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Lernort Tagung. Konzipieren, Realisieren, Evaluieren

Christina Müller-Naevecke | Ekkehard Nuissl

Lernort Tagung

Konzipieren, Realisieren, Evaluieren

Perspektive Praxis

Eine Buchreihe des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen

Die grüne Reihe des DIE stellt Fachkräften in der Erwachsenenbildung bewährtes Handlungswissen, aktuelle Themen und in anderen Bereichen erprobte, didaktische Methoden vor. Die Bände sind aus der Perspektive des Handlungsfelds konzipiert, vermitteln verwendungsbezogenes Wissen und setzen Handlungsstandards, die sich am Stand der Forschung orientieren. Sie sollen somit zur Kompetenz- und Qualitätsentwicklung in der Erwachsenenbildung beitragen.

Wissenschaftliche Betreuung der Reihe am DIE: Dr. Thomas Jung

Bisher in der Reihe Perspektive Praxis erschienene Titel (Auswahl):

Thomas Hartmann

Urheberrecht in der (Weiter)Bildung

Bielefeld 2014, ISBN 978-3-7639-5441-4

Julia Franz

Intergenerationelle Bildung

Bielefeld 2014, ISBN 978-3-7639-5365-3

Frank Schröder, Peter Schlögl

Weiterbildungsberatung

Bielefeld 2014, ISBN 978-3-7639-5367-7

Horst Siebert, Ekkehard Nuissl

Lehren an der VHS

Bielefeld 2013, ISBN 978-3-7639-5169-7

Joachim Ludwig (Hg.)

Lernberatung und Diagnostik

Bielefeld 2012, ISBN 978-3-7639-5065-2

Alexandra Bergedick, Dirk Rohr, Anja Wegener

Bilden mit Bildern

Bielefeld 2011, ISBN 978-3-7639-4865-9

Wolf-Peter Szepansky

Souverän Seminare leiten

2., akt. und überarbeitete Auflage,

Bielefeld 2010, ISBN 978-3-7639-1798-3

Horst Siebert

Methoden für die Bildungsarbeit

4., akt. und überarbeitete Auflage,

Bielefeld 2010, ISBN 978-3-7639-1993-2

Stefanie Jütten, Ewelina Mania, Anne Strauch

Kompetenzerfassung in der Weiterbildung

Bielefeld 2009, ISBN 978-3-7639-1974-1

Angela Venth, Jürgen Budde

Genderkompetenz für lebenslanges Lernen

Bielefeld 2009, ISBN 978-3-7639-1978-9

Jörg Knoll

Lern- und Bildungsberatung

Bielefeld 2009, ISBN 978-3-7639-1956-7

Beate Braun, Janine Hengst, Ingmar Petersohn

Existenzgründung in der Weiterbildung

Bielefeld 2008, ISBN 978-3-7639-1959-8

Klaus Pehl

Strategische Nutzung statistischer

Weiterbildungsdaten

Bielefeld 2007, ISBN 978-3-7639-1925-3

Matilde Grünhage-Monetti (Hg.)

Interkulturelle Kompetenz in

der Zuwanderungsgesellschaft

mit CD-ROM

Bielefeld 2006, ISBN 978-3-7639-1920-8

Weitere Informationen zur Reihe unter

www.die-bonn.de/pp

Bestellungen unter

wbv.de

Perspektive Praxis

Christina Müller-Naevecke | Ekkehard Nuissl

Lernort Tagung

Konzipieren, Realisieren, Evaluieren

Inhalt

Vorbemerkungen

Einleitung

1.

Die Tagung als Sozialform

1.1

Warum eine Tagung? Der Anlass und die Ziele

1.2

Wer macht sie? Die Beteiligten

1.3

Was, wann und wo? Die Planung

1.4

Wie sieht die Tagung nun aus? Das Programm

1.5

Wer erfährt wann und wie davon? Die Ankündigung

1.6

Was kostet die Tagung? Die Finanzierung

2.

Die Tagung als Lernort

2.1

Mit Interesse dabei? Dramaturgie der Tagung

2.2

Was passt zu Ziel und Inhalt? Formate einer Tagung

2.3

Wie halten wir’s zusammen? Die Rahmungen

2.4

Immer alle zusammen? Die Sozialformen

2.5

Was gibt es zu reden – und wie? Kommunikationsformen

2.6

Reden wir über das Gleiche? Internationalität bei Tagungen

3.

Die Tagung als Weg

3.1

Wie kommt man hin, wo is(s)t man? Zu Logistik und Organisation

3.2

Was ist vorher zu tun? Die Teilnehmenden

3.3

Was tun vor Ort? Das Tagungsbüro

3.4

Was legen wir rein? Die Tagungsunterlagen

3.5

Wie fangen wir an? Die Eröffnung

3.6

Und, wie läuft’s? Die Arbeitsphasen

3.7

Das „Eigentliche“ der Tagung? Die Pausen und Abende

3.8

Wie hören wir auf? Der Abschluss der Tagung

4.

War’s das? Nach der Tagung

4.1

Was ist noch zu tun? Die Nacharbeit

4.2

Was gibt es über die Tagung zu sagen? Der „Bericht“

4.3

Und, wie war die Veranstaltung? Die Evaluation

4.4

Was machen wir jetzt? Das Follow-up

Glossar

Literatur und Links

Abbildungen

Autorenporträt

Vorbemerkungen

Tagungen sind ein wichtiger, informeller Lernort. Trotz einer weiten Verbreitung medialer Kommunikation kommt der realen Zusammenkunft von Menschen nach wie vor eine besondere Bedeutung zu. Als Sozialform und Ort des Zusammentreffens von Menschen bieten Tagungen in ganz unterschiedlichen Kontexten einen fachlichen oder sozialen Austausch und sind damit immer auch Lern- und Erfahrungsprozess für die Teilnehmenden.

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen (DIE) hat es sich zum Ziel gesetzt, die Bedingungen für erfolgreiche Lehr-Lernprozesse zu verbessern, die Wirksamkeit von pädagogischen Angeboten zu erhöhen und gemäß seinem Auftrag die Praxis mit wissenschaftlich fundiertem, anwendungsorientierten Wissen zu versorgen. Unter diesem Leitgedanken ist auch das vorliegende Buch entstanden. Es stellt unabhängig vom fachlich-thematischen Kontext für eine breite Zielgruppe eine Praxishilfe dar, mit der die Wirksamkeit von organisierten, aber auch informellen Lernprozessen auf Tagungen erhöht werden kann. Im Fokus steht dabei das Gelingen von Tagungen, hierzu werden Tipps für eine sinnvolle und dynamische Gestaltung vor, während und nach der Veranstaltung gegeben.

Zwar gibt es eine Reihe von Ratgeberliteratur, die die organisatorische Seite von Tagungsplanung und -durchführung betrachtet, und auch Praxislektüre zur Didaktik von Lehrveranstaltungen kann man in unterschiedlicher Form finden; einen didaktischen Ratgeber explizit für Tagungen gibt es bisher jedoch nicht. In diesem Praxisratgeber stehen erstmalig Zielsetzung, inhaltliche Planung und Methoden der Tagungskonstruktion im Mittelpunkt. Einem allgemeinen Didaktikverständnis folgend, wird die Tagungsplanung und -durchführung im vorliegenden Buch systematisch aufbereitet und strukturiert. Die einzelnen Schritte werden immer wieder in den Kontext einer Lernzielbestimmung gestellt. Hervorgehoben wird, dass ganz verschiedene Aspekte einer Tagungskonzeption einem didaktischen Konzept unterliegen und schon bei der Vorbereitung Inhalte, Formate und die anvisierte Zielgruppe unter Berücksichtigung desselben betrachtet und festgelegt werden müssen.

Für jeden, der mit der Organisation und/oder Konzeption einer Tagung betraut ist, stellt dieses Buch einen Nutzen dar. Es werden konkrete Praxistipps und didaktische sowie methodische Denkanstöße gegeben. Hilfreiche Leitlinien und Checklisten, die die Tagung insgesamt unter ein pädagogisches Paradigma vom Lehren zum Lernen (Nuissl & Siebert, 2013) stellen, zeigen, wie die Tagung gelingt. Sie vermitteln, wie die Teilnehmenden ihre Kenntnisse, Meinungen und Interessen zu Gehör bringen, in den Zusammenhang stellen und strukturieren können. Dies alles trägt zum Erfolg Ihrer Tagung bei.

Anne Strauch

Deutsches Institut für Erwachsenenbildung –

Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen

Einleitung

In bestimmten Bereichen des Arbeitslebens gehören Zusammenkünfte, in denen fachliche Dinge richtungsweisend erörtert und verhandelt werden, zum Alltag. Eigentlich gehören sie in ganz vielen Bereichen zum Alltag. Genau genommen in allen. Sie können im kleinen regionalen oder sektoralen Rahmen ebenso stattfinden wie in großen internationalen Kontexten, wenige oder viele Menschen ansprechen und versammeln, fachlichen Themen oder sozialen Zwecken dienen und von kürzerer oder längerer Dauer sein – sie finden statt.

Im beruflichen Alltag stellen sich die Fragen, ob man an solchen Zusammenkünften teilnimmt, an welchen und wie vielen man teilnimmt und welche Interessen man dabei verfolgt. Diese Fragen kann man unterschiedlich für sich beantworten. Wir kennen eine Kollegin, die nach einigen Tagungsteilnahmen beschloss, an keiner weiteren mehr teilzunehmen, weil das Ergebnis einer solchen Tagungsteilnahme letztlich nur die Teilnahme an einer weiteren Tagung sei. Andere argumentieren, dass bei Tagungen im Verhältnis zum Aufwand – also mit Blick auf Reisestrapazen, auf Kosten, Zeit und eigene Energie – zu wenig herauskomme. Wieder andere stimmen dem zu, betonen aber, dass diese „Investition“ durch das soziale Vernetzen bei Veranstaltungen wieder ausgeglichen werde.

Bemerkenswert ist, dass Tagungen (bislang) auch der Konkurrenz der neuen Medien weitgehend widerstehen. Oder besser gesagt: Reale Treffen von realen Menschen werden trotz in den letzten Jahren deutlich verbesserter medialer Kommunikationsmöglichkeiten weiterhin veranstaltet. Ein „Selbstläufer“ sind diese aber dennoch keineswegs. Erosionstendenzen (sichtbar anhand von Drop-out-Raten) zeigen, dass der soziale Kontakt notwendig ist für das Zustandekommen von Tagungen, aber noch nicht hinreichend für deren Gelingen. Letzteres wird möglich durch etwas, das man erziehungswissenschaftlich als „Didaktik“ bezeichnen kann, aber auch „Agenda“, „Plot“ oder „Story“ in anderen Ansätzen. Letztlich geht es hier immer um die Fragen: Worum geht es? Was kommt dabei heraus? Und wie kommt man zielgerichtet dorthin?

Eigene Erfahrungen haben uns gezeigt, dass diese einfachen Fragen nicht durch die Teilnahme an oder im Resümee nach einer Tagung zu beantworten sind. Und es sind weniger die organisatorischen Probleme – wie schlecht beleuchtete und belüftete Räume, wenig schmackhaftes Essen, fehlende Betreuung, mangelhafte Information, ungeeignete Unterkünfte oder unbrauchbares Material –, die letztlich den Erfolg einer Tagung verhindern. Gleichwohl werden diese Aspekte sehr wohl wahrgenommen und im Gedächtnis behalten. Es sind vielmehr das inhaltliche Konzept sowie die Dramaturgie des Geschehens, die die Teilnehmenden fesseln und zu einem positiven und nachhaltigen Ergebnis führen.

Wir haben in vielen Auswertungen eigener und fremder Tagungen immer wieder die gleichen Feststellungen gemacht: Es fehlt vielfach an einer angemessenen Wertschätzung der didaktischen Dimension von Tagungen, das heißt an einer sinnvollen und dynamischen Gestaltung von Lern- und Erfahrungsprozessen. Die inhaltlichen und methodischen Aspekte, die hiermit verbunden sind, haben wir in diesem Buch zusammengestellt – in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit von Tagungsmachern darauf zu lenken.

Es gibt zahlreiche Bücher und Handreichungen zur Gestaltung von Tagungen. Die wichtigsten davon haben wir in der Literaturliste aufgeführt. Die meisten von ihnen betonen die organisatorische Seite – und sie tun dies aus guten Gründen. Denn Veranstaltungen bedürfen einer umfassenden wie professionellen organisatorischen Vorbereitung. In unserem Buch jedoch stehen sie nicht im Mittelpunkt, auch wenn sie vorkommen, denn wir verstehen sie als wichtige Rahmung, aber nicht als den Kern von Tagungen. Wir konzentrieren uns vielmehr auf Inhalt und Methode – und haben das Buch entsprechend aufgebaut. Natürlich sind Inhalt und Methode, diskutiert man sie abstrakt, schwer zu fassen; aber es lassen sich Leitlinien und Checklisten formulieren, um die konkrete Ausgestaltung einer Tagung anzuregen und zu unterstützen.

Eine der wichtigsten Leitlinien können wir gleich hier einleitend nennen: Wie in allen Lehr-Lernprozessen müssen Inhalt und Form (Letztere im Sinne von „Methode“) zusammenpassen, sich aufeinander beziehen und ein harmonisches Ganzes ergeben. Eine Tagung ist kein (vor-)geschriebenes Buch, das man nur zu lesen braucht. Sie ist aber auch kein Abenteuerspielplatz oder Familientreffen. Eine Tagung hat von alledem ein wenig, wenn sie gut konzipiert ist, vor allem aber hat sie einen inhaltlichen roten Faden, der wichtig und interessant ist und die Teilnehmenden mit und ohne feste Aufgabe fesselt. Das Ziel unseres Textes ist es, auf diesen Zusammenhang hinzuweisen und Hilfen dabei zu geben, wie dies gelingen kann.

1.    Die Tagung als Sozialform

„Gefäß“ ist ein Wort, das im Schwyzer Deutsch gerne für Sozialformen von der Art einer Tagung gebraucht wird. Es charakterisiert sehr anschaulich, dass es um eine Form geht, die gefüllt werden muss (oder kann). Und noch anschaulicher, dass diese Form auch zum Inhalt passen muss – und umgekehrt. Schon beim Gefäß „Blumenvase“ gibt es Unterschiede in Aufbau, Gestalt, sogar in der Funktion. Und es gibt Varianten, die von der Länge der Blumenstiele, der Größe des Straußes, der Art der Blumen und vom Standort abhängen. Diese Gefäße unterscheiden sich z.B. von „Eimern“, die wiederum von unterschiedlicher Größe sind und aus verschiedenen Materialien bestehen können – je nach Funktionszusammenhang. Damit sind bereits wichtige Elemente einer Definition von „Tagung“ assoziiert: Thematik, Größe, Standort, Kontext, Funktion. Solchermaßen Unterschiedlichkeit führt dann auch zu anderen Begriffen, wie „Konferenz“, „Workshop“ oder „Kongress“, mit denen wiederum andere zentrale Merkmale vermittelt werden.

WISSENSWERT

Fast synonyme Begriffe

Veranstaltung: Dies ist – im Deutschen – der allgemeine Ausdruck für den gemeinsamen Nenner aller Begriffe: das Zusammenkommen von Menschen in organisierter Form mit einem bestimmten Ziel.

Tagung: Ursprünglich abgeleitet von „Tag“, signalisiert der Begriff eine thematisch und von der Teilnehmerzahl her überschaubare, einem fachlichen Gegenstand gewidmete Form des Treffens. Die Teilnahme ist in der Regel offen. Beispiel: Jahrestagung der „Sektion Erwachsenenbildung“ der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE)

Konferenz: Aus dem Lateinischen conferre, wörtlich „zusammentun“, ist ähnlich wie eine Tagung thematisch fokussiert, in der Regel aber größer dimensioniert und steht in einem übergeordneten Diskussions- und Entscheidungskontext.

Beispiel: Internationale Klimakonferenz

Symposium: Ein Format, das hauptsächlich im wissenschaftlichen und kulturellen Bereich zu finden ist, aus dem griechischen Wort sympósion („gemeinsames geselliges Trinken“) hergeleitet, größer dimensioniert und fachlich breit angelegt.

Beispiel: „Symposium zur Filmmusikforschung“ an der Universität Kiel

Meeting: Eine eher kleinere Zusammenkunft, ein Treffen mit stärker informellem Charakter, oft auch politisch konnotiert.

Beispiel: Arbeitstreffen von regionalen Projektgruppen

Sitzung: Ein sehr deutscher Begriff, der leider in den meisten Fällen die Realität beschreibt: Eine versammelte Gruppe von Menschen sitzt für längere Zeit, um Dinge zu erörtern und möglicherweise zu entscheiden; in Sitzungen sind meist nicht mehr als 30 Personen anwesend, handverlesen und speziell eingeladen.

Beispiel: Ausschusssitzungen im Parlament

Workshop: Ein „Arbeitsladen“, eine Werkstatt mit entsprechender Aus- und Zielrichtung, vom Umfang eher kleiner, dient meist dem Hervorbringen eines Produkts oder dem Zusammenführen vorhandener Produktlinien. Beispiel: Basisworkshop „Texte von Veranstaltungen und Curricula kompetenzbasiert gestalten“ des FAB Organos in Österreich

Forum: Das Forum ist meist eine größere Veranstaltung, es dient der offenen und öffentlichen Präsentation von Argumenten und Gedanken und bringt unterschiedliche Personen und Repräsentanten von Positionen und Interessen zusammen, insofern bezieht es sich auch auf den lateinischen Ursprung des Begriffs.

Beispiel: „DIE-Forum Weiterbildung“ des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e.V. (DIE)

Kongress: Der Begriff für die größte vorstellbare Tagung, abgeleitet aus dem lateinischen congregare, wörtlich „zusammenführen“, bezeichnet eine Ansammlung mehrerer kleiner Tagungen zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Beispiel: Biennaler Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE)

Versammlung: Das deutsche Wort, das den Begriffen „Konferenz“ und „Kongress“ am nächsten kommt, ist das der „Versammlung“. Es wird hauptsächlich benutzt für Treffen von Mitgliedern von Betrieben, Parteien und anderen Organisationen.

Beispiel: Mitgliederversammlung, die ein vorgeschriebenes Element von Vereinen ist

Wir haben uns für den Begriff der „Tagung“ als Oberbegriff entschieden, weil er am deutlichsten nahelegt, was unser Interesse ist: eine didaktische Reflexion des inhaltlich begründeten sozialen Geschehens. Wir werden jedoch immer auch die anderen Formen und Formate von Veranstaltungen einbeziehen, sofern dort besondere Bedingungen gelten.

1.1    Warum eine Tagung? Der Anlass und die Ziele

Tagungen sind zu aufwendig, um sie ohne Grund zu veranstalten. Es gibt also immer einen Grund bzw. Anlass für den Veranstalter, eine Tagung anzusetzen und dafür ein Tagungsformat zu wählen. Meist steht die Tagung für den – oder im Falle einer Kooperation für die – Veranstalter im Kontext mit anderen Formen, in die Öffentlichkeit zu gehen, wie Büchern, Pressemeldungen, Filmen oder Beiträgen auf Tagungen, die von anderen veranstaltet werden. Es gibt daher immer einen Grund für Tagungen: die Botschaft, die über diese Sozialform vermittelt werden soll, oder eine andere Funktion, die mit diesem „Gefäß“ am besten erfüllt werden kann. Die Tagung gibt die Möglichkeit, eine soziale und personale Interaktion zu den gewählten Zielen in der eigens gewählten didaktischen Form zu initiieren. Dies mag in manchen Fällen zwar teurer und aufwen diger sein als z.B. ein Buch, dafür aber womöglich folgenreicher.

Der Beschluss, eine Tagung auszurichten, beginnt mit einem Ziel. Mit einer Tagung will man etwas Bestimmtes erreichen. Hier liegt bereits ein – allerdings nur scheinbarer – Widerspruch zur Anforderung einer Tagungsdidaktik. Das Ziel, das mit einer Tagung verfolgt wird, muss keineswegs immer verbunden sein mit einem Lehr- oder einem Lernziel (Letzteres als angestrebtes Kompetenz-Outcome bei den Teilnehmenden). Es können auch ganz andere Ziele im Vordergrund stehen – wie Werbung oder Verbreitung von Projektergebnissen –, und nicht zu selten tun sie das auch.

Ganz zu Beginn dieses Buches und ganz zu Beginn einer Tagungsplanung ist es notwendig, zu reflektieren, ob das definierte Ziel (Botschaft, Funktion etc.) wirklich am besten mit dem Instrument der Tagung erreicht werden kann, denn es passiert schnell, dass man entscheidet, eine Tagung durchzuführen, auch wenn dies gar nicht das optimale Instrument ist. Deshalb: Klären Sie folgende Fragen genau.

  • Warum werde ich überhaupt aktiv, was treibt mich an?

  • Welche Ziele verfolge ich?

  • Welche Möglichkeiten und Instrumente gibt es, dieses Ziel zu erreichen?

  • Was spricht für eine Tagung, was dagegen?

  • Ist eine Tagung das geeignetste Instrument, dieses Ziel zu erreichen?

Wenn Sie sich anhand dieser Fragen dazu entscheiden, keine Tagung durchzuführen, sondern gar nichts oder etwas anderes zu unternehmen, dann legen Sie dieses Buch weg und greifen zu einem anderen, entsprechend einschlägigen Text zur Unterstützung. Bleiben Sie dabei, dass es eine Tagung sein soll, dann fahren Sie fort mit den kommenden Seiten und Kapiteln.

Betrachten wir einmal die Ziele, welche Institutionen und Organisationen (etwa Betriebe, Vereine, Gesellschaften etc.) mit Tagungen verbinden: Da ist zunächst die Präsentation. Etwas Neues soll vorgestellt und erörtert, letztlich hauptsächlich bekanntgemacht werden, ein neues Produkt, ein Konzept, ein Thema, eine These. Dies ist verbunden mit dem Ziel der Information, des Bekanntmachens eines bestimmten Gegenstands. Der erwartete Diskurs – ein weiteres Ziel – dient auch der Werbung für das Präsentierte. In diesem Kontext ist eine Tagung ein – verhältnismäßig anspruchsvolles – Instrument im Rahmen eines „Produktmarketings“ (Schöll, 2005).

Eine andere wichtige Dimension von Zielen bezieht sich auf die veranstaltende Organisation selbst, etwa wenn es um deren Image oder deren Positionierung in fachlicher Hinsicht, vielleicht auch im Feld bzw. auf dem Markt geht. Hier spielt die Tagung eine wichtige Rolle als Instrument der Public Relations (von Rein & Sievers, 2005). Von Bedeutung sind auch die Ziele der Organisation, die mit den Teilnehmenden der Tagung verbunden sind. Hier geht es um die Zielgruppenansprache oder um Klientelbindung. Im Falle von Organisationen, Vereinigungen oder Gesellschaften gehören Tagungen dabei zur Mitgliederpflege oder zum Service.

In einer spezifischen Form der Tagung, dem Workshop, geht es um das Ziel, ein bestimmtes Produkt zu erarbeiten, an einem solchen weiterzuarbeiten oder es zu vereinheitlichen. Solche Produkte können Texte, Positionspapiere, Memoranden, auch Projektberichte und Arbeitspläne sein. Oft fallen hier auch Entscheidungen an – über die endgültige Form der Produkte, deren Verbreitung und anderes mehr. Im weiteren Sinne kann man auch die Erweiterung von Wissensbeständen als ein solches Produkt verstehen, wie sie auf wissenschaftlichen Fachkongressen erfolgt.

Interessanterweise werden Lehr- und Lernziele in der Vorbereitung von Tagungen nur selten bedacht oder gar explizit formuliert. Fragen danach, wie sich Wissen und Einstellungen der Teilnehmenden ändern und entwickeln, Kompetenzen und Fähigkeiten erworben werden und Persönlichkeiten weiterentwickeln, spielen meist keine große Rolle in der Begründung und Planung von Tagungen. Es scheint ein unausgesprochenes Einverständnis darüber zu bestehen, dass Tagungen von „fertigen“ Menschen gestaltet und besucht werden, die „professionelle“ Inputs einbringen oder auf hohem Niveau selbstgesteuert damit umgehen. Suchende oder Unfertige werden auf Tagungen kaum erwartet. Es scheint vielmehr ein sehr „erwachsenes“ Geschäft zu sein.

Aber: Viele Menschen besuchen Tagungen, um neue Gedanken kennenzulernen, sich mit Standpunkten auseinanderzusetzen, wichtige Leute zu treffen und von ihnen zu lernen, sich selbst als Vortragende auszuprobieren, eigene Positionen zur Disposition zu stellen und weiterzuentwickeln. Viele junge Menschen finden Vorbilder, üben sich im Argumentieren und im Vertreten von Standpunkten, orientieren sich im Gewirr von Schulen und Meinungen, finden Gleichgesinnte und bilden Netzwerke. Im günstigen Fall geben Tagungen diesem Geschehen und diesen Bedürfnissen über Pausen, Abendveranstaltungen und offenere Diskursformen einen Raum ( Kap. 3.7). Solche Ziele einer Tagung werden aber nur im Ausnahmefall offen kommuniziert. Auch der professionelle oder akademische Erkenntnisgewinn, der sich aus Form und Inhalt der Tagung ergibt, wird selten tatsächlich eingeplant.

Der neuere Ansatz der Lernzielbestimmungen, wie er sich auf europäische Initiative hin in den Nationalen Qualifikationsrahmen darstellt, ist hier ein gutes heuristisches Prüfmittel: die vielzitierte Outcome-Orientierung. Man wird lange suchen müssen, um Tagungskonzepte zu finden, in denen die Ziele outcome-orientiert als Kompetenzgewinn der Teilnehmenden beschrieben werden. Etwa: „Nach Besuch dieser Tagung können die Teilnehmenden eigenständig einen Vortrag halten“ oder „Nach Besuch dieser Veranstaltung sind auch die jungen Teilnehmenden in ein Netzwerk von Fachkollegen eingebunden“ oder „Nach Besuch dieser Veranstaltung können die Teilnehmenden den XY-Ansatz kritisch beurteilen“. Der meist fehlenden didaktischen Zielsetzung ist es geschuldet, dass sowohl Richtung als auch Schritte des inhaltlichen Prozesses im Unklaren bleiben – für Veranstalter wie für Teilnehmende. Man kann daher leicht den Eindruck gewinnen, dass Tagungen eher Funktionen wie Imagewerbung etc. erfüllen, als konkret benannte Ziele verfolgen.

Und überhaupt: Ziele für eine Tagung zu bestimmen, ist nicht einfach. Es ist ähnlich anspruchsvoll, wie geeignete Fragen zu formulieren. Ziele liegen auf unterschiedlichen Ebenen und betreffen unterschiedliche Objekte, wie hier etwa den inhaltlichen Fortschritt einerseits und die Teilnehmenden andererseits. Formuliert man mehrere Ziele, muss man sicher sein, dass sie in einem gemeinsamen Korridor liegen und sich nicht widersprechen – Zielkonflikte sind das Ende aller erfolgreichen Prozesse, nicht nur im Lehr-Lernprozess. Ziele lassen sich, wenn sie punktgenau formuliert sind, grafisch auch als Pfeil darstellen; er hat die Spitze als Ziel, den Schaft als Prozess (Dauer, Verfahren etc.) und den Pfeilbeginn als Ausgangspunkt (Abb. 1).

Abbildung 1: Die didaktische Dominanz des Ziels

Wie alle Modelle ist auch dieses vereinfacht und vereinfachend. Aber dennoch: In der Tagung kommt es vor allem darauf an, Ausgangspunkt und Ziel klar zu formulieren und den Prozess spannungsvoll auszugestalten. Von diesem Prozess handelt das Folgende vor allen Dingen.

1.2    Wer macht sie? Die Beteiligten

An einer Tagung sind viele Personen beteiligt. Eine oder mehrere Organisationen treten in der Regel als Veranstalter auf. Letztere sind die tragenden Strukturen bzw. die rechtsfähigen Einheiten, die die Ressourcen zur Verfügung stellen. Sie beschäftigen – auf die eine oder andere Weise – diejenigen Personen, welche die Tagung mit verteilten Rollen vorbereiten, gestalten und verantworten. Zu ihnen gehören:

  • die Veranstalterorganisation

  • das Konzeptionsteam

  • as Organisationsteam

  • die Mitarbeitenden der (externen)Tagungsstätte

  • die Referentinnen und Referenten

  • die Moderierenden

  • die (anderen) Teilnehmenden

  • die Öffentlichkeit

Die Veranstalterorganisation

Veranstalter einer Tagung sind eine oder mehrere Organisationen, die aus einem bestimmten Grund eine Tagungsform zum Erreichen eines Zieles wählen. Diese Organisationen können Firmen und Betriebe, Vereine und Institute, Verbände, Behörden, Gesellschaften und Gremien sein. Immer wird innerhalb der jeweiligen Strukturen der Organisation die Entscheidung für eine Tagung getroffen; damit verbindet sich die Entscheidung, wo in der Organisation und bei welchen Personen die Verantwortung liegt.

In den nicht seltenen Fällen einer Kooperation werden in mehreren Organisationen solche Entscheidungen getroffen. Daran knüpft sich die Entscheidung, mit welchen Personen und mit welchen Zuständigkeiten bei der Realisierung zusammenzuarbeiten ist.

In kooperativen Veranstalterkonstellationen ist die Gefahr groß, dass im Verlaufe der Tagungsplanung konfligierende Interessen auftreten, die bei der Anbahnung der Tagung nicht absehbar waren. Das mögen unterschiedliche Vorstellungen hinsichtlich der Ziele, der zu beteiligenden Personen, der Inhalte oder der Öffentlichkeitsarbeit sein. Daher ist in der Kooperationsvereinbarung festzulegen, wie möglicherweise auftretende Konflikte zu regeln sind. Unter keinen Umständen sollte aufgrund solcher Konflikte die Tagung verwässert werden, um allen und allem gerecht zu werden. Am Ende hätte niemand etwas davon, vor allem die Teilnehmenden nicht. Solche potenziellen Konflikte lassen sich vermeiden, wenn die kooperierenden Organisationen komplementär arbeiten (Nuissl, 2010).

BEISPIELE

Veranstalterkonstellationen

  • eine Veranstalterorganisation
    immer noch der häufigste Fall, obwohl die kooperativen Tagungen anteilmäßig zunehmen Beispiel: Jahrestagung der „Sektion Erwachsenenbildung“ der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE)

  • zwei Veranstalterorganisationen
    zwei Institutionen gehen eine Partnerschaft ein
    Beispiel: Deutsches Institut für Erwachsenenbildung (DIE) und Universität Duisburg-Essen zu einer Tagung am Campus Duisburg

  • zwei oder mehrere Veranstalterorganisationen
    dies geschieht häufig im internationalen Bereich und im Kontext von Projekten
    Beispiel: die Abschlusstagung eines europäischen Projekts

  • zwei oder mehrere Organisationen
    die Organisationen können bei der Kooperation auch hierarchisch zueinander stehen
    Beispiel: Tagung „Nationale Qualifikationsrahmen im europäischen Vergleich“, veranstaltet von Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (fbb) und anderen Partnern in Berlin

  • mehrere Organisationen
    die Organisationen können mit verteilten Rollen zu einer Tagung zusammenfinden

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