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Legenden der Schattenjäger-Akademie

Cassandra Clare/Sarah Rees Brennan
Maureen Johnson/Robin Wasserman

LEGENDEN DER
SCHATTENJÄGER-AKADEMIE

Aus dem Amerikanischen von
Franca Fritz und Heinrich Koop

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Cassandra Clare
wurde in Teheran geboren und verbrachte die ersten zehn Jahre ihres Lebens in Frankreich, England und der Schweiz. Ihre Reihen Chroniken der Unterwelt sowie Chroniken der Schattenjäger wurden auf Anhieb zu internationalen erfolgen, ihre Bücher stehen weltweit auf den Bestsellerlisten. Cassandra Clare lebt mit ihrem Mann, ihren Katzen und einer Unmenge an Büchern in einem alten viktorianischen Haus in Massachusetts.

Sarah Rees Brennan
wuchs in Irland direkt am Meer auf, wo sie in der Schule unterm Tisch lieber Bücher las, als dem Unterricht zu folgen. Nach Aufenthalten in New York und England kehrte sie zum Schreiben nach Irland zurück, das sie für eine gute Basis für weitere Abenteuer hält.

Maureen Johnson
wurde 1973 während eines Schneesturms geboren. Sie hat an der Columbia University Dramaturgie und kreatives Schreiben studiert. Seitdem arbeitet sie in New York als freie Autorin und schreibt überaus erfolgreich Romane für Jugendliche.

Robin Wasserman
hat sich schon früh für jede Art von Geschichte(n) begeistert. Nach dem Studium der Wissenschaftsgeschichte in Harvard und Los Angeles arbeitete sie zunächst als Kinderbuchlektorin. Schließlich widmete sie sich selbst dem Schreiben und sucht wie ihre Figuren in Das Buch aus Blut und Schatten nach Antworten in der Vergangenheit. Robin Wasserman lebt und schreibt in Brooklyn, New York.

Weitere Titel von Cassandra Clare im Arena Verlag:
Chroniken der Unterwelt:
City of Bones
City of Ashes
City of Glass
City of Fallen Angels
City of Lost Souls
City of Heavenly Fire

Alle Titel sind auch als Hörbuch erhältlich.

Chroniken der Schattenjäger:
Clockwork Angel – Graphic Novel
Clockwork Angel
Clockwork Prince
Clockwork Princess

Cassandra Clare/Joshua Lewis:
Der Schattenjäger-Codex

Cassandra Clare/Sarah Rees Brennan/Maureen Johnson
Die Chroniken des Magnus Bane

INHALT

Cassandra Clare/Sarah Rees Brennan

1 WILLKOMMEN IN DER SCHATTENJÄGER-AKADEMIE

Cassandra Clare/Robin Wasserman

2 DER VERSCHOLLENE HERONDALE

Cassandra Clare/Maureen Johnson

3 DER TEUFEL VON WHITECHAPEL

Cassandra Clare/Sarah Rees Brennan

4 NICHTS ALS SCHATTEN

Cassandra Clare/ Robin Wasserman

5 DAS BÖSE, DAS WIR LIEBEN

Cassandra Clare/ Robin Wasserman

6 KÖNIGE, FÜRSTEN, SO BLEICH

Cassandra Clare/ Sarah Rees Brennan

7 BITTERE WAHRHEIT

Cassandra Clare/ Maureen Johnson

8 DIE FEUERPROBE

Cassandra Clare/ Sarah Rees Brennan

9 ZU ENDLOSER NACHT GEBOREN

Cassandra Clare/ Robin Wasserman

10 DIE WIEDERKEHR DER ENGEL

Cassandra Clare/Sarah Rees Brennan

WILLKOMMEN IN DER SCHATTENJÄGER-AKADEMIE (1)

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Das Problem war, dass Simon nicht wusste, was er packen sollte ... was so ein knallharter Typ packen würde.

Gepäck für einen Campingausflug – easy. Für eine Übernachtung bei Erik nach einem Wochenendgig – alles klar. Für ein paar Tage am Strand, mit seiner Mom und Rebecca – kein Problem. Simon konnte Sonnencreme, Shorts, passende Band-T-Shirts und saubere Unterwäsche in kürzester Zeit in eine Reisetasche werfen. Für ein normales Leben war er bestens gerüstet.

Aber er hatte einfach keine Ahnung, was er für den Aufenthalt in einem Elitecamp einpacken sollte, in dem dämonenbekämpfende Halbengel namens Schattenjäger versuchen würden, aus ihm ein Mitglied ihrer Kriegerrasse zu machen.

In Büchern und Filmen wurden die Helden entweder in den Klamotten, die sie am Leib hatten, in ein magisches Land transportiert, oder der Teil, wo der Held seine Sachen packte, wurde einfach übergangen. Jetzt hatte Simon das Gefühl, dass die Medien ihm diese entscheidende Information vorenthalten hatten. Sollte er ein paar Küchenmesser in die Tasche packen? Oder den Toaster mitnehmen und zu einer Waffe aufmotzen?

Simon tat weder das eine noch das andere. Er ging lieber auf Nummer sicher: saubere Unterwäsche und T-Shirts mit schrägen Sprüchen. Die Schattenjäger standen doch auf T-Shirts mit schrägen Sprüchen, oder nicht? So was mochte schließlich jeder.

»Ich bin mir nicht sicher, was man in der Militärakademie von T-Shirts mit anzüglichen Sprüchen hält«, wandte seine Mutter ein.

Simon wirbelte herum – zu schnell, denn sein Herz machte einen schmerzhaften Satz. Seine Mom stand mit verschränkten Armen in der Tür. Ihr dauerbesorgtes Gesicht zeigte zusätzliche Sorgenfalten, aber sie betrachtete ihn mit einem eher liebevollen Blick. So, wie sie es immer getan hatte.

Nur mit dem Unterschied, dass Simon sich in einem völlig anderen Strang von Erinnerungen, zu dem er kaum Zugang hatte, in einen Vampir verwandelt hatte. Und dass seine Mutter ihn damals aus dem Haus geworfen hatte. Das war einer der Gründe, weshalb Simon jetzt für die Schattenjäger-Akademie packte und seiner Mutter etwas darüber vorgelogen hatte, unbedingt auf diese Militärakademie zu wollen. Magnus Bane, ein Hexenmeister mit Katzenaugen – Simon kannte wahrhaftig einen echten Hexenmeister mit echten Katzenaugen! –, hatte für ihn ein paar Unterlagen gefälscht, um Simons Mutter davon zu überzeugen, dass ihr Sohn ein Stipendium für diese erfundene Militärakademie erhalten hatte.

Simon hatte sich diese ganze Sache mit der Akademie ausgedacht, weil ihn der Anblick seiner Mutter jeden Tag aufs Neue daran erinnerte, auf welche Weise sie ihn damals angesehen hatte, als sie sich vor ihm gefürchtet hatte. Ihn gehasst hatte. Als sie ihn verstoßen hatte.

»Ich denke, ich hab meine T-Shirts schon richtig ausgewählt«, erwiderte Simon nun. »Ich bin ein ziemlich umsichtiger Typ. Keine zu schicken Sachen fürs Militär. Einfach nur solide Klassenkasperklamotten. Vertrau mir.«

»Natürlich vertraue ich dir. Sonst würde ich dich gar nicht gehen lassen«, sagte seine Mom. Sie machte einen Schritt auf ihn zu, drückte ihm einen Kuss auf die Wange und reagierte überrascht und gekränkt, als Simon zurückzuckte. Aber sie ging nicht weiter darauf ein, nicht an seinem letzten Tag. Stattdessen schlang sie die Arme um ihn. »Ich liebe dich. Vergiss das nicht.«

Simon wusste, dass er unfair war: Seine Mutter hatte ihn damals rausgeworfen, weil sie ihn nicht mehr für ihren Sohn, sondern für ein gottloses Monster mit Simons Gesicht gehalten hatte. Dennoch fand er, dass sie ihn hätte erkennen und trotz allem lieben müssen. Er konnte einfach nicht vergessen, was sie getan hatte.

Auch wenn sie es vergessen hatte. Auch wenn das Ganze für sie und fast alle anderen auf der Welt überhaupt nicht passiert war.

Und deshalb musste er fort.

Simon versuchte, sich in ihrer Umarmung zu entspannen. »Ich hab ziemlich viel um die Ohren«, sagte er und legte eine Hand auf ihren Arm. »Aber ich werde versuchen, mich daran zu erinnern.«

Seine Mutter löste sich von ihm. »Das ist die Hauptsache. Bist du dir sicher, dass es kein Problem ist, wenn deine Freunde dich mitnehmen?«

Sie meinte Simons Schattenjägerfreunde (die er als seine Kumpel von der Militärakademie ausgab und die ihn angeblich dazu überredet hatten, sich ebenfalls dort anzumelden). Simons Schattenjägerfreunde waren der andere Grund, warum er aus New York wegwollte.

»Ja, ich bin mir sicher«, sagte Simon. »Tschüss, Mom. Ich hab dich lieb.«

Und das meinte er auch so. Er hatte nie aufgehört, seine Mutter zu lieben, ob nun in diesem Leben oder in irgendeinem anderen.

Ich liebe dich bedingungslos, hatte seine Mutter ein oder zwei Mal gesagt, als er noch kleiner gewesen war. Denn so lieben Eltern ihre Kinder nun mal. Ich liebe dich, ganz gleich, was auch geschieht.

Viele Leute sagten so etwas gern dahin, ohne über potenzielle Albtraumszenarien oder schreckliche Umstände nachzudenken oder darüber, dass die Welt untergehen und die Liebe einfach schwinden konnte. Niemand von ihnen käme im Traum auf die Idee, dass ihre Liebe einmal auf die Probe gestellt werden und versagen könnte.

Rebecca hatte ihm eine Karte geschickt: VIEL GLÜCK, SOLDATENJUNGE! Simon erinnerte sich daran, wie seine Schwester ihn trotz seiner Verbannung aus dem gemeinsamen Zuhause, dessen Tür für ihn in jeder erdenklichen Hinsicht verriegelt gewesen war, in den Arm genommen und ihm beruhigend ins Ohr geflüstert hatte. Sie hatte ihn weiterhin geliebt, selbst damals. Das durfte man nicht vergessen. Das war immerhin etwas, aber es reichte nicht aus.

Hier konnte er einfach nicht bleiben – gefangen zwischen zwei Welten und zwei Erinnerungssträngen. Er musste weg. Er musste fort und ein Held werden, so einer, wie er schon einmal gewesen war. Dann würde sich all das zusammenfügen, eine Bedeutung bekommen. Und dann würde es bestimmt nicht mehr so wehtun.

Simon hielt einen Moment inne, dann schwang er seine Tasche über die Schulter und machte sich auf den Weg. Er hatte die Karte seiner Schwester eingesteckt und verließ sein Zuhause für ein seltsames neues Leben. Dabei trug er ihre Liebe mit sich, so wie er es schon einmal getan hatte.

Simon traf sich mit seinen Freunden, obwohl keiner ihn zur Akademie begleiten würde. Er hatte mit ihnen vereinbart, dass er zum Institut kommen und sich vor seiner Abreise noch kurz verabschieden würde.

Es hatte einmal eine Zeit gegeben, in der er ohne fremde Hilfe den Zauberglanz durchdringen konnte. Diesmal hatte Magnus ihm dabei helfen müssen. Simon blickte zu dem eigenartigen, imposanten Institutsgebäude auf und erinnerte sich mit einem unbehaglichen Gefühl daran, dass er früher an diesem Ort vorbeigegangen war und nur ein verfallenes Bauwerk gesehen hatte. Doch das war in einem anderen Leben gewesen. Er erinnerte sich vage an eine Stelle in der Bibel, wo von Kindern die Rede war, die die Welt wie durch einen getrübten Spiegel sahen. Aber erwachsen werden bedeutete, dass man alles klar sehen konnte. Und jetzt konnte er das Institut ziemlich deutlich erkennen: ein beeindruckendes Gebäude, das hoch über ihm aufragte. Die Art von Bauwerk, bei dessen Anblick Menschen sich wie Ameisen vorkommen.

Simon stieß das mit kunstvollen Ornamenten verzierte Tor auf, betrat den schmalen Pfad zum Institut und durchquerte den Innenhof. Die Mauer, die das Institut umgab, umschloss einen Garten, in dem kaum etwas richtig wuchs – was wahrscheinlich an der Nähe zu einer viel befahrenen New Yorker Straße lag. Simons Blick fiel auf breite, gepflasterte Wege, Steinbänke und sogar die Statue eines Engels – der Simon nervöse Zuckungen bereitete, da er ein großer Fan der TV-Serie Doctor Who war. Der Engel weinte zwar nicht, aber er wirkte für Simons Geschmack viel zu deprimiert.

Auf einer der Steinbänke in der Mitte des Gartens saßen Magnus Bane und Alec Lightwood – ein Schattenjäger, der groß, dunkelhaarig, ziemlich stark und schweigsam war, zumindest in Simons Gegenwart. Dagegen war Magnus redselig, besaß besagte Katzenaugen und magische Kräfte. Heute trug er ein eng anliegendes T-Shirt mit Zebrastreifenmuster und pinkfarbenen Akzenten. Magnus und Alec waren schon eine ganze Weile zusammen und Simon schätzte, dass Magnus genug für sie beide reden konnte.

Hinter Magnus und Alec standen Isabelle und Clary an der Gartenmauer. Isabelle lehnte gegen die Steine und blickte über die Mauer in die Ferne. Sie sah aus, als würde sie gerade für ein unfassbar glamouröses Fotoshooting posieren. Aber so sah sie eigentlich immer aus; das war ihre große Begabung. Dagegen starrte Clary unbeirrt zu ihr hoch und redete auf sie ein. Simon hatte den Eindruck, dass Clary letztendlich ihren Willen durchsetzen und Isabelle dazu bringen würde, ihr zuzuhören. Das war ihre große Begabung.

Der Anblick der beiden versetzte Simon einen Stich in die Brust; irgendetwas an Isabelle und Clary löste in ihm einen dumpfen, beständigen Schmerz aus.

Also hielt er lieber nach seinem Freund Jace Ausschau, der allein im wuchernden Gras kniete und eine kurze Klinge an einem Stein schärfte. Simon nahm an, dass Jace seine Gründe dafür hatte. Aber möglicherweise wusste er auch einfach, wie verdammt cool er dabei aussah. Jedenfalls hätten er und Isabelle jederzeit für ein gemeinsames Shooting für die neueste Ausgabe von Knallharte Typen posieren können.

Alle waren gekommen. Nur für ihn.

Simon hätte sich geehrt und geliebt fühlen müssen. Aber er verspürte bloß ein merkwürdiges Unbehagen: Nur wenige Erinnerungsfetzen verrieten ihm, dass er diese Leute kannte, aber eine ganze Fülle von Erinnerungen schrien ihm zu, dass es sich um bewaffnete, allzu ernsthafte Fremde handelte. Die Sorte von Fremden, denen man in der U-Bahn besser aus dem Weg ging.

Die Erwachsenen des Instituts – Isabelles und Alecs Eltern – und andere Ratsmitglieder hatten Simon vorgeschlagen, sich für die Akademie anzumelden, wenn er ein Schattenjäger werden wolle. Diese Institution hatte zum ersten Mal nach vielen Jahrzehnten wieder ihre Pforten für Aszendierende geöffnet, um die Reihen der Nephilim auffüllen zu können, die durch den jüngsten Krieg stark dezimiert waren.

Clary hatte dieser Gedanke überhaupt nicht gefallen. Isabelle hatte kein einziges Wort darüber verloren, aber Simon wusste, dass auch sie nichts davon hielt. Und Jace hatte eingewandt, dass er bestens dazu in der Lage wäre, Simon in New York zu trainieren. Er hatte sogar angeboten, Simons gesamtes Ausbildungsprogramm zu übernehmen und diesen auf den gleichen Trainingsstand zu bringen wie Clary. Diesen Vorschlag fand Simon irgendwie rührend – Jace und er mussten sich deutlich näher stehen, als er sich erinnern konnte. Aber die traurige Wahrheit war nun mal, dass er nicht in New York bleiben wollte.

Er wollte nicht in ihrer Nähe bleiben. Denn er hatte das Gefühl, dass er den konstanten Ausdruck der Enttäuschung auf ihren Gesichtern – vor allem bei Isabelle und Clary – nicht noch länger ertragen konnte. Jedes Mal, wenn sie sich trafen, erinnerten sie sich an bestimmte Begebenheiten, wussten genau, wer er gewesen war, und erwarteten das Gleiche auch von ihm. Und jedes Mal hatte er keinen blassen Schimmer. Er fühlte sich an einen Menschen erinnert, der eifrig an einer Stelle buddelte, wo er zuvor irgendeinen kostbaren Schatz vergraben hatte. Er grub und grub und grub immer verzweifelter, bis er schließlich erkannte, dass das Verbuddelte – was auch immer das sein mochte – verschwunden war. Dennoch grub dieser Mensch weiter, weil die Vorstellung, den Schatz verloren zu haben, einfach zu schrecklich war und weil ja möglicherweise ...

Möglicherweise ...

Er, Simon, war dieser verschollene Schatz. Er war dieses »Möglicherweise«. Und er hasste diesen Gedanken. Das war das Geheimnis, das er vor ihnen verbergen wollte – das Geheimnis, von dem er fürchtete, dass er es irgendwann doch verraten würde.

Diesen letzten Abschied musste er noch hinter sich bringen und dann konnte er verschwinden, bis es ihm besser ging, bis er wieder der Person ähnelte, die die anderen in ihm sehen wollten. Dann wären sie nicht länger von ihm enttäuscht und er wäre ihnen nicht mehr so fremd. Er würde wieder dazugehören.

Simon wollte nicht gleich die Aufmerksamkeit der ganzen Gruppe auf sich ziehen und schlich sich deshalb an Jace heran. »Hi«, sagte er.

»Hey«, erwiderte Jace gedankenverloren, als wäre er nicht extra in den Institutsgarten gekommen, um Simon zu verabschieden. Er sah zu ihm hoch, warf ihm aus seinen goldenen Augen einen beiläufigen Blick zu und schaute dann wieder weg. »Du bist’s.«

Übercool. Das war genau Jace’ Ding. Simon nahm an, dass er das einst verstanden und sogar gemocht hatte.

»Äh, vermutlich krieg ich so schnell nicht wieder die Gelegenheit, das zu fragen«, setzte er an. »Aber du und ich ... Wir stehen uns echt nahe, oder?«

Jace musterte ihn einen Moment lang mit völlig ausdrucksloser Miene, richtete sich dann lässig auf und verkündete: »Definitiv. Wir zwei sind so.« Er kreuzte zwei Finger. »Genau genommen sind wir sogar so.« Er versuchte, seine Finger ein weiteres Mal zu kreuzen. »Am Anfang gab’s zwischen uns gewisse Spannungen, woran du dich später bestimmt erinnern wirst. Aber das hat sich alles geklärt, als du mir gestanden hast, dass du mit extremen Neidgefühlen zu kämpfen hattest, wegen meines – und das waren deine exakten Worte – ›fantastischen Aussehens und unwiderstehlichen Charmes‹.«

»Das habe ich gesagt?«, meinte Simon.

Jace klopfte ihm auf die Schulter. »Und ob, Kumpel. Ich erinnere mich noch ganz genau.«

»Okay, von mir aus. Aber was ich dich fragen wollte ... Alec ist in meiner Nähe immer total schweigsam«, sagte Simon. »Ist er nur schüchtern oder hab ich ihn dumm angemacht, kann mich aber nicht mehr daran erinnern? Ich möchte ungern von hier verschwinden, ohne wenigstens zu versuchen, das Ganze wieder hinzubiegen.«

Erneut musterte Jace ihn mit dieser ausdruckslosen Miene. »Gut, dass du fragst«, sagte er schließlich. »Da steckt noch mehr dahinter. Die Mädchen wollten nicht, dass ich es dir erzähle, aber die Wahrheit ist ...«

»Jace, hör auf, Simon so in Beschlag zu nehmen«, fiel ihm Clary ins Wort.

Aus ihrer Stimme sprach Entschlossenheit, wie immer, und Jace wandte sich um und ihr zu – so, wie er sich nur ihr zuwandte und niemand anderem. Clary schlenderte auf sie zu, und als ihr Rotschopf näher kam, verspürte Simon erneut einen Stich im Herz. Sie wirkte so klein.

Während einer ihrer unglückseligen Trainingsstunden, bei der Simon sich das Handgelenk verstaucht hatte und als Zuschauer auf die Bank verbannt worden war, hatte er zugesehen, wie Jace Clary gegen eine Wand geschleudert hatte. Und sie hatte sich nur abgestoßen und sofort wieder auf ihn gestürzt.

Trotzdem hatte Simon den Eindruck, als bräuchte sie Schutz – was besonders ätzend war, weil er zwar das deutliche Gefühl hatte, ihm aber die entsprechenden Erinnerungen dazu fehlten. Simon glaubte, den Verstand zu verlieren: Er trug so viele Gefühle für diese vollkommen Fremden in sich, ohne seine Empfindungen durch gemeinsame Erfahrungen oder Erlebnisse untermauern zu können. Und gleichzeitig wusste er, dass er nicht genügend Gefühle zeigte. Er wusste, dass er diesen Leuten nicht das gab, was sie von ihm erwarteten.

Clary brauchte seinen Schutz offensichtlich nicht, aber tief in Simons Inneren steckte noch der Geist eines Jungen, der immer derjenige hatte sein wollen, der sie beschützte. Und er tat Clary nur weh, wenn er weiter in New York blieb, unfähig, dieser Junge zu sein.

Gelegentlich stürzten seine Erinnerungen in einer überwältigenden und beängstigenden Flut von Bildern auf ihn ein, doch meistens boten sich ihm nur kleine Bruchstücke, Puzzleteile, bei denen Simon nur mit Mühe einen Zusammenhang herstellen konnte. Einer dieser Erinnerungsfetzen zeigte ihn und Clary auf dem Weg zur Schule, ihre kleine Hand in seiner Hand, die kaum größer gewesen war. Dennoch hatte er sich damals groß gefühlt, groß und stolz und für sie verantwortlich. Er war fest entschlossen gewesen, sie nicht im Stich zu lassen.

»Hi, Simon«, sagte sie nun. In ihren Augen schimmerten Tränen und Simon wusste, dass er daran schuld war.

Er nahm Clarys kleine Hand, die sowohl vom Umgang mit Waffen als auch mit ihren Zeichenutensilien von Schwielen übersät war. Und obwohl er es besser wusste, wünschte er, er könnte wieder daran glauben, dass es seine Aufgabe war, sie zu beschützen.

»Hi, Clary«, erwiderte er. »Pass gut auf dich auf. Ich weiß, dass du es kannst.« Er schwieg einen Moment und fuhr dann fort: »Und pass auch auf Jace auf, dieses arme hilflose Blondchen.«

Jace machte eine obszöne Geste, die Simon ausnahmsweise bekannt vorkam – wodurch er wusste, dass das ihr gemeinsames Ding war. Allerdings ließ Jace seine Hand hastig sinken, als Catarina Loss um die Ecke des Institutsgebäudes bog.

Catarina war genau wie Magnus ein Hexenwesen und mit ihm befreundet, doch statt Katzenaugen besaß sie eine durch und durch blaue Haut. Irgendwie hatte Simon den Eindruck, dass sie ihn nicht besonders mochte. Vielleicht konnten Hexenwesen ja nur andere Hexenwesen leiden. Obwohl ... Magnus schien Alec sehr zu mögen.

»Hallo«, sagte Catarina. »Bereit zum Aufbruch?«

Seit Wochen hatte Simon es kaum erwarten können, endlich aufzubrechen, doch jetzt, da der Moment gekommen war, spürte er, wie Panik ihm die Kehle zuschnürte. »Gleich«, sagte er. »Nur eine Sekunde.«

Er nickte Alec und Magnus zu, die ihrerseits nickten. Simon meinte, erst klären zu müssen, was zwischen Alec und ihm stand, bevor er viel mehr sagen konnte. »Macht’s gut und danke für alles.«

»Glaub mir, es war mir ein Vergnügen, dich wenigstens teilweise von diesem faschistischen Fluch befreien zu können«, erwiderte Magnus und hob die Hand. Er trug etliche Ringe, die in der Frühlingssonne glitzerten. Simon vermutete, dass der Hexenmeister seine Gegner nicht nur mit seinen magischen Fähigkeiten, sondern wahrscheinlich auch mit seinem Glitter blenden konnte.

Alec nickte einfach nur.

Simon beugte sich herab und umarmte Clary, auch wenn das den Schmerz in seiner Brust nur noch verstärkte. Die Art und Weise, wie sie sich anfühlte und roch, war fremd und vertraut zugleich und sandte widersprüchliche Botschaften durch sein Gehirn und seinen Körper. Er versuchte, sie nicht zu sehr zu drücken, obwohl sie ihn ziemlich fest an sich presste. Genau genommen zerquetschte sie ihm fast die Rippen – aber es machte ihm nichts aus.

Nachdem Clary ihn freigegeben hatte, drehte er sich um und umarmte Jace. Clary beobachtete sie, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen.

»Uff«, sagte Jace. Er klang extrem überrumpelt und klopfte Simon schnell auf den Rücken.

Simon vermutete, dass sie sich eher mit einem Fist Bump oder so verabschiedeten. Er hatte echt keine Ahnung, wie Kriegerkumpels miteinander umgingen, sein bester Freund Eric umarmte einfach alles und jeden. Simon beschloss, dass die Umarmung Jace guttun würde, und fuhr ihm zusätzlich kurz durch die Haare, bevor er einen Schritt zurücktrat.

Dann nahm Simon all seinen Mut zusammen, drehte sich um und ging auf Isabelle zu.

Isabelle war die Letzte, von der er sich verabschieden musste. Und der Abschied von ihr würde am schwierigsten werden. Sie war nicht wie Clary, die unverhohlen weinte, und auch nicht wie die anderen, die sicherlich bedauerten, dass er ging, aber im Grunde unberührt wirkten. Isabelle schien äußerlich gleichgültiger als irgendeiner der anderen – so gleichgültig, dass Simon wusste, dass das nur vorgetäuscht sein konnte.

»Ich werde wiederkommen«, sagte Simon.

»Daran hab ich keinen Zweifel«, erwiderte Isabelle und starrte an seinem Kopf vorbei in die Ferne. »Du scheinst ja immer wieder aufzutauchen.«

»Und wenn ich wieder da bin, werde ich umwerfend sein.« Simon machte dieses Versprechen, obwohl er sich nicht sicher war, ob er es auch halten konnte. Aber er hatte einfach das Gefühl, etwas Derartiges sagen zu müssen. Denn er wusste, dass Isabelle genau das wollte – dass er genau so zu ihr zurückkehren würde, wie er früher gewesen war.

Isabelle zuckte die Achseln. »Bild dir bloß nicht ein, dass ich auf dich warten werde, Simon Lewis.«

Genau wie bei ihrer vorgetäuschten Gleichgültigkeit klangen ihre Worte nach einem Versprechen und meinten das glatte Gegenteil. Simon betrachtete sie einen langen Augenblick. Sie war so überwältigend schön und umwerfend, dass er überhaupt nicht damit klarkam. Schon bei all seinen neuen Erinnerungen hatte er ziemliche Mühe, sie zu glauben, aber die Vorstellung, dass Isabelle Lightwood seine feste Freundin gewesen war, schien noch unfassbarer als der Umstand, dass Vampire tatsächlich existierten und Simon einer von ihnen gewesen war. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie sich Isabelle in ihn verliebt hatte, und deshalb war es ihm auch völlig schleierhaft, wie er diese Gefühle bei ihr wieder wecken sollte. Genauso gut hätte man ihn auffordern können zu fliegen. In den Monaten, in denen Isabelle und Magnus ihn besucht und die wenigen Teile seiner Erinnerungen zurückgeholt hatten, zu denen der Hexenmeister Zugang hatte, hatte Simon Isabelle einmal in einen Club eingeladen und sich zweimal mit ihr zum Kaffee verabredet. Aber Isabelle hatte ihn jedes Mal erwartungsvoll beobachtet, als würde sie auf ein Wunder warten, von dem Simon wusste, dass er es nicht vollbringen konnte. Das bedeutete wiederum, dass er in ihrer Gegenwart keinen Ton herausbrachte, vollkommen sicher, dass er garantiert etwas Falsches sagen und alles kaputtmachen würde.

»Okay«, stieß er nun hervor. »Du wirst mir jedenfalls fehlen.«

Ruckartig schnellte Isabelles Hand nach vorn und packte ihn am Arm. Dabei schaute sie ihm immer noch nicht ins Gesicht. »Wenn du mich brauchst, werde ich sofort kommen«, sagte sie und gab seinen Arm so abrupt frei, wie sie ihn umklammert hatte.

»Okay«, sagte Simon erneut und ging dann hinüber zu Catarina Loss, die gerade das Portal nach Idris erschuf, ins Heimatland der Schattenjäger. Dieser Abschied war so schmerzhaft und merkwürdig und willkommen, dass Simon gar nicht richtig mitbekam, wie unmittelbar vor seinen Augen echte Magie stattfand.

Schließlich winkte er diesen Leuten, die er kaum kannte und irgendwie trotzdem liebte, noch einmal zu und hoffte insgeheim, dass sie ihm die Erleichterung über seinen Aufbruch nicht ansahen.

Simon besaß einige wenige Erinnerungsfetzen an Idris – Türme und ein Gefängnis und ernste Gesichter und Blut in den Straßen. Aber diese Fitzelchen stammten alle aus Alicante, der Hauptstadt.

Dieses Mal fand er sich jedoch außerhalb der Stadt wieder. Sie waren in einer üppigen Landschaft erschienen, die auf der einen Seite von einem Tal begrenzt wurde und auf der anderen Seite in Weiden und Felder überging. Meilenweit sah man nichts als Grün in allen Schattierungen: auf der einen Seite die jadegrünen Flächen endloser Wiesen, die sich bis zum blendenden Schein der Gläsernen Stadt am Horizont erstreckten, deren Kristalltürme in der Sonne glitzerten. Auf der anderen Seite das leuchtende Smaragdgrün eines Waldes – dunkelgrüne, in Schatten gehüllte Bäume, deren Kronen vom Wind zerzaust wurden wie grünliche Federn.

Catarina schaute sich kurz um und machte dann einen Schritt vorwärts, sodass sie direkt am Rand des steil abfallenden Tals stand. Simon trat neben sie – und mit diesem einen Schritt lichteten sich die Schatten des Waldes, als würde ein Schleier fortgezogen.

Er konnte plötzlich mehrere Areale ausmachen, die er als Trainingsplätze identifizierte, ebene Flächen, von Zäunen umgeben und mit Markierungen versehen: Sprintstrecken und Bereiche für Weitwurf, die so tief in den Boden gegraben waren, dass Simon sie sogar von seinem Standort aus erkannte. Aus der Mitte des Waldgebiets ragte ein großes graues Gemäuer mit Türmen und Zinnen auf wie ein Juwel, für das der Rest des Geländes nur als Hintergrund diente. Simon fielen plötzlich architektonische Begriffe wie »Strebepfeiler« ein, mit denen sich erklären ließ, wie die Steine die Gestalt von Schwalbenschwingen annehmen und gleichzeitig das Dach tragen konnten. Ein großes Buntglasfenster direkt im Zentrum des Gebäudes, dessen Scheiben im Laufe der Jahre nachgedunkelt waren, zeigte einen Engel mit einem Schwert. Ihn umgab eine Aura aus himmlischer Unerschütterlichkeit.

»Willkommen in der Schattenjäger-Akademie«, sagte Catarina Loss sanft.

Gemeinsam machten sie sich an den Abstieg. Mit seinen dünnen Turnschuhen verlor Simon den Halt auf dem weichen, rutschigen Boden des steilen Abhangs und musste von Catarina aufgefangen werden.

Sie konnte ihn gerade noch rechtzeitig an der Jacke packen und ihm aufhelfen. »Ich hoffe, du hast ein Paar anständige Wanderschuhe dabei, Großstadtkind.«

»Ich hab nicht mal ein Paar unanständige Wanderschuhe dabei«, erwiderte Simon. Er hatte ja gewusst, dass er die falschen Sachen einpacken würde! Sein Instinkt hatte ihn nicht getrogen – aber er war auch nicht sehr hilfreich gewesen.

Catarina – vermutlich enttäuscht von Simons nachweislichem Mangel an Intelligenz – schwieg eisern, während sie im Schatten der Äste weitergingen. Die Bäume erzeugten eine grüne Dämmerung, die sich erst nach einer Weile lichtete, als das Sonnenlicht wieder durch die Zweige fiel und die Schattenjäger-Akademie vor ihnen aufragte. Beim Näherkommen entdeckte Simon eine Reihe baulicher Mängel, die er aus der Ferne gar nicht bemerkt hatte. Einer der hohen, schmalen Türme wies eine beunruhigende Seitenneigung auf. Große Vogelnester ragten aus den Steinbögen hervor und Spinnweben, so lang und dick wie Vorhänge, wehten in mehreren Fensteröffnungen. Eine der Scheiben des Buntglasfensters war zerstört – eine gähnend schwarze Fläche befand sich genau an der Stelle, wo ein Auge des Engels hätte sein müssen. Doch jetzt sah es so aus, als wäre der Engel unter die Piraten gegangen.

Simon war bei all diesen Erscheinungen unbehaglich zumute.

Vor der Akademie, unter dem Blick des Piratenengels, liefen Leute vorbei – eine hochgewachsene Frau mit einer rotblonden Mähne und dahinter zwei Mädchen. Simon nahm an, dass es sich bei den beiden um Schülerinnen der Akademie handelte, denn sie waren ungefähr in seinem Alter.

Plötzlich knackte ein Zweig unter Simons Schuh und die drei Gestalten schauten ruckartig in seine Richtung. Die rothaarige Frau setzte sich sofort in Bewegung, stürmte auf Catarina zu und fiel ihr um den Hals, als handelte es sich um ihre lang verschollene blaue Schwester. Catarinas Miene spiegelte ihre extreme Verwirrung wider.

»Ms Loss, dem Engel sei Dank, dass Sie hier sind«, rief die Rothaarige. »Hier herrscht das reinste Chaos. Das reinste Chaos!«

»Ich glaube nicht, dass ich bisher das Vergnügen hatte ...«, setzte Catarina an und schwieg dann vielsagend.

Die Frau fasste sich wieder, gab Catarina frei und nickte so heftig, dass ihr leuchtendes Haar um ihre Schultern flog. »Ich bin Vivianne Penhallow. Die, äh, Dekanin der Akademie. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Sie mochte sich zwar gewählt ausdrücken, aber sie kam Simon viel zu jung vor, um den Wiederaufbau der Akademie zu leiten und all die neuen Schüler auszubilden, die zur Verstärkung der Schattenjägertruppen dringend gebraucht wurden. Andererseits passierte nun mal genau das, wenn man um zwei Ecken mit der Konsulin verwandt war, überlegte Simon. Er versuchte noch immer herauszufinden, wie die Regierung der Schattenjäger funktionierte und wie die jeweiligen Stammbäume miteinander verbunden waren. Die Nephilim schienen irgendwie alle untereinander verwandt zu sein, was ihn ziemlich verstörte.

»Wo liegt denn das Problem, Dekanin Penhallow?«, fragte Catarina.

»Nun ja, um ganz offen zu sprechen: Die für die Renovierungsarbeiten eingeräumten Wochen sind ... äh, wie soll ich sagen? ›Höchst unzureichend‹ beschreibt die Situation vermutlich am besten«, stieß die Dekanin hervor. »Und einige der Tutoren haben die Akademie bereits ... überstürzt verlassen. Ich glaube nicht, dass sie wiederzukehren gedenken. Genau genommen haben sie mich sogar mit sehr expliziten Worten darüber in Kenntnis gesetzt. Außerdem sind die Räume der Akademie ein klein wenig kühl und, um ganz ehrlich zu sein, mehr als nur ein klein wenig baufällig. Des Weiteren muss ich Ihnen der Vollständigkeit halber mitteilen, dass wir ein Problem mit den Vorräten haben.«

Catarina hob eine elfenbeinfarbene Augenbraue. »Und worin besteht das Problem mit den Vorräten?«

»Das Problem ist, dass es keine Vorräte gibt.«

»Das ist in der Tat ein Problem.«

Die Dekanin ließ die Schultern hängen und ihre Brust sank ein wenig ein – als hätten all diese Schwierigkeiten, die sie bis dahin für sich hatte behalten müssen, sie in ein unsichtbares Korsett gezwängt. »Diese Mädchen hier sind zwei der älteren Schülerinnen und stammen aus guten Schattenjägerfamilien: Julie Beauvale und Beatriz Velez Mendoza. Sie sind gestern eingetroffen und haben sich bereits als von unschätzbarem Wert erwiesen. Und das hier muss der junge Simon sein«, sagte sie und schenkte ihm ein Lächeln.

Simon war einen Moment verblüfft, wusste aber nicht, warum – bis er sich dunkel daran erinnerte, dass nur sehr wenige der erwachsenen Schattenjäger sich über einen Vampir in ihrer Mitte erfreut gezeigt hatten. Aber natürlich gab es für die Dekanin keinen Grund, ihn aufgrund seines Anblicks zu hassen. Außerdem hatte sie sich über Catarinas Erscheinen geradezu entzückt gezeigt, überlegte er; vielleicht war sie ja ganz in Ordnung. Vielleicht zeigte sie sich aber auch nur deshalb so begeistert, damit Catarina ihr half.

»Ah ja«, sagte Catarina. »Welch eine Überraschung, dass ein Gebäude, das seit einem Aufruhr vor mehreren Jahrzehnten leer gestanden hat, nicht schon nach wenigen Wochen wieder reibungslos funktioniert. Am besten zeigen Sie mir die Bereiche, die Ihnen die größten Probleme bereiten. Ich werde mich darum kümmern, damit wir wenigstens das Theater vermeiden, wenn sich einer der Schattenjägerzöglinge seinen kleinen Hals bricht.«

Alle Umstehenden starrten Catarina sprachlos an.

»Die unermessliche Tragödie, meinte ich natürlich«, berichtigte Catarina sich und lächelte strahlend. »Wäre es möglich, dass eines der Mädchen Simon zu seinem Zimmer begleitet?«

Sie schien Simon unbedingt loswerden zu wollen. Ganz offensichtlich mochte sie ihn nicht. Aber Simon fiel nichts ein, was er ihr angetan haben könnte.

Die Dekanin starrte Catarina noch einen Moment an und riss sich dann aus ihren Gedanken. »Oh jaja, natürlich. Julie, wärst du bitte so freundlich? Bring ihn ins Turmzimmer.«

Verwundert zog Julie die Augenbrauen hoch. »Ernsthaft?«

»Ja, bitte. Der erste Raum nach Betreten des Ostflügels«, erklärte die Dekanin mit angespannter Stimme und wandte sich erneut an Catarina: »Ms Loss, ich bin wirklich sehr froh, dass Sie hier eingetroffen sind. Sie sind tatsächlich in der Lage, einige dieser Mängel zu beheben?«

»Sie kennen doch bestimmt die Redensart: Es bedarf eines Schattenweltlers, um den Mist eines Schattenjägers zu beseitigen«, bemerkte Catarina.

»Diese Redensart habe ich ... noch nie gehört«, erwiderte Vivianne Penhallow.

»Wie seltsam«, sagte Catarina. »Wir Schattenweltler benutzen sie oft. Ziemlich oft sogar.« Ihre Stimme wurde leiser, während die beiden Frauen sich entfernten.

Simon blieb mit Julie Beauvale allein zurück und musterte sie. Das andere Mädchen hatte ihm besser gefallen. Julie war zwar sehr hübsch, aber Nase und Mund wirkten verkniffen, wodurch es den Eindruck hatte, als drückte ihr gesamtes Gesicht ständig Missbilligung aus.

»Simon, hab ich recht?«, fragte sie und ihre bereits geschürzten Lippen schienen sich noch stärker zu schürzen. »Dann komm mal mit.«

Abrupt machte sie auf dem Absatz kehrt – wie ein Ausbilder in der Armee, und Simon folgte ihr langsam in das Gebäude. Über der großen Eingangshalle wölbte sich eine gewaltige Kuppel. Simon legte den Kopf in den Nacken und fragte sich, ob der grünliche Schimmer an der Decke vom spärlichen Licht des Buntglasfensters stammte oder ob es sich in Wahrheit um Moosbewuchs handelte.

»Bitte trödel nicht herum«, drang Julies Stimme aus einem der sechs dunklen, engen Torbögen in der Steinmauer. Die Besitzerin der Stimme war bereits verschwunden und Simon tauchte hinter ihr in die Dunkelheit ein.

Die Dunkelheit entpuppte sich als ein schwach beleuchteter Treppenaufgang. Dieser führte zu einem ebenso dunklen Korridor, in den kaum Licht fiel, weil es sich bei den Fenstern eher um schmale Schlitze handelte. Simon erinnerte sich daran, was er einmal über solche Schießscharten gelesen hatte – sie waren so konstruiert, dass man zwar von innen Pfeile auf den Gegner abfeuern konnte, dieser aber von außen nur eine geringe Trefferchance hatte.

Julie führte ihn durch einen weiteren Gang. Dann bog sie in den nächsten Korridor ein, erklomm an dessen Ende eine kurze Stiege, durchquerte einen dritten Gang und winkte Simon durch einen kleinen kreisrunden Raum – eine nette Abwechslung –, von dem erneut ein Korridor abging. Das dunkle Gemäuer in Kombination mit dem seltsamen Geruch und den endlosen Steinfluren ließen Simon unwillkürlich an eine »unterirdische Grabanlage« denken. Er versuchte, seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, aber der Begriff wollte nicht verschwinden.

»Dann bist du also eine Dämonenjägerin«, sagte er, warf die Reisetasche auf die andere Schulter und hastete Julie nach. »Wie ist das denn so?«

»Schattenjägerin«, berichtigte sie. »Genau deswegen bist du hier ... um das herauszufinden.« Abrupt blieb sie vor einer der vielen Türen stehen: eine schwere Holztür mit schwarzen Eisenbeschlägen und einem Türgriff, dessen Gestalt an eine Engelsschwinge erinnerte. Julie legte die Hand auf die Klinke und Simon erkannte, dass der Griff im Laufe der Jahrhunderte so viele Mal gedrückt worden war, dass die Konturen der Engelsschwinge fast glatt geschliffen waren.

Der dahinterliegende Raum besaß ein Sprossenfenster mit staubigen rautenförmigen Glasscheiben, einen großen, leicht schiefen Kleiderschrank, dem ein Bein zu fehlen schien, und zwei schmale Betten mit geschnitzten Holzpfosten. Auf einem der Betten lag ein aufgeklappter Koffer.

Außerdem befand sich noch ein Junge im Raum. Er stand auf einem Hocker, drehte sich langsam zu Simon und Julie um und schaute von oben auf sie herab wie eine Statue auf einem Sockel.

Und er sah einem Standbild gar nicht mal unähnlich – wenn man mal von den Jeans und dem leuchtend rot-gelb gestreiften Rugbyshirt absah. Seine klaren Gesichtszüge hatten etwas Statuenhaftes und mit seinen breiten Schultern wirkte er athletisch – wie die meisten Schattenjäger. Simon hatte ja den Verdacht, dass der Erzengel keine Asthmatiker in seine Reihen berief oder jemanden, der beim Sport schon einmal einen Volleyball ins Gesicht bekommen hatte. Der Junge besaß einen sonnengebräunten Teint, dunkelbraune Augen und hellbraune Locken, die ihm bis über die Augenbrauen fielen. Als er Simon und Julie entdeckte, lächelte er und ein Grübchen bildete sich in einer seiner Wangen.

Simon hielt sich nicht gerade für einen Fachmann in Sachen männlicher Schönheit, aber er hörte hinter sich ein leises Geräusch und warf einen Blick über die Schulter.

Das Geräusch stammte von Julie, der unwillkürlich ein kleiner Seufzer entschlüpft war und die nun mit den Augenbrauen zuckte. Simon deutete dieses Verhalten so, dass der Junge wohl ziemlich außergewöhnlich sein musste, zumindest sein Erscheinungsbild.

Er verdrehte die Augen. Anscheinend handelte es sich bei allen männlichen Schattenjägern um Unterwäschemodels, einschließlich seines neuen Mitbewohners. Sein Leben war der reinste Witz.

Julie schien vollauf damit beschäftigt, den Typen auf dem Hocker anzuhimmeln. Dabei brannten Simon gleich mehrere Fragen auf der Zunge, wie zum Beispiel »Wer ist das?« und »Warum steht der auf einem Hocker?«. Aber er wollte sie nicht damit belästigen.

»Ich bin echt froh, dass ihr hier seid. Okay, geratet jetzt nicht gleich in Panik, aber ...«, flüsterte der Junge auf dem Hocker.

Hastig wich Julie einen Schritt zurück.

»Wie bist denn du drauf?«, fragte Simon aufgebracht. »Der Aufruf, nicht in Panik zu geraten, sorgt doch nur dafür, dass alle sofort in Panik ausbrechen! Sag uns mal lieber, was los ist.«

»Okay, ich verstehe, worauf du hinauswillst, und du hast ja nicht ganz unrecht«, erwiderte der Junge. Er sprach mit einem leichten Akzent, wobei seine helle Stimme über bestimmte Silben zu stolpern schien. Simon war sich ziemlich sicher, dass sein neuer Mitbewohner aus Schottland stammte. »Es ist nur so ... Ich glaube, im Kleiderschrank hockt ein Dämonenopossum.«

»Beim Erzengel!«, stieß Julie hervor.

»Das ist doch lächerlich«, meinte Simon.

Allerdings drang im nächsten Moment ein Geräusch aus dem Kleiderschrank – ein schleppendes Knurren und Zischen, bei dem Simon sich die Nackenhaare aufstellten.

Blitzschnell und mit der Anmut aller Schattenjäger sprang Julie auf das leere Bett. Simon vermutete, dass es sich dabei wohl um seines handelte. Die Tatsache, dass er noch keine zwei Minuten hier war und sich schon ein Mädchen auf sein Bett warf, wäre eigentlich sensationell gewesen, aber natürlich versuchte Julie nur, einem Höllennager zu entkommen.

»Tu doch was, Simon!«

»Ja, Simon ... du heißt Simon? Hi, Simon! ... Bitte unternimm etwas gegen dieses Dämonenopossum«, bat der Junge auf dem Hocker.

»Ich bin ziemlich sicher, dass das kein Dämonenopossum ist.«

Das kratzende Geräusch wurde lauter und bei Simon meldeten sich leise Zweifel: Es klang wirklich, als würde irgendetwas Gewaltiges im Schrank lauern.

»Ich stamme aus der Gläsernen Stadt«, sagte Julie. »Ich bin eine Schattenjägerin und kann mit Dämonen umgehen. Aber ich bin in einem anständigen Haus aufgewachsen, das nicht mit dreckigen Ratten verseucht war!«

»Okay, also ich komme aus Brooklyn«, sagte Simon. »Und obwohl ich meine geliebte Heimatstadt bestimmt nicht schlechtmachen oder als ungezieferverseuchten Müllhaufen mit guter Musik und so bezeichnen will, kenne ich mich mit Nagetieren aus. Außerdem war ich selbst mal eine Ratte, allerdings nur für kurze Zeit, glaub ich ... Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern und möchte nicht darüber reden. Aber mit einem Opossum werde ich wohl noch fertig ... wobei ich übrigens überzeugt bin, dass es nicht dämonisch ist.«

»Ich hab das Biest gesehen und ihr nicht!«, rief der Junge auf dem Hocker. »Es war verdächtig groß, kann ich euch sagen! Höllisch groß.«

Erneut drang ein Rascheln aus dem Schrank, gefolgt von einem fies klingenden Schnüffeln. Simon schlich zu dem aufgeklappten Koffer auf dem anderen Bett. Darin lagen eine Menge weitere Rugbyshirts, auf denen aber etwas völlig anderes thronte.

»Ist das eine Waffe?«, fragte Julie.

»Äh, nein«, sagte Simon. »Das ist ein Tennisschläger.« Die Schattenjäger brauchten unbedingt mehr außerschulische Aktivitäten, überlegte er. Vermutlich war der Tennisschläger keine wirklich tödliche Waffe, aber er war das Beste, was er hatte. Langsam näherte er sich dem Kleiderschrank und riss die Tür auf. Dort, in den splittrigen, angenagten Tiefen des Schranks hockte ein Opossum. Seine roten Augen glühten und es sperrte sein kleines Maul auf und zischte Simon an.

»Wie ekelhaft«, stieß Julie hervor. »Simon, töte es!«

»Simon, du bist unsere einzige Hoffnung!«, rief der Junge auf dem Hocker.

Der Nager machte eine Bewegung, als wollte er nach vorn stürzen. Simon ließ den Schläger mit Wucht auf den Steinboden krachen. Das Opossum zischte und flitzte in eine andere Richtung. Simon hatte den irren Verdacht, dass es eine Finte anwendete, um dann direkt zwischen seinen Beinen hindurchzuschießen. Unwillkürlich stieß er einen Laut aus, der einem Quieken verdammt nahekam, taumelte rückwärts und schlug dabei wild um sich auf die Steinplatten.

Die beiden anderen kreischten, während Simon herumwirbelte, um das Opossum zu orten. Als er aus dem Augenwinkel etwas Pelziges aufblitzen sah, drehte er sich in diese Richtung. Doch der Junge auf dem Hocker packte Simon an den Schultern, entweder weil er Schutz suchte oder das Gefühl hatte, irgendwie helfen zu müssen. Er krallte die Finger in Simons T-Shirt und zog ihn in eine andere Richtung.

»Da!«, brüllte er Simon ins Ohr. Und Simon, noch in seiner eigenen Drehbewegung gefangen, taumelte durch die gegenläufige Drehung rückwärts gegen den Hocker.

Er spürte, wie der Hocker gegen seine Beine kippte, worauf der Junge erneut nach Simons Schultern griff. Inzwischen ziemlich schwindelig, machte Simon einen Ausfallschritt und sah, wie der kleine pelzige Körper des Opossums über seinen Turnschuh krabbelte. Da beging er einen Riesenfehler: Hastig ließ er den Tennisschläger auf seinen Fuß herabsausen. Mit voller Wucht.

Im nächsten Moment krachten Simon, der Hocker, der Junge und der Tennisschläger auf den Steinboden.

Das Opossum flitzte durch die Zimmertür und Simon hatte den Eindruck, als hätte es ihm aus seinen roten Augen noch einen hämischen Blick zugeworfen.

Aber Simon war nicht in der Lage, die Verfolgung aufzunehmen, da er sich inmitten eines wirren Knäuels aus Stuhl- und Menschenbeinen befand und sich den Kopf an einem Bettpfosten gestoßen hatte. Vorsichtig setzte er sich auf und rieb sich gerade den surrenden Kopf, als Julie vom Bett sprang. Bei dieser heftigen Bewegung schwankte der Bettpfosten erneut und traf Simon ein weiteres Mal am Hinterkopf.

»Also, ich werde euch jetzt mal lieber allein lassen, bevor dieses Vieh zu seinem Nest zurückkehrt!«, verkündete Julie. »Äh, ich meine, allein ... weitermachen lassen.« An der Tür blieb sie einen Moment stehen und starrte in die Richtung, in die das Opossum verschwunden war. »Macht’s gut«, fügte sie hinzu und stürmte dann in die andere Richtung davon.

»Au«, stöhnte Simon und gab jeden Versuch auf, sich aufzurappeln. Stattdessen stützte er sich auf die Hände und verzog das Gesicht. »Verdammt großes Au ... Also, das war ja mal ...« Er deutete auf den Hocker, die offene Tür, den schrecklichen Schrank und seine lang ausgestreckten Beine. »Das war ...«, fuhr er fort, musste dann aber den Kopf schütteln und lachen. »Das war ja eine echt beeindruckende Vorstellung von drei zukünftigen Dämonenjägern.«

Der Junge, nicht mehr länger auf dem Hocker, warf ihm einen verwirrten Blick zu. Sein neuer Mitbewohner musste ihn für gestört halten, weil er sich über ein Opossum kaputtlachte. Aber Simon konnte nichts dagegen machen. Er lachte und lachte und konnte gar nicht mehr aufhören.

Jeder der Schattenjäger, die er in New York kannte, hätte die Situation gelöst, ohne mit der Wimper zu zucken. Simon war sich sicher, dass Isabelle dem Opossum mit irgendeiner Art von Schwert den Kopf abgetrennt hätte. Doch jetzt und hier war er von Leuten umgeben, die in Panik gerieten und kreischten und auf Hocker sprangen – fuchtelnde Mängelexemplare der menschlichen Spezies, die nicht einmal mit einem einzigen Nagetier zurechtkamen. Und Simon war einer von ihnen. Sie waren einfach nur ganz normale Jugendliche.

Simon war fast schwindlig vor Erleichterung. Aber vielleicht lag es auch daran, dass er sich den Kopf gestoßen hatte. Er lachte und lachte, und als er erneut zu seinem Mitbewohner hinüberschaute, trafen sich ihre Blicke.

»Eine Schande, dass unsere Tutoren diese fantastische Vorstellung nicht miterlebt haben«, meinte Simons neuer Zimmergenosse in ernsthaftem Ton. Und dann brach auch er in Gelächter aus und schlug sich eine Hand vor den Mund, während sich Lachfältchen in seinen Augenwinkeln bildeten, als würde er ständig lachen und als hätte sein Gesicht sich an diesen Zustand gewöhnt. »Wir werden die echt umhauen.«

Nach diesem leichten Anflug von Opossum-Hysterie rappelten Simon und der Junge sich auf und machten sich daran, ihre Sachen auszupacken.

»Tut mir leid wegen eben«, sagte der Junge. Er setzte sich auf sein Bett, neben den aufgeklappten Koffer. »Ich bin nicht besonders gut im Umgang mit kleinen wuseligen Viechern. Eines Tages werde ich hoffentlich etwas oberhalb des Erdbodens gegen echte Dämonen kämpfen. Ich heiße übrigens George Lovelace.«

Simon warf einen Blick auf seine Tasche, die bis zum Rand mit schrägen T-Shirts gefüllt war, und dann auf den Kleiderschrank. Er war sich nicht sicher, ob er seine Sachen diesem Opossum-Schrank anvertrauen sollte. »Dann bist du also ein Schattenjäger?«, fragte er. Mittlerweile hatte er herausgefunden, auf welche Weise Schattenjägernamen sich zusammensetzten, und George hatte er ohnehin auf den ersten Blick für einen Schattenjäger gehalten. Aber das war noch, bevor Simon überlegt hatte, dass George möglicherweise cool sein könnte. Und jetzt war er enttäuscht. Er wusste, was Schattenjäger von Irdischen hielten. Es wäre einfach nett gewesen, wenn er jemanden kennengelernt hätte, für den das alles auch neu war und mit dem er gemeinsam die Schulbank hätte drücken können.

Wieder einen coolen Mitbewohner zu haben, wäre toll, dachte Simon. So einen wie Jordan. Jordan, mit dem er während seiner Zeit als Vampir zusammengewohnt hatte. Er hatte zwar nur bruchstückhafte Erinnerungen an ihn, aber das, was er sich ins Gedächtnis rufen konnte, fühlte sich gut an.

»Na ja, ich bin ein Lovelace«, sagte George. »Meine Familie hat die Dämonenjagd Anfang des achtzehnten Jahrhunderts aus Bequemlichkeit aufgegeben. Damals haben sich meine Ahnen in der Nähe von Glasgow auf dem Land niedergelassen und sich zu den besten Schafdieben Schottlands entwickelt. Der einzige andere Zweig der Lovelace’ hat die Dämonenjagd etwa ein Jahrhundert später an den Nagel gehängt. Ich glaube, sie hatten eine Tochter, die zu den Nephilim zurückgekehrt ist. Aber irgendwann ist sie gestorben und wir waren die Einzigen mit dem Namen Lovelace, die noch übrig waren. Über Generationen hinweg sind Abgesandte der Schattenjäger bei unserem Stammsitz aufgekreuzt, aber meine tapferen Vorfahren haben alle gleich reagiert: ›Nein, danke, wir halten uns lieber an unsere Schafe.‹ Irgendwann war der Rat dann so genervt von unserer Faulenzerbande, dass er schließlich jeden Versuch eingestellt hat. Also, was soll ich sagen? Die Lovelace sind Drückeberger.« George zuckte die Achseln und machte eine Geste – Was soll man machen? – mit seinem Tennisschläger. Die Saiten waren inzwischen gerissen, aber der Schläger war weiterhin ihre einzige Waffe, falls das Opossum zurückkehren sollte.

Simon schaute auf sein Handy. In Idris gab es keinen Empfang – was für eine Überraschung. Resigniert warf er es in seine Reisetasche zu den T-Shirts. »Das ist ein nobles Vermächtnis.«

»Ob du es nun glaubst oder nicht, aber bis vor Kurzem hatte ich nicht die geringste Ahnung davon. Vor ein paar Wochen sind die Schattenjäger wieder bei uns aufgetaucht und haben uns erzählt, dass sie neue, äh, Dämonenjäger im Kampf gegen das Böse benötigten, weil ein ganzer Haufen von ihnen in irgendeinem Krieg gefallen war. Oh Mann, wenn ich mal eines sagen kann: Die Nephilim verstehen es echt, alle Herzen für sich zu gewinnen.«

»Sie sollten Flugzettel verteilen«, schlug Simon vor, was George zum Grinsen brachte. »Mit ein paar Schattenjägern darauf, alle ganz in Schwarz und extrem cool. Und als Überschrift: ›HAST DU DAS ZEUG ZUM KNALLHARTEN TYP?‹ Kannst der Marketingabteilung ruhig meine Nummer geben, ich hab noch mehr brillante Sprüche auf Lager.«

»Ich fürchte, ich habe schlechte Nachrichten, was die Nephilim und ihre Fähigkeiten im Umgang mit einem Kopierer angeht«, erwiderte George. »Na, jedenfalls stellte sich heraus, dass meine Eltern die ganze Zeit Bescheid gewusst, mir aber nichts gesagt haben. Denn warum sollte mich so was Banales auch nur im Entferntesten interessieren? Meine Eltern hatten immer behauptet, meine Großmutter sei nicht mehr richtig im Oberstübchen, wenn sie von ihren Tänzen mit Feenwesen erzählte! Vor meiner Abreise hab ich unmissverständlich klargemacht, was ich davon halte, wenn sie so extrem coole Geheimnisse vor mir verschweigen. Fairerweise muss man sagen, dass mein Dad betont hat, dass meine Großmutter wirklich völlig neben der Kappe ist. Aber andererseits existieren Feenwesen nun mal tatsächlich. Nur der zehn Zentimeter große Elbenliebhaber namens Bluebell, von dem meine Großmutter immer geschwärmt hat, vermutlich nicht.«

»Da wette ich dagegen«, meinte Simon, während er darüber nachdachte, was er noch alles über Feenwesen wusste. »Allerdings mit keinem hohen Einsatz.«

»Und du ... du stammst aus New York?«, fragte George. »Echt schick.«

Simon zuckte die Achseln. Er wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Obwohl er sich sein ganzes Leben lang in New York total wohlgefühlt hatte, war irgendwann der Moment gekommen, in dem er festgestellt hatte, dass sich die Stadt mitsamt seiner eigenen Seele gegen ihn verschworen hatten. Er hatte es ja schließlich kaum erwarten können, endlich aus New York zu verschwinden.

»Wie hast du denn von der ganzen Sache hier erfahren?«, fragte George. »Verfügst du über das Zweite Gesicht?«

»Nein«, sagte Simon gedehnt. »Nein, ich bin ein ganz normaler Irdischer. Aber meine beste Freundin hat herausgefunden, dass sie eine Schattenjägerin ist und außerdem die Tochter von so einem extrem miesen Typen. Und dazu die Schwester von einem anderen genauso miesen Typen. Die hat echt Pech mit der Verwandtschaft. Ich bin irgendwie in die ganze Geschichte reingerutscht. Aber um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht wirklich an alles erinnern, weil ...«

Simon verstummte und suchte nach einem Weg, wie er George seinen dämonenbedingten Gedächtnisschwund erklären konnte, ohne dass dieser ihn für genauso übergeschnappt hielt wie seine Großmutter. Doch dann bemerkte er, wie sein Mitbewohner ihn mit großen braunen Augen anstarrte.

»Du bist Simon«, stieß er leise hervor. »Simon Lewis.«

»Stimmt«, bestätigte Simon. »Hi. Steht mein Name vielleicht an der Tür oder gibt es hier irgendeine Art von Meldestelle, wo ich mich hätte eintragen sollen ...?«

»Der Vampir«, sagte George. »Mary Morgensterns bester Freund!«

»Äh, Clary«, berichtigte Simon. »Äh, ja. Aber ich bezeichne mich lieber als den Ex-Untoten.«

Die Art und Weise, wie George ihn ansah – als wäre er echt beeindruckt statt enttäuscht oder abwartend –, fand Simon fast ein wenig peinlich. Aber auch irgendwie klasse, musste er sich eingestehen. Dieser Blick war so völlig anders als die Blicke, mit denen man ihn bisher bedacht hatte, ob nun in seinem früheren Leben oder in diesem neuen.

»Du hast ja keine Ahnung«, sagte George. »Ich bin hier in diesem eiskalten Höllenloch gelandet, wo es vor Schleim und Nagetieren nur so wimmelt. Aber in der ganzen Akademie schwärmen die Leute von diesen Helden, die so alt sind wie ich und die eine echte Höllentour in eine Dämonendimension unternommen haben. Das rückt die Tatsache, dass die Toiletten nicht funktionieren, in ein ganz anderes Licht.«

»Die Toiletten funktionieren nicht? Aber was sollen wir ... wie sollen wir dann ...?«

George hüstelte. »Wir folgen dem Ruf der Natur, wenn du verstehst, was ich meine.«

Gemeinsam blickten die Jungen aus ihrem Flügelfenster auf die Bäume des darunterliegenden Walds, deren Blätter sich jenseits der rautenförmigen Glasscheiben sanft im Wind wiegten. Dann warfen sie einander einen langen düsteren, traurigen Blick zu.

»Aber im Ernst, in der Akademie wird über nichts anderes geredet als über dich und deine Heldentruppe«, kehrte George zu einem erfreulicheren Gesprächsthema zurück. »Na ja, und darüber, dass in den Backöfen Tauben nisten. Ihr habt die Welt gerettet, stimmt’s? Und du kannst dich an nichts erinnern. Das muss echt merkwürdig sein.«

»Es ist total merkwürdig, George, und danke, dass du es noch mal erwähnt hast.«

George lachte, warf seinen zerbrochenen Tennisschläger auf den Boden und betrachtete Simon weiterhin wie jemanden, der schwer beeindruckend war. »Wow. Simon Lewis. Schätze, ich bin jemandem hier in der Gruselakademie zu Dank verpflichtet, weil ich mein Zimmer mit dem coolsten Mitbewohner teilen darf.«

Kurz danach führte George Simon zum Abendessen hinunter, wofür Simon ihm wirklich dankbar war. Der Speisesaal sah den anderen rechteckigen Sälen in der Akademie sehr ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass in eine der Steinmauern ein gewaltiger offener Kamin eingelassen war, mit gekreuzten Schwertern über dem Sims und einem so abgewetzten Motto, dass Simon es nicht lesen konnte.

Mehrere runde Tische mit unterschiedlich großen Holzstühlen füllten den Raum. Simon hatte allmählich den Eindruck, dass man die Ausstattung der Akademie beim Garagenflohmarkt eines Hochbetagten zusammengeklaubt hatte. An den Tischen drängten sich Kinder und Jugendliche; die meisten waren mindestens zwei Jahre jünger als Simon und nicht gerade wenige wirkten sogar noch deutlich jünger. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass er für eine Dämonenjägerausbildung relativ alt war, und der Gedanke machte ihn nervös. Aber zu seiner großen Erleichterung entdeckte er in einer Ecke ein paar halbwegs vertraute Gesichter, die in seiner Altersstufe waren.

Julie mit der verkniffenen Miene, Beatriz und ein anderer Junge bemerkten Simon und George und winkten sie zu sich herüber. Simon vermutete, dass ihr Winken George galt, doch als er sich neben Julie niederließ, beugte sie sich zu ihm vor.

»Ich kann nicht fassen, dass du nicht erwähnt hast, dass du Simon Lewis bist«, sagte sie. »Ich hab gedacht, du wärst nur irgendein Irdischer.«

Simon hielt Abstand. »Ich bin auch nur irgendein Irdischer.«

Julie lachte. »Du weißt schon, was ich meine.«

»Sie meint, dass wir alle in deiner Schuld stehen, Simon«, sagte Beatriz Mendoza und lächelte ihn an. Sie besaß ein strahlendes Lächeln. »Das haben wir nicht vergessen. Ich freue mich, dass du hier bist. Jetzt besteht vielleicht sogar die Möglichkeit, endlich mal ein vernünftiges Gespräch mit einem Jungen zu führen – was wir bei unserem Jon hier nämlich komplett vergessen können.«

Der Junge, dessen Oberarme so groß waren wie Simons Kopf, beugte sich über den Tisch und streckte Simon die Hand entgegen, die Simon trotz der einschüchternden Armmuskulatur nahm und schüttelte. »Ich bin Jonathan Cartwright.«

»Jonathan«, wiederholte Simon.

»Das ist ein ziemlich gebräuchlicher Name unter Schattenjägern«, erklärte Jon. »Nach Jonathan Shadowhun...«

»Äh, ich versteh schon. Ich hab eine eigene Ausgabe des Codex«, versicherte Simon hastig. Genau genommen hatte Clary ihm ihr Exemplar gegeben und die Lektüre der Anmerkungen, die nahezu alle Institutsbewohner an die Seitenränder gekritzelt hatten, hatte ihm eine Menge Spaß gemacht. Das gab ihm das Gefühl, seine Freunde aus dem Institut besser kennenzulernen, aber aus sicherer Entfernung, wo sie nicht mitbekamen, wenn er versagte und seine Wissenslücken offenbarte. »Es ist nur so ... Ich kenne ein paar Leute namens Jonathan. Wobei kein einziger von ihnen selbst sich so nennt. Genannt hatte.«

Simon besaß nicht viele Erinnerungen an Clarys Bruder, aber er kannte seinen Namen. Und an viel mehr wollte er sich auch nicht erinnern.

»Ja, richtig, Jonathan Herondale«, sagte Jon. »Natürlich kennst du ihn. Übrigens bin ich ziemlich eng mit ihm befreundet. Hab ihm den einen oder anderen Trick beigebracht, der euch da draußen in diesem Dämonenreich wahrscheinlich gut geholfen hat, hab ich recht?«

»Meinst du ... Jace?«, fragte Simon skeptisch.

»Ganz genau«, sagte Jon. »Er hat mich bestimmt mal erwähnt.«

»Nicht, dass ich wüsste«, erwiderte Simon. »Andererseits leide ich unter Dämonenamnesie. Von daher ...«

Jon nickte und zuckte die Achseln. »Richtig. Ziemlicher Mist. Wahrscheinlich hat er meinen Namen erwähnt und du hast es nur vergessen, wegen deiner Dämonenamnesie. Ich will ja nicht angeben, aber ich und Jace ... wir stehen uns ziemlich nahe.«

»Ich wünschte, ich würde Jace Herondale nahestehen«, seufzte Julie. »Er ist ja so süß.«

»Er ist schärfer als Chili und heißer als die Wüste«, pflichtete Beatriz ihr träumerisch bei.

»Und wer ist das da?«, fragte Jon und schaute mit zusammengekniffenen Augen zu George, der sich auf seinem Stuhl zurücklehnte und ziemlich belustigt wirkte.

»Du meinst, wo wir gerade von scharfen Jungs reden? Ich bin George Lovelace«, erwiderte George. »Und ich spreche meinen Nachnamen ganz ohne Scham aus, weil ich mit meiner Männlichkeit vollkommen im Reinen bin.«

»Ach, ein Lovelace«, meinte Jon und seine gerunzelte Stirn entspannte sich. »Ja, du darfst hier bei uns sitzen.«

»Ich muss sagen, dass sich mein Nachname zum ersten Mal als Pluspunkt erweist«, bemerkte George. »Schattenjäger – da soll einer schlau draus werden!«

»Na ja«, setzte Julie an, »schließlich will man doch mit Leuten aus der eigenen Leistungsgruppe abhängen.«

»Äh, was?«, fragte Simon.

»Hier an der Akademie gibt es zwei Leistungsgruppen«, erklärte Beatriz. »Die Gruppe für Irdische, bei der die Schüler umfassend über die Welt der Nephilim unterrichtet werden und man ihnen die dringend benötigte Grundausbildung verpasst. Und die Gruppe für echte Schattenjägerkinder, wo man uns nach einem etwas anspruchsvolleren Lehrplan unterrichtet.«

Julie verzog spöttisch die Lippen. »Was Beatriz sagen will, ist: Es gibt die Elite und es gibt die Plebs.«

Simon starrte die anderen mit einem mulmigen Gefühl an. »Das heißt also ... ich werde im Plebs-Kurs sitzen.«

»Nein, Simon, du doch nicht!«, rief Jon geschockt. »Auf keinen Fall.«

»Aber ich bin ein Irdischer«, sagte Simon erneut.

»Du bist kein normaler Irdischer, Simon«, teilte Julie ihm mit. »Du bist ein außergewöhnlicher Irdischer. Und das bedeutet, dass für dich auch außergewöhnliche Regeln gelten.«

»Falls irgendjemand versuchen sollte, dich in eine Gruppe mit den Irdischen zu stecken, werde ich wohl ein ernsthaftes Wörtchen mit demjenigen reden müssen«, verkündete Jon überheblich. »Alle Freunde von Jace Herondale sind auch meine Freunde.«

Beruhigend tätschelte Julie Simons Hand. Simon starrte auf seine Hand, als würde sie ihm nicht gehören. Er wollte zwar nicht in die Gruppe für die Nulpen, aber ihm war auch nicht wohl dabei, dass man ihm das Gegenteil zubilligte.

Allerdings glaubte er, sich daran zu erinnern, dass Isabelle, Jace und Alec hin und wieder ein paar oberflächliche Bemerkungen über Irdische hatten fallen lassen. Und Isabelle, Jace und Alec waren so schlecht nun auch wieder nicht. Es lag einfach an ihrer Erziehung: Sie meinten es nicht so, wie es im ersten Moment rüberkam. Da war Simon sich ziemlich sicher.

Beatriz, die Simon auf Anhieb sympathisch gewesen war, beugte sich an Julie vorbei und meinte: »Du hast dir deinen Platz mehr als verdient.« Sie schenkte ihm ein schüchternes Lächeln, das Simon unwillkürlich erwiderte.

»Also ... werde ich dann im Plebs-Kurs landen?«, fragte George langsam. »Schließlich weiß ich nicht das Geringste über Schattenjäger, Schattenweltler und Dämonen.«

»Aber nein«, versicherte Jon. »Du bist ein Lovelace. Du wirst feststellen, dass dir das alles regelrecht zufliegen wird. Es liegt dir im Blut.«

George biss sich auf die Lippe. »Wenn du meinst.«

»Die meisten Schüler der Akademie werden die Elitekurse besuchen«, sagte Beatriz hastig. »Vielen der Neuzugänge geht es genau wie dir, George. Die Abgesandten des Rats suchen auf der ganzen Welt nach verschollenen Familien mit Nephilimblut.«

»Dann kommt man also aufgrund seines Schattenjägerbluts in die Elitegruppe und nicht aufgrund seiner Kenntnisse«, folgerte George.

»Das ist alles total fair«, hielt Julie ihm entgegen. »Sieh dir Simon an. Natürlich ist er in der Elitegruppe. Schließlich hat er sich selbst als würdig erwiesen.«

»Simon musste die Welt retten und wir anderen kommen in die Elitegruppe, weil wir den richtigen Nachnamen haben?«, fragte George leichthin. Er zwinkerte Simon zu. »Pech für dich, Kumpel.«

Einen Moment herrschte eine unbehagliche Stille am Tisch, aber Simon vermutete, dass keiner der anderen sich so unbehaglich fühlte wie er selbst.

»Manchmal steckt man auch Schüler mit Schattenjägerblut in die Plebs-Gruppe, wenn sie sich blamieren«, erklärte Julie abschätzig. »Aber diese Gruppe ist hauptsächlich den Irdischen vorbehalten. So hat man es in der Vergangenheit gehalten und so wird es auch in Zukunft ablaufen. Wir nehmen einige wenige Irdische in die Akademie auf – diejenigen mit dem Zweiten Gesicht oder mit außergewöhnlichen athletischen Anlagen. Übrigens eine fantastische Chance für die Irdischen ... die Möglichkeit, mehr aus sich zu machen, als sie sich jemals hätten erträumen können. Aber mit richtigen Schattenjägern können sie nicht Schritt halten. Das wäre auch nicht besonders fair, so etwas von ihnen zu erwarten; schließlich kann nicht jeder so sein wie Simon.«

»Einige der Irdischen haben einfach nicht die richtige Veranlagung«, bemerkte Jon überheblich. »Einige werden die Aszension nicht schaffen und auf der Strecke bleiben.«

Simon öffnete den Mund, doch bevor er irgendwelche Fragen stellen konnte, ertönte ein lautes Klatschen.

»Meine lieben Schüler und Schülerinnen, gegenwärtige und zukünftige Schattenjäger«, sagte Dekanin Penhallow und erhob sich von ihrem Stuhl. »Ich heiße euch herzlich willkommen! Welch eine Freude, euch alle hier bei der feierlichen Wiedereröffnung der Akademie zu sehen, wo wir eine neue Generation von Schattenjägern ausbilden werden, die die Gesetze des Erzengels befolgen und durchsetzen wird. Es ist eine Ehre, in diese Hallen aufgenommen zu werden, und wir freuen uns sehr, euch alle bei uns zu haben.«

Simon schaute im Saal umher. Um die wackligen Tische drängten sich etwa zweihundert Schüler. Erneut fiel ihm auf, dass viele von ihnen sehr jung und schmutzig und trostlos wirkten. Simon spürte Mitleid in sich aufsteigen, auch wenn er sich bei diesem Anblick eher fragte, wie es wohl um die Wasserversorgung der Akademie bestellt war.

Keiner der Anwesenden sah so aus, als fühlte er oder sie sich geehrt, hier zu sein. Ein weiteres Mal wunderte Simon sich über die Rekrutierungsmethoden der Schattenjäger. Julie tat zwar so, als würden die Nephilim sehr nobel handeln – mit ihrer Suche nach verschollenen Schattenjägerfamilien und der einmaligen Chance, die sie den Irdischen boten. Aber einige Schüler schienen gerade einmal zwölf Jahre alt zu sein. Simon fragte sich, wie ihr Leben bis vor ein paar Wochen wohl ausgesehen hatte, dass sie schon mit zwölf bereit waren, alles hinter sich zu lassen und gegen Dämonen zu kämpfen.

»Bei der Lehrerschaft hatten wir ein paar unerwartete Abgänge zu beklagen, aber ich bin mir sicher, wir werden auch mit den verbleibenden exzellenten Tutoren hervorragende Ergebnisse erzielen«, fuhr Vivianne Penhallow fort. »Darf ich vorstellen: Delaney Scarsbury, euer Oberausbilder.«

Der Mann, der neben der Dekanin saß, erhob sich von seinem Stuhl. Er ließ Jon Cartwrights Oberarme wie Trauben im Vergleich zu einer Grapefruit erscheinen und trug eine Augenklappe – wie der Engel im Buntglasfenster der Eingangshalle.

Simon drehte sich langsam zu George um, in der Hoffnung, er würde von dem Typen das Gleiche denken wie er selbst. Stumm formte er mit den Lippen: Das ist doch nicht wahr.

Und George, der tatsächlich derselben Meinung war wie Simon, nickte und formulierte zurück: Piraten-Schattenjäger!

»Ich freu mich schon darauf, euch zu Brei zu zerquetschen und daraus wilde Krieger zu formen«, verkündete Scarsbury.

George und Simon tauschten einen weiteren vielsagenden Blick.

Am Tisch hinter Simon brach ein junges Mädchen in Tränen aus. Sie konnte höchstens dreizehn sein.

»Und das hier ist Catarina Loss, eine sehr achtbare Hexe, die euch in Geschichte und dergleichen unterrichten wird!«

»Hey«, sagte Catarina Loss und wackelte halbherzig mit ihren blauen Fingern, als hätte sie beschlossen zu applaudieren, ohne sich jedoch die Mühe zu machen, beide Hände zu heben.

Die Dekanin redete unverdrossen weiter: »Da die Schüler der Akademie aus aller Welt stammen, war es hier von je her Sitte, jeden Tag ein anderes köstliches Gericht aus einem anderen Land zu servieren. Und diese Tradition wollen wir unbedingt fortführen! Aber bedauerlicherweise befindet sich die Küche in einem leicht renovierungsbedürftigen Zustand und bis dahin gibt es ...«

»Suppe«, sagte Catarina tonlos. »Kessel für Kessel trübe braune Suppe. Wohl bekomm’s.«

Ungerührt klatschte die Dekanin als Einzige im ganzen Saal. »Genau. Lasst es euch schmecken. Und nochmals herzlich willkommen!«

Tatsächlich bot die Schulspeisung nichts anderes als große Metallkessel, die bis zum Rand mit besagter fragwürdiger Suppe gefüllt waren.

Simon stellte sich bei der Essensausgabe an und warf einen Blick in die fettigen Tiefen der dunklen Flüssigkeit. »Sind da vielleicht Alligatoren drin?«, scherzte er.

»Ich kann dir nichts versprechen«, meinte Catarina und inspizierte ihre eigene Suppenschüssel.

Als Simon an diesem Abend in sein Bett kroch, war er erschöpft und noch immer vollkommen ausgehungert. Er versuchte, sich mit dem Gedanken aufzumuntern, dass sich kurz zuvor ein Mädchen auf seinem Bett befunden hatte. Ein Mädchen auf seinem Bett ... zum allerersten Mal, überlegte Simon. Doch dann kehrten einige Erinnerungsfetzen zurück, die sich wie Wolken vor den Mond schoben und jede Gewissheit trübten. Ihm fiel wieder ein, dass Clary in seinem Bett geschlafen hatte – damals waren sie beide noch so jung gewesen, dass sie Schlafanzüge mit Feuerwehrautos und Ponys getragen hatten. Er erinnerte sich daran, wie er Clary geküsst hatte und dass sie nach selbst gemachter Limonade geschmeckt hatte. Und dann war da Isabelle: ihre dunklen Haare, die sich auf seinem Kissen ausbreiteten. Wie sie ihm ihre entblößte Kehle darbot. Ihre Fußnägel, die über sein nacktes Bein kratzten. Alles wie aus einem sexy Vampirfilm ... abgesehen von der Stelle mit den Fußnägeln. Dieser andere Simon war nicht nur ein Held gewesen, sondern ein Herzensbrecher. Na ja, zumindest ein größerer Herzensbrecher, als er es jetzt war.

Isabelle. Simons Lippen bewegten sich, sprachen unhörbar ihren Namen aus und er drückte ihn in sein Kissen. Er ermahnte sich, nicht mehr an sie zu denken, zumindest so lange nicht, bis er sich in der Akademie richtig eingelebt und erste Erfolge erzielt hatte. Bis er auf dem Wege der Besserung war und wieder zu dem Helden wurde, den Isabelle in ihm sehen wollte.

Rastlos drehte Simon sich auf den Rücken und starrte an die steinerne Decke.

»Bist du auch noch wach?«, flüsterte George. »Ich mach mir Sorgen, dass das Opossum vielleicht zurückkehrt. Wo ist es überhaupt hergekommen, Simon? Und wohin ist es verschwunden?«

Die Strapazen, die Simon auf seinem Weg zum Schattenjäger bevorstanden, wurden ihm bereits am nächsten Tag deutlich vor Augen geführt.

Es fing damit an, dass Scarsbury alle Schüler antreten ließ, um die Maße für die Schattenjägermontur zu nehmen – was an sich schon eine schreckliche Erfahrung war. Aber das Ganze gipfelte darin, dass dabei verletzende Kommentare über Simons Statur fielen.

»Verdammt schmächtige Schultern«, bemerkte Scarsbury nachdenklich. »Wie ein Mädchen.«

»Ich bin gelenkig«, teilte Simon ihm würdevoll mit.

Verbittert schaute er zu George hinüber, der auf einer Bank lümmelte und darauf wartete, dass Simon endlich mit der Anprobe fertig war. Georges Montur war ärmellos. Und Julie war bereits zu ihm hinübergegangen und hatte ihm Komplimente zum guten Sitz seiner Kleidung gemacht und prüfend seinen Oberarm gefühlt.

»Ich mach dir einen Vorschlag«, fuhr Scarsbury fort. »Ich hab hier eine Montur, die eigentlich für Mädchen gedacht ist ...«

»Okay«, erwiderte Simon. »Ich meine natürlich nicht okay, aber okay: Her damit!«

Scarsbury drückte Simon einen Stapel gefalteter schwarzer Kleidung in die Arme. »Die Montur ist für ein groß gewachsenes Mädchen gedacht«, fügte er in einem Tonfall hinzu, der Simon vermutlich trösten sollte und der definitiv viel zu laut war.

Sofort drehten alle sich zu ihm um und starrten ihn an. Simon konnte sich gerade noch davon abhalten, eine sarkastische Verbeugung zu machen, dann stapfte er davon, um sich umzuziehen.

Nach dem Austeilen der Monturen ging es zur Waffenausgabe. Da die irdischen Schüler weder Runen tragen noch Stelen benutzen oder Schattenjägerwaffen verwenden konnten, erhielten alle irdische Waffen. Das diente gleichzeitig dazu, die Wissenslücken der Schattenjägerschüler zum Thema Waffenkunde zu schließen. Simon fürchtete, dass bei seinen eigenen Waffenkenntnissen noch jede Menge Lücken zu schließen waren, weil sie eigentlich gegen null tendierten.

Die Dekanin ließ mehrere Kisten mit Furcht einflößenden Messern in den Klassenraum bringen, was in diesem akademischen Umfeld irgendwie merkwürdig war, und forderte die Schüler auf, sich einen Dolch auszusuchen, der ihnen zusagte.

Simon zog wahllos ein Messer aus einer der Kisten, setzte sich wieder an sein Pult und wedelte damit herum.

Jon nickte ihm zu. »Nicht schlecht.«

»Ja«, bestätigte Simon und gestikulierte mit der Waffe. »Das fand ich auch. Nicht schlecht. Ziemlich dolchig.« Dann stach er den Dolch in das Pult, worauf die Klinge so tief in die Holzoberfläche eindrang, dass Simon sie nur mit viel Mühe wieder heraushebeln konnte.

Simon dachte, dass das eigentliche Training unmöglich schlimmer sein konnte als die Vorbereitungen dafür. Doch wie sich herausstellte, hatte er sich da gründlich getäuscht.

Die Tage an der Akademie bestanden zur Hälfte aus sportlicher Betätigung. So als würde man jeden Nachmittag im Fitnessstudio verbringen. In einem Fecht-Fitnessstudio.

Für die ersten Lektionen des Schwertkampfes bekam Simon das junge Mädchen zur Partnerin, die im Speisesaal bei Scarsbury Begrüßungsrede in Tränen ausgebrochen war.

»Sie gehört zwar zur Plebs-Gruppe, aber meines Wissens besitzt du keine große Erfahrung im Fechten«, meinte Scarsbury. »Falls sie für dich aber keine Herausforderung darstellen sollte, sag mir Bescheid.«

Simon starrte Scarsbury stumm an, statt das zu tun, was er am liebsten getan hätte: ihm zu sagen, dass er es unglaublich fand, wie ein Erwachsener jemanden in dessen Gegenwart als »Plebs« bezeichnete. Langsam wandte er sich dem Mädchen zu. Sie stand mit gesenktem Kopf da; ihr Schwert schimmerte in der zitternden Hand. »Hi. Ich bin Simon.«

»Ich weiß, wer du bist«, murmelte das Mädchen.

Ja, richtig, allem Anschein nach war Simon ja so was wie eine Berühmtheit. Wenn er sein Gedächtnis nicht verloren hätte, dann wäre ihm das alles vielleicht völlig normal vorgekommen. Möglicherweise hätte er es ja für selbstverständlich gehalten, diesen Ruhm zu verdienen – was er im Moment aber nicht von sich behaupten konnte. »Und wie heißt du?«, fragte er das Mädchen.

»Marisol«, antwortete sie widerstrebend.

Simon bemerkte, dass sie nicht länger zitterte, jetzt, da Scarsbury sich wieder den anderen Schülern widmete. »Keine Sorge«, sagte er aufmunternd. »Ich werde mich zurückhalten und nicht zu hart mit dir umspringen.«

»Hm«, sagte Marisol. Sie sah jetzt nicht danach aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. Stattdessen musterte sie ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen.

Simon war den Umgang mit wesentlich jüngeren Kindern nicht gewohnt, aber sie waren beide Irdische und Simon fühlte sich ihr verbunden. »Und, wie kommst du hier zurecht?«, fragte er etwas unbeholfen. »Vermisst du deine Eltern?«

»Ich hab keine Eltern mehr«, erwiderte Marisol mit leiser, harter Stimme.

Simon war sprachlos. Er war ja so ein Idiot. Natürlich hatte er darüber nachgedacht, warum irdische Kinder zur Akademie kamen. Dazu mussten Irdische ihre Eltern, ihre Familien und ihr gesamtes früheres Leben bewusst aufgeben – es sei denn, sie hatten ohnehin keine Eltern oder sonstigen Verwandten mehr. Er hatte darüber nachgedacht, aber er war viel zu beschäftigt gewesen mit seinen eigenen Erinnerungen und der Frage, ob er hier Anschluss finden würde. Nur an sich selbst hatte er gedacht. Er hatte ja ein Zuhause, zu dem er zurückkehren konnte, auch wenn es nicht perfekt war. Aber er hatte immerhin die Wahl gehabt.

»Was haben die Schattenjäger dir erzählt, als sie dich angeworben haben?«, fragte er.

Marisol starrte ihn an; ihr Blick war klar und kalt. »Sie haben mir gesagt, dass ich kämpfen würde.«

Wie sich herausstellte, hatte sie von Kindesbeinen an Fechtunterricht gehabt und schlug ihm nun die Füße weg – ein winziger, schwertschwingender Wirbelwind, der durch die Trainingshalle auf ihn zufegte und ihn zu Fall brachte.

Noch im Fall gelang es Simon, sich mit seinem eigenen Schwert ins Bein zu stechen. Aber das war eine vergleichsweise unbedeutende Verletzung.

»Bist wohl ein wenig zu nachsichtig mit ihr gewesen«, bemerkte Jon, der gerade vorbeilief und Simon auf die Beine half. »Die Plebs lernen es nicht, wenn man es ihnen nicht ganz genau zeigt.« Sein Tonfall war freundlich – ganz im Gegensatz zu dem Blick, mit dem er Marisol bedachte.

»Lass sie in Ruhe«, murmelte Simon, sagte aber nicht, dass Marisol ihn fair geschlagen hatte. Schließlich hielten ihn alle für einen Helden.

Jon grinste und ging weiter. Marisol würdigte ihn keines Blickes. Und Simon betrachtete sein schmerzendes Bein.

Das Training bestand jedoch nicht nur aus Hauen und Stechen – ein Teil umfasste ganz normale Aktivitäten wie Laufen. Während Simon versuchte, mit Schülern Schritt zu halten, die wesentlich athletischer waren, als er es jemals gewesen war, kämpfte er gleichzeitig mit Erinnerungen daran, dass seine Lunge früher nicht ein einziges Mal aufgrund von Sauerstoffmangel gebrannt und sein Herz nie vor Überanstrengung gerast hatte. Es hatte eine Zeit gegeben, in der er schneller gewesen war als jeder dieser Schattenjägerschüler – schneller, kalt, raubtierhaft und mächtig.

Und tot, ermahnte er sich, während er ein weiteres Mal hinter den anderen herhechelte. Er wollte nicht tot sein.

Doch das Lauftraining war immer noch besser als der Reitunterricht. Die Akademie legte die erste Reitstunde auf den Freitagnachmittag und Simon nahm an, dass dies als eine Art Belohnung gedacht war.

Alle anderen taten auch so, als wäre es eine Belohnung. Die Elitegruppe durfte als einzige zum Reiten und deren Mitglieder hatten die Plebs bei den Mahlzeiten damit eifersüchtig gemacht, was ihnen alles entging. Im Angesicht des nicht versiegenden Vorrats an grässlicher Suppe schienen Julie und Jon die Hänseleien der Irdischen aufzuheitern.

Aber Simon, der wackelig auf dem Rücken eines gewaltigen Pferdes balancierte, das mit den Augen rollte und allem Anschein nach gleichzeitig zu steppen versuchte, hielt den Reitunterricht nicht unbedingt für eine Belohnung. Die Plebs hatte man in ihre Klassenräume geschickt, um grundlegende Fakten über die Dämonenjagd zu lernen. Ihr Unterricht fand größtenteils getrennt von der Elite statt und Jon versicherte Simon, dass die meisten der Plebs-Kurse langweilig waren. Simon wurde das Gefühl nicht los, gerne tauschen zu wollen – »langweilig« erschien ihm in diesem Moment gerade richtig.

»Simon«, raunte George ihm zu. »Ein kleiner Tipp: Reiten geht leichter, wenn man die Augen offen lässt.«

»Meine bisherigen Reiterfahrungen bestehen aus dem Karussell im Central Park«, fauchte Simon. »Tut mir leid, aber ich bin nun mal nicht Mr Darcy!«

Dagegen war George ein hervorragender Reiter, wie mehrere Schülerinnen bemerkten. Er musste kaum einen Finger rühren, damit das Pferd sofort reagierte, und Ross und Reiter bewegten sich als geschmeidige Einheit über die Koppel, während das Sonnenlicht auf Georges dämlichen Locken tanzte. Simons Mitbewohner schien im Sattel geboren zu sein: Er wirkte leicht und elegant wie ein stolzer Recke in einem Ritterfilm. Simon erinnerte sich daran, dass er in irgendwelchen Büchern mal von magischen Rössern gelesen hatte, die jeden Gedanken ihres Reiters erahnten – Pferden, die vom Nordwind geboren waren. Ein edles Ross war ein unverzichtbares Utensil jedes magischen Kriegers.

Simons Pferd war eher geistig unzulänglich – oder aber ein Genie, das sehr schnell begriffen hatte, dass Simon es nicht im Griff hatte. Gemächlich schlenderte es mit Simon auf dem Rücken in den Wald, der abwechselnd bettelte, drohte oder mit Bestechungsangeboten zu überzeugen versuchte. Falls Simons Pferd jeden seiner Gedanken lesen konnte, dann war es ein Sadist.

Erst als der Abend anbrach und die Nachtkühle aufzog, spazierte das Pferd zurück zum Stall. Simon hatte nicht den geringsten Einfluss auf diese Entscheidung, aber es gelang ihm wenigstens, aus dem Sattel zu rutschen und in die Akademie zu staksen, mit tauben Fingern und Knien.

»Ah, da bist du ja«, sagte Scarsbury. »George Lovelace war schon ganz außer sich. Er wollte einen Suchtrupp aufstellen, um dich zurückzuholen.«

Sofort bedauerte Simon seine gehässigen Gedanken über Georges reiterliches Können. »Lassen Sie mich raten«, sagte er. »Alle anderen waren der Meinung: ›Ach was, für tot gehalten zu werden, bildet den Charakter.‹«

»Ich habe mir keine Sorgen gemacht, dass du in diesen dunklen Wäldern von Bären gefressen werden könntest«, erwiderte Scarsbury, der nicht so aussah, als hätte er sich in seinem Leben jemals über irgendetwas Sorgen gemacht.

»Natürlich nicht, denn das wäre ja absur...«

»Schließlich hattest du deinen Dolch dabei«, fügte Scarsbury beiläufig hinzu und schlenderte davon.

Einen Moment stand Simon sprachlos da und dann rief er ihm nach: »Meinen ... meinen bärentötenden Dolch? Halten Sie die Vorstellung, dass ich einen Bären mit einem Dolch töte, für ein plausibles Szenario? Was wissen Sie über Bären in diesen Wäldern? Es ist Ihre Aufgabe als Ausbilder, mich darauf aufmerksam zu machen, falls es in diesen Wäldern irgendwelche Bären gibt.«

»Wir sehen uns morgen früh beim Speerwerfen, Lewis«, erwiderte Scarsbury, ohne sich noch einmal umzudrehen.

»Gibt es Bären in diesen Wäldern?«, wiederholte Simon leise. »Das ist eine ganz einfache Frage. Warum sind Schattenjäger so schlecht im Beantworten von einfachen Fragen?«

Die Tage vergingen in einer Mischung unterschiedlicher, aber allesamt gleichermaßen schrecklich gewalttätiger Aktivitäten. Wenn nicht gerade Speerwerfen auf dem Lehrplan stand, dann wurde Simon durch den Trainingsraum geschleudert (George entschuldigte sich anschließend vielmals, aber das half Simon auch nicht weiter). Wenn er sich nicht mit Messerwerfen herumquälen musste, dann mit weiterem Schwertkampf und demütigenden Niederlagen gegen jede Menge kleiner, bösartiger Schattenjägerschüler. War der Fechtsaal besetzt, ging es hinaus auf die Hindernisstrecke und Simon weigerte sich schlicht, über die Erlebnisse auf diesem Parcours zu reden. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten verhielten Julie und Jon sich zunehmend distanzierter gegenüber Simon und es fiel auch schon mal der eine oder andere Kommentar über Irdische.

Eines Tages taumelte Simon müde zur nächsten Übung in Sinnlosigkeit und scharfe Wurfgeschosse und Scarsbury drückte ihm einen Bogen in die Hand.

»Ich möchte, dass ihr alle versucht, die Zielscheiben zu treffen«, forderte Scarsbury die Gruppe auf. »Und du, Lewis, versuch bitte, keinen der anderen Schüler zu treffen.«

Simon spürte das Gewicht des Bogens in seinen Fingern. Er lag ausgewogen und gut in der Hand und ließ sich leicht heben und drehen. Simon legte einen Pfeil an und fühlte die Spannung der Sehne, der Pfeil bereit zum Schuss, bereit, der Flugbahn zu folgen, die Simon für ihn vorgesehen hatte.

Entschlossen zog er den Arm zurück und der Rest geschah wie von selbst: ein Schuss mitten ins Schwarze. Simon feuerte den nächsten Pfeil ab und noch einen und noch einen. Alle fanden schnurgerade ins Ziel. Seine Arme brannten und sein Herz raste ... vor Freude. Simon war froh, dass er spüren konnte, wie seine Muskeln arbeiteten und sein Herz Blut durch die Adern pumpte. Er war froh, sich endlich wieder lebendig zu fühlen und jeden Moment spüren zu können.

Als er den Bogen schließlich sinken ließ, stellte er fest, dass die anderen ihn mit großen Augen anstarrten.

»Kannst du das noch mal wiederholen?«, fragte Scarsbury.

Simon hatte im Sommerlager Kurse im Bogenschießen belegt, aber während er hier stand, mit dem Bogen in der Hand, fiel ihm plötzlich eine andere Situation wieder ein. Er erinnerte sich daran, wie er atemlos und mit klopfendem Herzen in einem dämmrigen Treppenhaus gestanden hatte, beobachtet von mehreren Schattenjägern. Damals war er noch ein Mensch gewesen, ein Irdischer, den alle verachteten, aber er hatte einen Dämon getötet. Außerdem erinnerte er sich noch an etwas anderes: Er hatte erkannt, dass etwas dringend getan werden musste, und er hatte es getan.

Ein Junge, der sich gar nicht mal so sehr von dem Jungen unterschied, der er jetzt war.

Simon spürte, wie sich ein solch breites Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete, dass es fast in den Wangen schmerzte. »Ja, ich denke schon, dass ich das kann.«

Beim Abendessen waren Julie und Jon viel freundlicher als während der vergangenen Tage. Simon erzählte ihnen, wie er den Dämon getötet hatte ... zumindest das, woran er sich erinnerte, und Jon bot an, ihm ein paar Tricks im Schwertkampf zu zeigen.

»Ich würde wirklich gern mehr von deinen Abenteuern hören«, sagte Julie. »Einfach alles, woran du dich erinnern kannst. Vor allem, wenn Jace Herondale darin vorkommt. Weißt du vielleicht, woher er diese sexy Narbe an der Kehle hat?«

»Ah«, meinte Simon. »Ja, weiß ich. Genau genommen war ich das.«

Die anderen starrten ihn sprachlos an.

»Ich glaube, ich habe ihn gebissen. Nur ein kleines bisschen. Eigentlich war es eher ein Knabbern.«

»Und, hat er himmlisch geschmeckt?«, fragte Julie nach einer nachdenklichen Pause. »Er sieht so aus, als würde er himmlisch schmecken.«

»Äh«, setzte Simon an, »er ist doch keine Limonade.«

Beatriz nickte ernst. Beide Mädchen schienen sich für dieses Thema sehr zu begeistern. Zu sehr. Ihre Augen bekamen einen träumerischen Glanz.

»Bist du langsam auf ihn geklettert und hast deinen Kopf millimeterweise zu seiner empfindlichen, pulsierenden Kehle hinabgesenkt?«, hakte Beatriz nach. »Konntest du die Hitze spüren, die von seinem Körper auf deinen abstrahlte?«

»Hast du über seine Kehle geleckt, bevor du ihn gebissen hast?«, fragte Julie. »Und hattest du vielleicht auch die Gelegenheit, seinen Bizeps zu fühlen?« Sie zuckte die Achseln. »Ich bin nur neugierig ... was Vampirtechniken angeht.«

»Ich stelle mir vor, Simon war sowohl sanft als auch dominant während seines besonderen Moments mit Jace«, sagte Beatriz träumerisch. »Ich meine, es war ein ganz besonderer Moment, oder nicht?«

»Nein!«, widersprach Simon. »Wie oft muss ich das noch wiederholen? Ich habe diverse Schattenjäger gebissen. Ich habe Isabelle Lightwood gebissen und Alec Lightwood. Die Situation mit Jace war keineswegs ein zärtlicher und einzigartiger Moment!«

»Du hast Isabelle und Alec Lightwood gebissen?!«, fragte Julie, deren Stimme sich zunehmend überschlug. »Was haben die Lightwoods dir denn getan?«

»Wow«, meinte George. »Ich hab immer gedacht, das Reich der Dämonen sei schrecklich und Furcht einflößend. Aber anscheinend war das eine einzige Schlemmertour.«

»Das stimmt überhaupt nicht!«, protestierte Simon.

»Können wir bitte mit diesem Thema aufhören?«, warf Jon in scharfem Ton ein. »Ich bin mir sicher, dass ihr alle getan habt, was ihr tun musstet. Aber die Vorstellung, dass Schattenjäger als Futter für einen Schattenweltler dienten, ist widerlich.«

Simon gefiel es nicht, wie Jon »Schattenweltler« sagte, als wären die Begriffe »Schattenweltler« und »widerlich« mehr oder weniger identisch. Aber vielleicht war es für Jon ja auch ganz normal, dass ihn der Gedanke verstörte. Simon erinnerte sich daran, dass es ihn anfangs ebenfalls verstört hatte – auch er hatte seine Freunde nicht als Futterquelle ansehen wollen.

Der Tag war ziemlich gut verlaufen und Simon wollte ihn jetzt nicht ruinieren. Also beschloss er mit seiner guten Laune, dass er nicht näher darauf eingehen und die Sache vorerst auf sich beruhen lassen wollte.

Im Laufe der Zeit lebte Simon sich an der Akademie ein und fühlte sich von Tag zu Tag besser – bis zu jener Nacht, als er von einer Flut von Erinnerungen aus dem Schlaf gerissen wurde.

Hin und wieder stürzte seine Vergangenheit auf diese Weise auf ihn ein: nicht mit kurzen, winzigen Bruchstücken, sondern in einer unaufhörlichen, schrecklichen Kaskade. Natürlich hatte er immer mal wieder an seinen ehemaligen Mitbewohner gedacht. Er wusste, dass er einen Kumpel namens Jordan gehabt hatte und dass dieser getötet worden war. Aber Simon hatte sich bisher nicht an die damit verbundenen Gefühle erinnert: die Art und Weise, wie Jordan ihn bei sich aufgenommen hatte, als Simons Mutter die Haustür verbarrikadiert hatte. Ihre Diskussionen über Maia. Clary, die Jordan lachend als »superscharf« bezeichnet hatte. Ihre gemeinsamen Gespräche, bei denen Jordan ein geduldiger und freundlicher Zuhörer gewesen war: Er hatte in Simon mehr als nur einen Auftrag gesehen, mehr als nur einen Vampir. Simon erinnerte sich wieder daran, dass Jordan und Jace sich in der Wohnung angeknurrt und kurz darauf wie verrückt gemeinsam irgendwelche Videogames gezockt hatten. Und als Jordan Simon auf dem Boden in Erics Garage vorgefunden hatte. Oder dass Jordan Maia oft mit einem unendlich bedauernden Blick betrachtet hatte.

Simon fiel auch wieder ein, wie er Jordans Praetor-Lupus-Anhänger in der Hand gehalten hatte, in Idris, nach Jordans Tod. Danach hatte Simon den Anhänger noch ein weiteres Mal in den Fingern gehabt, als nämlich ein Teil seiner Erinnerungen zurückgekehrt war. Er hatte ihn in der Hand gewogen und sich gefragt, was das lateinische Motto wohl bedeuten mochte.

Er hatte also gewusst, dass Jordan sein Mitbewohner und eines der zahlreichen Opfer jenes Kriegs gewesen war.

Aber er hatte die Auswirkungen dieses Wissens nie wirklich gespürt – bis jetzt.

Das schiere Gewicht seiner Erinnerungen lastete auf ihm wie ein mächtiger Stein auf seiner Brust, der ihn langsam zerquetschte. Simon bekam keine Luft mehr. Ruckartig warf er die Decke beiseite und schwang die Beine über die Bettkante, bis seine nackten Füße mit einem überraschenden Schock auf den kalten Steinboden auftrafen.

»Wasisnlos?«, murmelte George. »Ist das Opossum wieder da?«

»Jordan ist tot«, sagte Simon trostlos und ließ das Gesicht in die Hände sinken.

Einen Moment herrschte Stille.

George fragte nicht, wer Jordan gewesen war oder warum sein Tod Simon plötzlich etwas ausmachte. Simon wäre auch nicht imstande gewesen, die wirre Mischung aus Kummer und Schuldgefühl in seiner Brust zu erklären – dass er sich dafür hasste, Jordan vergessen zu haben, auch wenn er nichts dafür konnte, und dass es sich gerade so anfühlte, als würde er zum ersten Mal von Jordans Tod erfahren und als würde eine verschorfte Wunde wieder aufgerissen, beides zur gleichen Zeit. Simon hatte einen bitteren Geschmack in seinem Mund wie altes, abgestandenes Blut.

George streckte den Arm aus, legte Simon eine Hand auf die Schulter und ließ sie dort ruhen: ein fester Griff von einer warmen, beruhigenden Hand, etwas, das Simon in der kalten dunklen Nacht seiner Erinnerungen Halt gab.

»Tut mir leid«, flüsterte George. Und Simon tat es auch leid.

Beim Essen am nächsten Abend wurde wieder Suppe aufgetischt. Seit Tagen hatte es nichts anderes als Suppe gegeben. Simon konnte sich kaum noch an ein Leben vor der Suppe erinnern und hatte inzwischen alle Hoffnung aufgegeben, dass er jemals ein Leben danach würde führen können. Er fragte sich, ob Schattenjäger sich vielleicht mit irgendwelchen Runen vor Skorbut schützten.

Die Gruppe war wieder am üblichen Tisch versammelt, als Jon verkündete: »Ich wünschte, wir würden in Dämonologie von jemandem unterrichtet, der weniger seine eigenen Absichten verfolgt – wenn ihr versteht, was ich meine.«

»Äh«, setzte Simon an, der den Dämonologieunterricht schon allein deshalb mochte, weil niemand von ihm sportliche Aktivitäten erwartete. »Verfolgen wir nicht alle die gleichen ... dämonenjagenden Absichten?«

»Du weißt, was ich meine«, erwiderte Jon. »Wir sollten auch etwas über die begangenen Verbrechen der Hexenwesen erfahren. Schließlich müssen wir auch gegen Schattenweltler kämpfen. Es wäre naiv, so zu tun, als wären sie alle zahm.«

»Die Schattenweltler«, wiederholte Simon. Die Suppe in seinem Mund verwandelte sich in Asche, was genau genommen sogar eine Verbesserung war. »Also beispielsweise Vampire?«

»Nein!«, widersprach Julie hastig. »Vampire sind cool. Sie haben ... Klasse. Im Vergleich zu anderen Schattenwesen. Aber wenn wir von Kreaturen wie Werwölfen reden, musst du zugeben, dass sie nicht unbedingt zu den Leuten zählen, die aus demselben Holz geschnitzt sind wie wir. Wenn man sie überhaupt als ›Leute‹ bezeichnen kann.«

Sie sagte »Werwölfe« und Simon musste unwillkürlich an Jordan denken. Er zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen, und konnte keine Sekunde länger schweigen. Entschlossen schob er seine Suppenschüssel von sich und stand auf.

»Sag du mir nicht, was ich muss und was nicht, Julie«, erwiderte er eisig. »Aber ich muss dir mitteilen, dass es Werwölfe gibt, die hundert Mal mehr wert sind als dein und Jons Schattenjägerarsch. Und ich muss auch sagen, dass ich die Schnauze voll hab von euren Beleidigungen aller Irdischen, während ihr mir ständig versichert, ich sei euer kleiner Liebling, für den ihr eine Ausnahme macht – als ob ich der Liebling von Leuten sein möchte, die deutlich jüngere und schwächere Kinder als sie selbst schikanieren. Und ich muss dir noch was sagen: Bete du lieber, dass diese Akademie ihre Aufgabe erfüllt und Irdische wie ich aszendieren werden. Denn nach allem, was ich hier von euch sehe, wird die nächste Generation von Schattenjägern ohne uns keinen Schuss Pulver wert sein.«

Simon schaute zu George, so, wie er auch sonst im Unterricht oder bei den Mahlzeiten in seine Richtung schaute, um gemeinsam über irgendetwas zu lachen. Er suchte seinen Blick, um zu überprüfen, ob sein Mitbewohner mit ihm einer Meinung war.

George starrte betreten auf seinen Teller. »Komm schon, Mann«, murmelte er. »Tu ... tu das nicht. Die quartieren dich sonst in ein anderes Zimmer. Setz dich wieder hin. Dann kann sich jeder entschuldigen und es kann alles so weitergehen wie bisher.«

Doch Simon holte tief Luft, schluckte seine Enttäuschung hinunter und entgegnete: »Ich will aber nicht, dass es so weitergeht wie bisher. Ich will, dass sich was ändert.« Er wandte sich vom Tisch ab, kehrte ihnen allen den Rücken zu und marschierte vor zum Podest, wo die Dekanin und Scarsbury saßen. Dort verkündete er mit lauter Stimme: »Dekanin Penhallow, ich möchte in die Gruppe für die Irdischen versetzt werden.«

»Was?«, stieß Scarsbury hervor. »In die Plebs-Gruppe?«

Der Dekanin rutschte der Löffel aus der Hand und fiel mit einem lauten Platscher in die Suppe. »Die Leistungsgruppe der Irdischen, Mr Scarsbury, wenn ich bitten darf! Ich möchte nicht noch einmal hören, dass Sie unsere Schüler auf diese Weise bezeichnen. Simon, ich bin froh, dass du zu mir gekommen bist«, sagte sie nach kurzem Zögern. »Ich verstehe, dass du in Anbetracht deines irdischen Hintergrunds Schwierigkeiten mit deinem Kurs hast, aber ...«

»Es geht nicht um Schwierigkeiten im Unterricht«, erwiderte Simon, »sondern darum, dass ich lieber nicht mit den Elite-Schattenjägerfamilien verkehren möchte. Ich denke nicht, dass sie zu den Leuten zählen, die aus demselben Holz geschnitzt sind wie ich.« Seine Stimme hallte von der gemauerten Decke wider. Zahlreiche junge Schüler starrten Simon an. Darunter auch Marisol, die ihn mit einem verblüfften und nachdenklichen Ausdruck musterte. Niemand sagte ein Wort. Sie schauten ihn nur schweigend an.

»Okay, ich hab gesagt, was ich zu sagen hatte. Jetzt ist mir das peinlich und ich werde deshalb am besten verschwinden«, sagte Simon und floh aus dem Saal.

Dabei wäre er fast mit Catarina Loss zusammengestoßen, die das Ganze von der Eingangstür aus beobachtet hatte.

»Tut mir leid«, murmelte er.

»Das muss es nicht«, sagte Catarina. »Im Gegenteil, ich werde dich begleiten und dir beim Packen helfen.«

»Was?«, fragte Simon und hastete ihr nach. »Muss ich wirklich umziehen?«

»Ja, die Plebs sind im Keller untergebracht«, erklärte Catarina.

»Einige der Schüler wurden ins Verlies verbannt, aber außer mir hat noch nie jemand darauf hingewiesen, was für ein widerliches System das ist?«

»Findest du?«, meinte Catarina. »Erzähl mir mehr über die Schattenjäger und ihre gelegentliche Neigung zur Unfairness. Ich werde dir fasziniert und überrascht zuhören. Als Entschuldigung führen sie übrigens an, dass die unteren Geschosse für die Jugendlichen, die nicht so gut kämpfen können wie ihre Mitschüler, leichter zu verteidigen sind.« Sie marschierte in Simons Zimmer und ließ den Blick über seine Sachen schweifen.

»Ich hab noch nicht richtig ausgepackt«, gestand Simon. »Aus Angst vor dem Opossum im Kleiderschrank.«

»Dem was?«

»George und ich fanden es auch ziemlich rätselhaft«, sagte Simon aufrichtig, nahm seine Reisetasche und stopfte die wenigen Dinge hinein, die er im Raum verteilt hatte. Schließlich wollte er auf keinen Fall auf seine Damenmontur verzichten.

»Wie auch immer«, sagte Catarina, »vergiss mal das Opossum. Mir geht es um etwas anderes ... Möglicherweise habe ich mich in dir getäuscht, Simon.«

Simon blinzelte verwundert. »Ach ja?«

Catarina lächelte ihn an. Ihr Lächeln war erstaunlich – wie ein blauer Sonnenaufgang. »Ich habe mich nicht sonderlich darauf gefreut, hier zu unterrichten. Schattenjäger und Schattenweltler kommen nicht besonders gut miteinander aus und in der Regel versuche ich, noch mehr als die meisten meiner Art, den Nephilim aus dem Weg zu gehen. Aber ein guter alter Freund namens Ragnor Fell, der lange Zeit in Idris gelebt hat, hat jahrzehntelang an dieser Akademie unterrichtet, bevor sie geschlossen wurde. Er besaß zwar keine besonders hohe Meinung von den Schattenjägern, aber er hat diesen Ort geliebt. Ragnor ist ... vor Kurzem gestorben und ich wusste, dass diese Schule ihren Lehrbetrieb ohne Tutoren nicht wieder aufnehmen konnte. Ich wollte etwas zur Erinnerung an Ragnor beitragen, auch wenn mir der Gedanke verhasst war, hier einen Haufen arroganter Nephilimbälger zu unterrichten. Die Liebe zu meinem Freund war letztendlich größer als mein Hass gegenüber den Schattenjägern.«

Simon nickte. Er dachte an seine Erinnerungen an Jordan und daran, wie sehr es ihn schmerzte, Isabelle und Clary auch nur anzusehen. Ohne Erinnerung waren sie für ihn verloren. Und niemand wollte ein geliebtes Wesen für immer verlieren.

»Also war ich möglicherweise ein wenig mürrisch bei dem Gedanken hierherzukommen«, räumte Catarina ein. »Und vielleicht auch ein wenig mürrisch dir gegenüber, weil ... na ja, soweit ich weiß, warst du nie besonders glücklich darüber, ein Vampir zu sein. Dann wurdest du geheilt, welch ein Wunder, und ruckzuck, waren die Schattenjäger zur Stelle, um dich in ihre Reihen aufzunehmen. Bald wirst du einer von ihnen sein, ein Nephilim, das, was du immer gewollt hast. Der Makel deiner Existenz als Schattenweltler, als einer von uns, wurde von dir genommen.«

»Aber ich hab nicht ...«, setzte Simon an und musste schlucken. »Ich kann mich noch immer nicht an alles erinnern. Manchmal kommt es mir so vor, als müsste ich die Handlungen von einem völlig anderen Menschen verteidigen.«

»Das muss sehr frustrierend sein.«

Simon lachte. »Sie haben ja keine Ahnung. Ich möchte nicht ... Ich wollte nie wirklich ein Vampir sein, glaube ich zumindest. Jedenfalls möchte ich nicht wieder in einen verwandelt werden. Auf ewig sechzehn zu sein, während alle Freunde und Verwandten um mich herum langsam älter werden ... Oder der Drang, andere zu ... zu verletzen. Das hat mir ganz und gar nicht gefallen. Aber ... Ich mag mich zwar nicht an viele Dinge erinnern, aber in einer Sache bin ich mir sicher: Ich erinnere mich daran, dass ich auch damals eine gewisse Persönlichkeit hatte, genau wie ich auch jetzt eine gewisse Persönlichkeit habe. Daran wird auch die Verwandlung zum Schattenjäger nichts ändern, falls ich jemals ein Schattenjäger werden sollte. Ich habe eine ganze Reihe von Dingen vergessen, aber das werde ich ganz bestimmt nicht vergessen.«

Er schulterte die Reisetasche und bedeutete Catarina, vorzugehen und ihm den Weg zu seinem neuen Zimmer zu zeigen. Seine Tutorin verließ den Raum und stieg kurz darauf eine Steintreppe hinunter, die in den Keller führte, wie Simon nun klar wurde. Allerdings wäre er nie auf die Idee gekommen, dass man eine große Gruppe von Schülern dort untergebracht hatte.

Im Treppenhaus war es ziemlich dunkel und Simon streckte eine Hand aus, um sich abzustützen. Als seine Finger die Wand berührten, riss er sie hastig zurück. »Igitt, das ist ja ekelhaft!«

»Ja, die meisten unterirdischen Oberflächen sind mit schwarzem Schleim überzogen«, bestätigte Catarina nüchtern. »Pass besser auf, wo du hinfasst.«

»Vielen Dank für die Warnung.«

»Keine Ursache«, erwiderte Catarina mit einem Hauch von Lachen in der Stimme.

Zum ersten Mal hatte Simon das Gefühl, dass Catarina vielleicht doch ganz nett sein könnte.

»Du hast gesagt, falls du jemals ein Schattenjäger werden solltest. Denkst du darüber nach, die Akademie zu verlassen?«

»Jetzt, da ich diesen Schleim berührt habe, irgendwie schon«, murmelte Simon. »Nein. Ich weiß nicht genau, was ich möchte, aber ich will jedenfalls nicht sofort aufgeben. Noch nicht.«

Allerdings hätte er sich fast eines Besseren besonnen, als Catarina ihm sein neues Zimmer zeigte. Der Raum war wesentlich dunkler als sein altes Zimmer, wenn auch ähnlich aufgebaut. Die Holzpfosten der beiden schmalen Betten wirkten ziemlich mitgenommen und in den Ecken wucherte der schwarze Schleim so üppig, dass er sich wie zähflüssige Wasserfälle über die Wände ergoss.

»Ich kann mich zwar nicht besonders gut an die Hölle erinnern, aber ich meine, sie wäre einladender gewesen als das hier«, bemerkte Simon.

Catarina lachte und schockte Simon, indem sie sich zu ihm vorbeugte und ihm einen Kuss auf die Wange hauchte. »Viel Glück, Tageslichtler«, sagte sie und lachte erneut, als sie seinen Gesichtsausdruck sah. »Was auch immer du tust, benutze auf keinen Fall die Toiletten in diesem Geschoss. Natürlich gilt das für alle Stockwerke, aber für den Keller hier ganz besonders!«

Simon fragte nicht nach einer Erklärung, er war viel zu entsetzt. Resigniert ließ er sich auf sein Bett sinken, sprang aber sofort wieder auf, als es ein lautes Quietschen und eine dicke Staubwolke von sich gab. Zumindest musste er das Zimmer nicht mit jemandem teilen – er war der Herrscher dieses Platzangst auslösenden, schleimigen Reichs. Entschlossen stapfte er zum Kleiderschrank, um seine Sachen auszupacken. Der Schrank entpuppte sich als leer und sauber, was definitiv eine Verbesserung war. Vielleicht sollte er es sich darin bequem machen, zusammen mit seinen schrägen T-Shirts, überlegte Simon.

Nachdem er mit dem Auspacken fertig war, stand er eine Weile unschlüssig herum, als George plötzlich in der Tür auftauchte. Er schleifte seinen Koffer hinter sich her und hatte sich den zerbrochenen Tennisschläger wie ein Schwert über die Schulter gehängt. »Hi, Alter.«

»Hi«, erwiderte Simon vorsichtig. »Äh, was ... was machst du da?«

George ließ seinen Koffer und den Tennisschläger auf den schmierigen Boden fallen und warf sich auf eines der Betten. Dann streckte er sich genüsslich aus, das unheilvolle Quietschen des Bettrahmens ignorierte er einfach. »Es ist doch so«, setzte er an, während Simon zu lächeln begann, »der Fortgeschrittenenkurs ist eigentlich ziemlich schwer. Und vielleicht hast du ja schon davon gehört: Die Lovelace sind Drückeberger.«

Simon war über Georges Anwesenheit am nächsten Tag sogar noch erleichterter als am Vorabend. Bedeutete es doch, dass er mit ihm zusammen an einem Tisch sitzen konnte statt allein unter dreizehnjährigen Irdischen, die Simon verstohlene Seitenblicke zuwarfen, wenn sie sich nicht gerade mit gebrochener Flüsterstimme über ihre empfanglosen Handys unterhielten.

Und Simons Laune hob sich noch ein Stückchen, als Beatriz sich ebenfalls an ihrem neuen Tisch auf einen Stuhl fallen ließ.

»Ich werde zwar nicht wie unser Lockenköpfchen hier aus dem Fortgeschrittenenkurs aussteigen, um dir auf Schritt und Tritt zu folgen«, verkündete Beatriz, »aber wir können doch trotzdem Freunde bleiben, oder?« Liebevoll zog sie George an den Haaren.

»Vorsicht«, mahnte George müde und etwas kleinlaut. »Ich hab letzte Nacht in unserem winzigen, schleimigen Zimmer kein Auge zugemacht. Wenn ihr mich fragt, hat sich irgendein Lebewesen in unseren Wänden eingenistet. Ich konnte es rascheln hören ... Ich muss zugeben, dass es nicht unbedingt meine schlaueste Idee war, Simons Beispiel zu folgen. Durchaus denkbar, dass ich nicht der Schlaueste bin und mich nur mit meinem guten Aussehen über die Runden rette.«

»Ehrlich gesagt ... Auch wenn ich nicht bereit bin, dir zu folgen und damit langweiligen Unterricht und die immerwährende Missachtung meiner Mitschüler zu riskieren, denke ich doch, dass du etwas ziemlich Cooles getan hast, Simon«, sagte Beatriz. Sie grinste, ließ blendend weiße Zähne zwischen brauner Haut aufblitzen und ihr warmes, freundliches Lächeln war mit Abstand das Netteste, was Simon an diesem Tag gesehen hatte.

»Du hast recht: Unsere Moral ist über jeden Zweifel erhaben, auch wenn unsere Wände von Ungeziefer verseucht sind. Außerdem werden wir trotzdem ein paar interessante Unterrichtsstunden erleben, Simon«, sagte George. »Keine Sorge: Auch wir werden zu Einsätzen hinausgeschickt, um gegen Dämonen und bösartige Schattenweltler zu kämpfen.«

Simon verschluckte sich fast an seiner Suppe. »Deswegen hatte ich mir auch keine Sorgen gemacht. Hat irgendeiner unserer Tutoren eigentlich mal darüber nachgedacht, dass solche Dämonenkampf-Missionen für Schüler ohne Superkräfte möglicherweise fatal sein könnten?«

»Alle Irdischen müssen solche Mutproben bestehen, bevor sie an eine Aszension auch nur denken können«, erklärte Beatriz. »Besser, sie werfen vorzeitig das Handtuch, weil sie Angst haben oder ein Dämon ihnen ein Bein abgekaut hat, als zur Aszension zugelassen zu werden, obwohl sie gar nicht dafür geeignet sind und bei dem Versuch draufgehen.«

»Das waren schöne, aufbauende und vollkommen normale Worte«, meinte Simon. »Ihr Schattenjäger seid echt große Klasse darin, Dinge auf den Punkt zu bringen.«

»Also ich freu mich jedenfalls auf diese Einsätze«, sagte George. »Morgen kommt einer der auswärtigen Schattenjäger hierher, um einen Gastvortrag über den Umgang mit weniger gebräuchlichen Waffen zu halten. Ich hoffe doch sehr, dass wir auch eine praktische Vorführung zu sehen bekommen.«

»Bestimmt nicht im Klassenzimmer«, wandte Beatriz ein. »Denk doch mal darüber nach, was eine Hochleistungsarmbrust mit diesen Wänden anstellen würde.«

Das war auch schon alles, was Simon an Warnung erhielt, bevor er am nächsten Tag ahnungslos das Klassenzimmer betrat, dicht gefolgt von George. Die Dekanin war bereits anwesend und redete aufgeregt auf die versammelte Schülerschaft ein. Der Raum war brechend voll – sowohl die Fortgeschrittenengruppe als auch die Leistungsgruppe der Irdischen waren zu dem Vortrag eingeladen.

»... trotz ihres jungen Alters eine renommierte Schattenjägerin mit beachtlicher Erfahrung im Umgang mit weniger gebräuchlichen Waffen wie der Peitsche. Ich begrüße unsere erste Gastdozentin an der Schattenjäger-Akademie: Isabelle Lightwood!«

Isabelle drehte sich um; ihre glatten schwarzen Haare flogen über ihre Schultern und ihr schwarzer Rock wirbelte um ihre hellen Beine. Sie trug einen glitzernden Lippenstift in einem tiefdunklen pflaumenblauen, fast schon schwarzen Farbton. Selbst ihre Augen schienen schwarz zu sein und das rief in Simon einen weiteren Erinnerungsfetzen wach – natürlich zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Ihm fiel ein, dass er ihre Augen aus der Nähe gesehen hatte: ein sehr dunkler Braunton, fast wie Samt, der so stark ins Schwarze spielte, dass man den Unterschied kaum erkennen konnte, allerdings umgeben von etwas helleren Farbringen ...

Simon torkelte zu seinem Pult und ließ sich auf den Stuhl fallen.

Als die Dekanin den Raum verließ, wandte Isabelle sich den Schülern zu und betrachtete sie mit größter Verachtung.

»Ich habe nicht vor, einem von euch Idioten auch nur irgendwas beizubringen«, teilte sie ihnen mit und stiefelte zwischen den Tischreihen auf und ab. »Wenn ihr eine Peitsche benutzen wollt, dann trainiert gefälligst. Falls ihr dabei ein Ohr verliert, hört auf zu heulen und reißt euch zusammen.«

Einige der Jungen nickten gebannt. Fast alle Schüler verfolgten Isabelle mit den Augen wie ein Haufen hypnotisierter Schlangen, die sich nur zu gern beschwören ließen.

Sogar einige der Mädchen beobachteten Isabelle auf diese Weise.

»Ich bin hierhergekommen«, fuhr Isabelle fort, wobei sie unversehens stehen blieb und die Klasse mit einem scharfen Blick musterte, »um meine Beziehung zu definieren.«

Simon starrte sie aus großen Augen an. Sie konnte unmöglich von ihm reden. Oder?

»Seht ihr diesen Mann dort drüben?«, fragte Isabelle und zeigte auf Simon.

Offensichtlich redete sie doch von ihm.

»Das ist Simon Lewis und er ist mein fester Freund. Falls also irgendjemand hier auf die Idee kommen sollte, ihm wehzutun, weil er ein Irdischer ist, oder sich gar an ihn heranmachen sollte, dem verspreche ich: Ich werde dich suchen, ich werde dich finden und ich werde dich wie eine Laus zerquetschen.«

»Wir sind nur Kumpels«, versicherte George hastig.

Beatriz rückte mit ihrem Pult ein wenig von Simon ab.

Langsam ließ Isabelle ihre Hand sinken. Auch die roten, hektischen Flecken auf ihren Wangen schienen zu verblassen, als hätte sie alles gesagt, was es zu sagen gab, und als würde sie jetzt, da das Adrenalin nicht länger durch ihre Adern rauschte, erst wirklich begreifen, was da gerade über ihre Lippen gekommen war.

»Ich werde jetzt wieder verschwinden«, verkündete Isabelle. »Danke für die Aufmerksamkeit. Ihr dürft gehen.« Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum.

»Ich muss ...«, setzte Simon an und erhob sich mit zittrigen Knien von seinem Stuhl. »Ich muss los.«

»Und ob!«, bestätigte George.

Simon hastete durch die Tür und lief durch die langen steingefliesten Gänge der Akademie. Er wusste, wie schnell Isabelle war. Also rannte er schneller als je zuvor und erwischte sie in der Eingangshalle. Als er ihren Namen rief, blieb sie im dämmrigen Licht, das durch das Buntglasfenster fiel, abrupt stehen.

»Isabelle!«

Sie drehte sich um und wartete auf ihn. Ihre Lippen öffneten sich leicht und schimmerten wie mit Reif bedeckte Pflaumen, bereit, gekostet zu werden. Simon konnte sich selbst sehen, wie er auf sie zulief, sie in seine Arme riss und auf den Mund küsste. Er wusste, welche Überwindung es sie gekostet haben musste hierherzukommen – seine mutige, unvergleichliche Isabelle. Er sah sich, wie er sie in einem Wirbel aus Liebe und Freude hochhob und davontrug. Doch er sah das Ganze wie durch eine Glasscheibe, als würde er in eine andere Dimension blicken – eine Dimension, die er sehen, aber nicht berühren konnte.

Simon spürte, wie heißes Bedauern nicht nur durch seine Kehle, sondern durch seinen ganzen Körper jagte, als wäre er vom Blitz getroffen worden. Aber er musste es unbedingt aussprechen. »Ich bin nicht dein fester Freund, Isabelle«, rief er aus.

Isabelle wurde kreidebleich.

Bestürzt stellte Simon fest, dass seine Worte vollkommen falsch herausgekommen waren. »Ich meine, ich kann nicht dein Freund sein, Isabelle«, berichtigte er sich. »Ich bin nicht er ... der Typ, der dein Freund war. Der, den du dir zurückwünschst.« Fast hätte er hinzugefügt: Ich wünschte, ich könnte dieser Typ sein. Er hatte wirklich gehofft, dass das möglich gewesen wäre. Nur deshalb war er hier an diese Akademie gekommen ... um zu lernen, wieder der Junge zu sein, den alle sich zurückwünschten. Er hatte unbedingt wieder so werden wollen – ein toller Held wie in einem Videospiel oder Kinofilm. Anfangs war er sich so sicher gewesen, dass er genau das wollte.

Aber der Wunsch, wieder dieser Typ zu sein, war gleichbedeutend mit dem Wunsch, den Simon auszulöschen, der er jetzt war: der normale, glückliche Junge, der in einer Band spielte, den seine Mutter noch immer lieben konnte und der nicht mitten in der Nacht aus einem Albtraum aufwachte und um seine toten Freunde trauerte.

Und er wusste nicht, ob er der Typ sein konnte, den Isabelle zurückhaben wollte – ganz gleich, ob er sich das nun wünschte oder nicht.

»Du erinnerst dich an jeden Moment und ich ... ich weiß nicht annähernd genug«, fuhr Simon fort. »Ich tue dir weh, ohne es zu wollen. Zuerst hab ich gedacht, ich müsste nur diese Akademie besuchen und würde als besserer Simon zurückkommen, aber die Chancen dafür stehen nicht gut. Das Spiel hat sich völlig verändert: Mein Fähigkeitslevel ist in den Keller gerutscht und der Schwierigkeitsgrad wurde auf ›Unmöglich‹ hochgeschraubt ...«

»Simon«, unterbrach Isabelle ihn, »du redest wie ein Computerfreak.«

Ihr Tonfall klang beinahe freundlich, was Simon nur noch mehr verunsicherte. »Ich weiß einfach nicht, wie ich dieser redegewandte sexy Vampirsimon für dich sein soll!«

Isabelles perfekter Mund verzog sich zu einem Lächeln – wie ein dunkler Halbmond in ihrem bleichen Gesicht. »Du warst nie besonders redegewandt, Simon.«

»Ach«, sagte Simon. »Okay, Gott sei Dank. Ich weiß, dass du schon mit einer Menge Typen zusammen gewesen bist. Ich erinnere mich an einen Elbenritter und an ...« Ein weiteres, dieses Mal äußerst unwillkommenes Bruchstück drängte sich in sein Gedächtnis: »Lord Montgomery? Du warst mal mit einem Adligen zusammen? Wie soll ich damit jemals konkurrieren?«

Isabelle betrachtete ihn noch immer mit freundlicher Miene, in die sich allerdings ein Hauch von Ungeduld schlich: »Du bist Lord Montgomery, Simon!«

»Versteh ich nicht«, sagte Simon. »Wenn man in einen Vampir verwandelt wird, erhält man automatisch einen Adelstitel?«

Vielleicht ergab das ja tatsächlich einen Sinn. Vampire waren schließlich Aristokraten.

Isabelle fuhr mit einem Finger über ihre Augenbraue – eine Geste, die an eine Mischung aus Herablassung und Überdruss erinnerte, als wäre sie das alles einfach furchtbar leid. Doch Simon bemerkte, wie sie die Augen schloss, als könnte sie ihn nicht ansehen, während sie sprach: »Das war nur ein kleiner Scherz zwischen dir und mir, Simon.«

Simon war es allmählich satt, dass er sich an manche Momente mit ihr ganz genau erinnerte und an andere überhaupt nicht. Und genauso wenig gefiel es ihm, dass er nicht derjenige war, den sie sich wünschte. »Nein«, widersprach er, »das war ein Scherz zwischen dir und ihm.«

»Du bist er, Simon!«

»Nein, das bin ich nicht«, teilte Simon ihr mit. »Ich ... weiß nicht, wie ich er sein soll. Das habe ich langsam kapiert. Ich habe gedacht, ich könnte lernen, wie er zu sein. Aber hier auf der Akademie ist mir klar geworden, dass ich das nicht kann. Ich kann nicht alles, was wir gemeinsam getan haben, noch einmal erleben. Und ich werde niemals der Typ sein, der all diese Sachen getan hat. Ich werde andere Sachen machen. Ich werde ein völlig anderer Typ sein.«

»Sobald du deine Aszension geschafft hast, bekommst du doch all deine Erinnerungen zurück!«, rief Isabelle ungeduldig.

»Falls ich jemals aszendiere, wird das frühestens in zwei Jahren sein. Aber in zwei Jahren werde ich nicht mehr derselbe Simon sein, selbst wenn ich all meine Erinnerungen zurückbekomme. Denn dann werde ich jede Menge andere Erinnerungen gesammelt haben. Auch du wirst nicht mehr das Mädchen sein, das du jetzt bist. Ich weiß, du hast an mich geglaubt, Isabelle. Ich weiß, du hast an mich geglaubt, weil dir ... etwas an ihm gelegen hat. Und das bedeutet mir mehr, als ich dir sagen kann. Aber, Isabelle, Isabelle, es wäre nicht fair von mir, dein Vertrauen auszunutzen. Es wäre nicht fair, dich auf seine Rückkehr warten zu lassen, wenn er doch nicht mehr zurückkehren wird.«

Isabelle hatte die Arme verschränkt; ihre Finger krallten sich in den dunkelblauen Samt ihrer Jacke, als würde das Trost spenden. »Nichts von all dem ist fair. Es ist nicht fair, dass dir einfach ein Teil deines Lebens genommen wurde. Es ist nicht fair, dass du mir genommen wurdest. Ich bin einfach furchtbar wütend, Simon.«

Simon machte einen Schritt auf sie zu, löste ihre Finger von der Jacke und nahm ihre Hand. Er schlang zwar nicht die Arme um sie, stellte sich aber ganz dicht vor sie, wobei ihre Hände die kurze Distanz überbrückten. Isabelles zitternde Lippen glitzerten, genau wie ihre Wimpern. Simon wusste nicht, ob die unbeugsame Isabelle tatsächlich weinte oder ob es sich nur um schimmerndes Mascara handelte. Nur bei einem war er sich ganz sicher: Isabelle strahlte wie ein Sternbild in Gestalt eines Mädchens.

»Isabelle«, sagte er. »Isabelle.«

Sie war so sehr sie selbst – und er hatte so gut wie keine Ahnung, wer er war.

»Weißt du, warum du hier bist?«, fragte sie fordernd.

Simon schaute sie nur stumm an. Diese Frage konnte so unendlich viel bedeuten – und es gab mindestens genauso viele Antworten darauf.

»Ich meine, hier an der Akademie«, sagte Isabelle. »Weißt du, warum du ein Schattenjäger werden willst?«

Er zögerte einen Moment. »Ich wollte wieder dieser Typ sein«, erklärte er. »Dieser Held, an den ihr euch alle erinnert. Und die Akademie erschien mir wie eine Heldenschmiede.«

»Das ist sie nicht«, erwiderte Isabelle tonlos. »Die Akademie ist eine Schule für Schattenjäger. Natürlich halte ich das für eine ziemlich coole Sache und natürlich bin ich auch davon überzeugt, dass es verdammt heldenhaft ist, die Welt zu schützen. Aber es gibt auch feige Schattenjäger und miese Schattenjäger und miserable Schattenjäger. Wenn du die Zeit an der Akademie überstehen willst, dann musst du für dich herausfinden, warum du ein Schattenjäger sein willst und was das für dich bedeutet, Simon. Und nicht nur, warum du was Besonderes sein willst.«

Simon fühlte sich ertappt, aber Isabelle hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. »Du hast recht. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich hier sein möchte ... dass ich hier sein muss. Glaub mir: Wenn du die Toiletten gesehen hättest, wüsstest du, dass ich mir diese Entscheidung nicht leicht gemacht habe.«

Isabelle warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

»Aber«, fuhr Simon fort, »das Warum weiß ich nicht. Dafür kenne ich mich selbst noch nicht gut genug. Ich weiß, was ich dir am Anfang gesagt habe. Und ich kenne deine Hoffnung: Dass ich mich wieder in den Simon zurückverwandeln könnte, der ich früher gewesen bin. Aber ich habe mich geirrt und es tut mir wirklich leid.«

»Es tut dir leid?«, wiederholte Isabelle wütend. »Hast du überhaupt eine Ahnung, welche Überwindung es mich gekostet hat, hierherzukommen und mich vor all diesen Leuten zum Affen zu machen? Weißt du das? Nein, natürlich weißt du das nicht! Du willst nicht, dass ich länger an dich glaube? Du willst nicht, dass ich mich für dich entscheide?« Isabelle entzog ihm ihre Hand und wandte das Gesicht ab, so wie im Garten des Instituts, das ihr Zuhause war.

Doch dieses Mal wusste Simon, dass es definitiv seine Schuld war.

Sie machte auf dem Absatz kehrt und sagte über die Schulter hinweg: »Mach, was du willst, Simon Lewis. Aber ohne mich.«

Simon war nach Isabelles Abgang – nachdem er sie vertrieben hatte – so deprimiert, dass er nicht glaubte, jemals wieder aus dem Bett zu kommen. Er lag einfach nur da und hörte George zu, der vor sich hin plapperte und die Wände schrubbte. Sein Mitbewohner hatte mittlerweile eine beträchtliche Fläche Schleim entfernt.

Irgendwann erhob Simon sich doch und verzog sich an einen Ort, von dem er annahm, dass niemand ihn dort je finden würde: Er trottete in den Toilettenraum und ließ sich auf den Boden sinken. Viele der Steinfliesen hatten tiefe Risse und in einer der Toiletten schimmerte etwas Dunkles. Simon hoffte, dass das nur die Reste der braunen Suppe waren, die andere Schüler hier entsorgt hatten.

Verdrossen hockte er etwa eine halbe Stunde lang auf den Steinen, allein mit den schrecklichen Toiletten, als George schließlich den Kopf durch die Tür steckte.

»Hi, Kumpel«, sagte er. »Du solltest diese Toiletten echt nicht benutzen. Ich kann das gar nicht oft genug wiederholen.«

»Das hatte ich auch nicht vor«, erwiderte Simon düster. »Ich stehe zwar gerade total neben mir, aber ich bin kein Idiot. Ich wollte nur ein paar Minuten allein sein und in Ruhe meinen deprimierenden Gedanken nachhängen. Soll ich dir mal ein Geheimnis verraten?«

George schwieg einen Moment. »Wenn du es mir erzählen möchtest. Du brauchst natürlich nicht; wir haben alle unsere Geheimnisse.«

»Ich habe heute das umwerfendste Mädchen fortgejagt, dem ich je begegnet bin, weil ich ein solcher Loser bin, dass ich es nicht mal schaffe, ich selbst zu sein. Und hier kommt mein Geheimnis: Ich wäre gern ein Held, aber ich bin keiner. Alle halten mich für einen großartigen Krieger, der Engel herbeigerufen, Schattenjäger gerettet und die Welt vor dem Untergang bewahrt hat. Aber das ist alles nur ein schlechter Witz. Ich kann mich an nichts von dem erinnern, was ich getan habe. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, wie ich das gemacht haben soll. Ich bin überhaupt kein besonderer Held und bald werden die anderen auch dahinterkommen. Außerdem hab ich nicht den blassesten Schimmer, was ich hier tue. So, da hast du’s. Kannst du das mit einem deiner Geheimnisse toppen?«

Aus einer der Toilettenkabinen drang ein leises Gluckern. Aber Simon blickte nicht einmal in die Richtung. Es lag ihm nichts daran, dem Geräusch auf den Grund zu gehen.

»Ich bin gar kein Schattenjäger«, stieß George hastig hervor.

Simons Sitzplatz auf den schmutzigen Fliesen war nicht die ideale Position, um phänomenale Offenbarungen zu verarbeiten. Verwirrt runzelte er die Stirn. »Du bist kein Lovelace?«

»Doch, schon, mein Name ist Lovelace.« Georges normalerweise unbeschwerte Stimme klang ernst. »Aber ich bin kein Schattenjäger. Ich wurde adoptiert. Daran haben die Nephilim, die mich angeworben haben, überhaupt nicht gedacht. Sie konnten sich wahrscheinlich nicht vorstellen, dass Leute mit Schattenjägerblut irdische Kinder aufnehmen, ihnen einen Schattenjägernamen geben und sie wie ihre leiblichen Kinder aufziehen. Eigentlich wollte ich sofort mit der Wahrheit herausrücken. Aber dann hab ich gedacht, dass es einfacher wäre, wenn ich erst mal an der Akademie wäre – dass ihnen die Entscheidung, mich dann hierzubehalten, leichter fallen würde, als darüber nachzudenken, ob sie mich überhaupt mitnehmen sollen.

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