Logo weiterlesen.de
Lehrermord

Durch einen tragischen Unfall kommt Gymnasiallehrer Johann Possma ums Leben. Die Bewohner der Kleinstadt Spenge sind erschüttert. Der Lehrer hatte viele Freunde und einen untadeligen Ruf. Bei der Untersuchung des Unfallwagens stellen die Techniker der Polizei fest, dass sich jemand an den Bremsschläuchen zu schaffen gemacht hat. Nun ist Hauptkommissar Korff von der Bielefelder Kripo gefragt, denn es geht um Mord. Die Ermittlungen laufen zunächst ins Leere. Possma war beliebt und niemand aus seinem Umfeld kann sich vorstellen, warum ihn jemand umbringen sollte. Ein zweiter Mord wirft allerdings einen dunklen Schatten auf die weiße Weste des Vorzeigepädagogen.

Die Hauptpersonen

Klaus Korff

Kriminalhauptkommissar

Rolf Grohner

Kriminalhauptkommissar

Jörg Zeinitz

Kriminalkommissar

Dr. Theodor Dröge

Schulleiter

Arnulf Lieber

Stellvertretender

Schulleiter

Johann Possma

Lehrer

Jacob Richter

Lehrer

Herbert Szameit

Lehrer

Karin Herzog

Schulsekretärin

Gerold Falter

Schüler

Benno Burscheidt

Exkommilitone
von Johann Possma

Rudi Haubrock

Exkommilitone
von Johann Possma

Frederik Schmidt

Exkommilitone
von Johann Possma

Dr. Volker Gessenberg

Rechtsanwalt

Dr. Klaus Janssen

Bankdirektor

Dr. Bernward Kentschke

Rechtsanwalt

Vera Reinsfeld

Scheidungsanwältin

1. Kapitel

Freitag, den 4. Mai 2012

Es klingelte zum Unterrichtsbeginn. Arnulf Lieber stand am Fenster seines Arbeitszimmers und blickte auf den Schulhof hinunter, wo ein paar verspätet eintreffende Unterstufenschüler ihre Schritte beschleunigten, um noch vor ihren Lehrern die Klassenräume zu erreichen. Fünf oder sechs Oberstufenschüler, die ebenfalls spät dran waren, ließen sich von dem Klingeln hingegen nicht beeindrucken und schlenderten, sich gestenreich unterhaltend, auf einen Nebeneingang der Schule zu, der zum naturwissenschaftlichen Trakt gehörte.

Der stellvertretende Schulleiter nahm die ankommenden Schüler nur am Rande wahr. Seine Aufmerksamkeit galt dem schwarzen Porsche, der gerade in sportlicher Manier auf den Lehrerparkplatz des Spenger Bussche-Münch-Gymna-siums fuhr. Ein hochgewachsener dunkelhaariger junger Mann entstieg dem Sportwagen und eilte raschen Schrittes auf die Eingangstür der Schule zu. Seine Tasche hatte er lässig über die rechte Schulter gehängt.

Lieber öffnete die Tür zum Nebenzimmer. Karin Herzog, die Schulsekretärin, die gerade mit einem korpulenten grauhaarigen Lehrer sprach, der sich mit beiden Ellenbogen auf dem Tresen im Eingangsbereich abstützte, blickte auf.

„Frau Herzog, sagen Sie doch bitte Herrn Possma, dass ich ihn in einer der großen Pausen sprechen möchte.“ Liebers Stimme klang verbindlich, wer ihn aber kannte, konnte aus dem Tonfall eine leichte Gereiztheit heraushören.

Die Schulsekretärin nickte und kritzelte eine kurze Notiz auf ihren Schreibblock.

Nachdem Lieber das Büro wieder verlassen hatte, wandte sich Karin Herzog mit leicht gedämpfter Stimme an ihren Gesprächspartner: „Na, ist unser guter Herr Possma wieder etwas spät zum Unterricht erschienen? Wäre ja nicht das erste Mal in dieser Woche. Herr Lieber scheint ja richtig angefressen zu sein.“

Norman Zacharias nickte bedächtig. Er blickte die Sekretärin lange über seine Lesebrille an und verzog das Gesicht zu einem schadenfrohen Grinsen. „Zu Recht. Diese jungen Kollegen heutzutage sind doch etwas anders gestrickt als wir damals.“

Er machte eine Pause. „Als ich 1972 als Studienrat z. A. an dieser Schule anfing, waren wir jüngeren Kollegen schon immer zehn Minuten vor Unterrichtsbeginn im Lehrerzimmer. Das wurde von uns erwartet. Selbst die älteren Kollegen hätten sich damals nicht getraut, zu spät zu erscheinen. Wenn ich an unseren damaligen Direktor Reitzmann denke …“

Karin Herzog, die erst seit wenigen Monaten als Schulsekretärin am Bussche-Münch-Gymnasium arbeitete, konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. „Na, Herr Zacharias, zehn Minuten vor Schulbeginn, das war ja nun auch ein wenig übertrieben, oder?“

Der Mathematiklehrer ging auf den Einwurf nicht ein. Er war bei seinem Lieblingsthema angelangt. „Mitte der 1970er Jahre wurde es schlimm, da drängten die späten Achtundsechziger in die Schule, das war für das Klima im Kollegium nicht gut. Von Pünktlichkeit hatten die wenigsten etwas gehört. Es hat Jahre gedauert, bis die sich einigermaßen angepasst hatten; manchem ist das bis heute nicht gelungen. Ich will hier keine Namen nennen, aber das wird Ihnen sicherlich auch schon aufgefallen sein.“

Karin Herzog hatte von anderen Lehrern erfahren, dass Zacharias an der Schule als Hort des Konservatismus galt. Der – vermutlich nicht ganz ernst gemeinte – Lieblingsausspruch des Mathematiklehrers: „Rechts von mir steht nur noch meine Frau“ war im Kollegenkreis bekannt und wurde auch von den wenigen politisch interessierten Oberstufenschülern kolportiert.

Die Schulsekretärin suchte noch nach einer ausweichenden Antwort, als Schulleiter Dr. Theodor Dröge das Schulbüro betrat. „Guten Morgen Frau Herzog, guten Morgen Herr Zacharias.“ An Zacharias gewandt fuhr Dröge fort: „Schön, dass Sie schon da sind.“

Er sah auf die Uhr, die an der Wand hinter dem Arbeitsplatz der Sekretärin angebracht war. Der Minutenzeiger hatte fast die Zwölf erreicht. Der Schulleiter deutete auf die Uhr und sagte: „Wir hatten uns für 8:00 Uhr verabredet, oder?“

Zacharias nickte.

Dröge blickte Zacharias auffordernd an, durchmaß dann das Sekretariat mit langen Schritten und steuerte die Tür seines Dienstzimmers an. Zacharias richtete sich auf, verabschiedete sich von der Sekretärin mit einem Augenzwinkern und folgte dem Schulleiter.

Dröge schob seine Aktentasche in das leere Fach eines kleinen Regals, das neben seinem Schreibtisch angebracht war, und winkte Zacharias an den ovalen Besprechungstisch, der den hinteren Teil des Arbeitszimmers ausfüllte.

Die beiden Lehrer setzten sich.

Dröge sah seinen Gesprächspartner freundlich lächelnd an. „Tja, Herr Zacharias, die Anzahl Ihrer Arbeitstage wird langsam überschaubar.“

Der Mathematiklehrer nickte.

Dröge wies auf ein Foto an der Wand, das das Schulgebäude aus der Vogelperspektive zeigte. „Sie sind seit 1972 an unserer Schule?“

„Ja, seit fast 40 Jahren.“ Stolz klang aus der Stimme des korpulenten Lehrers. „Ich bin der mit Abstand dienstälteste Kollege hier. Meine Krankheitstage können Sie an zwei Händen abzählen.“

Dröge war noch einmal aufgestanden, hatte von seinem Schreibtisch einen Schreibblock geholt und machte sich einige Notizen. „Ich weiß das und ich habe Ihre Arbeit und Ihr Engagement immer geschätzt.“ Dröge zögerte kurz und blickte auf seinen Block. „Ihre Verabschiedung in den Ruhestand soll am 6. Juli stattfinden, am letzten Schultag vor den Sommerferien. Ich denke, dass ich eingangs Ihren beruflichen Werdegang anhand Ihrer Personalakte beschreibe. Es wäre nicht schlecht, wenn ich diese Darstellung mit einigen Ihrer Erlebnisse aus fast 40 Dienstjahren würzen könnte. Können Sie sich an besondere Begebenheiten erinnern?“

Zacharias dachte einen Augenblick nach und sagte: „Ja, sicher. Als ich im Jahre 1973 anfing, hatte die Schule etwa 600 Schüler und 40 Lehrer, heute haben wir mehr als 1 000 Schüler und nahezu 80 Kollegen. Damals gab es an der Schule noch keinen Kopierer. Wir Lehrer benutzten einen Umdrucker, mit dem man Abzüge von Matritzen machen konnte, die wir am Vortag zu Hause mit einer Schreibmaschine beschriftet hatten. Man roch danach immer nach Spiritus und manche Schüler haben an den Blättern geschnüffelt und hatten dabei so einen seligen Gesichtsausdruck.“

Dröge lächelte und wies auf ein großformatiges Foto an der gegenüberliegenden Wand, welches das Kollegium zeigte. „Ich dachte da eher an Begebenheiten mit Kolleginnen und Kollegen.“

Zacharias kratzte sich am Kinn. „Tja, ich habe schon einige seltsame Kollegen erlebt. Einer hat mal eine Wüstenrennmaus im Lehrerzimmer freigelassen, um seine Versetzung an eine andere Schule zu beschleunigen, was ihm mit dieser Aktion auch gelungen ist, weil sich die Kolleginnen über den Mann bei der Bezirksregierung beschwert haben.“

Dröge fiel in ein lautes Lachen. „Das war deutlich vor meinem Amtsantritt als Schulleiter, oder? Ich habe von dem Fall jedenfalls noch nichts gehört.“ Dröge war erst im Jahre 2007 Schulleiter des Bussche-Münch-Gymnasiums geworden. Zuvor hatte er an einer Schule in Herford unterrichtet.

„Ja, diese Aktion hat Mitte der 1970er Jahre stattgefunden, als überall ein großer Lehrermangel herrschte und der damalige Schulleiter den Kollegen nicht so ohne weiteres gehen lassen wollte. Ich erinnere mich da übrigens noch an einen anderen Fall. Da war ein Kollege …“

***

Es hatte zur zweiten großen Pause geklingelt. Schülermassen strömten aus den Klassenzimmern und strebten über die Flure den Ausgängen zum Pausenhof zu. Die ersten Lehrer postierten sich im Treppenhaus, um ihre Aufsicht wahrzunehmen.

„Sie wollten mich sprechen?“ Johann Possma stand abwartend in der geöffneten Tür, die vom Flur zum Büro des stellvertretenden Schulleiters führte.

„Ja, kommen Sie doch bitte herein und nehmen Sie Platz.“ Lieber hatte den Blick etwas widerstrebend vom Bildschirm seines Computers gelöst, schaute Possma nun mit unbewegtem Gesicht an und deutete auf den Stuhl, der vor seinem Schreibtisch stand.

Das Büro war spartanisch eingerichtet. Persönliche Gegenstände fehlten völlig. Es gab weder Topfblumen auf der Fensterbank noch Bilder an den Wänden. Lediglich an der Wand hinter dem Schreibtisch des stellvertretenden Schulleiters befand sich eine große Stecktafel, an der Lieber jeweils vor Beginn eines Schuljahres mit Hilfe eines Computerprogramms die Stundenpläne für die etwa 80 Lehrerinnen und Lehrer konzipierte. Lieber konzentrierte sich ganz auf seine Arbeit und die – das musste Possma zugeben – machte er gut.

„Herr Possma, ich habe Sie hergebeten, weil ich mit Ihnen über Ihr dienstliches Verhalten sprechen möchte.“

Johann Possma, der sich inzwischen gesetzt hatte, verdrehte innerlich die Augen, zeigte aber nicht, wie er über die Situation dachte. Lieber kam immer mit der gleichen Leier.

„Worum geht es genau?“ Possma bemühte sich, seiner Stimme einen freundlichen Klang zu geben.

Lieber strich mit seiner linken Hand über seinen Hinterkopf. Dann bewegte sich die Hand über die linke Wange nach vorn zum Kinn. „Ich meine damit Ihren etwas lockeren Umgang mit dem Unterrichtsbeginn. Heute Morgen sind Sie erneut zu spät erschienen, ebenso wie gestern Morgen und am Freitag letzter Woche. Vorgestern waren Sie zu einer Vertretungsstunde eingeteilt, die 8d hat aber vergeblich auf Ihr Erscheinen gewartet.“

Als Possma nicht sofort antwortete, fuhr Lieber in sachlichem Ton fort: „Wie Sie wissen, ist Schule ein komplexes System, das nach bestimmten Regeln funktioniert und bei dem ein Rädchen ins andere greift. Pünktlichkeit ist ein ganz wichtiges Prinzip, denn wir müssen versuchen, den Schülern Vorbild zu sein. Wie können wir von unseren Schülern Pünktlichkeit einfordern, wenn wir sie ihnen nicht vorleben?“

Possma zögerte kurz, bevor er erklärte: „Die Vertretungsstunde vorgestern habe ich übersehen, ich hatte vergessen, auf den Vertretungsplan zu schauen und war in meiner Freistunde zur Bank gefahren … Heute Morgen hat es kurz vor Jöllenbeck einen Verkehrsunfall gegeben. Die Straße war gesperrt. Ich musste einen Umweg machen und war dadurch ein wenig spät dran. Das war höhere Gewalt.“

Lieber verriet mit keiner Miene, ob ihn die Erklärungen Possmas überzeugten. Er blickte über Possma hinweg auf die gegenüberliegende kahle Wand, wandte sich wieder dem jungen Lehrer zu und sagte: „Mir liegen zudem Elternbeschwerden vor. Sie haben vor etwa fünf Wochen in der Einführungsphase eine Klausur schreiben lassen, die Sie bis heute noch nicht zurückgegeben haben. Die Leistungskurswahlen stehen an und die Schüler benötigen die Klausurergebnisse als Grundlage für ihre Wahl.“

In diesem Augenblick klopfte es. Auf Liebers wenig begeistertes „Ja bitte“ trat Dr. Theodor Dröge in den Raum. Er nickte Lieber und Possma freundlich zu.

„Störe ich?“

Lieber schüttelte den Kopf. „Nein. Es trifft sich sogar gut, dass Sie kommen.“ Er machte eine kurze Pause, überlegte einen Augenblick und sagte: „Ich habe Herrn Possma zu einer Unterredung gebeten, weil ich den Eindruck habe, dass er seine dienstlichen Pflichten nicht ernst genug nimmt.“

Dröge ließ seinen Blick zwischen Lieber und Possma wandern. Sein Blick blieb freundlich. „Worum geht es?“

Nachdem ihm Lieber den Sachverhalt dargelegt hatte, nickte Dröge. „Herr Lieber, es ist völlig richtig, dass Sie das Gespräch mit Herrn Possma gesucht haben.“ An Possma gewandt fuhr er fort: „Herr Possma, wir versuchen hier alle, unsere Arbeit professionell zu erledigen. Pünktlichkeit gehört mit zu unseren unverzichtbaren dienstlichen Pflichten. Es ist den Schülern und ihren Eltern auch nicht zuzumuten, dass Klausuren erst nach fünf Wochen zurückgegeben werden.“ Er blickte Possma eindringlich an. „Herr Possma, lassen Sie sich von Frau Herzog für Montag einen Termin geben, wir sollten uns über die Angelegenheit weiter unterhalten, schließlich muss ich Ihnen demnächst ein Gutachten schreiben. Ihre Verbeamtung auf Lebenszeit steht bald an.“

Possma war damit verabschiedet. Er erhob sich, nickte seinen beiden Gesprächspartnern kurz zu und verließ den Raum. Vor dem Lehrerzimmer standen mindestens 20 Schüler, die sich um Gespräche mit einzelnen Lehrern bemühten. Possma schob sich an den Schülern vorbei und versuchte ein freundliches Gesicht zu machen.

Jacob Richter, mit dem Possma einen Schreibtisch im Lehrerarbeitszimmer teilte, kam auf ihn zu, als Possma den Raum betrat. Da ihm Possma kurz zuvor von der Vorladung bei Lieber erzählt hatte, zog er Possma in eine ruhige Ecke und fragte: „Na, was wollte Lieber von dir?“

Possma berichtete seinem Kollegen in knapper Form von der Unterredung mit Lieber. „Dieser Kleinbürger, macht da ein Theater wegen einer Verspätung von fünf Minuten. Wenn der sonst keine Sorgen hat … Zum Glück kam Dröge ins Zimmer. Der will am Montag noch einmal mit mir sprechen. Das wird aber laufen. Mit Dröge verstehe ich mich gut. Dröge ist ein großer Geist, nicht so kleinkariert wie Lieber.“

Richter blickte ihn zweifelnd an. „Hm. Wenn du dich da mal nicht täuschst. Dröge soll vorgestern Katie Oberneck regelrecht fertiggemacht haben, weil sie während der Klausurphase einen Tag Sonderurlaub für den Besuch einer Religionsfortbildung beantragen wollte.“

Richter unterrichtete Französisch und Philosophie. Er war etwas kleiner als Possma und hatte deshalb seinen Kopf leicht in den Nacken gelegt. Seine langen dunkelbraunen Haare und sein dreieckiger Unterlippenbart, der bis zum Kinn reichte, verliehen ihm ein etwas abenteuerliches Aussehen. Possma fühlte sich immer an einen der drei Musketiere erinnert, wenn er Richter ansah.

Possma zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich zu Recht. Die Oberneck hat doch nur noch ihre Kirche im Kopf. Das wirkliche Leben bekommt die doch gar nicht mehr mit. Nein, mit Dröge komme ich schon klar. Ich glaube, da muss ich mir keine Sorgen machen, der sieht das nicht so eng.“

Richter war noch nicht überzeugt. „Wenn du meinst … Du solltest aber schon darauf achten, dass Lieber in den nächsten Wochen keinen weiteren Grund findet, dich bei Dröge anzuschwärzen.“ Er wechselte das Thema. „Weißt du schon, dass unser Dezernent dieses Jahr an den mündlichen Abiturprüfungen teilnehmen will? Du hast doch auch Prüfungen. Vielleicht besucht er dich.“

„Soll er. Ich werde versuchen ihn glücklich zu machen. Vielleicht hat er in seinem bisherigen Berufsleben wenig Bestätigung erfahren.“

Richter blickte seinen Kollegen irritiert an. „Wie kommst du denn zu dieser Vermutung?“

„Na ja, er ist Dezernent geworden. Das zeigt doch, dass er zumindest in seinem früheren Leben als Lehrer nicht glücklich war – oder?“

Richter lachte. Dann sagte er: „Vielleicht kann ich dich auch ein wenig aufheitern … Ich komme gerade aus einer Erdkundestunde in der 7b. Ich habe zum Stundenausklang mit den Schülern ‚Stadt-Land-Fluss‘ gespielt.“

„Ja und?“

„Na ja, als der Buchstabe ‚K‘ dran kam, meldete sich eine Schülerin bei ‚Stadt‘ und wollte mit ‚Karstadt‘ punkten.“

Possma grinste. „Das Gymnasium ist auch nicht mehr das, was es einmal war.“

Jacob Richter lachte ebenfalls. „Das war noch nicht alles. Beim Buchstaben ‚M‘ zur Kategorie ‚Land‘ meinte ein anderer Schüler, mit ‚Mailand‘ glänzen zu müssen. Da habe ich die Unterrichtsstunde beendet. Ich fühlte mich allerdings noch verpflichtet, die Schüler darauf hinzuweisen, dass ‚Legoland‘ und ‚Lummerland‘ keine real existierenden Länder sind.“

***

Als Possma eine knappe Stunde später vor seinem Leistungskurs stand und seine Schüler mit dem Hitler-Stalin-Pakt vertraut machte, der eine wichtige Voraussetzung für den deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 gewesen war, hatte er das Gespräch mit Lieber bereits vergessen.

„Welche Motive erkennen Sie bei den vertragschließenden Mächten, ich meine beim Deutschen Reich und bei der Sowjetunion?“ Possma blickte in die Runde.

Gerold Falter, der mit Abstand beste Schüler des Kurses, meldete sich und analysierte sachkundig die politischen Rahmenbedingungen und Interessen der beiden Mächte. Die übrigen Schüler schwiegen. Es wurde immer ruhig im Kurs, wenn Gerold sprach.

Possma war beeindruckt. „Sehr gut, Gerold.“ An die anderen Schüler gewandt fragte er: „Wie erklären Sie sich, dass der am 23. August 1939 geschlossene Vertrag ‚Hitler-Stalin-Pakt‘ genannt wird, dieser Vertrag aber von den beiden Außenministern von Ribbentrop und Molotow unterzeichnet worden ist? Hitler und Stalin haben sich überhaupt nicht getroffen.“

Es dauerte eine Weile, bis sich einige Schülerinnen und Schüler meldeten, auch Gerold Falter war darunter. Dieses Mal übersah Possma ihn geflissentlich und ließ andere Schüler zu Wort kommen, die zum Teil abenteuerliche Vermutungen äußerten. Possma bemühte sich, die abstrusesten Ideen mit Sachargumenten zurückzuweisen und die weiterführenden Thesen vorsichtig zu unterstützen.

Gerold Falter, der sich beharrlich weiter gemeldet hatte, ließ sich nun nicht mehr weiter übersehen. Possma forderte ihn auf, seine Sicht der Dinge darzulegen. Gerold holte weit aus und verwies auf Hitlers „Mein Kampf“ und die darin enthaltenen Angriffe gegen den Bolschewismus und die Forderung nach Lebensraum im Osten. Er schloss seinen Beitrag mit den Worten: „Wenn sich Hitler mit Stalin, schlimmstenfalls sogar händeschüttelnd, nach der Vertragsunterzeichnung hätte ablichten lassen, wäre Hitler nicht nur bei den Mitgliedern seiner Partei, sondern sicherlich bei der gesamten deutschen Bevölkerung unglaubwürdig geworden. Der Ruf des gesamten Regimes stand auf dem Spiel.“

Christina Wessling, eine kleine schmale Schülerin mit rotgefärbtem Haar und einem Lippenpiercing, meldete sich. „Das konnte Hitler doch egal sein, Deutschland war doch eine Diktatur. Ein Diktator muss keine Rücksicht auf die Bevölkerung nehmen, oder?“

Drei oder vier andere Schülerinnen und Schüler hoben sofort die Hände und zeigten damit, dass sie mit diesem Beitrag nicht einverstanden waren. Die Diskussion, die sich jetzt entsponn, war von Possma zwar nicht geplant gewesen, er ließ sie aber trotzdem laufen, weil die Schüler hier noch einmal ihr Wissen über den Charakter des NS-Staates einbringen konnten.

Das Klingeln zum Unterrichtsende unterbrach die Diskussion. Schlagartig rafften die Schüler ihre Materialien zusammen und verließen den Kursraum. Possma verzichtete darauf, die eigentlich vorgesehene Hausaufgabe zu stellen.

Gerold Falter stand in der geöffneten Tür und wartete auf Possma. Er lächelte, dabei blickte er sich um. Als er niemanden sah, der in der Nähe stand und ihr Gespräch hätte mithören können, sagte er leise: „Ich muss mit dir reden.“

„Jetzt nicht, Gerold, ich habe gleich noch eine Besprechung mit einigen Fachkollegen.“

Das Lächeln verschwand aus Gerold Falters Gesicht. „Wann hast du Zeit?“

Possma hob die Schultern. „Ruf mich morgen an“.

„Können wir uns nicht sehen?“

„Das geht an diesem Wochenende nicht. Lass uns telefonieren.“ Gerold Falter nickte. Die Enttäuschung war ihm anzumerken. „Bis morgen.“

Possma hob die Hand zum Gruß und wandte sich zum Gehen.

***

Korff kam zu spät. Er blieb zunächst kurz in der Eingangstür des Nil stehen und ließ seinen Blick durch das Lokal schweifen. Dann hatte er die Frau entdeckt. Weiße Bluse, dunkler Hosenanzug: Das musste sie sein. Sie saß an einem der runden Tische im hinteren Teil des Restaurants und studierte die Speisekarte.

Der erste Eindruck stellte Korff zufrieden. Die Frau mochte Anfang 40 sein, sie trug ihre dunklen Haare hochgesteckt, wodurch ihr schlanker Hals besonders betont wurde. Auf ihrem freundlichen Gesicht lag allerdings – wohl durch Korffs Verspätung verursacht – ein leichter Schatten.

Jetzt hatte sie Korff in der Eingangstür entdeckt. Die Frau lächelte zögernd, Korff fasste das als Einladung auf und ging auf ihren Tisch zu.

„Vera Reinsfeld?“, fragte er.

Sie nickte.

„Klaus Korff.“ Er stockte. „Schlechter Einstieg“, sagte er etwas zerknirscht. „Ich hoffe, ich habe nicht jetzt schon alles vermasselt?“

„Nehmen Sie doch Platz.“ Sie lächelte wieder. „Wahrscheinlich haben Sie einen guten Grund für Ihre Verspätung?“

Korff setzte sich. Er orientierte sich kurz. Das Restaurant war mäßig gefüllt, einige Nachbartische waren nicht besetzt. „Soll ich Ihnen die Wahrheit sagen?“, fragte er.

„Ich bitte darum.“

„Ich habe mit Situationen wie dieser eigentlich keine Erfahrung. Es ist das erste Mal, dass ich mich auf diese Weise verabrede. Kurz vor Herford wollte ich eigentlich wieder umkehren, aber da dachte ich, das sei Ihnen gegenüber nicht fair, und da bin ich doch …“

Vera Reinsfeld hüstelte leicht, um damit ihre Zweifel an Korffs Entschuldigung anzumelden. „Und das soll ich glauben? Sie haben mir doch geschrieben, dass Sie Polizist sind. Ein unsicherer Polizist? In Ihrem Beruf müssen Sie doch die Selbstsicherheit in Person sein, oder?“

Die Frau war Korff auf Anhieb sympathisch. „Sie dürfen mir glauben, in meinem Beruf weiß ich schon, was ich will. Aber im täglichen Leben, gerade im Umgang mit Frauen, da ist mir schon einiges danebengegangen.“

Vera zeigte auf die Speisekarte. „Wollen wir nicht etwas bestellen? Wir können unser Thema ja gleich weiter vertiefen.“

„Gute Idee.“

Die beiden widmeten sich ihren Speisekarten. Korff entschied sich für einen Montepulciano und ein argentinisches Rumpsteak im Pfeffermantel, Vera wählte einen Pinot Grigio und Trüffelravioli.

Nachdem der Kellner die Bestellung aufgenommen hatte, fragte Vera, ohne noch einmal auf Korffs Verspätung einzugehen: „Was genau machen Sie beruflich?“

„Ich bin für die Aufklärung von Kapitalverbrechen zuständig, Mord, Totschlag und dergleichen.“ Korff erzählte von dem Fall des toten Hitlerjungen, den er vor ein paar Jahren mal gelöst hatte. „Sie sehen, es gibt dabei schon einige ganz seltsame Begebenheiten“, schloss er.

„Scheint ein sehr interessanter Beruf zu sein. Und Sie lösen die Fälle ganz alleine?“

Korff lachte. „Natürlich nicht, auch wenn das eben so klang. Wir arbeiten im Team, uns unterstützen die Kollegen von der Spurensicherung und die Gerichtsmediziner.“

Der Kellner kam und servierte die Getränke. Die beiden schwiegen kurz und blickten sich an. Auch Vera schien mit dem äußeren Bild Korffs zufrieden zu sein, zumindest ließ sie sich eine mögliche Enttäuschung nicht anmerken.

Als der Kellner den Tisch verlassen hatte, nahm Korff den Gesprächsfaden wieder auf. „Erzählen Sie doch einmal von sich. Sie haben mir gemailt, dass Sie Rechtsanwältin sind …“

„Ja, mein Spezialgebiet sind Ehescheidungen.“ Sie lächelte und setzte nach: „Das schreckt viele Männer ab. Sie sind an einer festeren Beziehung plötzlich nicht mehr interessiert.“

Korff nickte. „Das kann ich mir gut vorstellen. Seien wir doch ehrlich: Wenn wir in unserem Alter einen Partner suchen, so haben wir doch sicherlich die eine oder andere schlechte Erfahrung auf diesem Gebiet gemacht. Viele haben eine Scheidung hinter sich, die – abgesehen von den seelischen Blessuren, die man davongetragen hat – häufig auch nicht ohne finanzielle Einbußen abgegangen ist …“

Vera unterbrach ihn mit gespielter Empörung: „Und wer trägt die Schuld daran? Natürlich der Scheidungsanwalt der Gegenseite, also ich.“ Sie lächelte und hob ihr Glas. „Lassen wir dieses unangenehme Thema. Wir wollen uns doch erst einmal kennenlernen.“

Korff hob ebenfalls sein Glas und sah sich um. Mit verschwörerischer Miene sagte er: „Auf unser erstes Date.“

Vera lachte. Sie schien gerne zu lachen. Sie besaß überhaupt eine positive Ausstrahlung. Korffs Begeisterung wuchs. Und solch eine Frau suchte einen Mann wie ihn?

2. Kapitel

Dienstag, den 8. Mai 2012

In der Turmalinstraße war es nahezu stockfinster. Der Mond war in den vergangenen Nächten zu einer dünnen Sichel geschrumpft, die aber nur gelegentlich in einer der Lücken zwischen den dichten Wolken zum Vorschein kam. Es regnete leicht. Die nächste Straßenlaterne verbreitete ihr Licht in einer Entfernung von mehr als 100 Metern. Die Fenster in den Reihenhäusern waren dunkel. Vollkommene Stille lag über der Siedlung. Der Mann lauschte. Von der Jöllenbecker Straße drang jetzt das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos in die ruhige Nebenstraße. Das Motorengeräusch schwoll an und erreichte seinen Höhepunkt, als das Auto die Turmalinstraße passierte. Dann ebbte das Geräusch wieder ab und die Stille kehrte zurück.

Der dunkel gekleidete Mann blickte sich um und überquerte die Straße. Sein Ziel war ein Carport, der zu einem Mehrfamilienhaus gehörte. Der Mann verharrte und blickte sich erneut um. Alles war ruhig. Die Bewohner der gesamten Straße schienen zu schlafen. In dem Carport mit drei Stellplätzen standen zwei Autos, der dritte Platz war leer.

Der Mann legte den Rucksack, dessen Griff er mit der linken Hand umklammert gehalten hatte, auf dem gepflasterten Boden neben dem dunklen Sportwagen ab. Er entnahm dem Rucksack eine Taschenlampe und einen Wagenheber, den er unter den Holm der Fahrerseite stellte. Er drehte vorsichtig an der Kurbel, so dass der Wagen seitlich langsam angehoben wurde. Gelegentlich schaltete der Mann für wenige Sekunden die Taschenlampe an, mit deren dünnem Strahl er die Position des Wagenhebers kontrollierte.

Als er mit seiner Arbeit zufrieden war, überprüfte der Mann die Standfestigkeit des Autos und schob sich danach unter den aufgebockten Wagen, wo er sich an der Wagenunterseite zu schaffen machte.

Nach etwa einer Viertelstunde hatte er seine Arbeit beendet. Er kam unter dem Wagen hervor, schob das Werkzeug wieder in den Rucksack und kurbelte den Wagenheber herunter, den er ebenfalls im Rucksack verstaute. Mit der Taschenlampe leuchtete er seinen Arbeitsplatz ab, um zu kontrollieren, dass er nichts vergessen hatte.

Bevor er wieder auf die Straße trat, blickte er sich um und lauschte noch einmal. Alles war ruhig. Er setzte sich in Bewegung. Wenige Minuten später war er an seinem Wagen angelangt, den er am unteren Ende der Saarstraße abgestellt hatte.

***

Das Telefon klingelte. Hauptkommissar Klaus Korff löste seinen Blick von der Fußballzeitschrift, in der er gerade einen Bericht über Borussia Dortmund gelesen hatte. Der letzte Spieltag am vergangenen Samstag mit dem 4:0-Erfolg über den SC Freiburg und die anschließende Meisterschaftsfeier wurden ausführlich dargestellt und mit Hintergrundinformationen garniert. Korff war selbst im Dortmunder Stadion gewesen und hatte mitgefeiert.

Er legte das angebissene Sandwich auf den Teller. Die Mittagspause war damit wohl beendet. Etwas ungehalten griff er zum Hörer.

„Ja, Korff.“

Sein Chef, Bereichsleiter Paul-Heinrich Pott, war am anderen Ende. „Klaus, eine Leichensache. Heute Morgen gegen 7:30 Uhr hat es am Ortsausgang von Jöllenbeck einen Unfall gegeben. Der Fahrzeuginsasse ist dabei ums Leben gekommen.“

Korff war etwas irritiert. „Das ist bedauerlich, aber ich weiß nicht, was wir damit zu tun haben sollten. Das ist doch Sache der Verkehrspolizei.“ Seine Stimme klang abweisender als beabsichtigt.

Jetzt wirkte Pott leicht gereizt. „Das Fahrzeug ist kriminaltechnisch untersucht worden. Die Untersuchung hat ergeben, dass die Bremsschläuche beschädigt worden sind. Wir haben es möglicherweise mit einem Mord zu tun.“

Korff schwieg einen Augenblick. In verbindlicherem Ton sagte er: „Gut, Rolf und ich werden uns um die Sache kümmern. Wie heißt das Unfallopfer?“

„Possma, Johann Possma. Er wohnt in Theesen und hat als Lehrer in Spenge gearbeitet.“

„Liegt schon ein Unfallbericht der Kollegen von der Verkehrspolizei vor?“

„Befindet sich hier auf meinem Schreibtisch, ihr könnt ihn mitnehmen, wenn ihr zum Unfallort fahrt. Der Unfallwagen steht in Schildesche bei Weber.“

Korff legte auf und erhob sich. Sein Kollege Rolf Grohner saß hinter seinem Schreibtisch und sah Korff fragend an.

„Es gibt möglicherweise einen Mordfall. Komm mit.“

Grohner fuhr mit seinem Bürostuhl etwa einen halben Meter zurück und drückte sich ächzend hoch.

„Was ist los mit dir?“, fragte Korff besorgt, als er seinen Kollegen etwas schief vor sich stehen sah.

„Hexenschuss, nicht schlimm.“ Grohner dehnte sich vorsichtig, indem er die Arme hob und mit dem Rumpf eine kreisende Bewegung machte. „Was wollte Pott von dir?“

„Verkehrsunfall in Jöllenbeck. Die Bremsen eines PKW haben versagt. Möglicherweise hat dabei jemand nachgeholfen“, informierte ihn Korff in knapper Form.

***

Kriminaloberrat Pott, fast zwei Meter groß, leicht übergewichtig, mit rundem Gesicht und hoher Stirn, blickte auf, als Korff und Grohner sein Büro betraten.

„Hier.“ Pott zeigte auf einen grauen Aktendeckel, der vorn auf seinem Schreibtisch lag. „Gutes Gelingen.“

Korff und Grohner nickten. Korff nahm die dünne Akte und die beiden Hauptkommissare verließen ohne ein weiteres Wort das Büro ihres Vorgesetzten, der von seinen Mitarbeitern, in Anlehnung an einen früheren kambodschanischen Diktator, despektierlich ‚Pol Pot‘ genannt wurde. Pott, der bei seinen Mitarbeitern als äußerst karriereorientiert galt, wartete nun schon seit geraumer Zeit auf eine ihm aus der Umgebung des Polizeipräsidenten signalisierte Beförderung, die mit einem Aufrücken in die engere Führungsgruppe verbunden sein sollte. Das lange Warten und das ständige Hoffen hatten Potts Laune und sein Verhalten den Mitarbeitern gegenüber nicht gerade verbessert.

Die Kommissare eilten über den Parkplatz zu ihrem Dienstwagen, um von dem Regen, der seit der Nacht kontinuierlich gefallen war, so wenig wie möglich durchnässt zu werden. Wegen seiner Rückenbeschwerden hatte Grohner allerdings Mühe, Korff zu folgen.

„Wo fahren wir eigentlich hin?“, fragte Grohner, nachdem er sich in das Fahrzeug gequält hatte.

„Zunächst mal nach Schildesche zur Werkstatt, danach schauen wir uns die Unfallstelle an.“

Während Korff den Wagen vom Parkplatz lenkte, blätterte Grohner in der von der Verkehrspolizei erstellten Akte, die aber nur aus wenigen Blättern bestand. Der Bericht der Kollegen enthielt eine Unfallbeschreibung, die aus den Aussagen mehrerer Zeugen und eigenen Messungen rekonstruiert worden war, sowie eine Mail, in der ein Unfallsachverständiger seine ersten Untersuchungsergebnisse zusammengefasst hatte.

„Der verunglückte Fahrer hieß Johann Peter Possma, wohnhaft in Theesen, Turmalinstraße, von Beruf Lehrer, 33 Jahre alt.“

Korff nickte. Die beiden Kommissare warteten an der Ampel an der Kurt-Schumacher-Straße. Als die Ampel endlich Grün zeigte, bog Korff nach rechts in die Voltmannstraße ein.

„Hier, eine Zeugenaussage von einem gewissen Armin Diwald aus Jöllenbeck, die ist interessant. Ich lese sie dir mal vor: ‚Ich fahre jeden Morgen nach Spenge. Den schwarzen Porsche habe ich in den letzten Wochen morgens öfter an der Kreuzung Spenger Straße/Dorfstraße gesehen. Der Porschefahrer ist immer sehr forsch, er hat mich früher auch schon mal auf der abschüssigen Spenger Straße überholt. Heute Morgen war er vor mir an der Kreuzung. Als die Ampel auf Grün sprang, hat er beschleunigt und ist in hohem Tempo die Spenger Straße hinuntergefahren. Unten in der Linkskurve hat er die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren, ist von der Straße abgekommen und gegen den Telegrafenmasten geprallt.‘“

Grohner legte eine kurze Pause ein, dabei blätterte er die übrigen Seiten durch. Dann klappte er die Akte zu und erklärte: „Die Zeugen haben sich hinter Possmas Porsche befunden und angehalten. Der Insasse eines der nachfolgenden Fahrzeuge hat sofort die Polizei verständigt, aber keine eigenen Anstrengungen unternommen, den Verunglückten aus dem Fahrzeug zu bergen, was ihm auch kaum möglich gewesen wäre, da sich die Türen nicht mehr öffnen ließen. Als Polizei und Feuerwehr eintrafen, konnte man nur noch den Tod des Verunglückten feststellen. Die Fotos musst du dir gleich selber anschauen.“

Sie befanden sich inzwischen in der Beckhausstraße. Korff fuhr auf den Hof der Kfz-Werkstatt Weber, die in Fällen wie diesen mit der Polizei zusammenarbeitete. In einem der geöffneten Hallentore sahen sie den schwarzen Porsche auf einer Hebebühne. Vor dem Fahrzeug standen zwei Männer in blauen Kitteln und unterhielten sich.

Korff parkte den Dienstwagen in unmittelbarer Nähe des Hallentores und grüßte die beiden Männer. Einen der beiden, Kurt Weber, der den Reparaturbetrieb leitete und die Gutachten für die Polizei erstellte, kannte Korff flüchtig.

Nachdem sich Grohner unter leisem Ächzen aus dem Dienstwagen gewunden und die beiden Kfz-Sachverständigen begrüßt hatte, wies er auf den schwarzen Porsche mit dem zerbeulten Frontbereich: „Das war mal ein schönes Auto, schade drum.“

Weber, ein mittelgroßer Mann mit beachtlichem Kugelbauch, schütteren blonden Haaren und nur mäßig gepflegtem Vollbart, nickte. „Sie sagen es. Ein Porsche 911 Targa 4 S, das neueste Modell. Ein gesuchtes Auto, kostet gut und gerne 100 000 Euro.“

Korff verzog sein Gesicht. „Wie sieht’s aus? Was haben Sie gefunden?“

Weber dirigierte die beiden Kommissare unter das Fahrzeug und zeigte mit seinem Kugelschreiber auf die beschädigte Bremsleitung. „Hier, geschickt gemacht. Man hat die Bremsleitung so perforiert, dass sie bei der ersten stärkeren Belastung versagen musste.“

„Normaler Verschleiß ist ausgeschlossen?“

Weber blickte zuerst Korff, dann seinen Mitarbeiter an und griente. Er hatte bereits bemerkt, dass Korff nicht viel von Autos verstand. „Sie können mir glauben, das hier“, er wies mit seinem Kugelschreiber auf die Bremsleitung, das ist kein Verschleiß, ganz sicher nicht. Außerdem ist der Wagen noch kein Jahr alt.“

Grohner nahm die Bremsleitung ebenfalls in Augenschein. „Das kann nicht jeder, oder?“

„Sicher nicht, etwas Ahnung von Autos“, Weber warf einen mitleidigen Blick auf Korff, „sollte man schon haben.“

Der Mitarbeiter Webers, ein schlanker Mann mit dunklen lockigen Haaren und ölverschmierter rechter Wange, deutete auf eine kaum sichtbare Kante unter dem Holm der Fahrerseite, „Hier scheint jemand einen Wagenheber nicht ganz fachgerecht angesetzt zu haben. Der Wagenheber gehörte vermutlich nicht zur Porscheausstattung. Der Wagen ist damit sicherlich das erste Mal angehoben worden, so neu wie der ist.“

Korff nickte. „Gut.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Lehrermord" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen