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Leichtes Beben – Ein Roman

Inhaltsübersicht

I

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

II

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

III

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Dank

|11|Eins

Klaus Bellmann fuhr auf die Einfahrt zu, grüßte den in seinem Häuschen sitzenden Pförtner durch Handzeichen und lenkte den Wagen auf den kopfsteingepflasterten Innenhof. Dort schaltete er den Motor aus, zog die Handbremse an, nahm die in weißes Papier eingeschlagene Kirschsaftflasche vom Beifahrersitz und stieg aus.

Er legte den Kopf in den Nacken und spähte hinauf zu den vergitterten Fenstern. Hinter einem von ihnen lebte sein Vater. Der große, der verrückte Hans Bellmann. Achtundsiebzig Jahre alt, und seit über zwanzig Jahren unter ärztlicher Aufsicht. Irgendwann war alles zu viel für ihn geworden. Die anhaltende Ablehnung seiner Arbeit, seine nie wahr gewordenen erotischen Phantasien und schließlich der plötzliche Selbstmord seiner zweiten Frau in Paris. Alles, was seinem Vater geblieben war, waren seine Erinnerungen und seine Puppe. Wo war sie eigentlich? Dieses von ihm einst geschaffene Artefakt, das er vergötterte und das doch wie nichts anderes für die Niederlage stand, die er durch seine damals fünfzehnjährige Cousine |12|Ursula erlitten hatte, das Objekt seiner nie versiegenden erotischen Obsessionen. In Wahrheit, daran bestand für Klaus Bellmann kein Zweifel, war sie es, die seinen Vater irgendwann um den Verstand gebracht hatte: Ursula Nagajeweski.

Manchmal tauchten irgendwelche Galeristen auf, die seinen Vater zu überreden versuchten, ihnen seine aus der Öffentlichkeit verschwundenen Werke anzuvertrauen. Doch weil Klaus Bellmann seit Jahren das Sorgerecht für seinen unmündigen Vater hatte, waren ihre Vorstöße jedes Mal erfolglos gewesen.

Hans Bellmann hatte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in gewissen Kreisen als bedeutender sogenannter Transrealist gegolten und unter den damals angesagten Surrealisten in Paris, wohin er emigriert war, für Aufsehen gesorgt mit seiner berühmten Schwarzweißfotoserie »Die Spiele der Puppe«. Per Selbstauslöser hatte er sich gemeinsam mit der Puppe als ins Morbide verliebter Grübler inszeniert.

Die neuere Kunstgeschichte führte ihn dagegen als »phantastischen Realisten« und belegte ihn mit Begriffen wie Voyeurismus, Fetischismus und gar Pädophilie. Bisweilen wurde er auch als »Inszenierer anarchistisch-erotischer Spiele« bezeichnet. Arbeiten von ihm konnten im Museum of Modern Art in New York besichtigt werden. Inzwischen aber war er vergessen und nur noch Insidern ein Begriff.

Jahrelang hatte die auf den einst aufsehenerregenden Schwarzweißfotos seines Vaters abgebildete, in dunkle Schatten gehüllte Puppe Klaus Bellmann bis in seine Träume verfolgt. Oft fuhr er mitten in der |13|Nacht aus dem Schlaf hoch, weil er sich von der langhaarigen, nur mit einem ärmellosen hellen Trägerhemdchen bekleideten und verblüffend menschlich wirkenden Figur aus Pappmaché bedrängt fühlte.

Lange war es ihm aus diesem Grund unmöglich gewesen, den Speicher ihres Hauses zu betreten, auf dem die Puppe in einem Karton lagerte. Ebenso wie seine alten Spielsachen.

Nun nahm er die Stufen, die zu dem grauen Gebäude mit den vergitterten Fenstern hinaufführten, und drückte den Klingelknopf. Nach ein paar Sekunden erschien eine Schwester hinter der ebenfalls vergitterten Glastür, zog einen dicken Schlüsselbund aus ihrer Strickjacke und ließ ihn herein.

»Guten Tag, Herr Bellmann«, sagte sie mit einem kraftlosen Lächeln und schloss hinter ihm wieder ab. Unter der Strickjacke trug sie einen weißen Kittel und dazu passende weiße, an den Fersen offene und über dem Spann feingelöcherte Schuhe. An ihrem rechten Schienbein leuchtete ein ziemlich großer Bluterguss.

»Guten Tag«, erwiderte er. »Wie geht es meinem Vater?«

»Wie immer. Ich glaube, er hat sich hingelegt«, sagte die Frau und drehte sich auf dem Absatz um. Das Lächeln war aus ihrem Gesicht verschwunden. Bei jedem Schritt quietschten die Sohlen ihrer Latschen auf dem braungrau marmorierten Linoleum, untermalt vom Klimpern der Schlüssel in ihrer Jackentasche.

Auf dem Flur standen Gestalten, die ihn anstarrten. Ein glatzköpfiger Mann im schwarzen Trainingsanzug |14|hatte seine Hand in die Hose geschoben und keuchte. Der vielleicht dreißig Jahre alte Mann daneben, der eine Lederhose, einen dicken grauen Wollpullover und Sandalen trug, riss immer wieder ruckartig den Mund auf und schlenkerte mit den Armen. Als Klaus Bellmann die Tür zum Zimmer seines Vaters öffnete, schlug ihm ein säuerlicher Geruch entgegen.

Hans Bellmann lag auf dem Bett, das Gesicht der Wand zugewandt, einen Arm angewinkelt unter den Kopf geschoben, und schlief. Er war mit einem karierten Hemd und einer grauen Manchesterhose bekleidet und schnarchte leise. Seine Füße waren nackt. Über ihm an der Wand hing, mit einer Stecknadel daran festgemacht, die an den Rändern bereits vergilbte Kopie seiner vielleicht berühmtesten Fotografie der »Puppe« aus der Serie von 1947. Nur dieses eine Motiv. Das Bild hatte ihn zur Legende gemacht, und für seine Familie war es zu einem Fluch geworden.

Klaus Bellmann blickte die Kopie an, fasziniert und abgestoßen zugleich. Sie, die Puppe, hatte seine Mutter aus dem Haus getrieben und später auch ihn selbst. Am liebsten hätte er das Bild auf der Stelle von der Wand gerissen. Den Dämon seiner Kindheit. Doch im selben Moment erwachte sein Vater und hob den Kopf wie ein verschrecktes Vögelchen.

»Was willst du?«, sagte Hans Bellmann auf seine immer knurrige Art und drehte sich auf den Rücken; er kam in die Vertikale und setzte die nackten Füße auf dem verschrammten Boden ab.

»Dich besuchen«, sagte Klaus Bellmann. »Das letzte |15|Mal war ich vor über einem Monat hier.« Er hielt die Saftflasche in der Hand.

»Mich besuchen?«, sagte sein Vater und strich sich mit der rechten Hand schwerfällig über den Kopf. Wie ein Gespinst aus feinen Silberdrähten umgaben die wenigen Haare seinen kantigen Schädel.

Es war immer das Gleiche: Sein Vater zeigte sich anfangs regelmäßig unwillig und wenig erfreut über seinen Besuch. Doch wenn Klaus nur hartnäckig genug blieb und ihn auf seine Pariser Zeit mit Breton und Éluard ansprach, biss der Alte an, und es kam manchmal eine muntere Unterhaltung in Gang. Bis Hans Bellmann sich irgendwann, meist etwa nach einer Stunde, wieder in sich zurückzog, vorgab, an seinen Projekten arbeiten zu müssen, und Klaus sitzen ließ und aus dem Zimmer lief.

Hans Bellmann war gegen Ende seiner Pariser Zeit, nach mehreren psychotischen Schüben, in ein Krankenhaus eingewiesen und wenig später in dessen psychiatrische Abteilung verlegt worden. Nach seiner Entlassung war er nach Deutschland zurückgekehrt und hatte einige Jahre ohne Medikamente gelebt und mehr oder weniger erfolglos versucht, seine Arbeit wiederaufzunehmen. Doch nach weiteren Schüben hatten ihn Freunde bald darauf erneut ins Krankenhaus gebracht, und über Umwege war er schließlich dort gelandet, wo er inzwischen seit neunzehn Jahren lebte.

Während eines Anfalls konnte er sich für den Heiland halten und behaupten, er könne übers Wasser laufen. Die Ärzte behandelten ihn seit Jahren mit |16|starken Antipsychotika. Dann wurden seine Gesichtszüge kantig und hart, sein Blick wurde stechend, und beim Reden überschlug sich seine Stimme. In seinen lichten Momenten aber entspannten sich seine Züge, wurde seine Stimme warm und weich, und er sprach langsam und wirkte zufrieden. In solchen Phasen glaubte Klaus Bellmann zu spüren und zu begreifen, wer und was sein Vater einmal gewesen war. Und weshalb er mit seinen Arbeiten, so kontrovers sie auch diskutiert worden waren, großen Einfluss auf nachrückende Künstler wie Horst Janssen oder den Maler und Bildhauer Paul Wunderlich gehabt hatte, die ihn früh als entscheidenden Wegweiser ihrer Kunst bezeichnet hatten.

Nun nahm Klaus den säuerlichen Geruch wieder wahr, und es bestand kein Zweifel: Es war sein Vater, der so roch. Er lief ans Fenster, öffnete es und ließ seinen Blick über das Tal mit seinen Streuobstwiesen und die sanft ansteigenden Hügel schweifen, die der Landschaft ihren Namen gaben.

»Ich hab dir was mitgebracht«, sagte Klaus Bellmann und streckte seinem Vater die Flasche hin. »Kirschsaft. Den magst du doch so gern.«

Er stellte die Saftflasche auf den kleinen, an der Wand stehenden Schreibtisch und hielt kurz inne. Auf der Arbeitsplatte lag ein blaues Din-A4-Schulheft, auf dessen Deckel sein Vater in Druckbuchstaben seinen Namen geschrieben hatte. Daneben lag ein Kugelschreiber.

Er musterte seinen Vater, der sich an den Beinen kratzte und unter dem Bett nach seinen Schlappen |17|suchte, schlug es kurz auf und sah nichts als unbeschriebene Seiten. Dann griff er sich den vor dem Schreibtisch stehenden Stuhl und nahm seinem Vater gegenüber Platz.

»Wie geht es dir?«, fragte er und rieb beide Hände gegeneinander.

»Ich arbeite!«, antwortete sein Vater und kratzte sich nun im Nacken. »Ich habe immer gearbeitet! Ich mache mir Notizen, da in dem Heft.«

Er wies mit dem ausgestreckten, leicht zitternden Arm auf das Schulheft. Zum Fenster strömte der Geruch von gemähtem Gras herein. Von der unangenehmen Säure war kaum noch etwas zu riechen.

Obwohl er versucht hatte, es zu ignorieren, glitt Klaus Bellmanns Blick nun auf das an der Wand hängende Bild der Puppe.

»Das klingt gut«, sagte er. Und dann fügte er hinzu: »Ich soll dich übrigens herzlich von Elke grüßen.« Doch das war gelogen. Elke, seine zweite Frau, verachtete Hans Bellmann, hielt ihn, nachdem sie einige seiner Arbeiten im Internet gefunden hatte, für verrückt und pervers.

»Ich kenne keine Elke«, sagte Hans Bellmann trocken. »Hat sie dicke Brüste?«

»Vater, bitte!«, erwiderte Klaus Bellmann, um rasch zu seinem Thema zurückzukehren.

Klaus Bellmann hatte sich, nachdem er sein lustlos betriebenes Architekturstudium abgebrochen hatte, unter dem Pseudonym »Brad Cowley« eine Zeitlang als Maler in der Tradition Roy Lichtensteins versucht und großformatige Gemälde geschaffen, auf denen |18|geschlechtslose Torsi über Sprechblasen miteinander kommunizierten. Als sogenannte Trans-Comics hatte er seine von den Farben Gelb, Blau und Weinrot dominierten Bilder selbstbewusst klassifiziert, aber trotz anhaltender Bemühungen keinen Galeristen gefunden.

Cowley hatte mehrere Serien geschaffen, darunter zwei farbintensive Zyklen, die er »Flucht aus Ithaka« und »Der Fluss des Leidens« betitelt hatte. Seiner späteren Frau hatte er nichts von seinen Malversuchen erzählt; als sie eines Tages die in schwere Decken eingeschlagenen Gemälde im Keller entdeckte, hatte Bellmann ihr erklärt, ein Freund, der für längere Zeit nach Amerika gegangen sei, habe sie vorübergehend bei ihm untergestellt.

Bellmann suchte den Blick seines Vaters, doch der sah hartnäckig an ihm vorbei zum offenen Fenster hinüber. Plötzlich stockte ihm der Atem, als sein Blick wieder auf die Kopie des Fotos an der Wand fiel. Denn in der mit der hohen, gipsenen Stirn trotzig gegen den Stein drückenden Puppe, deren unverhüllte Pobacken einen gelungenen Kontrast zu ihrem Gesicht darstellten, meinte er plötzlich jenen Torso zu erkennen, der das Auftaktgemälde seiner Ithaka-Serie zierte. Und entsprang der Blick der darauf dargestellten Griechin nicht der gleichen, in sich gekehrten Melancholie? Und was war mit ihrer Körperhaltung? Schmiegte sie sich denn nicht ebenso lockend gegen den Fels, der sein Bild dominierte, den Kopf seitwärts über die rechte Schulter weggedreht? Und ihr Po, was war damit? Ja, auch bei ihm war er bis zum Steiß, wenn auch |19|anders als auf der Fotografie der Puppe, mit einem Tuch bedeckt!

Verzweifelt dachte er: Wieso habe ich so schrecklich lange gebraucht, um diese offensichtlichen Ähnlichkeiten zu sehen? Und wie oft habe ich wohl an diesem Platz und auf diesem Stuhl gesessen und die Kopie an der Wand angestarrt, ohne dabei auch nur das Geringste zu bemerken?

Unsinn!, dachte er sogleich. Das ist bloß eine Täuschung. Was haben meine Gemälde mit der Arbeit meines Vaters zu tun? Nicht das Geringste.

Klaus Bellmann erhob sich abrupt vom Stuhl und lief hinüber zum Fenster. Er atmete mehrere Male kräftig ein und wieder aus. Über die Landschaft draußen hatten sich bereits die Schatten des Nachmittags gebreitet. Er fragte sich, wie lange es wohl dauern mochte, ehe man aufhörte, die Gitterstäbe mit zu sehen, wenn man von hier nach draußen schaute.

Er wandte sich zu seinem Vater um, der immer noch auf seinem Bett saß. Seine hängenden Wangen blähten sich jedes Mal leicht, wenn er mit offenem Mund Luft holte. Er hatte die noch immer irritierend blauen, nicht sehr großen Augen leicht zugekniffen, so dass sich zwischen den Augenbrauen eine tiefe Furche bildete. Er hätte ihn fragen wollen: Woran denkst du, Vater?

Der Alte war einmal ein großer, gutaussehender Mann gewesen, der gerne Hüte und lange Mäntel getragen und Eindruck auf andere gemacht hatte. Es gab Leute, die sagten, Klaus Bellmann sehe seinem Vater ähnlich. Sicher, auch er hatte blaue Augen und breite |20|Schultern. Und es konnte auch bei ihm vorkommen, dass sich über seiner Nasenwurzel eine Furche bildete. Dennoch war er ganz anders als der Alte. Sein Vater hatte fotografiert und er gemalt. Sein Vater mochte Hüte und er nicht. Und sein Vater träumte noch immer von einer erotischen Erlösung durch eine Fünfzehnjährige. Er war eben pervers! Sicher hatte sich seine Frau aus dem Fenster gestürzt, weil sie seine Perversionen nicht mehr ertrug. Seinen Ursula-Wahn. Ja, dachte Bellmann, Elke hat ganz recht.

Verächtlich blickte er wieder auf das Foto an der Wand. Und dann sagte er: »Wollen wir unten einen Kaffee trinken?«

»Was?«, sagte sein Vater.

»Ob wir unten einen Kaffee trinken wollen.«

»Hat sie dicke Brüste? Diese Elke? Ich meine, solche wie Ursula!« Dabei modellierte er mit seinen Händen deren Form und leckte sich über die blassen Lippen.

»Hör sofort auf damit!«, sagte Klaus Bellmann. »Das ist ja ekelhaft!«

»Du bist ekelhaft.«, erwiderte sein Vater. »Du bist ein Schwein«, sagte er und machte Grunzlaute.

»Was soll denn das jetzt?«, sagte Klaus Bellmann. »Ah, ich verstehe, du willst mich provozieren. Aber das schaffst du nicht. Keine Chance mehr.«

Als Junge hatte er geahnt, dass er, wenn er groß wäre, seinem Vater ähnlich sein würde. Und dass er seine eigenen Schritte innerhalb von dessen Grenzen würde planen müssen.

Nun stand sein Vater auf, ging aber sofort wieder in |21|die Knie und begann, auf allen vieren durch den Raum zu kriechen. Dabei gab er erneut Grunzlaute von sich.

»Vater«, rief Klaus Bellmann, »hör auf damit, du verdammter Idiot!« Dann packte er die linke Schulter seines Vaters und versuchte ihn hochzureißen. Doch es gelang ihm nicht. Der Alte war einfach zu schwer.

»Vater!«, rief er wieder, hielt aber plötzlich inne und horchte dem Klang seiner eigenen Stimme nach. Dann wandte er sich von dem Alten, der grinsend auf dem Boden saß, ab und trat ans Fenster. Als er sich nach ein paar Minuten umdrehte, hatte sich sein Vater wieder hingelegt.

»Was ist mit dir?«, rief Klaus Bellmann. »Bist du müde? Willst du noch ein bisschen schlafen?«

Der Alte hielt die Augen geschlossen und antwortete nicht. Da ging Bellmann zum Schreibtisch, zog den Stuhl heran und nahm Platz. Er schlug das Heft auf, ergriff den Kugelschreiber und überlegte. Dann fing er an zu schreiben.

Als er eine halbe Stunde später unten vor der verschlossenen Tür stand, sah ihn die Schwester, die ihn hereingelassen hatte, erwartungsvoll an und fragte: »Alles in Ordnung, Herr Bellmann?«

»Ja«, antwortete Bellmann zufrieden.

Die Schwester fixierte ihn auf eine Weise, die ihm unangenehm war. Als suche sie etwas in seinem Gesicht.

»Was ich Ihnen immer schon mal sagen wollte«, begann sie. »Sie und ihr Vater …«

Doch Bellmann unterbrach sie sofort und sagte entschieden: »Machen Sie mir bitte die Tür auf!«

|22|»Oh, ja, natürlich, Entschuldigung!« Sie zog den schweren Schlüsselbund aus ihrer Jackentasche und schloss die Tür auf. Mit schnellen Schritten lief Bellmann zu seinem Wagen und stieg ein.

Er ließ seinen Blick ein letztes Mal hinauf zu den vergitterten Fenstern gleiten. Dann schaltete er den Motor ein, und das Radio ging an. Es lief eine Jazznummer, irgendetwas von Stan Getz. Kleine Besetzung: Saxophon, Klavier und Schlagzeug.

Er legte den Rückwärtsgang ein, rangierte den Wagen aus der Parklücke und fuhr an dem Pförtnerhäuschen vorbei. Dabei hob er kurz die Hand zum Gruß.

Als er etwa eine Stunde gefahren war, klingelte sein Handy. Die Krankenschwester erklärte, sein Vater habe geschrien und in einem unerklärlichen Anfall größter Erregtheit sein Notizheft zerrissen. Anschließend sei er in eine Art katatonische Starre verfallen. Noch immer sei er nicht ansprechbar. Sie versprach ihm, sich wieder zu melden, sobald es etwas Neues über seinen Vater zu berichten gäbe.

Bellmann bedankte sich für den Anruf und unterbrach die Verbindung. Und lächelte.

|23|Zwei

»Morgen besuche ich meinen Jungen!«, sagte Küppers, schloss die Tür seines Spinds auf, zog seinen fleckigen hellen Arbeitskittel aus und hängte ihn hinein.

Es war Freitag, und Küppers und seine Leute hatten eine anstrengende Woche hinter sich. Zuletzt hatten sie ein paar Mal bis tief in die Nacht gearbeitet, um die letzten Fenster mit der Frühjahrskollektion fertigzustellen. Küppers war Chefdekorateur eines großen Warenhauses und hatte sechs Mitarbeiter.

»Du hast einen Sohn?«, fragte Grasskamp überrascht, der zwei Meter von ihm entfernt vor seinem geöffneten Spind stand und sich ebenfalls umzog. »Das wusste ich ja gar nicht.«

»Klar«, antwortete Küppers großspurig und nahm sein Sakko aus dem Spind, »der ist jetzt mindestens so groß.« Dabei hielt er den ausgestreckten linken Arm vor Grasskamps Brust. »Ist ’ne alte Geschichte.«

»Wie heißt er denn?«

»Robert«, antwortete Küppers stolz und begann darüber nachzudenken, ob sein Sohn tatsächlich so |24|groß sein mochte. Und wie er wohl aussah. »Ist ’n toller Bursche.« Er hatte ihn seit seiner Geburt nicht mehr gesehen.

Sein Freund Fred Osterloh, der ein Schuhhaus in der Fußgängerzone besaß und seit langem von Roberts Existenz wusste, hatte Küppers gedrängt, seinen Sohn endlich zu besuchen. Und aus einer Laune heraus hatte der nach dem fünften oder sechsten Glas geantwortet: »Du hast recht. Langsam wird es Zeit.«

»Denk doch auch mal an den Jungen«, hatte Osterloh gesagt, »der will doch sicher endlich wissen, wer sein Vater ist.«

»Am Samstag fahr ich hin!«, hatte Küppers gesagt und seine Ankündigung schon im nächsten Moment bereut. Denn die Vorstellung, einem achtjährigen Jungen gegenüberzustehen, der ihn erwartungsvoll ansah und womöglich Erklärungen von ihm hören wollte, behagte ihm überhaupt nicht.

Anschließend hatten sie nicht mehr darüber gesprochen und noch lange zusammengesessen. Doch als Küppers am nächsten Morgen mit leichten Kopfschmerzen erwachte und das Sonnenlicht durch die Vorhänge hereinstach, war ihm die Sache wieder eingefallen. Missmutig hatte er sich aus seinem Bett erhoben, war hinüber ins Wohnzimmer getappt, hatte den Sekretär geöffnet, seine alte Brieftasche herausgezogen und aufgeklappt. Aus einem der Seitenfächer zog er ein kleines Farbfoto hervor, das Robert als Säugling zeigte. Ungläubig betrachtete Küppers das Bild. Ob er mir wohl ähnlich sieht?, fragte er sich. Auf |25|der Rückseite hatte er sich seinerzeit die Telefonnummer des Kinderheims notiert.

Küppers schloss seinen Spind ab, legte sich den Schal um den Hals und sagte: »Schönes Wochenende, Heinz«, und verließ das Kaufhaus. In der Mittagspause hatte er das Kinderheim, das zwei Autostunden entfernt war, angerufen und sein Kommen für den nächsten Tag angekündigt. »Ich fahre gegen zehn los und werde so gegen halb eins da sein. Sagen Sie das meinem Sohn.«

»Der wird sich aber freuen!«, hatte die Frauenstimme noch geantwortet. Küppers hatte den langgestreckten, sich an die terrassenförmig ansteigenden Weinberge schmiegenden Flachbau, in dem die Kinder untergebracht waren, wieder vor sich gesehen. Als er den Jungen seinerzeit in die Obhut der Pflegerinnen gegeben hatte, hatte er seinen Blick über das kleine, von weitgestreckten Wiesen dominierte Tal schweifen lassen, in das sich die Dorfstraße mit ihren Kurven eingrub wie ein dunkler Riss in eine grüne Tischplatte.

Als er am nächsten Morgen im Wagen saß und die unwirtliche Landschaft mit ihren entlaubten, ihn an Grabkreuze erinnernden Bäumen vorbeizog, hatte Küppers das Gefühl, auf direktem Weg in die Vergangenheit zu reisen. Und je länger er den Wagen durch den Vormittag über wenig befahrene Landstraßen steuerte, desto größer wurde seine Unruhe. Und so machte er vor einem Wirtshaus halt. Küppers war der einzige Gast, und er setzte sich zu dem Wirt an den Tresen.

|26|»Ich bin auf dem Weg zu meinem Sohn.«, sagte er und sah sich in dem schwach beleuchteten Schankraum um.

»So«, sagte der Wirt.

»Wenig los heute, wie?«, sagte Küppers.

»Ist noch zu früh«, sagte der Wirt.

Küppers sah auf die Uhr, es war zehn vor elf. Bis hierher war er gut durchgekommen. Und wenn er sich ranhielt, konnte er zur angekündigten Zeit im Kinderheim sein.

»Ein Pils«, sagte er und rieb sich die Hände. Als das Bier vor ihm stand, legte Küppers erst einen Finger an den kühlen, goldglänzenden Glasbauch, dann zog er ihn zurück und schnippte gedankenverloren dagegen.

»Wie alt ist denn Ihr Sohn?«, fragte der Wirt und stellte ein poliertes Glas kopfüber neben einige andere.

»Acht«, antwortete Küppers, »ist ’n toller kleiner Bursche!« Und dabei war ihm, als hätte er so etwas Ähnliches kürzlich jemanden sagen hören.

»Meine beiden sind achtzehn und zwölf«, sagte der Wirt. »Der Kleine hat nur seinen MP3-Spieler im Kopf. Immerzu hat er die Stöpsel in den Ohren und ist nicht ansprechbar.«

»Ja, ja, die Jungs«, sagte Küppers und setzte das Glas an die Lippen. Und nachdem er sein Bier getrunken hatte und sie sich über dies und das unterhalten hatten, sah er erneut auf die Uhr.

»Noch eins?«, fragte der Wirt, der seine Hand bereits um das leere, vor Küppers auf dem Tresen stehende Glas gelegt hatte.

|27|»Also eigentlich müsste ich ja«, sagte Küppers und sah nochmals demonstrativ auf seine Uhr, die kurz nach halb zwölf zeigte, »aber ach, was soll’s, ja, machen Sie mir noch eins!« Und dabei sagte er sich: Ich drücke nachher einfach ein bisschen auf die Tube. Und wenn ich Glück habe und nicht viel los ist auf den Straßen, bin ich um eins da.

In dem Moment ging die Tür auf, und eine junge, mit einem knallroten Anorak, Jeans und hellen Cowboystiefeln bekleidete Frau kam herein. Die Spitzen ihrer blonden Haare kräuselten sich wie Federn auf ihren Schultern.

»Hallo!«, sagte sie, ohne Küppers eines Blickes zu würdigen, und stellte ihre Handtasche auf dem Tresen ab.

»Tag, Carola«, sagte der Wirt. »Kaffee?«

»Ja, bitte«, erwiderte die Frau, nahm ihre Zigaretten aus der Handtasche und steckte sich eine an.

»Zu Hause alles klar?«, fragte der Wirt und spießte den Bon, den die kleine altmodische Registrierkasse auf Knopfdruck ausgespuckt hatte, auf eine Art Nagel, der in einem kleinen Holzklotz steckte.

»Wie man’s nimmt«, antwortete die Frau und blies den Rauch ihrer Zigarette in den Lichtkegel der kleinen, über dem Tresen hängenden Lampen, worin er sich in engen grauen Schleifen drehte. »Meine Mutter ist heute Morgen aus dem Bett gefallen, hat sich aber, Gott sei Dank, nichts gebrochen. Verdammt zäh, die Alte!«

»Genau wie du«, sagte der Wirt und lachte.

»Komm, red kein Stuss, und mach mir lieber ’n |28|Klaren dazu!«, antwortete die Frau, drehte sich nun zu Küppers hin, so als hätte sie ihn erst jetzt bemerkt, und sagte: »Auf der Durchreise?«

Doch ehe Küppers antworten konnte, sagte der Wirt: »Der Herr ist auf dem Weg zu seinem Sohn.«

»Ja, das stimmt«, sagte Küppers und griff nach dem neuen, vor ihm stehenden Bierglas. »Er ist acht.«

»In dem Alter ist die Welt noch in Ordnung«, sagte die Frau und angelte nach dem Klaren, den der Wirt ihr hingestellt hatte.

»Du musst es ja wissen«, sagte der Wirt.

»Na, ist doch so«, sagte die Frau und kippte den Klaren auf einen Zug. »Oder etwa nicht?« Während sie das sagte, blickte sie Küppers auffordernd an.

»Doch, doch«, antwortete der und musste dabei an seinen Sohn denken, der bestimmt schon ganz aufgeregt war. Genau wie er selbst. Und nachdem er bei einem flüchtigen Blick auf die Uhr gesehen hatte, dass es bereits zehn vor zwölf war, sagte er, obwohl er wusste, dass es falsch war: »Kann ich auch so einen haben?« Er sagte sich: Nach all den Jahren kommt es ja wohl nicht auf eine halbe Stunde an. Außerdem haben wir ja noch den ganzen Nachmittag. Und mit Blick auf die Frau ergriff er das gefüllte Schnapsglas, hob es in die Höhe und sagte: »Na, dann prost!«

Im selben Moment fiel ihm ein, dass er überhaupt kein Geschenk für Robert hatte, nichts. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, in der Spielzeugabteilung etwas zu besorgen. Einen Teddybär zum Beispiel. Oder ein Spielzeugauto. Irgend so etwas eben, womit man einem Achtjährigen eine Freude machen konnte. Aber |29|vielleicht konnte er ja noch irgendwo halten. Ja, so würde er es machen.

Küppers, der zum Frühstück lediglich eine Tasse Kaffee getrunken hatte, begann den Alkohol zu spüren und sagte mit einem flauen Gefühl im Magen: »Ich müsste, glaube ich, was essen.«

»Warme Küche gibt’s erst ab sechs, aber eine Frikadelle mit Brot können Sie haben«, sagte der Wirt. »Oder ein Solei mit Senf und Brot.«

»Dann nehme ich die Frikadelle«, sagte Küppers und hatte das Gefühl, dass etwas aus der Mitte seines Körpers hinunter in seine Beine glitt, die schwer wurden.

»Kommt sofort«, sagte der Wirt und verschwand durch eine Tür hinter der Theke.

»Wie heißt denn Ihr Sohn?«, wollte nun die Frau wissen und steckte sich eine neue Zigarette an.

»Robert«, sagte Küppers.

»Lebt er bei Ihrer Frau?«

»Nicht ganz«, antwortete Küppers, der überlegte, was er sagen sollte, wenn die Frau weiterfragen würde.

»Also bei Ihrer Mutter?«

»Ja, genau, bei meiner Mutter.«

»Ich lebe auch mit meiner Mutter zusammen«, sagte die Frau. »Sie hat Parkinson, im Endstadium. Im Moment ist eine Pflegerin bei ihr.«

»Das tut mir leid«, sagte Küppers und nahm einen Schluck Bier.

In dem Moment klappte die Tür wieder auf, der Wirt stellte den Teller mit der Frikadelle vor ihn hin und sagte: »Einen guten!«

|30|»Ja«, sagte die Frau und nickte kurz in Küppers Richtung. Und keine zwei Minuten später stand ein weiteres frisch gezapftes Pils vor ihm.

»Danke«, murmelte Küppers, tunkte die Frikadelle in den sämigen Senfklecks und biss in die Scheibe Schwarzbrot. Er versuchte sich vorzustellen, wie es einem Menschen im Endstadium einer solchen Krankheit ging; er hatte mal jemanden gekannt, dessen Vater Parkinson hatte. Nachdem er die Frikadelle verspeist und auch das Brot aufgegessen hatte, wischte er sich den Mund mit der Papierserviette ab: »Jetzt wäre gegen einen Klaren wohl nichts einzuwenden, oder was meinen Sie, Gnädigste?« Dabei sah er die Frau an.

»Ja, Rolf, mach mir auch einen«, antwortete sie und griff sich ins Haar.

»Also zwei Klare auf die Rechnung des Herrn?«

»So ist es!«, antwortete Küppers und sah beim Blick auf die Uhr, dass er seit über einer halben Stunde im Kinderheim erwartet wurde.

»Wo sind die Toiletten?«, fragte Küppers und erhob sich von seinem Platz.

»Gleich da hinten!«, antwortete der Wirt und zeigte auf einen dunklen Gang.

Küppers schlich den Gang entlang und fand die entsprechende Tür, die hinter ihm ins Schloss fiel. Drinnen erklang ein Geräusch, das ihn abrupt innehalten ließ: Es wurde von dem beständig herabrinnenden Spülwasser im Pissoir erzeugt, ein Zischeln, als ob Gas ausströmt.

Küppers zog sein Handy und das Foto hervor und tippte die Nummer des Heims ein.

|31|»Kinderheim Prasselburg, Schwester Christa am Apparat.«

»Es ist so«, begann Küppers, »ich habe da ein Problem mit meinem Wagen.«

»Wer spricht denn da?«

»Ach so, ja«, sagte Küppers, »Küppers hier! Ob Sie wohl meinem Sohn sagen können, dass sich meine Ankunft noch ein wenig verzögert?«

»Ach Sie, Herr Küppers, Robert dachte schon, Sie hätten ihn vergessen und kämen nicht mehr.«

»Unsinn!«, erwiderte Küppers. »Ich lasse den Jungen doch nicht hängen!«

»Das freut mich«, sagte die Frauenstimme. »Ich werde ihm sagen, dass Sie angerufen haben. Und noch eine gute Fahrt.« Dann beendete sie das Gespräch, und Küppers vernahm wieder das Zischen, das vom Pissoir herüberdrang.

Er schob das Handy in die kleine Innentasche seines Sakkos, stellte sich ans Pissoir und wartete, während er auf die feinen rostbraunen Risse in der vergilbten Porzellanschale sah, dass der Urin aus ihm floss. Und nachdem er sich ausgiebig die Hände gewaschen und abgetrocknet und mit dem silberfarbenen Messingkamm, den er immer bei sich trug, seinen Scheitel nachgezogen hatte, ging er zurück in den Schankraum.

Inzwischen hatte der Wirt den Fernseher angeschaltet. Er stand auf einer Truhe, und es liefen Nachrichten.

»Sie heißen Carola, nicht wahr?«, sagte Küppers und kletterte wieder auf den Barhocker. Vor ihm stand das kleine randvolle Schnapsglas.

|32|»Kein besonders schöner Name«, antwortete die Frau, die noch immer ihren Anorak trug. »Ines oder Jasmin finde ich viel besser.«

»Ansichtssache«, sagte Küppers und fügte hinzu: »Ich kannte mal eine Carola, die war wunderschön, aber kalt wie ein Fisch. Bei der war nichts zu holen.«

»Pech, so was«, sagte die Frau, ohne eine Miene zu verziehen. Dann griff sie nach ihrem Schnaps und sah Küppers an. »Na, dann mal rein damit!« Auf einen Zug kippte sie ihn hinunter.

»Ja, Pech«, erwiderte Küppers und leerte ebenfalls sein Glas.

»Die nächsten beiden gehen aufs Haus!«, sagte nun der Wirt und öffnete mit einem trockenen Klacken die Tür des Eisschranks.

»Für mich keinen mehr, danke!«, sagte Küppers und zog schwerfällig seine Brieftasche hervor. »Mein Sohn wartet.« Dabei hätte er große Lust gehabt, weiter sitzen zu bleiben.

Plötzlich trat im Fernseher ein Mann vor eine eingeblendete Deutschlandkarte.

»Worum geht es denn da?«, fragte Küppers.

»Um das Erdbeben, irgendwo bei Freiburg, glaube ich«, sagte der Wirt.

»Ein Erdbeben? Bei uns?«, sagte Küppers. »Ich dachte, so was gibt’s bloß in Japan oder in Südamerika?«

»Tja, da kann man mal sehen«, sagte die Frau.

»Oje!«, rief der Wirt und streckte plötzlich den Arm in Richtung Fernseher aus. »Was ist denn mit dem los?«

|33|Nun starrten alle drei auf die Mattscheibe. Der Mann, der eben noch über Erdstöße gesprochen und dabei mit seinem Arm kreisförmige Bewegungen gemacht hatte, war vor laufender Kamera zusammengebrochen.

»Das is ja ’n Ding«, sagte die Frau. »Unglaublich!« Im nächsten Moment wurde das Programm unterbrochen, und es erschien auf der Mattscheibe die Einblendung »Kurze Unterbrechung«. Dazu lief Musik.

»Na so was«, sagte Küppers. »Wahrscheinlich das Herz.«

»Jetzt doch noch einen? Der Herr Sohnemann wird schon nicht weglaufen!«, sagte der Wirt, an Küppers gerichtet, und goss ihre Gläser wieder voll. »Oder?«

»Nein, bestimmt nicht«, antwortete Küppers leise und beobachtete, wie die eisgekühlte Flüssigkeit unendlich langsam in sein Glas rann.

»Na, also gut, dann will ich mal kein Spielverderber sein«, sagte er und packte das kleine Glas. »Auf den edlen Spender!«

 

Kurz nach zwei schloss er seinen Wagen auf. Kraftlos fiel er in den Sitz, zog die Tür zu und schob den Schlüssel ins Zündschloss. Dann ließ er den Kopf nach hinten sinken, schloss die Augen und sagte sich: Ich will mich bloß ein bisschen ausruhen, gleich geht’s los! Doch schon nach wenigen Sekunden war er eingeschlafen.

Als er gegen halb vier langsam wieder zu sich kam, glaubte er zunächst, das Pochen, das den Wagen sanft erfüllte, dringe aus der Ferne des Traums an sein Ohr. |34|Doch als es nicht nachließ, schlug Küppers die Augen auf und blickte sich um. Draußen stand die Frau aus der Wirtschaft und klopfte gegen die Scheibe, Carola.

Mühsam ließ er die Scheibe herunter. »Sie?«, sagte er und blinzelte. »Was ist?«

»Ich dachte, Sie wollten zu Ihrem Sohn?«, sagte sie und beugte sich ein Stück zu ihm herunter.

»Will ich auch«, antwortete Küppers, der einen Blick auf die Uhr im Armaturenbrett warf und erschrak.

»Ach ja!«, sagte die Frau mit schwerer Zunge. Offenbar hatte sie weitergetrunken. »Der hat Sie doch längst abgehakt!« Dann torkelte sie lachend davon.

Hat er nicht!, hätte Küppers ihr am liebsten hinterhergerufen. Stattdessen strich er sich eilig die Haare glatt, ließ den Motor an und legte den ersten Gang ein.

Er steuerte den Wagen durch kleine, scheinbar immergleiche Ortschaften. Der kühle, zum geöffneten Fenster hereinwirbelnde Fahrtwind fuhr ihm angenehm ins Gesicht. Und dabei dachte er: Ich bin gleich da, Robert.

Irgendwann tauchte linker Hand eine Tankstelle auf, und Küppers setzte den Blinker.

»Haben Sie Spielsachen?«, fragte er, als er in dem hellerleuchteten Tankstellengebäude dem Angestellten gegenüberstand.

»Wir sind ’ne Tankstelle und kein Spielwarenladen«, antwortete der knapp. Der Mann trug ein weinrotes Sweatshirt, auf dem in gelben Großbuchstaben der Name des Ölkonzerns stand. Das struppige Haar |35|hing ihm in die Stirn. An seinem linken Ohrläppchen blitzte ein blauer Stein.

»Irgendwas für einen Achtjährigen werden Sie doch wohl haben«, sagte Küppers. »Ein Spielzeugauto oder so was vielleicht?«

»Sie können meinen alten Astra haben. Für drei Mille. Dazu kostenlos ’n Eis für Ihren Sprössling.«

»Finden Sie das witzig?«

Der andere holte Luft, als wolle er zu einer weiteren Unverschämtheit ansetzen. Doch stattdessen sagte er: »Da hinten müssten Luftballons sein.«

»Luftballons? Was soll ich denn mit Luftballons?«

»Keine Ahnung. Aufpusten und fliegen lassen?«

Ohne ein Wort verließ Küppers die Tankstelle, stieg in seinen Wagen und ließ den Motor an. Die kleine, schwach beleuchtete Uhr im Armaturenbrett zeigte inzwischen zehn vor fünf.

Küppers glaubte, trotz der rundum verschlossenen Fenster, das stete Summen der Telefonleitungen zu hören, die sich von Haus zu Haus spannten und den dunkelgrauen Himmel zerschnitten, glaubte, es als Vibrieren in seinen Adern zu spüren, wie es durch ihn hindurchkroch und seinen Körper leicht erzittern ließ. Doch er schüttelte dieses Gefühl ab, zog das Handy aus seinem Sakko hervor, drückte die Wahlwiederholung und dachte: Was sage ich bloß? Er schaltete den Motor wieder aus. Wieder erklang dieselbe Frauenstimme wie am Mittag. Ehe er weiter ausholen konnte, sagte die Frau: »Robert hat den ganzen Nachmittag auf Sie gewartet.«

»Haben Sie ihm gesagt, dass ich angerufen habe?«

|36|Doch ohne auf seine Frage einzugehen, sagte die Schwester: »Das hätten Sie ihm nicht antun dürfen. Nicht nach der langen Zeit. Robert hat bitterlich geweint. Ich sage ihm, dass Sie noch einmal angerufen haben.« Dann unterbrach sie die Verbindung.

Küppers löste den Hörer vom Ohr und ließ den Arm sinken. Dann stieg er aus dem Wagen, schob das Telefon in die Sakkotasche und lief wieder in das Tankstellengebäude.

»Also doch die Luftballons?«, sagte der Angestellte.

Ohne den Mann anzusehen, schritt Küppers zu den Getränkeregalen, nahm drei Dosen Bier heraus und ging damit zur Kasse. Dort griff er sich drei Cognacfläschchen aus dem Drahtgestell und knallte die Sachen auf den Tresen. Und dann sagte er: »Wenn Sie jetzt noch ein Wort sagen, bring ich Sie um.«

|37|Drei

Bronnen hatte sich zwei Tage Urlaub genommen, die Balkonblumen gegossen, die Rollläden ein Stückchen heruntergelassen und sich anschließend mit der mit dem Nötigsten gepackten Reisetasche Richtung Bahnhof aufgemacht. Hinter den Fensterscheiben im Treppenhaus hatte das Grün der ausschlagenden Kastanien geleuchtet. Es war Mitte Mai, und das Thermometer zeigte dreiundzwanzig Grad.

Als er eine knappe Woche zuvor den Umschlag aus dem Briefkasten genommen und dessen Inhalt im Aufzug gelesen hatte, war im Handumdrehen alles wieder da gewesen: die rauchend auf dem Schulhof im Halbkreis zusammenstehende Clique, Ingrids offenes, ihm liebevoll zugewandtes Gesicht. Und natürlich Sarah Hübners Silhouette, deren ganze atemberaubende Erscheinung ihn noch Jahre später bis in seine Träume hinein verfolgte. Wie oft hatte er sich damals vorgestellt, mit ihr, der vierzehn Jahre Älteren, Sex zu haben. Im Fahrradkeller. Im nächtlichen, vom hereindringenden Mondlicht schwach illuminierten Lehrerzimmer. Ganz gleich, wo. Seit ihrer ersten Begegnung hatte er |38|an nichts anderes mehr denken können als daran, sie zu berühren. Während des Unterrichts hatte er sie manchmal minutenlang mit offenem Mund angestarrt, wenn sie mit dem Schwamm in der Hand an der Tafel stand und etwas anschrieb, wobei ihr T-Shirt hochrutschte und ein Stück ihres Rückens entblößte. Dabei war er damals fest mit Ingrid zusammen gewesen, auf die einige aus der Clique scharf gewesen waren. Trotzdem hatte er sich unentwegt nach ihr gesehnt, nach Sarah Hübner, seiner Englischlehrerin.

Mein Gott, die Hübner, dachte Bronnen und registrierte zu seiner eigenen Überraschung ein sehnsüchtiges, altvertrautes Ziehen im Bauch. Die muss doch inzwischen über fünfzig sein, rechnete er und spürte, dass ihn diese Vorstellung befremdete.

Abiturtreffen, nach zwanzig Jahren! Das erste Wiedersehen mit den einstigen Mitschülern: Fritz, Paul, Ingrid und den anderen. Interessant, hatte Bronnen spontan gedacht, als er das Schriftstück umständlich in den Umschlag zurückgeschoben hatte, aber auch: Wieso ausgerechnet mitten in der Woche? Und weshalb dort, auf dem Land? Mehr als drei Zugstunden entfernt?

 

Als er das Zugabteil betrat, zog er als Erstes die Fensterscheibe herunter, und beim Anfahren drang ihm sogleich der süßlich-frische Geruch des lilafarbenen, die Gleise säumenden Sommerflieders in die Nase.

Bronnen nahm am Fenster Platz. Er nippte an seinem Kaffee, starrte hinaus, wo die Braun- und Grüntöne der Landschaft in rascher Folge wechselten. |39|Mit jedem Schienenkilometer, den sie zurücklegten, brachte der Zug ihn auf direktem Weg zurück in die Vergangenheit. In eine Zeit, in der sein Denken etwas Diffuses besessen hatte, jedenfalls kam ihm seine Jugend im Rückblick so vor. Als ein Zustand der dauernden Verwirrung, des puren Gefühls. Dass er einmal, nach drei Jahren als wissenschaftlicher Assistent in den USA, Inhaber zahlreicher Patente sein und erfolgreich für die Industrie forschen würde, das hätte er sich damals nicht träumen lassen. Was wohl aus ihr geworden war in all den Jahren? Und wie sie wohl heute aussah?

Als er zwei Stunden später in ländlicher Gegend in einen sogenannten Trans-Regional umstieg, waren die Baumschatten bereits länger geworden, und die Wiesen und sanften Erhebungen leuchteten im warmen Licht des frühen Nachmittags.

Das gemächlich dahingleitende Gefährt erinnerte ihn plötzlich an die rostroten Triebwagen, die er als Kind durch seine an Weihnachten im Wohnzimmer stehende und von zwei Holzböcken gestützte Eisenbahnlandschaft manövriert hatte. In dem rundum verglasten, zur Führerkabine hin offenen Waggon befanden sich außer ihm nur noch einige ältere Frauen sowie ein junges Paar mit einem Kinderwagen.

Bronnen gab sich ganz dem gleichmäßigen Gerüttel hin. Stundenlang hatte er als Junge vor der weitläufigen, grasgrün gestrichenen und von innen beleuchteten Pappmaché-Landschaft gestanden und mit einer Schaffnermütze auf dem Kopf und einer Trillerpfeife um den Hals an den Trafos hantiert, über die er diverse, gegenläufig durch Berg und Tal fahrende Züge |40|steuerte. Regelmäßig hatte er zu Füßen der Eisenbahn geschlafen, um schon frühmorgens, wenn seine Eltern noch schliefen, damit spielen zu können.

Am liebsten hatte er es, wenn alle Rollläden geschlossen waren und die Lichter in den Häuschen und die Signale an der Strecke anheimelnd schimmerten.

Mein Gott, wie lange das her ist, dachte er und sah hinaus, wo vor ihnen, linker Hand in der Ferne, eine Koppel mit Pferden auszumachen war. Dunkle, sich bewegende Punkte, die langsam größer wurden. Auf Höhe des umzäunten Geländes passierte es: Mit einem Satz schoss eines der Pferde durch ein offenstehendes Gatter, donnerte die letzten, bis an die Gleise führenden Meter heran und schlug seitlich und mit hochgerissenen Vorderbeinen gegen die Frontscheibe des Zuges. Es ertönte ein Krachen, gefolgt von einem weiteren dumpfen Laut, der unterging im Kreischen der Bremsen.

Bronnen, der das Ganze reglos mitangesehen hatte, wurde mit voller Wucht aus seinem Sitz gehoben, er flog mit dem Kopf gegen die Rückenlehne des Vordersitzes, wurde zurückgeworfen und glitt zu Boden. Aus dem hinteren Teil des Waggons ertönten Schreie, verstummten aber sogleich wieder. Auf der Frontscheibe zerfaserte das Pferdeblut sternförmig und sprenkelte auch die Seitenfenster, an denen es schillernd herunterlief. Nach etwa fünfzig Metern kam der Zug endlich zum Stehen. Sekundenlang herrschte eine gespenstische Ruhe. Dann rappelte Bronnen sich auf, blickte sich nach hinten um und sah, dass der Kinderwagen seitlich auf dem Boden lag. Daneben |41|knieten die Eltern. Und schon im nächsten Moment, als sei der jäh ins Stocken geratene Lebensfilm wieder angelaufen, ertönte das Schreien des Babys. Dann kamen die Frauen aus dem hinteren Teil des Waggons nach vorn gelaufen.

Draußen, das konnte Bronnen sehen, standen zwei Männer neben den Gleisen. Der eine gestikulierte mit den Armen, während der andere in sein Mobiltelefon sprach.

Auf den Hügeln blinkten die Blätter eines kleinen Pappelhains. Ein Anblick, der Bronnen unerklärlicherweise rührte und ein ähnliches Gefühl wie damals in ihm entfachte, als ...

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