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Leichtmatrosen küsst man nicht

Über die Autorin

Milly Johnson begann ihre Karriere als Schriftstellerin mit dem Verfassen origineller Grußkarten. Wenn sie nicht gerade schreibt, verwendet sie ihre gesamte Energie darauf, möglichst glamourös durch den Alltag zu kommen. Sie lebt mit ihren Söhnen und unzähligen Katzen in Yorkshire und backt sehr oft Pfannkuchen.

Milly Johnson

Leichtmatrosen

küsst man

nicht

Roman

Aus dem Englischen von
Sabine Schilasky

Herzen

BASTEI ENTERTAINMENT

Dieses Buch ist den wunderbaren Menschen von Yorkshire gewidmet; denen, die mich unterrichteten, heilten, einstellten, unterstützten, mit mir lachten, mir Taschentücher liehen, mit mir Kuchen verschlangen, mit mir aßen, Wein tranken, mich vor Gericht vertraten, abends warm zudeckten, für mich kochten, meine Kinder auf die Welt holten, meine Bücher lasen und für die ich »Freundin« sein durfte, »Mum« sein, von denen ich gemocht und von denen ich geliebt wurde und werde.

Den dritten Tag auf See ward mir klar,

wie wenig gleich hier alles war.

Vielmehr Wandel pur, der unbedacht

Himmel, Sonne und Stürme beugt seiner Macht.

Hier liege ich nun, schaukel hin und her,

jag die trüben Gedanken an daheim aufs Meer.

Und mein Herzwrack kann langsam heilen,

statt in finsterem Schmerz zu verweilen.

Endlich hat sich mein Anker gelichtet,

und alles ist verändert und richtet

den Blick nach vorn, wirft das Gestern über Bord.

Auf dass die Hoffnung mit mir ziehe,

während ich Vergang’nes fliehe.

Die See schenkt die Chance auf ein neues Leben,

möge sie im nächsten uns Liebe geben.

»Auf große Fahrt« von James Nash

»In zwanzig Jahren werden wir die Dinge, die wir nicht getan haben, mehr bereuen als die, die wir taten. Also machen wir die Leinen los und segeln mit den Passatwinden aus dem sicheren Hafen. Erforschen wir. Träumen wir. Entdecken wir.«

Mark Twain

Prolog

Die Leute erinnern sich an die Winter ihrer Kindheit immer als so schneeweiß wie Zuckerguss auf einem Weihnachtskuchen. Sie erinnern sich an den Weg zur Schule, auf dem sie sich wie in einer eben geschüttelten Schneekugel fühlten. Genauso erscheinen ihnen die längst vergangenen Sommer heißer, sonniger und länger, als sie jemals waren. Die Sonne knipste sich im Mai an – und zwar mit vollen 950 Watt – und flackerte nicht mal, bis Ende September die ersten rostroten Blätter von den Bäumen schwebten. Ganz besonders trifft dies auf vier Frauen zu, die sich an einen bestimmten Nachmittag vor fünfundzwanzig Jahren zurückerinnern: Sie stellen sich die Umrisse der Wolken schärfer vor, den Himmel unglaublich blau und die Sonne brausepulver-zitronengelb. Das Gras, auf dem sie in der Erinnerung liegen, ist samtig und keine von ihnen entsinnt sich, je darauf heuschnupfenbedingt geniest zu haben.

Vollgestopft mit Fleischpastetchen und klumpiger Schulbratensauce, lagen die vier Vierzehnjährigen damals in ihren rot-grauen Schuluniformen auf dem Rasen des Hangs und blickten träge hinauf zum Himmel.

»Die da sieht wie ein Eichhörnchen aus«, sagte Ven und zeigte auf einen weißen Wolkenbausch.

»Häh? Wo guckst du denn hin?«, fragte Frankie.

»Na da!« Ven piekte mit ihrem Finger nach oben. »Das da ist der Schwanz, und das große Runde ist der Kopf.«

»Ja, stimmt«, sagte Roz. »Jetzt sehe ich, glaub ich, was du meinst, aber sieht das nicht eher wie ein vom Trecker überfahrenes Eichhörnchen aus? Oh, guckt mal, da ist ein Herz!« Sie seufzte, worauf die anderen drei stöhnten.

»Steht da zufällig ›Ich liebe Jez Jackson, Roz Lynch‹ drauf?«, kicherte Olive.

»Kann sein«, murmelte Roz so mürrisch wie sie konnte, und Bilder von Jez Jackson stiegen in ihr auf. Er war drei Jahre älter als sie, wohnte gegenüber, war groß und schlaksig und ignorierte sie vollkommen. Jez war der »Boy from Ipanema« und ließ ihr Herz jedes Mal höher schlagen, wenn sie seine Marc-Bolan-Dauerwelle erblickte.

»Die da sieht wie eine Wolke aus«, sagte Olive.

»Wie witzig!«, schnaubte Roz.

»Nein, ich meine, wie eine richtige Wolke in einem Comic, unten flach und oben fluffig. Habt ihr übrigens gewusst, dass Zeus der Gott der Wolken war?«

»Oh Mann, wer passt da wohl wieder extra gut in Griechisch auf?«, fragte Frankie und knuffte Olive in die Rippen. »Unsere Streber-Olive-Lyon!«

»Ja, ist ja gut!«, gackerte Olive.

»Mich wundert gar nicht, dass sie so gut aufpasst«, sagte Roz. »Habt ihr mal gesehen, wie sie Mr. Metaxas immer in die Augen stiert?«

»Das ist eine glatte Lüge! Tu ich nicht«, empörte sich Olive, die allerdings zu sehr lachen musste, als dass ihre Freundinnen ihr glaubten – hätten sie sowieso nicht.

»Ich wette, du ziehst mal nach Athen, Ol, und heiratest einen Griechen. Dann änderst du deinen Namen in Aphrodite und lebst von Weinblättern. Die stehen in Griechenland auf Blondinen. Für die bist du mindestens ein paar Kamele wert«, sagte Frankie.

»Im Mittelmeerraum sind Kamele keine Währung«, sagte Roz.

»Und wenn schon«, konterte Frankie spöttisch, setzte sich auf und warf ihr langes, schwarzes Haar über die Schulter. »Olivä, die-ä schäänste Fruhucht därä Wältä«, äffte sie den eigentlich viel hübscheren griechischen Akzent von Mr. Metaxas nach. »Wie saftäg die Olivä iest … ääh … alles in-ä ein-ä Biss.«

Olive kicherte, wurde rot und versuchte, sich nicht vorzustellen, wie sie mit Mr. Metaxas knutschte. Seine südländisch braune Haut, sein schwarzes Haar und die riesigen braunen Augen hatten Olives jugendliche Hormone mächtig in Wallung gebracht. Oft stellte sie sich beim Einschlafen vor, wie er sie »Olive« nannte, genau wie vor der Klasse. Von allen dämlichen Namen, die ihre Eltern ihr hätten geben können, war Olive mit Abstand der blödeste. Hätten sie doch wenigstens »Olivia« genommen, das klang so viel edler. Aber Olive! So hieß die doofe Kuh in »On the Buses«. Dennoch schaffte Mr. Metaxas es immer wieder, dass sich ihr Name romantisch und schön anhörte.

»Die da sieht wie ein Schiff aus«, sagte Frankie.

»Oh ja, stimmt«, gab Roz ihr ausnahmsweise recht. »Gott, wäre ich jetzt gerne auf einem Schiff weit weg! Ich hab noch zwei Stunden Griechisch.«

»Ich auch.« Olive lächelte verträumt. Abgesehen von ein paar pickligen Langweilerinnen aus dem Jahr über ihnen, die für den Abschluss büffelten, war sie das einzige Mädchen, das sich auf Altgriechisch freute. »Paraklausithyron«, seufzte sie in einem Tonfall, dass es wie eine Anzüglichkeit und nicht wie ein Motiv der klassischen Literatur klang.

»Und was heißt das richtig?«, fragte Frankie, die eine Doppelstunde Spanisch vor sich hatte und um nichts in der Welt mit den anderen beiden tauschen wollte. Sie war ein Naturtalent, was Sprachen anging. Dank ihrer italienischen Familie war sie sowieso schon zweisprachig und auf dem besten Wege, dreisprachig zu werden.

»Ein Klagelied«, erklärte Olive immer noch halb träumend. »Wenn ein Liebhaber draußen steht und bittet, dass man ihn reinlässt.«

Ven kicherte. »Du würdest jedenfalls keine spitzen Griechen vor der Tür schmachten lassen, was? Die kämen bei dir gar nicht erst zum Jammern, du Romantikerin.«

»Eine Kreuzfahrt kostet tausend Pfund, habe ich gehört«, sagte Olive, um sich von ihren Gedanken an Mr. Metaxas abzulenken. Wenigstens hatte das die Angeberin Colette Hudd behauptet, als sie die Fotos von ihren Ferien auf einem Cunard-Schiff zeigte. Ihr Dad war Gebrauchtwagenhändler und schwamm in Geld. Jeden Morgen wurde Colette in einem Rolls-Royce zur Schule gebracht, und außerhalb der Schule trug sie richtige Jeans mit Schildern wie »Brutus Gold«, nicht solche billigen wie Olive. Deren Mutter kaufte alle Sachen bei Littlewoods. Olive und ihre Eltern waren noch nie weiter weg als auf einen Campingplatz in Skegness verreist. Warmes Wasser und ein Wohnwagen mit Toilette wären schon purer Luxus gewesen, von einer großen Kabine mit Bullauge ganz zu schweigen.

»Irgendwann gehen wir alle zusammen auf Kreuzfahrt und angeln Ol einen Mann mit braunen Augen und Knoblauchfahne«, sagte Roz und strich sich Grashalme von den langen Beinen. »Wenn wir alt und stinkreich sind.«

»Nicht zu alt«, entgegnete Olive. »Bucklig und faltig kriege ich bestimmt keinen Mann.«

Frankie dachte an die schöne Englischlehrerin, Miss Tanner. Genau so wollte sie später auch sein: vollbusig mit rauchiger Stimme und selbstsicher. So viele Zigaretten, wie sie heimlich rauchte, hatte sie das mit der Stimme fast geschafft. Und sie wusste, dass Miss Tanner gerade vierzig geworden war, denn Mr. Firth (Französisch) hatte Frankie gebeten, in der Pause drinnen zu bleiben und eine Geburtstagskarte für sie zu zeichnen. In Kunst war Frankie ziemlich gut. Jeder an der Schule wusste, dass es eine »entente cordiale« zwischen Englisch und Französisch gab. Und dabei war Mr. Firth noch nicht mal dreißig. Alle Achtung, Miss Tanner!

»Vierzig ist ein gutes Alter. Bis dahin sind wir alle reich und sehen klasse aus. Und wir nehmen Vens Geburtstag, weil ihrer als einziger im Sommer ist«, entschied Frankie.

»Okay, machen wir«, sagte Olive und streckte ihre Hand aus, worauf die anderen ihre obendrauf legten. Es war abgemacht: Den 24. August, Venice Smiths vierzigsten Geburtstag, würden sie zusammen auf einem Kreuzfahrtschiff verbringen, neben dem sich das von Colette Hubbs wie ein abgewracktes Schlauchboot ausnahm.

Die Schiffswolke war inzwischen mit einer größeren verschmolzen, die Pausenglocke schrillte, und Roz, Frankie und Ven schauten sich naserümpfend an. Nur Olive lief beschwingt zurück ins Schulgebäude, den Kopf voller Träume von sich als Braut auf einer sonnigen Insel mitten im weiten Ozean.

1. Kapitel

Fünfundzwanzig Jahre später

»Was ist mit dieser?«, fragte Roz und hielt Geburtstagskarte Nummer achtzehn in die Höhe.

Olive nahm die Karte und las den Aufdruck laut vor: »Wie nennt man eine Frau, die vierzig und Single ist?« Sie schlug die Karte auf und las die Antwort. »Ein glückliches Miststück.« Welch Überraschung – wieder mal ein männerfeindlicher Scherz von Roz. Olive gab ihr die Karte zurück. »Ist vielleicht ganz lustig, aber ich kugel mich nicht direkt vor Lachen.«

»Es ist doch bloß eine Karte! Da musst du nicht gleich in hysterische Lachanfälle ausbrechen. Wichtig ist doch nur, dass ihr Alter draufsteht und sie Single ist, oder?«

Und dir geht es ums Männerbashing, dachte Olive, aber sie war nicht schnippisch genug, es laut zu sagen. Stattdessen entschied sie: »Ich bin für etwas Sentimentales. Wie diese hier.« Sie hielt Roz eine Karte mit Blumenmuster und einem netten »Freundin«-Spruch hin.

»Hmm, wenn man’s schmalzig mag. Kauf mir so eine bitte nicht zu meinem Vierzigsten, sonst muss ich kotzen.«

»Oh doch! Für dich suche ich eine mit Katzenbabys aus und einem ewig langen Gedicht darüber, was für ein wunderbarer Mensch du bist.«

»Dann bring lieber gleich einen Eimer mit. Ach, was soll’s, ich nehme diese, ehe wir hier den ganzen Tag rumstehen. Was schenkst du ihr?«

»Darüber habe ich noch nicht mal nachgedacht«, antwortete Olive. »Ich bin nicht so durchorganisiert wie du. Bestimmt hast du schon alle Weihnachtsgeschenke gekauft und eingepackt.«

»Nicht alle«, erwiderte Roz. Olive wusste, dass es kein Scherz war. Bis November hätte Roz wahrscheinlich auch schon die Karten zu ihren Fünfzigsten besorgt und geschrieben.

»Vielleicht kaufe ich ihr einen Präsentkorb«, überlegte Olive.

»Einen Präsentkorb? Was für einen Präsentkorb?«

»Einen mit Tena-Lady, Werthers Echten und einem Nasenhaartrimmer.«

Roz lachte. »Ich dachte echt, du meinst das ernst.«

»Meine ich.« Olive zwinkerte ihr zu und beugte sich näher zu Roz. »Übrigens ist das inzwischen gar nicht mehr so witzig. Sag’s keinem, aber ich habe mal den Trimmer ausprobiert, den David von seinem Cousin zu Weihnachten bekommen hat, und war ganz schön geschockt, wie es da in meiner Nase knisterte. Ich hätte nie gedacht, dass irgendwann der Tag kommt, an dem ich mir die Nasenhaare stutzen oder das Gesicht wachsen muss.«

»Hör bloß auf mit Gesichtshaar!«, stöhnte Roz. »Würde ich mir die Haare im Gesicht nicht alle paar Monate von der Kosmetikerin rausreißen lassen, sähe ich jetzt aus wie Wolverine.«

Olive kicherte, als sie zur Kasse gingen. Roz wäre selbst aus einem Koma erwacht, um ihr Make-up aufzufrischen und hätte ungeschminkt nicht mal den Müll rausgebracht. Dabei hatte sie es gar nicht nötig. Roz hatte ein tolles Gesicht mit hohen Wangenknochen wie ein Topmodel.

»Was hältst du davon, wenn wir zusammenlegen und Ven etwas Größeres schenken?«, fragte Roz plötzlich.

»Klar, gerne. Jeder dreißig, reicht das?«

»Ja, dicke. Aber bist du sicher, dass du so viel ausgeben willst?« Roz fragte nicht »Kannst du dir das leisten?«, obwohl sie genau das meinte. Es war kein Geheimnis, dass Olive permanent klamm war. Sie hatte diverse Putzstellen, aber leider auch ein Haus voller hungriger Mäuler, die ihr die Haare vom Kopf fraßen.

»Es ist ihr Vierzigster, und da soll sie ein schönes Geschenk kriegen«, sagte Olive bestimmt. »Vor allem nach dem, was sie die letzten paar Jahre durchgemacht hat.« Ven hatte binnen dreizehn Monaten ihre Mutter und ihren Vater verloren, was sie ziemlich getroffen hatte. Und als wäre das noch nicht schlimm genug, hatte ihr lausiger Schuft von einem Ehemann sie gegen eine junge Schlampe eingetauscht, sich scheiden lassen und die Hälfte von allem kassiert, was sie besaß – einschließlich des Geldes, das Vens Eltern ihr Leben lang für die einzige Tochter angespart hatten. Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, war die Scheidung kaum einige Wochen rechtskräftig gewesen, als Ven der Job gekündigt wurde. Pech bekommt man immer gleich als Familienpackung, dachte Olive, ganz im Gegensatz zum Glück.

Sie gingen den Hügel hinauf, dann auf der anderen Seite wieder hinunter zum Einkaufszentrum und überlegten, was für ein Geschenk für den Vierzigsten passend wäre, bis sie den Edwardian Tea Room erreichten. Drinnen saß Ven bereits und winkte ihnen durchs Fenster zu.

»Hallo, Mädels«, rief sie ihnen entgegen, als sie zu ihrem Tisch kamen. Ven lächelte praktisch immer, aber heute strahlte sie buchstäblich, und ihre Grübchen waren so tief wie der Grand Canyon.

»Was ist mit dir?«, fragte Roz. »Hast du eine Konditorei geplündert?«

»Nein, ich freue mich nur, euch zu sehen. Lasst uns gleich bestellen, ich bin am Verdursten.«

»Ich nehme das Übliche«, sagte Roz.

»Dito«, stimmte Olive ein.

»Also drei Nuss-Honig-Lattes, zwei Stücke Cappuccino-Torte und einmal Zitronenkuchen, bitte«, sagte Ven zu der Kellnerin, die an ihren Tisch kam. Sie konnte gar nicht aufhören zu lächeln.

»Was ist los? Bist du auf Lachgas?«, fragte Roz.

»Nein. Nichts ist los. Absolut gar nichts.«

»Na gut«, sagte Roz. »Und hast du schon entschieden, wo du deinen Vierzigsten feiern willst? Soll ich uns ein chinesisches Bankett im Silver Moon buchen, ein italienisches Menü im Bella Notte oder die Curry-Tafel im Raj?«

»Du lieber Himmel, Roz, bis dahin sind es noch fünf Wochen!«, lachte Ven.

»Sie ist besessen«, murmelte Olive kopfschüttelnd. »Völlig planungswütig.«

»Ich will es einfach nur geregelt haben«, erklärte Roz. »Ehrlich! Was ist denn daran verkehrt?«

»Dann habe ich die Wahl zwischen gebratenem Reis, Korma oder Spaghetti Bolognese? Was sind unsere Träume doch geschrumpft über die Jahre«, sagte Ven lachend. »Wisst ihr noch, wie wir in der Schule geplant haben, dass wir an meinem Vierzigsten alle zusammen eine Kreuzfahrt machen?«

»Ja, na ja, da waren wir jung und blöd«, antwortete Roz. »Vielleicht erinnerst du dich auch noch, dass ich damals dachte, ich wäre heute die persönliche Assistentin eines reichen Geschäftsmannes und würde in Privatjets durch die Weltgeschichte gurken. Stattdessen schufte ich für eine alte Kuh in einer langweiligen Bank.« Jeder wusste, dass Roz ihren Verwaltungsjob in der städtischen Bank hasste und ihre mürrische, verknitterte Vorgesetzte, Mrs. Hutchinson, sogar noch mehr.

»Ja, und wir waren alle überzeugt, dass wir mit Mitte zwanzig Multimillionärinnen wären«, ergänzte Olive. Ach, hätte sie doch all jene Träume fest in ihrem Herzen bewahrt wie Knospen, die jederzeit bereit sind, zu riesigen Blumen zu erblühen! Einen einzigen hatte sie sich erfüllt, den Sommer auf einer griechischen Insel, während die anderen elend verkümmert waren. »Gott, das kommt mir vor, als wäre es ewig her. Wir vier lagen in unseren grau-roten Uniformen im Gras und guckten uns die Wolken an.«

Sie merkte, dass Roz wütend wurde, weil Olive von »wir vier« sprach. Aber ganz gleich wie sehr sie die Geschichte verdrehen und sie zu einem Dreiergespann umdeuten wollte, für Olive und Ven blieben sie immer ein Quartett. Die fabelhaften Vier.

»Würdest du denn eine Kreuzfahrt machen wollen, wenn du könntest?«, fragte Ven.

»Klar würde ich«, antwortete Roz schulterzuckend. »Übrigens habe ich gerade fünf Riesen dabei. Ich könnte gleich bei Thomas Cook reinschauen und buchen.«

»Aber wenn du fünftausend übrig hast …«

»Würde ich mir ein neues Bad gönnen«, fiel Roz ihr ins Wort. »Hab ich aber nicht, also vergessen wir das.«

»Ich würde liebend gern eine Kreuzfahrt machen«, seufzte Olive. »Ich bin seit zwanzig Jahren nicht mehr verreist.« Sie dachte an den Sommer zurück, als sie in einem Meer so blau wie Paul Newmans Augen geschwommen war, Oliven geerntet und sonnengereifte Früchte gegessen hatte.

»Tja, wir sind eben nicht mehr vierzehn und haben den Kopf voller dämlicher Träume«, konstatierte Roz in dem verbitterten Ton, an den sich die anderen beiden eigentlich schon gewöhnt hatten. Trotzdem traf er sie jetzt wie eine kalte Dusche.

Schließlich brach Olive das Schweigen. »Wie wäre es mit einer Überraschungsparty?«, schlug sie vor, worauf Ven lachte.

Roz verdrehte die Augen. »Tolle Idee, Olive. Aber Ven darf nichts davon erfahren, sonst ist der Effekt weg!«

»Nein danke, ich möchte keine Überraschungsparty«, sagte Ven. »Ich habe schon eine Idee, was ich gerne machen möchte, doch dazu muss ich erst noch ein paar Sachen organisieren.«

»Was?«, fragte Olive. In diesem Moment kam ihre Bestellung, so dass sie für eine Minute unterbrachen.

»Wartet’s ab«, sagte Ven und tippte sich an die Nase, bevor sie ihre Kuchengabel aufnahm. »Ich sage nur, dass ich auf italienisches Essen tippe.«

2. Kapitel

Auf der Busfahrt nach Hause hing Olive immer noch der Erinnerung an den Tag nach, als sie alle zusammen auf dem Schulrasen in der Sonne gelegen hatten, Frankie zum Himmel hinauf zeigte und sagte: »Die sieht wie ein Schiff aus.«

Und Roz hatte gesagt, sie wäre lieber weit weg auf einem Schiff statt in einer Doppelstunde bei Mr. Metaxas. Bei dem Gedanken daran, wie sie jedes Mal dahinschmolz, wenn er ihren Namen aussprach, musste Olive schmunzeln. Aus seinem Mund hörte sich »Olive« so erotisch an. Fünf Jahre später sollte sie dann einen Mann mit dem gleichen griechischen Akzent kennenlernen, der nicht bloß ihren Namen wundervoll und köstlich wie in Früchten gefangenen Sonnenschein klingen ließ, sondern ihr das Gefühl gab, schön und begehrenswert zu sein.

Ihr Lächeln wurde ein wenig breiter, während sie daran dachte, wie sie mit vierzehn gewesen war. Damals war ihr jeder über vierundzwanzig steinalt vorgekommen. Und Vierzigjährige taugten bestenfalls noch dazu, auf Liegestühlen zu sitzen und in Marmeladenkochbüchern zu blättern, sofern ihr grauer Star das noch zuließ. Olives jüngeres Ich war gar nicht auf die Idee gekommen, dass ihr Verstand mit neununddreißig kein bisschen gealtert war, selbst wenn man das von ihrem Körper durchaus behaupten konnte. Im Geiste war sie immer noch das langbeinige, dünne Mädchen, das Schlagball liebte und Poster von The Police an der Wand hatte. Olive, Ven, Roz, Frankie. Die fabelhaften Vier. Sie hatten sich die Daumen mit einer Rasierklinge von Vens Vater aufgeritzt und ihre Freundschaft mit Blut besiegelt, wie sie es in einem Film gesehen hatten. Angeblich sollte es sie ein Leben lang zusammenschweißen, was aber offensichtlich nicht passiert war. Heute war alles ein einziger Schlamassel.

Olive stieg an ihrer Haltestelle aus, überquerte die Straße und ging die Seitenstraße gegenüber hinunter zu dem Haus, in dem sie wohnte. Nie dachte sie an das Haus, als ihr »Zuhause«, weil es nicht ihres war. Es gehörte ihrer Schwiegermutter Doreen. Für ein Zuhause suchte man selbst die Teppiche und Tapeten aus. Olive war nur Mieterin in der Land Lane 15. Es war nicht ihr Zuhause und würde es wohl auch nie sein.

Sie öffnete die Vordertür und ging hinein.

»Olive, bist du das?« Die kreischende Frauenstimme riss sie jäh aus ihren warmen Erinnerungen und katapultierte sie in die dumpfe, kalte Gegenwart.

»Ja, ich bin’s«, sagte Olive, zog ihren acht Jahre alten Regenmantel aus und hängte ihn neben Davids Arbeitsjacke. Obwohl – diese Bezeichnung war ziemlich gewagt. Olive konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal einen vollen Tag gearbeitet hatte. Genau genommen wusste sie nicht, ob er das überhaupt jemals getan hatte.

»Hast du mein Hühneraugenpflaster mitgebracht?«

»Ja, Doreen.«

Doreen Hardcastle richtete ihren massigen Leib im Rollstuhl ein wenig auf, um die ganzen goldenen Kissen um sich herum neu zu richten. Sie sah wie eine sehr fette Königin auf einem klobigen Thron mit Rädern aus. Nur dass auf ihrem Kopf anstelle einer Krone ein fest gesprühter Lockenschopf saß. Den hatte sie der mobilen Friseurin zu verdanken, die alle acht Wochen mit einem Beutel voller Wickler und stinkender Chemikalien anrückte.

»Ich sitze hier schon ewig und gucke denselben Sender. Die Batterien in der Fernbedienung sind leer«, schimpfte Doreen. »Und ich habe nichts mehr zu trinken.«

»Wo ist David?«, fragte Olive, die automatisch in ihren Pflegekraft-Modus umschaltete, zur Kommode ging und eine Packung Batterien holte.

»Er hat sich hingelegt. Sein Rücken piesackt ihn wieder.« Wie immer, wenn Doreen über »ihre Jungs« sprach, wurde ihre Stimme merklich weicher. Gemeint waren David, ihr einziges Kind, und der Neffe Kevin, der mit fünfzehn zu Doreen gezogen war, als ihre ledige Schwester starb. Beide Jungen wickelten Doreen gnadenlos um den kleinen Finger.

»Ach, der arme David! Sein Kreuz plagt ihn übel.«

Prima, dachte Olive. Nun durfte sie nicht bloß ihre Schwiegermutter bedienen, sondern würde auch noch den ganzen Nachmittag für David rauf und runter laufen, der ganz sicher jammernd wie ein Kleinkind oben im Schlafzimmer lag. Und in vier Stunden musste sie dann zu ihrer nächsten Putzstelle, während sich der Rest der Welt schick machte, um am Samstagabend auszugehen.

»Bist du das, Olive?«, erklang eine matte Stimme von oben.

»Ja, ich bin wieder da.« Sie sah auf ihre Uhr.

»Kannst du mir den Rücken einreiben, Schatz? Die Schmerzen sind grausam.«

»Und mein einer Zehennagel schneidet in den Pantoffel«, sagte Doreen. »Wenn du dich um David gekümmert hast, schneidest du mir den, ja?«

Bitte, ergänzte Olive im Geiste. Nicht dass irgendjemand in diesem Haus ihr gegenüber sonderlich höflich war. Das ließ sich nicht mit ihrem Sklavenstatus vereinbaren.

»Sonst noch was, bevor ich nach oben gehe?«, fragte sie, während sie sich schon zur Treppe drehte.

»Ja«, sagte Doreen. »Eine Tasse Tee. Drei Stücke Zucker, aber rühr nicht um, dann wird er mir zu süß.«

Olive ging in die Küche und wäre beinahe über einen großen schwarzen Müllsack gefallen, aus dem müffelnde Jeans und schmutzige Herrenunterhosen quollen.

»Doreen, was sind das für Sachen?«, rief Olive.

»Ach so, Kevin wohnt für einige Zeit hier. Er hat sich von Wendy getrennt, diesmal endgültig. Mach ihm doch oben das Zimmer zurecht, wenn du sowieso raufgehst, ja? Er ist gerade los, sein restliches Zeug holen.«

Olive wollte etwas einwenden, doch wie sollte sie? Schließlich war es Doreens Haus und sie nur die Putzfrau, die die wusch, kochte und alles putzte.

Der griechische Sonnenschein schien Millionen Lichtjahre entfernt zu sein.

»Hallo, Liebling. Wie war’s mit den Mädels?« Manus gab Roz einen Begrüßungskuss, als sie zur Tür hereinkam. Wie üblich drehte sie den Kopf ein wenig, so dass sein Kuss auf ihrem Mundwinkel landete, nicht ihrem Mund. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, auch wenn die subtilen Zurückweisungen nicht leicht zu ertragen waren.

»Alles gut«, sagte Roz. »Ich soll dich grüßen.«

»Wie wäre es, wenn wir eine DVD ausleihen und uns Curry bestellen?«

»Oh, ähm, welcher Film?«

»Such du einen aus.«

Verdammt, dachte Roz. Er machte es ihr schwer einfach abzulehnen. Sie wusste, dass er nett sein wollte, aber sie war trotzdem wütend. Darin hatte sie viel Übung.

»Ich weiß nicht, ob ich Lust auf einen Film habe. Vielleicht bügel ich und gehe früh ins Bett.« Ups, dachte Roz sofort. Das war keine schlaue Ansage nach einem Monat ohne Sex. Sie hörte förmlich, wie es in Manus’ Kopf zu ticken begann. Aber zum ersten Mal stieg er nicht darauf ein. Er sagte nicht: »Ah, früh ins Bett! Darf ich mitmachen?« Tja, wenn man einen Hund lange genug prügelte, kam auch der nicht mehr an, um sich streicheln zu lassen. Und so nickte er nur und sagte: »Kein Problem, war bloß eine Idee.«

Roz begriff auf einmal, dass ihre Beziehung einen Wendepunkt erreicht hatte.

3. Kapitel

Am folgenden Montagmorgen trommelte Ven mit den Fingern auf dem Tisch und nahm allen Mut zusammen, um gleich die Nummer zu wählen. Der Notizblock neben ihr war voller Kritzeleien und Durchgestrichenem vom Wochenende. Sie wusste, dass es richtig war, warum also zögerte sie noch? Die Organisation ihres gigantischen Vorhabens war ein Albtraum. Es gab so viele Dinge zu bedenken, von denen jedes einzelne schrecklich schiefgehen könnte. Am besten grübelte sie nicht zu viel, ihr Kopf drohte ohnehin schon zu explodieren.

Ven nippte an ihrem Kaffee und bemerkte eine abgeplatzte Stelle am Becherrand. Sie sollte sich dringend neue Becher besorgen. Und der Wasserkocher pfiff auch aus dem letzten Loch. So lange wie der brauchte, konnte sie genauso gut bequem nach Island fliegen, sich das Wasser aus den heißen Quellen schöpfen und wieder zurückfliegen. Doch all die kaputten und alten Sachen im Haus zu erneuern, hatte weiter warten müssen, seit »Furniture for You« vor acht Monaten Konkurs angemeldet und Ven ihre Stelle als Management-Assistentin verloren hatte. Es war kein toller Job gewesen, aber sie hatte mit wirklich netten Leuten zusammengearbeitet. Danach hatte sie ziemlich miese Zeitarbeit gemacht, bis sie wieder eine Festanstellung fand. Die allerdings brachte nicht so viel ein, dass Ven nun mit dem Geld um sich werfen konnte. Andererseits sah es auch nicht so finster aus, dass sie sich keine neuen Becher leisten konnte, dachte sie lächelnd.

Sie verdrängte den Gedanken an ihr schäbiges Geschirr und konzentrierte sich wieder auf das Wesentliche. Es hieß, jetzt oder nie, also jetzt. Sie griff nach dem Telefon und zog die Hand gleich wieder zurück.

Augen zu und durch. Der Lieblingsspruch ihres Vaters ging ihr durch den Kopf. Das hatte er immer gesagt, wenn sie zum Beispiel überlegte, ob sie sich ein Auto kaufen oder ihr hüftlanges Haar abschneiden lassen sollte, eine Katze anschaffen, ihr erstes Haus kaufen … Sie hörte seine sanfte Stimme, die immer und immer wieder diese Worte sprach, und dann wiederholte Ven sie laut.

Augen zu und durch.

Sie nahm das Telefon und wählte die Nummer auf ihrem Block. Anscheinend war Roz’ Vorgesetzte in der Bank eine furchtbare alte Schachtel, aber sehr engagiert im Frauenverein und stets auf Spenden aus. Das war immerhin eine gute Verhandlungsbasis. Eine affektierte Frauenstimme meldete sich nach dem dritten Klingeln. »South Yorkshire Bank, Margaret Hutchinson am Apparat.«

»Hallo, Mrs. Hutchinson«, sagte Ven. »Wie ich hörte, sind Sie Rosalind Lynchs Vorgesetzte, und ich würde gern etwas mit Ihnen besprechen.«

4. Kapitel

Der Wecker ging los, und nach sieben schrillen Piepsern trat der halbwache David seiner Frau in die Wade, wo sich seine langen Zehennägel unangenehm in ihre Haut bohrten.

»Olive, aufwachen. Dein Wecker!«

Seine Stimme holte Olive aus dem Dämmerschlaf. Sie träumte gerade, dass sie in einem funkelnden blauen Meer badete, und wollte nicht wach werden. Verdrossen schlug sie auf die Schlummertaste. Nicht dass sie in den neun Minuten bis zum nächsten Klingeln in ihren Traum zurückfinden würde. Der war schon fort gewesen, als sie das erste Mal blinzelte.

Sie schwamm nicht mehr im Ozean mit Delfinen, sondern lag im Bett mit einem Wal. Waren es in Witzen nicht immer die Frauen, die Unmengen Platz im Bett einnahmen? David schlief wie ein Gekreuzigter, die Arme so weit ausgebreitet, dass kaum noch Matratze für seine Frau übrig blieb. Olive versuchte, sich zu strecken. Ihr Rücken schmerzte, was wahrscheinlich daher kam, dass sie alle Treppen in Mr. Tidys fünfgeschossigem Haus staubgesaugt hatte. Nach ihren Stunden montags, dienstags und freitags dort war Ven jedes Mal halb hinüber. Sie hasste das Haus; es fühlte sich so schrecklich kalt an – ein permanentes Montagmorgengefühl. Olive massierte ihren Lendenwirbel und wünschte, sie könnte einfach die Decke hochziehen und im Bett bleiben. Im Geiste malte sie sich aus, dass David nicht da war und sie die ganze Bettbreite für sich hätte.

David schnarchte so laut, dass er sich selbst weckte und auf Olive rollte.

»Au!«, schrie sie. Noch ein Stück, und er walzte sie platt wie einen Pfannkuchen.

»Aua«, ächzte er und rieb sich das Kreuz. »Bist du noch da? Hast du verschlafen?«

»Nein, ich überrede mich noch zum Aufstehen«, antwortete Olive. »Mein Rücken tut ein bisschen weh.«

»Hmm, das Gefühl kenne ich«, gähnte er. »Ich habe die ganze Nacht fast kein Auge zugetan, so schlimm war meiner.«

Olive verkniff sich eine spitze Erwiderung. Kein Auge zugetan? Du hast acht Stunden lang geschnarcht wie ein Sägewerk! Und zweifellos würde er nochmal acht Stunden schnarchen, wenn sie erst aus dem Haus war. Aber dann drehte er sich zur Seite und stöhnte so erbärmlich vor Schmerz, dass sich prompt ihr schlechtes Gewissen meldete.

»Soll ich dich noch ein bisschen massieren, ehe ich zur Arbeit gehe?«, fragte sie pflichtschuldig.

»Oh ja.« Blitzschnell warf er sich auf den Bauch und seufzte wohlig.

Olive griff nach der Salbe auf seinem Nachttisch, drückte sich etwas von dem kühlen Gel in die Handfläche und wärmte es zwischen ihren Händen, ehe sie es David auftrug. Er räkelte sich genüsslich unter ihr, während sie die Daumen auf seine Haut drückte und sich bemühte, die verspannten Muskeln unter der dicken Fettschicht zu finden. Derweil gab David ihr in einem fort Anweisungen. »Höher, tiefer, Schultern, ein bisschen nach links, weiter rechts …« Und Olives eigener Rücken schrie vor Schmerz.

»Okay«, sagte sie schließlich, als die Schlummertaste nach oben sprang und der Wecker erneut losbimmelte. »Das sollte erst mal genügen. Ich muss um acht bei Mr. Tidy sein.«

»Warte«, jammerte David. »Du kannst mich doch nicht so hier liegen lassen!« Er rollte sich mit der Beweglichkeit eines Mannes herum, der soeben eine wundersame Wasserheilung in Lourdes erlebt hatte. Dann zeigte er auf seine steife Erektion.

»Komm schon, Olive.« Er wollte sie auf sich ziehen. »Kümmer dich um mich.«

»Ich kann nicht«, entgegnete sie leise, als das Bett laut quietschte. »Deine Mutter hört uns.«

»Dann blas mir einen. Ich komme auch ganz schnell.«

Hinterher verlangte er von ihr, ihm eine Tasse Tee nach oben zu bringen, bevor sie zum Bus lief.

5. Kapitel

»Das Übliche für mich.«

»Für mich auch.«

»Drei Nuss-Honig-Lattes, zwei Stückchen Cappuccino-Kuchen und ein Stück …«

»Zitronenkuchen«, beendete die Kellnerin Vens Satz. Sie hatte diese Bestellung schon oft genug gehört, um sie im Schlaf herunterbeten zu können.

»Danke«, sagte Ven lachend.

Sie saßen bei ihrem vierzehntägigen Samstagnachmittagkaffee im Edwardian Tea Room. Ausnahmsweise hatten sie den begehrten Tisch in der Ecke ergattert. Nachdem die Kellnerin gegangen war, wandte Ven sich zu Olive. Sie wirkte fünf Jahre gealtert, seit sie sich vor zwei Wochen zuletzt gesehen hatten.

»Bist du sicher, dass du keinen doppelten Espresso in deinem Kaffee willst, Ol? Du siehst fertig aus.«

»Ich bin fertig«, bestätigte Olive und musste gähnen.

Auch wenn sich die Freundinnen nur alle vierzehn Tage trafen, telefonierten sie regelmäßig oder schickten sich SMS; folglich wussten die anderen beiden, dass Davids Cousin Kevin eingezogen war und Ol nun auch ihn bekochen, bedienen und seine Wäsche waschen durfte. Sämtliche Mitglieder des Hardcastle-Haushalts ließen sie für sich schuften. Kevin schaffte es normalerweise, von einer Freundin zur nächsten zu ziehen, sobald eine seiner ausschließlich auf Sex fußenden Beziehungen endete. Leider hatte es diesmal nicht geklappt, und so brauchte er einen Platz, an dem er schlafen und den er mit seiner dreckigen Unterwäsche vollstinken konnte.

»Ich verstehe nicht, wieso du dir das von denen bieten lässt«, sagte Roz. »Ich hätte sie längst vor die Tür gesetzt.«

»Es ist aber nicht mein Haus. Ich bestimme nicht, wer bleibt und wer geht.«

»Ich erzähle dir schon seit Jahren, dass du dich auf die Warteliste für ein Haus aus dem sozialen Wohnungsbau setzen lassen sollst.«

»David würde seine Mum nie allein lassen, in ihrem Zustand.«

Roz war deutlich anzusehen, dass sie gern etwas erwidert hätte. Ven und sie, die sich häufiger über Olives Situation unterhielten, waren überzeugt, dass Doreen Hardcastles »arme verkrüppelte Beine« in Wahrheit »gesunde, fette, faule Beine« waren. Sie genoss es schlicht, von vorne bis hinten von Olive bedient zu werden und auch noch Miete dafür zu kassieren. Es gab »gutherzig«, und dann gab es Olive. Sollte Manus mal versuchen, sie so zu behandeln. Der würde sein blaues Wunder erleben!

Ven lächelte Olive mitfühlend an. Olive war entschieden zu selbstlos. »Nein« kam in ihrem Wortschatz einfach nicht vor. Ven konnte es kaum erwarten, ihren Plan in die Tat umzusetzen und Olive endlich mal eine Pause zu gönnen.

Bis Kuchen und Kaffee kamen, hatte Ven wieder einmal ihr allzu strahlendes Lächeln auf dem Gesicht. Ihre Mundwinkel bogen sich beinahe bis zur Stirn.

»Bist du auf Drogen?«, fragte Roz.

»Ich bin high vom Leben«, antwortete Ven zwinkernd.

»Wusst ich’s doch! Was ist es? Heroin?«

»Cappuccino-Kuchen ist die einzige Droge, die ich brauche«, sagte Ven und nahm sich einen großen Bissen.

»Drei Wochen bis zu deinem Vierzigsten«, sagte Roz, die Vens Frivolität geflissentlich überging. »Hast du beim Italiener reserviert? Wolltest du doch. Oder soll ich das übernehmen?«

»Du bist so ein Kontrollfreak«, sagte Ven.

»Eine von uns muss es ja sein«, konterte Roz. »Ohne mich würden wir am Ende mit ein paar Tüten Chips zu Hause hocken. Also, wenn du bisher noch nichts reserviert hast, mach ich es, sobald ich wieder zu Hause bin.«

»Tja, das wird nicht nötig sein. Ich habe schon etwas gebucht, okay?« Ven nickte vielsagend.

»Wo? Im Bella Notte?«

»Nein.«

»Ach komm, wo denn? Ehrlich, dir muss man manchmal alles aus der Nase ziehen.«

Ven legte ihre Kuchengabel ab. Dies war ihr Moment. Sie stand im Rampenlicht, der Scheinwerferstrahl war auf sie gerichtet und ihr Publikum schwieg gespannt. Vor lauter Kribbeln im Bauch bekam sie kaum einen Ton heraus.

»Venice«, sagte sie grinsend, wobei sie den Namen italienisch aussprach, nicht wie ihren eigenen.

»Oh, also wirklich!« Roz ließ ihre Gabel klappernd fallen. »Na schön, ich geb’s auf. Ich versuche, mir etwas Besonderes für deinen großen Tag auszudenken, und du machst einfach nur blöde …«

»Es ist kein Scherz«, unterbrach Ven sie. »Ich reise an meinem vierzigsten Geburtstag an den Ort meiner Zeugung. Venedig.«

Sie blickte in die beiden entgeisterten Mienen ihrer Freundinnen und kicherte, ehe sie tief Luft holte und das Beste enthüllte.

»Und ihr zwei kommt mit mir.«

»Sehr witzig«, sagte Olive an einem Mundvoll Zitronenkuchen vorbei.

»Seid still und hört zu«, fuhr Ven fort. »Ich habe vor ewigen Zeiten bei einem Preisausschreiben mitgemacht, und vor ein paar Wochen rief mich die Firma an und sagte, dass ich eine Reise gewonnen habe.«

»Ist nicht wahr!«, sagte Olive.

»Doch, und wir fahren.«

»Was für ein Preisausschreiben?«, fragte Roz skeptisch. »Was musstest du da machen?«

»Ich sollte mir einen Werbeslogan für Figurehead Cruises ausdenken.«

»Und welchen hast du dir ausgedacht?«

»›We Are the Sail of the Century‹«, verkündete Ven stolz.

»Dafür hast du eine Reise gewonnen?«, höhnte Roz. »Nie im Leben.«

»Und ob. Ich habe eine sechzehntägige Kreuzfahrt für … drei Personen gewonnen, auf ihrem neuen Schiff, der Mermaidia.« Sie hob ihre Tasche vom Boden auf und angelte eine Faltbroschüre heraus. »Schaut hier, dreitausendeinhundert Passagiere, Swimmingpools, Bars, Kino, Restaurants, Eisdiele, Freiluftkino, Wellnessbereich …«

»Eine Kreuzfahrt? Sechzehn Tage lang?«, hauchte Roz.

»Meine Herrn«, sagte Olive atemlos, als sie die Bilder vom luxuriösen Innern des Kreuzfahrtschiffes sah. Es wirkte wie ein Fünf-Sterne-Hotel. Nein, sechs Sterne … womöglich zehn.

»Wir fahren morgen in zwei Wochen ab, am sechzehnten August. Wir haben jede fünfhundert Pfund im Voraus gekriegt, um uns passend einzukleiden, und an Bord werden sämtliche Kosten übernommen – solange wir nicht durchdrehen und uns bei der Auktion unterwegs einen van Gogh kaufen.«

»Ist das wirklich wahr?« Roz schluckte.

»Einhundertprozentig vollkommen wahr«, antwortete Ven. Sie griff wieder in ihre Tasche und holte zusammengefaltete Schecks hervor, die sie ihren beiden verblüfften Freundinnen gab.

»Der Scheck ist von dir!«, sagte Olive.

»Ja, logisch. Ich habe den, den sie mir geschickt haben, auf mein Konto eingezahlt, und das ist euer Anteil.«

»Ich weiß nicht, ob ich so kurzfristig Urlaub nehmen kann.« Roz klang merklich kleinlaut, nachdem sie nun begriffen hatte, dass Ven keinen bizarren Scherz mit ihnen trieb. »Die alte Kuh Hutchinson würde mir nicht mal frei geben, wenn ich heute Nacht sterbe.«

»Tja, da irrst du dich, denn das hat sie schon. Ich habe mit Manus geredet, sie angerufen und den Urlaub für dich beantragt.«

Roz’ fielen fast die Augen aus dem Kopf. »Das ist nicht dein Ernst!«

»Ich wollte bloß dafür sorgen, dass alles glattgeht. Entschuldige, Ol, dass ich das für dich nicht arrangieren konnte.« Sich hinter Olives Rücken mit David zu verschwören, war nicht in Frage gekommen, denn er hätte seine Frau nie freiwillig weg gelassen. Außerdem war Olive selbständig, und konnte sich nur selbst Urlaub genehmigen.

»Manus hat nicht die leiseste Andeutung gemacht«, wunderte sich Roz. »Das ist beachtlich, wenn man bedenkt, was ihm schon alles versehentlich rausgerutscht ist.«

»Ich mochte Manus schon immer«, sagte Ven, die nicht auf Roz’ Spitze gegen ihren Mann eingehen wollte. »Ich wünschte, ich hätte einen Kerl wie ihn zu Hause.«

»Ja, er ist wirklich süß«, bestätigte Olive und verglich in Gedanken Manus’ stramme Muskeln mit Davids schwabbeligem Bierbauch.

Roz zuckte nur mit den Schultern. Sie wusste, dass Manus attraktiv war, auch wenn sie es nie zugegeben hätte. Sie hätte glücklich sein sollen, weil sie einen so liebevollen und geduldigen Mann hatte, den ihre Freundinnen mochten, der hart arbeitete, an dem überhaupt alles stimmte. Zupackend und verlässlich, keine Macken oder Allüren, rockstarblond und mit einer sehr athletischen Figur. Oft wünschte Roz sich, sie wäre eine von diesen wilden Frauen, die sich auf einen Mann stürzen konnten und ihn sich direkt auf der Treppe nahmen. Wie Frankie. Der Gedanke an sie hatte die Wirkung einer kalten Dusche, die alle verführerischen Träume von Manus wegspülte.

»Du musst bei deinen Putzstellen für die zwei Wochen absagen«, sagte Ven zu Olive.

»Ach, schön wär’s«, seufzte sie. »Ich würde wirklich unheimlich gerne mitkommen, aber dir ist klar, dass ich nicht kann, oder?«

»Du musst. Wir wollten das doch schon immer, und jetzt haben wir die einmalige Chance. Das ist Schicksal. das Reisedatum ist fest; das stand gleich in den Teilnahmebedingungen. Du kannst nicht kneifen, Olive. Das verbiete ich dir hiermit.«

»Lass mich darüber nachdenken«, sagte Olive. Natürlich war allen dreien klar, dass sie Ven lediglich davon abhalten wollte, weiter auf sie einzureden.

»Wohin fährt das Schiff?«, fragte Roz, die noch sichtlich unter Schock stand. Manus hatte mit keinem Wort erwähnt, dass er diese Reise mit Ven hinter ihrem Rücken plante. Wollte er sie aus dem Weg haben? Auf keinen Fall war Roz so naiv und glaubte auch nur eine Sekunde, dass er das für sie getan hatte.

»Malaga, Korfu, Venedig, Dubrovnik, Korcula, Kefalonia …« Ven machte eine lange Pause und schaute Olive erwartungsvoll an. Und wie erhofft, sah Olive auf. »Dann weiter nach Gibraltar.«

»Wo legt das Schiff ab?«, fragte Roz.

»In Southampton.«

»Southampton!«

»Ja, aber keine Sorge, das ist unkompliziert. Wir nehmen einen Bus in Barnsley, der uns bis zum Schiff bringt – alles im Preis inbegriffen. Ist unser Gepäck im Bus verstaut, sehen wir es erst vor unseren Kabinen wieder. Und sollte der Bus aus irgendwelchen Gründen Verspätung haben, wartet das Schiff auf uns. Ganz einfach und stressfrei.«

»Oh Mann«, sagte Roz. »Das ist echt dein Ernst, oder? Ich muss dringend zum Klo, sonst mach ich mir gleich in die Hose.«

»Dann lauf lieber«, entgegnete Ven kichernd.

»Bin sofort zurück.« Roz sprang auf und lief nach hinten, wo die Toiletten des Cafés waren.

»Was ist, wenn ich dir vorschlage, dass du Frankie an meiner Stelle mitnimmst«, flüsterte Olive, kaum dass Roz außer Hörweite war. »So gerne ich auch mitkommen würde, ich kann David und Doreen unmöglich zwei Wochen lang allein lassen. Die beiden kommen nicht allein klar. Die flippen schon aus, wenn ich eine Stunde in Morrisons Supermarkt zum Einkaufen bin.«

»Frankie und Roz zusammen im Urlaub? Ohne dich, die mit mir die Friedensrichterin mimt? Das meinst du doch wohl nicht ernst.« Ven zog die Augenbrauen hoch.

»Findest du das nicht auch jammerschade?«, fragte Olive. »Ein blöder Knutscher, und so viel geht kaputt. Dabei können wir sogar alles hinbiegen, wenn wir bloß erzählen …«

Ven hob einen Finger und sagte streng: »Nein, Frankie hätte das erklären müssen, nicht wir.«

»Sie hätte das niemals tun dürfen«, sagte Olive. »Und das habe ich ihr schon zig Male gesagt.«

»Denkst du, ich nicht?«, seufzte Olive. »Ich weiß, was Frankie damit bezweckt hat, aber es war uns allen gegenüber unfair, nichts zu sagen. Was für eine selten beknackte Nummer.«

»Ja, na ja, im Nachhinein ist man immer klüger. Jetzt müssen wir damit leben, Ol. Inzwischen herrscht viel zu lange Funkstille, als dass sich daran noch was ändern ließe«, sagte Ven. »Kannst du dir vorstellen, was los ist, wenn jetzt die Wahrheit rauskommt?«

»Wahrscheinlich hast du recht.« Olive nickte betrübt.

Eine lebenslange Freundschaft zerbrach, weil Frankie und Manus sich ein einziges Mal geküsst hatten. Vor lauter Schuldgefühlen hatte Manus es Roz gestanden und damit ihr ohnedies brüchiges Vertrauen in Männer endgültig zerstört. Die anderen wussten, dass Manus seit vier Jahren versuchte, es irgendwie wiedergutzumachen, nur leider kämpfte er dabei gegen eine ganze Armee von Geistern aus Roz’ Ehe mit dem notorisch untreuen Robert Clegg.

»Wenn es doch nur etwas gäbe, das diesen Bruch wieder kittet«, sagte Olive. »Das würde ich mir für dich zum Vierzigsten wünschen, damit wir vier wieder zusammen sind und nichts als Unsinn und Albernheiten im Kopf haben. So wie damals, als wir noch jung waren.«

»Oh ja, das würde ich mir auch wünschen«, pflichtete Ven ihr bei. Sie öffnete den Mund, schloss ihn jedoch einen Moment später wieder, ohne noch etwas zu sagen. Sie hatte diese ganze Sache in die Hände der Götter gelegt. Nun musste sie darauf vertrauen, dass die gute Arbeit leisteten.

6. Kapitel

Im Bus nach Hause betrachtete Olive den Scheck über fünfhundert Pfund. Nicht dass sie ihn einlösen würde. Ven hatte ihr das Geld gegeben, damit sie sich die passenden Sachen für eine Kreuzfahrt kaufte. Olive hatte den Scheck nur eingesteckt, weil sie ihre begeisterte Freundin beruhigen wollte. Nein, sie würde nicht mitfahren. Wie konnte sie? Selbst wenn sie sich wie durch ein Wunder an Bord des Schiffes wiederfinden sollte, würde sie krank vor Sorge, ob Doreen klarkam. Doreen war nicht gelähmt. Sie konnte ein bisschen gehen, nur fiel es ihr so schwer, dass der Rollstuhl unentbehrlich für sie war. Wer würde ihre Schwiegermutter waschen und ins Bett bringen? Dass es ihr eigener Sohn tat, war unzumutbar, von seinem schlimmen Rücken ganz abgesehen. Nein, Olive würde vierzehn Tage lang keinen Schlaf bekommen, weil sie sich Sorgen um die Familie machte und Angst vor dem hätte, was sie bei ihrer Rückkehr vorfinden könnte: Eine tote alte Frau in einem Rollstuhl, die bei ihrem Versuch, nach dem Glas zu greifen, das lebensrettende Wasser umstieß und elend verdurstete. Und ein halbtoter Mann in seinem Bett, der sich vor Schmerzen nicht einmal rühren konnte, als er die hilflosen Rufe seiner sterbenden Mutter hörte? Nein, sie würde nicht verreisen.

Wie konnte sie wieder nach Kefalonia fahren? Wie sollte sie auf die Insel zurückkehren und möglicherweise das perfekte Bild zerstören, das sie noch immer mit sich herumtrug? Tanos war gewiss nicht mehr das kleine, unverfälschte Dorf, an das sie sich erinnerte. Dort gab es inzwischen sicher eine Disco und Karaoke-Bars. Es war viel zu hübsch dort gewesen, als dass die Touristikunternehmen den Ort nicht längst für sich vereinnahmt hätten. Die Rückkehr würde Olive allzu schmerzlich an ihren einzigen Traum erinnern, den sie sich je erfüllt hatte: einen heißen Sommer lang im Süden in einer Bar zu arbeiten. Damals war sie noch jung, mutig und frei gewesen. Sie hatte noch Lyon geheißen und die Kampfeslust einer Löwin besessen. Bis ihre Schuldgefühle wach wurden und ihr sagten, sie dürfte keinen Spaß haben, sondern sollte sich um ihre Eltern kümmern. Also hatte sie die Insel verlassen, sich wieder in ihr Leben aus Mühsal und Pflichterfüllung gestürzt und sich schließlich von David Hardcastle und seinen ehrgeizigen Plänen hinreißen lassen. Nein, sie konnte nicht zurück, auch wenn ihr Herz die Insel nie verlassen hatte.

Als Olive in das verqualmte Haus ihrer Schwiegermutter kam und die Berge von Bügelwäsche sah, die sie erwarteten, bevor sie die Büros weiter oben in der Straße putzen ging, spürte sie ein bleiernes Gewicht auf ihren Schultern. Tränen stiegen ihr in die Augen. Dieses Gerede über die Kreuzfahrt hatte nichts als dumme Wunschträume in ihr geweckt. Erinnerungen an sanfte Wellen, kleine Fische und die salzige griechische Luft.

7. Kapitel

Manus rieb sich mit den Händen übers Gesicht. Er konnte nicht glauben, dass er schon wieder alles falsch gemacht hatte. Und dennoch machte ihm Roz nun Vorhaltungen, weil er geholfen hatte, einen Gratis-Urlaub für sie zu organisieren.

»Ich hatte nicht die leiseste Ahnung!«, warf Roz ihm vor.

»Aber das war doch gerade der Plan, Schatz.«

»Ach ja, Heimlichkeiten liegen dir, was?«

Manus schüttelte resigniert den Kopf. Er wollte sich nicht wieder streiten. Seit vier Jahren stritt er mit dieser Frau, die er so sehr liebte. Es machte ihn fertig, dass er es nicht schaffte, zu ihr durchzudringen. In letzter Zeit schliefen sie kaum noch miteinander. Wenn es doch mal dazu kam, hatte er das Gefühl, sie würde es über sich ergehen lassen. Wahrscheinlich um in den folgenden Wochen jeden Annäherungsversuch guten Gewissens ablehnen zu können. »Nicht schon wieder!«, bekam er dann zu hören. Ihre Orgasmen wirkten mechanisch, eine rein körperliche Reaktion auf entsprechende Reize. Er konnte sie zum Höhepunkt bringen, aber ihr Innerstes erreichte er nicht. Das wusste er. Er hatte gebetet, dass die Mauern, die sie um ihr Herz errichtet hatte, irgendwann bröckeln würden; stattdessen wurden sie nur stärker und undurchdringlicher. Und trotzdem, Idiot, der er war, versuchte er es weiter. Er hatte keinen Schimmer, wie lange er es noch ertrug, immer wieder weggestoßen zu werden. Das allerdings wagte er nicht auszusprechen, denn Roz würde sofort darauf einsteigen. Er konnte sie förmlich hören: Hah, hab ich’s doch gewusst, dass du mich verlässt, genau wie das Schwein vorher! Ihr seid alle gleich. Besagtes vorheriges Schwein war ihr Ex-Mann, der mit Roz’ schwangerer Cousine auf und davon zog. Sie hatte ihn angebetet, und als er sie betrog, war sie aus allen Wolken gefallen. Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen, sie dazu zu bringen, überhaupt wieder einem Mann zu vertrauen, aber Manus war vom ersten Moment an hingerissen gewesen von dieser großen, schlanken Frau mit dem eingefrorenen Autoschloss vor dem Supermarkt. Das war sieben lange Jahre her. Er hatte ihren Ritter in schimmernder Rüstung gespielt und ihr das Versprechen abgeluchst, zur Belohnung mit ihm essen zu gehen.

Mit seiner romantischen Offensive hatte er sie davon überzeugen können, dass es auch treue Männer gab. Aber es war verdammt harte Arbeit gewesen. Und dann hatte er sich blöderweise alles damit verscherzt, dass er ihre beste Freundin küsste. Jahrelange Arbeit vernichtet in einem drei Sekunden währenden schwachen Moment. Er hatte sich wieder einmal mit Roz gestritten, hatte nur etwas Wärme und Trost gewollt, und da war Frankie aufgetaucht, der es gerade genauso ging. Was an sich schon idiotisch war, doch er musste es auch noch toppen. In seiner grenzenlosen Dummheit hatte er es für das Beste gehalten, Roz alles zu beichten, weil er ihr ja versprochen hatte, sie niemals zu belügen. Ihre Reaktion hätte kaum schlimmer ausfallen können, wenn sie ihn bei einer Orgie mit ihrem gesamten Büro, ihren beiden Stiefschwestern und dem Pudel ihrer Mutter ertappt hätte. Natürlich gab es keinerlei Rechtfertigung für sein Verhalten. Nicht im Traum hätte er Roz noch weiter verletzt und ihr gesagt, wie verzweifelt er manchmal nach einem Funken Liebe oder Zuneigung lechzte. Nein, es war sein Fehler gewesen, und er musste mit den Folgen leben.

Manus Howard wurde zum ersten Mal bewusst, wie ausweglos die Situation war. Nichts, was er tat, würde Roz ändern. Sie weigerte sich, offen mit ihm über das zu reden, was an jenem Abend geschehen war. Stattdessen machte sie laufend sarkastische Andeutungen, während Manus wie auf Eierschalen um sie herumschlich. Er hatte niemals erwähnt, dass irgendeine Schauspielerin gut aussah, und schweifte sein Blick in Roz’ Gegenwart unbewusst zu einer anderen Frau, womöglich sogar einer Dunkelhaarigen, brach die Hölle los. Es kam ihm vor, als hätten sie sich in den letzten vier Jahren keinen Schritt weiterbewegt. Wie sonst war zu erklären, dass sie ihm vorhielt, er wolle sie für zwei Wochen aus dem Weg haben, obwohl er nichts anderes beabsichtigt hatte, als ihr den Urlaub ihres Lebens mit ihren Freundinnen zu gönnen. Diese Situation war für keinen von ihnen beiden gut. Es brachte ihn langsam aber sicher um, und wenn sein bloßer Anblick einen solchen Hass in ihr weckte, wie konnte das dann gesund für sie sein?

Manus Howard war kein Weichei, dennoch heulte er jetzt fast los. Er stammte aus einer kaputten Familie in Ketherwood, dem sozialen Brennpunkt der Stadt, und hatte es trotzdem geschafft, dem Teufelskreis von Alkohol und Sozialhilfe zu entkommen. Sein Leben lang hatte er hart gearbeitet, sich eine gut laufende Autowerkstatt aufgebaut und ein bisschen Geld beiseitegelegt. Er besaß alles, was er sich je gewünscht hatte, doch sein Bett blieb so kalt – auch mit seiner Frau darin. Wenn er sie berührte, kam er sich wie ein Freier vor, der ihren Körper für eine Stunde gemietet hatte. Was er natürlich auch nicht zu sagen wagte, weil er sich ihre Reaktion darauf lebhaft ausmalen konnte.

Er seufzte und ließ die Schultern hängen.

»Roz, ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte. Vielleicht«, seine Stimme kippte, und er hustete schnell, ehe er fortfuhr, »vielleicht solltest du in den Ferien mal darüber nachdenken, was du eigentlich willst.«

»Ja, sollte ich wohl«, sagte sie. Ihr spitzer Tonfall überspielte die Panik, die sie plötzlich packte. Aber Angriff war die beste Verteidigung. »Vielleicht ist es wirklich gut, dass ich wegfahre. Ich denke … ich denke, dass wir beide eine Pause vertragen können.«

Kaum waren die Worte heraus, bereute Roz, was sie da gesagt hatte. Sie wollte auf keinen Fall, dass Manus ihr womöglich zustimmte. Aber er tat es.

»Ja.« Er klang erschöpft. »Ist vielleicht das Beste, Roz.« Die Art, wie er ihren Namen sagte, als würde es ihn ersticken, war entsetzlich.

»Solange ich weg bin, sollten wir keinen Kontakt haben. Gar keinen«, drängte sie weiter.

Manus sah sie erschrocken an. »Willst du das wirklich?«

»Du nicht?«, fragte sie mit diesem schrillen Unterton. »Du hast doch gerade zugestimmt, dass wir eine Pause einlegen.«

Manus wollte das hier am liebsten sofort stoppen und Roz sagen, dass er gar keine Pause brauchte. Doch ausnahmsweise wurde er wütend, beinahe so wütend wie sie.

»Weißt du was, Roz, du hast recht. Kein Kontakt, darin sind wir uns beide einig, okay? Meinetwegen. Du solltest dir in der Zeit mal ernsthaft Gedanken machen, was du von deinem Leben erwartest, und ich auch, weil es so nicht geht. Du bist unglücklich, und mir ist klar, dass ich dich nicht so glücklich machen kann, wie Robert es offensichtlich geschafft hat. Also, wenn sonst nichts mehr ist, gehe ich jetzt zurück in die Werkstatt. Ich bin ungefähr in einer Stunde zurück. Ein Kunde braucht seinen Van so schnell wie möglich wieder, und ich muss noch einen Ölwechsel machen.«

Zu seinem Erstaunen konterte sie nicht mit einer giftigen Bemerkung.

Roz schaute ihm hinterher, als er ging, und heiße Tränen brannten in ihren Augen. Wie sie sich selbst hasste! Sie wollte ihm nachlaufen, sich in seine Arme werfen und ihm sagen, dass es ihr schrecklich leid tat, wie furchtbar sie zu ihm war. Dass sie doch wusste, wer Schuld hatte. Frankie! Die war schon immer zügellos gewesen, ganz im Gegensatz zu Manus. Plötzlich sehnte Roz sich danach, dass er sie in die Arme nahm, sie küsste und ihr noch einmal zeigte, wie sehr er sie liebte. Aber sie hatte sich viel zu gründlich angewöhnt, sich mit Klauen und Zähnen zu verteidigen.

Früher hatte sie sich geöffnet, hatte sich Robert bedingungslos ausgeliefert, und der war auf ihr herumgetrampelt. Einen solchen Schmerz konnte sie kein zweites Mal ertragen. So gerne sie sich Manus öffnen wollte, die Tür zu ihrem Herzen war fest verschlossen und der Schlüssel längst weg.

Als sie hörte, wie Manus’ Motor ansprang, sackte sie auf den Stuhl hinter sich. Sie hatte es geschafft, hatte nach vier langen Jahren ihren liebevollen, unendlich geduldigen Mann ans Ende seiner Kräfte gebracht. Warum empfand sie kein bisschen Genugtuung?

8. Kapitel

Ven und Roz fuhren am darauffolgenden Montag nach der Arbeit nach Meadowhall. Es war Schlussverkauf, und in allen Läden herrschte hektisches Gewimmel. Die beiden Freundinnen fühlten sich ganz kribbelig. Das einzig Betrübliche war, dass Olive nicht mit ihnen zusammen neue Sachen für den Urlaub aussuchte.

»Ach, ich hoffe sehr, Ol kommt doch noch mit«, sagte Ven.

»Wird sie nicht, dumm und viel zu gutmütig wie sie ist«, erwiderte Roz und musterte einen blauen Bikini. Sie war nicht sicher, ob sie sich noch traute, so viel nackte Haut in der Öffentlichkeit zu zeigen. Ihr Bauch war flach wie ein Bügelbrett, aber sie schleppte nun mal die Unsicherheit einer Frau mittleren Alters mit sich herum, deren erster Mann mit einer spargeldürren Hexe durchgebrannt war. Das mochte über neun Jahre her sein, und sie lebte heute mit einem Mann zusammen, der sie anbetete, egal wie viel sie wog. Leider half das aber nichts. Sie legte den Bikini wieder weg und griff nach einem schwarzen Badeanzug mit tiefem Ausschnitt. Ihr Busen war klasse. Lieber zeigte sie mehr von dem als von ihrem Bauch. Von den vier Freundinnen hatte sie ganz vorn in der Reihe gestanden, als der liebe Gott Brüste verteilte. Ven folgte ziemlich dicht an zweiter Stelle, Olive war eine gute Dritte und Frankie weit, weit abgeschlagen mit ihrer superflachen A-Körbchengröße. »Froz« wie sie sich nannten, lange bevor Jedward auf die Namensverschmelzung kam (ehe die beiden überhaupt geboren waren), konnten nie Kleider tauschen wie Ven und Olive, die praktisch die gleiche Figur hatten. Roz war langbeinig, schlank und groß, Frankie klein mit einer Neigung zum Pummeligen. Einmal hatte Roz Frankie erwischt, wie sie einen ihrer BHs anprobierte und die Körbchen mit Toilettenpapier ausstopfte.

»Es muss schön sein, Titten zu haben«, hatte sie gesagt, als sie ihr Profil im Spiegel bewunderte.

»Ist es – aber das wirst du nie erleben!«, hatte Roz gelacht. Früher hatten sie oft zusammen gelacht. Froz.

Roz schüttelte den Kopf und zwang sich ins Hier und Jetzt zurück. Warum zur Hölle denke ich nach all der Zeit so viel an sie?

»Die kommen doch sicher mal sechzehn Tage ohne sie aus«, sagte Ven. »Ich weiß genau, dass Doreen längst nicht so behindert ist, wie sie tut, denn ich habe sie gesehen, wie sie mit einer Schachtel Zigaretten aus dem Laden in der Warren Street kam. Da sah sie nicht wie eine Frau aus, die sich allein nicht rühren kann. Und Davids angeblich ach-so-schlimmer Rücken hat ihn nicht davon abgehalten, den Giebel von meinem Nachbarn zu reparieren – schwarz, versteht sich. Er hat nicht mitgekriegt, dass ich ihn gesehen haben, weil er halb oben auf der Leiter stand, aber diesen Schlabberhintern in der zu tief hängenden Jeans erkenne ich überall wieder.«

»Diese miesen Schweine«, schimpfte Roz. »Hast du Olive das erzählt?«

Ven nickte. »Sie meinte, dass ich mich beide Male geirrt haben muss. Sie schwört, dass David ohne Seilzug nie eine Leiter raufkommen würde. Der Typ ist ein verdammt guter Schauspieler. Kommt wohl nach seiner Mutter«, murmelte sie mit einem verächtlichen Naserümpfen.

Roz schüttelte den Kopf. »Wer schlägt denn eine Gratiskreuzfahrt aus?«

»Sie fährt mit«, sagte Ven entschlossen, und ihre meerblauen Augen blitzten. Sie wusste noch nicht, wie sie Olive auf das Schiff bekommen sollte, aber sie würde es schaffen, selbst wenn sie zu richtig miesen Tricks greifen musste. Am Ende jedoch waren es nicht ihre fiesen Tricks, die das Wunder wahr werden ließen.

9. Kapitel

»Und, habt ihr ein paar schöne Sachen gefunden, als ihr einkaufen wart?«, fragte Olive bei ihrem letzten Samstagstreffen vor der Abreise.

»Ja, ich habe einiges im Schlussverkauf ergattert. Übrigens ist mir gestern bei einem Blick auf meine Kontoauszüge aufgefallen, dass du deinen Scheck nicht eingelöst hast«, sagte Ven und gab Olive einen Klaps auf die Hand. »Noch ist es nicht zu spät.«

»Stimmt, und das werde ich auch nicht mehr tun«, antwortete Olive. »Das Geld ist für Urlaubssachen, wie du ja selbst gesagt hast. Und weil ich morgen nicht mit euch verreise, kann ich den Scheck nicht annehmen.«

»Du fährst wohl mit«, erwiderte Ven, während sie sich über ihr riesiges Stück Cappuccino-Torte hermachte. »Ob es dir passt oder nicht.«

»Schön wär’s!« Olive lachte. Nicht dass sie viel zu lachen gehabt hätte, erst recht nicht, seit sie noch ein hungriges Maul stopfen musste. David, seine Mutter und der müffelnde Kevin hingen den ganzen Tag vorm Fernseher und zankten sich darüber, was sie gucken wollten. David schaffte es immerhin, sich von Zeit zu Zeit aus dem Haus zu schleppen und zum Arbeitsamt zu trotten. Kevin hingegen trieb Olive in den Wahnsinn. Der Mann war wie eine Heuschreckenplage. Er biss Käsestücke an und trank Milch direkt aus der Tüte. Und seine dunkelbraunen Zähne machten das nicht appetitlicher. Außerdem spülte er nie, wenn er auf dem Klo gewesen war. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, plünderte auch noch jemand Olives Spardose. Es fehlten fünf Pfund, die angeblich keiner genommen hatte. In der Dose sparte Olive für Vens Geburtstagsgeschenk. Roz wollte es auf die Kreuzfahrt mitnehmen. Den Geburtstag würden sie in Venedig verbringen – noch so ein Ort, an den Olive immer schon einmal reisen wollte. Eine Frau, für die sie putzte, war dort gewesen und beschrieb die Stadt als »so wunderschön, dass man glaubt, an einem Filmset zu sein«. Olive bezweifelte allerdings, dass es irgendwo so unsagbar idyllisch wie auf Tanos sein könnte. Jedenfalls beneidete sie ihre Freundinnen um nichts so sehr wie den Halt in Kefalonia.

»Hast du schon alles ausgegeben, Roz?«, fragte Olive.

»Nicht ganz.« Roz hatte sich mit ihren fünfhundert Pfund direkt ins Getümmel gestürzt, um das Bild des traurigen Manus schnell wieder aus ihrem Kopf zu vertreiben. »Ven meinte, auf dem Schiff gibt es auch Läden, also finde ich da vielleicht noch etwas.«

»Ja, da gibt es einfach alles«, bestätigte Ven. »Vom Tampon bis zum Smoking. Macht also nichts, wenn man was vergisst. Wir können alles an Bord kaufen.«

»Klingt wunderbar«, seufzte Olive.

Ven nahm ihre Hände.

»Bitte, Olive, fahr mit! Die können auch mal zwei Wochen ohne dich auskommen. Sechzehn Tage deines Lebens, mehr nicht. In meinem Safe liegt ein Ticket mit deinem Namen drauf, und in neunzehn Stunden steigen Roz und ich in einen Bus nach Southampton, aber das wird nicht halb so schön, wenn du nicht dabei bist. Ich flehe dich an! Du weißt, wie viel Mist ich in den letzten paar Jahren erlebt habe – mit dem Tod von Mum und Dad, der Kündigung und der Scheidung von Ian, dem Schwein …« Ven verzog absichtlich das Gesicht, um Mitleid zu erregen.

»Keine emotionale Erpressung bitte«, entgegnete Olive lächelnd. »Ehrlich, wenn es ginge, würde ich sofort mitfahren. Aber ich hätte die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen.«

»Vergiss den Mist!«, sagte Ven, die wütend war, weil Olive sich von ihrer Familie so schamlos ausnutzen ließ. »Die siechen bestimmt nicht gleich dahin, nur weil du sie ein paar Tage nicht von vorne bis hinten bedienst.«

»Wer soll sich denn um sie kümmern, wenn du irgendwann tot umfällst?«, ergänzte Roz etwas überspitzt.

»Ich weiß, dass ihr mich für blöd haltet, und ich bin ja auch blöd«, sagte Olive traurig. »Ich weiß, dass sie sich viel zu sehr auf mich verlassen und wahrscheinlich mehr alleine können, als sie zugeben. Aber ich kann doch nicht einfach verreisen, selbst wenn ich wollte – und das will ich wirklich. Außerdem muss ich morgen Nachmittag putzen. Ich darf meine Kunden nicht einfach hängen lassen. Außerdem besitze ich kein einziges anständiges Sommerkleid. Genau genommen habe ich gar nichts Anständiges anzuziehen.«

»Ich habe das Taxi für zwanzig vor acht morgen früh bestellt«, erklärte Ven unbeirrt. »Um fünf vor sind wir bei dir. Taschengeld für unterwegs kriegen wir von der Reederei, und du kannst dir von Roz und mir etwas zum Anziehen leihen.«

»Lass es gut sein, Ven«, sagte Olive leise. »Ich fahre nicht mit.« Sie sah auf ihre Uhr. Bald musste sie los, weil sie heute noch zwei Putzstellen hatte.

»Olive, bitte«, bettelte Ven und drückte Olives Hand. Ihr Pulver hatte sie verschossen. Sie hatte gebettelt, und es mit emotionaler Erpressung versucht, aber Olive war viel zu pflichtbewusst, zu fürsorglich und zu selbstlos. Zu verdammt nett.

Roz leerte ihre Tasse und sah ebenfalls auf die Uhr. Ihre Parkzeit war fast abgelaufen, und sie musste nach Hause, um fertig zu packen. Also stand sie auf, warf ihr blondes Haar über die Schulter und beugte sich zu Olive.

»Du bist eine selten bescheuerte Frau, Olive Hardcastle«, sagte sie und umarmte die Freundin.

»Ja, weiß ich.«

10. Kapitel

Olive hatte schon den ganzen Tag leichte Kopfschmerzen, doch als sie sich von Ven und Roz verabschiedete, wurden sie schlagartig heftiger. Sie schaffte es, sich durch ihren ersten Putzjob zu quälen, aber auf der Busfahrt zum nächsten merkte sie, dass sie unmöglich weiterarbeiten könnte. Fraglos hatte der Stress der Urlaubsabsage dieses Hämmern in ihrem Schädel verursacht. Was machte sie da eigentlich? Wie Ven richtig sagte, waren es sechzehn Tage ihres Lebens, eine Chance, die sich ihr nie wieder bieten würde. Olive war bewusst, dass sie in einem Gefängnis saß, in das sie sich selbst gesperrt hatte. Kevin mochte ein fauler Sack sein, doch er hatte weder Rücken- noch Beinprobleme und könnte für zwei Wochen die Stellung halten. Und wie Roz so treffend bemerkt hatte: Falls Olive tot umfiel, kämen die beiden auch ohne sie klar, weil sie müssten.

Olive rief Janice, die andere Büroreinigungskraft, von ihrem Prepaidhandy an. Es war gerade noch genug Guthaben für diesen einen Anruf auf der Karte, allerdings zu wenig, um David Bescheid zu sagen, dass sie früher nach Hause kam. Was für ein Hohn, dass sie immerzu arbeitete, sogar samstagabends, und alles, was sie sich leisten konnte, war ein armseliges Fünfzehn-Pfund-Handy. Kevin hingegen, der von Stütze lebte, besaß ein schickes iPhone mit zwölf Millionen Apps. Olive betrachtete ihr Spiegelbild im Busfenster. Sie sah Jahre älter aus als sie tatsächlich war. Ihr langes blondes Haar hatte sie zu einem straffen Pferdeschwanz gebunden, damit es sie beim Putzen nicht störte. Ihre Kleidung war schäbig, musste aber noch lange halten. So sah eine Frau aus, die ihr Leben leid war, und auf einmal begriff Olive, dass sie es wirklich satt hatte. Wären die olivgrünen Augen nicht gewesen, sie hätte sich gar nicht als denselben Menschen wiedererkannt, der früher so lebenslustig und voller Träume gewesen war.

Olive hatte ihr ganzes Leben immer nur für andere gesorgt. Ihr Dad war gehbehindert gewesen, so dass sie ihm immer alles bringen und viel für ihn machen musste; ihre Mum hatte dauernd mit dem einen oder anderen Zipperlein im Bett gelegen. Als sie mit Olive schwanger wurde, war ihre Mutter schon fünfundvierzig gewesen und ihr Dad Ende fünfzig, wobei beide noch deutlich älter wirkten, als sie tatsächlich waren. Nie kamen sie zu Schulaufführungen oder Preisverleihungen. Es waren Vens Mum und Dad gewesen, die Olive zugejubelt hatten. Bei ihnen zu Hause erlebte Olive das Familienleben, nach dem sie sich sehnte. Mrs. Smith hatte Ven und Olive umsorgt und verwöhnt, und Mr. Smith steckte ihnen heimlich Geld fürs Kino zu. Olives Zuhause hingegen konnte man eher mit einem Arbeitslager vergleichen. Manchmal kam es ihr vor, als hätten ihre Eltern sie nur bekommen, damit sie sich um sie kümmerte – und für diesen Gedanken schämte sie sich.

Wahrscheinlich hätte sie damals besser nicht nach Kefalonia fahren sollen. Dort erst hatte sie begriffen, wie anders, wie viel schöner das Leben sein konnte. Als sie ihre Eltern irgendwann vom Münztelefon im »Zitrusbaum« angerufen hatte, hörte sie von ihrer Mutter nur Vorwürfe. Sie hätte ihre Eltern gemein im Stich gelassen. Olives Schuldgefühle trieben sie umgehend zurück nach Hause, wo sie ihre Eltern völlig verwahrlost vorfand. Olive war erschüttert gewesen, woran auch der Arzt nichts ändern konnte, der bei seinen Hausbesuchen mehrfach und teils recht gereizt erklärte, dass keinem der beiden wirklich etwas fehlte.

Olives Dad war an einem Schlaganfall gestorben, als sie vierundzwanzig war. Kurz nach diesem Verlust bot ihr dann der große, ziemlich von sich eingenommene David Hardcastle im Bus seinen Sitzplatz an. Diese simple Geste sicherte ihm ein erstes Date mit Olive. Sie war es sonst einfach nicht gewöhnt, dass jemand etwas für sie tat. David schaffte es, sie zeitweise von ihrer zunehmend verwirrteren Mutter abzulenken. Als die dann für sich selbst zur Gefahr wurde, und Olive nicht rund um die Uhr auf sie aufpassen konnte, fand sie ein schönes Heim für ihre Mutter in Penistone. Allerdings musste Olive das Haus verkaufen, um die Unterbringung zu bezahlen. Wenn sie Davids großen Plänen lauschte, konnte Olive wenigstens kurz die Besuche bei ihrer Mum vergessen, die sie nicht mehr erkannte. Doreen war damals immer so freundlich zu ihr gewesen. Olive fühlte sich regelrecht geschmeichelt, weil Davids Mutter sie gleich wie ein richtiges Familienmitglied behandelte. Da schien es nur logisch, dass David und Olive heirateten und zu Doreen zogen. Bis Olives Mum schließlich starb, war das gesamte Geld vom Verkauf des Hauses aufgebraucht. Und Olive war wieder genau da, wo sie angefangen hatte. Sie musste sich wieder um alles kümmern, lediglich die Kulissen hatten gewechselt. Geblendet von dem bisschen Zuneigung, die man ihr zeigte, war sie blind ins Unglück gerannt.

Olive stiegen Tränen in die Augen, als sie an all das zurückdachte. Sie weinte nie – den Luxus konnte sie sich gar nicht leisten – doch jetzt, beim Anblick ihres traurigen Spiegelbildes, wurde ihr klar, wie unsagbar erschöpft sie war. Hatte sie einen Job erledigt, wartete schon der nächste. Eine Pause gab es für sie nur, wenn sie auf dem schmalen Matratzenstreifen schlief, den David im Bett freiließ. Ihr Leben bestand nur aus Schufterei: keine Ausflüge, keine Ferien, auf die man sich freuen konnte wie normale Ehepaare.

Olive war schlicht zu erledigt, um mit diesen mörderischen Kopfschmerzen den nächsten Putzjob durchzustehen. Janice würde ihre Arbeit mit übernehmen und dafür Olives Lohn bekommen – an diesem Abend war es das wert. An der nächsten Haltestelle stieg Olive aus. Obwohl es erst August war, kam es Olive so kalt vor wie im Winter, und noch dazu regnete es heftig.

Langsam ging sie die schmale Seitenstraße hinunter zur Land Lane und stellte sich vor, wie Ven und Roz sich auf ihre Abreise morgen freuten. Wenn die beiden jetzt aus dem Fenster schauten, wussten sie dabei, dass sie morgen weit weg sein würden – unterwegs nach Kefalonia, wo sie weiße Strände und tiefblaues Wasser erwarteten. Wie es wohl wäre, nur wenige Meilen von Tanos und dem Zitrusbaum entfernt zu sein? Und von Atho Petrakis. Wie sah er wohl heute aus, nach zwanzig Jahren? War sein schwarzes, lockiges Haar von grauen Strähnen durchzogen? Waren seine Augen noch so groß und bärenbraun? Würde seine Haut noch nach Holz, Kaffee und Kräutern duften? Waren seine Lippen noch so voll und weich? Olive verdrängte die Gedanken, weil ihre Kopfschmerzen dadurch nur noch schlimmer wurden.

Sie hatte fast das Ende der Seitenstraße erreicht, in der sie wohnte. Ob in meiner Abwesenheit vielleicht wie durch ein Wunder jemand abgewaschen, staubgesaugt oder etwas Bleiche in die Toilette gekippt hat, überlegte sie. Dann, als sie gerade die Straße überqueren wollte, sah sie, wie Doreens Haustür aufging. Was sie nun beobachtete, sollte ihr trübes Leben jäh beenden.

Roz kämpfte damit, ihren Koffer zu schließen, als Manus hereinkam. Sein Overall roch nach Öl und Benzin. Der Geruch sprach etwas in ihr an, das sie angestrengt hinter ihrer Kleinlichkeit und Sturheit verbarg. Wie kam sie eigentlich dazu, Olive ihre Schwäche vorzuhalten, wenn sie selbst es nicht einmal schaffte, diesem freundlichen Bären von einem Mann zu sagen, dass sie ihn liebte, es ihm aber nicht zeigen konnte? Herrgott, dafür brauchte sie eigentlich eine Therapie! Die letzten vierzehn Tage, seit sie sich auf die Pause geeinigt hatten, lebten sie praktisch wie Fremde nebeneinander her, redeten nur, wenn es sein musste, und auch dann lediglich das Nötigste. Manus war ins Gästezimmer gezogen.

Er versuchte nicht, sie zur Begrüßung zu küssen. Stattdessen presste er ihren Kofferdeckel herunter, damit sie den Verschluss einrasten konnte.

»War es das jetzt mit dem Gepäck?«, fragte er. »Kommt mir vor, als hättest du unsere gesamte Einbauküche da drinnen!«

»Mehr oder weniger«, antwortete sie mit einem kleinen Lächeln.

»Ich habe noch eine Kleinigkeit für Ven«, sagte er, griff in seine Tasche und gab ihr einen schwarzen Beutel. »Ist ja ein besonderer Geburtstag, der Vierzigste, nicht?«

Er redete hastig und erwartete anscheinend eine spitze Erwiderung von ihr, weil er Geschenke für andere Frauen kaufte. Es war beklemmend, zu was für einem nervösen Wrack sie den Mann gemacht hatte. »Ich packe es ein und gebe es ihr«, sagte sie nur und erstickte schnell ihre Schuldgefühle.

»Ich hatte keine Zeit, es einzupacken, wie du siehst.«

»Macht nichts. Du bist ein Kerl – das wird sie verstehen.«

Wieder einmal warf sie ihn in einen Topf mit allen nutzlosen Männern dieser Welt. Sie wollte schon zurückrudern und schnell sagen, dass sie es nicht so gemeint hatte, aber ihr blöder Stolz hielt sie davon ab.

Mit versteinerter Miene verließ Manus das Schlafzimmer. Roz hätte nie gedacht, dass er so kalt sein konnte.

11. Kapitel

»Mist«, murmelte Doreen, als sie ihre Schachtel Black Superkings öffnete und feststellte, dass sie leer war. David oder Kevin mussten ihr die letzte Zigarette stibizt haben, als sie eingenickt war, diese beiden Schlawiner. Leider war keiner von ihnen hier, so dass sie niemanden zum Laden schicken konnte, um neue Zigaretten zu holen. Tja, und Olive kam frühestens in zwei Stunden von der Arbeit. Solange konnte Doreen nicht warten.

Weil sie allein im Haus war, konnte sie sich die Schauspielerei wegen ihrer angeblich höllisch schmerzenden Beine sparen. Mühelos stand sie auf, ging quer durchs Zimmer zu ihrer Handtasche und blickte noch einmal zur Uhr. Nein, die nächsten paar Stunden würde wirklich keiner von ihnen nach Hause kommen. Also konnte sie beruhigt zum Zeitungsladen in der Warren Street laufen und Nachschub besorgen.

Vorsichtig öffnete sie die Haustür und spähte nach rechts und links. Die Straße war menschenleer. Mit ihrem Gehstock unterm Arm ging Doreen hinaus und zog rasch die Tür hinter sich zu. Dann marschierte sie erstaunlich schnell und behände die Straße entlang.

Im selben Moment, als Doreen um die Ecke der Land Lane bog, hielt ein zerschrammter gelber Volvo ein paar Türen vom Haus der Hardcastles entfernt.

»Lass mich hier raus, Gary«, sagte David zum Fahrer. Er wollte nicht, dass jemand aus dem Fenster guckte und ihn mit seiner Werkzeugtasche sah. »Hast du mein Geld?«

»Hab ich«, antwortete Gary, zog die Handbremse an und angelte einen braunen Umschlag aus seiner Tasche. »Bar auf die Hand, wie abgemacht.« Er tippte sich an die Nase. »Ich hätte nächste Woche noch ein paar Dacharbeiten für dich, wahrscheinlich ...

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