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Leipzig. Studentenroman

Weh denen, die Böses gut und Gutes böse heißen,

Die aus Finsternis Licht, und aus Licht Finsternis machen,

Die aus sauer süß, und aus süß sauer machen.

Jesaia 5.20.

(notiert in Leipzig am 9.10.1953)

1

Wie der reinkam in heller Uniform, der Ami, ich dachte, der schießt, sagte der Hausmeister

Die Haltestelle der Straßenbahn im Rücken lief Johannes den Gitterzaun entlang, der die Villa und den Park umschloss. Flieder duftete. An der Tischtennishalle begegnete er dem Hausmeister. Die wollten dich wohl nicht?

Sie redeten über den Lehrlingskurs. Du hast gefragt, wie das war, wie der reinkam in heller Uniform, der Ami, ich dachte, der schießt, sagte der Hausmeister.

Na, geh erst mal zu ihr hoch.

Auf die Tür geklebt: Trautmann. Kommen Sie rein. Auf dem Schreibtisch ein Tresor, auf dem die Brotbüchse. Sie sind die Nachbewilligung? Im Fragebogen klebte sein Passbild. Sie lachte. Sind wir die Pionierorganisation? Sie bekommen Grundstipendium. Lohnbescheinigung genügt. Lützner 75. Kenne ich, die Eltern hatten einen Laden in Lindenau.

Fünfundzwanzig fürs Zimmer? Ist in Ordnung.

Johannes fragte nach der Lebensmittelkarte, sie, ob er Radio hätte. Zuerst kommt die Moral. Karte C. Vorzugsversorgung. Mittagessen ohne Fleisch, leider, wegen der Nachmeldung.

Sie zahlte das Stipendium aus.

Seine Wachstuchbrieftasche klebte zusammen. Bei meinem Jungen auch. Spielen Sie Pingpong? Überwiesen wird zum Sechzehnten. Am besten, Sie nehmen die Sparkasse. Beim ersten Schmetterball zuckte sie zusammen. Sie stempelte den Fahrantrag. Wie ich das Ballgeklapper liebe! Zuerst in die Meldestelle. Von der Polizei zur Kartenstelle gehn, nicht umgekehrt.

Die Straßenbahn fuhr an. An der Schule Gertraude Schubert, Strickjacke, Kleid.

Die Innocentia liegt mir! Am Tischtennis eine lange Blonde. »Ich werde seine Frau oder gehe ins Wasser!« Sie lachten über eine Pointe, die er nicht verstand. Die Abiturklasse spielte Theater.

Warum kommst du erst jetzt? Sie standen in der Diele. Der schwere Leuchter ohne Licht. Mit dem Renovieren hatten sie angefangen, als die Russen die Villa freigaben. Im Klubraum steckten in einem Gummibaumkübel die Papierfähnchen vom Achten Mai. Jemand rief: Die erste fällt aus.

Wieder Möhren! Gewöhnst dich dran. Reiche Leute, müssen das gewesen sein, denen die Villa gehört hat, sagte Gertraude.

Von der Galerie hingen die rote Fahne und die blaue des Jugendverbandes.

Ein Dicker reckte den Kopf, hatte eine Kommandeurstasche umhängen, mit Schlaufen für Schreibzeug. Hieß Pockrandt. Ich brenne für die Literatur! Mir musst du das nicht sagen! Der antwortete, Rudi Gernitz, hatte die schwarzen Haare zur Bürste geschnitten.

Berliner, Pockrandt auch, sagte Gertraude. Sie mochte sie nicht, zog die Ringelsöckchen hoch. Böckler ist der mit dem Bein einknickt. Die Drei verschwanden im Treppenaufgang.

Jemand hielt ihm die Augen zu. Wer bin ich? Ein Hauch Parfüm. Irina. Du bist gesehn worden. Vieldeutig mit Augenaufschlag sagte sie das: Wo, wird nicht verraten.

Willkommen im Vorkurs. Bei den Werktätigen. Die Wimpern getuscht, sah sie ihn an. Die meisten, die da sind, kennst du, der Rest sind andere. Brigitta macht die FDJ, Regina ist oben. Die hatte ihn beim Abschiedsabend abgeklatscht, damals, in der Eingangshalle. Musst auf die Musik hören, hatte sie gesagt, Tanzen geht von alleine. Irina, in einer Bluse mit großen Blumen. Weil ihr Gestricktes nicht steht, du Dummer, hatte sie gesagt.

Haben sie dir Schwierigkeiten gemacht? Mir kannst du’s sagen.

Abgelehnt.

Hast du eine Vermutung?

Mein Vater ist Angestellter.

Die Unsichtbaren durchforschen die Fragebögen, sagte sie, das wird’s kaum sein.

Er stolperte ins Klassenzimmer, in den Dachraum. Den Balken hatten die Bauleute stehen lassen. Die schrägen Wände kannte er, das Kabuff dahinter auch.

Gernitz ist der mit den schwarzen Haaren, wenn er nicht an seiner Zigarette zieht, redet er.

Irina stellte Johannes vor. Willkommen bei der Arbeiterklasse, du Nachbewilligter, sagte Gernitz. Genosse bist du nicht. Eine Willensmaschine, das war ihm anzusehen. Wusste er was? Die Pelikan hat Vertretung, rief jemand. Klaus Grimm zeigte auf einen Stuhl. Für dich. Sie kannten sich aus dem Lehrlingskurs. Mich haben sie zum Sportverantwortlichen gemacht. Einen Posten hat fast jeder.

Außer mir, sagte Irina.

Brigitta Richter stieg über die Schwelle. Die Pelikan vertritt Heise. Kann einem leidtun mit seinen Prothesen. Den hatten die Engländer abgeschossen. Die Klasse nahm Platz. Der neben ihm nuschelte was, streckte die Hand hin. Er entdeckte in der ersten Reihe Regina, dachte an Ruth. Von ihr hatte er sich nicht verabschiedet. Wie auch? Die Mutter war am Telefon gewesen, er hatte aufgelegt. Auf der Fahrt war er das dumme Gefühl wegen Ruth nicht losgeworden. Im Zug hatte er stehen müssen in so einem Verbindungsstück zwischen den Waggons.

Einer im dunklen Jackett lachte ihn an.

Sie sind neu, hatte ihn Frau Pelikan begrüßt. Als es Pause klingelte, hüpfte sein Nachbar hoch und hielt sich mit einer Hand aufstützend an der Tischplatte fest. Ich bin der Wolfgang Böckler, ein Arm hing herunter.

Die zweite Stunde war Geschichte. Der im Jackett kam dran, kaum war der Dozent, Herr Arnold, hereingekommen. Wo sind wir stehn geblieben? Das möchte ich von Herrn Eichler wissen. Es gehörte zu ihrem Spiel, was Johannes nicht wissen konnte. Dass sie Barbara hieß, auch nicht. Dieser Dozent und Friedhelm Eichler standen wegen ihrer Liebesgeschichte in einem gewissen Verhältnis.

Barbara gehörte in die bibliothekarische Vollausbildung, sang im Schulchor, war Abiturklasse, Friedhelm dagegen war Vorkurs, Werktätigenklasse. Arnold, semmelblonder Mann mit lichtem Haar, der zwei Kinder hatte und verheiratet war, hatte sie Friedhelm ausgespannt. War auf einem Schnellboot gefahren, Maat, aus amerikanischer Gefangenschaft als Student nach Leipzig gekommen, inzwischen Lehrkraft. Mit dem Pagenkopf die hatte Friedhelm noch im Kopf, im Blut, sonstwo, und kam er früh manchmal an, grau im Gesicht, die Hosen zerknautscht, Zigarette im Mundwinkel und sah dann, wie Arnold die römische Kaiserzeit durcheilte und wieder mal fragte, wo sind wir stehen geblieben, schluckte er.

Ich war ihr zu unsicher, Hannes, sagte Friedhelm, da kannten sie sich schon besser. Bis ich verdiene, vergehn drei Jahre; die sucht was Festes, er kann es außerdem unheimlich lange anhalten, und Johannes, der nicht begriff, was gemeint war, half er aus: Bis er kommt, ich meine, explodiert.

Friedhelm nannte sie Barbara, zärtlich Bärbel: Die genießt das. Den Anfang erzähl ich, weil du nicht quatschst: Die Wirtin, bei der sie wohnte, hatte immer mal Männerbesuch. Im Schaukelstuhl, in dem jetzt Arnold sitzt, hab ich gesessen, und wie die Bärbel aus der Küche kommt und mich sieht, ohne alles, zieht sie sich, wie in Zeitlupe, aus. Der Stuhl knarrte beim Schaukeln, bis nichts mehr zu hören war. Jetzt kniet der Arnold zwischen ihren Beinen.

In der Pause rauchte sich Friedhelm eine an, als er das erzählte. Mit dem Qualmen fang besser nicht erst an. Ich komm zurecht, solange das Stipendium reicht – fürs Essengeld, die Straßenbahn, Hefte, Briefmarken, Miete, Zigaretten. Übermorgen bin ich blank. Mit Klimpern komm ich über die Runden. Die Bärbel hatte er damit eingefangen. Wenn er im Klubraum spielte, lehnten die andern am Flügel oder hatten zum Sitzen was mitgebracht. Spiel was. Für Böckler wars Klimpern. Wat denn? Na, das, und Böckler klopfte mit seiner gesunden Hand den Takt. »Du, du, du, lass mein kleines Herz in Ruh.« Warum nicht gleich so, Pomuchelskopp?

2

Die älter sind, reden nicht mehr drüber, dass sie Pimpfe waren. Ich war einer, du nicht, du warst zu jung dafür

Friedhelm liebte summer time über alles, und manchmal spielte er es nur für sich. Den Tobs-Pucki raste er herunter, Die Zwölfte Straße. Die lange Blonde, die in der Schule Theater spielte, hat gesungen. Manchmal kam das Mädchen aus der Sprechstunde. Mit der bin ich das erst Mal raus, das war hinten im Park, wir wollten beide. Du warst noch nicht reingeschneit in die Klasse. Manche guckten natürlich. Dass ich nicht der Mann fürs Leben bin, wissen die, bloß die große Liebe, die hat Arnold mir ausgespannt.

Die Barbara, wenns drauf ankommt, denke ich, lässt er Frau und Kinder sausen. Der kanns ungeheuer rauszögern, der Arnold, mit Kognak, auf Matrosenart, sie lässt sich schaukeln, wippt wie ein Engel auf der Himmelsschaukel. Ich bin eifersüchtig, gebs zu.

Er fingerte eine Zigarette aus der Packung. Über ihnen rauschte der Wind durchs Leutzscher Holz, als er das erzählte. Ich wette, Arnold ist auch eifersüchtig, der weiß, wen ich in den Händen hatte. Wenn Arnold in der Partei wäre, der SED, hätte die Familie vielleicht eine Chance, wenns diese Distanzierung aus Parteigewissen überhaupt gibt. Wenns im Blut rauscht, hilft am Ende auch die Partei nicht mehr. Er kniff die Augen zusammen: Ja, da muß man sich doch einfach hinlegen. Wenn er das zu später Stunde sang, lag er fast auf den Tasten, und manchmal sagte er, wenn sie nicht wussten, wie weiter: Das wird uns jetzt der Herr Eichler sagen. Damit brachte er jeden zum Lachen.

Das Abzeichen, von dem so viel Macht ausgeht, hab ich mir bei Rudi, wenn der die Zigarette hinhält zum Anrauchen, genauer beguckt. Die älter sind, reden nicht mehr drüber, dass sie Pimpfe waren. Ich war einer, du nicht, du warst zu jung dafür. Döring Walter, der von Halle zur Büchereischule gekommen ist, Chemiearbeiter, war Pimpf. War vom Alter her sicher auch HJ. Bloß Rudi will nicht drin gewesen sein, was ich ihm nicht glaube. Ich merks, wenn er sagt, der ist eine große Nummer. In der HJ waren die allermeisten. Anschließend gings zum Arbeitsdienst, danach zur Truppe. Wenn Rudi sagt, Brigitta wird das schon schaukeln, redet er so, die Sprache, die ich meine, oder wenn Müller, der Sport gibt, den Haufen rumgescheucht hat. So was hörst du bei Rudi ständig. In der Domholzschänke, als wir auf Wanderung waren, sagte er zu mir: Bist ohne Marschverpflegung, sieht dir ähnlich, musst den Affen eben ordentlich packen, nicht bloß den Kamm einstecken. Du weißt, was der Affe ist? Der Tornister.

Böckler hat das Pimpfalter auch, der könnte bloß nicht in Marsch gesetzt werden, das Hinkebein, kein Bett bauen, keine Kochstelle anlegen, nicht Wolf sein. Bei der Wolfsjagd waren drei die Wölfe, drei die Jäger. Oder Spähtrupp gehn. Ist ihm erspart geblieben, dem Böckler. Mit Halstüchern und Schulterriemen die Erwischten an Bäume fesseln. Allenfalls Zapfen sammeln hätte er gekonnt mit seiner Hand. Zum Faschinieren, Schanzen, Schippen taugt er nicht. Kann kein Schanzer sein, kein Schipper. Mich haben sie mal geknebelt, scheußlich, Luftspäher war ich, das hätte der Wolfgang mit seinem lahmen Arm machen können, ’ne »Rundschau« halten, was »Zeitungsschau« war, »Lagerwart« sein, einen »Bunten Abend« ausrichten. Sagt dir was? Natürlich sagt uns das was. Alles da, plötzlich, wieder da, ohne Jungenschaftsbluse, Hose, den Mantel. Jungvolkjungen sind hart, schweigsam, treu. Du wärst richtig gewesen, Hannes, verschwiegen wie du bist. Bin ich in Fahrt. Heilig Vaterland!

Dass sich Böckler an die Partei hängt, wer will ihm das verdenken? Ich machte das vielleicht auch in seiner Lage. Die Partei fängt ihn auf. Friedhelm drückte die Zigarettenkippe aus. Eine hab ich noch. Mit der Partei kommt er überall durch, das weiß der Wolfgang. Ich stelle in Rechnung, dass er’s weiß. Hoffentlich weiß es die Partei auch, dass sie so viel Schwachheit anführt. Ist acht Jahre her, dass sich der Mordsqualm verzogen hat, sich die Führernachwuchslager auflösten, die Morgenfeier nach dem Stubendurchgang aufhörte, dass Schluss war mit Schichtunterricht.

Jungen, die übrig blieben. Kennst du? Ich hätte der allerletzte sein können, dens erwischt. Er zeigte über den Gitterzaun, der den Park einfasste. Nichts zu sehn außer dicken Eichen, dahinter der Auwald, in dem diese Ungetüme stehn. Brigitta hat vorgeschlagen, dass wir ihn einladen, den jungen Schriftsteller. Mutti kennt ihn, sagt sie, und seitdem heißen wir so, Loest.

Warst nicht dabei, als die Klasse das festgelegt hat, die FDJ. Hand gehoben, fertig. Ist russisch. Das Kollektiv muss einen Namen haben. Ich geh erst mal schiffen.

Das Buch hab ich verschlungen, sagte Johannes, wenn in der Ausleihe Flaute war. Beim Bücherranholen war zum Lesen Zeit. Friedhelm fingerte die letzte Zigarette aus der Packung, rauchte, sagte dann ohne Überleitung: Wenn ich du wäre, ich würde Regina nehmen, solange sie noch zu haben ist. Die gefällt dir doch? Hast du’s schon mal gemacht mit einer? Am besten, er drückte die Kippe aus, wenn du meine Meinung hören willst, ist eine, die ihn dir reinsteckt.

An der Schule lief ihm Irina in die Arme. Warst sicher mit Friedhelm unterwegs. Lass dich bloß nicht verführen.

Sie saßen im Klubraum, bis der sich leerte. Er bewunderte den Auwald, und sie kam auf die Auwald-Wanderung zu sprechen. Warst nicht mit, leider. Ich weiß, du musst nachholen. Ich erzähls, damit du weißt, wie der Hase läuft. Inzwischen hat sich alles einsortiert. Hast was verpasst. Ein Sonnentag war das, ich dachte, Waltraud fliegt auf den Harry Matter, als wir durch die Schonung japsten. Plötzlich hörtest du sie nicht mehr. Brigitta und Rudi waren auch nicht aufzufinden. Klaus eifersüchtig auf Gitti. Die hat sich Pockrandt, denkt er, inzwischen untertan gemacht. Sie redete schnell, spitz, ohne Pause. Ich bemerkte nicht, dass Brigitta mit Rudi im Kraute lag, so hoch stand das Gras, wenige Schritte vom Rastplatz. Walter erwähnte sie nicht. Walter fuhr übers Wochenende zu seiner Frau. Böckler lag am Wiesenrand, pennte. Ich war allein mit Pockrandt, wartete auf sportliche Höchstleistungen. Radschlagen hat allerdings nicht stattgefunden, dafür Mittagsschlaf. Die Sonne spendete uns sieben Hanseln Wärme, es knackte im Gehölz. Ein Wildschwein, rief Waltraud. Ein Hund, korrigierte Harry. Die Waltraud ist in Ordnung. Sie sucht einen Mann, bloß nicht den, zwischen denen hats nicht gefunkt.

Das war spät abends, als Johannes nicht einschlafen konnte. Ihm fiel ein, wie Irina redete.

Die Genossen führte Rudi an, ein begnadeter Agitator, mit einer zum Daumen hin kippenden Schrift.

Manchmal sah Irina ihn aus ihren Mandelaugen an, wie gestern, als sie sagte: Wie komme ich dazu, mit Leuten, die ich nicht leiden kann, ins Kino zu gehen oder ins Theater, nur weil sich die Klasse, das Kollektiv, verpflichtet hat? Bin dann gegangen, um meine Ruhe zu haben. Dieser Dresdner Schnappe war Rudi Gernitz nicht gewachsen, auch Pockrandt nicht, bei dem die Lippen, wenn er Papier beschrieb, mitschrieben. Anfangs bestimmte er über die Wandzeitung. Du, Hannes, legte er fest, schreibst über den »Waffenstillstand in Korea. Die Welt atmet auf. Einigung über alle Punkte des Waffenstillstandes in Korea.« Schreibgier zeichnete Pockrandt aus.

Wenn Johannes an diesen Menschen dachte, war es, als hätte der heiße Juni, der auf sie zukam, schon angefangen, ein Juni, in dem sie sich an den Augen erkennen werden, am Widerwort, dem Schweigen.

Alles Mögliche war ihm durch den Kopf gegangen. Im Traum hatte er mit Irina den Park umrundet. Am Schießstand der GST waren sie stehn geblieben. Noch nie in meinem Leben habe ich geschossen, du, als Mann, bestimmt. Ich auch nicht, was sie wunderte. Bloß einen Dolch haben sie mir geschenkt, den ein Junge anbrachte, aber das sagte er nicht. Das musste Irina nicht wissen, wie das war, als die Jungs aus dem Sägewerk, die Rüger kommandierte, den Bahndamm stürmten.

Pockrandt, sagte Irina, das ist ein Gedankensprung von mir, hab ich auf der Wanderung erkannt, keine Kraft, der spritzt mit dem Füller. Nichts Doppeldeutiges war in ihren Mandelaugen, als sie das sagte. Gernitz lästerte, Pockrandt solle nicht so faul sein, bist schon schlapp, ehe der Wald anfängt, aus dir wird nie ein Sportler. Pockrandt, schweißüberrieselt, wehrte sich. Klaus ist ein Schreibekünstler, was Brigitta imponiert. Sie denkt vielleicht, als Gruppensekretär hat sie die Partei hinter sich und wird in Ruhe gelassen.

Die Sprungfedermatratze knarrte. Kein Laut war von der Lützner Straße zu hören. Wird kalt werden, wenn der Winter kommt. Das Zimmer lag überm Durchgang zum Innenhof.

Reden können die, sagt Irina. Rudi redet dich besoffen. Wie er von Italien erzählte, von den Kämpfen dort, schlief ich ein. Regina hat zugehört. »Und da kracht aus dem Dunkel eine Eisenstange in die Wand, die Kanone. Nie wieder!« So redete der. Wie ich mir erleichtert die Augen reibe, ich unter meiner Decke, zündet sich Rudi eine Zigarette an.

Die qualmten was zusammen in der schönen Natur, Friedhelm mit, der am Mönch Hugo, das waren solche Geschichten, strickte. Dem Friedhelm fällt dazu immer Neues ein. Zum Beispiel. »Junge, werde Bergmann, die Kohle ist das Brot der Industrie, sagt Petrus zu Hugo, der will aber nicht zur »Wismut«, sondern Bibliothekar werden. Weise dich aus, sagt Petrus, und wie Hugo vom Vorbereitungslehrgang das Zwischenzeugnis vorzeigt, das wir noch gar nicht haben, sagt Petrus, nein, das genügt nicht.« Hat der eine Phantasie, der Friedhelm. Fressen dich auf, die Biester, ruft er dazwischen und springt auf, vertreibt die Mücken mit Rauchen.

Im Waldgasthaus hat er sich ans Klavier gesetzt. Lady Be Good. Oh, himmlisch! Anfangs wollte die Wirtin nicht, danach stellte sie ihm sogar ein Bier hin. Hast wirklich was verpasst, du unbeschriebnes Blatt, ich habe mir ein Bild gemacht über jeden, der mit war, von dir konnte ich mir leider keins machen.

3

Böckler fragte: Bist kein Genosse, hätt ja sein können. Willst eintreten? Wenigstens der muss Arbeiterkind sein, dachte Friedhelm.Wenn es die Ausnahme nicht gibt, ist die Regel falsch

Johannes und Böckler hatten ihren Platz im Seitengiebel vom Dachraum, ein bisschen versteckt. Wenn Gernitz zu spät kam, fast regelmäßig, was ihn nicht störte, sah er sie von der Seite. Hochkonzentriert zählte er Gründe für sein Zuspätkommen auf, benannte Hindernisse, Unvorhersehbares, strich übers schwarze Haar und nahm dann Platz. Über Eck Walter, neben ihm Harry Matter und so weiter.

In der Schule stellten die Mädchen die Mehrheit. Langweilige Stunden gabs auch. Wenn die Wolken trieben, der Wind die Äste zum Dachfenster herüberbog und die an der Villa kratzten, die keine mehr war, hingen sie ihren Gedanken nach. Solche Unterrichtsstunden hatten das Gesicht wie Herr Boden oder Frau Pelikan. Manche Stunden bestanden nur aus Stoff, mit Deutsch, Chemie, Physik, Mathematik, Biologie, Gesellschaftskunde, Methoden des Lernens, einmal die Woche sechs Stunden.

Die Bücherei hatte geschrieben. Wenn du Lust hast, könntest du auf dem Dorf Büchereileiter werden, schrieben sie. »Wollen in Deiner Klasse alle im Büchereifach bleiben? Daß wir im Wettbewerb stehen, kannst Du nicht wissen. Bei uns ist morgen FDJ-Überprüfung, der feierliche Dokumentenumtausch, da sind alle Jugendlichen eingespannt, kannst Dir denken, wie es bei uns zugeht. Die ersten Leser strömen in die Ausleihe. Du fehlst eben an allen Ecken und Kanten.«

In die Bücherei zurück wollte er nicht. Was ich verpasst habe, schreibe ich nach, berichtete er Ruth.

Über die Philipp-Müller-Gedenkfeier schrieb er: »Alle hauen tüchtig auf die Pauke. In meiner Klasse guckten sie, als hätten sie Fischgräten verschluckt.« Johannes strich den Namen. Ruth fragte zurück: Was für eine Gedenkfeier? In Trauerbalken der Erschossene. Habt Ihr zu Hause keine Zeitung? fragte er Ruth.

Vater mahnte: »Daß Du zum Monatsende die Lebensmittelkarten nicht verfallen läßt, hole, was Du zu bekommen hast. Fett!!« Max Schneiders Zettel lag bei. »Schmierpapier kaufe Dir ja keins, das hebe ich auf, denn das wär ja Wasser in die Pleiße getragen. Ich hoffe, daß wir uns hier mal paar vergnügte Stunden machen können. Dein Arbeitskamerad Max Schneider.«

Mutter mahnend: »Laß es nicht am Essen fehlen, ist falsche Sparsamkeit, es gibt auch Buttermilch auf die Karte. Laß keine Marke verfallen. Kann Deine Wirtin nicht mal was Grünes zubereiten? Denk dran, den Tee kochen, Salbeitee ist überall zu haben. Nimm viel Zucker. Sollst viel an die Luft gehen.« Vater fragte: »Bekommst Du die bessere Lebensmittelkarte oder nur die Grundkarte? Hier las ich, die Fischkarte a.) und Fischkarte b.) verfällt am 5. Juni. Achte drauf, daß Du nichts einbüßt. Die Milchkarte muß in einem Milchgeschäft angemeldet werden. Vielleicht die Milch dort gleich trinken.«

»Meine Wirtsleute sind in Ordnung«, schrieb er zurück, »mit der Verpflegung komme ich aus. Wenn Ihr wollt, schickt Gemüse und die Trainingshose. Stipendium gibt es am Sechzehnten. Ob ich Pfingsten kommen kann, weiß ich noch nicht. Verschiedenes wäre zu besprechen, mir fehlt die Zeit. Natürlich gehe ich an die Luft.«

Die Eltern warteten auf Post, nicht nur auf die schmutzige Wäsche. Vater warnte vor Überanstrengung, kannte jemand, der Straßengräben ausräumte und lateinische Wörter schrie. Diese Zeit war untergegangen, eine neue hatte begonnen, Zukunft, die noch nicht angefangen hatte, als er am Elsterflutbecken wartete und Möwen über flaches träges Wasser segelten. Regina suchte den Mann zum Heiraten und Kinderkriegen, wie sich herausstellte, und fand ihn. Die ist ein tiefes Wasser, Hannes, meinte Friedhelm, ich wäre ihr zu unsolide. Beim Ausflug zur Domholzschänke hatte sie den hell­blauen Pullover an. Die sucht was Festes, die solltest du dir nehmen. Küsse, später am Flutbecken, waren alles. Sie sagte nicht, ich liebe dich, höchstens, ich denke, dass du nicht plauderst.

Friedhelm hatte schmale Lippen, der Mund war bissel breit geraten, hatte das Haar angefettet, damit die Locken anliegen, die Hosen waren durchgesessen, das Jackett ramponiert. Du flunkerst, Friedhelm, sagte Regina mal, als sie am Flügel stand, dir glaub ich nur die Hälfte. Die reicht mir, sagte er und zog mit dem Daumen einen Strich über die Tasten. Dein Pullover gefällt mir, sagte er, um sie zu ärgern.

Johannes hatte Versäumtes aufgeholt, und Böckler fragte: Bist kein Genosse, hätt ja sein können. Willst eintreten?

Bei Wolfgang Böckler hatte die Zangengeburt einen Sprachfehler zurückgelassen, er kam damit zurecht, nuschelte zwar, aber im Unterricht war es manchmal einfacher, beim Nuscheln eine halb­richtige noch brauchbare Antwort zu geben. Im Stillen nannte Friedhelm den Böckler Pomuchelskopp, weil der bei Fritz Reuter vorkam. Böckler werde ich nicht vergessen, dachte Johannes, ausgeschlossen.

Vater suchte manchmal verzweifelt nach Namen, weil er dachte, er könnte wegen Altersschwachheit Namen vergessen haben, wie den Namen des Kameraden, mit dem er in Gefangenschaft auf einundderselben Pritsche gelegen hatte und der so fürchterlich schnarchte. Beim Hauptmann Ostermann passiert mir das Namensvergessen nicht, niemals, unmöglich, was der Ostermann mich gepeinigt hat, erzähl ich dir mal später, für den Fall, dass du die Geschichte brauchst, wenn du drüber schreiben willst. Der Ostermann war in Schriftsachen vollkommen hilflos, zum Glück, die hätten mich vielleicht sonst an die Front geschickt.

Im Kabuff hatte Rudi Gernitz von einem Schriftsteller erzählt, den er glühend bewunderte, und jetzt ging es ihm genauso, er vergaß den Namen, und fragen wollte Johannes nicht, die Unterrichtsstunde schleppte sich hin, bis ihm der Name einfiel, Curzio Malaparte, vielleicht war der auch Panzerfahrer gewesen. Langweilige Stunden vergingen so.

Beim Skaten nuschelte Wolfgang nicht. »Denn man tau!« Mit links hob er ab. Die rechte Hand fürs Kartenhalten legte er als Hilfe auf den Tisch. Dass seine Knöchel das aushielten, wenn er auftrumpfte? Friedhelm am Bierdeckel strich an. Am Flügel mussten sie ohne ihn auskommen, die Zigarette im Mundwinkel, Ascher in Reichweite, in dem fand sich die verlorene Zeit auch. Die Schultern eingesunken, Kragen offen, selbstvergessen saß er so im Klub­raum, spielte, fand immer eine, die mitging.

Zerknautscht kam er früh an. Natürlich bemerkten die Mädchen das. Er wehrte sich. Dein Seidentuch, Irina! Wo denn? Da war was am Hals, den sie kunstvoll umschlungen hatte. Am liebsten hätte sie die Zunge gezeigt. Die Woche über gehört Walter ihr. War deiner, Walter? Was? Der Fleck? Verschämt hat er gelacht, als Friedhelm das sagte. Die machen es ganz heimlich, behauptete er.

Die Sorte Männer mag ich nicht, sagte Regina über ihn. Manches übersah sie. Ausgetretene Halbschuhe hatten alle, Friedhelm schiefe Absätze. Dem Unterricht folgte er mühelos. Vater Offizier, gefallen, Mutter jetzt Arbeiterin, seit dem Krieg geschieden.

Die Oberschule hatte Friedhelm abgebrochen. Über Gründe redete er nicht. In einer Stadtbücherei hinter Torgau auf der anderen Seite der Elbe, in dieser Kieferngegend dort, hatten ihn die Kollegen zum Vorbereitungslehrgang delegiert. Bei mir kams vermutlich auf die Mutter an, sagte er. Bist vielleicht auch so ein Arbeiterkind, Hannes? – Mein Vater ist Angestellter. Aus dem Steuerbeamten war in der Genossenschaft des Bäcker-, Müller- und Konditorenhandwerks inzwischen ein Buchhalter geworden.

Waren die meisten in der Werktätigenklasse unecht? Katzengold? Wie Siegfried, Siggi? Der Unternehmersohn schleppte die Büchertasche als Arbeiterkind zur Oberschule. Böckler ist Arbeiterkind. Wenigstens der muss Arbeiterkind sein, dachte Friedhelm.

Mittagspause. Wolfgang hüpfte die Treppenstufen zur Terrasse herunter. Im Sonnenschein die Unternehmervilla, die das nicht mehr war. Wat seggt denn min Meckelnbörger? meinte Friedhelm. Der dritte Mann fehlte. Klimperst? Wenn du borgst? Pimperst, reimte Friedhelm. Wolfgang strahlte. Denn man tau.

Den Rasen schnitt der Hausmeister, der erzählt hatte, wie das war mit den Käppis und den Mützen, als die Russen ankamen. Die Offiziere hatten runde Mützen auf und dem Hausmeister Papyrossi angeboten.

Wenn Wolfgang auf der Siegerstraße marschierte, war das zu hören. Immer. Denn helpt dat nich und zog ihnen die Hosen runter, spielte sie blank. Beim Mitschreiben verließ er sich auf Johannes.

Das Sortieren im Kopf war das Schwierige, im Unterricht die Hauptpunkte erfassen, Mitdenken, Leerlauf unbeachtet lassen, über Phrasen drüberspringen, entwässern, kondensieren, Übertreibungen ausscheiden, den Superlativ streichen, nicht im Redebrei versinken, die Phrasen aber auch nicht ganz vergessen. Man musste sie parat haben, wenn sie gebraucht wurden. Friedhelm sprach vom Aufschwemmen, Aufblasen.

Frau Dr. Darge vermied das. Sie fing den Unterricht mit einer These an, womit sie die Richtung angab, oder stellte eine Frage. Deutsche Literatur und Weltliteratur gabs, viel Goethezeit, etwas davor, die Zeit danach und die jüngste Zeit. Johannes hatte Arnold Zweigs Junge Frau von 1914 regelrecht verschlungen, Erziehung vor Verdun, Döblins Alexanderplatz. Was solche Schriftsteller zustande brachten, bewunderte er. Literatur kann das, Sprache, wenn sie eindringt. Es muss weh tun, sagte Friedhelm.

Was die Struktur war, was Frau Dr. Darge als das Skelett bezeichnete, erklärte sie. Ging die Stunde zu Ende, fasste sie zusammen. Sie warf dem Nachbewilligten hin und wieder einen winzigen Blick zu, als freue sie sich, aber vielleicht bildete er sich das nur ein.

Als die ersten Schultage angefangen hatten, schwirrte ihm noch der Kopf. Das legte sich. Fremdwörter schrieb er auf, schlug nach, büffelte Physik und Chemie, mehr als Grundlagenwissen wars nicht, was geboten wurde.

Bald reihte sich ein Schultag an den nächsten.

4

Früh am Lindenauer Markt an der Haltestelle klebten Maueranschläge. Der Atem der Geschichte wehte ihn an

Unbegreiflicherweise verpasste er diesen Junitag. Brot? Er konnte das Gesicht der Bäckersfrau in der Bäckerei Ecke Lützner Straße nicht deuten, der Laden leer. Bei Wolframs ein Zettel. Sind im Garten. Er hatte im Schwejk gelesen. Du lachst dich krank, Hannes, den gib mir schnell zurück, am besten morgen, sagte Eichler.

Auf der Georg-Schwarz-Straße Lastwagen, er hatte gewartet, bis sie vorbei waren. Und du willst nichts bemerkt haben!? Das war am Tag danach. Nichts gesehn haben, geht nicht.

Vielleicht Fahnen, aber wer guckt auf Fahnen?

Am Lindenauer Markt früh an der Haltestelle klebten Maueranschläge. Der Atem der Geschichte wehte ihn an, deutsch, russisch. Du willst vom Ausnahmezustand nichts gemerkt haben?! Du lügst! Ist Fahnenflucht, was du dir geleistet hast, war Pockrandt auf ihn zugestürzt. Dir da geleistet hast, nuschelte Böckler.

Wir liegen in Alarmbereitschaft, selbst die Mädchen, sagte Rudi Gernitz eher vorwurfsvoll, und du zeigst dich nicht.

Auf dem Fensterbrett Gewehre. Wir haben ein Recht drauf, dass wir wissen, wo du warst.

Bei mir.

Die Hand vorm Mund, Gertraude.

Bei Wolframs.

Du lügst?

Ich hab gelesen. Den Schwejk.

Erzähl uns das nicht!

Fahrt hin. Liegt dort. Walter bot sich an.

Es kam nicht dazu. Die Schärfe war raus.

Jetzt fragte Johannes. Was soll ich nicht mitgekriegt haben?

Na das, den Angriff auf unsere Grundlagen.

Wenn die politisch werden, friere ich, sagte Irina, als das überstanden war. Trotzdem, ich hatte den Eindruck, sie waren froh, als du reinkamst.

Irgendwas, Hannes, musst du doch mitgekriegt haben.

Lastwagen, Leute, vielleicht Fahnen.

Tarnung, sagte Rudi.

Ich weiß nicht, ob Fahnen waren.

Aber etwas musst du doch mitgekriegt haben?

Als Soldat war Rudi Gernitz bei den Panzern gewesen. Redete, die Zigarette zwischen den Fingern, die nicht ausging. In so einem Panzer hatte er gesessen und für einen Moment die Hände auf die Ohren gepresst. Freunde, sie oder du, im Krieg hast du keine Wahl! Das stand bei Curzio Malaparte. Ich hab plattgewalzte Menschen gesehn, das nämlich meint Die Haut, der Roman.

Beim nächsten Mal, Hannes, bist du, zack, zack, bei der Truppe.

Das es nicht geben wird! das nächste Mal! sagte Pockrandt, Parteiabzeichen am Blauhemd, an der Brusttasche. Er sah uns aus zusammenstehenden Augen an, uns alle, die wir zwischen diesen schiefen Wänden im Dachgeschoss standen. Hast allen Grund, klassenbewusst aufzutreten! Die Drohung blieb ihm im Ohr, die konnte er nicht vergessen.

Klaus Pockrandt hatte Dantons Tod gelesen, ihm das Reclam-Heft in die Hand gedrückt, die Stelle angestrichen, blau, dick, und vorgelesen, vor der Gruppe. Robespierre: »Die soziale Revolution ist noch nicht fertig; wer eine Revolution zur Hälfte vollendet, gräbt sich selbst sein Grab. Die gute Gesellschaft ist noch nicht tot, die gesunde Volkskraft muß sich an die Stelle dieser nach allen Richtungen abgekitzelten Klasse setzen. Das Laster muß bestraft werden, die Tugend muß durch den Schrecken herrschen.«

Die Tugend muss durch den Schrecken herrschen. Wenns stimmt, hat die Tugend die Panzer geschickt, sagte Friedhelm.

Wem kann ich trauen? Niemand. Die Frage war beantwortet. Wir verwandeln uns, sie hatten sich auf die Gefahr eingestellt.

Dass du nichts mitgekriegt hast, sagte Pockrandt, das konnte er nicht vergessen. Es war so. War es so oder anders? Pockrandt kam nicht drüber weg. Immer waren beide Seiten betroffen.

Der Regen hatte die Plakate vom Ausnahmezustand Tage später nicht abgeweicht, sie wurden abgekratzt, die am Lindenauer Markt, anderswo, überall. Gertraudes Eltern berichteten aus Görlitz, dass Arbeiter die Bonzen zur Besichtigung in einen Hundezwinger gesperrt hätten. Uta Schäfer hatte Parteiabzeichen auf der Straße liegen sehn, weggeschmissene. In Großenhain auch, sagte Klaus Grimm. In Jena haben sie Straßenbahnen zusammengeschoben und einem Panzer den Weg verlegt, erzählte Ursula Uhlmann. Gertraudes Bruder war am Theaterplatz dabei, wo vom Italienischen Dörfchen bis über die Brücke zum Neustädter Markt die Straßenbahnen standen, überall Menschen, Polizei dazwischen, Russensoldaten auf Motorrädern und welche auf Lastwagen mit Maschinengewehr.

Stimmt, sagte Irina, die Lastwagen fuhren Kurven, um die Menschen an der Zusammenballung zu hindern. Jedes Mal, wenn ein Motor anlief, berichtete ihre Schwester, rannten Leute hin, umstellten das Fahrzeug, verhinderten das Weiterfahren. Wieder welche fluteten über die Gleise. Jemand nahm den Bügel von der Oberleitung. Den hätten sie abschießen können. Gefährlich wurde es, als Russensoldaten mit vorgehaltnem Gewehr, Messer dran, in Kette ankamen. Die haben den Postplatz geräumt, bestätigt meine Mutter. Mein Bruder ist schnell in die Straßenbahn und nach Weinböhla, wer weiß, was ihm passiert wäre.

Wolfram fährt auf dem Hauptbahnhof Rollkarren, er hats am Markt brennen sehen, der Pavillon der »Nationalen Front« brannte lichterloh, die Propagandabude, sagt Wolfram. Die Leute gucken, manche lachten. Welche sind mit dem Fahrrad ganz nahe dran vorbei an den Russen. Vom Bahnhof aus zogen die Leute in die Innenstadt, mit einer schwarz-rot-goldnen Fahne, vielleicht an einer Wäschestange. Wolframs sind gleich im Garten geblieben.

Gertraude, vorsichtig: Hast du wirklich gelesen?

Ja, wirklich.

Irina blieb skeptisch, ob bei den Leuten in den Augenwinkeln Schadenfreude zu sehen war, als Johannes das sagte, der Pavillon wäre abgebrannt. In Augenwinkeln siehst du nicht viel.

Mir hats genügt, Irina. Im Haus der FDJ auf der Ritterstraße hatte er Gardinen aus den Fenstern hängen sehn, die hingen wie weiße Fahnen. Panzer hatten die Rohre stadtauswärts gedreht, waren an der Elsterbrücke aufgefahren, und tagelang rollten die Straßenbahnen dran vorbei.

Klaus Pockrandt wohnte bei einem von der Kasernierten Volkspolizei, bei Familie Krannich, Liebknechtstraße. Dem hatten sie ins Gesicht gespuckt. Gesindel, sagte Pockrandt. Statt den zu erschießen, hat der Kamerad ihm eine geklatscht. Unsre Genossen sind als Russenknechte beschimpft worden. »Hier wohnt Krannich – er schießt auf Deutsche.« Den Zettel bringe ich mit.

Nichts hat er mitgebracht.

Wolfgang Böckler befielen Zweifel, ob die Russen gezielt geschossen haben.

Herr Wolfram, schon im Nachthemd, erzählte von dem Zugbegleiter, den kenne er von Halle, der würde nicht sagen, dass sie welche erschossen haben, wenns nicht so wäre. In der Dimitroffstraße am Amtsgericht ist geschossen worden, am Untersuchungsgefängnis, darüber wollte er mit Wolfgang Böckler nicht reden. »Ihr werdet vom Ausnahmezustand gelesen haben, der über Leipzig verhängt ist. Ihr müsst Euch keine Sorgen um mich machen. Den Brief schreibe ich in Verwaltungskunde«, schrieb er nach Hause.

Schreibst heim?

Vorn spielt die Musik, Herr Böckler!

»Ab 21.00 und vor 5.00 darf niemand auf der Straße sein. Es waren gestern fast alle Leipziger auf den Beinen, und die Arbeit ruhte. Viele öffentliche Gebäude sind demoliert, die Scheiben eingeschlagen, das Gefängnis aufgebrochen, Gefangene raus, die Akten verbrannt.« Herr Boden fing an, die Kataloge zu behandeln, die Bestandsgliederung, Bestandsübersichten. »An allen wichtigen Punkten in der Stadt stehen die Panzer unserer sowjetischen Freunde und unserer Volkspolizei. Sie haben gestern auch einige der Radaubrüder und Westberliner Agenten erschossen.« Wird Vater verstehen, warum ich so schreibe? »Heute fuhren in der Stadt einige schwarze Wagen, durch deren weißes Milchglasfenster schwarze Särge leuchteten. In der Stadt sind leider auch einige große Friedenspavillons niedergebrannt, das größte Aufklärungslokal der Nationalen Front ebenfalls, die Transparente abgerissen. Gestern gab es regelrechte Schlachten zwischen Polizei und Randalisten. Man warf mit Steinen, das Pflaster ist aufgewühlt, mit Holzknüppeln und Milchflaschen.«

Die Post ist nicht sicher, behauptet Friedhelm.

»Ich kann abschließend nur sagen, daß die Regierung diese Mißstände bald beseitigen möge, um diesen Radaubrüdern und amerikanischen Agenten das Handwerk zu legen. Heute ist alles wieder ruhig, und fast alle arbeiten wieder.« Herr Boden behandelte den Schlagwortkatalog. »Nur an den Läden stehen Hunderte von Menschen. Es gibt daher kein Brot. Die Menschen hamstern ungeheuer.« Er klebte den Brief zu. Pausenklingeln.

Sei in allem sehr vorsichtig, schrieb Vater zurück.

Ich brauche Wäsche, deshalb schreibe ich.

Sie warteten auf den Russischlehrer.

Pockrandt zweckte was an die Wandzeitung. »Russisch fällt aus, Herr Döhler dolmetscht.« Walter war damit zufrieden, er brachte russisch kein Wort richtig heraus.

Willi Zschiedert erschien. Also Zuckmayer.

Pockrandts Finger ging hoch.

Ich denke, wir bleiben bei Zuckmayer.

Wieder Pockrandt.

Sie, ja, bitte, Sie.

Ich heiße Pockrandt.

Zschiedert beugte sich übers Pult, strich die dunkle Mähne aus der Stirn. Wie schallend er lachen konnte. Bei solcher Begeisterung ließ er die Hand auch mal auf dem Kopf liegen, um das Haar zu bändigen. Der Hauptmann von Köpenick.

Pockrandt aufstehend: Wie stehen Sie zum »Tag X«, Herr Zschie­­dert, »Nicht Worte – Taten entscheiden«, und zeigte zur Wandzeitung. Heftiges Nicken bei Gernitz.

Was der 17. Juni war, Herr Pockrandt, wenn Sie das meinen, sagte Zschiedert endlich, dazu hat mein verehrter akademischer Lehrer, Hans Mayer, sich vor Assistenten und Gästen so geäußert, dass wir jetzt miteinander sprechen müssen. Dem schließe er sich an.

Zwischen den schiefen Wänden bemerkten sie mit einem Mal, wie heiß es war.

Das sagt uns ein Emigrant. Zschiedert suchte sein Taschentuch. Ich wiederhole ihn. Am 17. Juni ging es in Wahrheit um Faschismus oder Antifaschismus. Ich möchte ihn so verstehen, wir alle müssen Lehren ziehen. Erst wenn ein echtes Vertrauensverhältnis besteht, ist der Faschismus endgültig geschlagen.

Unsereinen betrifft die Literatur, meinte Zschiedert, da liegt vieles im Argen. Irina schob der Freundin einen Zettel zu. Wer redete da? Zschiedert oder sein akademischer Lehrer vom Germanistischen Institut.

Die Älteren unter uns haben gewisse Bilder in Erinnerung, gewisse Klänge im Ohr, klirrende Fensterscheiben, die Verbrennung von Büchern und Papieren, was an die Tage nach dem Reichstagsbrand erinnere, die Zschiedert nicht gesehen haben konnte. »Wir in Deutschland kennen die Weise, den Text und die Herren Verfasser.«

Böckler schnipste, fragte, wer? Was?

Weiß es jemand, fragte Zschiedert. Wer noch außer Herrn Eichler? Fräulein Großmann. Heine. Genauer?

Wintermärchen.

Sollte ein angehender Bibliothekar wissen. Vieles liegt im Argen. Zschiedert erinnerte an die große politische Rede, die Thomas Mann zu seinem 75. Geburtstag gehalten hat, in der er über die Sowjetunion sagte, wenn nichts anderes ihm Achtung geböte, so wäre es diese Gegenstellung zum Faschismus italienischer oder deutscher Färbung.

Gertraude Schubert unterbrach. Meine Wirtin sagt, die Arbeiter waren es, die Leute selber hab ich nicht gesehn, wir durften ja nicht raus.

Wer durfte nicht raus?

Du warst vielleicht draußen, ich nicht, Rudi, ich hatte nicht mal ’ne Decke beim In-der-Schule-schlafen.

Musst du doch zugeben, dass wir ziemlich eingesperrt waren, sagte Waltraud Arlt.

Dafür wart ihr in Sicherheit.

Die Diskussion lief auseinander. Nicht alle durcheinander.

Arbeiter, richtige Arbeiter? fragte Pockrandt. Mehr konnte er nicht sagen, Zschiedert kam ihm zuvor: Darüber sollte man sich nicht täuschen.

Mitläufer gab es auch, Unentschlossene, sagte Evelyne Fehrmann.

Arbeiter sind gegen unsere Staatsmacht aufmarschiert. Die Partei schätzt ein, dass sozialdemokratische Losungen aus faschistischen Händen in einer faschistisch gelenkten Bewegung vorangetragen worden sind, erklärte Pockrandt.

Friedhelm mit hängenden Schultern hörte zu. Irina hatte Walter im Blick. Du sagst dazu nichts, redeten ihre Mandelaugen. Sie nahm ein Spiegelchen zur Hand, als müsse sie feststellen, ob sie noch da war.

Wir müssen Lehren ziehen, das Volk, Zschiedert stockte, als würde eine Waage für Sagbares vor ihm stehen. Die Regierung aber auch. Er kritisierte das Banausentum in der Literatur.

Ich geh mal aufmachen. Irina ging zum Fenster, vorbei an Walter, der sich mit einem Löschblatt Luft zufächelte.

Schreckensherrschaft der Sonne, wie Jorge Amado sie beschreibt, sagte Harry Matter, der Amado bewunderte. Immer diskutieren dieselben, vieles muss geändert und verbessert werden.

Das nehme ich auf, sagte Pockrandt. Fehler haben das Vertrauen der Werktätigen erschüttert. Daran ist unsere Organisation mit Schuld. Noch mehr Schuld trägt die FDJ daran, dass sich viele Jugendliche am 17. Juni von den Provokateuren zu unüberlegten Aktionen und Demonstrationen haben verleiten lassen. An der Schule haben wir das verhindert.

Willst du damit sagen, wir wären fähig gewesen, uns hinreißen zu lassen? Das verbitte ich mir.

Mit Aufstehen hatte Gernitz angefangen. Irina blieb sitzen, als sie das sagte.

Pockrandt ist gefährlich, meinte sie hinterher, der schreibt mit, wenn er sagt, ich formuliere das gleich mal, und einen festnagelt.

Pockrandt dankte den Sowjetsoldaten, den Volkspolizisten, den Kameraden der KVP, der Kasernierten Volkspolizei, die den »Tag X« verhinderten, der die Deutsche Demokratische Republik zum Tummelplatz von asozialen Elementen und Faschisten gemacht hätte.

Willi Zschiedert, den Kopf gesenkt, ließ den Erguss über sich ergehen.

Gernitz meldete sich.

Sie, bitte.

Warst du eher, Walter?

Gernitz redete parteigemäß, bis er aufhörte. Walter Döring sagte, er hätte sich gar nicht gemeldet. Im Kabuff hatte er zu Friedhelm mal gesagt, wenn einer in der Klasse ein Prolet ist, bin ichs. In der Werktätigenklasse zu sein, fand er, wäre eher keine Empfehlung.

Harry Matter meinte, am 17. Juni habe sich in einer entscheidenden Stunde eine Stimmung geäußert, wenn auch nicht als Unterstützung der Provokateure, aber als bedenkliche Lethargie, weil Kritik und Selbstkritik, dieses unverzichtbare Prinzip, nicht mal in Ansätzen sichtbar geworden wären, in unserer Klasse auch nicht. Harry nahm die Brille ab, wenn er aufgeregt war: Die Regierung habe jetzt den Anfang gemacht, was nur ein Anfang sein könne.

Es klingelte Pause. Pockrandt hielt sich nicht dran. Die Niederschlagung am Siebzehnten hat den Dritten Weltkrieg verhindert, sagte er jetzt. Unsere Jugendorganisation, die voller Vertrauen die Politik der Partei und der Regierung unterstütze, müsse grundlegend ihre Arbeitsweise ändern, auch unsere Gruppenleitung.

Pause! Gilt auch für dich, Klaus!

Grundlage dafür soll die Aussprache – Gertraude stand auf, blieb stehn – über den Bericht der Leitung zum Umtausch der Verbandsdokumente sein, auf der wir unter Anwendung von Kritik und Selbstkritik zu allen Erfolgen und Fehlern offen Stellung nehmen werden.

Zschiedert hatte die Tasche schon in der Hand, als er sagte: Es war ein Fehler, dass wir mit der Regierung nicht längst offen und rückhaltlos gesprochen haben. Was er über die Bonzen, das kunstfeindliche Banausentum, die bürokratischen Kunst- und Literaturdiktatoren gesagt hat, meinte Friedhelm nach dem Mittagessen, traut sich nicht jeder.

Wie sich herausstellte, hatte Pockrandt das Mitgliedsbuch der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft eingebüßt, verloren und zeigte den Verlust bei Böckler an, der DSF-Vertrauensmann war. Weggeschmissen wird ers haben, behauptete Gerlinde Otto, die sonst nie redete, als sie für sich waren.

Brigitta als FDJ-Sekretär beantragte Ersatz.

5

Ich traue niemand, dich ausgenommen, aber auch nicht unbedingt. Gershwin traue ich, meiner Erfahrung

»Wir waren in großer Sorge, weil keine Post kam, nun sind wir beruhigt. Hier ist alles ruhig, auch in Pirna, wo ich am Sonntag mit Lene, die mich fein bewirtet hat, einen schönen Schiffsausflug machte«, schrieb Mutter, »und vergiss Vaters Geburtstag nicht.«

»Nicht Worte – Taten entscheiden«, blieb an der Wandzeitung hängen. Die Niederschlagung hat den III. Weltkrieg verhindert, glaubst du das? Pockrandt genießt, wenn jemand seine Artikel liest, meinte Johannes, und Böckler stellte sich an die Wandzeitung. Na, ihr, lachte Irina, steht alles in der Zeitung, mein Wirt sagt, man muss die Zeitung richtig lesen. Wolfgang liest bestimmt, stichelte sie.

Wat meinst?

Ob du Zeitung liest? Hannes zeigte mit dem Finger drauf. Ob du Pockrandt gelesen hast? »Wir müssen in Zukunft unsere Beziehungen zueinander kameradschaftlicher gestalten. Leitsatz in unserer Arbeit soll hierbei der Satz sein: Nicht Worte – Taten entscheiden! K. Pockrandt.« Schwungvoll hat er durchgezogen, das P, sagte Irina.

Margot Röbke stellte sich vor Pockrandts Aufruf hin. Zu lang, was du da aufgesetzt hast. Brigitta ging nachprüfen.

Denkst du, dass wir übernommen werden? Davon gehe ich aus, Margot. Bei dir wäre ich mir nicht so sicher, sagte sie, als Klaus sich einmischte. Der lachte. Brigitta war Gruppensekretär, er ihr Stellvertreter.

Deine Überzeugung möchte ich haben, Klaus, dass wir übernommen werden, weil wir Arbeiterkinder sind. Bei der Disziplinlosigkeit vielleicht die Hälfte. Meinst du mich, Harry? Ohne Brille wirkte Harry Matter richtig hilflos. Dich auch, Klaus. Mich ärgert, dass ihr, Rudi, du, regelmäßig zu spät kommt.

Die Stunde fing an. Rolf Recknagel behandelte Jack London. Wir reden in der Pause, sagte Friedhelm.

Die meisten halten Abstand, meinte Regina in der Pause. Ich sehe, wie Pockrandt um Brigitta rumschwirrt. Denkst du, der glaubt dran, was er redet?

Bin ich der liebe Gott, Regina? Ich traue niemand – und Johannes ansehend –, dich ausgenommen, aber auch nicht unbedingt. Gershwin traue ich, meiner Erfahrung.

Wenn du genauer hinguckst, was Irina sagt, stimmt. Es hat sich was verändert seit Juni, die ganze Schule, überall. Ich sehs an Wolframs. Was ist mein Mann erschrocken, sagte Frau Wolfram, der war auf dem Bahnhof. Da hat das Erschrecken angefangen.

Die Verbandsdokumente waren umgetauscht. Das war Beschluss. Die halbe Klasse bestand aus Leitungsmitgliedern, hatte Posten, Funktionen, bloß Irina nicht.

Das Antilopenhafte an ihr sind die Augen, behauptet Friedhelm.

Klaus Grimm hatte den Sport unter sich. Walter Döring redete über Fußball, Rudi auch. Gernitz war mit seinem Rauchen schwer zu ertragen, genauso wenig, wenn er politisch wurde. Seine Stärke war Erzählen. Stehe ich doch gestern am Potsdamer Platz, mir gegenüber ein Heimkehrer. Sie redeten. Krieg, nie wieder! Die Bahn rollte durch Trümmer. Überall ist was Buntes angeklebt. Im Leben geht’s immer weiter, wenn du am Leben bleibst. Auferstanden aus Ruinen. Das Lied war gemeint. Sie bedienten sich von seiner Packung.

Döring dachte vielleicht an den Heimkehrer, denn er fing zu erzählen an. Als es aus war, war ich im Seekreis, im Mansfeldischen, da gings nach dem Zusammenbruch bloß ums Essen, ums Überleben, Wäsche. Die Flüchtlinge konnten sich nicht mal die Hände abtrocknen. Den Umsiedlerzug seh ich vor mir, die hatten nichts. Da sind die Genossen zu den Russen hin und mit die (er meinte die Genossen) zu den Nazis, den ehemaligen. Gebt für die Schuld, die Ihr habt, wenigstens Wäsche her, was klappte. Die Dolmetscherin kriegte von den Russen zur Belohnung ein Schneiderkleid, ein richtiges Kostüm war das.

Russen? Das Wort missfiel Pockrandt. Für mich sinds Russen, darauf bestand Döring, sagen doch alle. Hast du was andres gehört, als sie eingerückt sind mit ihre Panzer? Die Dolmetscherin zog sich gleich aus. Die hab ich in Schlüpfern gesehn, die erste Frau, die ich in Schlüppern gesehn hab, damals zur Anprobe, außer Mutter. Das Kostüm musste auf die Kommandantur hingebracht werden. Walter erwähnte ein russisches Ehrenmal.

Sowjetisches, kartete Pockrandt nach, was Walter ignorierte.

Die Schneiderin war meine Oma. Dirwegen hab ich den Faden verloren! Beim Essenausgeben hatte er den Faden wieder. Dass Oma sagte, »Bonzen gingen, Bonzen kamen – Amen«, kann Mutter bezeugen.

Übers Wochenende fuhr Walter zu seiner Frau. Den haben sie aus der Chemie von der Arbeit in die Partei geholt, von der Partei in die Bücherei. Walter ist delegiert, ich auch, sagte Friedhelm, deshalb sind wir Werktätigenklasse.

Die sich mit der Besatzung einließen, gabs die bei euch auch?

Im Kabuff stand die Luft. Walter überhörte die Frage. Die machten es für Speck und Brot, sagte Walter zu Friedhelm, als sie an der Haltestellte standen. Manchmal klebten Zettel am Lichtmast. Mit Maschine getippt. Hure, dazu der Name. Meist haben Hitlerjungs geklebt, sagte Friedhelm, als wäre er dabei gewesen.

Walter hatte die Demontagen erlebt, die Bodenreform, Neubauern, die Vertriebnen. Die Bauern sahen das ganz negativ, kein Spannvieh, keine Kühe, keine Gebäude. Verhaftungen durch die Russen. Die Russen haben hier manches Kind gemacht für Brot oder was andres. Wer will das auseinanderhalten? Die Demontagen werden totgeschwiegen, sagte Walter, die ganzen Russengeschichten.

Ich hab in Bautzen am Bahnhof die ausgeglühten Panzer gesehn, in denen wir rumgekrochen sind, und auf den Bahnsteigen die Holzkisten, reihenweise, meist Maschinen.

Im Kopf lief vieles ab. Als wäre alles auf einmal passiert. Sie redeten über Russenfilme. Tschapajew, Lenin, die Stalinfilme. Warm wars im Kino. In Gefangenschaft hat Vater Klaviere abgeladen, auf freier Strecke, runter damit, die Wagen wurden gebraucht, und ein Kamerad hatte sich über die Tasten gebeugt, das Klavier wimmerte.

Saß man in der Straßenbahn, verschwand zuerst die Bibliothekarschulvilla vor lauter Grün und dicken Kastanien.

Am Lindenauer Markt stieg er aus, erinnerte sich an die Plakate und vielleicht an Klaviere, die durch Birkenwälder rollten. Friedhelm stichelte: Kannst die Demontagen in Gewi ja anbringen. Walter Döring winkte ab. Die stören den Aufbau bis heute, bloß niemand redet drüber.

Hast du eine? Solche Fragen stellte Friedhelm mitten im Gespräch, wenn er nicht weiter reden wollte, da sprang dann eben das Gespräch hin und her.

Schreib, wie du dich nach ihr sehnst. Dass du von ihr träumst, dass sie neben dir liegt, wenn du aufwachst, blank wie eine Münze, du willst sie küssen und beißt ins Betttuch. So redete Friedhelm. Eines Tages wird deine Ruth angefahren kommen, und Wolframs werden den Besuch unterbinden. Wenn das pasiert, komm zu mir, ich zieh für paar Tage aus. Nimm sie, oder sie fliegt einem anderen zu, wenn du sie nicht bissel heiß machst. Frauen sind so, die brauchen Liebe.

Am Himmel hinter der gestutzten Linde vom Hinterhof der Lützner 75 stand der Mond. Da waren viele Hinterhöfe entlang der Lützner Straße. Die Vögel waren verstummt. Er hörte Wolfram sagen, Mutter, isch gehe los.

Einen Toten hatten sie durch die Stadt getragen, bedeckt mit abgerissenen Blumen. Den hatte der Wolfram gesehn, die Panzer auch, die in den weichen Asphalt drückten. Uta Schäfer behauptete, Luftgewehre wurden gleich an die Hauswand geklatscht.

Warum kann ich nicht schlafen? Wegen Harry? Das war gestern. Wegen Regina? Weil ich so blöde war. Er trank den Tee gleich aus der Kanne. Was sich neckt, das liebt sich, hatte Irina gerufen. Ein Stück Gurke war geflogen. Harry hatte die Gurke abgekriegt, die Regina treffen sollte. Was sich neckt. Harry kapierte das nicht. Er spielte sich auf und stellte sich an die Wandzeitung. »Befinden wir uns unter Rind-, Schweine- oder Hühnervieh? Die Frage ist berechtigt, wenn es vorkommt, daß sich einige Freunde, vor allem Regina und Johannes, so benehmen, als ob sie sich dazu rechnen. Oder ist eine neue Sportart des Gurkenwerfens eingeführt worden? Als Sportfunktionärin ist es doppelt beschämend, sich so albern zu benehmen. Wir hausen doch nicht in einem Stall.«

In der Pause schnitt sie Harry den Weg ab. Passt dir wohl nicht, dass du mit uns in einer Klasse bist? Regina wütend, was Johannes nicht verstand. Irina hatte die richtige Einstellung, sie winkte ab.

Er machte das Fenster weit auf. Bloß von der Straße kam Licht, ab und zu war ein Auto zu hören, sonst vollkommene Ruhe.

Du kannst doch nicht im Ernst behaupten, dass wir mit Nahrungsmitteln um uns schmeißen; Harry, sagte ich ihm, das bissel Gurke, ungenießbar war sie außerdem, und da hat der dumme Harry, sagte Regina, sich aufgeblasen, als er behauptete: »Die Reinemachfrauen haben es nicht nötig, Gurken aus Papierkörben und Ecken zu klauben. Mein Sprachschatz hat noch schönere Wörter, ich sage, mit Ferkeln muß man in ihrer eigenen Sprache reden«, sagte Harry.

Zu der Zeit standen an der Elsterbrücke die schweren Panzer.

Hannes hat Spaß gemacht, mischte sich Irina ein. Warum, das möchte sie nicht beleuchten, und du hast was abgekriegt, was sie zurückgeworfen hat, mehr wars doch nicht.

Regina lenkte nicht ein. Mich kannst du kritisieren, Harry, aber nicht mit solchen Übertreibungen, sonst gehe ich durch die Schule und zeige allen, wie der Jugendfreund Matter unsere Klasse in ein schlechtes Licht rückt. Der gab zurück: Wir bringen es nicht einmal fertig, in einer Gruppe von achtundzwanzig Personen Ordnung zu halten. Wie sollen Partei und Regierung im Land Ordnung schaffen, wenn bei uns keine herrscht.

Warum hat Matter diesen Streit angefangen und ist politisch geworden?

Auch Gernitz hatte sich eingemischt. Ihr seid nicht im Recht. Es ist eine schlechte Auffassung von Ästhetik, mit Nahrungsmitteln herumzuwerfen, und wenns nur ein Stück Gurke ist. Disziplinverstöße darf die Klasse nicht hinnehmen. Harry zeigt, dass die Arbeiter uns zeigen, wie man das macht, setzte Pockrandt fort.

Unästhetisch benehmen, was soll denn das sein? Das kam von Friedhelm. Wisst ihr überhaupt, was Ästhetik ist?

Sie lachten, bloß Matter nicht. Regina wehrte sich noch. Was Harry aufgesetzt hat, ist Quatsch, wenn du meinst, die Küche wird keine Nahrungsmittel mehr geliefert bekommen, ist doch Quatsch, wenn du das behauptest.

Wer sich nicht erziehen lässt, mit dem muss man anders reden, zuerst ist das die Wandzeitung, dazu stehe ich. Erklärt, dass ihr die Fehler einseht, dass sie nicht wieder vorkommen.

Sie verzog den Mund. Gefällt dir nicht, Regina.

Friedhelm hat recht, es sind Übertreibungen.

Irina sprach für alle. Wenn Klaus die Drohung mit den Arbeitern nicht zurücknimmt.

Was für eine Drohung?

Na die. Vielleicht haben wir uns missverstanden, Klaus.

Heise auf seinen Prothesen war hereingestiegen in den Dachraum, der diesen Querbalken hatte, über den jeder stolperte, der sich nicht auskannte. Hier geht’s heiß her, sehe ich.

Als müssten die Reinemachfrauen Gurken aus Papierkörben ziehen, wiederholte sich Regina, als ob sie Matter überzeugen könnte. Ich würde die Werktätigen missachten, behauptest du, die Frauen hole ich hoch, Harry, ein Stückl Gurke (sie redete schlesisch), mehr wars nicht, und ungenießbar war sie außerdem.

Die Stunde war zu Ende. Hört auf, Kinder! Friedhelm hob die Hände. Die Pause ist viel zu kurz.

Ich behaupte ja nicht, dass mein Verhalten richtig war, trotzdem übertreibst du, wenn du uns an der Wandzeitung angreifst. Mit Nahrungsmitteln herumwerfen, weil wir angeblich nicht wissen, wie kostbar sie sind, lasse ich nicht auf mir sitzen.

6

Der Siebzehnte hatte sie unvorbereitet getroffen. Sie vertrauten einander noch weniger. Höchstens, die sich küssen, feixte Friedhelm. Gernitz gibt die Linie vor

Sonnabend Mittag. Irina packte ihre Tasche. Matter will was zu bestimmen haben. Walter verabschiedete sich. Der Streit um die Gurke interessierte ihn nicht.

Friedhelm rauchte draußen. Alles wird besser, die Zeitungen sind voll. Grotewohl soll gesagt haben, die Regierung hat den Karren in den Dreck gefahren.

Irina mit spitzem Mund: Was sagt uns das? Ohne Wandzeitung findet nichts mehr statt.

Ich weiß, was du sagen willst.

Sie zog die Augenbrauen nach. Hängst du dran, musst du dich verteidigen, und das Kollektiv wächst.

Sie gingen zur Straßenbahn. Ist dir was aufgefallen? Die sagen nichts mehr. Die blassblonde Margot ist so eine. Sie hat kühle Hände, sagt der aus der Abiturklasse, der sie geküsst hat, ich könnte sie nicht küssen, die Margot, meinte Hannes.

Dieser ganze Quatsch fällt einem ein, wenn man nicht einschlafen kann, und Matter, der mir völlig egal sein kann, geht mir auch durch den Kopf, statt das wegzuschieben.

Wichtig ist, dass der Vorkurs übernommen wird, hatte Friedhelm gesagt. Denkt ihr, dass sich noch was ändert?

Der Siebzehnte hatte sie unvorbereitet getroffen. Sie vertrauten einander noch weniger. Höchstens, die sich küssen, feixte Friedhelm. Gernitz gibt die Linie vor. Wer steckt hinter Pockrandt? Die in der SED sind, wissen, wenn was brenzlich wird. Beim Hitlerattentat war das so, ich Pimpf. Wie ich dich kenne, wirst du ihnen nicht auf den Leim gehen. Attentat wirds keins mehr geben. Wie auch?

Seit Juni hatten sie den Fachschülerausweis bei sich zu haben. Besucher waren an- und abzumelden. Wer zu spät kam, hatte den bewachten Eingang zur Rathenaustraße zu benutzen. Mit der Zeitungsschau begann der Unterricht. Die Leitung arbeitete eine neue Schulordnung aus.

Die Fähigkeit zur Selbstkritik muss man erwerben, erklärte Rudi. Die Woche hatte begonnen. Damit Frieden ist, hängt ihr eine Selbstkritik ans Brett, riet Friedhelm, und Matter hat seinen Willen. Schon eingeleitet. Wer schreibt? Ich. Dann formulierst du. So war Regina. »Der Begriff Gurken, den Kollege Matter gebraucht, bezieht sich zur näheren Erklärung für die Leser unserer Wandzeitung nur auf einen Teil einer ungenießbaren Gurke, wir bitten Freund Matter in Zukunft keine solchen Übertreibungen zu gebrauchen.« Matter spinnt, setzte sie nach.

Du Ferkelchen! Mir geht der Matter so auf die Nerven, sagte Irina.

»Durch die Anschuldigungen wird ein schlechtes Licht auf unsere Klasse und vor allem auf uns geworfen, Als ob wir jede Pause mit Gurken schießen.« Muss rein. »Abschließend möchten wir nochmals betonen, daß wir unsre Fehler einsehen, diese nicht wieder begehen werden, und bitten die durch unser undiszipliniertes Verhalten Betroffenen um Entschuldigung.«

Eigentlich erkenne ich keinen Fehler, sagte Regina und unterschrieb.

Denkst du, ich?

Liest sowieso nur der dämliche Harry. Sie hatte erdfarbene Augen, wirklich, und Sommersprossen.

Harry hatte der Klasse Disziplinlosigkeit vorgeworfen. Diskussion wolle er keine neue entfachen, was sie nicht als Schwäche verstehen sollten. Gewiss gäbe es noch mehr Freunde, die nicht ganz unbefleckt wären, nicht immer richtig handeln. Er bemerkte nicht, dass er sich wiederholte. Unsre Klasse sei vital, bringe Elan auf, was kein Jugendfreund bestreiten werde. Das trage die Frucht des Gemeinschaftsgeistes, was beweise, dass Ausgelassenheit und Fröhlichkeit durchaus positiv gewertet werden können.

Irina sagte, wenn ich Harry wäre, würde ich, was sie über uns sagen, als Kritik lesen. Am Nachmittag war’s, als sie drüber redeten, Friedhelm am Flügel, Zigarette im Mundwinkel, raste die Zwölfte Straße runter, ließ sich austrudeln. Was Harry will, Hannes, ist mir nicht ganz klar.

Böckler kam an, Skatkarten in der Hand. Friedhelm band ihn fest mit Ka-linka, ka-linka, ka-li-ni-ka moja. Das hatten sie im Ohr, die Soldaten, die Russen. Wolfgang strahlte, weil sie das in Meckelnburg auch liebten. Sie warteten auf ihn in der Veranda. An der Wand die oberste Pionierleiterin. Pockrandt behauptete, sein Vater würde sie gut kennen.

An diesem Nachmittag kam die Rede auf einen Artikel im »Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel«, den niemand gelesen hatte und der, wie sich herausstellte, im Lesesaal der Deutschen Bücherei unauffindbar war, das Schul­exemplar auch. Ich komme nicht ran, bedauerte Evelyne Fehrmann, die immer das Neueste hatte. Die nehmens mit in den Urlaub, vermutete sie.

Man muss den Artikel erst mal haben. Staat und Partei hätten sich von den Massen entfernt, stand drin, mit dem 17. Juli sind die Fehler nicht automatisch abgestorben. Auch, dass Missstände von kritiklosen Jasagern verschwiegen werden, behauptete Irina.

Der aus der Abiturklasse mit Hannes Fußball spielt, hat den Artikel bekommen, von dem, der Jungen, die übrig blieben geschrieben hat. Arbeiter haben sich gegen Missstände gewehrt, gegen die Normen. Das Negative wird in den Zeitungen verschwiegen, Positives aufgebauscht. Wer nicht einverstanden ist, wird an die Wand gedrückt. Nicht jeder ist ein Agent. Wir müssen zuhören, lauschen, was die Massen sagen, das Wort kommt vor.

Die Namengebung für Loest war untergegangen. Brigitta war vielleicht froh, dass das Börsenblatt fehlte.

Der Artikel wäre von Anfang Juli, sagte Pockrandt später.

Am 13. Juli begann die Eignungsprüfung. Alle bestanden. Am 28. Juli war Zeugnisausgabe. Friedhelm ließ die Hand auf Böcklers gesunde Schulter fallen. »Denn man tau.« Dass der Schulleiter jedes Zeugnis zweimal unterschrieben hatte, fiel ihm als erstem auf, mit Rotstift als Schulleiter und ohne Rotstift als Vorsitzender der Prüfungskommission. Der Generalissimus trägt Weiß.

Es war heiß, als sich Friedhelm mit dem rosa Doppelblatt Kühlung zuwedelte. »... doch die Schule ist nur eine Vorstufe, die wirkliche Schule der Kader erfolgt in der lebendigen Arbeit außerhalb der Schule bei der Überwindung von Schwierigkeiten.«

Sie waren Fachschüler, und einen Tag später fingen die Ferien an.

Kannst dich besaufen, Walter.

Mach ich. Ich stelle mich vor Steudel hin, erstatte Meldung.

Walter hielt Steudel für einen Spieß. Soll Klempner gewesen sein. Rudi qualmte. Stimmt, sagte er.

Weiß das auch die Partei, fragte Friedhelm. Wie kommst du drauf, dass er Spieß war?

Weil ich Soldat war.

Und woher willst du das wissen, Walter?

Ich wars vielleicht auch. Wie der sich auf dem Absatz rumdrehte, wie Steudel, als er die Zeugnisse austeilte. Bei der Gelegenheit hab ich den Steudel erkannt, akkurat. Ich war letztes Aufgebot.

War das noch im Krieg, Walter? – Wie’s zum Schluss war, den Vergleich musst du mir überlassen, Rudi, du warst in Italien, wir in einem Waldstück im Mansfeldischen. Der Spieß ließ uns stehen. Kümmert euch, war sein letztes Wort.

Ich wollts von Rudi hören, sagte Friedhelm zu Hannes, der zugehört hatte. Bist ein Jahr älter und hast plötzlich ein anderes Schicksal.

Klaus Pockrandt, das rosa Zwischenzeugnis in der Hand, kam ins Kabuff. »Es gibt keine Landstraße für die Wissenschaft, und nur diejenigen haben Aussicht, ihre hellen Gipfel zu erreichen, die der Ermüdung beim Erklettern ihrer steilen Pfade nicht scheuen. Marx.« Steht drunter. Böckler lief an, weil er nicht erkannte, dass Pockrandt Marx zitierte.

Ihr redet von Wissenschaft, vielleicht treffen wir uns als Ferienhelfer wieder. Dich meine ich nicht, Rudi, sagte Irina mit ihrer typisch Dresdner Schnappe, bist bei der Partei bestimmt gut aufgehoben, und um dich, Friedhelm, bei den kleinen Mädels, mache ich mir auch keine Sorgen. Da lachten sie. Untersteh dich, du Lustmolch, rief sie und entschwebte.

Glücklicher, fährst an die See. Johannes war in Prerow in eine Kinderbibliothek eingewiesen. See ist schön. Er erinnerte sich, dass Ruths Vater auf einem Schnellboot gefahren war. Die Jansens waren Norddeutsche, die es in die Oberlausitz verschlagen hatte, er als Arzt. Meine Großeltern waren da, wo sie immer schon waren, viele sind als Soldaten bloß irgend wohin gestiefelt. Theodor Patzig war bis an den Rhein gekommen, auf Wanderschaft. Vaters Großvater war beim Militär in Dresden, zuletzt Stellvertreter. Die Einzelheiten bring ich nicht zusammen. Die Aufständischen beim Maiaufstand hatten ihm die Mütze heruntergeschossen.

Die Ostsee ist was andres, für mich ist Riga die Ostsee, hatte Vater gesagt, wo wir gebadet haben, ohne alles. Werdet ihr vielleicht nie sehn, Riga, der Krieg hat uns das verdorben. Denke ich an Riga zurück, sehe ich diese Dünenlandschaft, die Küste, höre die Stille, die es in diesem fürchterlichen Krieg auch gab, als Leningrad eingeschlossen war. Wenn Vater erzählte, hatte der Himmel plötzlich Farbe, die es in seinen Briefen nicht gab, wo kein Platz zu sein schien für die See, die Himmelsfarben, die Wolkenberge. Riga, unvergesslich, alles weg, dahin, verloren in dem unseligen Krieg.

Ich bin neugierig, wie die See aussieht, dachte Johannes, als er Irina zur Straßenbahn rennen sah.

In Prerow erlebte er dann, als er über die Düne gewatet war und die See vor ihm lag, was das war, nicht blau, sondern graugrün, reglos bis an den Horizont und in Silber verschwimmend – die See. Er brachte kein Wort heraus.

Der lange Sommer hatte angefangen. Ruth saß in der Apotheke fest, er im Ferienlager. Dieser Ansturm in der Lagerbücherei, täglich Bücher. Volkswerft Stralsund war in jedes Buch eingestempelt. Verirrte Bücher gabs, mit denen die Volkswerft nichts anzufangen wusste, Georg Lukács, gelbe Pappbände, dessen Zerstörung der Vernunft ein dicker Band war für schwierigstes Lesen.

Gedichtbändchen sammelten sich im Regal der Ferienlager-Bücherei, in denen blätterte er. Ein Gedicht nahm ihn gefangen, von Preczang: Zum Lande der Gerechten. Er schrieb es ab. Nie gehört, sagte Friedhelm.

Versunken ist das alte Leid, / Die Nöte, die uns knechten. /

Wir fahren in die neue Zeit / Zum Lande der Gerechten. /

Uns trägt die Flut, / Uns stählt der Wind, /

Uns treibt die Glut / Der Herzen, die voll Wunder sind. /

Land ahoi!

Im Gedicht vom Menschen von Kurt Bartel (Kuba) blätterte er.

Am Eingang zum Ferienlager war die Fahne aufgesteckt. Eine breite Einfahrt, Holzsäulen. Irgendwie fremd. Ist russisch, sagte Vater, als er davon hörte. Dahinter große graue Zelte, Wimpelleinen.

Wie ein Kartenspiel wurden die Jungen Pioniere zusammen- und auseinandergelegt, vom Aufstehen bis zur Nachtruhe, wenn einsortiert wurde. Tagsüber waren die Zelte, außer bei Mittagsruhe oder Regen leer, die Decken zusammengelegt. Draußen Sand. Viel Halstuchblau, das vom Lagergrau abstach. Wehrmachtzelte, übriggebliebene, meinte Friedhelm, vielleicht, denn von wo sollen die sonst hergekommen sein, vielleicht hat Rudi drin gelegen oder welche von den Jungen, die übrig blieben, wie Walter Döring, bei dems im »Arbeitsdienst« angefangen hatte. Das muntert die Zelte auf, wenn ich höre, wer in die weißen Hemden reingesteckt wird, als gäbs keine andern. Das erinnert mich an so viel. Das Halstuch denke ich mir weg, sagte Friedhelm, und Vater, als dieser lange Sommer vorbei war, sagte: In solchen Zelten haben wir gelegen, oh Gott, mein Gott, was haben sie nicht alles mit uns gemacht.

7

Auf einem der langen Bahnsteige rollte der Zug ein in die riesenhafte Hauptbahnhofshalle. Im Kopf meldeten sich die Schule, die Wandzeitung, das Kollektiv, der »Neue Kurs«

Von diesen Septembertagen mit einem hohen sich im Blauen verlierenden Himmel war das einer und Stille. Wie weggewischt die Wolken, bis auf Fetzen. An den Apfelbäumen entlang der Semmelstraße zum Bahnhof regte sich kein Blatt. Ein Apfel plumpste auf die Straße. Vater in abgeschnittener Hose besah sich dieses winzige Knäuel Verdauung, das der Wurm herausdrückte. Der Bahnhof kam in Sicht. Auf dem Leiterwagen der Koffer mit Wäsche.

Stichwort Posaunenchor, Hannes. Sie haben Horn und Noten abgeholt. Zum Blasen bist du aber jederzeit willkommen. Den Lehrer Halang haben sie zurückgeholt in die Schule, vielleicht eine Folge vom Juni. Alfred wäre das auch geglückt. Den roten Ziegelbau kennst du. »Unterwinde sich nicht jedermann, Lehrer zu sein«, stand in Goldschrift überm Eingang.

Vater zog die Taschenuhr. Nach der Bahnhofsuhr kannst du die Zeit einstellen. Dir werde ich als nächstes eine Armbanduhr schenken. Sie betraten die kleine Bahnhofshalle. Zum grauen Sportanzug passt das grüne Hemd, sagte Mutter, die billigen Schuhe trägst du bei gutem Wetter ab.

Die Bahnassistentin, Mutters Freundin, sagte Verspätung an. Wird der Abschied eben zehn Minuten länger, ich zieh mich gleich wieder zurück, sagte sie zu Vater.

Der Konfirmandenanzug geht nicht mehr wegen zu kurzen Ärmeln. Den neuen Anzug nimm für Sonntag, fürs Theater.

Hannes! du hörst mir nicht zu, sagte Mutter.

Weil ich an was andres gedacht hab, auf dem Bahnhof hier, an die Frau, von Breslau die, die gesagt hat, dass ich durch drei Prüfungen gehen werde. Vergiss mein Gerede, hat sie gesagt. Der Vorkurs war vielleicht eine.

Der Zug schnaufte heran. Die Lok stieß dicke Wolken Dampf aus. Frau Johne hatte die rote Mütze aufgesetzt. Herrschaften, Beeilung!

Du fehlst uns sehr.

Mutter winkte. Er sah den Zug in den Gleisbogen hineinfahren. Das zweite Gleis hatten die Demontagen verschluckt. Dem Gleisbett konnte kein Regen was anhaben, der Regen den Zügen auch nicht, die durch seinen Kopf gefahren kamen, Verwundetenzüge, Urlauberzüge, zerschossene Panzer in der einen Richtung, einsatzbereite in der anderen. Kanonen, mit Planen überspannt, rasselten vorbei oder blieben stehen.

Den Koffer zwischen den Füßen, in dieser Ziehharmonika zwischen zwei D-Zug-Wagen, wie er die Plattform nannte, stand man sich die Beine in den Bauch. Die Erinnerung fuhr mit.

Auf einem der langen Bahnsteige rollte der Zug ein in die riesenhafte Hauptbahnhofshalle. Im Kopf meldeten sich die Schule, die Wandzeitung, das Kollektiv, der »Neue Kurs«. Harry Matter hatte gesagt: »Wir werden einen neuen Kurs in unserer Gruppenarbeit einführen müssen«.

Den schweren Koffer hätten Sie vielleicht nicht gebraucht, empfing ihn Frau Wolfram, als ob sie auf sein Klingeln gewartet hätte.

Meine Wäsche, die brauche ich.

Vom Hundertsten ins Tausendste kommend, stand er abends am Fenster und fragte sich, was es bedeutete, wieder angekommen zu sein, als Fachschüler, Mitglied der Gruppenleitung, die jeden Donnerstag zuammenkam. Friedhelm nannte sie den Zwölferrat. Montags erschienen die Gruppenleiter zum FDJ-Schulaktiv, Dienstag die Kulturgruppen, Mittwoch die Gesellschaft für Sport und Technik, Freitag war Gruppennachmittag.

Solange das Fenster offen stand, waren von der Straße manchmal Schritte zu hören, und selbst wenn niemand kam, die Stadt war anwesend.

An was denkst du, hatte Mutter gefragt. Ach, nichts weiter. Er hatte an Ruth gedacht, er dachte an das, was war und in Wiederholungen ablief.

Gruppennachmittag.

Pockrandt zweckte eine Selbstverpflichtung ans Wandzeitungsbrett, hatte wieder seine Spur mit dem Füllhalter gezogen. »Funktionär sein – heißt Vorbild sein!«, rot unterstrichen. »Die Funktionäre der Klassengruppe und die Seminarleiter verpflichten sich, mustergültig diszipliniert zu sein und für eine feste Disziplin zu wirken. Sie bitten alle Freunde, energisch die Erfüllung dieser Verpflichtung zu kontrollieren. Leipzig, am 10. IX. 53.«

Alle zwölf Funktionäre der Klasse 7 a hatten unterschrieben, Brigitta Richter, Sekretär, als erste, Matter als letzter. Verpflichtungen, wie Pockrandt sie aufsetzte, schien er nicht zu trauen. Evelyne Fehrmann leitete das Agitkollektiv, Renate Großmann war Kulturverantwortliche, sie bereitete die OdF-Gedenkstunde vor. »Ihr seid nicht umsonst gefallen!« Margot Roebke war verantwortlich fürs Studium, Waltraud Arlt für die Einsätze als Pionierleiter, Regina war Sport- und Fahrtenleiterin.

Pockrandt begrüßte, verlas die Entschließung. Sie verabschiedeten den Monatsplan.

Harry ärgerte, dass das so stattfand, wie es stattfand. Er muss sich damit abfinden, dass wir nicht ergriffen sind, wenn wir ins Paradies ziehen, ich werde ihn für die Gruppenleitung vorschlagen, sagte Friedhelm in der Pause. Harry ist wie das Ganze. Wenn du die Partei wegdenkst, die antreibt, bleiben wir stehn. Ich rieche das, wenn er sagt, in unserer Klasse herrscht ein anarchistischer Zustand, wo jedem alles recht ist, jeder tun und lassen kann, was er will. Nicht warten, ob der eine was tut, sondern selbst vorangehen, sich Rechenschaft ablegen, das war Matter. Es gibt Freunde, die es ernst meinen und sich über Mahnungen und die Bitte um Diszi­plin lustig machen. Wir sollten anerkennen, wenn jemand mit der besseren Einsicht da ist.

Harry spürte, dass man ihn nicht ernst nahm, er litt darunter, wollte überzeugen. Ihr denkt, ihr habt es geschafft, dass ihr in die bibliothekarische Vollausbildung aufgenommen seid, aber statt euch zu steigern, lasst ihr in Disziplin und Anständigkeit, Ehrlichkeit und Einsatzbereitschaft nach. Es sind persönliche, eigene Wesenszüge. Wir wollen nicht von anderen verlangen, wozu wir selbst nicht die Einsicht haben.

Gernitz nickte, Pockrandt schrieb mit.

Dass die Stühle in der Gruppenversammlung anders standen, dafür hatte Regina gesorgt.

Irina zog die Lippen nach. Regina flüsterte Irina, mit der sie zusammensaß, was zu. Dass Harry predigt, vielleicht sagte sie das.

Ihr bloß kein Kind machen, sagte Friedhelm manchmal.

Ich denke, er lebt oft in Furcht, dass was schief gehen könnte mit den Frauen, wenn er sagte: Die meisten fürchten sich vor der Liebe, das hat Gründe. In diese Liebe, die vor der Ehe, müsste man die Mädchen einführen ins Verhüten, damit sie frei werden. Die Angst zerstört den Genuss. Heiratest mich sowieso nicht, hatte die Hilfe aus der Arztpraxis gesagt, wenn stimmt, was Friedhelm so redete. In den Bäumen schrie das Käuzchen, wer weiß zum wievielten Mal, und früh habe ich den Schlüssel genommen und bin gegangen.

Wenn eines Tages die Angst wegfällt, wird der Genuss grenzenlos sein, solche Gedanken kommen mir manchmal.

Denkst du, so was kommt?

Was weiß ich, was kommt, Hannes. Du spritzt, es hat keine Folgen. Himmlisch. Er fingerte nach einer Zigarette. Im Park war das beim Rauchen, als er sagte: An der Essenausgabe seh ich die Bärbel bald jeden Tag, und er erinnerte sich, dass sie mal sagte: Spritzen, unbekümmert, ja unschuldig, sagte sie das, abgelöst von Zukunft, vom Heiraten, sich Aneinanderbinden, ja Aneinanderheften. Du verstehst mich zu öffnen, ich weiß noch, wie sie das sagte, da kriegte ich Schiss, dass was passiert sein könnte. Wie sie den BH überstreift, sagt sie: Ich hab dich spritzen sehn. Kein Gedanke an Heirat, was sie aus unserer Nähe hätte ableiten können. Bloß schwanger werden wollte sie nicht. – Hannes, ich hab sie verloren, und weiß immer noch nicht wirklich, warum.

Harrys Predigt war, dass der Neue Kurs bei uns und im ganzen Land begonnen hat, die Diskussion dazu war die Versammlung, auf die sich Harry vorbereitet hatte, als er anfing: Man kommt zu spät, wann man will, man redet, missachtet Mehrheitsbeschlüsse, wie es grad passt, tut alles, nur nicht zum Wohl unserer Gruppe, selbst der Dozent wird als störend empfunden. Sie wollen uns helfen, Rüstzeug für das Kommende geben. Es grenzt an Schamlosigkeit, wie wir uns während des Unterrichts benehmen.

Harry wurde nicht damit fertig, dass es so war. Pockrandt und Gernitz waren gemeint, die waren Genossen.

Können wir nicht sagen, wir haben Disziplin, gerade weil wir Arbeiterkinder sind! Gerade deswegen lernen wir besser. Von über fünfzehn Dozenten kommen höchstens drei noch gern in unsere Klasse. Böckler nickte. An Disziplin mangelte es ihm nicht.

Wir haben es soweit gebracht, dass unsere Klasse, die sich aus Kindern von Werktätigen zusammensetzt, den andern Klassen nicht als Vorbild dient, wir sind das abschreckende Beispiel.

Die ärgert, dass wir so rausgestellt werden, als hätten wir den Fortschritt gepachtet, sagte Renate Großmann in der Diskussion. Unsre Aufgabe ist, den Fortschritt durchzusetzen, fuhr Pockrandt sie an. Die setzen ihn vielleicht besser durch als wir, sagte Hans Joachim, der viel schwieg. Hast du darüber mal nachgedacht?

Ich behaupte, in keiner andern Klasse herrscht solche Disziplinlosigkeit. Harry begann von vorn. Wo bleibt da die Anständigkeit gegenüber den Dozenten? Man sieht auf uns herab, mit Recht.

Friedhelm lächelte. Dieses Lächeln verunsicherte Harry, weil er hinzufügte: Nicht immer. Bei Zschiedert ist Disziplin. Erinnre dich, wie Siegfried sich entdeckt. Wie Zschiedert das darstellte. »Mein Vater bist du nicht! In der Ferne bin ich. Mime: Halte? Wohin? He! Da stürmt er hin.«

Mag sein, dass er in Bayreuth im Orchestergraben gesessen hat. Mich ärgert, wie wir uns schädigen, das Ansehen der Arbeiter, deren Geld wir verbrauchen. Dafür arbeiten sie nicht. Die Klasse Sieben steht am Pranger. Das sollen Arbeiterkinder sein! Sind eben unfähig, Disziplin zu halten. Dass sich die Arbeiter einig und gerade sie fähig sind, mehr und Besseres zu leisten als die sogenannte gebildete Schicht, hat die Vergangenheit mehrfach bewiesen.

Meinst du die Arbeiter, die am 17. Juni auf die Straße gegangen sind, fragte Gertraude.

Harry schwieg, Pockrandt auch.

Letzter Punkt in der Versammlung war, bleibt Wolfgang Böckler DSF-Verbindungsmann?

Pockrandt erhob Einspruch. Gleich nach Verlust seines Mitgliedsbuches habe er den Jugendfreund Böckler gebeten, für Neuausstellung zu sorgen. Nichts wäre passiert, deshalb sei er dagegen. Brigitta entschied, die übergeordnete Leitung zu befragen.

Damit ging die Gruppenversammlung zu Ende.

Stellt erst mal fest, ob ihr Arbeiterkinder seid, sagte Regina in der Straßenbahn. Ihr Vater heizte die Gewächshäuser vom Botanischen Garten.

Am nächsten Früh hing Pockrandt eine Stellungnahme ans blaue Brett. »Bereits kurz nach dem Verlust meines Mitgliedsbuches der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft am 27. VI. 53 habe ich den Jugendfreund Böckler gebeten für die Neuausstellung eines Ausweises zu sorgen. Wie kann der Freund Böcker in die Aufbaukommission berufen werden, wenn er nicht einmal seine Funktion in der Gruppe vorbildlich und gut erfüllt? Auch hier ist eine Stellungnahme des Freundes Böckler nötig. Klaus.«

Böckler ging an die Wandzeitung und rief über die Stuhlreihen weg: »Nach dem Siebzehnten, als ich abkassieren wollte, fehlte dir der Ausweis. Dat geit nich.«

Mancher, aber das traute er sich nicht zu sagen, hat sein Parteiabzeichen weggeschmissen, warum nicht auch ein Mitgliedsbuch?

8

Soll der Name geändert werden? Hängt das mit dem 17. Juni zusammen? wollte Hans Joachim wissen

Rudi Gernitz, Zeitung in der Hand, kam herein. Nach dem Unterricht alle mal dableiben, außerordentliche Mitgliederversammlung!

Beim Mittagessen weinte Brigitta Richter. Als die Versammlung losging, sie saßen zwischen den schiefen Wänden, setzte sich Rudi Gernitz auf den Platz des FDJ-Sekretärs, ihren Platz.

Freunde, sagte er, wir haben unser Kollektiv nach einem Schriftsteller benannt, der den Feinden der Arbeiterklasse und der Deutschen Demokratischen Republik das Wort geredet hat. Es war dein Vorschlag. Er ist ausgeschlossen worden aus dem Verband, ich muss so handeln, Brigitta.

Hat den Artikel jemand gelesen, fragte Evelyne. Rudi hob die Hand. – Dass du gelesen hast, davon gehe ich aus. Wer außer mir noch? Sie wartete, bis Rudi abgehustet hatte. Niemand weiter.

»In seinen Artikeln bezog Loest offen Position der Feinde des Volkes und unseres demokratischen Staates«, las Rudi vor. »Das schmutzige Geschäft der faschistischen Provokateure, in das sie auch einen geringen Teil unserer Arbeiter vorübergehend hineinzogen, verwandelte sich unter seinen Fingern in eine anständige Sache.«

Mit dem Namen, Brigitta, das war dein Vorschlag, erklärte Pockrandt.

Du hast doch meinen Vorschlag unterstützt, Klaus. Sie hatte sich gepudert. Mit den Tränen wischte sie alles breit.

Du kannst dich so nicht rausziehn, protestierte Inka.

Warum er nicht in Leipzig ist, weiß ich nicht, im Organ der Bezirksleitung steht Ausschluss. Er hält sich in Ungarn auf, ich weiß das von Mutti.

Dem Gefühl nach war ich für Majakowski, erklärte Wolfgang Böckler. Ich hab ihn fallen lassen, weil sich Brigitta so einsetzte.

Sag bloß! rief Gertraude.

Aus der Sowjetliteratur jemand wäre als Gruppenname besser. Habe ich das gesagt?

So deutlich nicht, Klaus, entgegnete Hans Joachim.

Der Schriftsteller, von dem wir den Namen tragen, fragte Christel Porzelle, was hat der denn Schlimmes geschrieben? Kannst du mir das erklären?

»Rote Fahne und Elfenbeinturm«, diesen Artikel.

Elfenbeinturm und Rote Fahne.

Meinte ich, Evi, sagte Rudi und las weiter. »Loest überschreibt eines seiner volksfeindlichen Machwerke mit: ›Elfenbeinturm und Rote Fahne‹. Aber dieser Loest sitzt nicht einmal in einem Elfenbeinturm, sondern auf einem sinkenden Schiff, und was er schwingt, das ist nicht die Rote Fahne, sondern die Fahne der faschistischen Provokateure. An der Bezirksorganisation Leipzig des Deutschen Schriftstellerverbandes ist es, daraus die entsprechenden Schlußfolgerungen zu ziehen.«

Brigitta hat den Namen vorgeschlagen, ich habe zugestimmt, was falsch war, räumte Pockrandt ein.

Ich auch, sagte Rudi. Inzwischen haben wir Klarheit. Es sind faschistische Provokateure gewesen, sagen die Genossen der Bezirksleitung.

Sie schluchzte.

Rudi wiederholte mit den »volksfeindlichen Machwerken« das, diese Stelle.

War schon, rief Böckler.

Regina presste die Lippen zusammen.

Rudi hustete lange. Irina machte inzwischen das Fenster auf.

»In vollem Maße trifft auf ihn die Feststellung der 15. Tagung des Zentralkomitees der SED zu: ›Der ganz besondere Haß dieser reaktionären Kreise richtet sich gegen die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands als die führende Kraft beim Aufbau der Grundlagen der volksdemokratischen Ordnung‹. Die Partei sagt, Loest greift die gesamte Politik von Partei und Regierung an, ihre Generallinie, durch die zum ersten Mal in der deutschen Geschichte ein friedliebender deutscher Staat geschaffen wurde, der die Macht der Ausbeuter gebrochen hat.«

Waltraud Arlt drehte sich um. Sag was, Gitti.

Brigitta liefen die Tränen. Sie hatte Geschriebnes vor sich.

Bist gleich dran, Irina.

Mir geht das zu schnell mit der Stellungnahme, Rudi?

Mir auch.

Soll der Name geändert werden?

Ich bin für Ausschluss.

Ist schon, Wolfgang.

Gitta lief raus.

Klaus sprang auf. Ich muss mich um Gitta kümmern.

Seit wann Ausschluss?

Rudi suchte in der Zeitung. Seit gestern, Joachim.

Hängt das alles mit dem 17. Juni zusammen? Hans Joachim wollte das genauer wissen. Auch, Christel. Vieles in den Zeitungen war missverständlich, was ich verstehe.

Ich nicht, Evi. Was hätten die Zeitungen denn verhindern können, frage ich dich, sagte Gertraude.

Natürlich nicht. Hast du aber vorgelesen, Rudi. Sind kritiklose Ja-Sager die fortschrittlichsten Menschen?

Gertraude blieb hartnäckig. Nagelt mich nicht fest, es fängt an, wo es heißt, mit den Provokateuren vom 17. Juni dürfen wir es uns nicht zu leicht machen. Wie hätten die Arbeiter verführt werden können, wenn nicht solche großen Fehler gemacht worden wären, bei der Partei, der Regierung, den führenden Organen. Vielleicht kannst du mir helfen, Rudi?

Plötzlich wirkte Rudi nicht mehr so sicher, redete vom »Tag X«, der lange geplant war, und dass Deutschland zu einem zweiten Korea hätte werden können.

Steht das drin?

Er ist der Partei in den Rücken gefallen mit seiner Kritik.

Bring mal ein Beispiel.

Das Negative wurde verschwiegen, Positives aufgebauscht.

Gertraude: Machen das nicht alle so?

Die Redaktion sagt, er ist zu weit gegangen; kilometerweit hätten sich die Redakteure von der Realität entfernt und den Feinden der Arbeiterklasse damit den Rücken gestärkt. Dem muss entschieden widersprochen werden. Ich kenne welche, die geben alles, sagte Rudi und kam auf den Gruppennamen zu sprechen. Möchtest du was zum Namen sagen, Hannes? Soll der Name geändert werden?

Ich war nicht dabei, Rudi, als ihr das beschlossen habt.

Dann muss ich was sagen. Ich bin für Majakowski, da schließe ich mich Wolfgang an, und du, Brigitta?

Sie mit verweinten Augen: Wer sitzt denn im Elfenbeinturm? Ich denke, dass die Bezirkszeitungen mit im Turm gesessen haben.

Hinterher sagte Friedhelm zu Johannes: Harry war vorbereitet.

Ich schlage vor, wir stimmen über die Stellungnahme ab. Du bist gewählt, Brigitta. – Du auch! Brigitta stand auf und schob Pockrandt die Stellungnahme hin.

Vorlesen, verlangte Gertraude.

»Die Klasse 7a trägt ab 15. September den Namen ›Wladimir Majakowski‹. Begründung: Die in den letzten Wochen in einer Reihe von Artikeln über den neuen Kurs der Regierung und die Provokation des 17. Juni zum Ausdruck gekommene Meinung Erich Loests, die der Meinung eines Agenten amerikanischer Spionagezentralen gleichkommt, hat die Klassengruppe 7a bewogen, ihren Namen in ›W. Majakowski‹ umzuändern.«

Ist das beschlossene Sache?

Kann ich fertiglesen, Hans Joachim?

»In ihrer ferneren Arbeit werden alle Freunde, aus den Fehlern der Vergangenheit lernend, schärfstens gegen jedes Auftreten von Kapitulantentum und Opportunismus, den Worten Majakowskis folgend, Stellung nehmen. Die Gruppe ›W. Majakowski‹.«

Von dir?

Rudi nickte. Ich bin dafür einzufügen, ehe wir abstimmen: »Die Freunde der Klassengruppe ›W. Majakowski‹ distanzieren sich von den Äußerungen und der Person Erich Loests.« Zustimmung?

Was fragst du noch, Rudi, fragte Inka.

Irina meldete sich: Mir geht das zu schnell mit der Umbenennung, ich wenigstens bin nicht dafür, wegen dem Artikel einer Redaktion, die den Artikel erst abgedruckt hat, den Namen abzulegen.

Der Verband muss entscheiden, wandte Hans Joachim ein.

Der hat entschieden, Jochen. Ich bin für Majakowski, sagte Rudi, damit das klar ist, und du, Harry?

Ich würde ergänzen, an der Stelle nach Loest: »Mit dem wir bisher noch keine Verbindung hatten.«

Wir hatten Verbindung, widersprach Walter.

Diese Verbindung nicht, Walter. Brigitta konnte nicht sagen, ob ihre Mutti mit Erich Loest oder mit seiner Frau telefoniert hatte. Hat vielleicht bloß gesagt, dass er Verbindung aufnimmt.

Ich verstehe unter Verbindung was andres, sagte Harry.

Dann formuliere ich das mal: »Die Freunde der Klassengruppe ›W. Majakowski‹ distanzieren sich von den Äußerungen und der Person Erich Loests, mit der wir bisher noch keine Verbindung hatten.« Niemand widersprach Pockrandt.

»In ihrer ferneren Arbeit werden alle Freunde, aus den Fehlern der Vergangenheit lernend, schärfstens gegen jedes Auftreten von Kapitulantentum und Opportunismus, den Worten Majakowskis folgend, Stellung nehmen. Die Gruppe ›W. Majakowski‹.«

Rudi, irgendwie erleichtert, erklärte: Freunde der Klassengruppe »Wladimir Majakowski«, ich denke nicht, dass wir abstimmen müssen und sollten das in der Schule bekanntmachen.

Übernimmt Brigitta?

Am besten, ich mach dazu einen Aushang, sagte Evelyne Fehrmann.

Majakowski? Sagt dir was, Hannes? Da waren sie schon auf der Treppe.

Linker Marsch.

Ja, der, sagte Rudi.

Dem seh ich an der Nasenspitze an, dass Hannes das weiß, lachte Friedhelm. Johannes zitierte: »Wie Gold schürfen ist Dichten, gräbst einen Berg ab, findest ein Gramm«.

Dich hätten sie gebraucht, aber da hießen wir schon »Loest«.

Verse wie Treppen.

Du lachst. Die sind so bei Majakowski.

Irina war im Klubraum geblieben. Mach Platz! Sie saß plötzlich am Flügel und sagte: Brigitta verstehe ich nicht. Wie kann man so dumm sein und sich mit dem Pockrandt einlassen? Sie stand auf.

Am besten, du lässt niemand in dich reingucken, da hast du schon verloren, sagte Friedhelm und setzte sich an den schwarzen Flügel.

Vater in Bautzen würde gesagt haben, sei vorsichtig, Junge. Es kam auf eins raus.

Inka schlenkerte die Arme. Gehen wir. Die Ferienhelfer sind wohl abgehakt? rief sie Brigitta zu und zog die Strickjacke an.

Auf dem Weg zur Straßenbahn, um auf andre Gedanken zu kommen, erzählte sie von ihren Jungs im Ferienlager.

Ich hatte Mädchen, sagte Irina, die sind Friedhelm erspart geblieben.

Ich hab Bücher ausgeliehn.

Die Jungsgruppe hättest du von mir haben können, Friedhelm.

Die hätten sich das Rauchen abgeguckt bei mir.

In solche Heimlichkeiten bin ich nicht eingedrungen. Sechzehn Stunden Bahnfahrt. Wie die im Sturm die Plätze belegten. Mir hat das ein leichtes Gruseln erzeugt. Ob Rotation Dresden im Vorteil wäre. Ob man von den Doppelstockbetten runterfallen kann.

Die Straßenbahn war weg. Warten wir eben. Bin mit ihnen durch dick und dünn bei den Schnitzeljagden. Die hatten sich vorgenommen, das weibliche Regiment zu brechen. Bald begrüßten sie mich mit Sympathiegeschrei.

Ich sehe, ihr wollt euch nicht setzen, meinte Irina und lehnte sich an Friedhelm, da stimmen wir mal überein. Gerade sind wir Majakowski geworden, und du fängst mit dem Pionierlager an, Inka. Habe ich vollständig gestrichen. Ihr werdet blendende Muttis werden. Sobald ich im Beruf bin und verdiene, will ich Kinder, sagt Regina.

Nie hätte ich gedacht, dass Jungs sich von mir so um den Finger wickeln lassen. Ich hatte einen Helfer in der Gruppe, der hieß Der wahre Mensch. Denkt an den tapferen Flieger, hab ich gesagt, wenn sie mal schlapp machten, was Wunder wirkte, draus vorgelesen hab ich auch.

Friedhelm packte das schlanke Mädchen an der Gürtelschnalle, als wolle er es ausheben. Kenn ich alles, Inka, Schnitzeljagd, ich hätte Fahrtenmesser ausgeteilt. Schnitzeljagden hab ich gehasst, diese Kameradschaft auch.

Irina sagte: Versteh ich, Friedhelm, Künstler empfinden eben anders, wenn ich an Hanno Buddenbrook denke und an Zschiedert. Die Gestalt des Künstlers im Erzählwerk Thomas Manns. Den Künstler friert, wenn er die Masse sieht. Ich meins nicht mal ironisch, ich verstehs sogar.

Die Kameraden von der Spatzenelf, soll ich die vergessen? Sie haben sich nicht Majakowski genannt.

Glaubst du, dass da keine Kameradschaft war, keine echte, Irina, das ist der Irrtum, dass sie unecht gewesen sein könnte. Die hätten nicht so verbissen gekämpft, nur war diese Kameradschaft nicht für mich gemacht.

So hab ichs nicht gemeint.

Ich dachte, du nimmst Anstoß, dass sie sich gleich einen Namen umgehangen haben. Dem Namen entkommen wir nicht.

Ich glaube, die Bahn kommt.

Wenn ich dran denke, wie unsre Straße das letzte halbe Jahrhundert geheißen hat. Meine Mutter betet die Namen her, jetzt heißen wir Thälmann. Mich werden die Kinder vergessen.

Regina erzählte von Mädchen, die Gedichte aufsagten, und jede fand, sie hätte das schönste ausgesucht, als sie auf der Bühne standen. Spreewald. »Heimat, wie bist du so schön.« Die Heimat besäuseln. Bei Lampenfieber auf erleuchteter Bühne gings schief. Vierter Platz.

Sie stiegen ein. Über die aufdringlichen Männer im Blauhemd haben wir viel geredet, solche wie dich, die einen schnell mal umfassen. Friedhelm protestierte.

Hugo, gibt’s den noch? Wie der im Auwald zu Petrus kommt. Du warst einzig, Friedhelm, das sagt dir eine deiner heftigsten Kritikerinnen. Also gut, nochmal, weil Johannes nicht dabei war: Hugo klopft an die Himmelspforte, bekommt Einlass. Die Voraussetzung für die nächste Ausbildungsstufe wäre erfüllt, meint er, bloß die rote Unterschrift stört auf dem Zeugnis? Schwarz wäre ihm lieber. Dass auf der Erde einer mit Rotstift unterschreibe, hätte er noch nie gehört. Oh, doch, sagt Hugo, seit Juni hat sich die Zeit verändert.

Soll ich lachen?

Die Version kannte ich noch nicht.

Die Schule, natürlich unsre, ist nur Vorstufe. Die wirkliche Schule der Kader bringt die lebendige Arbeit, die Überwindung von Schwierigkeiten. Steht drin. Auf Baby-Rosa. Ihr wisst von wem der Spruch ist?

Gewusst oder geraten? Natürlich geraten, sagte Irina.

Die Straßenbahn war aus dem Auwald heraus. Die Leute guckten, warum so gelacht wurde. Wenn das Brimborium versunken sein wird, von dem wir erzählen, werden die sagen, die das als Kinder erlebt haben: Wunderbar! Wars ja auch. Ich geb dich doch richtig wieder, Inka? Sechzehn Stunden Bahnfahrt, Balgen, Kichern, die Gedichte, du im Tor. Erst haben sie mitgepfiffen, dann gesungen. So ist das. Ich muss raus. Friedhelm stieg aus.

Warum singen wir? Hat Harry zugehört? Wir sind Schulgespräch. Die wissen sowieso, wie sie mich einzuschätzen haben. Johannes meinte Pockrandt und Rudi.

Am Lindenauer Markt stieg er aus. Wir ziehn die Fühler ein, hatte Friedhelm gesagt, und weil wir uns anpassen, erscheinen wir als Kollektiv. Bloß dem Harry genügt der Schein nicht.

Mir genügt er, sagte Friedhelm, als er am Tag drauf eintrudelte, die Hand in der Hosentasche, und das Jackett über die Lehne hing.

9

Steht unter einem unglücklichen Stern, deine Liebesgeschichte

Die Klasse stellte sich auf. Harry: Wir wollen singen. »Des Morgens wenn die Hähne krähn.« Waltraud Arlt, die Augen niedergeschlagen, stand da und dachte vielleicht: Von dem hab ich mich küssen lassen.

Hähne krähen wenigstens, sagte Harry, nachdem alle standen. Wenn man vor Beginn des Unterrichts die Freunde beobachtet, sträuben sich selbst dem Hahn sämtliche Federn.

Ich denke, es soll ein Lied gesungen werden.

Sind wir Pioniere, rief Gertraude von hinten.

Ihr seid FDJ-ler! Harry gab den Einsatz.

Mitgesungen hat Gertraude nicht.

Ich frage dich, was ist in den gefahren? Da war dann wieder Pause. Matters Stellungnahme hing am blauen Brett. »Wird ein Lied angestimmt, gefällt das einigen Freunden nicht, ja, sie müssen erst persönlich aufgefordert werden, sich zu erheben. Stehen sie endlich und das Lied beginnt, nun, so sind diejenigen nicht etwa schweigsam – beim Singen geht das schlecht – sie singen aber auch nicht; es gibt so viel zu erzählen, daß Singen Zeitvergeudung wäre.«

Gestern Umbenennung, heute Sangeskritik, erklärt mir das, sagte Irina leise, er denkt vielleicht, dass er mehr hervortreten muss, weil er nicht in der Partei ist, und arbeitet so was aus. Zufall kanns nicht sein. Sie las weiter:

»Und Freunde, habt Ihr schon einmal vorn gestanden und die Gesichter beim Singen gesehen? Das solltet Ihr mal tun. Die Augen sind noch verschleiert, ebenso die Kehle der wenigen, die noch mitsingen. Ölig und zäh kommen Worte und Melodien hervor geflossen. Ich bekomme jeden Morgen Angst, daß Ihr daran ersticken werdet. Freunde, es kommt darauf an zu singen, nicht schön, sondern kräftig, frei und fröhlich. Da gibt es keine Entschuldigung für Stumme. Jeder soll singen – jeder kann singen. Mit Freude und Lust geht alles. Wir sind keine Greise und müssen uns der fehlenden Zähne schämen. Es soll kein kunstvoller Kanon werden, aber die Freude am neuen Tag, die Freude am Leben, die Freude unserer Jugend soll morgendlich aus den Liedern erklingen. Dem bisherigen Gesang nach zu urteilen, müßten wir alle schon an Stöcken gehen, und vorbeigehende Straßenpassanten vermuten ein Altersheim, aber keine Schule, wo 90 Prozent unter 25 Jahre alt sind. Warum sollen wir nicht so singen können, wie es andere Klassen tun?

Ich bitte Euch alle: beteiligt Euch am Morgenlied. Zeigt, daß wir keine versauerten Tröpfe sind. Wenn wir es schaffen, unseres Gesanges wegen von der Schulleitung Singeverbot zu bekommen, dann können wir sagen: wir haben gesungen. So aber bekommt man Mitleid mit Eurer Quälerei und den verhunzelten Liedern. Wir wollen das Lied nicht des Liedes wegen singen, sondern damit zum Ausdruck bringen, daß wir junge, fröhliche Menschen sind. Manchmal steigen mir Zweifel hoch. Also zeigt, was Ihr könnt. Lasst mich nicht immer allein singen. Singt und redet nicht und legt mehr Gefühl in die Melodie. Über Kunst beim Lied zu reden, erübrigt sich, denn die will niemand von Euch fordern. Leipzig, 16.9.53. Harry Matter«

Singend in die neue Zeit zu gehen? Matter seine Idee war das nicht, meinte Friedhelm, das hat die Schule entschieden.

Ruth war in Leipzig zur Prüfung, sagte Johannes.

Bring sie mit, ich geh für dich zu Wolframs, darfst ihr bloß kein Kind machen.

Sie ist schon wieder weg.

Warum weißt du nichts?

Wie denn? Dass sie Aufnahmeprüfung hat, kam mit Postkarte. »Komme uns doch, wenn es Dir möglich ist, am Sonntag gegen 11 Uhr abholen. Alles andere mündlich. Herzliche Grüße. Deine Ruth und Maria.«

Abends, wie ich zu Wolframs komme, war die Prüfung vorbei.

Ich wäre hingefahren.

Zum Zimmernachweis?

Dann war das unlösbar, Hannes, du hättest nicht mal anrufen können.

Bei wem denn? Bei Kollegin Trautmann? Hol da mal jemand ran.

Der Unterricht fing an. Er schob Friedhelm den Brief hin. »In Leipzig kam die nächste Enttäuschung. Kein Mensch stand an der Sperre und holte uns ab. Wir waren bald am Verzweifeln. Maria konnte doch nicht richtig laufen.«

Als erstes sind sie zum Zimmernachweis. Zimmer sehr nett, nicht weit bis zur Schule. Die Prüfung ging Montag früh los, um Neun. 16 Uhr war Schluss. »Hoffnungslos. Erstens: 300 haben sich gemeldet und 200 werden bloß angenommen. Zweitens sind alle schon älter als wir. Der Schulleiter sagte mir persönlich, daß ich noch sehr jung sei. Drittens bin ich kein FDJ-Mitglied. Also kannst Du Dir denken, wie uns war«, berichtete Ruth.

Pause.

Friedhelm meinte, das hätte höchstens mit Telegramm an Wolframs geklappt.

Die beiden waren sogar auf der Kleinmesse. Die Wirtin hat sie dazu aufgemuntert.

Ich denke, sie hatte was mit dem Fuß, die Freundin?

»Das Schönste war, daß uns zu Hause niemand glaubte, wie hoffnungslos unsere Lage war. Dann bleibe ich eben in Ebersbach. Viele Grüße sendet Dir Deine Ruth. Briefumschlag der Kreispoliklinik-Apotheke. War damit eigentlich zufrieden.«

So groß kann die Liebe nicht sein, Hannes.

»Wenn sie uns nicht nehmen, sind wir wenigstens mal in Leipzig gewesen.«

Dann ihr Brief, der Mittwoch ankam. »Das Schicksal wollte es anders: Bestanden!«

Der verhängnisvolle Brief, schreibt sie. Freut sich gar nicht, ich verstehe das nicht, Friedhelm. Sie saßen im Klubraum. Drei Jahre nichts verdienen, würde ihr nicht gefallen, schreibt sie.

Ist für sie eben alles neu, ungewohnt. Ginge mir auch so. Oder die Liebe ist nicht so groß, kann auch sein, dass das so ist, damit musst du auch rechnen.

»Doch nun läßt sich nichts mehr ändern, und wir kommen am 15. Oktober nach Leipzig. Abholen kannst Du uns ja nicht, denn wir kommen um 11 Uhr in Leipzig an. Du hast doch um die Zeit noch Schule. Wir müssten uns dann eben was ausmachen. Mit unserem Treffen in Leipzig war es wirklich Pech.«

Schuld gibt sie dir nicht.

Wie gefällt dir denn meine zweite Heimat, hat sie noch gefragt und dass sie Betriebsfest hatte und furchtbar müde ist.

So eine Umstellung verändert alles.

Warum freut sie sich nicht?

Was weiß ich, Hannes. Weil sich für sie alles ändert. Steht unter einem unglücklichen Stern deine Liebesgeschichte.

10

Brigitta hatte den Autor von »Jungen, die übrig blieben« als Gruppennamen vorgeschlagen. War das falsch? Ich war schon immer für Majakowski, beteuerte Wolfgang Böckler

Böckler hüpfte in den Klubraum. Friedhelm beugte sich über die Tasten, spielte was Festliches. Ob es der Wolfgang schon weiß? Berlin hatte dem Ausschluss von Erich Loest aus der Bezirksorganisation Leipzig des Deutschen Schriftstellerverbandes nicht zugestimmt, und fast triumphierend ließ Friedhelm diese Überraschung hinübergleiten in Ka-linka, ka-linka, ka-li-ni-ka moja, das Böckler so liebte, zu dem er den Takt schlug, mit Fingern seiner gesunden Körperhälfte.

Friedhelm nahm die Finger von den Tasten, knetete sie. Dass sie den Ausschluss nicht bestätigt haben, wirst du mitgekriegt haben. Ja, da staunen wir, sagte Friedhelm. Was Böckler nuschelte, war nicht zu verstehen. Den wir umbenannt haben, kennst du den? Nö. Ich wollte immer Majakowski. Weißt du, wie der aussieht? setzte Friedhelm nach. Ist jetzt auch egal, er bleibt. Hast ihn also noch nicht gesehn? Böckler presste den Mund zusammen.

Macht nichts, ich auch nicht. Friedhelm richtete sich auf, lächelte, sang: Und ein Schiff mit acht Segeln und fünfzig Kanonen darauf wird entschwinden mit mir. Friedhelm machte den Rücken rund, als Wolfgang verschwand. Mit einem Rumpfbeugen, bei dem die Stirn fast die Tasten berührte, spielte er einen Rausschmeißer.

Ich soll euch holen, auswerten, sagte Johannes, da war Böckler bereits unterwegs. Die diskutieren schon. Sie saßen wieder zwischen den schiefen Wänden.

Joachim lachte. Der junge Schriftsteller, wie er ihn nannte, bleibt drin. Hast du damit gerechnet? Mit allem, bloß damit nicht. Und du, Friedhelm? Nie im Leben.

Politik. Ich habe nichts gegen Majakowski, um den geht’s gar nicht. Unsre beiden werden das lösen. Hast du Loest mal gesehn, Jochen? Du auch nicht? Wir alle nicht, außer Brigitta, hoffe ich. Die wird wissen, wie er aussieht, Hannes. Sie hat ihn vorgeschlagen. Ich sage dir, hier gabs zwei Richtungen, die eine hat gesiegt, die andre ordnet sich unter, das wird, wie’s aussieht, Leipzig sein, und du wirst nichts hören, was da vor sich gegangen ist.

Das weiß von uns keiner, auch Brigitta nicht, sagte Hans Joachim.

Rudi Gernitz und Pockrandt erschienen. Ihr seid die Letzten, die diese Vorstellung besuchen, sagte Irina, sonst seid ihr meist vorne dran. Typisch Irina, wie sie das sagte.

Du bist dran, Brigitta.

Soll ich, Evi? Liebe Freunde, redete sie die Gruppe an.

Ich dachte, sie ist von der Bildfläche schon verschwunden, meinte Johannes.

Es werden an der Wandzeitung Vorschläge gebracht, den Namen »W. Majakowski« beizubehalten.

Wer sagt das? Es gibt die Meinung, egal, wer es gesagt hat, unser Wolfgang wird’s nicht gewesen sein.

Ich war schon immer für Majakowski, beteuerte Böckler.

Hör mich erst mal an, Wolfgang, wir dürfen jetzt nicht wieder übereilt handeln, ist meine Meinung, und müssen die Diskussion im Rahmen der Schule abwarten.

Warum im Rahmen der Schule? Wir bilden uns selber unser Urteil, sagte Waltraud Arlt, ich hoffe, alle sehen das so. Brigitta hat mit Erich Loest gesprochen, er wird nach dem achten Oktober zu uns kommen, und wir werden uns mit ihm auseinandersetzen.

Warum nach dem achten? Wegen dem Siebenten. Weil da Festveranstaltungen sein werden.

Ruths Brief war ihm durch den Kopf gegangen, die Termine, sie saß in der Prüfung, und die Gruppe stritt um die Umbenennung.

Ich hoffe, dass ihr bis zum achten Oktober bei dieser Diskussion an der Wandzeitung eure Meinung zum Ausdruck bringt. Ich erwarte die Stellungnahme vieler Freunde.

Der achte Oktober ’53 verstrich. Loest erschien nicht. Ruth teilte am zwölften mit, sie kommt am Donnerstag und wie wir uns treffen. »Schnell ein paar Zeilen in der Mittagspause«, schreibt sie. »Ich hab in den letzten Tagen wirklich keine Zeit gehabt. Also mit der Schule hat es nun geklappt. Ich hatte nämlich noch einmal wegen dem Stipendium angefragt. Es hieß doch, wer über 300.- DM bekommt (also meine Mutter), kann nicht mit einem Stipendium rechnen. Daraufhin bekam ich die Mitteilung, daß ich bei guten fachlichen und gesellschaftlichen Leistungen mit 150.- DM rechnen kann. Da käme ich ja aus. Jedenfalls komme ich Donnerstag um 11 Uhr in Leipzig an (mit Maria und Helga Nusser). Auf die Fahrt mit den Beiden freue ich mich schon ganz besonders. Mit Maria könnte ich mich stundenlang zanken. Na ja, der Klügere gibt nach. Hoffentlich klappt es nun mit unserem Wiedersehen. Wenn es Dir recht ist, kannst Du uns ja 14.30 an der Pharmazie­schule abholen. Entschuldige bitte die schlechte Schrift und die Geschäftspapiere, aber es musste schnell gehen. Viele Grüße bis Donnerstag Deine Ruth.«

Länger konnte die Gruppenleitung nicht warten. Brigitta entschied früh, die Versammlung am Donnerstag durchzuführen, sie hatte den Schriftsteller noch einmal für Donnerstag eingeladen, nach dem Unterricht, und da stießen die beiden Termine zusammen, der von Ruth, der von der Versammlung. Er hatte angerufen, vergebens. Ich hätte ein Telegramm schicken müssen.

Pockrandt machte Anstalten, sich neben Brigitta hinzusetzen. Sie sah zur Wandzeitung. Auf blauem Fahnenstoff der Gruppenname.

Können wir endlich anfangen, Gertraude?

Ich sag ja gar nichts.

Es gibt überhaupt keinen Fall Loest, meinte Pockrandt, es gibt einen Artikel mit Fehlern, weiter nichts.

Brigitta zögerte, und Matter fing an: Wankelmut und Unentschlossenheit sind das, wenn sich von unserer FDJ-Gruppe von achtundzwanzig FDJlern noch kein Freund bereitgefunden hat, seine Meinung über das zur Diskussion gestellte Problem abzugeben. Niemand hat den Mut gehabt, was dazu zu schreiben.

Pockrandt dazwischenredend: Alle tun so, als hätten sie diese Entscheidung vorausgeahnt, ich nicht, Harry.

Uns ist ein Fehler unterlaufen, keiner ist jetzt an diesem Fehler schuld und zu seiner Meinung zu bewegen, werdet ihr sagen und fragen, was es nutzt, eine Meinung zu haben?

Nichts, sagten die Augen der Jugendfreundin Otto, die Harry ansah, verschlossen, wie sie war, Findelkind, was anfangs nur Irina wusste, in einer Sammelstelle in Thüringen hatten sie das Kind aufgelesen.

Harry wartete auf Antwort, sagte dann: Ist euch egal, denkt, ihr könnt daran nichts ändern,

Freunde, sagte Gernitz, uns ist ein Fehler unterlaufen.

Ich bin für Majakowski, Rudi, ich sage offen meine Meinung. Nöch? Beim Skat! rief Hans Joachim dazwischen.

Wolfgangs Gesicht ging zu wie eine Wickenblüte, wenns dunkel wird. Ich war von Anfang an für Majakowski, Jochen.

Warst aber sehr leise.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein, erhärtet wird es erst durch Erfahrung. Wie seit Juni, was Harry nicht sagte, als er fortsetzte. Ihr seid doch sonst nicht auf den Mund gefallen, im Unterricht schon gar nicht, bloß die schönsten Meinungen verstecken sich allzu schnell wieder. Fehler können gemacht werden. Vorwürfe erheben und selbst dreimal klug oder schweigend daneben zu stehen, liegt nicht im Sinne einer neuen, heranwachsenden Jugend. Brigitta hatte den Autor von Jungen, die übrig blieben für den Gruppennamen vorgeschlagen. War das falsch? Hat sie sich was vorzuwerfen? Die eigene Meinung braucht nicht in ein anderes Ohr geflüstert zu werden, um nachher behaupten zu können, ich hab es vorher gewusst. Scheinbar haben die Freunde den 17. Juni vergessen und nichts draus gelernt. So viel von mir zur Diskussion, ich sehe, ich habe zu lange gesprochen.

Sagst du uns noch: Möchtest du bei Majakowski bleiben oder zurück?

Ich will die Diskussion nicht gleich in eine bestimmte Richtung lenken, Evelyne.

Majakowski, sagte jetzt Rudi Gernitz.

Wollte Harry Matter sagen, dieser Siebzehnte hätte verhindert werden können, hätten alle offen geredet?

Ruths Brief hatte Johannes tagelang in der Tasche gehabt. Im Mai hätte ich hinfahren müssen. Er sparte das Fahrgeld und war nicht nach Ebersbach gefahren.

Entfernung, alles Quatsch. Sie hatte Sehnsucht, sagte Friedhelm.

Sie können niemand ranholen, hatte man im Sekretariat gesagt, ganz ausgeschlossen, die vielen Schüler, die ankommen. Ich muss sie Freitag erreichen, aber Freitag war Heimfahrtwochenende. Ich muss zuhören, was Gernitz sagt.

Die Genossen in Leipzig sind der Partei gefolgt, das war die Erklärung. Er zwang sich zuzuhören. Die ganze Schule lacht. Der Wind drehte sich plötzlich.

Wir waren doch scharf auf einen Namen, um zu zeigen, wir sind voraus, sagte Friedhelm, wir haben den Namen dann fallen lassen, und was sehen wir? Es wäre nicht nötig gewesen. Die in den Elfenbeintürmen hätten anfangen müssen, die Dienststellen, Ministerien, die Partei, die Behörden, Institutionen und Ämter, das hatte Loest gesagt.

»Schreibt die Wahrheit!«, sagt Günter Cwojdrak, es passierte nicht, es waren Einzelne. Wie der junge Schriftsteller.

Meine Meinung zu dem Fall Loest, meldete sich Uta Schäfer, ist die: – Was heißt hier Fall Loest?

Entschuldige, Brigitta, aber dass unsere Klasse bzw. Gruppenleitung in dieser Sache viel zu voreilig gehandelt hat, stimmt. Ich glaube, wir machen uns in der ganzen Schule lächerlich, wenn wir uns wieder in »Erich Loest« umbenennen. Deshalb bin ich dafür, den Namen »Majakowski« weiterhin beizubehalten, schließlich hat er in der Literatur mehr Bedeutung als Loest.

Friedhelm kippelnd: Was hat das mit der Bedeutung zu tun, Uta? Ob unsre Entscheidung richtig war oder falsch, steht an.

Denke ich auch, aber fall nicht vom Stuhl, sagte Irina.

Jochen hatte sich von Anfang an für Loest eingesetzt. Meine Meinung ist: Unsere Klasse trägt weiter den Namen »Erich Loest«. Das sind wir dem Schriftsteller, der mit seinem Artikel nicht das bezweckte, was aus ihm herausgelesen wurde, unbedingt schuldig. Die sogenannte Umbenennung war völlig ungerecht, übereilt und ziemlich lächerlich. Er sah zu Rudi hin und von dem zu Klaus Pockrandt: Was alles nicht so schlimm wäre, wenn die gesamte Klasse eine genügend begründete und nicht kränkende Umbenennung einstimmig durchgeführt hätte.

Rudis Hand ging hoch.

Ich bin noch nicht fertig. Du hast unsre Meinung dahin zusammengefasst, Majakowski solls sein, abgestimmt haben wir darüber nicht. Oder? Ich hätte widersprechen müssen, habs sein lassen, weil … Jochen redete erstmal nicht weiter, und Rudi zog den Arm ein.

Ich erinnere mich gut, als der Artikel erschien, und einige Freunde dachten, noch schnell ihre Meinung ändern zu müssen, Ihr wisst, welchen Artikel ich meine. Das zeigt sehr wenig eigene Meinung. Eine restlose Klärung werden wir bestimmt erst bei einer Aussprache mit Erich Loest erreichen.

Jetzt du, Waltraud. Sehr aufgeregt war sie.

Erst Waltraud, dann du, Rudi.

Ich bin für Erich Loest. Unschuldig haben wir ihn vor einigen Wochen aus unseren Reihen gestoßen. Warum und wieso, darüber ist genug geredet worden, bloß nicht an der Wandzeitung. Jeder von uns weiß, dass wir, als wir uns in Majakowski umbenannten, übereilt gehandelt haben. Durch die Wiederbenennung können wir diesem jungen Schriftsteller die ihm gebührende Achtung wieder erweisen.

Den Fehler haben wir gemacht. Evelyne stand auf. Ich muss gehen. Wird der Fehler korrigiert, wenn wir uns schnell wieder zurückbenennen? Ich glaube, nein! Wir sollten ruhig bei Majakowski bleiben, was gar keine Nichtachtung für Erich Loest bedeutet. Wir dürfen uns nicht lächerlich machen vor der ganzen Schule.

Warum bin ich nicht losgefahren? Zu Ruth in die Schule? Evelyne geht einfach.

Rudi war aufgestanden. Für uns ist der Fall Loest zum Reinfall geworden. Durch weitere Fehler kann er uns zumindest vor der Schülerschaft lächerlich machen. Der tatsächliche Fehler lag durch voreiliges Handeln bei uns.

Entschuldige, Rudi, wolltest du die Namensänderung nicht vor den Ferien schon durchsetzen?

Stimmt. Seh ich als Fehler an, dass ich nicht dabei geblieben bin, weil ich von Anfang an für Majakowski war, wandte er sich der blonden Waltraud zu. Die Namensänderung ist an und für sich kein Fehler. Uns hätte der in aller Welt bekannte Majakowski früher einfallen müssen. Es ist beschämend, dass erst durch einen allgemeinen Irrtum unsre Gruppe den Namen des großen sowjetischen Dichters trägt, deshalb schlage ich vor, heute nicht zu entscheiden.

Brigitta überrascht, beugte sich vor. Als nächster Friedhelm.

Ich will ein paar Punkte aufgreifen. Zum ersten. Dass schnelles, übereiltes Handeln falsch sein kann, haben wir bei der Umbenennung erkennen müssen. Zweitens. Sollen wir etwa wieder eine Umbenennung von Majakowski zu Loest vornehmen? Ein solches Umherirren ist lächerlich. Drittens. Den Namen Majakowski können wir beibehalten, denn von beiden Schriftstellern ist Majakowski doch wohl der größere.

Darum geht’s nicht, Friedhelm.

Nehms zurück, Jochen. Was bleibt übrig? Man sollte mit einer Namensgebung kein Würfelspiel treiben.

Die Rückbenennung passt nicht zu der Hochachtung, die ich für Majakowski habe. Die Jungen hab ich verschlungen, da war ich Lehrling. Annelies Müller, ewig in Strickjacke, protestierte. Ich war dran, Hannes. Die ganze Schule lacht schon. Wenn wir uns wieder umtaufen, und Loest macht noch einen Fehler, dann dürfen wir unseren Namen wieder ändern. Es wäre besser gewesen, die öffentliche Diskussion über Loest abzuwarten.

Als letzte sagte Christel Porzelle ihre Meinung. Ich bin für Majakowski. Es sei nicht ausgeschlossen, dass Loest nochmals Fehler begehe, wir wären dann gezwungen, unsere Klasse wieder anders zu betiteln.

Pockrandt rief dazwischen: Opportunismus! Diese Linie, wie bei Annelies, ist für den bei einigen Freunden vorhandenen Opportunismus ganz typisch.

Sag das in der Diskussion, Klaus!

Brigitta entschied: Pause.

Friedhelm beim Rauchen unter vier Augen: Loest hatte den Leipziger Verband gegen sich.

Ich denke, die hier den Verband lenken, hatten entschieden, bloß hatte die andre Richtung mehr Macht, war Joachim überzeugt.

Auf die Richtung kommts an, denke ich auch.

Er hatte Ruth anrufen wollen. Sinnlos. Privat gar nicht, gehen Sie zur Öffentlichen, hatte Frau Trautmann gesagt, Münzen kann ich Ihnen geben, da brauchten wir ja ein Telefon bloß für Privates. Sie hat mich stehen lassen.

Hätte ich dir vorher sagen können.

Die Pause war zu Ende. Joachim, Waltraud und Regina unterstützten Loest, andre konnten sich nicht entscheiden. Pockrandt reckte den dicken Kopf. Der Name eines lebenden Schriftstellers berge immer die Gefahr in sich, dass dieser Schriftsteller politische Fehler machen könne und man »um des lieben Friedens willen« …

Du hängst mir was an, Klaus, was ich nicht gesagt habe!

Im Falle Majakowski abzuwarten, was drückt das aus? Was ist das für eine Lebensauffassung, frage ich die Jugendfreundin Müller, die aus Anpassung und dem Nachsprechen der offiziellen Meinung besteht? Ich wenigstens lehne ihre Stellungnahme entschieden ab. Wir sollten Annelies helfen, diesen Fehler zu erkennen.

Nie habe ich behauptet, um des lieben Friedens willen …

Du hast gesagt, weil man politische Fehler machen könnte. Was ist das anderes als Opportunismus? Er wartete auf Antwort, sie zögerte. – Gut, ich sags anders. Erkläre mir mal, Klaus, warum das Opportunismus sein soll, Anpassung, bloß Nachsprechen, wenn der Artikel im Börsenblatt, um den es sich drehte, sie fand den Titel nicht, suchte Evelyne, die gegangen war: Helft mir mal.

Elfenbeinturm und rote Fahne, sagte Jochen..

Ja, den. Rudi und Klaus behaupten was dagegen, gegen Loest, und schon springt ihr. Für einen Augenblick war es ganz still. Sie hörten die Straßenbahn.

Mit dir setz ich mich nicht auseinander, Annelies.

Dass du Loest ranholen wolltest, war gut. Rudi war dafür, wir sollten noch einen Versuch machen, obwohl ich eine Mehrheit für Majakowski sehe.

Meldung bei Harry.

Gleich, aber ich muss erst was loswerden. Egal, wie wir künftig heißen, ich lege meine Funktion nieder und schlage für die nächste Wahl Harry vor.

Jetzt du.

Dass ich mich zu diesem Antrag nicht äußere, werdet ihr verstehen, was sie nicht verstanden, aber niemand reagierte auf Harry. Ich rede zum Wettbewerb um die beste Klasse, den wir seit 1. Oktober führen. Sonderlich gut stehn wir nicht da, und es wäre ein Triumph für uns, einmal in jeder Hinsicht als Erste in der Schule zu gelten. Selbstüberwindung üben und Disziplin, gerade bei denen, die sich als ältere Freunde immer so reif und verständig hinstellen. Wie Verpflichtungen eingegangen und nicht gehalten werden, ist uns allen in Erinnerung, und ich möchte sämtliche Funktionäre, die eine solche unterschrieben haben, darauf aufmerksam gemacht haben.

Wieder holte Harry weit aus, bevor er sagte: Wir dürfen uns nie über andere beklagen, wenn wir selbst einen losen Haufen bilden. Drum, liebe Freunde, gebt auf euch und den Nachbarn acht, haltet Ordnung und lernt für eine bessere Zeit. Verhelft unserem Kollektiv zu einer besseren und größeren Leistung.

Die Rückbenennung blieb auf der Tagesordnung. Wichtig war, dass sich Harry Matter zum Schluss zur Wahl stellte.

Klar wird gesteuert. Da saßen sie schon in der Straßenbahn, als Johannes das sagte, bloß Brigitta spielt nicht mehr mit.

Vom Hinterhof waren Schritte zu hören. Das war dann schon spät abends. Wolfram kam angetappt.

Böckler hatte die Sache mit dem Mitgliedsbuch schleifen lassen, und jetzt geht das in der Gruppenversammlung weiter.

Mutters Fragen, ihre Briefe. »Kommst Du mit den Hemden aus? Du hast ja meist nur Sommerhemden mitgenommen. Lass es nicht am Essen fehlen. Nimm viel Zucker. An die Luft gehen. Hast Du das Bett bezogen? Der Hultsch Robert ist gestorben. Wir sind die nächsten, die gehen.« Der hagere Mann mit dem schwarzen Hut war das, der den Kranz niedergelegt hatte für Gerber Lehmann. Inzwischen war die Gerberei volkseigen. Lene steckt mit Stundengeben in tiefster Arbeit, schrieb Mutter, viel Probenarbeit, Konzerte. Vater nannte sie eine alte Nazisse wegen damals, als die Lene keine Zeit für Besuch hatte, weil in Pirna der Führer sprach.

Jürgen war im Zirkus, schreibt Mutter. Sonst dreht sich alles um mich, dachte er. »Wir wissen so wenig von Dir.«

Warum habe ich Mutter von Ruth nichts gesagt?

11

Will mich nicht reinwaschen. Die Schuld bleibt, bloß gehen die am Rhein spazieren, als ob nichts gewesen wäre

Heimfahrtwochenende.

Ruth war seit gestern Fachschülerin. Die Pharmazieschule ständig besetzt. Haben Sie Verständnis, ich kann nichts übermitteln. Bei so vielen Schülern. Mehr kann ich nicht tun für Sie, hatte ihm Frau Trautmann wieder erklärt.

»Entgegen dem kühlenden Morgen, entgegen am Flusse dem Wind, Was sollen noch jetzt deine Sorgen, Wenn froh die Sirene erklingt«, werden sie vielleicht singen, bevor der Unterricht anfängt.

Entengrütze bedeckte den Teich, in dem sich kein Himmel spiegelte, als er zu Hause ankam.

Trink, iss, Junge. Bist so ernst.

Mir ist die Schmidt Anna auf der Treppe begegnet.

Musst leise sprechen.

Vater brachte Flaschenbier. Mutter hatte Einkäufe am Fahrrad hängen. Was du transportierst, beängstigt mich, sagte er zu Johannes. Die Kasper Martha will im Haus wohnen, als Besitzerin, was ich verstehen kann, sie wird sich reindrängen, vielleicht wird das Wohnungsamt jetzt reagieren. Du bist in Leipzig, zählst nicht, Jürgen ist Schulkind. Sie setzten sich in die Küche. Sie werden uns mehr Wohnung geben müssen.

Die Erlen vorm Fenster hatten die Blätter verloren. Unvermittelt sagte Mutter: Meine Jugendfreundin hat sich gemeldet, sie lebt, Marie Antonia, geb. Gräfin zu Stolberg-Wernigerode, Kupferhaus, Dierdorf, Bezirk Koblenz. Über ein Lebenszeichen würde sie sich sehr freuen, schreibt Klärchen aus Strahwalde, die das vermittelt hat. Lange her alles. Mizi hat aus erster Ehe zwei Söhne und die Tochter und aus zweiter Ehe zwei Kinder. Ich bin gesund, schreibt Klärchen, was will man sonst auch schreiben?

Was soll die Gräfin mit uns anfangen, Edith, ich als rausgeschmissner Beamter?

Ist sie ja nicht mehr, Gräfin. Vielleicht kann sie dir bessre Arbeit beschaffen. In der Güterverwaltung? Im Park?

Als Hofgärtner? Inspektor? Dort passe ich nicht hin. Die Kollegen gehn inzwischen am Rhein spazieren in ihrem Beruf. Du willst nicht fort, also muss ich bleiben.

Erinnerst du dich an die Herrnhuter Windmühle, Hannes?

Ich sollte schaukeln.

Das letzte Mal war das, dass wir uns gesehen haben, als sie uns herumgeführt hat, sie in Trauer.

Ich wollte nicht schaukeln.

Georg hörte nicht zu. Der Rhein erinnerte ihn an das Finanzamt, an damals. Diese Uniform hab ich gehasst, du weißt, welche ich meine, jung verheiratet, wie wir waren, und ich fürchtete, die entlassen mich. Die Furcht hatten vielleicht alle, sagte einem ja keiner, was, und keiner wusste, wie’s ausgeht. Will mich nicht reinwaschen. Die Schuld bleibt, bloß sind die am Rhein, als ob nichts gewesen wäre. Mir sagte Gommon, katholisch, dass ich der Letzte bin, der außer ihm noch da ist.

Horst soll technischer Offizier werden, Rosemarie Binnenhandel studieren, du siehst, Mutti hält dich auf dem Laufenden.

Bei mir im Arbeiterzug sagen sie, die Kasernierte Volkspolizei wird die künftige Armee. Der Spitzbart wäre ohne die Russen erledigt gewesen. Verschwinden hätte man müssen, damals, aber wohin? Mir gefielen die Rheinländer. Mein Bruder, der tot ist, könnte dir das bestätigen.

Da wohnten wir schon Bahnhofstraße, sagte Edith. Kosels mit ihrem Jungen wohnten am Markt, andre mussten nicht fort.

Wie soll ein Mensch sich das vorstellen? Soldat? Von einer Stunde auf die andre, Hannes? Liegst in der Badewanne, die bringen dir die Einberufung. Wie ich zum ersten Mal die Uniform gegrüßt hab. An so was erinnert sich der Mensch, andres wird vergessen. Oder in Frankreich bei Kriegsanfang, als wir in einem Schloss auf rosaseidnen Betten lagen, ich als Melder mit Fahrrad. Oder wie ich den Stoff kaufte, aus dem der Hensel Walter deinen Konfirmandenanzug geschneidert hat, da gings bei mir nicht um Tod und Leben, ich hab mich später geschämt, dass ich was mitgebracht habe.

Was ganz Feines, sagte meine Muttel, die den Stoff bezahlt hat.

Bezahlt, Edith!? Wer hat was bezahlt? Keiner wird mehr rot und wissen es alle. Diese Sucht, was mitzubringen. Manche Frauen waren reineweg übergeschnappt.

Lass liegen, wo’s liegt, lebst leichter, sagt Adele. Sagen inzwischen alle.

Sie haben, sagst du, auf dem Schulgelände einen Schießstand gebaut? Die Hand soll abfallen, die ein Gewehr anfasst. Da war ich noch in Gefangenschaft, als die Tägliche Rundschau das schrieb.

Hoffentlich kommt kein Krieg mehr.

Wer weiß das? Ich weiß nur, was der Krieg mit mir angestellt hat, diese ständige Angst, die schicken einen an die Front.

Jürgen war im Kino. Du bist so ernst, Junge, hast du was auf dem Herzen?

Auf dem alten Schießplatz in Bautzen spielt Zirkus Aeros, sagte Vater, als sie zum Bahnhof gingen. Ein Menschenaffe aus dem Wagen hat mich durchdringend angeguckt, als wäre die Einladung für mich. Sie bauen einen Schießplatz für die Schule. Ich hatte den Eindruck, du hörst gar nicht zu, weil du dazu nichts gesagt hast. Oder habe ich nicht zugehört?

Mir geht zu viel im Kopf rum, die Umbenennung, das Kollektiv, das wir werden sollen.

Er hatte die Nacht fast nicht geschlafen, an Ruth gedacht, ihr geschrieben, dass er heimfahren müsse wegen der Wäsche, wegen Hunderterlei.

Erwin arbeitet bei der »Bauunion« als Maurer, entweder ist bei ihnen das Geld auch knapp, oder sie sorgen für Siegfrieds Stipendium vor. Vater fuhr die Wäsche, die Mutter gewaschen und gebügelt hatte, auf dem Leiterwagen. Den Valtenberg schrammten tief hängende Wolken.

Der Bahnhof war zu sehen, als sie an dem Waldstück stehen blieben, das Abeles Busch hieß. Geh mal ins Theater und schreib mir davon. Menschen, deren Beruf es ist zu lernen, wie du, beneide ich. Edith, die mitgegangen war, erinnerte sich an die Strahwalder Mühle. Die war ein Fenster in unsrer Welt. So ein Fenster hat jeder Mensch. Unser Vater brachte Neuigkeiten mit. Wir Frauen warteten drauf.

Deine Kameraden aus der Dorfschule finden sich langsam zusammen, heiraten, ist eben der Lauf der Welt. Wir haben zu spät geheiratet. Horst in Berlin solls schön getroffen haben, Wohnheim, Vierbettzimmer. Klubmöbel, Schreibtisch. Hat was Festes.

Der Zug kam pünktlich. Zu Advent schick ich was Gutes, mein Junge.

Zum Heimfahrtwochenende hielten die Dresdner Bibliothekarschüler Platz. Er war in Dresden-Neustadt umgestiegen, saß neben Irina, als Ruth erschien. Sie war die voll besetzten Abteile durchgegangen, und auf dem Gang draußen hatte sie ihm die Meinung gesagt. Mit seinem schweren Koffer voll Wäsche verlor er sie auf dem Hauptbahnhof im Gewimmel der Fahrgäste in der Osthalle aus den Augen.

Danach waren sie sich noch einmal begegnet zwischen vielen Straßenbahnen, neben ihr in Friedhelms Alter ein junger Mann.

12

Die nicht mitgehn, sind das Problem, die das Paradies nicht erkennen, weil vielleicht keins existiert, zu denen gehöre ich, oder die keins suchen

»Nicht Worte – Taten entscheiden!« Das griff Harry auf, als sie über den Wettbewerb redeten. Es war entschieden, Erich Loest, auf den sie zweimal gewartet hatten, erschien nicht.

Warst tu Huus? Wolfgang war auch zu Hause gewesen, schmuck, mit blauweißem Hemd, dazu blauer Binder. Johannes steckte in einem Oberhemd, das Vater auf Bezugsschein besorgt hatte; das kratzte beim Anziehn, weil Holz in die Wolle gemischt war.

Wie ich euch beneide! Min Mudding wäscht nicht, sagte Friedhelm, höchstens mich, wenn die Wirtin verreist ist, wir das Badezimmer haben und in See stechen.

Der Rückbenennungsstreit war nachmittags. Evelyne Fehrmann fasste zusammen: Drei grundsätzliche Meinungen herrschen: Die es genau wissen, sind die eine, die Vorsichtigen, wenn sie fremde Meinungen wiederholen, die andre, die Übriggebliebnen die dritte. Sie lachte. Waltraud, Regina, Friedhelm, Irina, Johannes, Christel, Gertraude sind das. Evelyne rechnete sich auch dazu.

Klaus Pockrandt fing an. »Erich Loest hat es abgelehnt, zu seinem Artikel eine klare Stellungnahme abzugeben. Mögen die Meinungen über Loest in unserer Klasse weit auseinandergehen, einem Menschen, der nicht die Verantwortung für sein Tun zu tragen gedenkt, kann man nur ablehnend gegenüberstehen.«

Ich bin da andrer Meinung. Bloß weil Loest keine Stellungnahme uns gegenüber abgibt, sagte Joachim und zeigte auf das blaue Brett. Wir erwarten das aber von ihm, erwiderte Pockrandt ziemlich scharf, und außerdem hast du nicht bis zu Ende gelesen. Ich formulierte: »In unserer Diskussion ging es um sehr wichtige politisch-persönliche Fragen wie: Opportunismus? Vertrauen zur Partei der Arbeiterklasse?«

Ich kann selber lesen.

Die Diskussion mit Loest, setzte Pockrandt fort, sollte letzte Klarheit bringen. Sie wird nicht stattfinden. Wir werden diese Klarheit selbst herstellen. Loest hat sich so weit von der Masse gelöst, dass ihm nichts daran liegt, in einer F.D.J.-Gruppe, die seinen Namen trug, selbstkritisch-kritisch parteiische Klarheit zu schaffen. Mut zur eigenen Meinung? Das fehlt. Stattdessen Schönrednerei.

Arnold, gestrecktes Bein, stieg über den Schwellenbalken. Unsere Klassengruppe wird weiter den Namen: »Wladimir Majakowski« tragen, sagte Pockrandt noch, da war Friedhelm schon dabei, sich auf Arnold zu konzentrieren, der die römische Kaiserzeit ein zweites Mal durchquerte, aber Eichler nicht zur Kenntnis nahm.

Bei Frau Pelikan in Literatur schliefen sie ein.

Den Beschluss zur Namensänderung in Majakowski fassten die Gruppenfunktionäre am 22. Oktober. Brigitta, Stecknadeln zwischen den Lippen haltend, heftete den Beschluss an, als Friedhelm auftauchte. Verschluck dich nicht, Gitti, ich konnte nicht ahnen, dass du so zeitig aufkreuzt und mir in die Quere kommst, ich wollte schlafen.

Harry wird’s.

Noch was Neues?

Ich erwarte ein Kind.

Dass ich nicht lache. Von Klaus?

Du unterschätzt mich.

Lass mich lesen. »Ergebnisse der Funktionärsbesprechung vom 22. X. 53. I. Feststellung: In der bisherigen Arbeit der Leitung trat folgender Fehler auf: Die Beschlüsse der Funktionärsbesprechung wurden mit den Mitgliedern der Gruppe allzu breit diskutiert und hinderten so nur eine gute konzentrierte Arbeit.«

Soll das der Fehler sein?

Ich hab die Diskussion eben laufen lassen.

»Die Funktionäre besitzen das Vertrauen der Mitglieder und können auf Grund des in der Verfassung festgelegten demokratischen Zentralismus Beschlüsse ohne breite Diskussion mit den Mitgliedern fassen.«

Geht das?

Die Beschlüsse sind so.

Damit verändert sich alles.

Und Harry?

Ich hab Harry vorgeschlagen.

»II. Beschluß Nr. 1: Die Ablehnung Erich Loests zur Diskussion über seine Artikel in unserer Schule zu erscheinen, ist einem Ausweichen vor entscheidenden ideologischen Fragen und der Desinteressiertheit der FDJ-Gruppe, die bisher seinen Namen trug, gleichzusetzen. Wir beschließen, daß die Klasse 7a weiter den Namen des großen sowjetischen Dichters ›W. Majakowski‹ behalten wird.«

Ist inzwischen den meisten egal, wie wir heißen. Wenn du mich fragst, mir auch.

»III. Beschluß Nr. 2: Die Leitung der Gruppe ›W. Majakowski‹ beschließt, den Jugendfreund Harry Matter für die Neuwahl als Gruppensekretär vorzuschlagen.« Harry wird’s schwer haben. Ich habe Klaus verhindert.

Gertaude erschien, Regina, die kleine Porzelle.

Einige begrüßten sich mit Handheben.

Majakowski, sagte Gertraude und zeigte den Vogel.

Pockrandt war gegen die Neuwahl. Die außerordentliche Gruppenvollversammlung durch Evelyne Fehrmann konnte er nicht verhindern, er wurde krank. Harry wurde gewählt. Stand vor ihnen. Ich sehe euch gar nicht, sagte er, und fing an, die Brille zu putzen, vielleicht weil er so gerührt war. Ich setz die Brille lieber auf, damit ich seh, wer da ist. Er bedankte sich für die kämpferische Auseinandersetzung. Die Geburt eines wirklichen Kollektivs, einer festen Gemeinschaft, ich weiß, ist eure Hoffnung.

Regina hatte sich neben Johannes gesetzt. Er sagte ihr was ins Ohr.

Wenn ihr fertig seid, kann ich ja anfangen.

Sie setzte ein strahlendes Lächeln auf. Die Gurke. Ob die vergessen ist?

Vergessen. Ist vergessen.

Es sei nun unser aller Aufgabe, diese neue Gemeinschaft zu schaffen. Dass wir uns für »Wladimir Majakowski« entschieden haben, bringt uns anderen Klassen voraus. Unsere kämpferischen Talente haben wir bewiesen. Wir waren, einen Moment stockte er, hart zueinander, müssen das weiterhin sein, er stockte wieder, als würden ihn Zweifel plagen, selbst wenn es vielleicht anders ginge. Es wird darauf ankommen, eine FDJ-Gruppe zu bilden, die sich aus voller Erkenntnis und Überzeugung für die Sache unseres Staates einsetzt. Ein »nicht wollen«, um auszuweichen, nicht aufzufallen, kann es unter uns nicht geben.

Hinterher im Klubraum am Flügel Friedhelm, der Fingerübungen machte und plötzlich die Finger streckte, sie zusammenzog wie Krallen. Der Matter hat Züge eines Fanatikers. Bis an den Punkt hat er in sich reinsehen lassen, mir genügt dieser Punkt. An wen erinnert mich Matter? Ich finde kein Gesicht. Er redet vom Kollektiv wie von einer werdenden Mutter, die ihr Kind unter Schmerzen zur Welt bringt. Helft, Freunde, dass es nicht missrät.

Mehr sagte Friedhelm nicht und fing an, was Wildes zu spielen. Das Kollektiv überlebt, als Einzelne gehen wir unter, niemand bringt es von dem einmal beschrittenen Weg ab, hat er gesagt.

Als er so redete, saß Harry noch zwischen den schiefen Wänden. Friedhelm schraubte am Füllhalter. – »Ihr habt mich zu eurem Sekretär gewählt, ich danke euch. Die Zukunft wird erweisen, ob ihr in der Wahl richtig gehandelt habt. Wir werden einen neuen Kurs in unserer Gruppenarbeit einführen. Ich bitte um volle Unterstützung, ich verlange von jedem Funktionär den vollen Einsatz seiner Leistung und eine vorbildliche Haltung. Freundschaft!«

Der Neue Kurs. Wieder bestimmten sie Böckler zum Verbindungsmann für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Walter Döring sprach über den Wettbewerb.

Als Schluss war, zog Harry den Mantel über und ging. Er war Schuldelegierter und nicht rausgerückt mit der Sprache, bis beim Fußballspielen durchsickerte, Annelies Schenk, FDJ-Sekretär der Weinert-Schule, kann nicht mehr. Die Tränen sind ihr gelaufen. »Wenn ich abends heimkomme, die viele Arbeit sehe und was ich nachzuholen habe, die Pflichtlektüre vom letzten Semester, fange ich an zu weinen. Die endlosen Versammlungen, hat sie erklärt, da nutzt kein Bewusstsein, kein gesellschaftlicher Wille, da kommt der Zeitpunkt, an dem man nicht mehr weiter kann.«

Die Annelies ist mürbe. Der das sagte, spielte mit Johannes Fußball. Am 9. Oktober war das. Sie soll was durchsetzen, was sie nicht kann, eingesetzt hat die Schulleitung sie.

Liebst du sie noch, du Zuspätgekommner, fragte Friedhelm dazwischen. Warum fragst du? Weil ich jemand sehe, der zu dir passt.

Bis ein Nachfolger gefunden ist, sagt die Schulleitung, will sie es nochmal versuchen.

Ich sehe, ihr wisst schon alles, sagte Harry zwischen zwei Unterrichtstunden, die vergangen waren. Wir haben Annelies aber geraten, dass sie niederlegt. Ihre schulischen Leistungen sind sehr schlecht; außerdem ist sie zu weich. Steudel, der als Schulleiter rot unterschrieb, vermutete, sie wäre schwanger. In diesem Nervenzustand, so drückte er sich aus, kann die Annelies zu die Massen nicht dringen, nicht die kämpferische Diskussion entfachen. Man muss ihren Rücken stärken, muss dich helfen. Jede Klasse delegiert vier Freunde, die sich zusammensetzen und beraten werden. Es stimmt doch, man muss helfen. Da wurde gelacht, sagte Harry.

Die suchen jemand, ders macht, wenn Annelies abgelöst wird, wusste der Fußballspieler.

Als Pockrandt dann auf der Delegiertenkonferenz die sofortige Ablösung beantragte, ist dem Steudel was aufgegangen. Pockrandt will an die Spitze, der keinen Ball über die Torlinie bringt, der möchte die Grundeinheit führen. Bloß die Genossen sind sich nicht einig, Hannes. Vermutlich wird mir zum Vorwurf gemacht werden, soll Pockrandt gesagt haben, dass ich die Ablösung in die Diskussion gebracht habe, obwohl sich die Mehrheit dagegen entschieden hat. Formal natürlich völlig richtig, denn wir müssen Annelies Schenk helfen. Deshalb schlage er, Pockrandt, vor, sie zu entbinden. Man muss dir in deiner ausweglosen Lage schnell helfen, Annelies. Die Delegierten nominieren den Nachfolger. Da machte er gleich wieder Selbstkritik. Meinen Fehler, Freunde, begreife ich voll und ganz, ich wollte helfen.

Dem Pockrandt geht das wie Honigseim über die Lippen.

Der aus der Abiturklasse fragte mich, ob ich Pockrandt als gefährlich einschätze. Als kreuzgefährlich hab ich gesagt. Da waren sie schon unterwegs zur Straßenbahn, als Brigitta bedauerte: Um Harry tuts mir leid. Bist viel größer, wenn man dich ganz sieht, nicht bloß am Klavier, sagte sie zu Friedhelm, als der auf dem Sitz die Beine lang machte und antwortete, am Flügel, liebe Brigitta.

Warum willst du heim, Hannes?

Wolframs warten.

Niemand wartet. Die wundern sich höchstens, dass sie nicht einschreiten müssen, weil du keine anbringst. Er blieb bei Friedhelm. Im Radio hörten sie die ganze Nacht diese swingende Musik, und früh im Dachraum stand die Luft.

Wie der Pockrandt rumläuft, seit wir ihn entmachtet haben, sagte Hans Joachim, der entschieden für Loest eingetreten war, was Johannes imponierte. Er war in Radeberg Büchereilehrling gewesen, der Vater bei der Kirche, deshalb hatte Jochen auch keine Oberschule.

Pockrandt fand sein Gleichgewicht schnell wieder, zuerst kritisierte er Böckler wegen mangelhafter Gruppenarbeit und gab daran Harry Matter die Schuld. Der Jugendfreund Böckler verliert die Mitgliedsbücher der DSF und wird trotzdem eingesetzt!

Beim Skaten liegen lassen, giftete Gertraude. Gernitz widersprach nicht. Böckler wurde abgelöst. Die Funktion übernahm Irina. Dabei bleibt es aber, sagte sie. Für dieses Kollektiv typisch, maulte Pockrandt. Irina schnitt ihm das Wort ab. Sei endlich pünktlich, erledige deine Aufgaben. Du behauptest, wir sind ein Kollektiv, das Gegenteil sind wir, erklärte Matter.

Das Wochenende lag dazwischen, als Pockrandt an der Wandzeitung antwortete: »Über die Bildung von kollektivfeindlichen Gruppierungen in unserer Klasse«. Hannes war zweimal genannt, Regina auch, ich komme nicht vor, dachte Friedhelm. Weiß der liebe Gott, warum ich nicht vorkomme? Bin ich der richtige Falsche? Muss so sein. Er war seine Tasche holen gegangen und Pockrandt, das Gesicht verkniffen, auf der Treppe begegnet.

Ich muss zu Hannes fahren, der geht aufs Ganze. Pockrandt ist gefährlich. Wollen die Hannes rausschmeißen? Irina hat er genannt, Regina.

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