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Legenden des Wilden Westens: Band 1-6 (Sammelband)

Pete Hackett

Legenden des Wilden Westens: Band 1-6 (Sammelband)

Sechs historische Western Romane





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Legenden des Wilden Western (1- 6)

Sechs Western von Pete Hackett

Dieses Ebook beinhaltet folgende sechs Western:

Rächer ohne Gnade

Der Outlaw

Und dann nahm er den Stern

Christopher Columbus Slaughter

Dave Mathers Weg

Nur ein dreckiger Bandit

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

www.postmaster@alfredbekker.de

Rächer ohne Gnade

Ein Western-Roman um Apache Kid (ca. 1860 bis nach 1894)


Die Schüsse peitschten. Toga-De-Chuz, der Apachenhäuptling, wurde herumgerissen und geschüttelt und sank schließlich tot zu Boden. Apachen, die um das Lagerfeuer saßen, sprangen auf. Geschrei kam auf.

Pulverdampf wölkte und wurde vom lauen Abendwind zerpflückt. In den Gesichtern der Männer, die geschossen hatten, zuckte kein Muskel. Sie zogen sich langsam zurück und hielten die Gewehre im Anschlag. Niemand wagte es, ihnen zu folgen…

Außerhalb des Feuerscheins warfen sie sich herum und begannen zu laufen. Sie verschwanden in der Nacht.

John Bullis, der Agent von San Carlos, wurde verständigt. Er erfuhr die Namen der Mörder des Häuptlings und ließ Al Sieber, den alten Armeescout zu sich kommen. Der bärtige Sieber hörte sich an, was Bullis zu sagen hatte. Dann murmelte er: »Ski-Be-Nan-Ted wird seinen Vater rächen wollen. Er wird den Mördern folgen.«

»Ich werde ihm verbieten, das Reservat zu verlassen. Die Mörder werden unsere Leute verfolgen. Aber wahrscheinlich haben sie sich nach Mexiko in die Sierra Madre abgesetzt. Sie dort zu finden wird unmöglich sein. In der Felswildnis haben sich schon Victorio und Geronimo mit ihren Leuten monatelang versteckt, ohne dass es gelungen wäre, sie aufzustöbern.«

»Apache Kid wird sich von Ihrem Verbot nicht abhalten lassen, John«, prophezeite Al Sieber.

»Dann lasse ich ihn verhaften und einsperren«, knurrte Bullis. »Ich habe damit kein Problem.«

»Hat man Apache Kid schon über den Tod seines Vaters unterrichtet?«

»Wahrscheinlich. Sprechen Sie mit ihm, Al. Sagen Sie ihm, dass ich ihm untersage, das Reservat zu verlassen, und dass er mit Bestrafung zu rechnen hat, wenn er meine Anordnung missachtet. Sollte er einen der Mörder seines Vaters töten, werde ich ihn wegen Mordes anklagen lassen. Beruhigen Sie ihn damit, dass wir die Mörder verfolgen und ihrer gerechten Bestrafung zuführen werden.«

»Damit wird sich Ski-Be-Nan-Ted nicht beruhigen lassen. Die Chiricahuas unterliegen einem eigenen Kodex, und das wissen Sie auch, Bullis. Ich glaube nicht, dass sich Apache Kid an Ihre Weisung halten wird.«

John Bullis schaute verkniffen drein. »Dann wird er die Konsequenzen tragen müssen.«

Al Sieber verließ die Kommandantur der Reservatsverwaltung. Sein Pferd stand am Holm und ließ den Kopf hängen, peitschte mit dem Schweif nach den blutsaugenden Bremsen an seinen Flanken und prustete manchmal. Es war heiß. Die Hitze füllte beim Atmen die Lungen wie mit Feuer. Die Konturen verschwammen in der flirrenden Luft. Und wieder einmal kam Al Sieber zu dem Schluss, dass San Carlos eine Außenstelle der Hölle sein musste. Hitze, Staub, Felsgestein, Klapperschlangen und Eidechsen. Das Leben hier war eine Strafe …

Einige Apachen lungerten herum. Abgerissene Gestalten, die Al Sieber beobachteten und von deren Mienen nicht abzulesen war, was sie dachten. Sieber dachte daran, dass der Apachenkrieg mit der Kapitulation Geronimos noch nicht zu Ende war. Ein Apache namens Massai sorgte nach wie vor mit einer kleinen Horde von Kriegern für Angst und Schrecken im Arizona-Territorium und in Mexiko. Massai war dem Gefangenenzug nach Florida entkommen. Er war noch wilder und gefährlicher als Geronimo und Victorio.

Sieber seufzte. Das Land würde wohl noch lange nicht zur Ruhe kommen. Er band sein Pferd, einen Fuchs mit breiter Brust und hohen Beinen, los, stellte seinen linken Fuß in den Steigbügel und zog sich den alten, brüchigen Sattel. Unter der Tür der Kommandantur erschien Bullis und blinzelte in den Sonnenschein. Sieber hob die Hand zum Gruß, dann zog er das Pferd herum und schnalzte mit der Zunge, dazu gab er dem Tier leicht die Sporen.

Sieber ritt in die Reservation hinein. Die Gebäude der Verwaltung verschwanden hinter Bodenunebenheiten. Das Land war karg und unfruchtbar. Die Hufe des Pferdes krachten auf dem hartgebackenen Boden. Am Wegrand wuchsen dornige Comas und Mesquites. Hier und dort erhob sich ein riesiger Kaktus. Dieses Land musste der Teufel persönlich geschaffen haben.

Der Scout ritt drei Stunden lang. Dann tauchten vor ihm einige strohgedeckte Hütten auf. Kinder rannten dazwischen umher und schrien. Ein dürrer, brauner Hund, der im Schatten gelegen hatte, erhob sich, streckte sich und gähnte und trollte sich schließlich davon.

Einige Apachen saßen in den Schatten und blickten dem Reiter entgegen. Sieber zügelte das Pferd, legte beide Hände übereinander auf das Sattelhorn und verlagerte das Gewicht seines Oberkörpers auf die durchgestreckten Arme. »Hola«, sagte er auf Spanisch. »Ich suche Apache Kid.«

Einer der Apachen deutete auf einen Hügel, aus dem Felsen ragten und an dessen Flanken dorniges Gestrüpp wuchs. »Sein Herz ist voll Trauer«, sagte der Chiricahua. »Ski-Be-Nan-Ted wollte alleine sein.«

»Er weiß also schon Bescheid?«

»Ja. Ein Bote aus San Carlos hat es berichtet.«

Al Sieber nickte und stieg vom Pferd. »Sein Herz ist sicher nicht nur voll Trauer«, murmelte er. Er schlang den langen Zügel um den Ast eines Busches, dann machte er sich an den Aufstieg. Überall am Boden lag Geröll. Schweiß rann über das faltige Gesicht des Scouts. Stechmücken umschwirrten ihn. Düstere Gedanken zogen durch seinen Kopf.

Der Weg war steil. Sieber ließ sich Zeit. Das Leder seiner Stiefel knarrte. Leise klirrten seine Sporen. Dann stand er vor den zerklüfteten Felsgebilden, die sich aus der Hügelkuppe erhoben. Er schritt an ihrem Fuß entlang und dann sah er Apache Kid. Der junge Krieger saß im Schneidersitz am Boden und starrte auf einen unbestimmten Punkt in der Ferne.

Jetzt vernahm er die mahlenden Schritte und drehte den Kopf. Der Blick seiner dunklen Augen war unergründlich. Sieber ging neben ihm auf die Hacken nieder, legte die Arme auf seine Oberschenkel und ließ die Hände zwischen den Knien baumeln. Eine ganze Zeit schwiegen die beiden Männer.

Apache Kid war fünfundzwanzig Jahre alt. Um den Kopf hatte er sich ein rotes Tuch gebunden, das seine langen, schwarzen Haare hielt. Sein Gesicht war hohlwangig. Irgendwann ergriff er das Wort:

»Toga-De-Chuz war ein Mann es Friedens.«

»Weil er Frieden gepredigt hat musste er sterben. Es waren Männer von Massai, die ins Reservat kamen und versuchten, die friedlichen Krieger aufzuwiegeln. Old Rip, Tanankia, Toshawi …«

»Ich kenne ihre Namen«, murmelte Apache Kid. Diesen Namen hatten ihm die Weißen gegeben. Sein Blick war wieder auf einen unbestimmten Punkt in der Ferne gerichtet. Dort ragten die Gipfel der Pinal Mountains in ein Meer von weißen Wolken hinein.

»Was wirst du tun?«, fragte Al Sieber.

»Ich werde die Mörder verfolgen und töten.«

Sieber presste die Lippen zusammen. Sie bildeten nur noch einen dünnen, blutleeren Strich. Dann sagte er: »John Bullis lässt dir bestellen, dass er dir verbietet, das Reservat zu verlassen.«

»Das Gesetz der Apachen fordert von einem Sohn, dass er den Tod seines Vaters rächt.«

»Das Gesetz der Apachen ist überholt, Apache Kid. Im Reservat gilt das Gesetz des weißen Mannes. Und das besagt …«

»Es ist nicht mein Gesetz. Der Mord an Toga-De-Chuz darf nicht ungesühnt bleiben. Ich bin sein Sohn. Mir obliegt es, seine Mörder zur Rechenschaft zu ziehen.«

»Wenn du sie tötest, ist das Mord. Bullis wird dich dafür vor Gericht stellen. Und du weißt, was das Gesetz des weißen Mannes auf Mord für eine Strafe vorsieht.«

»Das kann mich nicht abhalten, Sieber.«

»Überleg es dir gut, was du tust.«

»Es gibt nichts zu überlegen.«

»Komm zur Vernunft, Kid. Dein Vater würde sicher nicht wollen, dass du dich zum Richter und Henker aufschwingst.«

Apache Kid schwieg. Auch Al Sieber verfiel wieder in Schweigen. Minutenlang hing er seinen Gedanken nach. Dann sagte er: »Man wird dich jagen und stellen.«

»Ich tue, was ein Sohn tun muss.«

Al Sieber richtete sich auf. »Ich verstehe dich zwar, Kid, aber ich kann deinen Entschluss nicht akzeptieren. Du solltest es dir gut überlegen.« Der Scout wandte sich ab und stieg den Hügel hinunter. Apache Kid blickte ihm nicht hinterher.


*


Apache Kid verließ am Abend seine Hütte. Winema, seine junge Squaw, saß auf einer Büffelhaut am Boden und blickte ihm mit brennenden Augen hinterher. Sie hieß gut, was er tat. Der junge Chiricahua war nur mit einem Messer und einem Tomahawk bewaffnet. Er hatte sich schwarze und weiße Striche ins Gesicht gemalt. Die Farben des Krieges …

Es war noch nicht richtig finster. Der Westhimmel erglühte noch vom Widerschein der untergegangenen Sonne. Wolkenbänke, deren Ränder zu glühen schienen, hatten sich vor diese purpurne Kulisse geschoben. Am Westhimmel glitzerte ein einsamer Stern – der Abendstern.

Apache Kid ging schnell. Seine Füße steckten in kniehohen Mokassins. Er trug eine blaue Hose der Armee, von der die gelben Nahtstreifen abgetrennt worden waren. Dazu war er mit einem Hemd aus weichem Rehleder bekleidet. Um die Hüften hatte er sich ein Tuch gebunden, in dem seine Waffen steckten.

Das Rot im Westen verfärbte sich zu Violett und die Dunkelheit kam schnell. Apache Kid fürchtete die Nacht nicht. Meile um Meile lief er durch die Dunkelheit. Das Heulen der Coyoten begleitete ihn. Fledermäuse zogen ihre lautlosen Bahnen auf der Jagd nach Beute. Im Herzen des jungen Kriegers war die Trauer dem Hass gewichen. Es war ein Hass, der kein Entgegenkommen und keine Zugeständnisse kennen würde.

Als der Morgen graute, lagen die Gebäude der Agentur vor seinem Blick. Vom Gila River stiegen weiße Nebel in die Höhe. Das Windrad am Fluss stand still. In einigen Pferchen befanden sich Ziegen, Schafe und Milchkühe. Es gab auch einen Corral mit Pferden.

Heller Schein über dem Horizont im Osten kündete den Sonnenaufgang an. Die Landschaft hob sich schwarz und bizarr vor diesem Hintergrund ab. Es war ein wildes und schönes, aber auch gefährliches Land. Wer in diesem Land nicht seine Lektionen lernte, verschwand sehr schnell in einem namenlosen Grab. Die Gefahr lauerte überall, der Tod war allgegenwärtig.

Die Menschen in der Agentur schliefen. Apache Kid stand im Schutz eines Strauches und ließ seinen Blick schweifen. Nichts deutete auf Gefahr hin. Er lief zu einem der Schuppen und öffnete die Tür. Es dauerte ein wenig, bis sich seine Augen an die herrschenden Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Er fand Sattel- und Zaumzeug und trug es aus der Hütte, ging damit zum Corral und holte ein Pferd heraus. Kid legte dem Tier den Sattel auf und zäumte es, dann führte er es davon. Als er weit genug entfernt war, saß er auf. Er ritt zum Dorf seines Vaters. Die Sonne ging auf und schickte ihre ersten Flammenbündel über das Land.

Toga-De-Chuz war in der Dorfmitte aufgebahrt. Es war ein Gerüst aus Stangen und Ästen, auf das sie ihn gelegt hatten. Ein paar alte Männer hielten Wache. Der Häuptling sollte nach den Ritualen der Chiricahuas bestattet werden. Apache Kid stieg nicht vom Pferd. Das Pferd tänzelte unruhig unter ihm. Er nahm es hart in die Kandare. Einer der alten Krieger griff nach dem Zaumzeug. Das Pferd wollte zurückscheuen, doch der Apache ließ nicht locker. »Es waren Old Rip, Tanankia, Toshawi, Sleeping Rabbit und Scarfaced Charley.«

»Ich werde sie töten«, antwortete Apache Kid.

»Das erwartet dein Vater sicher von dir«, versetzte der alte Krieger.

»Ich weiß.« Apache Kid zog das Pferd um die linke Hand und trieb es an. Im Galopp ritt er davon. Die Krieger blickten hinter ihm her. Der alte Apache sagte: »Er ist ein guter Sohn. Sein Vater wird Ruhe finden beim Großen Geist. Seine Mörder werden ihm in den ewigen Jagdgründen dienen.«

Apache Kid ritt nach Süden, bald überquerte er den Gila River. Der Fluss war in der Strommitte ziemlich reißend. Das Pferd verlor den Boden unter den Hufen und musste schwimmen. Es wurde abgetrieben. Aber Apache Kid schaffte es. Er erreichte das jenseitige Ufer und lenkte das abgekämpfte Tier die Uferböschung hinauf, dort zog er das Tier herum und blickte auf seiner Fährte zurück. Ein heißer Wind wirbelte den Staub auf und trieb ihn vor sich her. Die Sonne stand im Südosten. In rauchiger Ferne erhoben sich die Gipfel und Grate der Santa Teresa Mountains.

Kid war sich im Klaren darüber, dass die Mörder seines Vaters nach Mexiko geflohen waren. Vor ihm lagen fast hundertfünfzig Meilen Wildnis. In irgendwelche Ansiedlungen durfte er sich nicht wagen. Apache Kid ging davon aus, dass ihm John Bullis einige Männer hinterher schickte. Vielleicht sogar Al Sieber, den alten Scout, zu dem Apache Kid Vertrauen gefasst hatte. Sieber kannte das Land wie seine Westentasche. Und er kam mit den Strapazen und Unbillen, die das Land bot, zurecht wie kein anderer.

In der Steinwüste hinterließ Kid keine Spuren. Aber Sieber würde wissen, dass Kid die Mörder in Mexiko suchen würde. Dort hatte sich Massai mit seinen abtrünnigen Kriegern verschanzt. Old Rip und seine Begleiter waren ins Reservat gekommen, um weitere Apachen zu überreden, San Carlos zu verlassen und nach Mexiko zu gehen. Toga-De-Chuz hatte ihnen widersprochen. Er hatte die jungen Krieger gemahnt, dem Ruf der Aufständischen nicht zu folgen. Darum musste er sterben.

Skorpione huschten unter Steine. In der Sonne lag eine Klapperschlange. Es ging durch Schluchten und über Anhöhen. Unverdrossen ritt Apache Kid. Bald tropfte von den Nüstern des Pferdes weißer Schaum. Das Fell des Tieres war klatschnass. Apache Kid lenkte es zwischen Felsen und saß ab. Hier gab es etwas Schatten. Das Pferd begann die jungen Triebe von dem Dornengestrüpp zu zupfen, das hier wucherte. Apache Kid stieg auf einen der Felsen und richtete den Blick nach Norden. Und dann sah er die Staubwolke, mehr Staub, als dass ihn nur der Wind aufgewirbelt haben konnte. Im asiatisch anmutenden Gesicht des jungen Indianers arbeitete es. Da kamen John Bullis' Leute, um ihn einzufangen. Sie hatten Gewehre und Revolver. Nachdem er das Reservat verlassen hatte, war er vogelfrei. Sein Pferd war ziemlich verausgabt. Wenn er es in diesem Tempo weitertrieb, würde es nach wenigen Meilen zusammenbrechen.

Der junge Apache überlegte. Dann ließ er sein Pferd einfach stehen und setzte seine Flucht zu Fuß fort. Das Gelände stieg an. Zwischen Felsen ging es immer weiter hinauf. Der Schweiß wurde Kid aus allen Poren gedrückt. Er rann ihm in die Augen und entzündete sie. Sein Lederhemd war auf dem Rücken und unter den Achseln dunkel vom Schweiß. Seine Lungen begannen zu pumpen. Schließlich hielt er an. Er lehnte sich gegen den rauen Fels und atmete tief durch. Hufschläge waren zu hören. Das Klirren und Krachen stieg zu ihm herauf und erschien ihm wie ein Vorbote von Untergang und Verderben. Mit geflohenen Apachen machte man oftmals kurzen Prozess.

Kid ging weiter und sah einen Felsspalt, in den er kroch. Ein Pferd wieherte hell und trompetend. Das Hufgetrappel brach ab. Wahrscheinlich waren die Verfolger auf sein Pferd gestoßen. Bei Kid regulierten sich Atmung und Herzschlag. Seine Hand legte sich um den Griff des Messers, das in der Schärpe steckte. Den Dolch hatte ihm sein Vater geschenkt …

Stimmen waren zu hören. Sie sickerten heran, verstummten, erklangen erneut und waren näher als vorhin. Ein Schatten fiel um einen Felsvorsprung. Apache Kid hielt den Atem an. Er lag unter dem Felsen, die Zähne in der Anspannung zusammengebissen, bereit, sich aus dem Spalt zu rollen und sich gegen seine Verfolger zur Wehr zu setzen. Der Mann, der den Schatten warf, erschien. Er hielt den Revolver in der Faust. Der Hahn war gespannt. Apache Kid kannte ihn vom Sehen. Es war einer von John Bullis' Angestellten. Ein zweiter Mann gesellte sich zu ihm.

»Gehen wir zurück«, sagte einer der Kerle. »Er ist sicher tiefer in das Felslabyrinth hineingelaufen. Ihn hier zu finden ist unmöglich. Wir werden wohl umkehren.«

Die beiden wandten sich ab und verschwanden. Apache Kid ließ verbrauchte Atemluft aus seinen Lungen. Die Anspannung seiner Nerven ließ nach. Doch er gab sich keinen Illusionen hin. Noch war er nicht in Sicherheit. Und er hatte kein Pferd mehr. Zu Fuß konnte er den Mördern seines Vaters nicht nach Mexiko folgen.

Einige Zeit verging, dann kamen wieder die Hufschläge auf. Die Geräusche wurden leiser und leiser und versanken schließlich in der Stille, die in der Bergwelt herrschte. Kid kroch unter dem Felsen hervor und witterte wie ein Wolf. Er misstraute den Weißen. Sie waren schlau und wussten, dass er sich in der Nähe befinden musste. Vielleicht waren nur einige von ihnen fortgeritten, um ihn in Sicherheit zu wiegen.

Apache Kid ging den Weg nicht zurück, den er gekommen war. Er stieg höher hinauf, gelangte auf ein Hochplateau und überquerte es. Auf der anderen Seite verschwand er zwischen den Felsen …


*


Es war Nacht. Kid war an einen Creek gelangt. Am Himmel funkelten Myriaden von Sternen. Der Mond stand im Süden und versilberte das Weideland, das es zu beiden Seiten des Creeks gab. Murmeln und Gurgeln erfüllte die Nacht, dazu kamen das leise Säuseln des Windes und das Zirpen der Heuschrecken. Kid war viele Meilen gelaufen. Er hatte die Santa Teresa Mountains durchquert. Er war zäh wie ein Wüstenwolf.

Kid ging am Ufer auf die Knie nieder und wusch sich Staub und Schweiß aus dem Gesicht. Die Sonne hatte seine Haut verbrannt. Er trank in kleinen Schlucken. Das Wasser belebte ihn. Er legte sich zwischen die Büsche und spürte den Hunger, der in seinen Eingeweiden nagte. Er musste versuchen, am Morgen etwas Essbares aufzutreiben. Er schlief ein. Als er wieder erwachte, war es noch dunkel. Kid war sofort hellwach. Der Mond hing jetzt im Westen. Wolkenschatten zogen über das Land. Kid folgte dem Fluss. Ein Kauz schrie gespenstisch. Der Schrei klang durch die Nacht und trieb über den einsamen Mann hinweg. Es war kühl. Kid fröstelte es. Das Wasser des Flusses sah im Licht der Sterne und des Mondes aus wie flüssige Bronze. Und dann begann sich die Nacht zu lichten. Die Sterne verblassten. Das Hungergefühl, das Kid beherrschte, war nagend. Schließlich schälten sich vor ihm die Gebäude einer Ranch aus dem Dunst. Kid hielt an. Er sah ein flaches Wohnhaus und drei Schuppen. Einer war etwas größer und diente wohl als Stall. In einem Corral lagen sechs Pferde.

Apache Kid schlich zwischen die Gebäude. Er bewegte sich so lautlos wie ein Schatten. Die Stalltür ließ sich öffnen. Sie knarrte leise in den Angeln. Es roch nach Kot und Tierausdünstung. Das Meckern einer Ziege erklang. Kids Augen passten sich den Lichtverhältnissen an. Plötzlich begann ein Huhn zu gackern. Kid zog sich zurück. Er verschwand wieder in der Dunkelheit und lief auf eine Anhöhe. Aus dem Schutz der Büsche, die hier wuchsen, beobachtete er die Ranch.

Als die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont zuckten, kam ein Mann aus dem Ranchhaus. Sein Oberkörper war nackt. Über seiner Schulter ging ein Handtuch. Er ging zum Fluss und wusch sich. Aus dem Kamin stieg Rauch. Der Mann ging ins Haus zurück. Wenig später erschien eine Frau. Sie verschwand im Stall und ließ die Hühner heraus. Dann holte sie aus der Scheune eine Schwinge voll Korn und fütterte damit das Federvieh. Wenig später trieb sie ein Dutzend Schafe und Ziegen aus dem Stall. Die Tiere begannen hinter dem Haus zu grasen. Die Ranchersfrau ging mit einem Eimer in den Stall, wahrscheinlich um die Kuh zu melken.

Der Mann kam in den Hof. Er war jetzt angezogen. Er holte Sattelzeug aus dem Stall und sattelte eines der Pferde aus dem Corral. Dann ritt er weg und verschwand zwischen den Hügeln. Die Frau kam mit dem Eimer aus dem Stall und trug ihn ins Haus. Schnell wurde es hell.

Im Schutz eines der Schuppen lief Kid zur Ranch. Von der Seite schlich er an das Haupthaus heran. Es war aus Felsbrocken und Baumstämmen errichtet. Alles mutete grau in grau an. Über den Hof wehten Staubspiralen. Es handelte sich um ein ärmliches Anwesen. Es gab keine Glasfenster, sondern nur Blendläden, die grob aus Brettern zusammengezimmert waren. Der Wind hatte Tumbleweds gegen die Wände der Schuppen getrieben und niemand hatte sie entfernt.

Kid drang in das Ranchhaus ein und befand sich in der Küche. Die Rancherfrau stand am Tisch und schnitt Fleisch in Streifen. Fliegen schwirrten um sie herum. Durch das kleine Fenster fiel nicht viel Licht und es war düster in dem Raum. Die Frau stieß einen erschreckten Aufschrei aus. Entsetzt starrte sie den Apachen an. Ihre Mundwinkel zuckten.

»Ich habe Hunger«, sagte Kid. Seine Stimme klang guttural. Gierig starrte er auf das Fleisch, das auf dem blank gescheuerten Tisch lag. »Brate mir Fleisch und gib mir Brot«, forderte Kid.

Die Frau schluckte. Sie musste zweimal ansetzen, ihre Stimmbänder wollten ihr nicht gehorchen, schließlich entrang es sich ihr: »Bist du alleine? Kommst du aus dem Reservat?«

»Ich bin Ski-Be-Nan-Ted«, erwiderte Apache Kid. »Mein Vater wurde ermordet. Ich verfolge die Mörder. In der Wildnis habe ich mein Pferd verloren. Ich werde mir eines von euren Pferden nehmen.«

»Mein Mann wird bald zurückkommen. Er wird dich erschießen, wenn er dich hier antrifft.«

»Ich werde ihn töten, wenn er kommt.«

Die Frau wurde bleich. Ihre Hände zitterten. In ihrem Gesicht zuckten die Muskeln. »Wir sind arme Leute, die nichts gegen die Apachen haben. Doch wenn du uns bestiehlst …«

»Brate mir Fleisch!«, gebot Apache Kid.

Die Frau bewegte sich. Sie legte Holz ins Feuer, dann nahm sie eine Pfanne, stellte sie auf den gemauerten Herd und schlug einige Löffel voll Schmalz hinein. Als das Schmalz zerlaufen war und zu brutzeln begann, legte sie einige Fleischstücke in die Pfanne. Dann schnitt sie Brot ab.

Bald aß Kid. Er stopfte gebratenes Fleisch und Brot in sich hinein. Fett rann ihm über das Kinn und tropfte auf seine Brust. Schließlich war er satt. Er wischte sich mit dem Handrücken die fettigen Lippen ab, rülpste laut und sagte: »Du bist eine gute Köchin. Ein Mann muss froh sein, eine Squaw wie dich zu haben. – Hast du eine Waffe im Haus?«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Das Gewehr hat mein Mann mitgenommen.«

»Wohin ist dein Mann geritten?«

»Auf die Weide. Dort befinden sich auch unsere beiden Cowboys. Sie bränden Jungrinder.«

Kid ging hinaus. Er fand im Stall einen alten, zerschlissenen Sattel und ein Zaumzeug, dessen Riemen zum Teil gebrochen waren. Dann holte er einen Schecken aus dem Corral und legte ihm den Sattel auf, zog die Riemen fest und streifte dem Tier das Zaumzeug über den Kopf. Die Rancherfrau stand unter der Tür und beobachtete ihn. Kid kletterte aufs Pferd. Ohne noch ein Wort zu verlieren trieb er das Tier an.

Als er aus ihrem Blickfeld verschwunden war, geriet Leben in die Frau. Sie lief am Fluss entlang. Nach über einer halben Stunde erreichte sie das Weidecamp. Ein großes Feuer brannte. Rinder weideten. Muhen, Brüllen und Blöken erfüllte die Luft. Ihr Mann und die beiden Cowboys blickten ihr entgegen. Atemlos und mit gerötetem Gesicht kam die Frau bei ihnen an. Zwischen gepressten Atemzügen stieß sie hervor: »Ein Apache war auf der Ranch. Er hat ein Pferd und einen Sattel gestohlen und ist nach Süden geritten.«

Jesse Marshall, der Rancher, kniff die Augen zusammen. Staub und Schweiß hatten eine graue Schmutzschicht in seinem Gesicht gebildet. Seine Augen waren gerötet. »Der Kerl ist wahrscheinlich aus dem Reservat getürmt und auf dem Weg zu den anderen renitenten Wilden, die sich jenseits der Grenze verkrochen haben. Aber ich werde mir die verdammte Rothaut kaufen. – Ich bringe dich zur Ranch zurück, Mae. Komm, ich helfe dir aufs Pferd.«

Er nahm seinen Braunen am Kopfgeschirr und führte ihn zu der Frau. »Macht ihr beide weiter. Ich komme wieder, wenn ich die dreckige Rothaut in die Hölle geschickt und mein Eigentum zurückgeholt habe.«

Er half seiner Frau aufs Pferd, dann stieg er hinter ihr auf und setzte das Tier in Bewegung. Nachdem er seine Frau zur Ranch gebracht hatte, nahm er die Verfolgung auf. Sein Entschluss, sich sein Pferd zurückzuholen und den Viehdieb zu bestrafen, war unumstößlich.

Das Pferd, das Apache Kid ritt, hatte in dem kniehohen, staubigen Gras eine deutliche Spur hinterlassen. Je weiter sich Jesse Marshall vom Creek wegbewegte, desto karger wurde das Land. Südlich erhoben sich die Galiuro Mountains. Dort gab es nur Steine und Staub. Jesse Marshall hoffte, den Apachen bald einzuholen. Für eine lange Verfolgungsjagd war er nicht ausgerüstet. Manchmal kreuzten Rinderrudel seinen Weg. Dann fand der Rancher die Überreste eines Kalbes. Der Apache hatte sich die besten Fleischstücke herausgeschnitten. Marshall drehte sich der Magen um, als er daran dachte, dass der Indianer das Fleisch wahrscheinlich im rohen Zustand verspeisen würde.

Der Graswuchs hörte auf. Der Boden wurde sandig. Winzige Kristalle glitzerten im Sonnenlicht. Glimmerschiefer, den die Erosion im Laufe der Jahrtausende zersetzt hatte. Das Pferd stapfte dahin. Die Hitze setzte dem Mann und dem Tier zu. Die Sonne stand hoch im Zenit und verwandelte das Land in eine Gluthölle. Pferd und Reiter warfen einen kurzen Schatten.

Jesse Marshall gelangte zwischen die Felsen. Er ritt an einer Felswand entlang, an deren Basis sich heruntergestürzte Felsbrocken türmten. Plötzlich löste sich aus einer Spalte eine Gestalt. Jesse Marshal wurde vom Pferd gerissen. Er krachte auf den Boden und die Luft wurde ihm aus den Lungen gedrückt. Sein Pferd scheute und stieg auf die Hinterhand. Ein helles Wiehern erhob sich.

Der Rancher überwand seinen Schrecken und kam hoch. Apache Kid stürzte sich auf ihn. Marshall empfing ihn mit einem krachenden Faustschlag, der den Apachen zur Seite taumeln ließ. Dann sprang Jesse Marshall zu seinem Pferd und riss die Winchester aus dem Scabbard. Jetzt aber handelte Kid. Er flog regelrecht auf den Weißen zu, umklammerte ihn mit beiden Armen und riss ihn zu Boden. Das Gewehr entfiel Marshall. Ein trockener Laut stieg aus seiner Kehle. Sie rollten über den Boden. Apache Kid behielt die Oberhand. Er kniet über dem Weißen und riss den Tomahawk aus der Schärpe, zog auf und zischte: »Bist du der Mann, dessen Pferd ich genommen habe?«

Jesse Marshall wusste, dass sein Leben an einem seidenen Faden hing. Mit dieser Entwicklung hatte er nicht gerechnet. Er sah das unheilvolle Glimmen in den dunklen Augen des Apachen und las darin eine tödliche Prophezeiung. Mit belegter Stimme sagte er: »Es ist das Recht eines Mannes, sein Eigentum zurückzuholen.«

»Ich brauche das Pferd«, murmelte Apache Kid. »Und ich brauche dein Gewehr.« Mit dem letzten Wort schlug er zu. Aber er zerschmetterte nicht den Schädel seines Gegners, sondern schlug ihm das flache Blatt der Axt gegen den Kopf, sodass Jesse Marshall nur in Ohnmacht fiel. Der Körper des Ranchers erschlaffte. Kid erhob sich. Marshalls Pferd hatte sich beruhigt und stand mit geblähten Nüstern da, scharrte mit dem Huf und beobachtete misstrauisch den Indianer. Kid bückte sich nach dem Gewehr und ging damit zu dem Pferd, stieg auf und ritt an. Das Tier, das er auf der Ranch gestohlen hatte, stand ein ganzes Stück entfernt hinter einem Felsen. Kid nahm das Lasso, das am Sattel des Ranchers hing, und legte dem Schecken eine Longe an. Das Pferd im Schlepptau ritt er davon.


*


Kid stieß auf den San Pedro River und folgte ihm nach Süden. Um die wenigen Ortschaften, die am Fluss entstanden waren, machte er einen großen Bogen. Zwei Tage später befand er sich in der Nähe von Fort Huachuca. Einer Kavalleriepatrouille wich er aus. Es war Abend, als er die Grenze überschritt. Er befand sich mitten in der majestätischen Welt der Sierra Madre. Wie gigantische Grabsteine erhoben sich die Felsriesen. Die Schluchten muteten an wie riesige, steinerne Gräber. Die Massive schienen unüberwindlich zu sein. Schweigen herrschte in der steinernen Wildnis.

In dieser Ödnis hatten sich Massai und seine Getreuen verkrochen. Apache Kid hatte keine Ahnung, wo er suchen musste. Aber er ahnte, dass ihn Massais Späher früher oder später ausmachen würden. Bei Massai würde er auf die Mörder seines Vaters stoßen.

Vor Apache Kid öffnete sich eine Schlucht. Der Boden war mit Geröll übersät. Feiner Sand wurde über die Ränder der Felsen zu beiden Seiten geweht und das leise Prasseln, mit dem er auf den Schluchtgrund regnete, war zu hören.

Hier hatten nur Eidechsen und Skorpione eine Chance. Die Dunkelheit kam schnell. Kid lagerte. Die beiden Pferde band er an dorniges Gestrüpp. Außerdem band er ihnen die Vorderbeine zusammen, damit sie nur kleine Schritte machen und nicht fliehen konnte, sollte sie ein wildes Tier erschrecken. In der Felswildnis gab es Pumas und Wölfe.

Apache Kid aß das Fleisch des Kalbes, das er geschlachtet hatte. Es machte ihm nichts aus, das Fleisch roh zu verzehren. Er dachte auch nicht daran, dass es durch die Hitze vielleicht ungenießbar geworden war. Der Apache war wie ein Tier. Er konnte sein Leben selbst dort noch fristen, wo Schlangen und Eidechsen keine Chance mehr hatten.

In der Schlucht mutete die Finsternis fast stofflich und greifbar an. Die Pferde hatten sich niedergelegt. Apache Kid lag in die Decke des Ranchers gehüllt am Boden. Er wusste, dass er wahrscheinlich auch gegen Massai und die anderen Krieger kämpfen musste, wenn er versuchte, Old Rip und die anderen Mörder seines Vaters zur Rechenschaft zu ziehen. Und er gab sich keinen Illusionen hin. Vielleicht kam er um und seine Knochen würden in der Sonne bleichen. Aber den Tod fürchtete Apache Kid nicht. Er hatte für ihn, obwohl er erst fünfundzwanzig Sommer zählte, längst seinen Schrecken verloren.

Als der Tag anbrach, ritt der Apache weiter. Als er die Schlucht verließ und einen Geröllhang hinaufritt, erschienen oben drei Reiter. Sie zügelten ihre Pferde und starrten auf Apache Kid hinunter, der sein Tier ebenfalls in die Kandare nahm. Der Schecke, den er an der Longe führte, blieb von selbst stehen.

Es waren bärtige Kerle mit riesigen Hüten auf den Köpfen. Sie trugen helle Leinenanzüge, über der Brust des einen kreuzten sich zwei Patronengurte. Die Messingböden der Patronenhülsen funkelten matt in den Schlaufen. Die Verworfenheit stand den drei Reitern in die Gesichter geschrieben. Es waren mexikanische Bravados, Männer, die von der Polizei gejagt wurden und sich in der Felswüste verstecken mussten. Heruntergekommene Kerle, die raubten und töteten und von Zeit zu Zeit sogar über die Grenze ritten, um ihr blutiges Handwerk auch in den Staaten auszuüben.

»Diese verdammten Rothäute!«, knurrte einer. »Sie ziehen uns die Rurales und die Kavallerie auf den Hals. Erst Victorio, dann Geronimo und Nana, jetzt dieser verdammt Massai.«

»Schneiden wir dem Kerl die Kehle durch!«, grunzte der mit den vor der Brust gekreuzten Patronengurten. »He, Rothaut!«, rief er dann. »Wo willst du denn hin? Hast du dich vielleicht verlaufen?«

Die Kerle lachten. Es waren böse, giftige Laute, die aus ihren Kehlen stiegen. Sie waren sich ihrer Stärke und Überlegenheit sehr sicher.

Das Pferd unter Apache Kid stampfte auf der Stelle. Jetzt zog er das Tier herum, um umzukehren. Die drei Bravados zogen die Gewehre aus den Scabbard. Kid gab seinem Pferd die Fersen und stob den Abhang hinunter. Das andere Tier wurde mitgerissen. Die Banditen repetierten und feuerten hinter dem Apachen her. Apache Kid riss das Pferd nach links, und gleich darauf verschwand er um einen Felsen.

Die Bravados hämmerten ihren Pferden die Sporen in die Seiten. Die Tiere streckten sich und rannten die Hügelflanke hinunter, jagten um den Felsen herum – und hinein in Kids Feuer. Einer der Banditen wurde vom Pferd gerissen. Eines der Tiere stieg auf die Hinterhand und brach im nächsten Moment zusammen. Der Reiter wurde abgeworfen. Der dritte Bandit riss sein Pferd herum und sprengte den Weg zurück, den er gekommen war. Kid stieß das Gewehr in den Scabbard, sprang vom Pferd und zog sein Messer aus der Schärpe. Soeben wollte sich der Mexikaner erheben, dessen Pferd Kid erschossen hatte. Er sah Kid auf sich zukommen und griff nach dem Revolver. Aber da war Kid schon über ihm, rammte ihn mit der Schulter, warf sich auf ihn und stieß ihm das Messer bis zum Heft in die Brust. Der Bandit bäumte sich auf, ein gurgelnder Laut brach aus seiner Kehle, dann fiel er zurück und starb.

Der andere der Kerle röchelte. Kid kam hoch und beugte sich über ihn, griff ihm in die Haare und zog seinen Kopf in die Höhe. Die Lider des Burschen zuckten. Da hörte Kid ein Geräusch über sich. Er warf sich herum und stieß sich ab, flog zur Seite und hörte den Knall des Schusses. Ein Querschläger jaulte durchdringend. Kid lag am Boden und rollte auf den Rücken. Der dritte Bandit stand auf dem Felsen und zielte mit dem Revolver auf ihn. Die Distanz betrug keine fünfzehn Schritte. Kid warf sich herum. Dort, wo er eben noch gelegen hatte, pflügte die Kugel den Boden. Der Apache ließ das Messer fallen, riss den Tomahawk aus der Schärpe und warf ihn. Das Beil überschlug sich einige Male in der Luft, dann fuhr es in die Brust des Banditen. Dieser ließ den Revolver fallen, krümmte sich nach vorn und stürzte schließlich kopfüber von dem Felsen. Ein dumpfer Aufprall, dann herrschte Stille.

Kid erhob sich. Er rannte zu dem Bravado hin, dem er das Messer in die Brust gerammt hatte, und holte sich dessen Revolver. Das Eisen im Anschlag ging er zu dem Burschen hin, in dessen Brust sein Tomahawk steckte. Verkrümmt und reglos lag er am Boden. Kid drehte ihn auf den Rücken. In dem bärtigen Gesicht war die absolute Leere des Todes. Die Augen waren geöffnet und gebrochen. Mit der Linken zog Kid den Tomahawk aus der Brust des Toten, wischte das Blatt an dessen Jacke ab und schob die Waffe hinter die Schärpe.

Der Apache ging zu dem Banditen hin, den er verwundet hatte. »Paco wird dich töten«, röchelte der Bursche.

»Wer ist Paco?«

»Paco Morales«, stöhnte der Bravado. »Er – er kontrolliert dieses Gebiet. Ihm entgeht nichts.«

»Ich suche Massai«, erklärte Apache Kid.

»Der hat sich irgendwo weiter westlich verkrochen, in der Sierra del Pajarito. Du – du musst über den Rio de los Alisos. Aber du musst viele Meilen durch das Gebiet von Paco reiten. Alleine hast du keine Chance.«

Kid hielt die Mündung des Revolvers an die Stirn des Verwundeten und spannte den Hahn. Klickend bewegte sich die Trommel um eine Kammer weiter. Matt glänzten die Bleiköpfe der Kugeln in den Bohrungen. »Ich kann dich töten«, murmelte Apache Kid.

In den Augen des Bravados wob die Todesangst. Seine Nasenflügel bebten. Die Linien in seinem Gesicht schienen sich vertieft zu haben. Unter der braunen Haut war er krankhaft bleich.

Plötzlich ließ Kid die Faust mit der Waffe sinken. Er richtete sich auf, entspannte den Revolver und schob ihn hinter die Schärpe. Dann lief er um den Felsen herum, kam mit einem kraftvollen Satz in den Sattel seines Pferdes und bearbeitete die Seiten des Tieres mit den Fersen. Er galoppierte zwischen die Felsen.


*


Der Bravado erhob sich. Heißer Schmerz pulsierte von der Wunde in seiner rechten Brustseite bis unter seine Gehirnschale. Schwindelgefühl erfasste ihn und ihm wurde es schwarz vor den Augen. Dann gelang es ihm, diese Schwäche zu überwinden. Er presste die linke Hand auf die Wunde. Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor.

Es war eine Überwindung und kostete all seinen Willen, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Seine Beine wollten ihn kaum tragen. Benommenheit brandete gegen sein Bewusstsein an. Ein verlöschender Laut stieg aus seiner Kehle. Er erreichte sein Pferd und lehnte sich gegen das Tier. Es schnaubte und spielte mit den Ohren. Der Geruch des Blutes machte das Tier nervös. »Por Dios«, krächzte der Bandit. »Bleib stehen.«

Er brach auf das linke Knie nieder. Sein Atem ging rasselnd. Eine Welle der Benommenheit schwemmte durch sein Bewusstsein und drohte ihn in die Tiefe zu reißen. Er nahm die Umgebung nur noch verschwommen wahr. Der Selbsterhaltungstrieb stellte sich ein und er drückte sich hoch. Er schwankte wie ein Schilfrohr im Wind und musste sich am Sattelhorn festhalten. Der Schwächeanfall ging vorüber. Es gelang ihm, in den Sattel zu klettern. Er sank vornüber. Mit beiden Armen umklammerte er den Hals des Pferdes. Das Tier trug ihn über windige Höhen und durch staubige Senken. Nach zwei Stunden etwa ritt der Bandit, der wie betäubt im Sattel saß und nur noch vom Unterbewusstsein dirigiert wurde, in eine Ebene, auf der sich eine verfallene Missionsstation erhob.

Es handelte sich um eine alte Kirche, die von einem Friedhof umgeben war. Die Grabhügel waren vom Wind verweht, die Grabsteine standen schief und waren bemoost. Rund um die Kirche waren die Ruinen der Häuser, die die Menschen, die einst diese Ortschaft bevölkerten, bewohnten. Es gab einen Brunnen mit einer gemauerten Einfassung.

Der Reiter erregte Aufmerksamkeit. Männer, Frauen und Kinder liefen auf den Platz vor der Kirche. Das Pferd hielt von selbst an. Der Bandit fiel von seinem Rücken. Männer und Frauen beugten sich über ihn. Jemand rief: »Das ist Esteban. Er ist verwundet. Esteban ist mit Josè und Manuelito weggeritten. Was ist geschehen?«

Ein hochgewachsener Mann mit pockennarbigem Gesicht und schulterlangen, schwarzen Haaren bahnte sich einen Weg durch die Schaulustigen. Er war mit einer schwarzen Hose und einer gleichfarbigen, kurzen Jacke bekleidet. Um seine schmalen Hüften lag ein breiter Patronengurt aus schwarzem Büffelleder, im Holster an seiner linken Seite steckte ein schwerer Coltrevolver. Ein dicker, schwarzer Schnurrbart verdeckte seine Oberlippe. Er kniete bei dem Verwundeten ab. Esteban röchelte und gurgelte. Mit fiebrigem Blick schaute er den Mann an. Seine Lippen formten tonlose Worte.

»Bringt mir Wasser!«, forderte der Pockennarbige.

Es dauerte ein wenig, dann reichte ihm jemand eine mit Filz umnähte Flasche. Er schraubte sie auf, schob seine Rechte flach unter Estebans Kopf, hob ihn etwas an, dann flößte er dem Verwundeten Wasser zwischen die trockenen, rissigen Lippen. Wasser rann über Estebans Kinn und seinen Hals. Sein Blick klärte sich ein wenig. Kaum verständlich sagte er: »Eine verdammte Rothaut. Sie reitet allein. Sucht Massai. Ich – ich habe sie nach Westen geschickt. Zum Rio de los Alisos.« Der Verwundete hüstelte. Speichel rann aus seinem Mundwinkel. »Der Indianer hat Josè und Manuelito umgebracht. Er – er hat gekämpft wie ein Puma.«

Die Augen des verwundeten Banditen wurden starr. Sie muteten an wie Glasstücke.

»Er ist tot«, murmelte Paco Morales und richtete sich. Er biss die Zähne zusammen, dass der Schmelz knirschte. Hart traten die Backenknochen in seinem Gesicht hervor. »Die verdammte Rothaut hat drei meiner besten Männer getötet. Holt die Pferde! Wir jagen diesen Bastard, bis ihm die Zunge zum Hals heraushängt.«

Eine Viertelstunde später wurden die Pferde herangeführt. Ein Dutzend Banditen sprangen in die Sättel. »Schnappen wir uns den elenden Indianer!«, blaffte Morales und drosch seinem Pferd brutal die scharfen Sternradsporen in die Seiten. In einer Wolke von Staub ritten die Bravados in eine Schlucht. Paco Morales war bereit, ein mörderisches Kesseltreiben auf Apache Kid zu veranstalten.


*


Die fünf Apachen lagerten an einem Fluss inmitten der Felswüste. Sie hatten die Pferde an Büsche gebunden. Ein Feuer wagten sie nicht anzumachen, weil sie befürchteten, damit mexikanische Banditen, die die Gegend unsicher machten, anzulocken. Auch berittene Polizei, Rurales, durchstreifte das Gebiet. Und ihnen in die Hände zu fallen war ebenso wenig erstrebenswert, wie die Aufmerksamkeit der Bandoleros zu erregen.

Zwischen den Felsen war es finster. Die Krieger hatten getrocknetes Fleisch gegessen und dazu Wasser getrunken. Einer von ihnen ließ seine Stimme erklingen: »Ob uns Ski-Be-Nan-Ted verfolgt?« Es war Scarfaced Charley, ein älterer Indianer mit narbigem Gesicht, der diese Frage stellte.

Old Rip antwortete: »Wenn er nicht vor dem ganzen Stamm als Feigling dastehen will, muss er uns folgen. Aber ich fürchte ihn nicht. Wenn er kommt, werde ich ihn töten.«

»Vielleicht war es ein Fehler, Toga-De-Chuz zu erschießen«, gab Sleeping Rabbit zu bedenken. Sein indianischer Name war Chavez. »Ski-Be-Nan-Ted wird unsere Spur aufnehmen und vielleicht die Soldaten zu Massais Lager führen. Das wäre nicht gut.«

»Chavez hat Recht«, pflichtete Toshawi bei.

»Wir sollten ihn abfangen«, murmelte Old Rip. »Es ist wohl wirklich nicht gut, wenn er das Lager findet.«

»Ich werde zurückbleiben und ihn töten, wenn er kommt«, erklärte Tanankia.

»Ein guter Entschluss«, sagte Old Rip.

Sie verbrachten die Nacht am Fluss und wachten abwechselnd. Einmal waren Hufschläge zu vernehmen, aber ansonsten verlief die Nacht ruhig. Als der Morgen graute, ritten Old Rip, Toshawi, Chavez und Scarfaced Charley weiter. Tanankia blieb zurück. Er zerrte sein Pferd hinter sich her auf einen Hügel. Der Aufstieg war steil und das Tier musste die Hinterbeine wie Säulen gegen das Zurückgleiten stemmen. Geröll rutschte in die Tiefe. Unterhalb des Kammes stellte der Apache sein Pferd ab und band es an. Oben, auf der Kuppe, im Schatten eines Gebüsches, postierte er sich. Er setzte sich im Schneidersitz auf den Boden und legte das Gewehr quer über seine Oberschenkel. So wartete er Stunde um Stunde. Die Sonne wanderte über ihren Zenit hinweg. Am späten Nachmittag gab der Krieger auf. Er stieg auf sein Pferd und ritt nach Westen. Dann kam die Nacht und er lagerte zwischen einigen haushohen Felsen.

Die Dunkelheit nahm zu. Plötzlich vernahm Tanankia das Pochen von Hufen. Er trieb von Norden heran und war nur undeutlich zu hören. Der Apache richtete seinen Oberkörper auf und lauschte angespannt. Er hatte sich nicht getäuscht. Geschmeidig erhob er sich und nahm das Gewehr. Es knackte metallisch, als er eine Patrone in die Kammer riegelte. Dann schlich er davon. Die Dunkelheit hüllte ihn ein. Er verursachte nicht das mindeste Geräusch. Das Stampfen wurde deutlicher. Und dann sah Tanankia den Reiterschemen. Er zog am Rand eines Buschgürtels entlang und verschwamm manchmal völlig mit dem Hintergrund. Ein zweites Pferd ging an der Longe. Tanankia konnte nicht erkennen, wer sich ihm näherte.

Plötzlich prustete eines der Pferde. Blitzartig verschwand der Reiter vom Rücken des Tieres. Es hatte die Witterung des Apachen aufgenommen und mit seinem lauten Schnauben den Reiter gewarnt.

Tanankia hatte noch immer keine Ahnung, mit wem er es zu tun hatte. Geduckt stand er neben einem Strauch, jeder seiner Sinne war aktiviert, seine Muskeln waren angespannt.

Die Pferde waren stehen geblieben. Tanankia zog sich zurück, erreichte seinen Lagerplatz und bezog bei einem Felsen Stellung. Die Anspannung brachte seine Nerven zum Schwingen. Schließlich erklangen wieder die Hufschläge. Sie entfernten sich und waren schließlich nicht mehr zu hören.

Tanankia wartete, bis der Morgen graute. Dann ritt er weiter. Er kam nicht weit, denn plötzlich trieb ein Reiter sein Pferd um einen Felsen herum, ein zweites Tier folgte. Er parierte. Es war Apache Kid.

Tanankia zerrte sein Pferd in den Stand. Unruhe flackerte in seinen Augen. Apache Kid hielt das Gewehr an der Hüfte im Anschlag, die Mündung wies auf Tanankias Brust. Der Zeigefinder des Apachen lag um den Abzug. In seinem Gesicht zuckte kein Muskel. Es mutete an wie aus Eichenholz geschnitzt.

Die beiden Apachen starrten sich an. Dann ergriff Tanankia das Wort. Er rief: »Dein Vater war ein Verräter, Ski-Be-Nan-Ted. Er hat den Tod verdient.«

»Mein Vater wollte Frieden. Er hat gesehen, dass Krieg nicht gut ist. Unsere Leute wurden nach Florida gebracht, wo sie sterben wie die Fliegen. In San Carlos haben die Chiricahuas eine Chance.«

»Was ist das für ein Leben? John Bullis betrügt uns. Weiße dringen ins Reservat ein auf der Suche nach Gold oder Land. Bald wird man uns auch aus San Carlos vertreiben. Wir sind dem Untergang geweiht.«

»Es gibt Verträge. General Crook hat versprochen, dass sie eingehalten werden. Die Soldaten werden die Eindringlinge aus dem Reservat vertreiben. Ihr führt nicht Krieg, weil ihr fürchtet, dem Untergang geweiht zu sein. Euch treibt der Hass.«

»Du bist uns gefolgt, um deinen Vater zu rächen. Ich habe auf dich gewartet.«

»Ich werde dich töten, Tanankia, und dann hole ich mir die anderen Mörder meines Vaters.«

»Du machst dir damit auch Massai zum Feind.«

»Massai führt euch alle ins Verderben.«

»Du redest zuviel, Ski-Be-Nan-Ted!« Tanankia riss das Gewehr an die Schulter und feuerte. Aber Apache Kid war abgesprungen. Sein Pferd bekam die Kugel in den Kopf und brach zusammen wie vom Blitz getroffen. Jetzt sprang auch Tanankia von seinem Vierbeiner. Er warf sich zur Seite, als Kid schoss und die Kugel streifte seinen Oberarm. Er warf das Gewehr weg und riss das Messer aus dem Gürtel. Geduckt und im Zickzack rannte er auf Kid zu. Dieser erwartete seinen Gegner. Tanankias Messerarm zuckte hoch. Kid nahm das Gewehr in beide Hände, riss es in die Höhe und fing den Stoß ab. Dann wirbelte er das Gewehr herum und schlug den Kolben gegen Tanankias Kopf. Der Krieger taumelte zur Seite.

Jetzt ließ auch Kid das Gewehr fallen und zog das Messer aus der Schärpe. Geduckt wartete er, die Arme halb angehoben. Die Klinge des Dolches funkelte im Sonnenlicht.

Tanankia überwand seine Not und stürzte Kid entgegen. Seine Faust mit dem Messer zuckte auf Kid zu, dieser wich geschickt aus und griff Tanankia an. Er fintierte, Tanankia wich zurück, die beiden ließen sich gegenseitig nicht einen Moment aus den Augen und versuchten die Taktik des Gegners im Voraus zu berechnen. Sie begannen sich zu umkreisen. Ihre Gesichter waren in der Anspannung verkniffen. In den Mundwinkeln hatte sich ein entschlossen-brutaler Zug festgesetzt. In den Augen eines jeden war der kompromisslose Vernichtungswille zu lesen.

Tanankia atmete stoßweise. Er zeigte die Zähne. Das Aufblitzen in seinen Augen war wie ein Signal – und Kid wusste es zu deuten. Er glitt behände zur Seite, als der Angriff erfolgte, Tanankia taumelte an ihm vorbei, Kid wirbelte halb herum und rammte seinem Gegner die Klinge in die Seite. Sofort zog er das Messer wieder aus Tanankias Körper und sprang zurück.

Tanankia wankte, Ungläubigkeit prägte jeden Zug seines Gesichts, plötzlich brach er auf die Knie nieder, dann fiel er auf die Seite. Sein Blut spritzte auf den Boden und wurde von diesem gierig aufgesaugt. Ohne die Spur einer Gemütsregung starrte Apache Kid auf den Sterbenden hinunter. Tanankia schloss die Augen. Dann erschlaffte seine Gestalt.

Kid wandte sich ab und ging zu Tanankias Pferd, nahm es am Kopfgeschirr und führte es zu seinem toten Tier hin. Er nahm dem Pferd den primitiven Sattel ab und legte ihm den Sattel des toten Tieres auf. Dann verließ Kid diesen Platz. Er trieb sein Pferd hart an.


*


Brutal riss Paco Morales sein Pferd in den Stand. Die bremsenden Hufe des Tieres hinterließen tiefe Spuren im Sand. Staub wirbelte zwischen den Hufen. Die Horde verhielt am Rand einer steil abfallenden Felswand. Unten, auf dem Grund der Schlucht, stob ein Reiter mit einem Pferd im Schlepptau dahin. Hinter Morales hatten die Bravados ihre Pferde gezügelt. Eines der Tiere wieherte. Gebissketten klirrten.

Morales knirschte mit den Zähnen. »Ich krieg dich, verdammte Rothaut!« Er zog die Winchester aus dem Scabbard, repetierte und hob die Waffe an die Schulter. Nachdem er kurz gezielt hatte, peitschte der Schuss. Aufbrüllend antworteten die Echos in der Schlucht. Dann verhallte die Detonation mit geisterhaftem Geflüster.

Der Reiter in der Schlucht hatte sein Pferd zurückgerissen und war abgesprungen. Mit wenigen Sätzen erreichte er die Deckung eines Felsblocks. Sekundenlang war er verschwunden. Dann tauchte er wieder auf, kam mit einem kraftvollen Satz in den Sattel und peitschte das Pferd vorwärts. Wie fernes Donnergrollen stiegen die Hufschläge aus der Schlucht.

»Sucht einen Abstieg!«, schrie Morales wild und schlug seinem Pferd die Faust zwischen die Ohren. Das Tier stieg erschreckt auf die Hinterhand und drehte sich wie ein Kreisel. Die Vorderhufe vollführten einen Trommelwirbel in der Luft. Dann krachten sie auf den Boden und das Tier bockte hinten hoch. Der Mexikaner bändigte es mit stählerner Hand und presste dem Pferd mit den Oberschenkeln die Luft aus den Lungen. Das Tier stand schließlich mit zitternden Flanken und schnaubte mit geblähten Nüstern. »Ich will diesen Bastard, der meine Männer erschossen hat, endlich erwischen!«, grollte Paco Morales. »Ich will auf seinen Kadaver spucken!«

Zwei der Banditen stoben davon.

Unten verschwand Apache Kid um einen Knick der Schlucht.

Die Ungeduld zerfraß Paco Morales. Manchmal fluchte er. »Wir folgen Pedro und Gonzales!«, schrie er schließlich. Langsam ritt die Horde weiter. Nach einer ganzen Weile ertönte Hufgetrappel, und dann erschienen die beiden Bravados. Sie winkten. Morales trieb sein Pferd an.

»Wir haben einen Abstieg gefunden!«, rief einer der Banditen. Die beiden ritten voraus. Es war ein natürlicher Pfad, der in die Tiefe führte. Sie saßen ab. Die Pferde scheuten. Geröll polterte in die Tiefe. Es war ein halsbrecherischer Weg. Stellenweise war der Pfad so schmal, dass kaum ein Pferd hindurchpasste. Dann war auf einer Seite nur noch die steile Felswand, linker Hand ging es hundert Yards steil hinunter. Unten türmten sich Felsbrocken. Eines der Pferde weigerte sich, weiterzugehen. Der Reiter zerrte es am Zügel hinter sich her, das Tier stemmte sich dagegen. »Caramba!«, fluchte der Bandit und riss wild am Zügel. Plötzlich verlor das Tier den Halt. Es rutschte ein Stück den felsigen Pfad hinunter. Die Hufe schlugen Funken auf dem Gestein. Das Tier prallte gegen den Mann, der es führte. Dieser ruderte mit den Armen, aber es gab nichts, woran er sich klammern konnte. Und dann verlor er das Übergewicht und stürzte in die Tiefe, gefolgt von dem Pferd. Ein grässlicher Schrei stieg an den Felswänden in die Höhe, dann verschwanden der Bravado und das Pferd zwischen den Felsen.

Paco Morales knirschte mit den Zähnen. »Auch dafür wird der Bastard büßen!«

Der Rest der Bande kam gut unten an. Der Abstieg hatte fast eine Stunde gedauert. Niemand kümmerte sich um den Mann, der zerschmettert irgendwo auf dem Grund der Schlucht lag. Er blieb als Futter für die Geier und Kojoten zurück.

Die Horde stob durch die Schlucht. Schließlich endete die Schlucht. Die Banditen verhielten am Rande einer Ebene, die rundum von Felsen begrenzt wurde. Der Wind trieb Staubfahnen darüber hinweg. Sie wurde von einem Arroyo zerteilt. Einige Korkeichen fristeten ein kümmerliches Dasein. Von dem Apachen war nichts zu sehen.

»Pedro, Gonzales, Pepe!«, brüllte Morales. »Versucht, seine Spur aufzunehmen. Adelante!«

Die drei Banditen jagten auf ihren Pferden davon. Die anderen Bravados saßen ab, die meisten setzten sich auf den Boden und drehten sich Zigaretten. Morales nahm eine unruhige Wanderung auf. Immer wieder blieb er stehen und starrte über die Ebene. Seine Männer waren längst auf der anderen Seite verschwunden.

Er hatte keine Ahnung, dass Apache Kid auf sie wartete.

Der junge Krieger sah die drei Bravados kommen. Sie ritten hintereinander am Fuß eines Felsens entlang. Oben auf dem Felsen lauerte Apache Kid. Er ließ sie an sich vorbei. Dann schleuderte er einen Stein, der das Pferd des hinteren Reiters traf. Das Tier erschrak und brach zur Seite aus. Der Reiter hatte Mühe, sich im Sattel zu halten. Apache Kid stieß den Schrei des jagenden Pumas aus. Die Panik des Pferdes verstärkte sich. Es warf seinen Reiter ab und stob in wilder Karriere davon. Auch die Pferde der anderen beiden Banditen waren von dem Schrei in Panik versetzt worden. Sie gebärdeten sich wie wild. Einer der Banditen sprang ab. Sein Pferd raste davon. Er riss den Revolver heraus und schoss auf Kid, der aber wie ein Spuk verschwand. Der Knall schien zwischen den Felsen hin und her zu springen.

Dem dritten Banditen gelang es, sein Pferd unter Kontrolle zu bekommen. Er saß ab. »Wir versuchen den Hund zwischen uns zu kriegen!«, stieß er hervor. »Und dann gnade ihm Gott!«

Sie rannten auseinander.

Apache Kid pirschte zwischen den Felsen herum. Er durfte die Banditen nicht unterschätzen. Seine Sinne arbeiteten scharf und präzise. Er blieb stehen und lauschte. Hart schmiegte er seinen Körper an rauen Fels. Das Knarren von Stiefelleder und das Schaben von Leinenstoff waren zu hören. Und dann sah er den Banditen. Er schob sich um den Felsen herum, Anspannung prägte seine bärtigen Züge, seine Augen waren unablässig in Bewegung, er hielt den Revolver in der rechten Faust, der Hahn war gespannt.

Apache Kid zog sich in eine Felsspalte zurück. Obwohl sich der Bandit ausgesprochen leise bewegte, hörte der junge Krieger ihn kommen. Und dann warf er sich auf ihn. Ein Schlag mit dem Tomahawk, der Bandit brach zusammen, krümmte aber im Sterben noch den Finger. Die Detonation sprengte die Stille. Apache Kid rannte davon.

Wenig später erschien einer der anderen Banditen. Er sah seinen Kumpan mit zerschmettertem Schädel am Boden liegen. »Maldito!«, brüllte er. »Das Schwein hat Pepe erschlagen. Wenn ich ihn zwischen die Finger kriege.«

Ein Schuss krachte. Die Echos verstärkten den trockenen Knall. In die zerrinnende Detonation hinein donnerte es erneut. Dann erklang eine Stimme: »Hörst du mich, Gonzales?«

»Was ist, Pedro?«

»Ich glaube, ich habe ihn verwundet. Komm her, wir treiben ihn in die Enge.«

Gonzales folgte dem Klang der Stimme. Wenig später traf er auf Pedro. »Pepe ist tot«, presste Gonzales hervor.

»Das wird die elende Rothaut büßen.«

Sie schlichen davon. Als er etwas durch die Luft schwirren hörte, wirbelte Gonzales herum. Im nächsten Moment spürte er den furchtbaren Einschlag in die Brust. Er schaute an sich hinunter. Es war ein Tomahawk. Ein dumpfer Ton kämpfte sich in dem Mexikaner hoch, dann brach er zusammen.

Pedro war ebenfalls herumgewirbelt. Er sah neben einem Felsen Apache Kid stehen. Das war der Moment, in dem Gonzales zusammenbrach. Pedro riss die Hand mit dem Revolver hoch. Da stieß schon der Knall eines Schusses über ihn hinweg. Apache Kid hatte mit dem Gewehr geschossen. Pedro bäumte sich auf, machte das Kreuz hohl, drehte sich halb um seine Achse und stürzte zu Boden.

Der Indianer glitt heran. Seine ausdruckslosen Augen waren auf die beiden reglosen Körper gerichtet. Kid holt sein Tomahawk und steckte es hinter die Schärpe. Dann ging er bei Pedro in die Hocke und sagte: »Warum jagt ihr mich?«

»Du hast einige unserer Companeros umgebracht.« Pedro brachte nur ein heiseres Krächzen zustande. In seinem Gesicht wühlte der Schmerz von der Wunde. Mit jedem Herzschlag pulsierte Blut aus der Wunde.

»Ich habe mich nur gewehrt«, murmelte Kid.

»Du bist so gut wie tot«, kam es kaum verständlich über die zuckenden Lippen des Banditen.

Kid drückte sich hoch und lief zwischen die Felsen …


*


Paco Morales versetzte dem verwundeten Banditen einen Tritt. »Ihr seid verdammte Stümper!«, schimpfte er.

»Der Bursche ist gefährlicher als ein Wolf«, ächzte Pedro. »Du wirst noch mehr Männer verlieren, Paco. Gib es auf, ihn zu jagen. Er hat nichts, was von Wert für dich sein könnte.«

»Ich will sein Leben«, grollte der Bandenführer. Seine Stimme hob sich. »Auf die Pferde, Muchachos. Wir jagen die elende Rothaut wie ein tollwütiges Tier. Ich will sie lebend, damit ich ihr die Haut streifenweise abziehen kann. Habt ihr gehört? Ich will den roten Bastard lebend.«

»Was ist mit Pedro?«, fragte einer. »Wir müssen ihn verbinden. Sonst verblutet er.«

»Pedro wird sich selbst zu helfen wissen!«, blaffte Morales. »Presto, presto, auf die Pferde. Wir dürfen keine Zeit verlieren.«

Niemand wagte mehr zu widersprechen. Die Banditen warfen sich in die Sättel und trieben die Pferde an …


*


Kid lagerte an einem Fluss. Dieser hatte sich einen Weg durch die Felsen gegraben und floss von Norden nach Süden. Die Strömung war ziemlich reißend, aber das Wasser war nicht tief. Felsen ragten aus dem Wasser. Der Ufersaum war ausgetrocknet. Fladen hartgebackenen Schlammes bildeten den Untergrund. Drüben klaffte das Maul einer Schlucht. Als der Tag anbrach, brach Kid auf. Er trieb sein Pferd in das Wasser hinein. Es spritzte und gischtete. Der Apache ritt jetzt den Schecken. Das andere Pferd ging an der Longe. Als Kid auf der anderen Seite in die Schlucht ritt, war er plötzlich von Apachen eingekreist. Wahrscheinlich war seine Ankunft am Fluss beobachtet worden und sie hatten ihn erwartet. Sie bedrohten ihn mit ihren Gewehren. Stumm fixierten sie ihn. Kid richtete den Blick auf einen der Krieger und rief:

»Ich habe euch gesucht, Standing Elk.«

»Old Rip hat es uns berichtet. Ich nehme an, dass Tanankia tot ist.«

»Ich habe ihn getötet. Und ich werde Old Rip, Toshawi, Chavez und Scarfaced Charly ebenfalls töten.«

»Dein Vater war ein Verräter.«

»Das stimmt nicht. Nur weil er nicht eurer Meinung war, kann man ihn nicht als Verräter bezeichnen. Viele Chiricahuas heißen nicht gut, was ihr tut. Ihr raubt, mordet und brandschatzt …«

»Der Krieg ist noch lange nicht beendet.«

»Er ist aus, ihr wollt es nur nicht wahrhaben, Standing Elk. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie euch gefangen nehmen und ebenfalls nach Florida bringen.«

»Kehr um, Ski-Be-Nan-Ted. Die Männer, die du töten willst, gehören zu uns und stehen unter unserem Schutz. Dein Vater hat erhalten, was er verdient hat. Willst du auch sterben?«

»Ich gehe nach San Carlos zurück. Vorher aber will ich die Mörder meines Vaters zur Rechenschaft ziehen. Bring mich zu Massai. Er muss mich anhören, und er wird mir Recht geben. Als Sohn von Toga-De-Chuz ist es meine Pflicht, die Mörder zu bestrafen.«

»Wie du willst. Erwarte von Massai kein Verständnis. – Packt ihn!«

Einige Krieger sprangen heran und zerrten Apache Kid vom Pferd. Ehe er sich versah, war er entwaffnet. Seine Hände wurden auf den Rücken gefesselt. »Warum lässt du mich fesseln, Standing Elk?«

»Weil ich dich nicht einschätzen kann. Du bist unberechenbar und gefährlich. Die Männer, die deinen Vater getötet haben, befinden sich im Lager. Ich weiß nicht, wie du reagierst, wenn du sie siehst.«

Einer nahm den Schecken an der Trense. Sie dirigierten Apache Kid zu ihrem Lagerplatz. Es handelte sich um einen schwer zugänglichen Ort, der von einer Handvoll Kriegern bewacht wurde. Apachen zeigten sich. Es waren etwa drei Dutzend. Ihre Mienen verrieten nicht die Spur einer Gefühlsregung. Sie hatten sich Tücher um die Köpfe geschlungen und trugen kniehohe Mokassins. Jeder von ihnen besaß ein Gewehr. In ihren Gürteln und Schärpen steckten Messer und Tomahawks. Sie hausten hier zwischen den Felsen wie die Tiere und lebte von dem, was ihnen die Natur hier in der Wildnis bot.

Apache Kid schaute sich um. Die Männer, die er suchte, befanden sich zwischen den anderen Kriegern. Die Wut und der Hass drohten Apache Kid zu übermannen. Er zerrte an seinen Fesseln, aber sie hielten.

Und dann kam Massai. Er trat vor Apache Kid hin. »Der Hass hat dich in unser Lager geführt«, stieß er hervor. Es war ein Mann von etwa dreißig Jahren, mittelgroß und muskulös. Sein Gesicht war breitflächig, die dunklen Augen in dem Gesicht schienen zu glühen.

»Gib den Befehl, meine Fesseln zu lösen«, sagte Apache Kid, »und lass mich mit den Mördern meines Vaters kämpfen.«

Massai schüttelte den Kopf. »Ich kann es mir nicht leisten, auch nur einen Krieger zu verlieren. Versprich mir, dass du Ruhe gibst, Ski-Be-Nan-Ted, dann lasse ich deine Fesseln öffnen und du kannst als freier Mann unser Lager verlassen.«

»Dieses Versprechen kann ich dir nicht geben.«

»Dann bist du ein Dummkopf. Du gehörst nicht zu uns, darum macht es mir nichts aus, dich zu töten.« Massai rief einen Befehl. Kid wurde gepackt und fortgezerrt. Dann wurde er zu Boden gerungen. Nach einiger Zeit brachten zwei Krieger vier armdicke, angespitzte Pfähle, die in den Boden getrieben wurden. Die Handfessel Kids wurde gelöst, dann wurden seine Hände und Füße an die Pfähle gebunden. Wie ein X lag er am Boden. Einer versetzte ihm einen Tritt.

Es dauerte nicht lange, dann kam ein faltiger Indianer und ging neben Apache Kid in die Hocke. Die Blicke der beiden Krieger kreuzten sich wie Degenklingen. In Apache Kids Augen wütete der Hass. »Old Rip!«, knirschte er.

Der alte Krieger nickte. »Wir werden dieses Lager aufgeben. Du wirst zurückbleiben. Die Sonne wird dich austrocknen. Du wirst einen furchtbaren Tod sterben.«

»Mach mich los und kämpfe mit mir, du Feigling!«, zischte Kid.

Old Rip zog sein Messer und setzte die Schneide an Kids Kehle. »Ich könnte dir den Hals durchschneiden.« Langsam zog er die Klinge über Kids Haut. Das Messer verursachte einen leichten Schnitt, aus dem Blut sickerte.

»Du musst mich töten, wenn du nicht willst, dass ich dich töte!«, knurrte Kid.

»Du wirst hier elend zugrunde gehen«, versprach Old Rip. Seine Gestalt wuchs in die Höhe. Er trat Apache Kid in die Seite. »Du bist ein Dummkopf. Aber Massai würde dich sicher am Leben lassen, wenn du deiner Rache abschwörst und dich zu uns gesellst. Geronimo und Nana haben aufgegeben. Wir nicht. Du kannst es dir überlegen.«

Old Rip schwang herum und schritt davon.

Die Sonne brannte auf Apache Kid herunter. Stechmücken piesackten ihn. Seine Kehle und seine Mundhöhle trockneten aus. Niemand kümmerte sich um ihn. Ein Trupp Apachen ritt fort. Am späten Nachmittag kam der Pulk zurück. Einer der Krieger sprach auf Massai ein. Dann machten die Krieger ihre Pferde reitfertig, saßen auf und zogen davon.

Apache Kid war allein. Seine Brüder und Vettern hatten ihn dem kläglichen Tod des Verdurstens überlassen. Bald verklangen die Geräusche. Der Krieger begann, an den Pflöcken zu zerren, an denen seine Hände festgebunden waren. Er hatte noch nicht aufgegeben. Ruhe würde er erst finden, wenn er tot war oder seinen Vater blutig gerächt hatte.

Noch verfügte er über Kraft. Die Kugel eines der mexikanischen Banditen hatte ihn an der Seite gestreift und eine blutige Spur über seine Haut gezogen. Die Wunde handicapte ihn nicht. Resignation wollte ihn erfassen, als er daran dachte, dass er keine Waffen und kein Pferd besaß. Seine Chance, in dieser Ödnis zu überleben, war die eines Staubkorns in der Sonora.

Apache Kid wandte alle Kraft auf. Sie rauen Stricke, mit denen sie ihn festgebunden hatten, scheuerten seine Haut an den Handgelenken wund. Es brannte wie Feuer. Plötzlich waren in der Ferne Schüsse zu hören. Apache Kid hielt inne und lauschte. Der Lärm steigerte sich. Der Chiricahua ahnte, dass die Apachen mit den mexikanischen Banditen zusammengetroffen waren. Wenn die Bravados hierher kamen und ihn fanden, bedeutete dies seinen Tod. Er arbeitet wie besessen, und endlich lockerte sich der Pfahl, an den seine rechte Hand gefesselt war. Es gelang Kid, ihn aus dem Boden zu reißen. Mit den Zähnen öffnete er die Fessel. Wenig später war auch seine linke Hand frei, er befreite seine Füße und erhob sich. Schmerzhaft zirkulierte das Blut in seine Finger. Er massierte sie. Der Schmerz wurde erträglich und ließ schließlich nach. Kid nahm einen der angespitzten Pfähle und schob ihn hinter seine Schärpe. Der Pfahl war seine einzige Waffe.

Die Schießerei in der Ferne war nach wie vor zu hören. Kid begann zu laufen und folgte dem Lärm. Je näher er kam, umso vehementer wurde er. Er erinnerte an ein höllisches Crescendo.

Und dann war er ganz nah. Kid versteckte sich. Geschrei war zu hören. Eine ganze Weile krachten noch die Gewehre und Revolver. Dann kamen Hufschläge auf und die Waffen schwiegen. Das Hufgetrappel entfernte sich und verklang schließlich. Die Dunkelheit kam. Kid blieb in seinem Versteck. Irgendwann schlief er ein. Als er erwachte, dämmerte der Morgen. Ihn fröstelte es. Er erhob sich und schlich fort. Schon bald stieß er auf einen toten Mexikaner. Und Kid fand weitere tote Männer. Mexikaner und Indianer. Auch einige tote Pferde lagen herum. An einem der Sättel hing eine Wasserflasche. Apache Kid trank sie leer. Dann nahm er einem Mexikaner den Patronengurt ab und hängte ihn sich über die Schulter. Wenig später besaß Kid wieder ein Gewehr und einen Revolver. Einem der getöteten Apachen nahm er das Tomahawk weg, einem anderen den Dolch.

Kid fand Spuren. Die einen führten nach Süden, die anderen nach Osten. Er ging davon aus, dass die Spur, die nach Osten führte, von den Mexikanern gezogen worden war. Also folgte er der Fährte, die nach Süden führte.

Der Boden war hart, manchmal felsig, und es gab keine Hufabdrücke. Aber Kid fand immer wieder untrügliche Zeichen, die ihm sagten, dass hier die Apachen gezogen waren. Mal war es ein Haufen Pferdedung, dann eine Kratzspur auf einem Felsen, dann ein losgetretener Stein, an einem Dornenbusch fand Kid sogar ein paar Schweifhaare eines Pferdes.

Kid spürte keine Müdigkeit. Ein nahezu dämonischer Durchhaltewille peitschte ihn vorwärts. Streckenweise lief er einen lockeren Trab. Er konnte dieses Tempo über Meilen hinweg durchhalten. Gegen Mittag schoss er einen Präriehasen, dem er das Fell abzog und dessen Fleisch er roh verspeiste. Als sein Hunger gestillt war, setzte er seinen Weg fort. Und am Abend holte er die Apachen ein. Sie lagerten an einem kleinen Creek. Ihre Pferde waren nur angebunden. Sie hatten die Tiere nicht gehobbelt. Es verriet Apache Kid, dass sie vielleicht mit Verfolgung rechneten und für einen eiligen Aufbruch gerüstet sein wollten.

Der junge Krieger lag auf einem Hügel und beobachtete die Krieger. Als es dunkel wurde, schlich er zum Fluss und löschte seinen Durst. Dann wartete er. Der Mond schob sich über den Horizont im Osten. Kid hörte die Geräusche aus dem Lager. Stimmen; sie raunten wie der Wind, verstummten, erklangen wieder. Irgendwann schwiegen die Krieger. Im Lager kehrte Ruhe ein.

Kid war sich darüber im Klaren, dass Massai Wachen aufgestellt hatte. Vorsichtig näherte er sich dem Lagerplatz. Bevor er einen Fuß auf den Boden setzte, testete er den Untergrund, auf den er trat; ein knackender Ast, das Klacken eines Steines, knirschender Sand – Geräusche, die ihn womöglich verraten hätten. Er hielt den Dolch in der Rechten. Wie hineingewachsen lag der lederne Griff in seiner Hand. Kid erreichte die Pferde. Die Tiere hatten sich hingelegt und schliefen. Kid näherte sich ihnen gegen den lauen Nachtwind, so dass sie nicht seine Witterung aufnehmen konnten.

Und dann sah er einen der Wächter. Er lehnte am Stamm einer der Pappeln, die sich hier über das Ufergebüsch erhoben. Kid wurde wieder eins mit der Dunkelheit. Leise wie ein Raubtier schlich er sich von hinten an den Wächter heran. Und dann schlug er ihn mit dem Tomahawk nieder. Ohne einen Laut von sich zu geben brach der Krieger zusammen.

Kid begann, die Pferde loszuschneiden. Es waren an die dreißig Tiere und es nahm eine ganze Zeit in Anspruch. Wie ein Schatten huschte er von Pferd zu Pferd. Einige der Tiere erhoben sich. Kid lauerte bei einem Busch. Wenn auf der anderen Seite des Lagers ein zweiter Krieger Wache hielt, würde er durch die Unruhe bei den Tieren aufmerksam werden und wahrscheinlich kommen, um nachzusehen.

Tatsächlich tauchte ein Schemen auf. Kid ließ ihn an sich vorbei, folgte ihm und schlug ihn nieder. Er tötete die Wachen nicht. Kid würde nie einen Chiricahua töten – es sei denn in Notwehr oder aus persönlichen Gründen wie im Fall der Mörder seines Vaters. Dann kletterte Kid auf eines der Pferde und stieß einen schrillen, durchdringenden Schrei aus. Die Pferde, die noch am Boden lagen, ruckten hoch. Noch einmal stieg der langgezogene Schrei aus Kids Kehle, dann hämmerte er dem Pferd unter sich die Fersen in die Seiten.

Das Tier begann zu laufen. Einige der anderen Pferde folgten. Ein drittes Mal stieg der gellende Schrei in die Höhe. Und jetzt ergriffen auch die letzten Pferde die Flucht.

Inmitten eines Rudels Pferde donnerte Kid auf einem der Tiere in die Nacht hinein.


*


Die Pferde blieben zusammen. Nur einige trennten sich vom Rudel. Kid lenkte sein Pferd aus dem Pulk und ritt zwischen die Felsen. Er entfernte sich etwa drei Meilen von dem Creek, dann lagerte er. Er döste im Sitzen. An richtigen Schlaf war nicht zu denken. Kid wollte keine böse Überraschung erleben.

Am Morgen kehrte er zum Fluss zurück. Das Lager der Apachen war leer. Sie hatten die Nacht abgewartet und sich am Morgen auf die Suche nach ihren Pferden gemacht. Kid war klar, dass die Pferde, nachdem sich ihre Panik gelegt hatte, die Nähe des Wassers gesucht hatten. Die Apachenhorde hatte sich wahrscheinlich geteilt. Eine Gruppe war den Creek hinunter, die andere war ihn hinaufgezogen.

Im Ufergebüsch zwitscherten die Vögel. Hier am Fluss gab es Vegetation. Aber schon nach wenigen Yards begann die Stein- und Staubwüste. In diesem Land lagen die Gegensätze ganz dicht beieinander; fruchtbar und fruchtlos, schön und hässlich, gut und böse. Ein bizarres Land, das seine Menschen formte und in dem nur die Härtesten bestehen konnten.

Apache Kid ritt auf einen Hügel mit geröllübersäten Hängen. Unterhalb des Hügelkammes stellte er auf der dem Fluss abgewandten Seite sein Pferd ab, sodass es von jemand, der sich auf der Westseite des Hügels bewegte, nicht gesehen werden konnte. Nach einiger Zeit waren Hufschläge zu hören, und dann kam eine Gruppe von Kriegern um einen Knick des Flusses. Es waren fünf. Sie hatten drei Pferde. Auf zweien der Tiere saßen jeweils zwei Krieger.

Apache Kid erkannte Chavez, genannt Sleeping Rabbit. Chavez saß alleine auf einem Pferd. Kid hob das Gewehr und feuerte in die Luft. Der Knall prallte auseinander, wurde über den Fluss geschleudert und sickerte in die Schluchten.

Die Indianer zügelten die Pferde und starrten zu Apache Kid hinauf. Chavez gingen die Nerven durch. Er zog sein Gewehr aus dem Sattelschuh, lud es und trieb sein Pferd mit einem Schenkeldruck an. Und während er den Hang hinaufstob, begann er auf Apache Kid zu feuern. Dieser lief geduckt zur Seite und schoss aus der Hüfte. Chavez stürzte vom Pferd, lag sekundenlang still da, dann begann er zu kriechen. Yard um Yard kämpfte er sich den Abhang hinauf. Als er noch zwanzig Schritte von Kid entfernt war, erhob er sich. Sie schossen fast gleichzeitig. Kid glitt mit dem Brechen seines Schusses zur Seite.

Chavez kippte über die Fersen nach hinten und rollte ein Stück den Abhang hinunter. Mit ausgebreiteten Armen blieb er schließlich liegen.

Die vier Apachen, die unten am Fluss auf ihren Pferden verharrten, hatten nicht eingegriffen. Jetzt, da ihnen klar wurde, dass Kid den Kampf mit Chavez für sich entschieden hatte, handelten sie. Sie trieben ihre Pferde an. Spitzes, abgehacktes Geschrei ertönte. Kid feuerte drei Schüsse über ihre Köpfe hinweg und nötigte sie, von den Pferden zu springen und in Deckung zu laufen. Dann warf er sich herum, lief zu seinem Pferd, stieg auf und ritt im Galopp davon.

Als er sich einmal im Sattel umwandte, sah er seine Stammesbrüder kommen. Sie hatten die Verfolgung aufgenommen. Kid feuerte sein Pferd zu noch schnellerer Gangart an. Die Hufe wirbelten und schienen kaum noch den Boden zu berühren. Kid folgte den Windungen zwischen den Felsen und Hügeln. Er ritt in einen Canyon und folgte ihm. Plötzlich war Schluss. Ein steiler Geröllhang versperrte den Weg, an die hundert Fuß hoch, ein Unding, zu versuchen, da das Pferd hinaufzubekommen.

Kid ritt ein Stück zurück. Fernes Klappern verriet ihm, dass seine Verfolger auf seiner Spur kamen. Er kehrte wieder um und kletterte am Fuß des Geröllhanges vom Pferd, nahm das Pferd am Kopfgeschirr und zog es hinter sich her den Hang hinauf. Um einen direkten Anstieg zu vermeiden, bewegte sich Kid in schräger Linie nach oben. Als ihm die Felswand auf der rechten Seite den Weg versperrte, führte er das Pferd steil nach links. Immer wieder gab der lose Untergrund unter den Hufen nach. Wenn der ganze Hang in Bewegung geriet, würde er von einer Lawine aus Geröll samt Pferd in die Schlucht gerissen werden.

Einmal rutschte Kid aus und stieß sich das Knie an einem Gesteinsbrocken blutig. Unerbittlich zerrte er das Pferd mit sich. Herzschlag und Atmung beschleunigten sich bei ihm. Das Ende des Hanges rückte nur langsam näher. Kid musste dadurch, dass er das Pferd schräg zum Hang führte, die doppelte Strecke oder noch mehr zurücklegen. Das Pferd brach auf den Hanken ein und rutschte ein Stück zurück. Kid wurde fast mitgerissen und er musste das Tier loslassen. Doch es fing sich und kam wieder auf die Beine. Und jetzt kamen die Verfolger in das Blickfeld des Indianers. Sie trieben ihre Pferde an. Das Hufgetrappel prallte heran wie ein Gruß aus der Hölle.

Kid schaffte es. Er zerrte das Pferd über den Rand des Steilhanges, und als die ersten Schüsse krachten, war er in Sicherheit.

Seine Beine zitterten. Der Aufstieg hatte von ihm und dem Pferd das Letzte abverlangt. Er kroch auf dem Bauch soweit nach vorn, dass er nach unten blicken konnte. Seine Verfolger machten sich an den Aufstieg. Kid feuerte zweimal. Ein Querschläger quarrte.

Der Apache schob sich zurück, erhob sich und lief zu seinem Pferd, stieg in den Sattel und lenkte das Tier in eine Lücke zwischen den Felsen. In ihm war eine tiefe Zufriedenheit. Kid war davon überzeugt, dass er Chavez getötet hatte. Nummer zwei. Die anderen Mörder seines Vaters würde er auch noch erwischen. Toga-De-Chuz konnte stolz auf seinen Sohn sein.


*


»Er zieht uns die Soldaten und die mexikanischen Banditen auf den Hals«, murmelte Massai. »Darum müssen wir ihn loswerden. Ich will, dass ihr ihn jagt und tötet.«

Er schaute von Toshawi zu Scarfaced Charley und von diesem zu Old Rip. Die anderen Apachen umstanden sie in einem Halbkreis. Die meisten Pferde hatten sie wieder eingefangen.

Massai nickte. »Kommt erst zurück, wenn Ski-Be-Nan-Ted tot ist. Ihr findet uns an unserem alten Lagerplatz.«

Die drei gingen zu ihren Pferden und stiegen auf. Ohne noch ein Wort zu verlieren ritten sie davon.

Massai sagte: »Wir reiten weiter nach Süden. Dort gibt es ein Dorf, das die Mexikaner Magdalena nennen. Dort beschaffen wir uns Pferde. Und dann reiten wir zurück.«

Und während Massai mit seiner Kriegshorde nach Süden zog, trennten sich die drei Krieger, die Massai losgeschickt hatte, damit sie Apache Kid töteten. Sie würden die Wildnis nach ihm durchkämmen und sich per Rauchzeichen verständigen.

Toshawi fand einige Hinweise, untrügliche Zeichen dafür, dass hier ein Pferd gegangen war. Er ließ seinen Blick über die Felsen und Hügel schweifen. Dann folgte er der Spur. Manchmal war es ein Abdruck im Sand, der ihm verriet, in welche Richtung sich das Pferd bewegt hatte. Ein anderes Mal ein von einem Huf zermalmter Stein. Pferdedung. Toshawi zog unter der sengenden Sonne dahin. Die Spur führte in ein Tal, in dem Comas und Kakteen wuchsen. Der Indianer trug einen Haufen Reisig zusammen, dann holte er Feuersteine und Zunder aus der kunstvoll gearbeiteten Satteltasche und machte Feuer. Bald loderten die Flammen in dem Reisig hoch. Toshawi schnitt einige grüne Äste von den Büschen und warf sie in die Flammen. Dann nahm er seine Decke und hielt sie über den Rauch, welcher sich unter der Decke staute. Wenn er sie zurückzog, stieg eine Wolke zum Himmel.

Toshawi sandte eine ganze Weile seine Rauchsignale aus. Dann setzte er sich auf den Boden und wartete. Der Sonnenuntergang legte rötlichen Schein auf das Land. Die Schatten verblassten. Von Osten her schlich sich das Grau der Abenddämmerung ins Land.

Zuerst traf Old Rip ein. Er untersuchte die Spuren und sagte: »Ja, das könnte Ski-Be-Nan-Ted sein. Warten wir auf Charley und verbringen wir die Nacht hier. Und morgen sehen wir weiter.«

Scarfaced Charley kam, als es finster war. Er sagte: »Ich habe die Bravados beobachtet. Sie lecken ihre Wunden. Ich habe jedoch nicht gewagt, mich näher an sie heranzuschleichen, um herauszufinden, was sie vorhaben. Ich glaube aber nicht, dass sie den Tod ihrer Männer ungesühnt lassen wollen.«

»Hoffentlich haben deine Rauchzeichen sie nicht auf uns aufmerksam gemacht«, gab Old Rip zu bedenken.

»Viel mehr als die Banditen fürchte ich Ski-Be-Nan-Ted«, sagte Toshawi. »Wenn er die Signale gesehen hat, dann wusste er sie auch zu deuten, und er weiß, dass wir Jagd auf ihn machen.«

»Ich übernehme die erste Wache«, erklärte Scarfaced Charley. »Sobald es hell genug ist, folgen wir der Spur. Und an ihrem Ende treffen wir auf Ski-Be-Nan-Ted. Warum denkt ihr wohl, hat Massai ausgerechnet uns drei nach ihm ausgeschickt?«

»Massai ist schlau«, erwiderte Old Rip. »Er will Apache Kid von seiner Fährte haben. Das erreicht er, wenn wir ihn erwischen und töten. Das erreicht er aber auch, wenn Ski-Be-Nan-Ted uns tötet. Denn dann reitet er nach San Carlos zurück.«

»Fürchtet er, dass Ski-Be-Nan-Ted die Soldaten auf ihn zieht?«, fragte Toshawi.

»Oder die Banditen«, versetzte Old Rip. »Und dass mit diesen nicht zu spaßen ist, haben sie bewiesen. Außerdem war Ski-Be-Nan-Ted früher einmal Scout unter Al Sieber. Ich glaube, er und Sieber sind sogar Freunde. Es ist nicht auszuschließen, dass Ski-Be-Nan-Ted Al Sieber und einige Kompanien Kavallerie nach Mexiko zu unserem Versteck führt. Es hat schon einmal ein Abkommen gegeben, wonach die Soldaten beiden Länder auf der Jagd nach uns die Grenze überschreiten durften.«

Old Rip und Toshawi legten sich nieder. Scarfaced Charley nahm sein Gewehr und setzte sich in der Nähe des Lagerplatzes auf einen Felsklotz.

Die letzte Wache übernahm Toshawi. Der Krieger setzte sich an einen Felsen und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Das Wispern des Windes, der sich an den Felsvorsprüngen brach, erfüllte die Nacht. Old Rips Schnarchen drang an Toshawis Gehörs. Einmal drehte sich Old Rip auf die andere Seite und sprach im Schlaf. Das Schnarchen brach ab.

Toshawi erhob sich, um sich die Beine zu vertreten, und ging um den Felsen herum. Plötzlich legte sich ihm von hinten ein kräftiger Arm um den Hals. Etwas fuhr ihm glühend zwischen die Rippen. Es war blanker Stahl, geführt von Apache Kids Hand. Toshawi bäumte sich auf, ein Schrei stieg in ihm hoch und platzte aus seiner Kehle. Es war ein verzweifelter Todesschrei. Toshawi brach zusammen.

Old Rip und Scarfaced Charley sprangen auf die Beine. Die beiden waren schlagartig wach. Sie hielten ihre Waffen in den Fäusten. Fast zwei Minuten lang rührte sich nichts, dann erklang ferner, trommelnder Hufschlag.

Old Rip lief um den Felsen herum und stolperte fast über Toshawis Gestalt. Der Apache bückte sich. »Toshawi.«

Aber Toshawi gab keine Antwort mehr. Old Rip schleppte ihn zum Lagerplatz und ließ ihn dort zu Boden fallen. »Der verdammte Hund hat Toshawi getötet, und wenn es Toshawi nicht gelungen wäre, zu schreien, hätte er uns auch schon die Hälse durchgeschnitten.«

»Suchen wir ihn.«

»Jetzt, in der Nacht?«

»Du hast Recht. Er hätte sämtliche Vorteile auf seiner Seite. Wir müssen abwarten, dass es hell wird.«

An Schlaf war nicht mehr zu denken. Die Gefahr, die von Apache Kid ausging, hing wie ein Damoklesschwert über den beiden Chiricahuas. Die Nacht schien eine Ewigkeit zu dauern. Endlich wurde es hell und sie fanden Apache Kids Spur. Dort, wo er Toshawi niedergestochen hatte, war im Sand eingetrocknetes Blut zu sehen. Sie bedeckten den Leichnam mit Steinen, Scarfaced Charly nahm das Pferd des Toten an die Longe, dann folgten sie der Spur.

Irgendwann sagte Old Rip: »Eine derart deutliche Spur zu hinterlassen ist nicht Ski-Be-Nan-Teds Art. Ich denke, er will, dass wir seine Spur finden.«

»Um uns in einen Hinterhalt zu locken«, knurrte Scarfaced Charley.

»Das denke ich«, murmelte Old Rip und ließ seinen Blick schweifen. Wohin er auch schaute: totes Gestein, Staub, grelles Sonnenlicht.

Die Spur bohrte sich zwischen zwei Hügel, deren Flanken sich zu beiden Seiten steil nach oben schwangen. Über allem spannte sich seidenblauer, ungetrübter Himmel. Die Sonne mutete an wie eine zerrinnende Scheibe aus Weißgold. Der laue Wind war heiß.

»Warte hier«, sagte Old Rip und ritt auf einen der Hügel. Oben schaute er in die Runde. Nach Norden dehnte sich eine sonnenlichtüberflutete Ebene. Das Land mutete an wie ausgestorben. Irgendwo zwischen den Hügeln jedoch wartete der Tod, personifiziert in der Gestalt eines jungen, hasserfüllten Apachen.

Old Rip lenkte das Pferd wieder den Abhang hinunter. »Und?«, fragte Scarfaced Charley.

»Nichts zu sehen. Aber er ist da. Ich kann ihn förmlich riechen.«

Unbehaglich schaute sich Scarfaced Charley um. Er zog die Schultern an, als fröstelte ihn. »Was hat der verdammt Hund vor? Warum legt er sich nicht auf die Lauer und schießt uns einfach ab?«

»Er will es auskosten«, murmelte Old Rip. »Wir sollen nicht vom Tod überrascht werden. Er will, dass wir ihm ins Auge sehen.«

»Er ist uns gegenüber im Vorteil.«

Sie ritten weiter. Scarfaced Charley ließ sich zurückfallen. Er ritt bald hundert Yards hinter seinem Gefährten. Manchmal stieg Old Rip vom Pferd und untersuchte die Spur. Sie ritten durch Schluchten und Canyons. Zwischen den Felsen muteten die Geräusche, die die Pferde verursachten, überlaut an.

Als sie sich mitten auf einer sandigen Ebene befanden, peitschte ein Schuss. Old Rips Pferd brach zusammen. Old Rip sprang im letzten Moment ab. Das Pferd schlegelte mit den Hufen, schnaubte gequält und lag schließlich still. Old Rip warf sich in die Deckung des Tierleibes. Die Detonation war verhallt. Lastende Stille folgte den grollenden Echos. Old Rip hielt das Gewehr fest. Scarfaced Charley war abgesessen und stand im Schutz seines Pferdes.

Es blieb still. Die Stille des Todes. Sie hing wie ein Leichentuch über dem Land. Lastende, drückende Stille, die an den Nerven zerrte.

Scarfaced Charley setzte sich in Bewegung. Er führte sein Pferd zu Old Rip hin. Dieser wandte sich ihm zu und knirschte: »Er hätte mich treffen können. Aber er hat nur mein Pferd getötet. Das ist der Tag der Entscheidung. Wir brauchen hier nur zu warten. Ich garantiere dir, dass Ski-Be-Nan-Ted auftaucht.«

»Ich warte nicht darauf, dass er kommt, um uns abzuschlachten«, versetzte Scarfaced Charley, stieg auf sein Pferd und trieb das Tier an. Er stob den Hügel hinauf und sprang oben ab, band sein Pferd an und verkroch sich zwischen den Büschen. Plötzlich trieb in einer Entfernung von etwa dreihundert Yards Apache Kid sein Pferd auf einen Hügelrücken. Er ließ das Pferd steigen, dann nahm er das Tier in die Kandare und riss die Faust mit dem Gewehr in die Höhe. Dann saß Apache Kid ab und ließ sich auf den Boden nieder.

Scarfaced Charley legte das Gewehr an und beobachtete über Kimme und Korn den verhassten Gegner. Er rechnete sich jedoch keine großen Chance aus, ihn auf diese Entfernung zu treffen und ließ das Gewehr wieder sinken.

Dann rannte Scarfaced Charley auf der Apache Kid abgewandten Seite den Hügel hinunter. Er war fest entschlossen, mit Apache Kid den Kampf aufzunehmen.


*


Im Schutz der Hügel und Felsen näherte sich Scarfaced Charley der Anhöhe, auf die sich Apache Kid zurückgezogen hatte, erreichte den Fuß des Hügels und ging hinter einem Felsklotz in Deckung. Aus zusammengekniffenen Augen spähte Charley hangaufwärts. Von Kid und seinem Pferd war nichts zu sehen. Charley schwenkte den Blick in die Ebene hinein, in deren Mitte Old Rips totes Pferd lag. Dann blickte der Indianer wieder nach oben. Er setzte sich in Bewegung, fasste einen Busch ins Auge und rannte geduckt darauf zu. Ein Schuss krachte, die Kugel wurde an einem Felsen platt gedrückt und abgefälscht. Scarfaced Charley drohte das Blut in den Adern zu gerinnen. Er begriff, dass Apache Kid ein Katz- und Mausspiel mit ihm und Old Rip trieb. Er hätte sie beide schon längst töten können. Aber er wollte es nicht. Er wollte sie quälen.

Scarfaced Charley kauerte hinter dem Busch. Das Herz schlug ihm bis zum Hals hinauf. Er hatte das Gefühl, von einer eiskalten Hand berührt zu werden, versuchte aber, Ruhe in sein Denken zu zwingen. Nur wenn er den Überblick behielt hatte er eine Chance. Die nächste Deckungsmöglichkeit, die sich ihm bot, war auch nur ein Strauch. Keine besonders sichere Deckung. Scarfaced Charley schnellte auf die Beine und rannte los. Der erwartete Schuss jedoch blieb aus. Der Apache warf sich flach zu Boden. Schweiß rann über seine Wange und hinterließ helle Spuren in der dünnen Staubschicht auf der Haut.

Jetzt erhob sich in der Senke Old Rip, stand sekundenlang sprungbereit da, dann begann er zu laufen. Immer wider wechselte er die Richtung. Manchmal kauerte er hinter einem Strauch oder einem Felsen nieder, um zu verschnaufen.

Hufschläge erklangen. Scarfaced Charley sprang auf und stürmte den Abhang hinauf. Da oben erhoben sich Felsen. Charley lief zur anderen Seite des Kammes und sah unten das Pferd zwischen den Felsen verschwinden. Es war reiterlos gewesen. Heißer Schreck durchfuhr Scarfaced Charley. Er hob das Gesicht, sein Blick sprang über die Felsen, die ihn umgaben. Als hinter ihm ein dumpfer Aufprall erklang, wirbelte er herum.

Da stand Apache Kid mit hassvoll funkelnden Augen und einem nicht zu übersehenden Vernichtungswillen im Blick. Er hatte auf dem Felsen gelauerte. Kid hielt den Tomahawk in der Rechten. Scarfaced Charley riss das Gewehr an die Hüfte. Das Beil wirbelte durch die Luft und die Schneide fuhr in Charleys Oberschenkel. Er brach auf das Knie nieder, sein Schuss löste sich, aber die Kugel fuhr nur in den Boden. Ehe Charley durchladen konnte, war Apache Kid über ihm. Er hatte den Dolch herausgerissen. Mit durchgeschnittener Kehle fiel Scarfaced Charley auf den Boden. Sein Blut versickerte im Staub. Apache Kid schob sein Messer in die Schärpe, riss den Tomahawk aus Charleys Oberschenkel und nahm das Gewehr des Toten.

Unten kam Old Rip. Apache Kid schoss auf ihn, Staub spritzte, als die Kugel den Boden pflügte. Die Detonation prallte in alle Richtungen auseinander und rollte die Hügelflanken hinauf, um raunend zu verklingend.

Old Rip verschwand hinter einem hüfthohen Felsen.

Apache Kid wandte sich ab und rannte den Hügel hinunter, fand sein Pferd zwischen den Hügeln und kam mit einem Satz in den Sattel. Das Tier begann zu laufen. Er jagte an Anhöhen und Felswänden dahin und sah schließlich das Pferd, das Scarfaced Charley geritten hatte. Mit dem Tier im Schlepptau ritt er davon.

Ohne Pferd und Wasser war Old Rip in der Wildnis dem Tod geweiht. Aber Apache Kid wollte es nicht der Natur überlassen, den Mörder seines Vaters zu töten. Er fühlte sich verpflichtet, es eigenhändig zu tun. Old Rip war der Führer der kleinen Schar gewesen, die nach San Carlos gekommen war, um die friedlichen Chiricahuas gegen die Weißen aufzuhetzen und zu veranlassen, sich Massai anzuschließen. Apache Kid wollte Old Rip in die Augen sehen, wenn er ihn tötete…

Old Rip kam ziemlich atemlos auf der Hügelkuppe an. Er huschte von Fels zu Fels, und dann stand er vor dem Leichnam seines Gefährten. Scarfaced Charleys Augen war im letzten Entsetzen seines Lebens weit aufgerissen, der Mund zu seinem stummen Schrei geöffnet. Sein Hals wies eine klaffende Wunde auf. Old Rip atmete gepresst. Er verspürte ein Kribbeln zwischen den Schulterblättern. Nur er war noch übrig. Das Wissen um die Nähe seines Todfeindes bereitete ihm fast körperliches Unbehagen. Die Anspannung krümmte seine Gestalt, die Linien in seinem Gesicht schienen sich vertieft zu haben.

Er hatte kein Pferd und kein Wasser. Hoffnungslosigkeit senkte sich in sein Bewusstsein. Da war auch die Angst, kläglich in der Wildnis vor die Hunde zu gehen. Auch ein Apache kannte derartige Gefühle. Angst, Schmerz, Sehnsucht, Hoffnung, Hass und Liebe - Emotionen, die jeder Mensch kennt und die auch in einem Mann wie Old Rip zu finden waren.

Er machte sich auf die Suche nach Charleys Pferd. Dabei folgte er der Spur, die Apache Kid hinterlassen hatte. Old Rip kam um den Hügel herum und fand die Spur eines zweiten Pferdes. Er begriff, dass Apache Kid das Tier vor ihm gefunden hatte. Er schaute nach dem Stand der Sonne. Die zweite Hälfte des Tages war längst angebrochen.

Old Rip schlug den Weg nach Süden ein. Er wollte versuchen, Massai und die anderen einzuholen, um sich ein neues Pferd zu beschaffen und die Jagd nach Apache Kid erneut aufzunehmen.

Als er sich einmal umwandte, sah er weit hinter sich drei dunkle Punkte, die sich vor Kulisse einer Felswand bewegten.

Reiter!

Old Rip hatte angehalten und beobachtete die Reiter. Er hatte die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen und kaute darauf herum. Wahrscheinlich handelte es sich um einen Trupp Mexikaner, die auf der Suche nach den Apachen das Land durchkämmten.

Pferde!

Sie waren überlebensnotwendig in diesem Land. Old Rip entschloss sich von einem Augenblick zum anderen. Er lief den Reitern entgegen. Und als sie nahe genug waren, verbarg er sich. Ahnungslos ritten sie näher. Es waren mexikanische Bravados. Mit dem Krachen eines Schusses wurde einer von ihnen vom Pferd gerissen. Ehe die beiden anderen ihre Überraschung überwanden, starb der zweite von ihnen. Der dritte gab seinem Pferd in dem Moment die Sporen, als Old Rips dritter Schuss krachte. Die Kugel verfehlt ihn knapp. Er spürte ihren sengenden Hauch. Weit auf den Hals des Pferdes gebeugt sprengte der Bandit davon. Old Rip zielte ruhig. Begleitet vom Peitschen des Schusses holte die Kugel Pferd und Reiter ein. Das Tier brach zusammen, der Reiter überschlug sich am Boden, kam aber sofort hoch und suchte sein Heil in der Flucht.

Dann warf er sich aufjapsend hinter einen Felsen.

Old Rip ließ nichts von sich sehen. Die beiden Pferde, deren Reiter er erschossen hatte, standen mit erhobenen Köpfen da und witterten.

Die schweißnassen Hände des Banditen hinter dem Felsen hatten sich am Kolbenhals und am Schaft der Winchester regelrecht festgesaugt. Seine Backenknochen mahlten. Es dauerte, bis er den Aufruhr seiner Gefühle unter Kontrolle hatte.

Vorsichtig spähte er über den Felsen hinweg. Ein Schuss krachte und riss ihm den Sombrero vom Kopf. Auf einem Hügel stieg eine kleine Pulverdampfwolke in die Höhe und zerflatterte. Jetzt wusste der Bravado, wo der Schütze steckte. Er zermarterte sich das Hirn nach einem Ausweg. Dann setzte er alles auf eine Karte, sprang auf und rannte in die Richtung der beiden Pferde. Um kein Ziel zu bieten sprang er einmal nach rechts, dann wieder nach links. Und er feuerte in die Richtung, in der er seinen Gegner vermutete. Auf diese Weise gab er sich selbst Feuerschutz.

Als Old Rip das Feuer erwiderte, hechtete der Bravado hinter einen Felsen. Die Pferde waren noch etwa fünfzig Yards von ihm entfernt. Keuchend lag er hinter dem Findling. Seine Zähne mahlten übereinander. Er hielt das Gewehr mit beiden Händen schräg vor seiner Brust.

Jeder seiner nächsten Schritte konnte der letzte sein. Er konnte sich hier aber auch nicht festnageln lassen. Die Zeit schien stillzustehen. Als der Mexikaner einmal in die Höhe blickte, sah er hoch über sich Aasgeier am Himmel kreisen. Lautlos zogen sie ihre Bahnen. Sie würden landen, sobald es unter ihnen kein Leben mehr gab.

»Ihr kriegt mich nicht«, knirschte der Bravado. Der Gedanke daran, den Todesvögeln zum Fraß zu dienen, riss den Banditen in die Höhe. Er rannte weiter auf die Pferde zu. Ein Schuss donnerte und verfehlte den Mexikaner. Er schlug einen Haken. Die Pferde waren greifbar nahe. Und dann erreichte der Bandit eines der Tiere. Es scheute zurück. Er packte es am Zügel, das Tier stieg auf die Hinterhand. Es gelang dem Banditen, es zu bezähmen. Er schob den linken Fuß in den Steigbügel und griff nach dem Sattelhorn. Da erwischte es ihn. Er brach zusammen. Das Pferd ergriff die Flucht und schleifte den Banditen mit, bis sein Fuß aus dem Steigbügel glitt.

Old Rip erschien wenig später. Er skalpierte die drei toten Banditen. Eine blutige Arbeit. Dann ging er zu dem Pferd, das mit dem linken Vorderhuf über den Boden scharrte. Old Rip griff nach dem Zaumzeug. Das Tier beruhigte sich und der Apache saß auf. Er hatte wieder ein Pferd. Am Sattel hing eine Wasserflasche. Jetzt konnte er die Jagd auf Apache Kid fortsetzen.

Old Rip verließ den Platz. Als er sich einmal umwandte, waren die Geier vom Himmel verschwunden. Der Chiricahua wusste, dass sie gelandet waren und ihr schauerliches Mahl begonnen hatten.

Kreuz und quer zog er auf der Suche nach Apache Kids Fährte durch das felsige Terrain. An einem Creek tränkte er sein Pferd, trank selbst und füllte die Wasserflasche auf. In der Satteltasche fand er Pemmican, den er sogleich verzehrte. Die Sonne ging unter. Mit dem Einbruch der Nacht lagerte Old Rip. Er dachte nicht an das, was war, er dachte auch nicht an Morgen. Old Rip lebte nur in der Gegenwart. Er brach einen Ast ab und stocherte damit in die Büsche, um Klapperschlangen und Skorpione zu vertreiben. Das Pferd hatte er an einen Strauch gebunden.

Old Rip legte sich auf den Boden und schlief sofort ein. Beim geringsten Geräusch würde er aufwachen. Der Chiricahua verfügte über die geschärften Sinne eines Raubtieres. Als ihn sein Unterbewusstsein warnte, war er sofort hellwach. Aber er rührte sich nicht. Lediglich seine Hand tastete sich zum Gewehr, das neben ihm am Boden lag. Old Rip spürte die Nähe der tödlichen Gefahr fast körperlich. Er hielt die Lider gesenkt, um sich nicht durch das Glitzern seiner Augen zu verraten, und atmete ganz flach. Sein Pferd lag am Boden und schlief.

»Ich weiß, dass du da bist, Ski-Be-Nan-Ted!«, rief Old Rip. Seine Worte entfernten sich von ihm und verhallten. Das Pferd erhob sich und stampfte mit den Hufen.

»Ich fordere dich zum Kampf heraus«, so ließ Old Rip erneut seine Stimme erklingen. »Der bessere Mann wird siegen und den Platz verlassen. Gib mir Antwort, Ski-Be-Nan-Ted. Bist du mit meinem Vorschlag einverstanden? Oder bist du zu feige, dich mir zu stellen?«

Old Rip bekam keine Antwort.

Er erhob sich und verharrte in kauernder Haltung. »Denke nur nicht, dass es mir Leid tut, dass ich Toga-De-Chuz getötet habe. Er war ein Verräter.«

Es erfolgte keine Resonanz. Aber Old Rip wusste, dass sein Gegner in der Nähe war und jedes Wort, das er sprach, verstand. Darum fuhr er fort:

»Wir haben uns entschlossen, lieber zu sterben, als in Florida am Fieber zugrunde zu gehen. Ihr aber, allen voran dein Vater, wart zu feige, um euch gegen die Weißen aufzulehnen. Ihr hattet Angst, dass sie euch auch nach Florida schicken. Das ist Verrat an unserem Volk. Darum musste Toga-De-Chuz sterben.«

Nur das feine Säuseln des Windes antwortete dem Apachen. Er richtet sich zu seiner vollen Größe auf. »Du tötest aus dem Hinterhalt, Ski-Be-Nan-Ted. Du bist sogar zu feige, um mit mir zu kämpfen. Ich spucke vor dir aus.«

Hufschläge waren zu hören; dumpf und pochend. Old Rip band sein Pferd los und schwang sich in den Sattel. Ohne zu zögern folgte er dem Hufgeräusch. Aber der Lärm, den sein eigenes Pferd machte, übertönte das Pochen und Stampfen. Und als Old Rip anhielt, um sich zu orientieren, war es nicht mehr zu hören. Der Chiricahua ritt auf eine Anhöhe und ließ sich oben vom Pferd gleiten. Mondlicht lag auf den Felsen und versilberte sie. Old Rip setzte sich in den Schatten eines der Felsen. Er wartete, bis der Tag anbrach. Dann stieg er aufs Pferd und ritt an. Apache Kid trieb sein Pferd hinter einem Felsen hervor. Old Rip fiel seinem Tier in die Zügel.

»Du willst mit mir kämpfen«, rief Apache Kid.

Old Rip nickte. »Ich werde dich töten. Die Geier werden dich fressen.«

»Kämpfen wir.«

Apache Kid stieg vom Pferd.


*


Die beiden Krieger zogen ihre Hemden aus. Dann gingen sie, die Tomahawks in den Fäusten, aufeinander los. Sie belauerten sich. Apache Kid blieb stehen und Old Rip begann, ihn zu umrunden. Apache Kid drehte sich auf der Stelle. Er ließ seinen Gegner nicht aus den Augen.

Mit einem Aufschrei stürzte sich Old Rip auf Apache Kid. Der Tomahawk zuckte flirrend nach unten und hätte Apache Kid den Schädel zertrümmert, wenn er nicht im letzten Moment behände zur Seite geglitten wäre. Old Rip wurde von seinem Schwung nach vorne gerissen, machte einen Ausfallschritt, um seinen Körper unter Kontrolle zu bekommen, sah im selben Moment Apache Kid von der Seite angreifen und wirbelte halb herum. Er fing Apache Kids Schlag mit dem Unterarm ab und sprang zurück. Der Hass zwischen den beiden Männern war intensiv und schien Funken zu schlagen. In diesem Kampf würde es keine Gnade und kein Erbarmen geben – es gab nur die tödliche Leidenschaft.

Old Rip griff wieder an. Er schlug von der Seite her nach Apache Kids Kopf, aber sein Gegner duckte sich und der Hieb wischte über ihn hinweg. Apache Kid schmetterte Old Rip die linke Faust ins Gesicht. Old Rip wankte zwei Schritte zurück, Kid setzte nach. Er schlug zu, Old Rip erwischte sein Handgelenk und fing den Schlag ab, schlug seinerseits zu und auch Kid gelang es, das Handgelenk seines Gegners zu umklammern. Einer versuchte dem anderen die Hand mit dem Tomahawk zu entreißen. Old Rips Knie zuckte hoch und traf Apache Kid in den Leib. Es gab ein Geräusch, das an das Platzen einer Melone erinnerte. Kid wurde die Luft aus den Lungen gepresst. Sein Griff um Old Rips Handgelenk lockerte sich. Old Rip konnte ihm die Hand entwinden. Kid warf sich zur Seite und entging so dem wuchtigen Hieb. Er lag am Boden und rollte auf den Rücken. Nach wie vor hatte er gegen eine große Not von dem Kniestoß anzukämpfen.

Old Rip war mit einem Schritt bei Kid und trat ihm in die Seite. Kid wurde halb herumgeschleudert. Old Rips Hand mit dem Beil sauste nach unten. Kid wälzte sich gedankenschnell weiter herum und die Axtklinge fuhr in den Boden. Es gab einen metallischen Ton auf dem Felsgestein. Kids Bein säbelte herum, sein Fuß traf Old Rip am Kopf und fällte ihn. Fast gleichzeitig kamen sie hoch. Der Mund eines jeden war in der Anspannung verzerrt. Sie hatten die Zähne zusammengebissen. Ihre Gesichter waren kantig. In ihren Augen stand der Wille zum Töten.

In dem Moment, als Old Rip wieder angriff, peitschte ein Schuss. Die beiden Apachen hielten inne. Reiter trieben rund um sie herum ihre Pferde aus den Einschnitten zwischen Felsen und Hügeln. Im Schritttempo kamen sie näher. Es waren Paco Morales und seine Banditen. Sie bedrohten mit ihren Gewehren die beiden Indianer.

Kid ließ die Hand mit dem Tomahawk sinken. Er duckte sich ein wenig und stand sprungbereit da, wie jemand, der sich im nächsten herumwerfen und die Flucht ergreifen würde. Aber angesichts der auf sie gerichteten Gewehre war jeder Versuch, den Bravados zu entkommen, zwecklos. Kid würde nie schnell genug für eine Kugel sein.

Dann waren sie eingekreist. Die Bravados starrten sie an wie ein Rudel Wölfe, das seine Beute endlich gestellt hatte und im nächsten Moment darüber herfallen würde. Zwei der Banditen widmeten sich der Pferde der Indianer. Staub wirbelte zwischen den Hufen. Paco Morales trieb sein Pferd, einen schweren Rappen, ein Stück nach vorn. Sein Sattel und sein Zaumzeug waren mit Nieten beschlagen, die das Sonnenlicht reflektierten. Der Bandit zeigte ein scharfes Grinsen. »Sieh an!«, stieß er hervor.

Die beiden Chiricahuas schwiegen. In dieser Situation waren sie keine Feinde. Für sie galt nur der Augenblick, und jedem war die Aussichtslosigkeit ihrer Lage bewusst. Vielleicht konnten sie zwei oder drei ihrer Gegner töten, aber dann würden sie selbst tot sein. Sie waren keine Selbstmörder …

Morales nötigt sein unruhiges Pferd, stehenzubleiben. Er nahm es brutal in die Kandare. Das Tier warf den Kopf in den Nacken und wieherte gequält. Tief schnitt ihm die Gebissstange ins Maul.

»Wir töten euch nicht gleich!«, rief der Bravado. An seine Männer gewandt stieß er hervor: »Entwaffnet und fesselt sie. Wir bringen sie in unser Lager.«

Die beiden Chiricahuas wurden zu Boden gerungen und ihnen wurden die Hände gefesselt. Morales saß ab und trat an Kid heran, stieß ihm die Stiefelspitze leicht gegen die Rippen und fragte auf Spanisch:

»Wie heißt du?«

»Ski-Be-Nan-Ted.«

»Und wer ist das?«

»Man nennt ihn Old Rip. Bei den Apachen heißt er Na-Ti-O-Tish.«

»Warum kämpft ihr gegeneinander?«

»Na-Ti-O-Tish hat meinen Vater ermordet.«

»Das ist ein Grund, um ihn zu töten.« Der Bandit lachte. »Meinen Vater haben sie aufgehängt. Ich räche ihn seit Jahren.« Wieder lachte er schallend. »Das erwartet ein Vater von einem guten Sohn.« Sein Blick wurde stechend. »Ich werde euch beide auch aufhängen. Ihr roten Filzläuse seid die Luft nicht wert, die ihr atmet.«

»Wir sind wie du Kinder des Großen Geistes«, versetzte Apache Kid. »Er liebt uns alle gleich.«

»Wir nennen ihn Gott«, lachte der Bandit. »Aber ich glaube nicht, dass es ihn gibt. In diesem Gebiet hier bin ich Gott. Ich entscheide über Tod oder Leben. Ihr beide werdet sterben. Ihr werdet vereint nebeneinander vom Ast hängen. Und wir werden ein Fest feiern.« Die Stimme des Banditen hob sich. »Wir brechen auf, Muchachos. Die beiden Rothäute laufen. Ich will sehen, wie hart sie sind.«

Jedem von ihnen wurde eine Lassoschlinge um den Hals gelegt. Das andere Ende des Lassos schlangen zwei der Banditen um ihren Sattelknauf. Dann ritten sie an. Die Lassos spannten sich und die beiden Gefangenen setzten sich in Bewegung. Da die Bravados ihre Pferde traben ließen, mussten Apache Kid und Old Rip laufen. Die Strapazen der vergangenen Tage steckten beiden in den Knochen. Meile um Meile ging es über Stock und Stein. Schließlich taumelten die beiden Gefangenen nur noch dahin, jeglichen Gedankens, jeglichen Willens beraubt. Ihre Muskeln arbeiteten nur noch automatisch. Jeder Schritt wurde zur Tortur. Alles in ihnen lechzte nach Wasser. Sie waren schweißgebadet, ihre Augen waren entzündet, Staub und Schweiß verstopften ihre Poren, ihre Lippen waren trocken und rissig.

Dann brach Old Rip zusammen. Er wurde noch ein Stück mitgeschleift, dann brachten die Bravados ihre Pferde zum Stehen. Einer saß ab und stieß den Apachen mit dem Fuß an. Kid ließ sich auf die Knie niederfallen. Sein Kopf baumelte vor der Brust. Seine Bronchien pfiffen. »Hoch mit dir, elende Rothaut!«, kommandierte der Bandit. »Ich denke, ihr Apachen seid so zäh! Bist du vielleicht gar kein richtiger Apache?«

Old Rips Finger hatten sich im Sand verkrallt. Sein Atem flog. Die Haut auf seinem Rücken wies dunkelrote Stellen auf - Sonnenbrand. Bald würde sie Blasen werfen und Fieber würde sich einstellen. Apache Kid ging es nicht besser. Er nahm seine Umgebung nur noch verschwommen war. Physisch am Ende kniete er am Boden, er hatte der Erschöpfung, die ihn bis in die letzte Faser seines Körpers erfasst hatte, nichts entgegenzusetzen. »Gib mir was zu trinken«, krächzte er. Seine eigene Stimme kam ihm fremd vor.

»Wir machen eine Pause!«, gebot Paco Morales und stieg vom Pferd. Die beiden Apachen bekamen Wasser zu trinken. Sie krochen in den Schatten eines Felsens. Zwei Mexikaner bewachten sie. Die Banditen schütteten Wasser in ihre Hüte und tränkten die Pferde. Eine Flasche Pulque machte die Runde. Dann rauchten die Kerle. Und nach einer Stunde ging es weiter. Doch jetzt ließen die Banditen ihre Pferde im Schritt gehen und die beiden Apachen konnten mithalten. Die Nacht verbrachten sie an einem schmalen Fluss. Apache Kid und Old Rip wurden wie Pakete verschnürt. Obendrein hielten immer zwei Banditen Wache. Die beiden geschundenen Männer waren derart überanstrengt, dass sie nicht einschlafen konnten. Ihre Füße waren wundgelaufen und brannten wie Feuer. Ihre Haut war heiß vom Fieber und sie froren erbärmlich. Old Rips Zähne schlugen aufeinander. Am Morgen fühlten sie sich wie gerädert. Die Bravados kannten keine Gnade. Einige Stunden, nachdem sie aufgebrochen waren, brach Old Rip wieder zusammen. »Tötet mich«, bat er mit erschreckend schwacher Stimme. Jedes Wort schien ihm übermenschliche Anstrengung zu kosten. Nichts in seinem Körper schien mehr zu funktionieren. Die Impulse und Signale, die sein Gehirn aussandte, blieben unbeantwortet. Verbissen stemmte er sich gegen die Nebel der Benommenheit, die auf ihn zuzukriechen schienen. Ein Krampf überlief das schmutzige Gesicht.

»Sicher«, sagte Paco Morales. »Wir töten dich. Aber nicht hier. Für euch Rothäute ist hängen doch ein schändlicher Tod. Nun, ihr werdet einen schändlichen Tod sterben. Ihr habt viele meiner Männer umgebracht. Ein schneller Tod wäre zu gnädig für euch. – Augusto, steig bei Antonio auf. Wir lassen die beiden reiten. Sie sind nicht hart genug, um bis zur Mission zu laufen.« Verächtlich spuckte Morales aus.

Am Abend erreichten sie die alte Mission. Männer, Frauen und Kinder liefen zusammen und starrten die beiden Indianer an, die auf einem der Pferde saßen und die Köpfe hängen ließen.

»Fesselt sie an einen Pferch!«, kommandierte Paco Morales. »Und bewacht sie. Sebastiano, du bist mir für sie verantwortlich?«

Apache Kid und Old Rip wurden von den Pferden gezerrt und zu einem Pferch geschleppt, in dem einige Schafe und Ziegen eingesperrt waren. Ihre Arme und Beine wurden an die armdicken Stangen gefesselt. Dann teilte Sebastiano zwei Männer ein, die die Gefangenen zu bewachen hatten.


*


Vor der halb verfallenen Kirche wurden Tische und Stühle aufgestellt. Einige Feuer wurden angezündet. Als die Dunkelheit kam, erschienen Männer und Frauen. Vier Männer begannen Musik zu machen. Einer schlug die Marimba zum verwehenden Klange zweier Gitarren, der vierte spielte auf einer Geige. Pulqueflaschen machten die Runde. Der Lärm wurde immer ausgelassener und verworrener. Einige Paare tanzten. Gelächter erklang.

Die beiden Banditen, die Apache Kid und Old Rip bewachten, saßen an einem kleinen Feuer. Die Flammen flackerten und ließen Licht- und Schattenreflexe über die Wächter hinwegzucken. Sie starrten hinüber zu den Feiernden und sicher wären sie gerne dabei gewesen, statt die Gefangenen zu bewachen. In solchen Nächten waren die Señoritas besonders gefügig. Mit der nötigen Menge Pulque im Magen verstanden sie es, einem Mann den Himmel auf Erden zu bereiten.

Apache Kid wusste, dass er keine Zeit verlieren durfte. Auf Old Rip durfte er nicht bauen. Der war fertig. Der junge Chiricahua drehte seine Handgelenke in den Fesseln. Der Strick war rau und scheuerte ihm die Haut auf. Kid ignorierte den Schmerz.

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