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Leidenschaft, die nie vergeht

1. KAPITEL

Das Taxi hielt vor seinem Apartmenthaus, und Nicolas stieg ungewöhnlich langsam aus. Er war hundemüde und fühlte sich seltsam leer. All die Begeisterung, die normalerweise die Entdeckung und Förderung eines aufregenden neuen Talents mit sich brachte, blieb dieses Mal aus.

Natürlich hatte es ihn immer mehr begeistert, selbst auf der Bühne zu stehen, statt hinter den Kulissen mitzuerleben, wie jemand anders den Applaus erntete. Aber unentdeckte Stars aufzuspüren und neue musikalische Trends zu entwickeln war für ihn seit zehn Jahren immerhin das Zweitbeste.

Trotzdem hatte sich sein Pulsschlag heute Abend nicht erhöht, als sein jüngster Schützling das anspruchsvolle New Yorker Konzertpublikum mehr als einmal vor Begeisterung von den Stühlen gerissen hatte. Er freute sich für Junko. Natürlich freute er sich. Sie war ein reizendes Mädchen und eine großartige Geigerin. Dennoch hatte er nicht das gefühlt, was er normalerweise fühlte. Eigentlich war er fast unberührt geblieben.

Vielleicht waren das ja schon die Vorboten einer Midlife-Crisis, immerhin wurde er nächstes Jahr vierzig. Oder die ersten Anzeichen für einen Burn-out? Die Arbeit im Musikgeschäft war extrem aufreibend, zumal man auch noch ständig unterwegs sein musste.

Da Nicolas Hotels nicht mochte, hatte er sich sowohl in New York als auch in London ein Apartment gekauft. Seine Freunde hielten das für ziemlich exzentrisch, aber Nicolas hatte die Entscheidung nie bereut. Der Wert seines New Yorker Apartments hatte sich seit dem Erwerb vor sechs Jahren immerhin bereits verdoppelt. Sein Townhouse in London war als Investition zwar nicht ganz so spektakulär, aber Geld verloren hatte er durch den Kauf auch nicht.

„Hat alles geklappt heute Abend, Mr Dupre?“, erkundigte sich der Türsteher, als Nicolas eintrat. Dessen Stimme klang besorgt. Offenbar konnte man ihm die Müdigkeit ansehen.

Nicolas bemühte sich um ein Lächeln. „Danke, Mike, alles bestens.“

Der Mann lächelte zurück. „Das ist gut.“

Mike war ein großartiger Mensch, einfühlsam und zuverlässig, und ein Trinkgeld anzunehmen ging gegen seine Ehre. Zum Ausgleich dafür drückte Nicolas ihm jedes Jahr zu Weihnachten einen Scheck in die Hand, mit der Warnung, dass er es als persönliche Beleidigung betrachten würde, wenn Mike sein Weihnachtsgeschenk ablehnte.

Chad, der junge Mann am Empfang, hob den Kopf, als Nicolas die Eingangshalle durchquerte.

„Moment mal, Sir, ich habe hier einen Brief für Sie“, rief Chad ihm zu.

„Einen Brief?“

Nicolas runzelte die Stirn und ging zum Tresen. Er bekam praktisch keine normale Post mehr. Sämtliche Rechnungen und Bankunterlagen gingen direkt an seinen Steuerberater. Und wer ihn persönlich kontaktieren wollte, tat das per Telefon, E-Mail oder SMS.

Der junge Mann lächelte. „Kam erst heute Nachmittag, da waren Sie schon weg. Die Anschrift ist köstlich. Wir haben herzlich gelacht.“ Mit diesen Worten reichte er Nicolas einen leuchtend rosa Umschlag.

Die Adresse lautete:

Mr Nicolas Dupre

c/o Broadway

New York

America

„In der Tat“, erwiderte Nicolas mit einem trockenen Lächeln.

„Muss großartig sein, berühmt zu sein“, bemerkte Chad lapidar.

„So berühmt bin ich doch gar nicht.“

Nicht mehr. Die Künstler wurden schließlich in die Talkshows eingeladen, nicht die Produzenten. Vor zwei Jahren hatte Nicolas ein einziges Interview gegeben, nachdem ein von ihm produziertes Musical mit Preisen überhäuft worden war, aber das war es dann auch gewesen.

„Kommt aus Australien“, erklärte Chad. Nicolas blieb fast das Herz stehen.

Irgendetwas warnte ihn davor, den Umschlag umzudrehen und einen Blick auf den Absender zu werfen … nicht hier.

„Sieht aus wie von einer Lady.“ Chad brannte sichtlich vor Neugier.

Aber Nicolas hatte nicht vor, den Wissensdurst des jungen Mannes zu stillen.

„Fanpost vermutlich“, sagte er und ließ den Umschlag in seiner Brusttasche verschwinden. „Da hat wohl irgendwer nicht mitbekommen, dass ich seit Jahren nicht mehr auftrete. Danke, Chad. Gute Nacht.“

„Oh … äh … gute Nacht, Sir.“

Erst nachdem er in seinem Apartment im zehnten Stock angelangt war, holte Nicolas den Brief aus seiner Tasche und drehte ihn um.

Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Der Brief war nicht von ihr. Aber hatte er das denn ernsthaft erwartet? Hatte er wider alle Vernunft gehofft, Serina könnte nach so langer Zeit doch noch gemerkt haben, dass sie ohne ihn nicht leben konnte?

Nachdem er seine Enttäuschung hinuntergeschluckt hatte, erwachte jedoch seine Neugier. Der Brief kam zwar nicht von Serina, aber immerhin von ihrer Tochter, die er einen kurzen Moment lang für sein Kind gehalten hatte. Felicity Harmon war zehn Monate nach der Nacht geboren, in der er zum letzten Mal mit Serina geschlafen hatte, und exakt neun Monate nach Serinas Heirat mit Greg Harmon.

Selbst heute fiel es Nicolas noch schwer zu akzeptieren, was Serina in jener Nacht getan hatte. Sie hatte ihm durch ihren überraschenden Besuch wieder unbegründete Hoffnungen gemacht, und das war grausam gewesen.

Er war jahrelang nicht darüber hinweggekommen, dass sie sich geweigert hatte, mit ihm nach England zu gehen. Doch irgendwann war ihm nichts anderes übrig geblieben als zu akzeptieren, dass sie ihre Familie in Rocky Creek mehr liebte als ihn. Seitdem war er nicht mehr nach Hause gefahren, sondern hatte seiner Mutter Geld geschickt, damit sie ihn zweimal im Jahr besuchen konnte, egal, in welchem Teil der Welt er sich gerade aufhielt.

Doch einige Jahre später war Serina von sich aus wieder auf ihn zugekommen.

Damals hatte er geglaubt, die Geschichte längst hinter sich gelassen zu haben. Es hatte andere Frauen in seinem Leben gegeben – eine Menge Frauen, um genau zu sein. Obwohl die Tatsache, dass er nie mit einer dieser Frauen zusammengelebt, geschweige denn eine geheiratet hatte, ihm eigentlich Beweis genug hätte sein müssen, dass sein Herz immer noch Serina gehörte. Dieses Herz hatte einen riesigen Satz gemacht, als er sie in jener schicksalhaften Nacht vor dreizehn Jahren im Opernhaus von Sydney im Publikum entdeckt hatte. Er erinnerte sich noch heute an das genaue Datum.

Als sie nach dem Konzert zu ihm in die Garderobe gekommen war, hatte er geglaubt zu träumen. Ein einziger Blick in ihre wunderschönen Augen hatte ihm den Verstand geraubt. Er hatte sie wortlos an sich gezogen und die Tür abgeschlossen. Alles Weitere war zwangsläufig geschehen, und irgendwann waren sie erschöpft auf der Couch eingeschlafen.

Beim Aufwachen war Serina weg gewesen. Zurückgelassen hatte sie nur einen Brief, in dem sie ihn um Verzeihung bat, weil sie der Versuchung, noch ein letztes Mal mit ihm zusammen zu sein, nicht hatte widerstehen können. Außerdem hatte sie ihn inständig gebeten, nie mehr mit ihr in Kontakt zu treten, weil sie in ein paar Wochen Greg Harmon heiraten wollte, und daran sei nichts mehr zu ändern. Nicolas kannte den Text ihres Briefs heute noch auswendig.

Du bist ein großer Künstler, Nicolas. Deine Bestimmung ist es, in aller Welt Konzerte zu geben. Dafür lebst du, das brauchst du wie die Luft zum Atmen. Das wurde mir heute Abend wieder ganz deutlich bewusst. Was uns verbindet, ist keine Liebe, sondern etwas anderes. Etwas Dunkles, Gefährliches, das mich zerstören würde, wenn ich ihm weiterhin nachgäbe. Du wirst auch ohne mich überleben, das weiß ich.

Nun, er hatte überlebt … wenn auch nur knapp.

Und doch spielte sein Herz jetzt allein beim Anblick eines rosaroten Briefumschlags verrückt. Vor langer Zeit war er sich sicher gewesen, dass sie seine Gefühle erwiderte. Auf jeden Fall war sie ihm körperlich genauso verfallen gewesen wie er ihr. In dieser Hinsicht hatten sie von Anfang an perfekt harmoniert – erstaunlicherweise, weil sie damals beide noch unschuldig gewesen waren.

Nicolas schüttelte den Kopf. Wenn er geahnt hätte, was sich daraus entwickeln würde, wäre er Mrs Johnsons Vorschlag, mit Serina zum Abschlussball zu gehen, bestimmt nicht gefolgt.

Zu der Zeit hatte Nicolas sich rein gar nicht für Mädchen interessiert. Seine einzige Leidenschaft hatte dem Klavierspiel gegolten.

Dass er auf der Highschool der Schwarm vieler Mädchen gewesen war, hatte ihn kaltgelassen, und über sein gutes Aussehen – er war groß, schlank, blond und blauäugig – hatte er sich nie Gedanken gemacht. Eine Partnerin für den Abschlussball zu finden wäre für ihn mit Sicherheit kein Problem gewesen, aber das war ihm egal, weil er sowieso entschlossen gewesen war, nicht hinzugehen.

Doch seine Mutter hatte das nicht akzeptieren wollen, weshalb er Mrs Johnson am Ende für ihren Vorschlag sogar dankbar gewesen war. Die schüchterne, unscheinbare Serina stellte in seinen Augen keinerlei Gefahr dar, und der Gesprächsstoff drohte ihnen auch nicht auszugehen, weil sie sich beide für Musik interessierten.

Das war jedoch nur graue Theorie gewesen, die Praxis sah anders aus. Man stelle sich seine Überraschung – und seinen Schock – vor, als er Serina am Abend abholte und sich einem umwerfend schönen Mädchen gegenübersah. Sie trug ein schimmerndes tiefblaues schulterfreies Kleid mit einem weiten Tellerrock und High Heels, die ihre langen atemberaubenden Beine erst richtig zur Geltung brachten.

Bisher kannte Nicolas Serina nur in ihrer Schuluniform, ohne Make-up, mit Zöpfen oder Pferdeschwanz.

Jetzt, mit offenem Haar, dezent geschminkt und ungeheuer weiblich, wirkte sie weit erwachsener und atemberaubend sexy. Beim ersten Blick auf sie verspürte er heißes Begehren in sich aufsteigen. Den ganzen Abend über schaffte er es nicht, seinen Blick von ihr loszureißen. Mit ihr zu tanzen war Lust und Folter zugleich.

Als sie um kurz nach Mitternacht den Ball verließen, war er aufgewühlt wie nie zuvor in seinem Leben. Er hatte Serinas Eltern versprechen müssen, ihre Tochter anschließend sofort zu Hause abzuliefern, was ihm nur recht gewesen war – zu jenem Zeitpunkt jedenfalls.

Plötzlich jedoch war die Sehnsucht nach Serina noch größer als sein Wunsch, die ganze Welt mit seinem Klavierspiel zu verzaubern. Gleichzeitig wusste er jedoch, dass das nicht möglich sein würde. Er hatte nicht einmal eine Idee, wie er es hätte anstellen sollen, sich ihr zu nähern.

Doch während sich der Wagen, in dem sie saßen, unaufhaltsam Rocky Creek näherte, näherte sich Serinas Hand ebenso unaufhaltsam seinem Schenkel. Und als diese Hand schließlich ihr Ziel erreichte, verriet ihm ein verstohlener Blick aus dem Augenwinkel, dass sie dasselbe fühlte wie er.

„Fahr mich noch nicht nach Hause“, flüsterte sie atemlos.

Das brauchte sie ihm nicht zweimal zu sagen. Ohne lange zu überlegen bog Nicolas bei nächster Gelegenheit von der Hauptstraße auf einen schmalen Feldweg ab, der zu einer einsamen Stelle unten am Fluss führte.

Dort nahm alles seinen Anfang. Zuerst waren es nur Küsse, dann Berührungen, die zunehmend intimer wurden. Störende Kleidungsstücke landeten auf dem Rücksitz, und ehe er es sich versah, war er auch schon dabei, in sie einzudringen. Nicht einmal ihr überraschtes Keuchen konnte ihn aufhalten, sein Verstand war lahmgelegt. Die Panik kam erst hinterher – als ihm klar wurde, dass er kein Kondom benutzt hatte.

„Dein Vater bringt mich um, wenn du schwanger bist“, stöhnte er.

„Es kann nichts passiert sein“, beruhigte sie ihn. „Ich hatte eben erst meine Tage.“

Nicolas atmete auf.

„Ich fahre morgen nach Port und besorge Kondome“, versprach er, und sie schaute ihn nur stumm aus ihren großen dunklen Augen an.

„Beim nächsten Mal wird es schöner“, hörte er sich selbst einigermaßen verschämt sagen.

„Aber für mich war es schön … sehr schön sogar“, beteuerte sie überraschenderweise. „Meinst du, wir können es gleich noch mal machen?“

Er ließ sich nicht zweimal bitten. Diesmal kosteten sie es aus, und er beobachtete mit angehaltenem Atem, wie sie den Höhepunkt erreichte. Es war wie ein Wunder. Als er sie gegen zwei Uhr zu Hause ablieferte, war Nicolas bereits süchtig nach ihr.

Irgendwie schafften sie es, ihre Teenageraffäre den ganzen Sommer über geheim zu halten. Nicolas schlich sich jede Nacht heimlich aus dem Haus zum Stelldichein mit Serina. Sie lebte mit ihren Eltern auf einer kleinen Farm, mit Nebengebäuden und Schuppen, in denen sie sich ungestört lieben konnten. Nicolas beschwor sie, keinem Menschen etwas von ihnen zu erzählen, auch nicht ihren Freundinnen. Er wusste, dass Serina ziemlich altmodische Eltern hatte, die nichts unversucht lassen würden, um sie auseinanderzubringen. Deshalb gaukelten sie ihrer Umwelt eine rein platonische Freundschaft zwischen zwei jungen Leuten vor, deren Leidenschaft das Klavierspiel war.

Erst nach einer ganzen Weile begannen sie offen miteinander auszugehen. Damals studierte Nicolas bereits in Sydney, was zur Folge hatte, dass er und Serina sich nicht mehr so oft sehen konnten. Doch immer wenn sein strenger Zeitplan es erlaubte, kam Nicolas nach Rocky Creek, und dann waren sie praktisch unzertrennlich.

Dennoch war in jener Zeit für Nicolas seine musikalische Ausbildung immer vorrangig gewesen.

Gleichwohl hatte er nie auch nur eine einzige Sekunde daran gezweifelt, dass Serina die Frau seines Lebens war, dass er sie eines Tages heiraten und Kinder mit ihr haben würde. Unvorstellbar, dass sie je mit einem anderen Mann zusammen sein oder von diesem gar schwanger werden könnte.

Und doch hatte sie von einem anderen Mann ein Kind bekommen, und dieses Kind hatte ihm heute geschrieben.

Nur warum bloß, um Himmels willen?

Nicolas riss den pinkfarbenen Umschlag auf und zog ein bedrucktes weißes Blatt Papier heraus.

Lieber Mr Dupre,

hallo. Mein Name ist Felicity Harmon. Ich bin zwölf Jahre alt und lebe in Rocky Creek. Ich bin die Schulsprecherin von unserer Grundschule und helfe unseren Lehrern, zum Jahresende ein Konzert zu organisieren, das am Samstag, dem 20. Dezember stattfinden soll. Den Erlös wollen wir unserer örtlichen Feuerwehr spenden.

Wir wollen kein normales Konzert veranstalten, sondern einen Talentwettbewerb, und dafür brauchen wir einen Preisrichter. Es wäre natürlich sehr schön, jemand Berühmtes zu haben, weil dann einfach viel mehr Leute kommen. Sie sind der berühmteste Mensch, der je in Rocky Creek gelebt hat, deshalb wollte ich Sie fragen, ob Sie nicht vielleicht bereit wären, für uns an diesem Abend als Preisrichter zu fungieren. Meine Klavierlehrerin Mrs Johnson glaubt eher nicht, dass Sie kommen, weil Sie jetzt in New York leben und hier keine Familie mehr haben. Aber sie hat mir auch erzählt, dass Sie früher mit meiner Mum befreundet waren und dass es deshalb vielleicht sein kann, dass Sie doch kommen, wenn ich Sie ganz freundlich darum bitte. Wahrscheinlich wissen Sie es nicht, aber mein Dad ist vor nicht allzu langer Zeit gestorben. Das war letzten Sommer, da ist er bei einem dieser schrecklichen Waldbrände in Victoria von einem brennenden Baum erschlagen worden. Dabei hat er mir noch am Tag vor seinem Tod erzählt, dass unsere örtliche Feuerwehr dringend eine neue Ausstattung bräuchte, um unsere Stadt besser vor den Buschfeuern schützen zu können. Dafür wäre ein neuer Löschzug richtig gut, aber der kostet natürlich viel Geld.

Ich bin mir ganz sicher, dass wir bei dem Talentwettbewerb viel mehr Zulauf bekommen, wenn wir Sie als Preisrichter ankündigen könnten. Und falls Sie sich tatsächlich entschließen zu kommen, könnten Sie ganz bestimmt auch bei uns im Gästezimmer übernachten.

Unten ist meine E-Mail-Adresse, bitte schreiben Sie mir, wenn Sie sich überlegen, meine Einladung anzunehmen. Ich hoffe so sehr auf eine positive Antwort. Bitte sagen Sie mir sobald wie möglich Bescheid, weil das Konzert schon in drei Wochen stattfindet.

Es grüßt Sie ganz herzlich

Felicity Harmon

PS: Ich habe extra einen rosa Umschlag genommen, damit mein Brief nicht in Ihrem Meer von Fanpost untergeht und ich bessere Chancen bei Ihnen habe.

PPS: Ich hoffe wirklich sehr, dass Sie kommen.

Serinas Tochter bat ihn inständig, nach Rocky Creek zu kommen! Was war das? Ein Wink des Schicksals? Aber ja, natürlich würde er kommen, er wüsste nicht, was er lieber täte!

Wenn Greg Harmon noch gelebt hätte, wäre es Nicolas nicht im Traum eingefallen, jemals nach Rocky Creek zurückzukehren. Dann hätte er Zuflucht zu einer glaubwürdigen Ausrede genommen und Felicity zum Trost einen schönen Scheck geschickt.

Aber jetzt hatte sich eine neue und ungeahnte Situation ergeben. Serinas Mann war tot, Serina war eine Witwe. Warum sollte er sich da noch von ihr fernhalten?

2. KAPITEL

Serina starrte ihre Tochter ungläubig an. Nicolas Dupre als Preisrichter für den Talentwettbewerb? Das durfte nicht wahr sein!

„Aber … aber woher hattest du denn seine Adresse?“, stammelte sie schließlich.

Felicitys übermütiger Gesichtsausdruck erinnerte Serina schmerzlich an den Vater ihrer Tochter – nicht an ihren verstorbenen sozialen Vater, sondern an den leiblichen, der von der Existenz einer Tochter gar nichts wusste.

„Na, ganz einfach! Ich hab ihm einen Brief an den Broadway in New York geschrieben, und er hat ihn bekommen!“

Serina rang um Fassung.

„Und?“

„Und er hat mir gestern Abend geantwortet.“

„Und warum hast du mir das nicht bereits gestern erzählt?“

„Na, weil du schon im Bett warst, als seine E-Mail kam.“

„Felicity! Da hättest du schon längst schlafen sollen!“

„Ja, ich weiß. Tut mir leid.“ Obwohl es ganz und gar nicht so klang.

Finster schaute Serina ihre Tochter an. Felicity konnte manchmal unglaublich dickköpfig sein.

Serina schluckte und schüttelte den Kopf. Sie konnte es immer noch nicht fassen.

„Felicity, ich …“

„Bitte, Mum, reg dich nicht auf“, fiel Felicity ihr ins Wort. „Ich musste einfach irgendwas unternehmen, weil ich Angst hatte, dass außer den Eltern sonst überhaupt niemand kommt. Aber jetzt wird die ganze Sache bestimmt ein Riesenerfolg, und die Feuerwehr kann sich freuen, wenn sie eine richtig saftige Spende bekommt. Dann können sie sich ja vielleicht endlich ein neues Feuerwehrauto leisten, so eins mit Sprinklern auf dem Dach, wie Dad es schon immer haben wollte. Ich mach das doch alles für Dad, Mum! Weil er es selbst nicht mehr kann.“

Was ließ sich dagegen sagen? Gar nichts natürlich. Felicity hatte Greg ebenso vergöttert wie umgekehrt. Bei der Nachricht von seinem Tod war sie völlig am Boden zerstört gewesen. Greg hatte zum Glück nie erfahren, dass Felicity in Wahrheit nicht seine leibliche Tochter war. Serina war es gelungen, diese Tatsache vor allen geheim zu halten, sogar vor Nicolas. Obwohl dieser sie ganz direkt auf seine mögliche Vaterschaft angesprochen hatte, als er vor zehn Jahren zur Beerdigung seiner Mutter nach Rocky Creek gekommen war, aber damals hatte sie seine Vermutung empört von sich gewiesen.

Das Schicksal – und ihre Gene – waren Serina bei ihrem Vertuschungsmanöver behilflich gewesen. Erstens war Felicity weit über Termin geboren worden, was in ihrer Familie mütterlicherseits mehrfach vorgekommen war. Außerdem hatte ihre Tochter dunkle Haare und dunkle Augen wie sie selbst und Greg, während Nicolas blond und blauäugig war. Zum Glück war Felicity damals auch noch sehr klein, weshalb sich ihr ungewöhnliches musikalisches Talent noch nicht gezeigt hatte. Deshalb hatte es keinerlei Ähnlichkeiten mit Nicolas gegeben, rein gar nichts, was ihn hätte stutzig machen können. Und die Einwohner von Rocky Creek gingen bis zum heutigen Tag völlig selbstverständlich davon aus, dass Felicity ihr musikalisches Talent von ihrer Mutter geerbt hatte. Was nur logisch war angesichts der Tatsache, dass Nicolas und Serina bereits Jahre vor der Geburt ihrer Tochter keinen Kontakt mehr gehabt hatten. Wer hätte da je auf die Idee kommen sollen, dass die allseits geachtete Serina Harmon nur einen Monat vor ihrer geplanten Hochzeit nach Sydney fahren könnte, um mit ihrem Ex eine leidenschaftliche Liebesnacht zu verbringen? Das wäre schlicht unvorstellbar gewesen!

Aber Nicolas hatte sie schon immer dazu verführt, das Unvorstellbare zu tun.

Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte sie alles für ihn getan. Nur ihre Familie hatte sie seinetwegen nicht im Stich lassen können. Vor allem nicht zu einem Zeitpunkt, wo diese sie am meisten gebraucht hatte.

Wie hätte sie nach England gehen können, nachdem ihr Vater gerade erst einen Schlaganfall erlitten hatte? Das hätte sie nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Doch Nicolas hatte ihr vorgeworfen, ihn nicht genug zu lieben.

Aber sie hatte ihn geliebt. Viel zu sehr sogar und leider auf eine ziemlich ungesunde Art und Weise, so sehr, dass es ihr Angst gemacht hatte. Wenn sie mit ihm zusammen war, war sie nicht mehr sie selbst, sondern ein willenloses Wesen, das, zitternd vor Begierde, in seinen Armen dahinschmolz.

Und weil sie sich selbst gegenüber misstrauisch gewesen war, hatte sie ihm ihren Entschluss telefonisch mitgeteilt.

Nicolas hatte erst ungläubig geschwiegen, dann war er wütend geworden, und am Ende hatte er versucht sie zu überreden. Doch das hatte sie in ihrer Verzweiflung veranlasst zu behaupten, dass sie von ihrer Fernbeziehung sowieso genug hätte. Was ja irgendwie auch stimmte. Seit er in Sydney studierte, hatte er kaum noch Zeit und war fast unerreichbar geworden.

„Ich will einen normalen Freund“, hatte sie geschluchzt. „Einen, der nicht so ehrgeizig ist wie du. Und der in Rocky Creek lebt. Greg Harmon fragt mich immer wieder, ob ich mit ihm ausgehen will“, hatte sie wahrheitsgemäß hinzugefügt.

„Greg Harmon! Ich bitte dich, der könnte ja dein Vater sein!“

„Das stimmt doch gar nicht.“ Obwohl er älter wirkte, war Greg erst Ende zwanzig. Er stammte auch aus Rocky Creek und arbeitete als Lehrer an der Wauchope Highschool, wo Serina und Nicolas ihren Abschluss gemacht hatten. Obwohl Greg nie ihr Lehrer gewesen war – er unterrichtete Agrarwirtschaft und Werken – ,war Serina nicht entgangen, dass er eine Schwäche für sie gehabt hatte.

Und schon bald nach ihrer Abschlussprüfung hatte er versucht, sich mit ihr zu verabreden.

„Er ist einfach total nett, und außerdem sieht er auch noch gut aus“, hatte Serina Greg verteidigt. „Ich mag ihn. Und wenn er mich nächstes Mal wieder fragt, sage ich ja.“

Es war fast eine Erleichterung gewesen, als Nicolas wütend aufgegeben und allein nach England gegangen war. Danach hatte sie nie wieder etwas von ihm gehört. Kein Anruf, kein Brief, nur bitteres Schweigen.

Es hatte lange gedauert, bis Serina über Nicolas wenigstens ein wenig hinweggekommen war, und am Ende hatte sie Gregs Einladung aus reiner Einsamkeit angenommen. Obwohl sie auch dann insgeheim immer noch gehofft hatte, dass Nicolas sich irgendwie melden würde. Deshalb vertröstete sie Greg immer wieder, wenn er mit ihr schlafen wollte.

Aber die Zeit verstrich, ohne dass Nicolas ihr ein Zeichen gab. Irgendwann brachte Greg schließlich den Mut auf, ihr einen Heiratsantrag zu machen, und danach schliefen sie zum ersten Mal miteinander. Hinterher hatte sich Serina fast die Augen aus dem Kopf geweint, wenn auch gewiss nicht, weil es so schrecklich gewesen war. Im Gegenteil, Greg war ein zärtlicher und aufmerksamer Liebhaber. Das einzige Problem bestand darin, dass er nicht Nicolas war.

Trotzdem gelang es ihr mit der Zeit, die Erinnerung an Nicolas in den Hintergrund zu drängen, sodass sie anfangen konnte, konkrete Pläne für ihre Hochzeit mit Greg zu machen. Auch wenn sie nicht himmelhoch jauchzend glücklich war, war Serina doch zufrieden mit ihrem Leben. Sie wurde geliebt und hatte viele gute Freunde. Was wollte sie mehr?

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