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Lebkuchenduft und Schneeflockenküsse

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

WIDMUNG

Dieses Buch ist Linda Elliott gewidmet, die am Weihnachtsabend 1961 ihrem Traummann Waymon (Ray) das Jawort gegeben hat.

Seit seiner Krankheit und seinem Tod im Jahr 2008 hat Linda sich wieder ihrer ersten großen Liebe zugewandt – dem Lesen.

1. KAPITEL

„Mom, auch wenn ich weiß, dass es keinen Weihnachtsmann gibt, kann ich trotzdem einen Weihnachtsstrumpf kriegen?“

Bailey Voss lächelte ihre Tochter an. Alleinerziehend zu sein war oft eine Herausforderung, aber manchmal dachte sie, dass sie es doch ganz gut hinbekam.

„Natürlich“, erklärte sie der Siebenjährigen. „An Weihnachten geht es um die Menschen, die wir lieben, und darum, unsere Traditionen miteinander zu teilen. Ein Weihnachtsstrumpf gehört definitiv dazu.“

Chloe strahlte. „Wann können wir die Strümpfe aufhängen? Und das Haus dekorieren?“ Ihr kluges, bezauberndes Mädchen hielt inne. „Nachdem wir umgezogen sind, oder? Können wir unseren Weihnachtsbaum gleich am ersten Abend aufstellen?“

„Das können wir“, versprach Bailey ihr. Obwohl sie sich ziemlich sicher war, dass sie nach einem langen Umzugstag müde sein würde, war sie entschlossen, ihrem kleinen Mädchen dieses Jahr das beste Weihnachtsfest aller Zeiten zu bereiten.

Chloe hatte bereits so viel durchgemacht, vor allem nach dem Verlust ihres Vaters vor über einem Jahr. Bailey und ihre Tochter hatten sich in Fool’s Gold ein Zuhause erschaffen und würden in nicht einmal einem Monat in das Haus ziehen, das, wie Bailey hoffte, für immer ihr Zuhause sein würde. Bailey hatte einen tollen Job, den sie liebte, Chloe hatte Freunde und war gut in der Schule, und eine schöne Vorweihnachtszeit war genau das Richtige, um das Jahresende zu feiern.

Chloe ging zu dem Kalender, der am Kühlschrank hing, und zählte die Tage ab.

„Noch siebzehn Tage bis Thanksgiving“, brachte sie aufgeregt hervor. „Und dann noch zwölf Tage, bis wir umziehen und unseren Baum und die Strümpfe bekommen.“ Sie eilte zu ihrer Mutter und umarmte sie. „Es ist schon beinahe Weihnachten!“

Bailey hielt sie fest und streichelte ihr übers Haar. „Ich bin so stolz auf dich, Honey“, meinte sie und versuchte, nicht zu emotional zu klingen. „Du arbeitest so hart in der Schule und bist mir eine echt große Hilfe.“

Ihre Tochter sah sie an. „Ich liebe dich, Mom.“

„Ich liebe dich auch, meine Kleine.“ Sie schaute auf die Uhr über dem Herd und stieß einen kleinen Schrei aus. „Wir sind viel zu spät!“

Chloe lachte und löste sich aus ihrer Umarmung, dann rannte sie aus der Küche. „Ich bin fertig. Ich brauche nur noch meinen Mantel.“

Fünf Minuten später liefen die beiden strammen Schrittes auf Chloes Schule zu. Nachdem Bailey ihre Tochter abgesetzt hatte, ging sie weiter in Richtung Rathaus, wo sie als Assistentin von Bürgermeisterin Marsha Tilson arbeitete.

Bürgermeisterin Marsha war die am längsten regierende Bürgermeisterin in Kalifornien und leitete ihre Stadt mit einer beeindruckenden Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche. Bailey war überzeugt davon, dass Bürgermeisterin Marsha den Teufel selbst dazu bringen könnte, ihr zu Diensten zu sein. Und heute war keine Ausnahme.

Nur würde heute nicht der Teufel durch die Tür in Bürgermeisterin Marshas Büro kommen, sondern ein großer, breitschultriger Mann, der Baileys Herz auf eine Weise klopfen ließ, die nicht gesund sein konnte.

„Es ist nur eine kleine Schwärmerei“, versuchte Bailey sich zu beruhigen, während sie in der Schlange im Brew-haha auf ihren morgendlichen Latte macchiato wartete. Dann erkannte sie, dass inmitten von Menschen Selbstgespräche zu führen ein sicherer Weg war, dafür zu sorgen, dass Nachbarn und Freunde sich Sorgen um einen machten. Sie presste die Lippen aufeinander, bevor sie spürte, wie sie zu lächeln begann. Wann immer sie an Kenny Scott dachte, fühlte sie sich wie ein sechzehnjähriger Teenager.

Sie wusste, dass es nicht schlimm war, für ihn zu schwärmen. Von einem attraktiven Mann zu träumen, war nichts Außergewöhnliches. Solange sie deswegen nichts unternahm, war alles gut. Denn sich auf den muskulösen ehemaligen NFL-Spieler und Super-Bowl-Gewinner zu stürzen, wäre dumm und vermutlich mitleiderregend.

Auf keinen Fall konnte sie Kennys Typ sein. Nicht, dass sie ihn jemals mit einer Frau zusammen gesehen hätte, aber dennoch. Er war einfach umwerfend. Dunkelblondes Haar, große blaue Augen. Er hatte den Körper eines Superhelden und war unglaublich stark. Ein sanfter Riese von einem Mann. Und wo sie gerade von groß sprach, fielen ihr seine Hände ein …

Sie unterdrückte ein weiteres Seufzen, gab ihre Bestellung auf, winkte ihrer Freundin Patience zu, die die Espressomaschine bediente, und trat dann beiseite, um auf ihr Getränk zu warten.

Tatsache war nun einmal, dass berühmte ehemalige NFL-Stars nicht mit alleinerziehenden Kleinstadtmüttern ausgingen. Vor allem nicht mit solchen, die mit zwanzig Pfund zu viel auf den Hüften zu kämpfen hatten. Bailey glaubte, nicht unattraktiv zu sein. Sie hatte dicke rote Haare und eine schöne Haut, doch sie sah nicht so aus wie die Frauen in den Hochglanzmagazinen. Sie war eben durchschnittlich, hatte einen Job, sorgte sich um ihre Tochter, und die meiste Zeit reichte ihr Gehalt gerade so, dass sie ihre Rechnungen bezahlen konnte. Zusammengefasst war sie nicht gerade ein Magnet für Traummänner.

Aber das war das Schöne an einer Schwärmerei. Sie konnte so viel gucken und schmachten, wie sie wollte. Und wenn der fragliche Mann heute zufällig für ein Meeting ins Büro kam, dann hatte sie einfach noch mehr, wovon sie später träumen konnte. Was den heutigen Tag in einen sehr guten Tag verwandelte.

Wie Kenny Scotts Freund Jack es einmal ausgedrückt hatte, war ein Besuch bei Bürgermeisterin Marsha ein wenig wie eine Audienz beim großen und mächtigen Zauberer von Oz. Nur ohne die fliegenden Affen oder den Mann, der hinter den Vorhängen alles manipulierte. Zu Kennys Pech übte Bürgermeisterin Marsha ihre Macht auf die altmodische Art aus und nicht durch Rauch und Spiegel. Ansonsten wäre es so viel leichter, ihr zu widerstehen.

Es ist ja nicht so, dass ich Angst vor der Frau habe, sagte er sich, als er in Richtung Rathaus lief. Er mochte nur keine Situationen, in denen er nicht Nein sagen konnte. Und bei Bürgermeisterin Marsha war „nein“ ein Wort, das nur die wenigsten Menschen jemals aussprachen.

Er wusste, er könnte sich einreden, standhaft zu bleiben. Dass sie einfach nur eine alte Frau war. Allerdings war die Wahrheit wesentlich komplexer. Bürgermeisterin Marsha wusste Dinge, von denen sie eigentlich nichts wissen konnte, und niemand hatte auch nur eine Ahnung, woher. Kenny schätzte, dass sie ein Netzwerk an Spionen hatte, die ihr die Informationen zuspielten. Und die pflegte sie dann alle in irgendein altes Computerprogramm der NSA ein, das Verhalten vorhersagen konnte. Kopfschüttelnd stieg er die Treppe zum Haupteingang hinauf. Vielleicht sollte er einfach die vorherrschende Meinung akzeptieren, dass die Bürgermeisterin nicht von dieser Welt war. Oder Vorahnungen hatte. Egal wie, sie hatte ihn einbestellt, und da war er nun.

Er ging die Treppen in den ersten Stock hinauf und durch den breiten Flur auf das Büro der Bürgermeisterin zu.

Als er durch die offene Tür trat, wurde er von einer dreihundert Pfund schweren Dampfwalze überrollt. Okay, natürlich nicht wirklich, aber es fühlte sich so an. Unbemerkt von der einzigen anderen Person im Vorraum des Büros, blieb er stehen. Er sagte sich, dass er sich den Schlag in die Magengrube nur einbildete. Genau wie die enorme Anziehungskraft.

Er kannte die kurvige Rothaarige, die vor dem Heiligtum der Bürgermeisterin Wache hielt. Er hatte sie schon Dutzende Male in der Stadt gesehen, hatte sich mit ihr unterhalten. Er kannte sogar ihr Kind. Aber während die siebenjährige Chloe bezaubernd und nur ein klein wenig gefährlich war, war ihre Mom einfach umwerfend. Bailey Voss war die fleischgewordene Verführung. Sie sollte ein Warnschild um den Hals tragen und eine Sperrzone um sich herum errichten. Denn wenn er sich ihr auch nur auf drei Meter näherte, schaltete sein Gehirn ab, und er benahm sich wie ein Idiot.

Er hatte keine Ahnung, was genau ihn an ihr so anzog. Sie war groß, und er mochte große Frauen, aber das allein war noch nicht so ungewöhnlich. Das lange, wellige rote Haar war sexy, erklärte seine Reaktion auf sie aber auch nicht im Entferntesten. Gern hätte er ihre Ausstrahlung auf die grünen Augen geschoben. In denen lag eine gewisse Unschuld, ein Vertrauen, und das sprach ihn an.

Okay, gut. Er würde es zugeben. Er war genauso einfach gestrickt wie jeder andere Mann auf dem Planeten. Sex war wichtig, und wenn er Bailey Voss sah, konnte er nur daran denken, sie auszuziehen und sich mit ihr zwischen den Laken zu wälzen. Er war sich ziemlich sicher, dass er nach drei- oder vierhundert Malen befriedigt wäre.

Unter anderen Umständen würde er sie um ein Date bitten, sie mit seinem Charme einwickeln, ins Bett locken und dann weiterziehen. Oder sich Hals über Kopf in sie verlieben. Er war für beides offen. Nur würde das nicht passieren. Niemals. Sie war eine alleinerziehende Mutter, und er verabredete sich nicht mit alleinstehenden Müttern. Weder jetzt noch in Zukunft. Denn alleinerziehende Mütter hatten Kinder, und auch wenn ein Mann es überleben konnte, sich in eine Frau zu verlieben, rissen Kinder einem das Herz heraus und nahmen es mit sich, wenn man sich wieder trennte. Davon konnte man sich niemals erholen.

Er versuchte sich zusammenzureißen und räusperte sich. Bailey schaute auf und lächelte ihn an.

Mehr brauchte es nicht. Ein süßes Lächeln, und er war verloren. Er hatte in der NFL gespielt … Sollte er mit so etwas nicht besser klarkommen?

„Hi, Kenny“, begrüßte sie ihn. „Pünktlich auf die Minute.“

„Ich dachte, wenn ich es nicht wäre, würde sie den Drachen loslassen.“

Bailey lachte, was ihn auf den Gedanken brachte, zueinander passende Handtücher zu besorgen und vielleicht ein paar Monogramme einsticken zu lassen. Irgendwo hatte er einmal gelesen, dass Männer vielleicht den Westen erobert, die Frauen ihn aber zivilisiert hatten. Wahre Worte, dachte er verdrießlich.

„Die Bürgermeisterin hat gemeint, ich soll dich gleich reinschicken“, erklärte Bailey, stand auf und kam hinter ihrem Schreibtisch hervor.

Sie trug ein Kleid aus einem grauen, tweedartigen Stoff, der vermutlich einen Namen hatte oder zumindest der neuesten Mode entsprach. Aber Farbe und Stil waren ihm egal. Er mochte einfach, wie das Kleid ihre Rundungen und die vollen Brüste betonte. Sie trug Stiefel mit praktischen flachen Absätzen, und dennoch reichte sie ihm bis über die Schulter.

Sie kam näher, und plötzlich roch er ein sehr mädchenhaftes Shampoo oder Duschgel. In Gedanken sah er Bailey sofort nackt unter der Dusche, was gefährlich und gleichzeitig sehr angenehm war.

Sie ging voran zu der geschlossenen Doppeltür, und er folgte ihr. Als sie unerwartet stehen blieb, wäre er beinahe in sie hineingelaufen. Bevor er einen Schritt zurücktreten konnte, drehte sie sich zu ihm um und schaute ihn an.

Sie hatte unglaublich schöne Augen und sehr lange Wimpern. Auf ihren vollen Lippen schimmerte eine Art Gloss, und kurz fragte er sich, ob der wohl einen Geschmack hatte. Denn ab und zu, wenn er eine Frau küsste, bekam er zwei zum Preis von einem: einen süßen, sexy Mund und einen Hauch von Piña Colada. Das war nett. Frauen an sich waren nett, und Bailey war die netteste von ihnen …

Unter Aufbietung all seiner Selbstbeherrschung wich er ein wenig zurück in Richtung Sicherheit. Schon früh in seiner Karriere hatte sein Trainer ihm gesagt, dass er nur eine Aufgabe auf dem Feld hatte: den Football zu fangen und mit ihm in die Endzone zu laufen. Sonst nichts. Dieser Rat hatte ihm sehr geholfen.

Wenn es um Bailey ging, musste er nur eine Sache im Kopf behalten: Sie war nichts für ihn. Wenn er das nicht vergaß, würde alles gut.

„Oh, ich habe ganz vergessen zu fragen“, sagte sie. „Willst du einen Kaffee? Ich habe gerade eine Kanne aufgesetzt.“

„Nein danke.“

Ihre Augen blitzten auf, und ihr Lächeln wurde breiter. Er wollte sie fragen, was sie gerade dachte, aber bevor er dazu kam, öffnete sie die Tür zum Büro der Bürgermeisterin und führte ihn hinein.

Der Raum war mit einem riesigen Schreibtisch und großen Fenstern ausgestattet. Hinter dem Schreibtisch hingen drei Flaggen: die US-Flagge, die Flagge des Staates Kalifornien und eine, von der er annahm, dass sie das Wappen der Stadt Fool’s Gold zeigte.

Bürgermeisterin Marsha war Mitte sechzig und hatte weiße Haare. Sie trug immer Hosenanzüge oder Kostüme und eine Perlenkette. Rein äußerlich betrachtet war sie überhaupt nicht einschüchternd, aber er hatte schon oft gesehen, wie große, erwachsene Männer sich ihren Wünschen fügten, ohne erklären zu können, warum.

Heute trug sie ein rotes Kleid. Sie lächelte ihn willkommen heißend an, als er Bailey zu ihrem Tisch folgte, dann erhob sie sich und schüttelte ihm die Hand.

„Mr. Scott, danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, sich heute mit mir zu treffen.“

Ha, als hätte er eine Wahl gehabt. „Nennen Sie mich doch bitte Kenny.“

Sie bedeutete ihm, sich zu setzen. Bailey nahm auf dem Stuhl neben ihm Platz, und Bürgermeisterin Marsha setzte sich wieder hinter ihren Schreibtisch.

Die ältere Frau musterte sie beide einen Moment, bevor sie nickte. Als wäre sie gerade zu einer Entscheidung gekommen. Kenny fragte sich kurz, wie sehr ihn diese Entscheidung betreffen würde.

„Wie Sie sicher wissen“, setzte sie an, „unterhalten wir verschiedene Serviceprojekte für unsere ZKM-Forste.“

„Ja.“

Fool’s Gold hatte seine eigene Version der Pfadfinder. Es waren die Zukünftigen Kriegerinnen der Máa-Zib, kurz ZKM. Der Máa-Zib-Stamm war der frühere Eingeborenenstamm dieser Gegend. Es handelte sich um eine matriarchalische Gesellschaft, und somit waren die ZKM für Mädchen im Alter von sechs bis vielleicht zehn Jahren. Im ersten Jahr waren sie Eicheln, dann Sprösslinge, bis sie im letzten Jahr zu mächtigen Eichen wurden. Die einzelnen Mädchengruppen nannten sich Forst, und für jede gab es einen Forstwächter.

Taryn, seine Geschäftspartnerin, leitete einen dieser Forste zusammen mit ihrem Ehemann Angel. Chloe, Baileys Tochter, war in ihrem Forst. Letztes Frühjahr hatte Kennedy ihr und einer ihrer Freundinnen geholfen, Knoten zu lernen.

„Kennen Sie die Sprösslinge?“, fragte die Bürgermeisterin.

„Taryns Forst? Sicher.“ Er schaute Bailey an, aber sie schien genauso überrascht zu sein wie er.

„Gibt es ein Problem mit den Sprösslingen?“, fragte sie ihre Chefin. „Chloe hat mir gar nichts erzählt.“

„Nein, es ist alles gut“, versicherte die Bürgermeisterin ihr. „Wir haben jedoch ein kleines logistisches Problem. Jeder Forst hat ein Serviceprojekt fürs laufende Jahr. Die Sprösslinge möchten gerne Spielzeug sammeln, um es an Weihnachten an bedürftige Kinder zu verschenken. Das ist ein bewundernswertes und ambitioniertes Projekt, aber da Taryn und Angel im nächsten Monat verreisen, haben sie keinen Leiter für ihre Gruppe.“

„Taryn will nicht verreisen“, erwiderte Kenny. Dann hätte sie ihm oder ihren Partnern doch irgendetwas gesagt. Er hatte sie gerade gestern erst auf der Mitarbeiterversammlung getroffen.

„Sie und Angel werden einen Monat auf den Fidschi-Inseln verbringen“, erklärte Bürgermeisterin Marsha ihnen. „Deshalb brauchen die Sprösslinge jemanden, der den Forst übergangsweise übernimmt. Da habe ich sofort an Sie beide gedacht.“

Kenny beschlich ein ungutes Gefühl. Auf keinen Fall. Nicht er. Er konnte nicht die Verantwortung für eine Gruppe von kleinen Mädchen übernehmen. Selbst wenn er die Zeit hätte, was gut möglich wäre, wollte er sich nicht auf diese Weise einbringen. Das war zu persönlich. Außerdem hatte die Bürgermeisterin gesagt, er und Bailey. Aber er konnte nicht mit ihr arbeiten. Nicht so eng. Sie war zu sexy und begehrenswert.

„Sehr gern“, sagte Bailey schnell. Sie lächelte Kennedy an, dann wandte sie sich wieder an die Bürgermeisterin. „Das ist eine tolle Idee. Es ist erst Chloes zweites Weihnachten ohne ihren Vater. Letztes Jahr war für sie so schwer. Ich habe mir Sorgen gemacht, wie sie die Feiertage überstehen würde. Ich glaube, sich darauf zu konzentrieren, Spielzeuge für Kinder in Not zu sammeln, wird ihr helfen, das Schöne dieser Jahreszeit zu sehen.“

Kenny fluchte leise. Er hatte aber auch immer ein Glück. Wie sollte er jetzt noch Nein sagen? Er würde dastehen wie ein Idiot. Außerdem mochte er Chloe. Er wollte nicht, dass sie an Weihnachten traurig war. Er hatte zwar einen starken Selbsterhaltungstrieb, aber ein Arsch war er nicht.

„Ausgezeichnet.“ Die Bürgermeisterin reichte ihnen beiden eine Mappe. „Hier drin finden Sie ein paar der für die Sammlung zugelassenen Websites. Jedes der Mädchen muss eine kleine Kiste dekorieren und aufstellen. Diese Kisten müssen regelmäßig geleert werden. Die Sammelaktion wird am Samstag nach Thanksgiving anfangen. Das lässt Ihnen genügend Zeit, um das Dekorieren und Aufstellen der Kisten zu organisieren. Die Spielzeuge werden am neunzehnten Dezember nach Sacramento gebracht und noch am gleichen Wochenende verteilt.“

Sie gab ihnen noch ein paar Instruktionen mit auf den Weg, dann dankte sie Kenny und Bailey dafür, dass sie eingewilligt hatten zu helfen. Erst als Kenny wieder vor dem Büro stand, erkannte er, dass er überhaupt nicht eingewilligt hatte. Allerdings würde er das jetzt auch nicht mehr erwähnen.

Er saß auf dem Besucherstuhl an Baileys Schreibtisch und öffnete seine Mappe. Auf den ordentlich ausgedruckten Blättern stand alles, was getan werden musste.

„Ich weiß, wo wir einen Lkw herbekommen“, meinte Bailey. „Bürgermeisterin Marsha hatte mich schon beauftragt, nachzufragen, ob er frei ist, aber bis jetzt wusste ich nicht, warum.“

Er hatte immer noch Probleme, das alles zu verdauen, und so nah bei Bailey zu sitzen half auch nicht gerade. Wieder stieg ihm ihr blumiger Duft in die Nase, der ein wenig mädchenhaft war und alles nur noch schlimmer machte.

„In einen Lkw gehen aber ganz schön viele Spielzeuge“, bemerkte er.

„Die kommen in dieser Stadt schon zusammen“, versicherte Bailey ihm. „Okay, ich werde mal schauen, wo wir die leeren Kisten abholen können. Wir müssen einen Termin festlegen, an dem sie dekoriert werden sollen. Wenn die Sammlung am Samstag nach Thanksgiving anfangen soll, sollten wir an dem Sonntag davor dekorieren. Passt das bei dir?“ Sie schaute ihn an, und er verlor sich in ihren großen grünen Augen.

„Ich hab nie zugestimmt“, gab er zurück und wusste, dass er wie ein Idiot klang.

Um ihre Mundwinkel zuckte es. „Mach dir darüber keine Sorgen. Das geht allen so bei Bürgermeisterin Marsha. Außer du möchtest noch mal reingehen, um ihr abzusagen.“

„Eher nicht.“

„Das hab ich mir gedacht.“ Sie legte ihm die Hand auf den Arm. „Das wird lustig.“

Ihre Finger waren lang und schlank, und er spürte ihre Wärme durch sein Hemd. Ihm fielen viele Wörter ein, mit denen er beschreiben könnte, wie es wäre, einen Monat oder länger mit Bailey zusammenzuarbeiten, aber er war nicht sicher, ob „lustig“ dazu gehörte. „Folter“ traf es eher.

„Ich, äh, habe einen großen SUV“, sagte er, nachdem er sich geräuspert hatte. „Den können wir benutzen, um zwischendurch die Kisten zu leeren.“

„Super.“ Sie zog die Hand zurück. „Am besten stellen wir einen Zeitplan auf. Den können wir dann beim ZKM-Treffen mit den Mädchen besprechen. Sie sollen auch ihre Eltern animieren, uns zu helfen.“

„Es gibt ein Treffen?“, fragte er.

Sie nickte. „Da müssen wir beide dran teilnehmen. Durch Chloe kenne ich die meisten der Mädchen, aber sie müssen dich auch kennenlernen, und wir müssen besprechen, was wir zum Dekorieren der Kisten benötigen.“ Ihre glänzenden Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. „Ich freu mich schon so drauf.“

„Ich mich auch“, log er, denn persönlich fand er, es wäre einfacher, es mit den fliegenden Affen vom Zauberer von Oz aufzunehmen.

Kenny betrat Taryns Büro und ging auf ihren Schreibtisch zu. „Du hast mir einiges zu erklären“, verkündete er und bemühte sich, möglichst einschüchternd auszusehen.

Zu seinem Pech arbeitete Taryn schon seit mehreren Jahren mit drei ehemaligen NFL-Spielern zusammen, sodass sie nicht mehr viel erschüttern konnte. Anstatt nervös oder wenigstens schuldbewusst auszusehen, hob sie einfach die Augenbraue und wartete.

„Du und Angel“, sagte er anklagend, „ihr lasst unsere Sprösslinge im Stich. Zu Weihnachten werden Spielzeuge gesammelt, und ich bin in die ganze Sache mit reingezogen worden.“

„Wovon redest du da? Woher weißt du von unserer Reise? Wir haben doch erst vor ein paar Tagen beschlossen, einen Monat auf den Fidschi-Inseln zu verbringen. Noch haben wir es niemandem gesagt.“

„Irgendjemand hat es Bürgermeisterin Marsha erzählt. Ich komme gerade von einem Treffen mit ihr. Ich werde mit Bailey Voss zusammen die Spielzeugsammlung organisieren. Und du weißt, wie’s läuft … Ich konnte einfach nicht Nein sagen.“

Um Taryns Mundwinkel zuckte es, aber das war nicht halb so sexy, wie es bei Bailey gewesen war. Denn er wusste, dass Taryn nicht mit ihm lachte, sondern über ihn.

„Das ist nicht lustig“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Irgendwie schon.“ Sie stand auf und kam um den Schreibtisch herum auf ihn zu.

Wie üblich trug sie einen Designeranzug und war barfuß. Denn sie liebte diese dummen Schuhe, die zu hoch waren, um den ganzen Tag darin zu laufen. Lächelnd legte sie ihm die Hände auf die Brust und schaute ihm in die Augen.

„Danke, dass du meinen Sprösslingen mit der Spielzeugsammlung hilfst.“

„Dafür schuldest du mir was.“

„Ja, das tue ich. Ich weiß nicht, wie Bürgermeisterin Marsha es rausgefunden hat, aber ich danke dir, dass du für uns einspringst.“

Er schüttelte den Kopf. Von ein paar Komplimenten allein würde er sich nicht beschwichtigen lassen.

Sie lächelte. „Nein, ehrlich. Das bedeutet mir sehr viel. Das sind meine Mädchen, und ich möchte, dass sie schöne Feiertage haben.“

Düster schaute er sie an. „Ich hab doch schon gesagt, dass ich es mache, oder? Du musst mich nicht noch überzeugen.“

„Nein, aber ich fände es schön, wenn du ein wenig so tun würdest, als könnte es Spaß bringen. Außer …“ Das amüsierte Funkeln in ihren violetten Augen verschwand und wurde durch Sorge ersetzt.

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