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Lebenslänglich tot

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Epigraph
  5. VORWORT
  6. PROLOG
  7. ERSTES KAPITEL
  8. ZWEITES KAPITEL
  9. DRITTES KAPITEL
  10. VIERTES KAPITEL
  11. FÜNFTES KAPITEL
  12. SECHSTES KAPITEL
  13. SIEBTES KAPITEL
  14. ACHTES KAPITEL
  15. NEUNTES KAPITEL
  16. ZEHNTES KAPITEL
  17. ELFTES KAPITEL
  18. ZWÖLFTES KAPITEL
  19. DREIZEHNTES KAPITEL
  20. VIERZEHNTES KAPITEL
  21. FÜNFZEHNTES KAPITEL
  22. SECHZEHNTES KAPITEL
  23. SIEBZEHNTES KAPITEL
  24. ACHTZEHNTES KAPITEL
  25. NEUNZEHNTES KAPITEL
  26. ZWANZIGSTES KAPITEL
  27. EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  28. ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  29. DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  30. VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  31. FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  32. SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  33. EPILOG
  34. DANKSAGUNG
  35. Über den Autor

VORWORT

Ich habe mir lange überlegt, ob ich zu diesem Thriller überhaupt ein Vorwort schreiben soll. Geschrieben habe ich das Buch, weil mein Wissen einfach mal aus mir herausmusste. Vorweg: Alle Personen sind frei erfunden. Die Tatsachen nicht.

Ich wollte keine Dokumentation schreiben. Mir war nur einfach danach, meine Kenntnisse der Wahrheit möglichst spannend und informativ in die Öffentlichkeit zu bringen.

Vielleicht denkt der eine oder andere hinterher etwas anders über die Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens versuchen, aus ihren Krisengebieten ins vermeintliche Schlaraffenland Europa zu flüchten.

Dazwischen liegen nicht nur ein langer Weg, sondern auch Missverständnisse und reichlich Ausbeutung.

Dann folgen Sie mir bitte in die Hölle. Aber auf eigene Gefahr … und führen Sie sich vor Augen, dass Sie nie mehr sehen, hören, fühlen und schmecken als ich. Sie als Leser, Leserin sind jetzt ich!

PROLOG

Es gibt Stunden, Tage, sogar Wochen im Leben eines Menschen, in denen sich eben dieser Mensch fragt: Träume ich, oder kann das alles wahr sein? Nein. Das darf einfach nicht wahr sein!

So ging es mir seit einiger Zeit.

Alles, was nur schiefgehen konnte, war über mich hereingebrochen. Dabei hatte ich nicht das Geringste dazu beigetragen. Ich wollte einfach nur Weihnachten und Neujahr in Ruhe mit mir selbst verbringen, die kalte Jahreszeit in der Sonne sein. Darauf hatte ich mich seit Monaten gefreut und ein Hotel in Puerto de La Cruz auf Teneriffa gebucht. War von Köln hierhergeflogen. Von Minusgraden in fast fünfundzwanzig Grad. Überall grünte und blühte es, als interessiere die Vegetation auf der Insel die Jahreszeiten nicht. Dieser Flecken Erde war einfach nur schmerzhaft schön.

Wenn da nicht … na ja.

Ich fange lieber von vorne an. Dann versteht es sich besser, warum dieser Urlaub ein anderer werden sollte, als ich es mir jemals hätte vorstellen können.

ERSTES KAPITEL

KÖLN. 17.12. MEINE WOHNUNG IN DER SÜDSTADT.

»Herr Stösser! Wann lassen Sie mal Ihre Türglocke reparieren?« Eine Faust trommelte gegen die Tür. »Sie haben Besuch, und ich habe Ihre Post. Los, aufmachen! Ich habe nicht alle Zeit der Welt.«

Irgendwann würde ich meine Drohung wahr machen und Hausmeister Willy Weber ermorden. Der Kerl lebte im Erdgeschoss wie eine Muräne. Diese aalähnlichen Viecher, die in Löchern lauerten und ihre Beute blitzschnell fassten. Von Tauchern waren sie gefürchteter als Haie.

Willy Weber lauerte den ganzen Tag an seinem Türspion und schoss aus der Tür, wenn er glaubte eine Beute erwischt zu haben. Schmutzige Schuhe und Abfall waren ihm ein willkommener Anlass, um aus seiner Höhle zu schießen. Ob Mieter oder Besucher, er machte keinen Unterschied. Jeder hatte eine Standpauke über sich ergehen zu lassen. Ich hatte es aufgegeben, mich mit ihm herumzuärgern. Dennoch würde ich ihn eines Tages erwischen und auf der eigenen Treppe ausrutschen lassen.

Mein Türspion gab nicht viel mehr her als einen mit der Post winkenden Hausmeister und einen blonden Schopf neben ihm auf der Treppe.

»Ich habe Urlaub! Was soll der Schwachsinn? Meine Post kann ich mir noch selbst holen«, fuhr ich ihn an. »Diese Schnüffelei in den Briefkästen wird Ihnen noch das Genick brechen.«

»Hör auf zu meckern.« Eine weißblonde Frau drängte sich an mir vorbei in die Wohnung und warf die Tür hinter sich zu. »Wenn du im Urlaub bist, gibt es keine Chance, an dich heranzukommen.«

Olga warf die Post auf den Couchtisch.

Es war besser, dass ich mir jetzt etwas anzog. Mit halb geschlossenen Augen torkelte ich ins nebenan liegende Schlafzimmer.

»Das müsstet ihr langsam wissen«, knurrte ich, während ich nach meiner Hose tastete. »Keine Kommunikation. Nur per E-Mail. Einmal im Jahr will ich meine Ruhe.«

»Ja, ja. Schon gut«, kam es aus dem Wohnzimmer. Und dann: »Wladimir ist tot.«

Wladimir war tot? Irgendwie wollte es mir nicht in den Kopf, was diese Information mit mir zu tun hatte. Der verdammte Reißverschluss an der Jeans klemmte.

»Wann und woran ist Wladimir gestorben?«, versuchte ich Olga von meinem Kleidungsdilemma abzuhalten. Das Hemd hatte sich in den Zähnen des Verschlusses verfangen. »Immer diese Überraschungen! Das kann ja nicht gut gehen …«, knurrte ich, womit ich allerdings mein eigenes Problem meinte.

»An Nierenversagen. Gestorben vor drei Tagen«, tönte Olgas Stimme. »Er wurde bereits eingeäschert. Hat er so verfügt.«

Dass Wladimir Propow Probleme mit den Nieren hatte, wusste ich schon seit Jahren. Meine letzte Information war, dass er einen Spender gefunden hatte. Aber das war schon Monate her. Seither war unser Kontakt eingeschlafen. Vor vielen Jahren hatten wir mal jeden Samstag Schach gegeneinander gespielt. Er war immer besser als ich gewesen. Benutzte mich als sein persönliches Erfolgserlebnis, wenn ich mich für »matt« erklärte. Darüber waren wir uns dann in die Haare geraten und hatten uns zerstritten. Er war seinen dubiosen Geschäften nachgegangen, und ich hatte es für besser befunden, ihn nicht mehr in meiner Kolumne als russischen Oligarchen anzugreifen. Er besaß mehrere Kneipen und Bordelle in diversen europäischen Großstädten.

Endlich! Ich hatte den Reißverschluss mit Gewalt besiegt. Mit einem Loch im Hemd und einem geklemmten Finger als unvermeidlichen Kollateralschäden, aber das war mir im Moment egal.

»Was sagen die Ärzte? Es muss doch einen Grund geben, dass Wladimir so einfach an Nierenversagen eingeht. Das war denen doch bekannt.«

Olga futterte Gummibärchen, die auf dem Tisch lagen. Ein paar Gramm mehr oder weniger machten ihrer Figur nichts mehr aus. Sie hatte ein hübsches Gesicht. Aber mindestens fünfzehn Kilo zu viel.

»Nichts, sagen die Ärzte. Sie fühlen sich nicht verantwortlich. Die implantierte Niere sei vom Körper abgestoßen worden und habe zu einer Entzündung geführt. Sie sagen, das Risiko hätte ihm bewusst sein müssen.«

Ich verstand nicht. Eine Nierenverpflanzung war doch heutzutage eine Routineoperation, sagte ich mir. Oder etwa nicht? Außerdem war jemand wie Wladimir bestimmt kein Kassenpatient.

»Was soll das heißen? Seine Ärzte müssen doch wissen, was sie wem einpflanzen. Das wird doch vorher genau geprüft. Daher ist es doch so schwierig, geeignete Organe zum richtigen Zeitpunkt zu finden.«

Olga schüttelte den Kopf. Mümmelte weiter Gummibärchen.

»Die Operation hat nicht hier stattgefunden.«

»Wo dann?«

Olga wand sich. Irgendetwas quälte sie. Ich machte besser einen Kaffee, bis sie bereit war, mir den eigentlichen Grund ihres Besuches hier zu verraten. Denn Olga war wie ihr Mann nur eines: ein Profitgeier. Beide hatten es irgendwie geschafft, gleich nach der Perestroika im goldenen Westen ein kleines Imperium von mehr oder weniger legalen Unternehmungen zu installieren. Olga war bestimmt nicht aus alter Freundschaft vorbeigekommen, um mir mitzuteilen, dass Wladimir verstorben war. Dazu war sie viel zu sehr auf ihren eigenen Vorteil bedacht, zumal sie jetzt die Herrin von Wladimirs Imperium und somit eine sehr reiche Frau war.

Nein, als Freunde hatte ich die beiden schon lange nicht mehr angesehen. Sie als Feinde zu betrachten, dazu hatte es allerdings auch nie gereicht.

Wir saßen schweigend da, während der Kaffee durchlief und ich zwei Tassen auf den Tisch stellte. »Wer hat ihn dann verpfuscht«, fragte ich schließlich, »und wo?«

Sie kaute weiter und drehte die Kaffeetasse zwischen den Händen.

»Es war Mord. Jemand hat ihm absichtlich eine falsche Niere eingesetzt.«

»Absichtlich? Wer hätte ein Interesse daran? Wladimir war doch schon geschwächt. Warum sollte ihn dann noch jemand auf solch eine komplizierte und teure Art umbringen? Einfach abzuwarten hätte auch gereicht.«

Olga nickte nachdenklich.

»Das habe ich mich auch gefragt. Er kam von einer Reise nach Amerika zurück und strahlte, dass er nun ein neues Leben mit einer Spenderniere beginnen würde. Zwei Tage später ist er zusammengebrochen. Die Ärzte haben ihn in ein künstliches Koma versetzt, aus dem er nicht wieder wach wurde.« Olga tupfte sich die Augen. Wischte mit dem Taschentuch geistesabwesend über den Couchtisch, auf den man sichtbar hätte »Sau« schreiben können. Ich übersah den Hinweis und versuchte weiter, ihren überraschenden Besuch und die bruchstückhaften Informationen in einen sinnvollen Zusammenhang einzuordnen. Ohne Erfolg.

»Das heißt, Wladimir hatte eine neue Niere in den USA bekommen? So mal eben? Zwischen Tür und Angel? Das kann ja nur Pfusch sein.«

Olga schüttelte den Kopf. »Nein. An dem Tag, an dem er wieder nach Hause fliegen sollte, rief er mich an, dass er ein paar Wochen in der Karibik eine Kreuzfahrt mit Geschäftsleuten machen wolle. Zur Entspannung. Meine Bedenken wegen seiner Gesundheit wischte er beiseite. Auf dem Schiff gebe es eine perfekte medizinische Versorgung.«

Jetzt wischte sie auch noch den Rest des Tisches. Das wurde mir langsam peinlich. Ich sollte doch mal einen Putzlappen in die Hand nehmen.

»Und dann?«

Olga wischte weiter, als sei das die einzige Möglichkeit, von schlechten Gedanken loszukommen. Alles auslöschen, was an alten Staub erinnerte, selbst wenn noch älterer darunter wartete.

»Er hat mehrfach angerufen. Nach den Geschäften gefragt und gesagt, dass es ihm gut ginge. Das war es.«

Jetzt war es an der Zeit, dass ich ihr das Tuch wegnahm. Sonst räumte sie auch noch auf. Das konnte ich nicht leiden, wenn mir jemand meine kontrollierte Unordnung durcheinanderbrachte.

»Das bedeutet, die Transplantation muss auf dem Schiff stattgefunden haben?«

Sie nickte. »Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Was macht der Kaffee?«

Der Kaffee war inzwischen fertig. Ich nahm die Kanne und goss ihr ein.

»Und hast du noch Gummibärchen?«

»Die sind im Gemüsefach.«

Olga wuchtete sich hoch, während ich mir selbst einen Kaffee einschenkte und mir beim ersten Schluck die Zunge verbrannte. Dafür kam langsam mein Verstand wieder in die Gänge, der bislang auf Autopilot gelaufen war.

Eine Tür quietschte.

»Typisch Junggeselle. Im Kühlschrank sieht es auch aus wie Sau. So findest du nie mehr eine Frau. Den werde ich gleich mit Essigwasser gründlich putzen. Wo hast du Essig?«

»Unter dem Spülbecken.«

Wenn sie ihren Putzfimmel loswerden wollte, dann sollte sie. Ich musste nachdenken.

»Wie ist Wladimir zurückgekommen?«

»Du bist wirklich ein Kretin«, tönte Olgas Stimme in meinem Rücken. »Die Sachen im Kühlschrank sind alle längst übers Verfallsdatum. Ich werf das Zeug besser weg. Wladimir kam mit einem Linienflug von Teneriffa nach Köln zurück. Hast du noch Putzlappen?« Es schien ihr gar nicht aufzufallen, dass sie durcheinanderredete.

»Nein. Nimm Handtücher«, knurrte ich, ohne den Kopf zu wenden. »Die sind im Besenschrank. Hast du eine Ahnung, mit welcher Kreuzfahrtlinie er unterwegs war?«

»Nein. Ich habe nur Tickets bei ihm gefunden, die auf eine MS Astoria für eine mehrwöchige Kreuzfahrt ausgestellt waren. Mehr nicht.«

»Ein Preis für diese Fahrt stand nicht darauf?«

»Nein. Die Handtücher kannst du danach auch wegwerfen. So viel Dreck habe ich nicht einmal im Keller. Aber es kam bald danach eine Kreditkartenabbuchung von über einer Million Dollar. Ausgestellt auf dieses Schiff Astoria. Sonst hätte ich noch nicht einmal den Namen. Mensch. Hier muss mal eine Grundreinigung rein. Ich schicke dir meine Putzfrau.«

Mir blieb ein verkniffenes Lächeln ob dieser Arbeitswut. Was wollte sie? Karibik-Kreuzfahrt. Rückkehr über Teneriffa. Und dazwischen ein Loch, groß genug, um eine Million Dollar drin verschwinden zu lassen.

»Gibt es Belege, Rechnungen, wie Wladimir von der Kreuzfahrt nach Teneriffa gekommen sein kann?«

»Nein. Nichts. Da er immer mit Kreditkarte bezahlt hat, kann es nur sein, dass dieses Schiff ihn dort abgeliefert hat.«

Von der Karibik war es ein weiter Weg zu den Kanaren. Ein Flugzeug schaffte das in wenigen Stunden. Ein Schiff, das vielleicht zwanzig Knoten Höchstgeschwindigkeit lief, brauchte dazu mehr als eine Woche.

Es klapperte in der Küche. Ein flüchtiger Blick. Olga räumte meine Schränke aus.

»Da macht keine Putzfrau der Welt sauber. Es könnte etwas kaputtgehen.« Es klapperte weiter. »Bei dir wäre es allerdings kein Schaden. Du hast nur Schrott in versauten Schränken. Das kannst du alles wegwerfen. Wie kann man nur so leben?«

Das fragte ich mich auch zunehmend.

»Warum hat Wladimir nicht auf eine Niere in seinem behandelnden Krankenhaus gewartet?«

Ein Grunzen aus dem unteren Küchenschrank kam zurück.

»Du kennst doch seinen Dickschädel. Und diese ständige Dialyse hat ihn in seinem Bewegungsdrang gehindert.«

Es rumpelte weiter in den Schränken. Die Küche sah einem Schrotthaufen ähnlich. Töpfe, Pfannen stapelten sich auf dem Boden. Dass ich so viel besaß, war mir entgangen. Ich sollte auf Pappgeschirr umstellen.

»Außerdem war seine Blutgruppe so selten, dass ihm die Ärzte nur eine geringe Hoffnung machten, schnell einen geeigneten Spender zu finden.«

Olga kroch mit hochrotem Kopf aus dem Schrank.

»Ich weiß, was ich dir zu Weihnachten schenke. Eine neue Küchenausstattung und einen Dauergutschein für ein anständiges Essen in einem anständigen Restaurant.«

»Es reicht jetzt«, grollte ich und hielt sie davon ab, nun auch noch meinen Tiefkühlschrank auseinanderzunehmen. »Was willst du hier, außer mir meine Küche schlechtzumachen?«

Olga wischte sich die Hände und den Schweiß ab. Ließ sich schwer atmend auf die Couch fallen.

»Ja, du hast recht. Ich mache mir etwas vor, suche nach Möglichkeiten, mich abzulenken.«

Das war gelogen. Sie gehörte zu den Leuten, die sich jede erwünschte Ablenkung leisten konnten. Meine Küche war das schlechteste Mittel für eine vermögende Frau, um ihre Gedanken in eine andere Richtung zu bringen.

»Was willst du von mir? Ich kann Wladimir nicht mehr zum Leben erwecken.«

Olga kaute betont langsam auf den Gummibärchen aus dem Gemüsefach. Ihre Miene verfinsterte sich, wie der fallende Vorhang im Theater die Bühne verschleierte.

»Soll ich ehrlich sein?«

»Ich bitte darum. Du machst mir meine ganze Urlaubsfreude kaputt, wenn ich es nicht weiß.«

»Ja, ja. Schon gut«, winkte sie ab. »Du fliegst nach Teneriffa. Und ich brauche dich dort. Du bist doch Reporter, du kannst für mich ein paar Erkundigungen einziehen.«

Das hatte ich geahnt. Die Fragen lagen auf der Hand: Wie war Wladimir von der Karibik auf die Kanaren gekommen? Was hatte ihn bewogen, eine Million für eine Operation auszugeben?

Olga war nicht der Mensch, der über eine solche Investition einfach zur Tagesordnung überging. Schon gar nicht, wenn die dafür erbrachte Leistung offenbar Pfusch war. Über Wladimirs Tod hätte sie vielleicht noch hinweggesehen, achselzuckend oder mit russischem Fatalismus. Aber wenn es um ihr Vermögen ging, dann kannte sie keine Rücksicht. Nur vor Wladimir hatte sie gekuscht, hatte seine Entscheidungen als unwiderruflich hingenommen. Wladimir hätte ihr sonst den Marsch geblasen. Aber jetzt hatte sie das Sagen. Warum putzte sie meine Küche? Ihr Verhalten war mir suspekt.

»Du sagst nichts«, riss sie mich aus meinen Gedanken. Drehte an ihrem Ehering. Zupfte sich die Bluse zurecht.

»Ich weiß nicht, was ich davon halten soll«, antwortete ich wahrheitsgemäß. »Dein Mann ist tot. Ändern kannst du jetzt nichts mehr. Wladimir wird dadurch nicht mehr lebendig. Außerdem habe ich meinen Job an den Nagel gehängt. Ich bin kein Journalist mehr. Nein. Ich mache Urlaub, wie geplant, und will meine Ruhe haben.«

Dass ich den Job an den Nagel gehängt hatte, stimmte nur so halb. Der Verlag hatte mich nach zwanzig Jahren vor die Tür gesetzt - und dafür mit einer stattlichen Abfindung bluten müssen. Meine kleine Presseagentur, die ich vor zwei Jahren in Ermangelung einer Festanstellung gegründet hatte, lief gut. Zwei ehemalige Kolleginnen waren mir gefolgt und leiteten nun meine Minifirma. Wir waren ein gutes Team. Auch wenn es hier und da bei der Zahlungswilligkeit der Kunden klemmte.

Obwohl …

Ich wischte den Gedanken beiseite. Einmal Journalist, immer Journalist. Diesen Leitsatz meiner Chefredakteure hatte ich in meinem Berufsleben mehrfach schmerzhaft bestätigt bekommen. Die Sucht unserer Berufsgruppe nach immer Neuem war unstillbar. Für uns Journalisten sollte es eigentlich eine Therapie geben. Wie für Menschen, die nicht vom Rauschgift loskommen. Aber wir sind nur die Aasgeier, die sich an den Fehlern und dem Leid anderer weiden. Wir berichten, wenn alles in den Brunnen gefallen ist …

Olga nickte.

»Hab schon verstanden. Wladimir hat dir mit seinen Klagen gegen deine Artikel übel mitgespielt. Verstehe ich.«

Sie schulterte eine überdimensionale Hängetasche, die mehr wie ein Rucksack mit Henkeln aussah.

Sie lächelte. Es wirkte nicht ganz aufrichtig. »Entschuldigung. Ich musste es versuchen. Sonst weiß ich niemand, dem ich vertrauen könnte.« Im Gehen fügte sie noch hinzu. »Du kannst trotzdem jederzeit auf meine Putzfrau zurückgreifen.«

Ich blieb mit einem ausgeräumten Kühlschrank und einem Haufen Töpfe und Teller auf dem Boden zurück. Und einer Mischung von Verständnislosigkeit, Unbehagen und Stinkwut im Bauch.

Es klopfte an der Wohnungstür.

»Jetzt bin ich auch noch Ihr Paketbote«, murrte der Hausmeister und drückte mir ein Päckchen vor die Brust. »Sagen Sie mal, Herr Stösser, wer macht während Ihres Urlaubs die Treppe?«

Das hatte ich mir noch nicht überlegt. Um es direkt zu sagen, das war mir egal. Hier im vierten Stock war kein Durchgangsverkehr. Der Dreck würde sich in Grenzen halten.

»Sehe schon, darüber haben Sie sich mal wieder keine Gedanken gemacht«, giftete Willy Weber. Eines Tages würde ich meinen Vorsatz, ihn die Treppe mit der Zunge auflecken zu lassen, wahr machen.

»Ich könnte das für Sie übernehmen«, fuhr er fort. »Aber das stelle ich natürlich in Rechnung.«

Mistkerl. Den beiden alten Damen links und rechts von mir konnte ich es nicht zumuten, meine Kehrwoche mit zu übernehmen. Das wusste dieser Stiefelknecht der Hausverwaltung und kassierte dafür fünfzig Euro. Natürlich im Voraus.

Das Päckchen war gelb. So, wie man es auf jedem Postamt kaufen konnte. Es trug nur meine Anschrift, aber keinen Absender.

Nur einen Namen: Olga Propow.

ZWEITES KAPITEL

PUERTO DE LA CRUZ, TENERIFFA.

Nun war ich hier. Im Urlaub. Kurz vor Weihnachten. Unter mir schwarzer Lavasand, der sich wohltuend für meinen Rücken aufheizte. Es war wie eine Fangopackung. Über mir nur der blaue Himmel und eine dreißig Meter aufstrebende Klippe aus schwarzer Lava. Wie alles auf der Insel im Untergrund schwarz war. Teneriffa gab es nur, weil es den erloschenen Vulkan Teide gab, der seine schneeweiße Kuppe in fast viertausend Meter Höhe streckte.

Um mich herum die kleine Bucht von Bollullo etwas östlich von Puerto. Ein göttlicher Flecken Erde. Hunderte von künstlich angelegten Stufen, über mir ein Lokal mit Terrasse, auf der mich zur Mittagszeit ein Kaninchen mit Papas, den hier so beliebten Schrumpelkartoffeln, und einer köstlichen süß-scharfen Sauce erwartete. Links und rechts von mir am Strand zwei Familien mit tobenden Kindern. Vor mir, wenn ich mir meinen weißen Bierbauch wegdachte, das Meer, das das Geschrei der Kinder und Mütter geräuschvoll überbrandete.

Dazwischen war nichts mehr. Hier ließ es sich leben. Ich schlief ein.

»Verzeihung, Señor. Haben Sie ein Handy?«

Ich hatte zu lange geschlafen. Mein Bauch färbte sich von Bierschaumweiß in Rot. Ein Schatten beugte sich über mich.

»Haben Sie kein eigenes? Hier hat doch jeder eins«, knurrte ich und richtete mich auf. Der Mann über mir war der hagere Strandnachbar mit den zwei tobenden Kindern im Vorschulalter.

Er lächelte. »Doch. Aber das haben meine Kinder gerade im Meer versenkt.«

»Aha. Der Spieltrieb«, murmelte ich und wedelte wie ein Baby mit allen vieren, um in die Senkrechte zu kommen. Ich hatte ein Handy. Ganz gegen mein Vorhaben, nicht erreichbar zu sein. Das gelbe Päckchen. Olga hatte nicht aufgegeben und mir ein Satellitenhandy samt Ladegerät nebst zehntausend Euro in bar und einen Hausschlüssel mit dazugehöriger Adresse geschickt. Sie war schlau. Hatte nicht mehr versucht, mich zu überreden, und nur noch abgewartet, was mit meinem Jagdinstinkt passieren würde, wenn ich erst einmal vor Ort war. Nämlich genau da, wo ich hinwollte und für sie hinsollte.

»Verzeihung. Mein Name ist Terez. Doktor Terez. Ich habe in Puerto eine Arztpraxis und sollte dringend die Polizei anrufen.«

»Notfall?« Ich kramte in meiner Badetasche. Irgendwo musste das Ding sein. »Nicht direkt. Der, äh … Patient ist schon tot.«

Der Körper lag auf dem Bauch. Er war nackt und von schwarzer Hautfarbe. Die Mütter versuchten schreiend ihre neugierigen Kinder fernzuhalten.

»Kann er nicht ertrunken sein? Ich meine, so etwas soll es doch geben«, murmelte ich hilflos. Hilflos, da mir einfach nur danach war, meine Hilflosigkeit durch einen Kommentar zu überspielen.

Dr. Terez schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe ihn nur umgedreht, um das hier vor den Kindern zu verbergen.«

Er drehte die Leiche auf den Rücken.

»Sehen Sie? Dem Mann fehlen alle Eingeweide.«

So etwas hatte ich trotz meiner Kriegserfahrungen noch nicht gesehen.

»Raubfische?«, mutmaßte ich.

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Bei einigen fehlenden Organen vielleicht. Aber ich kenne keinen Fisch, der solch einen Schnitt vom Brustbein bis in die Lenden setzt. Der Mann ist regelrecht ausgeschlachtet worden. Jemand hat ihn wie einen gefangenen Fisch ausgenommen. Was für eine Sauerei! Und das hier am Strand! Vielen Dank für Ihr Handy. Die Polizei wird gleich hier sein. Ich habe einen Tisch oben im Restaurant bestellt. Essen Sie mit uns?«

»Papi, kannst du den schwarzen Mann am Strand nicht wieder gesund machen?« Der Junge von Dr. Terez schleckte sein Eis.

»Bist du blöd«, konterte seine etwa ein Jahr ältere Schwester. »Papi ist Arzt und nicht der liebe Gott.«

Der Doktor und seine schweigsame Frau lächelten.

»So sind Kinder eben«, meinte er. »Sie sagen die Wahrheit, ohne es zu wissen.«

Wir hatten ausgiebig gegessen und sahen der Küstenwache von oben zu, wie sie den Leichnam bargen. Ein toter Schwarzer auf totem schwarzem Sand. Wenn das kein Omen war.

»Die ganze Sache stinkt zum Himmel«, murmelte Terez. »Das ist in dieser Saison schon der Dritte, den man an den Stränden von Teneriffa in diesem Zustand findet.« Er bestellte noch eine Flasche Rotwein für uns und ließ sich dann die Rechnung kommen.

Die Sonne stand im Zenit. Der Wind vom Meer hielt die Temperatur auf Wohlfühlgraden.

»Schon drei? Was schließen Sie als Arzt daraus?«

Terez zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht genau. Jemand entnimmt den Leuten Organe und wirft den wertlosen Rest ins Meer. Was anderes kann ich mir nicht vorstellen.«

»Wer könnte so etwas wohl tun?« Mein Jagdtrieb war geweckt. Nicht dass ich mich davon hätte anstecken lassen. Ich war zum Urlaub hier, Olga hin oder her …

»Ich weiß es wirklich nicht. Alles nur Gerüchte, die sich nicht beweisen lassen.«

Er kaute Oliven und sah aufs Meer hinaus. Die Kinder bettelten um ein weiteres Eis. Seine Frau lächelte und schwieg. Sie war überhaupt eine seltsam schweigende Frau. Wenn sie die Kinder nicht befehligte, schwieg sie. Lächelte nur und nickte bestätigend zu den Worten ihres Mannes. Sie war hübsch, vollhüftig, glutäugig mit schwarzen Haaren und dunklem Teint. Trotzdem machte sie mir nicht den Eindruck, als wäre sie nur eine hübsche Fassade mit nichts dahinter. Aber was ging es mich an?

Ich versuchte die einschlafende Kommunikation wieder anzufachen. »Wenn irgendwo ein Organ fehlt, dann wird es doch woanders gebraucht.«

Dr. Terez nickte nachdenklich. »Ja. Es gibt keine verlässlichen Statistiken. Aber man schätzt, dass weltweit etwa hundert Millionen Menschen nach einem Ersatzorgan suchen. Da ist dem illegalen Handel Tür und Tor geöffnet. Aber ich bin nur ein Landarzt. Da sollen sich die Behörden drum kümmern. Mir reicht es, die noch vorhandenen Organe am Leben zu halten. Kann ich Sie irgendwo mit hinnehmen?«

»Nein, danke. Ich bin mit dem Mietwagen hier.«

Dr. Terez nickte und reichte mir seine Visitenkarte. »Wenn Sie mal einen Arzt brauchen, rufen Sie mich an. Ich mache auch Hausbesuche. Kinder, können wir? Ab ins Auto.«

»Ich muss noch einmal für Damen. Geht ihr schon vor.« Die Señora sammelte die Sachen der Kinder ein und drückte sie ihrem Mann in die Hand.

Ich blieb sitzen. Goss mir den Rest Wein aus der Flasche ein, die der Doktor bezahlt hatte. Zu schade, um weggekippt zu werden. Ich zündete mir eine Zigarette an und sah über die Bucht.

Señora Terez kam von der Toilette zurück und legte mir ihre Visitenkarte neben den Aschenbecher. »Wenn Sie irgendwelche Ausflüge zu den anderen Inseln buchen möchten, dann kommen Sie zu mir. Ich mache Ihnen einen Vorzugspreis.« Dann wandte sie sich um und schlenderte zum Parkplatz.

Die Visitenkarte wies sie als Carmen Terez aus. Reisebüro Terez, an der Plaza del Charco. Den Platz kannte ich. Er lag in der Altstadt. Gleich neben dem alten Fischerhafen mit sehenswerten Gebäuden. Flankiert von ehemaligen Patrizierhäusern, deren Innenhöfe heute Gaststätten der verschiedensten Couleur waren. Meine Stammkneipe, das Old Inn, war nur wenige Meter entfernt.

»Hatten Sie einen schönen Tag, Señor?«

Señora María strahlte mich an wie immer und wischte sich die Tränen aus den Augen. Sie hackte Zwiebeln. »Das gibt ein schönes Abendessen. Mein Mann schneidet die Büsche. Setzen Sie sich. Ich brühe gerade Kaffee auf. Der Aprikosenkuchen ist auch gleich fertig. Warm schmeckt er am besten.«

Eigentlich hatte ich ein Hotel an der Playa San Telmo gebucht. Die Neugier hatte mich dann doch getrieben, der Herkunft des Schlüssels nachzugehen, den mir Olga ins Paket gelegt hatte. Ein Bungalow, der sich hinter Mauern versteckte. Ein Stahltor. Mehr war von der Straße nicht zu sehen. Drinnen tat sich eine andere Welt auf. Ein kleiner Park, in dem alles blühte, was um diese Zeit blühen wollte. Eine Doppelgarage. Ein Flachdachbau, der sich nicht nur über zweihundert Quadratmeter Wohnfläche erstreckte, sondern sich auch auf den Klippen von Paz de Cologan, einem recht exklusiven Wohnviertel, hundert Meter über dem Meer erhob. Also hatte ich mich gegen das Hotel und für die Finca entschieden.

Hier war ich über der Stadt und mit meiner Ruhe allein. Olga hatte das raffiniert eingefädelt. Es war ihr Haus, wie ich vom Verwalter, einem verschmitzten älteren Mann, schnell erfuhr. Seine Frau María kümmerte sich ums Haus, er sich um die Anlage.

»Señor Stösser, ich hoffe, es wird Ihnen schmecken.« Der Kuchen duftete köstlich. Zu Hause musste ich unbedingt Diät machen. »Und Señora Olga hat gefragt, ob es Ihnen gefällt. Sie wollte Ihnen noch etwas über den Computer schicken. Aber mit dem Zeug kenne ich mich nicht aus. Sie ruft heute Abend noch einmal an. Sie sind doch zum Abendessen hier?«

Ich nickte mit vollem Mund und verschlang ein Stück Aprikosenkuchen nach dem anderen. Als hätte ich nichts zu Mittag gehabt. Aß ich um mein Leben? So als gäbe es ab heute nichts mehr. Wie ein zum Tode Verurteilter, der sich eine üppige Henkersmahlszeit bestellt, wohl wissend, dass ihm davon schlecht werden würde. Aber vielleicht war der Henker schneller, als der Magen revoltieren konnte.

Das waren düstere Gedanken, die ich lieber verdrängen wollte. Aber sie klopften ständig an. Der Tote am Strand. Ausgeweidet. Er ging mir nicht aus dem Kopf. Die MS Astoria.

»Señora María, kennt sich Ihr Mann mit Schiffen aus?«

María räumte lautstark die Küche auf und lachte. »Nein, Señor Stösser. Nicht jeder, der auf einer Insel wohnt, muss etwas mit dem Meer zu tun haben. Pedro repariert schon in zweiter Generation Landmaschinen und Autos. Das ist, was er kann. Seefahrt? Nein. Das ist nicht seine Natur. Ach so, ich soll Sie von Señora Olga fragen, ob Sie nicht lieber eines der Autos in der Garage nutzen wollen. Der Mietwagen ist doch sehr teuer.«

In der Garage standen ein silbergrauer Santana Land Rover und ein schwarzer Mini Cooper mit Schiebedach. Beide hatten einheimische Nummern. Warum sollte ich das Angebot von Olga nicht annehmen? Sie hatte mich ohnehin schon unter ihren Willen gezwungen, ohne dass ich dabei den geringsten Widerstand in mir gefühlt hatte. Wie der Volksmund sagt, mit Speck fängt man Mäuse. Und das war ihr in meinem Fall trefflich gelungen.

»Wo steht der Computer?«

María wischte sich die Hände ab. »Kommen Sie, Señor. Der ist im Büro. Aber das muss immer verschlossen bleiben, wenn niemand im Haus ist. Nur die Señora und ich haben einen Schlüssel.« Sie stockte. »Na ja, und der leider verstorbene Señor Propow. Er war so ein großzügiger Mann. Schade um ihn! Er hat hier Partys für viele reiche Leute gegeben. Und stellen Sie sich vor, er hat nie Essen von außerhalb kommen lassen. Das durfte alles ich vorbereiten. Das war eine schöne Zeit.« Sie schloss auf.

Das Büro entsprach nicht dem Geschmack des übrigen Hauses. Wo im Wohnbereich Prunk herrschte, der stark afrikanisch orientiert war, Elfenbein, Mahagoni, Ebenholz und Silber, war in diesem Raum die Möblierung eher spartanisch. Zwei Schreibtische standen sich gegenüber. Zwei hohe Ledersessel auf Rollen. Regale mit Akten. Eine Telefonanlage und zwei Computer. Das war alles.

Ich startete einen der Computer. Er war noch nicht alt. Der Bildschirm baute sich schnell auf, um gleich nach einem Passwort zu fragen.

Was sollte ich jetzt anfangen? Ohne einen Zugangscode kam ich da nicht rein.

María versenkte die Hände in der Küchenschürze und schob die Unterlippe vor.

»Kennen Sie das Passwort?« Das fragende Feld war wenigstens so freundlich, mir mit acht blinkenden Sternchen vorzugeben, nach wie vielen Zeichen es verlangte.

María kratze sich das Doppelkinn. »Ja, verflixt. Ich sollte es kennen. Señora Olga vergaß ständig ihr Passwort. Da habe ich ihr eine Brücke gebaut, damit wir es beide nicht vergessen. Wie war das noch?«

»Also ein Wort? Kein Zifferncode? Ein Wort mit acht Buchstaben.« Aber auch wenn es nur acht Buchstaben waren, ergab das Milliarden Möglichkeiten. Eher hatte ich einen Volltreffer im Lotto.

»Es hatte etwas damit zu tun, dass wir beiden gerne backen. Nur was hat da acht Buchstaben?« María fing an zu schwitzen, setzte sich in den anderen Ledersessel. Ihr Gesicht verfärbte sich von der Anstrengung des Nachdenkens.

»Wie kann ich so etwas nur vergessen? Ich werde alt«, murmelte sie und knetete ihre Finger. »Acht Buchstaben, die mit dem Backen zu tun haben … geben Sie mal panadero ein.«

Panadero war spanisch für »Bäcker«.

»Zugriff verweigert«, erschien auf dem Bildschirm.

»Hm«, murmelte sie. »Vielleicht pasteles. Ja, das muss es sein.« Sie strahlte.

Ich tippte es ein.

Auch »Backwerk« funktionierte nicht. Zugriff verweigert.

»So ein Mist«, fluchte sie. »Da denke ich mir lieber einen neuen, noch nie da gewesenen Kuchen aus als noch mal so ein blödes Passwort, das man dann auch noch vergisst. Kein Wunder, wenn das Ding nur einmal im Jahr benötigt wird.«

Die Propows waren demnach nur einmal im Jahr hier. Die Information war zwar im Augenblick nicht viel wert, ließ mich aber die Gesamtlage besser einschätzen. Die Leitstelle, von der Wladimir seine Geschäfte organisierte, schien jedenfalls nicht auf Teneriffa zu sein.

»Ich brauche jetzt einen Aprikosenlikör. Sonst kann ich nicht denken. Trinken Sie auch einen? Selbst gemacht.«

Während María auf der Jagd nach dem Likör war, sah ich mich im Büro um. Es war voll ausgestattet. Aber die Ordner waren leer. Die Schreibtischschubladen waren leer. Nichts, was darauf hindeutete, dass dieser Raum überhaupt jemals benutzt worden war. Warum war er dann verschlossen?

»Ich hab's«, jubelte María und schwenkte eine Flasche mit gelblichem Inhalt. »Levadura. Wieso bin ich nicht gleich darauf gekommen? Das ist das allerwichtigste Mittel zum Backen.«

Backpulver? Ich tippte es ein. Der Computer gab den Zugriff frei, um gleich wieder nach einem Passwort für den Internetzugang zu fragen. Wieder waren es acht blinkende Sternchen.

Ich wiederholte »Levadura«. Erfahrungsgemäß gab sich der Benutzer mit den weiteren Passwörtern keine große Mühe mehr. Der Eingangscode war schwer genug zu knacken, wenn jemand nicht die geringste Ahnung von den Vorlieben einer backwütigen Señora hatte.

»Passwort falsch«, blinkte das Kästchen. Ich gab es noch einmal ein. Wieder die gleiche Antwort.

»Señora, ich brauche noch ein weiteres Passwort. Haben Sie vielleicht dazu auch eine Ahnung?«

María hielt sich am Likör fest. Bekam langsam einen roten Kopf. »Nein. Von dem Passwort weiß ich nichts. Aber vielleicht mein Mann. Pedro!«, brüllte sie zum Fenster hinaus in den Garten.

Ich durchsuchte inzwischen die zugänglichen Windows-Dateien. Es war alles in Ordnern zusammengefasst, die mit Kürzeln versehen waren. Auch von ihnen verlangte jeder nach einem Zugangscode. So kam ich nicht weiter und lehnte mich mit einem Likör zurück. Wladimir brauchte keine Papierordner. Er hatte seine Geschäfte hier verschlüsselt abgelegt. Und das konnte er von jedem Ort der Welt per Knopfdruck.

»Was ist denn schon wieder? Ich muss noch den Wagen des Nachbarn reparieren!« Pedro schob sich den Strohhut ins Genick und schaute zum Fenster herein.

»Señor Stösser sucht ein Passwort mit acht Buchstaben. Sonst kommt er nicht an die Botschaft der Señora Olga. Hast du eine Idee?«

»Dieser Scheiß interessiert mich nicht. Überall nur noch Computer. Bald kann ich kein Fahrzeug mehr ohne diese Dinger reparieren«, grummelte er. »Versucht es mal mit dem Namen des Dueño. Der mochte die Dinger auch nicht und hat es sich so einfach wie möglich gemacht. Irgendein Spezialist aus Santa Cruz hat ihm das Zeug eingerichtet. Mehr weiß ich auch nicht.« Dann ging er wieder Büsche schneiden.

»Wladimir«. Das hatte die nötigen Buchstaben. Es klappte. Ich rief den Maileingang auf. Da waren in den letzten Monaten Hunderte eingegangen. Alle mit einem Code belegt, der mich ahnen ließ, dass die Originale in den Ordnern verschwunden waren, an die ich nicht herankam. Die letzte Mail von Olga war lesbar. Sie war kurz und bündig. »Das ist das Schiff. Finde es. Ich melde mich.« Und sie enthielt einen Anhang, der sich öffnen ließ. Ein Farbfoto als JPG-Datei. Ich druckte es aus.

Das war kein Kreuzfahrtschiff, wie es in den Reiseprospekten von TUI angepriesen wurde. Keine schwimmende Stadt. Dieses Schiff würde sich doch finden lassen. Es war … ja, wie geschnitten? »Schön« war für die Augen des Betrachters zu wenig. Es zu beschreiben war fast nicht möglich. Es fehlten die Vergleichsinformationen, an denen man es messen konnte. Man musste es sehen.

»Können wir endlich? Ich bin hier fertig«, knurrte Pedro durchs Fenster. »Wir müssen noch zu anderen Auftraggebern.«

»Ja, ja. Mach nicht so einen Stress«, kläffte María zurück.

Sie verriegelte das Fenster.

»Tut mir leid, Señor Stösser. Ich muss jetzt weg und den Raum abschließen.«

»Ich brauche aber noch etwas Zeit. Sonst finde ich das Schiff, auf dem Señor Wladimir ermordet wurde, nie.«

María fiel wieder auf den Stuhl und schlug die Hände vors Gesicht.

»Ermordet? Auf diesem Schiff?« Ihre Fassungslosigkeit war nicht gespielt. »Das glaube ich nicht. Wer sollte das getan haben? Er war ein reicher und so großzügiger Mensch. Wer bringt denn so jemanden um?«

Ich war zwar anderer Meinung, was Wladimirs Großzügigkeit anging, aber ich ließ María in ihrem Glauben.

»Gehen Sie ruhig. Ich schließe den Raum ab und leg den Schlüssel unter das letzte Stück Aprikosenkuchen.«

María rang mit sich zwischen Pflicht und Schuldgefühl.

»Señor Stösser, ich bin erschüttert. Was soll ich jetzt tun? Señora Olga hat gesagt …«

»Ja. Ich weiß, was Olga gesagt hat. Aber da hatten wir die Spur des Schiffes noch nicht. Also bitte. Gehen Sie. Ich habe ohne den Computer kein anderes Hilfsmittel, das Schiff zu finden.«

Meine Aussage hatte María tiefer getroffen, als ich vermuten konnte.

»Mord? Señor Propow ermordet? Das fasse ich nicht. Wie kann so etwas geschehen?«

Sie rollte nervös ihre blaue Küchenschürze mit Rosenmuster auf. Strich sie wieder glatt und rollte sie wieder hoch. Wie einen Kuchenteig, den man ausrollte, wieder zusammenfaltete, um ihn wieder mit dem Wellholz noch flacher, noch verdichteter platt zu machen.

Mir kam eine Idee. »Bleibt das unter uns, wenn ich Ihnen meine Vermutung erzähle?«

María nickte heftig. »Natürlich. Ich schweige wie ein Grab.«

Sie überlegte.

»Señor Stösser«, sagte sie dann unvermittelt, »was machen Sie an Weihnachten? Sie können doch unmöglich hier in diesem großen Haus alleine bleiben.«

Darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht. Das Fest war in zwei Tagen. Als Einzelgänger würde mir nichts anderes übrig bleiben, als mich der schönen Aussicht und der Ruhe hinzugeben. Die Bar im Salon und die Kühlschränke in der Küche waren wohl gefüllt. Wenn ich wollte, war ich für Wochen autark. Aber das konnte nicht der Sinn sein. Mit dem Foto dieses Schiffes war es mit meinem Vorhaben der Beschaulichkeit vorbei. Mein Ziel hatte ein Gesicht. Ein verdammt schönes Gesicht der Schiffsbaukunst.

»Weiß nicht. Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.«

María strahlte. »Dann seien Sie doch am Vierundzwanzigsten unser Gast. Wir feiern im kleinen Familienkreis. Da ist für einen Gast wie Sie immer ein Platz frei.«

Ein Platz frei. Wie sich das anhörte. Familienkreis. War mir nach einer spanischen Großfamilie? Beschaulichkeit kam mir bei dieser Vorstellung nicht in den Sinn. Lärmende Kinder, die seit Stunden ins Bett gehörten. Laut lamentierende Männer, die sich über irgendeinen Fußballklub stritten. Schnatternde Señoras, die sich gegenseitig bezichtigten, ihnen den Mann abspenstig zu machen. Und das seit Jahrzehnten. Jede eigene Verfehlung wurde dem lieben Verwandten angekreidet. Eine perfekte Gelegenheit, sich einmal im Jahr richtig die Meinung zu sagen. Das Fest der Liebe. Eine Apokalypse für jedes mitteleuropäische Hörvermögen.

»Danke, Señora. Ihr Angebot ehrt mich. Ich überlege es mir noch. Es hängt davon ab, wann ich das Schiff finde.«

María lächelte. »Die Einladung gilt. Und wie heißt das Schiff? Astoria? Ich höre mich mal um.«

Kurz darauf fuhr das Tor in Ruheposition. Die Alarmanlage schaltete sich automatisch scharf. Endlich hatte ich meine Ruhe und den Computer.

Es war bald fünf Uhr. Die Siesta in der Stadt durfte vorbei sein. Eine kurze Mail an mein Büro, um die Daheimgebliebenen zu ärgern. Gleichzeitig wuchs mein Verlangen, im Internet nach diesem Schiff Ausschau zu halten. Ich begann zu recherchieren.

Und stieß bald an meine Grenzen. So kam ich nicht weiter. War nur schlauer geworden, dass Schiffe nur in ihrem Heimathafen gemeldet waren. Und zu jeder Information verlangten die jeweiligen Behörden einen Zugangscode des Eigners. Ohne Hafen kein Schiff. Ohne Schiff keinen Hafen und somit keine Auskunft über Reeder oder Eigner.

»Schöner Mist«, knurrte ich. Wo sollte ich jetzt noch suchen? Dass mein Büro in Köln mehr herausfinden würde, hing ich an den Nagel der Hoffnung und nahm den Mini. Er schien mir geeignet zu sein, in den verwinkelten Gassen der Stadt einen Parkplatz zu finden.

DRITTES KAPITEL

»Haben Sie es sich doch überlegt, eine Ausflugsfahrt zu den Nachbarinseln zu machen?« Carmen Terez lächelte. Das Reisebüro war spartanisch eingerichtet. Vier mal vier Meter. Zwei Schreibtische mit Computern. Prospektständer, die alle nur schrien: Nimm mich, ich bin billig! Ein mit Sonderangeboten beklebtes Fenster zur Plaza del Charco.

»Nein, danke«, lächelte ich zurück und schob das ausgedruckte Foto der Astoria über die Tischplatte. »Ich möchte auf diesem Schiff eine Kreuzfahrt buchen.«

Carmen schob die Lippen übereinander und die Stirn in Falten.

»Dieses Schiff haben wir nicht im Programm.« Sie schob das Foto zurück.

»Woher wissen Sie das? Sie haben nicht einmal den Computer befragt«, insistierte ich.

»Ich benötige den Computer nicht, um Ihnen sagen zu können, was wir im Programm haben und was nicht. Dieses Schiff ist nicht dabei. Tut mir leid.«

Es tat ihr nicht leid. Die Señora schwitzte. Ich sah ihr den Wunsch an, dass ich bald verschwinden und keine weiteren Fragen stellen möge. Sie wusste etwas über das Schiff. Aber was?

»Kennen Sie jemanden, der über dieses Schiff Bescheid weiß?« Ich strich über das Foto. »Es ist ein selten schönes Schiff, und ich möchte gerne einmal in meinem Leben eine Reise mit ihm machen«, fuhr ich die Samtkrallen aus. »Sehen Sie, Señora, ich habe viele Kollegen, alles Unternehmer. Gestresste Menschen, die den Trubel auf diesen großen Kreuzfahrtschiffen mit vielen tausend Passagieren leid sind. Einige sind schwer krank. Ist da wirklich nichts zu machen?«

Peter, du bist ein Stinktier, murmelte mein Gewissen. Du gehst für Informationen über Leichen, die es noch nicht gibt. Sei vorsichtig.

Carmen Terez suchte endlich im Computer.

»Nein, Señor. Es gibt wirklich kein Angebot für dieses Schiff. Schiffe mit dem Namen Astoria haben wir genug. Aber keines dieser Art. Ich kann Ihnen da leider nicht helfen.«

Das war mein letzter Strohhalm gewesen, nach dem ich hatte greifen können. Mir fiel nichts mehr ein, was ich jetzt noch hätte hinzufügen können.

»Danke Señora. Dann hat sich das erledigt. Ich komme auf Ihre Angebote noch zurück.«

»Moment, Señor«, hielt sie mich in der Tür zurück. »Ich hätte da noch eine Frage. Trinken Sie einen Kaffee?«

Wir suchten uns einen Platz in der Gaststätte, die direkt neben ihrem Reisebüro lag. Hier weideten sich die Gäste in den letzten Sonnenstrahlen des Tages. Alles war sonderbar statisch und doch hektisch. Weihnachten stand vor der Tür. Jeder schien seine Unruhe mit stoischer Gelassenheit oder übertriebener Hektik in den Griff zu bekommen.

Carmen kam auf den Punkt: »Was machen Sie über die Feiertage?«

Ich zuckte die Schultern. Meine Burg auf dem Berg würde jeder Belagerung standhalten. Aber die Gastfreundschaft der Eingeborenen schien es nicht zuzulassen, dass jemand hier über die Feiertage nur seine Ruhe haben wollte.

»Keine Ahnung.« Ich trank vorsichtig einen Schluck von meinem Cappuccino. »Ich habe genug im Kühlschrank und in der Bar. Ich will mich erholen. Mehr nicht.«

Carmen zog die Augenbrauen hoch. »Und das nennen Sie Erholung, nach einem Schiff zu suchen, das es nicht gibt? Sie sind ein schlechter Lügner.«

»Wie darf ich das verstehen?« Meine Nackenhaare knisterten. Ein untrügliches Zeichen, dass sich hier etwas anbahnte, das ich noch nicht greifen konnte. Aber es war da.

»Meinem Mann und Ihnen geht die Leiche vom Strand nicht aus dem Kopf. Sie beiden sollten sich einmal unterhalten. Er als Arzt und Sie.« Carmen lächelte, als sei sie Choreografin eines Theaterstückes. »Sie als jemand, der nach einem Geisterschiff sucht. Kennen Sie die Oper ›Der Fliegende Holländer‹?«

Ich kannte sie, die Legende von einem verfluchten Kapitän. Aber Wagner war mir zu pathetisch, um mein Liebling zu werden.

»Sie sind am vierundzwanzigsten Dezember unser Gast. Und dann sprechen wir über das Geisterschiff. Einverstanden?«

Geisterschiff. Was für eine Bezeichnung im Zeitalter der totalen Kommunikation? Konnte so etwas noch existieren? Aber es war ein schönes Reizwort. Ich liebte solche leicht mystisch angehauchten Geschichten. Sie setzten sofort alle Synapsen eines Journalisten in Bewegung.

Oder Exjournalisten.

»Einverstanden. Wo und wann?«

Carmen nickte zufrieden.

»Kommen Sie morgen hier vorbei. Dann besprechen wir alles. Und jetzt gehen Sie über die Plaza. Sehen Sie hinter dem Brunnen den Zeitungskiosk?«

Ich nickte. Der Kiosk hatte die gesamte Weltpresse im Angebot. Als Nebenverdienst verkaufte man Zuckerwatte und Eis, kandierte Mandeln und gezuckerte Aprikosen.

»Rechts daneben ist dieses kleine Holzhaus der Lotterie. Den Losverkäufer können Sie nach allen Schiffen der Welt fragen. Hier nennt man ihn nur El Silbo. Sein wirklicher Name ist Juan. Er ist sein ganzes Leben zur See gefahren und kennt jedes Schiff und jeden Hafen. Bestellen Sie einen schönen Gruß von mir.« Carmen zahlte für uns und verschwand in ihrem kleinen Reisebüro.

Unschlüssig, was ich jetzt machen sollte, bestellte ich einen Hierbas, einen Kräuterschnaps. Nun hatte ich zwei Einladungen zu Weihnachten. Eine bei den dienstbaren Geistern von Olga. María und Pedro. Eine bei den Terez. Ich mümmelte auf einem Zigarillo herum. Versuchte mich beim people watching, beim Leutebeobachten, zu entspannen.

Die Einladung bei María war sicher herzlich gemeint. Vielleicht war sie sogar von Olga befohlen. Die Einladung bei den Terez hatte einen handfesten Grund. Der Doktor wollte mit mir über den Leichenfund sprechen. Warum? Er hatte den Toten über mein Handy gemeldet. Was gab es da noch zu besprechen? Er war Einheimischer. Nicht ich. Er Arzt, ich nur ein müder Exjournalist, der ein Geisterschiff suchte.

»Na schön. Dann starte ich noch einen Versuch«, knurrte ich und schlenderte über die Plaza auf die Bretterbude des Losverkäufers zu.

»Weihnachts-Jackpot 4 Millionen«, verkündete ein Klappständer vor diesem Gebilde aus Brettern. Das Häuschen erinnerte mich an die Jahrmärkte meiner Jugend. Hier hatten wir Schlange gestanden, um bei der hübschen Tochter des Betreibers eine Eintrittskarte für das Looping zu lösen. Damals war das nach Karussell und Achterbahn eine Sensation gewesen. Die Mädchen ahnten nicht, warum uns Jungen das so anzog. Ihre Röcke konnten den Fliehkräften nicht widerstehen. Und wir jungen Burschen bekamen Einblicke der besonderen Art.

Nur, bei diesem Häuschen auf der Plaza sah es aus, als sei ihm der Jahrmarkt abhandengekommen. Es war gerade mal eine Mannbreite mal Manntiefe groß. Eine Luke vorne. Eine Tür seitlich. Ein Brett, auf welches Lose geklemmt waren, die, wenn es der Wind einmal schaffte, den Platz zu berühren, leicht mit den Enden winkten. Dahinter ein Mann mit Sonnenbrille. Nicht mehr jung, mit einem Dreitagebart, angetan mit einer Strickweste, die an den Ellenbogen mit Lederflecken verstärkt war. Der Betreiber der Lotterie war ausgewiesen als »ONCE«, Organización Nacional de Ciegos Españoles. Der Stiftung für Blinde.

Blinde. Der Mann mit der Sonnenbrille war blind. Und der sollte mir bei der Identifizierung eines Schiffes anhand eines Fotos helfen? Señora Terez schien etwas nicht bedacht zu haben.

»Señor, wie viele Lose hätten Sie denn gerne? Kaufen Sie. Zu Weihnachten winken noch vier Millionen Euro. Das wäre doch ein Geschenk für Ihre Familie. Jedes Los kostet nur einen Euro fünfzig. Sie helfen damit den Blinden und können selbst reich werden. Kaufen Sie Lose, Señor, kaufen Sie und werden Sie reich.«

Juan hatte eine sonore Stimme, die über ein paar Zahnlücken hinwegtäuschte.

Etwas verloren stand ich vor dem Häuschen. Kinder tobten um mich herum. Ein Stadtstreicher schob sein Hab und Gut in einem Einkaufswagen, den er irgendwo hatte mitgehen lassen, über den Platz. Misstrauisch beäugt von einem Polizisten der Policia Local.

»Ich brauche kein Los, Señor Juan. Señora Terez meint, Sie seien der Einzige, der mir bei der Suche nach einem Schiff weiterhelfen kann.«

Das war der falsche Ansatz. Ich merkte es zu spät.

»So, so. Señora Terez. Und Sie wollen von mir eine Auskunft, ohne Lose zu kaufen? Von welchem Planeten kommen Sie?«

Die Sonnenbrille sah mich streng an. Sie sah nichts, aber es wirkte.

»Wie viele Lose ist Ihnen eine Auskunft wert?«

Es war nur die Flucht nach vorne möglich, nachdem ich den Einstieg versiebt hatte.

Juan knurrte. Seine Finger ließen die Lose blättern.

»Ich habe noch genau vierhundertfünfundzwanzig Lose. Die muss ich noch verkaufen. Sonst habe ich keine Zeit, Ihnen eine Auskunft zu geben.«

Der Mann verschränkte die Arme vor der Brust und tat nichts. Er wartete nur. Ich hatte meine Strategie falsch aufgebaut. Nun war er es, der am längeren Hebel saß. Ich wollte etwas. Er hatte es womöglich. Aber umsonst würde er es mir nicht geben.

»Was kostet eine Auskunft von einem alten Seebären?«

»Das hört sich schon besser an«, schmunzelte Juan. »Sie sind Deutscher? Tourist? Wo wohnen Sie?«

»Was kostet mich eine vernünftige Auskunft?«, überging ich seine Frage. Dass ich Deutscher war, fiel dem dümmsten Spanier an meiner Aussprache auf. Und was interessierte ihn, wo ich wohnte?

»Jede Frage mit Antwort kostet zehn Lose. Kann ich nicht antworten, dann kostet es nichts.«

Es war vielleicht ein Nachteil, nicht sehen zu können. Aber vielleicht auch nicht. Der Mann war schlau. Sehr schlau. Er spielte und wollte gewinnen. Aber mit seinen Mitteln.

Ich hielt dagegen. »Einverstanden. Wenn all meine Fragen beantwortet werden können, kaufe ich die Hälfte der Lose.«

Juan lächelte, und ich rechnete. Das würde mich mehr als dreihundert Euro kosten.

Ein Hund hob sein Bein, um mich anzupinkeln. Es war ein alter Hund, der mich mit einem Baum verwechselt haben musste. Ich verscheuchte ihn mit einem Tritt.

»Wenn Sie mir alle Lose abkaufen, kann ich für heute Schluss machen. Dann könnte ich Ihnen bei einem Wein zur Verfügung stehen.«

Mehr als sechshundert Euro für das seltene Privileg, mit einem blinden Losbudenbesitzer einen Wein trinken zu dürfen? Das war viel. Zu viel, um einem Phantom, und das schien dieses Schiff momentan zu sein, nachzujagen.

»Das ist mir zu teuer. Danke. Ich muss mir leider billigere Informanten suchen. Feliz Navidad, Señor Juan, und gute Geschäfte!« Ich zündete mir ein Zigarillo an und sah mich nach einem Lokal um.

»Moment, Señor Stösser«, rief Juan hinter mir her. »Für die Hälfte der Lose, ein Zigarillo und ein paar Gläschen Wein bekommen Sie, was Sie wünschen.«

Ich hielt auf den paar Stufen inne, die von der Plaza in die Flanierzone hinabführten. Woher hatte der Mann meinen Namen? Ich ging die paar Schritte zurück.

»Zigarillo und Wein. Aber jede Auskunft ist jetzt nur noch fünf Lose wert. Einverstanden?«

Juan verzog die Lippen zu einem Grinsen.

»Kommt darauf an, was für mich am Ende davon übrig bleibt, Señor. Wenn Sie mich nur nach der Astoria fragen, ist mir das zu wenig.«

Dieses Schlitzohr pokerte. Er gab nicht auf. Auch wenn der große Jackpot, mir alle Lose anzudrehen, so nicht zu knacken war.

»Na schön«, kam ich ihm entgegen. »Sie sagen mir, woher Sie meinen Namen wissen und wie Sie auf die Astoria kommen.«

»Das sind zwei Fragen auf einmal. Und ich habe noch nicht gesagt, ob ich mit dem Tarif einverstanden bin.«

Ich legte ihm einen Fünfzigeuroschein hin. »Und jetzt möchte ich Antworten.«

Juan schmunzelte, fühlte den Schein auf die Blindenschrift ab und zählte die Lose. »Hier sind zwanzig Coupons. Den Rest denken Sie sich als Trinkgeld für mich. Der blinde Juan bedankt sich im Namen seiner zahllosen Kollegen. Die Ziehung ist am 24.12. um zwanzig Uhr im Fernsehen. Also, gut festhalten! Ohne Los kein Preis.«

Ein Schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen. Er sah es nicht.

»Also gut. Behalten Sie den Rest. Aber jetzt will ich eine Antwort. Woher kennen Sie meinen Namen, und was wissen Sie über die Astoria?«

Juan zählte seine Lose durch und dachte nicht daran, meine Fragen zu beantworten.

»Tut mir leid, Señor Stösser. Ich bin noch als Losverkäufer im Dienst. Auskünfte erteilt das Touristikbüro im alten Zollamt am Hafen.

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