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Lehrjahre in St. Wendel und St. Augustin

Das Buch

Der Bericht schildert die Schulzeit des Autors in St. Wendel von 1954 bis 1963 und seine Jahre auf der Philosophisch-theologischen Hochschule in St. Augustin von 1963 bis 1969. Die Zwischenbetrachtung enthält ein Porträt von P. Ferdinand Quack, dem Onkel und frühen Vorbild des Autors. Beschrieben wird eine persönliche Bildungsgeschichte, ihr kleinteiliger Alltag und ihre nüchterne Bilanz. Der erste Teil über die Schulzeit ist ein Blick zurück in heiterer Gelassenheit; der zweite Teil über die Studienjahre beschreibt eine sonderbare Mischung von Ereignissen: die Konzils-Euphorie, den nachkonziliaren „Absturz“ und die Studentenbewegung, die auch St. Augustin erschütterte.

Der Autor

Josef Quack, Jg. 1944, Dr. phil., Publikationen:

Bemerkungen zum Sprachverständnis von Karl Kraus (1976)

Die fragwürdige Identifikation. Studien zur Literatur (1991)

Künstlerische Selbsterkenntnis. Über E.T.A Hoffmann. (1993)

Wolfgang Koeppen, Erzähler der Zeit (1997)

Die Grenzen des Menschlichen. Über Simenon & Co. (2000)

Geschichtsroman und Geschichtskritik. Döblins „Wallenstein“. (2004)

Diskurs der Redlichkeit. Döblins „Hamlet“. (2011)

Wenn das Denken feiert. Philosophische Rezensionen. (2013)

Zur christlichen Literatur im 20. Jahrhundert (2014).

Über das authentische Selbstbild. Zum Tagebuch. (2016)

Über die Rückschritte der Poesie dieser Zeit (2017)

(www.j-quack.homepage.t- online.de)

Josef Quack

Lehrjahre in St. Wendel und St. Augustin

Fragmente der Erinnerung

Inhalt

Mottos

I. Schulzeit in St. Wendel 1954 – 1963

Annalen

Deutsch lernen

Diener Gottes

Laudate pueri – Singt ein Lob, ihr Knaben

Der Gärtner

Das Lateinische war bei ihm in Übung

Auf dem Weg zu Gorgias

Zahlen und Figuren

Der Ami

Sag, wer mag das Männlein sein

Et reliqua

Präses & Co

Dienende Brüder

Laienspiele

Privatbelustigungen

Abschließende Bemerkung

Zwischenbetrachtung: Der Onkel

Was er zu sagen hatte

Wer er war

Kommentar (2004)

II. Jahre in St. Augustin 1963 – 1969

Ein neuer Anfang

Das erste Jahr

Philosophicum

Czechs Manuskripte

Retractatio

Ferien

Leider auch Theologie

Hüter des Erbes

Ethnologen

Die Oberen

Die Predigt – ein ungelöstes Problem

Feste

Mitbrüder

Tagebuch-Blätter

Erste Referate

Schreibversuche

Ein Zerwürfnis

Zum Konzil

Rückblick

Literatur

Mottos

Zum Tagebuch: Es gibt nichts, was zu gering wäre für ein so geringes Wesen wie den Menschen. Durch die Beobachtung von Kleinigkeiten bringen wir es am Ende zu der hohen Kunst, unser Leben so schmerzlos als möglich zu gestalten.

DR. JOHNSON

Alle fleißig walteten sie des Lehramts;

Schmal nur war der Sold ja und dünn der Vortrag;

Aber da sie lehrten zu meinen Zeiten,

Will ich sie nennen.

AUSONIUS

Aber die Macht des Unterrichts übt selten einen großen Einfluß aus, außer auf jene glücklich begabten Gemüter, bei denen er fast überflüssig ist.

E. GIBBON

Die braven Kinder… Sie sagen nichts, sie verstecken sich nicht unter dem Tisch, sie essen immer nur ein Bonbon auf einmal, aber später muß die Gesellschaft teuer dafür zahlen. Trauen Sie um alles in der Welt den braven Kindern nicht.

J.P. SARTRE

Kein Mensch weiß, was in den Köpfen von Halbwüchsigen vor sich geht, am allerwenigsten die Besitzer der Köpfe selbst.

R. KIPLING

Die Zeit trägt einen Ranzen auf dem Rücken,

Worin sie Brocken wirft für das Vergessen.

Dies große Scheusal von Undankbarkeit.

Die Krumen sind vergangne Großtat, aufgezehrt

So schleunig als vollbracht, so bald vergessen

Als ausgeführt.

SHAKESPEARE

Die Zeit eilt

die Zeit weilt

die Zeit teilt

die Zeit heilt.

INSCHRIFT AUF SONNENUHR

I. Schulzeit in St. Wendel (1954 - 1963)

Als ich im März 1963 nach dem Abitur von St. Wendel nach Hause kam und wir beim Abendessen saßen, fragte mich Thomas, mein jüngster Bruder, ein Junge von sechs Jahren: „Meinst du, du hättest was gelernt?” Ich hielt die Frage für altklug und wir lachten darüber. In den folgenden Jahren eines ausgedehnten Studiums, zunächst Theologie in St. Augustin, dann Germanistik und Philosophie in Frankfurt, kam ich öfter auf die Frage zurück, was wir in St. Wendel eigentlich gelernt haben, habe sie aber nie zusammenhängend bedacht und begründet beantwortet.

So will ich hier Rechenschaft zu geben versuchen, was ich damals gelernt habe, und da die Sache mit den Lehrern zu tun hat, werde ich mich, so gut es geht, an die Lehrer jener Jahre zu erinnern versuchen. Leider habe ich in diesen frühen Jahren keine Tagebuchaufzeichnungen gemacht, so daß ich auf mein lückenhaftes und nicht immer zuverlässiges Gedächtnis angewiesen bin – mit Ausnahme eines kleinen Berichts, den ich 1961 unmittelbar nach einem Gespräch aufzeichnete, das ich mit P. Benedikt Schmidt am Südausgang des Schülerbaus geführt habe, und einiger Briefe, die sich aus der Zeit erhalten haben. Wie wenig verläßlich das Gedächtnis ist, zeigte sich schon, als ich die Liste der Lehrer zusammenstellte, die wir in den neun Jahren hatten. Trotz der Mithilfe eines Kollegen gelang es nicht, die Lehrer der unteren und mittleren Klassen vollständig zu ermitteln. Diese Lücken in unserer Erinnerung sind andererseits aber ein sicherer Beweis, daß einige Lehrer uns nicht beeindruckt und wahrscheinlich auch nichts beigebracht haben.

Dabei wäre an die Besonderheit zu erinnern, daß das Missionshaus eine Privatschule war und die wenigsten Lehrer, die wir in den ersten Jahren hatten, ihre Lehrfächer studiert hatten. Die besten von ihnen verfügten aber über eine lange Schulerfahrung, die sie den jungen Studienräten überlegen machte; so Zettelmeier und Benedikt Schmidt, der ein natürliches Sprachtalent hatte, oder Schöndorf, der auch ohne Staatsexamen das Privileg besaß, das Abitur abzunehmen. Nicht zu vergessen der hochbegabte Theodor, der in Mathematik und Biologie mehr leistete als mancher ausgebildete Fachlehrer. Was anderen von ihnen fehlte, war weniger das Sachwissen als das pädagogische Geschick. Mir jedenfalls ging es so, daß ich erst dann zu einem Schüler mit annehmbaren Leistungen wurde, als wir bessere Lehrer bekamen, und das waren meist Lehrer mit einer Universitätsausbildung. Freilich wäre dabei auch die Entwicklung zu berücksichtigen, daß die Leistungen sich erst einstellten, als die Pubertätsschwierigkeiten überwunden und die Intelligenz ausgebildet war.

Klar geworden ist mir inzwischen auch, was ich an entscheidender Förderung einzelnen Lehrern verdanke, und diese Erinnerungen haben auch den Zweck, diese Schulden abzutragen. Was die Genauigkeit und die Treue der Erinnerungen angeht, muß man natürlich in Anschlag bringen, daß mein Gedächtnis auf den Gebieten am besten ist, wo ich mich später fortgebildet habe, in Literatur und Deutsch. Hätte ich Mathematik oder Naturwissenschaften studiert, was ich einmal kurz erwogen habe, so könnte ich heute weit besser beurteilen, was wir damals in Mathe, Physik und Chemie gelernt haben.

Bei einem solchen Rückblick fragt man sich natürlich auch, welche Lehrer mehr oder weniger unfähig waren oder versagt haben. Ich werde darüber kein Blatt vor den Mund nehmen, kann aber feststellen, daß der von ihnen angerichtete Schaden sich in Grenzen hält. Am meisten bedaure ich, daß wir in den unteren und mittleren Klassen keine guten, begeisterungsfähigen Lehrer in der beschreibenden Naturkunde hatten. Pflanzen, Bäume oder Vögel zu bestimmen, lernte ich erst im späteren Alter, und Vogelbeobachtung ist inzwischen für mich eine entspannende Beschäftigung geworden, für die ich keinen Ersatz wüßte.

Schließlich kann ich nicht genug betonen, daß diese Erinnerungen meine persönliche Sicht wiedergeben, meine Erfahrungen, die sich in vielem, jedoch keineswegs in allem für meine Klassengenossen verallgemeinern lassen. Ich gebe nur meine persönliche Sicht der Dinge; die Tatsachen, die ich berichten werde, sind zwar wahr, aber ich schildere sie im Lichte meiner Sympathie und Antipathie. Ich wollte meine intellektuelle Entwicklung von den naiven Anfängen bis zu den Reflexionen des Erwachsenen so gut, wie es geht, d. h. fragmentarisch nachzeichnen.

Soweit das Vorwort vom Dezember 2000. Dem möchte ich hinzufügen, daß ich nicht gut über meine Zeit in St. Wendel schreiben kann, ohne meinen Onkel, P. Ferdinand Quack, vorzustellen. Denn ohne sein Vorbild wäre ich nicht in das Haus eingetreten. Deshalb ist ihm die Zwischenbetrachtung gewidmet. Sie stammt vom Februar 1968; die biographischen Daten hatte mein Bruder Anton (1946-2009) zusammengestellt.

Annalen

1954

Brief des Präfekten P. Klaholt vom 23.6.1954 an meine Eltern: „P. Quack teilte mir vor einiger Zeit mit, daß sein Neffe Josef Missionsschüler werden möchte. Inzwischen ist das Schulzeugnis eingetroffen, das zu guten Hoffnungen berechtigt. (…) Am 14. Juli um 9 Uhr ist für die Neuen die Aufnahmeprüfung. Es wird geprüft in Deutsch, Rechnen und Französisch.” Der Prüfer in Französisch war P. Schmitt Bruno. Brief Klaholts vom 21.8.: „Ihnen die Nachricht, daß Ihr Junge nun doch nach St. Wendel und nicht nach St. Paul kommen muß. Wichtige Gründe haben diese Änderung veranlaßt. / Eintrittstag: 31.August 1954”. Es war der 2.434.986. Julianische Tag (J.D.), ein Mittwoch. Ich kam auf Sexta b, wo wir 21 Schüler waren, von denen nur drei zusammen das Abitur machen sollten. Der erste Besuchstag war um den Wendelinustag, 20.Oktober, herum. Die ersten Zeugnisse gab es am 21.Dezember, die ersten Heimatferien nach Weihnachten dauerten ganze fünf Tage!

1955

Das Ostertrimester begann am 7. Januar. Die Zeugnisse wurden am 2. April, J.D. 2.435.200, dem Donnerstag vor Palmsonntag verteilt. Die Karwoche und Ostern, 12. April, verbrachten wir wie üblich in St. Wendel. Heimatferien bekamen wir frühestens am Ostermontag, sie dauerten eine Woche. Am 21. April, dem Dienstag nach Weißen Sonntag dürfte das Sommertrimester angefangen haben. Es endete am 16. Juli, wo es Zeugnisse gab und die Versetzung in die Quinta stattfand. Vor den Heimatferien mußten wir noch mindestens eine Woche im Missionshaus bleiben, bevor wir für ungefähr fünf Wochen nach Hause durften. Anfangs September begann dann das Weihnachtstrimester. Im Oktober war wieder Besuchstag. Am 6. Dezember wurde aufwendig Nikolaus gefeiert mit Vorboten und einer Vorstellung in der Aula, die, wie üblich, die Unterprima auszurichten hatte. Am 22. Dezember bekamen wir die Zeugnisse, heimfahren konnten wir erst am 29. Dezember und, wie gewohnt, mußten wir am 5. Januar 1956 zurückkommen.

1956

Anfangs März fand eine Papstfeier statt, was immer das bedeutete, und dafür bekamen wir einen freien Nachmittag. Das Trimester endete am 24. März mit der Zeugnisvergabe. In der Karwoche wurden die Gottesdienste vom Radio übertragen, am Gründonnerstag um 17 Uhr, am Karfreitag um 15 Uhr und am Karsamstag um 23 Uhr. Am 3. April begannen die heimatlichen Osterferien. Gut acht Tage später waren wir wieder zurück, um die Schulbank bis zum 19. Juli zu drücken, wo wir die Jahreszeugnisse erhielten und in die Quarta versetzt wurden.

Weil in dem Schuljahr 1956/57 wegen der politischen Eingliederung des Saarlandes in die Bundesrepublik das Ende des Schuljahres auf den Ostertermin verlegt wurde, hatte die Quarta nur zwei Jahresdrittel. In diesem Jahr bekamen wir auch Zuwachs von St. Paul, Wengerohr; ein halbes Dutzend Jungs von der Mosel und aus der Eifel kam auf unsere Klasse. Die Weihnachtszeugnisse gab es wie üblich am 22. Dezember.

1957

Die nächsten Zeugnisse waren am 13. April fällig und damit die Versetzung auf die Untertertia. Ostern war am 21. April, das neue Schuljahr fing um den 30. April an. Die ersten Zeugnisse, „Giftblätter” genannt, bekamen wir aus mir heute unbekannten Gründen erst am 10. Oktober, die zweiten am 21. Dezember. Anfangs Oktober erreichte eine Grippewelle das Haus, das damals 270 Schüler beherbergte. Zunächst waren 120 Jungs erkrankt, auf dem Höhepunkt zählte man kaum mehr als 30 Schüler, die nicht als krank firmierten. Bei der anschließenden naßkalten Kartoffelernte wurden ein paar Tropfen Schnaps in die heißen Getränke gemischt, um die Schülers zu stärken.

1958

Es war ein strenger Winter. Am 16.Februar schrieb ich nach Hause: „Der Schnee ist geschmolzen. In den letzten Tagen schien hier die Sonne wohltuend auf uns herab. Aber heute regnet es schon wieder. Dies war der Wetterbericht.” Am 27. Februar hieß es: “Hier liegt wieder einmal Schnee. Aber trotzdem blüht hier im Steingarten von Pater Zettelmeier schon ein Blümchen.” Ostern fiel wieder früh, auf den 6. April. Die Jahreszeugnisse erhielten wir am 29. März, mit der Versetzung auf die Obertertia. Anfangs Mai besuchten wir das Motorradrennen, das zeitweilig über die Straße an Haus und Hof entlang geführt wurde. Ein heißer Frühsommer mit Temperaturen um 30 Grad Ende Mai. Das er ste Jahresdrittel schloß am 23. Juli, das zweite am 23. Dezember. Ganz ungewohnt durfte ich wegen der Silberhochzeit meiner Eltern gegen Ende September für ein, zwei Tage nach Hause fahren.

1959

Am 8. Januar schrieb ich: „Dann möchte ich Euch bitten, daß in nächster Zeit kein Besuch kommt. Denn hier in der Umgebung ist Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. Auf unserem Hof ist sie noch nicht. Für Menschen ist sie zwar nicht ansteckend, aber übertragbar. / Bis Ostern ist es ja nicht mehr lange. Wir haben noch 60 Schultage und insgesamt 85 Tage bis zu den Heimatferien.” Am 2. März starb mein Onkel Ferdinand Q. bei einer Volksmission in Neunkirchen/Nahe an einem Herzinfarkt. Ostern fiel auf den 29. März, die Versetzung auf die Untersekunda fand am 21. März statt: von nun an wurde das Schuljahr in zwei Halbjahre geteilt. Auf Untersekunda bekamen wir wieder Zuwachs, diesmal Schwaben und Badener aus St. Johann/ Blönried.

Um den 18. Juli begannen die Sommerferien zu Hause. Anfangs September besuchte der Generalsuperior das Haus, er gab den Schülern am

10. September frei. Es waren neue Oberen eingesetzt worden: Dier wurde als Rektor von Klaholt abgelöst, auch die Amtszeit Franz Werners als Provinzial endete in diesem Jahr. Präfekt wurde Theodor Pulch, als Studiendirektor folgte Werner Eiswirth seinem Vorgänger Johannes Heisters.

Wie üblich durften wir um den Wendelinustag herum Besuch bekommen, für den übrigens das Haus kein Essen zur Verfügung stellte. Die ersten Zeugnisse bekamen wir am 30. Oktober. Am 29. November schrieb ich: „Wir kommen sehr wahrscheinlich nicht vor Weihnachten in Ferien, sondern erst nach Weihnachten. Die Schüler von Blönried, St. Johann, dürfen schon am 22. Dez. nach Hause. / Wir dürfen deshalb nicht früher heim, weil wir den feierlichen Gottesdienst über die Festtage gestalten müssen.”

1960

Am 24. Januar meldete ich: „Jetzt stehen wir wieder in vollster Arbeit; denn Ostern, und somit die Versetzung, kommt mit Riesenschritten näher.” Wenig später seufzte ich: “Jetzt stecken wir wieder bis zum Hals im Studium wegen der baldigen Versetzung. Jeder Lehrer denkt, er könne aus uns das letzte Bißchen Wissen herausholen.” Zugleich berichtete ich: „Seit Januar sind wieder zwei Brüder gestorben: Der ältere an einem Schwächeanfall. Der andere war der Gärtnermeister und Bienenzüchter Br. Raimund. Er war nach dem Bericht von Vater schon in unserem Saal und hatte dort einen Vortrag gehalten. Er starb nach einer Magenoperation. Sein Begräbnis war fast so groß wie Onkels Begräbnis.” Am 8. April gab‘s die Versetzungszeugnisse; damit hatten wir das Einjährige geschafft, die erste Etappe auf dem Weg zum Abitur. Ostern fiel auf den 17. April.

Nach den Ferien begann für uns die Obersekunda. Am 29. Mai übertrug Radio Saarbrücken wieder eine Sendung aus St. Wendel, die aber schon vierzehn Tage vorher aufgenommen worden war. Am Pfingstdienstag, 7. Juni, machten wir einen dreitägigen Ausflug, der uns nach Burg Lichtenberg, Landstuhl und zur Burg Sickingen führte. – Die Sommerferien waren früh angesetzt, wir mußten schon am 23. August wieder in St. Wendel antreten. Vom nächsten Abend, einem Sonntag, bis zum folgenden Sonntag früh hatten wir Exerzitien und Stillschweigen. “Das wird uns sicher viel nützen”, lautete meine Glosse. Das erste Halbjahr der Obersekunda schloß am 29.Oktober. Weihnachten durften wir am 28. Dezember heimfahren.

1961

„Jetzt haben wir schon wieder 3 Schultage hinter uns”, schrieb ich am 11. Januar: „Allgemeine Gesprächsthemen sind jetzt fast nur noch: Ostern und Versetzung. Alles andere ist nicht so wichtig: Gestern waren es 20 Jahre her, daß das Missionshaus von den Nazis beschlagnahmt wurde. Morgen kommt während der letzten beiden Unterrichtsstunden ein Vortragskünstler.” In einem Brief vom 12.März berichtete ich, daß von den 26 Mann der Abiturklasse nur zwölf in die Gesellschaft eintraten, was die Präfekten als Mißerfolg verbuchten und die Zügel der Erziehung anziehen ließen. Und ich fügte hinzu: „Seitdem die Oberprima weg ist, darf unsere Klasse, die jetzt die zweithöchste ist, jeden Sonntag Abend mit der obersten Klasse fernsehen.” Am 25. März fand unsere Versetzung in die Unterprima statt, Ostern war am 2.April. Für die älteren Schüler wurden die Elterntage gestrichen.

Am Pfingstdienstag, 23. Mai, wurden neun Scharlachfälle unter den Schülern festgestellt, trotzdem fuhr unsere Klasse mit dem Präfekten Pulch und Alphons Martin für zwei Tage nach Schaffhausen und Stühlingen. Im Brief vom 18. Juni hieß es: „Am Donnerstag (der Pfingstwoche) überraschte uns die Nachricht, daß ein Schüler von der Quinta im Schlaf samt dem Federbett aus dem Fenster des Schlafsaals gefallen ist. Tot.”

Die Heimatferien dauerten vom 21. Juli bis zum 30. August. „‚Du hast das Spotten nicht verlernt‘ – das sind die bekannten Empfangsausdrücke, ähnlich denen, die man zu Beginn der Ferien daheim hören kann: ‚Bist du auch wieder da?‘. / Heute abend um 6 Uhr beginnen die Exerzitien. Sie dauern bis zum Montagmorgen um 8 Uhr. Am Dienstag beginnt der Unterricht.” Erwähnenswert auch die Mitteilung: „In den vergangenen Ferien haben wir, 300 Schüler, im ganzen 10.800 DM für die Mission zusammengebracht. Ein einzigartiges Ergebnis. Soviel hatten wir in den letzten Jahren nur während eines ganzen Jahres zusammenbekommen.” – Die Zwischenzeugnisse wurden am 28.Oktober ausgestellt. Anfangs November schrieb ich: „Zum Schluß noch ein Wunsch unseres Präfekten: Schickt keine Eßwaren! Wir denken dazu: langsam aber sicher geht man drauf bei so einem Saufraß!” Die heimatlichen Weihnachtsferien, die zehn Tage dauerten, konnten wir erst am 27. Dezember antreten. Früher hatten wir nur fünf Tage Weihnachtsferien.

1962

Im Brief vom 21. Januar notierte ich: „Am nächsten Freitag beginnt das schriftliche Abitur [der vorhergehenden Klasse] und mit Wissen vollgestopft warten die Oberprimaner auf diesen Tag oder warten, bis die Prüfung vorbei ist. Neun Jahre haben sie für diese Prüfung gepaukt und geschwitzt. In sechs Wochen ist für sie alles vorbei und für uns beginnt dasselbe Theater: Lernt! Lernt! Lernt! Jetzt schon klingen uns Aussprüche unserer jungen weltlichen Lehrer in den Ohren: ‚Wir liefern keinen akademischen Schrott an die Universitäten!‘, ‚Von dieser Klasse macht höchstens die Hälfte das Abitur”, ‚So eine unselbständige Klasse im Denken ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht begegnet.‘ Das sind schöne Aussichten!” – Am 4.März schrieb ich über den kommenden Dienstag, den 6.März: „Fasnacht kommt in diesem Jahr fast überall etwas kürzer als in den letzten Jahren. Aber es fällt doch nicht ganz aus. Diesmal müssen wir also wie immer nächtliche Anbetung halten zur Sühne. Sonst hatten wir jedes Jahr in der Aula eine Fasnachtsfeier mit eigenen Darbietungen. Das fällt diesmal aus, obwohl man keinen richtigen Grund dafür finden kann. An Stelle der Feier sehen wir heute abend einen Film. Titel und Thema sind noch unbekannt.”

Wir mußten erst einige gesalzene Klassenarbeiten absolvieren, bis wir am 12. April in die Oberprima versetzt wurden: nur zwanzig von dreißig Kandidaten schafften den Sprung. Die Stimmung war gedrückt, Karfreitagsstimmung. Am Ostermontag, dem 23. April, konnten wir heimfahren. Anfang Mai erlitt ein Obersekundaner beim Fußballspiel, zu dem man beinahe auch mich, einen demonstrativen Nichtsportler, gezwungen hätte, einen doppelten Schienbeinbruch – was meine Einstellung zum Fußball nur bekräftigte.

Am 18.Mai berichtete ich: „Wir werden schon ein ganzes Jahr lang mit ‚Sie‘ angeredet. Nur heißt es bei uns nicht ‚Sie Esel‘, sondern: ‚Sie sind wohl verrückt geworden‘. Allerdings reden uns nur die weltlichen Lehrer mit ‚Sie‘ an. Die Patres bleiben bei dem natürlichen ‚du‘.” – Acht Wochen später fand das Turnabitur statt. Das letzte Zwischenzeugnis bekamen wir am 27.Oktober; zusätzlich zu den Herbstexerzitien mußten wir am Samstag vor dem dritten Adventssonntag noch einen Einkehrtag machen.

1963

Ende Januar war unser schriftliches Abitur, das mündliche fand am 4.März statt, einem Dienstag. Da ich vom mündlichen befreit war, war meine aktive Schulzeit mit dem Januar zu Ende.

Damit war die Schulzeit in St. Wendel abgeschlossen. Sie dauerte vom 31. August 1954 bis zum 4.März 1963 oder vom J.D. 2.434.986 bis zum J.D. 2.438.089, das waren achteinhalb Jahre oder 3.103 Tage.

Deutsch lernen

Das erste und wichtigste, was wir in St. Wendel zu lernen hatten, war Hochdeutsch. Soziologisch betrachtet, waren wir, die wir im Herbst 1954 in der Sexta der Missionsschule anfingen, eine homogene Gruppe, durchweg Kinder kleiner Leute, Söhne von Arbeitern, Handwerkern, kleinen Beamten; nur der Vater eines Schülers aus Saarbrücken war Versicherungsdirektor. In geographischer Hinsicht kamen wir aus dem Saarland, dem Hunsrück und der westlichen Pfalz, was keineswegs eine sprachlich homogene Dialektmischung ergab. Auf Quarta wurde die Sache komplizierter, da nun einige Schüler aus der Eifel und von der Mosel zu uns stießen, und auf Untersekunda wurden wir durch eine Gruppe Schwaben und Badenser bereichert.

Was die Verbreitung der Dialekte angeht, verläuft mitten durch das Saarland die Grenze des Mosel- und Rheinfränkischen. Es ist die 'dat'- und 'das'-Grenze, die sich ungefähr von Völklingen über Quierschied bis nach St. Wendel hinzieht. Die nordwestlichen Saarländer sagen 'eich' statt 'ich', 'dau' statt 'du', 'neischt' statt 'nix' und 'Motzen' statt 'Jubbe' (Jacke). Diese kuriosen Unterschiede waren das Befremdlichste, das wir zunächst zu verdauen hatten, als wir in kindlichster Beschränktheit uns kennenlernten. Denn natürlich sprachen wir in der Unterhaltung immer unseren angestammten Dialekt, der sich nicht nur durch diese große Querlinie von anderen unterschied, sondern auch noch innerhalb des einzelnen Mundartgebiets seltsame Eigenarten aufweisen konnte. Im südlichen Saarland gab es Dörfer, wo man 'Mann' statt 'Monn' und 'Bahm' statt 'Bohm' (Baum) sagte. Eine sehr vergnügliche Sprachkunde hauptsächlich über den südsaarländischen Dialekt hat übrigens der aus Sulzbach stammende Ludwig Harig in seiner Saarländischen Lebensfreude (1979) gegeben.

Sehr charakteristisch für das südliche Saarland ist aber, daß man 'Milsch' statt 'Milch' sagte, was anzeigt, daß diese Sprecher immer Probleme hatten, wenn es um die Unterscheidung von 'ch' und 'sch' ging. In unserer Gegend hatten wir dagegen die Besonderheit, daß wir nicht 'Milsch', sondern 'Milich' sagten, was einen sehr reinen 'ch'-Laut enthielt, so daß ich in der korrekten Aussprache des Hochdeutschen niemals durch jenes saarländische oder auch ostpfälzische Handicap benachteiligt war.

Das erste unbekannte Dialektwort, das ich hörte, war übrigens das zentralsaarländische ‚Blödmann‘. In unserem Dorf sagten wir statt dessen ‚Dummkopp‘, ‚Dussel‘ oder einfach ‚Idiot‘. Für die westlichen Saarländer aber schien der Ausdruck unverzichtbar zu sein.

Die Hauptmühe unserer Lehrer und Erzieher, Präfekten und Unterpräfekten bestand also zunächst darin, uns Hochdeutsch beizubringen und, was damit zusammenhängt, einigermaßen zivilisierte Manieren. Dieser Drill ging im übrigen soweit, daß zum Beispiel der Unterpräfekt Kowalski, wenn er im Speisesaal den Vorsitz führte, es nicht duldete, daß man ‚Aufwischlumpen‘ sagte; man mußte ‚Lappen‘ sagen, weil das vornehmer klang. Natürlich ist ‚Lumpen‘ genau so hochdeutsch wie ‚Lappen‘, es hat nur eine andere Bedeutungsnuance, paßte aber treffend zu dem naßgrauen Stoffetzen, für den es gebraucht wurde. Die Haupterziehungsarbeit im Gebrauch des richtigen Deutsch leisteten aber nicht die Lehrer oder Präfekten, sondern wir selbst durch Neckereien, Spott und Satire über die ärgsten mundartlichen Abweichungen, so daß am Ende jeder seine ärgsten heimatdörflichen Sprechmacken ablegte und ein Idiom sprach, das sich mehr oder weniger am Hochdeutschen orientierte. Die genaue Grammatik und den rechten Wortgebrauch des Hochdeutschen lernten wir aber keineswegs im Deutschunterricht, sondern von unseren Latein- und Griechischlehrern, in erster Linie von Otto Zettelmeier und Johannes Schöndorf, gegen die man manches vorbringen mag, deren Verdienste in der Sprachbildung aber immer anerkannt werden sollten.

Unser erster Deutschlehrer auf Sexta b war P. Gebhard Unmuth (Jg. 1914), ein Schwabe mit gelblichem Teint, schütterem Haar, metallisch sonorer Baßstimme, asketisch hager, der es auch bei stärkster Kälte ablehnte, einen Schal zu tragen. Freilich war er im Winter mit Talar und Stoffmantel dick genug gekleidet. Aus dem Krieg brachte er einen schweren Fußschaden mit, die Füße waren ihm, glaube ich, fast erfroren; und wie Charlie Chaplin setzte er die Spitzen stark nach außen, wobei er rüstig ausschritt. Er hat uns in den unteren Klassen oft zu Wanderungen in die nahen Wälder mitgenommen, wobei er anfangs, wenn wir bergauf zum Hof gingen, mit seiner kräftigen, angenehmen Baßstimme zur Eile drängte. Bald aber ließ das Tempo nach und es ging gemütlich weiter.

Aus seinem Deutschunterricht – wir hatten ihn anfangs auch in Latein, wo er uns die ersten Wörter, die einfachen Deklinationen und die läppischen Lehrbuchsätze beibringen mußte – habe ich nur zwei kleine Erlebnisse im Gedächtnis behalten. Es war wohl in der Quinta, als er uns einen Aufsatz über die Feldarbeit schreiben ließ, die wir ja täglich vor Augen hatten. Denn das Missionshaus lag inmitten der Felder, die vom Hof aus, einem der größten Bauernbetriebe des Saarlandes, bewirtschaftet wurden. Und wir mußten bei der Kartoffelernte, oft im Spät- herbst in der zweiten Oktoberhälfte bei naßkalter Witterung, tagelang mithelfen. Auch war der Hof selbst mit den Werkstätten und Stallungen, dem hohen Pferdestall mit den breiten und schweren Kaltblütern, dem riesigen Kuhstall, den stinkigen Schweine- und Hühnerställen, für uns immer ein Ort, an dem wir uns gern herumtrieben. Was ich in jenem Aufsatz schrieb, weiß ich nicht mehr. Es kann nichts Besonders gewe- sen sein, da ich damals noch nicht den Dreh raushatte, wie man Gesehe- nes und unmittelbar Erlebtes schriftlich festhält. Doch erinnere ich mich, daß ich von 'Ackergäulen' sprach, was aufmerken ließ, von Unmuth aber gebilligt wurde. Die anderen hatten wohl alle von 'Pferden' berichtet, da wir alle als Saarländer mit den verschiedensten, greulich klingenden Mundarten angehalten wurden, die exzentrischsten Dialekt- fehler abzulegen. Aber ‚Ackergaul‘ war genau das richtige Wort für die schweren Brauereipferde, belgische Kaltblüter, die damals den Pflug auf den lehmigen Sandböden der Hanglagen zogen. Unmuth hat das er- kannt und den zaghaften Versuch des Schülers gewürdigt, sprachlich von den eingefahrenen Konventionen los- und zu einem eigenen Aus- druck zu kommen.

Bei ihm lernten wir, wahrscheinlich auf der Sexta, auch ein Gedicht, das sich mir einprägte, obwohl ich damals mit dem Namen des Autors, der uns sicher genannt wurde, nichts anfangen konnte. Die Verse waren wohl der Fassungskraft der Elf- oder Zwölfjährigen angepaßt, ohne doch allzu kindlich zu sein. Das lautmalerisch lebendige, anschauliche Gedicht kann, wie alle gute Jugendliteratur, vielmehr auch Erwachsenen noch gefallen:

Unterm Schirme, tief im Tann,

hab ich heut gelegen,

durch die schweren Zweige rann

reicher Sommerregen.

Plötzlich rauscht das nasse Gras –

stille! Nicht gemuckt! -:

Mir zur Seite duckt

Sich ein junger Has –

Erst zwanzig Jahre später, als ich mich mal mit Christian Morgenstern beschäftigte, entdeckte ich diese Verse in seinen Gesammelten Werken. Auf Sexta b ist uns wohl kaum klargeworden, daß dieses kleine Naturgedicht die wesentlichsten Sprachmittel der Poesie, ungezwungene Endreime, eingängige Stabreime, die farbigste Vokalmelodie, in reinster Form enthält. Wir dürften lediglich seine Anschaulichkeit, das gut erzählte Tiererlebnis begriffen haben und natürlich konnten wir noch nicht erkennen, daß zwischen diesen Strophen und den späteren dadaistischen Nonsens-Gedichten Morgensterns nur ein winziger Schritt liegt. Jedenfalls hat uns Unmuth mit diesem Gedicht bekannt gemacht, so daß es hängen blieb. Wahrscheinlich mußten wir es, wie es damals bei Gedichten noch üblich war, auch auswendig lernen, sonst wäre es mir wohl kaum im Gedächtnis geblieben.

Daß Unmuth selbst sich auch für die schwierigere Literatur der Moderne interessierte, zeigte er, als er sich Jahre später mit wenigen Schülern der oberen Klassen im Physiksaal eine Verfilmung des Schlosses von Kafka ansah. Wir waren auf Prima, und meines Wissens hatte P.Werner, der vom Präfekten gefragt worden war, damals gegen die Teilnahme an der Sendung nichts einzuwenden gehabt. Er kannte sicher den Roman und seinen leicht anstößigen Inhalt, war aber liberal genug, uns die Sache nicht vorzuenthalten. Als nun in diesem Schwarzweißfilm die lange Sequenz kam, wo sich der Held im Gasthaus mit dem Schankmädchen in heftiger Umarmung auf dem Boden wälzt, wurde Unmuth unruhig und empörte sich so sehr, daß die Sendung abgebrochen und der Apparat abgestellt wurde. Merkwürdigerweise hatte auch Klaholt, der damalige Rektor, die Sache angesehen, aber weder gegen den Film noch gegen den Abbruch der Sendung protestiert; er sagte kein Wort, saß nur mit roten Ohren, bis er als einer der letzten den Saal verließ. Der Vorfall rührte natürlich an ein Tabu des klösterlichen Lebens und des Internats, das Verhältnis zur Sexualität, mit dem man durch schlichtes Verbot und striktes Ignorieren fertigwerden zu können glaubte.

Günstiger trat Unmuth sich bei einer Fahrt nach Bonn hervor, die wir auf den oberen Klassen unternahmen. Der St. Wendeler Abgeordnete führte uns durchs Bundeshaus und organisierte ein Treffen mit Familienminister Wuermeling; keiner von uns traute sich, ein Wort zu sagen. Nur Unmuth machte den Mund auf und richtete an den Politiker eine kritische Frage über die Benachteiligung der Familie.

Unmuth sah ich zum letzten Mal um 1965 oder 66, als ich einmal für einen Tag von St. Augustin nach St. Wendel gekommen war. Ich traf ihn zufällig auf dem Flur und er fragte mich intensiv aus, sprach von seinem Unterricht, wollte vieles wissen und sagen, aber er war zu einer Fahrt verabredet und konnte seinen drängenden Kollegen nicht länger warten lassen. – Ich wüßte nicht einen Vorwurf, den ich gegen ihn als Lehrer erheben könnte. Er hat uns nicht schikaniert, keine unsinnigen Strafen auferlegt oder irgendwie launisch oder ungerecht behandelt. Freilich hatten wir ihn in den ersten Klassen, als wir noch nicht durch die Pubertät verwirrt und aufsässig geworden waren, sondern in einem Alter, wo die Intelligenz schon etwas entwickelt, Wille und Charakter aber noch lenkbar sind. Wie dem auch sei, ich habe ihn als integren, lauteren, arglosen, humorvollen Menschen in Erinnerung, der uns selbst die Späße, die wir mit seinem Namen trieben, nicht übel nahm.

Für gewöhnlich finden wir nicht selbst heraus, worin wir gut oder talentiert sind, sondern verständigere, erwachsene Leute müssen es feststellen und dem Jungen sagen. So habe ich schon früh gemerkt, daß die Briefe, die ich schrieb, meinen Leuten zuhause gefielen. Daß man über all die Jahre hin Briefe schreiben mußte, allein deswegen, um seinen Eltern über praktische Dinge Nachricht zu geben, war eine nicht zu unterschätzende Einübung in eine alte Kulturtechnik, die heute im Schwinden begriffen ist. Daß man schreiben lernte, war eine unbeabsichtigte Nebenfolge dieser Übung, die man nicht immer gern und lustvoll ausführte.

Im Deutschunterricht gaben mir drei Lehrer einen Wink über eine mögliche Begabung. Neben Unmuth und Werner war es Heinrich Funk (1899-1971), genannt Patz, der mich auf eine Stärke aufmerksam machte; ich selbst wäre damals gewiß nicht draufgekommen, daß ich sie hatte. Vielleicht sollte ich auch noch Joseph Schmidt erwähnen, der sich einmal große Mühe mit mir gab; doch kann ich nicht oder nicht mehr recht erkennen, ob es mir genützt hat. Wir hatten ihn auf Quarta in Deutsch, ein schmächtiger, schwindsüchtiger, asthmatischer älterer Herr, ungeduldig, öfter mit einem Gummiball inhalierend, was er mit dem Mantel zu verdecken suchte. Er ist wenig später gestorben. Er soll auch einen Roman geschrieben haben, von dem ich allerdings nicht einmal mehr den Titel weiß. Gewiß war er mehr als qualifiziert für das Fach, doch kaum der richtige Mann für eine Bande unreifer Buben, die kaum Hochdeutsch konnten. Er ließ uns einmal einen Aufsatz über die elterliche Wohnung verfassen, und mein Produkt, das mit schlichtesten Sätzen unbeholfen die Lage der Zimmer genau zu beschreiben suchte, nahm er öffentlich Satz für Satz auseinander. Was am Ende herauskam, ist mir nicht mehr erinnerlich, wohl aber, daß er nicht nur den Stil verbesserte, sondern auch die Tatsachen, nämlich die Lage des Badezimmers, nach seinem Gutdünken und seiner Vorstellung änderte. Doch hatte ich nicht die Courage, gegen diese stilistisch wohlgemeinten, aber faktenwidrigen Veränderungen zu protestieren. Er war ein Lehrer, der es zu gut meinte. Wir hatten ihn in einer zu frühen Periode, als daß ich von ihm überhaupt hätte profitieren können. Er ist, glaube ich, noch im selben Jahr gestorben.

Funk hatten wir in zwei Perioden in diesem allgemeinen Fach mit den schwer faßlichen, kaum zu definierenden Gegenständen, in einer der unteren Klassen und in Untersekunda. Was wir auf Quinta oder Quarta, wenn es damals war, bei ihm durchnahmen, will mir beim besten Willen nicht mehr einfallen. Ich erinnere mich nur an eine Art Kriminalfall. In einem mäusereichen, trockenen Sommer hatte jeder von uns in seinem Pult eine Maus, die wir mit Brotstücken fütterten – was barbarisch gestunken haben muß. Es gab da auch ein Kaninchen; wie und wo es gehalten wurde, ist mir heute schleierhaft, nicht aber, daß es eines Morgens totgeschlagen oder totgetreten aufgefunden wurde, und Funk setzte alles dran, um den Täter aufgrund von Indizien, einen Pantoffelabdruck, zu überführen. Der Beschuldigte tat ihm aber nicht den Gefallen, zu gestehen – was ich damals gewiß kritisierte, heute aber bewundernd billige.

Die zweite Periode seines Deutschunterrichts war dagegen ergiebiger, wir waren älter und über die ärgste Phase der Pubertät hinaus. Es war auf Untersekunda, wo wir bei ihm Maria Stuart durchnahmen, was hieß: das Drama genau lesen und dann eine am Inhalt orientierte Klassenarbeit darüber schreiben. Er traktierte uns auch mit dem gefürchteten Lied von der Glocke, von dem wir einige Strophen auswendig lernen mußten, was mir selbst gar nicht so unlieb war, denn noch heute lerne ich die Gedichte, die mir gefallen, gerne auswendig. Auch sollten wir einmal eine kleine Geschichte, einen Erlebnisbericht oder eine Zeitungsreportage, als Nacherzählung frei vortragen. Im Gedächtnis geblieben ist mir von der Übung nur der wortreiche, lebhafte, dialektgefärbte Vortrag Wassmers, eines Südbadeners, über eine Flugzeugkatastrophe, die einer Superconstellation zugestoßen war, und nur wegen des exotischen Wortes ist die Sache bei mir hängengeblieben.

Vom Inhalt meines eigenen Vortrags weiß ich dagegen rein gar nichts mehr, wohl aber weiß ich, daß der Vortrag einen durchgehenden Rhythmus hatte und in einer beruhigenden, überzeugenden Tonlage gehalten war. Darüber hatte Funk nämlich eine Bemerkung zur Klasse, nicht aber zu mir gemacht, etwa des Sinnes: „Habt Ihr gemerkt … ". Es war eine wichtige Erkenntnis für den Schüler und eine erstaunliche Einsicht in eine notwendige Qualität einer guten Prosa, die immer eine rhythmisch gut gegliederte Prosa ist. Die Bedeutung dieser Beobachtung Funks habe ich erst später erkannt, als ich mich von Berufs wegen mit den Raffinessen der Prosakunst beschäftigte. Damals aber wurde mir klar, daß ich intuitiv ein unerläßliches, eher körperhaft-sinnliches als intellektuelles Grundelement des sprachlichen Ausdrucks beherrschte.

Merkwürdig ist, daß ich zu Funk, den wir nicht nur in Deutsch, sondern auch in Geschichte und später in Kunstgeschichte hatten, niemals ein auch nur entfernt persönliches Verhältnis hatte. Obwohl wir oft mit ihm plauschten, auch außerhalb des Unterrichts, wenn er nachmittags in Stiefeln und mit umgehängtem kleinem Kosmos-Fernglas zu seinem Waldgang aufbrach, kann ich mich doch an kein persönliches oder irgend treffendes Wort von ihm erinnern. Gelegentlich artete in den mittleren Jahren die Stunde bei ihm in ein reines Spektakel aus, das er nicht zu beruhigen verstand, sondern einfach sich austoben ließ. Merkwürdig ist ebenfalls, daß wir von seiner politischen Einstellung, die während des Dritten Reiches nazistisch angehaucht gewesen sein soll, nicht das Geringste mitbekamen. Einem Ondit zufolge soll er sich für das Hitlerporträt in der Aula stark gemacht haben. Vermutlich hat er, wie viele Sympathisanten des Nazismus, nach dem Krieg sich in eine gänzliche politische Abstinenz zurückgezogen.

Ein anderer Charakter als Funk war Alphons Martin (1908-1990), genannt ‚Matz‘, den wir all die Jahre nicht nur in Musik hatten, sondern in der gesamten Tertia und in Obersekunda in Deutsch. Er pflegte den Unterricht zunächst mit einem alltäglichen Gespräch zu eröffnen, wo er die aktuellen Dinge durchsprach, was es Neues im Haus gab, was wir erlebt hatten und was er erlebt hatte. Da wir noch nicht zu den oberen Klassen gehörten, durften wir auch nicht wie diese gelegentlich in der Stadt Filme besuchen, was natürlich nicht den einzelnen, sondern nur der Klasse insgesamt gestattet war. So streng waren damals die Sitten der Erziehung. Martin aber versäumte keinen dieser Filmbesuche und tischte uns am nächsten Tag dann brühwarm auf, was er gesehen hatte. Aus seiner umständlich genauen, anschaulichen Nacherzählung kenne ich zum Beispiel Die Brücke am Kwai, die ich erst Jahre später selbst gesehen habe. Er war ein großer Anekdoten-Erzähler und scheint neue Erfahrungen vor allem deshalb gesucht zu haben, um eine Anekdote einheimsen zu können.

Auch kam er einmal voller Stolz auf seinen musikpädagogischen Erfolg in einer ländlichen Gegend zu sprechen, wo er die Mägde und Bauerstöchter dadurch gewonnen hatte, daß er ihnen Walzer beibrachte, so daß sie beim Kuhmelken „An der schönen blauen Donau” sangen oder summten. Eine andere Story war ein Wortspiel mit ‚Nieder– und Oberlausitz‘, das sich auf einen Kahlkopf bezog. Ein weiterer Scherz war eine Definition des Kusses: Ein Kuß ist der Ausdruck eines Eindrucks mit Aufdruck und Nachdruck.

Regelmäßig erzählte er von seinen Urlaubsbekanntschaften, wo er als Schwabe die Gewohnheit hatte, alle Leute, die ein Auto mit Stuttgarter Kennzeichen fuhren, anzusprechen und in ein Gespräch zu verwickeln. Leider erinnere ich mir nur noch dunkel an seine Erlebnisse während des Krieges, die er, wenn ich mich nicht täusche, denn es wäre sensationell, wenn es wirklich so gewesen war, als Geistlicher in der Nähe der Wolfsschanze, dem Hauptquartier Hitlers, mitgemacht hatte. Dort hatte er die zum Tode Verurteilten zu betreuen. Es kann aber sein, daß ich hier einige Dinge zusammenwerfe. Wie dem aber sei, er war eine Klatschtante. Mit leiser Flüsterstimme, so als wolle er auf dem Gang nicht gehört werden, verplauderte er regelmäßig die Hälfte der Stunde. Dabei hatte er eine Wut auf „die schrecklichen Moralisten”, über die er herzuziehen pflegte – was für das Gemüt von Halbwüchsigen der reinste Balsam war.

Seinem menschenfreundlichen, um Sympathie werbenden Charakter entsprechend war auch sein Unterricht. Im Oktober 1958, als nach dem Tod Pius XII. ein neuer Papst gewählt wurde, sprach er natürlich stundenlang über nichts anderes als über dieses Ereignis und er ließ uns tatsächlich einen Aufsatz schreiben, wen wir zum Papst wählen würden. Favorit war ein exotischer, photogener östlicher Patriarch namens Makarios, den wir denn auch alle wählten. Was den Unterricht selbst angeht, so füllte er die Zeit, die nach dem Plaudern noch übrigblieb, mit dem Vorlesen von Novellen und Erzählungen aus. Der Schuß von der Kanzel, Romeo und Julia auf dem Dorf, Das Fräulein von Scudéry, Peter Schlemihl sind Texte, an die ich mich noch erinnere. So spannend diese Geschichten auch waren, im nachhinein kommt mir diese Phase des Deutschunterrichts doch etwas leer, wenn nicht vertan vor. Gewiß gilt dies von J.H. Vossens Luise, einem Epos in Hexametern. Wahrscheinlich lasen wir bei ihm auch das neuromantische Epos Dreizehnlinden von F.W.Weber. Es müßte auf Untertertia gewesen sein, ich las es auch privat und lernte viele der steifen Trochäus-Strophen sogar auswendig. Über dieses leicht sentimentale, im Grunde prosaisch-banale Riesengedicht über die Christianisierung der Sachsen durch Karl den Großen könnte man lächeln, immerhin war diese Dichtung dem Verständnis der Vierzehnjährigen vollkommen angepaßt, sie überstieg ihre Intelligenz nicht im geringsten, was gewiß von didaktischem Nutzen, aber weder in poetischer noch auch in intellektueller Hinsicht von irgendeinem Wert war. Vor kurzem las ich in Klaus Manns Autobiographie, daß auch er in seiner Gymnasialzeit sich mit diesem Epigonen-Epos abquälen mußte. Der einzige Vers, der zum geflügelten Wort wurde, lautet: „Immer zahlen muß der Sachse“. Daß wir auch Gottfried Keller lasen, den wunderbaren Prosakünstler, mag dazu beigetragen haben, daß ich später für die Magisterprüfung den Grünen Heinrich als Prüfüngsthema wählte. Und über E.T.A. Hoffmann schreibe ich noch heute Aufsätze.

Allgemein möchte ich bedauernd sagen, daß uns in dieser Phase der Ausbildung der Grammatikunterricht fehlte und ebenso eine genauere Unterweisung im Schreiben und Gliedern von Aufsätzen. Was wir von der Grammatik des Deutschen lernten, erfuhren wir nicht im Deutschunterricht, sondern im Latein- und Griechischunterricht. Doch für systematischen oder theoretischen Unterricht hatte Martin weder die Begabung noch die Neigung. Allerdings hat mir an ihm gewaltig sein Wortschatz imponiert: er schien jedes Fremdwort, nach dem wir ihn fragten, zu kennen. Später habe ich es mir zum Vorsatz gemacht, jedes unbekannte Wort im Deutschen nachzuschlagen und zu behalten.

Welche Aufsätze, von der genannten Klassenarbeit über die Papstwahl im Herbst der Obertertia abgesehen, wir bei ihm sonst noch schrieben, weiß ich nicht mehr. Es dürften Nacherzählungen oder Ausführungen über oberflächlichere Themen, möglicherweise sogenannte Besinnungsaufsätze gewesen sein. Daß darunter auch eine gewichtige Hausarbeit war, ergibt sich aus einem Brief vom 2. März 1961, Ende der Obersekunda: „Ich mußte einen Aufsatz schreiben, der meine Note in Deutsch stark beeinflussen wird. Für diesen Aufsatz brauchte ich drei Wochen.” Ich erreichte bei ihm nie mehr als eine mittlere Note, was mich damals aber nicht wunderte. Als wir Werner bekamen und dieser meine Aufsätze weit höher bewertete, sprach mich Martin einmal auf dem Flur an und meinte, er habe immer überlegt, ob er mir keine bes -sere Noten geben müßte, doch sei er nie zu einem sicheren Ergebnis gekommen – was wiederum von seinem diplomatischen Bestreben zeugt, sich mit allen gut zu stellen, besonders mit denen, die eine gewis -se Begabung zeigten. So hat er mir auch unter dem Siegel der Verschwiegenheit, wiederum bei einer Begegnung auf dem Flur, nach der Abiturkonferenz flüsternd mit eindeutigen Andeutungen verraten, daß ich vom mündlichen Abitur befreit worden sei. Da er ein Freund unseres späteren Präfekten Pulch war, hat er uns dann auch auf einigen Ausflügen begleitet, auch da immer freundlich, neugierig, viel plaudernd, Glaubliches und Unglaubliches von sich gebend, so die Story, daß er weitläufig mit Therese von Lisieux verwandt sei.

Alles in allem war er ein Lehrer nach dem Herzen jüngerer Schüler, die nicht streng, sondern nachsichtig und mild unterwiesen sein wollten. Im nachhinein glaube ich nicht, daß er Sechzehnjährigen, deren Intelligenz eben zur Reife erwacht ist und die gewissermaßen nach schwierigen Problemen dürsten, in Deutsch und Literatur viel zu sagen hatte. In bester Absicht wollte er ihnen das Leben von Problemen freihalten, während sie, oder doch einige von ihnen, sich gerade an Problemen messen wollten. Anders mag es in Musik- und Operngeschichte gewesen sein, wovon er eine ganze Menge mehr verstand.

Diener Gottes

P. Franz Werner (1902-1987) war der erste Französischlehrer, den wir die ersten Wochen oder Monate in Sexta b als Aushilfe hatten. Er war damals auch, jahrelang, „Der Provinzial”, der höchste Obere im Haus und der süddeutschen Provinz der SVD. Er wurde es vor allem wegen seiner Französischkenntnisse, die es ihm erlaubten, mit den Besatzungsbehörden die nötigen Dinge zu regeln. Für uns jüngere Schüler war er all die Jahre die höchste erreichbare Autorität auf Erden, und in der Tat besaß er eine unbestreitbare natürliche Würde, ein selbstverständliches Ansehen, das allein durch seine Gegenwart wirkte. Es war unvorstellbar, daß er mit lauter Stimme seine Amtsgewalt bewiesen oder eingesetzt hätte. Einmal, als im großen Speisesaal, wo alle Klassen von Sexta b bis Untersekunda versammelt waren, ein riesiger Krach mit Klappern der Blechteller u.ä. ausgebrochen war und der aufsichtführende Unterpräfekt dem Toben machtlos zusehen mußte, kam er von dem Lärm angelockt herein. Er brüllte oder schrie nicht militärmäßig, wie man es hätte erwarten können, sondern erschien in der Tür, woraufhin sofort Stille eintrat, sagte mit normaler Stimme ein paar Sätze, aus denen ich damals nicht klug wurde, und hatte damit die Ordnung wieder hergestellt.

In der Unterprima bekamen wir ihn dann als Deutschlehrer und er war für mich ein unverhofftes Glück. Selbst Westfale, hatte er in Münster vor dem Krieg bei Peter Wust Philosophie studiert, seine Fächer waren Deutsch, Französisch und Englisch. Bei ihm nahmen wir dann die große Dichtung der Weltliteratur durch, nicht nur die Hauptwerke der deutschen Dichtung, sondern auch Sophokles und Shakespeare. Wir lasen einige Dramen von Schiller und Goethes Faust, von dem er uns eine Tonbandaufnahme von Gründgens vorführte; auch lasen wir mit verteilten Rollen, glaube ich, den ganzen ersten Teil. Natürlich ging es ihm zunächst und vor allem darum, uns mit den Texten selbst bekannt zu machen. Er hat uns keine großartige Interpretation aufgetischt, sondern ließ die Dichtung selbst sprechen, den großartigen Chorgesang der Antigone: „Vieles Gewaltige lebt… ” und die dramatischen Szenen von Macbeth und Hamlet. Hier, bei „sweet William Shakespeare”, wie er gerne sagte, verweilte er bei dem Moment, wo Macbeth das unsichtbare Blut an seinen Händen sah, und bei dem ironisch grotesken Augenblick, wo Hamlet zurückschreckt, einen Schurken während des Gebets ins Jenseits zu befördern. Werner machte uns auf diese eindringlichen Stellen aufmerksam, indem er mehrfach auf sie hinwies und die Verse fragend wiederholte.

Daneben lasen wir eine muffig langweilige Geschichte von Emil Strauß, die aus welchen Gründen auch immer damals auf dem Lehrplan stand; Titel und Inhalt habe ich vergessen. Ein wenig unterhaltsamer war immerhin Ein Inspektor kommt, ein modernes Boulevard- oder Kriminalstück von John B. Priestley, das aus unerfindlichen Gründen ebenfalls auf dem Lehrplan stand. Daß Werner auch anders konnte, zeigte er, als mit Schumann ein Französischlehrer frisch von der Universität kam und uns, wie es damals literarische Mode war, die moderne Kurzgeschichte schmackhaft machte. Werner stellte sich dieser Konkurrenz und wählte eine Erzählung Kafkas, Der Nachbar, aus. Auch hier war er nicht auf eine hochgestochene allegorische Deutung aus, sondern interpretierte sie als realistische Erzählung, er gab eine eindringliche Wesensschilderung des Nachbarn, der wie eine Ratte ins Zimmer schlüpft. Werner machte auf das für Kafka typische gestische Moment des Erzählens aufmerksam, er betonte das irritierend huschende Verhalten des Nachbarn, womit ein charakteristisches Merkmal dieser Geschichte getroffen war. Außerdem lasen wir die unheimliche Schwarze Spinne von Gotthelf, den er beharrlich bei seinem richtigen Namen ‚Bitzius‘ nannte. Auch hatte er einige Literaturgeschichten, alte Schwarten von E. Engel und anderen, herbeigeschleppt, die jahrelang herumlagen, ohne daß allerdings einer von uns reingeschaut hätte.

Was die Lyrik angeht, so hatte er sichtlich die größte Freude an Des alten Pfarrers Woche der Droste-Hülshoff. Wir mußten einige Teile auswendig lernen, und er zitierte mit Wohlgefallen öfter die Verse: „Ja, ja wir alten Knaben, wir müssen sachte traben” – was er auf sich selbst bezog; den siebzehnjährigen Primanern lag diese Stimmung natürlich denkbar fern. Desgleichen war das große Gedicht von Brentano, mit den Versen: „Was reif in diesen Zeilen steht”, eher auf die Mentalität und Erfahrung eines Erwachsenen abgestimmt als auf die Fassungskraft von geistigen Anfängern, wie wir es waren. Ähnliches gilt von Schillers Drei Worten des Glaubens.

Bezeichnend für seine Toleranz war, daß er die Interpretation eines Schülers, der bestritt, daß die Verse über Brot und Wein in einem Gedicht von Trakl sich auf das Abendmahl beziehen, nachsichtig und unwidersprochen hinnahm, obwohl diese Anspielungen natürlich nicht wegzudisputieren sind. Genau erinnere ich mich noch an das Gedicht

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