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Leidenschaft liegt in der Familie!

Janice Maynard

Leidenschaft liegt in der Familie!

1. KAPITEL

Sechs Jahre … Und trotzdem genügte ein Blick aus diesen wunderschönen Augen, und er benahm sich wieder wie ein dummer Junge. Trent spürte, wie heftig sein Herz klopfte. Es verschlug ihm den Atem. Gütiger Himmel, Bryn.

Er riss sich zusammen, räusperte sich und tat dabei so, als bemerkte er die Frau gar nicht, die da neben dem Bett seines Vaters stand.

Ihre Anwesenheit ließ ihn in Schweiß ausbrechen. Verlangen, Abscheu und maßloser Zorn machten es ihm unmöglich, normal zu reagieren – besonders, weil er sich nicht sicher war, ob er womöglich allein auf sich zornig war.

Sein Vater Mac beobachtete sie beide neugierig und bedachte ihn mit einem vielsagenden Blick. „Willst du Bryn denn gar nicht begrüßen?“

Trent ließ das Handtuch, mit dem er sich beim Betreten des Zimmers das Haar trocken gerieben hatte, auf einen Stuhl fallen. Dann verschränkte er die Arme vor der nackten Brust, nur um im nächsten Moment die Hände in die Hosentaschen zu schieben. Mit ausdrucksloser Miene – wie er inständig hoffte –, wandte er sich der schweigsamen Frau zu. „Hallo, Bryn. Lange nicht gesehen.“

Sein respektloser Ton brachte sie sichtlich aus der Ruhe, doch sie fing sich schnell. Ihr Blick war so kühl wie ein Herbstmorgen in Wyoming. „Trent.“ Dabei neigte sie kaum merklich den Kopf.

Zum ersten Mal seit Wochen entdeckte Trent eine gewisse Anteilnahme im Gesicht seines Vaters. Der alte Mann war zwar blass und schwach, aber seine Stimme klang kräftig. „Bryn ist hier, um mir einen Monat lang Gesellschaft zu leisten. Bestimmt wird sie mich nicht so aufregen wie all diese anderen Gänse. Ich kann es nämlich nicht ausstehen, wenn Fremde mich bevormunden und herumkommandieren …“ Seine letzten Worte waren kaum noch verständlich.

Besorgt runzelte Trent die Stirn. „Ich dachte, du bist der Meinung, dass du keine Krankenschwester mehr brauchst. Und dein Arzt sieht das genauso.“

„Brauche ich auch nicht. Kann ein Mann nicht einmal eine alte Freundin einladen, ohne ins Kreuzverhör genommen zu werden? Wenn ich mich nicht irre, ist das hier meine Ranch.“

Trent unterdrückte ein Schmunzeln. Selbst an guten Tagen war sein Vater ein alter Griesgram, und in letzter Zeit war das nur noch schlimmer geworden. Drei Krankenschwestern hatten gekündigt, und zwei weitere hatte Mac hinausgeworfen. Körperlich mochte das Familienoberhaupt der Sinclairs auf dem Weg der Genesung sein, aber psychisch war er noch angeschlagen.

Deshalb war es Trent ein Trost, dass Mac, auch wenn er erschöpft wirkte, mürrisch war wie eh und je. Der Herzinfarkt, den er vor zwei Monaten erlitten hatte, als sein jüngster Sohn an einer Überdosis Heroin gestorben war, hätte der Familie beinahe gleich noch einen zweiten Trauerfall beschert.

Bryn Matthews meldete sich zu Wort. „Ich habe mich gefreut, als Mac mich gebeten hat herzukommen. Ich habe euch alle vermisst.“

Trent versteifte sich. Hatte ihre höfliche Bemerkung etwa einen spöttischen Unterton?

Er zwang sich, Bryn anzuschauen. Schon als sie knapp achtzehn gewesen war, hatte ihre Schönheit ihn fast um den Verstand gebracht. Doch damals war er bereits dabei gewesen, Karriere zu machen, und hatte als ehrgeiziger Dreiundzwanzigjähriger keine Zeit für eine Ehefrau gehabt.

Bryn war eine bildhübsche junge Frau geworden. Wie damals war ihre Haut leicht gebräunt. Ihr zartes Gesicht wurde von langem, glänzend schwarzem Haar umrahmt. Und voller Argwohn blickte sie ihn aus ihren veilchenblauen Augen an. Sie schien nicht sonderlich überrascht zu sein, ihn zu sehen, doch er war völlig geschockt. Sein Herz klopfte so heftig, dass er fürchtete, sie würde es ihm ansehen.

Sie trug einen dunklen Hosenanzug und dazu eine schlichte weiße Bluse, die ihre schmale Taille und die weiblich gerundeten Hüften elegant zur Geltung brachten. Zwar verbarg die konservativ geschnittene Jacke ihre Brüste, doch Trent brauchte nicht viel Fantasie, um sie sich vorzustellen.

Er verspürte Bitterkeit. Bryn war hier, um Ärger zu machen. Dessen war er sich sicher. Und er konnte an nichts anderes denken, als dass er unbedingt mit ihr ins Bett gehen wollte.

„Komm mit auf den Flur“, forderte er sie unwirsch auf.

Bryn folgte ihm. Auf dem schmalen Korridor standen sie einander so dicht gegenüber, dass er den Puls an ihrem Hals schlagen sah. Und er nahm einen Hauch ihres blumigen Parfums wahr. Ein zarter Duft … zart wie sie. Sie reichte ihm knapp bis zum Kinn.

Er ignorierte die heftige Erregung, die ihn packte. „Was zum Teufel willst du hier?“

Schockiert riss sie die Augen auf. „Das weißt du doch. Dein Vater hat mich gebeten herzukommen.“

Trent hätte am liebsten frustriert mit der Faust gegen die Wand geschlagen. „Wenn er dich darum gebeten hat, dann hast du doch wohl nachgeholfen, damit er glaubt, es wäre seine Idee gewesen. Jesse ist noch nicht ganz kalt in seinem Grab, und schon bist du hier, um zu sehen, was du abstauben kannst.“

In ihren Augen blitzte es auf, und das erinnerte ihn daran, dass sie schon immer schnell begriffen hatte. „Du bist so ein selbstgerechter Affe“, zischte sie.

„Ganz wie du meinst“, gab Trent zurück. Er verachtete sich selbst. Sie war eine Lügnerin; sie hatte versucht, Jesse die Sünden eines anderen Mannes anzuhängen. Und doch hielt ihn das nicht davon ab, sie zu begehren.

„Anscheinend hattest du keine Lust, zur Beerdigung zu kommen?“

„Mir hat niemand rechtzeitig Bescheid gesagt, dass Jesse gestorben ist.“

„Wie praktisch.“ Er stieß einen verächtlichen Laut aus. Nur wenn er seine Wut weiter anfachte, würde er es schaffen, die Finger von ihr zu lassen.

Als er merkte, dass er sie gekränkt hatte, fühlte er sich, als hätte er einen wehrlosen Welpen getreten. Früher einmal waren er und Bryn gute Freunde gewesen. Und später – tja … da hatte sich angedeutet, dass es mehr war als Freundschaft. Und es hätte sich eine körperliche Beziehung daraus entwickeln können, hätte er es nicht vermasselt.

Bryn war unberührt gewesen, noch nicht ganz achtzehn, und Trent hatte es um den Verstand gebracht, dass er so heftig auf sie reagierte. Wenig galant hatte er ihr einen Korb gegeben, als sie ihn gebeten hatte, sie zum Abschlussball zu begleiten, und sie war todunglücklich gewesen. Ein paar Wochen später hatten sie und Jesse angefangen, miteinander auszugehen.

Hatte Bryn das getan, um ihn zu verletzen?

Seinem kleinen Bruder konnte Trent es nicht verübeln. Jesse und Bryn waren gleichaltrig gewesen und hatten viele Gemeinsamkeiten gehabt.

Jetzt war Bryn blass, und ihre Körpersprache sagte Trent, dass sie an jedem Ort lieber wäre als hier mit ihm auf diesem Flur.

Tja, das interessierte ihn kein bisschen.

Er beugte sich vor, strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr und raunte ihr dabei zu: „Wenn du glaubst, ich würde zulassen, dass du einen kranken alten Mann ausnutzt, dann hast du dich gründlich geirrt.“

Mit erhobenem Kinn machte Bryn einen Schritt zur Seite. „Mir ist egal, was du über mich denkst, Trent. Ich bin hier, um Mac zu helfen. Mehr braucht dich nicht zu interessieren. Und du machst dich doch sicher bald auf den Rückweg nach Denver … oder?“ Bei anderer Gelegenheit hätte ihre hoffnungsvolle Miene ihn amüsiert. Heute nicht.

Er neigte den Kopf zur Seite. Was war der wahre Grund für ihre Rückkehr nach Wyoming?

„Pech für dich, Bryn. Bis auf Weiteres bleibe ich hier … Ich bin nämlich an der Reihe, mich um die Ranch zu kümmern, bis der alte Herr wieder auf den Beinen ist. Du hast mich also am Hals, Sweetheart.“

Sie errötete, und ihre kultivierte Ausstrahlung verflog. Zum ersten Mal erhaschte er einen Blick auf das junge Mädchen, das Bryn mit achtzehn gewesen war. Aufgeregt, wie sie war, hätte er sie am liebsten beruhigt, obwohl er sie hätte des Hauses verweisen sollen.

Doch seine Vernunft kam gegen seine Libido nur schwer an. Er brannte darauf, Bryns Mund zu erobern, ihr den nüchternen Blazer und die schlichte Bluse vom Leib zu reißen und ihre verlockenden Kurven zu erkunden.

Er musste an die Vergangenheit denken … An eines der letzten Male, als er und Bryn zusammen gewesen waren, ehe alles so schrecklich schiefgegangen war. Er war zum Geburtstag seines Dads aus Denver gekommen. Bryn kam ihm entgegengerannt, um ihn zu begrüßen, und redete pausenlos, sobald er aus dem Wagen gestiegen war. Sie war das reinste Energiebündel. Und sie war in ihn verknallt.

Hätte sie gewusst, dass er das längst gemerkt hatte, wäre es ihr peinlich gewesen. Deshalb hatte er sie an jenem Tag damals genauso kumpelhaft behandelt wie eh und je. Und er hatte sich nach Kräften bemüht zu ignorieren, wie sehr er sich zu ihr hingezogen fühlte.

Sie passten überhaupt nicht zusammen.

Zumindest hatte er sich das eingeredet.

Jetzt, auf dem stillen Flur, verlor er sich für einen Moment in der Erinnerung, war gefangen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Nachdenklich berührte er ihre Wange. Sie war weich … warm. Ihre Augen waren so blau wie der Lavendel, den seine Mutter immer in die Schränke hängte. „Bryn.“

Ihr Blick drückte Zurückhaltung aus, ihre Gedanken blieben verborgen. Keine grenzenlose Bewunderung spiegelte sich mehr auf ihrer Miene wider. Er traute ihrer momentanen Sanftmut nicht. Vielleicht versuchte Bryn, ihn zu ihrem Vorteil zu beeinflussen. Doch sie würde schnell merken, dass sie ihm nicht gewachsen war. Er würde alles tun, um seinen Vater zu beschützen. Selbst wenn das hieß, mit der Feindin ins Bett zu gehen, um hinter ihre Geheimnisse zu kommen.

Ohne weiter darüber nachzudenken, senkte er seine Lippen auf ihre. Wie von selbst schienen seine Hände ihre Brüste zu finden, und er begann, sie sanft zu liebkosen. Er glaubte, Bryn erwidere seinen Kuss, aber er war sich nicht sicher. Er war in einer seltsamen Zeitschleife gefangen. Immer mehr erregte ihn der Kuss, und nach Atem ringend riss er sich schließlich los.

Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. „Nein.“ Etwas anderes fiel ihm nicht ein. Hatte er das zu ihr gesagt oder zu sich selbst?

Bryn war kreidebleich, abgesehen von zwei roten Flecken auf den Wangen. Mit zitternder Hand fuhr sie sich über den Mund und wich zurück.

In ihren Augen stand Verzweiflung, und sie wirkte zutiefst beschämt. Wortlos drehte sie sich um und eilte zurück in Macs Zimmer.

Trent sah ihr nach, und ihm krampfte sich der Magen zusammen. Falls sie gekommen war, um erneut zu versuchen, ihn und Mac davon zu überzeugen, dass Jesse der Vater ihres Kindes war, dann würde sie kurz abgefertigt werden. Es wäre mehr als geschmacklos, einen Mann zu beschuldigen, der sich nicht verteidigen konnte.

In diesem Augenblick an Jesse zu denken war ein Fehler. Unversehens sah sich Trent wieder der ganzen Qual gegenüber, die er durchlebt hatte, als sein kleiner Bruder angefangen hatte, sich mit der Frau zu verabreden, die er begehrte. Die Situation war unerträglich gewesen. Nur weil er in Denver geblieben war, weit weg von der Versuchung, war es ihm möglich gewesen, damit umzugehen.

Aber in seinen erotischen Fantasien mitten in der Nacht spielte Bryn die Hauptrolle, immer wieder Bryn. Er hatte sich eingeredet, er wäre über sie hinweg. Dass er sie hasste. Doch er hatte sich etwas vorgemacht …

Leider konnte sich Bryn nicht in ihrem Zimmer einschließen und ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Von allen Söhnen, die Mac hatte – warum konnte nicht Gage hier sein … oder Sloan? Sie liebte die beiden wie Brüder und hätte sich über ein Wiedersehen sehr gefreut. Aber Trent … Gütiger Himmel, hatte sie sich verraten? Wusste er jetzt, dass sie nie aufgehört hatte, ihn zu mögen? Dass sie immer noch von ihm fasziniert war?

Sie konnte sich nicht gestatten, über das nachzudenken, was eben passiert war … weigerte sich zuzugeben, wie sehr sie es genossen hatte, seine muskulöse nackte Brust unter ihren Händen zu spüren. Hatte sie ihn weggestoßen oder sich an ihn geschmiegt?

Sei nicht verrückt, Bryn. Wenn du dich auf ihn einlässt, kommt nichts dabei heraus als noch mehr Kummer.

Als Bryn sicher war, dass Mac eingenickt war, ging sie zu ihrem Wagen hinaus, um ihr Gepäck zu holen. Trent war fort, vermutlich kümmerte er sich um die Ranch. Sie war froh, ihn momentan nicht sehen zu müssen.

Sie reckte und streckte sich einen Moment, nach dem langen Flug und der anschließenden Autofahrt fühlte sie sich noch ganz steif. Sie hatte vergessen, wie klar die Luft in Wyoming war, wie strahlend blau der Himmel. In der Ferne waren die Grand Tetons zu sehen, deren Gipfel selbst Mitte Mai noch schneebedeckt waren.

Trotz der stressigen, verwirrenden Situation, in der sie sich befand, hatte sie nach sechs Jahren Abwesenheit das Gefühl gehabt, wieder nach Hause zu kommen. Der Anblick des vertrauten Zeichens der „Crooked S“-Ranch im imposanten schmiedeeisernen Tor am Ende der Auffahrt hatte gutgetan.

Ehe sie wieder hineinging, betrachtete Bryn das Ranchhaus sehnsüchtig. Seit ihrem Abschied damals hatte sich wenig verändert. Das weitläufige eingeschossige Gebäude aus Holz und Stein hatte Millionen gekostet, selbst Mitte der Siebzigerjahre, als Mac es für seine junge Frau hatte bauen lassen.

Das Haus stand auf einer leichten Anhöhe. Alles an ihm sah nach Geld aus, angefangen von der gewaltigen umlaufenden Veranda bis zu den Dachrinnen aus Kupfer, die in der Mittagssonne funkelten. Die Stützpfeiler der Veranda waren dicke, entrindete Baumstämme. Blühende Sträucher am Fuß des Hauses milderten das wuchtige Aussehen zwar ab, aber Bryn ließ sich nicht täuschen.

Es war das Haus einflussreicher, arroganter Männer.

Zurück im Haus, rief sie mit dem Handy ihre Tante an. Auch wenn sich die Ranch der Sinclairs am Ende der Welt befand, hatte Mac schon vor Jahren einen Mobilfunkmast neben dem Haus errichten lassen. Mit genügend Geld konnte man alles kaufen, einschließlich der Segnungen der Zivilisation im elektronischen Zeitalter.

Als Tante Beverly sich meldete, spürte Bryn sofort die beruhigende Wirkung der vertrauten Stimme. Vor sechs Jahren hatte die ältere Schwester ihrer Mutter einen verängstigten, schwangeren Teenager bei sich aufgenommen und Bryn nicht nur geholfen, sich am Gemeinde-College einzuschreiben und einen Teilzeitjob zu finden – sie war Allen auch eine liebevolle Großmutter, seit er auf der Welt war.

Eine Weile plauderte Bryn fröhlich mit ihrer Tante – obwohl sie wirklich nicht fröhlich war –, ehe sie nach ihrem Sohn verlangte. Allens Begeisterung für Telefongespräche hielt sich in Grenzen, aber es war Bryn ein Trost, seine hohe Kinderstimme zu hören. Aufgeregt erzählte er ihr, dass die Nachbarn zwei neue Hundebabys hatten, Tante Beverly morgen mit ihm ins Freibad gehen würde und sein Feuerwehrauto ein Rad verloren hatte. Dann verabschiedete er sich.

Und schon war er weg.

Beverly meldete sich wieder. „Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist, Liebes? Er kann dich nicht zwingen zu bleiben.“

Bryn räusperte sich. „Mir geht’s gut … ehrlich. Mac ist schwächer als erwartet, und sie trauern um Jesse.“

„Und du?“

Bryn schwieg einen Moment, während sie versuchte, ihre chaotischen Empfindungen zu ordnen. „Ich bin noch dabei, mich an den Gedanken zu gewöhnen. Das Herz hat er mir nicht gebrochen. Unsere Beziehung war eher körperlich, das hatte nichts mit der großen Liebe zu tun. Doch er hätte fast mein Leben zerstört. Auch wenn ich ihm das nie verziehen habe, tut es mir leid, dass er tot ist.“ Plötzlich war ihr die Kehle wie zugeschnürt.

Beverlys tröstende Worte spiegelten wider, wie stark sie war. „Wir haben es die ganze Zeit geschafft, ohne das Geld der Sinclairs auszukommen, Bryn. Dieses Vermögen ist es nicht wert, deinen Stolz und deine Selbstachtung zu verlieren. Falls sie Ärger machen, versprich mir, dass du abreist.“

Bryn lächelte, obwohl ihre Tante sie nicht sehen konnte. „Allen hat ein Recht auf einen Anteil an dem Vermögen. Und den werde ich in einem Fonds für seine College-Ausbildung anlegen und für alles, was er später sonst noch so braucht. So ist seine Zukunft gesichert, das ist mir wichtig. Ich komme wie geplant in vier Wochen nach Hause. Mach dir keine Sorgen um mich.“

Sie plauderten noch ein paar Minuten, doch dann musste Tante Beverly sich um Allen kümmern. Bryn beendete das Gespräch und blinzelte ein paar Tränen zurück. Plötzlich fühlte sie sich einsam und traurig. Noch nie war sie länger als ein, zwei Nächte von ihrem Kind getrennt gewesen.

Allen würde die vier Wochen ohne sie auskommen. Das wusste sie. Doch sie selbst hatte das Gefühl, zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden zu sein.

Sie zog sich um, schlüpfte in bequeme Jeans und einen rosafarbenen Pullover. Dann war es Zeit, nach Mac zu sehen.

Auf Zehenspitzen näherte sie sich seinem Zimmer. Er brauchte unbedingt seine Ruhe. Zum Glück war es in diesem Teil des Hauses totenstill, also schlief Mac vielleicht noch. Seine Suite bot ihm jeden Luxus und allen Komfort, wenn also seine Medikamente anschlugen, dann sollte es mit seiner Genesung zügig vorangehen.

Doch ihr war bewusst, wie allen anderen auch, dass Trauer und Schmerz dabei ein ernsthaftes Problem sein konnten.

Gerade, als sie Macs Schlafzimmer betreten wollte, sah sie, dass Trent am Bett seines Vaters saß. Instinktiv zog sie sich zurück.

Leise redete Trent auf seinen schlafenden Vater ein. Bryn konnte nicht verstehen, was er sagte. Dann strich er Mac über die Stirn, und die Geste war so liebevoll, dass sie einen dicken Kloß im Hals verspürte.

Das Familienoberhaupt der Sinclairs wirkte schwach und gebrechlich in seinem großen Bett, sein ältester Sohn dagegen kraftvoll und gesund. Dass Trent so zärtlich sein konnte, schockierte Bryn. Denn er war von jeher ein reservierter Mann gewesen, distanziert und nicht leicht zu verstehen. Gut aussehend und beeindruckend, aber eben ein Mann, der selten lächelte.

Seine stahlgrauen Augen und sein pechschwarzes Haar, das an den Schläfen einen ersten Anflug von Grau zeigte, unterstrichen seinen von der Sonne gebräunten Teint. Auch wenn er seit Jahren nicht mehr in Wyoming lebte, sah er immer noch aus wie jemand, der viel Zeit im Freien verbrachte.

Bryn schluckte und zwang sich, das Zimmer zu betreten. „Wann ist sein nächster Arzttermin?“

Obwohl sie leise gesprochen hatte, zog Trent hastig seine Hand zurück und stand auf, die Miene wieder verschlossen und düster. „Nächsten Dienstag, glaube ich. Es steht im Küchenkalender.“

Sie nickte. „Okay.“ Als sie an ihm vorbeigehen wollte, legte er ihr eine Hand auf den Arm.

Trent trauerte sehr um seinen Bruder. Er mochte gar nicht an die Möglichkeit denken, so kurz nach Jesses Tod auch noch seinen Vater zu verlieren. Wieso konnte Bryn ihn immer noch so stark aus dem Gleichgewicht bringen? Sein Griff um ihren Arm wurde fester. Er wollte ihr nicht wehtun, doch sie sollte wissen, dass er kein leichtes Opfer sein würde.

Langsam beugte er sich vor, bis sein Gesicht ihrem ganz nah war – vielleicht auch, um sich zu beweisen, dass er der Versuchung widerstehen konnte, sie zu küssen. „Komm mir nicht in die Quere, Bryn Matthews. Dann werden wir gut miteinander auskommen.“

Weil er ihr so nah war, sah er die feinen Linien in ihren Augenwinkeln. Bryn war kein junges Mädchen mehr, sondern eine erwachsene Frau. In diesem kurzen Augenblick wurde ihm bewusst, dass auch sie gelitten hatte.

Dann blinzelte sie, und der Moment verflog. „Kein Problem.“ Sie sprach leise, um ihren Patienten nicht aufzuwecken. „Du wirst nicht einmal merken, dass ich hier bin.“

Ihr unbeteiligter Tonfall fühlte sich an wie ein Schlag vor die Brust. Mühsam wahrte Trent die Fassung, wandte sich stumm ab und ging aus dem Zimmer. Er hatte das Gefühl zu ersticken. Nichts außer körperlicher Betätigung würde ihm jetzt helfen, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Eine knappe Stunde später warf er einen schweren Sattel über die Einzäunung der Koppel und wischte sich den Schweiß von der Stirn. In Denver im Fitnessstudio zu trainieren war nicht das Gleiche wie auf einer Ranch zu arbeiten. Die Arbeiten hier waren schwer, schweißtreibend und seltsam befreiend. Es war zwar zehn Jahre her, dass Trent seinen Vater aktiv bei der Führung der „Crooked S“-Ranch unterstützt hatte, aber ganz verlernt hatte er nicht, was zu tun war.

In den letzten Wochen hatte er Zäune repariert, Ställe ausgemistet, verirrte Kälber eingefangen und dem Tierarzt geholfen, zwei Fohlen auf die Welt zu bringen. Bis gestern hatten seine Brüder Gage und Sloan ihren Teil zur Arbeit beigetragen. Aber jetzt waren sie für mindestens einen Monat weg, ehe dann einer zurückkommen würde, um Trent abzulösen.

Ein Monat kam ihm wie eine Ewigkeit vor.

Trents Vater beschäftigte eine ganze Armee von Rancharbeitern, doch auf seine alten Tage war er mürrisch und Fremden gegenüber unduldsam geworden. Er wollte sich von Außenstehenden ungern in die Karten sehen lassen. Kurz vor Jesses Tod hatte er seinen Vorarbeiter gefeuert. Die Tragödie hatte ihnen allen zugesetzt, aber Mac war über Nacht alt geworden.

Selbst jetzt, acht Wochen nach seinem Tod, überfielen Trent noch mindestens einmal am Tag schmerzliche Erinnerungen an seinen jüngsten Bruder. Der Obduktionsbericht ergab noch immer keinen Sinn. Todesursache: Überdosis Heroin. Das war lächerlich. Jesse war ein Eagle Scout gewesen, ein hochdekorierter Pfadfinder, gütiger Himmel. Hatte ihm jemand die Droge ohne sein Wissen verabreicht?

Sobald Trent damit fertig war, sein Pferd abzureiben, schaute er auf seine Armbanduhr. Er hatte es sich angewöhnt, wenigstens einmal pro Stunde nach seinem Vater zu sehen, und seit Bryn hier war, war ihm das wichtiger denn je. Er traute ihr nicht über den Weg. Vor sechs Jahren hatte sie gelogen, um sich in die Familie einzuschleichen. Jetzt war sie zurück, um es erneut zu versuchen. Die nächsten Wochen würden die Hölle sein.

Besonders wenn er seinen verräterischen Körper nicht unter Kontrolle behalten konnte.

2. KAPITEL

Als Trent das Zimmer verließ, hätte Bryn nicht sagen können, ob sie enttäuscht oder erleichtert darüber war. Er machte sie wütend, doch gleichzeitig fühlte sie sich in seiner Gegenwart so unglaublich lebendig. Sechs Jahre hatten daran nichts geändert.

Eine halbe Stunde lang saß sie neben Macs Bett und sah einfach nur zu, wie sich sein Brustkorb hob und senkte. Irgendwie kam es ihr vor, als wäre überhaupt keine Zeit vergangen. Dieser Mann hatte ihr einmal alles bedeutet.

Als er schließlich aufwachte, reichte sie ihm ein Glas Wasser, das er durstig austrank. Mit ernster Miene schaute er sie an. „Hasst du mich, mein Mädchen?“

Sie entschied sich dafür, ehrlich zu sein. „Eine Zeit lang habe ich das getan. Du hast das Versprechen gebrochen, das du mir einmal gegeben hast.“ Als ihre Eltern, Macs Köchin und sein Vorarbeiter, vor Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, hatte Mac der vierzehnjährigen Bryn versprochen, sie würde auf seiner riesigen Ranch, wo sie aufgewachsen war, immer ein Zuhause haben.

Vier Jahre später war dieses Versprechen jedoch keinen Pfifferling mehr wert gewesen. Jesse, der verzogene Lieblingssohn und ein dreister Lügner, hatte in einem einzigen verrückten, unwirklichen Moment alle gegen sie aufgehetzt.

Mac setzte sich in seinem Bett anders hin. „Ich habe getan, was ich tun musste.“ Das klang beleidigt … Ganz der sture Mac. Doch da Bryn wusste, wie sehr er gelitten hatte, nahm sie es ihm nicht allzu übel.

Trotz allem würde sie es schaffen, ihm zu verzeihen. Mac hatte einen Fehler gemacht … Sie alle hatten Fehler gemacht, sie eingeschlossen. Aber Mac hatte sein Bestes getan, um nach dem Tod ihrer Eltern für sie zu sorgen. Bis alles in die Brüche gegangen war.

Dann hatte er sie zu Tante Beverly geschickt. Bestrafung durch Exil. Bryn war am Boden zerstört gewesen.

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