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Leises Gift

Über den Autor

Greg Iles wurde 1960 in Deutschland geboren, wo sein Vater die Klinik der Amerikanischen Botschaft leitete. Aufgewachsen ist er in Natchez, Mississippi, wo er auch heute lebt. Nach seinem Studienabschluss an der University of Mississippi spielte er als Musiker in der Band »Frankly Scarlet«, bevor er die Gruppe verließ, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Seine Bücher wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und in über zwanzig Ländern veröffentlicht.

BASTEI ENTERTAINMENT

Zum Gedenken an Mike McGraw
und Ryan Buttross

Das wahre Böse hat ein Gesicht, das man kennt,
und eine Stimme, der man vertraut

– Anonymus

1

Alex Morse rannte durch die Eingangshalle des neuen medizinischen Zentrums der Universität. Sie wirkte wie eine Ärztin, die zu einem Notfall gerufen wurde. Doch Alex war keine Ärztin. Sie war Geisel-Unterhändlerin beim FBI. Zwanzig Minuten zuvor war sie mit einem Flugzeug aus Charlotte, North Carolina, nach Jackson in Mississippi gekommen. Ihre ältere Schwester war bei einem Baseballspiel zusammengebrochen. Was für ein verdammtes Jahr! Es war geprägt von Verletzungen und Tod, und es hing noch mehr Unheil in der Luft – Alex konnte es spüren.

Sie erblickte die Aufzüge und schaute auf die Anzeige über den Türen. Ein Lift kam nach unten. Alex drückte auf den Rufen-Knopf und wippte ungeduldig auf den Fußspitzen. Krankenhäuser, dachte sie bitter. Sie selbst war gerade erst aus einem Krankenhaus entlassen worden. Die Kette der Tragödien hatte ihren Anfang mit ihrem Vater genommen. Fünf Monate zuvor war Jim Morse in genau diesem Hospital gestorben, nachdem er bei einem Überfall niedergeschossen worden war. Zwei Monate später hatte man bei Alex’ Mutter ein Ovarialkarzinom in fortgeschrittenem Stadium diagnostiziert. Die Ärzte rechneten nicht damit, dass sie diese Woche überlebte. Dann hatte Alex den Unfall gehabt, und jetzt Grace …

Ein leiser Gong ertönte, und die Lifttüren glitten auseinander.

Eine junge Frau in weißem Kittel lehnte erschöpft an der Rückwand der Kabine. Eine Assistenzärztin, vermutete Alex, Mitte zwanzig, vier oder fünf Jahre jünger als Alex mit ihren dreißig Jahren. Die Frau blickte kurz auf, als Alex die Kabine betrat, sah zu Boden und schaute Alex dann ganz plötzlich wieder an, als hätte sie erst jetzt den schrecklichen Anblick registriert. Alex hatte diese Reaktion seit ihrer Entstellung so häufig erlebt, dass sie nicht mehr wütend wurde. Es deprimierte sie nur noch.

»Welche Etage?«, fragte die junge Ärztin und hob die Hand zu den Schaltknöpfen, während sie sich alle Mühe gab, nicht zu starren.

»Neurologische Intensivstation«, antwortete Alex.

Die Ärztin drückte auf die 4. »Ich fahre ins Tiefgeschoss«, sagte sie. »Aber der Lift bringt Sie anschließend direkt nach oben.«

Alex nickte und beobachtete die Anzeige auf dem Leuchtpaneel. Nachdem man bei ihrer Mutter Krebs diagnostiziert hatte, war sie mit dem Flugzeug zwischen Washington, D.C., wo sie damals stationiert gewesen war, und Mississippi gependelt, um Grace, die einen Vollzeitjob als Lehrerin hatte, bei der Betreuung ihrer Mutter zu helfen. Anders als beim FBI zu Zeiten eines Edgar J. Hoover, bemühte man sich heutzutage, verständnisvoll an familiäre Probleme heranzugehen. Doch in Alex’ Fall hatte der Deputy Director seine Position unmissverständlich klargemacht: Sonderurlaub zum Besuch eines Begräbnisses war eine Sache, regelmäßiges Pendeln über 1500 Kilometer, um bei einer Chemotherapie dabei zu sein, eine ganz andere. Doch Alex hatte nicht auf ihn gehört. Sie hatte sich gegen das System aufgelehnt und gelernt, fast ohne Schlaf auszukommen. Sie hatte sich geschworen, dem Druck standzuhalten, und sie hatte es geschafft – bis zu dem Augenblick, als ihr ein Feuersturm aus Glas und Schrotkugeln in die rechte Schulter und ins Gesicht gefegt war. Ihre Weste hatte die Schulter geschützt, doch ihr Gesicht war grässlich verstümmelt worden.

Alex hatte die für eine Geisel-Unterhändlerin größte Sünde begangen und beinahe mit dem Leben dafür bezahlt. Weil der Schütze durch eine Flachglas-Abtrennung gefeuert hatte, hatte der Blizzard aus Glassplittern und Schrotkugeln ihre Wange zerfetzt, war durch Haut und Knochen gedrungen und hatte Stirnhöhle, Kiefer und Gewebe zerfetzt.

Die plastischen Chirurgen hatten Alex großartige Versprechungen gemacht, doch bisher waren die Resultate eher kläglich. Man hatte ihr gesagt, dass die wütenden rosafarbenen Würmer mit der Zeit verblassen würden (sie konnten nicht viel tun gegen die punktförmigen Vertiefungen in ihrer Wange), und dass ein Laie die Narben nicht einmal mehr bemerken würde. Alex glaubte nicht daran. Doch was bedeutete schon Eitelkeit im großen Plan der Dinge? Fünf Sekunden, nachdem Alex niedergeschossen worden war, hatte jemand anders für ihren Fehler mit dem Leben bezahlt.

In den höllischen Tagen nach der Schießerei war Alex’ Schwester Grace öfters nach Washington geflogen, um bei Alex zu sein, obwohl die Pflege ihrer beider Mutter sie alle Kraft kostete. Grace war der weibliche Märtyrer der Familie, eine Kandidatin für die Heiligsprechung, wenn es je eine gegeben hatte. Die Ironie war grausam: Heute Nacht war es Grace, die auf einer Intensivstation lag und um ihr Leben kämpfte.

Und warum? Sicherlich nicht Karma. Sie war die Treppen eines Stadions hinaufgestiegen, um ihrem zehn Jahre alten Sohn beim Baseball zuzuschauen, als sie zusammengebrochen war. Sekunden nachdem sie auf der Treppe aufgeschlagen war, hatte sie Blase und Darm entleert. Eine vierzig Minuten später aufgenommene Computertomographie zeigte ein Blutgerinnsel in der Nähe des Hirnstamms – die Sorte von Blutgerinnsel, die Menschen nur allzu oft umbringt. Alex war in Charlotte gewesen und hatte Bahnen geschwommen, als die Nachricht gekommen war. (Alex war nach der Schießerei dorthin strafversetzt worden.) Ihre Mutter war zu aufgeregt gewesen, um am Telefon zusammenhängende Sätze von sich zu geben, doch sie hatte genügend Einzelheiten gestammelt, um Alex zum Flughafen jagen zu lassen.

Bei der ersten Zwischenlandung in Atlanta hatte Alex den Mann ihrer Schwester angerufen, Bill Fennell, den sie vor dem Start nicht hatte erreichen können. Bill erklärte, dass Graces Hirnschäden zunächst nicht allzu dramatisch ausgesehen hätten – leichte Lähmung der rechten Seite, Schwäche, milde Dysphasie –, doch der Schlaganfall hatte sich seither verschlimmert, was nach Auskunft der Ärzte nicht ungewöhnlich war. Ein Neurologe hatte Grace TPA verordnet, ein Medikament, das Blutgerinnsel auflösen konnte, jedoch allerlei ernste Nebenwirkungen hatte. Bill Fennell war ein dominanter Mann, doch seine Stimme hatte gezittert bei ihrem Gespräch, und er hatte Alex angefleht, sich zu beeilen.

Nachdem das Flugzeug in Jackson gelandet war, hatte Alex erneut bei ihm angerufen. Diesmal hatte er schluchzend über die Entwicklung der vergangenen Stunde berichtet. Grace atmete zwar noch aus eigener Kraft, doch sie war ins Koma gefallen und würde möglicherweise sterben, noch ehe Alex die letzten fünfundzwanzig Kilometer vom Flughafen zum Krankenhaus zurückgelegt hatte.

Panik erfüllte mit einem Mal ihre Brust, wie sie es seit ihrer Kindheit nicht mehr erlebt hatte. Obwohl das Flugzeug noch auf dem Vorfeld war und zum Terminal rollte, hatte Alex ihre Tasche unter dem Sitz hervorgezogen und war nach vorn zum Ausgang der B-727 marschiert. Als ein Flugbegleiter ihr den Weg versperrte, hatte sie ihren Dienstausweis gezückt und ihm mit leiser Stimme befohlen, sie so schnell wie möglich zum Terminal zu bringen. Kaum hatte sie das Gate passiert, war sie durch die Abfertigungshalle und die Gepäckausgabe zu der Schlange wartender Taxis gesprintet, wo sie erneut ihren Ausweis gezückt und dem Fahrer hundert Dollar versprochen hatte, wenn er sie mit Höchstgeschwindigkeit zur Uniklinik brachte.

Und hier war sie nun, stieg im dritten Stock aus dem Lift und wurde sogleich eingehüllt von beißenden Gerüchen, die sie Wochen in die Vergangenheit zurückwarfen, als heißes Blut wie aus einem Wasserhahn aus ihrem Gesicht geströmt war. Am Ende des Korridors wartete eine große Holztür mit der Aufschrift »Neurologische Intensivstation«. Sie ging hindurch wie ein Fallschirmspringer vor seinem ersten Absprung, wappnete sich gegen den freien Fall, voller Angst vor den Worten, die zu hören sie beinahe sicher war: Es tut mir sehr leid, Alex, aber du kommst zu spät.

Die Intensivstation bestand aus einem Dutzend Abteilen mit Glaswänden, U-förmig um das Schwesternzimmer herum angeordnet. Mehrere Abteile waren mit Vorhängen vor Blicken geschützt, doch durch die transparente Wand der vierten Kabine links sah Alex Bill Fennell, der sich mit einer Schwester unterhielt. Mit seinen einsdreiundneunzig überragte er sie deutlich, doch sein attraktives Gesicht war von Sorgenfalten zerfurcht, und die Frau schien ihn zu trösten. Er spürte Alex’ Anwesenheit, blickte auf und erstarrte mitten im Satz. Alex bewegte sich zu dem Abteil. Bill stürzte zur Tür und drückte Alex an sich. Es war ihr immer peinlich gewesen, ihren Schwager zu umarmen, doch heute Nacht gab es keine Möglichkeit, dies zu vermeiden. Und auch keinen Grund. Heute Nacht brauchten beide Nähe und das Gefühl familiärer Zusammengehörigkeit.

»Du hast wohl einen Hubschrauber genommen!«, sagte er mit seiner vollen Bassstimme. »Ich kann nicht glauben, wie schnell du gekommen bist!«

»Lebt sie?«

»Sie lebt noch«, sagte Bill in eigenartig förmlichem Tonfall. »Sie hat sogar ein paar Mal das Bewusstsein wiedererlangt. Sie hat nach dir gefragt.«

Alex’ Zuversicht stieg, doch mit der Hoffnung kamen neue Tränen.

Die Frau im weißen Kittel kam aus dem Abteil. Sie war um die fünfzig, mit einem freundlichen, jedoch ernsten Gesicht.

»Das ist die für Grace zuständige Neurologin«, sagte Bill.

»Ich bin Meredith Andrews«, stellte die Ärztin sich vor. »Sind Sie die Frau, die Grace ›KK‹ nennt?«

Alex schluchzte auf. »KK« war ein Spitzname, der von ihrem zweiten Namen abgeleitet war, Karoli. »Ja. Aber nennen Sie mich bitte Alex … Alex Morse.«

»Spezialagentin Morse«, sagte Bill in einem völlig absurden Einwurf.

»Hat Grace nach mir gefragt?«, erkundigte sich Alex, wobei sie sich die Wangen abwischte.

»Sie sind alles, worüber sie redet.«

»Ist sie bei Bewusstsein?«

»Zurzeit nicht. Wir tun, was in unserer Macht steht, doch Sie sollten sich auf das Schlimmste …« Dr. Andrews schätzte Alex blitzschnell ab. »Sie sollten sich auf das Schlimmste gefasst machen. Grace hatte eine schwere Thrombose, als sie eingeliefert wurde, doch sie hat noch aus eigener Kraft geatmet, was mich zunächst mit Hoffnung erfüllt hat. Doch der Anfall breitete sich ständig weiter aus, und ich beschloss, mit der thrombolytischen Therapie zu beginnen, das heißt, wir versuchen, das Gerinnsel aufzulösen. Manchmal wirkt es Wunder, doch es kann auch zu Hämorrhagien an anderen Stellen im Körper oder im Gehirn führen. Ich habe das Gefühl, dass genau dies im Augenblick geschieht. Ich möchte nicht riskieren, Grace für eine Magnetresonanzspektroskopie zu bewegen. Sie atmet noch immer aus eigener Kraft, und das ist die beste Hoffnung, die wir haben. Wenn sie aufhört zu atmen, stehen wir bereit, sie augenblicklich zu intubieren. Ich hätte es vielleicht schon tun sollen«, sie warf einen Seitenblick zu Bill, »doch ich weiß, dass sie unbedingt mit Ihnen reden will, und sobald sie intubiert ist, kann sie nicht mehr sprechen, mit niemandem. Sie hat bereits die Fähigkeit zu schreiben verloren.«

Alex zuckte zusammen.

»Seien Sie nicht schockiert, wenn Sie zu Ihnen spricht. Ihr Sprachzentrum hat gelitten, und sie ist stark beeinträchtigt.«

»Verstehe«, sagte Alex ungeduldig. »Wir haben einen Onkel, der einen Schlaganfall hatte. Kann ich einfach zu ihr? Es ist mir egal, in welchem Zustand sie ist. Ich möchte bei ihr sein.«

Dr. Andrews lächelte und führte Alex in das Abteil.

An der Tür angekommen, drehte Alex sich zu Bill um. »Wo ist Jamie?«

»Bei meiner Schwester in Ridgeland.«

Ridgeland war eine rein weiße Vorstadt zehn Meilen außerhalb. »Hat er gesehen, wie seine Mutter gefallen ist?«

Bill schüttelte ernst den Kopf. »Nein. Er war unten auf dem Spielfeld. Er weiß lediglich, dass seine Mutter krank ist.«

»Meinst du nicht, dass er hier sein sollte?«

Alex bemühte sich angestrengt, jegliches Urteil aus ihrer Stimme herauszuhalten, doch Bills Miene verdüsterte sich. Ihm schien eine scharfe Entgegnung auf der Zunge zu liegen, dann aber holte er nur tief Luft. »Nein, das denke ich nicht«, sagte er.

Als Alex ihn unverwandt anstarrte, senkte er die Stimme und fügte hinzu: »Ich möchte nicht, dass Jamie zusieht, wie seine Mutter stirbt.«

»Selbstverständlich nicht. Aber er sollte eine Chance haben, Lebewohl zu sagen.«

»Die bekommt er«, erwiderte Bill. »Bei ihrer Beerdigung.«

Alex schloss die Augen und biss die Zähne zusammen. »Bill, du kannst nicht …«

»Wir haben jetzt keine Zeit dafür«, unterbrach er sie und nickte in Richtung der Ärztin, die wartend im Abteil stand.

Alex näherte sich langsam der Bettkante. Das blasse Gesicht ihrer Schwester über der Krankenhausdecke sah fremd aus. Fremd und doch nicht fremd. Es erinnerte Alex an das Gesicht ihrer Mutter. Grace Morse-Fennell war fünfunddreißig Jahre alt, doch heute Nacht sah sie aus wie siebzig. Es ist die Haut, wurde Alex bewusst. Sie ist wie Wachs. Schmelzendes, verlaufendes Wachs. Es sah aus, als wären die Muskeln ihrer Schwester erschlafft und würden niemals wieder kontrahieren. Grace hatte die Augen geschlossen, und zu Alex Überraschung empfand sie es als Erleichterung. Es verschaffte ihr Zeit, sich an die neue Realität zu gewöhnen, wie flüchtig und unwirklich sie sein mochte.

»Wird es gehen?«, fragte Dr. Andrews hinter ihr.

»Ja.«

»Dann lasse ich Sie jetzt mit ihr allein.«

Alex warf einen flüchtigen Blick auf die Monitore, die Graces Lebensfunktionen überwachten. Pulsschlag, Sauerstoffaufnahme, Blutdruck, Gott weiß was sonst noch. Ein einzelner intravenöser Tropf verschwand unter einem Verband an ihrem Unterarm. Bei dem Anblick schmerzte es in Alex Handgelenk. Sie war nicht sicher, was sie tun sollte, und vielleicht spielte es auch gar keine Rolle. Vielleicht war es einfach nur wichtig, dass sie hier war, in diesem Zimmer.

»Weißt du, was diese Tragödie mir klargemacht hat?«, fragte die vertraute Bassstimme.

Alex zuckte zusammen, doch sie bemühte sich, ihr Unbehagen zu verbergen. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass Bill mit ihr im Raum war, und sie hasste es, ein Zeichen von Schwäche zu zeigen. »Was denn?«, fragte sie, obwohl es sie im Grunde gar nicht interessierte.

»Geld ist nichts wert. Überhaupt nichts. Alles Geld der Welt kann dieses Blutgerinnsel nicht aus ihrem Kopf holen.«

Alex nickte geistesabwesend.

»Wofür zur Hölle habe ich dann gearbeitet?«, fragte Bill. »Warum habe ich es nicht langsamer angehen lassen und jede freie Minute mit Grace verbracht?«

Grace hat sich diese Frage wahrscheinlich tausendmal gestellt, dachte Alex. Doch es war zu spät für Reue. Viele Menschen hielten Bill für so kalt wie einen Fisch. Alex hatte eher geglaubt, dass er dazu neigte, weinerlich zu reagieren.

»Könnte ich für ein bisschen mit ihr alleine sein?«, fragte sie, ohne den Blick von Graces Gesicht abzuwenden.

Sie spürte, wie sich eine schwere Hand auf ihre Schulter legte – die verwundete Schulter. Dann sagte Bill: »Ich bin in fünf Minuten zurück.«

Nachdem er gegangen war, nahm Alex die klamme Hand ihrer Schwester in die ihre und beugte sich vor, um Graces Stirn zu küssen. Sie hatte ihre Schwester noch nie so hilflos gesehen. Tatsächlich hatte sie Grace noch nie auch nur annähernd hilflos gesehen. Grace war ein Dynamo. Krisen, die das Leben anderer zum Stillstand brachten, ließen sie kaum das Tempo verlangsamen. Doch dies hier war anders. Dies war das Ende – Alex konnte es spüren. Sie wusste es, wie sie es gewusst hatte, nachdem James Broadbent getroffen zu Boden gegangen war. James hatte gesehen, wie Alex Sekunden vor dem Zugriffsbefehl für das Geiselbefreiungsteam in die Bank gestürmt war, und er war ihr auf dem Fuß gefolgt. Er hatte gesehen, wie sie angeschossen wurde, doch anstatt das Feuer auf den Schützen augenblicklich zu erwidern, hatte er nach unten geblickt, um zu sehen, wie schlimm Alex verwundet worden war – und hatte die nächste Ladung voll in die Brust bekommen. Er hatte keine Weste getragen (er hatte sie ausgezogen, als er gehört hatte, dass das Geiselbefreiungsteam die Bank stürmen würde). Die Schrotkugeln hatten sein Herz und seine Lungen zerfetzt.

Warum hat er nur zu mir nach unten gesehen?, fragte Alex sich zum Millionsten Mal. Warum ist er mir in die Bank gefolgt?

Doch sie kannte die Antwort. Broadbent war ihr gefolgt, weil er sie geliebt hatte – aus der Ferne zwar, doch seine Gefühle waren dennoch echt gewesen. Und diese Liebe hatte ihn das Leben gekostet. Alex sah Tränen auf Graces Wangen tropfen – ihre eigenen Tränen, zahllos in diesen vergangenen Monaten. Sie wischte sich über die Augen, zog ihr Handy hervor und wählte die Nummer von Bill Fennell, der keine zehn Meter entfernt stand.

»Was ist?«, fragte er aufgeregt. »Was ist passiert?«

»Jamie sollte hier sein, Bill.«

»Alex, ich habe dir gesagt …«

»Geh ihn holen, verdammt! Die Frau hier drin ist seine Mutter!«

Eine lange Pause entstand. Schließlich sagte Bill: »Ich rufe meine Schwester an.«

Alex drehte sich um und sah ihn neben der Schwesternstation stehen. Er hatte sich mit Dr. Andrews unterhalten. Sie sah, wie er das Gespräch mit der Neurologin unterbrach und sein Mobiltelefon an die Wange hob. Alex beugte sich über Graces Ohr und überlegte verzweifelt, was sie sagen konnte, das den Grund des tiefen Loches zu erreichen vermochte, in dem ihre Schwester jetzt weilte.

»Grace?«, flüsterte sie, während sie zugleich die kalte Hand drückte. »Ich bin es, KK.«

Graces Augen blieben geschlossen.

»Ich bin es … KK ist hier. Ich bin von Sally zurück. Wach auf, bevor Mama aufsteht. Ich möchte zum Fest!«

Sekunden verrannen. Erinnerungen wirbelten durch Alex’ Gedanken, und ihr Herz begann zu schmerzen. Graces Augen blieben geschlossen.

»Komm schon, Grace! Ich weiß, dass du nur so tust, als würdest du schlafen! Hör auf damit!«

Alex spürte ein Zucken in ihrer Hand. Adrenalin schoss in ihre Adern, doch als sie die erstarrten Augenlider sah, nahm sie an, dass das Zucken von ihr selbst gekommen war.

»Kuh … Kuh«, ächzte eine Stimme.

Alex drehte sich um in der Annahme, dass es Bill oder Dr. Andrews wären, doch dann drückte Grace ihre Hand und stieß einen hellen Laut aus. Alex wirbelte herum und sah, dass Grace die grünen Augen weit aufgerissen hatte. Sie blinzelte. Alex’ Herz raste. Sie beugte sich zu ihrer Schwester hinunter, denn obwohl Grace erst fünfunddreißig war, waren ihre Augen ohne Brillengläser oder Kontaktlinsen so gut wie nutzlos.

»KK?«, stöhnte Grace leise. »Biffu daf?«

»Ich bin es, Grace«, antwortete Alex und schob ihrer Schwester eine Haarsträhne aus den Augen.

»Ogobb«, sagte Grace mit gutturaler Stimme und fing zu schluchzen an. »Gobb fei Dang.«

Alex musste auf die Zähne beißen, um nicht aufzuschluchzen. Die rechte Hälfte von Graces Gesicht war gelähmt, und Speichel rann ihr übers Kinn, sobald sie sich bemühte zu sprechen. Sie klang genau wie Onkel T. J., der gestorben war, nachdem eine Serie von Schlaganfällen ihm seine alte Identität genommen hatte.

»Bu … bu mubb Jamie rebben«, gurgelte Grace.

»Was? Ich hab dich nicht verstanden!«

»Jamie. Bu mubb ihn rebben!«, wiederholte Grace und wollte sich im Bett aufrichten. Sie schien an Alex vorbeisehen zu wollen.

»Jamie geht es gut«, sagte Alex mit tröstender Stimme. »Er ist auf dem Weg hierher.«

Grace schüttelte wild den Kopf. »Hör fu. Bu mubb fuhören!«

»Ich höre dir zu, Grace, versprochen.«

Grace starrte ihrer Schwester mit dem Drängen einer Ertrinkenden in die Augen. »Bu … mubb … Jamie … retten … Gay-gay. Nur bu … kanbt … eb.«

»Wovor soll ich Jamie retten?«

»Biw.«

»Bill?«, fragte Alex ungläubig. Bestimmt hatte sie sich verhört.

Mit schmerzhafter Anstrengung nickte Grace.

Alex blinzelte verblüfft. »Was redest du da? Tut Bill Jamie in irgendeiner Weise weh?«

Ein schwaches Nicken. »Er wirb eb tun … bobald ib nib mehr bin.«

Alex gab sich alle Mühe, die gequälten Worte zu verstehen. »Jamie weh tun? Wie das? Meinst du, er missbraucht ihn?«

Grace schüttelte den Kopf. »Biw … wib … Jamieb … Beele … umbringen.«

»Bill wird Jamies Seele umbringen?«, wiederholte Alex, als versuchte sie, etwas schwer Leserliches zu entziffern.

Grace ließ erschöpft den Kopf hängen.

»Gracie … du weißt, dass ich Bill nicht besonders mag. Das hast du immer gewusst. Aber er war ein guter Vater, oder nicht? Er scheint im Grunde ein anständiger Mann zu sein.«

Grace packte Alex’ Hand und schüttelte den Kopf. »Er ib ein Monbter!«, zischte sie.

Alex spürte ein Frösteln. »Er ist ein Monster? Hast du gesagt, er ist ein Monster?«

Eine Träne der Erleichterung rann über Graces gelähmte Wange.

Alex starrte in die gequälten Augen ihrer Schwester; dann drehte sie sich um und blickte über die Schulter. Bill Fennell unterhielt sich immer noch mit Dr. Andrews, doch seine Blicke ruhten auf Alex.

»Kommt Biw her?«, fragte Grace mit verängstigter Stimme, während sie sich vergeblich bemühte, den Kopf zu heben.

»Nein. Er unterhält sich mit der Ärztin.«

»Ärbtin … weib … nib …«

»Was weiß die Ärztin nicht?«

»Wab Biw getan hat.«

»Was meinst du damit? Was hat Bill getan?«

Grace hob unvermittelt die Hand, packte Alex an der Bluse und zog ihren Kopf nach unten zu ihren Lippen. »Er hab mib umbebracht.«

Alex fühlte sich, als hätte ihr jemand Eiswasser in die Adern gespritzt. Sie zuckte zurück und starrte Grace in die blutunterlaufenen Augen. »Er hat dich umgebracht? Hast du das gesagt?«

Grace nickte einmal, die Augen voll tiefster Überzeugung.

»Grace, du weißt nicht, was du redest!«

Selbst mit einem zur Hälfte gelähmten Gesicht gelang es Grace, ein Lächeln aufzusetzen. Oh doch, ich weiß sehr genau, was ich rede.

»Das meinst du nicht so. Nicht wortwörtlich.«

Grace schloss die Augen, als wollte sie ihre letzten Kräfte zu einem verzweifelten weiteren Anlauf sammeln. »Du … bib die Einbige … bu kanb ihn boppen. Bu bät bür mib. Ib habe Ärbtin gehörb … drauben. Rebbe Jamie bür mib … Bibbe.«

Alex starrte über die Schulter und durch die Glaswand nach draußen. Bill beobachtete sie noch immer, und es sah aus, als schleppte seine Unterhaltung mit Dr. Andrews sich mühsam dahin. Alex hatte immer gewusst, dass Graces Ehe nicht perfekt war, doch welche Ehe war das schon? Nicht, dass Alex eine Autorität auf diesem Gebiet gewesen wäre. Irgendwie hatte sie es geschafft, dreißig Jahre alt zu werden, ohne verheiratet zu sein. Nach Jahren mit Kerlen, die auf Abzeichen standen, oder Kerlen, die davor wegliefen, hatte sie endlich einen Antrag angenommen – nur um die Verlobung drei Monate später wieder zu lösen, nachdem sie herausgefunden hatte, dass ihr zukünftiger Ehemann sie mit ihrer besten Freundin betrog. In Liebesangelegenheiten war sie eine Stümperin.

»Grace«, flüsterte sie eindringlich. »Warum sollte Bill so etwas tun?«

»Eine anbere«, sagte Grace. »Anbere Brau.«

»Eine andere Frau? Bist du sicher?«

Ein weiteres verzerrtes Lächeln. »Uh … Brau … weib …«

Alex glaubte ihr. Während ihrer Verlobungszeit mit Peter Hodges hatte ihr eine Art sechster Sinn gesagt, dass irgendetwas in ihrer Beziehung nicht stimmte. Lange bevor es einen deutlichen Hinweis gegeben hatte, war ihr bewusst gewesen, dass Peter sie betrog. Sie hatte es einfach gewusst. Hätte sie den gleichen Instinkt in Bezug auf gewöhnliche Verbrechen gehabt, wäre ihre Karriere viel glanzvoller verlaufen.

»Wenn Bill mit einer anderen Frau zusammen sein will, warum lässt er sich nicht einfach von dir scheiden?«, fragte sie.

»Gelb … Bummerben … Würbe Biw Miwonen kobten, bib scheiden bu labben … bünb Miwonen bebimb …«

Alex lehnte sich ungläubig zurück. Sie hatte gewusst, dass Bill seit einer Reihe von Jahren erfolgreich war, doch sie hatte nicht geahnt, dass er richtiggehend reich geworden war. Warum in Gottes Namen unterrichtete Grace dann immer noch in einer Grundschule? Weil sie es gerne tut, beantwortete sie die Frage selbst. Weil sie ohne Arbeit nicht leben kann.

Grace hatte die Augen geschlossen, offensichtlich erschöpft. »Bag … Mom … Ib biebe bie«, sagte sie. »Bag ihr … ib warte aub bie … im Himmeb …« Das Lächeln animierte erneut die lebendige Hälfte ihres Gesichts. »Wenn ib eb … schabbe …«

»Du hast es geschafft, Liebes«, sagte Alex und ballte die freie Hand zur Faust, die sie sich vor die Lippen presste.

»Nun sieh sich das einer an, Dr. Andrews!«, dröhnte Bill Fennells Stimme. »Sie sieht aus, als könnte sie jeden Moment aufstehen und aus dem Bett springen!«

Grace riss die Augen auf und schien vor ihrem Mann zu schrumpfen. Es sah aus, als benutzte sie Alex als Schild. Das Entsetzen in ihren Augen tat Alex in der Seele weh, doch es versetzte sie auch in höchste Verteidigungsbereitschaft. Sie erhob sich und versperrte Bill den Weg ans Krankenbett.

»Ich denke, es ist besser, wenn du nicht reinkommst«, sagte sie und starrte ihrem Schwager kalt in die Augen.

Bills Unterkiefer sank herab. Er sah an Alex vorbei zu Grace, die sich im Bett zu ducken schien. »Was redest du da?«, fragte er wütend. »Was soll das bedeuten? Hast du Grace irgendwas über mich erzählt?«

Alex blickte zu Dr. Andrews, die verwirrt dreinschaute. »Nein. Eher im Gegenteil, fürchte ich.«

Bill schüttelte in augenscheinlicher Verwirrung den Kopf. »Ich verstehe nicht …«

Alex suchte in seinen braunen Augen nach einer Spur von Schuld. Graces Ängste und Anschuldigungen waren wahrscheinlich das Produkt der Halluzinationen einer sterbenden Frau, doch es gab keinen Zweifel, was die Echtheit ihres Entsetzens anging. »Du bringst sie durcheinander, Bill, das siehst du doch. Du solltest nach unten gehen und auf Jamie warten.«

»Ich werde unter gar keinen Umständen von der Bettseite meiner Frau weichen!«, dröhnte er. »Nicht, wenn es aussieht, als könnte sie …«

»Was?«, fragte Alex mit einem herausfordernden Unterton. »Als könnte sie was, Bill?«

Er senkte die Stimme. »Als könnte sie …«

Alex blickte Dr. Andrews an.

Die Neurologin trat zu Bill. »Vielleicht sollten wir Grace und ihrer Schwester noch ein bisschen mehr Zeit allein lassen.«

»Versuchen Sie nicht, mich auf diese Weise zu beschwichtigen!«, sagte Bill aufgebracht. »Ich bin Graces Ehemann, und ich entscheide, wer …«

»Sie ist mein Blut«, sagte Alex mit unumstößlicher Überzeugung. »Deine Anwesenheit hier bringt sie durcheinander, und nichts anderes zählt. Wir müssen sie so ruhig wie möglich halten. Ist es nicht so, Dr. Andrews?«

»Absolut.« Meredith Andrews ging um Alex herum und blickte auf ihre Patientin hinunter. »Grace, können Sie mich verstehen?«

»Ja.«

»Möchten Sie Ihren Mann bei sich hier im Zimmer haben?«

Grace schüttelte langsam den Kopf. »Ib … wibb … mein … Baby … Wibb Jamie …«

Dr. Andrews blickte zu Bill Fennell auf, der sie überragte. »Das ist eindeutig. Ich möchte, dass Sie das Abteil verlassen, Mr. Fennell.«

Bill trat dicht vor die Neurologin, und seine Augen blitzten vor Wut. »Ich weiß nicht, wer Sie zu sein glauben, dass Sie in diesem Ton mit mir reden … oder ob Sie wissen, wen Sie vor sich haben. Ich habe dieser Universität eine Menge Geld gegeben. Sehr viel Geld. Und ich …«

»Zwingen Sie mich nicht, den Sicherheitsdienst zu rufen«, sagte Dr. Andrews leise und nahm den Telefonhörer neben Graces Bett auf.

Bills Gesicht wurde weiß. Alex empfand beinahe Mitleid mit ihm. Die Macht war eindeutig auf die Seite von Dr. Andrews übergewechselt. Trotzdem schien Bill sich nicht zum Gehen durchringen zu können. Er sah aus wie ein Schauspieler auf einem DVD-Spielfilm, nachdem man die Pause-Taste gedrückt hatte, dachte Alex, als der Alarm losging.

»Sie hat einen Anfall!«, rief Dr. Andrews durch die Tür, doch es wäre unnötig gewesen. Die Krankenschwestern kamen bereits aus ihrem Raum gerannt. Alex sprang hastig aus dem Weg, und einen Moment später folgte Bill ihrem Beispiel.

»Herzstillstand«, sagte Dr. Andrews und riss eine Schublade auf.

Weil es eine Intensivstation war, gab es keinen Notfall-Wagen. Alles war bereits vor Ort. In dem zuvor ruhigen Abteil brach von einer Sekunde zur anderen hektische Betriebsamkeit aus, alles mit einem einzigen Ziel – das Leben zu erhalten, das so rasch aus dem Körper im Bett zu weichen drohte.

»Sie müssen nach draußen«, sagte ein massiger Pfleger, der hinter Dr. Andrews stand. »Alle beide.«

Dr. Andrews blickte kurz auf und sah Alex in die Augen; dann wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu. Alex wich langsam aus dem Abteil zurück, während sie hilflos zusehen musste, wie sich der letzte Akt im Leben ihrer Schwester abspielte, ohne dass sie etwas tun konnte. Lächerliche Gewissensbisse machten ihr zu schaffen, weil sie sich für ein Jurastudium anstelle einer medizinischen Ausbildung entschieden hatte. Doch was, wenn sie Ärztin geworden wäre? Sie würde dreitausend Kilometer weit von Mississippi entfernt praktizieren, und das Ergebnis wäre das gleiche gewesen. Das Schicksal ihrer Schwester lag in Gottes Händen, und Alex wusste, wie gleichgültig dieser Gott manchmal sein konnte.

Sie wandte sich ab, weg vom Abteil, weg von Bill Fennell, und sah zum Schwesternzimmer, wo Reihen von Monitoren unablässig summten und blinkten. Wie können sie sich nur auf all diese Bildschirme gleichzeitig konzentrieren?, fragte sie sich und rief sich in Erinnerung, wie schwierig es war, mehrere Schirme im Auge zu behalten, wenn das FBI eine Observation mit Überwachungskameras eingerichtet hatte. Während sie darüber nachdachte, hörte sie Dr. Andrews sagen: »Nichts mehr zu machen, Leute. Todeszeitpunkt zweiundzwanzig Uhr neunundzwanzig.«

Schock ist eine eigenartige Sache, dachte Alex. Wie an dem Tag, als sie niedergeschossen worden war. Grober Schrot und ein halbes Pfund Glas waren durch ihre rechte Gesichtshälfte gefetzt, und doch hatte sie nichts gespürt außer einer Hitzewelle, als hätte jemand neben ihr eine Ofenklappe geöffnet.

Todeszeitpunkt zweiundzwanzig Uhr neunundzwanzig.

Irgendetwas in Alex’ Brust begann sich zu lösen, doch bevor es ganz hervorbrechen konnte, hörte sie einen kleinen Jungen fragen: »Ist meine Mom da drin?«

Sie drehte sich zu der großen Holztür um, die den Eingang beschirmte, und sah einen keinen Jungen davor stehen. Er war hochrot im Gesicht, als wäre er die ganze Strecke gerannt, von wo immer er gekommen war. Er gab sich alle Mühe, tapfer dreinzublicken, doch Alex erkannte die Angst in seinen großen grünen Augen.

»Tante Alex?«, fragte Jamie, als er Alex in der Menge der Pfleger und Ärzte entdeckte.

Hinter Alex ertönte Bills dröhnende Stimme. »Hallo, Sohn. Wo ist Tante Jean?«

»Tante Jean ist zu langsam!«, antwortete Jamie zornig.

»Komm her zu mir, Junge.«

Alex drehte sich um und sah in das strenge Gesicht ihres Schwagers, und das, was sich in ihr zu lösen angefangen hatte, brach sich endgültig Bahn. Ohne einen weiteren Gedanken rannte sie zu Jamie, riss ihn zu sich hoch und stürzte durch die Tür nach draußen, weg von diesem herzzerreißenden Alptraum. Weg von seiner gestorbenen Mutter.

Weg von Bill Fennell.

Weg …

2

Fünf Wochen später

Dr. Chris Shepard nahm einen braunen Hefter von dem Aktenhalter an der Tür von Untersuchungszimmer vier und überflog rasch den Inhalt. Er kannte den Namen der Patientin nicht, und das war für sich genommen ungewöhnlich. Chris hatte eine große Praxis, doch es war eine kleine Stadt, und es gefiel ihm so, wie es war.

Der Name der Patientin war Alexandra Morse, und ihre Akte enthielt lediglich eine medizinische Geschichte – die lange Form, wie sie alle neuen Patienten bei ihrem ersten Besuch ausfüllen mussten. Chris blickte den Korridor entlang und sah seine Sprechstundenhilfe Holly von ihrer Station ins Röntgenzimmer gehen. Er rief ihr hinterher und winkte sie zu sich. Sie sagte irgendetwas in das Zimmer; dann eilte sie herbei.

»Kommen Sie nicht mit ins Behandlungszimmer?«, fragte er leise. »Es ist eine Patientin.«

Holly schüttelte den Kopf. »Sie hat gebeten, allein mit Ihnen zu reden.«

»Eine neue Patientin?«

»Ja. Ich wollte schon vorher etwas sagen, aber wir haben mit Mr. Seward so viel zu tun …«

Chris nickte an der Tür und senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Was hat sie für ein Problem?«

Holly zuckte die Schultern. »Wenn ich das wüsste. Ihr Name ist Alex. Sie ist dreißig Jahre alt und in Topform, sieht man von den Narben im Gesicht ab.«

»Narben?«

»Auf der rechten Seite. Wange, Ohr, Augenbereich … Mit dem Kopf durch eine Scheibe, wenn ich raten soll.«

»In ihrer Akte steht nichts von einem Autounfall.«

»Nach der Farbe der Narben zu urteilen, liegt die Sache erst ein paar Monate zurück.«

Chris entfernte sich von der Tür, und Holly folgte ihm. »Sie hat keine Beschwerden genannt?«

Die Sprechstundenhilfe schüttelte den Kopf. »Nein. Und Sie wissen, dass ich gefragt habe.«

»Oh Mann.«

Holly nickte wissend. Eine Frau, die allein in die Sprechstunde kam und sich weigerte, mit jemand anderem als dem Arzt über ihre Beschwerden zu sprechen, bedeutete in der Regel, dass es sich um ein sexuelles Problem handelte, meist eine Geschlechtskrankheit oder die Angst vor einer möglichen Ansteckung. Natchez, Mississippi, war eine kleine Stadt, und die Sprechstundenhilfen schwatzten genauso viel und gern wie die restliche Einwohnerschaft. Und die meisten Ärzte in dieser Stadt sind noch schlimmere Klatschbasen als ihre Angestellten, sinnierte Chris.

»Auf ihrer Karte steht, sie kommt aus Charlotte, North Carolina«, bemerkte er. »Hat sie Ihnen erzählt, was sie in Natchez macht?«

»Sie hat mir überhaupt nichts erzählt, Doc«, antwortete Holly mit einer Andeutung von Pikiertheit. »Möchten Sie jetzt, dass ich die Röntgenserie von Mr. Sewards Unterleib schieße, bevor er sich auf dem Tisch entleert?«

»Entschuldigung. Machen Sie weiter.«

Holly zwinkerte ihm zu. »Viel Vergnügen mit Miss Scarface.«

Chris schüttelte den Kopf, machte eine ernste Miene und betrat das Untersuchungszimmer.

Eine Frau in einem navyblauen Rock und einem cremefarbenen Top stand neben der Untersuchungsliege. Beim Anblick ihres Gesichts zuckte Chris zusammen, obwohl er im Verlauf seiner medizinischen Ausbildung viele ähnliche Verletzungen gesehen hatte. Die Narben der Frau waren nicht allzu schlimm. Es waren ihre Jugend und ihre Attraktivität, die sie so hervortreten ließen.

»Hallo, Dr. Shepard«, sagte die Frau und blickte ihn an.

»Miss Morse?«, erwiderte er und erinnerte sich daran, dass sie ihrer Akte zufolge unverheiratet war.

Sie lächelte ihn freundlich an, doch sonst sagte sie nichts.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte Chris.

Die Frau schwieg weiter, doch er spürte, wie sie ihn eingehend musterte. Chris studierte die Frau seinerseits, während er versuchte, den Grund ihres Kommens zu erraten. Sie besaß dunkles Haar, grüne Augen und ein ovales Gesicht, das sich nicht sehr von dem Dutzender anderer Frauen unterschied, die er Tag für Tag in seiner Praxis sah. Eine etwas bessere Knochenstruktur vielleicht, insbesondere die Wangenknochen. Doch der eigentliche, der wirkliche Unterschied waren die Narben – und eine Strähne grauer Haare direkt darüber, die nicht so aussah, als wäre sie gefärbt. Ansonsten sah Alex Morse wie jeder, andere junge Frau im einheimischen Fitnessstudio aus. Dennoch gab es irgendetwas an ihr, das Chris nicht genau zu beschreiben vermochte, etwas, das sie von anderen Frauen unterschied. Vielleicht war es die Art und Weise, wie sie vor ihm stand.

Er legte die Akte hinter sich auf den Tisch. »Vielleicht sollten Sie mir einfach erzählen, was für ein Problem Sie haben«, begann er. »Ganz gleich, wie erschreckend es Ihnen erscheinen mag – ich verspreche Ihnen, ich habe es in dieser Praxis schon viele Mal gehört, und gemeinsam können wir etwas deswegen tun. Die Leute fühlen sich in der Regel besser, wenn sie über diese Dinge gesprochen haben.«

»Was ich Ihnen sagen werde, Doktor, haben Sie bestimmt noch nie gehört«, erwiderte Alex Morse mit Bestimmtheit. »Weder in dieser Praxis noch außerhalb, das verspreche ich Ihnen.«

Die Überzeugung in ihrer Stimme beunruhigte ihn, doch er hatte keine Zeit für Spielchen. Er sah demonstrativ auf seine Uhr. »Miss Morse, wenn ich Ihnen helfen soll, müssen Sie mir schon verraten, was für ein Problem Sie haben.«

»Es ist nicht mein Problem«, sagte die Frau. »Es ist Ihres.«

Noch während Chris verwirrt die Stirn runzelte, griff die Frau in eine kleine Handtasche hinter sich auf dem Stuhl und brachte ein Etui zum Vorschein. Sie klappte es auf und hielt es ihm hin, damit er es betrachten konnte. Er sah einen Ausweis mit einem blau-weißen Siegel. Er schaute genauer hin. Fette Buchstaben auf der rechten Seite des Ausweises bildeten das Wort FBI. Sein Magen krampfte sich zusammen. Links von den drei Buchstaben stand in kleinerer Schrift Special Agent Alex Morse. Dazu ein Foto der Frau, die vor ihm stand. Auf dem Foto lächelte Spezialagentin Morse, doch die Frau vor ihm lächelte nicht.

»Ich muss über ein paar vertrauliche Dinge mit Ihnen sprechen«, sagte sie. »Es wird nicht lange dauern. Ich habe vorgegeben, als Patientin zu Ihnen zu kommen, weil niemand in Ihrem Umfeld erfahren soll, dass Sie mit einer FBI-Agentin gesprochen haben. Bevor ich gehe, sollten Sie mir ein Rezept für Levaquin ausstellen. Sagen Sie Ihrer Sprechstundenhilfe, dass ich eine Harnwegsinfektion habe. Sagen Sie ihr, die Symptome wären so offensichtlich gewesen, dass Sie keine Urinprobe analysieren mussten. In Ordnung?«

Chris war zu überrascht, um eine bewusste Entscheidung zu fällen. »Sicher«, sagte er. »Aber was hat das zu bedeuten? Ermitteln Sie in einem Fall? Ermitteln Sie gegen mich?«

»Nicht gegen Sie.«

»Jemanden, den ich kenne?«

Agentin Morse blickte ihm fest in die Augen. »Ja.«

»Wen?«

»Das kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen. Vielleicht sage ich es Ihnen am Ende dieser Unterhaltung. Zuerst jedoch möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Eine kurze Geschichte. Wollen Sie sich setzen, Doktor?«

Chris setzte sich auf den Hocker, den er in seinem Untersuchungszimmer für gewöhnlich benutzte. »Kommen Sie wirklich aus North Carolina? Oder ist das nur Tarnung?«

»Warum wollen Sie das wissen?«

»Sie sprechen wie eine Yankee, aber darunter höre ich einen Mississippi-Dialekt.«

Agentin Morse lächelte – oder schenkte ihm zumindest etwas, das ein Lächeln darstellen sollte, indem sie die straffen Lippen ein wenig verzog. »Sie haben gute Ohren, Doktor. Ich bin in Jackson aufgewachsen. Heute lebe und arbeite ich jedoch in Charlotte, North Carolina.«

Er war froh, dass sie seine Vermutung bestätigte. »Bitte fahren Sie fort, Miss Morse.«

Sie setzte sich auf den Stuhl, auf dem ihre Handtasche gestanden hatte, schlug die Beine übereinander und musterte ihn kühl. »Vor fünf Wochen starb meine Schwester an einer Hirnblutung. Im University Hospital in Jackson.«

»Das tut mir leid.«

Agentin Morse nickte, als wäre sie über den Verlust hinweg, doch in ihren Augen bemerkte Chris zurückgehaltene Emotionen. »Ihr Tod kam plötzlich und unerwartet. Doch bevor sie starb, sagte sie etwas zu mir, das in meinen Ohren verrückt klang.«

»Was?«

»Sie sagte, dass sie ermordet wurde.«

Er war nicht sicher, ob er richtig verstanden hatte. »Sie meinen, sie hat Ihnen erzählt, jemand hätte sie umgebracht?«

»Ganz genau. Und zwar ihr Ehemann.«

Chris dachte für ein paar Sekunden nach. »Was hat die Autopsie ergeben?«

»Ein tödliches Blutgerinnsel in der linken Gehirnhälfte, in der Nähe des Hirnstamms.«

»Litt Ihre Schwester an einer Krankheit, die einen Hirnschlag wahrscheinlich gemacht hätte? Diabetes beispielsweise?«

»Nein.«

»Nahm Ihre Schwester eine Antibabypille?«

»Ja.«

»Das könnte das Gerinnsel verursacht oder zu seiner Bildung beigetragen haben. Hat sie geraucht?«

»Nein. Die Sache ist, die Autopsie ergab keine unnatürliche Ursache für den Hirnschlag. Keine Drogen, keine Gifte, nichts dergleichen.«

»Hat der Mann Ihrer Schwester sich gegen die Autopsie gesträubt?«

Agentin Morse bedachte ihn mit einem anerkennenden Blick. »Nein, hat er nicht.«

»Und Sie haben ihr trotzdem geglaubt? Sie haben tatsächlich geglaubt, ihr Mann könnte Ihre Schwester ermordet haben?«

»Zuerst nicht. Zuerst dachte ich, dass sie unter Halluzinationen leidet. Doch dann …« Agentin Morse wandte zum ersten Mal den Blick von Chris ab, und er warf seinerseits einen verstohlenen Blick auf ihre Narben. Definitiv Schnittwunden, verursacht durch Glas. Doch die punktförmige Verteilung deutete auf etwas anderes hin. Kleinkalibrige Kugeln vielleicht?

»Agentin Morse?«, fragte er.

»Ich habe die Stadt nicht gleich verlassen«, sagte sie, indem sie sich wieder auf ihn konzentrierte. »Ich blieb noch zur Beerdigung. In diesen drei Tagen habe ich viel über das nachgedacht, was Grace mir gesagt hatte. Das ist der Name meiner Schwester, Grace. Sie hat mir erzählt, dass sie glaubt, ihr Mann hätte eine Affäre. Er ist ein wohlhabender Mann – sehr viel reicher, als ich dachte –, und Grace vermutete, dass er etwas mit einer anderen Frau hatte. Sie glaubte, dass er sie lieber umbrachte, als die Summe zu zahlen, die ihn eine Scheidung gekostet hätte. Und auch, um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn zu bekommen.«

Chris dachte über ihre Worte nach. »Ich bin sicher, dass Frauen bereits mehr als einmal aus diesem Grund gemordet haben«, sagte er. »Männer auch, nehme ich an.«

»Absolut. Selbst ganz normale Menschen räumen ein, Mordgedanken zu hegen, wenn sie eine Scheidung durchleben. Wie dem auch sei … nach Graces Begräbnis sagte ich ihrem Mann, dass ich nach Charlotte zurückkehren würde.«

»Aber das haben Sie nicht getan.«

»Nein.«

»Und? Hatte er eine Affäre?«

»Ja. Und Graces Tod hat ihn nicht im Mindesten gelähmt. Ganz im Gegenteil.«

»Sprechen Sie weiter.«

»Nennen wir den Ehemann von Grace für den Moment Bill. Nachdem ich herausfand, dass Bill eine Affäre hatte, stellte ich ihn zur Rede. Ich benutzte die Ressourcen des FBI, um ihn zu durchleuchten. Sein Privatleben, sein Geschäft … Ich weiß inzwischen fast alles, was es über Bill zu wissen gibt. Bis auf die eine Sache, die ich beweisen muss. Ich weiß weitaus mehr, als meine Schwester über ihn wusste, und ich weiß eine Menge mehr, als seine Geliebte über ihn weiß. Beispielsweise fand ich bei der Überprüfung seiner Geschäftsunterlagen heraus, dass er eine komplexe Verbindung zu einem Anwalt aus der Gegend pflegt.«

»Einem Anwalt aus Natchez?«, fragte Chris und versuchte sich vorzustellen, was für eine Verbindung das sein mochte. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ärzten der Gegend hatte er mehrere Freunde in Natchez, die Anwälte waren.

»Nein, nicht in Natchez. Dieser Anwalt praktiziert in Jackson.«

»Ich verstehe. Bitte fahren Sie fort.«

»Bill ist Stadtentwickler. Er baut das neue Eishockey-Stadion dort draußen. Die meisten Anwälte, mit denen er zu tun hat, haben sich auf Immobilientransaktionen spezialisiert, wie nicht anders zu erwarten. Doch dieser Anwalt ist anders.«

»Inwiefern?«

»Seine Spezialität ist Familienrecht.«

»Scheidungen?«, fragte Chris.

»Ganz genau. Obwohl er auch ein wenig mit Immobilien zu tun hat. Trusts, Testamente und so weiter.«

»Hat ›Bill‹ diesen Anwalt aufgesucht, weil er sich von Ihrer Schwester scheiden lassen wollte?«

Agentin Morse rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. Chris hatte den Eindruck, dass sie aufspringen und auf und ab laufen wollte, doch es war nicht genügend Raum im Behandlungszimmer, wie er aus eigener Erfahrung wusste. Er spürte außerdem, dass sie versuchte, ihre Nervosität zu verbergen.

»Ich kann es nicht beweisen«, sagte sie. »Noch nicht. Doch ich bin sicher, dass es so war. Das Merkwürdige an der Geschichte ist, es gibt keinerlei Hinweis auf einen Kontakt zwischen Bill und diesem Scheidungsanwalt bis etwa eine Woche nach dem Tod meiner Schwester. Erst dann kamen die beiden miteinander ins Geschäft.«

Chris brannten gleich mehrere Fragen auf der Zunge, doch ihm wurde plötzlich bewusst, dass im Wartezimmer Patienten auf ihn warteten. »Diese Geschichte ist faszinierend, Agentin Morse, doch ich sehe nicht, was das alles mit mir zu tun hat.«

»Das werden Sie.«

»Ich muss Sie bitten, sich zu beeilen, Agentin Morse, oder wir müssen unser Gespräch verschieben. Ich habe Patienten, die auf mich warten.«

Sie musterte ihn mit einem Blick, der zu besagen schien: Glauben Sie bloß nicht, dass Sie hier die Kontrolle haben. »Nachdem ich die Verbindung zwischen Bill und diesem Scheidungsanwalt gefunden hatte«, fuhr sie fort, »weitete ich meine Ermittlungen aus. Ich entdeckte ein schier unglaubliches Netz von Geschäftsverbindungen. Ich kenne mich ein wenig aus mit Scheinfirmen, Dr. Shepard. Ich habe meine FBI-Laufbahn in Südflorida begonnen, und ich habe dort eine ganze Menge Geldwäschefälle bearbeitet.«

Chris dankte insgeheim seinen Sternen, dass er zu viel Angst gehabt hatte, um Ja zu sagen zu den verschiedenen »Freunden«, die ihm angeboten hatten, Geld für ihn auf den Kaiman-Inseln zu investieren.

»Dieser Scheidungsanwalt hat seine Finger in so gut wie jedem nur erdenklichen Geschäft«, fuhr Agentin Morse fort. »Hauptsächlich handelt es sich um Partnerschaften mit verschiedenen, äußerst wohlhabenden Individuen in Mississippi.«

Das war keine Überraschung für Chris. »Ist es denn merkwürdig, wenn ein reicher Anwalt – ich nehme an, dass er reich ist – in eine Vielzahl unterschiedlicher Geschäfte investiert?«

»Nicht für sich genommen, keineswegs. Doch all seine Aktivitäten nahmen ihren Anfang vor ungefähr fünf Jahren. Und nachdem ich mir diese Geschäfte genau angesehen hatte, vermochte ich nicht den kleinsten Grund zu erkennen, warum der Anwalt mit diesen Geschäften in Berührung gekommen sein sollte. Man könnte glatt denken, dass es Mauscheleien unter Familienangehörigen sind. Nur, dass der Anwalt nicht mit den fraglichen Parteien verwandt und auch nicht mit ihnen verschwägert ist. In einigen Fällen agierte er als Berater, doch längst nicht in allen.«

Chris nickte und warf einen weiteren verstohlenen Blick auf seine Uhr. »Ich verstehe. Aber worauf wollen Sie hinaus?«

Agentin Morse blickte ihn intensiv an. So intensiv, dass er sich unbehaglich fühlte. »Neun der Individuen, mit denen dieser Scheidungsanwalt geschäftlich verbunden ist, besitzen eine gemeinsame Eigenschaft.«

»Was denn? Sind alle Patienten von mir?«

Morse schüttelte den Kopf. »Jedes von ihnen hat einen Ehepartner, der überraschend irgendwann in den letzten paar Jahren verstorben ist. In mehreren Fällen ein relativ junger Partner obendrein.«

Während Chris diese Information verdaute, spürte er ein eigenartiges Frösteln, eine Mischung aus Aufregung und erwachender Furcht. Er sagte nichts, während er sich bemühte, das zu verdauen, was sie ihm erzählte.

»Außerdem starben alle innerhalb eines Zeitraums von weniger als zweieinhalb Jahren«, sagte Agentin Morse.

»Ist das ungewöhnlich?«

»Lassen Sie mich zu Ende berichten. All diese Ehepartner waren weiß, wohlhabend und mit wohlhabenden Partnern verheiratet. Ich kann Ihnen die Zahlen verraten, wenn Sie mögen. Alles weit über dem Durchschnitt.«

Chris war fasziniert von der Zielstrebigkeit und Entschlossenheit der Agentin. »Sie wollen also sagen … Sie denken, dass dieser Scheidungsanwalt seinen potentiellen Klienten hilft, ihre Ehepartner zu ermorden, anstatt ihnen eine Abfindung zu zahlen?«

Die Agentin legte die Hände zusammen und nickte. »Oder vielleicht, um das alleinige Sorgerecht für die Kinder zu erhalten. Ganz genau das.«

»Okay. Aber warum erzählen Sie mir das?«

Zum ersten Mal blickte Agentin Morse unbehaglich drein. »Weil …«, sagte sie schließlich zögernd, »weil vor genau einer Woche Ihre Frau nach Jackson gefahren ist und zwei Stunden im Büro dieses Anwalts verbracht hat.«

Chris’ Unterkiefer sackte herab. Eine Woge der Taubheit ging durch seinen Körper, als hätte ihm jemand eine massive Dosis Lidocain verpasst.

Agentin Morse hatte die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen. »Sie hatten keine Ahnung, ist das richtig?«

Er war zu betäubt, um zu antworten.

»Hatten Sie Probleme in Ihrer Ehe, Doktor?«

»Nein«, sagte Chris schließlich, dankbar, dass er wenigstens dies mit Sicherheit sagen konnte. »Nicht, dass es Sie etwas anginge, Agentin Morse. Aber sehen Sie … wenn meine Frau zu diesem Anwalt gefahren ist, muss es einen anderen Grund als Scheidung dafür geben. Wir haben keinerlei eheliche Probleme.«

Morse lehnte sich zurück. »Und Sie halten es für ausgeschlossen, dass Thora eine Affäre haben könnte?«, fragte sie.

Sein Gesicht wurde weiß, als der Vornamen seiner Frau fiel. »Wollen Sie mir etwa sagen, dass dem so ist?«

»Was, wenn ich es sagte?«

Chris erhob sich unvermittelt und straffte die Schultern. »Ich würde sagen, Sie sind verrückt. Völlig wahnsinnig. Und ich würde Sie aus meinem Büro werfen. Ich würde wissen wollen, was Sie sich einbilden, einfach herzukommen und solche Dinge zu sagen.«

»Beruhigen Sie sich, Dr. Shepard. Sie mögen es im Augenblick vielleicht nicht glauben, doch ich bin hier, um Ihnen zu helfen. Mir ist bewusst, dass wir über persönliche Angelegenheiten sprechen, sehr intime sogar. Aber das ist nicht neu für Sie, nicht wahr? Das müssen Sie im Rahmen Ihrer Arbeit sehr häufig. Wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen, geht die Privatsphäre über Bord.«

Sie hatte vollkommen recht. Viele der Fragen auf seinem Patientenfragebogen waren sehr zudringlich. Wie viele Sexualpartner hatten Sie im Verlauf der letzten fünf Jahre? Sind Sie zufrieden mit Ihrem Sexleben? Chris wandte den Blick von Agentin Morse ab, erhob sich und versuchte, im Zimmer auf und ab zu gehen, in einem Kreis von exakt zweieinhalb Schritten Durchmesser. »Was genau wollen Sie mir sagen? Keine weiteren Spielchen. Spucken Sie’s aus.«

»Ihr Leben ist möglicherweise in Gefahr, Dr. Shepard.«

Chris blieb stehen. »Sie meinen, meine Frau will mich ermorden?«

»Ich fürchte ja.«

»Du meine Güte! Sie müssen den Verstand verloren haben! Ich werde Thora auf der Stelle anrufen und dieser Sache auf den Grund gehen!« Er griff nach dem Telefonhörer.

Agentin Morse erhob sich. »Bitte tun Sie das nicht, Dr. Shepard.«

»Warum nicht?«

»Weil Sie möglicherweise die einzige Person sind, die dabei helfen kann, den- oder diejenigen zu stoppen, die hinter diesen Morden stecken.«

Chris nahm die Hand vom Hörer. »Wieso denn das?«

Agentin Morse holte tief Luft. »Wenn Sie ein Ziel sind – das heißt, wenn Sie letzte Woche zu einem Ziel wurden –, haben Ihre Frau und dieser Scheidungsanwalt keine Ahnung, dass Sie von ihren Aktivitäten wissen.«

»Und?«

»Und das bringt Sie in eine einzigartige Position. Sie können uns dabei helfen, ihnen eine Falle zu stellen.«

»Sie wollen, dass ich Ihnen dabei helfe, meiner Frau eine Falle zu stellen? Damit sie wegen versuchten Mordes verurteilt wird?«

Morse drehte die Handflächen nach oben. »Wollen Sie lieber so tun, als wäre nichts von alledem passiert, und mit sechsunddreißig Jahren sterben?«

Er schloss für einen Moment die Augen, während er versuchte, sein Temperament zu zügeln. »Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht, fürchte ich. Ihre Argumentation ist unlogisch.«

»Inwiefern?«

»Diese Männer, von denen Sie annehmen, sie hätten ihre Frauen ermordet … sie haben das getan, damit sie ihre Vermögen nicht teilen und keine astronomischen Unterhaltszahlungen leisten mussten, richtig?«

»In den meisten Fällen, ja. Doch nicht alle Opfer waren Frauen.«

Chris verlor vorübergehend den Faden und starrte sie an.

»In wenigstens einem Fall«, fuhr Agentin Morse fort, »möglicherweise auch in zweien, ging es um das Sorgerecht für die Kinder und nicht um Geld.«

»Auch damit liegen Sie meilenweit daneben. Thora und ich haben keine Kinder.«

»Ihre Frau hat ein Kind. Einen neunjährigen Sohn.«

Er lächelte. »Sicher. Aber Thora hatte Ben schon, bevor sie Red Simmons geheiratet hat. Sie würde automatisch das Sorgerecht erhalten.«

»Sie haben Ben adoptiert, Dr. Shepard. Was mich zu einem weiteren wichtigen Punkt bringt.«

»Und der wäre?«

»Wie Ihre Frau an ihr Geld gekommen ist.«

Chris lehnte sich zurück und starrte Agentin Morse an. Wie viel wusste sie über seine Frau? Wusste sie, dass Thora die Tochter eines berühmten Chirurgen von der Vanderbilt war, der seine Familie verlassen hatte, als Thora acht Jahre alt gewesen war? Wusste sie, dass Thoras Mutter eine Trinkerin war? Dass Thora wie eine Wildkatze gekämpft hatte, nur um ihre Jugend zu überstehen, und dass es angesichts ihres Hintergrunds eine erstaunliche Leistung war, dass sie die Schwesternschule bestanden hatte?

Wahrscheinlich nicht.

Morse kannte wahrscheinlich nur die Legende, die in der Gegend kursierte. Dass Thora Rayner im St. Catherine’s Hospital gearbeitet hatte, als Red Simmons, ein einheimischer Ölbaron, der neunzehn Jahre älter gewesen war als sie, mit einem Herzinfarkt in die Notaufnahme eingeliefert worden war, dass sie und Red sich während seines Aufenthalts im Krankenhaus nahegekommen waren und sechs Monate später geheiratet hatten. Chris kannte diese Geschichte gut, denn er hatte Red Simmons in den letzten drei Jahren seines Lebens behandelt. Chris hatte Thora als Krankenschwester gekannt, doch er hatte sie in den Jahren nach Reds Herzanfall besser kennen gelernt. Er hatte erfahren, dass Red seine »kleine Wikingerin«, eine Anspielung auf Thoras dänische Herkunft, aufrichtig geliebt hatte und dass Thora eine treue Ehefrau gewesen war, die tiefen Respekt verdient hatte. Als Red vor zweieinhalb Jahren starb, hatte er Thora ein Vermögen von geschätzten sechseinhalb Millionen Dollar hinterlassen. Das war für Natchez eine gewaltige Menge Geld, doch es bedeutete Chris herzlich wenig. Er hatte selbst ein wenig Geld, und er war jung genug, um noch eine ganze Menge mehr zu verdienen.

»Agentin Morse«, sagte er in neutralem Tonfall. »Ich beabsichtige nicht, mit Ihnen über meine Frau zu sprechen. Doch ich sage Ihnen Folgendes: Thora gewinnt oder verliert nichts, wenn wir uns scheiden lassen.«

»Wieso nicht? Sie ist sehr reich.«

»Sie ist reich, zugegeben, doch ich bin es ebenfalls. Ich fing an dem Tag an zu sparen, als ich die ersten Nachtschichten in Notaufnahmen übernahm, und ich habe eine Reihe glücklicher Investitionen getätigt. Doch der eigentliche Punkt ist: Wir haben beide vor unserer Heirat einen Ehevertrag unterschrieben. Im Fall einer Scheidung behält jeder das, was er in die Ehe eingebracht hat.«

Agentin Morse studierte Chris schweigend. »Das habe ich nicht gewusst«, sagte sie schließlich.

Er lächelte. »Tut mir leid, wenn ich ein Loch in Ihre Theorie schlage.«

Morse schien plötzlich in Gedanken versunken, und Chris spürte, dass er für sie in jenem Moment gar nicht da war. Ihr Gesicht war viel knochiger, als er zuerst geglaubt hatte, und von eigenartigen Schatten überzogen.

»Verraten Sie mir eines«, sagte sie unvermittelt. »Was geschieht, wenn einer von Ihnen beiden stirbt?«

Chris dachte über diese Frage nach. »Nun … ich denke, in diesem Fall kommen unsere Testamente zum Zug. Sie haben Vorrang vor dem Ehevertrag. Glaube ich zumindest.«

»Und was steht in Ihrem Testament? Wer ist zukünftiger Nutznießer dieser glücklichen Investitionen, die Sie getätigt haben?«

Chris blickte zu Boden und spürte, wie er rot anlief. »Meine Eltern erben einen hübschen Batzen.«

»Das ist gut. Und wer erbt den Rest?«

Er blickte zu ihr auf. »Thora bekommt alles.«

Morses Augen blitzten triumphierend.

»Aber …«, protestierte Chris.

»Ja?«

»Aber Thora hat Millionen Dollar! Was für einen Sinn hätte es, mich umzubringen, um zwei Millionen dazuzubekommen?«

Morse rieb sich einige Sekunden lang das Kinn; dann blickte sie hinauf zu dem schmalen Fenster hoch oben an der Wand. »Menschen haben für viel weniger Geld gemordet, Dr. Shepard. Für sehr viel weniger.«

»Millionäre?«

»Ich würde es nicht bezweifeln. Abgesehen davon morden Menschen tagtäglich aus anderen Gründen als Geld. Wie gut kennen Sie Ihre Frau? Ihre Psyche, meine ich?«

»Verdammt gut.«

»Gut. Das ist gut.«

Chris begann eine intensive Abneigung gegen Agentin Morse zu entwickeln. »Sie denken, meine Frau hätte ihren ersten Ehemann ermordet, richtig?«

Morse zuckte die Schultern. »Das habe ich nicht gesagt.«

»Das macht keinen Unterschied. Aber Red Simmons war seit vielen Jahren herzkrank.«

»Ja.«

Morses tiefgründige Informationen über die Ereignisse gingen ihm gegen den Strich.

»Abgesehen davon gab es keine Autopsie«, fuhr sie ungerührt fort.

»Dessen bin ich mir bewusst. Sie schlagen nicht vor, dass wir jetzt eine vornehmen, oder?«

Agentin Morse tat die Vorstellung mit einer Handbewegung ab. »Wir würden nichts feststellen. Wer immer hinter diesen Morden steckt, ist zu clever, um einen solchen Fehler zu begehen.«

Chris schnaubte. »Wer ist zu clever, Agentin Morse? Ein professioneller Killer? Ein forensischer Pathologe?«

»Vor ein paar Jahren gab es einen Auftragskiller, der sich genau dieser Art von Arbeit gerühmt hat. Er war ein sehr zurückhaltender Mann mit einem gewaltigen Ego. Er hatte keine richtige medizinische Ausbildung, doch er war ein begeisterter Amateur. Offiziell hat er sich zwischenzeitlich zur Ruhe gesetzt. Wir haben uns an seine Fersen geheftet, um ganz sicher zu sein.«

Chris hielt es nicht länger auf seinem Hocker. Er sprang auf und rief: »Das ist Irrsinn! Was erwarten Sie denn jetzt von mir?«

»Dass Sie uns helfen.«

»Uns? Das ist ungefähr das erste Mal, dass Sie in diesem Gespräch ›uns‹ gesagt haben.«

Alex Morse lächelte. »Ich bin die zuständige Agentin. Wir sind seit dem elften September personell ein wenig schwach besetzt bei dieser Art von Fällen. Alles arbeitet an der Terrorabwehr.«

Chris blickte ihr tief in die Augen. Er sah Aufrichtigkeit darin und Leidenschaft. Doch da war auch noch etwas anderes. Etwas, das sich nicht so sehr von dem unterschied, was er in jenen Patienten fand, die Woche für Woche versuchten, sich Drogen zu erschleichen.

»Mord ist ein Verbrechen, für das die Bundesstaaten zuständig sind, nicht wahr?«, sagte er.

»Das ist richtig. Doch wenn man jemanden ermordet, beraubt man ihn auch seiner Bürgerrechte.«

Chris wusste, was sie damit andeuten wollte. Mehrere Jahrzehnte zurückliegende Mordfälle mit rassistischem Hintergrund waren wieder aufgerollt und zuvor freigesprochene Ku-Klux-Klan-Mitglieder verurteilt worden, weil sie die Bürgerrechte ihrer Opfer verletzt hatten. Und trotzdem … Irgendetwas schien nicht so recht zu stimmen an der Geschichte, die Alexandra Morse ihm erzählt hatte.

»Das erste Opfer, von dem Sie gesprochen haben – falls es sich um Mordopfer handelt –, war Ihre Schwester, richtig? Bedeutet das nicht eine Art Konflikt? Ich zum Beispiel darf keine Familienangehörigen wegen irgendeiner ernsteren Erkrankung behandeln. Sollte nicht jemand anderes wegen des Todes Ihrer Schwester ermitteln und nicht Sie?«

»Offen gestanden, ja. Doch es gibt niemanden sonst, dem ich zutrauen würde, dass er es richtig macht.« Agentin Morse blickte zum ersten Mal auf ihre Uhr. »Wir haben jetzt keine Zeit, um diese Angelegenheit weiter zu vertiefen, Dr. Shepard. Ich werde mich bald wieder mit Ihnen in Verbindung setzen. Ich möchte nicht, dass Sie von Ihrer alltäglichen Routine abweichen, dass es Ihrer Frau oder sonst jemandem auffallen würde.«

»Wem sonst sollte es auffallen?«

»Der Person, die Ihre Ermordung plant, beispielsweise.«

Chris biss sich auf die Lippen. »Wollen Sie damit andeuten, dass jemand mich beobachtet?«

»Ja. Sie und ich dürfen uns nicht gemeinsam in der Öffentlichkeit blicken lassen.«

»Warten Sie! Sie können mir doch nicht so eine Geschichte erzählen und dann mir nichts, dir nichts hinausmarschieren! Geben Sie mir Personenschutz? Werden FBI-Agenten mich bewachen, wenn ich nach draußen gehe?«

»So ist das nicht, Dr. Shepard. Niemand wird versuchen, Sie mit einem Gewehr zu erschießen. Wenn wir die Vergangenheit als Richtschnur nehmen – und das kann man so gut wie immer, denn ein Verbrecher neigt dazu, sich an ein erprobtes Muster zu halten –, wird man Ihren Tod wie einen Unfall aussehen lassen. Sie sollten im Verkehr aufpassen, und Sie sollten nicht irgendwo spazieren gehen oder Joggen oder Radfahren, wo starker Verkehr herrscht. Niemand kann Sie schützen, wenn Sie dort angegriffen werden. Doch am Wichtigsten ist die Frage nach Essen und Trinken. Sie sollten in nächster Zeit nicht mehr zu Hause essen. Nicht einmal Wasser in Flaschen sollten Sie anrühren. Nichts, das Ihre Frau zubereitet oder eingekauft hat.«

»Sie machen Witze.«

»Mir ist bewusst, dass es schwierig sein könnte, doch wir arbeiten daran. Um die Wahrheit zu sagen, ich denke, wir haben ein großzügiges Zeitfenster. Ihre Frau hat sich eben erst mit diesem Anwalt in Verbindung gesetzt, und diese Art von Mord erfordert akribische Planung.«

Chris bemerkte einen hysterischen Unterton in seinem eigenen Lachen. »Das ist ein gewaltiger Trost, Agentin Morse, ganz ehrlich. Ich fühle mich jetzt schon viel sicherer.«

»Hat Ihre Frau Pläne, in nächster Zeit zu verreisen?«

Er schüttelte den Kopf.

»Gut. Das ist ein gutes Zeichen.« Morse nahm ihre Handtasche auf. »Sie schreiben mir jetzt besser dieses Rezept aus.«

»Was?«

»Das Levaquin.«

»Oh. Richtig. Fast hätte ich’s vergessen.« Er nahm einen Block aus der Tasche und schrieb eine Verordnung über das geforderte Antibiotikum aus. »Sie denken auch an alles, wie?«

»Niemand denkt an alles, Dr. Shepard. Seien Sie froh darüber. Eben deshalb schnappen wir die meisten Kriminellen früher oder später. Weil sie dumme Fehler machen. Selbst den Besten unterläuft gelegentlich ein Patzer.«

»Sie haben mir keine Visitenkarte gegeben oder so etwas«, sagte Chris. »Keine Referenzen, die ich überprüfen könnte. Sie haben mir lediglich einen Dienstausweis unter die Nase gehalten, und ich vermag nicht einmal zu sagen, ob er gefälscht ist. Ich will eine Telefonnummer. Irgendetwas.«

Agentin Morse schüttelte den Kopf. »Sie können nicht beim FBI anrufen, Dr. Shepard. Sie dürfen überhaupt nichts tun, das den Killer warnen könnte. Möglicherweise werden Ihre Telefone abgehört, und das schließt Ihr Mobiltelefon mit ein. Das Handy ist sogar am leichtesten zu überwachen.«

Chris starrte sie sekundenlang an. Er wollte sie fragen, woher sie die Narben hatte. »Sie sagten, dass jeder Fehler macht, Agentin Morse. Was ist der schlimmste Fehler, den Sie je begangen haben?«

Die Hand der Frau hob sich langsam zu ihrer rechten Wange. »Ich habe nicht nach rechts und links gesehen, bevor ich gesprungen bin«, sagte sie leise. »Und jemand anderes ist deswegen gestorben.«

»Das tut mir leid. Wer war es?«

Sie schlang sich die Handtasche über die Schulter. »Das ist nicht Ihr Problem, Doktor. Es tut mir leid, dass ich diejenige bin, die Ihr Leben auf den Kopf stellt, glauben Sie mir. Doch würde ich das nicht tun, wären Sie möglicherweise eines Abends zu Bett gegangen und nie wieder aufgewacht.«

Morse nahm das Rezept aus Chris’ Hand und schenkte ihm ein angespanntes Lächeln. »Ich melde mich bald wieder bei Ihnen. Versuchen Sie, die Nerven zu behalten. Und ganz gleich, was Sie sonst noch tun – fragen Sie Ihre Frau nicht, ob sie vorhat, Sie umzubringen.«

Chris starrte Alex Morse hinterher, als sie durch den Korridor in Richtung Wartezimmer ging. Ihre Schritte waren gemessen und selbstsicher. Die Schritte einer Athletin.

»Und?«, erkundigte Holly sich unerwartet hinter ihm. Chris zuckte erschrocken zusammen. »Was hat sie für ein Problem?«

»Eine Zystitis«, murmelte er. »Flitterwochen-Syndrom.«

»Zu viel im Bett herumgeturnt, wie? Ich hab gar keinen Ehering an ihrem Finger gesehen.«

Chris schüttelte den Kopf angesichts Hollys altklugem Tonfall; dann ging er über den Flur in sein privates Büro und schloss hinter sich die Tür.

Sein Wartezimmer war voller Patienten, doch so krank manche von ihnen auch sein mochten, sie schienen mit einem Mal nur noch zweitrangig zu sein. Chris schob einen Stapel Patientenunterlagen zur Seite und betrachtete Thoras Bild auf dem Schreibtisch.

Thora war das genaue Gegenteil von Alex Morse. Sie war blond – naturblond, nicht wie achtundneunzig Prozent der goldhaarigen Frauen, denen man auf der Straße begegnete – und von dänischer Abstammung, was höchst ungewöhnlich war hier unten im Süden. Ihre Augen waren graublau – meerblau, wenn man poetisch sein wollte, was er zu verschiedenen Gelegenheiten getan hatte. Sie besaß das Aussehen einer echten Wikingerprinzessin, auch wenn ihr keinerlei Arroganz anzumerken war. Sie war vier Jahre lang mit Red Simmons verheiratet gewesen, einem Burschen vom Lande, der ein Vermögen damit gemacht hatte, auf seine Instinkte zu vertrauen, und der die Menschen immer noch gut behandelt hatte, nachdem er reich geworden war.

Chris hatte stets gedacht, dass Reds Instinkt in Bezug auf Frauen mindestens genauso gut war wie der Instinkt für Öl. Sicher, Thora war reich geworden, als Red gestorben war, doch was war daran falsch? Immer profitierte irgendjemand, wenn ein reicher Mann starb. So war nun einmal der Lauf der Dinge. Abgesehen davon war Red Simmons auch kein Mann gewesen, der einen Ehevertrag verlangt hätte. Er hatte eine liebevolle junge Frau gefunden, die ihr Leben mit ihm teilte, in guten wie in schlechten Zeiten – Reds letztes Jahr war ziemlich schlecht gewesen –, und sie verdiente es, alles zu erben, was er besaß, komme, was da wolle.

So hätte Red es auch gesehen. Deswegen wurde Chris auch immer wütender, je länger er über das nachdachte, was Agentin Morse ihm in seinem Untersuchungszimmer Nummer vier gesagt hatte.

Er nahm den Telefonhörer auf und rief beim Empfang an.

»Ja?«, meldete sich Jane Henry, die hitzige Assistentin hinter dem Empfangsschalter. Das »Jaaa?« kam so gedehnt, dass es nach drei Silben klang. »Jane«, begann er. »Ich hatte einen Kollegen an der Uni namens Darryl Foster. Ich buchstabiere: D-A-R-R-Y-L.«

»Okay. Und?«

»Ich denke, er ist heute beim FBI. Ich weiß nicht, wo er stationiert ist. Er kam ursprünglich aus Memphis, Tennessee, doch als ich das letzte Mal von ihm gehört habe, arbeitete er im FBI-Büro in Chicago.«

»Und?«

»Sie müssen ihn für mich finden, Jane. Seine Telefonnummer, meine ich. Meine alte Bruderschaft will das Haus bei der Ole Miss renovieren, und wir wollen mit jedem Kontakt aufnehmen und um Spenden fragen.«

»Und wo soll ich Ihrer Meinung nach mit der Suche nach diesem Supercop anfangen?«

»Hängen Sie sich ins Internet. Sie verbringen genug Zeit damit, am Computer Poker zu spielen und bei Ebay zu shoppen. Nach einem alten Klassenkameraden von mir zu suchen ist das Mindeste, was Sie tun können.«

Jane räusperte sich vernehmlich. »Na ja, ein Versuch kann nicht schaden.«

»Überanstrengen Sie sich bloß nicht!«

Sie legte wortlos auf, doch Chris wusste, dass sie die Nummer in weniger als einer Stunde gefunden haben würde.

Ändern Sie Ihren Alltag nicht, hatte Agentin Morse gesagt. Unternehmen Sie bloß nichts, das Ihren Killer vorzeitig warnen könnte.

»Meinen Killer, pah!«, sagte Chris laut. »Was für ein Schwachsinn!«

Er nahm sein Stethoskop und ging zur Tür, doch das Summen des Telefons ließ ihn innehalten. Er angelte nach dem Hörer. »Haben Sie Foster etwa schon gefunden?«

»Noch nicht. Ihre Frau ist am Apparat.«

Chris spürte eine weitere Woge der Betäubung, die sich in ihm ausbreitete. Thora rief nur selten bei ihm im Büro an – sie wusste, dass er zu beschäftigt war, um Zeit am Telefon zu verschwenden. Er blickte hinunter auf ihr Bild, während er auf eine Eingebung wartete, was er tun sollte. Doch was er auf dem Bild sah, war nicht seine Frau, sondern Spezialagentin Alex Morse, die ihn kühl anstarrte.

Dumme Fehler, hatte Agentin Morse gesagt. Selbst die Besten machen sie gelegentlich.

»Sagen Sie Thora bitte, dass ich mit einem Patienten im Untersuchungszimmer bin, Jane.«

»Was?«, fragte die Rezeptionistin, offensichtlich völlig überrascht.

»Ich hänge weit hinter meinem Zeitplan zurück, Jane. Tun Sie einfach, was ich sage. Ich rufe sie zurück, sobald ich Zeit finde.«

»Wie Sie wünschen, Chef. Sie unterschreiben meine Gehaltsschecks.«

Chris wollte auflegen, doch in letzter Sekunde fiel ihm noch etwas ein. »Suchen Sie Fosters Nummer für mich heraus, okay, Jane? Haben Sie das?«

Die Koketterie verschwand von einer Sekunde zur anderen aus Janes Stimme. Sie wusste genau, wann ihr Chef es ernst meinte.

»Verstanden, Doc!«, antwortete sie.

3

Andrew Rusk hatte Angst.

Er stand am Fenster seiner Anwaltskanzlei und starrte hinaus auf die unregelmäßige Skyline von Jackson, Mississippi. Keine sonderlich beeindruckende Skyline, zugegeben, doch Rusk hatte das Eckbüro im sechzehnten Stock. Wenn er nach Norden blickte, konnte er bis zu den bewaldeten Ebenen sehen, wo die Stadtflucht der Weißen das einst schläfrige Hinterland in geschäftige Enklaven für Yuppies des einundzwanzigsten Jahrhunderts verwandelte. Noch weiter draußen brachte die neue Nissan-Fabrik den zahlreichen sich abrackernden Arbeitern des Staates relativen Wohlstand. Sie pendelten Tag für Tag aus Entfernungen von bis zu hundertfünfzig Kilometern aus den winzigen Ortschaften herbei.

Hinter ihm – im Westen und von seinem Büro aus nicht zu sehen – lebten die ungebildeten Schwarzen, welche die Stadt in den vergangenen zwanzig Jahren nach unten gezogen hatten. Rusk und ein paar vertrauenswürdige Freunde bezeichneten sie, wenn sie unter sich waren, als »Unberührbare«. Die Unberührbaren brachten sich in erschreckender Anzahl gegenseitig um und raubten mit ausreichender Regelmäßigkeit andere aus, sodass sie bei den weißen Bewohnern Jacksons große Angst auslösten. Doch sie waren nicht die Ursache von Rusks Angst. Sie waren unsichtbar von seinem Büro aus, und er arbeitete hart, damit es auch in sämtlichen anderen Bereichen seines Lebens so blieb. Aus diesem Grund hatte er sein Haus in einem Eichenwald nördlich der Stadt gebaut, in der Nähe von Annandale, einem Golfclub, der die selbstbewusste Nische zwischen dem alten Geld des Jackson Country Clubs und den jungen Optimisten von Reunion schloss.

Jeden Nachmittag um halb fünf nahm Rusk den Lift hinunter zur Tiefgarage, stieg in seinen schwarzen Porsche Cayenne Turbo und jagte nach Norden in sein Refugium aus Stein und Glas inmitten von Eichen und Pinien. Jeden Tag lag seine zweite Ehefrau neben ihrem Pool, wenn er ankam. Lisa war noch immer jung genug für einen String-Bikini, doch sie trug im Sommer nur selten Schwimmsachen. Nach einem Begrüßungskuss oder – in letzter Zeit häufiger – nachdem er sich ihr Gemecker über irgendeine Lappalie angehört hatte, ging er nach drinnen, um sich einen doppelten Drink einzuschenken. Seine schwarze Köchin hatte stets das Abendessen servierfertig, und Andrew freute sich jeden Tag darauf.

Doch jetzt überdeckte der Geschmack von Angst seinen Appetit. Rusk hatte seit fünfundzwanzig Jahren keine richtige Angst mehr gehabt, doch er hatte das Gefühl niemals vergessen. Seine Angst schmeckte wie die an der Junior Highschool. Wie damals, als er von einem Zehntklässler in eine Ecke gedrängt worden war, der ihm das Gesicht zu Brei hatte schlagen wollen, während Andrews Freunde vor Angst wie erstarrt danebengestanden und nichts unternommen hatten, um ihm zu helfen. Wie damals, als seine Blase sich zu leeren und einen Ozean von Pisse das Bein hinunter zu fluten gedroht hatte. Rusk hob den Whiskey-Tumbler an die Lippen und nahm einen großen Schluck. Whiskey auf der Arbeit war eine Schwäche, die er sich in den vergangenen Wochen immer häufiger gestattet hatte, Balsam gegen die Angst.

Er füllte den Tumbler mit Woodford Reserve nach; dann hob er ein Foto im Postkartenformat von seinem Schreibtisch und betrachtete es. Das Bild zeigte eine dunkelhaarige Frau mit einem kantigen Gesicht und tiefliegenden Augen, die selbst auf einem Foto lebendig aussahen. Rusk wusste, dass die Frau auf dem Bild niemals auf ihn hereinfallen würde, ganz gleich, was er ihr sagte. Vielleicht, wenn er sie eher kennen gelernt hätte – als Frischling im College, während er bereits Senior war, und betrunken, auf einer Verbindungsparty –, doch selbst das bezweifelte er. Diese Frau hatte, was den meisten Frauen fehlte: Selbstvertrauen, und zwar in rauen Mengen. Der Augapfel ihres Daddys, das war nicht zu übersehen. Das war wohl auch der Grund, der sie zum FBI geführt hatte.

»Spezialagentin Alex Morse«, murmelte er. »Neugieriges Miststück.«

Rusks Telefon läutete, und seine Sekretärin beantwortete den Anruf. Sie hatten immer noch Sekretärinnen in seiner kleinen Firma – keine persönlichen Assistentinnen –, und es waren alles Frauen der alten Schule, durch und durch. Sie erhielten großzügige Vergünstigungen und leisteten dafür im Gegenzug gewisse Dinge, und alle waren zufrieden. Rusk hatte gelesen, dass es in der Zentrale von Google in Mountain View eine Regel gab: Kein Mitarbeiter sollte je weiter als fünfzehn Meter von Nahrung entfernt sein. Aus diesem Grund waren überall im gesamten Google-Komplex Snackautomaten aufgestellt worden. Die Regel von Rusk – eingeführt von Andrews Vater in seiner weit ehrwürdigeren Kanzlei – war gut und gerne fünf Jahrzehnte älter als das Edikt von Google, und sie lautete folgendermaßen: Kein Partner soll jemals weiter als fünfzehn Meter von einem guten und willigen Frauenhintern entfernt sein. Andrew Junior hatte diese Tradition in seine eigene Kanzlei übernommen – mit höchst befriedigenden Ergebnissen.

Er kippte den letzten Schluck aus dem Tumbler hinunter und ging zu seinem Schreibtisch, wo sein Flachbildschirm beharrlich leuchtete. Auf dem Schirm blinkte die Portalgrafik einer holländischen Webseite namens EX NIHILO – ein schwarzes Loch mit einem schimmernden Ereignishorizont. Rusk erinnerte sich an ein paar Brocken Latein aus seiner Zeit an der Highschool: ex nihilo bedeutete »aus dem Nichts«. Gegen eine nicht unbeträchtliche Gebühr garantierte die Seite absolute Anonymität im digitalen Reich des World Wide Web. Die Firma bot auch andere Dienstleistungen an, die Diskretion erforderten, und es war eine dieser Dienstleistungen, die Rusk für diesen Tag beanspruchte. Er vermutete, dass Kinderpornographiesüchtige den Löwenanteil der Kundschaft von EX NIHILO ausmachten, doch das kümmerte ihn nicht. Für ihn zählte nur, dass die Firma ihn schützen konnte.

Partner, sinnierte er und rief sich die zynische Stimme seines Vaters ins Gedächtnis. Sämtliche Partnerschaften zerbrechen letzten Endes, genau wie Ehen. Das einzige Leben nach dem Tod, das einem Menschen jemals widerfährt, ist das Aufrechterhalten einer Ehe oder Partnerschaft, nachdem sie vorbei ist. Und das ist kein Leben nach dem Tod – das ist lebendiges Begrabensein.

Rusk hasste die meisten Dinge an seinem Vater, doch eine Sache musste er ihm lassen: Der Mann hatte recht gehabt, was die meisten Dinge im Leben angeht.

Rusk bewegte den Cursor zu einem Formularfeld und tippte 3,141592653 ein – die Zahl Pi bis zur neunten Stelle hinter dem Komma. Als Knabe hatte er Pi bis zur vierzigsten Stelle hinter dem Komma auswendig gelernt, um seinen Vater zu beeindrucken. Unmittelbar auf seinen stolzen Vortrag zum Abendessen hatte der liebe alte Dad ihm von einem indischen Knaben erzählt, der Pi bis zur sechshundertsten Stelle nach dem Komma auswendig konnte. Eine typische väterliche Reaktion im Ruskschen Heim. Nichts und niemand war jemals gut genug gewesen für Andrew Jackson Rusk Senior.

Rusk wiederholte sein Passwort und klickte auf BESTÄTIGEN. Mit diesem Vorgang aktivierte er einen digitalen Mechanismus, der in den nächsten Wochen seine Lebensversicherung sein würde, darüber machte er sich nicht die geringsten Illusionen. Sein Partner tolerierte keinerlei Risiko – das hatte er von Anfang an deutlich gemacht. Der Mann war so besessen, was Sicherheit betraf, dass er sich nicht nur einen Kodenamen zugelegt hatte – Glykon –, den Andrew bei ihren (seltenen) Unterhaltungen benutzen musste, sondern er verlangte, dass Andrew von ihm als Glykon dachte. »Sicherheit basiert auf rigorosen Angewohnheiten«, hatte Glykon beharrt, und wie der Zufall es wollte und wie sich herausstellte, hatte er damit recht gehabt. Sie hatten fünf Jahre lang stetige und atemberaubende Profite eingefahren, ohne dass es ein einziges Problem gegeben hätte. Doch Rusk wusste, sobald Glykon ein Risiko wahrnahm, würde er augenblicklich alles daransetzen, es zu eliminieren. Was bei diesem Geschäft nur eines bedeuten konnte: Tod.

Der Leim, der ihre Partnerschaft bisher zusammengehalten hatte, war eine Strategie aus den Zeiten des Kalten Krieges: das atomare Patt oder Gleichgewicht des Schreckens. Nur wenn jede Partei wusste, dass die andere imstande war, selbst nach einem Erstschlag noch vernichtend zurückzuschlagen, konnte ein stabiler, wenngleich spannungsgeladener Frieden herrschen. (Rusk hatte es einmal verglichen mit zwei Ehebrechern, die beide verheiratet waren.)

Doch die Situation hatte sich seither geändert, und Rusk fühlte sich mit einem Mal nicht mehr sicher. Zum ersten Mal im Verlauf der Partnerschaft hatte ihn ein Gefühl von echter Gefahr beschlichen. Es gab gleich zwei Bedrohungen, und beide waren nahezu gleichzeitig entstanden. Eine war intern, die andere kam von außen. Im Schatten dieser Bedrohungen war Rusk zu dem Schluss gelangt, dass jede Partei von dem Damoklesschwert wissen musste, das über ihrem Kopf schwebte, damit die gegenseitige Abschreckung funktionieren konnte. Stillschweigendes Einvernehmen reichte nicht mehr aus.

EX NIHILO würde dieses Damoklesschwert liefern.

Falls Rusk sich nicht jeden Tag auf der holländischen Webseite einloggte und seine Identität authentifizierte, würde EX NIHILO den Inhalt einer großen digitalen Datei an das FBI und die Mississippi State Police überstellen. Die Datei enthielt detaillierte Aufzeichnungen der partnerschaftlichen Aktivitäten der vergangenen fünf Jahre, zusammen mit Fotos und Geschäftsaufzeichnungen – genügend juristisches Dynamit, um beide Männer lebenslänglich nach Parchman zu schießen, wo die Schlimmsten der Unberührbaren ihre elenden und gewalttätigen Tage verlebten.

Natürlich gab es eine eingebaute Sicherheitsfrist. Ohne sie hätte ein zufälliges Ereignis wie beispielsweise ein Autounfall mit einem anschließenden kurzen Koma dazu geführt, dass Andrew wieder aufwachte, nur um wegen Mordes verhaftet zu werden. Doch die Frist war nicht viel länger als eine Woche. Zehn Tage genau. Nach Ablauf dieser Frist würde Glykon verhaftet, vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt werden.

Es war die Aussicht, Glykon über diese Sicherheitsmaßnahme zu informieren, die Rusks Schließmuskel zittern ließ. In dem Augenblick, in dem er dieses »Schwert« aus der Scheide zog, würde der Boden unter seinen Füßen ins Wanken geraten. Er und Glykon würden zu Gegenspielern werden, selbst wenn sie ihre Zusammenarbeit fortsetzten, was keinesfalls sicher schien. Intellektueller Genius und skrupellose Effizienz hatten Glykon zum perfekten Kollaborateur gemacht, doch die gleichen Qualitäten würden ihn auch zum furchtbarsten Gegner machen, den man sich nur vorstellen konnte.

Rusk verabscheute sich für seine Angst. Die Wände seines Büros waren gesäumt mit Fotos, die seine Männlichkeit demonstrierten: brillante Schnappschüsse eines blonden ehemaligen Verbindungspräsidenten in jeder nur vorstellbaren Art von Überlebensausrüstung. Rusk besaß die besten Spielsachen, und er hatte hart daran gearbeitet, sie alle zu beherrschen. Extrem-Skifahren. Monsterwellenreiten auf Hawaii. Er besaß ein Stuntflugzeug, das er lenkte wie ein Kunstflugpilot. Er hatte im vergangenen Jahr in einem höllischen Sturm den Mount Everest bestiegen (wenngleich mit Sauerstoffmaske). All das hatte er erreicht, ehe er vierzig geworden war, und doch fühlte er sich in Gegenwart Glykons wie ein grüner Junge. Es war nicht der Altersunterschied – Rusk fühlte sich den meisten Sechzigjährigen überlegen, denen er begegnete. Nein, es war etwas anderes. Eine Reihe von Faktoren genaugenommen, von denen er die wenigsten mit Namen zu benennen vermochte, doch so sah es nun einmal aus.

Rusk wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte, indem er den Fennell-Fall übernahm. Die Schwester der Zielperson war eine FBI-Agentin, und ihr Vater war Cop bei der Mordkommission gewesen. Rusk hatte den Auftrag ablehnen wollen, doch dann hatte er ihn trotzdem gegenüber Glykon erwähnt in der Annahme, sein paranoider Partner würde ihn geradewegs von sich weisen. Zu seiner Überraschung jedoch hatte Glykon die Verbindung zum FBI als Herausforderung betrachtet. Als Bill Fennell dann auch noch einen Bonus von fünfzig Prozent angeboten hatte – fünfzig Prozent –, hatte Rusk nachgegeben. Was hätte er sonst tun sollen? Wie Oskar Wilde einmal gesagt hatte: Der einzige Weg, sich einer Versuchung zu entledigen, bestand darin, ihr nachzugeben.

Mit dem Ergebnis, dass Spezialagentin Alex Morse jetzt in seinem Leben herumschnüffelte. Irgendwie hatte sie sich an ihn geheftet wie ein verdammter Schildfisch an einen Hai. Er hatte geglaubt, dass sie nach einer Weile wieder aufgeben würde, doch bisher war das nicht geschehen. Sie war hartnäckig. Und diese Art von Hartnäckigkeit führte nur zu einem Ende.

Rusk war sicher, dass Morse in sein Büro eingebrochen war. Er hatte es nicht gemeldet, selbstverständlich nicht – weder der Polizei noch Glykon. Er hatte lediglich dafür Sorge getragen, dass sie es nicht noch einmal würde tun können. Doch das war, als hätte er das sprichwörtliche Scheunentor geschlossen, nachdem das Pferd weggelaufen war.

Was hatte Morse in seinem Büro gefunden? Es gab keine offensichtlichen Beweise, die sie hätte entdecken können. Die Daten auf Rusks Festplatte waren verschlüsselt (Daten auf der Festplatte stellten selbst in verschlüsselter Form einen Verstoß gegen Glykons Regeln dar), doch Rusk hatte so ein Gefühl, als würde Morse sich sehr gut mit Computern auskennen. Und mit Geschäftsaufzeichnungen gleichermaßen. Seine diskreten Nachforschungen bezüglich ihrer Biographie hatten einen Abschluss in Jura an der Tulane zu Tage gefördert sowie ein Jahr in Florida, wo sie für eine gemeinsame Sondereinheit des FBI und der Drogenfahndung gearbeitet hatte. Die nahezu perfekte Vorbereitung, um zumindest eine Seite seiner Operationen aufzudecken. Darüber hinaus hatte Morse fünf Jahre als Geisel-Unterhändlerin für das FBI gearbeitet, was für Rusk eine Überraschung gewesen war – bis seine Quelle ihn darüber informiert hatte, dass es beim FBI mehr weibliche als männliche Unterhändler gab. Es schien, als wären Frauen tüchtiger als Männer, wenn es darum ging, friedliche Lösungen für einen Konflikt zu finden. Was für eine Überraschung! Als erfahrener Scheidungsanwalt hatte Rusk mehr als eine Frau mit den Instinkten eines Raubsauriers kennen gelernt – Frauen, die so bösartig waren, dass sie Machiavelli Nachhilfeunterricht hätten geben können, was das Intrigieren und das Provozieren von Kriegen angeht.

Trotz eines vielversprechenden Starts hatte Alex Morse sich letztlich als ungeeignet erwiesen für die Arbeit als Geisel-Unterhändlerin. Der Tod ihres Vaters und die Krebserkrankung ihrer Mutter hatten allem Anschein nach dazu geführt, dass sie ihre Urteilskraft verloren hatte, und deswegen war jemand gestorben. Beinahe wäre sie selbst gestorben, dachte Rusk wehmütig. Ihr vernarbtes Gesicht trug die unübersehbaren Beweise für ihre Begegnung mit dem Tod. Doch worauf es ankam war, dass sie ihre professionelle Zurückhaltung aufgegeben und ihren Emotionen freien Lauf gelassen hatte. Sie hatte rein instinktiv reagiert, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen, und dieser bestürzende Zwischenfall durfte nicht ignoriert werden.

Glykon musste von Alex Morse erfahren.

Und Alex Morse war nicht ihr einziges Problem. Interne Bedrohungen waren stets weitaus gefährlicher als die von außen, und gerade jetzt tickte eine Atombombe unter ihrer Partnerschaft. »Ein Klient!«, murmelte Rusk ungläubig, während er einen weiteren Schluck aus seinem Tumbler nahm. »Ein verdammter Klient, der verrücktspielt!«

Er zuckte zusammen, als er die Tür hörte, die sich gerade weit genug geöffnet hatte, damit seine Sekretärin den Kopf ins Zimmer stecken konnte. Es war erst Mitte Mai, doch Janice war bereits tiefbraun, was sie mehr nach dreißig als nach ihren fünfunddreißig Jahren aussehen ließ. Sie begegnete Rusks Blick mit völliger Offenheit – dem Blick einer intimen Vertrauten.

»Es sind fast alle gegangen«, sagte sie. »Möchtest du es tun, bevor ich nach Hause gehe?«

Rusk dachte über ihr Angebot nach. Janice war älter als seine Frau. Sie mochte vielleicht nicht so schön sein wie Lisa, doch sie war sehr viel geschickter und aktiver im Bett. Es war ein perfektes Arrangement. Janices Ehemann war ein Betriebskalkulator, der sie in den Wahnsinn langweilte, doch er war ein guter Vater, und Janice strebte nicht nach einem höheren gesellschaftlichen Status. Darüber hinaus zahlte Rusk ihr beinahe das Dreifache von dem, was andere Sekretärinnen in der Hauptstadt verdienten.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte sie und betrat das Büro ganz. Sie trug einen Khaki-Rock und eine weiße Leinenbluse, unter der ihr BH durchschimmerte. Auf ihren Waden und Unterarmen spielten die Muskeln, die sie beim Turniertennis und bei besessenen Trainingssitzungen im Kraftraum erworben hatte.

Rusk nickte, doch er wusste, dass er ihr nichts vormachen konnte.

»Ist es dein Vater?«, fragte sie vorsichtig in dem Wissen, dass Rusks Vater ein chronisch schwacher Punkt war.

»Nein. Es ist nur, dass ich im Moment so viel um die Ohren habe.«

Ihr Blick ruhte unverwandt auf ihm, doch sie bedrängte ihn nicht. »Möchtest du, dass ich es dir mit dem Mund mache?«

Rusk studierte ihre Augen, in denen nur Besorgnis zu lesen stand, und schätzte die Wahrscheinlichkeit ab, dass seine Frau am Abend Sex von ihm wollte. Ach, zum Teufel, dachte er. Ich könnte auf dem Heimweg bei einem Autounfall sterben. Er zwang sich zu einem bejahenden Lächeln.

Sie kam heran, kniete vor seinem Sessel nieder und öffnete seinen Reißverschluss. Normalerweise konnte sie ihn schnell zum Höhepunkt bringen, wenn sie wollte, doch heute spürte er, dass es eine Weile dauern würde. Er blickte auf das Foto von Alex Morse, und seine Gedanken begannen zu wandern. Es war der Zeitpunkt, der ihn so fassungslos machte. Er war vierzig Jahre alt, und wenn die Geschäfte so weiterliefen wie bisher, übertraf sein eigenes das Nettovermögen seines Vaters binnen eines Jahres. Andrew Jackson Rusk Senior, von seinen Freunden – darunter eine ganze Reihe ehemaliger Gouverneure – Ajay gerufen, nach seinen Initialen, war fünfundsiebzig Jahre alt und praktizierte noch immer als Anwalt für Zivilklagen. A. J. hatte mit den letzten drei Fällen Millionen verdient und nationales Medieninteresse hervorgerufen. Zwei der Fälle waren in Jefferson County verhandelt worden, wo die rein schwarzen Jurys Vermögen verteilten wie Partygeschenke. Es war schwierig, mit derartigem Spektakel mitzuhalten, wenn man Scheidungen verhandelte – selbst wenn es große waren –, doch Andrew hatte es geschafft. Was gut war, denn sein Vater ließ ihn niemals vergessen, dass sie im Wettbewerb miteinander standen.

»Sei vorsichtig mit deinen Zähnen«, sagte er.

Janice murmelte etwas Unverständliches und bearbeitete ihn emsig weiter.

Rusk Senior hatte sich größte Mühe gegeben, bei seinem Sohn jede Spur von Schwäche, Idealismus und Mitgefühl auszumerzen, und dies war ihm größtenteils auch gelungen. Als Andrew Junior zum ersten Mal in dem Film Der Große Santini das Basketballspiel zwischen Vater und Sohn gesehen hatte – die Szene, in der Robert Duvall seinem Filmsohn den Ball gegen den Kopf wirft –, war ihm der Atem stehen geblieben. Und weil sein eigener Bull Meechum nicht bei einem Flugzeugabsturz gestorben war, hatte der Wettbewerb mit Andrews Erreichen des Erwachsenenalters nicht geendet, sondern war im Gegenteil noch intensiver geworden.

Anstatt der Anwaltskanzlei seines Vaters beizutreten, war Andrew zur Kanzlei des Vaters seiner ersten Frau gegangen – ein Fehler, den sich selbst einzugestehen er mehrere Jahre benötigt hatte. Seine Scheidung von der Tochter des Senior-Partners hatte zugleich seine Verbindung zu der Kanzlei beendet, doch A. J. Senior hatte seinem Sohn keinen Posten angeboten, nachdem er auf der Straße gestanden hatte. Und anstatt in einer weniger bedeutenden Kanzlei anzufangen, hatte Andrew sich selbstständig gemacht und jeden Geld versprechenden Fall übernommen, der durch seine Tür hereinspaziert war. Die meisten hatten sich als Scheidungsfälle erwiesen. Und in diesem Milieu hatte er seine Begabung entdeckt.

In den folgenden Jahren hatte er häufig mit Anwälten aus der Kanzlei seines Vaters vor Gericht zu tun gehabt, und er hatte jeden Prozess gewonnen. Diese Siege waren süß gewesen, doch es war nicht ganz das Gleiche, als würde er seinen alten Herrn persönlich abledern. Doch dieses Jahr, so hatte er sich immer wieder gesagt, dieses Jahr würde er den großen A. J. endlich auf das passende Maß zurechtstutzen.

»Streichelst du meine Nippel?«, fragte Janice.

Rusk blickte zu ihr hinunter. Ihre freie Hand war unter ihrem Rock verschwunden. Er griff nach unten und knetete abwesend ihre Brustwarzen. Sie stöhnte, packte ihn mit der Hand und bearbeitete ihn mit erneuerter Vehemenz. Er betrachtete die Oberseite ihres Kopfes, wo die dunklen Wurzeln unter der Blondierung sichtbar wurden. Jedes einzelne ergraute Haar stand in eine eigene Richtung ab …

»Hör auf!«, sagte er.

»Was …?«, gurgelte sie.

»Ich kann jetzt nicht.«

Ihr Kopf kam hoch, und sie lächelte ihn mit beinahe mütterlicher Ermunterung an. »Natürlich kannst du. Du brauchst es. Entspann dich.«

Sie senkte den Kopf und machte weiter.

»Ich hab gesagt, du sollst aufhören!«

Er schob ihre Schultern grob genug von sich, um sich aus ihrem Mund zu lösen, doch Janice ließ sich nicht so leicht entmutigen – nicht, wenn sie erregt war. Sie stand auf und stieg rasch aus einem blauen Höschen, dann schob sie ihren Rock hoch und setzte sich auf ihn. Er half ihr nicht, doch er schob sie auch nicht weg, obwohl ihm für einen Moment Übelkeit befiel. Er ließ sie tun, was sie haben musste, und konzentrierte sich auf ihre muskulösen Oberschenkel, während sie sich hob und senkte. Ihr Stöhnen wurde stetig lauter, doch das war ihm gleich. Das Büro war völlig schalldicht. Rusk nahm den Blick von dem feuchten Dreieck, wo er in ihr verschwand, und konzentrierte sich auf das Foto von Alexandra Morse. Er stellte sich vor, wie die FBI-Agentin so auf ihm schwitzte. Dann drehte er die Situation in Gedanken um und besorgte es Alex Morse auf besonders schmerzvolle Weise, ließ sie teuer bezahlen für sämtliche Unannehmlichkeiten, die sie verursacht hatte …

»Oh …«, stöhnte Janice. »Jetzt ist er ganz hart …«

Plötzlich hatte er ein Bild von Glykon vor Augen.

»Komm, weiter, Baby!«, drängte Janice mit einer Andeutung von Panik in der Stimme. »Weiter. Stell dir meinetwegen vor, was immer du brauchst!«

Er konzentrierte sich auf Morses Augen und packte die Brüste vor sich fester. Sie waren wohlgeformt, doch schlaff – zwei Kinder hatten ihren Zoll gefordert, und keine noch so ausgefeilte Chirurgie vermochte es, Titten wieder in den gleichen Zustand zu bringen wie vor einer Mutterschaft, egal was die Ärzte versprachen. Alex Morse hatte keine Kinder. Ihre Titten waren fest und hoch, wie die von Lisa. Und ihr IQ war sicherlich wenigstens fünfzig Prozent höher.

Rusk packte die Brüste vor sich mit wilder Wut. Janice schrie schmerzerfüllt auf, doch der Schrei verwandelte sich in ein langgezogenes Stöhnen, als sie endlich zum Höhepunkt kam und die Zähne aufeinanderpresste, um ihn nicht zu beißen, was sie immer wollte. Rusk kam zu seinem eigenen Erstaunen ebenfalls. Er schloss die Augen und verdrängte das grinsende Gesicht Glykons gewaltsam aus seinen Gedanken.

»Siehst du«, sagte Janice. Sie stand auf und blickte auf ihn herab, noch immer schwer atmend von der Anstrengung. Offensichtlich betrachtete sie seinen Orgasmus als einen kleinen Sieg in ihrem anhaltenden Sexspiel. »Ich hab gewusst, dass du es schaffst.«

Rusk nickte geistesabwesend, während er überlegte, dass er auf dem Weg nach Hause vielleicht eine halbe Viagra nehmen musste, für den Fall, dass Lisa seine Dienste verlangte.

»Wer ist das?«, fragte Janice und deutete auf das Foto von Alex Morse.

»Niemand.«

Janice angelte ihr Höschen vom Boden und zog es wieder an. »Sie ist offensichtlich jemand.«

Er betrachtete das Foto erneut und schüttelte den Kopf.

»Findest du sie heiß?«, fragte Janice mit mädchenhafter Stimme.

»Nein«, antwortete er nachdrücklich.

»Du lügst. Du hast an sie gedacht, als du in mir warst, stimmt’s?«

»Habe ich. Du kennst mich, Janice.«

Sie zog einen Schmollmund.

»Du musst nicht eifersüchtig auf sie sein«, sagte Rusk.

»Warum nicht?«

»Sie ist tot.«

»Oh.« Janice lächelte befriedigt.

Nachdem Janice ihren Rock geglättet hatte und an ihren Schreibtisch zurückgekehrt war, ging Rusk zu einer Anrichte und nahm eine Schachtel Reynolds Wrap aus einer Schublade. Sie hatte seit fünf Jahren dort gelegen, doch er hatte sie niemals gebraucht. Er öffnete die Schachtel und riss zwei quadratische Stücke Alufolie ab, die er vor dem nach Nordosten zeigenden Fenster seines Büros auf einen Tisch legte. In der untersten Schublade des Schreibtisches lag Klebeband. Er schnitt mehrere kurze Stücke ab und klebte sie provisorisch an die Tischkante; dann legte er die Rolle zurück. Er benutzte die Stücke dazu, um die Folie mit der glänzenden Seite nach außen in das nach Osten zeigende Fenster zu kleben. Die Quadrate wären von der auf ihrem Weg durch die Stadt größtenteils hochgelegten Interstate 55 aus deutlich zu erkennen.

Die reflektierenden Stücke Alufolie waren eine von Glykons Ideen. Die beiden verdammten Quadrate Reynolds Wrap würden ein Treffen einleiten, das Rusk fürchtete wie nie zuvor etwas in seinem Leben. Ein Treffen, das all seine Überzeugungskraft erforderte, wollte er davonkommen. Seine Hand zitterte, als er einen weiteren Tumbler mit Bourbon hinunterkippte.

Er fühlte sich, als hätte er ein Ritual durchgeführt, um den Teufel zu beschwören.

4

Chris Shepard ließ den Baseball mitten in der Luft los und schwang den Schläger in einem schnellen Bogen. Er schlug einen Ball auf seinen einszwanzig großen Fänger. Der fing den Ball auf und warf ihn seinem ersten Baseman zu, Chris’ Adoptivsohn Ben. Der Wurf ging zu weit, doch Ben streckte sich und fischte den Ball geschickt aus der Luft.

»Sehr gut!«, rief Chris. »Ziel auf seine Brust, Mike! Er trägt einen Handschuh, er kann ihn fangen!«

Der Shortstop nickte und duckte sich, bereit für den nächsten Ball. Bens Augen leuchteten vor Stolz, doch er blieb so cool, wie ein Neunjähriger es nur vermochte.

Chris warf einen unauffälligen Blick nach rechts, während er auf den Wurf wartete. Zwei Minuten zuvor war Thoras silberner Mercedes auf die Wiese hinter dem freien Stück Land gerollt, auf dem sie trainierten. Sie war nicht ausgestiegen, sondern im Wagen sitzen geblieben und beobachtete das Training durch die getönte Scheibe. Vielleicht telefoniert sie gerade, dachte Chris. Dann wurde ihm bewusst, wie selten Thora in letzter Zeit zum Training gekommen war. Im vergangenen Jahr war sie eine der großen Unterstützerinnen des Teams gewesen und hatte stets den Wasserkühler oder eine Eisbox für jedes Kind dabeigehabt. Dieses Jahr jedoch war sie die seltenste Besucherin. Heute hatte die Neugier sie hergeführt, wie Chris wusste. Anstatt seine abendliche Visite im Krankenhaus früher zu machen, wie üblicherweise während der Saison, hatte er Ben von zu Hause abgeholt, gleich nachdem er seine Praxis geschlossen hatte. Thora war Laufen gewesen; deshalb hatten sie sich verpasst und noch nicht miteinander gesprochen, seitdem er von Spezialagentin Alex Morse besucht worden war.

Chris winkte zum Mercedes hinüber. Er hatte vermieden, mit Thora zu reden, weil er Zeit brauchte, um zu verarbeiten, was Agentin Morse ihm gesagt hatte, und eine geschäftige Arztpraxis war nicht der geeignete Ort, um über persönliche Probleme nachzudenken. Ein Baseball-Training hingegen war zwar nicht gerade Zen-Meditation, doch er konnte ein bisschen Zeit abzweigen, um über die wenigen Fakten nachzudenken, die Agentin Morse ihm während ihres Besuchs genannt hatte.

Er wünschte, er hätte ihr mehr Fragen gestellt. Bezüglich der angeblichen Morde beispielsweise. War die Todesursache in jedem einzelnen Fall ein Hirnschlag gewesen? Er bezweifelte, dass Agentin Morse forensische Beweise hatte, die ihre außergewöhnliche Theorie untermauerten. Falls doch, hätte sie nicht seine Hilfe benötigt, um dem Killer eine Falle zu stellen. Sie hätte den Mörder längst verhaftet. Und doch … wenn er ehrlich zu sich selbst war, konnte er nicht abstreiten, in den letzten Stunden über einige Dinge nachgegrübelt zu haben, die ihm insgeheim seit einer Weile zu schaffen machten.

An erster Stelle war der Kinderwunsch. Während ihrer Verlobungszeit waren er und Thora übereingekommen, dass sie eigene Kinder haben wollten, sobald sie verheiratet waren. Mindestens eins, vielleicht zwei. Chris war sechsunddreißig, Thora dreißig. Je früher sie mit dem Kinderkriegen anfingen, desto gesünder würden diese Kinder werden und desto besser würden sie ihren adoptierten Bruder kennen lernen.

Nach der Hochzeit jedoch hatte Thora plötzlich mit dem Absetzen der Pille gezögert. Zweimal hatte sie behauptet, versehentlich mit der Packung für den nächsten Monat angefangen zu haben. Als er eine Bemerkung bezüglich dieser ungewöhnlichen Abwesenheit gemacht hatte, hatte sie eingeräumt, dass sie nicht sicher war, ob sie so schnell zu Werke gehen sollten. Chris hatte versucht, seine Enttäuschung zu verbergen, offensichtlich ohne Erfolg, denn Thora hatte aufgehört, die Pille zu nehmen, und sie hatten sich darauf eingerichtet, die obligatorischen drei Monate zu warten, ehe eine ungefährdete Empfängnis möglich war. Ihr Sex blieb gut, doch die Häufigkeit sank dramatisch. Thora beschwerte sich, dass der Zwang zur Benutzung anderer Verhütungsmittel nach der Bequemlichkeit der Pille eine Last war. Es dauerte nicht lange, und Chris schätzte sich glücklich, wenn sie einmal in der Woche miteinander schliefen. Nach drei Monaten hatten sie jede Form von Verhütung aufgegeben, doch bisher war Thora nicht schwanger geworden. Nicht einmal eine ausgebliebene Periode. Wann immer Chris das Thema zur Sprache brachte, argumentierte sie feinfühlig, dass er sich untersuchen lassen sollte – schließlich bewies Bens Existenz, dass sie Kinder empfangen konnte.

Chris antwortete niemals direkt auf diese Andeutungen, doch er hatte sich untersuchen lassen, beim Dienstleister seiner eigenen Praxis, und das Resultat war eindeutig ausgefallen: hohe Spermienzahl, hohe Beweglichkeit.

Er wünschte, Thora würde aus ihrem Mercedes aussteigen. Mehrere andere Eltern saßen auf Decken oder Campingstühlen auf dem kleinen Hügel neben dem Feld. Nur Thora blieb im Wagen. Es war dieses Verhalten, das einem in einer Kleinstadt rasch den Ruf eines Snobs einbrachte. Die hochnäsige Frau Doktor.

Noch im vergangenen Jahr hätte Chris sich nicht vorstellen können, dass Thora sich so von oben herab zeigte. Sie hätte abwechselnd sämtliche Eltern besucht und dabei den Jungs von der Seitenlinie aufmunternd zugerufen. Aber vielleicht bildete er sich das alles auch nur ein. Wenn ihr danach war, im Wagen sitzen zu bleiben – sollte sie doch! Was konnte es schaden? Für einen Tag im Mai war es heiß; vielleicht genoss sie die Klimaanlage.

»Alex Morse ist verrückt«, murmelte er vor sich hin. Seine Ehe mochte nicht perfekt sein – falls es so etwas wie eine perfekte Ehe überhaupt gab –, doch die Vorstellung, dass seine Frau die Absicht haben könnte, ihn zu ermorden, war dermaßen lächerlich, dass Chris im ersten Moment nicht gewusst hatte, wie er darauf antworten sollte. Es war beinahe so, als würde einem jemand sagen, dass die eigene Mutter versucht, einen umzubringen. Und doch … ganz genau so war es nicht. Es gab keine Blutsbande zwischen Ehemann und -frau. Nicht ohne biologische Kinder. Und aus irgendeinem Grund schaffte Chris es nicht, die Erinnerung an Agentin Morses todernste Augen zu verdrängen.

Sie gehörte eindeutig nicht zu den Menschen, die Zeit damit verschwendeten, Spielchen mit anderen Leuten zu spielen. Die Antwort musste eine andere sein. Beispielsweise psychische Instabilität. Vielleicht war Agentin Morse felsenfest überzeugt von dem absurden Szenario, das sie Chris heute Mittag dargelegt hatte. Angesichts des erst kurze Zeit zurückliegenden Todes ihrer Schwester fiel diese Vorstellung nicht allzu schwer. Während seiner ärztlichen Laufbahn hatte Chris viele extreme Reaktionen auf Trauer erlebt.

Doch was sollte er deswegen unternehmen? Beim FBI-Büro in Jackson anrufen und Morses Besuch melden? Seinen Anwalt informieren? Die FBI-Zentrale in Washington? Oder sollte er sich diskret bemühen, weitere Informationen einzuholen?

Seine Sprechstundenhilfe hatte nach einigem Suchen die Telefonnummer von Darryl Foster gefunden, einem alten Kameraden aus der Studentenverbindung, doch er hatte nur einen Anrufbeantworter erwischt. Er hatte gehofft, dass Foster – ein aktiver Außenagent beim FBI – ein wenig Licht auf die mysteriöse Alex Morse und ihre Behauptungen werfen konnte, ehe er Thora gegenübertrat, doch das Mobiltelefon in Chris’ Tasche war bis jetzt stumm geblieben. Bevor er nicht mehr wusste, würde er Thora auf gar keinen Fall merken lassen, dass etwas nicht stimmte. Nicht, dass er auch nur ein Wort von dem glaubte, was Morse ihm erzählt hatte, doch falls er Thora von den Ereignissen des frühen Nachmittags berichtete, würde ihre erste Frage lauten: Bei wem hast du dich über diese Person beschwert? Wo hast du sie gemeldet? Und was wollte er darauf antworten? Vielleicht, dass er insgeheim doch Zweifel an ihr hatte?

»Schlägst du jetzt endlich einen Ball, Coach, oder was?«

Chris kehrte blinzelnd in die Wirklichkeit zurück, stieß ein verlegenes Lachen aus und schlug einen Ball. Dabei bemerkte er aus den Augenwinkeln eine Bewegung zur Rechten. Thora stand in der offenen Tür ihres Mercedes, und ihr blondes Haar glänzte in der Nachmittagssonne. Sie starrte direkt zu ihm. Hatte sie seine kleine Tagträumerei bemerkt?

Sie winkte ihm zu und lächelte hinter der Sonnenbrille, einem von diesen großen Pilotendingern, die ihr das Aussehen eines Art-Deko-Falken an der Seite eines Wolkenkratzers verliehen. Sie trug Laufkleidung, und ihr schlanker, durchtrainierter Körper war für jeden zu erkennen. Vielleicht ist das der Grund, warum sie nicht ausgestiegen ist, sinnierte er. Doch das war nichts als Wunschdenken. In den vergangenen acht Monaten – seit das Marathonlaufen bei den jungen, verheirateten Frauen der Stadt Mode geworden war – hatte Thora Tag für Tag zwischen drei und fünfzehn Kilometer gelaufen. Sie hatte sich Schuhe für zweihundert Dollar gekauft, ein GPS-Gerät für das Handgelenk und all die anderen Dinge, die ein moderner Langläufer benötigte. Die Sache war die: Bei Thora hatte das nichts mit Schau zu tun. Sie besaß Talent. Nach lediglich drei Monaten Training hatte sie die Zeiten von Frauen geschlagen, die seit zwei oder drei Jahren liefen. Doch Thoras Laufgarderobe war ein weiterer Spannungspunkt zwischen ihnen.

Als sie noch mit Red Simmons verheiratet gewesen war, hatte Thora sich stets konservativ gekleidet. Modisch, ja, doch sie hatte nie die Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Nach einer angemessenen Trauerphase jedoch – ungefähr zu der Zeit, als sie angefangen hatte, sich mit Chris zu treffen – hatte sie plötzlich ihren Stil gewechselt. Zu Beginn hatte Chris dies gutgeheißen. Das neue Outfit hatte mehr von ihrer Schönheit preisgegeben und eine Verbindung zum Leben signalisiert, die sie dringend gebraucht hatte.

Doch seit Neuestem trug sie Dinge, von denen er sich nicht im Traum hätte vorstellen können, dass sie sie kaufen, geschweige denn in der Öffentlichkeit anziehen würde. Ultrakurze Shorts, transparente Tops, dazu gedacht, mit einer Bluse oder einer Jacke darüber getragen zu werden, worauf sie jedoch verzichtete, und Stütz-BHs – wenn sie überhaupt einen Büstenhalter trug. Chris hatte deswegen Witze gemacht in der Hoffnung, dass sie merkte, worauf er hinauswollte, doch Thora hatte das Zeug unverändert getragen, und so war er schließlich verstummt, nicht zuletzt weil er meinte, nicht das Recht zu haben, ihr vorzuschreiben, wie sie sich anzuziehen hatte. Vielleicht wurde er alt und verlor den Bezug zur Realität. Bis zum heutigen Tag war ihm das als nicht sonderlich tragisch erschienen. Nichts war ihm tragisch erschienen. Lediglich das Problem, dass Thora einfach nicht schwanger wurde, war schwerwiegend genug gewesen, um ihm den Schlaf zu rauben.

»Coach Grant!«, rief er seinem Assistenten zu, einem weiteren Vater aus dem Team. »Ich schlage vor, wir machen Schluss für heute.«

Die Jungen jubelten, und ihre Eltern erhoben sich nach und nach von den Decken und Stühlen und packten die Eisboxen, während die Jungen die Ausrüstung zusammenpackten.

Ben hielt sich neben Chris, als sie zum Mercedes gingen. Chris versuchte, seinen Verstand zu klären, doch es gelang ihm nicht. Zu viele Dinge drängten sich nach einer Weile der unbewussten Unterdrückung schlagartig an die Oberfläche. Beispielsweise der Mercedes. Letzte Weihnachten hatte Thora sich einen SL55 AMG geschenkt. Kaum jemand in der Stadt wusste, wie teuer dieses Auto in Wirklichkeit war. Mehrere einheimische Ärzte fuhren Benz, doch die meisten waren nicht teurer als fünfzig- bis achtzigtausend Dollar. Thoras SL55 hatte hundertfünfundvierzigtausend gekostet. Es war nicht so, dass Chris ihr den Wagen nicht gönnte – es war schließlich ihr Geld, das sie dafür ausgegeben hatte –, doch während ihrer Ehe mit Red Simmons hatte sie einen Toyota Avalon gefahren, vierzig Riesen inklusive Vollausstattung. Und sie hatte eine Timex-Uhr getragen. Chris hatte manchmal Witze deswegen gemacht, wenn sie Schwesterndienst gehabt hatte. Doch vor ungefähr einem Monat war eine Patek Philippe an ihrem Handgelenk aufgetaucht. Er hatte keine Ahnung, wie teuer die Uhr gewesen war, doch nach den Juwelen auf der Fassung zu urteilen, sicherlich jenseits der zwanzigtausend – mehr, als einige der Väter, die bei diesem Training zusahen, im ganzen Jahr verdienten.

»Big Ben!«, rief Thora und kam mit einem Grinsen hinter der Tür ihres SL55 hervor, um ihren verschwitzten Sohn zu umarmen. »Du hast die ganze Zeit keinen Ball verfehlt!«

Ben zuckte die Schultern. »Ich spiele Baseman. Man kann nicht Baseman spielen, wenn man nicht fangen kann.«

Chris wünschte, er könnte Thoras Augen sehen, doch die Brille verbarg sie vollständig. Sie drückte Ben flüchtig, dann richtete sie sich auf und beschenkte Chris mit ihrem Eintausend-Watt-Strahlen. Sein Blick schweifte zu der Patek Philippe. Hör auf damit, sagte er lautlos.

»Du hast Ben heute ziemlich früh abgeholt«, stellte sie fest.

»Ja. Ich wusste, dass die Visiten eine Weile dauern würden, deswegen habe ich beschlossen, sie erst nach dem Training zu machen.«

Sie nickte und schwieg.

Er war nicht sicher, was er als Nächstes sagen sollte. Ben rettete ihn, indem er fragte: »Können wir ins La Fiesta fahren, Mom?«

Thora blickte Chris über den Rand ihrer Sonnenbrille hinweg an.

»Ich muss wirklich noch ins Krankenhaus, Leute«, sagte Chris. »Fahrt ihr nur.«

Thora schüttelte den Kopf. »Wir haben genug zu essen im Haus, und viel gesündere Sachen als beim Mexikaner. Ich habe heute Nachmittag Hühnchensalat gemacht.«

Ben verdrehte die Augen und rümpfte die Nase.

Fast hätte Chris gesagt, dass er sich auf dem Rückweg nach Hause irgendwo etwas holen konnte, doch das hätte nur dazu geführt, dass Ben weiter bettelte und Thora ärgerlich wurde. »Hilf mir, die Sachen einzuladen, Sohn.«

Chris und Ben warfen die beiden großen Baumwollsäcke in den Pick-up. Dann verabschiedete sich Chris von Ben, drückte Thora freundschaftlich an seine Seite und stieg in seinen Pick-up. »Ich komme nicht allzu spät«, sagte er durch das offene Seitenfenster.

Wie als Antwort nahm Thora die Sonnenbrille ab. Ihre ozeanblauen Augen durchdrangen seine gespielte Nonchalance mühelos. Ihr Blick hatte schon immer eine physische Reaktion in seiner Brust hervorgerufen, irgendetwas zwischen Herzflattern und strahlender Wärme. (Er verursachte auch eine Reaktion tiefer unten.) Nun enthielt dieser Blick eine unausgesprochene Frage, doch er unterbrach den Kontakt, hob die Hand zu einem Winken und setzte rückwärts auf die Straße, um nach Norden in Richtung Stadt zu fahren.

5

Alex Morse lenkte ihren gemieteten Corolla auf den Parkplatz des Days Inn, hielt vor Apartment 125 und stellte den Motor ab. Als sie die Tür zu ihrem Zimmer öffnete, miaute die gescheckte Katze ihrer Schwester klagend und sprang vom Badezimmerschrank, um lautlos auf dem Teppich zu landen. Alex zahlte fünf Dollar zusätzlich pro Nacht für das Tier. Meggie war nur deswegen bei ihr, weil Jamie sie nach dem Begräbnis seiner Mutter gebeten hatte, die Katze mitzunehmen. Jamie liebte die Katze, doch sein Vater mochte sie nicht, und der Junge hatte befürchtet, sein Dad könnte sie ins Tierheim bringen, sobald Alex zurück nach Charlotte flog. Und da Alex wusste, dass Bill Fennell durchaus zu einem solchen Akt seelischer Grausamkeit imstande war, hatte sie die Bürde akzeptiert. Zu ihrer Überraschung hatte die helläugige Gescheckte ihr geholfen, die Einsamkeit der vergangenen fünf Wochen zu lindern.

Alex zog ihr Schulterhalfter aus und massierte die feuchte Stelle, wo es gegen die Rippen gedrückt hatte; dann kniete sie nieder und kraulte Meggie mit einem Knöchel unter dem Kinn. Als sie Futter in die Plastikschale neben der Badezimmertür streute, begann die Katze wie ausgehungert zu fressen.

Alex hatte das Zimmer im Days Inn vor fünf Tagen bezogen, und sie hatte alles unternommen, was sie konnte, um es ein wenig heimelig zu machen. Ihr Notebook stand summend auf dem Schreibtisch, und der Bildschirmschoner zeigte eine endlose Abfolge von Fotos, die sie auf der Kreuzfahrt zur Feier von Graces dreißigstem Geburtstag geschossen hatte. Neben dem Computer stand ein Foto von Jamie in seinem Basketball-Trikot der Jackson Academy – ein schlaksiger Zehnjähriger mit kastanienbraunem Haar, sommersprossigem, unfertigem Gesicht und tiefliegenden Augen, die eine herzerweichende Unsicherheit ausstrahlten.

Während Alex das Bild betrachtete, erinnerte sie sich daran, wie hektisch Jamie an jenem Morgen nach dem Tod seiner Mutter gewesen war, nachdem Alex ihm gesagt hatte, dass sie ihn zurück zu seinem Vater bringen musste.

Es war ein Akt der Verzweiflung gewesen, mit Jamie davonzulaufen, nachdem Grace gestorben war – und in den Augen des Gesetzes war es Kindesentführung. Hätte Alex den Knaben behalten, würde Bill nicht gezögert haben, sie verhaften zu lassen, und er hätte es wahrscheinlich bereits am Abend zuvor getan, hätte er gewusst, wo er sie finden konnte.

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