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Leonore und ihre Töchter

Über Gina Mayer

Gina Mayer, 1965 in Ellwangen geboren, lebt mit ihrer Familie in Düsseldorf. Bevor sie freie Autorin wurde, hat sie als Werbetexterin gearbeitet.

Als Aufbau Taschenbuch sind lieferbar: »Zitronen im Mondschein« und »Das Lied meiner Schwester« sowie »Im Land des Regengottes«.

Mehr zur Autorin unter www.ginamayer.de

Informationen zum Buch

Nimm dein Glück in beide Hände

Im Paris des Jahres 1900 erfährt die unglücklich verliebte Nanette von einem gutgehüteten Geheimnis, das auf ihrer Familie lastet: Als ihre Urgroßeltern Leonore und Anton einst heirateten, verwünschte eine eifersüchtige Freundin das Brautpaar. Tatsächlich hadern nicht nur Leonore, sondern auch ihre Tochter, ihre Enkelin und ihre Urenkelin Nanette mit dem Schicksal und finden kein Glück in der Liebe. Bis Nanette eines Tages beschließt, den Familienfluch endlich zu bannen.

Als Kinder spielen Luise, Leonore und Anton ein Spiel, das sie selbst erfunden haben: Im Mittelpunkt steht die böse »Erlkönigin«, dargestellt von Luise, die das Lebensglück der Menschen rauben will. Als Leonore und Anton ein Liebespaar werden und heiraten, kommt es zu einem folgenschweren Ereignis: Luise, die ebenfalls in Anton verliebt ist, verwünscht das Brautpaar und prophezeit ihnen lebenslanges Unglück. Drei Generationen später, im Paris der Weltausstellung des Jahres 1900, erfährt die junge, unglücklich verliebte Nanette von diesem uralten Fluch, der auf ihrer Familie lastet. Tatsächlich haben nicht nur Leonore, sondern auch ihre Tochter Mathilde, ihre Enkelin Dora und ihre Urenkelin Nanette mit schweren Schicksalsschlägen zu kämpfen und finden kein Glück in der Liebe. Bis Dora und Nanette selbstbewusst beschließen, es sei an der Zeit, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, denn nicht Luise trägt die Schuld für das Scheitern der Frauen in ihrer Familie – jede ist ihres eigenen Glückes Schmied.

Eine große Familiensaga über Liebe, Selbstbestimmung und das Schicksal, das Leonore und ihre Töchter auf eine harte Probe stellt.

»Gina Mayer schreibt intensiv, emotional, sehr bildhaft.« Lovelybooks

Gina Mayer

Leonore und ihre Töchter

Signet

Roman

Erlkönig

von Johann Wolfgang von Goethe

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Es ist der Vater mit seinem Kind;

Er hat den Knaben wohl in dem Arm,

Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

»Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?«

»Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?

Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?«

»Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.«

»Du liebes Kind, komm, geh mit mir!

Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;

Manch bunte Blumen sind an dem Strand;

Meine Mutter hat manch gülden Gewand.«

»Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,

Was Erlenkönig mir leise verspricht?«

»Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;

In dürren Blättern säuselt der Wind.«

»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?

Meine Töchter sollen dich warten schön;

Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn

Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«

»Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort

Erlkönigs Töchter am düstern Ort?«

»Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:

Es scheinen die alten Weiden so grau.«

»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;

Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.«

»Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!

Erlkönig hat mir ein Leids getan!«

Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind,

Er hält in Armen das ächzende Kind,

Erreicht den Hof mit Mühe und Not;

In seinen Armen das Kind war tot.

Personen

TEIL 1: DORA

Paris, 1900

Dora Boucher, geb. Zeller

Gustave Boucher, Architekt, ihr Mann

Nanette Boucher, ihre gemeinsame Tochter

Mathilde Zeller, geb. Seele, Doras Mutter

Sebastian Zeller, Doras Vater

Odile de la Riche-Salé, Witwe und Doras Freundin

Yves Charpentier, Nanettes Verehrer

Chloé du Rouge, Frauenrechtlerin

TEIL 2: MATHILDE

Düsseldorf, 1848

Mathilde Seele

Arthur Seele, ihr Zwillingsbruder

Anton Seele, Tuchhändler, ihr Vater

Leonore Seele, geb. Bredt, ihre Mutter

Theres, Magd, Ziehmutter von Mathilde und Arthur

Edgar Walz, Schauspieler

Julius Unruh, Musiker, Mathildes Geliebter

TEIL 3: ANTON UND LUISE

Ratingen, 1813

Anton Seele, Kinderarbeiter in Cromford

Luise Merkels, seine Freundin

Leonore Bredt, Nichte von Frau Brügelmann

Sophie Brügelmann, Unternehmerin (Cromford)

Herr Schüller, Vorarbeiter in Cromford

TEIL 4: LEONORE

Ratingen, 1823

Leonore Bredt

Charlotte Brügelmann, Tochter von Sophie Brügelmann

Carl Heinrich Engelbert Oven, ihr Mann

Julius und Moritz Brügelmann, ihre Brüder

Friedrich Bredt, Leonores Vater

Justus Zeller, Kaufmann, Leonores Verehrer

TEIL 5: MATHILDE

Düsseldorf, 1849

Mathilde Seele

Anton Seele

Leonore Seele, geb. Bredt

Sophie Brügelmann

Julius Unruh

Sebastian Zeller, Kaufmann

Emme, Mathildes Cousine

Luise Merkels, Wirtin in Ratingen

Theodora Merkles, ihre Tochter

TEIL 6: NANETTE

Paris/Ratingen, 1900

Nanette Boucher

Yves Charpentier

Dora Boucher, geb. Zeller

Chloé du Rouge, Frauenrechterin und Doras Freundin

Julius Brügelmann, Enkel von Sophie Brügelmann

Theodora Schwan, geb. Merkels, Witwe

Rudolf Schwan, ihr Schwager

Prolog

Am ersten Montag in jedem Monat fuhr sie nach Düsseldorf. Der Droschkenfahrer wusste längst Bescheid und holte sie ab, ohne dass sie ihn bestellte. Er fuhr sie zur Lindenallee, dort stieg sie aus und ging die letzten Meter zu Fuß. Nicht zu nah an das Haus heran. Man durfte sie nicht erkennen.

Manchmal sah sie Anton. Den Hut auf dem Kopf, den Mantelkragen hochgeschlagen, sogar im Sommer trug er den Mantelkragen hochgeschlagen, als müsste er sich dahinter verstecken. Als wollte auch er unerkannt bleiben. Manchmal fuhr er in der Droschke weg, manchmal verschwand er im Laden. Sie sah ihn, er sah sie nicht.

Aber darum ging es nicht.

Es ging um das Kind.

Manchmal wartete sie bis zum späten Nachmittag, bis sich die Tür im Tor zum Hof endlich öffnete, bis es herauskam. Eine der Frauen war bei ihm und hielt es an der Hand.

Der blaue Wollmantel stand ihm so gut. Sie freute sich jedes Mal, wenn das Kind den blauen Mantel trug. Es gab ein Mützchen aus dem gleichen Stoff, aber das trug es nur selten. Vielleicht kratzte es.

Sie folgte ihnen unbemerkt, jeden ersten Montag im Monat. Durch den Park, über den Markt. Manchmal gingen sie mit dem Kind in die Kirche, dann wartete sie vor dem Portal, bis sie wieder herauskamen. Unbemerkt, sie blieb immer unbemerkt.

Das Kind hüpfte von einem Fuß auf den anderen. Redete in einem fort. Sie konnte nicht verstehen, was es sagte, dazu war sie zu weit weg. Sie sah aber, dass es glücklich war.

Teil 1

Dora

Paris, 1900

I

Das Licht. Es strahlte aus der hohen Wölbung des Kuppelsaals, leuchtete von den Wänden und brachte die Diamanten und Brillantarmreife, die Siegelringe, Uhrketten und Monokel zum Funkeln. Es floss vom Kronleuchter des kleinen Palais direkt in Doras Champagnerglas und brach sich in jeder einzelnen aufsteigenden Perle.

Heute ist der glücklichste Tag meines Lebens, dachte Dora und drehte sich lächelnd zu Gustave um, aber er stand nicht mehr hinter ihr. Dafür sah sie Nanette, umringt von Bewunderern. Nanette lächelte, und die jungen Männer versuchten ihr Lächeln festzuhalten, aber es ließ sich nicht fangen, es flog von einem zum anderen.

Meine Tochter, dachte Dora stolz.

Sie nahm einen Schluck Champagner und spürte, wie es nun auch in ihrem Kopf zu perlen begann. Der Tag war voller Aufregungen gewesen, sie hatte so gut wie nichts gegessen. Sie stellte das Glas auf dem Tablett eines Kellners ab und nahm sich stattdessen ein Glas Limonade. Sie brauchte keinen Champagner, sie war beschwingt von ihrem Glück. Von der Schönheit ihrer Tochter. Von Gustaves Erfolg.

Die fünfte Weltausstellung in Paris, die vor wenigen Stunden eröffnet worden war, war sein Triumph. Die letzten Jahre hatte er damit verbracht, die Ausstellung zu konzipieren, zu entwerfen, zu planen. Sie war selbstverständlich nicht allein sein Werk – für ein Projekt dieser Größenordnung brauchte es eine Vielzahl an Architekten, Planern, Zeichnern und Baumeistern. Aber Gustave Boucher war der Kopf des Ganzen, der Mann, der vordachte und vorausschaute und die anderen anleitete und beaufsichtigte.

Worin seine Arbeit genau bestand, das war Dora allerdings bis heute nicht ganz klar. Die einzelnen Pavillons waren von den Architekten der Teilnehmerländer konzipiert worden, auch für die Attraktionen wie etwa die Himmelskugel oder die prächtigen Panoramen gab es spezielle Planer. Das große Portal an der Place de la Concorde stammte von René Binet und das Kunstpalais, in dem heute auch der Empfang stattfand, von Charles-Louis Girault.

»Und wo taucht dein Name auf?«, hatte sie ihren Mann gefragt.

»Ich bin überall«, hatte Gustave entgegnet. »Ich kümmere mich nicht um die Details. Mein Anliegen ist das große Ganze.«

Das große Ganze – es war hervorragend gelungen, das hatte auch Monsieur Picard, der Generalkommissar der Ausstellung, bei seiner Begrüßungsrede betont. Er hatte Gustave namentlich erwähnt, und anschließend war der Präsident der Republik persönlich auf Gustave zugekommen und hatte ihm die Hand geschüttelt. »Meinen Respekt«, hatte er gesagt, und dann hatte er Doras Hand geküsst. Émile Loubet. Der Präsident von Frankreich. Hatte ihre Hand geküsst.

Dora wurde heiß und kalt, wenn sie sich daran erinnerte. Wenn das Mutter hört, dachte sie. Selbst Mutter wird beeindruckt sein, wenn ich ihr davon erzähle.

»Madame Boucher?« Ein junger Herr im Frack trat jetzt neben sie, ein Herr, den Dora kannte oder vielmehr kennen sollte, denn Gustave hatte ihn ihr eine halbe Stunde zuvor vorgestellt. Doch sie hatte den Namen bereits vergessen. »Monsieur Ronvard würde sich gern von Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl verabschieden.«

Monsieur Ronvard, das wusste Dora, war der Finanzdirektor der Ausstellung. Und der junge Herr – jetzt fiel es ihr wieder ein – war sein Sekretär.

»Mein Mann ist … Ich weiß leider auch nicht, wo er im Augenblick steckt. Er kommt bestimmt gleich zurück.«

»Monsieur Ronvard erwartet Sie am Ausgang.«

»Natürlich.« Doras Augen flogen durch den Saal. »Sobald mein Mann auftaucht, schicke ich ihn zu Ihnen.«

»Merci beaucoup, Madame.« Der Sekretär verbeugte sich mit einem Gesichtsausdruck, als hätte sie ihm gerade einen Orden verliehen. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und verschwand in der Menge.

Dora reckte den Hals und sah sich in dem Saal um, aber ihr Mann war nirgends zu sehen. Dafür kam jetzt ein anderer Herr mit wehenden Frackschößen auf sie zugeeilt, die Hände zur Begrüßung ausgestreckt, ein entzücktes Lächeln auf den Lippen. »Bonsoir, bonsoir, Madame Boucher.«

Dora lächelte hilflos zurück. Der Mann war rundlich und trug einen geschwungenen Schnurrbart, sie kannte ihn nicht. Oder kannte sie ihn doch? Im Lauf des Abends hatte Gustave sie mit so vielen Menschen bekannt gemacht, dass sie es nicht mehr wusste.

»Enchantée«, sagte sie nervös.

»Aber, aber, Madame«, erwiderte der Schnurrbart auf Deutsch. »Wir beide verstehen uns doch besser in unserer Muttersprache, n’est-ce pas?« Er ergriff ihre Hand, beugte sich darüber und hauchte einen Kuss in die Luft. »Wilhelm Freiherr von Schoen«, stellte er sich dann vor. »Sehr erfreut, Sie endlich kennenzulernen.«

Wilhelm von Schoen, der deutsche Botschafter in Paris. Ein guter Bekannter ihres Mannes. Dora war ihm bisher nicht persönlich begegnet, aber vermutlich hatte Gustave ihm erzählt, dass er mit einer Deutschen verheiratet war.

»Es ist mir ein Vergnügen«, sagte Dora und begann zu schwitzen. Hoffentlich erwartete der Botschafter nicht, dass sie mit ihm über die deutsch-französischen Beziehungen sprach. Sie interessierte sich nicht für Politik, und nach fünfundzwanzig Jahren in Paris wusste sie nur noch wenig über die Verhältnisse in Deutschland. »Mein Mann hat mir viel von Ihnen erzählt.«

»Ah, hoffentlich nur Gutes!« Freiherr von Schoen zwinkerte ihr zu, wodurch die eine Hälfte seines Schnurrbarts heftig auf und ab tanzte. »Ihr Mann ist Gold wert, aber das ist Ihnen sicher bewusst. Ohne ihn wäre diese Weltausstellung niemals vollendet worden.«

»Zu freundlich«, sagte Dora. »Vielen Dank.« Obwohl das Kompliment ja gar nicht ihr galt, sondern Gustave. Sie warf einen raschen Blick über die Schulter. Allmählich vermisste sie Gustave auch, wo steckte er bloß? Vielleicht war ihm die Aufregung der letzten Tage auf den Magen geschlagen. Verwunderlich wäre es nicht.

»Was sagen Sie zum deutschen Pavillon? Ist er nicht prachtvoll gelungen?«, fragte von Schoen.

»Ich muss gestehen, ich habe bisher nur einen kleinen Teil der Ausstellung gesehen.« Seit der offiziellen Eröffnung waren erst ein paar Stunden vergangen. Dora und Nanette hatten das Wasserschloss von Paulin besichtigt, aus dem sich ein gigantischer Wasserfall ergoss, und das verkehrte Haus besucht. Und natürlich waren sie auf dem rollenden Bürgersteig gefahren, der das ganze Ausstellungsgelände durchzog. Das deutsche Haus hatten sie nur von weitem gesehen, eine bizarre Mischung aus einer mittelalterlichen Burganlage und einem Fachwerkhaus, verziert mit einem gotischen Kirchturm. Es war groß, viel größer als die Pavillons der anderen Nationen. Unangenehm groß, hatte Dora gedacht. Dass die Deutschen sich immer so aufspielen mussten. Dabei schätzte man diese ungenierte Machtdemonstration in Paris ganz und gar nicht. Sedan lag schließlich gerade einmal dreißig Jahre zurück.

»Na, das müssen Sie aber schleunigst nachholen«, sagte von Schoen vorwurfsvoll, als wäre die Ausstellung nicht noch sieben Monate geöffnet, sondern gleich am nächsten Tag wieder beendet. »Das ist ein ganz dolles Ding, das kann ich Ihnen versichern.«

»Zweifelsfrei«, sagte Dora und überlegte, ob es dieses Wort im Deutschen wirklich gab oder ob sie es soeben erfunden hatte. Ihr Korsett klebte an ihrem Körper, der üppige Spitzeneinsatz, der ihr Dekolleté bedeckte, kratzte auf der feuchten Haut.

»Maman?« Jetzt trat Nanette neben sie, und die Augen des Botschafters begannen sofort zu leuchten, als wäre er am Verdursten und Nanette ein Glas Wasser.

»Das Fräulein Tochter, nehme ich an?«

Nanette schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.

»Où est Papa?«, fragte sie dann Dora. »On demande après lui…«

»Wir sprechen Deutsch«, unterbrach Dora sie. »Herr von Schoen, der deutsche Botschafter aus Berlin, meine Tochter Nanette.«

»Enchantée.« Nanette reichte von Schoen ihre Hand zum Kuss. »Ich bin entzückt.«

»Das Entzücken ist ganz meinerseits, meine Liebe.« Von Schoen deutete einen Diener an. »Ihr Deutsch ist ja ganz hervorragend.« Er warf Dora einen anerkennenden Blick zu, dabei waren Nanettes Deutschkenntnisse ganz gewiss nicht ihr Verdienst. Sie hatte sich stets auf Französisch mit ihrer Tochter unterhalten. Wenn Nanette nicht immer ihre Ferien bei ihren Großeltern in Düsseldorf verbracht hätte, hätte sie kein Wort Deutsch gesprochen.

»Man fragt nach Papa«, raunte Nanette Dora auf Französisch zu, danach schenkte sie von Schoen ein bezauberndes Lächeln und verabschiedete sich. »Es war mir ein Vergnügen, Herr von Schoen.«

Der Freiherr sah ihr bedauernd nach. Dora erinnerte sich plötzlich wieder an den Finanzdirektor, der am Ausgang stand und auf sie wartete.

»Ich muss wirklich schauen, wo mein Mann bleibt«, sagte sie. »Nicht, dass ihm am Ende etwas zugestoßen ist.«

Das sollte ein Scherz sein, aber von Schoens Gesicht verzog sich sofort zu einem Ausdruck der Bestürzung. »Ja, natürlich. Unbedingt. Sehen Sie besser nach ihm.«

Sie reichte ihm die Hand, er küsste in die Luft, dann eilte sie in Richtung der Waschräume davon.

Wie Bienensummen drangen die Stimmen aus den Empfangssälen zu Dora, während sie durch den Seitentrakt lief. Sie schloss die Augen und spürte das Hämmern in ihren Schläfen. Der Tag war anstrengend gewesen, und der Empfang ermüdete sie. Sie würde Gustave bitten, dass sie sich ebenfalls bald auf den Weg nach Hause machten. Einen Cognac für ihn, ein Glas heiße Milch für sie, vielleicht ein schnelles Bad. Dann ins Bett. Sie konnte es kaum erwarten.

Aber erst musste sie Gustave finden. Sie ging den Flur entlang, der zu den Toiletten führte. Ratlos blieb sie stehen: Bei den Damen war er bestimmt nicht, und die Herrenräume konnte sie wohl kaum betreten. Sie wartete eine Weile, doch als niemand herauskam, ging sie weiter. Geradeaus, dann nach links, dann ein paar Stufen hinunter, bis sie schließlich in den Innenhof des kleinen Palais gelangte. Fröstelnd verschränkte sie die Arme vor der Brust. Es war eine milde Aprilnacht, aber Dora trug nur ein ärmelloses Abendkleid, ihre Pelzstola hatte sie an der Garderobe abgegeben. Sie wollte schon umkehren, aber was immer sie hierhergebracht hatte, zu den Palmen, Zypressen und Thujen, die aus stuckverzierten Steintrögen wuchsen, es zog sie weiter, zu den flachen Wasserbecken in der Mitte des Hofes. Auf der Wasseroberfläche schwamm Licht, das durch die hohen Fenster des Kuppelsaals fiel. Das Glück, das sie eben noch empfunden hatte, war nun eine ferne Erinnerung.

Atmen. Es tat gut zu atmen.

Die kalte Nachtluft durchströmte ihren Körper und reinigte sie von dem Gelächter und Geschwätz und Zigarrenrauch. Sie legte den Kopf in den Nacken. Der Himmel war sternenlos, ein schwarzes Tuch, das ein noch größerer Architekt als Gustave über das Dach des kleinen Palais gespannt hatte.

Sie dachte an den Finanzdirektor und seinen Sekretär, die am Ausgang auf Gustave warteten. Aber wahrscheinlich warteten sie gar nicht mehr. Vermutlich waren sie längst nach Hause gegangen.

Wir sollten auch gehen, dachte sie und ließ sich dennoch auf den golden glitzernden Beckenrand sinken.

Und dann hörte sie die Stimmen.

Sie kamen von der anderen Seite des Bassins. Aus dem Gewirr der Palmen und Büsche.

Da stand jemand. Und noch jemand.

Ein Mann. Und eine Frau.

»Ich muss gehen«, sagte der Mann. »Wirklich. Ich hab mich schon viel zu lange aufgehalten.«

»Bleib«, hauchte die Frau. »Halt mich fest. Fühl mich.«

Und der Mann blieb und fühlte, und Dora hörte, wie die Frau leise stöhnte. Und hörte, wie sie sich küssten.

»Ich liebe dich«, flüsterte die Frau.

Der Mann antwortete nicht, er umfasste die Frau mit beiden Händen und fühlte ihre Brüste und spürte ihre Lippen und ihren weichen, warmen Leib und atmete ihr Verlangen ein. Das wusste Dora, obwohl sie die beiden nicht sehen konnte.

Die Frau sagte: »Bleib doch bei mir heute Nacht.«

»Es geht nicht«, flüsterte er. »Du weißt doch, dass es nicht geht.«

Sie schluchzte leise, oder war es ein leidenschaftliches Seufzen?

»Odile«, flüsterte der Mann. »Odile, Odile, Odile.«

Und dann das Geräusch von raschelndem Stoff und keuchender Atem. Die Liebenden zitterten, und Dora zitterte ebenfalls.

»Genug«, flüsterte Odile. »Nicht hier. Komm morgen zu mir. Nicht hier.«

»Odile«, wisperte der Mann. Er küsste sie ein letztes Mal und löste sich dann von ihr, obwohl es ihn fast zerriss vor Gier und Verlangen, auch das spürte Dora, ohne es zu sehen. Sekunden später eilte er an ihr vorbei und nahm sie nicht einmal zur Kenntnis.

Aber sie sah und erkannte ihn.

Gustave verschwand durch den Hintereingang der Kuppelhalle. Dora aber blieb sitzen und spürte die eiskalten Steine durch ihren Rock. Und spürte, wie sie innerlich erstarrte. Unter der Palme blitzte es jetzt weiß, Odile knöpfte ihr Mieder zu und steckte ihr Haar hoch, das Gustave gelöst hatte.

Odile, dachte Dora. Odile, Odile, Odile.

Sie versuchte sich darüber klarzuwerden, was das Ganze bedeutete. Warum Gustave sie betrog. Warum er sie mit ihrer Freundin Odile betrog. Und was nun werden würde.

Aber sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Da war nur ein Name in ihrem Kopf.

Odile. Odile. Odile. Odile.

Vor einem Jahr hatte Odile ihren Mann verloren. Jacques de la Riche-Salé. Er war Oberster Richter am Tribunal de Police gewesen, bis ihn ein Jahr vor der Pensionierung der Krebs befiel und vier Monate später tötete. Und Odile, seine um dreißig Jahre jüngere Frau, zur Witwe machte.

Sie war untröstlich gewesen. Ihre Augen waren rotgeweint und entzündet, wenn sie Dora empfing, die ihr Hühnerbouillon und selbstgebackene Apfeltorten und Biskuits brachte.

»Mein Leben ist vorbei«, schluchzte Odile. »Verbrennt mich wie die indischen Witwen. Was soll ich auf einer Welt, in der Jacques nicht ist?« Dora tätschelte ihre Arme, streichelte ihre Wangen und sagte: »Die Zeit heilt alle Wunden.«

Und sie behielt recht damit.

Halt mich fest. Fühl mich.

Odile. Odile. Odile. Odile.

Dora hörte, wie Odile ihren Rock raffte, und dann huschte auch sie an Dora vorbei, ohne sie zu bemerken. Odile war die Geliebte, Dora die betrogene Ehefrau, ein Schatten, den man nicht wahrnahm.

Dora blieb sitzen. Haltung, Dora, flüsterte eine Stimme mit russischem Akzent in ihrem Kopf. Madame Drosskova, ihre alte Ballettlehrerin. Jahrelang hatte Dora nicht mehr an sie gedacht. Warum fiel sie ihr ausgerechnet jetzt ein? Und wie sollte man Haltung bewahren, wenn einem sein Leben aus den Händen glitt?

II

»Da bist du ja endlich«, sagte Nanette, als ihr Vater neben ihr auftauchte, mit einem halbgefüllten Champagnerglas in den Händen. »Man hat bereits nach dir gefragt.«

»Wer hat nach mir gefragt?«

»Monsieur Waldeck-Rousseau«, sagte Nanette so beiläufig, als wäre es ein ganz gewöhnlicher Name und Waldeck-Rousseau ein ganz gewöhnlicher Mann.

»Bitte, wer?« Es amüsierte sie, wie ihr Vater zusammenfuhr und dabei fast seinen Champagner verschüttete. »Le Président du Conseil des Ministres?«

Der Präsident des Ministerrats war einer der mächtigsten Männer der Republik. Gustave bewunderte ihn, seitdem er seinen Einfluss dazu genutzt hatte, dass Dreyfus begnadigt und die unselige politische Affäre endlich beendet wurde. Und nun hatte er ihn um ein paar Sekunden verpasst.

»Der Ministerpräsident persönlich«, bestätigte Nanette. »Leider warst du nicht da.«

»Was wollte er von mir? Und wo ist er hin?«

»Das hat er mir nicht verraten. Aber er hat versprochen, später noch einmal zurückzukommen.«

Gustave reckte den Kopf.

»Maman hat dich auch gesucht«, fiel es Nanette jetzt wieder ein. »Irgendjemand wollte sich von dir verabschieden. Und dieser Botschafter aus Deutschland wollte dich sprechen.«

»Freiherr von Schoen?« Gustave winkte ab. »Den treffe ich morgen früh. Das ist jetzt nicht so wichtig.« Waldeck-Rousseau war wichtig. Aber der unterhielt sich nun leider anderweitig. Nanette betrachtete dabei den jungen Mann, der nun schon eine ganze Weile in ihrer Nähe stand, ein Glas Champagner in der Hand, an dem er hin und wieder nippte. Er sah atemberaubend gut aus, hatte breite Schultern, dunkles lockiges Haar, einen schmalen Schnurrbart, aber er stand ganz allein da und unterhielt sich mit niemandem. Und jetzt blickte er zu ihr herüber, Nanette senkte hastig den Blick. Der Herr kam ihr bekannt vor, irgendwo hatte sie ihn schon einmal gesehen, aber wo?

»Wo warst du denn die ganze Zeit?«, fragte sie ihren Vater.

Gustave nahm einen Schluck Champagner und runzelte die Stirn. »Wo steckt eigentlich deine Mutter?«, fragte er dann zurück.

»Sie sucht dich.«

Er sah sich um. »Und du?«, erkundigte er sich dann bei seiner Tochter. »Wie geht es dir? Amüsierst du dich?«

»C’est très agréable.«

Agréable. Das war eine Lüge. Der Empfang war nicht angenehm, er war berauschend! Es war Nanettes erster gesellschaftlicher Auftritt, sie hatte monatelang darauf hingefiebert. Das Kleid, der Hut, die Frisur, die Schuhe, der Schmuck, in den letzten Wochen hatte sie sich mit nichts anderem beschäftigt. »Nimm roten Atlas für das Abendkleid«, hatte ihre Freundin Claudine vorgeschlagen. »Das sieht hinreißend aus zu deinen braunen Augen.«

Aber Dora ging schon in Rot, und in der gleichen Farbe aufzutreten wie ihre Mutter war natürlich undenkbar. Also hatte sich Nanette für Altrosa entschieden. Ein einfarbiges Kleid mit schwarzem Atlasgürtel und Tüllschärpe. Dazu ein Strohhut, den ebenfalls ein rosafarbenes Band schmückte. Pantoletten im japanischen Stil. Schlicht. Aber offensichtlich überzeugend, denn seit sie die Kuppelhalle des kleinen Palais am Arm ihres Vaters betreten hatte, hingen die Blicke der Männer an ihr wie Wespen an einem Pflaumenkuchen. Auch der gutaussehende Fremde blickte wieder unverhohlen zu ihr herüber.

»Bist du müde?«, fragte ihr Vater.

Doch bevor sie antworten konnte, wurden sie von einer Gruppe Männer abgelenkt, die auf sie zukam: Waldeck-Rousseau, umringt von Sekretären und Sicherheitsbeamten.

»Ah, voilà!«, sagte der Ministerpräsident, als er Gustave erblickte. »Der Held des Tages. Mein Kompliment zu dieser Ausstellung. Sie gefällt mir ausnehmend gut.«

Ihr Vater lachte geschmeichelt. »Es ist mir eine Ehre«, säuselte er.

»Meine Tochter Nanette«, stellte er schließlich auch Nanette vor, nachdem Waldeck-Rousseau ihn mit der Hälfte seines Mitarbeiterstabs bekannt gemacht hatte.

»Enchanté, mademoiselle!« Der Präsident küsste die Luft über ihrem Handschuh, trat dann zur Seite und überließ seinen Begleitern Nanettes Hand.

»Mein Kompliment.«

»Ganz entzückend.«

»Sehr erfreut.«

Nanette lächelte und nickte und hielt zwischendurch Ausschau nach dem schönen Mann mit dem Champagnerglas. Er war verschwunden. Zu schade aber auch!

»Mademoiselle? Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

»Gleichfalls.« Mechanisch streckte sie dem letzten von Waldeck-Rousseaus Sekretären ihre Hand entgegen, dann erst sah sie ihn an. Und schnappte nach Luft. Er gehörte nicht zu der Entourage, es war der Champagnermann.

»Wenn ich mich vorstellen darf: Mein Name ist Yves Charpentier«, sagte er, und jetzt wusste sie auch, warum er ihr so bekannt erschienen war. Er war ja auch bekannt.

Yves Charpentier war der jüngste Spross einer Bankiersfamilie, die es in den letzten Jahrzehnten zu großem Reichtum gebracht hatte. Sein Vater leitete das Bankhaus Charpentier & Fils, das mit seinen Filialen auf dem ganzen Kontinent vertreten war. Und Madame Charpentier führte einen literarischen Salon in Paris, in dem die Crème de la Crème der Pariser kulturellen Gesellschaft ein und aus ging. Paul Verlaines letzte Lesung hatte im Salon Charpentier stattgefunden, und Émile Zola hatte hier seinen ersten öffentlichen Auftritt nach seiner Rückkehr aus England. Einige Damen der Hautevolee hätten ohne zu zögern einen Mord begangen, um einmal von Madame Charpentier eingeladen zu werden. Und das, obwohl die Familie jüdischen Ursprungs und erst vor ein paar Jahren zum Katholizismus konvertiert war.

Was für ein Metier Yves betrieb, der jüngste der drei Charpentier-Söhne, wusste Nanette nicht, sie hatte sein schönes Gesicht jedoch schon oft in den illustrierten Gazetten gesehen. Und nun stand er vor ihr. Er sah noch besser aus als auf den Fotografien.

»Ihr Glas ist ja leer«, stellte er fest. »Was darf ich Ihnen bringen? Noch einen Champagner?«

»Bitte, gerne«, stammelte Nanette. »Oder nein, doch nicht!« Bloß keinen Champagner! Ihr war auch so schwindlig genug. »Ich nehme eine Limonade, s’il vous plaît.«

Er drehte sich um und nahm ein Glas mit Limonade vom Tablett eines Kellners.

»Voilà. À votre santé.«

»Merci.« Sie trank, erleichtert über die kurze Pause, die sich dadurch ergab. Sie spürte Charpentiers Blick auf ihren nackten Armen und bekam eine Gänsehaut.

»Ich hoffe, Sie fühlen sich nicht von mir belästigt«, sagte er. »Aber ich beobachte Sie schon eine geraume Weile und musste Sie einfach ansprechen.«

Darauf fiel ihr nun wirklich keine Erwiderung ein. Sie nahm noch einen Schluck aus ihrem Glas.

»Es war gar nicht so einfach, zu Ihnen vorzudringen. Sie werden ja die ganze Zeit umlagert von Bewunderern.«

»Ach nein«, wehrte Nanette ab. »Die Herren interessieren sich für meinen Vater. Er hat an der Konzeption der Ausstellung mitgewirkt.«

Charpentier nickte. »Und? Wie gefällt Ihnen die Schau? Sie haben Sie doch bestimmt schon gesehen.«

»Nur einen winzigen Teil.« Nein, sie würde ihm jetzt bestimmt nicht verraten, dass sie sich zuallererst auf die Touristenattraktionen gestürzt hatte. Das verkehrte Haus, das Wasserschloss, den Globe Céleste. Dass sie außerdem gern eine Fahrt auf dem Riesenrad gemacht hätte, wenn die Warteschlange davor nicht so unendlich lang gewesen wäre. »Man weiß auch gar nicht, wo man beginnen soll. Das Angebot erschlägt einen ja förmlich.«

»Da haben Sie recht. Ich war bisher nur im Pavillon der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft. Ein Erlebnis, das kann ich Ihnen sagen.«

»Elektrizität«, sagte sie. »Ja, das stelle ich mir überaus interessant vor.«

Charpentier lachte. »Ich weiß genau, was Sie denken. Sie fragen sich, wie man sich für ratternde Elektromotoren begeistern kann. Aber die Eingangshalle des Pavillons ist phänomenal. Da bleibt Ihnen die Luft weg.«

»Ach ja? Und was macht die Eingangshalle so besonders?«

»Das kann man nicht beschreiben. Das muss man sehen. Ich würde es Ihnen gern einmal zeigen, wenn Sie ein bisschen Zeit übrig haben.«

»Natürlich, mit Vergnügen.« Auch wenn in der Eingangshalle nur eine einsame Glühbirne hing, mit Charpentier an ihrer Seite würde der Besuch in jedem Fall zum Erlebnis werden.

Er zündete sich eine Zigarre an und nahm einen langen Zug. »Wann?«, fragte er, und weil sie so versunken in seinen Anblick war, brauchte sie einen Moment, bis ihr bewusst wurde, dass sich die Frage auf den gemeinsamen Ausstellungsbesuch bezog.

»Wie wäre es am Mittwoch?« Es waren noch drei Tage bis zum Mittwoch, es widerstrebte ihr zutiefst, ihn so lange hinzuhalten. Aber er durfte auf keinen Fall den Eindruck gewinnen, dass sie es kaum abwarten konnte, ihn wiederzusehen.

»Mittwoch? C’est formidable, ich werde Sie abholen«, sagte Charpentier. »Je suis ravi.«

Sie wäre am liebsten noch stundenlang stehen geblieben und hätte Yves Charpentier angesehen und sich von ihm ansehen lassen, aber inzwischen war auch ihre Mutter wieder aufgetaucht und drängte zum Aufbruch. »Es ist bald Mitternacht.«

»Es war ein langer Tag«, meinte Gustave entschuldigend zu dem dicklichen Ehepaar, mit dem er sich unterhielt, nachdem der Ministerpräsident und seine Begleiter weitergezogen waren. »Ich werde unsere Mäntel holen.«

»Erlauben Sie mir, dass ich das für Sie übernehme.« Nun trat Charpentier näher und stellte sich Dora und Gustave vor. »Lassen Sie mich die Mäntel besorgen, als Gegenleistung, dass ich Ihr Fräulein Tochter die ganze Zeit in Beschlag nehmen durfte.«

Ein wenig verwirrt übergab Gustave ihm seine Kleidermarken und erwartete, dass sich Charpentier damit auf den Weg zur Garderobe machte. Stattdessen legte der junge Mann sie auf das Tablett eines Kellners, der schon den Mund öffnete, um zu protestieren, weil das Beschaffen der Mäntel nicht in seine Zuständigkeit fiel. Da ließ Charpentier eine 20-Francs-Goldmünze neben die Marken fallen, und der Mund klappte wieder zu.

»Mais oui, bien sûr. Tout de suite«, säuselte der Mann, ließ die Goldmünze in seiner Tasche verschwinden und drehte sich um.

Charpentier trat wieder neben Nanette. »Wie schade, dass der schöne Abend schon zu Ende ist«, sagte er leise.

Sie spürte zu ihrem Ärger, dass sie errötete, und wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Dabei stieß sie mit dem Fotografen zusammen, der schon den ganzen Abend durch den Saal schwirrte, um hier und da und dort sein Stativ aufzubauen und den festlichen Empfang für die Nachwelt zu dokumentieren.

»Pardon.« Der Mann machte einen Diener, obwohl der Zusammenstoß Nanettes Schuld gewesen war.

»Vielleicht machen Sie zur Wiedergutmachung für Ihre Tollpatschigkeit eine hübsche Aufnahme von der jungen Dame?«, schlug Charpentier vor.

»Natürlich.« Noch ein Diener.

»Oh, ja, das ist eine ganz bezaubernde Idee!«, rief Nanette. »Aber Sie müssen unter allen Umständen auch auf das Bild, Monsieur Charpentier.«

»Dann ist die Fotografie aber nur noch halb so gelungen«, scherzte Charpentier, gleichwohl bot er ihr seinen Arm. Es war die erste Berührung zwischen ihnen: Nanettes behandschuhte Hand, die sich auf den Ärmel von Charpentiers Frack legte.

Mehrere Stoffschichten trennten seine Haut von ihrer, und dennoch fühlte Nanette eine tiefe Verbindung. Während sie sich neben Charpentier in Positur brachte, fragte sie sich, ob es ihm genauso ging, und verspürte den fast unwiderstehlichen Drang, den Kopf zu wenden, ihn anzusehen. Aber sie musste ja in die Kamera blicken, damit der Fotograf sein Bild machen konnte. Soeben zündete er den Magnesiumblitz und verschwand dann wieder unter dem Tuch. Drückte ab.

Nanette schloss geblendet die Augen. Vor der Innenseite ihrer Lider leuchtete grell das Echo des Magnesiumfeuers. Charpentier hielt immer noch ihren Arm. Vielleicht befürchtete er, dass ihr schwindlig werden könnte. Vielleicht genoss er die Berührung genau wie sie.

Der Kellner brachte die Überzieher. Man verabschiedete sich.

Charpentier half Nanette in ihren Mantel. »Bis Mittwoch«, sagte er, als er ihr ihren Spazierstock reichte.

Sie hob den Kopf und lächelte ihn an. Und zuckte zusammen, als das Magnesiumfeuer des Fotografen erneut aufblitzte. Diesmal hatte der Fotograf allerdings ihre Eltern ins Visier genommen. Gustave, wie er Dora ihre Pelzstola umlegt.

»Lassen Sie das gefälligst«, herrschte Dora den Fotografen an.

»Na, na.« Gustave bot seiner Frau einen Arm, aber in ihrer Erregung nahm sie es gar nicht zur Kenntnis. »Der junge Mann tut doch nur seine Pflicht. Und wer könnte einem so schönen Motiv wie dir widerstehen?«

Dora schüttelte den Kopf, ihre Lippen bebten vor Empörung.

Ich hätte den Fotografen um einen Abzug bitten sollen, dachte Nanette, als sie und ihre Eltern in der Droschke saßen. »Kanntest du den Mann, der uns fotografiert hat?«, fragte sie ihren Vater.

»Warum willst du das wissen? Hast du dich in ihn verguckt?«

»Bestimmt nicht.«

»Natürlich nicht. Du hattest ja nur Augen für den jungen Charpentier. Und er für dich.« Gustave pfiff leise durch die Zähne. »Du hast einen sensationellen Eindruck auf ihn gemacht. Meinen Glückwunsch.« Er rieb sich die Hände.

»Wozu?«

»Also, wenn du dir diesen Kerl angelst – das ist keine schlechte Partie, das kann ich dir versichern. Die Charpentiers …«

»Das ist mir bewusst«, unterbrach Nanette ihn scharf. Es gefiel ihr nicht, wie ihr Vater über Charpentier redete. So wie er die Sache hinstellte, klang es ja, als ob sie sich aus lauter Berechnung mit ihm unterhalten hätte.

»Oho.« Gustave hob vielsagend die Augenbrauen und sah dabei Dora an, die mit finsterer Miene aus dem Fenster starrte, als gäbe es dort draußen etwas zu sehen, das sie auf keinen Fall verpassen dürfte. »Was ist denn mit dir los?«, fragte er irritiert.

»Maman?«, erkundigte sich Nanette. »Hörst du?«

Dora nickte. »Ich habe Kopfschmerzen«, sagte sie, ohne ihren Mann oder ihre Tochter dabei anzusehen.

III

Was hatte Dora erwartet? Dass Gustave die Liebschaft mit Odile abstreiten und sie von seiner Unschuld überzeugen würde? Dass ihr Leben danach weiterging wie vorher?

Genau das hatte sie erwartet. Aber so war es nicht.

Nachdem sich Nanette summend in ihr Zimmer begeben hatte, war Dora zu Gustave in den kleinen Salon gegangen. Gustave hatte sich gerade einen Cognac eingeschenkt und schwenkte die goldene Flüssigkeit im Glas, schloss die Augen, nahm den Duft in sich auf und dachte mit allergrößter Wahrscheinlichkeit an Odile.

Da stellte Dora ihn zur Rede.

»Ich habe euch im Hof des kleinen Palais gesehen«, sagte sie. »Ich habe gesehen, wie du Odile geküsst hast.«

Dabei hatte sie gar nichts gesehen. Sie hatte sie nur gehört.

Odile. Odile. Odile. Odile.

Gustave starrte stumm in sein Glas, als hätte er sie nicht gehört. Dann stellte er das Glas ab, rieb sich die Augen und räusperte sich. »Ich wollte es dir schon lange sagen. Es tut mir leid, dass du es auf diese Weise erfahren musstest.«

Es tat ihm leid, dass sie es auf diese Weise erfahren musste. Nicht, dass es überhaupt geschehen war.

Im Grunde war mit diesem einen Satz alles gesagt. Sie hätten sich den Rest der Unterhaltung sparen können und alle weiteren Auseinandersetzungen ebenfalls. Aber das wusste Dora in diesem Augenblick nicht, das wollte sie auch nicht wissen, also fragte sie: »Wie lange geht das schon?«

Er zuckte mit den Schultern. »Eine Weile.«

Eine Weile. Was bedeutete das? Zwei Wochen oder vier Monate oder ein halbes Jahr? Hatte es schon angefangen, als Dora noch Hühnerbrühe und Apfeltorten zu Odile getragen hatte? Vielleicht hatten Gustave und Odile die Speisen, die Dora voller Mitleid zubereitet hatte, nach ihren gemeinsamen Liebesnächten verzehrt.

Verbrennt mich wie die indischen Witwen. Dora hörte Odile wieder schluchzen. Und dann lustvoll seufzen. Halt mich fest. Fühl mich.

Odile war jünger als Dora und zierlicher, sie wirkte so hilflos und zerbrechlich. Und sie bebte vor Lust, wenn Gustave sie küsste.

Bleib doch bei mir heute Nacht.

Haltung, Dora.

»Es muss sofort aufhören«, erklärte Dora. »Ich will dieses Frauenzimmer niemals wieder in unserem Haus sehen.« Sie spürte, wie dieser letzte Satz die Schmach linderte, sie wieder aufrichtete und wie sich das Gefühl der Demütigung in Wut verwandelte. Ich bin die rechtmäßige Ehefrau, dachte sie. Odile ist nichts als eine Kokotte, die meinen Mann verführt hat, die ihn mir stehlen will, aber das wird ihr nicht gelingen.

Gustave nickte. Er lenkte ein. Dachte Dora.

»Es ist nicht so, wie du denkst«, sagte er. »Es ist keine Affäre. Es ist mir ernst. Uns ist es ernst.«

Uns, sagte er und meinte damit Odile und sich.

Dora spürte, wie ihr schwindlig wurde, wie ihr der Champagner zu Kopf stieg, den sie gar nicht getrunken hatte.

»Wie meinst du das?«, fragte sie. »Wie soll das denn jetzt weitergehen, kannst du mir das sagen?«

»Eine offizielle Trennung ist natürlich undenkbar. Das ist mir klar. Es geht schließlich nicht nur um mich und dich. Es geht um Nanette. Eine Scheidung wäre ein Skandal, der ihre Aussichten auf dem Heiratsmarkt zerstören würde. Das können wir ihr nicht antun.«

»Das kannst du ihr nicht antun«, korrigierte ihn Dora.

»Du hast in den letzten Monaten oft davon gesprochen, dass du gern nach Orléans ziehen wolltest«, fuhr Gustave fort, als habe sie nichts gesagt. »Vielleicht wäre das eine Lösung.«

»Ich verstehe nicht«, sagte Dora, obwohl sie in Wirklichkeit ganz genau verstand. Eine Weile war es vollkommen still im Salon. Nur die Uhr an der Wand tickte leise und zählte die Sekunden und zählte ihre Ehe aus.

Gustave wollte, dass Dora in ihr Landhaus nach Orléans zog. Das Haus, das sie vor einigen Jahren erworben hatten, damit sie aus der Hektik der Großstadt in die Ruhe des Landlebens fliehen konnten. Das Haus, in das sie sich gemeinsam zurückziehen wollten, wenn Nanette einmal verheiratet wäre.

Und nun sollte Dora allein dort leben, sollte Rosen züchten und Buchsbäume beschneiden und Wandteppiche sticken, während in ihrem Ehebett auf dem Boulevard Haussmann Odile liegen würde.

Halt mich fest. Fühl mich.

»Nein«, sagte Dora. »Nie und nimmer.«

»Lass es dir durch den Kopf gehen«, sagte Gustave, als ob sie über ein gemeinsames Wochenende am Meer oder ein neues Teeservice sprächen. »Es ist meines Erachtens die beste Lösung.« Dann griff er wieder nach seinem Glas und leerte es in einem Zug. »Ich gehe zu Bett.«

»Du gehst zu Bett?«, fragte Dora ungläubig. »Du willst schlafen, als ob nichts geschehen wäre?«

»Dora«, sagte Gustave, und seine Stimme klang dabei so liebevoll, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen. »Es ist, wie es ist. Wir können es nicht wegreden. Wir müssen vernünftig sein. Wir müssen an Nanette denken.«

Dora versuchte ihre Tränen zu unterdrücken. »Dann denk an Nanette«, sagte sie hasserfüllt. »Und trenn dich von dieser Hure.«

Er lächelte traurig und geduldig, so wie er auch früher über Nanettes Wutausbrüche gelächelt hatte, die stets vergeblich geblieben waren, weil Nanette ihrem Vater letztendlich gehorchen musste, egal wie sehr sie tobte und schrie.

»Gute Nacht, Dora.«

In den fünfundzwanzig Jahren ihrer Ehe hatten sie noch nie ein ernstliches Zerwürfnis erlebt. Manchmal hatten sie sich gestritten, weil Dora für den großen Salon roséfarbene Tapeten ausgesucht hatte, die Gustave entsetzlich geschmacklos fand, oder weil Gustave im Schlafzimmer geraucht hatte, wovon Dora Kopfschmerzen bekam. Aber was auch immer sie vor dem Schlafengehen entzweit hatte, war am nächsten Morgen vergessen gewesen.

Aber diese Angelegenheit wäre morgen früh nicht erledigt, das war ihnen beiden bewusst. Diese Angelegenheit würde immer zwischen ihnen bleiben, bis entweder Gustaves und Odiles Liebschaft oder ihre Ehe auseinanderbrach.

Du hättest wissen müssen, dass so etwas passiert, hörte Dora ihre Mutter sagen, obwohl Mathilde weit weg war, zum Glück war sie weit weg. So etwas passiert doch nicht von jetzt auf gleich, so etwas kündigt sich doch an. Sagte Mathilde in Doras Kopf. Das war typisch, dass sie Dora die Schuld zuschob.

Dora hatte erwartet, dass Gustave in einem der Gästezimmer schlafen würde, aber er wusch sich, warf sein Nachthemd über, legte die Bartbinde an und schlüpfte in das gemeinsame Ehebett, als wäre es eine Nacht wie jede andere.

Sie zögerte, doch dann legte sie sich neben ihn. Und lauschte auf seinen Atem, der zuerst kaum hörbar war und dann lauter und langsamer wurde, um sich schließlich in das leise Schnarchen zu verwandeln, das ihr so vertraut war. Gustave schlief.

Wie kann er nur schlafen, dachte Dora fassungslos. Sie selbst würde in dieser Nacht kein Auge zutun, da war sie sich ganz sicher.

Auf einmal sehnte sie sich nach ihrer Großmutter und Theres, wie immer, wenn es ihr schlechtging, wie immer, wenn sie Trost brauchte. Großmutter und Theres hätten ihr nicht die Schuld zugeschoben, Großmutter hätte ihren Nacken massiert und ihre Wangen gestreichelt, und Theres hätte heiße Schokolade gekocht. Keine Vorwürfe, kein Tadel. Das hätte geholfen, aber sie waren beide tot. Und Dora war selbst eine alte Frau. Eine alte, verlassene Frau.

Sie dachte an Odile und an all die Sorge und das Mitleid, das sie an sie verschwendet hatte. Es war ein schwerer Schlag, in so jungen Jahren den Ehemann zu verlieren. Hatte Dora bisher geglaubt, aber nun wusste sie es besser.

Es war das Beste, was Odile hatte passieren können. Sie lebte im 8. Arrondissement in einem eleganten Stadthaus, das Vermögen, das Jacques ihr hinterlassen hatte, erlaubte ihr ein sorgenfreies, luxuriöses Leben. Sie hatte keine Kinder, die sie erziehen musste, keinen Ehemann, auf den sie Rücksicht nehmen musste. Sie konnte sich voll und ganz darauf konzentrieren, Gustave zu erobern.

Wie lange es wohl gedauert hat, bis sie ihn verführt hatte? Oder war es am Ende sogar umgekehrt gewesen – hatte Gustave Odile verführt, hatte der väterliche Freund die junge, wehrlose, trauernde Witwe getröstet?

Gustave drehte sich von der linken auf die rechte Seite, schmatzte leise im Schlaf, schnarchte weiter.

Wie kannst du nur schlafen, dachte Dora wieder, aber kurz darauf schlief sie selbst.

Am nächsten Morgen riss die Türglocke sie aus dem Schlaf. Das Bett neben ihr war leer, Gustave hatte das Haus bereits verlassen. Sie frühstückten niemals gemeinsam, Gustave musste um neun Uhr in seinem Bureau in der Rue des Capucines sein, um diese Zeit stand Dora gerade erst auf.

Wieder die Türklingel. Dora hörte die eiligen Schritte ihres Mädchens Adéline auf dem Flur.

Besucher um diese frühe Zeit waren ungewöhnlich, dennoch erhob sich Dora hastig und zog ihr Hauskleid an. Sie schlang ihr Haar zu einem Zopf, den sie auf dem Hinterkopf zusammensteckte. Als sie aus dem Zimmer trat, kam ihr Adéline entgegen, sie verschwand fast hinter einem riesigen Frühlingsblumenstrauß. »Das Bouquet ist soeben abgegeben worden.«

»Mon Dieu!«, rief Dora. Erst in diesem Augenblick fiel ihr wieder ein, was in der Nacht zuvor geschehen war. »Kommt das etwa von meinem Mann?«

Nun willst du mit Blumen wiedergutmachen, was du angerichtet hast, dachte sie und konnte ein Gefühl der Rührung doch nicht unterdrücken. Gustave hatte ein Dutzend rote Rosen mit langstieligen weißen Madonnenlilien kombiniert, ihren Lieblingsblumen.

Es war natürlich vollkommen offen, was er ihr damit sagen wollte. Ob er Dora nur milde stimmen wollte, damit sie seinen Vorstellungen entgegenkam. Oder ob die Blumen bedeuteten, dass er die Affäre bereute. Dass Odile Vergangenheit war.

Es ist keine Affäre, hörte sie ihn sagen. Es ist mir ernst.

»Bring das Bouquet in mein Boudoir«, wies sie Adéline an.

»Aber die Blumen sind nicht für Madame«, wandte das Mädchen ein. »Der Bote hat sie für Mademoiselle Nanette gebracht.«

Rote Rosen und Madonnenlilien. Doras Lieblingsblumen. Aber sie waren nicht für sie bestimmt, sondern für ihre Tochter.

Und falls Gustave heute Morgen ebenfalls eine Blumensendung in Auftrag gegeben hatte, dann hatte er sein Bouquet nicht zum Boulevard Haussmann geschickt, sondern zur Avenue de Marigny, wo Odile wohnte.

»Magnolien sind mir am liebsten«, hatte Odile Dora einmal unter Tränen anvertraut. »Die hat Jacques mir immer geschickt.«

Und jetzt bekam sie sie von Gustave. Nur Dora ging leer aus.

Adéline trat unschlüssig von einem Fuß auf den anderen. »Wohin soll ich den Strauß denn nun bringen?«

»Das ist doch keine Frage. Bring die Blumen zu Nanette, wenn sie für sie bestimmt sind.«

»Aber Mademoiselle schläft noch.«

»Dann weck sie auf.« Dora ließ Adéline einfach stehen und verschwand im kleinen Salon. Sie musste ihre ganze Willenskraft aufbringen, um die Tür nicht zuzuschlagen.

Blumen vom schönsten Mann der Welt. Besser konnte ein Morgen wirklich nicht beginnen, dachte Nanette.

Während sie sich ankleidete, überlegte sie, wie sie die nächsten Tage überstehen sollte. Erst am Mittwoch würde sie Charpentier wiedersehen, bis dahin waren es noch zwei Tage.

Beim Frühstück beschloss sie, ihre beste Freundin Claudine zu besuchen. Sie würde ihr von Yves Charpentier erzählen, das war zwar nicht so gut, wie ihn tatsächlich zu treffen, aber es würde den Tag immerhin verkürzen.

»Noch einen Kaffee, Mademoiselle?«, erkundigte sich Adéline.

»Nein, danke. Ich werde gleich ausgehen. Hast du mein hellblaues Kleid gewaschen?«

»Noch nicht, Mademoiselle. Tut mir leid, Mademoiselle.«

Nanette seufzte. »Schau zu, dass es bis Mittwoch früh fertig ist, hörst du?«

»Natürlich, Mademoiselle.«

»Wo ist eigentlich meine Mutter?«

»In ihrem Boudoir, Mademoiselle.« Dann klingelte es, und Adéline hastete hinaus, um zu öffnen, und Nanette fiel plötzlich ein, dass sie gleich Klavierstunde hatte. Jeden Montag um zehn kam Monsieur Thierry ins Haus, um sie mit Fingerläufen und Anschlagsübungen zu quälen, die sie dann die Woche über wiederholen sollte, was sie nie tat. Monsieur Thierry wies sie jedoch nicht zurecht und beschwerte sich auch nie über sie, weil ihre Eltern ihn so gut bezahlten.

Nanette blickte auf die Uhr über dem Kamin. Erst halb zehn. Monsieur Thierry kam zu früh, das war ungewöhnlich. Es war aber gar nicht Monsieur Thierry.

»Ein junger Mann, der Madame sprechen möchte.« Adéline steuerte, ein silbernes Tablett in den Händen, auf das Zimmer zu, in dem Dora morgens ihre Post zu erledigen pflegte.

»Ein junger Mann?« Nanette sprang so unvermittelt auf, dass sie fast die Tischdecke vom Frühstückstisch riss. »Wer ist es, lass mich die Karte sehen.«

Neugierig griff sie nach der Besucherkarte, die auf dem Tablett lag: Monsieur Yves Jean Charpentier.

Von einer Sekunde auf die andere schwoll ihr Herz an und hämmerte mit aller Macht gegen ihre Brust und brachte ihre Stimme zum Zittern, als sie sagte: »Er will nicht zu meiner Mutter. Er möchte zu mir.«

»Er verlangt nach Madame«, beharrte Adéline und klopfte an Doras Tür.

Nanette warf einen hastigen Blick in den Spiegel über dem Büfett. Wenn sie gewusst hätte, dass Charpentier hier auftauchte, hätte sie Adéline ihre Haare machen lassen, hätte sie Rouge aufgelegt, hätte sie das rote Hauskleid angezogen, das sie nicht so blass machte wie das weiße.

Charpentier wartete in dem kleinen Salon nebenan. Nur eine Wand trennte sie voneinander, wenn er die Ohren spitzte, konnte er ihr Herz hämmern hören. Vielleicht schlug das seine ja genauso schnell und heftig.

Sie zog eine Locke aus ihrem Dutt in die Stirn. Dann ging sie zu ihm.

Erst als sie an der Place de la Concorde aus der Droschke stiegen, fiel Nanette der Klavierlehrer wieder ein. Sie hatte ganz vergessen, ihm Bescheid zu geben, dass die Stunde ausfallen würde. Und auch Dora hatte nicht daran gedacht, sondern hatte nur genickt, als Charpentier sie um die Erlaubnis bat, ihre Tochter für ein paar Stunden auf die Weltausstellung zu entführen. »Wenn Nanette möchte, kann sie Sie gern begleiten.«

Wenn Nanette möchte. Als ob das eine Frage war!

»Warum sind Sie heute schon gekommen?«, hatte Nanette Charpentier gefragt, kaum dass sie allein waren. »Wir waren doch erst für Mittwoch verabredet.«

»Ich habe es vor Sehnsucht nicht mehr ausgehalten. Ich musste Sie heute schon sehen.«

Daraufhin hatte Nanettes Herz noch wilder gehämmert, und darüber hatte sie Monsieur Thierry vergessen.

Charpentier reichte ihr eine Hand, um ihr aus der Droschke zu helfen. »Sehen Sie – man erwartet uns schon!« Er wies auf die monumentale Frauenstatue über dem Eingangstor zur Weltausstellung, die zu ihnen herunterzugrüßen schien. Er bot Nanette seinen rechten Arm, während er mit der Linken zwei Eintrittsbillets aus der Westentasche zog. »Ich schlage vor, dass wir uns direkt zum Invalidenplatz begeben, um den Pavillon der Elektrizität zu besuchen. Wenn der Besucherandrang zu groß ist, verliert sich der Reiz nämlich.«

Arm in Arm schlenderten sie durch die botanischen Anlagen über die neue Brücke auf den Platz vor dem Invalidendom. Aber je näher sie den Pavillons am linken Seine-Ufer kamen, desto dichter wurde die Menschenmenge. Vor den Ausstellungshallen hatten sich bereits lange Schlangen gebildet, die sich kreuz und quer über den großen Platz zogen. Es war eine Stimmung wie auf einem Volksfest, man lärmte, lachte, amüsierte sich.

»Wir sind leider nicht die Ersten«, seufzte Nanette, als sie die Elektrizitätshalle erreicht hatten, wo der Andrang besonders groß war. Doch Charpentier spazierte einfach an der Warteschlange vorbei und schlenderte auf den Portier am Eingang des Pavillons zu, wechselte ein paar Worte mit ihm, dann winkte er Nanette zu sich.

»Kommen Sie?«

Diese Stille. Nach der lauten Betriebsamkeit auf dem Ausstellungsgelände wirkte sie ohrenbetäubend. Draußen hatte die gleißende Sonne sie geblendet, hier drinnen umfing sie ein bleiches Zwielicht und verwandelte Charpentiers schönes Gesicht in ein kantiges Schattenspiel. Es raubte Nanette den Atem, sie fühlte sich mit einem Mal erschöpft wie nach einem langen Gewaltmarsch.

»Blicken Sie nach oben«, flüsterte Charpentier, sie spürte seine Stimme mehr, als dass sie sie hörte.

Nanette hob den Kopf und schaute zu einer gewölbten Decke auf, von der Hunderte weiße Lichter strahlten wie Sterne am nächtlichen Himmel. Die Lichtpunkte schienen sich zu bewegen, sie veränderten ihre Position, wuchsen und fielen wieder in sich zusammen. Aber wann immer Nanette ein Licht fixierte, stellte sie fest, dass es in Wirklichkeit unverändert blieb.

Nach einer Weile begann der Boden unter ihr zu schwanken und kippte, und nun hatte sie das Gefühl, dass sie mit dem Kopf nach unten im Raum hing und dass sich das Himmelsgewölbe unter ihr ausbreitete wie ein tiefes Meer.

Sie spürte Charpentiers Hand auf ihrer Schulter und hätte sich zu gern an ihn gelehnt, wagte es jedoch nicht. Er beugte sich zu ihr hinunter. Sein warmer Atem an ihrem Ohr.

»800 Nernstlampen«, flüsterte er.

Dann richtete er sich wieder auf.

Sie schluckte.

Sie standen eine ganze Weile in der Dunkelheit, nur ein paar Millimeter voneinander getrennt, und berührten sich doch nicht. Wie gebannt blickten sie in die Höhe, bis der Pförtner zurückkehrte, neben Charpentier trat und ihn diskret bat, nun weiterzugehen.

Sie gingen allerdings nicht weiter, sondern verließen den Pavillon gleich wieder durch das Eingangsportal.

»Den Rest erspare ich Ihnen lieber«, sagte Charpentier. »Es sei denn, Sie bestehen darauf, sich einen Überblick über den neuesten Stand der Glühbirnenentwicklung zu verschaffen.«

»Ein andermal«, erwiderte Nanette mit belegter Stimme. Sie blinzelte geblendet ins Licht und öffnete ihren Sonnenschirm.

Sie beschlossen, im Vieux Paris eine Tasse Schokolade zu trinken, Nanette hatte dort am Tag zuvor eine bezaubernde Chocolaterie gesehen. Auf der Esplanade des Invalides stiegen sie auf das rollende Trottoir, eine der Attraktionen der Weltausstellung, und ließen sich bis zum Pont de l’Alma fahren. Dort überquerten sie die Seine. »Hoffentlich finde ich das Lokal wieder«, sagte Nanette.

Sie fand es nicht.

In den engen Gassen war der Rummel noch viel schlimmer als auf dem weitläufigen Invalidenplatz. Es war inzwischen Mittagszeit, die Ausstellungsbesucher brauchten eine Pause und strömten allesamt in den pittoresken Stadtteil, der eigens für die Weltausstellung im mittelalterlichen Stil errichtet worden war. Hier reihten sich die Cafés, Gaststuben und Bars aneinander, und ein Lokal war voller als das andere.

Nanette schwitzte und hatte das entsetzliche Gefühl, dass sie ihren eigenen Körper riechen konnte. Und wenn sie ihn roch, dann ging es Charpentier bestimmt ebenso.

»Links oder rechts?«, fragte er.

»Ich weiß es nicht mehr«, gab sie zu. »Aber vermutlich war es ohnehin eine dumme Idee. Die Chocolaterie wird voll sein, wie alle anderen Cafés auch. Wir sollten uns eine ruhigere Gegend suchen.«

»Gehen Sie doch weiter, Sie halten ja den ganzen Betrieb auf!« Ein dicker Herr schaufelte sich schnaufend an Nanette vorbei. Seine Begleiterin warf ihnen einen bösen Blick zu.

»Mon Dieu, das ist unerträglich.« Charpentier reckte den Kopf und blickte sich um. Vielleicht suchte er einen Fesselballon, der sich zu ihnen herabsenkte und sie aus dem Gedränge befreite.

Wie eng die Straße war, wie dicht die Häuser standen. Die Fronten mit den Treppengiebeln und Fachwerkfassaden neigten sich über die Besuchermassen, die sich durch die Gassen wälzten. Lachend, lärmend, vergnügt – dabei war es wahrhaftig kein Vergnügen, hier zu sein. Es war zu voll, viel zu voll.

Eine Frau wollte aus dem Haus treten, an dem sie sich gerade vorbeischoben. Sie blieb in der offenen Tür stehen und starrte Charpentier feindselig an. »Geben Sie den Weg frei, ich muss hier raus.«

»Das trifft sich gut«, sagte Charpentier. »Wir müssen hinein.« Er zog Nanette mit sich, zog sie einfach in das fremde Haus, während sich die Frau an ihnen vorbei nach draußen drängte.

Hinter ihnen fiel die Tür ins Schloss. Hier leuchteten keine Nernstlampen an der Decke, es herrschte vollkommene Dunkelheit. Und zu allem Überfluss ließ Charpentier auch noch ihre Hand los.

»Was haben Sie vor?«, fragte sie erschrocken.

»Keine Angst«, sagte er.

Und dann leuchtete über ihnen eine Glühbirne auf und verbreitete ein trübes Licht.

»Voilà«, flüsterte Charpentier. Sie befanden sich in einem schmalen, fensterlosen Raum. An der Rückwand stapelten sich Stühle, ansonsten war alles leer.

»Was ist das für ein seltsames Haus?«, fragte Nanette.

»Staffage. Wie alles hier.«

»Bitte, was?«

»Von außen sieht es aus wie ein altes Haus. Aber abgesehen von diesem Raum gibt es keine weiteren Zimmer.«

»Warum haben Sie mich hierhergebracht?« Ihr Herz hämmerte. Das weißt du doch, dachte sie. Weil er dich küssen will, deshalb, nur deshalb.

»Um Sie wieder herauszubringen«, sagte Charpentier und schlenderte zu der schmalen Tür neben den Stühlen. Der Schlüssel steckte, er schloss auf. Die Tür öffnete sich zu einem dunklen Hinterhof, ein paar junge Männer in Lederschürzen lehnten gegen eine Mauer, rauchten, plauderten. Ein Torbogen auf der anderen Seite des Hofes führte zu einer Straße, zu welcher, wusste Nanette nicht. Sie hatte vollkommen die Orientierung verloren.

»Dachte ich es mir doch«, murmelte Charpentier. »Wir sind gar nicht weit von den Champs-Élysées. Wir verlassen diesen Dschungel, nehmen uns eine Droschke und fahren zu einem Restaurant am Jardin du Luxembourg.« Er bot ihr seinen Arm, aber bevor sie ihn nehmen konnte, gellte ein Pfiff über den Hof. »Charpentier«, schrie einer der Burschen. »Wohin des Wegs?«

Er kniff die Augen zusammen, dann lachte er. »Salut, Fernand! Wir sind auf dem Heimweg. Das Gewühl da draußen ist ja unerträglich.«

»Mittags ist es immer am schlimmsten!« Der Kerl war sehr groß und dürr, seine Lederschürze schlotterte um seinen Körper.

»Und du? Was treibst du hier?«

»Ich arbeite für ein paar Tage in einer Brasserie.«

»Das nennst du Arbeit, dass du hier herumstehst und rauchst?«

»Pause«, sagte der Bursche. »Ich bin seit früh um sieben auf den Beinen. Das kann sich ein feiner Pinkel wie du nicht vorstellen, was?«

»Das will ich mir gar nicht vorstellen«, sagte Charpentier.

»Eine hübsche Begleiterin hast du da. Hat sie auch einen Namen?«

Charpentier lachte. »Mademoiselle Boucher. Aber nun musst du mich entschuldigen. Wir haben noch etwas vor.«

Der Bursche pfiff durch die Zähne. Seine Freunde grinsten anzüglich.

»Adieu!« Charpentier hob den Hut. »Proleten«, raunte er Nanette leise zu.

»Besuch mich mal wieder, Charpentier«, schrie ihnen der Bursche nach, als sie den Hof schon überquert hatten. »Ich hab ein paar schöne nackte Weiber für dich.«

Charpentier schüttelte den Kopf, aber er wirkte nicht ärgerlich oder verlegen, sondern amüsiert. »Au revoir!« Er winkte, ohne sich umzudrehen.

Als sie die Straße erreicht hatten, blieb Nanette empört stehen. »Was sollte das denn? Das war ja ganz abscheulich.«

Charpentier lachte. »Es ist nicht so, wie Sie denken. Fernand ist Künstler, er malt. Und hin und wieder kauf ich ihm ein paar Bilder ab. Eine schöne Landschaft oder einen Akt.«

»Ich fand ihn entsetzlich respektlos.«

»So sind sie alle auf dem Montmartre. Wenn Sie wollen, nehme ich Sie einmal mit in die Ateliers. Wenn man sich an den rauen Ton gewöhnt hat, ist es sehr unterhaltsam.«

Sie kam sich auf einmal sehr provinziell vor. Bei ihm zu Hause gingen die berühmten Maler, Dichter und Schauspieler ein und aus, er war von klein auf mit ihrer exzentrischen Art vertraut. Bei den Bouchers dagegen verkehrten keine Künstler – wenn man von Monsieur Deschamps absah, der an der Akademie der Künste unterrichtete, aber so konventionell und gediegen auftrat wie ein Beamter. Ihre Welt war so klein und eng, Charpentiers Welt aber war groß und weit. Bislang hatten Nanette hohe Mauern von dieser Welt getrennt, doch plötzlich war da eine Tür, und sie stand offen. Nanette konnte es kaum abwarten, einzutreten und alles kennenzulernen.

»Aber jetzt gehen wir erst einmal essen«, sagte Charpentier. »Oder hat Ihnen die Begegnung mit Fernand den Appetit verdorben?«

»Ach was«, sagte Nanette. »Da kennen Sie mich aber schlecht.«

IV

Gustave wohnte jetzt bei Odile.

Das wusste nicht nur Dora, das wusste die ganze Stadt. Ihre Freundinnen und sämtliche Bekannte, die Dienstboten, die Marktfrau, bei der Dora einen Bund Maiglöckchen kaufte, und der Zeitungsbursche, der die Morgenausgabe des Figaro ausrief. Andernfalls hätten sie Dora nicht so angesehen, mit dieser Mischung aus Mitleid und Verachtung.

Du warst ihm nicht mehr genug, sagten die Blicke. Wenn du es klüger angestellt, wenn du es besser gemacht hättest, wäre er nicht weggelaufen.

Eigentlich konnte es ihr egal sein, was die Leute dachten und was sie redeten. Früher hatte es sie auch nie gekümmert, was man sich über sie erzählte. Aber seit Gustave weg war, schaffte sie es einfach nicht mehr, den Tratsch zu ignorieren, das Gerede zu überhören. Sie ging kaum noch aus dem Haus, weil sie die Blicke, das Gewisper, die Bemerkungen nicht mehr ertrug. Sie war nun wirklich nicht die Einzige, die von ihrem Mann betrogen wurde. Monsieur du Prevne, der Mann ihrer Freundin Daphne, hatte jahrelang ein Verhältnis mit einer Verkäuferin aus dem 14. Arrondissement gehabt, alle hatten darüber Bescheid gewusst. Daphne hatte die Sache einfach ignoriert, bis seine Jeanette sich vor einem halben Jahr verheiratet hatte. Nun schlief du Prevne wieder zu Hause, und Jeanette wurde von ihrem eigenen Mann betrogen.

Du Prevne hatte Daphne nicht verlassen. Und auch Gustave würde Dora nicht verlassen, das hatte er ihr versprochen, er nahm ja Rücksicht auf Nanette. Aber er machte keinen Hehl daraus, dass sein Herz an Odile hing. Sie war seine Liebe, Dora war das notwendige Übel, das es in Kauf zu nehmen galt.

Sie warf die Blumen in ihren Korb, legte die Zeitung daneben und schob ihren Hut tiefer ins Gesicht, um die Tränen zu verbergen, die plötzlich über ihre Wangen liefen. Es war ein Wunder, dass sie überhaupt noch Tränen hatte, dass sie nicht schon vollkommen ausgetrocknet war, nachdem sie tagelang geweint hatte.

Zwei Wochen war Gustave nun schon weg. Am ersten Abend hatte Dora sich noch Sorgen gemacht, als er aus dem Bureau nicht nach Hause gekommen war. Bis sie seinen Brief gefunden hatte, den er sinnigerweise auf ihren Nachttisch gelegt hatte.

Er sei ihr immer noch in größtem Respekt verbunden, schrieb er, aber sein Herz dränge nun einmal zu Odile, und deshalb sei er fortan auch dort zu finden. Gleichwohl sei er immer für Dora und Nanette da. Schrieb er.

So einfach war das für ihn.

Aber für Dora war es schwer.

Sie zog ihr Taschentuch aus der Tasche und tupfte sich damit über ihre Augen. Nach kurzer Zeit war das Tuch durchweicht, doch es kamen immer neue Tränen nach. Sie musste nach Hause, beschloss Dora, und zwar schnell. Wenn einer der Nachbarn oder eine Bekannte sie sähe, wie sie hier stand und heulte, mitten auf der Straße, dann würde das Gerede noch schlimmer werden, als es ohnehin schon war.

Mit großen Schritten überquerte sie den Marktplatz, um in die kleine Seitenstraße einzubiegen, die zum Boulevard Haussmann führte. Mitten auf dem Platz stieß sie mit einer Frau zusammen.

»Attention!«, zischte die andere, obwohl sie im Weg gestanden hatte.

Doras Hut war durch den Zusammenprall nach hinten gerutscht. Bevor sie ihr Gesicht verbergen konnte, sah die Fremde die geschwollenen Augen, die rote Nase, die nassen Wangen.

»Ça va?«, fragte die Frau besorgt.

Der mitleidige Ton genügte, um Dora sofort neue Tränen in die Augen zu treiben. »Natürlich«, gab sie mühsam beherrscht zurück. »Entschuldigen Sie meine Ungeschicklichkeit.« Sie wollte weitergehen, aber die Frau hielt sie auf.

»Warten Sie, bitte. Ich möchte Sie zu unserer Versammlung einladen.«

»Sie möchten … was?«, fragte Dora verwirrt.

Die Frau reichte Dora eine Karte.

Chloé du Rouge, las Dora. Und darunter: Club des femmes, Le Papillon, Grande Rue des Batignolles. »Wir treffen uns jeden Mittwoch.«

»Was ist das für ein Club?«, erkundigte sich Dora und ärgerte sich gleichzeitig, dass sie überhaupt nachfragte. Dass sie nicht einfach weiterging.

»Wir kämpfen für die Gleichberechtigung der Frauen und für ein allgemeines Wahlrecht.«

»Die Suffragetten.« Das hatte Dora gerade noch gefehlt. Mit den Frauenrechtlerinnen und ihren verstiegenen Forderungen konnte sie nichts anfangen und mochte sie nichts anfangen. »Das ist nicht mein Fall.« Sie wollte Chloé die Karte wieder zurückgeben, aber diese ignorierte ihre ausgestreckte Hand. »Ich bin keine Feministin, das sage ich Ihnen ganz ehrlich.«

Den Weibern geht es doch gar nicht um die Gleichberechtigung, spottete Gustave immer. Der Neid und die Eifersucht treiben sie an. Man muss sich diese Gestalten nur einmal anschauen, dann weiß man Bescheid. Sie sehen allesamt zum Fürchten aus und hassen die Männer, weil sich keiner von ihnen für sie interessiert. Sagte Gustave, der Dora verlassen hatte, obwohl sie weder hässlich war noch eine Frauenrechtlerin.

Auch Chloé du Rouge war alles andere als hässlich. Sie hatte ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen und mandelförmigen dunklen Augen, die Dora mitfühlend und neugierig zugleich musterten. Und sie war nach der neuesten Mode gekleidet und sorgfältig frisiert. Eine Frau wie ich, dachte Dora. Wer weiß, was sie für eine Geschichte hat. Vielleicht hat ihr Mann ebenfalls eine Geliebte, eine neue Frau, der er sich zugewandt hat, weil ihm die erste langweilig geworden ist.

»Kommen Sie doch einfach einmal vorbei, und lernen Sie uns kennen. Womöglich sind wir anders, als Sie denken«, sagte Chloé du Rouge.

Dora zögerte einen Moment, dann ließ sie die Karte in ihren Korb fallen.

»Warum nicht«, sagte sie und fühlte sich dabei ungeheuer kühn und waghalsig. Sie wünschte sich, dass Gustave sie sehen könnte, wie sie sich mit einer Suffragette unterhielt. Er hätte sie ausgelacht, aber geärgert hätte es ihn auch.

Sie fragte sich, was sie früher den ganzen Tag gemacht hatte. Bevor Gustave sie verlassen hatte. Im Grunde hatte sich ihr Leben doch kaum verändert. Auch sonst war Gustave bereits im Büro gewesen, wenn sie aufgestanden war, und abends war er spät nach Hause gekommen. Die Arbeit. Und Odile, aber das hatte sie damals nicht gewusst.

Dennoch hatte Dora ihre Tage nach ihm ausgerichtet. Wenn sie zum Friseur ging, ließ sie sich für ihn schön machen. Die Blumen, die Kleider, die Schuhe, selbst die Dienstmädchen wählte sie nach seinem Geschmack aus. Oder nach dem, was sie für seinen Geschmack hielt. Sie kannte ihn ja gar nicht, das war ihr inzwischen bewusst geworden.

Er hatte ihr Komplimente gemacht. Wie schön du aussiehst, wie geschmackvoll du dich kleidest. Und dabei hatte er an Odile gedacht.

Sie vermisste ihn, wenn sie, wie jetzt, die Wohnungstür aufschloss und ihr Blick auf den Garderobenständer im Korridor fiel, wo früher sein Überzieher gehangen hatte und darüber sein Hut. Wenn sie im kleinen Salon saß und allein ihr Abendessen verzehrte. Wenn sie zu Bett ging. Vielleicht war es gar nicht so sehr Gustave, den sie vermisste. Vielleicht vermisste sie die Sicherheit, in der sie sich gewiegt hatte. Die Zuversicht. So war das Leben, und so würde es immer weitergehen.

Sie trank jetzt abends ein Glas Cognac statt der heißen Milch, um besser einschlafen zu können. Um überhaupt einschlafen zu können.

Gestern hatte sie sogar zwei Gläser Cognac getrunken, und jetzt dröhnte ihr Kopf. Dora beschloss, sich vor dem Mittagessen noch ein Stündchen hinzulegen. Den Korb mit den Einkäufen und den Blumen ließ sie achtlos neben der Tür stehen. Sollte das Mädchen die Maiglöckchen ins Wasser stellen. Oder auch nicht. Was kümmerten sie die Blumen. Der Enthusiasmus, den sie verspürt hatte, als Chloé du Rouge ihr die Karte überreicht hatte, war wieder verflogen.

Als sie ihr Korsett öffnete, hörte sie die Türklingel. Einen Moment lang hielt sie inne, dann fuhr sie fort, sich zu entkleiden. Wahrscheinlich war es Nanette, die von einem Spaziergang mit dem jungen Charpentier zurückkam, sie war ständig mit ihm unterwegs. Der junge Mann war verrückt nach ihr, und Nanette war ebenfalls sehr verliebt. So erschien es Dora zumindest. Tatsächlich hatte sie mit ihrer Tochter nicht über ihre Gefühle gesprochen.

Sie machte sich Vorwürfe, dass sie so wenig Anteil an Nanettes Leben nahm. Aber sie konnte diese Verliebtheit einfach nicht ertragen. Wenn Nanette ihr von Yves Charpentier vorgeschwärmt hätte, wäre Dora in Tränen ausgebrochen. Oder hätte laut gelacht.

Seufzend angelte sie die seidene Schlafmaske vom Nachttisch.

Solange sie schlief, würde sie die Kopfschmerzen nicht mehr spüren. Solange sie schlief, wäre auch der Kummer vergessen, die Schmach, die Gustave ihr angetan hatte. Solange sie schlief, ging es ihr gut.

Ein Klopfen an der Tür.

»Madame?«

»Was gibt es denn?«

Fabienne steckte ihr rundes Gesicht in die Tür. Auf ihren Wangen brannten rote Flecke, ihre Augen waren weit aufgerissen, als hätte sie etwas Furchtbares gesehen. Oder erfahren.

Dora erschrak. »Ist etwas passiert?«

»Ihre Eltern«, flüsterte Fabienne.

»Was ist mit ihnen?«

»Sie sind da.«

»Sie sind … was?«, fragte Dora entgeistert, und im selben Moment fiel es ihr wieder ein. Dass ihre Mutter und ihr Vater sie am 1. Mai besuchen wollten, um die Weltausstellung zu besichtigen. Vor Monaten hatten sie ihren Besuch angekündigt, als die Erde sich noch um die Sonne gedreht hatte, als Odile noch Doras Freundin gewesen war, als Gustave noch am Boulevard Haussmann gewohnt hatte. »Welches Datum ist heute?«

»Der 1. Mai«, wisperte Fabienne, als wäre es ein Geheimnis. »Die Herrschaften erwarten Madame im Salon.«

»Bring Ihnen eine Erfrischung und sag, dass ich gleich komme … Halt, warte!«, rief Dora, als Fabienne die Tür zuziehen wollte. »Hilf mir zuerst wieder in mein Korsett.« Sie hielt die Luft an, damit Fabienne die Metallhaken des Mieders schließen konnte. »Hoffentlich bleiben sie nicht allzu lange«, seufzte sie dann.

»Die Köchin hat heute ihren freien Tag«, sagte das Mädchen.

»Dann musst du das Essen machen.«

»Madame hatte nur eine Suppe geordert …«

»Für meine Eltern muss es natürlich mehr sein.« Dora griff nach ihrem Hauskleid, schließlich überlegte sie es sich jedoch anders und öffnete den Kleiderschrank. »Bereite die Suppe als Vorspeise. Danach Fisch, eine Dorade. Oder besser Seezunge, die liebt mein Vater. Und dann kalten Braten. Etwas Gemüse, meine Mutter isst gern grüne Bohnen. Zum Abschluss eine Crème anglaise.«

»Es ist aber gleich zwölf.« Fabiennes Stimme klang weinerlich. »Ich habe noch nicht einmal eingekauft. Und dann muss alles zubereitet werden.«

»Adéline wird dir helfen. Und Nanette auch. Sie kann zum Markt gehen …«

»Mademoiselle ist aus.«

Natürlich. Nanette vertrieb sich die Zeit, und Dora konnte allein sehen, wie sie zurechtkam.

»Dann frag bei Madame du Prevne an, ob sie Estelle schicken kann, damit sie dir zur Hand geht.«

»Die du Prevnes haben aber heute Abend eine Gesellschaft, da können sie Estelle bestimmt nicht entbehren.«

»Eine Gesellschaft?« Warum hatte Daphne du Prevne sie nicht eingeladen, wenn sie eine Gesellschaft gab? Vielleicht hatte sie statt Dora Gustave und Odile auf die Gästeliste gesetzt.

Meinen Mann und seine Kokotte, dachte Dora und spürte, wie eine Wut in ihr brannte, auf Gustave, auf Odile, auf die du Prevnes und den Rest der Welt, eine Wut, die das Korsett, das Fabienne soeben mühevoll geschlossen hatte, fast zum Bersten brachte.

»Was soll ich denn nun …?«, begann Fabienne.

»Lass es gut sein.« Dora erhob sich. »Wir gehen zu Etienne. Ich hoffe doch, dass er uns auch ohne Reservierung etwas zubereitet.« Und dass Gustave und Odile nicht zufällig im selben Restaurant speisten, fügte sie im Stillen hinzu.

Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass Mathilde und Dora Mutter und Tochter waren. Ihre einzige Gemeinsamkeit bestand darin, dass sie früher beide brünett gewesen waren – nun waren sie grau. Mathilde hatte eine kraftvolle Statur, selbst im Alter sah man ihr den athletischen Körperbau noch an. Dora war schmal und biegsam. Wie eine Tänzerin – sie war ja auch jahrelang in die Ballettschule gegangen.

Die Haare ihrer Mutter waren glatt, die Züge markant, fast scharf gezeichnet. Doras Haar hingegen lag in weichen Wellen um ihr sanftes Gesicht.

Aber das waren Äußerlichkeiten. Wesentlicher unterschieden sie sich in ihrer Persönlichkeit. Von Kindheit an war Dora auf Harmonie und Eintracht bedacht gewesen. Mathilde Zeller hingegen schlug sich wie ein Feldherr durchs Leben, den Blick starr auf ihr Ziel gerichtet, ohne Rücksicht auf Verluste. Offiziell führte Doras jüngerer Bruder Anton das Familienunternehmen Seele & Zeller in Düsseldorf, aber alle Welt wusste, dass in Wirklichkeit Mathilde am Steuer saß und die Richtung bestimmte. Sie entschied, welche Waren eingekauft und welche Verträge abgeschlossen wurden. Und wenn die Seiden- und Baumwollfabrikanten aus Krefeld, Ratingen, Elberfeld und Barmen ihrem Sohn nicht genügend Rabatt gewährten, dann verhandelte sie selbst und bekam stets die Konditionen, die sie sich wünschte.

Als Dora zehn Jahre alt gewesen war, hatte sie zufällig mit angehört, wie sich zwei Kaufmannsgesellen über ihre Mutter unterhielten. Schlimmer als ein Jude, die Zeller, hatten sie gesagt. Der Satz hatte Dora getroffen wie eine Ohrfeige. Wie konnten die Männer es wagen, so über ihre Mutter zu reden. Sie hatte lange gezögert, Mathilde davon zu erzählen, weil sie Angst hatte, sie zu kränken. Und als sie sich ihr letztendlich doch anvertraute, brach Mathilde zu ihrer Überraschung nicht in Tränen aus, sondern lachte aus vollem Halse.

»Für eine Geschäftsfrau ist das ein Kompliment«, sagte sie.

Und in diesem Moment hatte Dora beschlossen, dass sie um keinen Preis der Welt eine Geschäftsfrau werden wollte. Schlimmer, geiziger, härter als ein Jude, nein, so wollte sie nicht sein und auch niemals werden. So war sie auch nicht geworden. Stattdessen hatte sie sich ihr Leben lang sanft und nachgiebig verhalten. Mit dreiundzwanzig hatte sie Gustave kennengelernt, der ihr an ihrem vierundzwanzigsten Geburtstag einen Antrag machte. Sie hatte nicht lange gezögert, sein Humor, seine Klugheit und seine Weltgewandtheit hatten sie überzeugt. Abgesehen von der Tatsache, dass er in Paris lebte, weit weg von Düsseldorf, weit weg von Mathilde.

Sie hatten geheiratet, sie war ihm eine gute, treue, liebevolle Ehefrau gewesen, und nun war sie fünfzig, und er wohnte bei Odile.

»Maman, Papa!«, rief sie entzückt aus, während sie in den kleinen Salon rauschte. »Was für eine Freude, dass ihr endlich da seid!«

»Endlich?« Mathilde reichte ihrer Tochter die Wange zum Kuss. »Wir waren die ganze Nacht unterwegs. Ich habe den Eindruck, dass die Züge heute länger brauchen als früher.«

»Das ist doch Unsinn.« Auch ihr Mann erhob sich jetzt. »Es gab eine Verzögerung an der Grenze. Deshalb haben wir so lange gebraucht.«

»Wir hatten gehofft, dass du uns am Bahnhof erwarten würdest«, sagte Mathilde gekränkt.

»Das hatte ich ursprünglich auch vor. Aber ich hatte Angst, euch zu verpassen. Na, nun seid ihr ja hier, Dieu merci.«

Mathilde runzelte die Stirn. Sie hasste es, wenn Dora französische Worte in ihren deutschen Redefluss mischte. Wenn du nicht aufpasst, wirst du deine Muttersprache noch ganz verlieren, predigte sie ihr immer.

»Gott sei Dank«, übersetzte sie prompt. »Dein Vater hat übrigens einen großen Hunger.«

»Immer mit der Ruhe.« Herr Zeller bedachte seine Frau mit einem vorwurfsvollen Blick. »Das Mädchen hat uns doch gerade eben schon mit ein paar Austern verwöhnt.«

Austern! Wo hatte Fabienne auf die Schnelle die Austern hergenommen? Hoffentlich waren sie auch frisch gewesen, dachte Dora.

»Zum Essen gehen wir aus«, sagte sie hastig. »Ich habe einen Tisch in einem vorzüglichen Restaurant reserviert …«

»Ach, wir müssen schon wieder los?« Mathilde seufzte. »Ich hatte gedacht, dass wir hier in aller Ruhe … Sei’s drum. Ich hoffe, es ist nicht allzu weit.«

»Wir nehmen eine Droschke«, erklärte Dora, was ihrer Mutter Gelegenheit gab, sich über den Kutscher zu beschweren, der sie vom Bahnhof zum Boulevard Haussmann gebracht und nach Mathildes Meinung einen viel zu hohen Preis gefordert hatte.

»Zwei Francs für die Fahrt, das erscheint mir normal«, versuchte Dora sie zu trösten.

Ihre Mutter machte eine wegwerfende Handbewegung. Du würdest jeden Preis zahlen, um nur den Kutscher nicht zu verärgern, hieß das, und damit hatte sie recht.

Hoffentlich bleiben sie nicht allzu lange, dachte Dora.

Nach dem Essen machten sie einen kleinen Spaziergang an der Seine, bei dem Mathilde erwähnte, dass sie in drei Tagen wieder in Düsseldorf sein müssten. In der Firma stünden wichtige Verhandlungen an, bei denen sie Anton nicht allein lassen wollten.

Doras Laune verbesserte sich schlagartig. Spätestens übermorgen würden ihre Eltern wieder abreisen, das war auszuhalten.

»Ich bin gespannt, wie euch die Ausstellung gefallen wird«, begann sie erleichtert zu plaudern. »Die Meinungen der Besucher sind durchaus kontrovers.«

Sie selbst hatte die Schau nach der Eröffnung nicht mehr aufgesucht. Die abscheuliche Szenerie im Innenhof des kleinen Palais hatte sich wie ein Dorn in ihr Gedächtnis verhakt, sobald jemand von der Weltausstellung sprach, bohrte sich Odile wieder flüsternd und seufzend in ihre Erinnerung.

»Gustave wird uns doch morgen sicherlich begleiten«, sagte Mathilde, als könnte sie Gedanken lesen.

»Gustave? Er ist im Moment auf Reisen. Er wird erst zum Ende der Woche wieder zurück in Paris sein.« Ihre Mutter durfte auf keinen Fall erfahren, wie es um ihre Ehe stand. Sonst würde sie Dora mit Ratschlägen und Anweisungen und Vorwürfen überschütten. Und Gustave zur Rede stellen. Womöglich würde sie sogar zu Odile fahren, um ihr ins Gewissen zu reden. Aber damit würde sie nichts erreichen, außer Dora noch lächerlicher zu machen, als sie es ohnehin schon war.

»Er ist auf Reisen? Ich dachte, er ist für die Weltausstellung zuständig«, mischte sich ihr Vater ein. »Wie kann er jetzt wegfahren?«

»Die Ausstellung ist doch eröffnet«, sagte Dora. »Er ist bereits mit neuen Projekten beschäftigt.«

»Wo ist er denn?«, fragte Mathilde und musterte Dora dabei von der Seite, in einer Weise, die Dora zeigte, dass sie ihr nicht glaubte.

»In Lyon«, sagte Dora. »Und Umgebung.«

Doch Mathilde roch Unsicherheit und Nervosität sofort. Deshalb war sie bei den Tuchfabrikanten und Kommissionären so gefürchtet. Und deshalb hatte sie früher jede noch so kleine Lüge ihrer Kinder auf der Stelle entlarvt. Das stimmt nicht, das sehe ich dir an der Nasenspitze an. Sag lieber gleich die Wahrheit, ich finde sie ja doch heraus.

Auch jetzt spürte sie genau, dass Dora ihr etwas verschwieg. Aber im Unterschied zu früher konnte sie die Wahrheit nicht mehr aus ihr herauspressen.

Zwei Tage, dachte Dora. Zwei Tage werde ich die Sache ja wohl durchstehen. Dann ist dieser Spuk vorbei.

Selbst wenn der eigentliche Alptraum damit nicht zu Ende wäre.

Nanette hatte die ganze Welt gesehen. Zusammen mit Charpentier hatte sie jeden Winkel der Ausstellung erkundet.

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