Logo weiterlesen.de
Lebenslauf, zweiter Absatz

Hermann Kant

Lebenslauf, zweiter Absatz

Erzählungen

 

 

 

Menü

Inhaltsübersicht

Krönungstag

Der Glasberg

Mitten im kalten Winter

Gold

Lebenslauf, zweiter Absatz

Eine Übertretung

Frau Persokeit hat grüßen lassen

Der dritte Nagel

Bronzezeit

Der Mann von Frau Lot

Patchwork

Textnachweis

KRÖNUNGSTAG

Ich saß auf dem Dach und konnte alles genau sehen: die vier verstaubten Männer in der Buchenlaube, meine Mutter und die Frau mit der Ziege, meine kleine Schwester Alida hinter dem Schattenmorellenspalier, den Festzug mit Blumen und Fahnen in der kleinen sandigen Straße und Judith, die Königin.

Die Königin stand ganz allein auf dem sauber geharkten Weg zwischen dem Steingarten und der Dahlienreihe. Sie wartete auf den König.

Ich hatte nie gewußt, daß Judith hübsch war, aber jetzt sah ich es. Gewiß, sie war so mager, wie nur Mädchen kurz vor der Konfirmation sein können, und ihre Augen waren vom Weinen gerötet, aber dennoch war sie hübsch oder sogar schön. Sicher war einiges davon dem weißen Kleid und den neuen blanken Schuhen und dem Nelkenkranz im Haar zu danken, aber schließlich saß der Kranz auf vollen braunen Locken, und in den zierlichen Schuhen steckten zierliche Füße, und das weiße Leinenkleid wäre nichts gewesen ohne die dünnen, aber golden schimmernden Arme und Beine Judiths. Sie stand schmal und allein auf dem Gartenweg und blickte dem König entgegen.

Die Leute im Festzug waren ruhig geworden und sahen neugierig über die Ligusterhecke in unseren Garten. Mochten sie nur! Da war jetzt alles in Ordnung. Die Blumenkästen unter den Fenstern glänzten in frischem Weiß, der Rhododendronbusch verbarg mit rosig leuchtenden Blüten die rostige Regentonne, auf dem Wege lag kein Stein mehr, niemand konnte meinen Vater und die anderen Männer oder die Frauen mit der Ziege sehen, und keiner sah den empörend strubbeligen Kopf meiner kleinen Schwester Alida hinter dem Kirschenspalier. Es war alles in Ordnung – bis auf den dünnen Faden Heu vielleicht, der in dem Heckenrosenbogen über der Pforte hing und leise im Winde schaukelte.

Aber außer mir sah das niemand. Die Blicke der Leute ruhten auf Judith, die erlöst und erwartend zugleich vor der offenen Haustür stand, und auf dem König, der aus der Kutsche geklettert war und durch den Rosenbogen unseren Garten betrat.

Er war keine fünf Minuten zu früh gekommen.

Der Tag hatte eigentlich wie alle anderen begonnen. Schön, wir Kinder waren aufgeregt – für uns war dieser Tag keineswegs wie jeder andere –, aber für meine Eltern begann er, wie ein Tag eben beginnt, wenn der Mann um sieben zur Arbeit fahren muß und im Stall ein Haufen Viehzeug nach Futter verlangt.

So war es jeden Morgen: Meine Mutter klapperte mit Tassen und Tellern und fragte sich laut, wo sie denn wieder den Malzkaffee gelassen habe, und beschwichtigte den Pfeifkessel mit ihrem allmorgendlichen »Jaja, ich komm ja schon!«, und mein Vater erklärte unserer Ziege, die sich wieder einmal nicht melken lassen wollte, sie sei ein »ganz obstinates Beest«. Dann pumpte mein Vater mit einer schrecklich quietschenden Pumpe Luft in die brüchigen Schläuche seines alten Fahrrades. Er tat das jeden Morgen, und jeden Morgen pfiff er »La Paloma« dazu. Die rostige Pumpe war musikalischer als er.

Wenn meine Mutter ihm die Tasche mit dem Mittagbrot und einer Blechflasche voll Kaffee an das Fahrrad gehängt hatte, fuhr er zur Arbeit, jedoch nie, ohne sich an der Gartenpforte noch einmal umzudrehen und meiner Mutter »Tschüs, Lowise!« zuzurufen. Er wußte ganz genau, daß sie sich darüber ärgerte, denn sie hieß ja nicht Lowise, sondern Luise.

Wenn mein Vater fort war, klopfte meine Mutter an die Schlafstubentür und fragte, ob sie es vielleicht noch einmal tun solle. So war es auch an diesem Tag gewesen, mit dem einen Unterschied nur, daß wir diesmal ungeduldig auf die Aufforderung, »endlich und ein bißchen dalli« aufzustehen, gewartet hatten.

Denn – wie gesagt – für uns war dieser Tag ein besonderer. Heute war »Kinnergreun«, was hochdeutsch »Kindergrün« heißt und bei uns in Hamburg der Name für das alle Jahre wiederkehrende Schulfest ist.

Kinnergreun war fast so schön wie Weihnachten, es gab Umzüge und einen Ball und Waldmeisterlimonade; Kinnergreun war schöner als Pfingsten, wo es nur neue Socken und keine Limonade gab.

An diesem Tag gingen wir gern in die Schule, wurden doch an Stelle der Kenntnis aller Ereignisse beim Gang nach Canossa und der atemlosen Beherrschung von Schillers »Glocke« Leistungen in Sackhüpfen, Eierlaufen und Tauziehen verlangt. Die Meister in diesen Sportarten wurden Könige geheißen und als solche reich beschenkt.

Nicht, daß wir an diesem Morgen gehofft hätten, am Mittag als gekrönte Häupter zurückzukehren. Daran war ja nicht zu denken – ausgerechnet wir! Aber der Spaß war uns auch so sicher.

Die beiden Mädchen wollten ihre neuen Kleider schon am Vormittag anziehen – meine Mutter erledigte das mit einer Handbewegung. Immerhin erreichte Alida einen Teilerfolg, als ihr »das Rote« genehmigt wurde. Das Rote war ein Dirndlkleid und eigentlich auch nur »für gut«, aber Alida kam mit meiner Mutter eben immer am weitesten. Einmal, weil sie die Jüngste war, und zum anderen ihres Namens wegen. Um diesen Namen hatte es heftige Kämpfe zwischen meinen Eltern gegeben. Mein Vater, der bei Judith einmal klein beigegeben hatte, war gegen eine so überkandidelte Bezeichnung wie Alida gewesen – »So heißen Herdbuchkühe oder welche vom Kintopp!« –, aber gegen meine Mutter, die gesagt hatte, die Namen ihrer Kinder seien der einzige Luxus, den sie sich leisten könne, war er nicht aufgekommen. Nur bei mir hatte er sich durchgesetzt.

In der Schule ging es schon hoch her, als wir ankamen. Die Sackhüpfbahn war mit bunten Fähnchen abgesteckt, in der Mitte des Hofes hatten sie einen Klettermast aufgestellt, und an der Turnhalle standen bunte Buden.

Der Kampf um die Königswürde in meiner Klasse wurde mit Lederbällen ausgetragen, die einer riesigen Pappfigur in den gewaltigen Rachen zu werfen waren. Ich hatte da nicht viel zu bestellen, denn nach dem Urteil meines Vaters war ich um die Hände rum der größte Dösbartel, der in unserer Gegend ansässig war.

Zuerst schien es ja, als würde ich ihn wenigstens einmal widerlegen, denn im ersten Durchgang landeten alle fünf Bälle im Rachen der Pappfigur, die übrigens auffällige Ähnlichkeit mit dem Biologielehrer Heinius hatte. Aber im Stichkampf ging ich schmählich unter, da ich immer nur den rechten Eckzahn von »Heini« traf.

Sieger und somit Klassenkönig wurde Pieke Holmers. Pieke hieß eigentlich Reginald – ein Name, der es meiner Mutter angetan hatte –, Pieke war der Gipfel an Häßlichkeit, Faulheit und Dummheit nicht nur in unserer Klasse, sondern in der ganzen Schule. Kein Wunder, daß sein Sieg nur geteilte Freude bei unserem Klassenlehrer auslöste: König Pieke, o mein Gott!

Alida war beim Sackhüpfen – diese Sportart war stets der untersten Klasse vorbehalten – von vornherein geschlagen, denn sie hatte so herrlich gebogene Beine, daß sie sich auch ohne die künstliche Hemmung eines Zuckersackes ständig auf die eigenen Zehen trat. Ihr machte das nichts aus, sie war von einer wunderbaren Wurstigkeit und vollauf zufrieden, da sie das Rote anhaben durfte.

In der achten Klasse spielten die Mädchen Taubenstechen. Eine Holztaube mit einem Nagel an Stelle des Schnabels schwebte an einer langen Schnur gegen eine Zielscheibe und bohrte sich dort fest. Klar, wer mit drei Würfen die höchste Ringzahl erreichte, war Königin.

Ich kümmerte mich nicht um diesen Wettbewerb, denn daß Judith da keine Aussichten hatte, stand für mich fest: die Mädchen aus der Achten, zwei Klassen über mir, waren ja fast schon erwachsen, aber Judith war nur meine Schwester.

Ich sah gerade den ältesten Jungen beim Armbrustschießen zu, als Werner Gideon zu mir kam und sagte, meine Schwester sei Königin.

Zuerst begriff ich das gar nicht, aber dann rannte ich nach Hause. Meine Mutter war dabei, den Fußboden im Windfang zu schrubbern, als ich ihr mitteilte, sie sei Königinmutter geworden.

»Ist ja fein«, sagte sie und schrubberte weiter. Dann stellte sie jedoch plötzlich den Besen beiseite: »Moment mal, wieso, wer, Judith? – Dann gibt das doch einen Festzug hier, wie? Ach du meine Güte! All die vielen Leute, und wie das hier aussieht!«

Meine Mutter konnte fix arbeiten, aber so hatte ich sie noch nie gesehen. Sie langte sich wieder den Besen und scheuerte den Boden fertig, zwischendurch rief sie, ich solle nicht so dämlich rumstehen und die Steine vom Weg sammeln und die Straße fegen und Stärke für Judiths Kleid vom Krämer holen und die Ziege von der Wiese und Tante Ella Bescheid sagen und die Pumpe noch mal angießen, denn sie brauche noch Wasser, und ob ich denn nicht sehen könne, daß da frisch gescheuert sei, und wo denn die verflixten anderen beiden Gören blieben.

Meine Mutter hatte für Königinnen viel übrig; schließlich hieß sie ja Luise, und die berühmte Preußin mußte nach ihren Worten wirklich eine großartige Person gewesen sein, hatte sie doch all ihr Geschmeide (welch herrliches Wort, Geschmeide!) für den Kampf gegen Napoljon gestiftet und jeden Abend vor dem Schlafengehen das Gedicht »Wer nie sein Brot mit Tränen aß …« aufgesagt. Mich verwirrte dieser Bericht immer, denn daß man Margarine mit Zucker aufs Brot tat oder am Freitag Leberwurst, leuchtete mir ein, wieso aber Tränen, das war nicht ganz klar. Aber schließlich war die Luise ja Königin …

Und nun hatten wir eine Königin in der Familie.

Wenn die gedacht haben sollte, sie würde zu Hause mit Böllern und Fanfaren empfangen, so hatte sie sich geirrt. Meine Mutter hatte sich über die Fensterscheiben hergemacht, und ich sammelte die Steine aus dem kleinen Straßengraben vor unserem Garten, als sie ankam.

Mit ihr kam ein ganzer Schwarm von Mädchen, die wunder was erwartet haben mochten und nun enttäuscht waren, weil sich unser kleines Pappdachhäuschen noch nicht in ein Schloß verwandelt hatte. Sie gackerten und kicherten so lange auf der Straße herum, bis ich mit Steinen nach ihnen warf. Ich sagte ihnen nur, sie sollten man zusehen, daß sie Land gewönnen, aber das – und vielleicht auch die Steine – war schon zuviel, jedenfalls rief die eine: »Strootenfeger, Rönnsteenneger!«, und das war nun ganz gewiß eine tödliche Beleidigung.

Es stimmte schon, mein Vater war Straßenfeger, und wenn er abends nach Hause kam, war er voll Rinnsteinstaub, aber das war noch lange kein Grund, solche Worte in der Gegend herumzuschreien.

Judith heulte gleich los.

Sie hatte sich wohl schon so in ihre Königinnenrolle hineingelebt, daß ihr dieses Wort wie eine Entthronung ankommen mußte.

»Dumme Liese«, sagte meine Mutter, »hast du vielleicht gedacht, die freuen sich, daß ausgerechnet du Königin wirst? Das mach dir man ab!«

Und dann sagte sie, Judith solle ihr beim Fensterputzen helfen, damit die Leute auch schön durch die Scheiben in unseren fürstlichen Palast und auf unsere goldenen Teller sehen könnten.

Vielleicht hätte sie das nicht sagen sollen, denn jetzt sah Judith sich erst einmal richtig bei uns um, und da ging das Geheule wieder los.

Der Garten war ja schön, den hatte mein Vater gut in Schuß, aber sonst … Die Gartenpforte war ebenso rostig wie die Regentonne in der Hausecke, die Schornsteinhaube war nach einer Seite heruntergerutscht, und die Blumenkästen wußten gar nicht mehr, was Farbe ist.

Meine Mutter sagte, da müsse mein Vater eben ran, wenn er nach Hause komme, das schaffe er schon noch. Dann überlegte sie einen Augenblick lang, schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen und rief, daß uns das gerade noch gefehlt habe.

Eine halbe Stunde später wußte ich, was sie damit gemeint hatte, denn da kam ein Pferdewagen mit einer riesigen Ladung Heu die Straße heruntergedonnert, und obendrauf saß mein Vater.

Er fegte damals gerade die Elbchaussee und hatte sich dort mit einigen Hausmeistern angefreundet und die Erlaubnis erhalten, manchen herrschaftlichen Rasen mähen und Heu machen zu dürfen. Und ausgerechnet heute hatte es Alfred Goldenmarkt, dem einzigen Besitzer eines Pferdefuhrwerks in unserer Gegend, so mit der Zeit gepaßt, daß er meines Vaters Ernte einbringen konnte.

Alfred, der einen kleinen Tierhandel betrieb, machte die Fuhre gewissermaßen als Entgelt für die kleinen Züchter- und Händlertips, die mein Vater ihm gab. Ja, mein Vater wußte nicht nur sehr viel von Blumen und Obstbäumen, sondern auch eine ganze Menge von Tieren, und aufs Feilschen verstand er sich nur einmal.

Es war nichts daran zu ändern: Das Heu mußte herunter vom Wagen und wenigstens hinters Haus geschafft werden; Alfred brauchte sein Gefährt, um eine Ladung Frettchen zum Bahnhof zu bringen, und vor der Tür konnte das Fuder nicht liegenbleiben, erstens, weil es die ganze Straße blockierte, und zweitens sah es ja auch nicht gut aus.

»Die giften sich sowieso schon, daß sie mit Pauken und Trompeten und Ponykutsche hier in die Fischkistensiedlung kommen müssen«, sagte meine Mutter, und man brauche die Leute ja nicht unbedingt in ihrer Ansicht zu bestärken, daß hier unten Sodom und Gomorrha sei.

Unsere Schule lag nämlich auf der Grenze zwischen zwei Vorortteilen; der eine war beinahe herrschaftlich, und der andere war eben unsere Fischkistensiedlung, und die Bewohner beider Teile waren einander nicht grün.

In all den vielen Jahren, in denen wir Kinnergreun gefeiert hatten, war der Festzug nie bei uns unten gewesen, es hatte immer so geklappt, daß das Schulkönigspaar oben ansässig war.

Angesichts des gewaltigen Heuhaufens vor der Tür wurde mir allmählich klar, daß es mit dem Gerede, man solle die Feste feiern, wie sie fielen, auch wieder so eine Sache war: Nun feiere du mal, wenn du gar nicht darauf eingerichtet bist und vor deinem Haus liegt Heu, so hoch wie ein Berg, der Nanga Parbat.

Wenn die Königin, um die es ja schließlich ging, wenigstens mitgeholfen hätte, den Wintervorrat für Ziege und Kaninchen hinters Haus zu tragen! Aber nein, die kroch flennend mit ihrem Leinenkleid unter dem Arm durch die Hecke und rannte zu Tante Ella, damit die ihr die Robe richte, denn dazu hatte meine Mutter jetzt natürlich gar keine Zeit, und das sehe sie ja wohl selbst.

Es zeigte sich bald, daß mein Vater und ich das Fuder Heu niemals rechtzeitig wegschaffen konnten; ohne Hilfe ging das nicht.

So wurde ich geschickt, Max zu holen. Max wohnte ein paar Schritte weiter in einer richtigen Hütte. Er war Rohköstler und Temperenzler und Platzwart bei einem Nacktkulturverein. Ich habe nie herausbringen können, ob es stimmte, daß er die Sonne anbetete; fest stand nur, daß er eine heillose Angst vor Gewittern hatte. Jedesmal, wenn es sich über unserem Landstrich so richtig auswetterte, und das geschah meistens in der Nacht, tauchte er plötzlich vor unserem Fenster auf und jagte meiner ohnedies genug geängstigten Mutter einen gewaltigen Schreck ein. War er dann erst einmal bei uns im Haus, so hielt er zähneklappernd lange Reden über die Ungefährlichkeit solcher Naturereignisse und über die Vorzüge der Nacktkultur.

Max mußte ran an das Heu. »Hier hast du Natur in Massen«, sagte mein Vater. Nun war es aber mit der Arbeitsauffassung von Max ein eigen Ding. Meine Mutter behauptete, die schwerste Arbeit, die er verrichte, sei das Pflücken des Huflattichs zum zweiten Frühstück.

Doch mein Vater wußte ihn zu nehmen, und wenn Max auch nicht gerade unter den Lasten, die er sich aufbürdete, zusammenbrach, so trabte er doch munter hin und her und blieb nur stehen, wenn er in dem Heu die Mumie eines seltenen oder eßbaren Krautes gefunden hatte.

Max war es, der empfahl, Schadder hinzuzuziehen. Meine Mutter war von diesem Vorschlag gar nicht sehr erbaut, denn Schadder war ihr unheimlich. Sie sagte, er führe ein Doppelleben.

Gewiß, etwas merkwürdig war er schon. In der Nacht wirkte er als Klarinettist in der Original-Bayernkapelle des »Zillertal« auf der Reeperbahn, und das, obwohl er Hamburg noch nie von der Südseite her gesehen hatte. Bei Tage züchtete er Bisamratten. Mit Schadder konnte man nur über Bisamratten oder über das absolute Gehör, das zu besitzen er vorgab, sprechen. Meine Mutter brachte das auf die Formel: »Er spinnt.«

Aber solche Vorurteile konnten jetzt, da die Ehre des Hauses und der ganzen Siedlung auf dem Spiele stand, nicht gelten, und ich wurde geschickt, Schadder von seinen Ratten fort und zu unserem Heu zu holen.

Es wurde auch schon höchste Zeit, denn die ersten Leute waren bereits auf dem Wege zur Schule, wo sich der Festzug sammeln sollte, und wenn sie an unserem Heuhaufen vorbeikamen, machten sie sorgenvolle Gesichter oder dumme Witze.

Adje Hüller kam da gerade richtig. Das gehörte so zu ihm, er kam immer gerade richtig. Wenn man Hilfe brauchte, war Adje da. Man durfte ihn nur nicht bitten. Dann war bei ihm gar nichts zu machen. Adje war immer schrecklich wütend, wenn er jemandem half. Er fühlte sich dann überlistet.

Früher hatte er im Hafen gearbeitet, aber seitdem ihm eine zurückfahrende Winsch die Schulter zerschlagen hatte, war es damit aus, und er konnte noch froh sein, daß er den Posten beim Lesezirkel gefunden hatte. Die Frauen, denen er die Mappe mit der »Gartenlaube« und der »Hamburger Illustrierten« ins Haus trug, hatten bald heraus, wie man Adje in Gang brachte. Sie schimpften auf ihre Männer, die nicht einmal einen Nagel in die Wand schlagen könnten, oder sie sagten, ja, leider hätten sie gar keine Zeit mehr, sich mit Adje zu unterhalten, denn so eine Wäscheleine mache sich ja nicht von alleine an – und schon fragte Adje nach dem Hammer oder ließ sich die Leine geben. Dabei schimpfte er dann ordentlich und gebrauchte wiederholt das Wort »Schietkroom«.

Unverständliches leistete er sich, als die Krämerbude von Hulda Ewers abbrannte: Adje kam als erster zu Hilfe. Er sprang in die brennende Bretterhütte, und als er wenig später angesengt und hustend wieder auftauchte, trug er das schmierige Anschreibebuch Huldas unter dem Arm. Der Witz war nur, daß Adje wohl mit dem dicksten Posten drinnen stand. Adje brachte der Krämerin das Buch und sagte: »Hier, ick bün verrückt!« und: »Schietkroom!«

Adje sagte auch jetzt bei jedem Bündel Heu, das er reinschaffte, »Schietkroom«, aber das nahmen wir gerne in Kauf.

Jetzt lief der Transport reibungslos, und wir konnten uns schon ausrechnen, daß wir noch rechtzeitig fertig würden. Da kam Alida nach Hause. Wir hatten sie ganz und gar vergessen, aber jetzt war sie da und weder zu übersehen noch zu überhören; sie schrie, als sei sie vom Affen gebissen. Sie war es auch.

Sie hatte sich nach dem vorausgesehenen Ausgang des Sackhüpfens ruhig auf den Heimweg gemacht und war dabei an Zirkus Bellini vorbeigekommen. Zirkus Bellini gastierte in jedem Jahr einmal oben am Ellernbrook und überraschte vor allem immer wieder durch die Wandlungsfähigkeit seines Besitzers, der einmal als Irokesenhäuptling Minge-tanke (Der weiße Büffel), ein anderes Mal als Feuerfresser aus der hinteren Türkei und im Jahr darauf als Schlangenmensch von Celebes unseren Beifall und unser Geld einheimste. Der Tierpark des Zirkus Bellini bestand aus zwei müden Schecken, einer Horde Hunde und einem alten Affen.

Diesen Affen nun hatte Alida, die so tierlieb wie mein Vater war, aufgesucht.

Mochte er nun keinen oder zuviel Gefallen an dem Roten gefunden haben, jedenfalls hatte er kräftig zugelangt und die Abdrücke seiner Zähne kurz unterhalb der Impfpocken auf Alidas rechtem Oberarm hinterlassen.

Da stand die Unglückselige nun mit zerrissenem Kleid und schrie ihren Schmerz in die Welt hinaus.

Die Störung war enorm. Der Heutransport wurde sofort abgebrochen, und es gab eine medizinische Beratung. Max empfahl gekauten Salbei, und Schadder wußte, Affenbisse seien noch gefährlicher als die von Bisamratten; Adje Hüller sagte, wenn ein Blutspender gebraucht werde, so könne man auf ihn rechnen, und mein Vater pumpte Luft in die Schläuche seines Fahrrades, denn er wollte mit Alida zum Arzt fahren.

Aber meine Mutter sagte, dann wäre es aus mit der Krönungsfeier und Tante Ella müsse mit Alida gehen. Sie schaffte es auch wirklich, daß sich die Heuträger wieder an die Arbeit und die Rettung der Lokalehre machten.

Sie ging sogar so weit, Max aus der Kolonne herauszunehmen und mit Pinsel, weißer Farbe und dem Auftrag zu versehen, er solle die Gartenpforte und die Blumenkästen unter den Fenstern anstreichen.

Von der Feuerwache her heulte die Sirene; es war drei Uhr – die Zeit, da sich oben an der Schule der Festzug in Bewegung setzen sollte. Alle arbeiteten noch schneller, und wenn nun nicht noch etwas passierte, mußte es klappen. Aber es passierte noch etwas.

Daran war Oskar schuld oder vielmehr die Ziege von Fräulein Senkenblei. Niemand hatte Fräulein Senkenblei und ihre Ziege gesehen, bis sie plötzlich vor unserer Gartenpforte standen. Die Ziege machte sich sofort über das Heu her, und Fräulein Senkenblei eröffnete meinem Vater, daß das gute Tierchen zu Oskar müsse.

Oskar war nämlich der staatlich gekörte Ziegenbock, der vom Kleingärtnerverein bei uns eingestellt war und hier zur Herbstzeit eine fruchtbare Tätigkeit ausübte. Zur Herbstzeit ja, aber jetzt war Juni.

Das sei ihr völlig gleichgültig, sagte Fräulein Senkenblei, es stehe nirgendwo geschrieben, daß eine Ziege nicht auch einmal im Juni Liebe fühlen dürfe, und es sei an sich schon Schande genug, daß wir aus dem Spiel der natürlichen Kräfte auch noch Geld zögen, und schließlich sei sie im Vorstand des Kleingärtnervereins, und wenn wir nicht unserer Pflicht nachkämen, so werde sie Sorge tragen, daß man Oskar woanders unterbringe.

Das wäre nun freilich ein harter Schlag gewesen, denn Oskar war für uns wirklich eine wichtige Finanzquelle, und so manches Mal hatten wir, wenn wieder einmal Ebbe in der Kasse gewesen war, hoffnungsvoll die Straße hinuntergesehen und nach einer Ziege Ausschau gehalten, die Oskar Vergnügen bereiten und uns vier Mark einbringen sollte. Aber, wie gesagt, das war eben immer im Herbst, und jetzt war Juni und außerdem Krönungstag.

Doch gegen Fräulein Senkenblei war nicht aufzukommen; wir hatten das schon einmal erfahren, damals, als sie uns das »Blättchen« aufgeschwatzt hatte. Das »Blättchen« war das evangelische Sonntagsblatt, für dessen Vertrieb in unserem Bezirk Fräulein Senkenblei verantwortlich und alles zu tun bereit war. Sie kam alle vierzehn Tage damit und kassierte stets einen Groschen und eine Tasse richtigen Kaffee dafür – so süß und verbindlich sie auch bei diesem Geschäft sein mochte, heute stand sie hier als die Sachwalterin einer Ziege und deren für die Jahreszeit so ungewöhnliches Anliegen und ließ sich auch mit dem Hinweis auf den Ernst und die Dringlichkeit der Stunde nicht abweisen.

Mitten hinein in die Debatte über Naturgesetze und die Satzungen des Kleingärtnervereins tönten die Klänge des Hohenfriedbergers. Der Festzug kam heran.

Meine Mutter zerrte Fräulein Senkenblei und ihre Ziege hinter das Haus und rief nach der Königin, denn ihr Hofstaat nahe. Max pinselte wie rasend den letzten Blumenkasten an, und ich sah, daß er immer nur die Vorderseiten der Kästen geweißt hatte, Adje Hüller raffte das restliche Heu vom Boden und sagte mehrmals »Schietkroom«, Schadder klemmte einen Zweig des blühenden Rhododendrons so unter einen Stein, daß er die Regentonne verbarg, mein Vater zeigte, daß er sich auf seinen Beruf verstand, und harkte und fegte in Rekordzeit die Straße und den Weg sauber, ich kletterte auf das Dach und rückte die Schornsteinhaube gerade und sah mit halbem Blick, wie Alida vom Garten Tante Ellas her durch die Hecke brach und sich mit ihrem zerwuschelten Haar und einem weißen Verband um den Oberarm hinter den Schattenmorellen verkroch. Mein Vater rief den anderen Männern zu, sie sollten sich schleunigst in die Laube begeben, denn er verstehe gar nicht, wie man bloß so dreckig herumlaufen könne, und er sagte noch, er fordere es im Namen der Krone. Von der Hofseite her hörte ich die Stimme meiner Mutter, die Fräulein Senkenblei und ihre Ziege beschwor, sie möchten sich noch einen Augenblick gedulden.

Dann wogten Fahnen und Kränze und bunte Kleider auf der kleinen sandigen Straße, und eine gelbe Kutsche hielt vor unserer Haustür.

Die Leute im Festzug waren ruhig geworden und sahen neugierig über die Ligusterhecke in unseren Garten.

Mochten sie nur! Da war jetzt alles in Ordnung. Die Blumenkästen glänzten in frischem Weiß, der Rhododendronbusch verbarg mit rosig leuchtenden Blüten die rostige Regentonne, auf dem Wege lag kein Stein mehr, niemand konnte meinen Vater und die anderen Männer oder die Frauen mit der Ziege sehen, und keiner sah den empörend strubbeligen Kopf meiner kleinen Schwester Alida hinter dem Kirschenspalier. Es war alles in Ordnung – bis auf den dünnen Faden Heu vielleicht, der in dem Heckenrosenbogen über der Pforte hing und leise im Winde schaukelte.

Aber außer mir sah das niemand. Die Blicke der Leute ruhten auf der Königin Judith, die erlöst und erwartend zugleich im weißen Kleide vor der offenen Haustür stand.

Die Königin war wunderschön, und sie war ganz allein.

DER GLASBERG

Ein ärgerer Auftrag war nicht zu denken: Ich sollte im Hause Buttewegg einen Kurzschluß beseitigen. Aber was sage ich da, einen, es ging um den Kurzschluß im Hause Buttewegg, es ging um den berüchtigten Fehler, der bereits drei angesehene Elektromeister um ein Stück ihres Rufs gebracht hatte.

Zu sagen, die ganze Stadt habe von diesem Schaden gewußt und darüber gesprochen, wäre eine unzulässige, wenn auch verständliche Übertreibung, aber soviel kann ich behaupten: In den besseren Kreisen von Paren munkelte man über den periodisch auftretenden technischen Defekt bei Butteweggs in gerade jenem Ton, den man sonst nur für Berichte über menschliches Versagen in Reserve hielt, für Geschichten um Alimenteklagen zum Beispiel oder um die Frau des Apothekers, die ihres Mannes Kakteensammlung verkaufte, weil sie dringend zu Geld kommen mußte, seit ihr Gatte ein Schloß an die Lade mit dem Morphium gehängt hatte.

Schuld an der Publizität seiner Sache war Theodor Buttewegg selbst. Was auch immer einen Kunden in sein Kontor geführt oder einen Bekannten zu einem Plausch an der Straßenecke veranlaßt haben mochte – unausweichlich sah er sich alsbald über die Tatsache ins Bild gesetzt, daß die Familie Buttewegg seit Monden einer mit unberechenbarer Tücke auf- und abtretenden Zwangsverdunkelung ausgeliefert war.

»Gerade«, konnte Buttewegg dann sagen, »gerade habe ich den Finger auf den Durchstecher im Wirtschaftsbuch der Haushälterin gelegt, da passiert es wieder, alles dunkel, und über dem Ärger der Kerzenansteckerei entfällt mir natürlich der verräterische Punkt, aber kaum bin ich bei diesem Flackerlicht der fraudulenten Ökonomin fast wieder auf die Schliche gekommen, was soll ich Ihnen sagen, kehrt der Strom in die Lampe zurück, und ich kann durch das Comptoir eilen, die Kerzen zu löschen!«

Noch ärgerlicher jedoch schien Herrn Buttewegg das plötzliche Versagen der Beleuchtung in einem anderen Falle gewesen zu sein, von dem er allerdings nur unter Stammtischbrüdern sprach und auch dort nicht ohne verschämte Absicherungen: »Sie wissen ja, meine Herren, in einem Hauswesen wie dem meinen verschwindet immer mal was, und so ist man auf der Hut. Komme ich neulich an der Mädchenkammer vorbei und höre ganz accidentaliter ein Geräusch hinter der Tür; ich denke, willst doch mal sehen, bücke mich also zum Schlüsselloch, nun ja, die Sophie zog sich gerade um … und nun lassen Sie sich von einem Connaisseur sagen, so eine Rückenpartie … aber mehr eben nicht, denn dann passierte es wieder; ich sage Ihnen, es ist einfach bitter!«

Was Wunder also, daß Herr Buttewegg sehr bald einen Elektriker zu Rate gezogen oder, wie ihn seine mit der Zeit ranzig gewordene Bildung sagen ließ, »einen hiesigen Spezialisten konsultiert« hatte. Und eben aus den Kreisen der hiesigen Spezialisten bezog ich mein Wissen um den Fluch des Hauses Buttewegg – zählte ich doch, wenn auch mit Einschränkungen, mit weitaus größerem Recht zu ihnen als zu den wohlhabenden Ständen, deren Privileg es war, jene Geschichten des Herrn Buttewegg zu kennen und weiterzuerzählen, die alle mit dem melancholischen Ausruf endeten: »Und dann passierte es wieder!«

Mit Einschränkungen, sage ich, gehörte ich zu den ortsansässigen Fachleuten für Kurzschlüsse, und das ist leicht erklärt: Zum einen war ich noch Lehrling, und zum anderen war mein Meister der allerkleinste und nicht recht zählende Krauter im Ort.

Aber lassen wir Zahlen sprechen: Wenn mein Meister die Rubrik »Angestellte« in seiner Steuererklärung ausfüllen mußte, so schrieb er eine schlichte 1 hinein. Diese 1 war ich.

Das hinderte ihn freilich nicht, einem Bauern, dessen Dreschmaschine versagte, ebenso trostreich zu versichern, er werde seinen Spezialisten für Dreschmaschinen schicken, wie er einem anderen, dessen Pumpenmotor streikte, verkündete, der Spezialist für Pumpenmotoren sei schon so gut wie auf dem Wege.

Als Theodor Buttewegg seines Kurzschlusses wegen endlich auch meinen Meister anrief, wurde ich zum Spezialisten für Kurzschlüsse ernannt.

Kein Auftrag wäre mir unangenehmer gewesen als dieser, denn Butteweggs Leitungsschaden war für die städtische Elektrogilde gleichsam das, was im Märchen die unbezwingbaren Glasberge oder die jungfrauenverzehrenden Feuerdrachen für reisende Königssöhne und wandernde Müllerburschen sind.

Zwar war Buttewegg noch nicht so weit gegangen, dem etwaigen Bezwinger des Drahtteufels die Hand seiner Tochter anzutragen – das wäre auch eher eine Drohung gewesen –, aber an Versprechungen hatte er es nicht fehlen lassen.

Man erzählte sich, daß er die Meister und Monteure, die sich anheischig gemacht hatten, den Bann zu brechen, zuerst immer in seine Schatzkammer geführt und einen Blick auf seine Reichtümer hatte werfen lassen. »Hiervon, meine Lieben«, pflegte er dann zu sagen, »können Sie, gesetzt, Sie beheben den casus criticus, wählen, was immer Sie goutieren!«

Ach, die Meister und Monteure goutierten alles, was in dieser Schatzkammer in langen blinkenden Reihen paradierte – war es auch nicht eitel Gold, das da glänzte, so waren es doch an die hundert Flaschen so ziemlich aller edlen Getränke, die sich auf der Basis von Spiritus herstellen lassen. Denn Herr Buttewegg war der erste Schnapsbrenner im Lande, und draußen war Krieg – der Sprit war zu gleichen Teilen Lazaretten und Offizierskasinos vorbehalten.

Aber wie es im Märchen zu gehen pflegt: Am Fuße des Glasbergs oder vor der Höhle des Drachen lagen die gescheiterten Prinzen und Wanderburschen zuhauf, König Theodor behielt seinen Schnaps und seinen Kurzschluß dazu.

Zwar büßten Meister und Gesellen nicht gerade Leib und Leben ein, auf jeden Fall aber ein gutes Stück Reputation, denn Herr Buttewegg versäumte keineswegs, jedermann seines Standes mitzuteilen, daß nach dem Meister Hederich und dem Meister Blinker nun auch der Meister Schikowski mit all seinen Technici angerückt sei und genau wie die anderen totaliter versagt habe. »Kaum waren sie aus dem Haus«, sagte er, »passierte es wieder!«

Schließlich hatte er in seiner Verzweiflung meinen Meister, den Paria der Elektroinnung, angerufen, und da war ich nun, die wandlungsfähige 1, auf meinem Wege, mit einem Auftrag in der Tasche, wie ich ihn mir unangenehmer kaum denken konnte.

Meine Chance war so groß wie die des jüngsten, ärmsten und dümmsten Müllerburschen, was im Märchen freilich eine ganze Menge ist, im Märchen ja …

Während ich durch die noch dunkle Mühlenstraße fuhr, deren holpriges Pflaster sich über Nacht mit einer dicken Schneeschicht bedeckt hatte und an deren Ende das alte Haus des Herrn Buttewegg gelegen war, dachte ich an die üblen Geschichten, mit denen mich die Lehrlinge der anderen Meister traktierten, wenn wir einmal in der Woche in die hauptstädtische Berufsschule reisten.

»Mensch«, sagten sie, »hast du ein Glück, daß der Buttewegg nie auf die Idee kommen wird, deinen Meister zu rufen, da könntest du was erleben. Kaum bist du da, strahlt alles im hellsten Lichterglanze, kaum bist du weg, ist es zappenduster. Mein Alter hat gesagt, die ganzen Strippen müßten raus, die könnte Galvani noch selbst gezogen haben; aber was meinst du, was der Schnapspanscher angibt – bei Appendizitis, sagt er, exstirpiert man auch nur den Blinddarm –, ich hab ein Wörterbuch mitgehabt, das brauchst du bei dem Kerl.

Und dann läuft er immer mit einer Uhr herum und schreibt auf, wie oft du in der Minute den Schraubenzieher drehst. Dabei hätte er sich für das Geld, das er bisher hat blechen müssen, die Bruchbude dreimal neu installieren lassen können.

Schade um den Schnaps, denn den hätte man nötig, wenn man da gewesen ist. Die anderen im Hause spinnen nämlich auch. Seine Alte ist seit Jahren nicht mehr aus ihrem Schlafzimmer rausgekommen, und das Bett ist, glaube ich, zur gleichen Zeit frisch bezogen worden, als sie die Lichtleitung legten.

Wenn du da in die Stube mußt, kriecht sie so lange unter die Decke, bis du wieder raus bist.

Und die Tochter, Mann, die liegt auch bis in die Puppen im Bett, aber die wirft die Decken weg, wenn du reinkommst, und dem Franz hat sie schon mal wo hingefaßt.

Der einzige Lichtblick ist das Dienstmädchen, Sophie heißt sie, bloß zu landen ist bei der auch nicht … Na, tröste dich man, ich glaube, da müßte Theodor Buttewegg schon seinen ganzen Fusel alleine ausgetrunken haben, bevor der deinen Meister einlädt, seinen Kurzschluß zu suchen …«

Als ich mein Fahrrad an die Hauswand des Herrn Buttewegg lehnte, erwartete ich denn auch, den Besitzer des Anwesens im Delirium anzutreffen.

Aus einigen der kleinen Fenster fiel sanftes gelbes Licht in den noch fast unberührten Schnee auf der Straße – es trat so ruhig und sicher durch die Scheiben, als wollte es für alle Ewigkeit weiterleuchten.

Die alte Haushälterin, der ich sagte, ich sei der Elektriker, wiederholte die Berufsbezeichnung in einem Ton, der mir sogleich klarmachte, daß das in diesem Hause ein Schimpfwort war.

Ich hatte Herrn Buttewegg schon öfter gesehen, darum erschrak ich nicht, als er die Stiege heruntergetrippelt kam.

Er sah aus, als wollte er auch mit seiner äußeren Erscheinung deutlich machen, daß zwischen einem Fabrikanten feinsten Branntweins und einem vulgären Bierbrauer ein Unterschied weit wie der Himmel liege. Bierbrauer sind – zumindest ist das eine weitverbreitete Ansicht – in Statur und Gemüt den Pferden, die ihr Produkt vom Hof weg in die Kneipen schleppen, ähnlich, sie sind grobknochige, breitschultrige, dickwänstige Kerle, die gar nicht wissen, wohin mit all ihrer Gesundheit.

Nicht so Herr Buttewegg. Er war ein Hänfling, und ein häßlicher obendrein.

Statt meinen Gruß zu erwidern, musterte er mich scharf und sagte mit einer Stimme, die irgendwer mit einer Schrotfeile bearbeitet zu haben schien: »Ihr Chef sprach von einem Spezialisten …«

»Und er weiß, was er sagt«, antwortete ich.

»Deliziöse Antwort«, raspelte er und schickte sich an, mir die Geschichte seiner Leiden zu erzählen. Als er das erste Mal »und dann passierte es« gesagt hatte, unterbrach ich ihn, was mir einen Blick mit einer tüchtigen Ladung Strychnin darin einbrachte.

»Herr Buttewegg«, sagte ich und versuchte wie ein ergrauter Spezialist für Kurzschlüsse dreinzuschauen, »ersparen Sie mir diese Quisquilien; was Sie da mit dem wohl eher ins Medizinische greifenden Ausdruck ›periodische Malaise‹ zu bezeichnen suchen, ist nichts weiter als ein ordinärer schleichender Kurzschluß …«

Ich glaube, hätte ich ihm auf die Schulter geschlagen und »Das werden wir bald haben, Sie häßlicher kleiner Giftmischer!« gesagt, er hätte nicht geschockter aussehen können.

Er trat einen Schritt zurück und eine Stufe der Treppe hinauf, um mir gerade in die Augen starren zu können, dann fragte er fast sanft: »Sie haben Bildung genossen?«

»Ist das jetzt relevant?« fragte ich zurück und zog dabei die Augenbrauen so hoch, daß mir geradezu anzusehen war, welch eine piekfeine Bildung ich genossen hatte.

Aus meiner Brust aber flog ein Segensspruch jenem Fleischerlehrling nach, von dem ich vor langer Zeit ein Fremdwörterbuch gegen einen alten Akku eingehandelt hatte. Das Buch war immer scharfer Konkurrent von Edgar Wallace, und wenn es mich überkam und ich daheim in der Küche mit meinen Lesefrüchten aufwartete, bedurfte es erst eines Machtwortes meiner Mutter, daß ich dem »karierten Gefasel« ein Ende setzte.

O purer Jammer, daß sie jetzt nicht des Herrn Buttewegg Gesicht sehen konnte; sie hätte mir wohl gar verziehen, daß ich fast die ganze Nacht noch über dem gebildeten Buch gehockt und ein tüchtiges Loch in die monatliche Stromration gebrannt hatte.

Nun jedoch galt es, dem angeschlagenen Hausherrn zu beweisen, daß ich nicht nur ein Spezialist für Fremdwörter, sondern auch ein solcher für Kurzschlüsse war. Dabei folgte ich weniger meinen eigenen Eingebungen als denen meines Meisters.

»Junge«, hatte er gesagt, »die anderen haben sich fast dämlich an diesem Kurzschluß verdient, und ich möchte es auch gerne. Aber wie die Dinge liegen, kann ich ihm keine siebenköpfige Monteurmeute auf den Hals schicken, um dann nachher die Stunden mit sieben zu multiplizieren. Ich kann nicht einmal selbst hingehen, du weißt, die Gicht … Ich denke mir aber, wir werden das Verfahren der Herren Kollegen umkehren. Also, paß auf …«

Herr Buttewegg hörte mir aufmerksam zu, als ich ihm erzählte, ich gedächte, ein neuartiges invertiertes Suchverfahren anzuwenden; die Sache sei zwar nicht die billigste, jedoch die einzige, von der noch ein Erfolg zu erwarten sei. Dabei holte ich aus meiner Tasche ein großes Heft mit Millimeterpapier, mehrere Farbstifte und ein Kurvenlineal. Dazu legte ich ein dickleibiges Druckwerk, auf dessen Schutzumschlag »Elektrotechnisches Handbuch« zu lesen stand.

Theodor Buttewegg vergaß seine ganze Bildung und sagte schlicht: »Die Sache scheint ja Schick zu haben.«

»Hat sie«, bestätigte ich und erklärte ihm, ich bedürfe nunmehr lediglich einer großen Menge Zeit, und von ihm würde nichts weiter als eine ebenso große Portion Geduld erwartet.

Hiernach sagte er, ich solle mich in seinem Hause wie in dem meinen fühlen, und wenn es bis Ostern dauere, Hauptsache, dieser Alp verschwinde aus seiner Heimstatt …

Ich fragte ihn, ob es irgendwo einen Raum gebe, in dem ich ungestört meinen Beobachtungen nachgehen könne, ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Lebenslauf, zweiter Absatz" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen