Logo weiterlesen.de
Lebensbilder aus dem Bistum Mainz

LEBENSBILDER AUS DEM BISTUM MAINZ

Band I: Elf Porträts

herausgegeben von
Claus Arnold und Christoph Nebgen

Mit Beiträgen von

Claus Arnold, Thomas Berger, Helmut Hinkel, Burkard Keilmann, Michael Kläger, Christoph Nebgen, Martina Rommel, Uwe Scharfenecker, Francesco Tacchi und Peter Walter

Publikationen Bistum Mainz in Kooperation mit dem Echter Verlag

Mainz · Würzburg 2016

Inhalt

Claus Arnold, Christoph Nebgen

Vorwort

Uwe Scharfenecker

Johann Baptist Lüft (1801–1870)

Bedeutender Gießener Theologe und prägende Gestalt des Darmstädter Katholizismus

Thomas Berger

Adam Franz Lennig (1803–1866)

Ein moderner Organisator einer konservativ ausgerichteten Kirche

Thomas Berger

Kaspar Riffel (1807–1856)

Ein streitbarer Kirchenhistoriker und engagierter Vertreter der katholischen Bewegung in Mainz

Peter Walter

Johann Baptist Heinrich (1816–1891)

Ultramontaner Theologe und Kirchenführer

Helmut Hinkel

Ida Gräfin Hahn-Hahn (1805–1880)

Schriftstellerin, Konvertitin, Klostergründerin

Burkard Keilmann

Nikolaus Reuß (1809–1890)

Pfarrer an St. Martin in Worms - Brückenbauer zwischen Kirche und Kommune

Claus Arnold

Dr. Friedrich Elz (1848–1915)

Germaniker, Gründer des KKV und Dekan in Darmstadt

Francesco Tacchi

Carl Forschner (1853–1918)

Pfarrer zu Sankt Quintin, Diözesanpräses des Verbandes der Männer- und Arbeitervereine

Michael Kläger

Wilhelm Kastell (1879–1958)

Generalvikar und Domdekan

Martina Rommel

Br. Raphael Tijhuis (1913–1981)

Karmelit und Bekenner

Christoph Nebgen

Rektor Ernst Plum (1915–1963)

Priester und Pädagoge

Thomas Berger

Chronologie der Mainzer Bistumsgeschichte im 19. Jahrhundert

Nachweis der Abbildungen

Personenregister

Die Autoren

Vorwort

Die Geschichte eines Bistums ist gewiss auch die Geschichte seiner Bischöfe. Doch erschöpft sie sich natürlich nicht darin. Die neue Reihe der „Lebensbilder aus dem Bistum Mainz“ will nach und nach die Weite und Tiefe christlichen Lebens im Bistum Mainz erschließen, indem sie bewusst auf die Gestalten „in der zweiten Reihe“ blickt, die das Bistum im 19. und 20. Jahrhundert mitgeprägt haben und mit ihren Namen exemplarisch für wichtige Themen stehen. In diesem ersten Band überwiegen dabei deutlich die Theologen und Priester, dazwischen ist mit der Schriftstellerin und Klostergründerin Ida Gräfin Hahn-Hahn wenigstens eine Frau „eingeschmuggelt“. In den folgenden Bänden der Reihe sollen ihr noch viele andere folgen, so etwa die Zentrumspolikerin Elisabeth Hattemer, die Ordensfrau und Lehrerin Hedwig Fritzen CJ oder die Laientheologin Anita Röper. Doch haben ja auch die Theologen und Priester ihr Recht, zumal in einem Band, der Karl Kardinal Lehmann, dem Theologen auf dem Mainzer Bischofsstuhl, zu seinem 80. Geburtstag gewidmet ist. Der Band ist Zeichen des Dankes für seinen Dienst für das Bistum und insbesondere für seine stete Förderung der Erschließung der Diözesangeschichte. Zu dieser hat er ja auch selbst in zahlreichen Veröffentlichungen, Predigten und Nachrufen einen kaum zu überschätzenden Beitrag geleistet.

Da das Bistum Mainz als einzige Gebietskörperschaft bis heute noch die Grenzen des Großherzogtums Hessen(-Darmstadt) nachbildet, sind die Lebensbilder quasi automatisch ein Beitrag zum Rheinhessen-Jubiläum, bei dem es ja neben dem guten Wein auch um die interessante Geschichte dieser Landschaft geht, die 1816 staatlich „hessisch“ und in der Folge auch kirchlich „mainzisch“ Teil des neuen hessendarmstädtischen Landesbistums Mainz wurde. Geographisch erfasst der vorliegende Band entsprechend neben dem unvermeidlichen Mainzer Schwerpunkt auch Worms, Gießen und nicht zuletzt Darmstadt.

Was bietet der Band thematisch? Nichts weniger als einen biographisch-exemplarischen Durchgang durch die Bistumsgeschichte vor allem des langen 19. Jahrhunderts (zu dem Thomas Berger dankenswerterweise auch die Chronologie im Anhang beigesteuert hat), verbunden mit interessanten Schlaglichtern auf das 20. Jahrhundert: Dem früheren Theologieprofessor Karl Lehmann begegnen in diesem Band zunächst drei interessante Kollegen, die für den kirchlich-theologischen Mentalitätswandel in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert stehen: zunächst der Liturgiewissenschaftler Johann Baptist Lüft, der noch eher dem irenischen Geist der katholischen Aufklärung verbunden war, dann der Kirchenhistoriker Kaspar Riffel, ein ultramontaner „Heißsporn“, und schließlich der Dogmatiker Johann Baptist Heinrich, der wesentlich zur neuscholastischen Prägung der Mainzer Theologie beigetragen hat. Zusammen mit Domdekan Adam Franz Lennig stehen Riffel und Heinrich auch programmatisch für die strengkirchliche Mobilisierung des Bistums Mainz nach der Revolution von 1848. Sie gehörten zu dem Kreis um Bischof Ketteler, der auch die Konvertitin Ida Gräfin Hahn-Hahn nach Mainz zog. Diese schrieb nicht nur ungemein erfolgreiche Romane für das sich bildende katholische Milieu, sondern steht durch ihre Klostergründung auch stellvertretend für die weiblichen Kongregationen, die seit dem 19. Jahrhundert im sozial-karitativen und erzieherischen Bereich Großes für die Menschen im Bistum geleistet und einen regelrechten „Catholicisme au féminin“ (Claude Langlois) ausgebildet haben.

Die drei folgenden Lebensbilder führen hinein in die pastorale „Mikrohistorie“ der Zeit unter und vor allem nach Bischof Ketteler, die von der Forschung bisher weniger wahrgenommen worden ist. Der Fall des Wormser Pfarrers Nikolaus Reuß zeigt unter anderem, welch prekärer Ausgleich hier konkret vor Ort unter den Bedingungen konfessionell-gesellschaftlicher Polarisierung jeweils neu zu suchen war. Die Pfarrer Friedrich Elz und Carl Forschner sind Musterbeispiele für den Aufbau eines „katholischen Milieus“, der sich während und nach dem Kulturkampf verstärkt vollzog. Elz stand dabei an der Wiege eines katholischen Verbandes von reichsweiter Bedeutung (des KKV), trug aber auch entscheidend zum Ausbau des Darmstädter Katholizismus in neuen katholischen Vereinen, in neuen Pfarreien und nicht zuletzt in dessen römisch-liturgischer Durchformung bei. Carl Forschner benutzte ebenfalls vor allem das Mittel des Vereins zur Intensivierung der Pfarrseelsorge in Mainz, aber auch zum weltanschaulichen Kampf gegen die in seinen Augen atheistische Sozialdemokratie im ganzen Bistum. In diesen drei Lebensbildern entsteht damit eine interessante Binnensicht auf den pastoralen Ausbau des Bistums bis hin zum Ersten Weltkrieg.

Der Schwerpunkt dieses Bandes liegt damit auf dem 19. Jahrhundert, doch auch das 20. Jahrhundert bis hin zum II. Vaticanum wird mit drei Schlaglichtern ausgeleuchtet: Mit dem Lebensbild von Wilhelm Kastell wird zum einen die Geschichte des Darmstädter Katholizismus exemplarisch für die Weimarer Republik und die Zeit des Nationalsozialismus weitergeführt, zum anderen hatte Kastell ab 1945 als Generalvikar von Bischof Stohr besonderen Anteil am mühsamen Wiederaufbau im Bistum. Mit Br. Raphael Tijhuis Ocarm ist ein Ordensmann aus den Niederlanden im Band vertreten, der in Mainz wirkte und sich als Glaubenszeuge in der Zeit der Gewaltherrschaft bewährt hat. Mit dem Priester und Pädagogen Ernst Plum tritt abschließend eine Gestalt vor Augen, die sich in besonderer Weise der Bildungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg angenommen hat.

Die „Lebensbilder aus dem Bistum Mainz“ wollen nicht nur christliche Persönlichkeiten würdigen und die innere Vielfalt der Bistumsgeschichte verdeutlichen, sondern auch übergreifende Themen identifizieren, welche die Einzelbiographien durchziehen und sich für die weitere Forschung anbieten. Neben dem schon angesprochenen Thema der katholischen Mobilisierung und Milieubildung führt hier eine besonders lohnenswerte Fährte nach Frankreich. Die inneren Zusammenhänge und Abhängigkeiten von Entwicklungen im französischen Katholizismus und dem Denken und Agieren prägender Gestalten der Mainzer Bistumsgeschichte ergaben sich nicht nur aus dem Erbe Bischof Colmars und der Ausbildungstätigkeit elsässischer Geistlicher am Mainzer Priesterseminar zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Diesen bestimmenden Einfluss französischer Reformtheologie kann man etwa aus dem Lebensbild Kaspar Riffels deutlich herauslesen. Auch Adam Franz Lennigs Studienaufenthalt in Paris 1824/27 und sein in dieser Zeit geknüpfter unmittelbarer Kontakt zu Hugo Félicité Robert de Lamennais und dem Grafen Charles René Montalembert stehen für derartige innere theologische Zusammenhänge. Darüber hinaus zeigt ein Blick in die vorgestellten Lebensbilder, dass in der Folgezeit weitere französische Initiativen zeitnahe „Übersetzung“ in Mainz fanden, welche beispielsweise die Organisationsform des Katholizismus betrafen: So orientierte sich Ida Hahn-Hahns Mainzer Klostergründung am Beispiel der hl. Maria Euphrasia Pelletier und eines im französischen Kontext entstandenen neuen Ordenscharismas, das strenge weibliche Klausur mit „karitativer Öffnung zur Welt“ (H. Hinkel) kombinierte. Johann Baptist Heinrich übertrug nicht nur die Werke französischsprachiger Autoren wie Victor Auguste Dechamps und Prosper Guéranger ins Deutsche, er „reimportierte“ im Auftrag Bischof Kettelers auch die Ideen zu einem kommunitär gestalteten Leben der Weltpriester, die Bartholomäus Holzhauser Mitte des 16. Jahrhunderts entwickelt hatte und die in Frankreich mittels einer Lebensbeschreibung Holzhausers durch den Generalvikar von Orléans, Jean Pierre Laurent Gaduel, eine Renaissance erlebt hatten. Das „Praktikum“, das Ernst Plum schließlich 1958 in Lyon absolvierte, stand unter ähnlichen Vorzeichen: Inwieweit konnten in Frankreich entwickelte Modelle von an den gesellschaftlichen Wandel angepasster Pastoral und priesterlicher Lebensform (konkret das Phänomen der Arbeiterpriester und die Priestergemeinschaft des Prado) zukünftig gewinnbringend in die Mainzer Verhältnisse überführt werden? Diese theologischen, kulturellen und pastoral-praktischen transnationalen Beziehungen, die sich am Mainzer Beispiel so eindrücklich zeigen, verdienten sicherlich eine eingehendere Betrachtung.

Dass ein Buchprojekt wie die „Lebensbilder“ relativ rasch realisiert werden konnte, ist in erster Linie der prinzipiellen Bereitschaft, dem nimmermüden Engagement und der großen Geduld der beteiligten Autoren geschuldet. Sie stellten ihre Expertise und vor allem ihre Zeit zur Verfügung, um jeweils ein möglichst quellennahes und detailreiches Portait vorzustellen. Ihnen soll in erster Linie der Dank der Herausgeber gelten. Engagiert und interessiert beteiligt waren aber noch zahlreiche weitere Personen: Der für die meisten der in diesem Band vereinigten Aufsätze nötige Einblick in das vorhandene Quellenmaterial wurde durch die Verantwortlichen – genannt seien vor allem der Direktor des Dom- und Diözesanarchivs Dr. Hermann-Josef Braun und seine Mitarbeiter sowie der Generalvikar des Bistums Mainz, Prälat Dietmar Giebelmann – völlig unkompliziert und mit tatkräftiger Unterstützung gewährt. Namentlich ungenannt müssen viele weitere Personen bleiben, die auf die unterschiedlichste Art und Weise dabei halfen, quellenmäßige Hinweise und teilweise noch erhebbare persönliche Erinnerungen an die vorgestellten Menschen zu sammeln. Auch diese Vernetzung ist ein positiver (Neben-)Effekt der „Lebensbilder“. Ute Blankenheim M.A. hat den Band mit großer Akribie Korrektur gelesen. Dass der Leser nunmehr auch ein buchhandwerklich gut gearbeitetes Exemplar in Händen halten darf, ist der aufmerksamen und erfahrenen Arbeit von Dr. Barbara Nichtweiß und Gabriela Hart zu verdanken. Aus dem gelieferten Rohmaterial aus Texten und Bildern ließen sie ein „richtiges Buch“ werden. Der Kooperation mit der Abteilung „Publikationen Bistum Mainz“ ist es auch zu verdanken, dass der erste Band der „Lebensbilder“ zugleich als „Neues Jahrbuch für das Bistum Mainz“ erscheinen kann.

Ein herzliches Vergelt’s Gott ihnen allen.

Mainz, im Februar 2016

Claus Arnold und Christoph Nebgen

Institut für Mainzer Kirchengeschichte

Johann Baptist Lüft (1801–1870)

Bedeutender Gießener Theologe und prägende Gestalt des Darmstädter Katholizismus

Uwe Scharfenecker

Seine edlen Charaktereigenschaften, sein ausgezeichnetes Wissen, seine abgemessene Klugheit und seine kindliche Frömmigkeit sichern ihm ein treues Andenken auch in die fernsten Zeiten.1 Mit diesen überschwänglichen Worten pries Alfred Bang-Kaup 1957 das Wirken des Darmstädter Pfarrers Johann Baptist Lüft. Und als herausragender Theologe wurde er in den letzten Jahren wieder entdeckt, als Franz Kohlschein seine große Bedeutung für die „Wissenschaftsgeschichte der Liturgiewissenschaft“ ins Bewusstsein rief und den hohen Reflexionsgrad seiner „Liturgik“ rühmte2. So lohnt es sich, Lüft auf den verschiedenen Stationen seines Wirkens zu begleiten, um ihn als Professor, als Bischofskandidat, als Liturgiker und schließlich als Pfarrer kennen zu lernen.

Retter in der Not: Johann Baptist Lüft als Professor und Pfarrer in Gießen

Im Wintersemester 1830/31 wurde in Gießen, der Landesuniversität des Großherzogtums Hessen-Darmstadt, eine Katholisch-Theologische Fakultät eröffnet. Nachdem das Land im Gefolge der Napoleonischen Kriege einen erheblichen Gebietszuwachs zu verzeichnen hatte und dem zuvor fast rein evangelischen Territorium nun auch viele katholische Bewohner zugehörten, hatte sich Großherzog Ludwig II. (1777–1848, 1830 Großherzog) zu dieser Maßnahme entschlossen. Sie kam nicht von ungefähr, entsprach sie doch den Maximen, zu denen sich die südwestdeutschen Staaten bekannt hatten, die seit 1817 auf den Frankfurter Verhandlungen nach einer einheitlichen Lösung der Kirchenfrage suchten. Die Theologenausbildung hatte demnach an staatlichen Fakultäten und nicht an kirchlichen Seminaren zu erfolgen. Im Königreich Württemberg stand die Katholisch-Theologische Fakultät in Tübingen, im Großherzogtum Baden diejenige in Freiburg zur Verfügung. Nun wurde die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Gießen der Studienort für die hessen-darmstädtischen Theologen. Das Priesterseminar der Bischofsstadt Mainz, das bisher diesem Zweck gedient hatte, wurde auf die unmittelbare Vorbereitung der seelsorglichen Praxis beschränkt.

Lieber Pfarrer als Professor: Johann Baptist Lüft

Bei der Umsetzung der Fakultätspläne kam dem früheren Gießener Rechtsprofessor Justin Timotheus Balthasar Linde (1797–1870), der seit März 1829 als Referent für Kirchensachen im Darmstädter Innenministerium tätig war, eine entscheidende Bedeutung zu. Er war es auch, der nach Professoren für die Fakultät Ausschau hielt. Unterstützt wurde er hierbei vom Mainzer Bischof Josef Vitus Burg (1768–1833, 1829 Bischof von Mainz). Diesem gelang es, die Berufung von Vertretern eines extremen kirchlichen Liberalismus zu verhindern. Stattdessen konnte er dem aus Baden stammenden Pfarrer Johann Nepomuk Locherer (1773–1837) eine Professur verschaffen. Dazu kamen der Tübinger Repetent Franz Anton Staudenmaier (1800–1856) und der Bonner Privatdozent Johann Josef Müller (1803–1860). Locherer sollte die Kirchengeschichte, Müller die Exegese und Staudenmaier die Dogmatik übernehmen. In der Senatssitzung vom 27. November 1830 wurde die Fakultät feierlich eröffnet. Noch aber stand die Ernennung eines Moral- und Pastoraltheologen aus. Die unbesetzte Stelle führte fast dazu, dass die Studenten aus Nassau, die in Gießen Theologie studieren wollten, der Lahnstadt wieder den Rücken kehrten. Nachdem auf die Suche nach auswärtigen Kandidaten verzichtet worden war, entschloss man sich, die am meisten mit der pastoralen Praxis verbundene Professur mit der Stelle des Gießener Pfarrers zu verbinden. Ein geeigneter Kandidat fand sich im Mainzer Klerus: Johann Baptist Lüft.

Johann Baptist Lüft wurde am 30. März 1801 in Hechtsheim bei Mainz als Sohn des Tagelöhners Jakob Lüft und seiner Frau Klara Strohm geboren; er besuchte das Bischöfliche Gymnasium in Mainz und machte seine theologischen Studien am dortigen Priesterseminar. Dort erkannte man in ihm den künftigen guten Prediger; herausragende Bewertungen wurden ihm ansonsten allerdings nicht zuteil. Am 7. April 1824 wurde er in Speyer zum Priester geweiht und wirkte anschließend als Lehrer am Bischöflichen Gymnasium in Mainz, 1829 übernahm er die Moralprofessur am Mainzer Seminar und wurde in diesem Amt von Bischof Burg bestätigt. Lüft stammte also aus der sogenannten „Mainzer Schule“, die für eine römische Ausrichtung in Theologie und Disziplin bekannt war. Die Einrichtung der Gießener Fakultät stieß im Mainzer Seminar verständlicherweise auf Widerstand. Die Berufung Lüfts sollte den Gegnern der Fakultät wohl auch den Wind aus den Segeln nehmen.

Lüft reiste am 19. November 1830 nach Gießen ab. Bischof Burg drängte in Darmstadt auf seine rasche Ernennung zum Ordinarius, und schon am 30. November berief Großherzog Ludwig II. ihn zum vierten Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät, die damit komplett besetzt war. Die Fakultät promovierte ihn zum Doktor der Theologie, und wenige Tage später nahm er seine Vorlesungen auf. Da Lüft seine Professur zusätzlich zur Pfarrei versah, wurde ihm nur ein Gehalt von 300 fl. zugestanden. Beim Ausscheiden Johann Josef Müllers aus der Fakultät im folgenden Jahr konnte er auf die dritte Professur vorrücken und erhielt nun 400 fl. Jahresgehalt, eine Summe, die bei seinen geringen Bezügen als Pfarrer kaum zum Leben reichte.

Kurze Zeit nach seiner Ernennung schilderte Lüft dem Darmstädter Ministerialrat Linde, der wenige Jahre später Kanzler der Gießener Universität werden sollte, die Prämissen, unter denen er seine neue Stelle angetreten hatte. Leitmotiv waren für ihn die Anforderungen der Zeit. Um ihnen zu entsprechen, galt es die wissenschaftliche Darstellung der Religion und die wissenschaftliche Bildung des Trägers der Religion bestmöglichst zu steigern. Als zentrale Eigenschaften des Theologen nannte er Milde, Bescheidenheit und konfessionelle Toleranz. Die Zeit mit der Religion zu versöhnen, war sein höchstes Ziel. Allen andersgearteten Bestrebungen erteilte Lüft eine scharfe Absage, vor allem jenen, die das Christentum und die Kirche nur durch die Präskription zu rechtfertigen wissen, und die, während sie sich vom Elsass nach dem Rheine zu und vom Rheine nach Italien die Parole zurufen, den Ruf der Zeit selbst überhören3. Gemeint war der Mainzer Kreis. Ob diese deutliche Absage an die Schule, aus der er selbst stammte, ganz ernst gemeint war? Suchte Lüft seine Ernennung durch Bekenntnisse zu rechtfertigen, von denen er annehmen konnte, dass sie in Darmstadt auf positive Resonanz stießen? Das gute Zusammenwirken mit den Mainzern in späteren Jahren lässt einen solchen Schluss zu, wobei das Anliegen, eine vernunftgemäße Theologie zu treiben, die auf der Höhe der Zeit stand, Lüfts Wirken mindestens ebenso prägte.

Zu seinem Selbstverständnis als „Religionslehrer“ äußerte sich Lüft gegenüber Bischof Burg. Als zentrales Anliegen erscheint auch hier, das Zeitgemäße des christlichen Glaubens aufzuweisen. Obschon aus dem Mittelpunkte des Christentums heraus sprechend und handelnd, darf er [sc. der Theologieprofessor] doch hinwiederum den Ruf der Zeit nicht unbeachtet lassen. Neben der Wissenschaftlichkeit müssen sich Vorlesungen daher auch durch Brauchbarkeit fürs Leben auszeichnen4. Burg war überzeugt, dass Lüft diese Kriterien erfüllte. Anlässlich seiner Ernennung zum Dekan des Landkapitels Gießen sprach der Bischof von Lüfts Bescheidenheit und Menschenfreundlichkeit und lobte Rechtgläubigkeit, wissenschaftliche Gründlichkeit und unverdrossenen Fleiß5. Und er sollte sich nicht täuschen.

Lüft wurde zu einem der wichtigsten Mitarbeiter der von den Gießener Katholisch-Theologischen Fakultät herausgegebenen „Jahrbücher für Theologie und christliche Philosophie“. In seinen theologischen Grundpositionen war er sich mit seinen Kollegen Franz Anton Staudenmaier und Johann Evangelist Kuhn (1806–1887) einig. Der letztere hatte 1832 die früh verwaiste Exegeseprofessur übernommen; wie Staudenmaier kam er aus Tübingen. Lüft hielt Vorlesungen zur Christlichen Sittenlehre oder Moraltheologie, behandelte die Geschichte der Moral und las über Katechetik, Liturgik, Homiletik und Pastoral, auch Predigtübungen bot er an.

Daneben oblag ihm als Pfarrer die Beaufsichtigung der Studenten. In seiner Funktion als Bischöflicher Kommissar informierte er Burg über ihr sittliches Betragen und wirkte als Vertreter des Bischofs bei den Prüfungen mit. Zu Beginn und Ende eines jeden Semesters hatte er umfangreiche „Konduitenlisten“ (über wissenschaftlichen Fortschritt, Fleiß und Betragen der Studenten) zu verfassen und konnte im Auftrag des Bischofs die Nichtaufnahme ins Seminar androhen. Auch die Erlaubnis zum Besuch von Vorlesungen evangelischer Theologen lag in seiner Hand. Bereits vor der einvernehmlichen Regelung mit der Regierung hatte Bischof Burg den Gießener Pfarrer Lüft damit beauftragt, ihm regelmäßig Berichte über den wissenschaftlichen Fortschritt und das sittliche Verhalten der Gießener Theologen zu senden. Vorerst sollte Lüft seine Aufsichtspflicht vertraulich und nicht amtlich wahrnehmen, um jede Kollision mit den Aufsichtsorganen der Universität zu vermeiden6.

Lüfts Wirken als Pfarrer war von einer extremen Diasporasituation geprägt. Am „Vorabend“ der Stiftung der Fakultät waren außer den katholischen Studenten 236 Katholiken in Gießen anzutreffen. Die Zahl der Protestanten lag bei etwa 7000. Da es keine katholische Schule in Gießen gab, besuchten die Kinder die Stadtschulen, die meisten wurden auf Privatinstituten unterrichtet (19 von 25). Johann Baptist Lüft führte den Werktagsgottesdienst ein und wurde – nach Ausweis der Pfarrchronik – in der Gemeinde sehr geschätzt. Dort heißt es wörtlich: Die Errichtung der Fakultät und ein Mann wie Lüft an der Spitze der Pfarrei mussten zur Hebung des Ansehens derselben beitragen. Lüft war voll Eifer für seinen Beruf; er brachte die katholische Kanzel wieder zu Ehren, und sein bescheidener, frommer Sinn, sein wahrhaft priesterlicher Wandel gewannen ihm bald aller Herzen.7 Lüft konnte 1832 von 140 katholischen neben 270 evangelischen Studenten berichten. 1836 zählte Gießen 260 Katholiken, erst 1840 konnte eine eigene katholische Kirche geweiht werden. Doch zu diesem Zeitpunkt weilte Lüft schon fünf Jahre in Darmstadt.

Bereits 1833, als Gerüchte über eine Berufung des Darmstädter Pfarrers und Oberschulrats Peter Leopold Kaiser (1788–1848) ins Domkapitel nach Gießen drangen, bemühte sich Lüft um dessen Nachfolge. Er wollte sich zwar auch weiterhin der Wissenschaft widmen, hatte aber den heißen Wunsch, in einem mehr praktischen Wirkungskreis zu leben8. Während seiner ganzen Gießener Zeit sehnte er sich nach der kirchlich wärmeren Atmosphäre in Mainz zurück. Dies lag nicht nur daran, dass bei ihm, wie er sich selbst ausdrückte, das Herz vor dem Verstand kam9. Burgs Nachfolger Johann Jakob Humann (1771–1834) vertraute er seine Sicht der Fakultät an: Die kirchliche Richtung ist gut; ruhig, durchaus nicht polemisch oder neologisch. Jedoch scheint die religiöse Tendenz vor der kirchlichen in der theologischen Wissenschaft hier vorzuherrschen, und darin dünkt mir eine Hauptverschiedenheit zwischen der frühern theologischen Bildung in Mainz und der hiesigen gelegen zu sein.10 Seinen Kollegen gegenüber nannte Lüft vor allem die Doppelbelastung mit Pfarrei und Professur als Grund für seinen Wechsel nach Darmstadt11, dessen Pfarrer Peter Leopold Kaiser zum neuen Mainzer Bischof gewählt worden war. Am 28. April 1835 ernannte Großherzog Ludwig II. Johann Baptist Lüft zum geistlichen Mitglied und Rat im Oberschulrat, am 16. Juni erfolgte die Ernennung zum Darmstädter Pfarrer und kurze Zeit darauf zum Dekan des Dekanats Darmstadt; bereits am 9. Mai hatte sich Lüft – wegen Unwohlseins nur mit einer kurzen Notiz im Gießener Anzeigeblatt – von Gießen verabschiedet.

Dass damit seine Beziehungen zu Gießen nicht erloschen waren, zeigte sich bald. Immer wieder wirkte er als Mittelsmann der Regierung, wenn es um die Besetzung freier Professuren ging. Nach der Zwangspensionierung des Kirchenhistorikers Kaspar Riffel (1807–1856) geriet die Fakultät in schwere See. Da Riffel sich in seiner Reformationsgeschichte negativ über Martin Luther geäußert hatte, entstand der Eindruck, seine Entlassung stünde damit in Zusammenhang. Die Bistumsgeistlichkeit verschiedener Dekanate wandte sich entschieden gegen die Maßnahme. Während das Dekanat Mainz-Stadt nicht mit Angriffen auf die großherzogliche Regierung sparte, enthielt sich die von Lüft mit unterzeichnete und wohl auch verfasste Eingabe des Dekanats Darmstadt jeden Angriffes auf die Regierung – für den in der Hauptstadt wirkenden Klerus wenig überraschend. Anstelle der Pensionierung stand die Kritik an der Agitation gegen Riffels Buch im Mittelpunkt. Allerdings zog Lüft ähnliche Konsequenzen wie die Mainzer, auch seines Erachtens hatte die Priesterbildung im Zentrum des Bistums stattzufinden. Mit dem bischöflichen Aufsichtsrecht über das Theologiestudium ließ sich am Regierungssitz schlecht argumentieren, stattdessen verwies die Darmstädter Geistlichkeit auf die weite Entfernung Gießens von den Provinzen Rheinhessen und Starkenburg, aus denen fast alle Theologen stammten, und auf das fehlende katholische Umland.12 Begegnet uns Lüft hier als Verfasser einer Eingabe an den Bischöflichen Stuhl zu Mainz, so schien es bald, er selbst werde die Mainzer Kathedra besteigen.

Graue Eminenz statt Exzellenz: Johann Baptist Lüft als Kandidat für den Mainzer Bischofsstuhl

Am 30. Dezember 1848 starb der Mainzer Bischof Peter Leopold Kaiser. Bald nach seinem Tod wurden in der Öffentlichkeit mögliche Kandidaten für die Nachfolge gehandelt: der Berliner Stiftspropst Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811–1877), der Mainzer Domkapitular Adam Franz Lennig (1803–1866) und eben Johann Baptist Lüft. Während Ketteler als Landesfremder zunächst in den Hintergrund trat, betrachtete der Münchner Internuntius Carlo Sacconi (1808–1889) Lennig und Lüft als due eccellenti ecclesiastici13. Ein Artikel in der „Darmstädter Zeitung“ favorisierte Lüft, der mit ausgezeichneter wissenschaftlicher Bildung und bewährter Geschäftskenntnis einen höchst ehrenwerten Charakter verbindet14. Auch im „Frankfurter Journal“ war zunächst nur von Lüft die Rede. Kaiser werde als Nachfolger vermutlich einen hochgeachteten katholischen Pfarrer in Darmstadt, einen geborenen Rheinhessen erhalten, der durch umfassende Bildung, wahre Frömmigkeit und liebenswürdigen und humanen Charakter gleich ausgezeichnet sein soll15. Ähnlich ließ sich die „Frankfurter Oberpostamtszeitung“ vernehmen. Lüft werde an dem Wesen und an den Satzungen des reinen Katholizismus festhalten, doch ebenso keine konfessionellen Friedensstörungen veranlassen. Dafür bürge sein streng kluges Verhalten in seiner gegenwärtigen Stellung16.

Lüft sollte nach dem Willen der Regierung auch als Stellvertreter des Bischofs in der Ersten Kammer wirken. Doch Lüft verweigerte sich. Die Regierung berief den Gießener Dogmatiker Leopold Schmid (1808–1869), der damit automatisch als Bischofskandidat ins Gespräch kam. Auf der Kandidatenliste, die das Mainzer Kapitel am 20. Januar 1849 aufstellte, standen die Namen der Domkapitulare selbst sowie Lüft und Schmid.

Der Mainzer Kreis sprach sich entschieden für Lennig aus. Fähig, würdig und berufen, Bischof zu werden, meinte Johann Baptist Heinrich (1816–1891), sei nur Lennig – Lüft sei allzusehr verdarmstädtert. Immerhin, bei einem Bischof Lüft konnte Lennig auf Einfluss hoffen17.

Die Darmstädter Regierung legte sich große Zurückhaltung auf und verzichtete auf die Benennung eines Wunschkandidaten, wie noch bei der Bischofswahl im Jahre 1833 geschehen. Umso größer war die Überraschung, als aus der Wahl am 22. Februar 1849 Leopold Schmid als Mainzer Bischof hervorging. Im Mainzer Kreis herrschte helles Entsetzen; doch begann man schon bald mit Maßnahmen, um die Bestätigung der Wahl zu verhindern.

Als Pfarrer der Residenzstadt Darmstadt, als Bischofskandidat und als Freund des Mainzer Kreises spielte Johann Baptist Lüft dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Dass er selbst keinerlei Interesse an der Mitra hatte, verschwieg er nicht. Sein Kandidat war Adam Franz Lennig. Am 28. Januar 1849 teilte er diesem brisante Neuigkeiten aus Darmstadt mit. Lüft hatte gehört, die Regierung werde versuchen, die Wahl zu beeinflussen. Bereits zwei Tage später konnte er Entwarnung geben; er hatte in Erfahrung gebracht, dass das Ministerium sich überhaupt nicht in die Wahl einzumischen gedenke. Er informierte Lennig, dass er das Ansinnen der Regierung, ihn als Vertreter des Bischofs in der Ersten Kammer der Landstände zu gewinnen, abgelehnt habe, weil damit das Odium des künftigen Bischofs verbunden war.18 Wer kam außer Lennig als ernsthafter Kandidat in Frage? Schmid hatte in den Augen Lüfts keine Chance, der Klerus sei die Einschmuckelung und Herrschaft von Fremden endlich müde; der in der Schweiz geborene Schmid entspreche auch nicht den Anforderungen der Landesherrlichen Verordnung vom 30. Januar 1830, die forderte, der Bischof müsse ein Deutscher von Geburt sein19. Über den Ausgang der Wahl war Lüft indigniert. Pfui der Schande!, schrieb er Lennig, bei so vielen Fähigen in gremio habe das Kapitel einen Fremden und dazu noch diesen versteckten Schwaben gewählt. Bei allem Ärger über die Wahl Schmids, Lüft konnte nach wie vor versichern, dass die Regierung keine Schuld traf. Der landesherrliche Wahlkommissar hatte die Instruktion, auch gar keinen Einfluß zu üben. Lüft kannte ihn als Ehrenmann, der die Aufgabe unter anderen Voraussetzungen ohnehin nicht übernommen hätte20. Lüft riet Lennig, die Argumentation gegen Schmid auf vier Punkte aufzubauen: 1. Schmids Unfähigkeit, den Zwiespalt im Klerus zu überwinden, 2. das Eintreten der „Fortschrittspartei“ für Schmid, 3. der Wunsch nach einem Bischof, der aus der Diözese stammt, 4. die Ablehnung anderer Kandidaten (sc. Lennig) wegen ihrer katholischen Gesinnung.21

Im Herbst 1849 übermittelte er neue Informationen zur Haltung der Regierung und bezeichnete die Hofpartei für weniger gefährlich als die Wahlherren. Im Kapitel sah er diejenigen, die voll Leidenschaft und Verbitterung für Schmid agierten. Im Falle einer Ablehnung Schmids durch den Papst rechnete man in Darmstadt damit, das Kapitel werde Staudenmaier zum Bischof wählen. Doch der kann in den Augen Lüfts noch weniger als Schmid bestätigt werden22. Die Schreiben Lüfts machen deutlich, dass Lennig über die wahre Haltung der Regierung informiert war; seine Klagen über eine Beeinflussung der Wahl fußten somit allein auf grundsätzlichen Bedenken und waren von der Sache her unbegründet. Jedenfalls gelang es dem Mainzer Kreis die Verwerfung der Wahl Schmids durch den Papst zu erreichen. Das Kapitel verzichtete auf eine erneute Wahl, legte dem Papst eine Dreierliste mit den Namen des Breslauer Domherrn Heinrich Förster (1799–1881), des Rottenburger Domkapitulars Anton Oehler (1810–1879) und Wilhelm Emmanuel von Kettelers vor, der dann 1850 ernannt wurde. Schon im folgenden Jahr eröffnete er die Theologische Lehranstalt am Mainzer Seminar und sorgte so für den Untergang der Gießener Katholisch-Theologischen Fakultät. Wir wissen nicht, wie Lüft sich dazu stellte. Dass Lüfts theologisches Denken den Gießener Jahren viel zu verdanken hatte, ist nicht zu bestreiten. Der Austausch mit Lüft war aber auch für Staudenmaier und Kuhn, die zu bedeutendsten Theologen der Zeit zählten, ausgesprochen fruchtbar. Werfen wir daher einen Blick auf Lüfts theologisches Oeuvre.

Theologe von Ruf: Johann Baptist Lüft als Liturgiker

Wie Staudenmaier gehörte auch Lüft zu den Mitarbeitern der „Kirchenzeitung für das katholische Deutschland“. Hier veröffentlichte er 1832 einen Aufsatz zur Homiletik.23 In einer grundlegenden Analyse des Predigtwesens seiner Zeit konstatierte Lüft drei Bedürfnisse der Kanzelberedsamkeit:

1. Die Predigt bedarf wieder mehr echt christlicher Inhalte, muss von mehr religiöser Wärme und Innigkeit getragen und durchdrungen sein24; an die Stelle seichter Verstandesaufklärung und kalter Deisterei muss die christliche Wahrheit in ihrer Fülle treten25. Lüft trat für einen warmreligiösen Charakter der Verkündigung ein26. Hochschule und Priesterseminar hätten die Kandidaten entsprechend zu bilden27.

2. Wir hören auf unsern Kanzeln allzuwenig die Homilien.28 Da das Göttliche im Christentum historisch gegeben ist, ist eine Orientierung an der Heiligen Schrift unerlässlich. Mit der Quelle der Offenbarung werden die Christen die Offenbarung selbst liebgewinnen29. Voraussetzung dafür ist eine Exegese, die die geistig-praktische Seite nicht vernachlässigt30.

3. An die Stelle einer allzu objektiven, abstrakten Allgemeinheit hat eine Predigt zu treten, in der das wirkliche Leben der Hörer zum Zug kommt, konkrete Themen behandelt werden31.

Lüft wandte sich gegen eine Einschränkung des Seelsorgers auf den Morallehrer und gegen eine rein vernunftorientierte Predigt, das nur Gemütvolle lehnte er ebenso ab. Hielt er mit der Ausrichtung an der Heiligen Schrift eine zentrale Forderung der Aufklärung aufrecht, so beklagte er doch die Vernachlässigung der Glaubensinhalte. Wenig später betonte Lüft, dass jetzt bei der Restauration des christlichen Sinnes und Lebens oder bei dem Streben, beides festzuhalten und tiefer zu begründen, die frühere bei weitem noch nicht ganz verklungene Weise unsers Predigtwesens nicht mehr befriedigen könne und dass über den Prediger unsrer Tage aufs neue jene frische Glut urchristlicher Begeisterung kommen müsse, um dem Göttlichen seine Herrschaft wieder zu erringen oder zu behaupten, um den Genius des Christentums und der Menschheit wieder zu versöhnen und den Leib Christi, der durch den Leichtsinn und die Unbilden der Zeit vielfach verunstaltet worden, wieder neu und lebendig aufzubauen32.

Einen ähnlich grundlegenden Aufsatz wie zur Homiletik lieferte Lüft für die Liturgik. In seinen „Prinzipien über Cultus und Liturgie“33 fordert er eine theoretische Verankerung der Liturgie, zumal den in der Praxis vollzogenen liturgischen Reformen keine grundsätzlichen Überlegungen vorausgingen und auch die Reformgegner sich solcher enthielten34. Den Begriff des Cultus bestimmt er als Vereinigung des Menschen mit Gott und dem Göttlichen, vermittelt durch entsprechende Zeichen35. Dem Kultus kommt ein latreutischer, ein kirchlicher, ein ethischer und ein sakramentalischer Zweck zu36. Als eigentliches Tätigkeitselement des Cultus sieht Lüft das Gefühl an, das die Kultformen bestimmt37, die aber ebenso der dogmatischen Wahrheit entsprechen müssen; dabei fordert Lüft, die fromme Volksmeinung nicht zu vernachlässigen38. Der Liturge muss vom Geist der Religion und Andacht ergriffen sein.39 Auch in seinen liturgiewissenschaftlichen Prinzipien verweigerte sich Lüft bloßer Rationalität und mühte sich um eine ganzheitliche Ausrichtung. Vergleichbare Überlegungen bot er in seiner Rezension der „Liturgik der christkatholischen Religion“ von Franz Xaver Schmid (1800–1871), deren fehlende wissenschaftliche Grundlegung er bemängelte. Lüft betonte das Verdienst der neuern Zeit, das darin lag, zu dem alten archäologischen Stoffe Seele und Gemüt hinzuzubringen, in demselben den Geist und die christlichen Ideen aufzusuchen, den Cultus als die eigentliche plastische Poesie des religiösen und christlichen Lebens zu begründen40. Den Cultus nur von Seiten seines moralischen Nutzens aufzufassen, blieb in seinen Augen eine unsachgemäße Reduktion auf einen der vielen Zwecke41. „Kirchlichkeit“ wird als entschiedenes Anliegen des Gießener Professors fassbar – und Wissenschaftlichkeit. Mit seiner in den vierziger Jahren erschienenen „Liturgik“ löste Lüft schließlich selbst die Forderung nach einer wissenschaftstheoretischen Grundlegung der Liturgie ein.

Nach der Beschäftigung mit der Pastoraltheologie wandte sich Lüft dem zweiten Fach zu, das er in Gießen zu vertreten hatte, und veröffentlichte den Aufsatz „Über Konstruktion und Behandlung der theologischen Moral“42. Lüft erstrebte die Befreiung der Moraltheologie aus dem Formalismus und ihre Umbildung nach einer reinern und christlich-eigentümlichern Idee43. Auf einem Gang durch die Geschichte der Moral anerkannte Lüft zwar, dass Kant in Einzelnem um die Sittenlehre große Verdienste hat, tadelte aber die absolute Trennung der Moral von der Religion als eines der wesentlichsten und einflußreichsten Gebrechen der Kantischen Sittenlehre44. Auch hier wehrte sich Lüft gegen rationalistische Verengungen. Versuche, die Moral nur anthropologisch zu fundieren, galten Lüft als misslungen; der menschliche Geist erscheine dabei oft wie ein Automat, während der Verstand den allherrschenden Spiritus rector machte45. Die innere, organische Einigung des Sittlichen mit dem Religiösen machte Lüft zur Grundlage seiner Moraltheologie46. Die Idee der sittlichen Selbstvervollkommnung gewinnt Gestalt nicht im bloßen Entsprechen der menschlichen Natur, sondern im Über-sie-Hinausstreben. Die Heilige Schrift, die Glaubenslehre und das Leben Jesu liefern dazu die sittlichen Bestimmungsgründe und Triebfedern. Lüfts christlich-sittliches Prinzip lautete daher: Strebe, zur Erreichung deiner eigenen Bestimmung (deiner Verähnlichung mit Gott oder der eigentümlichen Entwickelung und Vervollkommnung deines Geistes) den göttlichen Willen, wie derselbe in der Lehre und dem Leben Christi geoffenbart ist, aus freier Liebe und nach deinem ganzen Kraftmaße zu erfüllen.47 Einer bloßen Ableitung der Moral aus der Dogmatik erteilte Lüft eine Absage; er konzipierte das Verhältnis in einem Dreischritt: Die Moral macht die gläubige Aufnahme der religiösen Wahrheit zur Pflicht, nach ihrer Rezeption kann die spezielle Ethik ausgebildet werden48. Lüft verstand die Zeit, in der er lebte, als Phase des Umbruchs. Die Orientierung an der christlichen Botschaft war dabei der einzige Weg, um eine Neuordnung zu erreichen. Soll unsere Generation noch einmal zu einem tiefern und geheiligtern Leben erwachen, soll Gott im Leben der Menschheit wieder Raum und das kirchliche wie Staatsleben wieder tiefern Gehalt und festere Basis gewinnen, so müssen vor allem Kirche und Staat wieder in ihren Wurzeln und tiefern Grundlagen gesunden und stark werden, das heißt, der Genius des Christentums muß wieder das eheliche und Familienleben (und die christliche Erziehung) begeistern, durchdringen und heiligen.49

In seiner Darmstädter Zeit erschien Lüfts wissenschaftliches Hauptwerk, die ersten beiden und leider einzigen Bände seiner „Liturgik oder wissenschaftliche Darstellung des katholischen Kultus“50, in denen die allgemeine Liturgik behandelt wurde. An der Bearbeitung weiterer Bände, die der speziellen Liturgik gewidmet sein sollten, scheint Lüft durch seine pastoralen Aufgaben gehindert worden zu sein. Dem Werk wurde eine bahnbrechende Wirkung beigemessen. Lüft war der erste, welcher der Liturgik ein streng wissenschaftliches Gepräge gab.51 Das Werk fußte auf Lüfts Gießener Vorlesungen52. Dabei mühte er sich um eine heilsgeschichtliche Grundlegung des Kultus. Der Grundgedanke des christlichen Glaubens und Lebens ist die Erlösung durch Christus53. Anteil an der Erlösung gewinnt der Mensch durch seine Lebensgemeinschaft mit Christus, vornehmlich in der Feier der Eucharistie. Das erlösende Tun Christi wird von der Kirche fortgesetzt, in ihr empfangen alle die Mitteilung des in Christus ruhenden göttlichen Lebens54. Die Kirche ist eigentlich der durch alle Zeiten erscheinende, fort und fort erlösende Christus selbst55. Lüft definiert den Kultus als die Gesamtheit der heiligen Handlungen und Formen, durch welche das religiöse Verhältnis einer Gemeinschaft oder ihrer einzelnen Glieder zur Gottheit und der Gottheit zur Gemeinde unmittelbar dargestellt und vermittelt wird56. Die Priester sah Lüft dabei als wirkliche Träger und Leiter des Lichtes und der Gnade, wirkliche Mittler zwischen Gott und den Menschen57, zwar gebe es eine Unterscheidung zwischen Priestertum und Volk, doch beide bestehen neben einander als eine organische, sich gegenseitig bedingende und durchdringende Einheit. Die Gemeinde wird ausdrücklich als Mitgestalterin der Liturgie genannt. Er anerkennt den Wert der in der Aufklärungszeit entstandenen deutschen Volksliturgien, beklagt aber den kalt dozierenden, flach moralisierenden Geschmack vieler Schöpfungen dieser Zeit58. Den Verlust des Chorals, der nur noch in den Kathedralen anzutreffen sei, beklagt er59. Als Ministranten wünscht er sich Kleriker oder gebildete Laien; denn die oft ganz rohen Knaben aus der untersten Volksklasse störten seines Erachtens die Würde des Gottesdienstes durch das geräuschvolle, bauernhafte Auftreten, das dummstolze Sichgeltendmachen, das haltungslose Hin- und Herlaufen, die schleifenden und kratzenden Kniebeugen, den unordentlichen und verwahrlosten und nicht selten ganz geschmacklosen Anzug60. Die Predigt betrachtete er als wesentlichen Bestandteil des Gottesdienstes und sah ihren Platz unmittelbar im Anschluss an das Evangelium. Lüft lieferte eine Einleitung und eine Gliederung der Liturgik und leistete dabei Pionierarbeit. Wie schon in Gießen nannte er als Zweck des Gottesdienstes die Anbetung Gottes, die Erhaltung des christlichen Glaubens und Lebens und die Vereinigung mit Gott. Seine Konzeption erhob die Liturgik zweifellos zum Rang einer theologischen Disziplin im universitären Rahmen61.

Als 1844 der erste Band der Liturgik erschien, bezeichnete ihn Karl Josef Hefele (1809–1893) als entschieden das Beste, was im Fache dieser Disziplin bisher in Deutschland geschrieben worden ist62; Hefele freute sich, dass die praktische Theologie nicht länger der Tummelplatz der Unwissenschaftlichkeit und des Dünkels sein sollte63. Die „Liturgik“ bestimmte die Universität Prag, Lüft anlässlich ihrer fünfhundertjährigen Stiftungsfeier zum Ehrendoktor zu promovieren. Lüfts wissenschaftliche Reputation führte auch dazu, dass er des öfteren für eine Professur in Aussicht genommen wurde. Die Tübinger Fakultät verzichtete auf eine Anfrage wegen der Nachfolge Johann Baptist Hirschers (1788–1865) nur, weil man wusste, Lüft werde in Darmstadt bleiben.

Seine Werke wirken fort: Johann Baptist Lüft als Pfarrer von Darmstadt

Trotz allen Engagements in Forschung und Lehre hatte sich Lüft in Gießen nicht heimisch gefühlt. Bereits nach den ersten Semesterferien, die er in Mainz verbringen konnte, klärte er Bischof Burg darüber auf, dass es ihm in Gießen wenigstens in der ersten Zeit nicht sonderlich gefiel. Nach seiner Rückkehr brauchte er wieder einige Wochen, um sich in Gießen einzugewöhnen, wo das geistig-gemütliche Element so wenig Nahrung hat. Seine Schwierigkeiten führte Lüft auf seine psychische Struktur zurück: Ich glaube überhaupt, dass bei mir der Verstand seinen Sitz im Herzen hat.64 Als sich 1835 die Gelegenheit bot, Gießen zu verlassen, nutzte er sie. Bis zu seinem Tod wirkte er als Oberschulrat, Pfarrer und Dekan in Darmstadt. Die Pfarrchronik ermöglicht es, die wesentlichen Stationen von Lüfts Wirken zu rekonstruieren.

Eine wesentliche Rolle spielten dabei Unternehmungen, die zu einer besseren Ausstattung der Pfarrkirche St. Ludwig führen sollten. Für den Einbau eines Chores gelang es Lüft, finanzielle Hilfen durch das großherzogliche Haus zu erlangen. Als Anhänger von Neoromanik und -gotik konnte er dem klassizistischen Bau aber wenig abgewinnen und meinte, das Gebäude mache zwar einen schönen und großen, aber keinen frommen und kirchlichen Eindruck, und das fromme Gefühl ist durch die Bauweise beeinträchtigt65.

Schon zu Beginn seiner Amtszeit (1837) erreichte Lüft, dass ein katholisches Schulhaus errichtet wurde, und erhielt die Erlaubnis, an den höheren Schulen der Stadt katholischen Religionsunterricht zu erteilen. 1845 gelang die Gründung eines Kirchengesangvereins, 1854 folgte eine „Katholische höhere Töchterschule“. 1840 wurde die Fronleichnamsprozession eingeführt, die freilich auf den Kirchenraum von St. Ludwig beschränkt blieb; noch 1858 scheiterte der Versuch, sie ins Freie zu verlegen. Auf die Initiative Lüfts ging auch die 1859 erfolgte Berufung der Niederbronner Schwestern zurück. Zunächst gab es große Widerstände gegen die Errichtung eines Klosters im evangelisch geprägten Darmstadt. Aber bald erwarben sich die Schwestern allgemeine Sympathien. Sie wirkten in der ambulanten Krankenpflege und der Armenbetreuung, gründeten eine Handarbeitsschule und erlangten schon 1862 die Korporationsrechte. Im Zusammenwirken mit Großherzogin Mathilde (1813–1862), die in diesem Jahr starb und in ihrem Todesleiden von den Schwestern gepflegt wurde, war Lüft die rasche Integration der klösterlichen Gemeinde in das Darmstädter Gemeinwesen gelungen.

Schon zuvor hatte sich Lüft dem katholischen Vereinswesen angenommen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen gelang es einen Kirchenchor zu etablieren, 1857 folgten der katholische Gesellenverein und ein Paramentenverein, im folgenden Jahr der Armenverein, aus dem 1864 der Elisabethenverein hervorging. Bruderschaften wurden gegründet, ein christlicher Mütterverein ebenso.

Für die mehrheitlich evangelische Landeshauptstadt war Lüft der richtige Mann. In einer anonymen Schrift aus dem Jahr 1839 bekannte er: Es ist meine Sache nicht und nie gewesen, Unduldsamkeit zu nähren und eine polemische Stellung dem Protestantismus gegenüber einzunehmen. Das friedliche Verhältnis unter den Bekennern beider Konfessionen des Großherzogtums war ihm ein Anliegen. In seinen veröffentlichten Predigten werden kontroverstheologische Fragen nicht berührt. Doch sah er sich herausgefordert, eine notgedrungene Ehrenrettung des katholischem Glaubens vorzunehmen66, nachdem der Darmstädter Hofprediger Karl Zimmermann (1803–1877) in einer Predigt zum Reformationsfest der katholischen Kirche Geistes- und Gewissenszwang, mönchischen Aberglauben, Beladung mit äußerem Werk und drückenden Formen vorgeworfen hatte67. Lüft fand es unerträglich, dass die Kirche vor dem Fürstenhaus herabgewürdigt, gelästert wurde68. Auch die Kritik, die zu gleicher Zeit im „Frankfurter Journal“ an seinem Gießener Nachfolger Kaspar Riffel geübt wurde, wies Lüft zurück69 und beklagte Jesuitenriecherei und Verdächtigungssucht70. Demgegenüber habe sich die katholische Geistlichkeit zu Darmstadt […] stets durch hohe Duldsamkeit wahrhaft ausgezeichnet71. Vorbehaltlos würden die Darmstädter Katholiken das Engagement des Großherzogs für sie anerkennen, besonders bei dem Baue ihrer freilich völlig mißlungenen Kirche72. Solche Spitzen und seine herausgehobene Stellung zwangen Lüft, in der Anonymität zu bleiben; für den religiösen Frieden, das Hauptanliegen der Schrift, ist er allerdings stets offen eingetreten.

Das musste Lüft auch 1845 erfahren, als die deutschkatholische Bewegung in Darmstadt Fuß zu fassen suchte und dabei von der evangelischen Hof- und Stadtgeistlichkeit unterstützt wurde. Lüft bemühte sich, die Katholisch-Theologische Fakultät Gießen für die geistige Auseinandersetzung mit dem Deutschkatholizismus zu gewinnen und trat selbst in mehreren Predigten gegen den Deutschkatholizismus auf: Indem sie der Gemeinde die Entscheidungsvollmacht über die Glaubenslehre anvertrauten und die Autorität der Heiligen Schrift der Vernunft, gar dem Zeitbewußtsein unterwarfen, machten die Deutschkatholiken die jedesmalige Meinungsansicht der Menschen zu ihrem obersten Prinzip: Es kann jeder zu jeder Zeit glauben, was er will. An die Stelle der Göttlichkeit der Religion tritt die Mode der Zeit. Man hat das Christentum, die Offenbarung, die Religion in ihrem Fundamente angegriffen, abgeleugnet und vernichtet und die Menschen so des Leitsterns beraubt, der allein sicher durchs Leben zu führen vermag. Denn die göttliche Offenbarung muss dem Menschen zu Hilfe kommen und den Funken entzünden, die Gottesbeziehung ermöglichen, die die Grundlage allen menschlichen Lebens ist. Die Neuerer aber haben die schwankende, unsichere Meinung der Zeit über die Religion gestellt und den Menschen ermächtigt, die Religion sich und der Zeit anzupassen.73 Die Offenbarungsfeindlichkeit der Deutschkatholiken liegt für Lüft auf der Hand, umso betroffener macht ihn die Unterstützung, die ihnen von protestantischer Seite zuteilwurde und die die Feier eines öffentlichen Gottesdienstes ermöglichte. Lüft sieht darin eine Kränkung der Katholiken, eine öffentliche Verletzung der Gewissensfreiheit; er mahnt seine Gemeinde, dem Glauben und der Kirche treu zu bleiben und in allen Angriffen auf Gott zu vertrauen74.

Die politisch-religiöse Bewegung des Deutschkatholizismus blieb eine Randerscheinung, doch ließen die revolutionären Unruhen im Großherzogtum Hessen Lüft 1848 Ausschau nach dem Amt des Frankfurter Stadtpfarrers halten. Lüft teilte Linde mit, dass mir das Leben in Darmstadt und damit auch meine Stelle immer mehr zu verleiden anfängt, was ich freilich vorläufig nur Ihnen sagen darf, obschon es mir schwer fällt, das Gesicht des Überdrusses zu verbergen75. Wie viele Glieder des Establishments erschütterten ihn die revolutionären Vorgänge.

In seiner Neujahrspredigt 1851 blickte Lüft auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück und verurteilte Krieg und Revolution, falsche Aufklärung und Weltweisheit76. Die Wendung zum Besseren schien ihm allerdings gewiss. Wir haben mit Freuden gesehen, wie ein mächtiger Zug der Gnade durch die Herzen geht, und die Religion wieder angefangen hat, innigere und zahlreichere Verehrer zu zählen. Auch das Nachlassen der konfessionellen Reibungen und Kämpfe erfüllte ihn mit Zuversicht77.

Warf man Lüft im Mainzer Kreis auch vor, er sei allzusehr verdarmstädtert, so suchte Bischof Ketteler doch seine Verdienste zu würdigen. Da er Lüft bei der nächsten Vakanz eines Domkanonikats unmöglich übergehen, dieser aber in seiner einflussreichen Stelle als Pfarrer und Oberschulrat in Darmstadt „multo utilior“ wirken konnte, bat Ketteler den Papst um die Erlaubnis, Lüft zum Ehrendomherrn erheben zu dürfen. Der Zustimmung des Großherzogs war er sich von vornherein gewiss. Pius IX. erhob keine Einwände und Lüft wurde 1852 Mainzer Ehrendomherr. Als Darmstädter Pfarrer hatte Lüft zeitweilig Ketteler in der Ersten Kammer der Landstände zu vertreten. 1862 bat er, aus gesundheitlichen Gründen von dieser Aufgabe entbunden zu werden. In dieser Zeit nahm Lüft auch nicht mehr an den Sitzungen der Darmstädter Oberstudiendirektion teil; Klagen über die mangelnde Vertretung kirchlicher Interessen in diesem Gremium waren die Folge.

Politisch dachte Lüft großdeutsch. 1858 kam es deshalb zum Eklat; denn Lüft schlug die Bitte des französischen Gesandten in Darmstadt, zum Napoleonstag 1858 eine Messe zu feiern, rundweg ab; aus seinen pro-österreichischen Gefühlen machte er keinen Hehl. Die hessen-darmstädtische Regierung gab sich indigniert.

In den Jahren 1862/63 stand Lüft in Briefwechsel mit dem resignierten bayerischen König Ludwig I. (1786–1868); dieser hatte enge Beziehungen zu Darmstadt; denn seine Tochter Mathilde war die Gattin Großherzog Ludwigs III. Lüft nahm in seinen Schreiben Stellung zu Heiratsplänen des Königs. Die Auserwählte war die um Jahrzehnte jüngere Darmstädter Hofdame Carlotta von Breidbach-Bürresheim (1838–1920). Lüft betätigte sich als Postillion d’amour, war dann aber vor allem damit beschäftigt, den König von seinen Plänen abzubringen. Als die Freiin sich vermählte, spendete er dem „Unterlegenen“ Trost und gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass bei Euer Majestät bald die Periode eintritt, wo die freundliche Erinnerung ohne schmerzliche Beimischung ist78.

Am Todesleiden Lüfts nahm auch Bischof Ketteler Anteil; schon im Januar 1869 fragte man sich, ob Lüft den Winter überlebt79. Lüft erholte sich nochmals, starb aber am 23. April 1870. In einem Nachruf der „Darmstädter Zeitung“ hieß es, Lüft erfreute sich durch die Reinheit, Geradheit und Unwandelbarkeit seines Charakters sowie durch seine echt christliche Toleranz der Achtung und Liebe aller, die mit ihm in Berührung kamen, in reichstem Maße80. Kettelers Urteil war zwiespältiger. Unsern alten Lüft werden wir noch oft entbehren, schrieb er an Johann Baptist Heinrich vom Vatikanischen Konzil, wenn auch für die Seelsorge unendlich viel mehr und Besseres geschehen kann wie bisher81. Lüfts „Rolle“ auf der diplomatischen Bühne spiegelte sich auch in der Verleihung des Ritterkreuzes des Großherzoglich Hessischen Ludwigsordens I. Klasse und des Königlich Bayerischen Verdienstordens I. Klasse.

In Johann Baptist Lüft begegnet uns ein Theologe von Rang. Ihm verdankt die Liturgik ihre wissenschaftliche Grundlegung. Doch vermochte die Universität für ihn nicht zur eigentlichen Heimat zu werden. Der Professor für Pastoral strebte nach der pastoralen Praxis. 35 Jahre lang hat er sich ihr in Darmstadt gewidmet. Zeit seines Darmstädter Wirkens ist es ihm gelungen, trotz des forschen Vorgehens eines Bischofs wie Ketteler für ausgeglichene Beziehungen zwischen Staat und Kirche zu sorgen. Dabei hat er den katholischen Standpunkt nicht verschwiegen, viel weniger aufgegeben.

Lebensdaten

30.03.1801

geb. in Hechtsheim bei Mainz als Sohn des Tagelöhners Jakob Lüft und seiner Frau Klara, geb. Strohm

07.04.1824

Priesterweihe in Speyer

1829

Professor für Moraltheologie am Mainzer Priesterseminar

30.11.1830

Professor für Moral- und Pastoraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät und Pfarrer in Gießen

1835

Pfarrer, Dekan und Oberschulrat in Darmstadt

1852

Ehrendomkapitular

23.04.1870

gest. in Darmstadt

Quellen

Archivio Segreto Vaticano, Rom (ASV):

ANM 80 pos. 87

Bundesarchiv Außenstelle, Frankfurt a.M. (BAF):

FN 10/32

Bayerische Staatsbibliothek, München (BayStB):

Ludwig I., Archiv

Dom- und Diözesanarchiv, Mainz (DDAMz):

Generalakten 1/I; Pfarrakten Dekanat Gießen; Pfarrakten Gießen 2; Generalakten 1/IIk; Generalakten 1/III; Generalakten 4; Domkapitel C. 1.8a

Freies Deutsches Hochstift, Frankfurt a.M. (FDHF):

Hs. 24691

Pfarrarchiv St. Bonifatius, Gießen (PfAGi):

[J. B. Rady], Chronica Parochiae Catholicae Giessen 1880

Schriften

Die Bedürfnisse der Kanzelberedsamkeit in ihrem Verhältnisse zu den Anforderungen der Zeit und der Kirche. In: Kirchenzeitung für das katholische Deutschland 3 (1832) S. 137–144, 153–158, 209–215, 225–232.

Der Glaube. Sein Wesen, sein notwendiger Zusammenhang mit dem Wesen des Menschen und seine unmittelbarsten Äußerungen. Eine praktisch-theologische Abhandlung in Anlehnung an Matthäus 8,1–13. In: Religiöse Zeitschrift für das katholische Deutschland 1 (1833) S. 268–297.

Rez. F. S. Häglsperger, Skizzierte Themata zu Homilien und Predigten für einen fünffachen Cyklus auf alle Sonn- und Festtage des katholischen Kirchenjahres. Landshut 1833. In: ebd., S. 322–328.

Rez. F. X. Schmid, Liturgik der christkatholischen Religion, 2 Bde. Passau 1832. In: ebd., 1 (1833) S. 328–335 und 2 (1833) S. 314–319.

Über die Parusie. Eine exegetische Abhandlung über Matthäus 24. In: ebd., 2 (1833) S. 147–166.

Prinzipien über Cultus und Liturgie. In: Jahrbücher für Theologie und christliche Philosophie 1 (1834) S. 55–96.

Rez. H. Hoffmann, Geschichte des deutschen Kirchenliedes bis auf Luthers Zeit. Ein literarisch-historischer Versuch. Breslau 1832. Deutsche katholische Gesänge aus älterer Zeit. Eine Anthologie. Frankfurt a. M. 1833. In: ebd., S. 204–214.

Rez. J. B. Hirscher, Betrachtungen über sämtliche Evangelien der Fasten mit Einberechnung der Leidensgeschichte. Tübingen 31832. In: ebd., S. 229–237.

Rez. J. B. Hirscher, Katechetik. Oder der Beruf des Seelsorgers, die ihm anvertraute Jugend im Christentum zu unterrichten und zu erziehen. Tübingen 1831, 21832. In: ebd., S. 373–405.

Über Konstruktion und Behandlung der theologischen Moral. In: Jahrbücher für Theologie und christliche Philosophie 2 (1834) S. 76–131.

Rez. H. Schreiber, Lehrbuch der Moraltheologie, Bd. 1–2. Freiburg i. Br. 1831–1834. In: ebd., S. 413–445.

Rez. H. J. Vogelsang, Lehrbuch der christlichen Sittenlehre, Bd. 1. Bonn 1834. In: ebd., S. 446–455.

Rez. W. M. de Wette, Lehrbuch der christlichen Sittenlehre und der Geschichte derselben. Berlin 1833. In: ebd., S. 455–457.

Rez. F. X. Schmid, Liturgik der christkatholischen Religion, 2 Bde. Passau 1832–1833. In: Jahrbücher für Theologie und christliche Philosophie 3 (1834) S. 229–237.

Rez. H. Klee, Die Ehe. Eine dogmatisch-archäologische Abhandlung. Mainz 1833. In: ebd., S. 266–276.

Rez. A. F. S. Rost, Religionswissenschaftliche Darstellung der Ehe. Wien 1834. In: ebd., S. 277–279.

Rez. F. X. Massl, Le Maistre de Sacys Erklärung der heiligen Schriften des neuen Testaments nach den heiligen Vätern und andern bewährten Schriftstellern der Kirche, 3 Bde. Straubing 1831–33. In: ebd., S. 294–298.

Kritische Übersicht der katholischen Predigtliteratur vom Jahre 1833 bis zur Hälfte des Jahres 1834. In: ebd., S. 426–470.

Predigt, gehalten am Neujahrstage 1839 in der katholischen Kirche zu Darmstadt. In: Predigt-Magazin 2 (1839) Anreden, Betrachtungen, Homilien, Predigten, Predigtentwürfe und Reden, S. 327–334 (Dazu: Der Katholik 19, 1839, Bd. 73, S. CXXIVf).

[anonym], Betrachtungen über die neuesten Angriffe auf die Ehre der katholischen Kirche. Eine Epistel an Herrn Generalsuperintendenten Röhr zu Weimar und Herrn Hofprediger Zimmermann zu Darmstadt. Von einem Katholiken des Großherzogtums Hessen und bei Rhein. Schaffhausen 183982.

Liturgik oder wissenschaftliche Darstellung des katholischen Cultus, Bd. 1–2. Mainz 1844–1847.

Die christliche Freiheit. Gehalten am vierten Fastensonntage in der katholischen Kirche zu Darmstadt. In: Predigt-Magazin 14 (1846) Anreden etc., S. 154–161.

Von der Einheit mit dem Oberhaupte der katholischen Kirche. Am sechsten Sonntag nach Pfingsten. In: ebd., S. 162–170.

Über das wahre Wesen der beabsichtigten neuen Glaubensspaltung und die Art und Weise, wie man ihr Eingang zu verschaffen sucht. Gehalten am neunten Sonntag nach Pfingsten. In: ebd., S. 170–176; auszugsweise auch in: Der Katholik 25 (1845) S. 421–423.

Artikel in Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon: Baldachin, Bd. 1, Freiburg i. Br. 1847, S. 588f – Begräbnis (christliches), ebd., S. 734–737. – Bekenner (Confessores), ebd., S. 753–755. – Corporale, Bd. 2, Freiburg i. Br. 1848, S. 880f – Credenz oder Credenztisch, ebd., S. 909. – Cruxifix, ebd., S. 926–929. – Cultus, ebd., S. 936–941. – Dies irae, Bd. 3, Freiburg i. Br. 1849, S. 140. – Domine non sum dignus, ebd., S. 230. – Dominus vobiscum, ebd., S. 244f – Liturgik, Bd. 6, Freiburg i. Br. 1851, S. 555–557. – Märtyrer, ebd., S. 908.

Betrachtungen über den christlichen Glauben und das christliche Leben. Eine Auswahl von Predigten, gehalten in der katholischen Kirche zu Darmstadt. Mainz 1852.

Artikel in der zweiten Auflage des Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon: Bekenner (Confessores), Bd. 2, Freiburg i. Br. 1883, Sp. 269–271. – Credenz oder Credenztisch, Bd. 3, Freiburg i. Br. 1884, Sp. 1181. – Domine non sum dignus, ebd., Sp. 1930.

Literatur

Alfred Bang-Kaup und Wilhelm Kastell, Die Pfarrchronik von St. Ludwig in Darmstadt 1790–1945 (= Ergänzungsbände zum Jahrbuch für das Bistum Mainz 5). Mainz 1957.

Georg Feigel, 125 Jahre (1859–1984) Schwestern vom Göttlichen Erlöser in Darmstadt. Darmstadt 1984.

Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler, Sämtliche Werke und Briefe, hg. von Erwin Iserloh u.a. Mainz 1977ff.

Franz Kohlschein, Auf dem Wege zur Liturgik als Wissenschaft – Johann Baptist Lüft (1801–1870) als Liturgiker. In: Ders. und Peter Wünsche (Hg.), Liturgiewissenschaft – Studien zur Wissenschaftsgeschichte (= Liturgiewissenschaftliche Quellen und Forschungen 78). Münster 1996, S. 234–290.

Uwe Scharfenecker, Die Katholisch-Theologische Fakultät Gießen 1830–1859. Ereignisse, Strukturen, Personen (= Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte B 81). Paderborn 1998.

1 Bang-Kaup/Kastell, Pfarrchronik, S. 49.

2 Kohlschein, Auf dem Wege, S. 290 und 287.

3 Lüft an Linde, Gießen, 17. Dezember 1830; BAF FN 10/32.

4 Lüft an Burg, Gießen, 22. Dezember 1830; DDAMz Generalakten 1/I, fol. 19–19a.

5 Burg an Lüft, Mainz, 10. Dezember 1830; DDAMz Pfarrakten Dekanat Gießen.

6 Burg an Lüft, Mainz, 12. Dezember 1830; DDAMz Pfarrakten Gießen 2.

7 [J. B. Rady], Chronica Parochiae Catholicae Giessen 1880, S. 223; PfAGi.

8 Lüft an Linde, Gießen, 12. Oktober 1833; BAF FN 10/32.

9 Lüft an Burg, Gießen, 24. Mai 1831; DDAMz Generalakten 1/IIk.

10 Lüft an Humann, Gießen, 9. Dezember 1833; DDAMz Generalakten 1/III, fol. 14f.

11 Staudenmaier an Kaiser, Gießen, 22. Januar 1836; DDAMz Generalakten 4, fol. 107–110.

12 Eingabe der Geistlichen des Dekanats Darmstadt, o.O., 21. Januar 1842; DDAMz Generalakten 4, fol. 45f.

13 Sacconi an Antonelli, Entwurf des Berichts Nr. 158, München, 11. Januar 1849; ASV ANM 80 pos. 87.

14 Aus dem Bistum Mainz, 5. Januar. In: Darmstädter Zeitung Nr. 7 vom 7. Januar 1849.

15 Mainz, 3. Januar. In: Frankfurter Journal Nr. 4 vom 4. Januar 1849.

16 Aus dem Großherzogtum Hessen, 12. Januar. In: Beilage zur Frankfurter Oberpostamtszeitung Nr. 12 vom 13. Januar 1849.

17 Heinrich an Moritz Lieber, Mainz, 30. Januar 1849; FDHF Hs. 24691.

18 Lüft an Lennig, Darmstadt, 28./30. Januar 1849; DDAMz Domkapitel C. 1.8a.

19 Lüft an Lennig, o.O., o.D.; ebd.

20 Lüft an Lennig, Darmstadt, 23. Februar 1849; ebd.

21 Lüft an Lennig, Darmstadt, 8. März 1849; ebd.

22 Lüft an Lennig, Darmstadt, 3. September 1849; ebd.

23 J. B.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Lebensbilder aus dem Bistum Mainz" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen