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Lehrjahre

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Prolog
  6. 1: Das Vorstellungsgespräch
  7. 2: Erster Tag
  8. 3: Der Morgen danach
  9. 4: Sugardaddy
  10. 5: Auszeit
  11. 6: Der Gespiele
  12. 7: Das Notizbuch
  13. 8: Das Zimmermädchen
  14. 9: Ein Mädchen allein …?
  15. 10: Die Frau
  16. 11: Im Bonbonladen
  17. 12: Nachher

Prolog

Wie sie so in der Zimmerecke sitzt, erinnert sie mich an eine Spinne, die auf eine Fliege wartet – wachsam, reglos, von überirdischer Zufriedenheit. Selbst voller Erwartung ist sie scheinbar kühl und beherrscht. Ich stehe nackt und stolz vor ihnen beiden und genieße das erregende Gefühl, dass zwei Paar Augen mich betrachten. Nicht im Geringsten verlegen, im Gegensatz zum ersten Mal, erfüllt mich das Bewusstsein meiner Wirkung. Im Lampenschein leuchtet meine Haut wie heller Bernstein, und meine Brüste sind keck wie junge Knospen. Ich lege die Hände darauf, fahre mit den Fingerspitzen um die Brustwarzen.

Ich halte seinem Blick stand, der mir fragend vorkommt. Überlegt er, wer ich bin? Interessiert es ihn? Geht es genau darum oder um das Gegenteil? Ist es unsere völlige Anonymität, auf die es hier ankommt? Oder fragt er mich, was wir tun, wie wir weitermachen sollen, und wenn ja, begreift er nicht, dass nicht ich das entscheide?

Ich warte wie schon zuvor, wie sie mich gelehrt hat zu warten. Sie ist es, die hier das Sagen hat, und was ich möchte, spielt keine Rolle. Aber ich will diesen Mann, diesen … Jungen. Denn das ist er eigentlich. Seine glatte, gebräunte Haut, seine großen, strahlenden Augen, noch unbefleckt von zu viel Leben – er ist achtzehn, höchstens neunzehn. Ich habe noch nie einen jüngeren Mann gehabt, und die Anziehung ist stark, sowohl körperlich als auch seelisch. Dass er einige Erfahrung hat, ist offensichtlich. Er ist auf jeden Fall zu hinreißend, um noch unberührt zu sein. Aber er hat unbestreitbar etwas Unschuldiges an sich, und das hat mit seiner Sauberkeit zu tun, mit der Sauberkeit seiner Haut und mit dem Vertrauen in seinem Blick. Er hat sich wie ich bereit erklärt, sich ihren Launen zu unterwerfen, oder warum wäre er sonst hier?

Hinterlist gehört nicht zu ihren Waffen, da bin ich mir sicher; ich glaube ihr, dass sie freimütig ist. Ich überlege, was für ihn dabei herausspringt, aber dafür bleibt nur ein Moment.

»Nimm ihn«, sagt sie, meine Gedanken unterbrechend. Es hört sich an wie ein Husten. Jahrzehnte voll filterloser französischer Zigaretten haben ihren Tribut gefordert.

Das ist das Zeichen, auf das ich gewartet habe. Während ich auf ihn zutrete, nehme ich eine gebieterische Haltung an – schließlich bin ich älter als er, wenn auch nur um drei oder vier Jahre – und fasse an seine nackte, unbehaarte Brust, um ihn sanft niederzudrücken. Er gibt nach und lässt sich auf das Bett fallen, sieht mich dabei mit gespielter Überraschung an, einen ironischen Zug in den Augen und um die Mundwinkel.

Dann komm doch, scheint er wortlos zu sagen.

Sie hat das Bett eigens für uns bezogen, diesmal mit glänzend schokoladenbraunen Satinlaken, wie man sie in kleinen Luxushotels in Zeitschriften sieht. Ich steige rittlings auf ihn und nehme seinen Schwanz in die Faust. Doch ich weiß, so einfach will sie es uns nicht machen. Ich sehe zu ihr hin und warte auf neue Anweisungen.

Sie raucht wieder und verzieht keine Miene. Ich frage mich erneut, ob sie nicht eigentlich mitmachen will, und dann kommt mir zum ersten Mal der Gedanke, dass sie es vielleicht doch tut, innerlich. Sie fürchtet sich nur davor und verbirgt das hinter dem Anschein von Gleichgültigkeit. Aber warum sollte eine gleichgültige Frau so viel Mühe auf sich nehmen? Sie muss etwas davon haben, egal wie gering es zunächst erscheint.

»Besteige ihn«, sagt sie schlicht, und ich fühle meine Muschi zerfließen. Ich bringe sie an seinen begierigen Schwanz, lasse ihn kurz daran entlangstreifen, nur um ihm zu zeigen, wer der Boss ist. Natürlich bin ich nicht der Boss, aber unter uns beiden auf dem Bett habe ich mehr zu sagen als er. Dann stülpe ich mich über ihn und stelle erfreut fest, dass ich ihm passe wie ein seidener Handschuh. Er stöhnt, und während ich mich auf ihm bewege – hin und her und im Kreis –, greife ich an meinem Hintern vorbei, um seine flaumigen Eier in die Faust zu schließen.

Eine Weile pumpe ich ihn in mich hinein und verschlinge sein Gesicht, starre auf diese großen Augen, die noch größer sind, seit er in mir drin ist, und auf dieses glatte Kinn, auf die weichen, braunen Ponyfransen, die zur Seite weggerutscht sind. Dann drehe ich den Kopf zu ihr, um zu sehen, was sie tut, während wir uns paaren. Und als sich quer durchs Schlafzimmer unsere Blicke treffen, sehe ich keine Teilnahmslosigkeit, sondern einen Funken, ein glimmendes Feuer. Es berührt sie. Ich jubiliere innerlich. Wir törnen sie an.

»Komm jetzt«, sagt sie, und ich nicke, fasse mit zwei Fingern an meine Klitoris, drücke sie kurz und fühle, wie sie pulsiert, dann fange ich an, sie zu reiben. Ich blicke dabei auf meine Hand. Ich bringe es nicht fertig, sie anzusehen, während ich das tue, während ich mich vollends gehen lasse.

Ich blicke auch ihn nicht an, weiß aber auch so, dass er inzwischen die Augen zu hat und verzückt verdreht. Aber er hält mich fest an den Hüften gepackt, um mich kräftiger auf sich herunterzuziehen, und ich merke am Rhythmus, der sich zwischen uns eingespielt hat, dass er auch bald kommen wird.

Ich biege den Rücken durch, als mein Orgasmus einsetzt, werfe den Kopf in den Nacken und verziehe das Gesicht wie unter Schmerzen.

»Oh, Mann«, höre ich mich stöhnen, aber es klingt wie von weit her, wie aus einer anderen Welt. In diesem Moment reißt der Junge die Hüften hoch, zuckt wie willenlos und kommt, die Hände fest an meinen Hüften. Ich lasse mich auf ihn fallen, meine Haare wischen ihm übers Gesicht. Ich keuche, fühle mich vom Orgasmus erschöpft und will ihn sofort wieder, wünsche mir das Gefühl zurück, sowie es verebbt ist.

Ich blicke aufgewühlt zu der Ecke, wo sie sitzt. Sie steht auf.

»Das ist alles. Ihr dürft euch anziehen«, sagt sie.

Mein Mund setzt zu einem Nein an, aber sie hat die Hand schon am Türknauf, und ich weiß, dass es keinen Zweck hat. Dass es für sie vorbei ist und darum auch für uns. Wie zuvor hat sie es eilig, wegzukommen. Wird sie sich jetzt befriedigen, allein in ihrem Zimmer?

»Komm, Mädchen«, sagt sie ein wenig ungeduldig, und ich hebe meine Sachen vom Boden auf und eile ihr nackt hinterher. Als ich in der Tür an ihr vorbeigehe, dreht sie sich zum Bett um.

»Danke«, sagt sie zu dem Jungen mit einer leichten Neigung des Kopfes. Es klingt ein bisschen kalt.

Er lächelt sie an, nickt, sagt aber nichts.

Sie zieht die Tür zu, und wir trennen uns an der Treppe: sie auf dem Weg in ihr Arbeitszimmer, ich zur Dusche. Während ich hinaufsteige, erinnert sie mich, dass wir um vier Uhr zusammenkommen müssen, weil sie Briefe zu diktieren hat. Ich sage, dass ich es nicht vergessen habe und dass ich da sein werde.

1: Das Vorstellungsgespräch

Ich heiße Genevieve Carter, und ich muss ein Geständnis machen. Meine ältere Schwester Vronnie, bei der ich die letzten drei Monate auf ihrem sehr schicken Sofa von Heal’s gepennt habe, glaubt, ich hätte mir auf dem Londoner Pflaster nach einem Job bei der Presse die Hacken abgelaufen. Stattdessen habe ich in Cafés gesessen, einen Milchkaffee über den ganzen Nachmittag ausgedehnt und träumend durchs Fenster gestarrt. Oder vielmehr habe ich an einem Roman geschrieben – ich habe immer Schriftstellerin werden wollen. Aber bisher war es, als würde ich mit dem Kopf gegen eine Mauer rennen – es wollte einfach nichts kommen. Mein Notizbuch ist voll von misslungenen Anfängen und abgebrochenen Sätzen, Gekritzel und schmutzigen Zeichnungen und Klecksen aus meinem schmierenden Kuli. Ich neige dazu, mit den Gedanken abzuschweifen.

Vron wäre auf achtzig, wenn sie es wüsste (stark untertrieben). Ich habe ihre Gastfreundschaft schon zu sehr ausgenutzt. Dass sie im zarten Alter von fünfundzwanzig bei einem der großen Hochglanzmagazine als Modeschöpferin arbeitet, zeigt, wie gut sie sich durchbeißen kann. Sie entschied sich, was sie werden wollte, und machte sich an die Arbeit. Ich wünschte, ich wäre wie sie: zielstrebig, tatkräftig, pragmatisch. Sie benutzte andere als Steigbügel, verlor Freunde und blickte nie zurück.

Ich dagegen fühlte mich verloren und ohne Ziel, seit ich die Uni verlassen und mit Nate, meinem Oberstufenfreund, Schluss gemacht habe. Manchmal frage ich mich, ob es bei der Schriftstellerei nicht bloß ums Schreiben, sondern auch darum geht, einen Platz für sich, eine Rolle im Leben zu finden.

Nur – dieser Nachmittag ist ein bisschen anders, wie ich zu meiner eigenen Überraschung sagen muss. Ausnahmsweise trödle ich nicht in einem Café herum – ich tue wirklich, was ich vor Vron behauptet habe, und gehe zu einem Vorstellungsgespräch. Als ich vor zwei bis drei Wochen durch die Anzeigenseiten des Guardian blätterte, stieß ich auf eine Annonce, in der ein Schriftsteller im Westen der Stadt eine Assistentin/Haushaltshilfe sucht, und ich bin freudig unterwegs zu der entsprechenden Adresse. Die Chancen, den Job tatsächlich zu bekommen, sind natürlich dünn, aber wenn ich ihn doch bekäme, würde sich in solch einer kreativen Atmosphäre vielleicht meine Blockierung lösen. Außerdem ist die Bezahlung nicht schlecht.

Ich blicke auf das Papier in meiner schwitzenden Hand – einen handgeschriebenen Brief auf feinem Papier, knapp, sachlich, mit Datum und Uhrzeit, zu der ich mich einzufinden habe. Ich lese noch einmal die Adresse – 167 St Petersburgh Place, W 2 – dann schaue ich nach dem nächsten Straßenschild. Ja, ich bin auf der Moscow Road. Ich muss in die übernächste Querstraße links einbiegen, dann bin ich da.

Noch einmal mustere ich die Initialen unter dem Brief. A. F. könnte es heißen, oder A. T. Seltsam, dass derjenige nicht mit vollem Namen unterschrieben hat, dass er seine Identität nicht preisgeben will. Ich weiß nicht einmal, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Ich frage mich, ob es etwa Sir Andrew Fogerty sein könnte, aber dann fällt mir ein, dass in der Anzeige »Schriftsteller« stand und er in erster Linie Biograph ist.

Als ich auf den St Petersburgh Place biege, werde ich nervös und muss ein paar Mal tief Luft holen, um mich zu beruhigen. Ich gehe langsam, und dann, als ich das Haus auf der linken Straßenseite entdecke, merke ich, dass ich gut zehn Minuten zu früh da bin. Darum gehe ich weiter die Straße entlang und spekuliere über den geheimnisvollen A. F./A.T.

Ich erkenne sie, sowie sie die Tür öffnet, an der der grüne, ausgebleichte Lack abblättert. Im Vergleich zu den letzten Fotos, die ich von ihr gesehen habe, ist sie beträchtlich gealtert. Immerhin ist es über zwanzig Jahre her seit ihrem letzten Buch, mit dem sie wirklich Eindruck gemacht hat – das war kurz nach meiner Geburt. Ich habe sie natürlich alle gelesen und stimme überhaupt nicht mit den Kritikern überein, die ihr vorwerfen, an Niveau und Inspiration eingebüßt zu haben. Doch die jüngsten Pressefotos waren dürftig, und sie hat beileibe kein alltägliches Gesicht.

»Komm herein«, sagt sie schlicht, und an ihrem befriedigten Blick sehe ich, wie sehr sie sich freut, von mir sofort erkannt zu werden.

»Danke, Miss Tournier.« Da ist ein anbiedernder Unterton in meiner Stimme. Wahrscheinlich ist das normal bei einem, der sich vorstellt, und unvermeidlich bei jemandem, der plötzlich vor seiner Lieblingsschriftstellerin steht und die Aussicht hat, bei ihr zu arbeiten, aber ich fand den Ton abstoßend.

Sie ignoriert meine ausgestreckte Hand und geht den schmalen, dunklen Flur entlang. Ich sehe zu, wie ihr allseits bekannter rabenschwarzer Bob um den langen, eleganten Hals schwingt. Trotz der Jahrzehnte, die sie schon in London lebt, hat sie noch den gewissen französischen Schick, aber vermutlich muss sie sich die Haare mittlerweile färben.

Sie geht mit mir in die Küche an einen langen Eichentisch, der mit ungelesenen Zeitungen, ungeöffneter Post, Taschenbüchern und schwankenden Stapeln von Unterlagen überhäuft ist. Sie weist auf den einzigen Stuhl mit freier Sitzfläche.

»Nenn mich Anne«, sagt sie und dreht sich um, um den Wasserkessel zu füllen und aufzusetzen.

Ich möchte ihr sagen, wie sehr ich mich freue, hier zu sein, weil ich schon so lange ihr Fan bin, aber ich bringe keinen Ton heraus und fürchte außerdem, dass ich, wenn ich die Unterhaltung beginne, idiotisches Zeug daherquatsche, um das Schweigen zu füllen. Es gibt eine abschreckende Seite an ihr, was nicht überrascht, wenn man den lakonischen Ton ihrer Romane bedenkt, und sie ermutigt einen nicht, das Gespräch zu eröffnen.

Sie dreht sich zu mir um, die Hand über einer dampfenden Tasse Tee.

»Ich nehme an, du willst keinen Zucker«, sagt sie, aber als ich nicke, sieht sie mich gar nicht an. Sie späht auf etwas, das auf dem Tisch liegt und das ich gleich darauf als meinen Lebenslauf erkenne. Ich zucke zusammen. Wie jeder andere auch habe ich mich darin besser dargestellt, als ich bin. Ich bin mir nicht sicher, ob das, was da steht, noch viel mit der Wirklichkeit zu tun hat.

»Sooo«, sagt sie und angelt ihre Zigaretten aus der Strickjackentasche. »Pendleton Girls, Durham … alles sehr beeindruckend. Du hattest ein faszinierendes Leben. Privilegiert, oder was meinst du?«

Ich schüttele energisch den Kopf. Ich weiß, welchen Beiklang diese Namen haben, aber ich meine ehrlich nicht, dass es mir in meinem Leben sonderlich geholfen hat, diese Schulen besucht zu haben. Manchmal überlege ich sogar, ob es eher hinderlich gewesen ist. Warum würde ich mich sonst so unwohl in meiner Haut fühlen, mir so ziellos vorkommen?

Ich weiß auch, dass Anne Tournier ziemlich links gerichtet ist, und obwohl ich mich auch so einordne – trotz oder vielleicht wegen meiner Erziehung – ist das Letzte, was ich will, eine politische Diskussion mit jemandem, die für ihre intellektuelle Strenge bekannt ist.

»Und … Augenblick …« Ihre Augen flitzen über die Seite, schon scheint sie das Interesse an meiner Lebensführung verloren zu haben. »Ah, ja«, sagt sie und tippt mit einem manikürten Finger auf das Blatt. »Du bist die, die Schriftstellerin werden will?« Sie sieht mich an und bläst einen Rauchkringel aus. »Oder sein will«, sagt sie. »Schon etwas veröffentlicht?«

Ich schüttle den Kopf und fühle mich hoffnungslos. Mit jeder Frage gibt sie mir das Gefühl, klein und dumm zu sein.

»Warum nicht?«

»Ich … ich habe wohl nie etwas fertiggestellt.«

Sie schnippt die Asche in eine Untertasse. »Vielleicht«, meint sie heiser, »vielleicht solltest du das Schreiben sein lassen, wenigstens vorläufig. Du bist«, sie blickt auf den Lebenslauf, »erst dreiundzwanzig. Du solltest leben, nicht schreiben. Und worüber solltest du auch schreiben können, wenn du nicht zuerst ein bisschen gelebt hast?«

Ich zucke die Achseln und komme mir noch dümmer vor. Sie hat recht. Was habe ich der Welt zu sagen, nach meiner behüteten, privaten Schulausbildung, meinem begrenzten Liebesleben? Natürlich bin ich an der Uni gewesen, aber was habe ich da getan, das andere nicht getan haben: trinken, Bücher lesen, herumsitzen und über Dinge quatschen, von denen ich wenig Ahnung habe?

»Aber Françoise Sagan …«, setze ich eifrig an, um zu zeigen, dass ich doch einen Funken Verstand habe.

Anne macht eine wegwerfende Handbewegung. »Ein Zufallstreffer«, sagt sie. »Eine Eintagsfliege. Hat nie wieder etwas zustande gebracht, das auch nur entfernt an Bonjour Tristesse heranreicht.«

Natürlich hat sie recht. Schon wieder hat sie recht. Ich blicke sie an, und die Klugheit leuchtet in ihren Augen wie ein Feuer.

Sie sieht wieder auf das Blatt Papier und schweigt einen Moment lang, als fiele ihr wirklich nichts mehr ein, das sie mich fragen könnte. Es stimmt, denke ich demütig: mein Leben ist nicht der Rede wert. Aber muss ich faszinierend sein, um die Stelle auszufüllen, die sie besetzen will?

»Komisch«, sagt sie nachdenklich und reibt sich das Elfenkinn mit den Fingern. »Lebensläufe sind im Grunde alle gleich. Sterbenslangweilig. Was an einem Menschen interessant ist, steht nie drin.«

»Was meinen Sie?«

»Nun«, sie tippt mit dem Finger auf das bedruckte Blatt, »ich meine, dass mir das keinen Eindruck vermittelt, wer Genevieve Carter wirklich ist. Ich weiß, dass du gerne liest und schreibst. Ich weiß, was du studiert hast und so weiter und so fort. Aber ich habe keine Ahnung, wer du eigentlich bist.«

Sie blickt auf, und da leuchtet ein zusätzliches Feuer in diesem wachsamen Verstand. »Zum Beispiel sagt es mir nichts über deine Erfahrungen als Frau.«

»Als Frau?«

»Über deine sexuellen Erfahrungen«, flüstert sie, »was dich anmacht, was dich auf Touren bringt.«

Ich muss rot geworden sein, denn sie lacht leise. »Du bist aber nicht prüde, oder? Mon Dieu, die Engländer können so verklemmt sein. Das verblüfft mich immer wieder, selbst nach so langer Zeit.«

Ich erhole mich von meinem Abscheu, dass ich ein nationales Klischee erfülle. »Was … was möchten Sie wissen?«, frage ich. Die Fragen nehmen eine eigentümliche Richtung angesichts dessen, dass sie jemanden einstellen will, doch andererseits ist das kein gewöhnliches Bewerbungsgespräch. Warum hat sie mich nicht in ihr Arbeitszimmer geführt? Warum sind wir in dieser engen, unordentlichen Küche, wo nicht mal für beide ein Stuhl frei ist?

Sie schüttelt den Kopf und setzt ihren Bob in Bewegung. »O, ich will nicht wissen, welche Stellungen du am liebsten hast oder dergleichen«, sagt sie. »Aber … nun ja, ich schreibe Romane, darum bin ich unheilbar neugierig, fürchte ich. Glaubst du, du könntest es mit mir aushalten? Damit, dass ich ab und zu persönliche Fragen stelle? Manchmal ist es mir nicht einmal bewusst, so eingefleischt ist das.«

»Das hängt von den Fragen ab.«

»Nun, natürlich lässt sich viel über jemanden sagen, wenn man seine verflossenen Liebhaber kennt. Danach frage ich meine immer als Erstes. Mit wem sie vor mir zusammen gewesen sind, wie sie im Bett waren. Enorm instruktiv und ebenso faszinierend.«

Ich ziehe eine Braue hoch. »Naja«, sage ich, »über meine Beziehungen gibt es nicht viel zu erzählen. Ich hatte erst einen Liebhaber.«

»Einen?« Mit runden, ungläubigen Augen hält sie den Zeigefinger hoch. »Einen Liebhaber? Und du bist«, sie blickt noch einmal auf meinen Lebenslauf, »du bist dreiundzwanzig? Was hast du mit deinem Leben angefangen?«

Ich zucke die Achseln. »Seit ich achtzehn war, hatte ich immer denselben«, sage ich. »Wir waren in der Oberstufe zusammen. Und während der Uni auch noch, also …«

Ich stocke. Es hört sich an, als wollte ich mein Verhalten rechtfertigen, wo andere es als lobenswert erachten würden, dass ich nicht mit allen und jedem geschlafen habe. Bei Annes Gesichtsausdruck bekomme ich das Gefühl, als wäre ich wirklich bemitleidenswert.

»Er muss ein ziemlich guter Liebhaber gewesen sein«, sagt sie und zündet sich, die Augen gegen den Rauch halb zugekniffen, eine neue Zigarette an.

Ich zucke wieder die Achseln. »Ich habe keinen Vergleich.«

»Das ist genau das, was ich meine«, sagt Anne plötzlich lebhaft und wedelt mit dem Finger. »Du kannst nicht beurteilen, was dir entgangen ist. Warst du nie … in Versuchung?«

»In Versuchung?«

»Zu streunen, zu entdecken, was es außer diesem …«

»Er hieß Nate.«

»… diesem Nate noch gibt?«

Ich denke zurück. »Nein, ich glaube nicht. Ich war verliebt. Es kam mir nicht in den Sinn, nach anderen Männern zu gucken.«

Sie kichert, aber da ist auch ein gewisser Spott zu sehen. »Wie rührend«, sagt sie. »Und jetzt?«

»Was jetzt?«

»Bereust du, dass du die besten Jahre deines Lebens an einen Menschen vergeudet hast, bei dem sich herausgestellt hat, dass es nicht für immer war? Du wirst nie wieder die Energie wie damals haben, glaub mir.«

Ich trinke einen Schluck Tee, der inzwischen nur noch lauwarm ist. »Es hat keinen Zweck, etwas zu bereuen«, sage ich.

»Ein guter Grundsatz«, sagt sie. »Eine schöne Theorie. Eine, die nicht leicht in die Tat umzusetzen ist, aber … ich schweife ab. Ich will sagen, dass du vielleicht, nur vielleicht etwas zu schreiben hättest, wenn du nicht – wie lange? – fünf Jahre mit demselben Kerl verbracht hättest.«

»Kann sein.«

»Aber wie du sagst, das Wichtigste ist, nicht zurückzublicken«, sagt sie und drückt ihre Zigarette in der Untertasse aus. »Und das bringt mich auf die Hauptfrage, die ich allen Bewerbern stelle.«

Sie macht eine Pause, der dramatischen Wirkung willen, wie mir scheint.

»Schießen Sie los.«

»Wie stellst du dir deine Zukunft vor?«

»Ich … ich denke nicht viel darüber nach. Ich … ich möchte einfach nur schreiben.«

»Und was ist mit Männern?«

»Was soll damit sein?«

»Suchst du nach jemandem, der die Lücke ausfüllt, das Loch, das dieser … dieser …«

»Nate.«

»… dieser Nate hinterlassen hat?«

Ich möchte ihr nicht sagen, dass mir meiner Meinung nach genau das fehlt: ein neuer Nate, jemand, mit dem ich unter der Bettdecke kuscheln kann, jemand, der mit mir durch das Herbstlaub spaziert, jemand, mit dem ich im Kino Händchen halten kann. Sie würde mich auslachen, das weiß ich, oder mich mit diesen berechnenden, eisblauen Augen vernichten.

»Ich bin noch zu jung für eine dauerhafte Beziehung. Ich muss mich selbst kennenlernen, bevor daran zu denken ist, sich ernsthaft mit einem anderen Typen einzulassen. Ich muss erst herausfinden, wer ich wirklich bin.«

Sie starrt mich an, und ihr Blick kommt mir beifällig vor. »Das bist du dir schuldig«, sagt sie. »Das ist wesentlich, ja, das ist es wirklich. Die Erziehung der Gefühle, wie wir Franzosen es verhüllend nennen. Nun«, sie blickt erneut auf meinen Lebenslauf. »Kannst du sofort anfangen?«, fragt sie. »Wie ich sehe, hast du zurzeit keine Arbeit.«

Ich nicke, plötzlich aufgeregt. Das ist vielleicht besser gelaufen, als ich gedacht habe. Plötzlich erscheint es mir dringend, diese Chance nicht verstreichen zu lassen. Ich neige mich vor und deute mit einer Geste auf meinen Lebenslauf.

»Das stimmt, und ich bin scharf darauf, etwas zu lernen, und ich werde natürlich jeden Kurs belegen, der nötig ist, um mich auf den neuesten Stand zu bringen.« Ich mache eine Atempause. »Und ich weiß, Sie haben in Ihrer Anzeige einen Stundenlohn genannt, aber ich würde auch für weniger arbeiten, wenn ich dadurch meiner Lieblingsschriftstellerin nahe sein kann.«

Ich schleime, aber ich bin zu allem entschlossen. Anne hat die Augenbrauen hochgezogen.

»Tatsächlich?«, sagt sie, und wieder hat ihr Lächeln etwas Berechnendes und Taxierendes.

»Das sage ich nicht bloß so«, erkläre ich. »Ich bin wirklich ein großer Fan von Ihnen. Seit ich …«

»Nun, ich bin geschmeichelt und sehr froh, dass du auf meine Anzeige gestoßen bist. Es scheint, als habe das Schicksal sich verschworen, uns zusammenzubringen.«

Ich grinse. »Heißt das, ich habe die Stelle?«

Sie nickt. »Du kannst morgen anfangen, wenn dir das passt«, sagt sie. »Und habe ich erwähnt, dass Logis inbegriffen ist? Ich habe ein Dachzimmer oben an der –«

»Ich nehme es«, sage ich, und mir ist ganz schwindlig bei dem Gedanken, dass das Leben, mein wirkliches Leben endlich anfängt.

2: Erster Tag

Vron setzt mich nur allzu gern mit ihrem kleinen, schwarzen Porsche auf dem Weg zur Vogue-Redaktion in Bayswater ab. Sie kann ihre Freude, mich loszuwerden, kaum verbergen. Es ist mir egal. Am liebsten wäre ich den Weg bis zu Annes Haustür gehüpft. Aber ich zwinge mich, mir Zeit zu lassen, den Augenblick auszukosten, und sehe zu dem Fenster des Dachzimmers hinauf, das ich noch nicht gesehen habe und das mein neues Zuhause sein wird.

Fünf Minuten später stehe ich auf der Schwelle dieses Zimmers, und Anne weist mit weiten Armbewegungen auf dies und jenes hin.

»Ich hatte selten Verwendung dafür«, sagt sie, »darum bin ich ganz froh, jemanden hier zu haben. Es ist warm und gemütlich, und im Schrank liegen zusätzliche Decken. Wenn dir die Wände nicht gefallen, kannst du sie jederzeit streichen.«

Aber ich habe keinen Blick für die Wände, ich stürme ans Frontfenster, weil ich plötzlich entdeckt habe, dass ich ein Stück vom Hyde-Park und seine Baumwipfel sehen kann.

»Das ist wunderbar«, sage ich und muss mich bremsen, um sie nicht zu umarmen. Der Drang ist da, aber Anne scheint mir bei all ihrem Gerede über Liebhaber und verklemmte Briten ein kalter Fisch zu sein, körperlich. Ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht einfach steif wie ein Brett dastehen und meine Umarmung nicht erwidern wird, sodass ich mir wie eine Idiotin vorkäme. Ich frage mich, wie sie im Schlafzimmer ist, ob der Sex, den sie hat, nicht nur im Kopf stattfindet.

»Dann kannst du es haben«, sagt sie. »Nimm dir etwas zum Mittagessen. Hettie sorgt immer dafür, dass gute Sachen im Kühlschrank stehen.«

»Hettie?«

»Meine Haushälterin. Sie ist jeden Tag hier, erledigt unterwegs den Einkauf, saugt Staub, kümmert sich um die Wäsche, kocht das Mittagessen und eine Abendmahlzeit, die ich mir aufwärmen kann. Sie ist ein Geschenk des Himmels.«

»Und ich?«

»Oh, heute gibt es eigentlich nichts zu tun. Du kannst dich häuslich einrichten, vielleicht die Gegend erkunden? Ich muss an einer Zusammenfassung meines neuen Romans arbeiten.«

Ich spitze die Ohren und würde gern mehr darüber hören, nehme aber an, dass ich in meiner Rolle als Assistentin sehr bald etwas darüber erfahren werde.

»Sind Sie sicher?«

Sie nickt. »Mach dir keine Gedanken«, sagt sie. »Du wirst dich hier nicht langweilen. Ich habe genug, womit ich dich beschäftigen kann.« Und damit geht sie hinaus, und ich bin allein in meinem neuen Zimmer, auf der Schwelle meines neuen Lebens.

Ich packe aus, aber das dauert nicht lange, und da ich sonst nichts zu tun habe, gehe ich auf einen Spaziergang in den Hyde-Park und kaufe unterwegs ein Sandwich und eine Flasche Wasser. Während ich kauend unter einem Baum sitze, kann ich mein Glück kaum fassen, diese Stelle gefunden zu haben.

Obwohl Anne eine seltsame Mischung aus Reserviertheit und Direktheit an den Tag legt, scheint sie eine nachsichtige, anspruchslose Arbeitgeberin zu sein: Mein Anteil an Haushaltshilfe, die in der Anzeige erwähnt wurde, kann schon wegen Hettie nicht sehr groß sein.

Es wird interessant werden, während des Entwurfs eines neuen Romans bei der Büroarbeit zu helfen. Wer weiß, vielleicht kann ich sogar etwas dazu beitragen, in bescheidener Weise? Das wäre toll. Ich kann schon meinen Namen in Annes Danksagung sehen. Und meine Erleichterung, Vronnie aus dem Weg zu sein und mich nicht mehr ihrer scharfen Zunge aussetzen zu müssen, ist immens.

Als ich meine Zimmertür öffne, liegt ein Zettel auf dem Boden, den jemand durch den Türspalt geschoben haben muss. Ich falte ihn auseinander und lese, dass Anne heute Abend einen Gast zum Essen hat und sich freuen würde, wenn ich ihnen Gesellschaft leiste und zum Anlass meines ersten Tages ein feierliches Glas Champagner mit ihnen trinke. Ich grinse. Wie könnte ich das ablehnen?

Ich trete die Schuhe von den Füßen und lege mich aufs Bett, um zu spekulieren, wer wohl zum Dinner kommen wird. Anne gehört zwar nicht mehr zur literarischen Avantgarde, hat aber einige berühmte Freunde – das weiß ich aus den Büchermagazinen. Bei dem Gedanken, dass sie alle durchs Haus stiefeln und ich vielleicht an Partys teilnehme, bekomme ich leuchtende Augen. Ich habe das Gefühl, vor etwas Wunderbarem zu stehen, als wäre das Leben ein Korb voll köstlicher Früchte, den mir jemand hinhält. Ich brauche nur die Hand danach auszustrecken.

Ich muss eingedöst sein, denn als ich wach werde, ist es draußen dunkel geworden. Ich sehe auf die Uhr, es ist fast sieben – nach Annes Zettel die Zeit der Einladung. Ich springe auf und wühle mich durch meine Garderobe. Ich möchte gut aussehen, aber nicht aufgedonnert: schließlich ist das nur ein Alltagsabendessen in einem Künstlerhaushalt. Ich greife wieder auf ein altes Lieblingsstück zurück: ein schlichtes, schwarzes Etuikleid, das meine Kurven betont. Mit ein oder zwei silbernen Armreifen und Ohrringen sieht es schick aus, aber nicht protzig.

Als ich auf meinen kurzen Pfennigabsätzen zur Küche hinuntergehe, bin ich nervös: nicht nur wegen der Aussicht auf den geheimnisvollen Dinnergast, sondern auch weil mir soeben bewusst geworden ist, das ich Anne noch kaum kenne – das Vorstellungsgespräch war kurz, und danach habe ich sie nur gesehen, als sie mich zu meinem Zimmer gebracht hat. All meine Ängste wegen meines langweiligen, ereignislosen Lebens überfallen mich erneut, und ich stelle mir vor, wie ich stumm am Tisch sitze, weil mir in so illustrer, intellektueller Gesellschaft nichts zu sagen einfällt. Halb möchte ich unter irgendeinem Vorwand die Treppe hinaufrennen und mich unter der Bettdecke verkriechen.

Ich nähere mich der Küche und höre Stimmen, eine weibliche, eine männliche. Kurz bleibe ich stehen, um den Augenblick hinauszuzögern. Dann atme ich einmal tief durch, drücke die Tür auf und gehe hinein.

Ich bin froh, ihn nicht zu kennen, allerdings sieht er so distinguiert aus, dass ich denke, ich sollte ihn vielleicht kennen. Als er mich sieht, dreht er sich mit dem Glas in der Hand um und lächelt.

»Das ist also deine hübsche neue Assistentin«, sagt er mit tiefer, imposanter Stimme. »Genevieve, nicht wahr? Bin entzückt, Sie kennenzulernen.«

Er schüttelt mir die Hand, fest, Respekt einflößend, und ich bemerke ein wildes Funkeln in seinem Blick, der über mein Gesicht gleitet und dann meinen tiefen Ausschnitt in sich aufnimmt. Er muss Ende fünfzig sein, vielleicht sogar Anfang sechzig, aber er ist glatt rasiert und wirkt in seinem dunkelgrauen Anzug, der nach Savile Row aussieht, sehr vital. Sein silbergraues Haar hat einen teuren Schnitt, und er ist offenbar jemand, der auf sich achtet und sich weigert, den Zahn der Zeit nagen zu lassen.

»Genevieve, ich möchte dir Jim Carnaby vorstellen«, sagt Anne, die hinter ihn tritt, und ich sage lächelnd: »Freut mich auch, Sie kennenzulernen.« Ich habe von einem James Carnaby gehört, einem Kunsthistoriker, und ich vermute, dass er das ist.

Er setzt sich an den Küchentisch, der, wie ich bemerke, freigeräumt wurde – vermutlich von Hettie. Wieder frage ich mich, was meine Aufgaben eigentlich sein werden, wenn Hettie sich um den ganzen Haushalt kümmert. In der Mitte des Tischs brennt eine Kerze, und daneben steht, wie versprochen, eine Flasche Champagner in einem Eiskühler. Als James Carnaby meinen Blick sieht, zieht er sie heraus und lässt den Korken knallen.

»Auf neue Abenteuer«, sagt er, während er die Gläser füllt, die Anne zum Tisch gebracht hat. »Auf frisches Blut.«

»Auf frisches Blut«, sagt Anne, und ich wiederhole den Trinkspruch, obwohl er mir ein wenig seltsam erscheint – wie ein befremdliches Ritual, das mit Menstruation und Mondphasen zu tun hat. Nachdem wir getrunken haben, stellt Anne drei Suppenschalen auf die Platzdeckchen.

»Tomaten und frisches Basilikum«, sagt sie. »Und natürlich kann ich dafür keinen Ruhm in Anspruch nehmen. Das ganze Abendessen ist Hetties Werk. Ich habe nur das Basilikum gepflanzt, irgendwann.«

James lächelt milde, als er die Suppe kostet. »Es gibt Talente, die mehr Lob verdienen als die der Küche«, sagt er, und die beiden tauschen ein liebevolles Lächeln. Ich frage mich, ob sie ein Paar sind oder früher einmal waren. Anne mag eisig erscheinen, aber ihre Romane zeugen von ungeheurer sexueller Erfahrung. Sie haben alle einen erotischen Faden, der so echt wirkt, dass er aus dem Leben gegriffen sein muss.

»Und wie steht es mit Genevieve?«, sagt er, zu mir gewandt. »Welche Talente haben Sie, meine Liebe?«

Ich zucke verlegen die Achseln. Wie Anne weiß, habe ich eigentlich keine, und in Anbetracht dessen, wäre ich, wenn ich mit James allein wäre, versucht, etwas zu erfinden, um ihn zu beeindrucken oder nur um über etwas reden zu können, doch in ihrem Beisein fühle ich mich erstickt, von der banalen Wahrheit gefangen.

Doch Anne kommt mir zu Hilfe. »Genevieve hofft, einmal Schriftstellerin zu werden«, sagt sie.

»Aaaah«, sagt James und nimmt einen Löffel voll Suppe.

»Ein Klischee, ich weiß«, sage ich entschuldigend.

Er greift über den Tisch – er sitzt mir gegenüber – und tätschelt mir die Hand. »Leider wahr«, sagt er. »Aber wenn Sie wirklich Talent und etwas zu sagen haben, dann lassen Sie sich nicht entmutigen. Worüber schreiben Sie denn, junge Dame?«

Ich blicke auf meine Hand. Er hat sie nicht losgelassen. Er schiebt seine leere Schale mit der freien Hand beiseite. Ich blicke Anne an, um zu sehen, ob sie bemerkt, was passiert, aber sie hat sich abgewandt, um die angewärmten Teller aus dem Herd zu nehmen und ein Rinderragout aufzuschöpfen. Als sie an den Tisch zurückkommt, kann sie es nicht übersehen, aber sie reagiert überhaupt nicht.

Durch das Servieren des Hauptgangs scheine ich, zumindest was James’ letzte Frage angeht, noch einmal davonzukommen, und nachdem Anne sich mit dem dritten Teller gesetzt hat, langen wir alle kräftig zu. James, der meine Hand losgelassen hat, um essen zu können, schenkt den letzten Champagner ein, und als wir den getrunken haben, gießt er uns allen aus einer teuer aussehenden Flasche großzügig Rotwein ein. Da ich es nicht gewohnt bin, viel zu trinken, fühle ich mich bereits leicht beschwipst.

Ein paar Minuten lang – vielleicht spüren Anne und James mein Unbehagen und auch meine drohende Trunkenheit und beschließen, mir ein bisschen Zeit zu lassen – genieße ich eine Atempause, solange Anne ihren Gast zu einer bevorstehenden Reise zu Universitäten befragt, bei der er sein neues Buch vorstellen will, das, wie ich erfahre, Der Wüstling in der französischen Kunst des 19. Jahrhunderts heißt. Ich grinse bei dem Titel. Gehört James trotz seines Alters zu den Wüstlingen, über die er schreibt? Nicht, dass daran etwas Verkehrtes wäre – teils bewundere ich die Leute, die so gut auf sich geachtet haben, die sich ihren Appetit erhalten, anstatt sich in die Welt der Tabakpfeifen und Pantoffeln zurückzuziehen. Aber es ist lustig, dass er den Wüstlingen einer Epoche und Nation ein ganzes Buch widmet und ihm einen kunsthistorischen Dreh gibt.

»Das würde ich gern mal lesen«, sage ich, bevor ich mich eines Besseren besinne, und James lächelt mich über den Tisch hinweg an.

»O gut«, haucht er, »wenigstens einer hat Interesse. Ich werde Ihnen irgendwann ein Exemplar geben.«

Währenddessen landet seine Hand wieder auf meiner, und ich spüre seine etwas ledrige Haut auf meinem Handrücken. Kein unangenehmes Gefühl, aber ich schieße Anne einen weiteren Blick zu, die es diesmal ganz bestimmt nicht übersehen haben kann. Zu meiner Überraschung lächelt sie, wenn auch ein wenig abwesend, und ihr Blick ist zustimmend. Um den Ausdruck zu unterstreichen, nickt sie mir zu. Es scheint, als hätte ich ihre Erlaubnis, mir James’ Annäherungen gefallen zu lassen.

Plötzlich fühle ich Panik durch meine Adern schießen. Will ich ihn? Ich habe noch nie erwogen, mit einem älteren Mann zu schlafen, mit einem so alten Mann, andererseits hat sich auch keine Gelegenheit ergeben. Jedenfalls habe ich noch keinen so viel älteren Mann auf der Straße angeschaut und Verlangen gehabt. Aber nicht alle älteren Männer sind wie James Carnaby. Er hat eindeutig etwas Verlockendes. Oder liegt das nur am Wein oder an dem Kitzel, von einem bekannten Autor beachtet zu werden? Verwechsle ich Dankbarkeit mit Lust?

Zum Dessert gibt es einen kleinen Käse, und danach nimmt James meine Hand und führt mich nach vorn ins Wohnzimmer, wo in einem roten Glas auf dem dunklen Sofatisch eine Kerze brennt. Als er mich zu dem niedrigen Sofa dirigiert, sehe ich mich kurz in dem Spiegel über dem Kamin: meine Wangen glühen. Ich bin voll mit rotem Wein und rotem Fleisch, und mein Blut strömt kräftig durch meine Adern in Erwartung des Kommenden. Ich kann nicht leugnen, dass ich sexuell erregt bin, jenseits meiner wildesten Vorstellungen.

Anne kommt, als wir uns auf das Sofa setzen, und lässt sich uns gegenüber in einem Sessel nieder. Sie hält ein halbvolles Weinglas in der Hand und lächelt milde, als wären wir zwei etwas unartige, aber liebenswerte Kinder, deren Launen sie amüsieren.

James hat einen Arm um meine Schultern gelegt, seine Hand hängt über meinem Brustansatz. Ich versteife mich, als er sie sinken lässt und mit dem Saum des Ausschnitts spielt. Dann schiebt er sie hinein. Seine Finger gleiten in meinen schwarzen Spitzen-BH, schließen sich um die Brustwarze, streichen über ihre Spitze. Ich stoße einen Seufzer aus, der sich schon mehr nach Stöhnen anhört.

Ich öffne die Augen und sehe ein bisschen verschämt zu Anne, doch ihr Blick ist auf meine Brüste gerichtet und darauf, was James mit ihnen macht. Ihre Lippen sind leicht geöffnet. Sie trinkt einen Schluck Wein, und ich sehe sie unter der etwas schlaffen Haut des Halses schlucken. Davon abgesehen ist ihr Gesicht ausdruckslos.

Benebelt lehne ich mich gegen James’ Torso und schiebe seine Hand zwischen meine Beine. Ich kann gar nicht anders. Ich habe noch nie so wenig Kontrolle über mein Tun gehabt, und in einem dunklen Winkel meiner selbst, von dem ich keine Ahnung hatte, gefällt es mir. Ich kann es nicht einmal auf den Alkohol schieben: Ich habe schon häufiger mehr getrunken als jetzt und bin noch bei klarem Verstand. Aber es ist, als würde mich eine Flut davontragen, und ich könnte nichts anderes tun, als mich ihr zu überlassen.

James zieht mich auf seinen Schoß, und ich spüre durch seine Hose die harte Schwellung seiner Erektion, die sich zwischen meine Pobacken zwängt. Ich bin jetzt sehr nass und begierig, dass er es mir besorgt. Der Gedanke lässt mich innehalten, und plötzlich kommt mir alles unwirklich vor. Die ganze Situation ist verrückt, mehr als verrückt. Aber jetzt kann mich nichts mehr aufhalten. Ich will nicht, dass es endet, bevor ich James in mir gehabt habe. Vielleicht sollten wir uns nur irgendwohin zurückziehen?

James hält offenbar nichts davon, denn er zieht mir den Rock über die Oberschenkel hoch. Als Reaktion, ganz automatisch, mache ich die Beine breit. Ich wage nicht, Anne anzusehen – es beschämt mich, dass meine Begierde die Oberhand hat und dass ich gezeigt habe, wie weit ich vor ihren Augen zu gehen bereit bin.

James greift mir zwischen die Beine. Einen Moment lang fingert er am nassen Zwickel meines Höschens; bestimmt spürt er durch den dünnen Stoff die harte kleine Knospe meiner Klitoris, die unbedingt berührt werden möchte. Dann zieht er den Zwickel zur Seite, entblößt meine nassen Lippen, meine geöffnete Muschi.

Anne muss von gegenüber einen frontalen Blick darauf haben, wie er meine Klitoris massiert. Aber ich kann nicht zu ihr hinsehen. Ich lege den Kopf in den Nacken auf James’ Schulter und kreise mit den Hüften, drücke mich fester gegen seine Finger, bis er schließlich drei oder vier hineinschiebt. Als er mit dem Daumen in meinem Schlitz hin und her wackelt, komme ich so heftig, dass ich Sterne sehe.

Eine Weile ist alles still. Ich liege mit geschlossenen Augen an ihn gelehnt, keuchend und mit gespreizten Beinen, bis meine Kontraktionen nachlassen. James hält mich an sich gedrückt, eine Hand um eine Brust, und schnüffelt an meinem Nacken, setzt kleine spitze Küsse darauf. Sein Schaft liegt hart und pochend an meinem Po, und ich weiß, ich will nicht, dass es hier endet.

Ich spüre eine Hand auf meinem Oberschenkel. Ich blicke auf, und es ist Anne, die mich rätselhaft anlächelt.

O nein, denke ich und überlege, wie ich ihr sagen soll, dass ich definitiv zu keinem Dreier bereit bin, dass ich vielleicht auf James stehe, aber nicht auf sie.

Sie scheint meine Gedanken zu lesen, denn sie schüttelt den Kopf. »Ihr werdet es oben bequemer haben«, sagt sie. Sie nimmt meine Hand und hilft mir auf. Mein Rocksaum fällt über meine Beine. Die Schuhe bleiben liegen, wo sie hingefallen sind. Ich lasse mich zur Treppe geleiten, fest in Annes Hand. Sie sagt kein Wort und ich auch nicht.

Am Ende der ersten Treppe öffnet sie eine Tür und winkt mich in das Zimmer, das ich angesichts der fehlenden persönlichen Gegenstände für ein Gästezimmer halte. Die Vorhänge sind zugezogen, und auf dem Kaminsims brennt ein Räucherstäbchen – es ist klar, dass sie den Raum vorher hergerichtet, das Geschehen sorgfältig in die Wege geleitet hat. Sie scheint ziemlich sicher gewesen zu sein, dass ich James’ Annäherungen nachgeben würde.

»Mach es dir bequem«, sagt sie, weist auf das Bett und bricht damit das Schweigen. Auf dem Bett sehe ich einen rotseidenen Morgenrock, der farblich zur Bettwäsche passt. Ich blicke sie ängstlich an, und empfinde trotz allem, was sie soeben miterlebt hat, eine lächerliche Scheu, vor ihren Augen aus meinem Kleid zu schlüpfen. Wenn James nicht dabei ist, liegen die Dinge irgendwie anders.

Als ob sie meinen Stimmungsumschwung, mein Zögern spürt, tritt Anne zurück und verschwindet aus dem Zimmer.

»Entspanne dich«, höre ich sie im Hinausgehen leise sagen. »James steht in dem Ruf, zu wissen, wie man einer Frau Freude macht. Du bist in sicheren Händen.«

Als sie die Tür hinter sich zuzieht, setze ich mich auf die Bettkante und befühle den Morgenmantel. Er ist von erstklassiger Qualität, und ich stelle mir vor, wie Anne in Knightsbridge shoppen geht – bei Harrod’s vermutlich – und ihn von der Stange zieht. Er sieht ungetragen aus, und ich überlege, ob sie ihn eigens für mich gekauft hat.

Beim ersten Geräusch auf der Treppe ziehe ich mich eilig aus, falte meine Sachen zusammen und lege sie als ordentlichen Stapel auf den Polstersessel in der Ecke. Ich schlüpfe in den Morgenmantel. Er fühlt sich auf nackter Haut köstlich an. Ich setze mich wieder aufs Bett und lehne mich zurück, bis ich mit dem Kopf auf das weiche Kissen sinke und ausgestreckt, die Füße auf dem Boden, daliege.

James erscheint, eine große, schlanke Gestalt im Türrahmen. Gegen das helle Flurlicht ist er nicht mehr als eine geheimnisvolle Silhouette und nur umso verlockender. Ich bin froh, ihn allein zu haben. Ich lächle ihn scheu an und wundere mich, was ich hier eigentlich tue, was ich hier soll.

Einen Moment lang sehe ich Nate vor meinem inneren Auge. Ich habe Anne nicht belogen, als ich sagte, dass ich ihn geliebt habe, und in gewisser Hinsicht habe ich nicht aufgehört, ihn zu lieben. Aber ich frage mich jetzt doch, ob es für mich gut gewesen ist, dass ich ihn so jung getroffen habe, so lange nur mit ihm zusammen gewesen bin, mich selbst verleugnet habe.

James setzt sich auf das Bett, legt eine Hand auf mein Fußgelenk, umschließt es. Schon diese kleine Geste entlockt mir ein freudiges Schnurren. Er ist nicht einmal ausgezogen und schon tropfe ich unter mir auf den Morgenmantel, so sehr törnt er mich an. Und das bei einem über Fünfzig- oder Sechzigjährigen! Was würde Nate denken, wenn er mich jetzt sehen könnte? Was hätte ich selbst gedacht, wenn mir das jemand vorhergesagt hätte?

Und doch liege ich hier, lasse mich völlig gehen, bereit, mich von James überall hinführen zu lassen. Er jedoch scheint es hinauszuzögern, streichelt meine Schienbeine, knetet meine Waden mit kräftigen, selbstsicheren Fingern. Das ist natürlich schön, aber ich will viel mehr als das und weiß nicht, ob ich noch länger warten kann. Ich spreize die Beine und ziehe den Morgenmantel weg. James soll wissen, wie sehr ich ihn will.

Es klopft leise an der Tür, und bis James »herein« ruft, ohne die geringste Überraschung im Ton, ist Anne schon halb im Zimmer. Sie geht zu dem Korbsessel am Fenster und setzt sich wortlos hin.

Ich starre sie an, aber mein natürlicher Impuls, die Beine zu schließen, wird von James behindert, der meine Knie festhält. Eigentlich möchte ich mich aufsetzen und Anne sagen, sie soll sich verziehen und uns allein lassen. Aber das ist ihr Haus. Ihr Bett, ihr Freund. Ich bin ziemlich sicher, dass sie, wenn ich ablehne, die ganze Angelegenheit beendet, und das könnte ich nicht ertragen, nicht jetzt, wo ich so nah daran bin, James in mir zu haben. Er blickt seinerseits über die Schulter zu Anne und wartet augenscheinlich auf Anweisung. Die erwidert seinen Blick und nickt.

James rückt auf das Bett, umfasst meine nachgiebigen Schenkel und fängt an, meine Muschilippen mit der Zunge anzustoßen, lässt sie über meine Klitoris flitzen, leckt an meinen Säften.

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