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Leidenschaft und Pfefferkuchen

Susan Mallery

Leidenschaft und Pfefferkuchen

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Tatjána Lénárt-Seidnitzer

1. KAPITEL

„Westernomelett mit extra Bacon, dazu Kaffee“, bestellte Mark Kincaid, ohne von seiner Morgenzeitung aufzublicken. Er hatte in der vergangenen Nacht nicht geschlafen und fühlte sich wie gerädert. Allerdings konnte er schon seit der Schießerei nicht mehr schlafen und sollte sich eigentlich nicht mehr darüber wundern. Vielleicht gewöhnte er sich ja irgendwann daran, stundenlang an die Decke zu starren und sich dabei vergeblich zu bemühen, die Ereignisse zu vergessen, die beinahe zu seinem Tod geführt hätten.

„Das glaube ich nicht.“

Zuerst dachte er, dass er sich die sanfte Stimme nur eingebildet hätte und es sich dabei um einen Kommentar hinsichtlich seiner Hoffnung, sich an die Schlaflosigkeit zu gewöhnen, handelte. Dann wurde ihm bewusst, dass sie von der zierlichen Blondine stammten, die an seinem Tisch stand.

Er sah zu der Kellnerin hoch. Sie schenkte ihm ein Lächeln. Er erwiderte es nicht. „Wie bitte?“

„Ich habe Nein gesagt. Sie können das nicht zum Frühstück bestellen. Sie essen jeden Tag dasselbe, und es ist ungesund. Vier Eier, Schinken, Käse und dazu auch noch Bacon! Das reicht, um ein Pferd umzubringen.“

„Zum Glück bin ich kein Pferd.“

Ihr Lächeln wurde breiter, und ihre Augen funkelten belustigt. „Gutes Argument, Detective. Okay, es ist genug Cholesterin, um die Arterien eines menschlichen Wesens zu verstopfen. Wie wäre es mit Haferbrei? Untersuchungen haben bewiesen, dass der regelmäßige Verzehr von Hafermehl den Cholesterinspiegel senken kann, in manchen Fällen sogar beträchtlich.“

Mark faltete seine Zeitung zusammen und richtete die ganze Aufmerksamkeit auf die Servicekraft. Sie trug eine weiße Schürze über einem pinkfarbenen Kleid. Zwei Schmetterlingsclips hielten ihr kurzes blondes Haar aus dem Gesicht. Sie war sehr hübsch anzusehen – für einen Mann, der an solchen Dingen interessiert war. Er war es nicht.

Er schob seine Kaffeetasse an den Rand des Tisches. Die Kellnerin verstand den Wink und schenkte aus der Thermoskanne in ihrer Hand nach.

Dann schlürfte er das heiße schwarze Gebräu und hätte beinahe vor Wonne geseufzt, als es ihm durch die Kehle rann. Kaffee verbesserte deutlich seine Weltanschauung. „Westernomelett“, wiederholte er entschieden. „Mit extra Bacon.“

Einen Moment lang presste sie die vollen Lippen zusammen, bevor sie vorschlug: „Wollen Sie nicht doch lieber Obst dazu nehmen? Es ist erntefrisch.“

Er fixierte sie mit jenem finsteren Blick, den er sehr erfolgreich gegenüber dem Abschaum dieser Welt eingesetzt hatte – damals während seiner Dienstzeit als Detective in New York.

Die Kellnerin – auf ihrem Namenschild stand Darcy – hätte eingeschüchtert die Flucht ergreifen sollen. Stattdessen murmelte sie vor sich hin, dass manche Leute starrsinniger seien, als es ihnen guttue. Dabei kritzelte sie etwas auf ihren Schreibblock. „Ich muss Ihnen sagen, dass ich diese Bestellung wider besseres Wissen aufnehme“, teilte sie ihm mit.

„Was ist aus der Maxime geworden, dass der Gast immer recht hat?“

„Recht zu haben, wird Ihnen nichts nützen, wenn Sie tot sind.“

Ihre Bemerkung klang entschieden zu fröhlich in seinen Ohren. „Es ist noch ein bisschen früh für einen philosophische Disput. Warum heben Sie sich Ihre Weisheiten nicht für den Mittagstisch auf?“

Sie grinste. „Lassen Sie mich raten – Sie kommen heute nicht zum Lunch, stimmt’s?“

Er zuckte mit den Schultern. Er hatte tatsächlich andere Pläne.

„Ich gebe das sofort weiter.“ Sie wedelte mit dem Block, drehte sich auf dem Absatz um und eilte in die Küche.

Mark wandte sich wieder der Zeitung zu, doch er begriff gar nicht, was er las. Denn seine Gedanken weilten immer noch bei Darcy. Unwillkürlich versuchte er, sich zu erinnern, was er über sie wusste. Sie war neu in der Stadt. Sie musste irgendwann im Laufe der acht Jahre, die er auswärts verbracht hatte, zugezogen sein. Sie war jung, Anfang zwanzig, attraktiv – nicht, dass es ihn kümmerte – und von Natur aus veranlagt, viel Wirbel um Dinge zu machen, die sie eigentlich nichts angingen. Sie triezte all ihre Stammgäste gleichermaßen, indem sie die Vorzüge von Orangensaft mit seinem hohen Gehalt an Vitamin C anpries, Kinder vor Karies durch Süßspeisen warnte, Salate anstatt Hamburger aufdrängte. Alle schienen diese besondere Aufmerksamkeit zu lieben. Alle außer Mark.

Er schüttelte den Kopf, um wieder klar zu werden, und befasste sich erneut mit der Zeitung vor ihm. Allmählich rückte die Umgebung in den Hintergrund, während er die Footballergebnisse vom Vortag studierte. Vielleicht schafften die Dallas Cowboys in diesem Jahr den Aufstieg. Vielleicht …

Ein kleiner Teller tauchte in seinem Gesichtsfeld auf. Darauf lagen halb übereinanderdrapiert drei Scheiben, die in seinen Augen seltsam und undefinierbar aussahen.

Er blickte zu Darcy hoch.

„Reißen Sie mir nicht den Kopf ab. Das ist eine Empfehlung des Hauses. Wir ziehen in Erwägung, den Lieferanten für unsere Backwaren zu wechseln. Das ist eine Kostprobe von einem der neuen Produkte. Was halten Sie davon?“

Die Scheiben stammten von irgendeinem großen Laib. Die Farbe war gelblich-orange. „Was ist das?“

„Kürbisbrot.“

Mark schob den Teller von sich. „Ich esse vormittags kein Gemüse.“

Sie starrte ihn an, als hätte er gerade den ersten Preis in einem Dummheitswettbewerb gewonnen. „In Ihrem Omelett sind Paprikaschoten. Außerdem ist Kürbis kein Gemüse.“

„Wollen wir wetten?“

„Okay, rein botanisch gesehen ist es Gemüse, wegen der Samen und so. Aber wir essen ihn in Kuchen. Das macht ihn zu Obst, ehrenhalber. Probieren Sie doch mal. Es schmeckt wirklich gut.“

Das wagte er zu bezweifeln. „Warum Kürbisbrot?“

„Wegen Thanksgiving. Das ist am Donnerstag. Haben Sie das vergessen?“

Er hatte es tatsächlich vergessen, weil er sich nicht um Feiertage scherte. Nicht mehr. Früher, als er sich ganz allein um Maddie gekümmert hatte, war es ihm wichtig erschienen, die Feiertage außergewöhnlich zu gestalten. Seine kleine Schwester war noch ein Kind gewesen, als sie ihre Eltern verloren hatten. Aber in letzter Zeit … Was hatte es noch für einen Sinn?

„Dann ist hier am Donnerstag wohl geschlossen“, stellte er fest. Er musste sich also sein Frühstück selbst zubereiten. Oder auch nicht. Kochen war ihm zu mühsam.

Darcy musterte ihn neugierig. „Sagen Sie, Detective, was haben Sie für den Feiertag geplant?“

„Ist meine Bestellung noch nicht fertig?“

Sie nickte bedächtig. „Wusste ich es doch. Sie sind der Typ Einzelgänger, stimmt’s? Sie werden den Tag ganz allein verbringen und den Kopf hängen lassen.“

Er starrte sie finster an. „Ich lasse den Kopf nicht hängen.“

„Aber Sie werden allein sein.“

Mit einer ausladenden Armbewegung umfasste er das halb volle Hip Hop Café. „Haben Sie keine anderen Gäste zu bedienen?“

Sie blickte um sich. „Eigentlich nicht, aber danke für den Hinweis. Ich bin der Meinung, dass niemand Feiertage allein verbringen sollte. Sie müssen ausgehen.“

Zu seinem Glück ertönte ein schrilles Klingeln, das Darcy zurück in die Küche rief.

Kaum eine Minute später kehrte sie mit seinem Frühstück zurück. „Ich meine es ernst. Einsamkeit macht die Feiertage schlimmer, als sie sein müssten. Haben Sie keine Familie in der Stadt?“

Mark dachte an seine Schwester, die das verlängerte Wochenende auf Reisen verbringen wollte. „Nein.“

„Dann kommen Sie doch zu mir. Es gibt Truthahn mit allem Drum und Dran. Alles ist selbst gemacht. Es kommen ganz viele Leute, es wird Ihnen gefallen. Sie müssen nicht mal reden, wenn Sie nicht wollen. Obwohl es Ihnen nicht schaden könnte, ein bisschen gesprächiger zu sein, wenn Sie mich fragen.“

Er stöhnte. Es hatte ihm gerade noch gefehlt, in die Fänge einer Gesundheitsfanatikerin und Weltverbesserin zu geraten. Vermutlich nahm sie Tofu als Füllung für den Truthahn und propagierte bei der Zusammenkunft ausschweifend die Wichtigkeit, der Gemeinschaft etwas zurückzugeben. Er öffnete den Mund, um das Angebot abzulehnen, doch da wandte sie sich ab und verschwand in der Küche.

Sekunden später kehrte sie mit der Kaffeekanne zurück, schenkte ihm nach und eilte sofort wieder davon. In den nächsten zehn Minuten kümmerte sie sich um andere Gäste, diskutierte mit ihnen über die Bestellungen und mied Marks Nähe.

Ihm blieb also genug Zeit, um sich etwa fünfzig Gründe auszudenken, aus denen hervorging, dass er die Einladung ablehnen musste.

Als Darcy mit der Rechnung an seinen Tisch kam, brachte er es jedoch nicht über sich, etwas zu sagen, das ihr strahlendes Lächeln gedämpft hätte.

„Um welche Uhrzeit?“, fragte er, wobei der Versuch, liebenswürdig zu klingen, eindeutig fehlschlug.

Verwundert hakte sie nach: „Sie nehmen an?“

„Haben Sie es sich schon anders überlegt?“

„Nein. Ganz und gar nicht. Sagen wir um vier? Wir essen um fünf.“ Sie zögerte. „Wissen Sie, wo ich wohne?“ Im nächsten Moment errötete sie. „Blöde Frage.“

Zum ersten Mal an diesem Tag, womöglich zum ersten Mal seit mehreren Tagen, lächelte Mark. „Ja, Darcy. Ich weiß, wo Sie wohnen.“

Darcy Montague lehnte die Stirn an die Tür ihres Spinds und stöhnte. Die gute Nachricht war, dass sie sich als Idiotin des Monats nominieren lassen konnte. Was in aller Welt hatte sie sich nur gedacht?

„Bitte sag mir, dass du deinen Kopf nicht gegen die Wand knallst!“, flehte Janie Carson Austin, die Geschäftsführerin des Hip Hop, während sie den kleinen Lagerraum betrat. „Du bist meine verlässlichste Kraft, und wenn du durchdrehst, ist meine Feiertagslaune dahin.“

Darcy richtete sich auf und zwang sich, ihre Vorgesetzte anzulächeln. „Kein Kopfknallen. Das verspreche ich. Ich denke bloß über den Stand der Dinge in meinem Leben nach.“

„Und der wäre?“

„Großartig.“ Sie ignorierte die Stimme in ihrem Kopf, die ihr sagte, dass es unglaublich dumm gewesen war, Mark Kincaid zu sich nach Hause einzuladen. Ausgerechnet Mark Kincaid – Whitehorns Antwort auf Brad Pitt und Tom Cruise in einer Person!

Hatte sie ihm tatsächlich gesagt, dass er mit niemandem reden musste, solange er in ihrem Haus war, nur um sich praktisch im selben Atemzug darüber zu beschweren, dass er nicht gesprächig genug war? Du hast total wirres Zeug geplappert. Wie peinlich ist das denn.

Janie lehnte sich an den Türrahmen. „Dein Kürbisbrot ist ein großer Hit. Vielleicht sollten wir nächste Woche etwas Neues ausprobieren.“

Darcys Stimmung hob sich augenblicklich. „Danke. Ich lasse mir etwas ganz Besonderes einfallen. Ich weiß es wirklich sehr zu schätzen, dass du mir diese Chance gibst.“

Janie – hübsch, blond, dreißig Jahre alt – zuckte mit den Schultern. „Ich bin unseren langjährigen Lieferanten gern treu, aber ich schulde auch meinen Gästen das Beste. Wenn dein nächstes Produkt genauso gut ist wie dieses und der Preis stimmt, werde ich empfehlen, dass wir die Backwaren in Zukunft immer von dir beziehen.“

„Ich werde dich nicht enttäuschen.“

„Ich habe vollstes Vertrauen in dich“, erwiderte Janie, und damit ging sie hinaus.

Darcy machte einen kleinen Luftsprung und setzte sich auf die Bank vor den Spinden. Ich habe vollstes Vertrauen in dich. Wer hätte je gedacht, dass sie diese Worte einmal hören würde? Lange Zeit hatte sie nicht an sich selbst geglaubt. Doch inzwischen trafen verlässlich, ehrlich, ordentlich und all die anderen hübschen Bezeichnungen, die auf „-lich“ endeten, tatsächlich auf sie zu. Nicht schlecht für eine ehemalige Niete.

Sie freute sich beinahe so sehr über das Kompliment wie über die Chance, ihr Geschäft namens Darcy’s Delectables zu expandieren. Wenn sie einen Festvertrag mit dem Hip Hop Café an Land ziehen konnte, bedeutete das einen großen Schritt in die Richtung, ihr minimales Sparkonto aufzupolstern. Dann nahm ihr Leben eindeutig eine Wende zum Besseren.

Sie konnte sich wirklich selbst auf die Schulter klopfen. Oder aber sie kümmerte sich um dringendere Angelegenheiten wie die Tatsache, dass sie Mark Kincaid zu Thanksgiving eingeladen hatte.

Ihre gute Laune verflog augenblicklich. Es ging nicht darum, dass es ihr widerstrebte, den Mann in ihrem Haus zu haben. Wie auch? Er war eine wahre Augenweide. Das war natürlich auch ein Teil des Problems. Sie hatte seit fünf Jahren keinen näheren Kontakt zu Männern. Diese Tatsache trug sicher dazu bei, dass Mark ihr so gewaltig unter die Haut ging. Die Kombination aus toller Figur, tiefsinnigen grünen Augen und charmant-verwegenem Lächeln stellte eine unglaubliche Versuchung dar. Etwas, für das sie momentan so gar keine Zeit aufbringen konnte.

Zu allem Überfluss war er überzeugter Single. Ihres Wissens gab er sich überhaupt nicht mit Frauen ab. Nicht, dass sie ihn ausspioniert hatte, aber sie lebten nun einmal Tür an Tür. Sie teilten sich ein Duplex am anderen Ende der Stadt. Er war einige Monate nach ihr eingezogen, und da er so verdammt gut aussah, war es unmöglich gewesen, ihn zu übersehen. Sie verfolgte nicht unbedingt jede seiner Bewegungen, aber ein kleines bisschen wusste sie Bescheid darüber, wann er kam und ging.

Du bist verknallt in ihn. So, nun war es eingestanden. Sie schwärmte für ihn, und das machte ihr Angst. Was, wenn er es merkte? Die Demütigung würde ich nicht überleben, und momentan kann ich es mir nicht leisten zu sterben.

„Ich werde ja nicht mit ihm allein sein“, murmelte sie aufmunternd vor sich hin, während sie aufstand und in den Gastraum zurückkehrte. Acht weitere Personen waren an Thanksgiving zum Dinner in ihr Haus geladen. Da fiel Marks Anwesenheit sicherlich kaum ins Gewicht. Bei einem so großen Puffer aus anderen Leuten zwischen ihnen konnte sie womöglich sogar vermeiden, dass sie sich ihm gegenüber zum Affen machte.

„Tut mir echt leid, dass ich so kurzfristig absagen muss“, verkündete Millie Jasper am nächsten Morgen. Sie versuchte, betrübt zu klingen, aber stattdessen strahlte sie vor Freude.

„Ich verstehe“, erwiderte Darcy, weil sie wirklich Verständnis dafür aufbrachte. Es gefiel ihr nur nicht sonderlich. „Wenn deine Eltern möchten, dass du über die Feiertage nach Hause kommst, ist das viel besser, als hierzubleiben.“

Millie setzte sich den zweijährigen Ronnie von einer Hüfte auf die andere. „Ich hoffe, dass sie mir anbieten, wieder nach Hause zu ziehen“, gestand sie ein. „Seit Ron mit seiner hohlköpfigen Tussi durchgebrannt ist, habe ich ganz schön zu kämpfen. Deshalb kommt es mir fast wie ein Wunder vor.“

Darcy wusste, dass Wunder nicht oft passieren. Sie tätschelte ihrer Freundin den Arm. „Fahr nach Hause. Versöhn dich mit deinen Eltern, und sieh zu, dass du noch mal von vorn anfangen kannst. Ich werde dich an Thanksgiving vermissen, aber so ist es viel besser.“

„Danke. Du bist echt lieb.“

Millie umarmte sie, was Ronnie dazu verleitete, Darcy einen klebrigen Schmatzer auf die Wange zu geben. Dann winkten die beiden zum Abschied und verließen das Café.

„Keine Panik“, ermahnte Darcy sich. Sie griff nach einem Tuch und begann, die Theke abzuwischen. „Es kommen immer noch vier andere Leute zum Dinner.“

Vier Leute plus ihm, dachte sie. Inzwischen weigerte sie sich nämlich, namentlich an Mark Kincaid zu denken. Ihr Inneres verhielt sich in letzter Zeit sehr seltsam, wenn sie ihn im Geist vor sich sah oder seinen Namen sagte. Ihr Herz pochte, sobald sie an ihn dachte, und im Magen flatterte es. Das erschien ihr beängstigend und irgendwie bestürzend.

„Ich tue nur ein gutes Werk“, sagte sie sich entschieden. „Es ist absolut nichts Persönliches dabei.“

Und das ist eine verdammte erbärmliche Lüge.

Leichter Schnee fiel am Dienstagabend, als Mark über die Auffahrt joggte, die zum Duplex zurückführte. Er hatte sich übernommen, und es stach ihn in der Seite. Bei jedem Schritt ziepte und zerrte es in den noch nicht verheilten Muskeln. Er würde für die zusätzlichen Meilen am nächsten Morgen bezahlen, wenn er steif und unter Schmerzen aufwachte. Vorausgesetzt, dass er überhaupt Schlaf fand.

Zumindest kann ich joggen gehen und die Konsequenzen ertragen, rief er sich in Erinnerung, während er um eine Wegbiegung rannte. Eine ganze Zeit lang war er nicht einmal sicher gewesen, ob er überhaupt überleben würde. Jetzt wusste er, dass ihm eine vollständige Genesung bevorstand und sein Leben – abgesehen von einigen Narben und einer etwas zynischeren Einstellung zur Welt – wie vorher weitergehen würde. Oder etwa nicht? Konnte er nach allem, was Sylvia ihm angetan hatte, je wieder einer Frau vertrauen?

Er schüttelte den Kopf, um die Gedanken an sie zu verscheuchen. Die Auffahrt verbreiterte sich und führte kreisförmig an dem einstöckigen Duplex vorbei. Gerade wollte er zu seiner Hälfte laufen, da sah er seine Nachbarin bei ihrem Auto stehen und sich mit einem großen Gegenstand auf dem Rücksitz abmühen.

Mark verlangsamte seinen Schritt. Das ist nicht dein Problem, ermahnte er sich. Tür an Tür mit jemandem zu wohnen verpflichtete ihn zu nichts. Er blieb etwa zehn Fuß von ihrem Auto entfernt stehen. Ihrem uralten Auto. Der ausländische Kleinwagen hatte schon bessere Zeiten erlebt und eindeutig zu viele Meilen gefressen. Stellenweise war die grüne Farbe abgeblättert, das Blech verrostet und die hintere Stoßstange verbeult. Aber die Winterreifen sahen recht neu aus. Zumindest war Darcy klug genug, angesichts des bevorstehenden Winters auf ihre Sicherheit zu achten.

Sie schlang die Arme um das, was auch immer auf dem Rücksitz klemmte, und versuchte, sich aufzurichten. Es gelang ihr nicht, stattdessen taumelte sie einige Schritte rückwärts.

Ohne nachzudenken eilte er zu ihr und nahm ihr das Ding ab. Es stellte sich als ein sehr großer, schwammig-weicher Truthahn heraus.

Darcy blinzelte ihn an. „Mark. Hi.“

Eine blaue Daunenjacke ließ ihre großen Augen so tiefblau leuchten wie den Sommerhimmel. Schneeflocken hingen an ihren blonden Locken. Ihr allgegenwärtiges Lächeln vertiefte sich.

„Danke für die Rettung.“ Sie deutete auf das monströse Federvieh, das er sich betreten an die Brust drückte. „Ich weiß, dass er viel zu groß ist, aber ich musste ihn extra bestellen – Sie wissen schon, um Frischware zu kriegen. Und ich konnte nur zwischen einem mickrigen Ding und einem Riesenvogel wählen, der für eine ganze Kompanie reicht. Mein Ofen ist riesig, also habe ich mich für dieses Ungetüm entschieden. Ich kenne ungefähr eine Million Arten, um übrig gebliebenen Truthahn zu verwerten. Deshalb macht es nichts, wenn wir zu Thanksgiving nicht alles aufessen.“ Sie hielt inne, um Luft zu holen. „Ich weiß, dass frische Truthähne viel teurer sind, und außerdem ist dieser im Freiland aufgewachsen, aber es ist ja schließlich nur ein Mal im Jahr, verstehen Sie?“

Der eisgekühlte Vogel musste über zwanzig Pfund wiegen. Mark spürte etwas Nasses an seinen Beinen hinunterrinnen. Na großartig! „Können Sie mir zeigen, wohin er soll?“

„Oh, Entschuldigung.“ Sie eilte zur Haustür und warf ihm einen Blick über die Schulter zu. „Ich könnte ihn tragen. Ich meine, Sie müssen ihn nicht hereinbringen, wenn Sie nicht wollen.“

Mark war fast einen Fuß größer und vermutlich siebzig Pfund schwerer als sie. Er wäre sich ziemlich schäbig vorgekommen, hätte er ihr die Schlepperei überlassen. „Ich glaube, ich schaffe es.“

Sie zog den Kopf ein. „Natürlich schaffen Sie es. Sie sind echt nett, und ich weiß es zu schätzen.“ Sie schloss die Tür auf und hielt sie für ihn offen. „Ich nehme an, Sie kennen den Weg.“

Während er eintrat, fiel ihm auf, dass ihre Wohnung genau spiegelbildlich zu seiner geschnitten war. Ein kleiner Vorraum führte in ein quadratisches Wohnzimmer. Seines befand sich auf der linken Seite, ihres demnach rechter Hand. Was bedeutete, dass die Küche in entgegengesetzter Richtung lag. Er drehte sich zum Esszimmer um, durchquerte es und fand sich in der Küche wieder.

Darcy öffnete den Kühlschrank und deutete auf einen Rost, auf dem nichts außer einem leeren Bratblech stand.

Er deponierte den Vogel im Bräter und sah hinunter zu den nassen Flecken auf seiner Jogginghose.

Sie folgte seinem Blick und stöhnte. „Oh, tut mir leid. Ich habe gar nicht gemerkt, dass er tropft.“ Sie griff nach einem Geschirrhandtuch und näherte sich ihm, blieb dann aber stehen und reichte es ihm.

Unwillkürlich wünschte er, sie hätte selbst Hand angelegt. Kaum kam ihm der Gedanke, da verdrängte er ihn auch schon entschieden. Auf gar keinen Fall wollte er sich wieder mit einer Frau einlassen. Schon gar nicht mit einer Nachbarin. Hatte er seine Lektion nicht gelernt?

Er rieb über die feuchten Flecken und warf ihr das Handtuch zu. „Wie viele Personen wollen Sie mit dem Ding sättigen?“

Sie öffnete ihre Jacke und hängte sie über die Rückenlehne eines Stuhls. Ihr Küchentisch aus weiß gekachelter Oberfläche und Eichengestell war von vier passenden Holzstühlen umringt.

Ihm fiel auf, dass in ihrer Küche alles anders aussah als in seiner. Seine abgenutzten Schränke waren von einem undefinierbaren Grün, das irgendwo zwischen Schimmel und Avocado anzusiedeln war, während ihre frisch gestrichen aussahen und strahlend weiß glänzten. Eine blaue Bordüre lief rings um die Wände, kurz unterhalb der Decke. Pflanzen hingen vor dem großen Fenster, wo die Spitzengardinen aufgezogen waren, um Licht hereinzulassen.

Da ihr Vermieter nach dem Nichteinmischungsprinzip vorging, wusste Mark, dass die Verschönerungen von Darcy selbst stammen mussten. Beide Wohnungen wiesen keine modernen Geräte wie Geschirrspüler auf, weshalb er überwiegend auf Papier und Plastik zurückgriff, wenn er sich überhaupt bequemte, zu Hause zu essen. Sie hatte einen Abtropfständer aus Metall neben der Spüle aufgestellt, auf dem mehrere Töpfe übereinandergestapelt trockneten.

Er richtete die Aufmerksamkeit wieder auf sie, nur um festzustellen, dass sie seinen Blick mied. Sie wirkte verlegen.

„Eigentlich sollten es insgesamt zehn werden, Sie eingeschlossen“, murmelte sie, während sie ihre Stiefelspitzen musterte. „Für Millie ist es eigentlich ein Glück, dass sie doch nicht kommen kann. Ihr Mann – bald Exmann – ist mit einem jungen Mädel durchgebrannt. Seitdem hat sie schwer zu kämpfen. Ihre Eltern haben sie zu Thanksgiving nach Hause eingeladen. Sie hofft, dass sie sich mit ihnen aussöhnen und wieder bei ihnen einziehen kann. Sie hat drei Kinder und will unbedingt ihren Collegeabschluss machen, damit sie sich einen anständigen Job besorgen kann. Also ist es für sie am allerbesten so.“

Mark verdaute die Flut an Informationen und überlegte, ob er fragen sollte, wer diese Millie war. Dann entschied er, dass es nicht wichtig war. „Also, wie viele werden jetzt noch kommen?“

Sie blickte ihn an. „Nur noch sechs, weil Millie ihre drei Kinder mitgebracht hätte.“ Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Ich habe an Feiertagen gern viele Menschen um mich. Ich lade Leute ein wie Sie – die keine Familie in der Nähe haben und deshalb nicht wissen, wohin sie sollen. Wie ich schon mal gesagt habe ist es eine schwierige Zeit, um allein zu sein.“

Na, großartig! Ein Tisch voller Streuner.

Darcy klemmte sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr. Die Bewegung lenkte seine Aufmerksamkeit auf ihre blonden Locken, die seidig aussahen, und auf ihre vollen Brüste, die sich auf reizvolle Weise unter ihrem Sweater abzeichneten. Auch wenn er die letzten Monate damit zugebracht hatte, sich von zwei Schusswunden zu erholen, waren gewisse Teile von ihm unverletzt geblieben. Sie suchten sich diesen Moment aus, um ihn daran zu erinnern, dass ein Mann gewisse Bedürfnisse hat.

Blut floss gen Süden mit einer Geschwindigkeit und Intensität, die ihn die Zähne zusammenbeißen ließen. Verdammt! Warum musste ihm plötzlich auffallen, wie attraktiv Darcy war? In den vergangenen zwei Monaten, die sie nun schon Nachbarn waren, hatte er es geschafft, diese Tatsache geflissentlich zu übersehen.

„Wo ist denn Ihre eigene Familie?“, fragte er, um sich von den quälenden Anzeichen der Erregung abzulenken. Mit schierer Willenskraft verdrängte er sein Verlangen.

„Meine Eltern sind vor fünf Jahren gestorben.“

Er sagte nichts dazu. Auch seine Eltern waren gestorben, aber wegen dieser Übereinstimmung wollte er sich noch lange nicht mit dieser Frau verbünden. Er wollte nichts mit ihr gemeinsam haben.

Lag es eigentlich an ihm, oder war es wirklich zu heiß im Zimmer?

„Kann ich Ihnen etwas anbieten?“, fragte Darcy. „Tee? Gebäck?“

„Aus Vollkornmehl und Tofu? Nein danke.“

Sie lachte. „Obwohl ich meine Kekse selbst backe, schwöre ich, dass ich ganz normale Zutaten verwende.“

„Wahrscheinlich betrachten Sie Tofu als normal.“

„Nicht, wenn ich backe. Obwohl ich schon mal Carubin benutzt habe, falls das zählt.“

Er hatte absolut keine Ahnung, was dieses Carubin war. „Ich muss allmählich nach Hause.“

Sie folgte ihm zur Tür. „Danke, dass Sie mir geholfen haben, Mark. Ich bin überzeugt, dass ich es allein geschafft hätte, Mister Truthahn hereinzuschleppen, aber es war schön, dass ich mich nicht mit ihm abplagen musste.“

Sie reichte ihm nicht einmal bis an die Schultern. Sie sah unschuldig und mustergültig aus. Er hatte nichts bei ihr zu suchen.

„Hören Sie, Darcy …“ Er hielt inne. Wie sollte er ihr beibringen, dass er lieber doch nicht zu ihrem Dinner zu Thanksgiving kommen wollte? Er war in letzter Zeit nicht gerade gesellig und konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen, als mit fünf Leuten, die er nicht kannte und nicht kennenlernen wollte, zusammen an einem Tisch zu sitzen und gemeinsam zu essen.

Sie starrte ihn aus ihren großen blauen Augen an. Die Winkel ihres vollen Mundes hoben sich ein wenig. Ihre Haut war makellos. Hell, rein und leuchtend. Doch das Schlimmste an allem war das blinde Vertrauen in ihrem Blick. Er fürchtete, dass sie in ihrem ganzen Leben noch nie eine Notlüge geäußert hatte, geschweige denn eine richtig gemeine Lüge. Er fühlte sich, als stünde er im Begriff, ein Hündchen zu treten.

Seine Schultern sackten hinunter. „Soll ich etwas mitbringen? Wein?“

„Wein wäre nicht schlecht. Ich verstehe nämlich absolut nichts davon.“

Mark nickte und ging, ohne sie noch einmal anzuschauen. Er wollte nicht sehen, wie sie ihn anlächelte, als hätte er gerade etwas Erstaunliches vollbracht.

Sobald er seine eigene Wohnung betreten hatte, dehnte er seine abkühlenden Muskeln. Dann lief er durch den kleinen Vorraum. Im Badezimmer angekommen, zog er sich T-Shirt und Thermounterhemd aus. Den Oberkörper entblößt, starrte er in den Spiegel.

Die Narbe von der Schusswunde an seiner Seite war noch immer rot und geschwollen. Er befühlte sie und dachte daran, dass die Ärzte ihm mitgeteilt hatten, dass er großes Glück gehabt hatte. Hätte die Kugel ihn nur wenige Millimeter weiter in der Mitte getroffen, hätte er zumindest ein lebenswichtiges Organ verloren. Sylvia hatte auf sein Herz gezielt. Bereits unter den gegebenen Umständen wäre er beinahe verblutet. Er beugte sich vor, um sein Bein zu massieren. Die Narbe dort bereitete ihm längst nicht mehr so viele Probleme wie noch vor einem Monat.

Während seines Aufenthalts im Krankenhaus hatten ihn viele Kollegen vom Kommissariat besucht. Die meisten hatten ihn damit gefoppt, dass „Narben von Schusswunden magnetisch auf Miezen wirken“. Doch irgendwie konnte er sich nicht vorstellen, dass eine Frau wie Darcy sich für seine Verletzungen begeisterte. Eher würde sie nach einem Blick darauf in Ohnmacht fallen. Nicht, dass er beabsichtigte, ihr seinen lädierten Körper zu zeigen.

Mark richtete sich auf, öffnete den Wasserhahn in der Dusche und streifte sich die restliche Kleidung ab. Während er unter den dampfenden Strahl trat, rief er sich in Erinnerung, dass er nichts mit Darcy anfangen wollte, so attraktiv sie auf ihn auch wirken mochte. Wie er bereits am eigenen Leib erfahren hatte, konnte es sich als fatal erweisen, sich mit einer Frau einzulassen.

2. KAPITEL

Der große Saal in der Madison School maß fast vierzig Quadratmeter. An einer Wand befand sich ein riesiger steinerner Kamin. Mehrere Sofas bildeten Sitzgelegenheiten für Gesprächsrunden, während Kartentische ringsherum Platz für verschiedene Spiele boten. Die hohe Balkendecke trug zu der freizügigen, offenen Atmosphäre des Raumes bei. Der Duft von Popcorn mischte sich mit dem Geruch nach Holzkohle vom letzten abendlichen Imbiss.

Darcy saß auf dem Sofa in einer Ecke, die Füße unter sich gezogen, und lauschte, während ihr Bruder Dirk aufzählte, was er alles in seinen Koffer gepackt hatte.

Stolz verkündete er: „Ich habe sogar daran gedacht, dass ich Bürste und Kamm mitnehmen muss.“

Ihr Herz schwoll vor Liebe zu ihm, während sie sein vertrautes Gesicht musterte. Sie hatten beide blaue Augen und blondes Haar, aber Dirks Züge waren markanter. So sehr es sie auch wurmte, musste sie zugeben, dass er hübscher aussah als sie selbst. Mit vierzehn hätte er eigentlich an Akne und einer quieksenden Stimme leiden müssen. Stattdessen schien er den Übergang vom Kind zum Jugendlichen ohne Probleme zu meistern. Er wuchs stetig, statt in Schüben, wodurch er schlank blieb; seine Haut war rein. Sie bemerkte den Schatten eines Bartes auf seinem Kinn. Mein kleiner Bruder wird erwachsen …

„Ich bin beeindruckt, wie gut du packen kannst“, sagte sie aufrichtig. „Ich bin noch nie verreist, ohne etwas zu vergessen. Weißt du noch, als ich aufs College gekommen bin und mein Anmeldeformular zu Hause vergessen hatte?“

Dirk lachte. „Mom musste es dir bringen und war richtig sauer. Du hast gleich an deinem ersten Tag Schwierigkeiten gekriegt.“

Sie lächelte in Gedanken daran, während sie sich zu erinnern versuchte, wie es sich anfühlte, so verantwortungslos zu sein. Das Leben war leicht gewesen damals – die ganze Welt hatte ihr offengestanden. Doch das war schon lange nicht mehr so. „Du steckst ganz selten in Schwierigkeiten“, bemerkte sie.

Er strahlte. „Ich kann mir alle Regeln merken. Manche von denen sind doof, aber ich befolge sie. Mir gefällt es hier, Darcy. Ich will hierbleiben.“

„Ich weiß.“ Sie beugte sich vor und nahm seine Hand. „Du wirst so lange hierbleiben, bis du bereit bist, auf deinen eigenen Füßen zu stehen.“

Er wirkte skeptisch. Sie konnte es ihm nicht verdenken. Eigenständigkeit war für ihn noch Jahre entfernt, aber die Madison School war eines der besten Internate im ganzen Land. Das hervorragend ausgebildete Personal war darauf spezialisiert, geistig behinderten Jugendlichen zu helfen, sich zu glücklichen leistungsfähigen Erwachsenen zu entwickeln. Der Prozess konnte sehr lange dauern, aber Darcy war bereit, sich in Geduld zu üben. Bisher waren alle Gutachten positiv ausgefallen. Außerdem war Dirk es ihr wert.

„Ich schätze, bis dahin wirst du die ganze Welt bereisen, stimmt’s?“, meinte sie.

Er grinste. „Ich kriege nicht die ganze Welt zu sehen. Bloß Chicago.“

Er ließ es so klingen, als wäre es keine große Sache für ihn, aber sie sah seine Augen vor Aufregung leuchten.

„Andrew sagt, dass es da ganz kalt ist, und deswegen nehme ich meine wärmste Jacke mit“, fuhr er fort. „Die, die du mir letzten Monat gekauft hast. Weißt du noch?“

Darcy nickte.

„Wir werden im Zug schlafen. Andrew sagt, dass es für uns Truthahn zum Abendbrot gibt, wenn wir im Hotel ankommen.“

„Darüber will ich alles wissen. Schreibst du alles in dein Tagebuch, damit du auch nichts vergisst?“

Er nickte. „Ich nehme den Fotoapparat mit, den du mir zum Geburtstag geschenkt hast. Ich will ganz viele Bilder machen.“

„Oh, dabei fällt mir was ein.“ Sie bückte sich, wühlte in ihrer Tasche und holte eine Packung mit einer Speicherkarte heraus. „Das ist für dich.“

Dirk starrte auf das Geschenk und dann in ihr Gesicht. „Darcy?“

Sie wusste, was er damit fragen wollte und welche Sorge ihn veranlasste, die Augenbrauen zusammenzuziehen und sie so eindringlich zu mustern. Ihr Bruder mochte das träge mühselige Auftreten eines Menschen haben, der sich nicht im Takt der etablierten Welt bewegt, aber er war kein Idiot. Er wusste, dass das Geld für sie beide seit langer Zeit knapp war. Er ahnte zwar nicht, wie viel sein Schulbesuch sie kostete oder wie viele Nächte sie wach lag, in die Dunkelheit starrte und betete, dass sie es schaffte, doch er erriet, dass sie es nicht leicht im Leben hatte.

Sie drückte ihn schnell an sich. „Das ist nur eine SD-Karte, Dirk. Die kann ich mir leisten.“

Er wirkte trotzdem besorgt, als sie ihn losließ. „Ich habe doch mein Taschengeld. Ich kann es dir wiedergeben.“

„Nein, das ist dein Geld. Gib es für dich selbst aus. Aber wenn du mir eine Ansichtskarte aus Chicago mitbringen willst, dann sage ich nicht Nein.“

Er nickte. „Ich bringe dir zwei.“

„Das wäre großartig.“

Er nahm die Filme, die sie ihm reichte, und drehte sie in den Händen. In Flanellhemd und verwaschenen Jeans sah er aus wie jeder andere Vierzehnjährige. Aber das war er nicht. Seine Schwierigkeiten waren schon in seinem ersten Lebensjahr hervorgetreten. Ihre Eltern waren daran verzweifelt, doch Darcy liebte ihn für seine Einzigartigkeit umso mehr.

„Ich werde dich morgen vermissen“, sagte sie, um das Thema zu wechseln. „Ich werde an dich denken.“

Es war das erste Thanksgiving, das sie voneinander getrennt verbringen würden. Sie versuchte, es mit Fassung zu tragen.

Die Heiterkeit kehrte in seinen Blick zurück. „Wir fahren mit dem Zug. Ich bin noch nie mit einem Zug gefahren.“ Sein Lächeln schwand. „Ich werde dich auch vermissen.“

„He, keine langen Gesichter! Nur glückliche Leute dürfen nach Chicago fahren“, verkündete eine männliche Stimme.

Darcy und Dirk blickten beide auf.

Andrew, einer der Therapeuten der Schule, gesellte sich zu ihnen. Er setzte sich in den Schaukelstuhl neben dem Sofa und erkundigte sich: „Wie geht es Ihnen, Darcy? Haben Sie viel zu tun?“

Sie dachte an ihre Schicht im Hip Hop Café. Im Anschluss daran pflegte sie jeden Nachmittag und Abend stundenlang zu backen. Außerdem musste sie die Zutaten für ihre Heimarbeit einkaufen und Zeit für die Auslieferung finden. Dazu kam nun auch noch die Zubereitung eines Thanksgiving-Dinners an einem ihrer seltenen freien Tage. „Ich schaffe es, mich beschäftigt zu halten“, erwiderte sie trocken.

„Das kann ich mir denken.“ Er deutete mit dem Kopf auf die Filme, die Dirk noch immer in den Händen hielt, und sagte zu ihm: „Du wirst ganz viele schöne Dinge in der Stadt sehen. Darcy wird sich sehr über deine Bilder freuen.“

Dirk grinste. „Ich will sie in mein Fotoalbum kleben und dazu schreiben, wo ich sie gemacht habe.“

„Ich freue mich darauf“, sagte Darcy aufrichtig. Sie wollte jedes Detail von seiner ersten Reise ohne sie erfahren.

„Er macht große Fortschritte in der Fotografie“, verkündete Andrew, „und er hat sogar bei einigen anderen Schülern Interesse dafür geweckt. Deshalb wird im neuen Jahr ein hiesiger Fotograf mehrmals in der Woche Unterricht geben.“

„Das klingt fabelhaft.“

„Wir tun alles, was Erfolg verspricht.“

Zufrieden lehnte Darcy sich zurück. Wann immer sie ihre Entscheidung infrage stellte, Dirk und sich selbst zu entwurzeln und ausgerechnet nach Montana zu ziehen, rief sie sich in Erinnerung, dass diese Schule zu den besten im ganzen Land zählte. Wo sonst bekäme ihr Bruder rund um die Uhr die Aufmerksamkeit von hervorragend ausgebildetem Personal?

Andrew, Doktor der Psychologie, war Mitte dreißig und lebte zusammen mit seiner Frau, die gerade ihr erstes Baby erwartete, auf dem Internatsgelände. Das Kollegium wohnte überwiegend auf dem weitläufigen Grundstück in Privathäusern. Experten auf verschiedenen Gebieten wurden hinzugezogen, um die Schüler zu unterrichten. Sämtliche Aktivitäten wurden interessant und praxisbezogen gestaltet.

Die Reise nach Chicago war ein gutes Beispiel dafür. Unter der sorgfältigen Aufsicht des Personals sollten die Schüler durch diese Unternehmung lernen, mit einem Zug zu fahren, in einem Hotel abzusteigen und eine Großstadt zu erkunden. Die Schule bot zwei oder drei solcher Reisen im Jahr an. Bevor Dirk ins Leben entlassen wurde, sollte er Erfahrung darin sammeln, per Zug oder Flugzeug zu reisen, ein Zimmer zu mieten, in einem Restaurant zu bestellen, ein Museum zu besuchen, nach dem Weg zu fragen und nach Hause zurückzufinden. Das waren Fertigkeiten, die Darcy ihm nicht einmal ansatzweise beibringen konnte.

„Dirk macht sich sehr gut.“ Andrew hielt – an Dirk gewandt – einen Daumen hoch. „Er hat viele Freunde gefunden.“

Das ist noch etwas, das ich ihm nicht bieten kann, dachte sie zufrieden: die Gelegenheit, mit Gleichaltrigen zu kommunizieren. „Das freut mich sehr.“

Andrew stand auf. „Kommen Sie bei mir im Büro vorbei, wenn Sie gehen. Dann zeige ich Ihnen den Bericht über Dirks jüngste Fortschritte.“

„Mach ich.“

Er hob die Hand zum Gruß und ging.

Darcy tätschelte Dirk den Arm. „Ich bin so froh, dass du hier glücklich bist. Es ist eine gute Schule.“

„Ich lerne hier ganz viel“, sagte er. „Und ich strenge mich ganz doll an. Wenn wir in den Supermarkt gehen, kann ich der Frau an der Kasse das richtige Geld geben, und weiß ich sogar schon vorher, wie viel Wechselgeld ich bekomme.“ Er kräuselte die Nase. „Aber das Bruchrechnen kann ich nicht. Das ist echt schwer.“

Sie lachte. „Weißt du was? Das kann ich auch nicht. Also liegt es nicht nur an dir.“

Er nahm ihre Hand. „Was machst du morgen, wenn Thanksgiving ist?“

„Ich werde dich vermissen.“ Sie drückte seine Finger. „Und ich brate einen Truthahn.“

„Ist er groß?“

„Er wiegt vierundzwanzig Pfund. Vielleicht mache ich nächste Woche Enchiladas und bringe sie dir, wenn ich dich besuchen komme.“

„Das wäre schön.“ Er beugte sich dicht zu ihr. „Wer kommt denn morgen so zum Essen?“

Über dieses Thema war sie nicht gerade begeistert. „Es werden immer weniger“, beklagte sie sich und versuchte dabei, ein Gefühl der Panik zu unterdrücken. „Meine Freundin Millie und ihre Kinder können nicht kommen. Sie fahren nach Hause zu ihren Eltern. Und ein anderes Paar hat entschieden, dass sie lieber allein feiern.“ Nur noch zwei weitere Personen und Mark waren übrig. Sie hatte auf eine größere Gesellschaft gehofft. „Mein Nachbar von nebenan kommt. Er heißt Mark und arbeitet im Büro des Sheriffs.“

Dirk wirkte beeindruckt. „Ist er nett?“

„Er ist sehr ruhig.“ Sie war sich nicht sicher, ob sie das Wort „nett“ jemals auf Mark Kincaid angewendet hätte. „Er hat früher in New York City gelebt. Er war Detective.“

Ihr Bruder runzelte die Stirn. „Er kennt bestimmt ganz viele schlechte Menschen. Das würde mir nicht gefallen.“

„Mir auch nicht.“

Jemand von einem anderen Tisch forderte Darcy und Dirk zu einem Kartenspiel heraus. Sie blieb lange genug, um mit ihrem Bruder zu Abend zu essen und zu bewundern, wie ordentlich er seinen Koffer gepackt hatte.

Kurz vor acht Uhr brach sie auf und versprach, gleich nach seinem Ausflug wiederzukommen, damit er ihr erzählen konnte, was er alles erlebt hatte.

Während der Rückfahrt nach Whitehorn ließ sie das Radio spielen und versuchte, nicht an den kommenden Tag zu denken. Sie war dummerweise nervös bei dem Gedanken, mehrere Stunden in Gegenwart von Mark Kincaid zu verbringen.

Wäre Dirk doch nur dabei! Sie hätte nicht nur die Zeit mit ihrem Bruder genossen, er hätte auch einen perfekten Puffer zwischen ihr und Mark gebildet. Andererseits gäbe es in Anwesenheit ihres Bruders gar kein Problem mit Mark Kincaid. In den vergangenen fünf Jahren war ihr kein einziger Mann untergekommen, der nicht die Flucht ergriffen hatte, sobald ihm klar geworden war, dass sie Dirks einzige Angehörige und deshalb persönlich wie finanziell für ihn verantwortlich war.

Also hatte es gar keinen Sinn, sich wegen ihres neuen Nachbarn aufzuregen.

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