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Lennox und der Lichtkult: Das Zeitalter des Kometen #4

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Lennox und der Lichtkult: Das Zeitalter des Kometen #4


von Jo Zybell


Der Umfang dieses Buchs entspricht 148 Taschenbuchseiten.


Auf der Erde gab es einen Asteroideneinschlag – und Tim Lennox muss um sein Überleben kämpfen.

Der Kölner Dom steht auch nach der Katastrophe durch den Asteroiden noch, doch in seinem Schatten geschehen ungeheuerliche Dinge. Jeden Monat wird unter dem Vorsitz eines Bischofs eine Art Karneval abgehalten. Und jedes Mal werden Menschen den Heiligen drei Königen geopfert, aus einem ganz unglaublichen Grund. Als auch Marrela zu den Opfern gehört, verfolgt Tim Lennox einen selbstmörderischen Plan, um sie zu retten.


1

Köln, 23. April, 2009

Dass er betete, sah jeder, der in diesen Tagen den Dom besichtigte. Die kahle Stirn auf die gefalteten Hände gepresst kniete er im Chorgestühl. Dass er fastete, merkte ihm keiner an. Seit dreizehn Tagen lebte Kardinal Jakobo ausschließlich von Wasser und Vitaminpräparaten.

Es war der Schrein, der ihn hierher in den Dom lockte. Er wusste es. Aber er konnte nicht sagen, warum der Schrein ihn, seit er fastete, mit geradezu magischer Kraft anzog. Und dann, am dreizehnten Tag, wie aus dem Nichts die Stimme: „… forme Menschen nach meinem Bilde, ein Geschlecht, das mir gleich sei!“

Der Kardinal fuhr hoch. Die Stimme hallte durch das Kirchenschiff. Eine glühende Hand schien sich um sein Herz zu schließen. Klar und groß stand die Idee in seinem Hirn. Eine gewaltige Idee. Jakobo starrte den Schrein an. Der Atem stockte ihm. Heiß zuckte der Schreck durch seine Brust: Drei Männer schwebten über dem Glaskasten mit dem kostbaren, mittelalterlichen Kunstwerk.

Die Stimme aus dem Kirchenschiff brach ab. Jemand räusperte sich. Dann wieder: „Hier sitze ich, forme Menschen …“

Kardinal Jakobo stand auf, schob sich aus dem Chorgestühl und näherte sich dem Schrein. Seine Glieder waren müde und bleiern, sein Kopf von einer seltenen Klarheit. Sein Mund stand offen. Auf seinem bleichen, faltigen Gesicht lag der Ausdruck fassungslosen Staunens. Keine Idee war es, nein – eine Vision, es war eine Vision!

Deutlich sah er die drei Männer über dem Schrein schweben. Männer in goldbestickten Prachtgewändern und mit Kronen auf den Häuptern. Kaspar, Balthasar und Melchior – die Heiligen Drei Könige. Die Gestalten bewegten sich, schienen ihn anzuschauen, ihn anzulächeln. Nur wenige Sekunden währte die Erscheinung. Dann glühte sie auf, wurde durchsichtig, und verschwand. Die Vision erlosch.

„… nach meinem Bilde, ein Geschlecht, das mir gleich sei, zu leiden, zu weinen …“ Der Kardinal drehte sich um. Der Mann, dessen Stimme kraftvoll und tief durch das altehrwürdige Gemäuer hallte, stand mitten im Kirchenschiff zwischen Renaissancekanzel und Bischofsthron. „…zu genießen und zu freuen sich …“

Als befände er sich auf einer Bühne schleuderte er seine Worte in das Kirchenschiff. Touristen wandten die Köpfe und blieben stehen. „… und dein nicht zu achten, wie ich!“

Einige Männer und Frauen klatschten verhalten. Andere fielen ein. Hätte Jakobo seine Kardinalssoutane getragen, und nicht die Kutte des einfachen Dominikaners – sie hätten es nicht gewagt …

Ein Schauspieler, dachte Jakobo, er macht Sprechübungen. Zorn stieg in ihm hoch. Missbraucht diesen Heiligen Ort für Sprechübungen! Noch dazu Sprechübungen mit diesem gotteslästerlichen Gedicht! Und diese Ungläubigen applaudieren! O HERR sei ihnen gnädig und erleuchte sie!

Der Kardinal hatte begriffen, dass es kein Bibelvers gewesen war, der ihm die Vision geschenkt hatte. Es waren Verse von Goethe, Verse aus seinem blasphemischen „Prometheus“. Aber er hatte die Bibel zitiert in seinem Gedicht, dieser Freimaurer – Gott sei seiner Seele gnädig. Die Schöpfungsgeschichte hatte der Mann aus Weimar zitiert: … und Gott sprach: Lasset und Menschen machen nach unserem Bilde, ein Geschlecht, das uns gleich sei …

„Selbst im Munde des Lästerers bleibt Dein Wort heilig und kraftvoll, o HERR“, betete Jakobo. Er wandte sich ab und kniete vor dem Schrein nieder, dem Schrein der Heiligen Drei Könige. „Lasset uns Menschen machen nach unserem Bilde“, murmelte der Kardinal.

Er versank in der Betrachtung des goldenen Schreins. Sterbliche Überreste der Heiligen Drei Könige ruhten darin. Der ersten Anbeter des neugeborenen Gottessohnes. Wenn man von den armseligen Hirten absah. Ein paar Knochen, weiter nichts. Vor fast neunhundert Jahren hatte der damalige Erzbischof von Köln sie in die Stadt gebracht.

„Sie könnten wieder lebendig werden, o HERR.“ Kardinal Jakobo presste die gefalteten Hände ans Kinn. „So lebendig wie in der Vision, die du mir geschenkt hast, o HERR. Sie könnten durch die ganze Welt reisen und den Ungläubigen predigen, dass du wahrhaftig als kleines Kind auf diese Welt gekommen bist. Sie könnten deine Zeugen sein, o HERR, und deine sündige Welt wieder für den Glauben gewinnen.“

Eine Stunde und länger kniete er vor dem Schrein. Sein Atem flog, sein Herz schlug wild, er zitterte und schwitzte vor Erregung über seine Vision. Seine Idee berauschte, entzückte ihn. Sie setzte sich in seinem Hirn fest und mobilisierte sämtlich Kräfte seiner Fantasie und seines scharfen Verstandes.

Irgendwann bekreuzigte er sich. „Ich danke dir, o HERR, dass du deinem Knecht deinen Willen geoffenbart hast. Und ich danke dir, dass du uns die Wissenschaft gegeben hast, deinen Willen in die Tat umzusetzen.“ Er zog sich die Kapuze seiner Kutte über den kahlen Schädel, stand auf und eilte aus dem Dom.

Vielleicht ging es Kardinal Jakobo an jenem Apriltag des Jahres 2009 tatsächlich darum, dem christlichen Glauben in der Welt wieder auf die Sprünge zu helfen. Vielleicht litt er auch einfach nur unter dem schwindenden Einfluss seiner Kirche. Sicher jedenfalls war: Die Vision des Kardinals an seinem dreizehnten Fastentag sollte die Geschichte Kölns bis in eine ferne Zukunft prägen!



2

Coellen, Jahrhunderte später

Es war gut, endlich einmal wieder zu fliegen. Unglaublich gut – ein Fest! Etwas, was er lange nicht mehr empfunden hatte, strömte durch Commander Timothy Lennox’ Körper: Glück.

Düsteres Rot waberte am östlichen Himmel. Der aufgehende Sonnenball war nicht zu sehen, aber sein Licht sickerte längst in die dichten Wolkenmassen. Bald würde das Tageslicht die Dämmerung verjagen. Der Boden musste schon zu erkennen sein.

Tim wollte sich die Konturen der Landschaft anschauen. Er drückte die Steuersäule nach vorn, der leuchtende Balken des digitalen Höhenanzeigers unterschritt die Sechstausend-Fuß-Marke. Mach 0,62 zeigte der Machmeter an. Mit über siebenhundert Stundenkilometer jagte der Jet durch den Morgenhimmel.

Die Kontrollanzeige für den Treibstofftank leuchtete grün und stand auf full. Schon seit dem Start in Köpenick vor knapp vierzig Minuten. Keine Veränderung. Als hätten sie keinen Treibstoff verbraucht. Das beunruhigte Tim.

Sein Blick streifte das Head-up-Display. Wohl zum hundertsten Mal seit dem Start. Die Datumsanzeige – sie stimmte ihn melancholisch. 18. Juli 2012! Den Chip, der den Kalender steuerte, hatte der Zeitriss nicht beeindruckt. Stur hatte er die Tage und Monate seit dem Kometeneinschlag weitergezählt. Die Tage seit Tims Notlandung. Seit seinem Sturz in den Albtraum. Über fünf Monate war das nun her. Und was war nicht alles geschehen in diesen fünf Monaten …

Sein Blick löste sich von den zahllosen Kontrollarmaturen, er wandte den Kopf zu Seite. Marrela, hinter ihm, presste Hände und Helm gegen die Cockpit-Kanzel. Seit dem Start hatte sie kein Wort gesprochen. Die erste Flugerfahrung ihres Lebens – der jungen Frau schien es buchstäblich die Sprache verschlagen zu haben.

Etwa 475 Kilometer trennten sie inzwischen vom ehemaligen Luftwaffenstützpunkt Köpenick. Und nur wenig mehr von ihrem Ziel – Paris. Tim hatte nur spärliche Hinweise darauf, Hank Daniels dort zu finden. Aber er hatte noch nie zu den Leuten gehört, die die Hoffnung vorzeitig aufgaben. Nichts würde Tim davon abbringen, den letzten der Kameraden zu suchen, dessen Schicksal er noch nicht hatte aufklären können. Erst wenn er Hank gegenüberstand, würde er dieses Ziel fahren lassen. Oder wenn er sein Grab oder seine Leiche finden würde. Was Gott verhüten möge, dachte Tim, oder Wudan, oder wer auch immer!

Der Leuchtbalken des Höhenmessers sank bereits der Tausend-Fuß-Marke entgegen. Das Profil der Landschaft tief unter ihnen wurde erkennbar.

„Tinnox! Schau nur!“ Marrela geriet völlig aus dem Häuschen – ein breiter Strom wand sich unter ihnen durch eine bewaldete Hügellandschaft.

Der Rhein!, schoss es Tim durch den Kopf. Das kann nur der Rhein sein!

Er suchte Anhaltspunkte für seine Vermutung und spähte zum Cockpit hinaus. Hügel und Wälder, soweit sein Auge blickte. Er rief sich die topografischen Karten des Rheinlands ins Gedächtnis. Eine zersiedelte, hügelige Landschaft tauchte vor seinem inneren Auge auf, ein dichtes Netz von Autobahnen und zahllose Städte.

Doch die Wirklichkeit dort unten sah anders aus. Ganz anders. Keine Spur von Verkehrswegen, keine Spur menschlicher Ansiedlungen. Nur Hügel, nur Wälder, nur Felsen.

Das Gebirge hinter uns muss der Westerwald sein, dachte Tim, und das links von uns die Eifel. Er blickte nach rechts und glaubte das Siebengebirge auszumachen. Und noch weiter nördlich, schon fast am Horizont, ragte dort nicht ein Doppelturm aus der Ebene?

Der Kölner Dom! Jesus! Sollte die alte Kathedrale tatsächlich der Druckwelle getrotzt haben?

Ein rotes Licht blinkte. Der Schreck trieb Tims Herzschlag an. Er starrte auf die Armaturen. Treibstoffwarnung! Der Tank war so gut wie leer.

„Bullshit!“ Tims Finger flogen über die Armaturen. Es blieb dabei: Die Treibstoffwarnung blinkte. Sie hatten nur noch für höchstens zehn Minuten Sprit im Tank. „Bullshit!“, brüllte er.

Von hinten legte sich Marrelas Hand auf seine Schulter. „Was ist los, Tinnox?“ Die Triebwerke überlagerten ihre Stimme.

Er wandte den Kopf zur Seite. „Die Treibstoffanzeige ist im Eimer!“ Er musste schreien, um sich verständlich zu machen. „Sie steht seit dem Start auf full! Und jetzt haben wir den Salat! Kein Treibstoff mehr!“

„Was ist Treibstoff?“

„Der gleiche stinkende Saft, der den Jeep zum Laufen gebracht hat, oder das Motorrad!“ Daran würde sie sich erinnern.

„Gefährlich, Tinnox?“

Tim stieß ein bitteres Lachen aus. „Wenn dieses Datum korrekt wäre, nicht!“ Mit einer Kopfbewegung deutete er auf das Head-up-Display. „Dann gäb es hier nämlich noch den einen oder anderen Flugplatz!“

Er flog eine steile Rechtskurve von etwa hundert Grad. „Wir müssen runter!“, brüllte er. Parallel des Rheinlaufes jagte der Jet nach Norden.



3

Fanlurs Streiter nannten das Ding „Götterauge“. Es bestand aus zwei parallel verlaufenden Röhren, handlang und ein wenig dicker als der Oberschenkelknochen eines großen Mannes. Und es war grau. Ein mattes, sehr dunkles Grau. Etwa wie der Uferschlamm des Großen Flusses. Oder wie Fanlurs langes Haar.

Sie nannten es so, weil man damit weit entfernte Menschen, Häuser oder Schiffe so deutlich sehen konnte, als würde man direkt davor stehen.

Fanlur selbst nannte das Ding Binokular. Fremd klang dieser Name in den Ohren seiner Streiter. So fremd und rätselhaft, wie die Namen manch anderer mächtigen Dinge, die Fanlur besaß und benutzte.

Mit dem Götterauge suchte er die Waldränder und bewachsenen Schutthügel der Flusslandschaft ab.

„Was siehst du, Fanlur?“, rief Honnes zu dem großen Mann mit dem Götterauge hinauf.

Honnes war ein dürrer kahlköpfiger Mann mit dicken, wulstigen Lippen und zerknautschtem Gesicht. Er kämpfte seit vielen Wintern Seite an Seite mit Fanlur gegen die Bruderschaft.

Honnes stand neben Wulf. Seit das Licht des neuen Tages ihn geweckt hatte, kraulte er dem Tier unablässig das weiße Nackenfell. Wulf war ein fast reinrassiger Lupa. Der alte Honnes war der einzige unter den Streitern, den Wulf so nahe an sich heranließ. Abgesehen natürlich von Fanlur, seinem Herrn.

Die sechsunddreißig Streiter hockten oder standen im Moos zwischen niedrigen Büschen. Nicht unten im feuchten Waldboden, sondern gut sechzig Schritte darüber im höchsten Raum der T-Festung. So hieß der am besten erhaltene Ruinenkomplex in den Wälder östlich von Coellen auf der rechten Seite des Großen Flusses.

Keiner der Männer hätte erklären können, warum die Ruine so hieß: T-Festung. Sie hieß einfach so. Schon ihre Väter und Großväter hatten sie so genannt. Es gab ein mächtiges Reich bei den Alten, pflegte Fanlur zu antworten, wenn man ihn danach fragte, ein Reich, das ein T in seinem Wappen führte. In den Zeiten vor Alxanatan. Die T-Festung war das Machtzentrum dieses Reiches gewesen.

Dichtbelaubte Äste strebten zu den Fensteröffnungen herein. Vogelkot hing im Efeu und im Moos, das die Wände überzog wie ein Teppich. Kletterpflanzen rankten sich um die verbogenen Metallstreben, die sich aus den zerborstenen Wänden weit über die Baumwipfel in den dunstigen Morgenhimmel streckten.

Fast ehrfürchtig schauten die sechsunddreißig Streiter zu ihrem Führer hinauf. Fanlur war an den armdicken Ranken des Efeus die Wand hinaufgeklettert. Jetzt hing er zwischen zwei verkrüppelten Birken auf der Mauerkrone der Ruine. Das Götterauge unter seine blauschwarzen Brauen gepresst blickte er nach Süden hinüber zur Coellen-Burg.

„Über vierzig Coelleni-Soldaten außerhalb der Burg“, sagte er. „Fast fünfzig. Sie sind mit Kriegsbogen und Langschwertern bewaffnet.“

„Und die Dysdoorer?“, wollte Juppis wissen. Er war der älteste Streiter, älter sogar als Honnes. Sein langes, weißes Haar hatte er zu einem dicken Zopf geflochten. Manche sagten, er hätte schon siebzig Winter gesehen. Wie die meisten Männer der Streitertruppe trug Juppis die dunkelbraune Lederschuppenrüstung der Coelleni-Soldaten. Beute aus zahllosen Überfällen. „Kannst du die Horden der Dysdoorer schon irgendwo ausmachen?“

Fanlur richtete sein Binokular auf den Urwald hinter der Coellen-Burg. Über Baumwipfel und von Gestrüpp eingesponnene Ruinen hinweg wanderte sein Blick zum Ufer des Großen Flusses. Die Horden aus dem weiter nördlich gelegenen Dysdoor wollten im Morgengrauen angreifen. Haynz, ihr Hauptmann, führte sie seit einer Woche in einem weiten, östlichen Bogen um Coellen herum, um diesmal mit Flößen vom Fluss aus an den Flussgärten von Coellen zu landen.

„Nein“, sagte Fanlur. „Keine Spur von ihnen.“ Er sprach mit tiefer, heiserer Stimme.

Juppis winkte ab. „Wahrscheinlich haben sich die Idioten verlaufen.“

„Oder sind abgesoffen“, krächzte Honnes. Einige der Männer grinsten müde.

Keiner der Streiter hatte übertriebenen Respekt vor den Dysdoorern. Schon gar nicht vor ihren militärischen Fähigkeiten. Ihre Horden waren Chaotenhaufen, und ihr Hauptmann ein verfressener Hohlkopf.

Es galt als offenes Geheimnis in den Siedlungen am Großen Fluss, dass Haynz sich nur durch seine sagenhaften Reichtümer für die Armeespitze von Dysdoor qualifiziert hatte. Angeblich besaß er zwei Dutzend Frekkeuscher, eine große Herde Wakudas, vier Handelsschiffe und einundzwanzig Frauen.

Aber die Dysdoorer waren zahlreich und aggressiv. Und sie hassten die Coelleni-Bruderschaft. Letzteres hatten sie mit Fanlur und seinen Streitern gemeinsam. Ersteres war eher von strategischer Bedeutung für Fanlur. Seine Widerstandsgruppe zählte nicht mal fünfzig Köpfe, wenn man die Verbündeten innerhalb der Stadt mitrechnete. Also nutzte Fanlur die üble Gewohnheit der streitsüchtigen Dysdoorer, regelmäßig gegen Coellen anzurennen, für seine Ziele aus. Er hatte ein Bündnis mit Haynz geschlossen. Es war ein reines Zweckbündnis. Ein brüchiges dazu.

Fanlur richtete sein Binokular wieder auf die Coellen-Burg. Auch sie war ein rätselhaftes Bauwerk der Alten. Ihr Dach bestand aus einer riesigen, kreisrunden Plattform von gut drei Speerwürfen Durchmesser. An vielen Stellen wucherten kleine Bäume und Gestrüpp darauf. Die leicht gewölbte Plattform ruhte auf unzähligen Metallpfeilern. Zwischen den Pfeilern hatten die Coelleni im Laufe der Zeit Steinmauern hochgezogen.

Fanlur ließ sein Binokular über die Krone des ringförmigen Trümmerwalls wandern, der die Coellen-Burg umgab. Er konnte die Wachposten ausmachen. Alle hundert Schritte zwei Soldaten.

Körbe hingen an dem gewaltigen Metallbogen, der sich über dem Dach wölbte. Sechs insgesamt. Drei waren mit Soldaten besetzt. Fanlur sah ihre Helme, die Lederschuppen ihrer Brustpanzer, ihre blonden Vollbärte und die Glocken, die über ihnen an den Haltetauen der Körbe befestigt waren.

Kletterpflanzen wanden sich um die dicken Eisenseile, die den gigantischen Metallbogen mit der Dachkuppel verbanden. Zwischen ihnen, unter dem Zenit des Bogens, flatterte die Flagge der Coelleni-Bruderschaft in der Morgenbrise: Der Doppelturm des Schwarzen Doms auf violettem Grund, zwischen den Türmen der Strahlenkranz des Lebenslichtes, und über den beiden Turmspitzen drei gelbe Kronen.

Die Haupttruppe der Coelleni-Soldaten hielt sich außerhalb des Ringwalls auf. An der gepflasterten Straße, die an der Coellen-Burg vorbei über die Ho’zolbrücke in die Stadt hineinführte. Eine von zwei Brücken, die sich von dieser Uferseite aus über den Großen Fluss spannten. Auch die Brücken stammten noch aus der Zeit vor Alxanatan.

Die Soldaten an der Ho’zolstraße gingen mit Schwertern und Spießen aufeinander los. Kampftraining. Andere vertrieben sich die Zeit mit Schießübungen. Sie jagten Pfeile in einen dicken Eichenstamm. Fanlur konnte beobachten, wie manche Soldaten von Zeit zu Zeit ihre Trinkflasche an den Mund setzten.

Fanlur wusste, was sie tranken: Byrölsch. Die Tyrannei der Bruderschaft stützte sich zu einem guten Teil auf dieses schäumenden Gesöff. Es vernebelte den Verstand, lähmte den Willen und raubte einem Menschen jegliche Hemmungen.

Mit Byrölsch abgefüllte Coelleni-Soldaten glichen mordlüsternen Bestien. Das machte sie so gefährlich. Und gleichzeitig war das Gesöff ihre Schwachstelle – es verführte sie zu Selbstüberschätzung und Leichtsinn.

Jeder einzelne Streiter kannte die Wirkung von Byrölsch aus eigener Erfahrung. Für die meisten lag diese Erfahrung lange zurück. Wer sich Fanlurs Widerstandsgruppe anschloss, hatte als erstes dem Byrölsch abzuschwören.

Fanlur richtete sein Binokular auf den Schwarzen Dom. Die Kristallkugel zwischen den Türmen leuchtete grünlich. Paukenschläge waren zu hören. Und krächzende Hörnerklänge. Auch Fetzen von Stimmengewirr wehte der Wind aus der Stadt über den Fluss.

Und dann, ganz deutlich – heiseres Gelächter. Lauter und deutlicher als Stimmen und Instrumente. Die Streiter unter Fanlur hoben die Köpfe. Einige derer, die saßen, standen auf. Gespannt lauschten alle. Wieder vereinzeltes Gelächter – eine höhere Stimme diesmal. Als würde ein Wahnsinniger kichern.

Wulf hob den Kopf. Er stieß ein heiseres Kläffen aus. „Ist gut, Alter.“ Honnes strich dem riesigen Lupa über das Rückenfell. „Nichts passiert. Nur ruhig, ganz ruhig.“ Er selbst war alles andere als ruhig. Das Gelächter jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken.

Das Gelächter der „Scheußlichen Drei“. So nannten Fanlur und seine Streiter die wahren Herrscher der Stadt. Die Coelleni nannten sie „Die Heiligen Drei“.

„Es geht los“, sagte Juppis. Jetzt konnte man vielstimmige Hochrufe von der Stadt her hören. Und einen Trommelwirbel. Jeder der Streiter wusste, was das zu bedeuten hatte: Der Kaadinarrel würde jeden Moment an der Spitze der Bruderschaft aus dem Dom ziehen. Das monatliche Faste’lear wurde eröffnet. Bald würden wieder drei Menschen sterben!

Bewusst hatte Fanlur den Morgen des Festes für seinen Angriff gewählt.

Ein Schatten schob sich in sein Blickfeld. Er richtete das Binokular auf den Fluss. Ein Floß glitt durchs Wasser, ein weiteres folgte ihm. „Die Dysdoorer!“, rief Fanlur.

„Nanu?“, knurrte Honnes unter ihm. „So früh schon?“

„Werden sich gelangweilt haben“, grinste der alte Juppis.

„Oder jemand ist ihnen auf den Fersen!“, rief einer der jüngeren Streiter. Die Männer lachten. Einige kletterten an den Efeuranken zur zerklüfteten Mauerkrone hinauf. So schlecht der Ruf der Dysdoorer auch sein mochte – einen gewissen Unterhaltungswert hatten sie doch.

Honnes und ein junger Bursche namens Ulfis drängten sich neben Fanlur ins Geäst der kleinen Birken. Fast zwanzig Speerwürfe entfernt trieben die Landungsflöße der Dysdoorer Horde auf der Mitte des Flusses. Mit bloßem Auge waren sie nur als dunkle Flecken wahrzunehmen. Doch durch sein Götterauge konnte Fanlur sogar die einzelnen Männer auf den zusammengebundenen Stämmen unterscheiden. Ihre schmutzig-gelben Umhänge flatterten im Wind. Die kahlgeschorenen Köpfe und die Gesichter waren schwarz gefärbt.

Floß um Floß löste sich aus der grünen Mauer des Uferwaldes. Jeweils fünfzehn bis zwanzig Kämpfer standen auf den großen Flößen. Wenn Haynz Wort hielt, würde er heute mit wenigstens hundertzwanzig Kämpfern angreifen.

Von den Ausguckkörben unter dem Bogen der Coellen-Burg war plötzlich Glockengeläut zu hören. Signalhörner ertönten unten auf der Ho’zolstraße. Die Coelleni-Soldaten formierten sich und liefen in Zweierreihen Richtung Fluss davon. Fanlur setzte das Götterauge ab.

„Es ist Zeit.“ Der Blick seiner roten Augen wanderte von einem Streiter zum anderen. Die meisten Männer standen unter ihm. Einige hingen rechts und links von ihm in den Lücken der Mauerkrone. Die Augen aller hingen erwartungsvoll an ihrem Führer.

Fanlur war fast sechs Ellen groß.

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