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Lennox und der Blick in die Vergangenheit Das Zeitalter des Kometen #5

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Inhaltsverzeichnis

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Lennox und der Blick in die Vergangenheit Das Zeitalter des Kometen #5


von Jo Zybell


Der Umfang dieses Buchs entspricht 146 Taschenbuchseiten.


Auf der Erde hat ein Kometeneinschlag die Zivilisation vernichtet. Tim Lennox und seine Gefährten müssen um ihr Überleben kämpfen.

Tim Lennox und Marrela wollen nach London, um dort möglicherweise Überlebende der großen Katastrophe zu finden, die unterirdisch leben. Auf dem Weg dorthin treffen sie auf andere Überlebende.

In der Vergangenheit, unmittelbar vor dem Einschlag des Kometen, hatte es sich ein Historiker zur Aufgabe gemacht, all das aufzuzeichnen, was er für würdig hielt, der Nachwelt überliefert zu werden.



1

London, 18. November, 2011

Scheinwerferlicht tauchte das Bild in grelles Licht. Richard Jagger trat näher an die Kopie des Wandgemäldes heran. Auf der obersten Stufe Figuren in Umhängen, Jaguarfellen und mit exotischen Kopfbedeckungen – Federn, Tierköpfe und unheimliche, fast dämonisch wirkende Masken. Auf den beiden Stufen darunter etwa ein Dutzend halbnackte Menschen, sitzend oder kniend. Viel mehr als einen Lendenschurz trugen die meisten nicht. Einer, ganz links, warf zwei Bälle in die Luft. Ein uraltes Bild. Weit über tausend Jahre alt.

Richard Jagger führte das Diktiergerät zum Mund: „Sehen Sie den Ballspieler ganz links auf der untersten Stufe, Ladies und Gentlemen? Schauen Sie, wie leichthändig er die Bälle wirft. Wirkt er nicht gelöst, fast heiter? Dabei war er eben noch ein Todeskandidat. Ja – Sie hören richtig, Ladies und Gentlemen: Ein Todeskandidat!“

Leise Musik erfüllte den Ausstellungsraum. Alte Musik. Nicht ganz so alt wie das maßstabsgetreu kopierte Wandgemälde aus dem neunten nachchristlichen Jahrhundert mit dem knienden Maya-Ballspieler. Aber alt genug, um nur noch von Liebhabern wie Jagger gehört zu werden. „She’s a rainbow“ von den Rolling Stones. zu den Musikern gehörter ein entfernter Verwandter Richard Jaggers.

„Einer von sechs bis acht Spielern, die in zwei Mannschaften gegeneinander angetreten waren. Eine Mannschaft hat das Spiel verloren und die Niederlage mit dem Leben bezahlt. Der Mann, den Sie hier auf dem Bild sehen, Ladies und Gentleman – er gehörte zu den Siegern. Man sieht es ihm an, oder?“

Ein Bild aus einer Reihe von Exponaten, die Jagger aus zahlreichen Museen der Welt zusammengetragen hatte. Oder noch zusammentragen würde. Siebenhundert-fünfundachtzig ganz genau. Skulpturen, Tücher, Wandteppiche, Keramiken, Fotografien, Modelle von Pyramiden und Festungsanlagen, Dokumente der spanischen Eroberer, und so weiter und so weiter.

Jagger sprach den Text in sein Diktiergerät, den die Besucher der Ausstellung später aus den Lautsprechern hören würden, wenn sie vor dem Bild standen. Oder über Kopfhörer in ihrer eigenen Sprache, falls sie Ausländer waren. Später. Am elften Februar des kommenden Jahres. An diesem Samstag sollte die Ausstellung eröffnet werden. Genug Zeit, die noch fehlenden Ausstellungsstücke aus den verschiedenen Metropolen herbeizuschaffen. Genug Zeit, dem Ausstellungskonzept den letzten Schliff zu verpassen. Genug Zeit für Texte, Übersetzungen und Öffentlichkeitsarbeit. Und vor allem für das Buch, an dem Richard Jagger seit dem Sommer arbeitete. Fast drei Monate Zeit noch.

„Vielleicht wissen Sie, Ladies und Gentleman, dass der Sport bei den Griechen und Etruskern seine Wurzeln in religiösen Kulthandlungen hatte. Genauso verhält es sich bei den mesoamerikanischen Hochkulturen …“

„Spuren im Sand“ hieß die Ausstellung. Ein etwas reißerischer Titel, wie Jagger fand. Es ging um untergegangene Zivilisationen. Um die Mayas, Tolteken und Azteken, um genau zu sein. Untergegangene Kulturen waren im Trend. Seit dem Sommer. Seit dieser Komet nicht mehr aus den Schlagzeilen weichen wollte.

Das Britische Museum hatte Richard Jagger einen Zweijahresvertrag für dieses Projekt gegeben. Der promovierte Historiker und Kunstgeschichtler betrachtete den Job als Sprungbrett. Ein Buch hatte er bereits veröffentlicht. Seine Arbeit über die nordamerikanischen Indianer hatte international Beachtung gefunden. Im Sommer nächsten Jahres wollte er seine Forschungsergebnisse über die Mayas veröffentlichen. Jagger zweifelte nicht daran, dass ihn dieser zweite Wurf an das vorläufige Ziel seiner vorläufigen Träume bringen würde: Auf einen Lehrstuhl in Cambridge.

„… besonders die Mayas pflegten das Ballspiel.“ Jagger drückte die Pausentaste. Er drehte sich zu dem Klapptisch hinter sich um, auf dem er seine Unterlagen ausgebreitet hatte. Eine kleine, tragbare Stereoanlage stand dort inmitten von Papieren, Kaffeebecher, Stiften und Disc-Hüllen und einem über die Tischecke gehängten Mantel. Jagger wechselte die Mini-Disc. Wilde Rhythmen aus Zeiten vor seiner Geburt ertönten: „Jumping Jack Flash“.

Er richtete sich auf, löste den Pausenknopf seines Diktiergerätes und konzentrierte sich wieder auf das Bild. „Eine Mannschaft bestand aus drei bis fünf Spielern. Der vier Kilo schwere Ball war aus Naturkautschuk. Er durfte weder mit Händen noch mit Füßen berührt werden …“ Seine Hüften wiegten sich im Rhythmus der Musik. Jagger arbeitete am besten mit Musik. Schon als Schüler hatte er sich während der Hausaufgaben immer die Kopfhörer übergestülpt. „… allein durch ihre Körperarbeit versuchten die Spieler den Ball im Flug zu halten. Durch den fliegenden Ball sollte der Lauf der Sonne symbolisiert werden.“

Ursprünglich wollte die Museumsdirektion die Ausstellung auf die Mexican Gallery beschränken, eine relativ kleine Abteilung im Zentrum des Britischen Museums. Jagger hatte eine nicht unerhebliche Erweiterung der Ausstellung durchgesetzt. Tatsächlich wurden ihm Räume der angrenzenden Münzsammlung und der British Library zur Verfügung gestellt. Sogar das zentrale Kuppelgebäude des Lesesaals der British Library hatte ihm die Museumsleitung schließlich bewilligt. Dort wollte Jagger die zahlreichen Dokument der spanischen Eroberer ausstellen.

„Fiel der Ball zu Boden, so hieß das: Der Lauf der Sonne ist unterbrochen. Er konnte nach Vorstellung der Mayas nur dadurch wieder in Gang gesetzt werden, dass die Mannschaft, die den Ball hatte fallen lassen, ihn treffsicher durch einen Steinring schleuderte.“

„Sympathy for the devil“, der Historiker drehte sich im Kreis, legte ein paar Tanzschritte hin und schnippte rhythmisch mit den Fingern, bevor er weiter diktierte. Die Musik ging ihm ins Blut. Richard Jagger war alles andere als ein leidenschaftsloser Erbsenzähler. Auch seine Wissenschaft betrieb er mit Haut und Haaren.

„Wenn der Werfer den Steinring verfehlte, hatte seine Mannschaft verloren. Und wurde dem Sonnengott geopfert, um ihn durch ihr Blut wieder zu stärken.“ Jagger schüttelte sich. Für Sekunden glaubte er zu fühlen, was diese Ballspieler vor über elfhundert Jahren gefühlt hatten – ihre fast schmerzhafte Anspannung, den stillen Ernst, mit dem sie das Spielfeld betraten, die äußerste Konzentration, mit der sie den schweren Ball im Auge behielten, und den eisigen Schauer, wenn sie den Ball verfehlten, wenn die Kautschuk-Kugel auf den Boden prallte.

Kein Ball mehr in diesem Augenblick – sondern ein Himmelskörper, die abgestürzte Sonne. Eine Sonne war auf die Erde gestürzt – und sie hatten die Schuld!

„Uuh“, seufzte Jagger. Wieder schüttelte er sich. „Stellen Sie sich ein Champions League Finale vor, Ladies und Gentleman, stellen Sie sich vor, es kommt zum Elfmeterschießen, und stellen Sie sich vor, Archer Lionel verschießt den Elfer und Arsenal London verliert das Finale!“

Lionel war zu jener Zeit der absolute Fußballstar in Großbritannien. „Und stellen Sie sich vor, man würde ihn nach dem Spiel in die Westminster Abbey bringen, ihn dort an den Altar führen und ihm das Herz aus der Brust …“ Eine Vibration über seinem Herzen kühlte seine überschäumende Phantasie ab. Er zog sein Telefon aus der Brusttasche des Hemdes. „Jagger?“

„Wann kommst du, Richie?“ Die Stimme seiner Frau. Dünn und ein wenig heiser. Die Sache mit dem Kometen nahm Liz mehr mit, als es nach Jaggers Meinung gesund war. Alle paar Jahrzehnte zog so ein Dreckklumpen an der guten alten Erde vorbei. Und alle paar Jahrzehnte schrien die Boulevardpresse und ein paar Fernsehsender: „Apocalypse now!“ Und rieben sich heimlich die Hände wenn Auflagen und Einschaltquoten stiegen.

„Bin unterwegs!“ Jagger sah auf die Uhr. „Hey, Baby – schon nach halb zehn! Jemand muss die Stunden verkürzt haben! Wahrscheinlich dieser ulkige Komet.“

„Mach dich nicht lustig, Richie.“ Liz’ Stimme klang jetzt trotzig und vorwurfsvoll. „In den Abendnachrichten hieß es, er wird mit der Erde kollidieren. Mit einer Wahrscheinlichkeit von einundachtzig Prozent …“

„Was für einen Sender hast denn gesehen, Baby?“ Er tat heiterer, als ihm plötzlich zumute war.

Liz ging nicht drauf ein. „Wann kommst du?“

„Ich mach Schluss für heute. In einer halben Stunde bin ich zu Hause.“

„Viel zu spät“, nörgelte sie. „Die Kinder schlafen schon.“

„John auch?“, fragte Jagger verwundert. Der neunjährige John war das älteste seiner drei Kinder. „Morgen ist doch Samstag!“

„Er hat sich nach den Abendnachrichten ins Bett verzogen.“ Unsicher klang Liz jetzt. „Was hätte ich ihm sagen sollen?“

Jagger schluckte. „Bin schon unterwegs.“ Er klemmte das Telefon in seiner Hemdtasche fest, bückte sich und drückte die Stopptaste des Minidisc-Players. Hastig räumte er seine Unterlagen zusammen, legte sie in seinen Aluminiumkoffer und schlüpfte in seinen schwarzen Trenchcoat. Seine gute Stimmung war plötzlich dahin. Die Worte seiner Frau hallten in seinem Hirn nach. Mit einer Wahrscheinlichkeit von einundachtzig Prozent … Er versuchte nicht daran zu denken.

Durch den Mittelraum der British Library lief er zur Treppe. Ein kniehohes Podest nahm einen Großteil des Raumes ein – weiß, leer, und fast zwanzig Quadratmeter groß. Auf ihm wollte Jagger mit seinen Studenten im Laufe des Monats ein Bauwerk der Mayas errichten. Die Pyramide von Chichén Itzá. Im Maßstab eins zu fünf.

Mit einer Wahrscheinlichkeit von einundachtzig Prozent …

Sein Schritt stockte, als er an großen Wandtafeln am Ende des Raumes vorbeikam. Teilweise fertige Abbildungen des Maya-Jahreslaufes. Die achtzehn Monatszeichen des Sonnenjahres konnte man schon bewundern. Auch der Maya-Kalender kannte ein Jahr mit dreihundertfünfundsechzig Tagen. Und war genauer als der Gregorianische Kalender. Sogar die Umlaufzeit der Venus hatten sie berechnet. Mit einer Fehlerquote von nur 14 Sekunden! Genauer als einst Galilei. Kein Forscher konnte erklären, wie sie das angestellt hatten.

Jagger riss seinen Blick von den Abbildungen los und lief zur Haupttreppe. Das Museum war menschenleer. Auf dem Weg hinunter ins Erdgeschoss fiel ihm ein Aufsatz ein, den er vor ein paar Tagen in einem kulturhistorischen Standardwerk gelesen hatte. Nach ihm hatten die Mayas ihren Kalender auf viele hundert Jahre im Voraus berechnet. Bis zum Jahre 2012 ganz genau.

Hab ich das Buch wieder in die Bibliothek gebracht? Vorbei an Glasvitrinen mit Münzen und Medaillen strebte er dem Ausgang zu. Egal, nur eine Theorie, nur Zufall!

Er schloss den Haupteingang auf, trat hinaus unter das mächtige Säulenportal und schloss hinter sich ab. Es war dunkel und kalt. Regen klatschte auf die Vortreppe. Wenig Verkehr auf der Great Russel Street. Den Koffer schützend über dem Kopf rannte er über die Straße und eilte im Laufschritt die Museum Street hinunter. Am Ende der kurzen Straße lag links St. Georgs Bloomsbury, und gegenüber der Kirche ein Parkhaus.

Sirenen näherten sich, als Jagger das Parkhaus betrat. Und kurz darauf, als er in seinen Toyota Van stieg, donnerte ein Helikopter über das Parkhaus hinweg.

Er steuerte den Wagen über das Deck die Rampe hinunter und dann auf die Straße hinaus. Über die Theobalds Road fuhr er Richtung Westen. Der Regen prasselte gegen die Windschutzscheibe. Eine merkwürdige Stimmung schien über der Stadt zu liegen.

Wieder näherten sich Sirenen, er ging vom Gas, Blaulichtgefunkel im Rückspiegel, er fuhr an den Straßenrand. Ein Löschzug der Feuerwehr überholte ihn. Vier Fahrzeuge. Zwei Rettungswagen folgten. Wahrscheinlich ein Unfall irgendwo. Vielleicht auch ein Brand. Hoffentlich nicht auf seiner Strecke.

Jagger fuhr weiter. Die Grays Inn Gardens zogen rechts an ihm vorbei. Eigenartig viele Menschen auf dem abendlichen Bürgersteig. Sie bewegten sich hektisch, als wären sie auf dem Weg ins Büro.

Dann die Kreuzung Grays Inn Road, die Ampel sprang gerade auf Grün. Hinein in die Clerkenwell Road. Der Verkehr wurde dichter. Ungewöhnlich dicht für die Tageszeit. Ein Blick auf die Borduhr: Zweiundzwanzig Uhr. Jagger schaltete das Autoradio ein: „Die neuesten Erkenntnisse über die Flugbahn des Kometen Alexander-Jonathan haben in vielen europäischen Großstädten Massenpaniken ausgelöst. Angeblich soll der Komet mit hoher Wahrscheinlichkeit nun doch mit der Erde kollidieren …“

Jagger ging vom Gas und drehte lauter.

„Aus Paris, Hamburg und Warschau melden die großen Kliniken einen springflutartigen Anstieg der Selbstmordrate. In Rom und Wien kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen meist jugendlichen Randalierern und Sicherheitskräften. Vor dem Reichstag in Berlin haben sich Hunderttausende versammelt und verlangen den Kanzler und den Innenminister zu sprechen. In London …“

Plötzlich Rücklichter direkt vor ihm. Jagger trat auf die Bremse. Menschen rannten links und rechts an ihm vorbei. Verwirrt blickte er nach beiden Seiten. Ihm fiel auf, dass es keinen Gegenverkehr mehr gab. Er stieg aus. Wieder das Gehämmer von Rotoren im Nachthimmel. Er schaute nach oben – drei, vier Positionslichter von Helikoptern schwebten heran. Grelle Scheinwerferkegel strichen über Dächer und Straßen. Und dann hörte Jagger den Lärm!

Er kam aus der entgegengesetzten Fahrtrichtung – Geschrei, viele Schritte, Glas klirrte, Schüsse peitschten über die Clerkenwell Road. Die Wagentüren in den Fahrzeugen vor seinem Van sprangen auf. Männer und Frauen stiegen aus, hielten sich an der oberen Türkante fest und starrten an der Autoschlange entlang dem Geschrei entgegen.

Es näherte sich rasch. Jagger erkannte Menschen. Viele Menschen, hunderte, tausende. Ihre Schuhsohlen klangen wie Trommelschläge auf dem Asphalt. Gebrüll wie im Fußballstadion. Dazwischen dröhnende Stimmen, blechern und leicht verzerrt, wie aus Polizeilautsprechern. Wieder Schüsse, wieder Glasbruch.

Auf die Kühlerhaube des Mercedes drei Wagen vor Jaggers Van knallte ein Stein. Schlagartig zogen sich die Autofahrer in ihre Fahrzeuge zurück. Ohne nachzudenken hechtete auch Jagger wieder hinters Steuer. Motoren heulten auf, Reifen quietschten. Fast gleichzeitig versuchten Dutzende von Fahrzeugen aus der Blechschlange auszuscheren und zu wenden. Die Wagen behinderten sich gegenseitig. Vor und hinter Jagger kollidierten Autos. Drei heranrasende Mannschaftswagen der Polizei versperrten zusätzlich den Weg. Sie hielten mit schreienden Reifen und spuckten Sicherheitskräfte in Kampfanzügen, mit Helmen, Schutzschildern und Gummiknüppeln aus. Jagger erkannte Gewehre in den Händen einiger.

Er hielt den Atem an, sein Hirn war wie leergefegt, er merkte kaum, wie er um sich griff, um den Wagen zu verriegeln. Plötzlich sah er, wie eine Menschentraube sich um die Fahrzeuge vor seinem Van bildeten. Vorschlaghämmer und Baseballschläger erschienen über teilweise verhüllten Gesichtern. Windschutzscheiben splitterten. Fahrer und Beifahrer wurden herausgezerrt, verprügelt und auf den Gehsteig gestoßen. Die Menge schaukelte den Mercedes hin und her, bis er umstürzte.

Jagger griff nach seinem Koffer und sprang aus dem Wagen. Schüsse fielen, Polizisten schrien: „Seien Sie vernünftig! Gehen Sie nach Hause! Geben Sie auf! Wir schießen scharf!“

Jagger sah Gummiknüppel durch die Luft sausen, hörte Aufschläge, hörte Schmerzensschreie, hörte Schüsse. Nur weg hier, weg! Ein einziger Gedanke jagte durch seine Hirnwindungen, durch seine Glieder. Weg, weg, weg!

Vor ihm stürzte sich die Menschenmenge auf die Männer in Kampfanzügen. Arme legten sich von hinten unter Jaggers Kinn und rissen ihn auf den Asphalt herunter. Jemand wollte ihm seinen Koffer entreißen. Er hielt ihn fest, als würde er sein Leben bedeuten. Ein zweiter Mann kniete plötzlich auf seiner Brust. Ein junger Bursche mit kahlem Schädel. Beiläufig registrierte Jagger das Tattoo auf seiner Glatze – ein Ziegenbock-Gesicht – und seinen schmierigen Overall. Beiläufig registrierte er den Benzingeruch, der von dem Mann ausging.

„Was bist du für einer?“, schrie der Kerl. Er fletschte die Zähne wie ein Hund. Hass stand in seinen Augen. Hass und Angst. Jagger riss seinen Koffer zu sich heran. Eine Schuhspitze traf ihn an der Schulter. Er spürte es kaum.

„Was bist du für einer?“ Der Kerl auf seiner Brust packte die Kragenaufschläge seines Trenchcoats und schüttelte ihn. Überall Gebrüll, überall knallten Schlagstöcke auf Körper. „Hast du einen Bunkerplatz? He? He? Hast du einen? Sag es! Gib es zu!“

Eine Hitzewelle fauchte Jagger von links hinten über das Gesicht. Es stank plötzlich nach Öl und Ruß. Der Zug an seinem Koffer ließ von einer Sekunde zur anderen nach. „Von was redest du?“, schrie Jagger. „Was quatscht du da, du verdammter Idiot?“ Er rammte dem Burschen den Koffer ins Gesicht. Einmal, zweimal, immer wieder. Der Mann rollte sich von ihm herunter.

Jagger sprang auf. Sein Atem flog keuchend. Das Herz schien ihm in der Kehle zu flattern. Er suchte seinen Wagen und blickte auf einen Unterboden. Flammen schlugen aus dem umgestürzten Van. Auch der Mercedes brannte, andere Wagen ebenfalls. Schüsse peitschten. Steine flogen. Jagger duckte sich, presste den Koffer gegen die Brust und rannte los. Die Clerkenwell Road zurück bis zum Grays Inn Garden, hinein in den Park, durch den südlichen Ausgang hinaus bis zum High Holborn.

Drei Stunden irrte er durch die City. Vermied große Straßen und Plätze, vermied das Themseufer und die Nähe öffentlicher Gebäude. Aus allen Richtungen hörte er Geschrei, Sirenen und Schüsse. Und immer wieder Helikopter.

Es war, als wäre ein Damm gebrochen. Auch in ihm selbst. Natürlich hatte Jagger die Nachrichten über den nahenden Kometen verfolgt. Seit dem Sommer, seit dem 25. August. Aber sich keine übermäßigen Sorgen gemacht. Die Hoffnung hatte sein Urteil getrübt. Der Wunsch, dass alles beim Alten bleiben möge. Jetzt sah er klar. Schmerzhaft klar. Und die böse Wahrheit hatte die Stadt getroffen wie der Faustschlag eines Gottes. Wie der Vorschatten des Kometen.

Kurz nach eins erreichte er endlich Spitalfield und die Artillery Row. Die kleine Straße an der Liverpool Street Station, in der sein Einfamilienhaus stand. Der flache Klinkerbau erschien ihm wie das Haus eines Fremden.

Er wankte über den kurzen Weg durch den Vorgarten und schloss die Haustür auf. Alles so fremd, alles so anders. Licht brannte im Wohnzimmer und im Flur. Er drehte sich um, bevor er die Haustür schloss. Auch in den Häusern auf der anderen Straßenseite Licht hinter den Fenstern. In jedem Haus. Schlief denn noch niemand in dieser Nacht?

Dann die Stimme seiner Frau: „Ja – Gott weiß es … ja, Gott kennt die Zukunft …“ Sie telefonierte.

Jagger sah sie an wie eine Fremde. War das seine Frau? Blass sah Liz aus. Ringe lagen unter ihren Augen. Schweißverklebte, blonde Haarsträhnen klebten auf ihrer Stirn. Jagger hatte sie nur selten das Wort Gott in den Mund nehmen hören.

Den Aluminiumkoffer in der Hand blieb er an der Haustür stehen und sah sie an. Ihre Blicke trafen sich für einen Moment. Sie wandte sich ab. „Dich auch, Francis, Gott segne dich auch.“ Sie legte auf und wandte sich zu ihm um. „Wo warst du?“

„Mit wem hast du telefoniert?“ Jagger stellte den Koffer ab. Er spürte, wie seine Knie zitterten.

„Mit Freunden.“

„Mit was für Freunden?“

„Mit guten.“

„Ich kenn’ sie also nicht.“ Liz antwortete nicht. Sie kam auf ihn zu und umarmte ihn. „Ich kenne sie also nicht“, wiederholte er.

„O Gott, Richie“, flüsterte sie. „Es ist vorbei. Ich glaub, es ist vorbei.“ Sie löste sich von ihm und hob den Kopf. „In drei Monaten, sagen sie, ist es vorbei.“ Ihre Augen waren die Augen einer Fieberkranken. Und einer Fremden.

„Unsinn, Liz!“ Seine Stimme vibrierte, und das erschreckte ihn. „In drei Monaten kann noch viel passieren.“ Er küsste sie flüchtig auf die Stirn und ging zur Tür des Kinderzimmers seiner beiden Jüngsten.

Mit einer Wahrscheinlichkeit von einundachtzig Prozent …

Leise drückte er die Klinke hinunter. Linda schlief in ihrem Gitterbett. Wie ein kleiner Engel lag sie da, die Vierjährige. Wusste von nichts, ahnte nichts, schlief selig und tief. Jaggers Herz krampfte sich zusammen, während er ihr stupsnasiges Profil in den Kissen betrachtete.

Er wandte sich dem Hochbett an der gegenüberliegenden Wand zu. Das Bett seines Zweitgeborenen. ...

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