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Lenas Flucht

Über Polina Daschkowa

Polina Daschkowa, geboren 1960, wird auch gerne als Königin des russischen Krimis bezeichnet. Sie studierte am Gorki-Literaturinstitut in Moskau und arbeitete als Dolmetscherin und Übersetzerin, bevor sie zur beliebtesten russischen Krimiautorin avancierte. Sie lebt in Moskau.

Dr. Helmut Ettinger ist Dolmetscher und Übersetzer für Russisch, Englisch und Chinesisch. Er übersetzte Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, Gusel Jachina, Polina Daschkowa, Darja Donzowa und Sinaida Hippius, Michail Gorbatschow, Henry Kissinger, Roy Medwedew, Valentin Falin, Antony Beevor, Lew Besymenski und viele andere ins Deutsche.

Informationen zum Buch

Lena fürchtet um ihr noch ungeborenes Baby. Es ist zwar kerngesund, aber da sind Leute, die ihr einreden, es sei schon tot. Instinktiv flieht sie aus der Klinik. Doch die Miliz glaubt ihr nicht. Als in Lenas Wohnung eingebrochen wird, erkennt sie, dass es offenbar um mehr geht als um eine medizinische Fehldiagnose. Sie wird gejagt … Keine beschreibt das moderne Russland so packend wie sie. Polina Daschkowas Erfolgsgeschichte als Königin des russischen Krimis begann mit diesem Buch.

»Ein Kriminalroman, der den Leser permanent in Atem hält und keine Minute Langeweile aufkommen lässt.« Deutsche Welle.

»Unglaublich dicht und spannend!« Brigitte.

»Polina Daschkowa erzählt filmreif.« FAZ.

Polina Daschkowa

Lenas Flucht

Kriminalroman

Aus dem Russischen von Helmut Ettinger

Erstes Kapitel

Sie fiel in ein bodenloses schwarzes Loch. In den Ohren rauschte es, der Körper verlor jeden Halt. Dieses widerliche Gefühl der Schwerelosigkeit kam ihr bekannt vor. So war es gewesen, wenn sie als Kind zu lange geschaukelt hatte und danach keinen festen Boden unter den Füßen fand. Der Horizont schwankte und wollte nicht wieder in die Waagerechte kommen …

Die bleischweren Lider ließen sich nur mit Mühe öffnen. Gleißendes Licht stach in die Augen. Sie suchte zu begreifen, wo sie war, aber es gelang ihr nicht. Dann drangen durch das Dröhnen im Kopf Stimmen an ihr Ohr.

Zwei junge Frauen sprachen miteinander:

»Hör mal, wenn sie künstliche Wehen bekommen soll, warum hat man sie dann so mit Promedol vollgepumpt? Die wacht doch bis morgen früh nicht auf.«

»Wir warten noch ein bißchen, dann wecken wir sie.«

»Was ist denn mit ihr?«

»Woher soll ich das wissen? Vielleicht ist das Kleine tot oder behindert. Was interessiert’s dich?«

»Einfach so … Sie tut mir leid. Oxana, vielleicht hör’ ich mal die Frucht ab?«

»Blödsinn, da ist nichts zu hören.«

»Nur so, zum Üben.«

»Na meinetwegen, wenn du unbedingt willst.«

Sie traten an das Bett heran. Die Frau lag regungslos mit geschlossenen Augen da. Sie spürte, wie sie sie aufdeckten. Dann wurde es ganz still. Ein Stethoskop glitt über ihren Bauch.

»Oxana, das Kind lebt! Der Herzschlag ist normal – hundertzwanzig! Vielleicht braucht sie gar keine künstlichen Wehen! Die ist doch höchstens fünfunddreißig.«

»Das ist es ja – fünfunddreißig. Eine alte Erstgebärende. Die kriegen behinderte Kinder.«

Oxana klopfte der Schwangeren leicht auf die Wangen.

»Aufwachen!«

Keine Reaktion.

»Oxana, komm, wir gehen erst mal Tee trinken. Laß sie doch noch ein bißchen schlafen.«

Sie deckten sie wieder zu, zogen den Wandschirm vor das Bett und verließen das Zimmer.

»Walja, steck deine Nase nicht in Sachen, die dich nichts angehen. Du reißt hier dein Praktikum runter und tschüß! Aber ich muß bleiben. So viel wie hier krieg ich als Schwester nirgends.«

Lena Poljanskaja erschrak so sehr, daß ihre Übelkeit sofort verflog. Als die Schritte der Schwestern verklungen waren, sprang sie aus dem Bett und schaute hinter dem Wandschirm hervor.

Das war kein Krankenzimmer, sondern eine Art Büro – ein Glasschrank mit Instrumenten und Arzneimitteln, eine ledergepolsterte Bank, ein Schreibtisch. Darauf erblickte sie ihre Handtasche. Über der Stuhllehne hing ein grüner Operationskittel. Lena griff nach Handtasche und Kittel und lugte auf den Gang hinaus. Der war leer. Gegenüber eine halb geöffnete Tür mit einem Schild, auf dem ein Männlein über eine Treppe lief: der Notausgang. Lena eilte, so schnell sie konnte, die Stufen hinunter.

Um sie war es dunkel und still. Ihre nackten Füße spürten die Kälte nicht. Das Herz schlug, als wollte es zerspringen.

Nach mehreren Treppenabsätzen mußte Lena innehalten, um Luft zu schöpfen. Wo renn’ ich eigentlich hin und warum? schoß es ihr durch den Kopf. In diesem Aufzug auf die Straße. Und was dann?

Schon etwas ruhiger, ging sie noch einige Stufen. Als ihr Blick nach unten fiel, konnte sie in der Dunkelheit eine schwach schimmernde Metalltür erkennen. Das war sicher der Keller.

Als die Krankenschwester Oxana Staschuk und die Praktikantin Walja Schtscherbakowa in das Zimmer zurückkehrten, war das Bett leer.

»Okay«, meinte Oxana, »jetzt ist sie selber aufgewacht. Wird wohl auf die Toilette gegangen sein. Wenn sie wieder da ist, fangen wir an.«

Ein hochgewachsener Mann in weißem Kittel und Gazemaske kam herein.

»Na, ihr Hübschen, wie geht’s unserer Patientin?« fragte er gutgelaunt.

»Entschuldigen Sie, Boris Wadimowitsch«, platzte Walja heraus und errötete heftig, »ich habe die Frucht abgehört. Das Herz schlägt normal, und das Kind bewegt sich. Vielleicht untersuchen Sie die Patientin noch einmal und entscheiden dann, ob wir anfangen sollen oder nicht.«

Der Stationsarzt Boris Wadimowitsch Simakow maß die kleine, rundliche Praktikantin mit einem Blick, vor dem jede andere im Boden versunken wäre. Aber Walja ließ sich nicht beirren.

»Ich verstehe, davon haben Sie nichts, aber man kann doch nicht …«

Nun platzte dem Arzt der Kragen.

»Du grüne Rotznase, wovon redest du? Was willst du eigentlich hier? Uns sagen, was wir zu tun haben?! Dir werd’ ich zeigen, was ein Praktikum ist! Oxana!« wandte er sich scharf an die Schwester. »Ist der Tropf angelegt?«

»Noch nicht, Boris Wadimowitsch. Die Kranke hat doch geschlafen. Wie sollte ich da den Tropf anlegen?«

»Warum haben Sie sie nicht geweckt?«

»Das habe ich versucht, aber sie hat doch Promedol gekriegt«, rechtfertigte sich Oxana. Sie trat so dicht an Simakow heran, daß er ihre straffe Brust spürte. »Keine Sorge. Sie ist eben von selbst aufgewacht. Wir fangen gleich an.«

Walja, deren Blick durch das Zimmer irrte, fiel plötzlich auf, daß die hübsche Handtasche der Patientin nicht mehr auf dem Schreibtisch stand. Ihre Kleider hatte sie selber in die Aufbewahrung getragen, aber ihre Tasche mit dem Paß war zurückgeblieben. Als dann das Krankenblatt endlich ausgefüllt war, hatte die Aufbewahrung bereits geschlossen. Auch der grüne Operationskittel hing nicht mehr über der Stuhllehne.

Dumm sind Sie nicht, Lena Poljanskaja, dachte Walja bei sich. Laut sagte sie:

»Entschuldigen Sie bitte, Boris Wadimowitsch. So bin ich eben – immer interessieren mich Sachen, die mich nichts angehen. Wir fangen jetzt gleich an.«

Im Keller war es dunkel. Nur der Mond schien schwach durch das trübe, halb geöffnete Fenster hoch oben unter der Decke.

Mit den nackten Füßen über den schmutzigen Boden zu laufen war widerlich, aber Lena entschloß sich, den Keller ganz zu erkunden. Zwar hatten sich ihre Augen inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, aber sie konnte sich nur tastend vorwärts bewegen. Sie hielt sich dicht an der Wand. Am meisten fürchtete sie, sie könnte auf eine Ratte treten.

Der Keller war vollgestopft mit ausrangierten Möbeln, Bündeln alter Wäsche und allem möglichen Gerümpel. Unter dem Fenster standen einige Sperrholzkisten. Es war das einzige, von dem man das Metallgitter abgeschlagen hatte.

Die Kisten erwiesen sich als so stabil, daß sie sie zu einer Art Treppe aufstapeln konnte. Sobald es hell wurde, wollte sie hinausklettern und die nächste Milizstation aufsuchen. Aber was sollte sie dort erzählen? Egal, das kam später …

Aus den Kisten ragten Nägel, an denen sich Lena Hände und Füße blutig riß. Sie öffnete eines der Wäschebündel, zerrte ein paar verschlissene Bettücher heraus, nahm ihre ganze Konstruktion noch einmal auseinander, umwickelte jede Kiste sorgfältig mit den Laken und stellte sie wieder auf. Dann setzte sie sich auf die unterste Stufe und ließ ihre Füße auf einem weichen Wäschebündel ruhen.

An Schlaf war nicht mehr zu denken. Lena machte es sich bequem und begann darüber nachzugrübeln, was eigentlich mit ihr geschehen war.

Der betagte Arzt hatte ihren Bauch mit einem widerlichen Gel eingerieben, um eine Ultraschalluntersuchung vorzunehmen. Lange starrte er auf den flimmernden Bildschirm und wiegte schließlich besorgt den Kopf. Da war es sechs Uhr abends gewesen …

Als man ihr mitgeteilt hatte, ihr Kind sei tot, wischte sich Lena den Bauch mit einem Handtuch ab und schnürte ihre hohen Stiefel zu. Dem netten Doktor glaubte sie kein Wort. Daher war sie vollkommen ruhig. Aber er hielt sie ganz unmotiviert am Handgelenk fest und fühlte ihr den Puls.

»Moment mal, Kindchen, nicht so schnell! Wo wollen Sie denn hin in Ihrem Zustand? Warten Sie, ich gebe Ihnen eine Spritze, und Sie bleiben noch ein bißchen bei mir sitzen, bis Sie sich beruhigt haben. Inzwischen schreibe ich Ihre Überweisung aus. Sie müssen morgen früh sofort ins Krankenhaus.«

Der Arzt hatte warm und einfühlsam zu ihr gesprochen, dabei ihren Arm nicht losgelassen und ihr tief in die Augen geschaut. Sein Name wollte Lena nicht einfallen. Aber dieses intelligente, gütige Gesicht mit dem gepflegten grauen Bärtchen stand ihr deutlich vor Augen.

Danach hatte sie einen absoluten Filmriß. Bis sie in diesem Krankenbett wieder aufgewacht war.

Plötzlich durchfuhr Lena ein kalter Schreck: Wenn er ihr nun mit dem Schlafmittel etwas gespritzt hatte, das die Wehen auslöste? Wenn sie jetzt in diesem staubigen Keller ein winziges Kind zur Welt brachte, das in ihren Armen starb?

Lena schloß die Augen und lauschte in sich hinein. Nein, ihr tat nichts weh, nur das Herz schlug immer noch heftig, und ihre Knie zitterten. Völlig unerwartet für sich selbst sprach sie zum ersten Mal zu ihrem Kind: »Es ist alles in Ordnung, du Krümel. Wir beide stehen das durch.« Da spürte sie unter der Hand, die auf dem prallen Bauch lag, eine winzige Bewegung. So zart und geheimnisvoll war dieses Gefühl, daß sie für einige Momente völlig vergaß, wo sie war, gebannt von dem winzigen und doch schon lebendigen Wesen, das sich in ihrem Leib regte.

Die Leiterin der gynäkologischen Abteilung des Krankenhauses von Lesnogorsk, Amalia Petrowna Sotowa, war sechzig Jahre alt. Groß und etwas füllig, wie es für eine Frau jenseits der Fünfzig nur von Vorteil ist – weniger Falten und eine würdevolle Erscheinung –, behandelte Amalia Petrowna alles, was sie selbst betraf, mit Liebe und Sorgfalt.

Der Tag begann für sie mit einer halben Stunde Gymnastik und Wechselduschen. Ein-, zweimal die Woche besuchte sie einen sehr teuren und angesehenen Schönheitssalon. Das korrekt geschnittene und frisierte graue Haar ließ sie mit einer auserlesenen französischen Farbe bläulich tönen. Vor Jahren hatte Amalia Petrowna dafür gewöhnliche blaue Tinte benutzt, die sie in vier Litern Wasser auflöste. Damals besaß sie kein einziges Paar ungestopfter Strumpfhosen …

Jetzt aber blitzten an ihren Ohren und Fingern große, lupenreine Brillanten. Unter den Fenstern ihrer Dreizimmerwohnung stand ein nagelneuer silberglänzender Toyota.

Die vergangene Woche war für Amalia Petrowna nicht die beste gewesen. Es fehlte ihr an Material, das sie dringend brauchte – nicht für die Menge ihres Präparates, die regelmäßig in den Verkauf ging, sondern für den Sonderauftrag einer bestimmten, sehr wichtigen Persönlichkeit. Offenbar war das ein hohes Tier aus dem Gesundheits- oder dem Innenministerium.

Als Amalia Petrowna vor einer Woche angerufen wurde, hatte sie nur kurz geantwortet: »Wenn es gebraucht wird, dann kommt es auch.« Als sie dann aber ihre Reserveliste durchging, mußte sie feststellen, daß neues Material frühestens in einem Monat zu erwarten war. Also begann sie ihre Lieferanten abzutelefonieren. Bislang ohne Erfolg.

Am dritten Tag wurde Amalia Petrowna ins Restaurant »Christoph Kolumbus« auf der Twerskaja beordert, wo man ihr den Ernst der Lage in aller Deutlichkeit klarmachte.

Das Ganze kam für sie nicht unerwartet. Seit drei Jahren brummte ihr Geschäft, dehnte sich der Kundenkreis immer weiter aus. Bereits vor zwei Monaten hatte Amalia Petrowna gewarnt: »Wir arbeiten ohne jede Materialreserve. Jedes Milligramm geht in die Produktion. Unser Kühlschrank ist leer.«

»Was sollen wir denn machen?« erhielt sie zur Antwort. »Suchen Sie nach neuen Varianten, erschließen Sie neue Quellen. Dafür werden Sie schließlich bezahlt. Auf eine Warteliste können wir unsere Kunden wohl kaum setzen.«

Das war leicht gesagt – neue Quellen! Noch am selben Abend läutete sie wieder alle ihre Kunden an und verabredete sich mit jedem einzelnen an verschiedenen Orten in Moskau.

Den halben Tag – von ein Uhr mittags bis zehn Uhr abends – verbrachte sie in teuren Restaurants im Zentrum der Hauptstadt. Überall bestellte sie das gleiche: einen Obstsalat mit kalorienreduzierter Sahne und einen Orangensaft.

»Ich kann doch nicht jeder Schwangeren, die bei mir aufkreuzt, einreden, daß sie ein behindertes Kind erwartet, und sie dann postwendend zu Ihnen schicken!« So oder ähnlich antworteten alle vier Gesprächspartner auf Amalia Petrownas Vorhaltungen.

»Genauso machst du es. Aber beschränk dich auf alte Erstgebärende. Da fällt einem immer was ein«, erklärte sie in belehrendem Ton.

»Das ist doch sehr riskant. Weshalb drängen Sie so? Wir müssen einfach die passenden Fälle abwarten.«

»Abwarten geht nicht«, erwiderte Amalia Petrowna in eisigem Ton, »aber wenn du nicht willst, kannst du ja gehen. Auf Wiedersehen.«

Keiner der Lieferanten machte von diesem Angebot Gebrauch.

Abends um halb elf hatte Amalia Petrowna ihr letztes Rendezvous. Sie steuerte ihren Toyota auf den Gartenring und fuhr in Richtung Patriarchenteiche. Als sie die Grünanlage auf dem Platz erreicht hatte, hielt sie dicht hinter einem schwarzen BMW. Sie stieg aus, öffnete die Tür der großen Limousine und ließ sich auf den Rücksitz fallen.

»Morgen von neun bis sechs.«

Am nächsten Tag konnte sie ihre Nervosität kaum verbergen. Bei der Morgenvisite nörgelte sie an den Schwestern herum und blaffte die behandelnden Ärzte an.

Um sechs Uhr abends schloß sich Amalia Petrowna in ihrem Büro ein, nahm sich eine Zigarette und rauchte. Das tat sie äußerst selten, denn die Gesundheit war ihr heilig. Aber wenn sie sich sehr aufregte, konnte eine Zigarette Wunder wirken.

Fünf vor sieben kam der ersehnte Anruf aus Moskau.

»Guten Abend, Amalia Petrowna! Entschuldigen Sie die Störung, aber ich habe eben eine Patientin mit der Schnellen Medizinischen Hilfe zu Ihnen schicken müssen. Ein sehr unangenehmer Fall: eine Fünfunddreißigjährige in der 24. Woche …«

Amalia Petrowna hängte ein, atmete erleichtert auf, drückte die Zigarette aus und ließ Stationsarzt Simakow kommen.

Zweites Kapitel

Lena Poljanskaja war Vaters Tochter. Ihre Mutter, eine begeisterte Bergsteigerin und Meisterin des Sports, stürzte von einer Felswand ab, als sie kaum zwei Jahre alt war. Jelisaweta konnte ohne ihren Sport nicht leben. Nikolai Poljanski nahm also Urlaub und kümmerte sich um das zweijährige Kind, damit seine Frau den Elbrus besteigen konnte. Diese Großmut verzieh er sich sein Leben lang nicht.

Seine Tochter zog er allein groß. Auch die beste Frau, meinte er, konnte für seine Lena nur eine Stiefmutter sein …

Lena gehörte von der ersten Schulklasse bis zum letzten Semester an der Journalistenfakultät stets zu den Besten. Dabei war sie keine Streberin; das Lernen machte ihr einfach Spaß.

In den oberen Klassen begannen sich ihre Mitschülerinnen die Brauen auszuzupfen, hüpften auf Partys nach Rockmusik herum, rauchten auf der Toilette und schwärmten von den Jungen, die ihnen gefielen.

Lena suchte man dort vergeblich. Partys fand sie blöd, außerdem konnte sie nicht tanzen. Statt dessen las sie von früh bis spät alles, was ihr in die Finger kam. Völlig unerwartet für den Vater, einen Doktor der Physik und der Mathematik, und auch für sich selbst schrieb sie sich an der Journalistenfakultät der Moskauer Universität ein.

Der Vater blieb also fortan allein. Dafür heiratete Lena gleich zweimal. Ihr erster Mann war ein Mitstudent, ein zarter Knabe mit aschblondem Schnurrbärtchen. Lena überragte ihn um einen halben Kopf. Wer seiner ansichtig wurde, erklärte augenblicklich: »Sie sind ja der zweite Lermontow!« Worauf er finster zur Antwort gab: »Ich weiß.«

Lenas erster Mann hieß Andrej. Er hauste in einem winzigen Zimmerchen in einer Gemeinschaftswohnung. Dort fand bei Sprotten und Salat, Zigarettenkippen auf Untertassen und heißen Küssen im dunklen Korridor, wo einem stets eine alte Waschwanne oder ein Fahrrad auf den Kopf zu fallen drohte, ihre Hochzeit statt.

Schon nach einem Monat kehrte Lena zu ihrem Vater zurück. Wenn sie und Andrej sich in der Fakultät begegneten, grüßten sie einander höflich. Ein halbes Jahr später wurden sie in gegenseitigem Einvernehmen geschieden.

Lenas zweite Ehe währte länger und wog schwerer.

Sofort nach dem Examen forderte eines der beliebtesten Jugendjournale jener Zeit Lena als Sonderkorrespondentin an. Man schrieb das Jahr 1983. Ein Generalsekretär nach dem anderen segnete das Zeitliche. In Afghanistan tobte der Krieg. In Sibirien gingen die Erdölvorräte zu Ende. Doch Lena Poljanskaja stürzte sich Hals über Kopf in eine Liebesaffäre.

Er war ein nicht sehr bekannter, aber bereits arrivierter Schriftsteller. Seine etwas langweiligen, moralisierenden Geschichten erschienen häufig in der Zeitschrift, bei der Lena beschäftigt war.

Juri war zehn Jahre älter als Lena und hatte bereits eine bewegte Vergangenheit mit einer geradezu unanständigen Zahl verlassener Frauen und Kinder hinter sich. Er war von dieser wuchtigen, unverschämten Männlichkeit, die Frauen einfach umwirft – breite Schultern, ein schweres Kinn und eine rauchige Baßstimme. Aus ihrem Rausch erwachte Lena erst, als bereits zwei Jahre freudlosen Zusammenlebens hinter ihr lagen …

Das war 1985. Um über Kummer und Demütigung hinwegzukommen, stürzte sie sich in die Arbeit, machte sich einen Namen und leitete 1992 bereits die Abteilung Literatur und Kunst in der Redaktion der russisch-amerikanischen Frauenzeitschrift »Smart«.

In jenem Jahr starb unerwartet ihr Vater. Der Magenkrebs zerstörte einen Mann, der drei Monate zuvor noch gesund und voller Kraft gewesen war. Eine Woche vor seinem Tod sagte er ihr: »Schaff dir ein Kind an, Lenotschka. Sonst bleibst du ganz allein auf der Welt …«

Nun hatte sie tatsächlich nur noch ihre alte, etwas spleenige Tante Soja, die Schwester ihrer Mutter.

Aber zu einem Kind entschloß sich Lena erst drei Jahre später, als sie bereits fünfunddreißig war. An Heirat wollte sie nicht denken. In die Umstände brachte sie ein Mann, der zum Vater nicht taugte. Er war nur der Erzeuger, so etwas wie ein Zuchtbulle …

Stationsarzt Boris Simakow kam ins Büro seiner Chefin gestürzt und stammelte schon auf der Schwelle: »Amalia Petrowna! Die Patientin ist weg!«

»Welche Patientin? Was redest du für einen Unsinn?«

»Die Patientin, Amalia Petrowna, Sie wissen schon!«

»Beruhige dich, Boris. Setz dich hin. Was ist mit ihren künstlichen Wehen? Alles bereit?«

»Ebendie ist verschwunden!«

Amalia Petrownas Wangen erbleichten trotz feinstem französischem Rouge.

»Wie konnte das passieren?« fragte sie kaum hörbar. »Ist sie entführt worden? Wir haben jetzt zehn Uhr abends, und das Tor ist bewacht …«

»Wahrscheinlich ist sie einfach aufgestanden und gegangen.«

»Wie – gegangen?! Wo soll sie denn hin – in den Wehen, im Nachthemd, ohne Sachen und Papiere?« Die Sätze kamen sehr leise aus Amalia Petrownas Mund, aber in Boris’ Ohren klang es, als ob sie schreie. »Sie sollte am Tropf liegen und sich in den Wehen krümmen!«

»Dazu sind wir gar nicht gekommen. Ihre Sachen sind in der Aufbewahrung.«

»Und der Paß?«

»Wo ihr Paß ist, weiß ich nicht.«

»Also, Boris. Weit kann sie nicht sein. Du suchst jetzt das ganze Krankenhaus ab. Die Zimmer kannst du dir sparen. Schau in die Toiletten, in die Wäschekammer, in die Wäscherei, ins Lager, auf den Boden und in den Keller. Sie muß noch irgendwo hier stecken.«

Zum ersten Mal während dieses Wortwechsels schaute Boris Amalia Petrowna offen in die hellblauen, eiskalten Augen. Ihre Pupillen waren nur noch schwarze Punkte. Das aschfahle Gesicht war inzwischen hochrot angelaufen.

Eine furchtbare Frau bist du, dachte Boris. Und ich Idiot bin auf dich hereingefallen.

»Gut«, sagte er schon ruhiger. »Und wenn ich sie finde, was dann? Soll ich sie an den Haaren herbeizerren und zur Geburt zwingen? Oder am besten gleich umbringen?«

»Wenn nötig, auch das«, gab Amalia Petrowna mit einem spöttischen Lächeln zurück. »Willst du den Helden spielen? Hast du vergessen, du Schlappschwanz, wovon du lebst? Womit du Frau und Kind ernährst? Weißt du, was so einer wie du in anderen Krankenhäusern kriegt? Als du hier angefangen hast, habe ich dich darauf hingewiesen, daß alles mögliche passieren kann. Jetzt, mein Lieber, ist es passiert.«

»Amalia Petrowna«, sagte Simakow langsam und deutlich, »als ich bei Ihnen angefangen habe, ging es um seriöse Forschungsarbeit und um meine Dissertation. Inzwischen sind drei Jahre vergangen. Von Wissenschaft kann wohl keine Rede sein. Von Geld schon eher. Danach stinkt es hier geradezu. Und jetzt lassen Sie eine Frau anschleppen, die man mit Promedol eingeschläfert hat, und verlangen, daß wir bei ihr künstliche Wehen auslösen, ohne daß dafür die geringste Indikation vorliegt.«

»Ist das Absterben der Frucht in der Gebärmutter keine Indikation?« unterbrach ihn Amalia Petrowna.

»Die Frucht ist quicklebendig«, lachte Boris nervös auf, »und Behinderungen, die die Lebensfähigkeit beeinträchtigen könnten, sehe ich auch keine …«

Da schlug die Chefin mit solcher Wucht auf den Tisch, daß sie selbst vor Schmerz zusammenzuckte, sich die Hand rieb und zischend hervorstieß: »Boris, du bist doch ein kluger Junge.« Ihre Stimme wurde einschmeichelnd und sogar zärtlich. »Aber du hast deinen Beruf verfehlt. Ein Arzt darf nicht hysterisch werden. Ich denke, wir beide können nicht länger zusammenarbeiten. Du schreibst auf der Stelle deine Kündigung und suchst dir morgen mitsamt deiner jungen Familie einen anderen Wohnort. Je weiter von Lesnogorsk entfernt, desto besser. Und denke daran, mein Junge: Ich habe hier niemanden angeschleppt. Diese Frau ist von der Schnellen Medizinischen Hilfe mit alarmierenden Symptomen eingeliefert worden. Wahrscheinlich ist sie auch psychisch nicht ganz in Ordnung, denn kein normaler Mensch rennt in diesem Zustand aus dem Krankenhaus. Jetzt irrt diese verrückte Gebärende irgendwo da draußen im Nachthemd umher, und schuld daran bist du, Boris. Hier hast du Stift und Papier. Schreib die Kündigung und tschüß.«

Als Boris gegangen war, saß Amalia Petrowna einige Minuten unbewegt und starrte düster auf die Tür, die sich hinter ihm geschlossen hatte. War es richtig gewesen, Simakow den Laufpaß zu geben und ihm zu alledem auch noch offen zu drohen? Sie spürte, daß ihr Unternehmen eine neue Qualität annahm. Es begann eine neue Phase, wo solche wie Simakow nur störten. Seine edle Entrüstung war nichts anderes als Feigheit und Schwäche.

Seinen Platz mußte ein anderer einnehmen – stark und zuverlässig, der nicht die heilige Unschuld spielte. Den mußte man allerdings auch anders bezahlen. Aber das verstand sich von selbst. Hauptsache, er belästigte sie nicht mit solchem intellektuellen Bombast wie Simakow: Nach Geld stinkt es in Ihrer Klinik …

Nein, mit Simakow war sie richtig verfahren. Natürlich war es nicht einfach, an seiner Statt den passenden Mann zu finden. Aber das kam später. Jetzt brauchte sie dringend frisches Material.

Amalia Petrowna nahm entschlossen den Telefonhörer ab und wählte.

»Ich brauche drei, hierher ins Krankenhaus. Nein, es ist nichts Schlimmes passiert. Nur ein psychisches Problem bei einer Patientin, die direkt vom Operationstisch weggelaufen ist. Danke, ich warte.«

Vierzig Minuten später hielt vor dem Krankenhaus ein schwarzer Wolga. Ihm entstiegen drei Männer in Lederjacken, mit breiten Schultern und kantig gestutzten Köpfen.

Der Strahl einer Taschenlampe huschte über die glitschigen Stufen. Drei Männer stiegen ohne Eile in den Keller.

»Das war’s«, meinte einer, »jetzt ist nur noch der Keller übrig. Wer weiß, ob die überhaupt noch im Krankenhaus ist. Vielleicht sitzt sie schon lange zu Hause.«

»Wie soll sie denn nach Hause gekommen sein – im Hemd und barfuß?« fragte der zweite.

»Nichts leichter als das«, brummte der dritte, »ist in den Vorortzug gestiegen und losgefahren. Daß sie barfuß läuft, interessiert heute doch keinen.«

»Hier bricht man sich ja die Ohren. Ist denn nicht irgendwo ein Lichtschalter?«

»Schon, aber die scheinen an Glühbirnen zu sparen.«

Die drei blieben stehen und steckten sich erst einmal Zigaretten an.

Lena saß bereits seit über einer Stunde auf ihren Kisten. Sie hatte sich ein wenig erwärmt und gar nicht bemerkt, wie sie eingenickt war.

Sie träumte von einem Schulhof voller festlich gekleideter Kinder mit ihren Eltern. Eine Erstkläßlerin mit riesiger Schleife im blonden Zopf hielt Lena an der Hand. Sie sah ihr selbst in jenem Alter zum Verwechseln ähnlich. Sie stand sogar wie Lena auf Kinderfotos – ein Bein hochgezogen wie ein Storch …

Sie erwachte, weil ihr Tabakrauch beißend in die Nase stieg. Schon als Kind war sie für ihren feinen Geruchssinn bekannt gewesen. »Unser Hündchen«, hatte sie ihr Vater oft geneckt.

Da rauchte nicht nur einer, sondern gleich mehrere. Es war starker Tabak, wahrscheinlich amerikanischer. Zunächst wollte sich Lena einfach hinter den Kisten verkriechen. Die würden doch nicht hinter alles Gerümpel in dem dunklen Keller schauen.

Sie stand leise auf, bemüht, jedes Geräusch zu vermeiden. Sie hielt sogar den Atem an. Aber die Kisten hatte sie selber an die Wand geschoben. Um hinter ihnen Raum zu schaffen, hätte sie die ganze Konstruktion abbauen müssen, was höchst riskant war.

Der Strahl der Taschenlampe wanderte langsam durch den Keller. Noch leuchtete er von ferne, kam aber unerbittlich näher. Offenbar schauten die Kerle tatsächlich in jeden Winkel. Aber der Keller zog sich hin, und das war ihre Chance. Rasch und ohne einen Laut kletterte Lena die Kisten hinauf und kauerte sich direkt unter dem Fenster zusammen, so gut sie konnte. Der Mond schien durch das Fenster, so daß sie ihren Schattenriß sehen mußten, wenn sie nach oben schauten. Lena wartete ab, bis die Kerle mit Getöse den nächsten Stapel alten Krempels beiseite räumten, und öffnete dann das Fenster. Dahinter befand sich eine schmale ausgemauerte Nische von ca. einem Meter Tiefe. In die ließ sie sich gleiten und zog das Fenster von außen zu. Hier war es hundekalt. Bald zitterte Lena so, daß ihre Zähne klapperten. Durch einen Spalt hörte sie, wie die Männer beim Räumen und Suchen lästerlich fluchten. Jetzt standen sie direkt unter dem Fenster und besahen sich das Werk ihrer Hände. Lena konnte jedes Wort verstehen.

»Wieso hat hier einer die Kisten umwickelt? Ob da was Wertvolles drin ist? Vielleicht dealt die alte Sotowa gar mit Drogen?«

»Quatsch, die hat auch so genug.«

»Hör mal, Kolja, schaffst du es bis zum Fenster?«

»Was soll der Blödsinn?«

»Für alle Fälle. Probier’s mal.«

Einige Sekunden war es still. Die Taschenlampe zeigte jetzt genau auf das verstaubte Fenster. Lena hielt sich den Mund zu. Noch einen Augenblick, und sie würde vor Angst laut aufschreien.

Was mache ich hier eigentlich? Ich benehme mich wie in einem billigen Krimi, schoß es ihr durch den Kopf. Wenn dieser Kolja durch das Fenster schaut, ist alles vorbei. Was ist vorbei? Bringen sie mich um? Fesseln sie mich und lösen künstliche Wehen aus? Weshalb? Um einen Kunstfehler zu vertuschen? Ist das nicht ein bißchen zuviel der Mühe?

Plötzlich ein ohrenbetäubendes Krachen und Plumpsen. Dann ein gräßliches Fluchen und Stöhnen. Die Kisten hatten Koljas Gewicht nicht ausgehalten, und die ganze Pyramide war in sich zusammengestürzt.

»Mein Bein, mein Bein!« hörte Lena eine Männerstimme jammern.

»Dein Bein ist noch ganz, Dämlack«, antwortete ein anderer. »Brüll nicht so! Los komm, damit dir jemand Erste Hilfe leistet.«

»Ja, in der Gynäkologie«, witzelte der Dritte hämisch.

Auf Amalia Petrownas Schreibtisch lag ein frisches Krankenblatt. Nur die erste Seite war ausgefüllt. Sorgfältig notierte sie sich Namen, Vornamen, Vatersnamen, Geburtsdatum und Adresse. Den Zettel steckte sie in die Tasche ihres Kittels. Dann hielt sie ihr brennendes Feuerzeug an eine Ecke des Krankenblatts.

Den Kopf in die Hand gestützt, sah sie nachdenklich zu, wie das feste weiße Papier sich widerwillig krümmte und schließlich zu Asche zerfiel.

Als es wieder völlig dunkel war, wartete Lena zur Sicherheit noch einige Minuten ab und richtete sich dann vorsichtig auf, um wieder in den Keller zu klettern. Sie war total durchgefroren. Aus dem Keller stieg es warm auf. Dort suchte sie jetzt bestimmt keiner mehr. Morgens wollte sie dann ihr Versteck verlassen und den ersten Menschen, den sie traf, nach der Miliz fragen. Man habe sie ausgeraubt, würde sie sagen oder sich etwas anderes ausdenken. Nachts konnte sie in diesem Aufzug nicht in einer unbekannten Gegend herumlaufen. Außerdem suchten ihre Verfolger sicher im Hof und in der Umgebung des Krankenhauses nach ihr.

Sie schob die Beine durch die Fensteröffnung und schaute hinab. Bis zum Boden, wo Kisten und Wäschebündel wild durcheinander lagen, waren es mindestens drei Meter.

Ich darf doch nicht springen, durchfuhr es Lena.

Da erklangen ganz in ihrer Nähe Männerstimmen. Autoscheinwerfer leuchteten auf und blendeten sie fast. Lena kniff die Augen zusammen, umschlang mit ihren Armen den Bauch, sprang … und landete auf einem großen Wäschehaufen.

Drittes Kapitel

Als es hell wurde, lugte ein schmutziges, bleiches Gesicht unter einem zerzausten Haarschopf aus dem Kellerfenster. Den Hausmeister Stepanow, der gerade das frisch gefallene Laub zusammenharkte, wunderte das nicht. Im Keller des Krankenhauses übernachteten manchmal Obdachlose. Solche alten Häuser mit warmen, anheimelnden Kellern gab es in der Stadt kaum noch, und die Nächte wurden schon kalt. Irgendwo mußten die armen Schlucker doch bleiben.

Das Tor des Krankenhauses hatte seit kurzem eine Wache – zwei schläfrige, arrogante Schlägertypen im Tarnanzug und mit Maschinenpistolen. Stepanow mochte die Kerle nicht. Er konnte sich auch nicht daran gewöhnen, daß das Krankenhaus jetzt von einer Betonmauer umgeben war, zu allem Überfluß auch noch mit Glasscherben und Stacheldraht obendrauf.

Aber ganz hinten im Hof hatte die Mauer ein Loch, das dichtes Gebüsch verbarg. Wer es wann geschlagen hatte, konnte Stepanow nicht sagen. Durch diese Öffnung kamen die ungebetenen Gäste zuweilen in seinen Keller.

Damit verstießen sie gegen die Ordnung, denn schließlich war dies eine medizinische Einrichtung. Und wenn schon.

Schmutziger als die Ratten waren sie auch nicht. Um die kümmerte sich keiner, sie hatten die Stadt längst im Griff. Aber auf die Obdachlosen hackte jeder ein, wenn er nur konnte …

Das zerzauste Köpfchen zuckte zurück, als es Stepanows ansichtig wurde.

»Kriech raus, hab keine Angst«, sagte der Hausmeister, »gleich kommen die Ärzte vom Nachtdienst.«

Das Köpfchen lugte vorsichtig wieder hervor. Es gehörte einer Frau. Sie war nicht alt, keine Säuferin, irgendwie merkwürdig.

»Soll ich dir helfen?« Stepanow streckte ihr die Hand entgegen.

Mit seiner Hilfe kletterte der nächtliche Gast heraus. Nun war Stepanow ehrlich verblüfft. Die Frau hatte nichts an außer einem Nachthemd, wie es hier alle Patienten trugen, und einem Operationskittel. An den nackten Füßen waren frische Kratzer zu sehen. Aber am meisten erstaunte Stepanow, daß von ihrer Schulter eine kleine, elegante, offenbar sehr teure Lederhandtasche hing.

Die hat sie bestimmt geklaut. Man müßte sie zur Miliz …, dachte Stepanow. Da öffnete die Frau den Mund.

»Sagen Sie bitte, wo ist hier die nächste Milizstation?«

Stepanow führte sie zu dem Loch in der Mauer. Als sie draußen war, schaute sie sich noch einmal um.

»Entschuldigen Sie, ist das hier Moskau?«

»Lesnogorsk«, antwortete Stepanow achselzuckend. »Bis Moskau sind es vierzig Minuten mit dem Vorortzug.«

Der diensthabende Milizionär schaute sich die so merkwürdig gekleidete Bürgerin lange an und blätterte in ihrem Paß. Es war sechs Uhr morgens, und er wollte nur noch in sein Bett. Mit einem langen Gähnen gab er ihr schließlich den Paß zurück und meinte: »Ich habe immer noch nicht begriffen, was Sie eigentlich anzeigen wollen, Bürgerin. Hat man Sie ausgeraubt? Oder vergewaltigt? Was ist passiert?«

»Schon gut, danke, entschuldigen Sie. Ich will überhaupt nichts anzeigen …«

Niedergeschlagen ließ sich die Frau auf eine Bank fallen und begann bitterlich zu weinen. Das brachte den jungen Diensthabenden völlig durcheinander.

»Na, na, was soll denn das?« Er erhob sich und hielt ihr seine Zigaretten hin. »Da, nimm eine und beruhige dich.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Danke, ich rauche nicht. Aber vielleicht kann man sich hier irgendwo waschen?«

»Natürlich. Komm. Moment, ich hab’ sogar ein Paar Hausschuhe. Nachts tun mir in den Schuhen immer die Füße weh. Schlüpf rein.«

»Vielen Dank.« Lena lächelte schwach.

Als sie zurückkam, gewaschen und gekämmt, sah der Diensthabende, daß sie eine Schönheit war. Und für fünfunddreißig hätte er sie nie gehalten. Langes dunkelblondes Haar, große graue Augen, eine hohe, leicht gewölbte Stirn, auf der man lesen konnte, daß sie gebildet war.

»Ich habe frischen Tee gebrüht, bedienen Sie sich. Und hier sind Papier und Stift. Schreiben Sie doch besser eine Anzeige.«

Lena schlürfte den starken, süßen Tee und begann zu schreiben: »Ich, Poljanskaja, Lena, geboren 1960, wohnhaft Moskau, Nowoslobodskaja Nr. …«

»An wen soll ich das Schreiben richten?« fragte sie und hob den Blick zu dem jungen Milizionär.

»An den Chef der Milizdienststelle Lesnogorsk des Ministeriums für Innere Angelegenheiten, Hauptmann Sawtschenko.«

Lenas Bericht füllte zwei Seiten. Sie schrieb, daß man sie während der Untersuchung beim Frauenarzt eingeschläfert hatte, daß sie in einem Krankenhausbett aufgewacht war und einem Gespräch der Schwestern entnommen hatte, man wolle bei ihr künstliche Wehen auslösen. Wie sie aus dem Krankenhaus flüchtete, die Nacht im Keller verbrachte, wo sie bei einer Suchaktion durch puren Zufall nicht gefunden wurde.

»Ich weiß nicht, was der Zweck des Ganzen war«, schloß sie, »wer mich und mein Kind haben wollte (ich bin in der 26. Woche schwanger), aber es ist offensichtlich, daß man mich gegen meinen Willen mit Gewalt festgehalten hat.« Datum und Unterschrift.

Der Jeep der Miliz holperte ohne Eile über die Leningrader Chaussee. Lena zitterte, obwohl man ihr eine Wattejacke um die Schultern gelegt hatte. Erst jetzt spürte sie, wie erschöpft sie war. Die Anzeige ließ ihr keine Ruhe. Vielleicht hätte sie sie doch nicht schreiben sollen …

Zu Hause angekommen, warf sie die Krankenhaussachen ab und nahm erst einmal eine heiße Dusche. Sie wusch sich lange und gründlich. Allmählich wurde ihr warm. Nach und nach fielen die Erlebnisse dieser unheimlichen Nacht von ihr ab.

Warum habe ich nicht erwähnt, daß bei der Suche im Keller der Name Sotowa fiel? Bestimmt hat die etwas mit der Sache zu tun. Aber wer weiß, ob überhaupt jemand meiner Anzeige nachgeht. Die haben auch so genug Ärger. Sei’s drum. Soll das alles doch verschwinden wie ein schrecklicher Traum. Lena wollte nur noch in ihr sauberes Bett, die Beine ausstrecken, ein paar Stunden schlafen und alles, alles vergessen …

Als sie, in einen flauschigen Bademantel gehüllt, aus dem Bad kam, setzte sie den Teekessel aufs Gas, wählte die Nummer ihres Verlages und sprach dem Chefredakteur auf den Anrufbeantworter, sie komme erst gegen 14.00 Uhr, weil sie sich nicht wohl fühle.

Dann ging sie noch einmal ins Bad, hob die Sachen aus dem Krankenhaus mit spitzen Fingern auf und ließ sie in eine Plastiktüte fallen, um sie sogleich, bis das Teewasser kochte, in den Müllschlucker auf dem Treppenabsatz zu werfen.

Seit ihren Kindertagen war es Lena gewohnt, nach dem Schlüsselbund zu greifen, wenn sie den Müll hinaustrug. Wie schnell konnte die Tür mit dem englischen Schloß hinter ihr zufallen. Die Reserveschlüssel von Wohnung und Briefkasten hingen am Haken des Wandschranks im Korridor. Lena nahm sie ganz mechanisch, wenn sie den Müll entsorgte oder die Zeitung holte, und hängte sie zurück, ohne nachzudenken.

Als sie diesmal wie gewohnt die Hand ausstreckte, griff sie ins Leere. Sie schaltete das Licht im Korridor ein, suchte am Boden des Schranks, schüttelte alle darunter stehenden Schuhe aus. Die Schlüssel waren nicht da.

»Ruhig bleiben«, befahl sich Lena, »du hast einfach vergessen, sie zurückzuhängen. Setz dich hin und denk nach, wo sie liegen könnten. Du mußt nur richtig suchen. Aber zuerst kommt dieses Zeug raus.« Sie stellte plötzlich fest, daß sie laut mit sich selber sprach.

Lena holte also ihr Schlüsselbund aus der Handtasche und öffnete die Tür. Ihre Hände zitterten noch ein wenig, und die Schlüssel schlugen mit einem Klirren auf dem gekachelten Treppenabsatz dicht neben dem Fußabtreter auf. Als sie sich bückte, um sie aufzuheben, erblickte sie neben dem Abtreter eine Zigarettenkippe. Sie war ganz frisch und stank widerwärtig.

Lena stürzte zum Müllschlucker, warf das Päckchen mit den Sachen aus dem Krankenhaus hinein, huschte in die Wohnung zurück, schlug die Tür hinter sich zu und legte die Kette vor. Dann ließ sie sich auf das niedrige Telefontischchen im Korridor sinken. Sie zitterte am ganzen Leib, und ihr Herz schlug zum Zerspringen. Sie suchte sich zu beruhigen, indem sie langsam tief durch die Nase atmete und dabei mitzählte, um die panischen Gedanken aus ihrem Kopf zu verscheuchen.

Aber schon beim zweiten Atemzug fuhr sie hoch und stieß die Toilettentür auf, die nur angelehnt war. Es roch … nach Männerpisse. Sie schaltete das Licht ein. Diese Schweine spülten nicht einmal nach. Wütend kippte Lena fast eine ganze Flasche Spülmittel in das Becken. Dann drehte sie das Gas unter dem Teekessel ab, in dem das Wasser inzwischen kochte, und zwang sich, ihre beiden Zimmer gründlich und ohne Eile zu durchsuchen.

Sie wollte so gern glauben, daß außer den Schlüsseln noch etwas fehlte, daß es gewöhnliche Einbrecher gewesen waren.

Aber die 1500 Dollar, die sie für ein Auto gespart hatte, lagen unberührt in der obersten Schreibtischschublade. Die hätte ein Dieb sofort entdeckt. In einem Holzkästchen zwischen billigem Silberschmuck die goldenen Ohrringe ihrer Urgroßmutter mit echten Brillanten und ein schmaler Ring mit einem Smaragd, den ihr der Vater zum 16. Geburtstag geschenkt hatte. Alles war da, und das Kästchen stand, für jeden sichtbar, mitten auf der Frisiertoilette.

Sollte sie die Miliz anrufen?

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