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Legal Love – An deiner Seite

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22

Über dieses Buch

Gerade erst hat Nora den Tod von William Padget überwunden – ihrem Mentor, der immer wie ein Vater für sie war –, da taucht plötzlich sein Enkel David in der Kanzlei auf. Obwohl er seit Jahren keinen Kontakt zu seinem Großvater hatte und sich auch während dessen schwerer Krankheit nicht gemeldet hat, will er nun sein Erbe antreten und Williams Platz in der Kanzlei einnehmen. Nora ist davon wenig begeistert, hat David sich doch vorher auch nicht für William oder seine Arbeit interessiert. Wo ist nur der Junge von damals geblieben, der ihr Herz im Sturm erobert hat? Nora gibt sich kämpferisch – doch nach kurzer Zeit muss sie sich eingestehen, dass sie sich auch jetzt noch mehr zu dem australischen Anwalt hingezogen fühlt, als ihr lieb ist ...

Über die Autorin

J. T. Sheridan ist das Pseudonym der Autorin Jessica Bernett. Sie wurde 1978 als Enkelin eines Buchdruckers in Wiesbaden geboren. Umgeben von Büchern und Geschichten entdeckte sie schon früh ihre Begeisterung für das Schreiben. Der Liebe wegen wechselte sie die Rheinseite und lebt heute mit ihrem Mann und ihren Kindern in Mainz. Sheridan hat eine Schwäche für Schokolade, Whisky und die britischen Inseln, die sie besonders in ihren Büchern auslebt.

Kapitel 1

Das würde kein guter Tag werden. Ich wusste es schon, als ich aufwachte. Der Wecker hatte geklingelt – vor fünfundvierzig Minuten – und ich hatte ihn im Halbschlaf ausgeschaltet.

In Rekordzeit duschte ich, stieg in schwarze Strumpfhosen und einen knielangen schwarzen Rock und griff mir einen bordeauxfarbenen Pullover aus dem Schrank. Zähneputzen und ein leichtes Make-up. Fertig.

Fast.

Seufzend sah ich mein Spiegelbild an. Für eine elegante Frisur hätte ich mindestens dreißig Minuten gebraucht, Zeit, die ich nicht hatte. Also bürstete ich meine störrischen braunen Locken und band sie zu einem schlichten Dutt.

Im Wohnzimmer lagen noch die Unterlagen, an denen ich am Vorabend bis spät in die Nacht gearbeitet hatte. Rasch räumte ich sie zusammen und stopfte sie in meine Tasche. Schnell noch in die Stiefel und meinen Wollmantel geschlüpft, und los ging es.

Mit der Tube dauerte mein Arbeitsweg zur Kanzlei im Stadtteil Kensington fünfzehn Minuten. Das große, viktorianische Gebäude von »Padget & Harrington« zeugte davon, wie viel Wert man hier auf Tradition legte. Seit der Gründung der Kanzlei im Jahre 1873 befanden sich die noblen Büroräume in diesem Gebäude. Die modernen Hochhäuser mit ihren Glasfassaden und dem kühlen Interieur überließ man den jungen Wirtschaftskanzleien, die ebenso schnell aufstrebten, wie sie wieder in der Versenkung verschwanden. »Padget & Harrington« setzte auf Beständigkeit und hielt sich fern vom schnelllebigen Wirtschaftsmarkt. Zu unseren Mandanten zählten hauptsächlich wohlhabende Privatpersonen, zum Teil von adeliger Herkunft. Sie schätzten die solide Beständigkeit unserer Kanzlei.

Abgehetzt erreichte ich schließlich das Gebäude und stürmte durch die hohen Flügeltüren. Normalerweise hätte mein Auftreten die neugierigen Blicke unserer Empfangsdamen auf sich gezogen. Heute aber bemerkten sie mich kaum. Sie waren viel zu sehr damit beschäftigt, miteinander zu tuscheln.

Mit einem Räuspern trat ich an den Empfangstresen, der in geschmackvollem Mahagoni gehalten war. »Guten Morgen, die Damen, gab es heute Morgen Anrufe für mich?«

Elisa schüttelte den Kopf, wobei sich eine blonde Strähne aus ihrer Hochsteckfrisur löste. »Nein, Miss Collins. Aber Ihre Mutter … Mrs Collins hat sich bereits nach Ihnen erkundigt.« Und schon hatte sie sich wieder abgewandt und flüsterte ihrer Kollegin Anna etwas zu.

Die beiden waren Anfang zwanzig und ausgesprochen hübsch, die eine blond, die andere dunkelhaarig. Mit ihren großen Augen und der schlanken Figur hätte man sie für Schwestern halten können. Beide trugen elegante dunkelblaue Kostüme, die ihre Ähnlichkeit noch betonten. Vermutlich hatten sie am letzten Wochenende einiges erlebt, das nun ausführlich diskutiert werden musste.

Ein wenig beneidete ich die beiden. Ich konnte mich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann ich zuletzt ausgegangen war. Nein, ich hatte mein Wochenende damit verbracht, die Einkünfte von Sir Archibald Fraser zu sortieren, eines unserer ältesten Mandanten – sowohl im Hinblick auf sein Alter als auch auf die Zeitspanne, die er schon von unserer Kanzlei betreut wurde.

Die Mädels am Empfang kicherten, ich rollte mit den Augen und ging zum Aufzug. Mein Büro befand sich in der dritten Etage, und mir war heute nicht danach zumute, die steilen Treppen zu nehmen.

Seufzend lehnte ich mich gegen die hölzerne Wand des Fahrstuhls, als sich die golden glänzenden Türen geschlossen hatten. Noch vor wenigen Monaten war ich jeden Tag mit einem gut gelaunten Lächeln in der Kanzlei erschienen. Doch in letzter Zeit fiel mir jeder Gang zu meinem Arbeitsplatz unglaublich schwer. Seit Williams Tod.

William Padget war einer der zwei Inhaber der Kanzlei gewesen, mein Mentor und mein Ersatzvater. Es war ihm zu verdanken, dass ich Jura studiert hatte. Er hatte mich für die Feinheiten der Gesetze begeistern können genauso wie für das Schachspiel oder alte Filme. Er war der Vater gewesen, den ich nie gehabt hatte.

Vor zwei Monaten war er beerdigt worden.

Allmählich kehrte der Alltag in die Kanzlei zurück. Die Geschäfte liefen weiter, William hatte seinen Schreibtisch wohl geordnet und organisiert hinterlassen. Doch ich konnte nicht so leicht zur gewohnten Routine zurückkehren. Ich dachte noch immer jeden Tag an ihn … vermisste ihn, wenn ich an seinem Büro vorbeilief. Vermisste ihn, wenn ich im Park spazieren ging, in dem wir oft zu Mittag gesessen und die Enten gefüttert hatten.

Mit einem lauten Ping hielt der Fahrstuhl und holte mich in die Gegenwart zurück. Ich machte einen Schritt nach vorne und wollte bereits hinausgehen, als mir auffiel, dass wir erst im zweiten Geschoss waren. Die Türen öffneten sich.

Vor mir stand ein Mann. Groß, dunkelhaarig, braungebrannt mit faszinierenden blauen Augen. Ich schnappte nach Luft und wich zurück.

Er lächelte und zwei Grübchen traten auf seine Wangen. »Oh Verzeihung, habe ich Sie erschreckt?«

Er sprach mit einem hinreißenden Akzent. Südafrika? Neuseeland?

»Ähm, nein … ich dachte nur …« Himmel, ich konnte überhaupt nicht mehr denken. »Falsches Stockwerk«, brachte ich gerade so heraus.

Noch immer lächelnd trat er in den Fahrstuhl, wandte mir den Rücken zu und drückte den Knopf für die fünfte Etage. Boss-Etage. Verwirrt musterte ich seinen Rücken. Er trug ein blaues Designer-Jackett, das seine breiten Schultern betonte, dazu eine perfekt sitzende Jeans und Sneaker. Er überragte mich um mehr als eine Kopflänge, also war er mindestens eins neunzig groß. Ich war mit Schuhen fast eins fünfundsiebzig.

Ich hatte ihn noch nie in der Kanzlei gesehen, auch wenn er mir merkwürdig vertraut vorkam. Woher kannte ich dieses Gesicht bloß? Vielleicht war er ein berühmter Profi-Sportler, der sich von unserer Kanzlei vertreten lassen wollte. Sein Outfit und die sportliche Figur würden jedenfalls dazu passen.

Viel zu schnell erreichten wir die nächste Etage, und das laute Ping riss mich aus meinen Gedanken. Als ich den Blick hob, begegnete ich seinem in der goldenen Spiegelung der Aufzugtür. Oh Gott, wie peinlich! Er hatte natürlich die ganze Zeit gesehen, wie ich ihn musterte!

Mein Kopf wurde knallrot, und ich drückte meine Tasche fest an meine Brust. »Verzeihung, ich … muss hier raus.« Ich hatte es nun ziemlich eilig, diesen Fahrstuhl zu verlassen.

»Natürlich«, sagte er grinsend und trat zur Seite. Genau auf die Seite, auf der ich mich gerade an ihm vorbeizwängen wollte. Mit voller Wucht prallte ich gegen ihn, meine Tasche fiel zu Boden, ihr Inhalt verteilte sich zwischen den Fahrstuhltüren.

»Verdammter Mist!«, rutschte es mir raus.

Der gut aussehende Mann lachte leise und tief, und plötzlich kribbelte es in meinem Magen. Rasch kniete ich mich hin und suchte meine Papiere zusammen. Der Mann bückte sich ebenfalls, hielt mit einer Hand die Fahrstuhltür offen und mit der anderen half er beim Einsammeln der Papiere. Sein Gesicht war nun ganz nah an meinem.

Sein Aftershave roch frisch und männlich. In seinem dunklen Haar konnte ich einige hellere Strähnen ausmachen, sicher von der Sonne gebleicht.

»Hier«, sagte er schließlich lächelnd und hielt mir einen Stapel Papier entgegen.

Ich schluckte, denn mein Hals war plötzlich sehr trocken. »Danke.«

Als ich die Dokumente entgegennahm, berührten sich kurz unsere Hände. Unwillkürlich sah ich auf in seine blauen Augen. »Auf Wiedersehen«, hauchte ich wie die Heldin eines Groschenromans.

»Aber sicher doch«, gab er grinsend zurück und richtete sich auf.

Ich beeilte mich, ebenfalls aufzustehen und den Fahrstuhl zu verlassen. Streng ermahnte ich mich selbst, mich nicht noch einmal umzudrehen. Aber ich blieb stehen und wartete, bis ich hörte, wie sich die Fahrstuhltüren hinter mir schlossen. Erst dann war ich fähig, wieder normal zu atmen und den Weg in mein Büro am anderen Ende des Flurs zu finden.

Mein Herz klopfte noch immer heftig, als ich das helle Zimmer betrat. In Gedanken schimpfte ich weiter mit mir selbst. Ich benahm mich wirklich wie ein Teenager. Okay, der Typ sah verdammt gut aus … und diese Grübchen … dieser Duft … aber er war ein Mandant! Und ich war eine Anwältin und sollte mich verdammt noch mal auch so benehmen.

Ich legte meine Unterlagen auf dem antiken Schreibtisch ab und atmete tief durch. Jetzt brauchte ich erst einmal eine Tasse Kaffee. Entschlossen ging ich in die kleine Teeküche und traf prompt auf meine Freundin Melissa. Sie war zwar ein wenig jünger als ich und war in ihrem zweiten Jahr als Trainee, doch wir kannten uns schon seit dem Studium, als ich in ihrem ersten Semester ihre Tutorin gewesen war. Melissa war hochintelligent, witzig und ich konnte mich immer auf sie verlassen. Das war auch einer der Gründe, weshalb ich ihr die Stelle bei »Padget & Harrington« vermittelt hatte.

Jedes Jahr stellte die Kanzlei nur zwei Studenten als Trainees ein. Als es im vorletzten Sommer um die Neubesetzung der Stellen ging, hatte ich mich für Mel stark gemacht. Wir hatten immer eine hohe Anzahl an Bewerbern, denn der Name unserer Kanzlei war international bekannt. Mel hatte mir zunächst nicht einmal erzählt, dass sie sich für die Stelle beworben hatte. Eher zufällig hatte ich ihren Lebenslauf entdeckt – auf dem Stapel der Bewerber, die zu einem Vorstellungsgespräch geladen werden sollten. Ich wusste, was sie konnte. Sie hatte hervorragende Noten, eine gewandte Ausdrucksweise und einen scharfen, analytischen Verstand. Nur ihr Aussehen hatte ihr in ihrem Leben oft im Weg gestanden.

Sie war nicht die typische Jura-Studentin mit makelloser Figur und guten Beziehungen. Melissa Carter war etwas rundlich, trug ihr schwarzes Haar zu einem hübschen Pagenkopf frisiert und zog privat am liebsten schwarze Jeans, Shirts und Schlabber-Pullis an. Zu dem Vorstellungsgespräch war sie natürlich in einem Kostüm erschienen – und ich wusste, dass dies das einzig schickere Kleidungsstück in ihrer Garderobe gewesen war.

Mittlerweile besaß sie etwas mehr Businesskleidung, denn nach ihrer Anstellung waren wir zuerst feiern und dann shoppen gegangen.

Heute trug sie eine elegante schwarze Hose und eine weiße Bluse, dazu hochhackige Pumps. Sie hätte wie eine Lady aus gutem Hause ausgesehen, wäre da nicht das schelmische Zwinkern in ihren grünen Augen gewesen.

»Naaa, ein anstrengendes Wochenende gehabt?«, fragte sie und prostete mir mit ihrer Kaffeetasse zu.

Ich rollte mit den Augen. »Ja, mit den Dokumenten von Sir Fraser. Der Mann schreibt wirklich alles noch in Handschrift … schön verschnörkelt und kaum lesbar.«

Sie legte den Kopf schief und musterte mich amüsiert.

»Was ist?«, wollte ich verlegen wissen. »Habe ich einen Fleck auf meinem Pulli?«

»Nein, aber du siehst aus, als hättest du eine heiße Nacht hinter dir.«

»Wie bitte?« Ich wurde zum zweiten Mal an diesem Morgen rot. »Also … also, das stimmt überhaupt nicht.«

»War auch nur ein Scherz. Aber du siehst doch etwas … aufgewühlt aus. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?«

»Hmm, vielleicht. Ich erzähle es dir später. Keine Sorge, ist halb so wild, war nur eine interessante Begegnung im Fahrstuhl.«

Sie zog eine hübsch geschwungene Augenbraue in die Höhe. »Im Fahrstuhl?«

Genau in diesem Moment betrat Kai Kennington die kleine Küche. »Guten Morgen. Störe ich euch beim Austausch eurer schmutzigen kleinen Geheimnisse?«

»Ganz und gar nicht«, flötete ich unschuldig und verdrehte innerlich die Augen. Melissa suchte bereits das Weite, und auch ich beeilte mich mit dem Einschenken meines Kaffees. Kai war der Typ Mann, der sich gerne über andere lustig machte. Er war makellos gepflegt, beinahe geschleckt, mit seiner aalglatten Gelfrisur, den manikürten Fingern und der etwas gelbstichigen Sommerbräune. Ihm wollte ich meine Geheimnisse ganz bestimmt nicht anvertrauen. Danach hätte die ganze Kanzlei davon gewusst.

Ich entkam in mein Büro und schloss die Tür hinter mir. Um zehn Uhr hatte ich einen Termin mit Sir Fraser. Bis dahin wollte ich wenigstens wieder über einen klaren Kopf und eine gut sortierte Akte verfügen. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch, nippte an meinem Kaffee und versuchte, die Dokumente zu ordnen, die mir im Fahrstuhl heruntergefallen waren. Leider kam mir immer wieder der gut aussehende Mandant in den Sinn. Falls er wirklich Profi-Sportler war, welche Sportart wäre es? Tennis? Rugby? Und warum war er im zweiten Stockwerk in den Fahrstuhl gestiegen? Die Besprechungsräume befanden sich doch alle im Erdgeschoss. Im zweiten Geschoss saßen unsere Buchhaltung und die Fachanwälte für Steuerrecht. Selbst wenn er einen Termin bei einem der Anwälte des zweiten Stockwerks gehabt hätte – warum war er danach in die Chefetage gefahren? Womöglich war er ja gar kein Mandant, sondern ein neuer Anwalt? Hmm, das würde bedeuten, dass ich ihn öfter sehen würde …

Ich schüttelte den Kopf, um die müßigen Spekulationen zu vertreiben. Ich war froh, dass ich mich schon am Wochenende ausführlich mit Sir Frasers Unterlagen beschäftigt hatte. Im Moment war ich kaum in der Lage, mich zu konzentrieren.

Auf dem Weg ins Erdgeschoss nahm ich diesmal sicherheitshalber die Treppe.

»Ist Sir Fraser schon da?«, erkundigte ich mich bei den Mädels am Empfang.

»Nein, noch nicht«, sagte sie knapp.

Ich blieb vor dem Tresen stehen und sah auf die Uhr. Nun gut, noch fünf Minuten. Sir Fraser war immer pünktlich. Ich würde ihn hier empfangen und in den Besprechungsraum begleiten.

Anna und Elisa tuschelten und kicherten schon wieder. Ich beschloss, dass ich die Wartezeit ebenso gut nutzen konnte, um meine Neugier zu befriedigen, und drehte mich zu ihnen um. »Sagt mal, was gibt es eigentlich Neues in der Kanzlei?«

Elisa wurde ein wenig rot, und Anna schob kokett die Unterlippe vor.

»Wie meinen Sie das, Miss Collins?«

»Ich habe das Gefühl, ich hätte irgendetwas verpasst. Haben wir einen neuen Mandanten?«

Die beiden sahen sich fragend an.

»Einen großen, gut aussehenden Herrn, dunkelhaarig und gebräunt?«, half ich ihnen auf die Sprünge.

Nun musste Anna noch mehr kichern und Elisas Wangen glühten geradezu.

»Oder ist er vielleicht Anwalt?«

»Ja, irgendwie schon«, sagte Anna schließlich zögernd. »Wir dachten, Sie kennen ihn schon. Sie hatten doch zu Mr Padget ein so … enges Verhältnis.«

Ich runzelte die Stirn. Was hatte der Mann mit William zu tun? War er einer seiner Mandanten?

»Aber Sie müssen ihn doch kennen!«, platzte es aus Elisa heraus. »Das ist David Padget!«

Um ein Haar wäre mir Sir Frasers Akte schon wieder aus den Händen gerutscht.

»David Padget?«, wiederholte ich tonlos. Aber das konnte doch nicht sein!

Anna nickte eifrig. »Doch, Miss Collins. Er ist seit Samstag in der Stadt und war heute Morgen ganz früh da, um sich vorzustellen. Er ist William Padgets Enkel aus Melbourne.«

Australien. Daher der Akzent.

In meinen Ohren schwirrte es. David Padget war hier in London. Der Enkel, der nicht einmal zu der Beerdigung seines Großvaters erschienen war. Der Enkel, zu dem William seit zwanzig Jahren keinen Kontakt gehabt hatte … Jetzt war er hier. Warum?

Ich bekam gar nicht mit, wie sich die Türen der Kanzlei öffneten und Sir Fraser in Begleitung seines Butlers hereinkam. Erst als der alte Mann vor mir stand und mit einem verkniffenen Lächeln rief: »Miss Collins! Wo sind Sie denn nur mit Ihren Gedanken?«, kehrte ich zurück in das Hier und Jetzt.

»Verzeihen Sie, Sir Fraser, ich habe Sie gar nicht bemerkt. Bitte, kommen Sie doch mit …«

Während der Besprechung mit Sir Fraser und der Diskussion darüber, ob er seine gesamte Gemäldesammlung dem National Trust for Scotland oder dem English Heritage vermachen sollte, quälte mich im Inneren nur eine Frage: Was würde passieren, wenn David Padget herausfand, wie eng meine Beziehung zu seinem Großvater wirklich gewesen war?

Kapitel 2

Wir hatten uns als Kinder gekannt. Die Sommer in Cornwall … Seltsam, ich hatte lange nicht an diese Zeit zurückgedacht. Nun aber erinnerte ich mich ganz besonders an einen Sommer. Damals, bevor ich fünfzehn wurde, hatte William seine engsten Freunde und Verwandte zu einem Urlaub auf sein Anwesen in Cornwall eingeladen.

David war sechzehn, ein groß gewachsener Junge mit unmöglichen Manieren. Er und sein Freund … wie war sein Name? … Patrick. Ja, Dave und Pat, sie hatten in diesen drei Wochen jede Menge Unfug angestellt. Eigentlich war ich zu jung gewesen, um mit ihnen abzuhängen. Aber manchmal sah ich zu, wie sie in den Wellen surften und die Herzen der englischen Mädchen brachen, die sie vom Strand aus anschmachteten.

Weder beim Surfen noch beim Tennisspielen konnte ich mit ihnen mithalten, und sie beachteten mich in diesem Sommer auch kaum. Ich war nur ein kleines, dürres Mädchen mit langen Zöpfen, Zahnspange und Brille. Doch es gab eine Sache, die ich besser konnte als die Jungs. Bei der Erinnerung musste ich schmunzeln. Stunden hatten wir bei schlechtem Wetter damit verbracht, Spiele auf der Playstation zu spielen. Und so sehr sich die Jungs auch anstrengten, keiner von beiden war so geschickt darin, die Zombies in Resident Evil zu killen, wie ich, das kleine Mädchen mit der Brille. Solange wir also unter uns waren, akzeptierten sie mich in ihrer Mitte. Sie waren lustig und nett. Wenn aber ältere Jugendliche, besonders Mädchen, zu uns stießen, behandelten sie mich wie eine Aussätzige.

Bis auf jene Nacht.

Für den letzten Abend des Urlaubs hatte William eine besondere Feier organisiert. Es gab Häppchen, Torte und sehr viel Champagner. Mit fortgeschrittener Stunde wurde die Gesellschaft lockerer. Die Jungs tranken heimlich mehr Alkohol, als ihnen erlaubt war, und Dave unterhielt sich angeregt mit einer Achtzehnjährigen, an deren Name ich mich nicht mehr erinnern konnte. Pat langweilte sich offensichtlich und begann, mich zu ärgern. Er wollte wissen, ob ich denn noch keinen Freund hätte und ob ich schon einmal geküsst worden wäre … solche Geschichten. Jungs in dem Alter können wirklich gemein sein. Er zog mich damit auf, dass ich mit dreißig wahrscheinlich immer noch Jungfrau wäre. Ich sagte ihm, er solle mich in Ruhe lassen, aber er trieb sein Spiel immer weiter, bis ich weinte.

In diesem Moment war Dave gekommen und hatte seinen Freund zur Rede gestellt. Pat sagte irgendwas, das ich nicht verstand. Dave holte aus und verpasste ihm einen Kinnhaken, der seinen Freund zu Boden schickte. Dann nahm er ohne ein weiteres Wort meine Hand und zog mich mit sich.

Im Garten gab es einen wunderschönen alten Apfelbaum. Die Äste waren bereits schwer von den Früchten. Hinter dem Stamm des Baumes konnte uns keiner sehen. Er legte liebevoll einen Arm um mich und fragte, ob es mir gut gehe. Ich brachte kein Wort hervor, nickte aber und sah zu ihm auf. Er lächelte, wischte mit dem Daumen eine letzte Träne von meiner Wange, und dann beugte er sich zu mir hinunter und küsste mich. Natürlich war es ein ganz harmloser, kurzer Kuss mit geschlossenen Lippen. Trotzdem erinnere ich mich noch sehr lebhaft daran, wie warm und angenehm sich sein Mund auf meinem angefühlt hatte …

Nach der Besprechung mit Sir Fraser hatte ich es sehr eilig, in mein Büro zu kommen. Ich wollte für einen Moment allein sein.

Meine Wangen glühten bei der Erinnerung an diesen Abend vor all den Jahren. Ob sich David an das kleine Mädchen erinnerte? Ich war immerhin nun eine erwachsene Frau, trug Kontaktlinsen, meine Zähne waren gerade und mein Busen hatte sich ebenfalls entwickelt. Nein, er erinnerte sich bestimmt nicht an mich. Er war fast Mitte dreißig. Welcher Mann erinnerte sich schon an einen harmlosen Kuss, den er mit sechzehn einer Vierzehnjährigen gegeben hatte?

Nach diesem Sommer hatte ich Dave nie wiedergesehen. Er kam nicht mehr nach England, und William sprach nur noch wenig über seinen australischen Enkel.

Um mich auf andere Gedanken zu bringen, checkte ich meine Mails am Computer. Zwei Mandanten hatten die Vertragsentwürfe, die ich ihnen schon letzte Woche geschickt hatte, endlich geprüft und ihre Anmerkungen dazu gemailt. Dann gab es noch eine private Mail von meiner Schwester und eine Rundmail von Mrs Loringham, Williams früherer Sekretärin. Sie lud uns zu einem Meeting in unserem großen Konferenzraum ein, Zeitpunkt: heute, elf Uhr. Fluchend stellte ich fest, dass ich noch genau fünfzehn Minuten hatte. Ich konnte mir gut vorstellen, worum es ging. David würde als Williams Erbe dessen Anteile an der Kanzlei übernehmen und das wollte er sicher höchstpersönlich bekannt geben.

Noch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, klopfte es an der Tür. Ohne eine Antwort abzuwarten, trat meine Mutter ein. Helena Collins, die Eislady, hatte sich ihren Spitznamen in zahlreichen Prozessen vor Gericht verdient. Eiskalt und emotionslos fertigte sie die gegnerischen Parteien sang- und klanglos ab. Sie war eine der erfolgreichsten Prozessanwältinnen Londons.

Leider war sie auch als Mutter ziemlich unterkühlt gewesen. Keine Frage, ich liebte sie, und sie hatte mich in meinen Karriereplänen unterstützt und angetrieben. Sie hatte immer das Beste von ihren Töchtern verlangt. Wir sollten stark sein, unseren Weg gehen und unsere Ziele nie aus den Augen verlieren. Ich konnte mich aber auch an Momente in meiner Jugend erinnern, als ich einfach nur eine liebevolle Umarmung gebraucht hätte und stattdessen eine lehrreiche Rede über Disziplin und Zielstrebigkeit erhielt.

Ihre Augen – grau und kühl – lagen nun abschätzend auf mir. Auch mit sechsundfünfzig war sie noch schlank und gepflegt. Das teure graue Kostüm passte makellos. Ihr halblanges Haar war mittlerweile von breiten Silberstreifen durchzogen, doch es umrahmte glatt und schmeichelnd ihr Gesicht.

»Guten Morgen Mum, wie war dein Wochenende?«

»Anders als geplant.« Sie seufzte, und für einen Moment meinte ich, tatsächlich so etwas wie Schwäche in ihrer Haltung zu sehen. Doch dann richtete sie sich wieder auf und straffte die Schultern. »Williams Enkel ist hier.«

»Ich weiß, ich bin ihm schon begegnet.«

»Wann?«

»Vorhin im Aufzug. Aber ich wusste nicht, dass es David ist. Warum bist du so überrascht? Er wird wohl sein Erbe antreten wollen.« Mir lag ein bitterer Geschmack auf der Zunge. Mum hatte ihm gegenüber sicher mehr Verständnis als ich selbst.

»Nun, er ist seit Freitagabend in London und hat am Wochenende die Partner ins Büro berufen. Er hat sich über den aktuellen Stand der Kanzlei informieren lassen: Wie viele Mandanten wir haben, wie viele Prozesse wir führen. Er hat sich die Geschäftsbücher zeigen lassen … und auch die Personalakten. Er wollte über jeden einzelnen Angestellten informiert werden. Nora …« Meine Mutter kam nun näher zu meinem Schreibtisch und seufzte erneut. »Ich weiß, wie wichtig dir William war. Aber bitte lass dich nicht auf einen Kleinkrieg mit David ein, wenn er Änderungen vornimmt, die dir nicht gefallen. Er ist durchaus in der Lage, deiner Karriere zu schaden.«

»Komisch«, sagte ich sarkastisch, ohne auf ihre Bitte einzugehen. »Ich dachte, William wäre dir auch wichtig gewesen.«

Meine Mutter presste fest die Lippen aufeinander, musterte mich kühl und machte dann auf dem Absatz kehrt, um mein Büro zu verlassen.

Ich rollte mit den Augen. Ich hätte sie nicht angreifen sollen. Es gab wunde Punkte im Leben meiner Mutter, die nur wenige Menschen kannten. Ich durfte das nicht ausnutzen, egal wie sehr mich ihre Worte manchmal trafen.

Es klopfte erneut an meinem Türrahmen. Diesmal war es zum Glück Melissa. Sie war offenbar gekommen, um mich zu dem Meeting zu begleiten, und grinste mich wissend an.

»Na, treibt dich deine Mutter wieder in den Wahnsinn?«

»Nicht wirklich.« Entschlossen stand ich auf. »Mel, ich muss unbedingt mit dir reden. Aber diese Wände haben eindeutig zu viele Ohren. Wollen wir heute Abend Essen gehen?«

»Auf jeden Fall. Hat es mit dem Typen von heute Morgen zu tun? Oder mit unserem neuen Boss, von dem alle reden?«

»Der Typ von heute Morgen IST der neue Boss.«

»Wow!«

Melissa und ich nahmen die Treppe nach unten ins Erdgeschoss. Mir war klar, dass Mel nach dieser Information niemals bis zum Abend würde warten können, und brachte sie auf dem Weg flüsternd auf den aktuellen Stand. Allerdings ließ ich den Punkt aus, dass ich David bereits aus meiner Jugend kannte.

Der Konferenzraum war gut gefüllt. Alle Angestellten, sowohl Anwälte als auch Sekretärinnen und die Aushilfen hatten sich eingefunden. Die Nachricht, dass Williams Erbe hier war, hatte sich rasch verbreitet. Die Leute waren neugierig und tuschelten aufgeregt miteinander.

Am anderen Ende des Raumes hatte sich die komplette Führungsebene versammelt. Arnold Harrington, der zweite Namensinhaber der Kanzlei, hatte rechts von David Padget in einem der ledernen Sessel Platz genommen. Die fünf Londoner Partner, darunter meine Mutter, saßen bei ihnen.

Die Tische, die sonst hier im Raum standen, waren zur Seite geschoben, und Stuhlreihen waren eng hintereinander aufgebaut worden. Trotzdem war es so voll, dass Mel und ich keinen Sitzplatz mehr bekamen. Unauffällig stellten wir uns nach hinten neben die anderen, die keinen Stuhl mehr erwischt hatten.

Mel schnappte nach Luft. »Oh Gott, er ist heiß«, raunte sie mir zu. »Diese Information hast du mir einfach so unterschlagen?«

Ich puffte gegen ihre Schulter.

»Aua! Na ja, jetzt weiß ich wenigstens, warum du vorhin so aufgeregt warst.« Sie zwinkerte mir zu und trank einen Schluck von ihrem Kaffee.

Mit hochrotem Kopf sah ich nach vorne.

Durch die ganze Länge des Raumes hinweg traf mich sein Blick. Er lächelte, nickte mir zu und wandte sich zu Mr Harrington, der ihm etwas zuflüsterte. Einige Köpfe drehten sich neugierig in meine Richtung. Das allgemeine Raunen wurde noch eine Spur intensiver. Endlich erhob Mr Harrington die Stimme.

»Meine Damen und Herren«, sagte er mit seiner rauen Stimme und es wurde still im Raum. »Vielen Dank, dass Sie sich heute hier eingefunden haben. Wie sie sicher bereits alle erfahren haben, dürfen wir seit Kurzem wieder einen Padget in unserer Mitte begrüßen.«

Zustimmendes Gemurmel war zu hören, und Harrington lächelte freundlich. William war ein angesehener Anwalt gewesen, dazu eine großartige Führungspersönlichkeit. Sein Tod hatte ein Loch in die Kanzlei gerissen. Scheinbar war Harrington davon überzeugt, dass David Padget dieses Loch füllen konnte.

»Es hat einige Wochen gedauert, bis wir ihn davon überzeugen konnten, dass er hierher gehört. Meine Damen und Herren, bitte begrüßen Sie unseren neuen Mitinhaber David Padget.«

Alle klatschten, tuschelten, und besonders die weiblichen Anwesenden schienen angetan von unserem neuen Chef. David erhob sich und lächelte charmant. Verdammter Mist, ich konnte selbst auf diese Entfernung seine Grübchen erkennen. Nervös verschränkte ich die Arme vor der Brust.

David wartete, bis wieder Stille herrschte, dann begann er zu sprechen. Seine Stimme war warm und der australische Akzent nur dezent hörbar. »Vielen Dank, Arno, für die warmen Worte. Ich weiß, es ist keine einfache Situation. William Padget war ein großartiger Mann. Und ich möchte erst gar nicht versuchen, in seine Fußstapfen zu treten. Mal abgesehen davon, dass mir seine Schuhe nicht passen …«

Verzücktes Kichern war bei diesem Scherz zu hören, und ich rollte genervt mit den Augen. Es konnte doch wirklich nicht sein, dass jedes weibliche Gehirn aussetzte, sobald ein gut aussehender Mann die Bildfläche betrat.

»Ich bin ein ganz anderer Mensch als William Padget. Ich habe andere Vorstellungen davon, was es heißt, eine Kanzlei zu führen. Ich habe ganz andere Vorstellungen von der Zukunft dieser Kanzlei. Deshalb kann sein Weg nicht meiner sein. Ich muss meinen eigenen Weg finden. Aber ich kann ihn nicht allein gehen. Wir alle hier – Sie und ich – müssen versuchen, eine gemeinsame Richtung zu finden. Am Wochenende habe ich viele Stunden in diesen Räumen verbracht und versucht, die Kanzlei kennenzulernen. Ich danke den Partnern dafür, dass sie ihre Freizeit geopfert haben, um mich einzuarbeiten und all meine Fragen zu beantworten. Danke auch an Mr Harrington dafür, dass er mir die Chance gibt, mich hier zu beweisen. In den nächsten Tagen möchte ich mich hier weiter einfinden. Ich möchte Sie alle kennenlernen …« Er lächelte charmant und suchte Blickkontakt zu den Anwesenden. Verdammt, er hatte die Mitarbeitermotivation wirklich drauf.

Zum Glück sah er nicht direkt zu mir. Hätte er es getan, wäre ich wahrscheinlich vor Scham im Boden versunken.

»Sie haben bestimmt viele Fragen, und genauso viele Fragen habe ich an Sie. Deswegen möchte ich jeden von Ihnen zu einem persönlichen Gespräch in mein Büro bitten. Mrs Loringham wird die Terminkoordination übernehmen.«

In der Mitte der Stuhlreihen hob eine Frau die Hand. Es war Catherine, eine junge blonde Anwältin. William nickte ihr freundlich zu.

»Mr Padget, ich persönlich freue mich sehr über die Möglichkeit, persönlich mit Ihnen zu sprechen. Aber vielleicht gibt es ja allgemeine Fragen, die uns alle angehen. Dann wäre es doch wunderbar, wenn wir diese gleich hier besprechen könnten, ohne dass Sie sich in den Einzelgesprächen wiederholen müssen.«

David nickte. »Genau darum hätte ich als Nächstes gebeten. Was möchten Sie denn gerne wissen?«

Seine ganze Aufmerksamkeit galt Catherine, und ich hätte wetten können, dass sie gerade sehr nervös auf ihrem Stuhl hin und her rutschte.

»Wird es personelle Veränderungen geben?«

»Personelle Veränderungen sind nicht vorgesehen. Es kann aber Verschiebungen in den Aufgabenbereichen geben. Wir werden neue Mandate haben, für die wir die besten unseres Hauses brauchen.«

»Werden wir denn eine neue Filiale in Sydney eröffnen?«, erkundigte sich einer der männlichen Anwälte.

»Nein, das ist nicht vorgesehen.«

»Schade, ein wenig Sonne hätte ich mir gerne gegönnt.«

David lachte. »Lassen Sie uns darüber später sprechen, Mr …?«

»Cunnings.«

Meine Kollegen stellten weitere Fragen, und David beantwortete jede davon. Wie er so da vorne stand und die Leute von sich einnahm, erinnerte er mich schmerzlich an seinen Großvater. William hatte eine sehr gewinnende Art gehabt, konnte jedoch auch zielstrebig und fordernd sein. Er war ein imposanter Mann gewesen, und in seiner Jugend waren ihm die Frauenherzen wohl reihenweise zugeflogen. Ob David Padget wollte oder nicht, er war seinem Großvater ähnlich. Ich fühlte einen Stich in meinem Herzen. Ich vermisste William so sehr! Ich wünschte, er hätte seinen Enkel jetzt in diesem Moment hier stehen sehen können. All die Jahre, die sie keinen Kontakt gehabt hatten, wären vergessen gewesen.

Ich räusperte mich, um den Kloß loszuwerden, der plötzlich in meinem Hals steckte.

»Ja, Miss Collins?« Himmel, er kannte meinen Namen!

Die Gesichter drehten sich zu mir um. Verwirrt sah ich zu David. »Bitte?«

»Hatten Sie noch eine Frage? Es hatte den Anschein, dass Sie etwas sagen wollten.«

»Ähm, nein, keineswegs. Oder vielleicht doch: Willkommen in London, Mr Padget.«

Er lächelte. »Vielen Dank, Miss Collins.« Er erlöste mich, indem er sich wieder meinen Kollegen zuwandte. »Gibt es sonst noch Fragen?«

»Sind Sie verheiratet?«

Die Sprecherin war nicht auszumachen, doch die Frage führte zu lautem Gelächter.

»Nein, leider nicht«, antwortete David grinsend. »Und falls es sie interessiert: Mein Lieblingsessen ist Sheperd‘s Pie, und in meiner Freizeit spiele ich Tennis und surfe.«

Nachdem er die weibliche Belegschaft mit diesen Auskünften erfreut hatte, gab es keine weiteren Fragen. Die Betriebsversammlung löste sich allmählich auf. Der Vorteil an einem Stehplatz weit hinten war, dass wir als eine der ersten den Raum wieder verlassen konnten.

»Der Mann ist echt umwerfend«, flüsterte Melissa. »Was hast du nur gegen ihn?«

»Ich habe doch gar nichts gegen ihn«, sagte ich leise, darauf bedacht, dass uns niemand hörte, während wir die Treppe nach oben gingen.

»Doch, irgendwie schon.«

»Ich glaube, er wird eher etwas gegen mich haben, wenn ihm der ganze Klatsch und Tratsch der Kanzlei zu Ohren kommt.«

»Er wird diesen ganzen Mist bestimmt nicht glauben.«

Ich seufzte tief. »Hoffen wir es.«

Kapitel 3

David begann schon am Nachmittag mit den ersten Personalgesprächen. Ich arbeitete die Mittagspause durch, um meine morgendliche Verspätung aufzuholen. Endlich gelang es mir, mich auf die Arbeit zu konzentrieren und ich vergaß über den Unterlagen meiner Mandanten die Zeit, bis mein Telefon klingelte. Es war Mrs Loringham.

»Miss Collins, hätten Sie kurzfristig Zeit? Mr Padget würde gerne in seinem Büro mit Ihnen sprechen.«

Mir war schwindelig. »Das ist etwas spontan«, wehrte ich ab. »Ich sitze gerade an sehr wichtigen Verträgen …«

»Mr Harrington ist auch da«, betonte Mrs Loringham, als hätte sie durch die Telefonleitung mein Unbehagen gespürt.

Ich seufzte. »Ja, gut. Ich könnte in fünfzehn Minuten oben sein.« Besser war es, das unangenehme erste Gespräch direkt hinter sich zu bringen.

»Sehr schön, dann richte ich das Mr Padget so aus.«

Fünfzehn Minuten reichten aus, um zur Toilette zu gehen und mich frisch zu machen. Für das Desaster meiner Haare reichte es natürlich nicht. Da hätte nur ein einstündiger Besuch im Friseursalon geholfen. Ich löste meinen Dutt, kämmte die Locken mit den Fingern durch und band sie wieder zu einem ordentlichen Knoten. Meine Wangen leuchteten mir rosa aus dem Spiegel entgegen. Das war ein Nachteil meiner hellen Haut, man konnte mir jede Aufregung sofort ansehen.

Zwanzig Jahren hatten wir uns nicht gesehen. Konnte er sich wirklich nicht an mich erinnern?

Nun, in wenigen Augenblicken würde ich es erfahren.

Die Ausstattung des fünften Stockwerks war luxuriös. Die Teppiche waren dick und kostbar, die Möbel antik und aus dunklem Holz gearbeitet. Wertvolle Bilder schmückten die Brokatwände. Am anderen Ende des Flurs – tatsächlich genau zwei Stockwerke über meinem – lag Williams Büro. Er hatte immer gescherzt, dass meine Gedanken in Luftlinie ganz schnell bei ihm wären, noch bevor ich zu ihm käme, um sie auszusprechen. Jeder Schritt über die eleganten Teppiche fiel mir so schwer, als würde ich in Pumps über ein matschiges Feld laufen.

Die Tür zu dem Zimmer links von Wills Büro stand offen. Mrs Loringham lächelte mir aufmunternd zu. Die ältere Dame mit der strengen Hochsteckfrisur und der altmodischen Nickelbrille war immer nett zu mir gewesen. Williams Tod hatte auch sie sehr mitgenommen. Es tat gut, sie nun wieder lächeln zu sehen.

»Gehen Sie nur rein, die Herren warten schon auf sie«, sagte sie freundlich.

Ich atmete noch einmal tief durch, klopfte mit zitternder Hand an die schwere Tür und trat ein.

Wills Büro. Es sah noch genauso aus wie früher. Die antiken Möbel standen an Ort und Stelle, und an den Fenstern hingen keine Vorhänge. Will mochte es, wenn das Tageslicht hineinschien. Selbst ein Hauch seines Aftershaves hing noch in der Luft.

Das flaue Gefühl in meinem Magen wurde stärker. Nein, ich wollte nicht weinen. Nicht jetzt!

Wenigstens saß David nicht hinter dem Schreibtisch auf Wills Bürostuhl. Er und Arnold Harrington hatten sich auf der Sitzgruppe niedergelassen, die ganz in der Nähe des Fensters stand. Auf dem Couchtisch standen Wasser, Gläser und kleine Häppchen. Mein Magen knurrte bei diesem Anblick.

»Miss Collins! Wie schön, dass Sie so spontan kommen konnten«, begrüßte mich Arnold Harrington herzlich und deutete auf den Zweisitzer, der ihm und David gegenüberstand. Einer von Harringtons Vorfahren war ein englischer Aristokrat gewesen, dem Königshaus sehr nah, wie man munkelte. Ich fand, dass man ihm seine adelige Abstammung durchaus ansah. Er hatte schmale Hände, einen etwas altmodischen Schnurrbart und feine Gesichtszüge. Außerdem wirkte er sehr viel jünger als seine fünfzig Jahre.

David musterte mich aufmerksam und sagte zunächst nichts. Mit klopfendem Herzen setzte ich mich den beiden Männern gegenüber und kam mir etwas verloren vor auf dem Sofa.

»David, das ist Nora Collins, eine unserer begabtesten Junganwälte und Spezialistin für Erbrecht.«

David nahm eine schmale Akte vom Tisch, schlug sie auf und nickte. »Miss Collins, sind Sie zufrieden bei Padget & Harrington?«

»Ja, das bin ich«, antwortete ich ohne Zögern. Ich war irritiert und gleichzeitig erleichtert. David sah mich freundlich, aber distanziert an. Nein, er erinnerte sich ganz bestimmt nicht mehr an jenen Sommer. »Wieso sollte ich nicht zufrieden sein?«, erkundigte ich mich und brachte sogar ein Lächeln zustande.

»Abschluss in Cambridge mit Auszeichnung. Abschluss des LPC ebenfalls mit Auszeichnung. Trainee bei Black & Chase in London mit Aufenthalten in New York und Frankfurt. Nach Ihrer Anwaltszulassung kamen Sie direkt zu Padget & Harrington.«

»Das ist richtig.«

»Warum? Weil Ihre Mutter hier Anwältin ist? Das hätten Sie gar nicht nötig gehabt, mit Ihren Qualifikationen.«

Meine Mutter wäre eher ein Grund gewesen, nicht bei Padget & Harrington anzufangen. Ich biss mir auf die Unterlippe, um mir einen entsprechenden Kommentar zu verkneifen. »Nein, meine Mutter war nicht der Grund. Es war vielmehr die Kanzlei an sich. Ich mag es, wie nah sie bei ihren Mandanten ist. Teilweise betreuen wir Familien über Generationen hinweg. Das hat etwas sehr Persönliches, Direktes. Ja, sicher, die großen Wirtschaftskanzleien bringen viel Geld und Perspektiven mit sich, aber das war etwas, was mir nie ganz gelegen hat.«

Harrington nickte begeistert. Offensichtlich entsprach meine Antwort seinen Erwartungen. Sein Blick in Richtung David schien triumphierend ›Siehst du?‹ zu sagen.

»Sie werden uns also noch lange erhalten bleiben?«, versicherte sich David.

»Selbstverständlich.«

»Sehr gut.« David klappte meine Personalakte zu und sah mir nun direkt in die Augen. »Wir haben nämlich etwas mit Ihnen vor. Sie erinnern sich daran, was ich heute Vormittag in der Betriebsversammlung über die Verschiebung einiger Aufgabenbereiche gesagt habe? An welchen Akten arbeiten Sie momentan?«

»An der Sir Frasers Vermögensaufstellung und Testamentserstellung, außerdem an den Verträgen von Mr Jonson und Mrs Kelly.«

»Gut. Sie werden die Akten abgeben.«

»Was? Nein, wieso sollte ich?« Ich hatte mich gerade erst in die Unterlagen eingearbeitet. Besonders zu Sir Fraser hatte ich einen guten Draht. Warum sollte ich jetzt die Akten an jemand anderen abgeben? »Sind Sie nicht zufrieden mit meiner Arbeit?«

»Doch, doch«, beeilte sich Harrington zu sagen. »Sehr sogar. Daran liegt es ja. David, erklär ihr doch, was wir mit ihr vorhaben.«

»Es besteht die Möglichkeit, dass sich einige australische Mandanten an uns wenden. Mandanten, für die ich schon in Melbourne gearbeitet habe und die mir zu verstehen gegeben haben, dass sie gerne mit mir weiterarbeiten würden.«

»Sie sagten doch, sie möchten keine Filiale in Australien eröffnen?«

»Das werden wir auch nicht. Vorerst zumindest.« David beugte sich verschwörerisch nach vorn. »Konkret handelt es sich vor allem um ein australisches Pharmaunternehmen, das seine Fühler in den britischen Raum ausstreckt. Es möchte expandieren und braucht entsprechende rechtliche Beratung.

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