Logo weiterlesen.de
Wenn der Morgen anbricht: Lektion in Sachen Liebe

Kimberly Raye

Wenn der Morgen anbricht: Lektion in Sachen Liebe

Aus dem Amerikanischen von Christian Trautmann

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

.

1. KAPITEL

Es gibt Männer, die sind einfach nur für Sex geschaffen.

Dieser Gedanke kam Paige Cassidy in dem Moment, als sie den Mann durch den Sucher ihrer Videokamera in der Menschenmenge auf der Hochzeit sah.

Es hatte weniger mit seinem Aussehen zu tun, obwohl er immerhin so gut aussah, dass selbst eine erklärte Männerhasserin wie Imajean Strickner ihre Zweistärkenbrille gerade rückte und ihre Schärpe glättete.

Er war groß, muskulös, gebräunt und über ein Meter achtzig groß. Seine breiten Schultern füllten seine schwarze Smokingjacke prachtvoll aus. In seinen zerzausten blonden sonnengebleichten Haaren fing sich das Licht, und sein kräftiges Kinn, die sinnlichen Lippen und seine ungezähmte Art ließen Paige an die offene Prärie, Wildpferde und heiße Nächte unterm Sternenhimmel denken.

Aber es war eben nicht nur sein Aussehen, das ihn so unglaublich sexy machte. Es war auch die Art, wie er sich bewegte.

Paige blinzelte und regulierte die Schärfe der Kamera. Ihr Blick war auf seine schlanken, gebräunten Finger gerichtet, die den Hals seiner Bierflasche auf und ab strichen, langsam und gleichmäßig, wieder und wieder mit sinnlichen Bewegungen, sodass Paige fast glaubte, seine Finger auf ihrem Körper zu spüren. Ein prickelnder Schauer durchrieselte sie.

Paige beobachtete, wie er sich zu der blonden Frau mit den blauen Augen beugte, die neben ihm an der Bar stand. Sie flüsterte ihm etwas ins Ohr. Seine Mundwinkel hoben sich zu einem verführerischen, zweideutigen Grinsen, das Paiges Herz schneller schlagen ließ.

Und dann die Art, wie seine klaren grauen Augen sich zu verdunkeln schienen, als sein Blick ihrem begegnete …

Ihre Hände wurden schlaff, und ohne den Gurt um den Hals hätte sie glatt die Kamera fallen lassen. Er hatte sich schon wieder der Blondine zugewandt, sodass Paige sich unwillkürlich fragte, ob sie sich diesen atemberaubenden Blickkontakt nur eingebildet hatte. Aber die Intensität seines Blickes, die Glut darin … das war mehr, als ihre Fantasie zustande brachte.

„Was hältst du von einem Tanz, Paige?“

Sie drehte sich um und sah Shelby Hoover mit seinem Strohhut in der Hand. Er starrte auf die verschrammten Spitzen seiner Boots, die unter dem Saum seiner Jeans hervorschauten, und fuhr sich über die am Kopf klebenden schwarzen Haare. Seine schwarzen Schnurrbartenden zuckten, während er auf der Unterlippe kaute und auf ihre Antwort wartete.

Unglücklicherweise brachte Shelby ihre Hormone nicht in Aufruhr. Aber er war immerhin ein anständiger Kerl. Noch wichtiger war, dass er eine Familie gründen wollte. Und er flirtete nicht heftig mit hübschen Blondinen herum, die in Bars auf Männerfang gingen.

Shelby wollte mehr als eine lockere Beziehung, die man irgendwann, wenn sie einem zu kompliziert oder zu langweilig wurde, abbrechen konnte. Er wollte heiraten, träumte von einem eigenen Heim, zu dem selbstverständlich auch Kinder gehörten. Er wollte Beständigkeit.

Genau wie Paige.

Sie schaute auf den Brautstrauß, den sie aufgefangen hatte, und lächelte. In Paiges Vorstellung passten sie und Shelby perfekt zusammen, auch wenn er bis jetzt noch nicht den Mut gefunden hatte, sie um ein Date zu bitten. Aber sie gab die Hoffnung nicht auf. Shelby war einfach schüchtern und unsicher.

Diese Eigenschaften hatte Paige selbst nur zu gut gekannt. Bis vor sechs Monaten, als sie Cadillac, Texas, nach einer gescheiterten hinter sich gelassen hatte. Sie hatte sich auf direktem Weg nach Inspiration und in ein besseres Leben gemacht.

Damals war sie zwar entschlossen, aber auch ängstlich gewesen. Aber dann hatte sie Debbie Strickland kennengelernt, die Besitzerin und Herausgeberin der einzigen Zeitung der Stadt und jetzt die schönste Braut, die sie je gesehen hatte.

Paige richtete ihre Aufmerksamkeit auf Debbie, die auf der anderen Seite des Saals neben ihrem Bräutigam stand. Die Frau hatte ihr einen Job gegeben und ihr geholfen, wieder Fuß zu fassen, weswegen Paige gern bereit war, ihre neu erworbenen Kenntnisse im Umgang mit der Videokamera einzusetzen, um die Hochzeit ihrer Freundin mit Jimmy Mission zu filmen, dem attraktivsten Mann im ganzen Bezirk.

Widerstrebend sah sie erneut zur Bar. Na gut, eher einer der attraktivsten Männer im ganzen Bezirk. Seit sein jüngerer Bruder aufgetaucht war, hatte Jimmy eindeutig Konkurrenz bekommen.

Jack Mission war eine Legende in der Stadt. Der kühle, unnahbare „Wanderer“, der immer mal wieder nach Inspiration kam und dann wieder verschwand. Laut Debbie, die dank ihrer Klatschkolumnistin Dolores Guiness alles über jeden in der Stadt wusste, war Jack ein berüchtigter Herzensbrecher und daher kein Mann, an den Paige einen Gedanken verschwenden sollte.

Ihre Gedanken sollten bei Debbie sein und dabei, die Hochzeit so gut wie irgend möglich zu filmen. Debbie war eine der wenigen Menschen gewesen, die ihr halfen, nachdem ihr erbärmlicher Exmann sie in dieser kleinen Stadt in Texas sitzen gelassen hatte. Dank ihrer beharrlichen Ermutigung war es Paige gelungen, ihre Schüchternheit zu überwinden und sich dafür ein wenig Frechheit zuzulegen. Sie hatte ihre Zurückhaltung aufgegeben und verhielt sich jetzt freimütiger und selbstbewusster, und das bekam ihr gut.

Woodrow. Sein Name kam ihr in den Sinn, und bevor sie es verhindern konnte, hob sie die Hand, um den Sitz ihrer Haare zu überprüfen. Woodrow hatte ihre wehende Mähne stets gehasst. Entweder waren ihre Haare zu lang oder zu kurz, zu glatt oder zu lockig oder einfach nicht richtig gewesen.

Erneut traf ihr Blick auf ein ausdrucksvolles graues Augenpaar, und sie hielt inne. Ein heißer Schauer überlief sie und verdrängte die lebenslange Unsicherheit, bis sie nur noch ihren Puls spürte und ein vertrautes Kribbeln im Bauch.

Er sah so aus. Diese Augen und diese Lippen … ein wenig voll vielleicht für einen Mann, aber genau richtig zum Küssen …

„Paige?“

Beim Klang von Shelbys Stimme fuhr Paige herum und errötete. Du liebe Güte, sie hatte ihn völlig vergessen! Was war nur in sie gefahren? „Ist alles in Ordnung mit dir?“, wollte er wissen. „Deine Wangen sehen ein bisschen gerötet aus.“ Er betrachtete sie genauer. „Vielleicht sollten wir das mit dem Tanzen lieber auf ein andermal verschieben.“

„Nein“, platzte sie heraus, denn sie wollte Shelby nicht entmutigen, nachdem sich endlich ein Herz gefasst und sie zum Tanzen aufgefordert hatte.

„Sei nicht albern.“ Sie setzte ihr strahlendstes Lächeln auf. „Ich bin nur müde davon, diese Videokamera dauernd mit mir herumzuschleppen. Ich würde sehr gern tanzen. Dann kann ich dieses Ding wenigstens für eine Weile weglegen.“ Sie legte die Kamera auf einen Tisch und reichte Shelby die Hand. Den Brautstrauß hielt sie immer noch fest in der anderen Hand. Paige war entschlossen, die Anziehung, die der einige Meter entfernt von ihr stehende Jack auf sie ausübte, zu ignorieren.

Ein paar Sekunden später bewegte sie sich über die Tanzfläche, als wäre sie die geborene Tänzerin. Das war umso bemerkenswerter, als sie bis vor einem Monat – bevor sie Earl Sharps Tanzkurs für Anfänger besucht hatte – noch die schlechteste Tänzerin weit und breit gewesen war.

Paige Cassidy war in allem die Schlechteste gewesen.

Aber das war jetzt Vergangenheit.

Sie hatte ein neues Leben begonnen, hatte ein neues Kapitel in ihrem Leben aufgeschlagen. Früher war sie dumm und naiv gewesen. Doch damit war jetzt Schluss. Im Moment steckte sie gerade in einem aufregend Veränderungsprozess. Sie war dabei, sich von ihrer Herkunft zu befreien und sich ihr Potenzial auszuschöpfen, indem sie verschiedene Fortbildungskurse absolvierte.

Die Vergangenheit lag endgültig hinter ihr, und Paige sah nach vorn, in die Zukunft. Die sie sich um einiges besser vorstellte als das, was hinter ihr lag.

Wie von selbst wanderte ihr Blick jetzt wieder zu dem attraktiven Mann an der Bar, bevor sie sich zusammennahm und im Stillen tadelte.

Männer wie Mr Made For Sex hatten nur eines im Sinn, wenn es um Frauen ging, und das war keine Zukunft mit Frau, Heim und Kindern. Jack mochte für eine heiße, stürmische Nacht gut sein, aber nicht für eine dauerhafte Beziehung mit all den Höhen und Tiefen, die der Alltag so mit sich brachte. Und das war nun einmal die einzige Art von Beziehung, an der Paige an diesem Punkt ihres Lebens interessiert war. Sie war schon einmal auf einen Typ wie Jack Mission hereingefallen, und es hatte ihr nichts außer Kummer bereitet.

Wenn sie das nächste Mal mit einem Mann schlief, dann mit einem, der auch am nächsten Morgen noch da war, und am übernächsten. Es würde jemand sein, der nicht die besten Jahre ihres Lebens nahm und dann eines Tages mit Mary Jean Wallaby verschwand, der Friseuse vom „Piggly Wiggly“, die sich rühmen konnte, die größten Brüste in der Gegend zu haben.

Es würde kein notorischer Schürzenjäger sein wie Jack Mission. Auch wenn ihr Herz noch so heftig pochte, sobald sie in seine Richtung sah.

Nachdem er dreißig Jahre gelebt hatte, gab es nur noch zwei Dinge in Jacks Leben, die er sorgfältig vermied: erstens in Reichweite eines frisch zugerittenen Pferdes stehen zu bleiben, und wenn es noch so ruhig erschien, und zweitens zu tanzen.

Natürlich hatte er nichts gegen das Tanzen an sich. Das machte Spaß – das Berühren, das sich Anschmiegen, das Finden eines gemeinsamen Rhythmus.

Er sah zu der Rothaarigen, die sich mit ihrem Tanzpartner, zu dem sie eine Armlänge Abstand hielt, über die Tanzfläche bewegte, und musste unwillkürlich grinsen. Wenn er sich zu einem sinnlichen Song bewegte, dann so, dass sich er seiner Partnerin näherkam. Aber nicht jeder schien diese Einstellung zu teilen.

Die Rothaarige tanzte so, wie sie alles andere tat – steif und korrekt. So, wie sie die Videokamera hielt – in gerader Haltung, mit ernstem Gesichtsausdruck, als würde sie einen Nachrichtenbeitrag filmen statt eine Hochzeit. Er dachte daran, wie sie den Brautstrauß gefangen hatte – wieder war ihm ihre hölzerne Art aufgefallen, so als hätte sie sich selbst Zügel angelegt. Sogar als sie ihr Stück von Hochzeitstorte gegessen hatte – eine Serviette auf dem Schoß, den Mund nach jedem Bissen fest geschlossen, ohne dass auch nur ein Krümel auf ihr hochgeschlossenes geblümtes Kleid fiel – hatte sie steif und verkrampft gewirkt.

Sein Blick glitt von ihren Schultern zu ihrer Taille – oder wo die Taille in einem Kleid zu erkennen wäre, das die Figur stärker betonte. Dieses Kleid jedoch hing an ihr herunter und ließ sie von den Schultern bis zu den zierlichen Fesseln formlos aussehen. Er registrierte das funkelnde Fußkettchen, und die Vorstellung reizte ihn, es zu berühren.

Verrückt. Sie war überhaupt nicht sein Typ. Sie war wie all die anderen Frauen hier, die sich praktisch darum gerissen hatten, den Brautstrauß seiner neuen Schwägerin aufzufangen. Sie hatten alle die Ehe im Sinn, jede einzelne von ihnen.

Und mit einer solchen Frau zu tanzen, besonders in einer kleinen Stadt wie Inspiration, war gleichbedeutend damit, ihr den Hof zu machen. Eins führte zum anderen, und ehe er wusste, wie ihm geschah, würde er schon wieder im Smoking dastehen, nur dass er dann nicht der Trauzeuge sein würde, sondern derjenige, der das Eheversprechen gab.

Aber diesen Fehler hatte er schon einmal begangen. Er würde ihn nie wieder begehen.

„Wie wär’s?“ Die attraktive Blondine neben ihm deutete zur Tanzfläche.

„Ich weiß die Einladung wirklich zu schätzen.“ Er lächelte und hob die Flasche. „Aber ich bin noch mit meinem Bier beschäftigt, Süße.“ Er trank einen winzigen Schluck.

„Später vielleicht?“

Er wollte schon ablehnen, doch sie machte ein so hoffnungsvolles Gesicht, dass er es nicht übers Herz brachte, sie zu enttäuschen. Ehe er es verhindern konnte, nickte er. „Ja, später.“ Er sah ihr nach, wie sie zu der Gruppe Frauen zurückkehrte, die sich in der Nähe des Kuchenbüfetts aufhielt. Mindestens die Hälfte von ihnen hatte ihn schon zum Tanzen aufgefordert.

Er schaute auf sein Bier. In spätestens drei Schlucken war „später“, und dann würde er bei allen sein Wort einlösen müssen. Himmel, er musste sich schleunigst etwas einfallen lassen, um dem zu entgehen.

„Komm schon, Prachtkerl, lass uns tanzen.“

„Tut mir leid, Süße, aber ich bin noch …“ Jack verstummte, als er seine Schwägerin sah. Sie lächelte ihn an und war in Weiß genau so schön, wie er es sich vorgestellt hatte, nachdem er erfahren hatte, dass Jimmy endlich den Bund fürs Leben schließen würde. Sie hatte langes dunkles Haar, hellblaue Augen und eine Figur, die seinen Bruder zweifellos angelockt hatte wie der Nektar die Bienen. Jack hatte jedoch keinen Zweifel, dass vor allem ihre Intelligenz und ihr mitfühlendes Wesen ihn eingefangen hatten.

„Das ist Tradition“, erklärte Debbie. „Du musst mit der Braut tanzen, besonders dann, wenn der Bräutigam damit beschäftigt ist, neue Zuchttechniken mit seinem neuen Stiefvater an der Bar zu besprechen.“

Jack sah zu dem Trio, das ein paar Meter entfernt stand – Jimmy, seine Mutter und ein älterer Mann mit einem grauen Schnurrbart. Der Mann legte den Arm um Jacks Mutter, und sie lächelte.

„Seit die beiden vor ein paar Monaten vor den Altar getreten sind, strahlt sie übers ganze Gesicht. Sie sieht glücklich aus, findest du nicht?“

„Sehr.“ Das freute Jack, denn als er seine Mutter zuletzt gesehen hatte, war sie in Schwarz gekleidet gewesen und hatte ein tränennasses Taschentuch in der Hand zerknüllt, während der Sarg seines Vaters in die Erde gelassen wurde. Ein Herzinfarkt hatte ihn vor einigen Jahren umgebracht, als er mit dem Pferd unterwegs gewesen war, um die Zäune zu kontrollieren. Jacks Mutter hatte es sehr schwer getroffen, doch irgendwann hatte sie ihr Leben wieder aufgenommen, ganz so, wie sein Dad es gewollt hätte. Jack lächelte. Nach all dem Schmerz hatte seine Mutter ein wenig Glück verdient. „Red scheint ein guter Mann zu sein.“

„Das ist er. Apropos Mann, ich habe inzwischen mit jedem hier getanzt, der ein X-Chromosom besitzt, außer mit Jupiter Daniels, von dem im Veteranenverein das Gerücht kursiert, sein X-Chromosom sei fraglich. Bleibt also nur noch mein Schwager übrig.“

„Dann bin ich also dein letzter Ausweg?“

„Vielleicht habe ich mir das Beste ja auch nur bis zum Schluss aufgehoben.“ Sie nahm ihm die Flasche aus der Hand und leerte sie mit einem Schluck. „Jetzt bist du fertig. Komm schon.“

„Nette Hochzeit“, murmelte er, sobald sie sich über die Tanzfläche bewegten. Er nahm einen schwachen Duft nach Äpfeln und Zimt wahr, und als er den Kopf drehte, entdeckte er die Rothaarige. Sie machte ein ernstes Gesicht, und ihre vollen Lippen bewegten sich, während sie jeden Schritt zählte. Sie war so steif, dass er das verrückte Verlangen verspürte, sie an sich zu ziehen, um herauszufinden, ob er sie nicht ein wenig auflockern konnte.

Natürlich hatte das nichts mit der Tatsache zu tun, dass sie den sinnlichsten Mund besaß, den er je bei einer Frau gesehen hatte. Und es hatte nichts damit zu tun, dass er diese Lippen auf seinen spüren wollte. Vielmehr ging es ums Prinzip. Sie waren auf einer Hochzeit, einem fröhlichen Anlass. Also sollte sie sich auch amüsieren.

„Das ist Paige Cassidy.“

„Aha.“ Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Debbie und verdrängte die Fantasien, auf wie viele verschiedene Arten er die Rothaarige dazu bringen würde, sich zu entspannen. Eine Frau wie Paige Cassidy zu berühren oder zu küssen, ja nur an sie zu denken, war wirklich das Letzte, was er gebrauchen konnte. Ganz gleich, wie er sich plötzlich wünschte, er könnte seine Fantasien wahr machen und herausfinden, ob sie wirklich so verklemmt war, wie sie wirkte.

„Sie arbeitet für mich bei der Zeitung.“

„Aha.“

„Sie ist hübsch, nicht wahr?“

Er kniff die Augen zusammen. „Vergiss es.“

Debbie zuckte die Schultern. „Was ist los? Magst du keine Frauen?“

„Nicht diese Sorte Frauen.“

„Und was für eine Sorte ist sie?“

„Die heiratswillige.“

„Was ist an den Heiratswilligen verkehrt?“

„Nichts. Sie sind nur nicht mein Fall.“

Debbie warf ihm einen wissenden Blick zu. „Du hast die freiheitsliebenden Singles lieber, was?“

„Die haben ihre Vorteile.“

„Klar, sie bekommen allein von der Vorstellung einer festen Beziehung Ausschlag.“

Jack grinste. „Sag mal, hat Jimmy dir Nachhilfe darin gegeben, sich in die Angelegenheiten anderer einzumischen? Du bist nämlich wirklich gut darin.“

Sie lächelte zufrieden. „Findest du?“

„Du könntest geradezu dafür geboren sein.“

„Vielen Dank, aber deine Schmeicheleien werden mich nicht zum Verstummen bringen.“ Sie musterte Paige. „Findest du sie nicht schön?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich verweigere die Aussage. Nachher wird alles, was ich sage, gegen mich verwendet.“

„Doch, sie ist schön. Und sie ist klug. Außerdem ist sie unglaublich nett. Ich finde, ihre Brille macht sie sexy. Findest du nicht?“

„Von mir wirst du nichts hören.“

„Ach komm schon, Jack.“

„Auf keinen Fall. Wenn ich dir zustimme, schleifst du mich umgehend zu ihr, und wenn ich dir nicht zustimme, trittst du mir wahrscheinlich auf den Fuß.“

„Das tue ich sowieso.“

Er grinste. „Wie auch immer, die Frau riecht nach Ärger, und davon hatte ich schon genug.“

Seine Schwägerin verzog verärgert den Mund. „Du solltest endlich mal eine nette Frau kennenlernen.“ Als sei ihr gerade klar geworden, was sie da gesagt hatte, schüttelte sie den Kopf. „Du liebe Zeit, was geschieht mit mir? Freiheit war mein Mittelname. Ich bin seit knapp fünf Stunden verheiratet und schon halte schon Plädoyers für die Freuden der Ehe.“ Sie runzelte die Stirn. „Such dir deine Frau selbst. Achte nur darauf, dass sie nett ist.“

„Jawohl, Ma’am.“

„Und klug.“

„Klar, Boss.“

„Und hübsch.“ Er hob die Brauen. „Schon gut, schon gut“, meinte Debbie beschwichtigend. „Ich höre ja auf. Verrätst du mir, wie lange der verlorene Sohn diesmal bleibt?“

„Wie lange bleibt ihr in den Flitterwochen?“

„Zwei Wochen.“

„Dann schätze ich ungefähr zwei Wochen.“

„Sehr witzig.“

„Das ist mein Ernst.“

„Ich weiß. Das ist ja das Problem. Du brauchst nicht sofort wieder zu verschwinden, sobald wir aus dem Flugzeug gestiegen sind“, meinte Debbie. „Du könntest ruhig noch länger bleiben.“ Da er schon wieder genervt wirkte, fügte sie rasch hinzu: „Es geht nicht ums Heiraten, sondern darum, endlich sesshaft zu werden. Du kannst schließlich nicht ewig von einem Ort zum andern ziehen. Du bist jetzt dreißig. Da wird es allmählich Zeit, irgendwo Wurzeln zu schlagen.“

„Es gefällt mir aber, von Ort zu Ort zu ziehen. Deshalb verschwinde ich auch, sobald ihr wieder zurück seid. Ich habe für nächsten Monat einen Job in Santa Fe angenommen, auf einer der größten Ranches im Südwesten. Sie züchten und reiten ihre eigenen Pferde für den Viehtrieb zu. Der Pferdetrainer hat wegen eines Notfalls in seiner Familie gekündigt. Ich springe für ihn ein.“

„Vorübergehend.“

„Genau.“

„Das ist ziemlich weit weg.“

„Ja.“

„Vermisst du deine Familie nicht?“, fragte Debbie.

„Natürlich. Aber Jimmy ist mit dir und seiner neuen Baufirma beschäftigt. Du hast deine Zeitung. Mom ist ab morgen mit Red unterwegs zur Endausscheidung der Senioren-Rodeos in Las Vegas.“ Red Bailey war der älteste lebende Rodeoreiter und seit fünf Jahren hintereinander Weltmeister in seiner Klasse. „Meine Familie ist also ziemlich beschäftigt, also wird es wohl kaum jemanden kümmern, ob ich nun bleibe oder nicht. Sag mal, ich dachte, du wolltest tanzen?“

„Das tun wir.“

„Wir reden. Das hier ist tanzen.“ Und damit begann er, sie über die Tanzfläche zu wirbeln.

Zum Glück war die Unterhaltung beendet, und für die nächsten dreißig Sekunden tanzten sie einträchtig, bis der Song zu Ende war und Debbie Jack an sich drückte.

„Danke, Jack. Und viel Glück.“

„Sollte ich nicht eher dir Glück wünschen?“, entgegnete er. „Immerhin bist du diejenige, die meinen starrköpfigen Bruder geheiratet hat. Du ahnst ja nicht, was du dir da eingehandelt hast.“

„Das mag sein. Aber ich denke, damit werde ich locker fertig.“ Lächelnd schaute sie an ihm vorbei. „Bin ich froh, dass ich nicht derjenige bin, hinter der ungefähr ein Dutzend Frauen her ist.“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Sei tapfer.“ Dann eilte sie davon.

Jack drehte sich um und sah, wie die Frauen auf ihn zustürmten, um den nächsten Tanz einzufordern.

Einen Moment lang überlegte er, rasch an die Bar zu flüchten. Dann fiel sein Blick auf die Rothaarige, die gerade die Tanzfläche verlassen wollte.

Sie ist nicht dein Typ, Cowboy, sagte eine kleine Stimme in ihm.

Das stimmte. Sie war genau wie die anderen, die es auf einen Ehemann abgesehen hatten. Doch im Gegensatz zu den anderen steuerte sie nicht in seine Richtung. Um genau zu sein, sie hatte ihn nicht einmal angelächelt, als sich ihre Blicke vorhin trafen. Aus welchem Grund auch immer, es hatte den Anschein, als wäre Paige Cassidy nicht im Mindesten an ihm interessiert.

Trotzdem war es eine Schande, dass sich jemand bei einem so fröhlichen Anlass keinen Spaß hatte. Sie musste unbedingt lockerer werden – und Jack brauchte einen rettenden Engel.

Er machte zwei Schritte und griff nach ihrer Hand.

„Was … was tun Sie?“, rief Paige empört, als Jack Mission seinen Arm um ihre Taille legte und sie wieder auf die Tanzfläche führte.

„Als ich zuletzt hingesehen habe, hieß es noch tanzen“, antwortete er, zog sie in seine Arme und begann sich mit ihr zu bewegen.

Paige hatte Mühe, ihm nicht auf die Füße zu treten, so verwirrt war sie von seiner Nähe. Er war ihr zu nah, und es geschah zu plötzlich. Was glaubte er eigentlich, was er da tat? Er hatte sie nicht einmal um diesen Tanz gebeten!

„Ich glaube nicht …“

„Es hat nichts mit glauben zu tun, Süße, sondern mit Bewegung. Sie können sich doch bewegen, oder?“

Die Art, wie er sie ansah – die eine blonde Braue gehoben, ein Funkeln in den klaren grauen Augen –, empörte sie. „Selbstverständlich kann ich das.“ Das hatte sie sich ja auch einiges kosten lassen.

„Dann beweisen Sie es.“

Sie hatte zwei Möglichkeiten. Sie konnte flüchten, was allerdings nicht leicht werden würde, da Jack Missions Arm fest um ihre Taille lag. Oder sie konnte sich beruhigen und konzentrieren, um die nächsten Minuten durchzustehen, ohne sich vor allen Leuten zu blamieren.

„Was tanzen wir?“

„Die Entscheidung überlasse ich Ihnen.“

„So geht das nicht. Die Art des Tanzes hängt vom Takt und Tempo des Songs ab. Dies ist ein Twostepp. Wir sollten also schneller tanzen.“ Er zog sie noch näher zu sich heran.

„Mir kommt es schon ziemlich schnell vor.“

„Wir tanzen aber zu langsam und zu eng.“ Paige stemmte sich gegen seine Brust und schaffte dadurch ein wenig dringend benötigten Abstand, sodass sie wenigstens wieder atmen konnte. Noch wichtiger war, dass sie auch wieder klar denken konnte. „Für dieses Tempo brauchen wir mehr Geschwindigkeit und Abstand.“

„Der Abstand kommt mir ausreichend vor.“

Wenn es nur so wäre, dachte sie.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Lektion in Sachen Liebe" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen