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Lektion in Sachen Romantik

1. KAPITEL

„Guck dir das mal an!“ Kath warf eine aufgeschlagene Frauenzeitschrift auf den Tresen, genau vor Jess Thompsons Nase.

Jess stellte ihren Cocktail ab und hielt die Luft an. Fassungslos starrte sie auf das ganzseitige Foto.

Das konnte doch nicht wahr sein!

Vorsichtig strich sie über den Hochglanzdruck, auf dem in großen Buchstaben der Name des Mannes prangte. Schon wieder dieser schreckliche Typ!

„Alexander Calahan“, raunte Kath ihr ins Ohr.

Der Mann, der Jess bereits schon seit vier Jahren keine Ruhe ließ. So breitschultrig wie auf diesem Bild hatte sie ihn sich gar nicht vorgestellt … und auch lange nicht so attraktiv.

Insgeheim hatte sie immer gehofft, dass er genauso mies aussah, wie er sich aufführte. Aber das Leben spielte eben nicht fair: Obwohl Alexander Calahan ein gewissenloser Mistkerl war, kam er ihr auf dem Foto vor wie ein junger Gott. Trotz allem, was er ihr angetan hatte.

Jess kaute auf ihrer Unterlippe herum. Irgendwie hätte sie sich das ja denken können. Welche Geschäftsführerin hätte ihn und seine Agentur schon für eine Werbekampagne engagiert, wenn man ihm seinen miesen Charakter angesehen hätte?

„Die Zeitschrift ist heute erst erschienen.“ Kath setzte sich neben Jess auf den Barhocker und zog dabei das rote Kleid zurecht, das sich eng um ihren fülligen Körper schmiegte. „Ich hab sie eben zufällig gesehen und sie dir gleich gekauft.“

„Danke“, stieß Jess zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während sie sich eine braune Haarsträhne hinters Ohr strich. Das hatte ihr gerade noch gefehlt: ein riesiger Bericht über diesen Typen in der Klatschpresse! Trotzdem konnte sie es nicht lassen, sie musste sich immer wieder das Foto ansehen.

Seine Armbanduhr war bestimmt aus Gold, die Krawatte aus Seide, und sein Anzug hatte wahrscheinlich mehr gekostet als ihr Auto. Jess fröstelte.

„Sorry, ich weiß ja, dass du schon genug Ärger am Hals hast, gerade wegen der Sache mit Dean …“, Kath fuhr sich über den schwarzen Bubikopf und winkte dem Kellner, „… aber wir können es uns nicht leisten, so was zu ignorieren. Es geht um unsere Firma. Und das hier ist eine Katastrophe.“

Darauf ging Jess nicht ein, stattdessen starrte sie weiter auf das Foto. „So attraktiv, wie alle sagen, finde ich ihn gar nicht“, bemerkte sie abfällig.

Kath seufzte. „Sag ihm das doch ins Gesicht“, schlug sie vor und tippte dabei mit einem Fingernagel auf Alexander Calahans strahlendes Lächeln. „Das kriegt er bestimmt nicht oft zu hören.“

Jess hob den Kopf. „Warum eigentlich nicht?“

„Na, dann los. Sag unserem Werbepapst mal deutlich deine Meinung.“

Eigentlich hat Kath recht, dachte Jess. Andererseits – was hätte sie davon? Er kannte sie ja nicht mal, ganz zu schweigen von der kleinen Werbeagentur Kingston & Co., die Kath und ihr gehörte. Sie beide kämpften verzweifelt um jeden Auftrag – weil Alexander Calahan mit seinem Imperium schon die gesamte Branche beherrschte.

Kath bestellte sich einen Cocktail und wandte sich Jess zu. Ihre Augen funkelten. „Mit dieser dämlichen Aktion will er bloß wieder alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das kannst du dir nicht bieten lassen.“

Jess zuckte zusammen. Wie bitte? Von was für einer Aktion redete Kath da eigentlich? Bis eben hatte Jess sich bloß das Foto angeschaut, den Artikel dazu hatte sie noch gar nicht beachtet. Sie schluckte und sah sich die Bildunterschrift an.

„Begehrter Junggeselle sucht Frau fürs Leben“, las sie langsam vor, und dabei schien sich in ihr alles zusammenzuziehen. „Das darf ja wohl nicht wahr sein! Bietet der sich jetzt selbst zum Verkauf an?“

„Ach Quatsch“, erwiderte Kath, „das ist doch nur eine Masche, damit noch mehr Geschäftsführerinnen auf ihn reinfallen und seine Werbeagentur buchen. Und wir anderen können alle pleite gehen.“

Jess schien vor Wut das Blut in den Kopf zu steigen. Schon wieder so ein mieser Trick! Das durfte sie sich nicht gefallen lassen. Nicht schon wieder!

Entschlossen sprang sie auf und zog sich das dunkle Jackett zurecht, das sie über ihrer weißen Seidenweste trug. Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

Kath schnappte sich den Cocktail, den Jess stehen gelassen hatte. „Und, was schlägst du jetzt vor? Wollen wir irgendeiner Zeitungsredaktion eine schmutzige Geschichte über ihn erzählen? Oder sogar selbst einen Artikel schreiben, der seine Motive infrage stellt?“

Wie gebannt betrachtete Jess den Mann auf dem Foto und versuchte dabei, ganz ruhig und rational zu bleiben – obwohl ihre Gefühle verrückt spielten.

Ja, was will ich eigentlich?

Schließlich setzte sie sich doch wieder auf den Barhocker. Am liebsten hätte sie diesen Typen gefesselt und geknebelt, um sich dann einfach mit seinen wichtigsten Klienten aus dem Staub zu machen. Sie wollte ihm gründlich eins auswischen, und die ganze Welt sollte wissen, was er für ein Mistkerl war.

Kath fuhr sich über das Haar, um ein paar störrische Strähnen zu glätten. „Oder wollen wir versuchen, ihn wegen unlauteren Wettbewerbs dranzukriegen? Der Kerl sucht doch nicht ernsthaft eine Frau fürs Leben!“

„Das hört sich zwar alles gut an“, sagte Jess und bemühte sich, möglichst ruhig zu bleiben, „aber ich glaube, wir können nicht viel tun.“

„Das ist jetzt nicht dein Ernst!“ Kath leerte Jess’ Cocktail in einem Zug und stellte das Glas mit einem lauten Knall auf den Tresen. „Du lässt dir von diesem Idioten alles gefallen – und nachher geht die große Jammerei wieder los. Ich halte das nicht mehr aus! Wann machst du den Typen endlich fertig?“

Jess zuckte mit den Schultern. Sie wollte Alexander Calahan nicht fertigmachen. Am liebsten wäre es ihr, wenn er sich mit seiner verfluchten Firma ganz von selbst ins Verderben stürzte. Dann würde sie völlig cool auf ihren Prada-Schuhen vorbeistolzieren und den letzten Rest seines Selbstbewusstseins mit Füßen treten.

Aber so weit ist es wirklich noch lange nicht, dachte Jess und musterte sich in dem großen Spiegel der hinter der Bar hing. Bei unserem Glück kann ich warten, bis ich schwarz werde.

Im Spiegel konnte sie die Bargäste beobachten, die hinter ihr ins Foyer kamen. Da drüben, der Mann! Sie zuckte zusammen, und fast blieb ihr das Herz stehen. „Guck mal, ist das nicht …?“

Kath drehte sich zu ihr. „Allerdings. Alexander Calahan höchstpersönlich“, flötete sie und grinste unverschämt.

„Dann … wusstest du also, dass er herkommen würde?“ Jess war fassungslos. Was hatte das zu bedeuten?

„Klar. Höchste Zeit, dass du mal Dampf ablässt.“ Kath wedelte mit der Zeitschrift vor Jess’ Nase hin und her. „Auch wegen diesem Mist hier.“

Wie gebannt fixierte Jess das Spiegelbild hinter dem Tresen. Kein Zweifel: Der Mann, der sie jahrelang in ihren Albträumen verfolgt hatte, stand nur wenige Meter hinter ihr. Er atmete die gleiche Luft wie sie und sah sich in diesem Moment die gleiche Getränkekarte an.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals, während sie zu begreifen versuchte, was ihre Freundin ihr damit sagen wollte. „Wie bitte?“, erwiderte Jess schließlich. „Ich soll mit ihm reden?“

Kath lachte. „Gib ihm Saures, Süße. Das hat er verdient. Ist doch total ungesund, wenn du alles in dich hineinfrisst. Was hast du eigentlich zu verlieren?“

Schwungvoll drehte Jess sich auf dem Bahrhocker um, um sich Alexander Calahan direkt anzugucken. Er unterhielt sich gerade angeregt mit einigen Geschäftsleuten und ging dabei in Richtung Restaurant.

In natura fand sie ihn noch viel attraktiver als auf dem Bild. Er war glatt rasiert und hatte ein Grübchen am Kinn, das seine markanten Gesichtszüge betonte. Seine vollen Lippen wirkten verheißungsvoll.

Verheißungsvoll? Wo war dieser Gedanke hergekommen? Jess hatte schließlich keineswegs vor, sich näher mit seinen Lippen zu beschäftigen.

Sie schluckte. Ihr war nicht entgangen, dass fast alle Frauen den Mann verstohlen beobachteten … und dabei ziemlich dämlich lächelten.

„Na los – jetzt sag ihm schon endlich, was Sache ist“, forderte Kath sie auf und gab ihr von hinten einen kleinen Stoß.

Jess schnappte sich Kaths Drink und hielt das Glas dicht vor die Brust. Ob sie wirklich …? Aber warum eigentlich nicht?

Entschlossen stand sie auf, hob das Kinn und ging Schritt für Schritt vorwärts. Auf einmal kam es ihr vor, als könnte sie hören, wie ihr das Blut in den Ohren rauschte.

Kath ahnte vermutlich nicht, in was sie die Freundin da reingeritten hatte! Diesen Moment hatte Jess sich immer wieder vorgestellt und sich dabei alles ganz genau ausgemalt. Und jetzt war es auf einmal wirklich so weit. Unglaublich.

Aber Kath hatte recht: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Dieser Typ hatte ihnen einen extrem lukrativen Vertrag mit einer Kosmetikfirma vor der Nase weggeschnappt, indem er alle Verantwortlichen erst mit seinem unverschämten Charme eingelullt und anschließend mit Champagner und Geschenken überhäuft hatte. Dann hatte er irgendwie erreicht, dass die auflagenstärkste Frauenzeitschrift ihm einen ganzen Artikel widmete und ihn darin als grundehrlichen und gefühlvollen Mann darstellte. Völlig zu Unrecht natürlich. Und jetzt rauschte er einfach so in seinem Armani-Anzug ins Restaurant und rieb ihr dabei seinen Erfolg noch mal kräftig unter die Nase.

Es reichte!

Entschlossen ging Jess auf ihn zu und bahnte sich dabei einen Weg an den Geschäftsleuten vorbei, die um ihn herumstanden. Er selbst blockierte gerade den Durchgang zum Restaurantbereich.

Alexander Calahan war noch viel größer, als sie ihn sich anhand des Fotos vorgestellt hatte. Jessie ging langsamer und blieb vor ihm stehen. Trotz ihrer hohen Absätze überragte er sie bestimmt um einen Kopf.

Sie hob das Kinn. „Calahan“, sagte sie knapp und umklammerte den Drink noch fester. Ihr Herz hämmerte wie wild.

Was mache ich hier eigentlich?

Auf einmal drehte er sich schwungvoll um. Seine blauen Augen funkelten sie an. Ohne mit der Wimper zu zucken, hielt er ihrem Blick stand. Instinktiv blieb sie stehen. Dieser Mann war einfach unglaublich – attraktiv wie ein Märchenprinz und dazu noch aus Fleisch und Blut.

Jess schluckte. Auf einmal war ihr klar, warum er so viel Erfolg bei Frauen hatte, obwohl er ganz offensichtlich ein Mistkerl war.

Schließlich brach Alexander Calahan den Bann, indem er den Blick an ihr herabgleiten ließ: von den Lippen über ihr Geschäftsoutfit bis zu den Schuhen und wieder hinauf. Ihre weiblichen Rundungen schien er besonders intensiv zu mustern. Normalerweise gefiel es ihr ja, so angesehen zu werden, aber jetzt straffte sie unwillkürlich die Schultern. War ja klar, dass dieser arrogante Widerling sie erst mal von oben bis unten taxierte.

„Entschuldigen Sie, aber könnten Sie mir kurz auf die Sprünge helfen?“, sagte er. „Kennen wir uns, Miss …?“ Seine Stimme klang so warm und samtig wie geschmolzene Schokolade. Jess bekam eine Gänsehaut.

Sie nahm sich zusammen und zwang sich, seinem Blick standzuhalten. Auf diesen Moment hatte sie so lange gewartet – nun würde sie sich nicht von blauen Augen aus dem Konzept bringen lassen.

Sie öffnete den Mund, aber es kam kein Ton heraus. Jetzt nur nicht schwächeln, sonst konnte sie nicht wettmachen, was er ihr und ihrer Familie angetan hatte!

Ein Lächeln umspielte seine sinnlichen Lippen, während er sie fixierte. „Ja?“

Sie rang um Beherrschung. Schnell sah sie zur Decke und atmete tief durch, bevor sie seinem Blick wieder begegnete. Der Mann schien sich gerade köstlich zu amüsieren.

Für Jess fühlte sich das an wie ein Schlag in die Magengrube. Dieser Mistkerl lachte über sie! Wahrscheinlich hielt er sie für eins von diesen Dummchen, die ihn auf Schritt und Tritt verfolgten. Bildete er sich vielleicht sogar ein, dass sie sich in ihn verliebt hatte? Der Gedanke brachte sie zur Weißglut.

Mit zwei entschlossenen Schritten kam sie ihm noch näher. Dabei stolperte sie, ihre Hand zuckte … und Kaths Cocktail schwappte über sein Gesicht und seine Brust.

Jess sah ihm direkt in die Augen. „Sie … Sie mieses, selbstgefälliges, arrogantes Miststück!“

2. KAPITEL

Fassungslos starrte Alex die junge Frau an, die ihm gegenüberstand. Ihr Drink rann ihm über die Wangen, das Hemd klebte ihm nass an der Brust.

Geschieht mir wahrscheinlich recht, dachte er. Aber woher kenne ich sie? Irgendwoher muss ich sie doch kennen …

Gedankenverloren wischte er sich die letzten Tropfen des Cocktails vom Gesicht. Er kam einfach nicht drauf. Und dabei war er sich sicher, dass er sich an jemanden wie sie erinnern würde: Eine so schöne, freche und vor allem unerschrockene Frau würde er nicht so schnell vergessen.

In ihrem kastanienbraunen Haar leuchteten goldblonde Strähnen – wahrscheinlich hielt sie sich viel an der Sonne auf. Sie trug es offen, und es fiel ihr locker auf die Schultern. Der Look wirkte natürlich und frisch, was zu ihr passte, schließlich hatte sie gerade kein Blatt vor den Mund genommen. Und das wäre bei ihrem Mund auch schade gewesen: Ihre vollen Lippen sahen erregend sinnlich aus …

Gekleidet war sie wie fürs Büro: mit einer weißen taillierten Weste, einem dunklen Jackett und einem kurzen Rock, der sich eng um ihre perfekte Figur schmiegte. Die Weste trug sie einfach so als Oberteil – direkt auf der gebräunten Haut. Alex fand das unglaublich sexy.

Als er wieder hochschaute, sah er in riesige smaragdgrüne Augen, die wütend funkelten.

Ich muss unbedingt wiedergutmachen, was ich da verbrochen habe – was auch immer es sein mag, dachte er. Unglaublich, dass ich mich nicht einmal an sie erinnere!

Aber wenn er sie tatsächlich nicht persönlich kannte? Dann musste er sie unbedingt kennenlernen! Diese Frau war leidenschaftlich, und sie traute sich etwas – das gefiel ihm.

„Kennen wir uns?“, erkundigte er sich. Nur am Rande nahm er wahr, dass seine Kollegen hinter ihm langsam unruhig wurden.

„Ich …“, begann sie, schluckte und schaute nach unten. „Also …“ Sie trat ein Stück zurück. „Mir tut das überhaupt nicht leid.“

„Wenn ich Ihnen gegenüber etwas wiedergutmachen kann, würde ich das wirklich gern tun.“ Er neigte den Kopf ein wenig und versuchte, ihren Blick aufzufangen.

Noch nie hatte er die Augen einer Frau so leidenschaftlich leuchten sehen. Es kam ihm vor, als könnte sie sich jeden Moment auf ihn stürzen, entweder um ihn in ihre Arme zu reißen – oder um ihn zu erwürgen. Auf jeden Fall fand er diese Begegnung gerade sehr viel aufregender als das neunundneunzigste Geschäftsessen mit seinen leitenden Angestellten. Besonders an einem Freitagabend. Der Büroalltag fing nämlich langsam aber sicher an, ihn zu langweilen.

Plötzlich sah ihm die Frau direkt ins Gesicht. „Ach, wirklich? Sie wollen also etwas für mich tun?“

Unwillkürlich musste er lächeln. Den Kavalier zu spielen gehörte zu seinen leichtesten Übungen. Diese Rolle beherrschte er perfekt, und entsprechend gut kam er damit auch an. „Natürlich“, sagte er. „Kommt ja nicht unbedingt jeden Tag vor, dass mich eine schöne Frau so unkonventionell anspricht.“

Sie nickte kaum merklich.

„Kann ich Ihnen vielleicht einen neuen Drink anbieten?“, schlug er vor.

Die Frau presste die roten Lippen zusammen. Dann wich sie noch ein Stück zurück. „Nein, danke“, erwiderte sie barsch und zupfte sich das Jackett zurecht.

Alex folgte ihr einfach. „Wie heißen Sie?“, erkundigte er sich. Immerhin hatte sie ihn angesprochen, da konnte die Begegnung noch nicht so schnell zu Ende sein! Und überhaupt – er hatte sie nett angelächelt, war charmant und zuvorkommend gewesen, sah außerdem gut aus … „Worum geht es hier eigentlich?“

„Ich …“, begann sie erneut, um wieder zu verstummen.

Es ließ ihm einfach keine Ruhe, er musste das Geheimnis dieser Frau lüften. Ganz abgesehen von ihrem rätselhaften Verhalten verspürte er eine unsichtbare Kraft, die ihn zu ihr hinzuziehen schien. „Warum setzen wir uns nicht irgendwo hin, wo wir ungestört sind, und besprechen alles in Ruhe?“

Energisch hob sie den Kopf, und diesmal sagte sie, was sie zu sagen hatte. „Ich bin vom Verein … Frauen gegen Frauenhelden und erfülle hier nur meine Pflicht.“

Sprachlos starrte Alex sie an.

Doch sie lächelte bloß, drehte sich um und ging weg.

„Was sollte denn das eben?“ Sein Geschäftspartner Lucas legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Keine Ahnung.“ Alex zwang sich, seinem Kollegen zu folgen. „Aber auf genau so eine Frau habe ich immer gewartet.“

Jess kehrte auf dem schnellsten Wege zu Kath zurück. Dabei musste sie sich beherrschen, nicht loszurennen. Sie konnte kaum atmen und auch keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ihr war heiß, das Blut rauschte ihr in den Ohren, und die Worte wirbelten ihr durch den Kopf.

Welcher Teufel hatte sie da eigentlich geritten? Kaths Sticheleien hatten sie doch tatsächlich so weit gebracht, dass sie mit Alexander Calahan gesprochen hatte. Dem einzigen Mann auf der Welt, mit dem sie nun wirklich nichts zu tun haben wollte!

Kath schien das nicht weiter zu berühren. Seelenruhig drehte sie sich auf ihrem Barhocker um und erkundigte sich mit Unschuldsmiene: „Na, wie war’s?“

„Frag lieber nicht“, stieß Jess hervor. Ihr wurde schlecht, wenn sie daran dachte, wie gelassen er auf ihr wildes Gestammel reagiert hatte.

„Von hier sah es aber gut aus.“

Jess schüttelte den Kopf. Ihre Wangen glühten. Sie hatte diesem Typen gegenüber gerade ihre ganze Würde verloren, hatte sich aufgeführt wie ein Volltrottel, ihm einen Drink ins Gesicht gekippt und lauter dummes Zeug gebrabbelt.

Und wie war sie bloß auf diese saublöde Idee mit dem Verein Frauen gegen Frauenhelden gekommen? Klar, wenn es so einen Klub gäbe, wäre sie längst Mitglied, um Leidensgenossinnen zu unterstützen – Frauen, die miesen Typen wie Alexander Calahan zum Opfer gefallen waren. Bestimmt gab es genug davon.

Nervös kaute sie auf ihrer Unterlippe herum. Sie konnte nur hoffen, dass er ihr die Sache mit dem Verein abgenommen hatte und sie so schnell wie möglich vergaß.

Am besten, sie verschwand sofort von der Bildfläche. „Komm, wir gehen“, wandte sie sich an Kath.

„Hast du dir denn richtig Luft gemacht?“ Langsam stand Kath auf und betrachtete Jess forschend. „Fühlst du dich jetzt besser?“

„Auf jeden Fall“, brachte Jess mühsam hervor und hoffte, dass sie einigermaßen glaubwürdig klang. „Ich habe ihm alles gesagt.“

Kath schwang sich die Handtasche über die Schulter und legte den Kopf schief. „Na, ich weiß nicht … irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass du nicht deutlich genug warst.“

„Wieso? Du warst doch gar nicht dabei!“ Insgeheim aber gab sie ihrer Freundin recht. Egal, dann würde sie eben einen anderen Weg finden, um mit ihm abzurechnen. Irgendwie musste es ihrer kleinen Firma gelingen, Mr. Superman die interessantesten Aufträge abzujagen … und ihn dadurch in den Ruin zu treiben. Das würde ihm recht geschehen.

„Und wenn du diesem Calahan noch einmal über den Weg läufst …“

Jess hob den Kopf. Kath durfte auf keinen Fall erfahren, was wirklich zwischen ihm und ihr vorgefallen war. Da spielte sie ihr lieber vor, dass sie ihren Feldzug gegen den feindlichen Frauenhelden erfolgreich zu Ende gebracht hatte. Und dass sie natürlich völlig immun gegen seinen verhängnisvollen Charme war.

„Falls wir uns noch mal begegnen sollten, komme ich bestens mit ihm klar, danke“, bemerkte sie leichthin. Schließlich hatte sie nicht vor, ihn jemals wiederzusehen.

„Schön. Er steht nämlich genau hinter dir.“

Jess zuckte zusammen, entspannte sich aber sofort wieder. Kath nahm sie natürlich auf den Arm! So dämlich, wie sie sich eben aufgeführt hatte, würde Alexander Calahan ihr für immer aus dem Weg gehen.

„Ich meine das völlig ernst, Jess“, zischte Kath, während sie einen Punkt hinter Jess fixierte und dabei krampfhaft lächelte.

„Aha, Jess heißen Sie also.“ Die Stimme klang tief und männlich. „Hübscher Name. Wofür steht die Abkürzung?“

Jess blieb fast das Herz stehen. Sein warmer, freundlicher Tonfall ging ihr unter die Haut. Ihr wurde heiß und kalt.

Am liebsten hätte sie sich zu ihm umgedreht und ihm einen Stoß verpasst, dass ihm Hören und Sehen verging – aber sie fühlte sich wie gelähmt. Ihr Atem ging unregelmäßig und hektisch.

„Ich heiße übrigens Katherine“, stellte sich die Frau vor, die Jess bis eben noch für ihre Freundin gehalten hatte, und griff an Jess vorbei nach seiner Hand.

Aus dem Augenwinkel bekam sie mit, wie Kaths Finger in seiner kräftigen Hand verschwanden. Wie sich das wohl anfühlte?

„Und mein Name ist Alex“, erwiderte er höflich. „Aber das wissen Sie wahrscheinlich schon.“

Kath nickte. „Also dann …“ begann sie und warf Jess einen fragenden Blick zu.

Was will er denn jetzt noch von mir?, dachte sie. Soll ich ihm die Reinigung bezahlen? Oder will er sich mit mir verabreden? Dann wird er das erste Mal in seinem Leben eine Enttäuschung erleben!

Sie fuhr zu ihm herum … und ihr stockte der Atem. Aus seinen dunkelblauen Augen sah er sie so intensiv an, als könnte er ihr bis in die Seele blicken.

Es zuckte um seine Mundwinkel. „Hallo.“

„Hi“, brachte sie leise hervor und zwang sich, tief durchzuatmen. „Es tut mir leid – falls der Eindruck entstanden sein sollte, dass ich etwas von Ihnen will. Das ist nämlich überhaupt nicht der Fall.“

„Wunderbar.“

Ihr Blick blieb an seinem Mund hängen. Was meinte er damit? Warum war er auf sie zugekommen? Und warum hatte sie auf einmal so ein komisches Kribbeln im Magen?

„Ich will Sie …“

Kath schnappte nach Luft.

„… etwas fragen, Jess. Ich interessiere mich nämlich sehr für Ihre Meinung in einer ganz bestimmten Angelegenheit.“

„Wirklich?“ Jess verschränkte die Arme vor der Brust. Wollte er jetzt etwa mit ihr flirten? Von so einem legendären Frauenhelden hätte sie sich eine originellere Annäherung versprochen!

„Für Ihre Sichtweise wäre ich Ihnen sehr dankbar.“

„Keine Ahnung, wovon Sie da gerade reden, und ehrlich gesagt habe ich auch keine Lust, es herauszufinden. Das wäre reine Zeitverschwendung.“ Jess nahm ihre Handtasche vom Tresen. „Ich habe schon alles gesagt, was ich Ihnen zu sagen habe.“ Sie warf Kath einen Seitenblick zu. „Mit arroganten Weiberhelden gebe ich mich nämlich nicht länger ab als nötig. Guten Abend!“

Damit hakte sie sich bei Kath unter und zog ihre Freundin in Richtung Ausgang.

„Jess?“

Sie zuckte zusammen. Es widerte sie an, dass er ihren Namen einfach so in den Mund nahm. Wütend drehte sie sich zu ihm um.

„Na also, genau so eine Sichtweise meinte ich eben. Ich möchte nämlich mein Image etwas aufpolieren – und dabei brauche ich Hilfe.“

Jess holte tief Luft.

„Ich würde Sie dafür natürlich entschädigen.“

„Das ist ja wohl klar“, meldete sich Kath spöttisch zu Wort. „Ich schlage vor, dass Jess Sie eine Zeit lang von morgens bis abends begleitet. Das wird Ihrem Image sicher guttun.“

Er blinzelte überrascht, dann nickte er. „So weit habe ich noch gar nicht gedacht, aber das hört sich gut an. Auf jeden Fall brauche ich dringend ein paar Tipps von jemandem aus Ihrem Verein … Ich will nämlich an meinem Umgang mit Frauen arbeiten.“

Fragend schaute Kath ihre Freundin an.

Jess schluckte. Bis jetzt dachte Kath noch, dass sie Alexander Calahan gehörig die Meinung gegeigt hatte. „Ich habe ihm als Mitglied von Frauen gegen Frauenhelden gesagt, dass ...

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