Logo weiterlesen.de
Leidenschaftlic ist die Nacht

1. KAPITEL

Das Paar faszinierte sie. Seit sie das Restaurant betreten hatten, fühlte Millie sich wie gebannt.

Von ihm.

Als er im eleganten dunkelgrauen Anzug eintrat, ging ein leises Raunen durch den Raum, alle Köpfe drehten sich zu ihm. Er lockerte seine Krawatte, während er gleichzeitig den Blick über die Tische schweifen ließ. Ross, der Restaurantmanager, war diensteifrig zu ihm und seiner Begleiterin geeilt, um sie zum besten Tisch in der hinteren Nische zu geleiten. Dann hatte er Millie mit einer leisen Ermahnung dorthin geschickt, um die Bestellung aufzunehmen.

„Du wirst ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen, verstanden? Diese Gäste sind es wert.“

Die Blondine war eine Schönheit. Doch neben dem Mann versank sie in der Bedeutungslosigkeit, denn er war – Millie suchte nach dem treffenden Ausdruck – exquisit. Sie musste sich zwingen, nicht unentwegt in seine Richtung zu starren.

Das Paar trennte sich gerade, vermutete sie.

Oder besser gesagt, er trennte sich von ihr.

Während sie die Gäste in diesem sündhaft teuren Restaurant in Melbourne bediente, dachte Millie sich ständig Geschichten aus über die Menschen, die dort speisten.

Jetzt, kurz nach Mitternacht, waren nur noch drei Tische besetzt. So hatte sie Muße, die wenigen Gäste genauer zu betrachten.

An einem der Tische hatte sich das seriöse Geschäftsessen in eine feuchtfröhliche Party verwandelt, die aber nun, da die Bar geschlossen hatte, sicher bald ausklingen würde. Am zweiten Tisch saß ein Paar, das sehr angespannt wirkte. Die Dame hatte schweigend ihr Fischgericht und ihren Salat – ohne Dressing! – gegessen und fühlte sich ganz offensichtlich unwohl in ihrem engen schwarzen Samtkleid. Sie hatte gerade das erste Kind bekommen und litt jetzt unter ihrer Figur, ließ Millie ihrer Fantasie freien Lauf. Zudem vermutete sie, dass die Dame zum ersten Mal nach der Geburt wieder mit ihrem Ehemann ausging, der sie ständig bevormundete mit scharfen Bemerkungen wie: „Du willst doch bestimmt kein Dessert, oder, Darling?“

Und dann war da dieses schöne Paar.

Die fantastisch aussehende Blondine mit verführerischen Kurven war unendlich nervös. Sie beschwor ihren Begleiter wiederholt mit rauchiger Stimme: „Bitte, so hör mir doch zu“, griff über den Tisch nach der Hand ihres – tja, Millie war sich nicht sicher, in welchem Verhältnis dieser Mann zu seiner Begleiterin stand. Ehemann? Verlobter? Nein, das passte nicht. Fester Freund? Oder vielleicht nur flüchtiger Liebhaber? Was auch immer, der Mann zeigte sich völlig ungerührt angesichts ihrer flehenden Bitten.

„Wenn du mich nur anhören, mir wirklich zuhören würdest …“

Die beiden waren augenscheinlich Personal gewohnt, denn sie ließen sich nicht im Geringsten von der Kellnerin stören, die den nahezu unberührten Hauptgang abräumte. Millie spitzte die Ohren, um kein Detail zu verpassen, als die Blondine mit tränenfeuchten Augen wieder nach der Hand ihres Begleiters griff und ihn erneut anflehte.

„Bevor du sagst, dass es nicht sein kann, hör dir erst an, was ich sagen möchte. Bitte.“

„Vielleicht solltest besser du zuhören“, entgegnete er gereizt. Er hatte eine tiefe, volle Stimme – geradezu göttlich, fand Millie – und sprach mit ausländischem Akzent. Doch da er zu ihr nur gesagt hatte: „Steak, blutig, mit Tomatensalat“, konnte Millie bisher nicht ausmachen, woher dieser Akzent stammte. „Die ganze Zeit über sage ich schon Nein, aber du beharrst weiterhin darauf.“

„Und warum, glaubst du, reagiere ich so, Levander?“

Er war Russe, erkannte Millie endlich. Sie ließ sich viel Zeit, um die Teller abzuräumen. Den Salat hatte er kaum angerührt, die Hälfte des Steaks war ebenfalls übrig geblieben. Eigentlich müsste sie jetzt fragen, ob es den Gästen geschmeckt oder ob vielleicht etwas mit dem Essen nicht gestimmt hatte. Doch die angespannte Stimmung am Tisch machte eine solche Unterbrechung praktisch unmöglich. Außerdem war es ihr letzter Abend in Melbourne, und somit verzichtete Millie auf die gastronomische Höflichkeit.

„Du hoffst, ich werde meine Meinung ändern. Wie oft muss ich dir noch sagen, dass das nicht passieren wird?“, sagte der Mann namens Levander gerade.

Zwar war die Küche längst geschlossen, dennoch überlegte Millie, ob sie den beiden die Dessertkarte anbieten sollte. Sie war sogar bereit, das Dessert selbst zusammenzustellen, wenn sie nur noch mehr von dem Gespräch mithören konnte.

Als Künstlerin wurde Millie oft gefragt, woher sie die Inspiration für ihre Bilder erhalte. Nun, hier am Tisch saß ein Teil der Antwort.

Die Inspiration ereilte sie an völlig unerwarteten Orten und zu den unpassendsten Zeiten. In zwölf Stunden würde sie Australien verlassen, um wieder nach London zurückzukehren, wo ihre Familie lebte. Eigentlich sollte es in ihrem Kopf nur so schwirren von Dingen, die sie noch zu erledigen hatte. Außerdem müsste sie ihre Trinkgelder addieren und ausrechnen, ob sie sich den gebuchten Zwischenstopp in Singapur überhaupt leisten konnte. Stattdessen drehten sich ihre Gedanken um diesen faszinierenden Mann, dessen Schönheit sie als Malerin elektrisierte.

Seine Züge waren makellos. Millie brannte darauf, ihren Skizzenblock zu holen und die perfekte Symmetrie seines Gesichts auf Papier zu bannen, die hohen Wangenknochen, das markante Kinn mit dem Hauch eines dunklen Bartschattens. Sein Haar war dicht, etwas zu lang, und unwillkürlich musste Millie an die Farbe von Holzkohle denken: nicht wirklich schwarz, aber zu dunkel, um noch braun genannt zu werden. Welche Palette sein Schöpfer auch benutzt haben mochte, er hatte den Pinsel zweimal in die gleiche perfekte Farbe getaucht, um die Augen ebenso dunkel glänzen zu lassen wie das Haar.

Neben ihm verblasste alles andere: seine Begleiterin, die Kellner, die anderen Gäste, das ganze Restaurant. Millie wollte diesen Eindruck festhalten, wollte Levander zum alleinigen Mittelpunkt des Bildes machen. Alles um ihn herum verschwand, wie bei den russischen Matuschkas, den verschieden großen Holzpüppchen, die ineinandergestellt werden, bis nur noch die größte zu sehen ist. Sie sah das Bild vor sich: er, groß und eindrucksvoll, der Rest – seine Begleiterin, die anderen Gäste, das Personal, die Menschen auf der Straße vor dem Restaurant – immer kleiner, bis sie nicht mehr existierten.

„Du bist ein eiskalter Mistkerl“, spie die blonde Schönheit ihm in diesem Moment über den Tisch entgegen. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper und versuchte keineswegs, es zu bestreiten, bemerkte Millie.

„Muss wohl genetisch bedingt sein.“

„Das war’s also? Nach allem, was ich dir gesagt habe, bleibst du einfach so ruhig da sitzen?“ Als Tränen in ihre schönen Augen stiegen, gähnte er nur gelangweilt. „Du willst nicht einmal darüber nachdenken?“

Wieder antwortete er nicht, und während Millie noch überlegte, welche Rolle sie der Frau zuschreiben sollte, stürzte diese auch schon schluchzend und dennoch würdevoll zum Restaurant hinaus. Nun, was immer ihre Rolle vor wenigen Minuten noch gewesen sein mochte, jetzt war sie „die Ex“.

„Sie wartet darauf, dass ich ihr nachrenne.“ Die anthrazitfarbenen Augen richteten sich auf Millie. Seine Wimpern waren so dicht, sein Blick so intensiv, dass Millies Welt für eine Sekunde aufhörte, sich zu drehen.

Ich würde auch darauf warten, dachte sie, völlig perplex, dass er das Wort an sie richtete. Er schien überhaupt nicht verlegen zu sein wegen der Szene, die sich hier gerade abgespielt hatte.

„Ich bleibe noch eine Weile sitzen. Hoffentlich versteht sie diesen eindeutigen Wink und geht nach Hause.“

„Vielleicht ruft sie Sie ja auch auf Ihrem Handy an.“ Millie lief rot an, sehr zu ihrem Unmut. Sie setzte sich ganz eindeutig über die Regeln für das Personal hinweg. Es gab klare Anweisungen für eine solche Situation: höflich lächeln und den Rückzug antreten, sich keineswegs in private Gespräche verwickeln lassen.

Doch sie tat das Gegenteil, dehnte die Grenzen des guten Benehmens und blieb – gefangen von seinem Blick und überwältigt von seiner Ausstrahlung. Ob er wusste, wie unendlich attraktiv er war und welche Wirkung er ausübte? Ja, er wusste es, denn anstatt den Blick von ihr zu wenden und sie gehen zu lassen, stellte er ihr eine Frage.

„Würden Sie warten, wenn Sie an der Stelle meiner Begleiterin wären?“

„Schon möglich …“ Ihre Stimme war nur noch ein atemloser Hauch, ihre Haut brannte wie Feuer, die Lungen wollten ihr den Dienst versagen. Und nicht etwa, weil Ross mit grimmiger Miene das Gespräch von der anderen Seite des Raumes mitverfolgte. „Wenn ich mich erst beruhigt hätte, würde ich …“ Weiter kam sie nicht, denn sein Handy begann zu klingeln. Und genau in diesem Augenblick überschritt sie die Grenze. Statt sich diskret zurückzuziehen, blieb sie stehen, sah zu, wie er mit langen schlanken Fingern den kleinen Apparat hervorzog. Künstlerhände, schoss es ihr durch den Kopf. War das der Grund, weshalb sie sich so von ihm angezogen fühlte?

„Danke für die Warnung. Sie versucht tatsächlich gerade, mich anzurufen“, sagte er und schaltete das Handy aus.

„Keine Ursache“, erwiderte sie heiser. Jetzt erfuhr sie zum ersten Mal die volle Wirkung seines Lächelns.

„Noch einen.“ Er deutete auf sein leeres Glas. Millie wollte schon bedauernd ablehnen, schließlich war die Bar geschlossen. Doch als sie zu ihrem Chef sah, nickte dieser vehement. Also nahm sie mit einem Lächeln das Glas und eilte zur Bar.

„Was war da überhaupt los?“ Ross schoss ihr die Frage entgegen, sobald sie in Hörweite war.

„Wo?“

„Komm schon, Millie, mach keine dummen Spielchen mit mir. Was gab es so Interessantes mit Levander zu plaudern?“

„Er hat nur ein wenig mit mir geredet, mehr nicht.“ Sogar sein Name war sexy. „Du hast doch gesagt, dass für sie kein Aufwand zu groß ist. Es wäre unhöflich von mir gewesen, mich einfach umzudrehen und zu gehen.“

„Du weißt, wie du dich zu benehmen hast.“ Er bedachte sie mit einem warnenden Blick. „Soll ich den Drink servieren?“

„Nein, natürlich nicht.“ Sie schüttelte den Kopf und wechselte bewusst das Thema, während Ross einen großzügigen Wodka eingoss. „Sollen wir diesen Geschäftsleuten da noch den Port bringen, den sie haben wollten?“, fragte sie. „Sie könnten sauer werden, wenn sie sehen, dass wir am Nebentisch noch bedienen.“

„Die Bar ist geschlossen.“ Ross setzte das Glas auf die Theke. „Zumindest für jeden, der nicht Kolovsky heißt.“

„Kolovsky?“ Millie runzelte die Stirn, der Name kam ihr bekannt vor. Sie wartete darauf, dass Ross mehr erklären würde, doch er grinste nur.

„Auf Russisch ist das gleichbedeutend mit Geld.“

Sie war enttäuscht, dass Levander nicht aufschaute, als sie den Drink vor ihn auf den Tisch stellte. Er hielt den Blick durch das Fenster auf die Straße gerichtet und trommelte nervös mit den Fingern auf das blütenweiße Damasttischtuch. Noch nie hatte sie so lange dafür gebraucht, ein paar leere Gläser einzusammeln. Millie wartete darauf, dass er sie ansehen würde, dass sie – kurz nur – wieder die Frau war, der seine Aufmerksamkeit gehörte.

Nichts dergleichen geschah.

„Du kannst jetzt ruhig nach Hause gehen, Millie.“ Ross kam zu ihr, als auch der Letzte der Geschäftsmänner lautstark gegangen war. Den ganzen Abend hatte sie darauf gewartet, dass Ross diese erlösenden Worte zu ihr sagen würde. Doch in diesem Moment klang der Satz gar nicht mehr so verheißungsvoll. Ihre Müdigkeit, der leere Koffer, der darauf wartete, gepackt zu werden, und der frühe Flug morgen – all dies schienen plötzlich keine wichtigen Gründe mehr, endlich zu gehen. Reglos sah sie zu dem Tisch hinüber, wo Levander sich jetzt in den Stuhl zurücklehnte und langsam an seinem Wodka nippte.

Ross folgte ihrem Blick. „Ich denke, ich werde mir noch den Papierkram vornehmen. Sieht aus, als hätte er es sich für die Nacht gemütlich gemacht.“

Unbewusst runzelte Millie die Stirn. Ein letzter Drink für einen besonderen Gast war eine Sache, aber dass Ross sich so willig darauf einstellte, noch Stunden zu bleiben, hatte sie bei ihm noch nicht erlebt.

Doch er lieferte gleich die Erklärung. „Er gibt immer großzügig Trinkgeld – wie du jetzt gleich sehen wirst.“ Ross klappte eine schwarze Samtmappe auf, nahm ein schon fast unanständig dickes Bündel Geldnoten heraus, zählte seinen Anteil ab und gab Millie den Rest. „Sieht aus, als könntest du doch ein paar Tage in Singapur einschieben.“

„Du lieber Himmel!“

„Du hast es dir verdient. Du warst eine echte Bereicherung für das Restaurant.“ Er ging zur Kasse, holte einen großen Umschlag heraus und reichte ihn ihr. „Das ist dein Gehalt und das restliche Trinkgeld. Ein Empfehlungsschreiben ist auch dabei. Solltest du mal wieder in Melbourne sein und einen Job brauchen … Hier bekommst du jederzeit einen.“

Millie hasste Abschiede mehr als alles andere. Ross war nicht einmal ein besonders guter Freund, dennoch traten ihr Tränen in die Augen, als sie den Umschlag von ihm annahm. Ihr wurde bewusst, dass sie mit Sicherheit nie wieder zurückkommen würde. Ihre Traumreise nach Australien, verbunden mit einer Ausstellung ihrer Kunstwerke, hatte sich als totaler Flop erwiesen. Ohne diesen Job wäre sie schon vor Wochen ohne einen Cent wieder zu Hause gewesen. Gerührt und mit einem Anflug von Sentimentalität umarmte sie Ross.

Vor ihrem Trip ans andere Ende der Welt hatte sie sich gefragt, ob sie es wohl eines Tages als Künstlerin schaffen würde. Jetzt kannte sie die Antwort, auch wenn sie ihr nicht gefiel.

Es gab noch mindestens eine Million Dinge, die Millie zu erledigen hatte. Doch statt zielstrebig ihre Wohnung anzusteuern, als sie das Restaurant verließ, ging sie in die entgegengesetzte Richtung. Ihre Absätze klapperten laut auf dem Trottoir, als sie die Collins Street hinunterlief, ohne auch nur einen Blick in die Schaufenster der exklusiven Läden zu werfen, hin zu der Galerie, um ein letztes Mal ihr Werk zu sehen.

Da fiel es ihr zum ersten Mal auf.

Millie riss den Kopf ruckartig herum, als sie aus den Augenwinkeln das Schild bemerkte.

„Kolovsky-Design“.

Die satte blaue Front mit den goldenen Lettern war international bekannt – und doch bisher so weit von Millies Welt entfernt, dass sie das Gebäude nie richtig wahrgenommen hatte. Jetzt allerdings zog es sie geradezu magisch an. Mit zögernden Schritten trat sie auf das große Schaufenster zu, das dekoriert war mit Bahnen und Ballen der schweren Seide, für die Kolovsky berühmt war. Opale, groß wie Möweneier, lagen scheinbar achtlos zwischen den Stoffen verstreut. Die Wirkung war überwältigend. Millie war überzeugt, dass jeder Stein mit akribischer Präzision platziert worden war, ebenso wie die winzigen Lampen, die das Schillern des fließenden Materials zur Geltung brachten.

Jeder verband den Namen Kolovsky sowohl mit der Seide als auch mit den Kollektionen, die aus eben jenem edlen Material gemacht wurden. Dem Stoff wurde nachgesagt, er habe die gleiche magische Wirkung wie ein Opal – er fing das Licht ein, brach es und warf es schillernd in immer anderen Farbtönen zurück. Überzeugte Kolovsky-Fans behaupteten sogar, die Farbe passe sich der jeweiligen Stimmung der Trägerin an. Als Millie diese Behauptung in einem Hochglanzmagazin gelesen hatte, war sie eher amüsiert gewesen. Doch jetzt, während sie hier vor dem Schaufenster stand, war sie fast bereit, es zu glauben. Die Tatsache allerdings, dass sie noch vor wenigen Minuten mit Levander Kolovsky geflirtet hatte, erschien ihr plötzlich unwirklich.

Sie erinnerte sich jetzt, ihn schon einmal gesehen zu haben, und wusste auch, wo: Die Magazine waren voller Fotos von ihm, Levander Kolovsky, berüchtigter Partylöwe, erkorener Liebling von Melbournes Klatschpresse, die über jeden seiner Schritte berichtete.

Das Lachen ließ sich nicht zurückhalten. Sie hatte mit dem größten Playboy der Stadt geflirtet! Wenn sie das Anton erzählte …

Mit einem letzten Blick wandte Millie sich von dem Schaufenster ab. Es musste ein großartiges Gefühl sein, einen solch kostbaren Stoff am Körper zu tragen. Doch sie konnte sich das nicht leisten. Mit einem Seufzer beschleunigte sie ihre Schritte in Richtung der Galerie. Im Moment gab es kaum etwas, das sie sich leisten konnte. Aber so fing eben jeder unbekannte Künstler an, dessen war sie sich eigentlich bewusst.

Sie musste sich eingestehen, dass dieses bemüht positive Denken lange nicht mehr die aufmunternde Wirkung hatte wie früher. Die Realität ließ sich nicht ewig verdrängen.

Bald schon würde sie keine Künstlerin auf dem Weg zum Ruhm mehr sein.

Stattdessen würde sie sich ihren Lebensunterhalt als Lehrerin verdienen müssen.

Millie verharrte, als sie Licht in der Galerie sah. Anton, der Besitzer, sollte ihre Tränen nicht sehen, während sie sich von ihrem Traum verabschiedete.

„Welches ist von Ihnen?“

Millie hätte nicht sagen können, wie lange sie schon hier stand. Sie war in ihre eigenen Gedanken versunken gewesen, und so hatte sie nicht bemerkt, dass jemand neben sie getreten war. Jetzt allerdings vibrierte jeder Nerv in ihr.

„Das da.“ Mit dem Zeigefinger deutete sie auf das kleine Ölgemälde. Es zeigte eine Wiese mit Wildblumen. Jeder Grashalm war deutlich zu sehen, jede Blüte anders, und mittendrin stand ein Kind, dessen Gesichtszüge nicht zu erkennen waren. Es war Millies Lieblingswerk, ein Bild, das Erinnerungen und Gefühle wachrief. Es würde ihr das Herz brechen, sollte es jemals verkauft werden. Und doch hatte sie darauf gehofft, dass dieses Gemälde ihrer Karriere den Weg ebnen würde.

„Waren Sie auf Droge, als Sie es gemalt haben?“

„Nein.“ Millie lachte leise. Es war nicht nur die Frage, sondern auch die Betonung, die sie amüsierte. Sein Englisch war flüssig und fehlerfrei, doch da waren dieser großartige Akzent und die Tatsache, dass es ihm gelang, eine solche Frage zu stellen, ohne beleidigend zu wirken.

Sie warf einen Seitenblick auf ihn. Mit konzentriert gerunzelter Stirn betrachtete er ihr Bild – für einen Künstler ein Kompliment.

„Ich habe einen autistischen Bruder“, erklärte Millie. „Als kleines Mädchen hat mir der Arzt erklärt, warum mein Bruder nicht mit mir spielen und toben und schmusen kann. Es liegt daran, wie er die Welt sieht. Die Wolken, die Bäume, Gras, Insekten, Tiere … in seinen Augen sind sie alle genauso wichtig wie wir. Für ihn sind Menschen wie alle anderen Gegenstände. Das da bin ich.“ Sie zeigte auf das reglose Kind in der Mitte des Bildes und wartete auf einen Kommentar von ihm.

Lange kam keine Reaktion, er studierte nur das Gemälde. „Ich kannte einen Jungen, der jeden Abend weinte, wenn er zu Bett gehen musste.“ Seine dunklen Augen richteten sich auf Millie, und sie versank in seinem Blick. „Ich meine, er weinte nicht einfach nur. Bei ihm war es regelrechte Panik. Vielleicht war für ihn das Bett kein totes Material, konnte er das Holz, die Bäume in ihrer früheren Lebendigkeit spüren.“

„Das mag sein.“ Millie hätte zu gern gewusst, ob er dieser Junge gewesen war. Doch eigentlich war das unwichtig. Allein die Tatsache, dass ihre Arbeit einen solchen Gedanken, eine solche Frage hervorgerufen hatte, war Belohnung genug. „Ich weiß es nicht, aber möglich wäre es schon.“

„Darf ich nach dem Namen der Künstlerin fragen?“

„Sie dürfen. Ich heiße Millie.“ Sie lächelte. „Millie Andrews.“

„Ihr Akzent …“ Er überlegte, so wie sie über seinen gegrübelt hatte. „England? London?“

„Richtig.“

„Machen Sie Urlaub hier?“

„Nun, es ist mehr ein Arbeitsurlaub.“ Sie lächelte zerknirscht. „Ich fliege morgen nach Hause.“

„Schade.“

Natürlich hatte sie schon häufiger geflirtet, aber noch nie so schamlos offen und noch nie mit jemandem, der so absolut göttlich war.

„Millie.“ Er überlegte. „Der Name ist ungewöhnlich. Ist das eine Abkürzung?“

„Müssen wir das unbedingt näher erörtern?“

„Bitte.“

„Millicent.“ Sie verzog den Mund. „Meine Eltern müssen bei der Wahl wohl …“ Sie brachte den Satz nicht zu Ende. Sie entdeckte Anton, der sie hektisch zu sich hereinwinkte. Es wäre unhöflich gewesen, ihn zu ignorieren, also wandte sie sich zögernd an Levander, um sich von ihm zu verabschieden.

Er allerdings schien andere Pläne zu haben. Als die Tür von innen geöffnet wurde, trat er vor, schob sie noch weiter auf, machte dann einen Schritt zur Seite, um Millie eintreten zu lassen, und legte seine Hand an ihren Ellenbogen, als sie an ihm vorbeiging.

Es war nicht nur die Selbstverständlichkeit dieser Geste, sondern die Berührung selbst, die Millie aus der Fassung brachte. Diese warme, unglaublich männliche Hand an ihrem Arm verwirrte sie mehr, als ihr lieb war – mehr, als sie zugeben wollte.

„Wie schön, dich zu sehen, Millie. Ich dachte, du arbeitest heute Abend.“

„Habe ich ja auch, ich meine, ich bin fertig“, stammelte sie. „Anton, das ist …“

Anton strahlte. „Ich weiß, wer das ist. Willkommen, Mr. Kolovsky. Darf ich Sie zu Ihrer neuen Kollektion beglückwünschen? Sie ist wirklich ganz fantastisch.“

„Es ist nicht meine Kollektion.“ Levander lächelte dünn. „Ich kümmere mich um das Geschäft, nicht um Mode.“

„Nun, ich bin dennoch hingerissen“, sprudelte Anton die Worte aufgeregt hervor, doch Levander hörte nicht mehr zu. Er wanderte durch die Galerie, blieb vor manchen Gemälden kurz stehen, um sie zu betrachten, bei anderen verharrte er länger, wiederum anderen schenkte er nur einen flüchtigen Blick.

„Kennst du ihn?“, flüsterte Millie Anton zu. Natürlich war es unhöflich, im Beisein des Kunden zu tuscheln, aber sie wollte einfach mehr über Levander wissen.

„Jeder kennt den Namen Kolovsky.“

„Nein, ich meine, kennst du ihn?“

„Schön wär’s.“ Anton seufzte. „Der Laden ist zwar nur ein paar Türen weiter, aber die Kolovskys sind Tausende von Meilen entfernt. Mit den Zwillingen, seinen Brüdern, hatte ich aber schon zu tun.“ Anton lächelte verzückt. „Sie sehen genauso grandios aus. Millie, weißt du überhaupt, mit wem du es hier zu tun hast? Die Kolovskys sind praktisch so was wie die Königsfamilie.“ Er war restlos fasziniert. „Und dein Beau heute Abend ist der Erste in der Thronfolge.“

Antons Stimme erstarb verlegen, als Levander zu ihnen zurückkam. Er rettete die Situation, indem er theatralisch die Augen zur Decke aufschlug. „Ich schelte Millie gerade, weil sie sich in ihrer Servierschürze mit Ihnen sehen lässt. Obwohl, vielleicht ist es ja sogar gut so. Sie haben sie noch nicht gesehen, wenn sie nicht gerade von der Arbeit kommt?“

„Nein, bis jetzt noch nicht.“ Levander musterte sie unverschämt von Kopf bis Fuß, sodass sie sich innerlich wand. Ohne Anton anzusehen, sagte er: „Aber ich freue mich schon darauf.“

„Na, Sie sollten Ihre Hoffnungen wohl nicht zu hoch schrauben. Dann trägt sie nämlich meist T-Shirts und Jeans voller Farbkleckse.“

„Ich sehe, dass von Millie nur ein Bild im Fenster hängt, während andere Künstler mit mehreren vertreten sind.“

„Die anderen verkaufen sich auch.“ In einer machtlosen Geste hob Anton beide Hände und wandte sich verlegen an Millie. „Eigentlich, Millie, Darling …“ Er lächelte verlegen. „Ich werde dein Bild nicht herausnehmen, aber Platz ist nun mal knapp, und mit der neuen Ausstellung, die ansteht, muss ich leider …“

„Haben Sie noch mehr von Millies Arbeiten?“, mischte Levander sich ein. „Ich würde sie mir gern ansehen, wenn ich darf.“

„Natürlich!“ Mit großen Augen warf Anton einen Blick zu Millie, während er Levander weiter nach hinten in den Raum führte, wo Millies Werken ein winziger Platz an der Wand zukam.

„Der Preis ist zu niedrig.“ Levander überflog Millies Biografie und schüttelte den Kopf. „Und Sie machen einen viel zu dankbaren Eindruck, wenn jemand Interesse an Ihren Bildern zeigt. Sie müssen den Preis höher ansetzen.“

„Er war höher. Dennoch wollte niemand etwas kaufen“, sagte sie.

„Das hier ist doch eine der exklusiveren Galerien, oder?“ Levander wartete ab, bis Anton zögernd nickte. „Die Leute hängen sich keinen Schund an die Wand. Bei dem Preis müssen sie denken, dass sie minderwertige Ware kaufen.“

„Millie ist noch unbekannt.“ Antons exaltierte Stimmung erhielt einen leichten Dämpfer, weil hier sein Urteil angezweifelt wurde.

Heute ist sie noch unbekannt.“ Levander sah zu Millie. „Ändern Sie Ihren Preis. Und Ihre Biografie.“ Er drehte das Blatt um. „Ab jetzt kostet jedes Ihrer Bilder mindestens so viel wie Ihr Flugticket. Das ist der Preis, den Sie bezahlt haben, um andere mit Ihrem Talent zu beglücken.“

„Das wird nicht funktionieren …“

„Sie verlieren doch nichts dabei. Und es sollten zwei Bilder von ihr im Fenster hängen“, wandte er sich an Anton.

„Mr. Kolovsky …“ Anton lief rot an, versuchte zu schmeicheln und gleichzeitig Entschlossenheit zu zeigen. „Millies Bild hängt schon drei Monate im Fenster. Ich kann nicht …“

„Wann fängt diese neue Ausstellung an, von der Sie sprachen?“, fiel Levander ihm ins Wort. „Meine Stiefmutter erwähnte kürzlich, dass sie noch ein neues Stück für ihr Geschäft braucht. Soll ich ihr den Vorschlag machen, mal in der Galerie vorbeizuschauen?“

„Ich habe schon eine Einladung geschickt“, meinte Anton düster. „Und sie wurde – wie immer – höflich ausgeschlagen.“

„Nina hat sie ganz bestimmt nicht gesehen“, tat Levander ab. „Wahrscheinlich hat ihre Assistentin abgelehnt. Wenn ich ihr persönlich Bescheid sage, kommt sie. Mein Vater möglicherweise auch. Ob ich selbst kommen kann, ist nicht sicher.“

Anton hatte richtig vermutet – Millie wusste wirklich nicht, mit wem sie da zusammen war.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Leidenschaftlich ist die Nacht" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen