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Lebensretter Dr. Lockhart!

WILDFIRE ISLAND DOCS

DAS TEAM:

Dr. Max Lockhart

Chirurg

Caroline Lockhart

Krankenschwester

Henrietta (Hettie) de Lacey

Pflegedienstleiterin

Dr. Sam Taylor

Inselarzt, Bakteriologe

Dr. Keanu Russell

Inselarzt

Vailea Kopu

Köchin und Reinigungskraft

Anahera (Ana) Wilson

Krankenschwester

Dr. Luke Wilson

Tropenarzt

Manu

Krankenpflegehelfer

Lia Taylor

Rettungssanitäterin

Leah

Stationssekretärin

Beth

Krankenschwester

Dr. Josh Campbell

Notarzt

Dr. Maddie Campbell

Flying Doctor

Dr. Sarah al-Taraq

Flying Doctor

PATIENTEN:

Sefina Dason

Tomas Cody

Billy Tarla

Indi Hika

UND:

Scheich Rahman al-Taraq (Harry)

Mäzen und Sarahs Mann

Ian Lockhart

Max‘ Bruder

Joni

Sefinas Sohn

Louis Dason

Sefinas Mann

Bessie, Harold

Haushälterehepaar

Hana

Anaheras Tochter

Julien

Anaheras und Lukes Sohn

Christie

Carolines und Keanus Tochter

Ky

Polizeichef

Darryn

Hetties Exmann

1. KAPITEL

Seine Heimkehr drohte buchstäblich ins Wasser zu fallen. Es war nicht ausgeschlossen, dass seine Tochter ohne ihn heiraten musste, weil er auf See festsaß.

Max machte sich allerdings keine großen Sorgen. Nach dem Zyklon herrschten auf Wildfire Island sicher noch chaotische Zustände, aber das Wetter hatte sich beruhigt, und der Sunset Beach war bei einheimischen Spaziergängern sehr beliebt. Wäre die Strömung nicht so stark gewesen, Max hätte versucht, ans Ufer zu schwimmen, aber das hätte seinen sicheren Tod bedeutet. Stattdessen konnte er nur darauf hoffen, dass jemand am Strand entlangschlenderte, seine havarierte Jacht entdeckte und ein Boot zu ihm hinausschickte.

Dr. Max Lockhart, erfahrener Chirurg und nicht so erfahrener Segler, ging unter Deck und holte sich ein Bier. Es gibt Schlimmeres, als hier festzusitzen, dachte er. Seine Lillyanna war eine kompakte Dreißig-Fuß-Jacht und nicht so schwer beschädigt, dass es für ihn ungemütlich werden konnte. Sie lag in den tropischen Gewässern vor Wildfire Island. Schwärme winziger Fische glitzerten wie Silbertropfen, wenn sie die Oberfläche des im Sonnenlicht funkelnden Wassers durchbrachen. Die Sonne schien warm. Max hatte für eine weitere Woche Proviant an Bord, und im Windschatten der Insel war das Meer relativ ruhig.

Allerdings blieb die Tatsache, dass er nicht weiterkam. Der Ozean war immer noch aufgewühlt. Um die zerklüfteten Klippen der Landzunge herum in den Hafen von Wildfire zu fahren wäre selbstmörderisch gewesen. Und als der Wirbelsturm am heftigsten tobte, waren Max’ Funkgerät kaputt und sein Handy über Bord gegangen.

Ihm blieb also nichts anderes übrig, als geduldig abzuwarten, bis jemand auf ihn aufmerksam wurde. Aber hatte er sich nicht bewusst für den Segeltörn und gegen die Flugreise entschieden? Um Zeit zu haben, seine Gedanken zu ordnen und sich in Ruhe auf die Begegnung mit den Insulanern vorzubereiten?

Und wie sollte er voller Freude die Hochzeit seiner Tochter feiern, wenn in ihm Groll und Kummer schwelten? Max brauchte Abstand und hatte gehofft, dass die Einsamkeit auf See ihm helfen würde, Schuldgefühle und Trauer zu bewältigen.

Nicht, dass es viel gebracht hat, dachte er und trank den letzten Schluck Bier. Vielleicht wäre statt Ruhe Ablenkung besser für ihn?

Und da war sie – als hätten seine tristen Gedanken sie heraufbeschworen! Max sah zwei Personen auf der Insel.

Die eine war eine Frau, die mit ihrem Hund am Strand spazieren ging. Und die andere, auch eine Frau, bewegte sich oben auf der Landzunge genau auf die Klippe zu.

Zum Rand der Klippe? Was, zum …?

Als Kind war Max mit seinen Freunden von diesen Felsen ins Meer gesprungen. Allerdings nur bei ruhiger See. Sie hatten sich gegenseitig herausgefordert, den hundert Meter tiefen Sprung zu wagen. Unten angekommen, ließen sie sich von der Strömung zum Korallenriff tragen und sammelten Kräfte für den anstrengenden Rückweg zum Strand. Sie hatten stundenlang ihren Spaß. Ihren Eltern hingegen bescherten sie Albträume.

Die Frau auf der Landzunge schien ihren eigenen Albtraum zu durchleben. Zielstrebig marschierte sie zum Kliff.

Selbstmord? Der Gedanke hakte sich in ihm fest.

Max schnappte sich sein Fernglas, eins der wenigen Dinge, die der Sturm ihm nicht entrissen hatte. Die Frau war noch jung. Sie presste ein Bündel, eingewickelt in ein scharlachrotes Tuch, an die Brust. Ein Kind?

Wie von einem Magneten gezogen, näherte sie sich unaufhaltsam dem Rand des Kliffs. Seit dem Zyklon war das Meer unterhalb der Felsen ein weiß schäumender gieriger Schlund. Schon als Kind hatte Max gewusst, dass er vor seinem waghalsigen Sprung ausreichend Anlauf nehmen musste, um hinter den Felsen im Meer zu landen.

„Nein!“ Max wusste, dass der Wind seine Warnung davontrug, bevor sie sie hören konnte. „Bleib stehen!“, brüllte er trotzdem.

Sekunden später tat sie den letzten Schritt.

Hettie de Lacey, Pflegedienstleiterin des kleinen Inselkrankenhauses von Wildfire Island, hatte nichts gegen Stürme. Im Gegenteil. Sie vertrieben die Schwüle und klärten das Wasser in den Lagunen, sodass die Welt neu und wie frisch gewaschen wirkte.

Ein Unwetter wie das, das die Inselgruppe vor drei Tagen heimgesucht hatte, hätte sich Hettie allerdings nie im Leben gewünscht. Der Zyklon hatte massive Schäden angerichtet, viele Menschen waren verletzt worden, und das Krankenhaus platzte aus allen Nähten. Hettie hatte sich die Hacken abgelaufen, um die Verletzten zu versorgen.

Seit einer gefühlten Ewigkeit hatte sie nun Zeit für einen Spaziergang und ein bisschen Ruhe. Der Sunset Beach lag recht geschützt, aber Hettie befand sich am nördlichen Ende, wo die Wellen krachend gegen die Landzunge donnerten. Draußen auf dem Meer herrschte gefährlich hoher Seegang.

In einem anderen Leben hätte sie sich jetzt ein Surfbrett geschnappt und wäre rausgepaddelt. Einen kurzen Moment lang erlaubte sie sich Erinnerungen an die achtzehnjährige Hettie, die alles liebte, was mit dem Meer zu tun hatte.

Darryn eingeschlossen …

Okay, auf diese spezielle Erinnerung konnte sie verzichten. Wie naiv sie gewesen war! Darryn hatte ihr ihre Träume genommen und ihr Leben zerstört …

Vergiss es endlich, ermahnte sie sich. Es ist Jahre her, du hast dir ein neues Leben aufgebaut. Ein wundervolles Leben. Und sie war glücklich und zufrieden damit, jedenfalls meistens.

Eine Bewegung hinter dem Korallenriff erregte ihre Aufmerksamkeit.

Es war eine Jacht, eine elegante alte Lady, klassisch aus Holz gebaut. Sie ankerte südlich des Bird’s Nests, eines kleinen Atolls am Ende des Unterwasserriffs, das an der Küste begann.

Der Besitzer der Jacht musste mit seinem Boot am Atoll Schutz gesucht haben.

Das ist bestimmt Max Lockhart, dachte Hettie erleichtert. Dem Himmel sei Dank! Sie alle hatten mit Caroline gefühlt, die seit dem Wirbelsturm um ihren Vater bangte. Der Eigentümer von Wildfire Island hatte sich mit der Jacht auf den Weg gemacht, um zur Hochzeit seiner Tochter zu kommen. Nachdem er von Cairns aus aufgebrochen war, hatte Caroline, eine von Hetties besten Krankenschwestern, vor drei Tagen jeden Kontakt zu ihm verloren. Sie wusste nur, dass er während des Zyklons dort draußen auf See war. Niemand hatte auch nur die geringste Ahnung, ob er überlebt hatte.

Hettie konnte ihn von ihrem Standpunkt aus ziemlich klar erkennen, aber sie war ihm bisher nicht begegnet. Der Zufall wollte es, dass sie bei seinen seltenen Besuchen auf der Insel jedes Mal nicht da gewesen war. Aber das musste er sein. Bei dem Wellengang war die Zufahrt zum Hafen nur unter Lebensgefahr passierbar. Max hatte sich den sichersten Platz rund um die Insel gesucht.

Sie wollte ihm schon zuwinken, stutzte jedoch. Der Mann auf der Jacht winkte bereits. Schrie dabei. Aber sie war nicht gemeint. Wer dann, jemand auf der Landzunge?

Max saß augenscheinlich da draußen fest. Hatte er jemanden entdeckt und versuchte, ihn aufmerksam zu machen, damit man ihn mit einem Dingi abholte? War da jemand auf den Klippen? Hettie lief zum Wassersaum und blickte hoch.

Im nächsten Augenblick hielt sie entsetzt den Atem an. Dort, wo das seichte Gewässer in tieferes überging und die Felsen steil aufragten, peitschte der Wind das vom Zyklon immer noch aufgewühlte Meer.

Und ganz oben auf der Landzunge war Sefina Dason.

Die junge Frau befand sich gut hundert Meter über ihr, doch Hettie hätte sie überall erkannt. In den letzten Tagen hatte Sefina im Krankenhaus gelegen, nicht als Opfer des Wirbelsturms wie so viele andere, sondern misshandelt von ihrem brutalen Ehemann. Ihren kleinen Jungen hatte sie mitbringen müssen, weil sich niemand um ihn kümmern wollte. Was in dieser eng verschworenen Gemeinde eigentlich undenkbar war.

Es gab Gerüchte, dass …

Hettie kappte den Gedanken. Sefina eilte die Landzunge entlang, als hätte sie nur ein Ziel. Den Rand der Klippe!

Sefina drehte sich, nur ein bisschen, aber die kurze Bewegung genügte. Hettie sah das Bündel in dem dunkelroten Tuch, das die junge Mutter an die Brust drückte. Ihr Entsetzen wuchs ins Unermessliche.

Joni!

Nein! Sie schrie auf und rannte los, stolperte über die Felsen, als der Sandstrand endete und ins Riff überging. Nein!

Hettie hörte den Mann auf der Jacht brüllen.

Sefina machte zwei Schritte und verschwand.

Max kannte die Gewässer unterhalb der Landzunge wie seine Westentasche. Bei schönem Wetter zeigte es sich still und unbewegt wie ein tiefer, rätselhafter Pool, der sich zum Korallenriff hin öffnete. Für wagemutige Kinder ein toller Ort für spektakuläre Mutproben. Die Strömung kam von Norden, traf das Wasserbecken und zog die Taucher hinaus zu den Felsausläufern, hinter denen Max vor Anker gegangen war. Damals hatten sie gelernt, sich von der Strömung so treiben zu lassen, dass sie über das flache Riff zum Atoll gelangten. Dort lagen sie dann auf den Felsen, schöpften Atem und ruhten sich aus, um sich schließlich der nächsten Herausforderung zu stellen: gegen die Strömung zum Strand zurückzuschwimmen.

Heute jedoch war dieser Sog zu stark, um ihn schwimmend zu überwinden. Und das Wasser im Pool sprudelte wie in einem Whirlpool und würde alles, was jetzt dort landete, in die Tiefe reißen.

Noch während ihm all das durch den Kopf ging, holte er den Anker ein, bediente mit einer Hand die Winsch und startete mit der anderen den Motor. Instinkt diktierte ihm sein Handeln.

Wo würde sie auftauchen?

Er hieb auf den Anlasser und drehte die Geschwindigkeit voll auf, verließ das schützende Atoll und hielt aufs Ufer zu. Zu nahe durfte er sich nicht heranwagen, zu hoch waren die Wellen, die sich tosend am Strand brachen.

Eine Frau rannte über den Sand, schrie dabei aus Leibeskräften. Die Spaziergängerin mit dem Hund? Hatte sie es auch gesehen?

Max gönnte ihr keinen zweiten Blick. Hoch konzentriert starrte er auf das schäumende Wasser, wartete, dass etwas an die Oberfläche kam. Was auch immer.

Wenn er nicht riskieren wollte, seine Jacht zu Bruch zu fahren, konnte er nicht näher heran. Und soweit er es beurteilen konnte, war hier die Stelle, wo die Strömung austrat.

Er ließ den Anker hinunter, wusste, dass er auf Sand traf und die Chance bestand, dass sein Schiff weggetrieben wurde, aber es blieb keine Zeit, sich etwas anderes zu überlegen.

Da … ein Hauch Scharlachrot … sichtbar nur für einen flüchtigen Moment. Das musste genügen.

Falls er sich nicht täuschte, zog die Strömung sie in einer Entfernung von zwanzig Fuß vor seiner Jacht vorbei.

Zu weit weg …

Max riss sich die Kleidung vom Körper. In diesem kochenden Ozean würden Hemd, Hose und Schuhe wie Bleigewichte an ihm hängen. Und mit Schwimmweste war er nicht schnell genug.

Der dunkelrote Stofffetzen tauchte wieder auf, und Max hechtete kopfüber ins wirbelnde Wasser.

Sefina.

Joni.

Hettie schrie, aber es kam kein Laut über ihre Lippen. Sie brauchte ihren Atem zum Laufen. Wo waren sie …?

Sie war hier schon öfter geschwommen. Es gab eine Strömung Richtung Süden. Hettie war eine gute Schwimmerin, Surfen hatte früher ihr Leben bestimmt. Aber bei diesem Wellengang gegen einen starken Sog anzuschwimmen war reiner Selbstmord.

Der Segler hatte alles mit angesehen. Wenn ich Sefina zu fassen kriege und mit der Strömung treibe, kann er mir vielleicht helfen.

Eine Mutter und ihr kleines Kind festhalten und gleichzeitig schwimmen?

Denk nicht darüber nach.

Als Teenager hatte sie sich zur Rettungsschwimmerin ausbilden lassen, weil sie hoffte, in Bondi, wo sie damals lebte, einen Ferienjob zu bekommen. Sie hörte wieder die Stimme ihres Trainers, der ihnen vor allem eins eingehämmert hatte: Checkt zuerst eure eigene Sicherheit, bevor ihr euch in die Brandung stürzt, um jemandem zu helfen.

Was sie vorhatte, war verrückt. Mehr als gefährlich.

Aber Joni … ein kleiner Junge, fünfzehn Monate alt, sie hatte ihn in den letzten Nächten in den Schlaf gewiegt. Und Sefina … Wie verzweifelt musste sie gewesen sein, nach allem, was sie durchgemacht hatte!

Vergiss den Trainer. Hettie warf ihre Sachen in den Sand. „Bleib!“, rief sie Bugsy zu und stürzte sich in die Wellen.

Die Strömung war so stark, dass Max Richtung Süden gerissen wurde, kaum dass er ins Wasser tauchte. Alles, was in diesem Pool unterhalb der Klippen landete, würde sofort hinausgezogen, am Riff vorbei und aufs offene Meer.

Er kam an die Oberfläche, spürte, wie der Sog an ihm zerrte.

Doch als Junge konnte er schwimmen wie ein Fisch, und in den letzten Jahren hatten Fitness- und Schwimmtraining ihm geholfen, bei Verstand zu bleiben.

Gegen die Strömung kam er nicht an, aber wenn er sich diagonal dazu hielt, hatte er vielleicht Glück und traf auf das, was er zu finden hoffte … etwas Scharlachrotes in dem strudelnden Weiß.

Max starrte auf den Pool, versuchte zu lokalisieren, wo er es zuletzt gesehen hatte.

Dann tauchte er den Kopf ins Wasser und schwamm los.

Hatte sie den Verstand verloren? In dieser Brandung zu schwimmen? Aber wenn sie hinter die Brecher gelangte, musste sie nur noch der Strömung Herr werden. Damit werde ich fertig, dachte sie. Sie war erfahren genug, um nicht in Panik zu geraten – was für die meisten Schwimmer in einer solchen Situation der Anfang vom Ende war. Und der Mann auf der Jacht hatte sie bestimmt gesehen. Wenn sie Sefina fand, brauchte sie sie nur zu halten und Wasser zu treten, bis Hilfe kam.

Sollte er sie nicht gesehen haben, würden die Kollegen nach ihr suchen. Mittags begann ihr Dienst, und alle wussten, dass sie einen Strandspaziergang machen wollte. Kehrte sie nicht zurück, würden sie Bugsy und ihre Kleidung am Strand finden. Also, wenn die Strömung sie aufs Meer hinauszog, konnte sie nur warten und hoffen …

Sichere Sache? dachte sie grimmig, während sie durch die nächste Welle tauchte. Ganz bestimmt nicht.

Was mache ich, wenn ich Sefina und Joni erreiche? Die Rettungsschwimmerin in ihr spielte die verschiedenen Szenarien durch.

Die schnellste Methode, euch umzubringen, besteht darin, euch in Reichweite eines Ertrinkenden zu begeben. Der zieht euch mit runter, weil er panisch versucht, sich selbst zu retten.

Da war sie wieder, die Stimme ihres Trainers.

Sefina würde nicht versuchen, sich zu retten. Sefina wollte sterben.

Ach Sefina …

Hettie hatte gewusst, wie unglücklich die junge Frau war. Doch in dem Chaos nach dem Wirbelsturm war nur Zeit für flüchtige Umarmungen und ein paar tröstliche Worte gewesen. So viele Patienten mussten versorgt werden. Hettie hatte ihr versichert, dass sie im Krankenhaus geschützt war, und versprochen, für alle Probleme eine Lösung zu finden, sobald wieder Ruhe einkehrte.

Ihr war nicht klar gewesen, dass ihr dafür nicht mehr viel Zeit blieb.

Hettie tauchte hinter dem letzten Brecher auf und blickte sich suchend um. Die Strömung war heftiger, als sie gedacht hatte. Vielleicht hatte sie die beiden verpasst.

Da sah sie noch jemanden im Wasser, der sich mit kraftvollen Schwimmzügen quer zur Strömung bewegte. Der Typ von der Jacht?

Eine Rettungsmöglichkeit weniger, wenn sie in Schwierigkeiten geriet. Alle im Wasser? Das verstieß gegen jede Rettungsschwimmer-Regel, aber es war zu spät, um es sich noch einmal anders zu überlegen. Hettie starrte auf die weißen Schaumstrudel am Rand des Pools, wo das Meer dahinter etwas ruhiger wurde.

Da! Etwas Scharlachrotes!

Sie musste laut gerufen haben, denn der Schwimmer hob den Kopf. Hettie winkte und deutete in die Richtung.

Er hob die Hand zum Zeichen, dass er verstanden hatte, und kraulte los.

Hettie tat es ihm nach.

Max konnte sie sehen oder wenigstens das scharlachrote Tuch, das sie um die Brust gewickelt hatte. Wenn ich nur schon näher dran wäre …

Der Sog der Strömung zog ihn zurück. Eigentlich müsste er ihren Körper direkt auf Max zutreiben.

Hing sie am Riff fest? Hatte das Tuch sich verfangen?

Zu seiner eigenen Sicherheit müsste er die dicht unter der Oberfläche lauernden scharfkantigen Felsen meiden …

Er blendete den Gedanken aus.

Du bist verrückt. Du bringst dich um. Schwimmen in diesem aufgepeitschten Wasser war unmöglich. Die Strömung zerrte so heftig an ihr, dass Hettie schon glaubte, ihr letztes Stündlein habe geschlagen.

Ein Brecher krachte donnernd gegen die Felsen, schleuderte ihr Gischt und Salzwasser ins Gesicht. Hettie sah nichts mehr.

Mit einem angstvollen, frustrierten Laut gab sie auf und ließ sich hinaustragen.

Als sie die schaumige Zone verlassen hatte, konnte sie Wasser treten, sah wieder etwas.

Aber nirgends eine scharlachrote Spur. Nur Weiß, tödliches Weiß …

Da! Max tastete blindlings um sich, bekam Stoff zu fassen. Ich habe sie!

Doch sie war zwischen den Felsen festgekeilt. Ein wilder Brecher nach dem anderen schlug über ihm zusammen. Max konnte nichts sehen. Er zog das Tuch hoch, um es besser zu fassen zu kriegen – und im nächsten Moment fiel ein Kind heraus.

Das Kleine musste sich an das Tuch geklammert haben oder darin eingewickelt gewesen sein. Die Strömung zog an Max, und sie wurden hinausgetrieben.

Er hatte ein Kind in den Armen, ihm blieb nichts anderes übrig, als sich treiben zu lassen. Max hielt es hoch, rollte sich gleichzeitig auf den Rücken, versuchte, es in der Luft zu halten. Wasser strömte über ihn …

„Hierher!“

Der Schrei kam wie aus dem Nichts, und plötzlich tauchte jemand neben ihm auf. Eine Frau, dunkle Haare, energisch.

„Geben Sie ihn mir. Helfen Sie Sefina, bitte!“

„Sie können ihn nicht halten.“ Er wusste nicht einmal, ob das Kind überhaupt noch am Leben war.

Ihr Gesicht war nur Zentimeter von seinem entfernt, nasse Locken hingen ihr in die Augen. Blitzende grüne Augen, entschlossener Blick. „Doch, ich kann. Ich weiß, was ich tun muss. Vertrauen Sie mir.“

Max wusste nicht, warum, aber er glaubte ihr. Drückte ihr den schlaffen kleinen Körper in die Arme und wandte sich wieder den Felsen zu.

Er musste ihr vertrauen … und hoffen.

Joni atmete. Er hatte sich nicht bewegt, als der Mann ihn ihr gab. Doch als sie auf den Rücken rollte, bereit, für ihn zu atmen – ja, das konnte sie, das Rettungstraining war gründlich gewesen –, da keuchte der Kleine auf, hustete, schnappte erneut nach Luft.

Seine Augen waren geschlossen, so als hätte er aufgegeben, bereit für den Tod. Wie viele Kinder waren schon so ertrunken? Dreizehn Jahre Erfahrung als Krankenschwester hatten sie gelehrt, dass Kinder nicht kämpften, wenn sie unter Wasser gerieten. Sie ertranken stumm.

Trotzdem musste Joni genug Luft eingeatmet haben, um zu überleben. Als sie mit dem Mund seine Lippen berührte, keuchte er und riss die Augen auf.

„Joni …“ Es gelang ihr, seinen Namen zu sagen, obwohl sie selbst völlig außer Atem war. „Alles gut, wir bringen dich wieder an Land.“

Mit seinen großen braunen Augen starrte er sie an. Joni war noch keine anderthalb, ein pausbäckiges Kleinkind mit kaffeebrauner Haut und dichten dunklen Locken, halb Insulaner, halb …

Genau das war das Problem, wie Hettie wusste, und ihr zog sich das Herz zusammen vor Angst um seine Mutter. Aber sie konnte für Sefina nichts tun. Der Segler – Max? – hatte ihr Joni gegeben, und das musste für den Moment ihre einzige Sorge bleiben.

Wo ist der Mann jetzt? fragte sich Hettie, während sie Wasser trat. Kraftvoll, stark, entschlossen, das war ihr erster Eindruck von ihm gewesen. Seine Miene nahezu teilnahmslos.

Er würde viel Kraft brauchen und noch mehr, wenn er zum Riff zurückschwimmen wollte. Es war riskant, lebensgefährlich …

Nein, nicht darüber nachdenken. Jetzt ging es nur darum, Joni in Sicherheit zu bringen. Ihn und sich selbst.

Hettie umfasste Jonis Kinn mit einer Hand und begann, seitwärts zu schwimmen. So schnell sie konnte. Dabei hoffte sie inständig, dass der Junge sich nicht wehrte. Die Strömung machte alles noch schwieriger. Zum Strand zurückzuschwimmen, das konnte sie vergessen. Die Jacht tanzte in den Wellen, zu nahe an den Brechern, als dass Hettie sicher hingelangen könnte. Blieb nur noch das kleine Atoll am Ende des Korallenriffs. Wenn sie die Felsen erreichte …

Zum Glück blieb Joni schlaff und reglos. Er steht unter Schock, dachte sie, als sie gegen den Sog anschwamm, war jedoch dankbar dafür. So lag er wenigstens still, während sie ihn zog.

Doch die Strömung war stärker als sie. Hettie kämpfte um jeden Atemzug, mobilisierte alle Kräfte, die sie noch hatte, aber es war aussichtslos. Sie würde es nicht bis zum Atoll schaffen. Es lag zum Greifen nah und war doch unerreichbar.

Wenn ich mich einfach treiben lasse und auf Hilfe warte? überlegte sie. Mit der Strömung gehe, Joni nur gut festhalte …

Wenn er sich allerdings wehrte, hatten sie beide verloren.

Ihr blieb keine Wahl. Gegen den unerbittlichen Sog kam sie nicht an.

Hettie hielt das Kind so weit wie möglich aus dem Wasser und ließ sich aufs Meer hinaustreiben.

Er hatte sie gefunden. Aber sie war tot. Max sah die Kopfverletzung, wusste, warum der Kopf schlaff im Wasser trieb.

Sie muss auf den Steinen aufgeschlagen sein, dachte er. Sie war senkrecht in die Tiefe gestürzt, statt hinter den Felsen einzutauchen. Wahrscheinlich war sie sofort tot gewesen. Ein Wunder, dass das Kind nicht weggeschleudert worden war.

Max hatte sie aus dem Riff befreit, aber was nun? Zum Strand schaffte er es nicht, nicht bei der Strömung. Sie trug sie beide rasend schnell auf das Atoll zu. Hatte er genug Kraft, mit ihr dorthin zu gelangen?

Allein würde er es schaffen, aber mit der toten Frau?

Unmöglich.

Sie ist tot. Lass sie los.

Auch das erschien ihm unmöglich. Max sah sich am Grab seines Sohnes stehen. Sah sich bei der Beerdigung seiner Frau vor so vielen Jahren.

Irgendwo wartete jemand auf diese Frau. Jemand, der sie liebte. Sich nicht verabschieden zu können … Das hätte Max umgebracht.

Sie mitzunehmen könnte ihn jetzt umbringen.

Trotz der starken Strömung war das Wasser um ihn herum relativ ruhig. Max hielt einen Moment in seinem Kampf inne, blickte sich um.

Und was er sah, warf alles eben Gedachte über den Haufen. Die Frau, der er das Kind übergeben hatte, hielt es immer noch über Wasser. Aber die beiden trieben dahin, zu schnell, um das Atoll noch zu erreichen. Sie wurden aufs offene Meer hinausgezogen.

Nicht, dass die Frau in Panik geraten war. Sie hielt das Kleine im klassischen Rettungsschwimmer-Griff. Anscheinend kannte sie sich aus, hatte aber nicht mehr die Kraft, zu ihrem Ziel zu schwimmen. In ein paar Minuten würde sie am Atoll vorbeigetrieben – in den sicheren Tod.

Eine Frau und ein Kind, die um ihr Leben kämpften.

Eine Frau in seinen Armen, die ihr Leben verloren hatte.

Triage. Für Sekunden war er wieder der junge Arzt in der Notaufnahme, der vor der Entscheidung stand, welchen Patienten er zuerst behandeln musste.

In diesem Moment war die Entscheidung nicht leicht, aber klar.

Er nahm sich die Zeit, der Frau ins Gesicht zu sehen, sich ihre Züge einzuprägen für den, der um sie trauern würde. Er berührte ihre Wange, ein Abschied, der ihm das Herz zusammenzog.

Mehr konnte er nicht tun.

Max ließ sie los.

Ihre Kraft ließ nach. Ihre Beine waren zu schwach, um sich gegen die Strömung zu stemmen. Dreißig Meter, weiter war das Atoll nicht entfernt, und doch war es aussichtslos, sie kam nicht näher heran.

Das Kind in ihren Armen regte sich unerwartet, und beinahe wäre es ihr entglitten. Hettie packte den Jungen fester, doch plötzlich wehrte er sich.

„Joni, schsch. Joni, bleib ruhig …“

Aber er schien sie nicht zu hören.

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