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Leidenschaftliche Rache in Monte Carlo

1. KAPITEL

Der Klang seiner Schritte hallte auf den sonnenwarmen Fliesen der Veranda wider. Es waren die energischen Schritte eines Mannes, dessen Nähe Gefahr verhieß.

Ohne sich umzudrehen, wusste Rayne, wer er war. Und dass er es darauf abgesehen hatte, ihr Unannehmlichkeiten zu bereiten.

Sie spürte seine eiserne Entschlossenheit und bebte vor Angst, dass er sie wiedererkennen könnte. Was dieser Mann wollte, das bekam er auch.

„Also Sie sind die Kleine, die mein Vater von der Straße aufgelesen hat und die ihn zum Dank dafür in der Gegend herumkutschiert.“

Rayne stand an der steinernen Brüstung und sah hinunter auf korallenrote Apartmenthäuser mit Dachgärten und Swimmingpools, deren glatte Wasseroberflächen in der Abendsonne glänzten. Als sie die sonore, leicht herablassende Männerstimme hinter sich hörte, kehrte sie der berauschenden Kulisse aus glitzerndem Meer, dem berühmten Fürstenfelsen und den sonnengebleichten Klippen der Côte d’Azur den Rücken zu.

Das lange rote Haar wogte um ihre Schultern, als sie sich zu dem reichen Mann umdrehte, der Monte Carlo zu seiner Spielwiese erkoren hatte.

Er war elegant und teuer gekleidet, wie sie kritisch registrierte. Dunkler Anzug, blütenweißes Hemd und blank polierte Lederschuhe. Doch hinter seiner perfekten Fassade, das wusste sie, verbargen sich ein rücksichtsloser Charakter und eine messerscharfe Zunge.

Es verschlug ihr den Atem, dem imposanten Geschäftsmann gegenüberzustehen, der aus ihm geworden war. Die jüngsten Pressefotos wurden ihm nicht annähernd gerecht, denn seine Wirkung beruhte weniger auf seinem attraktiven Äußeren als auf seiner starken persönlichen Ausstrahlung. Mit seinen markanten Zügen und dem widerspenstig in die Stirn fallenden schwarzen Haar sah er zwar ausnehmend gut aus, das Faszinierendste an ihm aber war sein Charisma.

„Nur zu Ihrer Information, ich bin fünfundzwanzig.“

Sie wusste selbst nicht, warum sie das gesagt hatte. Vielleicht, um ihn darauf hinzuweisen, dass sie keine kreischende Achtzehnjährige mehr war wie bei ihrem letzten Zusammentreffen.

Seine spöttisch hochgezogenen Augenbrauen verrieten, was sein analytischer Verstand daraus schloss: dass sie alt genug war, um seinen Vater ins Bett zu zerren. Und dass sie genau das vorhatte, falls sie es nicht bereits getan hatte. Aus reiner Geldgier, natürlich.

Kein Fünkchen des Wiedererkennens aber blitzte in seinen blauen Augen auf. Zum Glück.

„Und er hat mich auch nicht aufgelesen“, setzte Rayne hinzu. „Wir wurden beide Opfer einer Diebesbande, die mich komplett ausgeraubt hat. Ich kam von meinem Südfrankreich-Urlaub auf einen Abstecher nach Monaco herüber, und plötzlich stand ich ohne Kreditkarten, ohne Bargeld und ohne ein Dach über dem Kopf da.“

Ärgerlich fragte sie sich, warum sie das Gefühl hatte, sich vor ihm rechtfertigen zu müssen. Vielleicht, weil sie nicht ganz zufällig in jenem Straßencafé gesessen hatte? Weil sie als erfahrene, gründlich recherchierende Journalistin genau gewusst hatte, wo Mitchell Clayborne um diese Tageszeit anzutreffen war?

„Ihr Vater war so freundlich, mich bei sich aufzunehmen, bis ich meine Angelegenheiten geklärt habe.“

Sein breiter, entschlossener Mund, den sie einmal so sinnlich gefunden hatte, verzog sich zu einem spöttischen Lächeln. „Wie leichtsinnig von Ihnen, nicht im Voraus zu buchen.“

Jedes Wort von ihm klang wie ein Vorwurf. Oder lag es an ihrem schlechten Gewissen und ihrer Angst, entlarvt zu werden, dass sie es so auffasste?

„Meine Mutter war lange krank. Jetzt hat sie sich so weit erholt, dass sie für drei Wochen zu einer Freundin fahren konnte. Da habe auch ich beschlossen, spontan zu verreisen.“

In den sicheren vier Wänden des kleinen Londoner Mietshauses, das sie mit ihrer Mutter teilte, hatte sie die Idee noch gut gefunden. Auch wenn Cynthia Hardwicke vermutlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hätte, wenn sie vom Reiseziel ihrer Tochter und deren Absichten gewusst hätte.

„In Südfrankreich hatte ich noch eine Unterkunft“, betonte Rayne jetzt. Sie musste ihm ja nicht auf die Nase binden, dass sie dort bei ihrer Freundin Joanne und deren Mann gewohnt hatte. Und leider vorzeitig das Feld räumen musste, als unangemeldeter Verwandtenbesuch eintraf.

„Ich dachte, dass es jetzt zu Saisonbeginn nicht weiter schwierig sein dürfte, hier ein Hotelzimmer zu finden.“ Sie hatte ja nicht ahnen können, dass man sie ausrauben würde. „Ich war mit einem Mietwagen unterwegs, machte Pause in einem Straßencafé … den Rest der Geschichte kennen Sie ja offenbar.“

Er wusste nur, was sein Vater Mitch ihm erzählt hatte. Und Mitch war eindeutig voreingenommen. Nicht ohne Grund, wie Kingsley zugeben musste. Obwohl er sie gerade noch als Kleine bezeichnet hatte, war die junge Frau vor ihm mindestens eins siebzig groß, schlank und wohlproportioniert und mit ihrem wallenden roten Haar auffallend attraktiv.

Forschend musterte er ihr hübsches Gesicht mit dem zarten Teint, den großen klaren Augen und den schönen vollen Lippen, die einen Mann um den Verstand bringen konnten. Ihr gewandtes, selbstsicheres Auftreten passte nicht recht zu dem Bild einer dahergelaufenen Glücksritterin, das er sich von ihr gemacht hatte. Wer also war sie?

Sein Vater hatte sie kennengelernt, als er einige Tage zuvor allein aus dem Café gekommen war, in dem er seit Jahren regelmäßig zu Mittag aß. Den Chauffeur, den King extra für ihn eingestellt hatte, hatte der alte Hitzkopf nach einem Streit fristlos entlassen und sich dann selbst hinter das Steuer des behindertengerecht umgebauten Bentleys gesetzt, um in die Stadt zu fahren.

Nicht, dass King seinem Vater das Autofahren nicht mehr zutraute. Doch für einen Siebenundsechzigjährigen vom Bekanntheitsgrad eines Mitchell Clayborne war es nicht ratsam, allein unterwegs zu sein. Erst recht nicht bei seiner eingeschränkten Beweglichkeit.

Mitch hatte sich also vor dem Café aus eigener Kraft in den Wagen gehievt und begonnen, seinen Rollstuhl zusammenzufalten. Kaum hatte er das erste Rad abmontiert, war es ihm auf offener Straße gestohlen worden. Was nur bewies, wie gefährdet er war. Und wie schnell sich seine starrsinnig behauptete Unabhängigkeit in Hilflosigkeit verwandeln konnte. Denn genau das wäre passiert, hätte der rettende Engel in Gestalt dieser jungen Frau sich nicht an die Fersen der Diebe geheftet.

Kingsley zauberte ein charmantes Lächeln auf sein Gesicht. „Ich sollte Ihnen wohl dankbar sein, dass Sie meinen Vater beschützt haben, Miss …“

„Carpenter. Rayne Carpenter.“

Es war nicht ihr richtiger Name, jedenfalls nicht ganz. Carpenter war der Mädchenname ihrer Mutter. Unter diesem Pseudonym hatte sie ihre Artikel in dem Provinzblatt veröffentlicht, für das sie gearbeitet hatte.

Hätte sie sich als Lorrayne Hardwicke vorgestellt, hätte Mitchell Claybornes Sohn sie hochkant hinausgeworfen. Der Gedanke verursachte ihr eine Gänsehaut. Eigentlich hatte sie vorgehabt, seinem Vater klipp und klar zu sagen, wer sie war. Eigentlich. Bevor ihr diese Straßenräuber einen Strich durch die Rechnung gemacht hatten.

„Sie sind meine beste Reporterin, also liefern Sie mir eine richtig heiße Story“, hatte ihr Chefredakteur vor einem halben Jahr zu ihr gesagt. Bevor er sie zähneknirschend freistellen musste, weil die Pflege ihrer schwer kranken Mutter zu viel Zeit in Anspruch nahm.

Tja, die Story kann er haben, dachte sie mit trotzig vorgeschobenem Kinn. Eine brandheiße Enthüllungsstory, nur dass es sich leider um eine Privatangelegenheit handelte.

Ihr Gegenüber kam näher. So nah, dass ihr der Duft seines Aftershaves in die Nase stieg, herb-frisch wie die Brise, die von den pinienbedeckten Berghängen herüberwehte.

„Ich bin Kingsley Clayborne, genannt King.“ Er streckte ihr die Hand entgegen.

Ich weiß, wer du bist!

Sie wollte ihn nicht berühren, überwand sich aber und ergriff höflich lächelnd seine Hand. „Wie passend.“

Er spürte das leichte Zittern ihrer schlanken Finger in seinen. In ihren Augen, haselnussbraun mit goldgrünen Sprenkeln, lag eine lauernde Wachsamkeit, die zu dem künstlichen Lächeln auf ihren vollen roten Lippen passte.

Mein Vater kann selbst auf sich aufpassen, dachte er ärgerlich. Mitch war schließlich ein Mann von Welt. Aber auch anfällig für ein hübsches Gesicht, was ihn zum lohnenden Opfer für potenzielle Erbschleicherinnen machte. Und diese Rayne Carpenter war ganz schön raffiniert.

Trotzdem kam er nicht umhin, die zarte Linie ihres Halses zu bewundern, als er sie jetzt ungeniert musterte. Und ihre vollen runden Brüste, von denen der Ausschnitt ihres schlichten, aber modischen schwarzen Kleides gerade genug erahnen ließ, um sie verführerisch ins Blickfeld zu rücken.

Verdammt! Es überraschte ihn, wie heftig er auf die sinnliche Ausstrahlung dieser Frau reagierte. Zumal ihm sein Verstand sagte, dass er vor ihr auf der Hut sein musste. Doch sie hatte etwas an sich …

Eine vage Erinnerung tauchte aus den Tiefen seines Unterbewusstseins auf, flüchtig wie das zarte Gespinst eines Traumes, aber hartnäckig genug, um ihn ins Grübeln zu bringen. Die Falte zwischen seinen kühn geschwungenen Augenbrauen vertiefte sich. „Sind wir uns schon einmal irgendwo begegnet?“

Schweißperlchen bildeten sich auf Raynes Oberlippe und in der Mulde zwischen ihren Brüsten. Sie spürte sie so deutlich wie die warme starke Hand, die ihre umschlossen hielt.

Mit einem nervösen kleinen Lachen erwiderte sie: „Nicht, dass ich wüsste.“ Und atmete erleichtert auf, als er ihre Hand freigab.

Irgendetwas regte sich in ihr. Ärger? Abneigung?

Warum sonst sollte ein simpler Händedruck ihren Puls so zum Rasen bringen? Alle anderen Gefühle, die sie diesem Mann jemals entgegengebracht hatte, hatte er vor langer Zeit gründlich zerstört.

Doch es war mehr als ein simpler Händedruck gewesen.

Als er ihre Finger mit den seinen umschloss, hatte sie das Gefühl gehabt, taxiert, nackt ausgezogen und nach allen Regeln der Kunst verführt zu werden. Auch wenn sie ihn und sich selbst dafür hasste, dass er immer noch so viel Macht über sie besaß – sein intensiver Blick aus dunklen Augen verriet das untrügliche Interesse eines Mannes an einer Frau.

Aber kein Zeichen des Wiedererkennens, wie sie erleichtert feststellte.

Was nicht weiter erstaunlich war. Jeder, der sie länger nicht gesehen hatte, versicherte ihr, wie sehr sie sich seit ihrer Teenagerzeit verändert habe. Damals hatte sie noch keine weiblichen Rundungen aufzuweisen gehabt und ihr Haar raspelkurz getragen, noch dazu blondiert. Und alle hatten sie nur Lorri genannt …

„Die Diebe müssen Sie für leichte Beute gehalten haben, um sich ausgerechnet Sie herauszupicken.“

Sie wich zurück, gleichermaßen beunruhigt von seiner übermächtigen Präsenz wie von seiner Äußerung. „Wie meinen Sie das?“

„Na, die Kerle werden gemerkt haben, dass Sie ein Auge auf meinen Vater geworfen hatten. Wie hätten sie sonst wissen können, dass Sie auf ihren Trick hereinfallen und ihm zu Hilfe eilen würden?“

Konnte er hören, wie das Herz in ihrer Brust hämmerte?

„Ich kann es nun mal nicht leiden, wenn jemand ausgenutzt wird, egal in welcher Weise“, informierte sie ihn grimmig. „Was genau wollen Sie mir unterstellen, Mr …“

„Nennen Sie mich King.“

Warum nicht gleich Eure Majestät?

Sie musste sich auf die Zunge beißen, um es nicht laut herauszuschreien. Er war jetzt reich und mächtig. Und skrupellos.

Schon damals vor sieben Jahren, als sie Zeugin der hässlichen Szene zwischen ihm und ihrem Vater geworden war, hatte sie eine überraschende Seite an ihm entdeckt. Die Härte und Entschlossenheit eines jungen Mannes, der gezwungen war, von heute auf morgen die Leitung eines international expandierenden Großkonzerns von seinem verunglückten Vater zu übernehmen.

„Natürlich ist mir Ihr Vater aufgefallen“, erwiderte sie mit mühsam unterdrückter Wut. Sie hasste King für die Rolle, die er in dem üblen Spiel gespielt hatte, das ihrem Vater zum Verhängnis geworden war. „Ich fand es beeindruckend, wie mobil er sich trotz seiner Behinderung bewegte. Ist das ein Verbrechen?“

„Nein.“ Sein Lächeln war so strahlend wie die Sonne über Monte Carlo. Rayne war wie geblendet von dem hinreißenden Charme, den er plötzlich versprühte.

Wollte er etwa einlenken?

„Wie Sie wissen, war mein Vater allein unterwegs, weil ihm sein Chauffeur … nun, abhandengekommen war. Aber wie durch ein Wunder haben Sie ja die Lücke gefüllt.“

Sie nickte, ohne auf seinen sarkastischen Unterton einzugehen.

Ihr langes dichtes Haar leuchtete glutrot im Licht der Abendsonne. Interessiert glitt Kings Blick an den seidig schimmernden Locken herab, deren Enden sich auf der cremeweißen Haut ihres Dekolletés ringelten.

„Aber komplett ausgeraubt wurden Sie nicht, oder?“, bemerkte er mit einem vielsagenden Blick auf ihr Kleid.

„Mein Gepäck befand sich im Auto.“

„Und der Autoschlüssel?“

„In meiner Hosentasche.“ Zusammen mit ihrem Handy – zum Glück! –, was sie allerdings King gegenüber nicht erwähnte. Sie hatte es, kurz bevor sie Mitch Clayborne aus dem Restaurant kommen sah, aus der Handtasche genommen, um ihrer Mutter eine Nachricht zu senden. Das war ihre Rettung, denn so hatte sie gleich vom Auto aus ihre Kreditkarte als gestohlen melden und bei der Polizei ihre Handynummer hinterlassen können. Es würde also niemand bei ihrem Gastgeber anrufen und nach Lorrayne Hardwicke fragen.

Obwohl sie vor Aufregung einen trockenen Mund hatte, bot sie dem attraktiven Erben von Clayborne International mutig Paroli. „Sagen Sie mal, unterziehen Sie alle Gäste Ihres Vaters einem Kreuzverhör?“

Ein winziges Lächeln huschte über sein Gesicht. Er griff nach einer silbernen Kanne, die auf einem Tisch aus poliertem Granit bereitstand, und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. Mit einer einladenden Geste seiner kräftigen, sonnengebräunten Hand bot er auch ihr eine an.

Sie schüttelte den Kopf und zwang sich, den Blick von seinen langen schlanken Fingern abzuwenden.

„Sie sind mehr als ein Gast, oder?“, stellte er fest. „Sie arbeiten für meinen Vater, was Sie quasi zu seiner Angestellten macht, wenn auch einer etwas ungewöhnlichen. Mein Vater stellt niemanden ohne meine Zustimmung ein.“

Es war klar, wer im Clayborne-Imperium das Sagen hatte. Zu ihrem Ärger merkte sie, dass auch sie sich von seiner natürlichen Autorität beeindrucken ließ.

„Verzeihung, aber in diesen Dingen bin ich etwas penibel.“ Sie beobachtete, wie er einen Schluck von seinem dampfend heißen Kaffee nahm und die hauchdünne Porzellantasse energisch absetzte, ganz der nüchterne, auf Effizienz bedachte Geschäftsmann. „Wie Ihnen bekannt sein dürfte, ist mein Vater ein sehr reicher Mann.“

Genau wie du. Sie hatte erstaunt registriert, dass er auf der Liste der reichsten Männer Großbritanniens selbst seinen Vater Mitch Clayborne überrundet hatte.

Wenn sie einmal davon absah, dass die Claybornes ihren beneidenswerten Aufstieg ihrem Vater zu verdanken hatten, musste sie King zugestehen, dass er mit seinen weitverzweigten geschäftlichen Aktivitäten äußerst erfolgreich war. Jemand von seinem Format würde wohl überall Fuß fassen. „Ja und?“, fragte sie forsch.

Er hob die Hände, als sprächen die Fakten ja wohl für sich. „Eine schöne junge Frau. Ein schwerreicher, verletzlicher älterer Mann, dessen Ego etwas Auftrieb gebrauchen kann. Ein auf merkwürdigen Zufällen basierender Diebstahl vor einem voll besetzten Café. Sie müssen zugeben, gerissener hätte man es nicht einfädeln können, um die Sympathie meines Vaters zu gewinnen und sich Zutritt zu seinem Haus zu verschaffen.“

Zu ihrem Ärger spürte sie, wie sie errötete. Nicht nur aus Zorn und schlechtem Gewissen, sondern auch, weil er sie als ‚schöne junge Frau‘ bezeichnet hatte.

Natürlich hatte sie vor dem Café gezielt auf Mitch Clayborne gewartet, aber aus anderen Gründen, als Mitchs Spürhund von Sohn ihr unterstellte. „Das ist doch absurd“, behauptete sie.

„So?“ Er schob lässig eine Hand in die Hosentasche, was ihren Blick auf die untere Hälfte seines Körpers lenkte, auf männliche Hüften, straffe Muskeln und lange, sehr lange Beine … „Soll aber schon vorgekommen sein.“

„Du übersiehst dabei nur eins, King.“ Die brüchige Männerstimme, untermalt vom Surren der Rollstuhlräder, ließ sie beide herumfahren. „Sie wollte nicht mitkommen.“

Es stimmte, Rayne hatte das Angebot ihres Gastgebers zunächst abgelehnt. Obwohl die Diebe ihr nichts gelassen hatten als einen Mietwagen mit fast leerem Tank, war ihr die überschwängliche Dankbarkeit ihres Gönners peinlich gewesen. Schließlich hatte sie ihm aufgelauert, um ein Geständnis von ihm zu erzwingen. Sie hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, ihm zur Not mit der Presse zu drohen, falls er nicht zugeben würde, was er und sein Sohn ihrem Vater angetan hatten.

Sie wollte nachholen, was ihr Vater versäumt hatte: an Mitchell Claybornes Gewissen appellieren. Falls er ein solches besaß. Grant Hardwicke und seiner Familie war viel mehr gestohlen worden als das Rad eines Rollstuhls.

Doch Mitch hatte nach dem Vorfall so mitgenommen gewirkt, dass sie darauf verzichtet hatte, ihn an Ort und Stelle mit ihren Vorwürfen zu konfrontieren. Da ihr jedoch klar war, dass sie unter normalen Umständen keinen Zutritt zu seiner bewachten Villa erhalten würde – deshalb ja das Café –, hatte sie schließlich die Gelegenheit ergriffen und seine Einladung angenommen.

Immerhin, so hatte sie ihr Handeln vor sich selbst gerechtfertigt, waren die Claybornes ihrer Familie noch etwas schuldig. Warum also nicht warten, bis mit ihrer Kreditkarte alles geregelt war, und in der Zwischenzeit den Luxus genießen? Sobald ihr Gastgeber sich von seinem Schock erholt hätte, würde sie reinen Tisch machen und sich zu erkennen geben. Das zumindest war ihr Plan gewesen.

Doch die Dinge hatten sich anders entwickelt.

„Hörst du, King?“ In der lauen Abenddämmerung, die sich allmählich über die Veranda senkte, kam Mitchell Clayborne in seinem Rollstuhl herangefahren. Sein silbergraues Haar war noch so voll wie das seines Sohnes, seine Züge waren jedoch deutlich hagerer und die blauen Augen, aus denen er King jetzt scharf fixierte, von unzähligen Fältchen umgeben. „Sie wollte nicht.“

Kings Gesicht lag im Schatten, doch Rayne entging nicht das zynische Lächeln auf seinen Lippen, als er leise zu ihr sagte: „Ihre Zurückhaltung ehrt sie.“

Hatte er erraten, wer sie war, und spielte Katz und Maus mit ihr? Oder war er nur misstrauisch, weil sie sein strenges Sicherheitssystem umgangen hatte?

„Lass sie in Ruhe, King.“ Mitchell rollte sich an den Tisch, und King schenkte ihm aus einer Kristallkaraffe ein Glas Whisky ein. „Kann ich nicht die Gesellschaft einer Dame genießen, ohne dass du sie wie eine zwielichtige Herumtreiberin behandelst?“ Er nahm das Glas von seinem fünfunddreißig Jahre jüngeren Sohn entgegen, der ihm an Macht und Einfluss längst überlegen war.

„Selbstverständlich.“ Ein letzter Sonnenstrahl brach sich im geschliffenen Glas der Karaffe, die King jetzt unsanft auf den Tisch zurückstellte. „Viel Vergnügen mit ihr, aber diesmal springe ich nicht für dich in die Bresche.“

Seine Bemerkung ließ Rayne erschauern. Sie sah ihm nach, als er davonging, stolz wie sein Vater, aber von einer Aura von Stärke und Unabhängigkeit umgeben, von der dieser nur träumen konnte.

„Er mag mich nicht“, stellte sie fest, bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr King sie aus der Fassung gebracht hatte.

„Sie müssen meinen Sohn entschuldigen. Er misstraut jeder Frau, die in meine Nähe kommt“, erklärte Mitch. „Erst recht, wenn sie so jung und hübsch ist wie Sie. Er jagt jede in die Flucht, bevor sie hier Fuß fassen kann.“

„Wie egoistisch von ihm!“ Rayne blickte düster in die Richtung, in die King verschwunden war.

„Er hat keinen Grund, eifersüchtig zu sein. Bei seinem Aussehen und seiner Intelligenz wollen die Frauen sowieso nur ihn.“ Mitch lachte trocken. „Wer interessiert sich schon für ein altes Fossil wie mich?“ Dann hustete er so heftig, dass er fast seinen Drink verschüttete.

„Was soll man machen?“, seufzte er resigniert. „King glaubt, mich beschützen zu müssen.“ Die Sonne war hinter den Bergen untergegangen, und auf der Veranda gingen die Außenleuchten an. Der Whisky funkelte im Glas, als Mitch ihn mit einem Zug leerte. „Hier, schenken Sie mir nach.“

Rayne musterte ihn skeptisch. Sie fand, dass er reichlich erschöpft aussah. Wie sie von seiner sympathischen Schweizer Haushälterin erfahren hatte, litt er an Bluthochdruck und Herzschwäche. Was auch der Grund dafür war, dass sie ihm immer noch nicht die Wahrheit gesagt hatte.

„Sind Sie sicher?“

„Herrgott, Mädchen! Als mein Gast wollen Sie mir doch wohl nicht vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe?“

„Natürlich nicht. Tut mir leid.“ Und sie wollte sich auch keine Sorgen um diesen Mann machen, der ihren Vater so abscheulich behandelt hatte. Es kam ihr vor wie Verrat. Andererseits wirkte der frühere Geschäftspartner ihres Vaters erschreckend lebensmüde und verbittert. Vielleicht lag es an seiner Behinderung. Nicht einmal die Anwesenheit seines vitalen, tatkräftigen Sohns und Erben schien ihn sonderlich aufzuheitern.

An seine Launenhaftigkeit gewöhnt, schenkte Rayne ihm nach.

„Sie hören sich schon an wie mein Sohn“, mäkelte er. „Er hat seine Gene als Entschuldigung, aber von Ihnen lasse ich mir das nicht bieten, verstanden?“

„Verstanden, Sir“, sagte sie gespielt unterwürfig und sah einen Funken Heiterkeit in seinen wässrigen blauen Augen aufblitzen. „Wenn Sie sonst nichts mehr brauchen, würde ich mich jetzt gern zurückziehen.“

„Tun Sie das“, meinte er wohlwollend. „Ach, und Rayne …“ Auf halbem Weg zur Tür, umweht vom süßen Duft der Gardenien, die in Kübeln an der Hauswand wuchsen, drehte sie sich noch einmal um. „Wegen King … haben Sie ihn irgendwie verärgert, bevor ich kam?“

Ihr Herz schlug einen Tick schneller. „Nein, warum?“

„Ich habe ihn selten so angespannt gesehen.“

„Vielleicht hatte er einen harten Tag …“

„Unsinn. Er liebt harte Arbeit und kommt erst richtig in Fahrt, wo andere schlappmachen.“

„Klingt nach einem Dynamo.“

„Das ist er.“

„Auch Dynamos können ihren Geist aufgeben.“

„Da kennen Sie King nicht.“

Und ob ich ihn kenne, dachte sie verdrossen.

„Nun, Sie werden noch Gelegenheit haben, ihn besser kennenzulernen“, verkündete Mitch sichtlich zufrieden. „Er hat nämlich vor, eine Weile hierzubleiben.“

„Wie schön.“ Sie versuchte, den Eindruck zu erwecken, als sei ihr das relativ egal, doch das schlechte Gewissen und die Sorge über ihre zunehmend verzwickte Lage trieben sie an den Rand der Verzweiflung.

„Noch etwas, Rayne … Seien Sie nett zu ihm. Uns beiden zuliebe.“

Soll ich ihm die Füße küssen? Ist es das, was Frauen tun, wenn sie King Clayborne über den Weg laufen?

„Aber sicher“, versprach sie krampfhaft lächelnd, obwohl ihr angst und bange wurde bei dem Gedanken, wie tief sie bereits in der Patsche saß. Aber sie hatte nicht vor, sich von King einschüchtern zu lassen.

Und wenn er tausendmal aussieht wie der Traum aller Frauen, dachte sie trotzig, als sie sich ins Innere von Mitchell Claybornes luxuriösem Urlaubsdomizil flüchtete.

Schon möglich, dass King mit einem Kompliment oder einem Händedruck ihren Puls in die Höhe jagen konnte. Das lag an den Hormonen. Sie war schließlich auch nur ein Mensch!

Aber es blieb dabei: Sie war nach Monaco gekommen, um Wiedergutmachung für das Unrecht zu fordern, das ihrem Vater geschehen war. Und nichts und niemand würde sie davon abhalten, weder King noch ihre wild gewordenen Hormone.

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