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Leichenbraut

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
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  54. 48

Über dieses Buch

Ein Sarg – und zwei Leichen! Bei einer der Leichen handelt es sich um eine Frau im Hochzeitskleid, offenbar wurde sie lebendig begraben. Inspector Stephen Lang und sein Team übernehmen die Ermittlungen. Aber es bleibt nicht bei einer »Leichenbraut«. Schon bald ist klar: In England treibt ein Serienmörder sein Unwesen, der Frauen lebendig in den Gräbern ihrer Partner beerdigt. Und er hat sein nächstes Opfer bereits auserkoren ...

Über die Autorin

Sage Dawkins machte sich gleich zu Beginn ihrer Autorenkarriere einen Namen als Spezialistin für die dunklen Seiten der menschlichen Natur. Als Studentin der deutschen und englischen Literatur und mit viel Berufserfahrung im internationalen Management war sie geradezu prädestiniert dafür, düstere Thriller und Krimis zu erschaffen. Folgerichtig kündigte sie ihren sicheren und gut bezahlten Job, um ein Studium zur Drehbuchautorin zu absolvieren. Seither ängstigt sie mit großer Freude und einer unverwechselbaren Autorenstimme alle, die es wagen, ihre Filme zu sehen oder ihre Geschichten zu lesen.

»Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, dass ein alleinstehender Mann im Besitz eines hübschen Vermögens nichts dringender braucht als eine Frau.«

Jane Austen: Stolz und Vorurteil

1

Die bodentiefe Fensterfront bot einen faszinierenden Ausblick auf die nächtliche Skyline der Londoner City. Ein farbenprächtiges Lichtermeer, das mit Einbruch der Dunkelheit nach und nach zum Leben erwachte und in bunten Lichtexplosionen aufflackerte. Es erinnerte an einen monströsen Schwarm Glühwürmchen.

The Shard, das höchste Gebäude Europas, stach hell erleuchtet und scharf in den klaren Nachthimmel. Die 310 Meter hohe Scherbe stellte die einst mächtige Tower Bridge in den Schatten. Mit weichem blauem und lila Licht ausgeleuchtet, wirkte die Konstruktion der Torbögen und Brückentürme fast schon zart.

Das Panorama faszinierte Jenna Jones noch genauso wie am Tag ihres Einzugs in die Penthouse-Wohnung des höchsten Wohngebäudes in der City. Während sich ihr nackter Oberkörper in Reitbewegungen auf und ab bewegte, glitt ihr Blick über das glänzende Wahrzeichen der Londoner Skyline. Das gesamte Stockwerk öffnete sich in alle Himmelsrichtungen in raumhoch verglasten Fenstern. Mr Jones gefielen Vorhänge nicht, dafür umso mehr der Gedanke, beim Sex mit seiner jungen Frau von neidischen Spannern aus umliegenden Gebäuden beobachtet zu werden. Jenna hingegen liebte das, was dieser Ausblick für sie repräsentierte. Die Metropole, die Welt lag ihr zu Füßen, ausgebreitet auf einem Silbertablett.

Der schlabbrige graue Körper unter ihr stöhnte jedes Mal, als durchlitte er Schmerzen, wenn sich ihre schlanken Hüften senkten und sie sich auf sein Glied schob. Das schmatzende Geräusch, das den Geschlechtsakt begleitete, nervte sie, ebenso das rhythmische Knarzen des luxuriösen Bettes im Versailler Stil. Es fühlte sich an, als ob sie schon eine Ewigkeit an seinem Orgasmus arbeitete und nicht erst eine halbe Stunde. Er mochte es, geritten zu werden, nur dazuliegen, gelegentlich in den kitschigen, mit Echtgold gerahmten Spiegel über dem Bett zu blicken, solange sie die ganze Arbeit machte.

Langsam müssten die Tabletten wirken. Sie beschleunigte das Tempo, stützte die Hände unter seinen faltigen Achseln ab, sah ihm tief in die wässrigen Augen und raunte mit rauchiger Stimme.

»Ich bin so geil, ich kann es nicht mehr aushalten, ich muss kommen, bitte, lass mich kommen, mein Hengst!«

Der alte Mann unter ihr bleckte die falschen Zahnreihen zu einem dreckigen Grinsen, hechelte.

»Na dann wird Daddy es seiner Kleinen so richtig besorgen.« Die dürren Finger seiner rechten Hand griffen nach ihrer Brust, kneteten sie, als bestünden sie aus Teig, während er die linke zwischen ihre Geschlechtsteile schob.

Angewidert warf sie einen schnellen Seitenblick zur Uhr neben dem halb leeren Blister mit blauen Pillen. Der alte Widerling erwies sich als zäh, auch wenn er sich ein, zwei blaue Pillen zu viel eingeworfen hatte, um seine Standfestigkeit für ihr Vergnügen zu verlängern. Ihre Finger krallten sich in die Seidenlaken, immer schneller senkte sich ihr Becken auf seines, und mit jedem ihrer Hüftstöße wurde sein Atem schwerer, schneller und abgehackter. Verdammt, nun komm endlich, du alter Sack!

Er röchelte. So wie Männer beim Sex es gerne mochten, war ihr Blick starr auf seinen konzentriert, als sein Körper sich für Sekunden verkrampfte. Die grauen Gliedmaßen zuckten, ein letzter qualvoller Ächzer ließ seinen Mund offen stehen, während seine Augen sich verdrehten und sein Körper plötzlich erschlaffte.

Na endlich! Ein erleichterter Seufzer entwich ihren lächelnden Lippen. Sie rang nach Atem, rief in den Raum: »Endlich!«

Sie blieb auf seinem immer noch steifen Schwanz sitzen, fühlte schwer atmend mit langen Fingern seinen nicht mehr vorhandenen Puls. Es war anstrengender gewesen als erwartet.

Langsam erhob sie sich von seinem leblosen Körper, nahm sich eine Zigarette von der Designerkommode und zündete sie mit einem diamantenbesetzten Feuerzeug an. Der erste Zug schmeckte göttlich, sie saugte ihn tief ein, als würde ihr Leben davon abhängen, paffte dann genüsslich weiter am Glimmstängel, während sie sich mit einem Handtuch das Gleitgel zwischen den Beinen wegwischte. Ihr schönes Ebenbild lächelte sie zufrieden und anerkennend vom antiken Standspiegel an. Sie drehte sich zur Seite, zog den nicht vorhandenen Bauch ein, bewunderte sich selbst, eine moderne Marilyn Monroe mit Kleidergröße 32 und kleinen Brüsten.

Nach einigen befriedigenden Zügen legte sie die Kippe in den Aschenbecher, atmete tief durch, lockerte sich. Plötzlich zuckte ihr Körper, als stünde er unter Strom, sie schüttelte den Kopf, als würde sie zu einem disharmonischen Drummer-Solo headbangen. Ihre Finger zerrten an den Haaren, sie schlug sich auf die Brust, seufzte, schrie, versetzte sich in Hysterie. Erst als eine dem Nervenzusammenbruch nahe, verheulte Gestalt aus dem Spiegel zurückblickte, griff sie nach dem Telefonhörer, wählte die 112. Ihre verzweifelte und panische Stimme war mehr als nur überzeugend, sie war oscarreif.

»Hilfe, bitte helfen Sie uns! Wir brauchen Hilfe! Ich glaube, mein Mann hat einen Herzinfarkt! Er stirbt! Bitte kommen Sie schnell.«

2

Noah schob die Hände tiefer in die Hosentaschen, während Alfie mit eingezogenem Hals neben ihm tänzelte und summte. Die Nacht war kalt, und auch wenn der Alkohol noch wärmte, so drangen die winterlichen Temperaturen durch die Jacken und engen Jeans der beiden Teenager. Sie schlenderten jetzt schon eine ganze Weile durch die nächtlichen Straßen von Chorlton-Cum-Hardy, einem Vorort von Manchester. Sean, der Pub-Besitzer des Swans und alter Bekannter von Noahs Mutter, hatte sie, pünktlich um dreiundzwanzig Uhr rauskomplimentiert, da morgen ein Schultag war. Widerwillig nörgelnd hatten sie den Pub verlassen und sich auf den Heimweg zur Maitland, einer der Wohnstraßen zwischen dem Southern Cemetery und Chorlton Water Park, gemacht.

»Alter, wir sollten uns ein Taxi leisten, sonst frieren wir uns noch den Arsch ab.« Alfie zuckte mittlerweile mehr, als dass er tanzte. Sein schmächtiger Körper zitterte in den Röhrenjeans, und die leichte Bomberjacke war viel zu dünn für nordenglische Dezembernächte. Grinsend zog Noah an der Selbstgedrehten, die zusammengequetscht zwischen seinen trockenen Lippen hing. Das letzte Bier drückte mittlerweile auf seine Blase, die Kälte machte es nur noch schlimmer. Fast war er geneigt, dem jüngeren Freund zuzustimmen, aber wie viele Manchester-Arbeiterkinder waren sie knapp bei Kasse, und das Geld war besser in Partys und Alkohol angelegt.

»Warte!« Noah blieb stehen, drückte sich an die moosbedeckte Steinmauer, der der Gehweg folgte, und blickte rüber. Einsam leuchteten vereinzelt rote Grablichter in der Dunkelheit des alten Friedhofs. Die Straßenbeleuchtung hüllte lediglich die Randbezirke des großflächigen Geländes in schwaches Licht, der Rest versank in diversen Nuancen von Schwarz. Er drückte das Glühen des Joints vorsichtig im feuchten Moos aus und klemmte ihn sorgsam über sein rechtes Ohr.

»Los, nehmen wir die Abkürzung.«

Er hielt dem kleineren Alfie eine Räuberleiter hin. Ohne zu zögern, stieg dieser auf die schulterhohe Friedhofsmauer und sprang auf die andere Seite. Noah, der einen Kopf größer und sportlicher war als sein Freund, folgte ihm, ohne sich umzusehen. Alfie klopfte sich die Handflächen an der Jeans ab, während sie sich zum Hauptweg aufmachten.

»Du weißt schon, dass das, seit den letzten Halloweenrandalen verboten ist?« Dem Tonfall nach gefiel ihm die Grenzübertretung.

Noah zog den Kopf ein, der Gedanke erwischt zu werden, behagte ihm nicht. Er war müde, durchgefroren, wollte nur noch pinkeln und ins Bett fallen.

»Ja, und vielleicht hast du Glück, und sie haben zusätzlich zu den verschlossenen Toren auch Nachtwachen abgestellt.« Sein nicht ernst gemeinter Kommentar erhellte Alfies Gesicht.

»Boah, das wäre endgeil. Stell dir vor, wir könnten so einen alten Knacker dazu bringen, sich vor Angst in die Hosen zu scheißen!«

»Du willst jetzt Streiche spielen?«

Noah schüttelte den Kopf, während er seine Schritte über die alten Pflastersteine beschleunigte und zwischen den dichten Büschen und hohen Baumkronen des alten Friedhofsteils nach dem Turm der nördlichen Kapelle suchte. 1879 eröffnet, war der Manchester Southern Cemetery mit sechsundsiebzig Hektar der größte städtische Friedhof Großbritanniens. Damit sich die Abkürzung wirklich lohnte, mussten sie den Weg verlassen und quer durch die labyrinthartige Gräberlandschaft laufen. Auf dem riesigen Gelände konnte man sich tagsüber leicht verirren, bei Nacht erst recht, denn die zahlreichen Verzweigungen und Wege waren nicht beleuchtet. Je nachdem, wo man in den Friedhof eindrang, war es wichtig, sich an Orientierungspunkte wie die gotische Turmspitze der Lodge, die der drei Kapellen oder auch des Krematoriums zu halten. Andernfalls würden sie in ihrem Zustand den Rest der Nacht über die Totenstätte irren, das wusste Noah und übernahm die Führung.

*

Von Bier und Marihuana benebelt und von Kälte getrieben, nahmen sie die erste Streckenhälfte zügig. Ohne viele Worte steuerten sie auf die nördliche Grabkapelle zu, deren Spitze sich nur wenige Meter über die hohen Baumkronen erhob. Kurz nach dem Rufen eines Käuzchens hallte das gespenstische Bellen eines Fuchses über den Friedhof. Alfie zuckte zusammen, als hätte ihn jemand beim Schlafwandeln geweckt.

»Scheiße, Mann, ist ja ein reiner Affenzoo hier.«

»Ist nur ein Fuchs, die sind schon fast Haustiere in der Gegend«, lachte Noah ihn aus, während er den Hals streckte und prüfte, ob Wachmänner in der Nähe waren. Zufrieden stellte er fest, dass keine Lichtstrahlen die Nacht durchbrachen. Er schaltete sein Smartphone an, leuchtete kurz die Wegekreuzung vor ihnen ab, schaltete es wieder aus. Der Saft des alten Akkus musste noch eine Weile reichen. Er nickte Alfie zu.

»Hier lang.«

Vor ihnen lagen kunstvolle, fast mannshohe Grabsteine, hohe Baumkronen und Mausoleen, die sich pechschwarz im Dunkel abzeichneten. Wäre es eine Vollmondnacht gewesen, wären er und Alf schon längst daheim, aber der wolkenverhangene Nachthimmel machte die alten, nah beieinanderliegenden Gräber zu echten Stolperfallen.

Alfie trat fluchend mit dem Absatz nach dem Randstein, über den er gerade gestolpert war. Seine Laune hatte sich in der letzten Viertelstunde, seit sie den Friedhof betreten hatten, drastisch verschlechtert. Genervt drehte er ohne Vorwarnung nach rechts ab, lief zur haushohen Buchsbaumhecke, die entlang eines Seitenwegs verlief.

»Was zum Teufel machst du da?«, zischte Noah hinter ihm her. »Verdammt, Alf, du kannst nicht auf einem Friedhof …«

Alfie hatte schon seinen Reißverschluss geöffnet und entledigte sich mit einem erleichterten Seufzer der Biere, die er an diesem Abend getrunken hatte.

»Scheiße, tut das gut!«

Noah folgte seinem Kumpel kopfschüttelnd, zog für einen Augenblick in Erwägung, selbst dem Druck nachzugeben und es Alf gleichzutun, stattdessen trat er ihm in den Hintern: »Arschloch. Du hättest es dir verheben können bis nach …«

Er verstummte, denn ein Windhauch wehte seltsames Gemurmel, gemischt mit zartem Glockenspiel in ihre Richtung. Ein Duft, den er zunächst nicht einordnen konnte, lag in der Luft.

Weihrauch. Ihm war, als hörte er den Seufzer einer Frau, aber es konnte auch der aufkommende Wind sein, oder seine vernebelten Sinne spielten ihm in der unheimlichen Umgebung einen Streich. Zögerlich drückte Noah die Äste der Hecke auseinander.

Was er erblickte, ließ ihn erstarren. Keinen Steinwurf entfernt unter einer alten Eiche stand eine Gruppe feierlich gekleideter Männer und Frauen um ein offenes Grab. Alle blickten andächtig in die Grube, aus der schwaches Licht nach oben drang, die Szenerie in gespenstischen Schein badete und dessen Schattenspiel aus den Gesichtern der zwei Männer, die Noah zugewandt standen, unkenntliche Fratzen formte.

Noahs Blick blieb an einem dürren Mann mit weißem Ziegenbart haften, der einen am Boden liegenden, weiß gekleideten Frauenkörper segnete. Zumindest erinnerten ihn die Gesten an seine seltenen Kirchenbesuche in Kindertagen. Niemand außer dem Alten sprach mehr. Er murmelte weiterhin fremdartige Beschwörungen, als zwei starke Armpaare aus dem Erdloch auftauchten, nach dem regungslosen Körper griffen und ihn in die Tiefen der Grabstätte zogen.

Der Sprechgesang setzte erneut ein, als die Umstehenden das Raunen des Spitzbärtigen begleiteten. Der zarte Klang schwebte durch die Nacht und lief als eiskalter, lähmender Schauer an Noahs Rückgrat herunter.

Überrascht, dass Noah sich nicht rührte, flüsterte Alfie.

»Hey, Alter, was gibt’s da zu sehen? Etwa heißen Friedhofssex?« Er schüttelte ab, packte ein und zog am klemmenden Reißverschluss seiner Jeans, während er seinen Kopf neben Noahs drückte, um zu sehen, was diesen so faszinierte. Die Stimme des Sechzehnjährigen brach schon beim ersten Wort. Unkontrolliert hallte sie wie das schrille Kreischen eines hysterischen Mädchens über den Friedhof.

»Fuck! Teufelsanbeter!«

Der Singsang verstummte augenblicklich. Die nächtliche Gesellschaft drehte sich geschlossen um und blickte suchend in ihre Richtung.

Noah vergaß zu atmen. Unfähig, sich zu bewegen, starrte er ungläubig auf die Szenerie. Alfies Gesicht hingegen war kreidebleich, seine Augen aufgerissen. Er schrie, doch kein Ton kam aus seiner Kehle. Fast warf er Noah um, als er lospreschte.

Die Begräbnisgesellschaft stürmte Sekunden später auf die Hecke zu. Die mordlüsternen Gesichter rissen Noah schließlich aus der Schockstarre. Panisch folgte er Alfie in die Dunkelheit, rannte, so schnell ihn seine Beine trugen, um sein Leben. Die weichen Knie gaben trotz des Adrenalinschubs bei jedem dritten Schritt nach. Er stolperte, fiel über Grabsteine, riss sich die Jacke an gusseisernen Schmuckelementen auf. Rannte weiter, meinte, den stampfenden Atem der Verfolger zu hören, erkannte nicht, dass es sein eigener war. Kalter Schweiß mischte sich mit warmem Blut, als dünne Äste ihm durchs Gesicht peitschten. Er spürte den Schmerz nicht, hörte nur das ohrenbetäubende Tosen seines pochenden Herzens, das aus seiner Brust springen wollte. Er kämpfte, setzte einen Fuß vor den anderen, bis er das mächtige eiserne Tor des Haupteingangs sah. Dort versuchte ein verzweifelter Alf vergebens, hochzuklettern, fiel zu Boden wie ein hilfloser Käfer.

Noah nahm keuchend die letzten Meter, half seinem vor Angst zitternden Freund über die Friedhofsmauer und zog sich mit letzter Kraft selbst hinüber.

3

Die Stimme des jungen Mannes, seine von süßer Trauer getränkten Worte schwebten noch sanft durch seine Gedanken, als er kurz vor Mitternacht das Londoner Freud-Museum in Maresfield Gardens mit einer Gruppe Poesiebegeisterter verließ. Sein Blick suchte das engelsgleiche Antlitz des Poeten, das so ausdrucksstark jedes seiner Worte widerspiegelte, doch Lenas kindlich strahlendes Gesicht schob sich davor.

»Wir machen noch einen Abstecher ins Music & Beans, Shirley hat die Kellerlounge für die Truppe reserviert. Heute waren die Gedichte so wunderbar tiefgründig und melancholisch, wir wollen uns noch etwas darüber unterhalten. Hast du nicht auch Lust mitzukommen?«

Er überlegte kurz, schenkte ihr ein gnädiges Lächeln. Dass ein Mädchen ihres Alters ihn anhimmelte, bedeutete ihm nichts. Wenn überhaupt, empfand er Mitleid. Ihresgleichen schwelgte gerne in unerfüllter Sehnsucht, erträumte sich eine Liebe wie in Büchern, doch die Realität holte sie auf den Boden der Tatsachen. Sobald ihr Prinz die Erwartungen nicht mehr erfüllte, verpuffte die Illusion des Verliebtseins. Nachdem sie ihn ausgequetscht und ausgespuckt hatten, suchten sie sich ein neues Opfer, spielten ihm die große Liebe vor ... bis sie an den Falschen oder auch Richtigen gerieten. Je nachdem, wie man es sehen wollte.

»Nächstes Mal, es ist spät geworden heute, und ich muss morgen früh raus.« Anmutig knüpfte er den Schal um seinen schlanken Hals und winkte den Mitgliedern seiner Londoner Poetry-Society-Gruppe noch zum Abschied zu, bevor der dichte Londoner Nachtnebel ihn verschlang.

4

Die heulenden Sirenen kündigten ihr Kommen an, doch als das Rettungsfahrzeug mit quietschenden Reifen direkt vor der noblen Eingangshalle des höchsten Wohntowers von London hielt, blickten das Sicherheitsteam und der Concierge überrascht aus der taghellen Lobby nach draußen.

Der Notarzt, Rowan Mcmillan, ein schlanker Mittdreißiger, sprang erstaunlich flott aus dem Fahrzeug, dafür dass dies der letzte Einsatz einer anstrengenden und langen Doppelschicht war. Er schnappte sich seinen Arztkoffer und hastete auf die geschlossene Glastür zu, während die Sanitäter die Trage und weitere Taschen mit Tempo aus dem Fahrzeug luden.

Im Inneren war sofort nach Ankunft der Rettungskräfte Bewegung in das Sicherheitsteam gekommen. Marcus Sproson, ein knapp zwei Meter großer, dunkelhäutiger Schrank von einem Mann trat schnellen Schrittes hinter dem bogenförmigen Empfangstresen hervor, öffnete den Eingang für die Neuankömmlinge und versperrte ihnen gleichzeitig mit zwei Männern den Weg.

»Die Ausweise bitte. Niemand im Haus hat einen Notfall gemeldet.« Sprosons Stimme, ein freundlicher und ruhiger Bariton, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, wem Mcmillan und seine beiden Sanitäter gegenüberstanden. Die schicken schwarz-blauen Uniformen saßen wie aufgemalt auf den Muskelpaketen und ließen keinen Zweifel daran, dass keiner der Männer ein normaler Nachtwächter war, sondern Personenschützer mit militärischer Ausbildung. Zudem hielt jeder die Schusshand scheinbar leger über den geöffneten Pistolenhalftern an ihren Hüften, als erwarteten und empfingen sie jeden Abend Kidnapper und Terroristen, die die superreichen Bewohner des Luxushochhauses terrorisieren wollten.

Mcmillan nahm sich zurück, Diskussionen über die Dringlichkeit nutzten hier nichts, er gab Sproson seinen Ausweis.

»Mcmillan, Notarzt, St. Thomas Hospital. Wir sind zu einem Herzinfarkt gerufen worden, von einer Jenna Jones.«

Die Augen des Sicherheitschefs weiteten sich, er drückte den Knopf an seinem Headset, der Anruf, den er damit auslöste, ging ins Leere. Er reichte Mcmillan den Ausweis. »Folgen Sie mir!«

Sproson eilte Richtung Aufzüge, winkte zum erschrocken dreinblickenden Concierge, der hinter dem Empfangstresen geblieben war: »Bei den Jones geht keiner ran, versuchen Sie es weiter, und rufen Sie Einheit Beta in die Lobby. Wir begleiten das Rettungsteam nach oben.«

Sprosons Zugangskarte öffnete den privaten Aufzug zur Penthouse-Etage. Die runde, zur Hälfte gläserne Kabine war in Goldmetall und hellbraunem Marmor gehalten. Die Männer verteilten sich darin. Das Rettungsteam samt Ausrüstung und Tragbahre passte gut zweimal hinein.

Ein merklich nervöser Sproson wischte sich den feinen Schweißfilm mit dem Handrücken von der Stirn und gab seinen Code ein. Die Lifttüren schlossen sich, und der Aufzug setzte sich in Bewegung. Er war verspiegelt und von draußen nicht einsehbar. Da er an der Außenwand des Wolkenkratzers entlangschwebte, konnte man von drinnen den Ausblick während der rasanten Fahrt genießen, wenn man keine Höhenangst hatte.

Shawn, der größere Sanitäter, ein fülliger Junge von kaum zwanzig Jahren, wurde blass, konnte den Blick nicht von der zunehmenden Tiefe unter ihnen wenden und machte einen langsamen Schritt nach hinten. Versteckte Lautsprecher berieselten sie während der zweiminütigen Fahrt mit den entspannten, jazzigen Klängen der Originalversion vom Girl von Ipanema. Keiner sprach ein Wort, bis sie ihr Ziel erreichten. Bevor er die Tür öffnete, nickte Sproson seinen Männern zu.

»Sichert die Wohnung, wir kümmern uns um Mr und Mrs Jones.«

Mcmillans Augenbrauen hoben sich, doch er war zu müde, um zu fragen. Offenbar war das Sicherheitsteam so gedrillt, dass es überall jede erdenkliche Art von Gefahr erwartete. Er beneidete den Lebensstil der Reichen nicht. Wer wollte schon so leben, in ständiger Angst vor Stalkern, Dieben und Kidnappern? Da zahlte er lieber seinen Studienkredit ab und suchte sich später ein schönes Plätzchen auf dem Lande, um eine Privatpraxis aufzubauen.

Als sich die Türen öffneten, empfing sie ein leerer Gang. Sproson betrat als Erster, mit der Hand an der Waffe, den sechs Meter breiten Hausflur, rief ins Halbdunkel. »Mrs Jones, wo sind Sie?«

Eine angstverzerrte Frauenstimme antwortete.

»Hierher! Kommen Sie ins Schlafzimmer.«

Mcmillan schob sich an Sproson vorbei in den Raum. Der Anblick ließ alle für Sekunden erstarrt am Türrahmen stehen. Unweigerlich zog Jenna Jones alle Aufmerksamkeit auf sich. Niemand beachtete den reglosen nackten Körper, der neben ihr auf dem Boden lag.

»Ich konnte ihm nicht helfen. Wieso konnte ich ihm nicht helfen?« Die junge Frau vor ihnen schluchzte verzweifelt. Der Hilfe suchende Ausdruck ihrer himmelblauen Augen war der eines verzweifelten Kindes. In den seitlich schlaff herunterhängenden Händen lagen noch die Griffe der beiden Elektroden des Defibrillators, der offenbar aus dem Erste-Hilfe-Schrank neben dem Bett herausgerissen und beim Rettungsversuch verwendet worden war.

Geschüttelt von Weinkrämpfen zuckte ihr schlanker Körper, sodass ihr kurzer japanischer Seidenkimono sich über der Brust bis zum Bauchnabel öffnete.

Die Schrecksekunde verstrich, die Männer drängten in den Raum, und Sproson schob die Frau sanft weg, damit das Rettungsteam seine Arbeit machen konnte. Mcmillan und die Sanitäter stürzten sich ohne weiteres Zögern auf den Patienten, wegen dem sie gerufen worden waren.

Endlose Minuten lang versuchte das Team vergeblich, Joseph Fitzgerald Jones ins Leben zurückzurufen. Beatmung, Herzmassage, Adrenalinspritze ins Herz, Defibrillator. Sie malträtierten den dürren Körper mit allen verfügbaren Mitteln und konnten doch nicht verhindern, dass die ohnehin graue Haut noch fahler und kälter wurde. Schließlich setzte Mcmillan sich auf. »Todeszeitpunkt: Montag, 10. Dezember, 00:33 Uhr.«

Die junge Witwe warf sich weinend auf den Leichnam, presste die rot bemalten Lippen auf den kalten Mund, wieder und wieder, tränkte das Gesicht ihres toten Mannes mit Tränen und Speichel: »Nein, nein. Das darf nicht sein!«

»Bitte, Mrs Jones, kommen Sie, Sie müssen sich beruhigen.« Sproson zog den schluchzenden und zuckenden Leib mit Nachdruck und Mühe vom erkaltenden Körper ihres Ehemannes und setzte sie aufs Bett. Die Sanitäter hievten die Leiche auf die Transportbahre. Der Sicherheitschef nickte ihnen zu.

»Ich bringe Sie zum Aufzug, Sie werden meinen Code brauchen, um ihn nutzen zu können.«

Der Notarzt setzte sich zu Jenna an den Bettrand, blickte eindringlich in das verheulte und mit Mascara verschmierte Gesicht und drückte ihr zwei Beruhigungstabletten in die Hand.

»Nehmen Sie jetzt eine, und falls es in einer Stunde nicht besser ist, die zweite. Haben Sie Familie oder Freunde, die sich inzwischen um Sie kümmern können?«

»Ja, habe ich.« Sie nickte benommen, schniefte und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

»Gut. Sie können in den nächsten Tagen ins Krankenhaus kommen. Beruhigen Sie sich jetzt erst einmal, schlafen Sie, und machen Sie sich um Himmels willen keine Vorwürfe! Sie haben Ihr Bestes für Ihren herzkranken Gatten getan, mehr hätten selbst wir nicht tun können, wären wir vor Ort gewesen.«

Sie presste den Handrücken auf die Lippen, biss ins Fleisch, dämmte den gequälten Aufschrei, der ihrem Mund entweichen wollte, und lehnte sich Hilfe suchend an die Schulter des Arztes.

»Oh Gott! Was soll ich nur ohne ihn tun?«

Währenddessen lag ihr Blick konstant auf ihrem Spiegelbild in seinem Rücken. Es lächelte ihr zu.

5

Wie ein dunkler Schleier lag Nacht über dem Stadtteil. Abseits des Trubels der Millionenmetropole und der ständig heulenden Sirenen schliefen die meisten Bewohner des angesagten alten Viertels von London friedlich. Nur die bodentiefen Fensterflügel von Stephens Hochparterrewohnung im viktorianischen Reihenhaus in der Warwick Road leuchteten im Dunkel. Stephen Lang, Leiter der neuen landesweiten Spezialeinheit für Serienmorde, lehnte, wie so oft, wenn er nicht schlafen konnte, am Rahmen der Terrassentür, in der Hand eine heiße Tasse Tee. Nachdenklich blickte er auf das schattenhafte Grün, in welches sein Patiogarten überging. Englischer Rasen, betagter Baumbestand. Die Heizung knackte, schaltete eine Stufe hoch. Jetzt im Dezember arbeitete sie auf Hochtouren, denn durch die hohen Decken des Altbaus war wesentlich mehr Luft zu erwärmen als in normalen Wohnungen. Der kommende Tag drängte sich in seine Gedanken. Ein neues Team, neue Büros im Scotland–Yard-Gebäude, eine komplett neue, landesweite Zuständigkeit.

Das Licht in der Wohnung neben seiner ging an. Die dazugehörige Terrassentür öffnete sich, und eine Frau in eng anliegender Kleidung trat in die Kälte. Der sportliche Rücken, den sie ihm zuwandte, streckte sich, die Frau hielt kurz inne, sammelte sich und begann mit Yogaübungen. Erstaunt sah Stephen auf die Uhr: 04:00 Uhr früh. Die letzte Woche hatte er Umzugskartons vor dem Eingang gesehen, das war dann wohl seine neue Nachbarin. Er entfernte sich diskret von der Terrassentür, zog sich in sein Wohnzimmer zurück.

*

Noch lag Nacht über der Stadt, doch der aufkommende Berufsverkehr kündigte den nahenden Morgen an, als Stephen die frisch renovierten Büroräume betrat. Seine Morgenroutine im Schwimmbad des nahe gelegenen 24/7-Fitnesscenters hatte er absolviert, doch die Bahnen, die er im olympischen Pool auf dem Dach des Hochhauses über mehr als eine Stunde gezogen hatte, hatten die Unruhe in seinem Inneren nicht besänftigt. Als er das Licht anschaltete, erstrahlten die Wände des großzügigen Areals schneeweiß, stellenweise unterbrochen durch farbige Flächen in sattem Blau, Dunkelgrün, Zitronengelb und Orangerot.

Zufrieden stellte er fest, dass das neue Abteilungsbüro im Gegensatz zu den alten Räumlichkeiten freundlich und hell war, mit vielen Fenstern. Die Leisten und Steckdosen waren noch abgeklebt, verpackte Arbeitstische und ergonomische Stühle standen verteilt im Großraumbüro, warteten darauf, an die richtige Stelle geschoben zu werden.

Stephen setzte seine Sporttasche auf dem Boden ab und fuhr sich durch die dunkelblonden Strähnen. Seine Haare waren noch feucht vom Schwimmtraining, das er seit seinem Krankenhausaufenthalt täglich zwischen fünf und sechs in der Frühe absolvierte. Ein pochender Schmerz in der Schulter ließ ihn kurz in der Bewegung innehalten. Trotz der Physiotherapie schmerzte die Schusswunde hin und wieder wie am ersten Tag. Jules. Die Verletzung hatte er sich bei ihrer Rettung geholt, und auch sie war nur knapp dem Tod entronnen.

Stephen schüttelte den Kopf über sich selbst. Als rationaler, objektiver Analytiker hatte er Karriere gemacht, ein Ermittler, der komplexe Fälle in Rekordzeit abschloss und mental ad acta legte. Effizient und pragmatisch. Die monatelange zermürbende Jagd nach dem Themse-Killer hatte alles verändert, ebenso die Begegnung mit ihr. Im Gegensatz zu Jules war ihm die Schlaflosigkeit, die er während der Ermittlungen entwickelt hatte, geblieben.

Geblieben war aber auch das Gefühl für das Böse im Menschen, das er neuerdings viel intensiver wahrnahm. Kein Wunder, dass er nicht mehr schlafen konnte. Die Erinnerung an sie glich einem Stich ins Herz, er wollte nicht an sie denken.

Die Luft im Großraumbüro war stickig. Der chemische Geruch des frisch verlegten Teppichbodens und der Wandfarbe hatten sich über Nacht im beheizten Raum verdichtet. Stephen öffnete einige Fenster, genoss den Ausblick auf die Themse und die erwachende Stadt, beobachtete minutenlang die schwindende Dunkelheit und die verlöschenden Lichter der nächtlichen Metropole.

Man hatte ihnen ein ganzes Eck des neuen, alten New-Scotland-Yard-Gebäudes am Victoria Embankment zugeteilt. Durch die vordere Fensterreihe sah man direkt auf den Fluss und die dichten Baumkronen der Platanenallee, die die Straße, welche den Yard von der Uferpromenade trennte, säumten. Tief unter den Fenstern befand sich der flache Kontemplationspool des gläsernen Pavillons im Eingangsbereich, in dem die ewige Flamme zu Ehren der im Dienst Gefallenen flackerte.

Die Fenster der seitlichen Außenwand hingegen blickten auf die grauen Dächer der vom Parlament genutzten viktorianischen Norman-Shaw-Gebäude aus rotem Backstein. Dahinter konnte man den in ein Baugerüst mit Sichtschutz verpackten Big Ben erkennen.

Alles neu für das neue Eliteteam.

Vielleicht war ein kompletter Neuanfang gar nicht mal so schlecht, auch wenn er und sein Team zwangsbefördert worden waren. Commissioner Cooper ließ sich zumindest nicht lumpen. Die Schlagzeilen und das positive Medienecho, das die spektakuläre Lösung der Themsekiller-Fälle seit Wochen erzeugte, hatten sich als Turbo für seine politischen Ambitionen erwiesen. Der Aufsichtsrat der Metropolitan-Polizeikräfte, bestehend aus Commissioner, Deputy Commissioner und den Leitern der fünf Hauptdirektorate, hatte einstimmig seinen Vorschlag für die Erstellung einer neuen, landesweit operierenden Spezialeinheit zugestimmt und alle Gelder freigeschaltet. Das MID, Stephens Einheit, war nun Coopers Prestigeprojekt, ob sie wollten oder nicht.

Entspannt nahm er die fünfzehn Meter durch das Großraumbüro zu seinem verglasten Eckbüro, packte die Sporttasche auf seinen bereits eingerichteten Arbeitsplatz und setzte sich in den Chefsessel, nur um zu verharren und nochmals den Blick über ihr neues Reich schweifen zu lassen.

Open Plan nannte sich das neue Bürokonzept, keine Wände, keine festen Arbeitsplätze, zumindest nicht für die Kollegen draußen. Stephens Abteilung stand ein geschlossener Bereich für insgesamt neun Ermittler, den Teamleiter nicht eingeschlossen, zur Verfügung. Cooper hatte noch so einiges vor, wie es schien, denn das Team bestand derzeit aus sechs Kriminalbeamten, die ihm unterstellt waren.

Stephen sah zur Glaswand, die Danicas Reich vom Rest der Abteilung trennte. Ein separater, klimatisierter Serverraum war in ihren klar strukturierten Glasraum eingebettet und nur von ihrem Büro zugänglich. Ihre Hightech-Schaltzentrale war verbaut in einen Arbeitstisch, der sich nahezu in einem kompletten Kreis um ihren Stuhl wand. Ausfahrbare Monitore, unsichtbare Computer. Etliche zusätzliche Bildschirme zierten die Wand zu ihrer Linken. Eine Hochsicherheitstür in der Rückwand ihres Büros führte direkt in die streng geheime IT- und Technologieabteilung, die wie die Stockwerke der Sektionen Terrorismusabwehr und Presse für Normalsterbliche nicht zugänglich waren.

Stephens Miene wurde nachdenklich. Er mochte die junge Ermittlerin, nicht nur weil sie im Themsekiller-Fall zur Rettung des letzten Opfers beigetragen hatte und dafür einige Grenzen hatte überschreiten müssen. Sie war eine sympathische Mischung aus unkonventionell und konservativ, selbstbewusst und doch zurückhaltend, man wurde nicht wirklich schlau aus ihr. Dass sie Teil des Teams wurde, gefiel ihm, sie brauchten jemanden, der sich in den Technologien der Neuzeit auskannte. Aber die offensichtlich noch bestehende Verbindung zum Geheimdienst machte ihm Sorgen.

Er sprang vom Stuhl auf, sodass dieser einige Meter wegrollte und am halb vollen Aktenschrank stehen blieb. Es war Zeit für einen Espresso, und er würde der Erste sein, der den schicken Vollautomaten in der modernen Abteilungsküche testete.

Gerade als er das dampfende, cremige Gold in seiner Tasse zum Mund führen wollte, ließ ihn lautes Fluchen und Rumpeln außerhalb des Büros aufhorchen.

*

Die fünf Meter breite Panzerscheibe, die die MID-Abteilung vom Rest der Etage trennte, leuchtete milchig matt und undurchsichtig in einem warmen Weißton, als wäre sie eine gigantische Wohlfühllampe und keine Trennwand zu den Büros der neuen Spezialeinheit für Serienmorde. Lediglich diskrete Lettern in Silbergrau wiesen dem Suchenden den Weg zum Murder Investigation Department.

»Scheißladen«, prustete Mark Clarkson und ließ kurzerhand den schweren, mit Akten gefüllten Umzugskarton fallen, zerrte genervt seine Ausweiskarte aus der Gesäßtasche der eng sitzenden Jeans. Er klatschte sie an den Sensor neben der Glastür, die sich automatisch und für seinen Geschmack viel zu gemächlich öffnete.

»Scheißtechnik«, polterte er weiter. »Fehlt nur noch, dass Tom mich nicht verarscht hat, und das dämliche Glasding ist tatsächlich so ein verdammtes New-Age-Stimmungslicht, das die Farbe wechseln kann.«

Fluchend trug er den Aktenberg ins Hippiedrom, so nannte er ihr neues Reich spöttisch.

*

Dass Mark es war, hätte Stephen sich denken können. Niemand wetterte so lautstark und politisch unkorrekt seine Meinung in die Welt. Der raubeinige Ermittler trug eine abgewetzte braune Lederjacke, ausgewaschene Bootcut-Jeans, Bikerstiefel und kurzärmlige T-Shirts. Das Outfit war zu jeder Jahreszeit seine Uniform. Glatt geschorener Schädel, Fünftagebart und eine tiefe, kratzige Stimme sein Markenzeichen. Seit vier Jahren bestand Langs Team aus DI Mark Clarkson und DI Tom Henderson, zwei Kriminalermittlern, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Sie waren nicht nur ein erfolgreiches Dreigespann im Job, sondern auch Freunde im knappen Privatleben.

Noch unentdeckt von Mark kippte er den Espresso runter, näherte sich von hinten.

»Seit wann führst du Selbstgespräche?«

Mark fuhr herum, blickte nach der Schrecksekunde amüsiert und verärgert drein. »Scheiße, Mann, willst du, dass ich einen Herzinfarkt kriege?«

Stephen griente. Mark war nicht so leicht zu erschrecken, trieb selbst gerne Späßchen mit anderen. Gelegentlich musste er daran erinnert werden, wie sich das anfühlte. »Welche Schönheit hat dich denn aus dem Bett geworfen?«

Der bullige Polizist setzte den Umzugskarton auf einem der Tische ab, rieb sich hämisch grinsend das Kinn, überging bewusst Stephens Frage und reichte ihm die Hand zur Begrüßung.

»Keine Sorge, Steve, ich mutiere nicht zum Streber. Bin früher da, weil ich verhindern will, dass sich hier weitere Arbeitspsychologen austoben, um harmonisches und entspanntes Arbeiten zu gestalten.« Er rümpfte die Nase Richtung Farbwände. »Das hier hat nichts mehr mit einem kernigen Männerbüro für harte Polizisten und schmutzige Fälle zu tun. Fehlt nur noch eine kuschelige Meditationsecke zum Runterkommen.«

Stephen war nicht entgangen, dass er ablenkte und nicht wie üblich mit einem zweideutigen Scherz auf seine Spitze reagierte. Die Zeichen zwischen Mark und seiner Freundin standen wohl immer noch auf Sturm, und eine Versöhnung lag noch in weiter Ferne.

»Ich schätze, da kommst du zu spät, Mark, dort ist die Lounge-Ecke, und eine Espressomaschine haben wir auch.«

6

Alfies rechtes Bein zitterte unkontrolliert unter dem Tisch, als wäre es an ein Starkstromkabel angeschlossen. Er griff nach dem Knie und drückte es mit Gewalt runter, während sein Blick hektisch über die Gäste im Inneren des Pubs und die Passanten vor dem Fenster flog.

»Ich hab heute Nacht kein Auge zugemacht, und wenn, dann wurde ich von verfickten scheiß Zombies gejagt und bei lebendigem Leibe gefressen«, zischte er in Noahs Richtung. Dessen Hände umschlossen das Bierglas vor ihm, als wollte er es mit bloßen Fingern zerbrechen. Die farblosen Lippen waren zu einer dünnen Linie gepresst.

Er selbst hatte Albträume gehabt, war gejagt worden von unkenntlichen, verzerrten Schattenfratzen, die so aussahen wie damals, als sie sich als Kinder im Dunkeln Gruselgeschichten erzählten und der Sprecher sich mit einer Taschenlampe von unten ins Gesicht leuchtete. Bis zum Morgengrauen hatte er versucht, sich einzureden, der Vorfall auf dem Friedhof wäre eine rauschinduzierte Wahnvorstellung gewesen. Sie hatten am Vorabend einen Joint zu viel geraucht, da konnte so eine paranoide Episode durchaus sein, aber dass sie identische Halluzinationen hatten, war eher unwahrscheinlich, das wusste selbst er.

Der Wetherspoon Pub war dank der billigen Tagesmenüs um die Zeit schon brechend voll. Zur Schule waren er und Alf gar nicht erst gegangen, saßen stattdessen seit dem frühen Vormittag mit hängenden Köpfen an einem kleinen Tisch mit Ausblick zur Straße. Die erkalteten Pommes vor ihnen lagen blass und schlabbrig auf kaum angerührten Tellern, dafür standen fünf leere Biergläser auf der klebrigen Oberfläche.

Noah fuhr sich über die verkratzten Handrücken, runzelte die Stirn, sodass sich die kräftigen Augenbrauen trafen, hob dann beherzt das halb volle Bierglas. Mit einem langen Zug leerte er es, setzte es entschlossen ab, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und sah Alfie direkt an.

»Wir müssen zur Polizei gehen und melden, was wir auf dem Friedhof gesehen haben!«

»Nein!« Alfies Antwort kam wie aus der Pistole geschossen, die dunkel unterlaufenen Augen huschten getrieben über die Gäste des Pubs, er senkte den Kopf, sprach leiser. »Wir müssen gar nichts! Was haben wir denn gesehen? Die Polizei wird uns für bekloppt halten. Jemand, der nachts auf dem Friedhof Frauenleichen verbuddelt? Was glaubst du, was solche Leute mit Petzern anstellen? Hä? Die Nächsten, die irgendwo verbuddelt werden, sind dann wir!« Er schüttelte energisch den Kopf. »Nein! Für so 'nen Scheiß lass ich mich nicht abmurksen. Die Alte ist so oder so tot, der tut’s nicht mehr weh.«

Noahs Magen zog sich zusammen, der Gedanke gefiel ihm ja auch nicht, aber es war das Richtige, davon war er überzeugt: »Alf, die könnten weitere Frauen umbringen, und wir wären dann mitschuldig!«

»Is' mir scheißegal!« Alfies blasses Gesicht verzog sich, glich dem eines Dreijährigen mit Trotzanfall. Er drehte sich weg, hörte nicht auf, verneinend den Kopf zu schütteln, während er minutenlang resigniert zum Fenster hinausschaute und wortlos den Menschen zusah, die den Gehweg entlangliefen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite schlenderten zwei lachende Freundinnen Anfang zwanzig. Eine sah Alfies älterer Schwester zum Verwechseln ähnlich. Wir wären mitschuldig, echoten Noahs Worte in seinem Schädel. Er zitterte, als der kalte Schauer seine Wirbelsäule hinunterglitt.

Noah beobachtete still den Kampf, den sein Kumpel im Inneren ausfocht, ließ ihm die Zeit, eine Entscheidung zu treffen, suchte selbst verzweifelt nach einer Lösung.

»Wir könnten es ja anonym oder per Mail melden.« Alfies Vorschlag klang halbherzig.

Noah schüttelte den Kopf.

»Nein, dann halten sie es erst recht für einen Scherz.« Er lehnte sich mutlos an die hohe Lehne. »Wenn, dann müssen wir es vor Ort melden.«

7

Stephen sah durch die Glaswände seines Eckbüros auf die Abteilung des MID, wo, unterbrochen von gelegentlichen Lachern, vier Männer und eine Frau dabei waren, das Inventar zusammenzubauen und im Großraumbüro aufzustellen. Sein neues Team. Ganz normale Menschen mit normalen Problemen.

In einer Stadt wie London waren Gewaltverbrechen nichts Ungewöhnliches. Im Gegenteil, weltbekannt als Heimat des ersten berüchtigten und niemals gefassten Serienkillers Jack the Ripper, hatten sie Tradition. Als Ermittler in der Mordkommission hatten er, Mark, Tom und Hobbs gewöhnliche Morde und andere schwere Verbrechen gelöst. Es war ein guter Job gewesen, machbar, befriedigend, und nach Feierabend standen die Chancen gut, dass man abschalten, die Fälle vergessen und sich mit Freunden entspannen konnte. Die Motive waren leicht verständlich und, wenn man die Natur des durchschnittlichen Homo sapiens kannte, zum Teil auch nachvollziehbar: Gier, Neid, Angst, Eifersucht, Wut, Dummheit, Geilheit, blanker Hass.

Die Erfahrung mit den Themsekiller-Morden hatte ihn gelehrt, dass ihm die Jagd nach Serienkillern wesentlich mehr abverlangen würde. Ihnen allen. Körperlich, psychologisch, vor allem seelisch. Der permanente Fokus auf das menschliche Böse konnte nicht nur labile Individuen in Depressionen stürzen.

Stephen wurde in seinen Gedanken unterbrochen und begrüßte DCI Harrison, seinen neuen Mitarbeiter und – so hatte er beschlossen – zukünftigen Stellvertreter, der soeben eintrat.

»Die Tatsache, dass die Handwerker erst nächste Woche kommen können, hat sich als Segen erwiesen.«

Sein Gegenüber nickte zustimmend und nahm Platz.

»Etwas Teambuilding außerhalb der Ermittlungsarbeit ist gut, um sich kennenzulernen.«

Sportlich, groß und schlank, strahlte Alasdair Harrison, der es vorzog, nur Harrison gerufen zu werden, in seinem zurückgenommenen Auftreten die Art von Ruhe und Vertrauenswürdigkeit aus, die Opfer und Zeugen an Polizisten so schätzten. Er hatte mit seinen beiden Ermittlern Angus Dunn und Paul Meyers ausgezeichnete Arbeit geleistet, sich vor allem als fairer Kollege während Stephens Suspendierung gezeigt. Manch anderer hätte versucht, die Ermittlungen an sich zu reißen und damit die eigene Karriere zu fördern. Nicht so Harrison. Stephen vermutete, dass sie beide aus ähnlichen Gründen Polizisten geworden waren.

Nach der erfolgreichen Zusammenarbeit am Themsevampir-Fall, hatte der Commissioner kurzerhand beide Teams zur neuen landesweiten Einsatztruppe für Serienmord verschmolzen und Stephen zum Leiter ernannt, obwohl Harrison den gleichen Rang innehatte. Die Frage war nun, ob diese Konstellation funktionieren konnte. Auch wenn er lieber seinen alten Job behalten hätte, so war Stephen gewillt, sein Bestes zu geben, um das Projekt MID zum Erfolg zu führen. Ob Harrison und sein Team das auch so sahen, würde sich noch zeigen.

»Wir sollten einige Dinge besprechen, bevor wir offiziell mit der Arbeit des MID beginnen.«

Die MID-Zentrale sah langsam nach Büro aus, als die beiden kurze Zeit später aus Stephens Bereich traten und sich zum Rest des Teams gesellten. Mark und Tom hatten mit Angus und Paul die letzten Aktenschränke komplett zusammengebaut und schoben sie nun an die richtigen Stellen im Raum. Außer dem angestrengten Atem, dem ein oder anderen leisen Fluchen und gelegentlichen Anweisungen, was gehalten oder geschoben werden musste, war nur Danica zu hören, während sie die einzelnen Arbeitsstationen einrichtete und letzte Konfigurationen an der Software vornahm.

Die überraschende Stille kam nicht von ungefähr. Angespannte Erwartung elektrisierte die Luft, als die beiden bisherigen Vorgesetzten in den Raum traten. Ähnlich wie vor einem Sturm, der entweder befreiend und erfrischend oder zerstörerisch wirken konnte. Stephen krempelte die Ärmel hoch.

»Wo können wir helfen?«

»Jetzt, wo alles fertig ist, kannst du ja die Sekretariatsarbeiten erledigen«, brummte Mark vor Anstrengung schief grinsend in seine Richtung und drückte den schweren Schrank an die Wand. Erleichtert packte Stephen mit an, während Harrison den Aktenschrank an der Wand festschraubte. Diese Art scheinbar respektloser Kommentare unter seinen Männern war anerkanntes Mittel, um ohne viel Worte zu sagen: Alles in Ordnung, kein Stress. Das war ein gutes Zeichen, vor allem da es von Mark kam. Normalerweise zog dieser den Status quo irgendwelchen Veränderungen vor, und das neue Team, die innovativen Büroräume und auch die neuen Zuständigkeiten waren drastische Veränderungen. Er liebte seinen alten Job und die Arbeit mit Tom und Stephen. Das war der einzige Grund, warum er die Beförderung und Versetzung überhaupt angenommen hatte, das hatte er gleich beim ersten Gespräch mit dem Commissioner allen auf die Nase gebunden, in der ihm so eigenen direkten Art. Bisher war Tom der Einzige, der sich auf den neuen Job freute. Selbst Mark konnte ihm das nicht verübeln. Geordnetere Arbeitszeiten, mehr Ermittler, die sich Aufgaben teilten und damit mehr freie Wochenenden, die Tom mit Frau und Sohn verbrachte.

»Ich glaube, wir werden heute Mittag noch fertig«, stellte Harrison zufrieden fest und schob zwei Bürostühle an einen Computerarbeitsplatz.

»Wir kommen gut voran.« Behutsam pustete Tom Staub von einem Aktenstapel, hob ihn vorsichtig ins Regal und achtete darauf, das Weiß seines perfekt gebügelten Hemdes nicht zu verschmutzen.

»Schnösel«, schnarrte Mark hämisch hinter ihm her. »Echte Kerle haben keine Angst vor Dreck.«

Das brachte ihm ein zustimmendes Lachen von Angus ein, einem groß gewachsenen Highlander und Harrisons rechter Hand.

Tom drehte sich um, richtete den Gürtel an seiner Anzughose und strich sich provozierend durch die perfekte Elitecollege-Frisur. An Mark, den Patenonkel seines Sohnes gerichtet, antwortete er süffisant.

»Wir müssen ja nicht alle so aussehen, als wären wir aus einer Episode der Profis herausteleportiert worden, du William-Bodie-Klon.«

Sogar Danica grinste wissend, verstand die Anspielung, was Stephen überraschte, da sie dafür eigentlich zu jung war. Wie es schien, gaben sich alle Mühe, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Das war gut so.

Die Eingangstür zum MID glitt auf, und Doktor Hobbs betrat den Raum. Mit einem Blick erfasste der in die Jahre gekommene Gerichtsmediziner die Situation und konnte sich eine seiner typischen Bemerkungen nicht verkneifen.

»Ajaja. Die Spezialermittler werkeln an der Einrichtung, na wenn das mal gut geht. Ich hoffe, ihr habt auch einen Erste-Hilfe-Koffer in der Ausrüstung.« Hobbs gesellte sich zum Team, machte aber keine Anstalten, außer mit humorigen Kommentaren zu helfen: »Ist das MID schon so gefürchtet, dass sich alle Serienkiller in ihren Löchern verkrochen haben, oder ist das hier so eine neumodische teambildende Aktion?«

Mark griente zustimmend. Alle kannten und fürchteten Hobbs' bisweilen sehr trockenen Humor. Stephen blickte von den Akten in seinen Händen auf und sah auf den hageren grauhaarigen Mann, der seine eins dreiundachtzig immer noch um zehn Zentimeter überragte.

»Wenn das hier Teamarbeit wäre, hätten wir sicher nicht vergessen, dich zum Möbelschleppen einzuladen, alter Mann.« Er verstaute die Unterlagen im abschließbaren Schrank. »Aber du hast nicht ganz unrecht, Hobbs, es tut sich nichts, und bevor wir noch länger auf die Handwerker warten, machen wir’s lieber selbst.« Er stand auf und begrüßte seinen Freund mit Handschlag. »Bringst du uns Arbeit?«

Harrison trat mit Danica zum Rest des Teams, das sich erwartungsvoll um den Rechtsmediziner sammelte. Dessen Blick war mitleidig. Hungrigen Wölfen gleich warteten sie auf seine Antwort, und er legte den Stapel Unterlagen, den er mitgebracht hatte, auf den Tisch vor Stephen.

»Tut mir leid, nur die Autopsie-Unterlagen zu den ungelösten Fällen, die du haben wolltest.«

8

Die kleine Polizeistation war weder beeindruckend noch bedrohlich, trotzdem standen Noah und Alfie minutenlang davor und starrten auf den Eingang. Der Mut, den sie sich im Pub angetrunken hatten, war verschwunden, ebenso wie der Alkohol in Noahs Blut. Sein Kopf war klar und nüchtern, genau das, was er verhindern wollte. Sie bemerkten nicht einmal das Polizeifahrzeug, das keine fünf Meter von ihnen entfernt anhielt und aus dem zwei Uniformierte ausstiegen und sie erst einmal argwöhnisch betrachteten.

»Hey! Ihr da!« Einer der Polizisten sprach sie an.

Die Jungs zuckten vor Schreck zusammen. Noah packte Alfie schnell am Ärmel, bevor der seinem Fluchtimpuls nachgeben konnte.

»Ja, Sir?«, stotterte Noah.

»Ihr wollt offenbar hinein. Braucht ihr Hilfe?«

»Nein danke, wir kommen schon zurecht.«

Der Beamte zeigte freundlich zum Eingang, auf den er und sein Kollege zusteuerten. Noah zerrte Alfie am Arm, und sie folgten den Männern hinein.

Sergeant Sutherlands leicht übergewichtiger Körper bebte. In den letzten vierzig Jahren als Polizist hatte er schon viele skurrile und seltsame Meldungen aufnehmen müssen, aber so etwas war ihm noch nicht untergekommen. Die Hände auf seinen Arbeitstisch gestützt, donnerte er durch das große Büro.

»Wen wollt ihr verdammt noch mal verarschen?«

Die rhetorische Frage war zwar an die beiden Jungs gerichtet, die ihm mit hängenden Schultern und blassen Gesichtern gegenübersaßen, aber sein Blick schweifte demonstrativ über die Köpfe seiner amüsierten Kollegen an den umliegenden Tischen. Er kannte die Späße, die einem in den letzten Tagen vor der Rente gespielt wurden, hatte sich in jüngeren Jahren selbst einige ausgedacht. Die beiden halben Portionen vor ihm beharrten so vehement darauf, dass ihre Geschichte kein Scherz oder Streich war, dass es nervte. Offenbar wollten weder sie noch die Arbeitskollegen die Situation auflösen.

Sutherland atmete tief und langsam ein. Seine Frau hatte es ihm empfohlen, wenn er wieder mal kurz vor dem Explodieren war. Er raufte den kurz geschorenen grauen Flaum, der ihm noch auf dem breiten Schädel verblieben war, stöhnte gequält und blickte auf das rustikal gerahmte Bild einer Blockhütte am See, das auf seinem Tisch stand. Augenblicklich entspannten sich seine Gesichtszüge, seine Schultern senkten sich um einige Zentimeter. Er musste nur noch acht Tage durchhalten, dann ging er in Rente.

»Halloween ist sieben Wochen her, also kann das nicht der Grund sein.« Seine Feststellung klang versöhnlich. »Ist das hier so eine Mutprobe unter Teenagern?«

»Nein.« Noahs Stimme war fest und ruhig, Alfies Knie hingegen zuckte wieder, sein Blick wanderte durch den Raum, als ginge ihn das Ganze nichts mehr an.

Der Kopf des Beamten pendelte verneinend hin und her, als könnte er die obskure Geschichte, die ihm aufgetischt wurde, aus den Ohren herausschütteln.

»Rekapitulieren wir. Ihr seid widerrechtlich nachts über den Friedhof geschlichen und habt gesehen, dass Satanisten um Mitternacht ein Grab geöffnet, den Teufel beschworen und ihm eine Braut geopfert haben? Ihr habt keine Ahnung, wo genau das geschändete Grab auf dem Friedhof liegt, und beschreiben könnt ihr die Teufelsbeschwörer auch nicht, bis auf einen graubärtigen, dürren Greis.«

Noahs Augenbrauen zogen sich zusammen, seine dunkelblauen Augen blickten den genervten Polizisten ernst an.

»Eigentlich haben wir nur gesagt, dass eine Gruppe von festlich gekleideten Menschen über einem geöffneten Grab gemurmelt haben und eine tote oder ohnmächtige Frau in Weiß begraben werden sollte.«

Sutherland verdrehte die Augen, seine Geduld war schon zu Beginn des Gesprächs knapp bemessen gewesen. In ihrem beschaulichen Vorort gab es Besoffene, Prügeleien, Diebstahl, häusliche Gewalt und Ruhestörung. Aber Satanisten? Nein, nicht bei ihnen, so etwas gab es, wenn überhaupt, nur in Großstädten.

»Jungs, ich weise ein letztes Mal ausdrücklich darauf hin, dass eine Falschaussage oder Irreführung von Polizeikräften strafbar ist. Solltet Ihr also daran festhalten wollen, könnte das Konsequenzen haben.« Der strenge Blick aus seinen kaffeebraunen Augen schwebte von einem zum anderen Teenager. »Und ihr seid ganz sicher, dass ihr keine Drogen genommen habt? Wir können einen Bluttest machen, gleich jetzt.«

Alfie sank weiter in seinem Stuhl zusammen, schlang die Arme schützend um seinen schmächtigen Körper. Noahs Gesicht verlor das letzte bisschen Farbe, seine Finger tasteten nach den feinen Striemen, die er sich bei seiner Flucht durch die Sträucher geholt hatte. Es war ein Gefühl, als würden sie auf seiner kalten Haut glühen.

»Es kann sein, dass wir ein Bierchen zu viel getrunken haben«, stammelte er und senkte den Blick. »Vielleicht haben wir uns auch einen Joint mit Freunden geteilt.«

Sutherland nahm die beiden Ausweise der Jungs vom Tisch und streckte sie ihnen entgegen.

»Es reicht, findet ihr nicht auch? Geht zur Schule, Jungs, und ich vergesse die Sache.«

Noah begann an seinem Entschluss, den nächtlichen Vorfall der Polizei zu melden, zu zweifeln. Wie es schien, hatte Alfie recht. Sie hätten die Sache auf sich beruhen lassen sollen, die Polizei glaubte ihnen kein Wort. Trotzdem konnte er nicht anders, versuchte es ein letztes Mal, flehte.

»Das ist kein Scherz. Die Risse auf Händen und Gesicht habe ich mir nicht einfach so geholt. Wir sind um unser Leben gelaufen! Bitte glauben Sie uns.«

Sutherlands Ausdruck war väterlich.

»Jungs, ich kann mir gut vorstellen, dass ihr wirklich meint, etwas Schreckliches gesehen zu haben, aber das war nur in euren Köpfen, glaubt mir, ihr seid nicht die ersten, die einen wilden Ritt hatten nach Alkohol und Marihuana.«

Der Hauch eines Lächelns zog Alfies Mundwinkel nach oben, er grapschte nach seinem Ausweis, sprang auf und machte sich wortlos auf den Weg nach draußen, während Noah seinen Ausweis langsam ins Portemonnaie packte und einen allerletzten Versuch unternahm.

»Bitte! Bitte sehen Sie sich auf dem Friedhof um, ein frisches Grab muss doch auffallen. Wir sind nur hergekommen, weil ein Mord geschehen sein könnte und wir helfen wollten.«

Der beschwörende, fast schon traurige Blick aus den dunkel umschatteten Augen des blassen Jungen ließ Sutherland innehalten. Beide Teenager hatten noch keine Vorstrafen, und wenn sie auch noch so verratzt aussahen, wie alle Teenager dieser Tage, so konnte er an ihnen nichts Verdächtiges oder Bösartiges finden, nicht einmal an dem kleineren, der seit Betreten der Polizeistation seinem Blick ausgewichen war und kaum ein Wort gesagt hatte.

»Gut, Junge. Ich werde mich darum kümmern. Ich verspreche es.«

9

Die Arzthelferin, die ihr die Papiere und die Todesurkunde überreichte, sah besorgt nach draußen.

»Mrs Jones, ich kann Sie gerne durch einen der Seitenausgänge begleiten, dort werden Sie nicht belästigt.«

Mit einem Blick durch den Krankenhaus-Ausgang erfasste Jenna die Situation. Ein Dutzend Paparazzi lungerte vor dem Eingang herum. Manche blickten genervt auf die Uhr, andere lehnten entspannt an ihren Autos, die im absoluten Parkverbot standen. Alle warteten auf sie.

»Danke, Liebes!« Die große schwarze Sonnenbrille verbarg Jennas amüsiertes Heben der Augenbrauen. »Ich muss da durch und besser früher als später.«

Alles war nach Plan gelaufen. Die Todesurkunde war ohne Nachfragen und Autopsie ausgestellt worden. Nichts anderes hatte sie erwartet. Alle Welt bemitleidete sie. Jeder sprach ihr sein Beileid aus, bot seine Hilfe an. Sogar die Spezialisten, die den alten Widerling wegen seines Herzfehlers behandelt hatten. Sie nahmen sie in den Arm, hielten sie ein paar Sekunden länger umschlungen, als es angebracht war, und sie ließ es traurig und schüchtern lächelnd geschehen, drückte ihnen die Rundungen ihres Körper entgegen.

Männer. Sie waren so einfach zu manipulieren. Während der Wiederbelebungsversuche hatte sie mit versteckter Genugtuung wahrgenommen, dass die unsicheren Blicke der Sanitäter und des Arztes immer öfter zu den aufblitzenden Öffnungen des Seidenkimonos gewandert waren, den sie um ihren unbekleideten Körper geworfen hatte. Selbst wenn die Polizei sie später befragte, sie würden sich nur an eine völlig verzweifelte junge Frau, blitzende Schenkel und nackte Brüste erinnern. Alle weiteren Umstände blendete das männliche Hirn in solch einer Situation aus. Das war ein Anblick, der eine Mischung aus Beschützerinstinkt und Geilheit bei Männern hervorrief, das wusste sie nicht erst seit gestern. Sie würden sich selbst bei intensiven Vernehmungen an keine weiteren Details erinnern können.

Sie zupfte den Saum ihres nachtschwarzen Designerkostüms zurecht, überprüfte die tiefroten Lippen im Handspiegel und drückte die weichen Locken eines Vierzigerjahre-Filmstars in Form, bevor sie mit schwingenden Hüften nach draußen trat.

Als sie das Krankenhaus verließ, kam Leben in die wartenden Reporter. Josh, einer der Paparazzi, spuckte seine Fluppe auf den Bürgersteig und trat sie aus. Sie hatte nicht zu viel versprochen bei ihrem Anruf. Eine blonde Göttin in Schwarz, bereit, die Massen zu bezaubern. Das würde sich ausgezeichnet verkaufen.

Eine Traube von Menschen sammelte sich um Jenna, hüllte sie in eine Wolke aus durcheinander sprechenden Stimmen. Eine Kakofonie aus zugerufenen Fragen ergoss sich über die frischgebackene Witwe.

»Jenna, was ist passiert?«

»Mrs Jones, geht es Ihnen gut?«

»Jenna, ist es wahr, dass dein Mann beim Sex gestorben ist?«

Sie wedelte sanft mit den Armen, bis alle still waren.

»Ich werde Ihre Fragen beantworten, eine nach der anderen. Aber bitte nicht alle gleichzeitig.«

*

Die Skyline der Stadt hob sich gestochen scharf vom Abendhimmel ab. Er liebte es, durch die breite Fensterfront seiner schicken Londoner Stadtwohnung nach draußen auf die sich verändernde Welt zu blicken – gleich einem Bild, das sich ständig verwandelte, oder einem Film, der nur für ihn gezeigt wurde. Nicht mehr lange, und draußen brach die Nacht über die City herein. Auf Gardinen oder Rollos verzichtete er, zumindest in Wohnzimmer und Küche, auch auf Licht, wenn es möglich war.

Es war ein anstrengender Arbeitstag gewesen, und er war fest entschlossen, ihn auch diesmal auf der Couch bei einem guten Glas Whisky und einem Buch langsam ausklingen zu lassen.

Die antike Einrichtung seiner großzügigen Zweizimmerwohnung war geschmackvoll und bildete einen interessanten Kontrast zur modernen Architektur. Die massiven Möbel wirkten leicht deplatziert, hätten besser in ein Herrenhaus gepasst oder in noch größere Räume, in denen sie wirken konnten. Dennoch strahlten sie auch hier Behaglichkeit und Wärme aus.

Er schob den schwenkbaren Schirm der antiken Leselampe über die Zeitung, die in seinem Schoß lag. Das warme Licht hob die Buchstaben angenehm vom Hintergrund ab, während die Nachrichten auf dem Fernseher vor sich hin plätscherten und von einer verheerenden Sturzflut und nicht enden wollenden Regenfällen an der Südküste Englands berichteten.

Er streckte die langen Beine aus und legte sie über Kreuz auf einem samtbezogenen Schemel ab, zog dabei die edlen Pantoffeln nicht aus. Gerade als er das Kulturfeuilleton aufschlug, veränderte sich der Geräuschpegel des Fernsehers und ließ ihn aufblicken. Die Nachrichten waren vorbei, und der Unterhaltungsteil begann. Nicht, dass ihn der interessiert hätte, aber die Sprecherin des Tratsch-Magazins tat so, als würde sie bedeutsame Nachrichten verlesen. Das weckte seine Neugier. Hinter ihr wurden Paparazzi-Fotos der Besprochenen gezeigt, während sie kommentierte.

Gestern verstarb einer der reichsten Männer Londons, der Immobilienmagnat Joseph Fitzgerald Jones im Alter von dreiundsiebzig Jahren an einem Herzinfarkt. Aus vertraulichen Quellen wissen wir, dass seine Frau Jenna um 23.29 Uhr den Notarzt rief und bis zum Eintreffen der Ambulanz versuchte, ihn wiederzubeleben, leider vergeblich. Die völlig gebrochene junge Witwe stellte sich heute den Fragen der Presse.

Der Bericht schaltete auf einen Mitschnitt vom Nachmittag um. Eine bis in die Haarspitzen perfekt gestylte Frau in Schwarz stand vor dem Haupteingang des St.-Thomas-Krankenhauses. Umkreist von Reportern, klebten mehrere Kameras auf ihr, verfolgten jede Regung, jede Bewegung. Jenna Jones schluchzte herzergreifend, nahm die überdimensionierte Markensonnenbrille ab und sah mit makellos geschminkten, rot geweinten Augen aufrichtig in die Kamera. Direkt in seine Augen.

Sein Herz machte einen Sprung, als er sie erkannte. Sie beantwortete die Fragen des Reporters mit bebender und, so fand er, außerordentlich kontrollierter Stimme.

Seine linke Augenbraue hob sich anerkennend, sie beherrschte die subtile Körpersprache mit der Perfektion einer großen Manipulatorin. Kleopatra. Katarina die Große. Mata Hari. Sie stand ihnen in nichts nach. Die aufgeklappten Lippen zitterten beim Sprechen schwach, erinnerten an die permanent halb geöffneten Münder männlicher und weiblicher Models. Eine in Medien, der Werbung und Fotografie immer wieder gern genutzte Pose, die sexuelle Erregung suggerierte und unterbewusst die entsprechende Reaktion beim leicht beeinflussbaren männlichen Publikum hervorrief.

Aufmerksam verfolgte er den Bericht weiter. Als hätte er eine Entscheidung gefällt, nahm er die Füße vom Schemel, legte mit manikürten Fingern die Zeitung ordentlich zusammen, platzierte sie auf dem Beistelltisch unter der Stehlampe und machte den Ton lauter.

»Ich habe ihn geliebt, mehr als mein Leben. Ich würde alles geben, um ihn zurückzubekommen.« Sie schniefte trotzig. »Jeder, der etwas anderes behauptet, ist ein widerlicher Lügner.«

Gott, sie war gut. Er lächelte.

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