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Lebens-Wert … anders

Inhaltsverzeichnis

Kapitel      1    Die Fahrt

Kapitel      2    Die Ankunft

2.1 … sie kommen und sie gehen!

Kapitel      3    Der erste T ag als Praktikant

3.1 Unsere Gitter sind das Alter

3.2 Runde im Garten,

Margarete Erlenbach, Johanna Schneider,

Friederich Martens, Albert Kleinhans

3.3 Johanna Schneider

3.4 Zivis - Domenik Schütt, Lars-Hendrik Reimann

3.5 Mittagsrunde

Hinnerk Stein, Paula Drößler, Hanni Morgenstern, Richard König

3.6 Mathilde (Küchenfee)

3.7 Rudi Billerstedt (Gärtner), Bernd Pfeiffer (Hausmeister)

3.8 Ehepaar Rodriges (Bernhard & Bianca)

3.9 Sir John McKenzie

3.10 Die Dompteure

3.11 Die Geschichte von Willi Kluge

3.12 Karl Wucherpfennig, - DER Handlungsreisende!

3.13 Liselotte Schwertfeger

Kapitel      4    Der Gemeinschaftsraum

4.1 Butterfahrt der Land- und Weicheier

4.2 Fröhliche Bocciarunde

Walter Schneemann, Claude Baptiste Chagall, Iwan Strassniak

4.3 Helmut König (Busfahrer)

4.4 Omas Butterkuchen

4.5 Die Gute - Alte Zeit

4.6 Abendbrot mit Elisabeth Rose und Margot Schiller

4.7 Das Date im Gemeinschaftsraum

4.8 Doping

4.9 Claude Baptiste Chagall

4.10 Madeleine Oruè und die Patience

Kapitel      5    Donnerstag

5.1 Trauma, Krisenmanagement, jung & alt

5.2 Nachtwanderung

5.3 Frühstück und Frühstückshelfer

5.4 Weil Donnerstag iss …

5.5 Blondi und Sternchen

Kapitel      6    Ein lauschiges Plätzchen

6.1 Kiosk am Deich

6.2 Georg s Zaubertrank

6.3 Henriette van der Mult

Kapitel      7    Der - freie - Tag

7.1 Die schallende Ohrfeige in der 5b

7.2 Guter Kaffee - Bohnenkaffee

7.3 Frühschoppen im Pavillon

7.4 Das Scheuerlappengeschwader

7.5 Schwester Anna

7.6 Oma s Witz– "Wahrscheinlich"

7.7 Der Tante Emma Laden

7.8 Schmalzbrot mit Harzer und Gurke

7.9 „ süchtig, - natürlich nicht!“

7.10 Erkundungsfahrt mit dem Motorrad

7.11 Spieglein, Spieglein an der Wand …

7.12 Gesprächsnotizen

7.13 Das Gespräch

7.14 Die andere Seite von Herrn Günther

7.15 Frau Collmar erklärt "Verrückt"

Kapitel      8    Sonntag

8.1 Zu blöd zum Schule schwänzen

8.2 Vom Kohlenkeller zum Bollerwagen

8.3 Kirchgang

8.4 Zum scharfen Eck

8.5 Matj es oder Wursts alat

8.6 Pastor Schulte

Kapitel      9    Das Team

9.1 Berta Möller

9.2 Opa Hentrich und der Flummi

9.3 Döllmerzettel - in drei Kategorien

9.4 HRC - Member Card

9.5 Schriftwart Weitemeier

9.6 Der Vorstand

9.7 Das Team

9.8 Suppe mit Biegebrot

9.9 Schlafmodus

9.10 Charlotte von N aumburg

9.11 Die Traudel

9.12 Geburtstag beim Freund

9.13 Der T opfkuchen

9.14 Pressesprecher, Kassenwart, Sekretärin

9.15 Bratkartoffeln mit Sülze

Kapitel      10    Der große Tag

10.1 Mein Freund Wewe

10.2 Sylke mit Y, - nicht Siiieeelke

10.3 Manager, Meister, Vorbereitung

10.4 1 Zimmer, Küche, Bad

10.5 Der richtige Platz

10.6 … vom Reden bis zum Speed-Dating

Es war einmal, vor langer, langer Zeit… so begannen einst die klassischen Märchen, die ich noch sehr gut aus meiner Kindheit in der Erinnerung habe. Aber dieses hier soll kein Märchen sein, viel mehr eine Dokumentation entstanden aus einem Reisebericht … oder ist es vielleicht doch ein Märchen? Wer weiß, aber beginnen wir doch einfach einmal mit der Geschichte und sinnvoller weise ganz vorn – sozusagen am Anfang.

Die Zeit spielt keine große Rolle, auch der Ort des Geschehens ist zunächst nur von geringer Bedeutung, und wie sagt man doch so schön:

Sämtliche Handlung, Personen und Namen sind frei erfunden,
… obwohl, sind sie das wirklich?

Beginnen wir also die Geschichte dort, wo sie begann – am Anfang, obwohl es ja eigentlich für mich auch ein Ende war, ein Ende, von dem über viele Jahre eingefahrenen immer wiederkehrenden Alltagstrott, ein Sog, eine Spirale, aus der ein Entkommen scheinbar unmöglich schien, doch manchmal sind es gerade diese kleinen Veränderungen, eine Feinjustierung an einer der vielen Stellschrauben des Lebens, und plötzlich öffnen sich Türen, an die man vorher selbst im Traum nicht gedacht hatte – womit wir wieder bei den Märchen waren oder vielleicht doch nur Träumereien oder Hirngespinsten, wie man so schön sagt, wenn es keine rationale oder logische Erklärung gab?

Jeder soll es selbst beurteilen, es in seine ganz persönliche Schublade packen oder das Buch einfach wieder zuschlagen, doch dann werden viele Fragen unbeantwortet bleiben; nicht zuletzt die Ursprungsfrage, Märchen, Geschichte, Spinnerei oder vielleicht doch etwas ganz anderes, wer weiß?

Ich möchte alle ganz herzlich einladen, mich auf dieser Reise zu begleiten und wünsche viel Spaß beim Spinnen, Träumen, Lesen, beim Erinnern, Wiederfinden oder ganz einfach nur das Leben auch mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten, denn glücklich zu sein ist keine Frage des Alters, und das Leben ist auch nicht immer nur schwarz-weiß – wenn man genau hinsieht, ist es sogar

leben-s-wert … anders!

Kapitel
1

 

Die Fahrt

Es begann also oder endete bei mir mit den wildesten Urlaubsplanereien, weg vom täglichen Einerlei, weg von dem verplanten Tag, an dem schon morgens feststeht, was der Abend bringen würde. Ich setzte mich auf das Motorrad und fuhr einfach drauf los. Zunächst noch durch das alt vertraute Großstadtgewühl, dort wo man sich wie an einer Perlenschnur von A nach B bewegt, anonym, schon fast unsichtbar im Sog der Blechlawine. Raus aus diesem Lavastrom, der sich unaufhaltsam durch den Tag schiebt, war meine Devise und mein Ziel war – hmm eigentlich war da gar kein bestimmtes Ziel vielleicht einfach nur der Norden. Mit diesen Gedanken ging es auf die Autobahn, die für den Motorradfahrer den höchsten Grad der Einsamkeit darstellt. Fast schon regungslos ging es immer nur geradeaus, selbst die langgezogenen Kurven waren kaum spürbar. Geradeaus, immer nur geradeaus. Langweilig, monoton, ja schon fast einschläfernd zeigte sich meine Flucht aus der hektischen Zeit. Viele Gedanken gingen mir durch den Kopf, während der Fahrtwind und das dumpfe Brummen des Motors unter dem Helm nun meine einzigen Begleiter waren. Innerhalb von nur wenigen Kilometern oder besser noch Stunden, um bei der Zeit zu bleiben, veränderte sich mein Umfeld von hektischem Wirrwarr zu nunmehr einschläfernder Einsamkeit. Aber ich konnte diesen Zustand ja jederzeit ändern, womit wir wieder bei der Zeit waren, ich brauchte nur an der nächsten Abfahrt umkehren und der Großstadt wieder entgegen zu fahren. Nein, das war es nicht, was ich wollte und fuhr weiter, aber es war schon ernüchternd, wie schnell man sich doch allein und einsam fühlte. Diese Gedanken trugen mich weiter in Richtung Norden. Das Land wurde flacher und flacher, und ich bemerkte, dass immer weniger Fahrzeuge meine Begleiter waren. Immer mehr Reisende fanden ihr Ziel, ihr Zuhause oder den Platz, den sie angesteuert hatten, nur ich fuhr weiter und weiter dem Horizont entgegen. Die letzten Kilometer habe ich damit verbracht, mit mir selbst Gespräche zu führen, ja sogar Lieder zu singen, die sich zugegeben unter dem Helm sehr fremd, dumpf, weit entfernt und unvertraut anhörten. Aber es war ein Versuch, der Einsamkeit zu entfliehen, war doch kein anderer hier, der diese Einsamkeit auflöste oder wenigstens etwas belebte. Aber diese Einsamkeit oder auch Ruhe hatte auch ihre guten Seiten, viel deutlicher und aufmerksamer registrierte man Kleinigkeiten, unscheinbare Dinge, die im Umfeld der hektischen Großstadt gar nicht mehr so wahrgenommen werden. Tiere, Natur, Düfte, der Himmel, die Vögel und auch der Wind schienen hier irgendwie anders zu sein. Ob es das war, was ich wollte oder suchte, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen, auf jeden Fall fühlte es sich schon einmal gut an. Ich fuhr weiter in die Richtung der Zugvögel und verließ die Autobahn, um mir auf der Fahrt durch die kleinen Dörfer und Gemeinden ein passendes Nachtquartier zu suchen. Es war noch Zeit, die Sonne strahlte noch eine zufriedene Ruhe und Gemütlichkeit aus, und mir fiel auf, dass sich die schon auf den letzten Kilometern der Autobahn abgezeichnete Ruhe in den kleineren Dörfern immer weiter so fortsetzte. Wenn man überhaupt von etwas Hektischem reden konnte, so war es hin und wieder einmal eine Gänseoder Schafherde, die sich auf den saftig grünen Wiesen tummelte oder ein nostalgischer Lanz Traktor, der donnernd mit ca. 25km/h entgegenkam. Ich klappte das Visier von meinem Helm auf und konnte nun noch deutlicher in die Landschaft eintauchen. Die Großstadt mit den stinkenden Blechlawinen schien Lichtjahre entfernt, und bei jedem Meter, den ich fuhr, erkannte ich mehr und mehr den Sinn meiner Reise und freute mich schon auf das Ziel, wo auch immer es sich für mich auftun sollte. Hatte ich überhaupt ein Ziel, oder sollte es eine Rundreise der Emotionen werden? Mit diesen Gedanken passierte ich Dorf für Dorf und stellte fest, dass zu der Ruhe und Gemütlichkeit der Orte auch eine ganz eigenartige Stille, ja, vielleicht sogar Einsamkeit deutlich zu spüren war. Im Grunde genommen waren alle Dörfer irgendwie gleich, nur beim genauen Betrachten erkannte man die kleinen Unterschiede, die aber genau jedes Dorf wieder für sich besonders interessant und somit wieder einmalig machten, ohne die Menschen und die unzähligen Geschichten der einzelnen Orte zu kennen.

Die Hinweisschilder zu den Dorfattraktionen waren nahezu identisch: Die Gemeindeverwaltung, das Dorfgemeinschaftshaus, die Feuerwehr und der Tante-Emma-Laden wiederholten sich genauso wie die Hinweise zu unzähligen Trödel, Ramsch und Kunstverkäufen, die interessanterweise auch als Dachbodenfunde noch mehr Abenteuer und Schätze einer längst vergangenen Zeit versprechen sollten. Der Dorfgasthof brachte ein wenig Abwechslung, obwohl, eigentlich auch nicht wirklich, denn im Grunde genommen waren es nur die Namen, die eine scheinbare Abwechslung brachten. Es waren altbekannte Namen, wenig spektakulär, aber Namen, die einfach zu den Dorfgasthöfen gehörten:

Zur Post, Dorfkrug, Zur Linde, Zum Anker, Deichgraf, Störtebecker.

Natürlich war die nördliche Region auch entscheidend für die Namensfindung, denn einen Wirtshausnamen aus dem tiefsten Oberbayern hätte hier sicherlich für Verwirrung gesorgt, allerdings ist wahrscheinlich der „Bayrische Hof“ die Ausnahme, denn einen „Bayrischen Hof“ wird man wohl überall finden, auch weit über die Landesgrenzen von Deutschland und Europa hinweg. – Aber zurück zu den Gasthöfen, an denen ich stumm vorbeifuhr. Sie hatten fast alle einen Parkplatz vor der Tür und einen mehr oder weniger gepflegten, teilweise auch wild zugewucherten Biergarten mit rustikalen Klapptischen und -stühlen. Der Bodenbelag bestand meistens aus Kies, und die Bäume, vorrangig Ahorn und Linde, standen dort eingebunden und sollten für die heißen Sommertage Schatten und Wohlsein versprechen. Bei dem Schild Zimmer frei waren sich dann aber alle wieder einig, denn keiner ließ es sich nehmen, dieses Schild nicht deutlich sichtbar an der Vorderfront des Gebäudes, einige sogar an dem ersten Hinweisschild an der Straße, zu positionieren. Um jeden Reisenden, der eine Übernachtungsmöglichkeit suchte, wurde geworben und gekämpft, denn diese teilweise doch sehr versteckten Orte versprachen zwar Ruhe und Gemütlichkeit, aber mit den Attraktionen der einzelnen Gemeinden hielt es sich doch sehr in Grenzen und nur, von den vereinzelten Handelsvertretern, die sich hier auf der Durchreise für eine oder vielleicht auch mal zwei Nächte verirrten, oder von den wenigen Motorradfahrern, die dem Großstadtinfarkt entfliehen wollten, konnten diese Gasthöfe kaum überleben. Oft lohnte es sich gar nicht, die Küche in Betrieb zu nehmen. Sehr häufig musste ein zweites Standbein neben der Gastronomie betrieben werden, um den Kosten gerecht zu werden und dem knappen Personal überhaupt den Lohn bezahlen zu können. In den meisten Fällen bestand das Personal aus Familienmitgliedern, die Betriebe waren von Generation zu Generation weitergegeben worden, jedoch zog es die jungen Menschen immer mehr vom Land in die Großstadt-Metropolen; Ausbildung, Beruf, Geld und das Veranstaltungsangebot waren dort natürlich deutlich größer und reizvoller als auf dem Land. Und so kam es, dass die alten Bäcker-, Schlachter-, Schuhmacherbetriebe und noch viele mehr auf dem Land einfach ausstarben und die Dörfer, die früher Zeiten mit Prunk, Glanz und Gloria erlebten, sich nun zu den ruhigen Dörfern entwickelten, die ich gerade mit meinem Motorrad passierte.

So erreichte ich einen Ort, das heißt es war eigentlich gar kein Ort, als vielmehr nur ein paar Häuser, die sich links und rechts der Straße zeigten. Die Geschwindigkeitsbeschränkung war auch nicht wie in Ortschaften üblich auf 50 km/h zu reduzieren, mit 70 km/h durfte man an diesen Häusern vorbeifliegen. Aber genau das wollte ich nicht – vorbeifliegen; ich wollte dabei sein, erleben, erkunden und erfahren und reduzierte die Geschwindigkeit, dass ich alle Eindrücke in mir aufsaugen konnte, wie ein Erstklässler, der mit seiner Zuckertüte das erste Mal den Schulhof der künftigen Schule betrat.

Wie auch schon in den Orten zuvor waren große Gärten vor den Häusern zu erkennen, die alle sehr schön anzusehen, liebevoll gestaltet und gepflegt waren. In den Vorgärten stellten viele Bewohner alte, historische Relikte zur Schau, sei es eine Egge oder ein alter Pflug aus Holz oder eine leuchtrote Feuertonne, ein alter Schiffsanker oder viele andere Dinge aus der Vergangenheit, von denen sicherlich ein jedes seine eigene Geschichte zu erzählen hatte. Auch die obligatorische Zwei-Personen-Sitzbank fehlte genauso wenig, wie die mit wildem Wein oder Efeu bewachsenen Pavillons oder Rosenbögen, die dem heimischen Vorgarten eine ganz persönliche, liebevolle Note gaben und von denen man aus den vorbeifahrenden Verkehr beobachten konnte, wenngleich er auch nur sehr, sehr gering war. Manchmal war es auch nur ein Motorradfahrer, den es hierher verschlug – so wie mich.

So passierte ich viele Häuser und Anlagen, doch bei einem Grundstück auf der linken Seite vor mir wurde mein Blick gefangen. Ich konnte zunächst gar nicht sagen warum, doch völlig gebannt starrte ich schon fast neugierig auf das Anwesen und versuchte, alle Informationen aufzunehmen. Möglicherweise lag es an dem Fahnenmast, der inmitten eines Blumenbeetes stand, das wie ein Boot geformt und auch so angelegt war. Direkt daneben erkannte ich eine weiße Tisch- und Stuhlgarnitur und noch etwas weiter rechts stand ein großer Leuchtturm, natürlich in den klassischen Farben – rot/weiß und natürlich gestreift. Am Tisch saß nur eine Person allein, alle anderen Plätze waren frei, und im Garten sah ich in gebückter Haltung jemanden, der wahrscheinlich gerade das Beet um den Leuchtturm herum bearbeitete. Von etwas weiter hinten, direkt neben dem rustikalen Fachwerk-Landhaus, kam eine weitere Person mit einer Schubkarre den Kiesweg entlang, der ebenso fein mit weißen Steinen eingefasst war, wie alle Beete, die ich bei meiner kurzen Vorbeifahrt wie in einer Momentaufnahme erkennen konnte.

So – genau so stelle ich mir ein Altersheim vor, dachte ich und war auch schon mit dem Motorrad am Grundstück vorbei, doch meine Gedanken blieben dort, und ich war wie gefesselt von den Eindrücken. Wie von einer inneren Stimme berufen, stoppte ich und fuhr zurück. War es Neugierde? Ich weiß es nicht, aber diese wenigen Sekunden der Aufnahme, diese kurzen Bilder, die wie ein paar Werbespots im Kino an mir vorbeihuschten, sollten, wie sich später noch zeigen wird, wegweisend für meine Reise, für diese Geschichte und für viele andere Gedanken sein.

Kapitel
2

 

Die Ankunft

Ich stellte das Motorrad rechts am Straßenrand ab, etwas abseits der Einfahrt, die sich auf dem weißen Kies durch den Park bis zum Haus schlängelte. Die Sonne hatte noch ausreichend Kraft, und es war angenehm einfach, nur im Hemd diese Nachmittagsstimmung zu genießen. Ich ging in Richtung der allein sitzenden Person am Tisch und wollte mich gerade vorstellen, da wurde mein Besuch auch schon vom Haus aus registriert, und ich zog es vor, mich zunächst einmal dort bei der Hausleitung zu melden, beziehungsweise den Grund meines Besuches zu erklären.

Aber was war überhaupt der Grund meines Besuches? Fand ich doch das Haus und die Anlage vom Motorrad aus einfach nur einladend und interessant. Konnte man das als Grund angeben, ohne gleich für verrückt erklärt zu werden? Aber so war es ja auch, und warum sollte man es dann nicht auch ganz einfach so sagen dürfen? Zugegeben, es hörte sich auch etwas ungewöhnlich an, viele Besucher werden hier aus diesem Grund bestimmt nicht anhalten. Und gerade in der heutigen Zeit, die an Kriminalität, Angst und Schrecken deutlich zugenommen hat, da war die Sorge beziehungsweise ein berechtigtes Misstrauen ganz sicher nicht ungewöhnlich und auch absolut nachvollziehbar. Ich passierte also den älteren Herrn am Tisch und warf ihm ein „Guten Tag“ entgegen, doch mit versteinerter Mine, ohne den Blick zu verändern, blieb er fast regungslos sitzen und nur ein kurzes und knappes, „Moin“, kam kaum zu verstehen von ihm zurück. Ich erreichte das Haus und wurde bereits von dem Herrn empfangen, der meine Ankunft schon von weitem sah und mich beim Betreten des Grundstücks beobachtete. Ich streckte ihm die Hand entgegen, stellte mich vor und erklärte ihm genau das, was ich zuvor als Grund im Stillen für mich formulierte, und ganz ehrlich gesagt war die Reaktion auch ungefähr so, wie ich sie erwartet hatte. Mit einem Schmunzeln und einem fragenden Gesichtsausdruck spürte ich, dass weiterer Klärungsbedarf notwendig war. Ich weiß nicht, ob es an meinem ungewöhnlichen Wunsch, an meinem plumpen, naiven mit der Tür ins Haus fallen oder vielleicht doch an den ehrlichen Zügen in meinem Gesicht gelegen hat, aber der Herr streckte mir ebenfalls die Hand entgegen: „Jetzt haben sie mich aber neugierig gemacht“, sagte er und bat mir auf der Veranda am Tisch einen Platz an. Er stellte sich als Herr Günther (58) vor, der verantwortliche Geschäftsführer der Einrichtung, kurz gesagt – er war der Heimleiter.

Ich berichtete ihm von meiner Reise, den Gedanken, meiner Flucht und von meinem Ziel, dem Großstadtgewirr zu entrinnen, bis hin zu dem Moment, in dem ich seine Wohnanlage sah, die nach meiner Vorstellung und Fantasie, der ideale Platz für ein Altersheim wäre. Herr Günther hörte mir aufmerksam zu, und als ich mit meiner Geschichte am Ende war, da legte er sich in seinem Stuhl etwas zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ etwas Zeit verstreichen, bevor er antwortete.

„Sie haben Recht“, sagte er, „wir sind in der Tat ein Altersheim, ein Seniorenstift, eine Ruheresidenz oder wie man es auch immer nennen möchte. – Es gibt viele Namen oder Bezeichnungen aber schlussendlich kommt es auf das Gleiche heraus. Hier, in diesem Haus, finden ältere Menschen eine Gemeinschaft, ein Heim, ja man könnte schon fast sagen eine neue Familie oder überhaupt eine Familie, denn einige waren ihr halbes Leben allein, bevor sie hier ihren Platz fanden. Allerdings gibt es auch andere, die den Platz nicht selbst fanden, sondern denen der Platz gefunden wurde, wenn sie verstehen, was ich meine. Sie fielen zur Last, haben gestört, wurden unbequem, brauchten Pflege, sie wurden ausgemustert, abgeschoben, sie wurden schlicht weg einfach nicht mehr gebraucht. Dieses Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, zu spüren, dass man keinen Platz mehr hat, das lässt sich mit nichts vergleichen. So verbirgt sich hinter jedem Bewohner eine mehr oder weniger aufregende Geschichte.“

… und jetzt hatte er mich neugierig gemacht!

Diese Geschichten wollte ich erfahren oder wenigstens einen Teil davon, und in meinem Kopf wuchs die Neugierde. Herr Günther schmunzelte, denn diese Geschichten waren keine Kurzgeschichten, hier ging es um die Lebensgeschichten von Menschen, und nicht jeder würde gern über die Vergangenheit sprechen, oder möglicherweise alte Wunden aufreißen, die die Zeit mühsam geheilt oder wenigstens die Blutungen mit einem großen Pflaster zunächst einmal gestillt hat. „Aber dennoch“, sagte Herr Günther, „dennoch wäre es ein Versuch wert, den einen oder anderen Bewohner ein Stück aus seinem täglichen Trott herauszuholen.“

An Betreuern mangelte es im Heim ebenso wie an Abwechslung, die von außen her kam. Für Herrn Günter und seine Mitarbeiter, die zum Großteil aus ehrenamtlichen Helfern aus den Nachbargemeinden bestanden, war es sehr, sehr schwer, das richtige Paket Betreuung, Seelsorge und Abwechslung zu schnüren, wie man so schön sagt. Man konnte es auch nicht allen Recht machen, und vor diesem Problem standen die Verantwortlichen tagtäglich. Es begann bereits beim Frühstück und zog sich wie ein roter Faden durch den Tag. Was dem Einen große Freude bereitete, war dem Anderen ein Gräuel. Der Musikabend, die Theateraufführung oder einfach nur der Spielabend, konnte genauso falsch sein, wie die Fahrt ins Grüne, der Gymnastikkurs oder aber der Spielfilmabend. – Und warum war das so? Weil jeder seine eigenen Interessen, seine eigenen Wünsche und Vorlieben hatte. Und dieses zusammen in eine harmonische Gemeinschaft zu bringen, das war die Kunst eine Kunst, die der Heimleiter und seine Mitarbeiter jeden Tag aufs Neue versuchten, es ihnen aber nicht immer gelang, die richtigen Programme zusammenzustellen. Möglicherweise ergab sich ja in solchen Gesprächen plötzlich das Interesse, über die eigene Lebensgeschichte zu reden, es wäre ein Versuch wert gewesen, den einen oder anderen oder sogar alle aus ihrem täglichen Rhythmus herauszuholen und vielleicht auch die Mitbewohner mit anderen Augen zu sehen, wenn man einen Teil ihres Lebens, Abschnitte ihres Lebens erfahren würde. Wer weiß, vielleicht entwickelte sich auch durch die neue Sichtweise mehr Verständnis für bereits passierte Dinge oder Reaktionen, die man vorher als stur, verbohrt, senil oder arrogant abgeurteilt hatte.

In der Einrichtung waren einige Gästezimmer vorhanden, für Angehörige, die von weit her kamen und einige Nächte im Haus verbleiben wollten. Herr Günther lud mich ein, natürlich auch mit dem Hintergrund, einen, wenn auch nur für kurze Zeit, hilfreichen Unterhalter seiner Bewohner zu bekommen und ich, der sich ja sowieso eine Bleibe für die Nacht suchen musste, fand diese Idee ausgesprochen großzügig und nahm sie dankend an. Zu einem ortsüblichen Übernachtungszins bezog ich ein kleines Zimmer im hinteren Bereich des Hauses, und wir verabredeten uns für 18Uhr im Gemeinschaftssaal zum Abendbrot. Dort wollte Herr Günther mich vorstellen, von der Idee meines Besuches berichten und die Mitarbeiter um ihre Meinung und Einverständnis fragen, was meinen Aufenthalt betraf.

Vor noch nicht einmal drei Stunden fuhr ich mit dem Motorrad ziellos durch die Gegend der Ruhe und Entspannung entgegen, und nun saß ich auf dem Bett in einem Altersheim. Aber ganz so abwegig war der Gedanke ja dann auch nicht, denn hier hatte ich alles andere als Stress und Hektik. Ich hatte Ruhe und Entspannung und irgendwie auch Schmetterlinge im Bauch, wie ein Solist vor seinem ersten großen Auftritt. Wie würde ich auf- und angenommen werden? Was wird mich erwarten? Wie werde ich mit den Geschichten, den möglichen Schicksalsschlägen umgehen und klarkommen? War ich überhaupt geeignet, das zu tun, was ich tat? Ich stellte mir die Gegenfrage: „Was war es überhaupt, das ich tat?“

Ich wollte zunächst nur zuhören. Vielleicht braucht so manch ein Mitbewohner einfach nur mal einen Zuhörer, nichts anderes als einen Menschen, der da sitzt und mit seiner Anwesenheit signalisiert: Ich bin da, höre zu, bin interessiert, du bist wichtig und ich habe alle Zeit der Welt – nur für Dich! So war die Idee und der Plan.

Es war kurz vor 17 Uhr, noch Zeit, sich ein wenig frisch zu machen, bevor dann aus dem Lautsprecher im Zimmer ein sanfter Gong ertönte und daneben ein kleiner Kasten mit gut lesbarer Aufschrift „17:30 Uhr“, leuchtete. Ein Ankündigungssignal für das bevorstehende Abendessen um 18 Uhr, wie ich später erfuhr. Ich wartete noch ein paar Minuten, dann machte ich mich auf den Weg. In den Fluren traf ich einige Mitbewohner, die langsam und gemächlich in Richtung des Fahrstuhls gingen. Es sah so aus, als ginge jeder seinen eigenen Weg, als wäre er vorgezeichnet. Es war eine schon fast gespenstische Ruhe, und ich hatte das Gefühl, dass keiner meine Anwesenheit so richtig registrierte beziehungsweise wahrnahm. Im großen Saal waren vereinzelte Tischkombinationen zu erkennen, ich sah Zweiertische, Vierertische und auch noch größere Kombinationen. Die Bewohner gingen alle zielstrebig auf ihren Platz zu, es sah auf jeden Fall so aus, als hätte jeder seinen festen Platz. Alles passierte in völliger Ruhe, und die Stimmung wurde mit angenehmer Musik schwach begeleitet. Als sie alle ihren Platz gefunden und eingenommen hatten, verstummte die Musik, und der Heimleiter, Herr Günther, trat vor, begrüßte alle Bewohner, wünschte einen gesunden Appetit und stellte mich in diesem Zug als Gast und Teilnehmer an dem Abendessen vor. Beim anschließenden bunten Abend wollte er dann etwas mehr über mich erzählen und lud dazu alle ganz herzlich ein. Ich nickte mit einem freundlichen „Guten Abend“ in die Runde und sollte später noch Gelegenheit bekommen, etwas mehr über mich und meinen Aufenthalt zu erzählen.

Ich setzte mich etwas abseits an einen Zweiertisch und beobachtete zunächst das Treiben. Einige gingen zu dem sehr reichhaltig und schön dekorierten Buffet, während andere von den ehrenamtlichen Helfern oder auch von den noch rüstigeren Bewohnern mit Essen am Tisch versorgt wurden. Verschiedene Brotsorten, Aufschnitt und Obst waren genauso im Angebot wie eine warme Suppe und viele andere kleinen Leckereien. Kalte Getränke und Tee in reichhaltiger Vielfalt sollten keinen Geschmack auslassen. Die Ruhe und Gemütlichkeit setzte sich wie schon zu Beginn weiter fort, was sollte auch Spektakuläres passieren? Gegen 19:15 Uhr verließen die ersten den Saal und schlichen genauso ruhig und langsam zurück auf ihre Zimmer, wie sie auch zuvor gekommen waren, und einige marschierten direkt nach nebenan, wo man sich zum gemeinschaftlichen Abendprogramm treffen wollte. Während ich das Treiben, die Bewohner und das Drumherum beobachtete, vergaß ich fast etwas zu essen, schmierte mir noch schnell eine Käsestulle, holte mir eine Tasse Tee dazu und wanderte auch nach nebenan. Als ich den Raum betrat, da strahlte mir eine wohnliche, sehr behagliche Wärme entgegen, mehrere tiefe schwere Sitzpolster standen im Raum verstreut, und mein Blick fiel auf den großen offenen Kamin, in dem das brennende Holz beruhigend knisterte, und ein großer schwerer Eichentisch erinnerte irgendwie an die Tafel einer Ritterrunde, wie es sie im Mittelalter auf den alten Burgen gab. Vereinzelte Plätze waren schon besetzt, einige saßen zu zweit an kleineren Tischen und hatten Brettspiele vor sich aufgebaut, während andere einfach nur da saßen und in das knisternde Kaminfeuer blickten oder der leisen Musik zuhörten. Auch hier schien jeder seinen Stammplatz zu haben, doch mir viel auf, dass der größte Platz, der große Eichentisch, völlig unbesetzt blieb. Niemand nutzte diesen Platz, er wirkte schon fast wie eine verbotene Zone. Als Herr Günther den Raum betrat, sprach ich ihn darauf an, und er erklärte mir, dass dieser Tisch, ganz zu seinem Bedauern, eigentlich nie benutzt würde und sich ein jeder seine eigene Ecke oder Höhle suchte. Auch die Kommunikation hielt sich sehr in Grenzen, ein Flair, wie in einer Bibliothek, die sich im Übrigen mit unzähligen Büchern im hinteren Bereich des Raumes befand.

Niemand suche den Kontakt, alle saßen einfach nur herum, und man hätte fast glauben können, es wäre ein Zeitabsitzen gewesen, wie zu der Schulzeit, wenn man etwas angestellt hatte und nachsitzen musste. Der Raum hatte den Namen Gemeinschaftsraum, aber was war denn das für eine Gemeinschaft, dachte ich, bei der jeder wie an einer Schnur gezogen seinen Platz einnahm und nach einiger Zeit wieder aufstand und den Raum ebenso stumm wieder verließ und den Weg auf sein Zimmer suchte? Schweigeoder Ruheraum hätte ihn wahrscheinlich besser beschrieben, zeitweise konnte man fast meinen, man säße bei Madame Tusseauds im Wachsfiguren Kabinett. Aber wie sollte man das ändern? Wollten die Bewohner dieses überhaupt – geändert werden und wenn ja, wer sollte es dann tun?

Als zu erkennen war, dass keine weiteren Besucher in den Raum kamen, ich zählte zirka zwölf bis dreizehn Personen, da kam der Heimleiter Herr Günther mit einer Tasse Tee vom Teetisch zurück, der sich gleich bei der Bibliothek befand, und rührte mit gleichmäßiger Bewegung in der Tasse herum, ging in Richtung des Kamins, auf seinem Gesicht reflektierten die flimmernden Schatten des lodernden Kaminfeuers, und begann mit ruhiger Stimme zu reden. Er sprach zunächst von allgemeinen Dingen, Dinge des täglichen Ablaufes, dann sprach er einige Mitbewohner persönlich an, doch die Antworten waren zum Großteil emotionslos, einsilbig, knapp und bündig. Dann, nach einigen Minuten, kam er zu meiner Vorstellung. Er beschrieb den Mitbewohnern auch genau so, wie sich die Begegnung mit mir zugetragen hatte und übergab dann das Wort an mich. Ich begrüßte noch einmal alle und bedankte mich, dass ich als Gast an dem Abendessen teilnehmen durfte und begann meine Geschichte so, wie sie begann und spürte, dass weder bei der Schilderung der überfüllten Straßen der Großstadt, noch bei meinem Empfinden der Einsamkeit auf dem Motorrad auch nur irgend eine Regung, geschweige denn ein Interesse zu erkennen war. Ich versuchte, schnell die Kurve zu bekommen und kürzte die Geschichte ab. Sollte ich mich gleich wieder verabschieden; vielleicht morgen nach dem Frühstück meine Reise nach Irgendwo fortsetzen? Das waren meine Gedanken, während mein Mund ganz trocken wurde und parallel ganz andere Dinge sagte, als das, was mein Hirn gerade dachte. Und als ich mit dem Denken fertig war, da hörte ich nur noch, wie mein Mund sagte: „… und darum würde ich gerne einige Tage hier verbringen, um zu hören, reden, helfen, fragen und zu lernen.“ Es gab kein Nein, aber auch kein Ja, es gab einfach nichts. Sie alle saßen da, genauso wie vor ein paar Minuten, einfach nur da. Keine Einwände, keine Fragen, keine Ablehnung, einfach nichts, als Herr Günther wieder das Wort ergriff, mich schmunzelnd ansah und mit einem „Willkommen in unserer Welt“ die Situation und vor allem aber mich rettete.

Beide besprachen wir uns, wie es weitergehen konnte, und ich bat darum, mit den Bewohnern einfach nur reden zu dürfen; ihrem Einverständnis natürlich vorausgesetzt, sie etwas kennenzulernen und sie vielleicht sogar etwas aus ihrem Schneckenhaus herauszuholen. Vielleicht würde ich sogar Dinge erfahren, die das Miteinander stärken beziehungsweise die Motivation, Lebensfreude oder vielleicht sogar die Gemeinschaft positiv verändern konnten. Im Gegenzug oder auch zwangsläufig würde ich mich natürlich in die täglichen Arbeitsabläufe mit einbringen. Sagen wir es kurzum, ich bat um einen Praktikumsplatz, einen Ferienjob ohne Bezahlung, mit freier Kost und Unterbringung. Herr Günther schmunzelte erneut und fand diesen Wunsch doch sehr ungewöhnlich, aber durchaus interessant. Was hatte er denn zu verlieren, beziehungsweise zu investieren? „Gut“, sagte er, „wir werden es ausprobieren, aber den Versuch, oder nennen wir es das Praktikum, bei der geringsten Unruhe oder Störung sofort beenden.“ Das war mehr als ich erwartet hatte, und ich freute mich auf den nächsten Tag, meinen ersten Tag als Praktikant in einem Altersheim.

2.1__ … sie kommen und sie gehen!

Bevor ich zu Bett ging, nahm ich mir auch noch eine Tasse Tee und setzte mich auf den mit einer gegerbten Tierhaut überzogenen Holzschemel direkt vor den Kamin und blickte genauso starr in das Feuer, wie alle anderen. Ich verfiel in tiefe Gedanken, ließ den Tag noch einmal Revue passieren und bemerkte gar nicht, dass ich der scheinbar letzte im Raum war. Alle anderen waren schon zu Bett gegangen. Ich hielt die halbvolle Teetasse immer noch in der Hand, der Tee war mittlerweile kalt, da seufzte ich vor mich hin beziehungsweise redete mit mir selbst so etwas wie: „Na ja, da bin ich mal gespannt was der Tag morgen bringen wird?“ Da brummelte hinter mir eine noch tiefere, kaum zu verstehende Stimme: „Auch nichts anderes als heute und gestern“, dann verstummte die Stimme, und ich erschrak, denn glaubte ich mich doch allein im Raum, und als ich mich umsah, da saß ein älterer Herr in einem großen Ohrensessel, genau die gleiche Person, die ich bei meiner Ankunft allein am Tisch auf der Veranda sitzen sah. Ich drehte mich um, ging zu dem Mann und fragte, ob ich mich zu ihm setzen dürfte, doch er antwortete: „Was soll sich hier schon ändern? Tagaus, tagein der gleiche Trott, bis es vorbei ist.“

Seine Stimme war monoton, langsam, ja schon fast resignierend. Ich setzte mich auf den Holzschemel, den ich vom Kamin mitgenommen hatte und hörte dem Mann zu. „Sie kommen – und sie gehen. Wenn man erst einmal hier gelandet ist, dann dauert es nicht mehr lang.“ Während der Mann erzählte, blickte er nicht nach links, nicht nach rechts, sah mit starrem Blick, wie versteinert, nur nach vorn. „Ich war früher oft allein“, sprach er weiter, „wenn ich manchmal wochenlang mit meinem Schiff auf hoher See unterwegs war, aber da – da war ich mein eigener Herr, da konnte ich entscheiden, was das Beste für mich war, und diese Entscheidungen haben mich so manches Mal aus verzwickten Situationen heraus gebracht, ja, mir vielleicht sogar das Leben gerettet. Und heute, heute bin ich alt, geparkt in einem Haus, in dem alle nur aneinander vorbei schleichen. Es wird dir hier alles gesagt, wann du aufzustehen hast, wann du Hunger haben sollst und was du in deiner Freizeit gerne machen möchtest, das wird dir auch noch gesagt! Woher wollen die wissen, was ich gerne möchte? Heute haben wir zwanzig verschiedene Teesorten, Blasen- und Nierentee, Früchtetee, Grüner Tee, alles was das Herz begehrt – sagen sie, woher wissen die denn, was mein Herz begehrt? – Pah! Früher habe ich mir einen ordentlichen Schuss Rum in den Tee geschüttet. Der ließ mich gut schlafen, hielt mich gesund, und geschmeckt hat er nebenbei auch noch! Und hier, hier kennt man gar keinen Rum mehr – wie so viele andere Dinge auch nicht mehr!“

Dann wurde er wieder still, und man hörte nur noch das Knistern im Kamin. Ich stand auf, ging zu der Anrichte, auf der die Getränke standen, und goss eine Tasse mit heißem Tee auf, ging zurück und stellte sie dem alten Mann auf den kleinen Beistelltisch, der neben seinem Ohrensessel stand. Dann griff ich in die Westentasche meiner Strickjacke und holte ein kleines Fläschchen heraus, das ich bei meinen Reisen immer bei mir trug, ein Erbstück, eins von den ganz wenigen Dingen, die ich von meinem Großvater neben einer alten Taschenuhr noch als Erinnerung hatte und was mir sehr viel bedeutete, denn leider durfte ich meinen Großvater nicht kennen lernen, er war einer von den vielen Männern, die aus dem Krieg nicht zurückkehrten. Eigentlich trank ich gar keinen Alkohol, aber wenn es der Magen nach einem kräftigen Essen verlangte, dann durfte es schon mal so ein kleiner sein.

Ich öffnete den Flachmann, er war klassisch geformt mit einem Wappen darauf, ich glaube, es war ein altes Familienwappen, und goss einen Schuss in den Tee des alten Mannes und sagte, dass es leider kein Rum sei, aber man ebenso gut danach schlafen könnte. Der alte Mann sah mich an, nahm den Tee, setzte die Lippen an den Tassenrand und schlürfte genussvoll einen kräftigen Schluck und starrte dabei ins offene Feuer. Vielleicht hatte ich es mir nur eingebildet, oder es war tatsächlich so, ich möchte behaupten, einen ganz besonderen Glanz in den Augen erkannt zu haben, einen glücklichen, ja fast schon zufriedenen Ausdruck, als noch ein paar Minuten zuvor. Der alte Mann hielt die Tasse fest in seinen Händen und nippte immer mal wieder und nickte leicht mit dem Kopf auf und ab, wie als Bestätigung, und man konnte fast meinen, dass sein ganzes Leben in Gedanken wie ein Film durch seinen Kopf lief.

Aber was war passiert, fragte ich mich selbst, ich hatte doch nur bei ihm gesessen, ihm etwas Aufmerksamkeit geschenkt, zugehört und ihm einen Schluck aus meiner Magenapotheke genehmigt. Sollte das schon ausreichen, um einen alten Menschen etwas Freude und Glück zu geben? In diesem Moment hatte ich mich dafür geschämt, wie achtlos und undankbar wir durch das Leben gingen und scheinbar nicht mehr in der Lage waren, mit dem einfachsten der Welt umzugehen. Mit diesem Gefühl ließ ich den alten Mann zurück, stand auf und wollte ihm zur Verabschiedung die Hand reichen, doch er ließ sie nicht von der Tasse ab. Ich legte meine rechte Hand auf seine Schulter und wünschte eine Gute Nacht, bevor ich den Raum verließ und in meinem Zimmer verschwand. Ich lag noch eine Weile wach im Bett, starrte unter die Zimmerdecke und war völlig erschlagen vom Tag. Die Uhr lag schon weit hinter der Mitternachtsgrenze, und die totale Stille der Nacht tat ihr übriges dazu, dass mir die Augenlider zufielen, die nunmehr schwer wie Blei schienen.

Was man in der ersten Nacht in einem fremden Bett träumt, das geht in Erfüllung, hatte meine Großmutter immer erzählt, also war ich gespannt, was für Träume in dieser Nacht über mich einfallen würden, und von weit in der Ferne hörte ich den metallenen Klang der Kirchturmglocke, die zweimal ertönte.

Kapitel
3

Der erste Tag als „Praktikant“

Pünktlich um 7 Uhr wurde ich von dem monotonen Surren meines Weckers aus den tiefsten Träumen gerissen. Eigentlich war es gar kein Wecker, es war mein Telefon, oder heute auch Handy gesagt. Das kann so ungefähr alles, alles was man sich denken und nicht denken kann. Es zeigt dir mit dem Navigationssystem den Weg, hilft dir, dich zu organisieren, erinnert dich an alles, was du vergessen könntest, speichert Fotos, Musik und alles, was nicht in einen Kopf passt. Es ist nahezu perfekt in Grammatik und deutscher Rechtschreibung, und wenn das nicht reicht auch gern in fast allen Sprachen dieser Welt. Was kann es noch – hmm, ach ja, telefonieren kann man damit auch noch. Wieder so ein Ding, das sich im Laufe der Zeit unglaublich schnell verändert hat. Wer es hat, der meint, er könnte ohne so ein Ding nicht mehr leben, und auch ich gehörte dazu, aber es ging auch ohne diese Maschine, und ich war gespannt, wie viele Bewohner im Haus ebenfalls Sklaven dieser Handys waren oder geworden sind?

Ich schaltete also meinen Handy-Wecker aus und ging zielstrebig aber ohne Hast und Eile ins Bad, denn ich wollte nicht der letzte beim Frühstück sein und den Bewohnern hinterher hinken. Frühstückszeit war angeschlagen für 7 bis 9 Uhr. Kurz vor 8 Uhr betrat ich den Frühstücksraum, und wieder sah ich vereinzelt sitzende Personen, ein ähnliches Bild wie Tags zuvor beim Abendessen. Es duftete nach frischem Kaffee und Brötchen, und ich musste gestehen, ich freute mich auch tatsächlich auf einen leckeren Kaffee und ein Brötchen mit Marmelade. Ich ging an das Buffet, das wieder einmal liebevoll aufgebaut und gestaltet war. Heute Morgen waren dort zwei andere Gesichter als am Abend, die als ehrenamtliche Helfer bei den Mahlzeiten, aber auch bei den anderen täglichen Dingen abwechselnd zur Verfügung standen und mit aushalfen. Gestern Abend waren es zwei ältere Personen, wie ich später erfuhr, das Ehepaar Mayer (er 57, sie 54), das nur einen Ort weiter wohnte und sich als ständiger Helfer mit einbrachte. Heute morgen war es eine junge Frau, Heidi Büskens (42), die vormittags, wenn ihre Kinder in der Schule sind, mit aushilft sowie Mathilde (52), die von allen nur liebevoll die „Küchenfee“ genannt wird, die für Küche zuständig ist und täglich Dienst hat – und wie ich später erfuhr, eigentlich auch irgendwie zum Inventar gehört. Das Essen kam aus einer zentralen Großküche, wo für das Krankenhaus, zwei Altenheime und eine diakonische Einrichtung zubereitet und ausgefahren wurde. Mathilde achtet darauf, dass das Drumherum vom Geschirr bis zur Käseplatte an seinem Platz lag und niemand etwas entbehren musste – so es ihr möglich war.

Ich nahm mir ein Tablett und füllte es mit zwei Brötchen, etwas Aufschnitt, Himbeermarmelade und einer leckeren Tasse Kaffee. Das „leckere“ vor der Tasse Kaffee hatte sich nach dem ersten Schluck schnell relativiert: Kaffee HAG, Schonkaffee war schonend fürs Herz, aber nicht der morgendliche Gaumenschmaus, den ich sonst gewohnt war, aber es gab ja auch Tee, Milch, und eine leckere Tasse Kakao kann man sich auch mal morgens gönnen. Mit diesen leckeren Kostbarkeiten suchte ich mir einen freien Platz, was wiederum nicht schwer war, denn fast alle Plätze waren frei. Ich setzte mich wohlweislich an einen kleinen Zweiertisch neben dem zwei Damen saßen. Es sah so aus, als waren sie bereits mit dem Frühstück fertig, saßen aber noch bei einem Plausch zusammen. Es sah schon irgendwie plump aus, sich direkt an einen besetzten Nachbartisch zu setzen, wenn zwei Drittel der Tische im Raum frei waren. Aber ich suchte ja Kontakt und ließ dafür natürlich keine Gelegenheit aus.

3.1__ Unsere Gitter sind das Alter

Noch während ich nachdachte, wie ich diese Zweier-Frauenfraktion knacken, mit ihnen ins Gespräch kommen konnte, da sprach mich auch schon die eine der beiden Damen an und fragte mich, wie ich denn die erste Nacht hier im Haus geschlafen hätte. Ich war völlig überrascht, denn nicht ICH musste den Anfang machen, sondern sie ergriffen die Initiative, ein Zustand der das ganze Gespräch deutlich erleichtern sollte, doch ich war wohl so perplex, dass ich zunächst nur ein Gestammel und dann auch noch zusammenhangloses Zeug zustande brachte. Auf meine Frage, wann denn die anderen Bewohner so in der Regel zum Frühstück gehen würden, da gaben mir die beiden Damen zu verstehen, dass sie zu den letzten der Runde gehörten und eigentlich schon fast alle durch waren. – Dann berichtete ich von der letzten Nacht, dass ich noch lange im Gemeinschaftsraum mit dem älteren Herrn zusammen saß, aber leider seinen Namen nicht erfuhr. „Zur See muss er gefahren sein“, sagte ich, das hatte ich mir gemerkt. Die beiden Damen schmunzelten, und wie abgesprochen kam es von ihnen zurück: „Ach ja, der alte Hentrich (92), hat er wieder wirres Zeug geredet? Hin und wieder neigt Opa Hentrich dazu, etwas zuviel Seemannsgarn zu spinnen, und dann gehen mit ihm die Pferde beziehungsweise die kleinen Segelboote durch“, sagte die eine von den beiden Damen, was von der anderen mit schallendem Gelächter begleitet wurde. Ich glaubte, es wäre besser, in diesem Moment nichts von dem Schuss Schnaps in den Tee zu erzählen.

Dann erzählten sie mir, dass Opa Hentrich in seiner eigenen Welt lebte. Oft sei er in Gedanken tagelang auf hoher See und nur seine Hülle wäre dort im Heim geblieben. „Vielleicht gar keine so schlechte Idee, mal für einen Moment, für eine bestimmte Zeit von hier auszubrechen“, sagte die andere von den beiden Damen. „Ausbrechen“, sagte ich, „ausgebrochen wird aus einem Gefängnis, aus einer Gefangenschaft, aber ich sehe hier gar keine Gitter oder Zäune.“ Die Damen schmunzelten erneut, aber diesmal war es ein resignierendes Schmunzeln, begleitet durch den Kommentar: „Junger Mann, unsere Gitter sind das Alter, die Zäune, die Gesundheit und die Mauern unserer Einsamkeit, die uns hier wie Gestrandete auf einer Insel leben lassen.“ Dann standen sie auf, gingen ein paar Schritte, als sich die eine Dame noch einmal umdrehte und sagte: „Robinson Crusoe war viele Jahre als Gestrandeter auf einer einsamen Insel, aber er hatte immer die Hoffnung, gefunden zu werden – diese Hoffnung hat hier keiner mehr, denn wer sollte uns schon suchen oder gar vermissen“, sie drehte sich zurück und verschwand.

Hatte ich doch gerade noch so großen Hunger, so war er ganz plötzlich wie weggeblasen. Da hatte ich wieder das flaue Gefühl im Magen, das schlechte Gewissen. Interessant war, mit welcher Sachlichkeit, Ruhe und Würde die ältere Dame dieses Beispiel formuliert hatte und mir mit wenigen Worten die Gedanken und Gefühle vieler Bewohner zu verstehen gab. In meinem Kopf drehte es sich wie nach einer Karussellfahrt und ich beschloss, nach draußen an die frische Luft zu gehen. Auf der überdachten Veranda wurde ich freundlich von Herrn Günther begrüßt, der mich fragte, ob ich schon Kontakte zu den Bewohnern hergestellt hätte. Ich erzählte ihm von den beiden Damen und von Opa Hentrich, und er war sehr überrascht, dass ich schon so weit war. Opa Hentrich ist ein echtes Original“, sagte er, „aber die beiden Damen nicht weniger“, fuhr er fort und erklärte mir, dass die eine der beiden Damen eine echte Gräfin war und sie gemeinsam mit ihrer besten Freundin in dieses Heim gekommen sei. Die Gräfin Charlotte von Naumburg (79) hatte silbergraues Haar, und mir war sehr schnell klar, welche dieser beiden Damen beim Frühstück die Gräfin war. Ihr Auftreten war sehr elegant, stiel- und würdevoll, ihre Freundin, Helene Bockels (78), war da eher ruhig, ja schon fast schüchtern und positionierte sich gern in zweiter Reihe. Diese beiden Damen kannten sich noch aus der Schulzeit, doch dann verloren sich ihre Wege und erst viele Jahre später, als der schlimme Krieg zu Ende und das Leben wieder Normalität zu finden versuchte, trafen sie sich erneut und beschlossen den Weg fortan gemeinsam zu gehen.

Charlotte von Naumburg hatte gemeinsam mit ihren Kindern ein hochherrschaftliches Anwesen, doch zog sie es vor, gemeinsam mit der besten Freundin die Heimat zu verlassen, um an ihrer Seite den restliche Lebensweg zu gehen. „Was die Gräfin noch dazu geführt hatte, wer weiß“, sagte Herr Günther, „vielleicht wird sie es ja eines Tages erzählen, nur soviel sei gesagt – sie bekam noch niemals Besuch von der eigenen Familie.“

Während ich Herrn Günther gebannt zuhörte, sah ich Opa Hentrich wieder an seinem gewohnten Platz am Tisch vor dem Haus, und er saß dort genauso wie am Tag zuvor, als ich die ersten Bilder im Vorbeifahren in mir aufsog. Nur jetzt wusste ich, wer er war – obwohl, eigentlich auch nicht wirklich, ich wusste nur seinen Namen und dass er zur See gefahren ist; denn um von jemandem zu wissen, wer er ist oder war, da braucht es schon etwas mehr als nur eine Tasse Tee mit etwas Schnaps. Aber ich sah ihn mit ganz anderen Augen als am Vortag, als ich mit einem nüchternen „Guten Tag“ an ihm vorbei ging. Ich musste jetzt sogar schmunzeln, als ich sah, wie er sich eine alte Pfeife aus der Jackentasche zog und sie zwischen die Lippen seines ledergegerbten, von der rauen See und dem Leben geprägten Gesichts schob und genüsslich an der Pfeife zog, die nicht brannte, ja noch nicht einmal mit Tabak gefüllt war. Aber ich glaube, das war ihm völlig egal, denn er sah aus, als wäre er gerade wieder kurz vor dem Kap Horn unterwegs.

Ich setzte mich an den runden Tisch vor der Hibiskushecke und beobachtete das Treiben im Garten vor dem Haus und war erstaunt, wie viel Bewegung dort überall zu erkennen war. Der Gärtner Rudi (38), flitzte mit seiner grünen Schürze und den dicken schweren Gummistiefeln von Busch zu Busch und brachte sie mit der Gartenschere in Form. Der große Hut mit den nach unten gebundenen Seitenflügeln gehörte genauso zu seinen Erkennungsmerkmalen wie der schon fast künstlerisch gezwirbelte Bart, was ihm auch den Spitznamen „Rumpelstilzchen“ einbrachte. Rudi machte das nichts aus, dass ihn die Bewohner heimlich so nannten, irgendwie freute es ihn auch, denn er liebte seine Arbeit, was man durchaus erkennen konnte. Er sprach mit den Bäumen, Sträuchern und Pflanzen – sei es Einbildung oder nicht, doch der Garten war in einem nahezu perfekten Zustand, was Rudi natürlich ganz anders sah.

Ich hielt es für das Beste, ein paar Aufzeichnungen zu machen, damit ich vielleicht auf das eine oder andere später noch einmal eingehen konnte und natürlich auch, um mir so viel wie möglich mitzunehmen, was ich hier während meines Besuches, während des Praktikums, alles erfahren und lernen durfte. Ich saß also an dem runden Tisch, und ich spürte, wie die Zeit und der Tag an mir vorbei liefen. Aufgeschreckt von einer Fahrradklingel schaute ich nach oben und sah den Briefträger mit dem Drahtesel um die Ecke kommen. Er stieg ab, schob das Rad den Kiesweg entlang, und als er Opa Hentrich passierte, da rief er ihm ein: „Moin Gustaf“ zu, was von Opa Hentrich mit einem erhobenen Arm zum Gruß erwidert wurde. Der Briefträger, Herr Schultz (48) wurde von allen nur liebevoll „Postminister“ genannt, und gern hielt man mal ein kleines Pläuschchen mit ihm, denn er war eines der wenigen Türchen zu der Welt da draußen. Post hatte er selten dabei, das heißt in der Ferienzeit schon eher, wenn die Kinder den Senioren bunte Ansichtspostkarten aus fernen Ländern schickten, ihnen schilderten, wie gut es ihnen ging, wie dringend sie doch den Urlaub nötig hatten und hofften, dass auch bei ihnen im Heim alles gut war und ihnen nichts fehlen würde. Es war schon komisch. Viele schafften es zweimal im Jahr oder sogar noch öfter, in ferne Länder zu reisen: Portugal, Spanien, Griechenland waren da nur die nahen Ziele; Asien, Ägypten, Afrika – fremde Welten, neue Kulturen kannten sie deutlich besser als den Weg in das kleine Dorf, wo sie mit einem Besuch bei den eigenen Verwandten für einen kurzen Moment Glück und Wärme hätten geben können. Da tat es die Postkarte ja scheinbar ebenso gut oder das Geschenk zu Weihnachten, mit der Hautcreme wie in jedem Jahr, dem Halstuch und der Packung Spekulatius vom Kaufmann an der Ecke, was dann auch noch liebevoll in Cellophanpapier eingehüllt und mit einer anhängenden Standartgrußkarte ausgestattet war.

„Der Weihnachtsurlaub war ja schließlich schon lange geplant, und ein Skiurlaub in St. Moritz oder der Badeurlaub auf den Seychellen lässt sich nicht so einfach verschieben. Und eigentlich wollten wir Dich ja über die Feiertage zu uns holen, aber diese Strapazen und denk doch an Dein Herz, lieber schicken wir Dir eine schöne Flasche Doppelherz – wir melden uns dann aber gleich, wenn wir wieder zurück sind und an Deinem Geburtstag sehen wir uns dann aber ganz bestimmt – solange er nicht in die Ferienzeit fällt!“ Von diesen Texten hatten alle Bewohner reichlich sofern sie noch Angehörige da draußen in der anderen Welt besaßen. Das wusste auch Herr Schultz und setzte sich auch gerade deswegen gern einmal hin, erzählte oder hörte einfach nur zu, so wie es halt ein guter Postminister macht!

3.2__ Runde im Garten

Der Vormittag ging dahin, und ich war fleißig mit meinen Aufzeichnungen beschäftigt; notierte, studierte so wie ein Lehrer in der Schule, der gerade eine neue Klasse übernommen hatte und nun die Namen auswendig lernen musste. Ich unterbrach meine Arbeit für einen Moment, reckte und streckte mich ein wenig und nutzte die kleine Pause für einen Toilettengang. Als ich den Hauseingang betrat, da lagen vor mir lauter Stolperstrippen, Kabel wirr durch den Raum, begleitet vom lauten Brummen des Turbosaugers. Die Putzfrau war im Einsatz. Genauer gesagt waren es zwei, Gerda Kruse (52) und Jaqueline Möller-Brecht (25), die als harmonisch eingespieltes Team so herumwirbelten, das man eine ganze Armada am Ende der Strippen vermuten konnte. Sie schnatterten in einer Tour, zeitweise übertönten sie sogar die Saugmaschine. Wenn die beide herumwirbelten war Vorsicht geboten, und man hielt sich besser nicht in ihrem Wirkungskreis auf. Da konnte sich schon einmal ganz schnell der Läufer unter den Füßen selbstständig machen oder ein nasser Wischlappen unkontrolliert durch die Luft fliegen, und ich zog es vor, erst einmal draußen zu warten. Opa Hentrich sah mich an der Eingangstür stehen, beziehungsweise als ich rückwärts wieder herauskam, schaute mich an und murmelte mit einem verschmitzten Lächeln: „Wenn das Scheuerlappengeschwader im Einsatz ist, wird das Haus zum Sperrgebiet“, lachte einmal kräftig und verstummte auch ebenso schnell wieder.

Ich nutzte die Gelegenheit und schlenderte einmal um das Haus, denn im hinteren Bereich des Grundstücks, von der Straße nicht einsehbar, war der Park bald doppelt so groß als im vorderen Teil. Ein Pavillon, eine Terrasse mit mehreren Tischen und Stühlen, eine rustikale Feuerstelle mit großen Schwenkgrill, der mit einem Kupferdach überbaut war, im Halbkreis lagen Baumstämme darum und man hätte das eher einem Jugendlager zugeordnet, als einem Altersheim. Der mit weißem Kies bedeckte Weg zog sich auch im hinteren Parkbereich großräumig weiter, und wenn mich der vordere Gartenteil nicht schon begeistert hätte, spätestens hinten wäre ich dann zum ultimativen Fan geworden. Und so wie mir ging es auch vielen anderen Bewohnern. Ich hatte mich tatsächlich gefragt, wo die nur alle steckten, denn außer Opa Hentrich und das Rumpelstilzchen Rudi hatte ich vor dem Haus auch keinen gesehen. Ich ging also auf Erkundungsreise und steuerte die große Terrasse an. Zwei Damen und ein Herr saßen entspannt am Tisch, und ich fragte, ob ich mich dazugesellen durfte.

Kaum hatte ich Platz genommen, ließ ich meiner Begeisterung freien Lauf und lobte den Park in vollen Zügen. Bei den dreien hielt sich die Begeisterung in Grenzen, was nicht bedeuten sollte, dass sie anderer Meinung waren, aber sie sprudelten nicht gerade voller Explosivität und waren auch, was das anging, deutlich entspannter als ich. Nachdem auch ich mich wieder beruhigt hatte, versuchte ich herauszufinden, wie der Tagesablauf bei ihnen aussah, ob es zur Gestaltung einen festen Plan gab oder sogar ein Programm für die ganze Woche mit entsprechenden Angeboten und Aktivitäten.

Der alte Herr saß mit beiden Händen auf seinem Gehstock gestützt, den Blick nach vorn auf die Erde gerichtet und antwortete als erster: „Man steht auf, geht zum Frühstück, sucht sich einem Platz, wo man es bis zum Mittagessen aushalten kann, und dann wartet man darauf, dass der Tag zu Ende geht.“ Lustlos, nüchtern und sachlich kam es aus seinem Mund, bevor er wieder stumm wurde. – „Friederich“, sagte die Dame, die ihm gegenüber saß, „Friederich, werde nicht ungehalten, man gibt sich hier wirklich große Mühe und man kann es doch nicht allen Recht machen.“ Mit Friederich war Herr Friederich Martens (86) gemeint, ein alter Kohlenhändler aus Berlin. „Wir haben schon weiß Gott schlechtere Zeiten erlebt“, setzte sie fort und begann zu erzählen, wie schwer es war, nach dem Krieg wieder ein normales leben zu finden, Essen oder Trinken zu bekommen. Dann zeigte sie auf ihre Nachbarin und sprach, „die Johanna, die hat sicher weitaus mehr Grund zur Beschwerde oder zum Jammern, aber sie tut es nicht, habe ich nicht Recht“, bohrte sie nach, doch Johanna (78) war es sichtlich unangenehm, blickte verlegen auf den Boden, bevor sie dann doch einen kurzen Auszug aus ihrem Leben erzählte.

3.3__ Johanna Schneider

Johanna hatte schon früh beide Eltern verloren und verbrachte als Kind, zusammen mit ihrem drei Jahre jüngeren Bruder, viele Jahre im Kinderheim, bevor sie von einem Bauern aufgenommen wurden. Alles schien damals besser als das Heim, in dem man keine Wärme und Liebe bekam, so wie es doch gerade ein junges Menschenkind in der frühesten Entwicklung am aller nötigsten braucht. Der Bauer hatte einen großen Hof, sechs eigene Kinder, es gab Hühner, Schweine, ein paar Schafe, sogar zwei Kühe, und alles schien zunächst gut, doch schon sehr bald schoben sich schwarze, dunkle Wolken vor die Sonne.

Die Kinder des Bauern hatten ihren Platz in der warmen Stube, sie hingegen musste mit dem Bruder im Stall beim Vieh hausen. An Spielen war genauso wenig zu denken wie an den Besuch in der Schule. Die täglichen Essenrationen und den Schlafplatz mussten sie sich schwer erarbeiten, und wenn der Bauer seine Launen hatte, dann gab es auch schon mal den einen oder anderen Tag nur die halbe Ration an Essen. Es war ein unwürdiges Leben, aber man hatte einen Platz, und so traurig es auch klang, es war ein Zuhause und allemal besser als das Kinderheim. Zigeunerpack wurden sie genannt, viel mussten sie einstecken, doch der schlimmste Tag in ihrem Leben war der, als sie ihren kleinen Bruder verlor, der mit einer Lungenentzündung in ihren Armen starb. Der eiskalte Winter, die schlechte Versorgung und ein Stall, durch den der Wind nur so pfiff, das alles war zu viel für den kleinen Wurm. Beigesetzt wurde er in einem Massengrab, denn der schwere Winter hatte viele Opfer gefordert. Noch heute denkt sie oft an diesen Tag zurück, als sie hilflos zusehen musste, wie ihr kleiner Bruder starb und sie ihm nicht helfen konnte. Und immer, wenn sie in ihrem weiteren Leben eine schwere Hürde zu nehmen hatte, dachte und sprach sie gedanklich mit ihrem kleinen Bruder, und war doch irgendwie stolz, für ihn eine kleine Familie gewesen zu sein, auch wenn es nur für wenige Jahre in seinem kurzen Leben war. Mit Glanz in den Augen beendete sie diese Geschichte und hatte sogar ein Lächeln auf den Lippen. – „Nein, Margarete (74), ich kann mich hier wirklich nicht beklagen, und du hast Recht, wir hatten schon weiß Gott schlechtere Zeiten.“

Irgendwie hatte ich einen Kloß im Hals und war froh, als ich plötzlich einen jüngeren Menschen auf unseren Tisch zukommen sah. Eine sportliche junge Frau, bekleidet mit Jogginghose und Sweatshirt, begleitete einen älteren Herrn, der mit ganz gemächlichem Schritt einen Rollator vor sich her schob. Am Tisch angekommen forderte sie mit kessen Bemerkungen Frau Margarete Erlenbach auf, ihr zu folgen, denn es war Zeit für die wöchentliche Gymnastikstunde. Der Herr mit dem Rollator schnaufte wie eine Dampflokomotive und übertrieb natürlich ein wenig und begleitete das mit den Worten: „Unser kleiner Flummi hat mich wieder einmal durch das Zimmer gewirbelt. Was das Essen unserer Küchenfee hier scheinbar nicht schafft, das wird unsere Kleene bald hinbekommen. Entweder melde ich mich doch noch bei den Olympischen Spielen an, oder ich werde bei dem Tempo einen Herzinfarkt bekommen!“ Mit Kleene war die Physiotherapeutin Trixi (23) gemeint, das Küken im Team, von allen nur liebevoll als Flummi bezeichnet, nicht zuletzt weil sie so ein Springinsfeld war, ein nicht kaputt zu bekommender, niemals ruhender Gummiball.

„Ach Herr Kleinhans (74), so schlimm war es doch gar nicht, und überhaupt werden sie immer besser und beweglicher und sie werden sehen, wer immer fleißig trainiert, dem wird es auch irgendwann gedankt. Wer weiß, vielleicht brauchen wir diesen sperrigen Rollator dann bald nicht mehr und können mit einem Stock klarkommen? Wer weiß, wer weiß“, dabei lachte sie und genauso flink wie sie redete, hatte sie auch schon Frau Erlenbach eingehakt und marschierte mit ihr in Richtung Haus. „Viel Spaß, Gretchen“, rief die Freundin Johanna hinterher, während sie an der Buschgruppe um die Ecke verschwanden. „Wo waren wir eigentlich stehen geblieben“, fragte ich in die Runde, denn ich wollte wissen, ob es einen geregelten Tagesoder Wochenablauf oder etwas Ähnliches gab; oder ob man nur hin und wieder einmal ein Programm auf die Beine stellte und wenn ja, dann wer?

Herr Kleinhans ergriff das Wort, während die anderen aufmerksam zuhörten und aufpassten, dass auch ja alles richtig erzählt wurde. Alle wichtigen Informationen befanden sich an der großen Informationswand im Treppenaufgangsbereich. Dort musste ein jeder am Tag mehrmals vorbeigehen, denn sie stand genau vor dem Essenssaal. Auf dieser Wand stand alles. Über sie wurde kommuniziert, informiert, Bekanntmachungen ausgehängt und dann von dort mittels Buschfunk von Person zu Person weitergetragen. Die Tagesmenüpläne, Ausflugsangebote, Veranstaltungen oder auch andere geplante Dinge. Herr Martens und Frau Schneider nickten wohlwollend, doch dann kam der Einwurf von Frau Schneider: „Die Schrift auf den Listen ist nur so klein und das Licht dort im Treppenhaus viel zu schwach, da habe ich schon meine Probleme.“ Herr Martens hob den Kopf und haute in die gleiche Kerbe: „Ja, dunkel wie im Kohlenkeller, da kenne ich mich aus, bin ja als Kohlenhändler mein halbes Leben darin herumgeklettert. Aber heute, da braucht man kaum noch Kohlen, genauso wenig wie uns“, dann wurde auch er wieder leise, und nur noch schwach konnte man den Nachsatz verstehen, den er sich in den Bart brummelte – „uns braucht auch keiner mehr“, er richtete sich etwas auf, streckte den Stock nach oben und rief: „Stimmt, und viel zu hoch hängen die Zettel auch!“

Ich beschloss, mir selbst ein Bild davon zu machen und wagte einen zweiten Anlauf, denn den ersten hatte ich ja wegen der Putzarbeiten abgebrochen – und überhaupt, der Toilettengang wurde jetzt schon etwas dringlicher. Ich ging zurück ins Haus, das Untergeschoss war tatsächlich staubsauger- und besenfrei, und marschierte auf direktem Weg zur nächsten Toilette. Der Schonkaffee vom Frühstück konnte es doch wohl nicht sein, denn eigentlich sollte der doch schonen, aber wahrscheinlich nur das Herz und nicht die Blase. Erleichtert und mit entspannten Gesichtszügen kam ich zurück ins Treppenhaus und steuerte zielstrebig auf die Multi Informationswand zu, wo Frau Schiller, die gute Seele der Verwaltung, wie sie von vielen, ich denke bestimmt von allen, genannt wurde, gerade neue Informationszettel anheftete, beziehungsweise alte, nicht mehr aktuelle Angebote entsorgte. Frau Margot Schiller war die Chefin der Papiere, leitete das Sekretariat, war die rechte Hand von Herrn Günther und das Herz der Belegschaft. Ich glaube, so ist es treffend beschrieben. Frau Schiller hatte immer ein offenes Ohr, nahm sich für alle Zeit und hatte stets ein Lächeln auf dem Gesicht. Das muss angewachsen sein, oder es wurde ihr in die Wiege gelegt, hörte ich später immer wieder – und tatsächlich, sie stand dort, mit der typischen Brille, die am Band um den Hals hing, und warf auch mir gleich ein freundliches Lächeln zu. Ich studierte die Pläne, die nicht nur nach Farben und Wochentagen, sondern auch nach Aktivitäten unterteilt waren. Und Herr Martens hatte Recht, die Zettel hingen zum größten Teil wirklich verdammt hoch, und beim Lesen hatte auch ich deutliche Probleme. Die Listen waren übersichtlich und gut gemeint, aber sichtlich zu klein, zu hoch, und zu dunkel war es auch. – Gut gemeint bedeutete nicht unbedingt auch gut gemacht, und ich notierte mir ein paar Stichworte als Erinnerungsnotiz.

Bis zum Mittagessen war noch etwas Zeit, und ich beschloss, mit dem Motorrad in den Nachbarort zu fahren und ein paar Besorgungen zu machen. Ich ging zu meinem Motorrad, das ich an der Seite des Hauses vor dem Holzschuppen geparkt hatte, und sah zwei männliche Hausbewohner davor stehen und konnte gerade noch ein paar Wortfetzen aufschnappen: „ … Ja, das waren noch Motorräder.“ Als ich näher kam, gingen sie einen Schritt zur Seite und beobachteten mein Tun. „Wie viel Kubik hat denn das Raumschiff“, wurde ich von dem einen gefragt und hielt einen kleinen Vortrag über das Motorrad, und die beiden standen da, als hätten sie eine Zeitmaschine vor sich stehen.

„1200 Kubik“, jauchzte plötzlich der eine. Willi, hast du das gehört, 1200 Kubik. Das ist schon was ganz anderes als deine alte Express-Kiste!“ Gemeint war Willi Kluge (74), der die Maschine von vorne bis hinten bemusterte und dann erwiderte: „In der Tat, das ist dann schon mal viel, aber Karl, das waren doch auch andere Zeiten.“ Karl Wucherpfennig (82) war in seinem Berufsleben als freier Handelsvertreter unterwegs und brachte in den End 60er Jahren den elektronischen Wohlstand in die Bürogebäude und in viele private Haushalte. Sein Verkaufsschlager war die vollautomatische Kaffeemaschine. „Ja, ja, so ist das mit der Zeit, die Kaffeemaschinen sind auch nicht mehr so wie früher, heute sind das kleine Kaffeeläden. Früher haben wir unterschieden zwischen Bohnenkaffee normal und Import. Heute weiß kaum noch einer den guten Bohnenkaffee zu schätzen, er ist einfach selbstverständlich geworden. Die kennen gar keinen Muckefuck mehr – bahhh, das war aber auch ein Zeug. Aber wir haben es getrunken, gab ja auch nichts anderes.“ Willi Kluge nickte und murmelte so etwas wie: „Ja, so war das nun mal!“ Ich konnte mich über die beiden amüsieren und sagte ihnen, das ich gern mehr über die alte Express und über die ersten Kaffeemaschinen erfahren würde und verabredete mich mit den beiden nach dem Abendessen im Gemeinschaftsraum.

Dann schob ich das Motorrad einige Meter zurück, startete, verließ das Grundstück, fuhr bis zum nächsten Ort und fand auch gleich den Dorfladen, in dem man einfach alles bekam, alles was das Herz begehrte, so wurde es jedenfalls auf einem Schild an der Tür angepriesen. Was jedoch waren die Wünsche und Ansprüche, die das Herz begehrte? Bei mir waren es sicherlich andere als bei den Bewohnern des Altenheims. Meine Bedürfnisse waren Rasierschaum – und mal sehen, was mir so beim Durchgang des Ladens noch so einfallen würde. Ich nahm einen Einkaufskorb und arbeitete Gang für Gang ab. Als ich am Ende bei der Kasse ankam, da hatten sich tatsächlich neben dem Rasierschaum noch ein paar andere Dinge im Korb eingefunden. Ich bezahlte und verstaute die Sachen in meinem Rucksack, den ich bei Kurzfahrten immer dabei hatte. Für die langen Touren, wie zum Beispiel für die Urlaubsfahrt, da war das Motorrad mit drei Packkoffern und einem großen Tankrucksack dann natürlich voll aufgerüstet. Da konnte man dann schon einmal ’ne ganze Menge Sachen verstauen. In der Tat sah da das Motorrad schon irgendwie anders aus, gar nicht mehr so wie früher, als das Moped noch ein Fahrrad mit Hilfsmotor war, und der Ausdruck „Raumschiff“ kam dem ganzen doch recht nah. Bevor ich zurück zum Heim fuhr, erkundete ich noch ein wenig die nähere Umgebung und wählte anschließend dann auch einen anderen Weg zurück. Ähnlich, wie noch vor zwei Tagen fuhr ich von Ortschaft zu Ortschaft einfach der Straße entlang, sah Kühe und Schafe auf den Weiden und die Wassergräben, die mit grüner Entengrütze gefüllt waren. Eigentlich war es nicht anders, aber irgendwie doch; denn vor zwei Tagen fuhr ich ziellos immer der Nase nach, und nun hatte ich ein Ziel, einen Endpunkt, wenngleich auch nur einen Platz auf Zeit. Es war ein schönes Gefühl, diesen Platz zu spüren, einen Ort, zu dem man gehörte. Und schon zog ich wieder meine Parallelen zu den Bewohnern des Hauses, auch sie brauchen einen Platz, zu dem sie gehören, und das war das Heim, und die neue Familie waren die Mitbewohner und die vielen Helfer und Aktiven, die das tägliche Leben in und um das Heim gestalteten. Auch ich war ein Teil davon geworden, gehörte plötzlich dazu, wenn auch nur als Gast oder Praktikant, aber ich hatte einen Platz.

Ich bog in einen Seitenweg, der direkt auf die Deichkrone führte, dahinter die raue Nordsee, die als Tor zur Welt endlose Weite und das große Abenteuer versprach. Als ich jedoch die Kuppe erreichte, da war nichts mit großer weiter Welt; das heißt, sie war schon da, nur die Nordsee fehlte. Also kein großes Abenteuer, keine großen Schiffe, die einen Hauch von Fernweh vermittelten – so weit das Auge reichte nur Schlick, Sand, Priele und die Fahrrinne, die zum Passieren der großen Schiffe freigehalten wurde. Das Wasser war weg – wir hatten Ebbe. So ein Spaziergang im Watt hatte durchaus seine Reize, aber dafür sollte zu einem anderen Zeitpunkt noch mehr Gelegenheit sein, denn dafür hatte ich auch nicht die richtige Kleidung an und auch nicht die nötige Ruhe und Zeit dafür mitgebracht, um solch einen Wattspaziergang auch entsprechend zu würdigen und zu genießen. Ich schwang mich also wieder aufs Motorrad und fuhr zurück zum Haus. Das Mittagessen stand kurz bevor, und ich wollte die Zeiten, Abläufe und Regeln im Haus unbedingt einhalten. Mittagessen gab es in der Zeit von 12 Uhr bis 13:30 Uhr, ich war um kurz vor 12 Uhr zurück, schnell die Sachen aufs Zimmer gebracht, etwas frisch gemacht und ab ging es wieder nach unten. Irgendwie fühlte ich mich wie auf einer Schulausfahrt in der Jugendherberge und ertappte mich dabei, dass ich im Treppenhaus sogar stellenweise zwei Stufen auf einmal nahm. Vor dem Essenssaal noch kurz ein Blick auf den Speiseplan:

Dienstag:

Lauchsuppe, Kartoffeln, wahlweise Reis, verschiedene Gemüse, Hühner-Frikassee und zum Nachtisch Schokopudding.

Eigentlich war es mir vollkommen egal, was auf dem Plan stand, ich war essenstechnisch so was von pflegeleicht, aß einfach alles. Zwei kleine Einschränkungen gab es allerdings schon, Sellerie und Kümmel mussten nicht unbedingt sein, was aber nicht immer möglich war, denn in einer deftigen Gemüsesuppe dürfen Sellerie und Kümmel nicht fehlen und müssen natürlich mit eingekocht werden, oder ein echter Harzer Käse ist ohne Kümmel kaum denkbar – da ist es dann halt so, aber freiwillig hätte man mich nicht mit Sellerie oder Kümmel im Einkaufswagen gesehen. Es gab ein paar ganz einfache und schnelle Gerichte, die ich selbst sehr gern aus dem Ärmel schüttelte, dazu gehörte ein Wurstsalat mit einer ganz besonderen Sauce, Nudelsalat mit unglaublich vielen Zutaten, bunter Salat, scharf wie ein Vulkan, Spaghetti Ajoli oder mit Knoblauchquark, bei dem alle Vampire vom Knoblauchgeruch auf Ewigkeiten fern geblieben wären. Vielleicht konnte ich mit diesen schnellen Gerichten ja mal bei unserer Küchenfee Mathilde aushelfen, ok, vielleicht nicht unbedingt mit der „Vulkan-Variante“!

3.4__ Zivis – Domenik Schütt, Lars-Hendrik Reimann

Der Essensraum war gut besucht, und ich erkannte einige neue Gesichter, sowohl bei den Bewohnern, als auch bei den Helfern. Zwei junge Männer waren emsig damit beschäftigt, Getränke heranzuschleppen oder sonstige notwendige Dinge, die sie dann den weniger mobilen Personen an den Tisch brachten. Die beiden jungen Burschen waren Zivildienstleistende, Domenik Schütt (17) der „Musiker“, weil er fast immer mit einem Knopf im Ohr, einem Ohrhörer für Musik, herumlief und oft im Rhythmus der Musik angewackelt kam. Der Zweite war Lars-Hendrik Reimann (20), genannt der Schlaue. Er machte alles etwas ruhiger, bedächtiger und hatte es faustdick hinter den Ohren oder besser gesagt im Hirn, denn man sagte, er hätte einen IQ von 154 – wow. Aber er hatte keine Starallüren, die Bodenhaftung nicht verloren, machte seine Arbeit ordentlich und sah mit seiner kantigen Brille tatsächlich schon wie ein junger Professor aus. Insgesamt wurde das Altenheim von vier Zivis betreut, die zu unterschiedlichen Zeiten über die Woche verteilt und an den Wochenenden dann abwechselnd zur Verfügung standen. Zwei hatten Dienst von Montag bis Freitag –, in dieser Woche waren es Domenik und Lars-Hendrik, die anderen zwei hatten Wochenenddienst und ich sollte sie also erst am kommenden Samstag kennen lernen. Sören Grube (21), genannt der Sportler, der bei Wind und Wetter immer mit dem Fahrrad unterwegs war und jede Gelegenheit nutzte, sich sportlich zu betätigen oder auch an Sportveranstaltungen aktiv teilzunehmen. Und dann hatten wir da noch den Torben Bleibtreu (17), der schon etwas ganz Spezielles war. Genannt der Weiche, er hatte sehr nah am Wasser gebaut, war er das Sensibelchen, sehr still und leise, kein klassischer Anführer, und nicht selten liefen ihm schon mal ein paar Tränen über die Wangen. Besonders die älteren Damen hatten ihn in ihr Herz geschlossen und nannten in liebevoll „unseren Kleinen“, dabei war er körperlich gar nicht so klein, kein Riese, aber immerhin 1,78 groß.

3.5__ Mittagsrunde

Doch zurück zum Mittagessen beziehungsweise zu dessen Vorbereitung, denn natürlich wirbelte auch unsere Küchenfee Mathilde inmitten des Geschehens herum. Es klapperten Teller, es klimperte das Besteck, und ein weitaus regeres Treiben als beim Abendessen war klar auszumachen. Einige Personen bekamen ihr Essen aufs Zimmer gebracht, wenn sie nicht nach unten kommen konnten, auch dafür wurden die beiden Zivis als Transporter eingesetzt. Heute hatte ich schon etwas mehr Mühe, einen freien Platz zu finden und setzte mich an einen gut besuchten Sechsertisch, an dem es aber noch zwei freie Plätze gab. Mit den Worten: „Ich hoffe alle hatten einen schönen Vormittag“, versuchte ich, mich einzubringen und setzte mich, doch ohne aufzusehen schlürften sie weiter an der dampfenden Lauchsuppe. Dann wünschte ich einen guten Appetit und reihte mich in den Takt der Schlürfer ein. An der Stirnseite unseres Tisches saß Hinnerk Stein (76), ehemaliger Landwirt. Er wischte sich mit dem Taschentuch den Mund ab, schnäuzte einmal in das Tuch und sagte: „Lecker – Lauch ist wichtig und gesund, isst man viel zu wenig“, nahm einen kräftigen Schluck kalten Tee und wartete auf den Hauptgang. Die anderen drei Personen am Tisch waren eine große ältere Dame aus Hamburg, Frau Paula Drößler (87), Frau Hanni Morgenstern (78) aus Freudenstadt im Schwarzwald und ein älterer, sehr elegant gekleideter Herr mit feinem Tuch am Hals, das unter dem Pullover herausblickte. Er hatte weißes gewelltes Haar, saß vorbildlich mit durchgedrücktem Rücken wie bei einer Knigge Musterveranstaltung und war Richard König (78), Schauspieler aus Königstein im Taunus. Ich wollte erst schreiben, ehemaliger Schauspieler, jedoch hatte er mich bei der Vorstellung am Tisch dementsprechend korrigiert: „Man ist nicht ehemalig, man ist, was man ist – und das sein Leben lang!“ Bei diesen Worten hob Bauer Hinnerk den Kopf, blickte in die Runde und sagte: „Ja, man isst was man ist, aber wo ist denn was zu Essen?“ Dabei lachte er wie ein Schelm, und auch die beiden Damen lachten dazu. Ich spürte schon, dass es unglaublich viele verschiedene Charaktere und noch viel mehr dazu gehörige Geschichten gab. Ich musste sie nur den Personen entlocken und so, wie es sich zeigte, war ich auf dem besten Weg.

Dann rollte das Essen an. In die Mitte des Tisches wurde eine große Schüssel mit dem Frikassee gestellt, daneben das Gemüse, der Reis und die Kartoffeln, und jeder konnte sich so viel er mochte auf den Teller füllen. Wie sagte mein Vater immer, wenn denn das Essen auf den Tisch kam und Ruhe einkehrte: Eine gefräßige Stille ist eingekehrt, und genauso murmelte ich es vor mich hin. Alle schmunzelten dezent vor sich hin, ich denke, sie kannten das Sprichwort auch, nur Hinnerk nahm kein Blatt vor den Mund und polterte seinen Kommentar laut in die Runde: „An diesem Plätzchen möcht` ich rasten, wie die Sau am Futterkasten“, schob seinen Teller an die Schüssel und füllte ihn mit Kartoffeln und Frikassee. Leicht pikiert rollten die Damen mit den Augen, schüttelten den Kopf, was aber Hinnerk überhaupt nicht störte und er gleich noch einen nachlegte: „Jau, so is` dat dann!“

Genüsslich aßen wir uns durch die Schüsseln, und jeder konnte sich von jedem etwas nehmen. Lecker war es, wie man an den leeren Schalen ebenso gut erkennen konnte, wie an den entspannten Gesichtern und den prallen Bäuchen, die sie alle nach vorn streckten. Und kaum waren wir mit dem Hauptgang durch, da ging es auch schon weiter. Die Küchenfee Mathilde schob einen Servierwagen durch den Raum, auf den unteren Regalböden stapelte sie das benutzte Geschirr und auf dem oberen Regal standen die Schüsseln mit dem leckeren Schokopudding, und ehe wir uns versahen, da hatten wir auch alle schon ein Schüsselchen vor uns stehen. Hinnerk nahm sein Puddingschälchen, streckte es in die Mitte vor sich und sagte: „Ein Schnaps wäre mir lieber gewesen“ und bot dafür seinen Pudding an. Frau Drößler reagierte am schnellsten, schnappte sich den Pudding und sagte: „Wenn man 87 Jahre alt ist, dann braucht man auf seine schlanke Linie nicht mehr zu achten!“ Hinnerk wollte gerade loslegen, da wurde er von Frau Morgenstern mit böser Mine angesehen, und man konnte ihm förmlich von der Stirn ablesen, dass es ein bissiger Kommentar gewesen war, der sich da gerade in seinem Kopf zusammenbraute. Glücklicherweise bekam er noch rechtzeitig die Kurve und schob ein rettendes, „Guten Appetit“, zu ihr rüber.

3.6__ Mathilde (Küchenfee)

So nach und nach wanderten die Bewohner vom Mittagstisch ab, die meisten gingen wohl auf ihre Zimmer um sich einen kleinen Mittagsschlaf zu gönnen, und ich wollte die Zeit nutzen, um mich an einem ruhigen Plätzchen im Garten nieder zu lassen und ein wenig meine interessanten, neuen Informationen des Tages zu notieren. Ich nahm mir noch eine Flasche Mineralwasser mit auf den Weg, und gerade als ich an der Küche vorbei kam, da hielt ich noch ein kleines Pläuschchen mit der guten Mathilde, die wie ein Wirbelwind, wie ein Riesenkrake mit vielen Armen, in der Küche für Ordnung sorgte. Ich bedankte mich bei ihr für das leckere Essen, doch sie wischte es leicht verlegen weg, sie wäre doch nur die Bedienung und nicht die Köchin. Vielleicht war das so, doch das Auge isst ja auch mit, und der Ton macht die Musik. Was hätten wohl alle für Augen gemacht, wenn man das angelieferte Essen der Großküche in den Thermotransportbehältern einfach nur in den Raum gestellt hätte und jeder sich dann von dort selbst bedienen musste. Immer freundlich, immer ein offenes Ohr, das waren nur einige Tugenden, warum Mathilde von den Bewohnern so geschätzt wurde. Das wollte sie gar nicht hören, wurde ganz nervös und noch verlegener als sie es ohnehin schon war.

„Nicht umsonst nennt man sie hier liebevoll die Küchenfee“, sagte ich ihr, und mit deutlich geröteten Wangen antwortete sie leise: „Ich weiß, aber ich mache es ja auch gern, denn so wie man es in den Wald hineinruft, so schallt es auch heraus, und das ist nicht nur ein altes Sprichwort, sondern ich spüre es sehr deutlich und sehe diese Arbeit auch gar nicht als Arbeit. In den vielen Jahren, die ich hier schon mit helfen durfte, sind mir das Haus und seine Bewohne, wie eine eigene Familie ans Herz gewachsen; eine Familie, die mir außerhalb der Altersheimmauern leider nie vergönnt war. Aber ich möchte nicht jammern, so hat jeder sein Päcklein zu tragen“, sagte sie und wühlte inmitten von schmutzigem Geschirr und Essensresten herum. Ich wollte nicht indiskret werden, wünschte ihr für später noch einen schönen Feierabend und hatte gar nicht daran gedacht, dass sie ja bereits schon ein paar Stunden später wieder das Abendessen mundgerecht vorbereitete. Sie hatte Recht, als Arbeit durfte man das wirklich nicht sehen, denn sie strahlte eine Ruhe und innere Genugtuung aus, man konnte nicht nur sehen, man konnte es auch deutlich spüren, dass dieses hier ihre Erfüllung, zumindest aber ein großer Inhalt ihres Lebens war. Später erfuhr ich von Herrn Günther, dass Mathilde einmal verlobt war und sie mit ihrem Partner Hochzeit, Familie und ganz viele Kinder geplant hatten, doch innerhalb von wenigen Sekunden wurde dieses Glück auf tragische Weise durch einen schweren Verkehrsunfall zerstört. Mathilde erlitt schwere Verletzungen und musste lange Zeit in Krankenhäusern und Reha-Zentren verbringen; ihr Verlobter hatte den Unfall leider nicht überlebt. Als die körperlichen Wunden verheilt waren, da igelte sie sich ein, wurde eine Einzelgängerin und hatte dann vor nunmehr 17 Jahren den Weg rein zufällig in das Haus gefunden, als sie mit der damaligen Gemeindeschwester nur für einen Nachmittag aushelfen wollte. Glücklicherweise folgten dann noch viele Nachmittage, und nun gehörte sie mit zu den Dienstältesten in und um das Altenheim. Nur Herr Günther, der das Haus seit neunzehn Jahren betreute und der Landarzt Dr. Berthold Möller (69), der seit sage und schreibe dreiundzwanzig Jahren zum Urgestein gehörte, waren länger im Amt als sie.

3.7__ Rudi Billerstedt (Gärtner), Bernd Pfeiffer (Hausmeister)

Mit den Unterlagen im Arm wanderte ich durch den hinteren Park und setzte mich in den achteckigen Pavillon, der vor dem kleinen Gartenteich stand. Von dort hatte man einen wunderschönen Blick ins Hinterland. Man sah Kühe, einige Schafe, die irgendwie genau zu dieser ganzen ruhigen Atmosphäre passten. Und vor allem gab es in der Hütte einen Tisch, an dem ich mich nun häuslich nieder ließ. Im ganzen Haus kehrte allgemeine Ruhe ein, nur Rudi, der Gärtner, hatte immer etwas zu tun. Mit noch einer Person versuchte er, ein großes Netzt über den Apfelbaum zu bekommen, doch irgendwie fehlte immer eine Hand. Meine Aufzeichnungen konnten durchaus noch ein paar Minuten warten, und es war ja wohl selbstredend, dass ich den beiden meine Hilfe anbot. Als ich um die Ecke des Pavillons kam, fragte ich, wen sie denn mit dem Netz einfangen wollten oder ob sie auf Schmetterlingsjagd waren. Genauso schlagfertig drehte sich der andere Mann neben Rudi um und erklärte mir mit halb verdrehtem Hals, dass sie hier im Land der fliegenden Fische seien und noch kurz zuvor ein paar große Exemplare gesichtet wurden, und da wollte man natürlich etwas für die Speisekammer tun. Der schlagfertige Typ hatte einen grauen Kittel an und eine Werkzeugkiste neben sich stehen und sah wie ein typischer Hausmeister aus. Schnell war ich in die Netzmontage mit eingebunden, und während der Mann im grauen Kittel und ich das Netz hielten, kletterte Rudi auf der Leiter nach oben und schob das Netz mit einer Holzlatte über die Krone des Baumes.

Der Rest war dann nur noch eine Kleinigkeit, die Rudi allein bewältigen konnte. Der Mann im grauen Kittel meldete sich bei Rudi ab und sagte ihm, dass er ihn im Heizungskeller finden würde, falls er seine Hilfe noch einmal benötigte, drehte sich um, warf auch mir noch einen zwinkernden Blick zu und zog mit seiner Werkzeugkiste ab. Während Rudi das Netz zusammenraffte und am unteren Stamm verknotete, sagte er mir, dass es so manche Arbeiten gäbe, besonders dort im Garten, wo eine zusätzliche Hand manchmal unerlässlich war, und da würde er sich dann abwechselnd mit Bernd aushelfen. – „Bernd, ist übrigens der Hausmeister“, sagte er, da lag ich ja mit meiner Einschätzung gar nicht so falsch. Bernd Pfeiffer (38) war der Herrscher über die Heizkessel und die Elektrik im Haus. Quietschte die Tür oder wollte eine Lampe nicht mehr brennen, da war Bernd Pfeiffer genauso richtig wie bei der Waschmaschine, die sich nicht mehr drehen wollte oder einfach nur bei den täglich anfallenden Reparaturen, die man gar nicht bemerkt, weil sie schnell von Geisterhand oder besser von „Pfeifferhand“. Er klebte Schuhsohlen oder schraubte an Lattenrosten herum, und auch die Wartung von Herrn Kleinhans’ Rollator gehörte zu seinen täglichen Aufgaben, wie natürlich viele andere kleinere und größere Dinge auch. Kurzum: Er war nicht weniger wichtig als alle die anderen Helfer und Engel, die dort im Haus ihre Berufung gefunden hatten.

Knapp 24 Stunden waren gerade einmal vergangen, dass ich dort mit meinem Motorrad gestrandet war, und ich fühlte mich, als wäre ich auch schon seit vielen Jahren genauso ein Mosaikstein in dem großen Altersheim-Puzzle. Das konnte nur ein gutes Zeichen sein, und meine anfängliche Angst davor, wie man mich aufnehmen und akzeptieren würde, schien sich förmlich in Luft aufgelöst zu haben. Auch ich beschloss, mich ein paar Minuten auf das Zimmer zurückzuziehen, vielleicht sogar auch, um ...

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