Kranke in Zukunft jede körperliche Überanstrengung meiden, sich vor Erkältungen und Durchnässungen schützen und für eine ruhige geregelte Lebensweise Sorge tragen.“

„Ich ... ich werde alles für Gabriele tun, was in meiner Macht steht“, hatte der Vater gefasst gesagt. „Die besten Ärzte sollen sich ihrer annehmen. Mein ganzes Vermögen bin ich bereit zu opfern, um Gabrieles Krankheit zu lindern.“

„Die erste europäische Spezialklinik für Multiple-Sklerose-Kranke wurde schon vor 1969 am Effenberg bei Hachen an der Röhr im Kreis Arnsberg geschaffen“, hatte Dr. Berends gesagt.

„Da werde ich Gabriele hinbringen! Als Privatpatientin. Man muss alles, alles tun, um ihr zu helfen. Darauf werde ich dringen.“

Das war vor drei Jahren gewesen. In der weiteren Folge hatte Dr. Berends den Papierfabrikanten immer wieder gesehen, und Sigfrit Stassen hatte ihm von seiner Tochter erzählt.

Dieser Sigfrit Stassen besuchte den Leiter der Wiesen-Klinik in dessen Büro.

Veronika Baier kochte Kaffee, und der Papierfabrikant sagte zu einem Kognak nicht nein. Dr. Berends hatte ihn ihm angeboten, weil er den Eindruck hatte, der Mann würde ihn brauchen.

Stassen wirkte müde und ausgelaugt, des Kämpfens leid? Dr. Berends nahm an, dass es Gabriele Stassen nicht gut ging, doch das war nicht der Grund für die Niedergeschlagenheit des Papierfabrikanten.

Zum ersten mal in seinem Leben hatte Stassen zu viel riskiert, und prompt hatte er sich verspekuliert.

Es waren nicht Geldgier und Gewinnsucht gewesen, die ihn dazu getrieben hatten. Er hatte sich wegen Gabriele auf dünnes Eis begeben , und war eingebrochen.

Er hatte von einer neuen, supermodernen Klinik erfahren, in der M.S.Kranke nach den modernsten medizinischen Erkenntnissen behandelt wurden.

Es war eine Privatklinik, und ein Therapieplatz kostete ein Vermögen, aber Stassen wäre bereit gewesen, dieses Geld für seine Tochter aufzubringen.

Was ist schon Geld?, hatte er sich gesagt. Es ist dazu da, um ausgegeben zu werden, und ich könnte es nicht segensreicher verwenden als für Gabrieles Behandlung.

Ihm wurde die Möglichkeit geboten, mit einem Schlag viel Geld zu verdienen, und er hatte mit beiden Händen zugegriffen, obwohl das Risiko diesmal nicht kalkulierbar gewesen war.

Ein einziges Mal nur war er von seinen Prinzipien abgegangen, und schon hatte das zur Katastrophe geführt.

„Jetzt ist der Karren total verfahren“, erzählte der Papierfabrikant dem Leiter der Wiesen-Klinik. „Zum ersten mal seit Bestehen des Unternehmens befindet es sich in den roten Zahlen. Ein Glück, dass das mein Vater nicht mehr erleben musste. Ich habe zu viel gewagt  für Gabriele , und alles verloren. Ich kann ihr den Therapieplatz nicht finanzieren. Wahrscheinlich muss ich Arbeitskräfte entlassen. Vielleicht bin ich sogar gezwungen, die Fabrik zu schließen. Ich habe das Beste für mein Kind gewollt, und das Schlechteste erreicht.“

„Steht es tatsächlich so schlimm um Ihre Firma?“, fragte der Mediziner und nahm einen Schluck vom Kaffee.

Die Antwort war ein leidgeprüfter, tiefer Seufzer.

Sigfrit Stassen nahm seine getönte Brille ab und massierte seine Nasenwurzel.

„Ach, Dr. Berends, ich kann nicht mehr. Ich bin am Ende.“

„Ein Mann wie Sie gibt nicht so schnell auf, Herr Stassen, das glaube ich nicht.“

„Man gewährt mir keine Zahlungsaufschübe mehr. Alle schreien nach ihrem Geld. Bei der Bank zuckt man bedauernd mit den Schultern. Man kann mir keinen Kredit geben. Das Geschäft ist ihnen zu unsicher geworden. Dabei würde ich das Geld gerade jetzt so dringend brauchen, um die Krise zu überwinden. Aber wer ist so verrückt, sein Geld in ein Unternehmen zu stecken, das nur noch Verluste erzielt?“

Bei Dr. Berends klingelte es plötzlich.

Alfons Eppler war ihm eingefallen, der Patient, der so sehr unter dem Steuerdruck stöhnte.

„Vielleicht kann ich Ihnen helfen“, sagte der Chefarzt.

Stassen sah ihn groß an. „Sie?“

„Ich kann Ihnen noch nichts versprechen, aber ich will sehen, was ich für Sie tun kann, Herr Stassen.“

„Das ... das wäre großartig“, sagte der Papierfabrikant bewegt. „Ich könnte Gabriele in diesem Sanatorium unterbringen, brauchte keine Arbeiter zu entlassen.“

„Können Sie morgen wiederkommen?“, fragte Dr. Berends.

„Aber selbstverständlich“, beeilte sich Sigfrit Stassen zu sagen. „Wann immer Sie wollen. Herr Dr. Berends, wenn Sie ... wenn Sie mir wirklich helfen könnten, würde ich Ihnen das nie vergessen. Meine Tochter und ich würden tief in Ihrer Schuld stehen.“

„Also das können Sie gleich wieder vergessen“, sagte der Chefarzt. „Von Schuld und solchen Sachen möchte ich nichts wissen. Ich helfe gern, wenn ich kann. Es muss nicht immer mit dem Skalpell sein. Manche Leute denken, wir Chirurgen wären ganz versessen aufs Aufschneiden, aber das ist eine irrige Ansicht.“

Stassen trank nach dem Kognak seinen Kaffee. Dann sagte er: „Ich will Ihre kostbare Zeit nicht länger in Anspruch nehmen, Herr Dr. Berends. Wir sehen uns morgen. Um die gleiche Zeit?“

„Ja, das kann ich einrichten“, sagte der Leiter der Wiesen-Klinik.

Der Besucher verabschiedete sich.

„Bestellen Sie Ihrer Tochter einen Gruß von mir“, sagte Dr. Berends.

„Mach’ ich. Darüber wird sich Gabriele freuen.“

Der Chefarzt reichte dem Papierfabrikanten die Hand, und Sigfrit Stassen verließ das Büro.

Dr. Berends unterschrieb einige Briefe, die ihm seine Sekretärin vorlegte. Dann begab er sich zu Alfons Eppler. Erfreut stellte er fest, dass der Grundstücksmakler und der Supermarktleiter sich angefreundet hatten.

Es gab nichts Schlimmeres, als wenn sich zwei nebeneinander liegende Patienten nicht verstanden. Dr. Berends erkundigte sich bei der Gelegenheit gleich nach Volker Ahlerts Befinden.

„Ich merke, wie ich mich erhole“, sagte der junge Mann.

Eppler grinste. „Ich gebe mir alle Mühe, ihn aufzuheitern. Wie mir scheint, gelingt mir das auch ganz gut. Ach, Leute, das Leben könnte so herrlich sein, wenn die blöde Steuer nicht wäre.“

Dr. Berends lachte. „Er kann es nicht lassen.“

„Die liebe Steuer“, sagte Alfons Eppler stöhnend. „Ein Leiden, von dem Sie mich nicht heilen können.“

„Nun, vielleicht kann ich Sie von diesem Leiden nicht ganz befreien, es aber möglicherweise erheblich lindern“, erwiderte der Chefarzt und trat an Alfons Epplers Bett.

„Tatsächlich?“, sagte der Patient sofort interessiert. „Lassen Sie hören.“

„Sie kennen doch bestimmt die Stassen-Papierfabrik.“

„Selbstverständlich“, sagte der Patient. „Jedermann in Bergesfelden kennt sie. Ein grundsolides Unternehmen.“

„Ich bin zufällig mit Herrn Sigfrit Stassen, dem Besitzer, gut bekannt“, sagte Dr. Berends. „Eben erst war er bei mir. Er hat eine kranke Tochter, für die er tun möchte, was nur irgend möglich ist. Leider fehlen ihm die Mittel dafür.“

„Stassen?“, fragte Alfons Eppler überrascht. „Aber seine Fabrik muss doch eine Menge Gewinn abwerfen.“

„Das tut sie zur Zeit leider nicht. Herr Stassen hat sich finanziell übernommen, und nun produziert sein Unternehmen genau die Verluste, die Sie brauchen könnten. Herr Stassen wäre an Ihrem Geld sehr interessiert.“

„Sie haben mit ihm schon über mich gesprochen?“

„Hätte ich das nicht sollen? Aber ich habe keinen Namen genannt.“

„Doch, doch, das war völlig in Ordnung“, sagte Alfons Eppler.

„Wären Sie an einer finanziellen Beteiligung interessiert?“, erkundigte sich Dr. Berends.

„Ich denke schon. Ich müsste mich mal eingehend mit Herrn Stassen unterhalten“, sagte der Grundstücksmakler.

„Das ließe sich einrichten. Er kommt morgen wieder.“

„Wunderbar. Können Sie dann eine Zusammenkunft arrangieren?“, fragte der Mann.

„Das mache ich sehr gern“, antwortete der Chefarzt.

Wenn aus dem, was er anbahnte, etwas würde, wäre Alfons Eppler, Sigfrit Stassen und Gabriele Stassen geholfen. Drei Fliegen mit einer Klappe.

Alfons Eppler wandte sich lächelnd an Volker Ahlert.

„Was sagen Sie dazu? Es gibt anscheinend nichts, was man in der Wiesen-Klinik nicht in Ordnung bringen könnte.“

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Tilla Deltgen verließ das Haus, und ihre Nerven vibrierten. Heute war der große Tag. Wenn es keine Komplikationen gegeben hatte, durfte sie Volker sehen.

Sie freute sich schon wahnsinnig auf ihn, hatte aber auch ein bisschen Angst davor, ihn zu sehen. Wie würde er aussehen? Wie würde er sich fühlen?

Ich liebe ihn, dachte Tilla erregt. Warum wurde mir das erst in dem Augenblick bewusst, als ich erfuhr, dass ich ihn beinahe verloren hätte?

„Tilla!“, rief jemand.

Sie blieb stehen und drehte sich um. Elmar schon wieder, durchzuckte es sie.

Gut, sie waren jetzt Freunde, aber sie konnte Elmar Spira jetzt nicht brauchen. Sie musste in die Wald Klinik. Er ging auf sie zu, freudig lächelnd, weil er sie sah.

„Tilla! Schön, dich zu sehen!“, sagte Elmar.

„Tut mir leid, Elmar, ich hab’s eilig“, erwiderte sie.

„Hast du eine dringende Besorgung zu machen? Verfüge über mich und meinen Wagen. Ich bringe dich, wohin du willst.“

„Das ist nicht nötig“, sagte Tilla. „Ich nehme ein Taxi.“

„So ein Unsinn!“, empörte sich Elmar. „Ein Taxi will sie nehmen. Das Geld will sie zum Fenster hinausschmeißen. Wo es doch Elmar Spira gibt. Nichts da. Du fährst mit mir. Komm. Nun komm schon.“

Er nahm ihre Hand und zog die Frau mit sich. Er sagte, er habe reichlich Zeit, wisse damit ohnedies nichts anzufangen und würde ihr schrecklich gern gefällig sein.

Als sie neben ihm im Wagen saß, fragte er: „Nun, wohin soll die Fahrt gehen?“

„Zur Wiesen-Klinik“, antwortete sie.

Er nickte. „Ich verstehe. Zu Volker Ahlert. Deshalb wolltest du meine Dienste nicht in Anspruch nehmen. Du hast Bedenken ... Brauchst du nicht zu haben. Wirklich nicht.“ Er startete den Motor. „Wirst du ihm von mir erzählen?“

„Das weiß ich noch nicht“, antwortete Tilla. „Ich muss erst sehen, wie er sich fühlt. Aber er wird alles erfahren. Wenn nicht heute, dann in den nächsten Tagen. Ich will keine Geheimnisse mehr haben.“

Elmar Spira fuhr los. „Ich würde ihn gern mal kennenlernen.“

„Du solltest damit noch warten“, sagte Tilla.

„Natürlich. Wir haben so lange nichts voneinander gewusst. Da kommt es auf ein paar Tage mehr nicht an. Er ist sehr nett, nicht wahr?“

„Ja“, antwortete die Sekretärin. „Vielleicht hältst du mich für verrückt, aber ich beneide ihn um die Kugel, die er abgekriegt hat“, sagte der junge Lehrer.

Tilla sah ihn perplex an. „Du solltest so etwas nicht sagen!“

„Ich weiß. Aber ich frage mich, wie deine Entscheidung wohl ausgefallen wäre, wenn die Kugel nicht Ahlert, sondern mich getroffen hätte. Eine Antwort wird es auf diese Frage nie geben.“

„Es ist wirklich verrückt, solche Überlegungen anzustellen“, sagte Tilla Deltgen.

„Und sinnlos“, sagte Elmar Spira. „Weil die Würfel gefallen sind.“

Sie schwiegen eine Weile, und Tilla beschäftigte sich in Gedanken mit Volker.

Sie erreichten die Wiesen-Klinik, und Tilla war so aufgeregt, dass sie beinahe vergessen hätte, sich von Elmar zu verabschieden.

„Darf ich auf dich warten?“, fragte er.

„Lieber nicht“, sagte die Frau.

„Wir könnten nachher noch irgendwo zusammen Kaffee trinken.“

„Nein, Elmar, das möchte ich nicht“, entgegnete Tilla.

Er zuckte mit den Schultern. „Dein Wunsch ist mir wie immer Befehl.“

„Danke fürs Herbringen“, sagte sie und stieg aus.

Es stimmte Elmar Spira traurig, zu sehen, wie Tilla auf den Eingang der Wiesen-Klinik zueilte. Sie konnte es nicht erwarten, den geliebten Mann zu sehen.

Der junge Lehrer kehrte um, und er beneidete Volker Ahlert um sein großes Glück.

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Alfons Eppler war rücksichtsvoll und ließ das Paar allein. Der Patient ging mit seinem Stiefsohn Waldemar in den Klinikpark. Die beiden Männer setzten sich in der Sonne auf eine Bank.

Tilla begann im Krankenzimmer zu weinen.

Volker Ahlert schüttelte den Kopf. „Nicht weinen, Tilla.“

„Du... du bist so blass, wirkst so müde ... und abgenommen hast du auch..

„Das kommt alles wieder in Ordnung. Ich befinde mich auf dem Wege der Besserung.

„Als ich hörte, was passiert war, hat mich vor Schreck fast der Schlag getroffen“, sagte Tilla.

„Gib mir deine Hand“, bat der Patient.

Sie gab sie ihm. Seine Hand war kraftlos und kühl.

„Danke, Tilla“, sagte er leise.

„Wofür?“, fragte sie verwirrt.

„Für die Tränen.“

Sie wischte sie mit dem Handrücken ab. „Deine Tränen verraten mir sehr viel“, sagte Volker. „Sie öffnen mir die Augen, lassen mich erkennen, was mir bisher verborgen blieb.“

„Oh, Volker... Volker..Sie hätte ihn am liebsten umarmt und geküsst.

„Ich werde wieder gesund“, versprach er ihr. „Ich beeile mich damit. Ich verspreche es dir.“

„Damit würdest du mir eine riesengroße Freude machen“, sagte die Frau mit tränenerstickter Stimme.

„Was uns verbindet, ist mehr als Freundschaft, Tilla, habe ich recht?“

Ihr versagte die Stimme. Sie nickte nur.

„Ich liebe dich, Tilla.“ Seine Hand drückte die ihre schwach.

Tilla schluckte. „Ich liebe dich auch, Volker“, gestand sie.

„Wir hätten wohl nicht den Mut gehabt, es uns jetzt schon einzugestehen, wenn dieser Gangster nicht auf mich geschossen hätte.“

„Sag jetzt bloß nicht, wir sollten ihm dafür dankbar sein“, meinte Tilla Deltgen. Sie ließ Volkers Hand nicht los. Elmars Name drängte sich in ihre Gedanken.

Sollte sie ihn jetzt schon erwähnen? Nein, jetzt war nicht der richtige Augenblick dafür. Tilla wollte eine andere, eine bessere Gelegenheit abwarten.

„Wenn ich entlassen werde, musst du dich täglich um mich kümmern“, sagte Volker lächelnd.

„Das werde ich“, versprach sie. „Ganz bestimmt.“ Sie beugte sich über ihn und küsste vorsichtig seinen Mund.

„Wir werden sehr glücklich sein, nicht wahr?“

„Niemand wird glücklicher sein als wir beide“, entgegnete die Sekretärin.

„Es ist so schön, lieben zu dürfen und geliebt zu werden“, sagte Volker.

„Bitte werde ganz schnell gesund, ja? Ich möchte, dass du mich fest in deine Arme nimmst und nie mehr loslässt.“

„Das werde ich tun, schon bald. Ich werde dich so fest an mich drücken, dass dir ganz schwindelig wird.“

„Das macht nichts.“ Sie lachte unter Tränen.

„Wir haben eine wundervolle Zukunft vor uns, mein Schatz.“

„Ja“, antwortete Tilla glücklich. „Ja, mein Liebling. Ich bin ja so unbeschreiblich froh, dass es dir besser geht. Ich war schon mal hier ...“

„Ich weiß. Dr. Berends hat es mir gesagt.“

„Er und Dr. Büttner ließen mich nicht zu dir. Ich war wütend. Ich wollte mich nicht davon abhalten lassen, dich zu sehen, aber Dr. Berends und sein Kollege sagten, das würde dir schaden, und da gab ich nach. Ich werde nie, nie etwas tun, das dir schadet, Volker.“

„Du bist ein Engel“, sagte Volker Ahlert bewegt.

„Dein Engel“, flüsterte sie und streichelte zärtlich und glücklich seine Wange.

Sie war froh, endlich zu wissen, zu wem sie gehörte.

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Sigfrit Stassen kam wieder und brachte seine Tochter mit. Sie war eine hübsche, junge Frau. Ihr langes Haar glänzte wie Kupfer in der Sonne.

Niemand hätte sie für krank gehalten. Dr. Berends begrüßte sie und ihren Vater in seinem Büro. Gabriele trug ihr Schicksal auf eine bewundernswerte Weise.

Um ihre Augen lagen kaum wahrnehmbare Schatten. Man musste schon genau hinsehen, um sie zu entdecken. Der Chefarzt unterhielt sich sehr angeregt mit ihr.

Sie war intelligent und hatte vernünftige Ansichten. Dr. Berends konnte verstehen, dass Sigfrit Stassen gefragt hatte: „Warum Gabriele?“ Und er bedauerte, dass die Medizin dieser Krankheit so ohnmächtig gegenüber stand.

Er erwähnte Alfons Epplers Interesse, Stassen mit seinem Geld unter die Arme zu greifen. Wie die Rettungsaktion im Detail aussehen würde, wollte Dr. Berends den beiden Geschäftsleuten überlassen.

„Wann und wo kann ich ein erstes Gespräch mit Herrn Eppler führen?“, wollte Sigfrit Stassen wissen.

„Ich stelle Ihnen mein Büro zur Verfügung“, sagte der Leiter der Wiesen-Klinik. Er warf einen Blick auf seine Uhr. „Herr Eppler wird in wenigen Augenblicken erscheinen.“

Veronika Baier führte den Grundstücksmakler kurz darauf in Dr. Berends’ Büro. Alfons Eppler befand sich in Begleitung seines Stiefsohnes. Dr. Berends übernahm es, die Anwesenden miteinander bekannt zu machen.

Ihm fiel auf, dass Waldemar Eppler Stassens Tochter irgendwie überrascht ansah.

Sie schien ihm sehr zu gefallen, und auch Gabriele Stassen schien sich von ihm angesprochen zu fühlen. Da war so ein gewisser Blick zwischen den beiden ...

Wenn Gabriele gesund gewesen wäre, hätte Dr. Berends es begrüßt, wenn diese beiden jungen Menschen zueinander gefunden hätten. Aber Gabriele litt an multipler Sklerose.

„Ich denke, ich lasse Sie jetzt allein“, meinte der Chefarzt.

Der Patient setzte sich vorsichtig. Er trug einen weinroten Schlafrock, und seine Füße steckten in ochsenblutfarbenen Lederpantoffeln. Ihm war nicht entgangen, dass sich zwischen Gabriele und seinem Stiefsohn ein knisterndes Spannungsfeld aufgebaut hatte, und da die junge Frau auf ihn einen großartigen Eindruck machte, schlug er Waldemar vor, mit ihr in den Anstaltspark zu gehen.

„Was Herr Stassen und ich zu besprechen haben, würde euch nur langweilen“, sagte er.

Waldemar Eppler war über diesen Vorschlag sehr froh. Selbst hätte er ihn wohl nie zu machen gewagt. Er sah Gabriele scheu an.

„Wollen wir gehen?“, fragte er leise.

Sie war einverstanden, und Dr. Berends verließ mit ihnen den Raum. Ein Anruf hielt ihn zurück. Er nahm das Gespräch gleich an Veronika Baiers Schreibtisch entgegen.

Gabriele Stassen und Waldemar Eppler gingen indessen in den Park. Zunächst wusste keiner so recht, was er sagen sollte. Langsam schlenderten sie nebeneinander über die Wege, und Waldemar Eppler begann über seine gemeinnützige Arbeit zu sprechen.

Es freute ihn, zu sehen, dass sich Gabriele dafür interessierte. Sie entdeckten viele Gemeinsamkeiten und kamen einander menschlich in kurzer Zeit erfreulich nahe.

Waldemar war noch nie von einer Frau so sehr begeistert gewesen. Gabriele hatte genau seine Wellenlänge. Er fühlte sich zu ihr hingezogen und hatte den Wunsch, sie wiederzusehen.

Als er ihr das sagte, schien ein Vorhang vor ihr hübsches Gesicht zu fallen. Ernst erklärte sie ihm, dass das nicht möglich wäre. Er wollte wissen, warum nicht, doch sie nannte ihm den Grund nicht.

Was hatte er falsch gemacht? Er wusste es nicht, und Gabriele sagte es ihm nicht. Sie wurde kühl und distanziert. Sie tat Waldemar Eppler damit weh, und er zog sich in sein Schneckenhaus zurück, wie er es immer tat, wenn ihn das Schicksal enttäuscht hatte.

Als sie in Dr. Berends Büro zurückkehrten, hatten der Grundstücksmakler und der Papierfabrikant eine erste Übereinstimmung erzielt.

Selbstverständlich würde es bei diesem einen Gespräch nicht bleiben, und Sigfrit Stassen hatte dem möglichen neuen Geschäftspartner auch Einblick in die Bücher zugesichert.

Da Dr. Berends sie zusammengebracht hatte, brachten sie einander jenes Vertrauen entgegen, das ein gesunder Nährboden für eine ersprießliche Zusammenarbeit sein konnte.

Alfons Eppler blickte insgeheim sogar schon weiter. Er hätte es begrüßt, wenn es zwischen seinem Stiefsohn und Gabriele Stassen zu einer dauerhaften Verbindung gekommen wäre, aber das behielt er vorläufig noch für sich. Er fand lediglich, dass die beiden sehr gut zueinander gepasst hätten.

„War’s schön im Park?“, fragte er seinen Stiefsohn.

„Es ist ein herrlicher Tag heute“, antwortete Gabriele schneller als Waldemar.

Alfons Eppler lächelte. „Wir haben Sommer. Die Vöglein zwitschern. Die Luft riecht angenehm warm. Da kommen manchen Leuten so gewisse Gedanken.“

Waldemar Eppler warf Gabriele einen raschen Blick zu und senkte dann den Kopf.

Der Grundstücksmakler deutete das falsch. Er lachte in sich hinein. Ja, ja, die Liebe, dachte er zufrieden. Jetzt hat sie ihn erwischt. Gratuliere, Waldemar. Du beweist einen guten Geschmack.

Doch der junge Mann war traurig, weil ihm Gabriele nicht erlaubte, sie wiederzusehen.

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Am nächsten Tag sprach Alfons Eppler mit Dr. Berends auf dem Flur. Er war jetzt schon davon überzeugt, dass er bei Stassen einsteigen würde.

„Der Mann ist seriös“, behauptete er. „Dafür habe ich einen Blick. Mit dem kann man Geschäfte machen. Stassen würde es nie einfallen, jemanden übers Ohr zu hauen. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie uns zusammengebracht haben.“

„Ich helfe gern“, sagte der Leiter der Wiesen-Klinik.

„Genau wie Waldemar“, bemerkte der Grundstücksmakler. „Ich habe Ihnen erzählt, was er für ein Samariter ist. Er findet darin seine Erfüllung, anderen Menschen zu helfen.“

„Das ist sehr schön für ihn.“

„Ist es auch“, sagte der Patient. „Doch manchmal würde ich mir wünschen, dass das nicht sein ganzer Lebensinhalt wäre. Verstehen Sie, was ich sagen will? Anderen Menschen helfen, schön und gut. Das kann einen bis zu einem gewissen Grad bestimmt sehr glücklich machen. Aber muss das schon alles sein? Gibt es nicht etwas, das einen Menschen noch wesentlich glücklicher machen kann? Die Liebe meine ich. Ich weiß nicht, ob Ihnen die Blicke auffielen, die Gabriele und Waldemar gestern wechselten, als Sie sie miteinander bekanntmachten. Ich dachte: Hoppla, jetzt hat es gefunkt! Waldemar ist nicht mein leiblicher Sohn, wie Sie wissen, aber ich liebe ihn wie mein eigen Fleisch und Blut. Das sagte ich schon mal.

Ich würde den Jungen gern so glücklich wie nur irgend möglich sehen, und dazu würde eine Frau gehören, die zu ihm passt. Ein nettes, sympathisches Wesen. Eine Frau wie Gabriele Stassen. Waldemar hat mir gestanden, dass er ihr sehr zugetan ist. Er sagte, er hätte das Gefühl gehabt, Gabriele Stassen ebenfalls sehr sympathisch zu sein. Als er sie aber fragte, ob er sie Wiedersehen dürfte, antwortete sie, das sei nicht möglich. Sie können sich denken, was das für eine kalte Dusche für ihn war. Ich fürchte, er wird nie wieder den Mut aufbringen, einer Frau so eine Frage zu stellen. Warum hat sie das getan? Warum hat sie Waldemar so vor den Kopf gestoßen?“

Schwester Hanna, die Oberin, ging an ihnen vorbei. Sie nickte Dr. Berends finster zu. Ihr schien mal wieder etwas über die Leber gelaufen zu sein.

„Ich hatte den Eindruck, die junge Frau wäre Waldemar ebenfalls sehr zugetan“, sagte der Grundstücksmakler. „Könnten Sie nicht... Vielleicht ließe sich das Ganze irgendwie einrenken.“

„Ich glaube nicht, dass ich das tun sollte, Herr Eppler“, sagte Dr. Berends ernst.

„Mein Sohn liebt diese Frau!“

„Es wäre besser, er würde das nicht tun“, entgegnete der Mediziner.

„Warum nicht?“, wollte Alfons Eppler wissen. „Wieso sagt sie, es ist nicht möglich, ihn wiederzusehen.“

„Gabriele Stassen sagte das aus Rücksicht.“

„Aus Rücksicht? Das verstehe ich nicht. Ist es denn so rücksichtsvoll, wenn man jemanden enttäuscht? Warum wollen Sie in diesem Fall nicht helfen? Ich sage Ihnen, diese beiden jungen Menschen gehören zusammen, Herr Dr. Berends.“

„Nun, leider ist Gabriele Stassen nicht so gesund, wie sie derzeit aussieht“, antwortete der Chefarzt.

Alfons Eppler sah ihn überrascht an. „Sie meinen, sie ist krank? Will sie Waldemar deshalb nicht wiedersehen?“

„Ich nehme an, dass das der Grund ist“, sagte Dr. Berends.

„Gabriele Stassen ist doch noch jung. Wer krank ist, der wird auch mal wieder gesund.“

Dr. Berends seufzte. „Es gibt Krankheiten, die man nicht heilen kann, Herr Eppler.“

„Und an einer solchen leidet Gabriele?“, fragte der Grundstücksmakler betroffen. .„Was ist es? Krebs? Muss sie sterben?“

„Ich darf Ihnen nicht mehr sagen, Herr Eppler. Sie müssen das verstehen. Es gibt eine ärztliche Schweigepflicht.“

„O ja. Ja, natürlich“, sagte Alfons Eppler ernst. „Ich werde nicht weiter drängen.“

„Krebs ist es jedenfalls nicht, und Gabriele Stassen wird auch nicht sterben.“

„Dann... dann braucht sie doch erst recht einen Mann wie Waldemar. Sie wissen, wie er ist. Hilfsbereit bis zur Selbstaufopferung. Rücksichtsvoll. Er würde sie pflegen, würde ihr eine Stütze sein. Er würde alles für Gabriele tun.“

„Vielleicht will sie das nicht. Vielleicht hat sie Angst davor, ihm zur Last zu werden“, sagte Dr. Berends.

„Doch nicht Waldemar“, erwiderte Alfons Eppler überzeugt. „Nun ist es mehr noch ein Glücksfall, dass die beiden einander begegnet sind. Gabriele wäre die schönste, größte Aufgabe für meinen Sohn, die absolute Erfüllung. Es muss mir gelingen, die beiden zusammenzubringen.“

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Zwei Tage später wurde Waldemar Eppler von Sigfrit Stassen in sein Haus eingeladen. Er brachte französischen Cognac für den Papierfabrikanten und einen großen, bunten Blumenstrauß, dekorativ arrangiert, für Gabriele mit.

Die hübsche Frau machte sich in der Küche nützlich, während ihr Vater mit dem jungen Mann ein ernstes Gespräch unter vier Augen führte. Er sagte Waldemar Eppler schonungslos die Wahrheit.

Als er geendet hatte, schwiegen sie beide eine Weile. Schließlich sagte Sigfrit Stassen:

„So steht es also um meine Tochter. Ich könnte es Ihnen nicht verdenken, wenn Sie jetzt gehen würden, Herr Eppler. Es ist nicht leicht, sich an einen kranken Menschen zu binden.“

„Macht es Ihnen denn etwas aus?“, fragte Waldemar Eppler und rückte sich die Schildpattbrille zurecht.

„Das ist etwas anderes. Ich bin Gabrieles Vater.“

„Ich finde, es gibt nichts Schöneres im Leben, als gebraucht zu werden, nützlich zu sein“, sagte der junge Mann. „Wer uneigennützig hilft, dem wird so viel Glück zuteil, dass es ihn für alle Mühen, die er auf sich genommen hat, entschädigt. Seit meiner Jugend war ich immer für andere Menschen da, und ich möchte keine Stunde davon missen. Ich würde auch für Gabriele gern da sein, Herr Stassen. Ich würde ihr gern helfen, wenn sie mich braucht, und es wäre wunderbar für mich, wenn sie sich auf mich stützen würde. Es macht mir nichts aus, dass sie an dieser unheilbaren Krankheit leidet. Sie soll sehen, dass es jemanden gibt, der sie trotzdem liebt und der bereit ist, immer zu ihr zu halten.“

Der Papierfabrikant fasste ergriffen nach Waldemar Epplers Schultern. „Wissen Sie was? Sie sind ein ganz wunderbarer Mensch. Ich bin sicher, Gabriele wird sich darüber sehr freuen, dass Sie sich so sehr um sie bemühen wollen. Ich danke Ihnen, danke Ihnen von ganzem Herzen.“

Sie aßen, was Gabriele gekocht hatte, und es schmeckte Waldemar Eppler hervorragend. Er sparte nicht mit Lob, das die Frau mit dankbarer Bescheidenheit entgegennahm.

Gabriele wusste, dass ihr Vater dem jungen Mann die Wahrheit über sie erzählt hatte, und die innigen Blicke, die ihr Waldemar Eppler schenkte, wärmten ihr Herz.

Es tat ihr leid, ihn kürzlich so sehr vor den Kopf gestoßen zu haben, und es freute sie, dass er es ihr nicht übelnahm, sondern Verständnis dafür aufbrachte.

Es konnte nicht alles, aber vieles gut werden.

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Tja, das wär’s also gewesen“, sagte Alfons Eppler am Tag seiner Entlassung aufgekratzt. „Mein Gastspiel in der Wiesen-Klinik war kurz, aber heftig. Machen Sie’s gut, Herr Ahlert. Halten Sie die Ohren steif und lassen Sie sich nicht unterkriegen. Vielleicht sollten Sie sich eine kugelsichere Weste zulegen, bevor Sie in den Supermarkt zurückkehren.“

„Ich glaube kaum, dass wir noch mal überfallen werden“, gab Volker Ahlert zurück. „Wir werden das Sicherheitssystem verbessern.“

„Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft“, sagte der Grundstücksmakler.

„Wünsche ich Ihnen auch“, antwortete der andere Mann.

„Vielleicht komme ich Sie in den nächsten Tagen besuchen.“

„Darüber würde ich mich freuen“, sagte Volker Ahlert, der bereits das Bett verlassen durfte.

„War wirklich nett, Sie kennenzulernen. Wir hatten es ziemlich kurzweilig, was?“

Volker lachte. „Das war größtenteils Ihr Verdienst.“

„Nehmen Sie von einem, der es gut mit Ihnen meint, einen Rat an?“, wollte der Grundstücksmakler wissen.

„Selbstverständlich“, antwortete Volker.

„Diese Frau, die Sie täglich besucht, diesen blonden Engel, würde ich an Ihrer Stelle mit beiden Händen festhalten.“

Volker lächelte. „Genau das habe ich auch vor.“

„Und ich würde sie heiraten“, ergänzte der Makler.

„Auch das habe ich vor“, gab Volker Ahlert schmunzelnd zurück.

„Dann sind wir uns ja einig“, meinte Alfons Eppler zufrieden. „Mein Entschluss, mich in die Wiesen-Klinik zu legen, hat sich gleich in mehrfacher Hinsicht gelohnt. Ich hatte den besten Bettnachbarn, den ich mir wünschen konnte, mein Sohn lernte Gabriele Stassen kennen, ich wurde meinen eitrigen Blinddarm los und bekam die Möglichkeit geboten, der Steuer ein Schnippchen zu schlagen. Mehr kann man vom Leben wirklich nicht erwarten.“

Sie schüttelten einander die Hand, dann verließ der Mann das Zimmer, und Volker Ahlert bedauerte, dass er die Wiesen-Klinik nicht ebenfalls schon verlassen konnte.

Der Grundstücksmakler wurde von seinem Stiefsohn abgeholt. Ehe er mit ihm zum Wagen ging, schaute er noch rasch bei Dr. Berends rein, um sich von ihm zu verabschieden.

Der Chefarzt blickte von den medizinischen Testbögen hoch, die er vor sich liegen hatte.

„Ich will nicht lange stören, nur auf Wiedersehen sagen“, erklärte Alfons Eppler und streckte dem Leiter der Wiesen-Klinik die Hand entgegen.

Dr. Berends ergriff sie, nachdem er sich erhoben hatte. „Werden Sie Herrn Stassen unter die Arme greifen?“

„Wir setzen uns morgen in seiner Fabrik zusammen und besprechen die Angelegenheit noch mal ausführlich und in aller Ruhe“, erwiderte der Mann. „Aber für mich ist das im Grunde genommen nur noch eine reine Formsache. Steht mal wieder eine Blinddarmoperation auf Ihrem Plan?“

„Zwei. Morgen“, antwortete der Chefarzt.

„Vielleicht sollte ich den Patienten ein paar aufmunternde Worte zukommen lassen. Es ist das reinste Vergnügen, sich von Ihnen den Blinddarm herausschneiden zu lassen. Schade, dass ich nur diesen einen hatte.

Dr. Berends schmunzelte. „Wir stehen Ihnen jederzeit gern zur Verfügung.“

„Davon bin ich überzeugt. Es gäbe noch eine ganze Menge, was sich herausschneiden ließe“, sagte der Grundstücksmakler und ging.

Zwei Tage später traf er Dr. Berends zwischen zwei Operationen auf dem Flur wieder.

„Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass die Angelegenheit mit Sigfrit Stassen nun perfekt ist. Davon profitieren seine Tochter, er und ich. Nur das Finanzamt guckt in die Röhre. Aber die Sache ist vollkommen legal. Gabriele und Waldemar sollten Sie sehen. Die beiden sind ein Herz und eine Seele. Es ist eine Freude, sie zu beobachten. Was Sie mit Ihrer Wiesen-Klinik alles zustande bringen, sprengt den Rahmen des Üblichen bei weitem. So, und nun sage ich noch rasch meinem netten Zimmerkollegen guten Tag. Ich hoffe, Sie haben ihn noch nicht entlassen.“

„Ich denke, wir werden ihn noch eine Woche hierbehalten“, erwiderte Dr. Berends.

Das Bett neben Volker Ahlert  Epplers Bett  war noch frei. Der Grundstücksmakler wies lächelnd darauf.

„Die scheinen noch keinen gefunden zu haben, den sie Ihnen zumuten können. Ja, ja, es ist nicht leicht, Alfons Epplers Platz einzunehmen. Wie geht es Ihnen?“

„Ganz gut“, sagte Volker Ahlert.

„Ich habe soeben mit Dr. Berends gesprochen. Eine Woche will er noch zusehen, wie Sie hier faul herumliegen, aber dann fliegen Sie in hohem Bogen raus.“

„Einen größeren Gefallen könnte er mir nicht tun.“

„Wie geht’s ihrer Braut?“, erkundigte sich der Grundstücksmakler. „Haben Sie ihr schon einen Heiratsantrag gemacht?“

„Nein, noch nicht“, entgegnete der Befragte.

„Ich würde mir damit an Ihrer Stelle nicht allzu viel Zeit lassen, sonst schnappt sie Ihnen ein anderer vor der Nase weg.“

„Das brauche ich nicht zu befürchten“, sagte Volker überzeugt.

„Die ganz große Liebe, wie?“

„Oja, auf jeden Fall.“

„Na, dann genesen Sie mal schön weiter vor sich hin, und grüßen Sie Ihre Braut herzlich von mir.“

„Mach’ ich“, sagte Volker Ahlert. „Und vielen Dank für Ihren Besuch.“

„Hatte ich doch versprochen.“

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Als Elmar Spira hörte, dass Volker Ahlert entlassen würde, ließ er es sich nicht nehmen, ihn zusammen mit Tilla abzuholen. Sie wäre lieber allein zur Wiesen-Klinik hinaus gefahren, und sie hätte das auch tun können, aber dann wäre ihr Elmar hinterhergefahren und gleichfalls dort aufgetaucht. Also konnte sie gleich mit ihm fahren.

Sie hatte Volker inzwischen von Elmar erzählt, und er hatte darauf gesagt:

„Ich bin glücklich, dass du dich für mich entschieden hast, mein Schatz. Ich würde ihn gelegentlich gern kennenlernen und ihm in Freundschaft die Hand entgegenstrecken.“

„Auch Elmar möchte deine Bekanntschaft machen“, hatte Tilla erwidert. „Ich denke, wir werden uns mal auf neutralem Boden treffen.“

„Damit wir uns beschnuppern können.“

„Ja.“

So hatte es Tilla geplant, doch nun war sie mit Elmar Spira zur Wald Klinik unterwegs, und sie hatte ein flaues Gefühl im Magen. Wie würde es Volker aufnehmen, wenn sie mit Elmar „angerückt“ kam? Würde er daraus falsche Schlüsse ziehen?

Ich werde allein in die Wiesen-Klinik gehen und Volker darauf vorbereiten, sagte sie sich, und als sie die Klinik erreichten, wandte sie sich an Elmar: „Aber du wartest hier draußen, klar?“

„Ganz, wie du willst“, erwiderte Elmar Spira artig.

Tilla war in Volkers Wohnung gewesen, um ihm etwas zum Anziehen zu bringen. Er trug himmelblaue Jeans und einen gelben Shetland Pullover und sah längst nicht mehr so aus, als hätte sein Leben eine Zeitlang an einem seidenen Faden gehangen.

„Du siehst großartig aus, Liebling“, sagte Tilla erfreut.

„Jetzt, da du da bist, fühle ich mich auch so“, gab er lächelnd zurück. Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und küsste ihre weichen, warmen Lippen. Sie wagte nicht, sich gegen ihn zu lehnen, weil sie Angst hatte, ihm weh zu tun.

Er schob seine Hand unter ihren Arm.

„Bringe mich fort von hier“, verlangte er. „Bringe mich bitte nach Hause.“

„Ja“, sagte sie mit belegter Stimme. Aber sie blieb noch stehen. „Volker ... Da ist noch etwas, das ich dir sagen muss ...“

Er sah sie abwartend an. „Ich höre.“

„Unten wartet Elmar Spira. Ich wollte nicht, dass er mitkommt, aber er ließ sich nicht abweisen. Er will dich unbedingt in seinem neuen Wagen nach Hause bringen. Ich weiß nicht, warum er das tut. Vielleicht will er dich damit zum Freund gewinnen.“

„Wir wollen ihn nicht warten lassen“, sagte Volker Ahlert und begab sich mit Tilla zum Lift.

Als sie wenig später aus der Wiesen-Klinik traten, winkte ihnen Elmar Spira zu.

„Das ist er also“, sagte Volker. „Der Mann, an den ich dich möglicherweise verloren hätte. Ich muss sagen, du hast einen guten Geschmack. Er sieht großartig aus.“

Die Situation war Tilla unangenehm. Sie hätte Volker viel lieber ganz für sich allein gehabt.

Elmar ging ihnen ein paar Schritte entgegen und streckte dem Mann die Hand entgegen.

„Ich bin Elmar Spira. Freut mich, Sie endlich kennenzulernen. Ich hätte Sie gern in der Wiesen-Klinik besucht, aber das hat mir Tilla verboten“, erklärte der Lehrer.

Sein Händedruck war fest, der Blick offen und ehrlich.

„Guten Tag“, sagte Volker.

„Ich hoffe, wir werden Freunde“, sagte Elmar.

„Ja, das hoffe ich auch“, erwiderte der ehemalige Patient.

„Hat man Sie ordentlich zusammengeflickt?“, wollte der Lehrer wissen.

„Ich bin so gut wie neu“, gab Volker zurück.

„Das freut mich“, sagte der junge Mann. „Darf ich Ihnen ehrlich sagen, dass ich Sie beneide? Ich wäre gern an Ihrer Stelle. Ich wollte Tilla sehr glücklich machen. Hoffentlich tun Sie das nun an meiner Stelle.“

„Darauf können Sie sich verlassen“, entgegnete Volker Ahlert.

„Nichts sollte uns beiden wichtiger sein als Tillas Glück.“

„Da gebe ich Ihnen völlig recht“, erklärte Volker.

Elmar nickte Tilla zu. „Dieser Mann gefällt mir. Nun bin ich davon überzeugt, dass du die richtige Wahl getroffen hast. Ich wünsche euch beiden für die Zukunft alles Gute.“

Tilla fiel förmlich ein Stein vom Herzen. Sie hatte sich vor dieser Begegnung umsonst gefürchtet. Die beiden Männer mochten einander.

Sie gingen zusammen zu Elmar Spiras Auto.

„Ein schöner Wagen“, bemerkte Volker.

„Ganz neu“, sagte der junge Lehrer stolz.

„Muss eine Menge Geld gekostet haben.“

„Ich hab’ was geerbt“, erklärte der Lehrer und hielt für Tilla die Tür auf.

Die blonde Frau stieg ein. Sie setzte sich in den Fond, und Volker nahm neben ihr Platz.

Elmar schloss die Tür und glitt hinter das Steuer. Volker nannte ihm seine Adresse, und der junge Lehrer fuhr los.

Höflichkeitshalber forderte Volker Ahlert ihn später auf, mit in seine Wohnung zu kommen, doch Elmar Spira lehnte ab.

„Ich möchte nicht stören. Wir sehen uns ein andermal.“

„Na schön“, sagte Volker und stieg aus. „Haben Sie vielen Dank für Ihre Mühe.“

„War keine Mühe“, entgegnete der Lehrer lächelnd.

„Ich hoffe, ich kann mich mal revanchieren.“

„Wenn wir uns wiedersehen, dürfen Sie mir einen Drink spendieren“, schlug Elmar Spira schmunzelnd vor.

„Einverstanden“, sagte Volker, und Tilla begleitete ihn in das Haus, in dem er wohnte.

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Spätabends kam Elmar Spira nach Hause. Als er die Haustür aufschließen wollte, traten aus der Dunkelheit zwei Männer auf ihn zu. „Herr Spira? Elmar Spira?“

Der junge Lehrer sah die beiden Fremden überrascht an. „Ja?“

„Kriminalpolizei. Würden Sie bitte mit uns kommen?“

Der Lehrer schien plötzlich den Verstand verloren zu haben. Seine Reaktion war völlig verrückt. Er stieß die beiden Männer zurück, fuhr herum und ergriff die Flucht.

Die Kriminalbeamten folgten ihm. Er rannte die Straße hinunter, doch die beiden Beamten waren nur unwesentlich älter als er und gut trainiert.

Sie ließen sich nicht abhängen. Im Gegenteil; es gelang ihnen, aufzuholen. Die Distanz wurde ständig kürzer. Elmar Spira überkletterte einen Maschendrahtzaun.

Ein Beamter folgte ihm, der andere rannte weiter und wollte ihm den Weg abschneiden. Spira hastete über das große Areal einer Baustoffhandlung.

Aufgeregt suchte er nach einer Möglichkeit, sich zu verstecken, doch der Verfolger war ihm zu dicht auf den Fersen. Wütend schleuderte Spira mehrere Terrazzoplatten nach dem Mann.

Eine traf den Beamten. Er taumelte zwei Schritte zurück, und Spira dachte, die Flucht fortsetzen zu können, doch da tauchte hinter ihm der zweite Beamte auf und stürzte sich auf ihn. Zu zweit rangen sie den Lehrer nieder.

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