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Leise erwacht die Hoffnung

1. KAPITEL

Aimee Payet liebte Schokolade.

Sie liebte den weichen Schmelz, die fein abgestimmte Süße, die himmlisch zarte Konsistenz, wenn sie köstliche Kunstwerke für Payet’s Patisserie schuf, ihre Konditorei, die sie seit dem Tod ihrer Eltern vor zwei Jahren erfolgreich führte.

Heute jedoch konnte selbst Schokolade die unheilvolle Ahnung, die wie eine dunkle Sturmwolke über ihr hing, nicht vertreiben. Bestimmt zum fünfzigsten Mal in der letzten Stunde sah sie auf ihre Armbanduhr.

Der Druck in ihrem Magen verstärkte sich, je näher der Feierabend rückte. Jed hatte eine Nachricht hinterlassen, dass er um sechs hier sein wolle. Falls er sich nicht geändert hatte, seit sie sich zum letzten Mal gesehen hatten, müsste er absolut pünktlich sein.

„Aimee?“

Im selben Moment, als sie ihn ihren Namen sagen hörte, schrumpften fünf lange Jahre zusammen. Seine tiefe Stimme klang schmerzlich vertraut und machte sie atemlos.

Nein, so sollte es nicht sein! Sie hatte ihre Gefühle im Griff, immer nach vorn gesehen und für sich und Toby ein Leben aufgebaut. Ein Leben, in dem für Jed Sanderson, ihre erste Liebe – ihre verflossene Liebe –, kein Platz war. Weil sie ihn nicht brauchten, nie gebraucht hatten.

Bis jetzt.

Mit einem gezwungenen Lächeln drehte sie sich zu ihm um. „Hi, Jed. Danke, dass du gekommen bist.“

Sie hörte ihre eigenen Worte wie durch dichten Nebel – ähnlich dem, der gelegentlich von der Port-Phillip-Bucht herüberwaberte und sich über Melbourne legte.

„Ist alles in Ordnung?“

Nein, wollte sie schreien, gar nichts ist in Ordnung, und wenn ich dir erst die Wahrheit gesagt habe, wird nichts wieder so sein wie vorher.

Aimee versuchte sich zu konzentrieren, als sie die Besorgnis in seinen hellbraunen Augen las.

Augen, deren Farbe sie an warmen Karamell erinnerte.

Augen, in denen sie sich vor Jahren schon beim ersten Blick verloren hatte.

Augen, die sie zornig ansehen würden, sobald sie ihm von Toby erzählte. Und dem Grund, weshalb sie ihn hergebeten hatte.

„Mir ging es schon mal besser“, gab sie zu.

„Setz dich lieber, ich hole dir etwas zu trinken.“

Bevor sie ahnte, was er vorhatte, war er um den Tresen herumgekommen, nahm sie sanft beim Arm und führte sie zu einem Tisch in der Ecke.

„Warte …“, begann sie und entwand sich ihm, wobei sie sich auf die Unterlippe biss, um die aufsteigenden Tränen zurückzuhalten. „Ich muss erst schließen, bevor wir reden können.“

„Lass mich das machen.“

Er marschierte zur Tür, drehte das Schild auf Geschlossen und schloss ab. Das Klicken klang in ihren Ohren nach und machte ihr eines bewusst: Sie war in ihrem Geschäft eingesperrt, zusammen mit Jed, dem Mann, der ihr das Herz gebrochen hatte. Mit dem Mann, den sie nie wiedersehen wollte. Mit dem Vater ihres Sohnes.

Passanten schlenderten draußen vor der Glasfront ihrer Konditorei an der Acland Street, St. Kildas Geschäftsmeile, entlang. Ärgerlich starrte sie ihnen nach, wünschte, sie könnte so sorglos sein, so unbeschwert. Jed war ihre Vergangenheit gewesen. Eine grausame Laune des Schicksals holte ihn wieder herbei, machte ihre Zukunft von ihm abhängig.

„Ich war überrascht, nach der langen Zeit wieder von dir zu hören.“ Er lehnte sich gegen den Tresen. In seinem Designeranzug mit dem blassgrünen Hemd und passender Krawatte sah er umwerfend aus. Sein dunkles Haar wellte sich am Kragen, genau wie früher. „Und warum so formell per Eilbrief? Du hättest mich auch anrufen können, wenn es derart dringend ist.“

Ausgeschlossen. Nach dem Arzttermin hatte sie sich mit Mühe und Not zusammengerissen. Jeds Stimme zu hören, vielleicht Vorwürfe und Bitterkeit, wenn sie ihm alles erzählte, das hätten ihre Nerven nicht mitgemacht.

„Nein, ich muss persönlich mit dir reden. Was ich dir zu sagen habe, kann ich nicht am Telefon besprechen.“

„Jetzt bin ich aber gespannt.“

Er lächelte warm, und Aimee reagierte wie vorhin, als er behutsam ihren Arm genommen hatte. Sie fühlte sich umsorgt und beschützt wie lange nicht mehr. Zuletzt, als ihr Dad sie umarmt hatte.

Oh, Dad … Mum … Ich wünschte, ihr wärt hier. Ich brauche euch so sehr. Toby braucht euch.

Wie oft hatte sie in den letzten zwei Jahren stumm zum Himmel gefleht!

Wären ihre Eltern noch am Leben, bräuchte sie nicht mit dem Mann zu reden, den sie nie wiedersehen wollte. Sie hätten als Spender getestet werden können, und mit ein bisschen Glück wäre einer von ihnen geeignet, und alles würde gut.

Stattdessen war sie gezwungen gewesen, Jed zu verständigen. Nun war er hier, und sie hatte noch immer keine Ahnung, ob er ihr helfen würde. Es hatte eine Zeit gegeben, da glaubte sie, ihn in- und auswendig zu kennen.

Sie hatte sich getäuscht.

„Bevor du mir in Ohnmacht fällst, wie wäre es, wenn ich dir einen Kaffee hole? Danach können wir dann dieses wichtige Gespräch führen. Es sieht so aus, als hättest du mir eine Riesenstory mitzuteilen.“

Sie schüttelte den Kopf. Die Vorstellung, in ihrem eigenen Geschäft von Jed bedient zu werden, erschien ihr seltsam unpassend.

„Wenn gerade jemand eine kräftige Dosis Koffein brauchen kann, dann du.“ Er musterte sie nun von oben bis unten, als fürchtete er, sie könne jeden Moment zu Boden sinken.

„Gut, ich nehme einen.“ Zu erschöpft, um sich zu widersetzen, nickte sie.

Außerdem hatte er recht. Sie brauchte wirklich einen Muntermacher. Ihr Verstand war wie betäubt, seit der Arzt ihr das Untersuchungsergebnis mitgeteilt hatte.

„Hast du etwas dagegen, wenn ich mir auch einen mache? Ich könnte auch einen Schuss Koffein vertragen.“

„Selbstverständlich. Entschuldige, ich bin mit den Gedanken ganz woanders.“

„Kein Problem. Mit Milch, ohne Zucker, richtig?“

Wieder nickte sie und beobachtete ihn, als er mit geübten Griffen die Espressomaschine bediente. So wie er gekleidet war, stellte sie sich vor, dass er eine Schar Mitarbeiter hatte, die ihm jederzeit jede Kaffeespezialität, nach der es ihn gelüstete, servieren würde. Und doch war er hier, in dem schmalen Raum hinter dem Tresen von Payet’s Patisserie.

Das Bild hatte etwas Unwirkliches. Und es würde noch schlimmer werden. Sehr viel schlimmer.

„Nimm dir vom Kuchen, was du magst.“ Sie sollte aufstehen, ihm das Gewünschte auf einen Teller legen, Serviette und Kuchengabel dazu. Aber sie war wie gelähmt, seit sie zum Stillstand gekommen war.

Stillstand war nicht gut. Sich zu beschäftigen war die einzige Möglichkeit, mit allem fertig zu werden. Um nicht an die Vergangenheit zu denken. Nicht an der Zukunft zu verzweifeln. Nur so hatte sie sich in den letzten Tagen vor dem Nervenzusammenbruch gerettet. Nur so hatte sie die Trennung von Jed überstanden und die Kraft gefunden, Toby allein aufzuziehen. Nur so war sie die Starke in ihrer Familie gewesen.

Eine Familie, die nur noch aus ihr und Toby bestand, seit eine Tragödie ihr die Eltern und ihm die Großeltern genommen hatte.

Und dennoch tat es gut, sich umsorgen zu lassen und jemand anderem die Führung zu übergeben. Auch wenn dieser Jemand der Letzte gewesen wäre, den sie um Hilfe bitten würde. Leider hatte sie keine andere Wahl.

„Danke, aber ich muss auf meine Linie achten.“

Er hatte zwei dampfende Tassen auf den Tisch gestellt und klopfte sich jetzt lächelnd auf den flachen Bauch.

Zum ersten Mal seit einer Woche vergaß sie für einen kurzen Moment ihren Kummer. Wer hätte gedacht, dass Jed sie tatsächlich zum Lächeln bringen würde nach allem, was sie sich zum Schluss an den Kopf geworfen hatten?

Schnell wurde sie wieder ernst. Was fiel ihr ein? Toby lag im Sterben, und sie hatte nichts Besseres zu tun, als Jed anzulächeln!

„Also, worüber wolltest du mit mir reden?“, sagte er da.

Sie trank nun hastig einen Schluck Kaffee, wobei sie sich prompt die Zunge verbrannte. Gut, das sollte sie davon abhalten, sich Jed in die Arme zu werfen, um sich an seinen breiten Schultern die Seele aus dem Leib zu heulen.

„Worum es auch geht, es muss ziemlich schlimm für dich sein, dass du mich nach der langen Zeit verständigst.“

Aimee umklammerte mit beiden Händen die Tasse und blickte ihn über den Rand hinweg an. Die Jahre waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen, aber ihr gefiel, was sie sah: hier und da das erste Grau in seinem pechschwarzen Haar, die feinen Fältchen in den Augenwinkeln. Beides verlieh dem jungenhaften Gesicht, in das sie sich damals auf Anhieb verliebt hatte, eine interessante Ernsthaftigkeit.

Während der Ausbildung hatte sie sich mit Männern getroffen und war mit einem von ihnen sogar acht Monate zusammen gewesen. Doch sobald sie Jed in dem Restaurant sah, in dem sie die erste richtige Stelle nach ihrem exzellenten Abschluss antrat, war es um sie geschehen. Sie verliebte sich Hals über Kopf in ihn.

Schöner konnte Liebe nicht sein. Sie verbrachten eine magische, himmlische, glückliche Zeit miteinander.

Bis ihre Träume zusammensackten wie ein missglücktes Soufflé.

Sie verscheuchte die unnützen Erinnerungen. „Ich brauche deine Hilfe.“

„Wobei?“ Jed sah sie an, wie es nur ihm gelang – als könne er auf den Grund ihrer Seele blicken. Er lächelte selbstbewusst. „Du weißt, ich bin ein Typ, auf den man sich verlassen kann.“

„Klar. So wie ich mich auf dich verlassen konnte, als du Schluss gemacht hast.“

Am liebsten hätte sie sich die Zunge abgebissen. Das hatte anklagend, vorwurfsvoll geklungen, so als wäre sie noch längst nicht darüber hinweg.

Augenblicklich verschwand die Wärme aus den braunen Augen. „Du wolltest etwas, was ich dir damals nicht geben konnte.“

„Nicht geben konntest oder nicht wolltest?“

„Das ist nicht wichtig.“ Jed presste die Lippen zusammen.

Diesen eigensinnigen Ausdruck kannte sie noch von früher. Augenblicklich kochte der alte, seit Jahren schwelende Groll in ihr hoch. „Nicht wichtig. Hätte ich mir denken können, dass du das so siehst!“

Ärgerlich schüttelte er den Kopf. „Hast du mich deshalb nach Melbourne gerufen? Um mir etwas um die Ohren zu hauen, das vor fünf Jahren passiert ist? Etwas, das vor fünf Jahren zu Ende war?“

„Nein, da ist noch etwas.“

Ihr Zorn verrauchte sofort. Warum hatte sie sich bloß so provozieren lassen? Was zwischen ihnen gewesen war, war schon lange vorbei. Sie hatte es überstanden und ihren Weg durchs Leben fortgesetzt. Warum die Vergangenheit aufwühlen, wenn es nur zum Streit zwischen ihnen führte? Sie brauchte ihn als Verbündeten auf ihrer Seite, nicht als Gegner.

„Sag es mir.“

Sie schluckte und sah ihn an. Wachsam, als erwarte er den nächsten verbalen Hieb, und neugierig zugleich blickte er ihr in die Augen.

„Mein Sohn ist krank“, stieß sie hervor. Es ist so unfair! Mit Mühe hielt sie die Tränen zurück.

Warum war sie nicht an seiner Stelle krank geworden? Sie war stark, sie würde damit fertig werden. Sie war damit fertig geworden, Jed zu verlieren und ihre Eltern zu verlieren. Sie war stark, widerstandsfähig. Aber Toby … er hatte sein ganzes Leben noch vor sich.

Ihr kostbarer kleiner Junge war gerade erst fünf geworden. Bald sollte er in die Schule kommen. Er stürmte mit einer Begeisterung durchs Leben, die sie einerseits besorgt beobachtete, die sie aber auch oft zum Lachen brachte.

Deshalb hatte sie sofort gewusst, dass etwas nicht stimmte, als er immer blasser wurde, sich kaum noch bewegen mochte und an seinen dünnen Ärmchen und Beinen unerklärliche Blutergüsse auftauchten. Ein Besuch beim Arzt und ein paar Bluttests bestätigten ihre entsetzlichen Befürchtungen.

Leukämie. Tödlich, wenn sie nicht behandelt wurde. Und selbst eine Therapie versprach keine Garantie auf einen Heilungserfolg.

„Du hast einen Sohn?“, fragte er verblüfft.

Es ist auch dein Sohn, wollte sie sagen, trank stattdessen noch einen großen Schluck Kaffee, während sie fieberhaft überlegte, wie sie weiter vorgehen sollte.

Wären direkte Worte besser? Oder sollte sie ihn langsam an die Wahrheit heranführen? An die hundert Mal hatte sie sich in Gedanken zurechtgelegt, wie sie es ihm beibringen könnte. Jetzt wollte es ihr nicht über die Lippen.

„Er ist ein lieber kleiner Junge.“ Schlank wie du, und er hat genau die gleichen warmen braunen Augen. „Vor ein paar Tagen wurde festgestellt, dass er Leukämie hat.“

„Das tut mir sehr leid“, sagte er mitfühlend. „Es muss schrecklich sein für dich.“

Jed streckte die Hand aus, als wollte er nach ihrer greifen, und Aimee zuckte zurück wie eine aufgescheuchte Maus. Ihn zu sehen, hatte sie schon durcheinandergebracht. Was würde erst passieren, wenn er sie anfasste?

Er sagte nichts, aber sein erstaunter Blick entging ihr nicht. Plötzlich erfüllte sie Wehmut. Sie waren unzertrennlich gewesen, ein Paar, das andere neidisch betrachtet hatten. Zwei verliebte Menschen, die die Hände nicht voneinander lassen konnten. Zwei, die für immer zusammenbleiben sollten.

Aber sie hatte auf bittere Weise erfahren müssen, dass nichts für die Ewigkeit gemacht war.

Aimee holte tief Luft. Es gab kein Zurück mehr. „Toby braucht eine Knochenmarktransplantation, und ich komme als Spender nicht infrage.“

„Verdammt.“ Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Du brauchst meine Hilfe? Hast du nicht genug Geld? Musst du geeignete Spender suchen? Hilft dir ein Spendenaufruf? Ich könnte über den Fernsehsender etwas …“

„Ich möchte, dass du dich testen lässt.“

Da, sie hatte es ausgesprochen, kaum hörbar allerdings, sodass Jed sich vorbeugen musste, um sie zu verstehen.

„Warum ich? Ich gehöre nicht zur Familie …“ Er verstummte. Überlegte kurz. „Wie alt ist Toby?“

„Fünf.“

Sie hob den Kopf, hielt seinem verwirrten Blick stand. Sie bereute nicht, was sie getan hatte.

Damals hatte Jed von Heiraten nichts wissen wollen. Wie wäre er damit umgegangen, dass er Vater werden würde? Väter sind zuverlässige, stabile Menschen, die wie ein Fels in der Brandung stehen. Sie selbst hatte das große Glück gehabt, einen bewundernswerten Dad zu haben, der immer für sie da gewesen war. Männer, die sich nicht für ihre Freundin entscheiden konnten, geschweige denn an einer lebenslangen Bindung interessiert waren, hatten kaum das Zeug zu einem guten Vater.

Wie sie es auch drehte und wendete, sie kam immer wieder zu demselben Ergebnis: Sie hatte gut daran getan, Jed nichts von ihrer Schwangerschaft zu erzählen. Er hatte andere Pläne, und sie schmiedete ihre eigenen. Er war Australiens beliebtester Fernsehkoch geworden, von dem Millionen Frauen schwärmten, keiner wäre so sexy wie er. Sie hatte eine florierende Konditorei und einen Sohn, der ihr Leben vollkommen machte. Toby war glücklich. Sie war glücklich.

Bis Gott auf die Idee kam, ihnen den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

„Fünf“, wiederholte er tonlos, als rechne er in Gedanken nach. „Aber das heißt …“

„Er ist von dir.“

Aimee sank im Stuhl zusammen, schlang die Arme um ihre Taille, als müsse sie sich vor seiner Reaktion schützen.

Unglauben, Schock und Verwirrung zeichneten sich nacheinander in seinen Zügen ab. Seine Augen verdunkelten sich, trotz der Sonnenbräune war zu sehen, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg.

„Was?“

„Toby ist dein Sohn“, erklärte sie noch einmal und verlor endgültig den Kampf mit den Tränen.

„Mein Sohn“, sagte er sanft, als spüre er den Worten nach, um zu sehen, wie sie sich anfühlten. Dann explodierte der Zorn. „Mein Sohn? Was zum Teufel geht hier vor?“

Jed ließ Aimee keine Sekunde aus den Augen. Jeden Moment erwartete er, dass sie schallend zu lachen anfing und losprustete: „Angeschmiert!“ Mit diesem hellen, perlenden Lachen, das er vor vielen Jahren so geliebt hatte. Ein Lachen, das im Handumdrehen all seine Sorgen hinwegfegen konnte.

„Hör zu, ich weiß, es ist ein Schock für dich, und ich hätte mich nie an dich gewandt, wenn ich nicht völlig verzweifelt wäre, aber …“

„Moment! Warte mal.“

Er stand hastig auf. Zu schnell, denn sein Stuhl kippte um und landete auf den schwarz-weißen Fliesen. Jed widerstand nur knapp dem Bedürfnis, ihm einen kräftigen Tritt zu verpassen.

Nicht genug damit, dass die Frau, die er einmal mehr geliebt hatte als das Leben selbst, ihm erzählte, er sei Vater. Nein, sie machte ihm auch deutlich klar, dass sie nur aus Verzweiflung wieder Kontakt zu ihm aufgenommen hatte.

Vater.

Er schloss die Augen. Das Wort hallte durch seinen Kopf wie ein unheimliches Echo.

Wie konnte er Vater sein, wenn er keine Ahnung hatte, wie ein Vater war? Das konnte nur in einer Katastrophe enden.

Ein einziges Mal hatte er sich in dieser Rolle versucht. Als er Bud großgezogen hatte. Und wohin hatte es geführt? Nein, Vaterschaft war nichts für ihn. Manche Männer waren eben nicht dafür geschaffen, Verantwortung zu übernehmen, und er gehörte dazu.

„Jed, es ist hart für dich, ich weiß, aber bitte, schieb deine Gefühle erst einmal beiseite und denk an Toby.“

Er öffnete die Augen und starrte die Frau an, die ihn fünf Jahre lang belogen hatte. Eine Frau, deren dringende Bitte um ein Wiedersehen ihn einen verrückten Moment lang hatte hoffen lassen, sie könne noch immer etwas für ihn empfinden. Welch ein Witz. Leider war ihm überhaupt nicht nach Lachen zumute.

„Was bildest du dir ein, dass du glaubst, mit mir über Gefühle reden zu können? Du hast nicht die geringste Ahnung!“

„Du bist wütend.“ Mitgefühl schimmerte in ihren braunen Augen, und er hätte am liebsten mit der Faust gegen die nächste Wand geschlagen.

Er wollte ihr Mitleid nicht. Er wollte Antworten. Angefangen damit, dass sie ihm erklärte, warum sie ihm seinen Sohn vorenthalten hatte.

„Da hast du verdammt recht – ich bin wütend!“

Jed hob den Stuhl auf und setzte sich wieder. Matt fuhr er sich mit der Hand übers Gesicht. „Ehrlich gesagt, ich bin mehr als wütend. Meine Güte, was hast du dir dabei gedacht, mir so etwas Wichtiges zu verschweigen?“

Sie wurde blass. „Welchen Unterschied hätte es denn gemacht?“

„Unterschied in welcher Hinsicht? Als es um uns ging?“

Während sie nickte, senkte sie rasch den Kopf. Nicht schnell genug. Bevor die blonden Locken ihr Gesicht verhüllten, sah er das verdächtige Glitzern in ihren Augen.

Verflucht, er hasste Tränen. Sie machten ihn hilflos, und im Moment brauchte er seinen Zorn. Sie verdiente seine Anteilnahme nicht. Er ärgerte sich, dass er kaum widerstehen konnte, sie tröstend in die Arme zu ziehen.

Plötzlich kam ihm ein Gedanke, der ihn erneut wütend machte.

„Hast du deshalb von Hochzeit und Ehe geredet? Du wusstest, dass du schwanger bist, als wir uns trennten, und hast mir nichts davon gesagt?“

„Natürlich nicht!“ Ihre blassen Wangen röteten sich leicht und betonten die goldenen Flecken in ihren Augen. Ungewollt erinnerte er sich an Momente voller Leidenschaft und Hingabe, als sie vor Lust geglüht hatten.

„Wann dann? Wann hast du es erfahren?“

„Nachdem wir uns getrennt hatten. Ich war schon wieder in Melbourne, als ich es merkte.“

„Und hast dich entschlossen, ein Kind auf die Welt zu bringen, das seinen Vater nie kennenlernen sollte? Du hast eine Entscheidung getroffen, die uns beide anging, ohne mich einzubeziehen?“

„Aber es ging dich nichts mehr an. Du warst nicht da. Du wärst nie da gewesen!“ Ihre Brüste hoben und senkten sich, ihre Augen blitzten, und sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Tassen klirrten. „Du hast kein Recht, meine Entscheidung infrage zu stellen! Du hattest die Chance, mit mir zusammen eine Zukunft aufzubauen, das Leben zu leben, von dem wir so oft gesprochen haben, aber du hast einen Rückzieher gemacht. Du! Nicht ich. Warum sollte ich das Risiko eingehen, dass du auch meinen Sohn verlässt?“

„Unseren Sohn“, hörte er sich sagen. Ihre Vorwürfe lasteten wie ein schwerer Stein auf ihm.

Sie waren berechtigt. Er hatte das Beste, was ihm je begegnet war, aufgegeben und war gegangen. Nicht freiwillig allerdings. Er hatte Aimee verlassen müssen, um sie vor dem Skandal zu schützen, der ihre Beziehung früher oder später zerstört hätte.

Er hatte einen Entschluss gefasst, weil ihm keine andere Wahl geblieben war. Wie kam er dazu, ihr ihre Entscheidung vorzuwerfen? Es gab Wichtigeres, worüber sie reden mussten. Das Leben des Jungen zu retten, zum Beispiel.

„So kommen wir nicht weiter.“ Jed schluckte die Bitterkeit hinunter. „Erzähl mir von Toby.“

Ihre Anspannung wich sichtlich. Aimee lehnte sich zurück. „Meinst du, du kannst damit umgehen?“

Verdammt, wofür hielt sie ihn? Für einen nutzlosen, schwachen Kerl, so wie sein Vater einer gewesen war?

„Womit umgehen? Damit, dass ich plötzlich Vater geworden bin? Dass Toby krank ist? Oder mit der Tatsache, dass du mich belogen hast, was ich dir nie verzeihen werde?“

Er hatte sie verletzt, er sah es in ihren Augen. Kurz flackerten Schuldgefühle in ihm auf, verschwanden aber rasch wieder. Der Zorn überwog. Verbunden mit dem Schmerz, weil sie ihn offenbar für einen Mann hielt, der es nicht wert war, zu erfahren, dass er einen Sohn hatte.

„Mir geht es nicht darum, ob du mir vergibst oder nicht. Ich brauche deine Hilfe.“ Ihr bestimmter Ton stand in krassem Gegensatz zu ihrem totenbleichen Gesicht mit den großen Augen.

„Stimmt, du bist verzweifelt.“ Jed stieß sich vom Tisch ab, stand auf und marschierte ans Fenster. Einerseits hasste er sich für das, was er jetzt tat, aber er konnte nicht anders. Es drängte ihn, sie zu bestrafen, sie zu quälen, weil sie ihm nicht vertraut hatte.

„Es tut mir leid, Jed.“ Er zuckte zusammen, als sie ihn vorsichtig am Arm berührte, und brachte noch mehr Abstand zwischen sich und die Frau, die ihn erst so glücklich und dann so unglücklich gemacht hatte wie keine andere.

Draußen auf dem Bürgersteig beugte sich ein Mann zu seinem kleinen Sohn hinab, um ihn hochzuheben und ihn sich auf die Schultern zu setzen. Beide grinsten fröhlich, als sie ihren Weg die Straße hinunter fortsetzten.

Natürlich hatte er oft Väter und Söhne gesehen und nie dabei empfunden wie jetzt. Der unangenehme Druck in seinem Magen nahm zu. Ich habe einen Sohn und weiß nicht das Geringste über ihn. Jed war immer der Meinung gewesen, dass er nicht zum Vatersein taugte.

Allerdings hatte Aimee ihn nicht gebeten, seine Vaterrolle wahrzunehmen. Sie wollte lediglich einen Knochenmarkspender für Toby.

Nicht dass er sich deshalb besser fühlte. Im Gegenteil.

Er drängte die Gefühle beiseite und wandte sich ihr zu. „Mit meinem Ärger werde ich fertig. Erzähl mir, was ich über Toby wissen muss.“

Sie musterte ihn. „Gut“, sagte sie schließlich. „Wir haben nicht viel Zeit. Deshalb habe ich vorsorglich für heute Abend einen Arzttermin für dich vereinbart. Du kannst dich testen lassen und dich über alles informieren.“

Also hatte sie angenommen, dass er alles stehen und liegen lassen würde, um ihr zu helfen. Und das, nachdem sie im hässlichen Streit auseinandergegangen waren.

Ich brauche mehr Zeit, dachte er. Um mit der Bombe fertig zu werden, die sie gerade hatte platzen lassen. Um sich der Tatsache, dass er Vater war, voll bewusst zu werden. Um den Zorn in den Griff zu bekommen, der jeden Moment wieder zu explodieren drohte.

Doch da waren die drei kleinen Worte, die ihm nicht mehr aus dem Sinn gingen – nicht viel Zeit.

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